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Mittwoch, 16. August 2023

Die Slawen - Wo liegen ihre Ursprünge?

Spielte die Kugelamphoren-Kultur eine wichtigere Rolle bei ihrer Ethnogenese?
Oder lag ihre Urheimat in Masuren?
- Auch zwei neue archäogenetische Studien können diese uralte Forschungsfrage nicht abschließend klären

Wir sehen sowohl im Neolithikum wie in der Bronzezeit in Mittel- und Ostmitteleuropa die Menschen in großen Langhäusern lebten, in denen Familien-Clans über mehrere Generationen hinweg leben, und die ihre Toten ab dem Mittelneolithikum in Megalithgräbern bestatten.

An den Rändern dieser Siedlungsräume, an Meeresküsten und Seeufern, sowie auf Höhenlagen der Mittelgebirge - zum Beispiel in den Karpaten - sehen wir über Jahrtausende hinweg parallel zu den bäuerlichen Gesellschaften oft noch unvermischt einheimische Fischer-, Jäger und Sammler-Völker leben. Letztere leben wie heute noch die Chanten und Mansen östlich des Ural in Westsibirien.

Aber auch schon die Chanten und Mansen entstammen einer Vermischung von Steppengenetik mit nordsibirischer Naganasan-Genetik (Stgen2022a, b). Ihre Vorfahren haben einst auch tausend Kilometer weiter südlich von ihrer heutigen Heimat gelebt, südlich des Ural, noch südlich von Jekaterinburg. Ein Stamm, der aus dieser Vermischung hervorging, bildete noch während der Völkerwanderungszeit in den nachchristlichen Jahrhunderten den Grundstamm der Ethnogenese der Landnahme-Ungarn, sowie auch der Baschkiren und anderer Völker. Die Chanten und Mansen sind bis heute zwar im wesentlichen Fischer, Jäger und Sammler, bewahren aber auch die Erinnerung an ihre Vorfahren, die als ein Reitervolk gelebt hätten.

Abb. 1: Bronzezeitliche archäologische Kulturen im heutigen slawischen Bereich: A. Nachschnurkeramik-Kulturen: Mierzanowice-Kultur (blau=MC), Strzyżów-Kultur (orange=SC), Iwno-Kultur (grün=IC), B. Mittelbronzezeitliche Kulturen: Trzciniec-Kultur (rot=TC), Komarów-Kultur (lila=KC) (aus 1)

Ein ähnliches Changieren zwischen verschiedenen Lebensweisen als Fischer, Jäger und Sammler, sowie als Bauern und Hirten gruppiert um Langhäuser und Megalithgräber hat es in ganz Ostmitteleuropa und im Ostseeraum über viele Jahrtausende hinweg gegeben. Aus diesem Changieren sind in Ostmitteleuropa immer wieder große Kulturen und Reiche hervorgegangen so wie ja auch die Landnahme-Ungarn ein großes Reich begründet haben.

Aufgrund der Erkenntnis solcher Zusammenhänge kann gegenwärtig auch nicht ausgeschlossen werden, daß rund um die Stadt Allenstein in Ostpreußen in Masuren, auf dem einstigen Schlachtfeld der Schlacht von Tannenberg des Jahres 1914 das Urvolk der Slawen (Wiki) gelebt haben könnte (1, 2). Zumindest ist es eine denkbare Urheimat. Nach Zeitstellung und Örtlichkeit sind beim heutigen Kenntnisstand allerdings noch vielfältige andere Ursprungsorte und Zeiträume möglich. Das Urvolk der Slawen könnte entweder - wie die anderen indogermanischen Sprachfamilien Europas - im Spätneolithikum oder in der Bronzezeit oder sogar erst während der Völkerwanderungszeit entstanden sein.

Zwei neue archäogenetische Studien (1, 3) werfen neues Licht auf all diese Fragen.

Ab 3.000 v. Ztr. tritt die Kultur der Schnurkeramiker im heutigen polnischen Bereich, in Kujawien an der Weichsel und im Ostseeraum auf (s. Stgen2021). Die Schnurkeramiker leben erst als halbnomadische Stämme inmitten der vollseßhaften Kugelamphoren-Kultur, unternehmen womöglich sogar Kriegszüge mit dieser bis nach Nordjütland. Und sie vermischen sich in späteren Generationen mit der jeweils vor Ort einheimischen Bevölkerung, nämlich mit den Menschen der Kugelamphoren-Kultur im Weichselraum und mit den Menschen der Trichterbecher-Kultur im Ostseeraum. Dadurch bilden sich die indogermanischen Kulturen der Frühbronzezeit aus, insbesondere die Aunjetitzer Kultur und viele von dieser Kultur beeinflußte weitere Kulturen (siehe gleich).

In dieser Zeit könnte, so gegenwärtig noch eine Minderheiten-Meinung in der Wissenschaft, nicht nur die germanische und die keltische Sprache entstanden sein, sondern auch die slawische Sprache. Alle auf jeden Fall auf der Grundlage sehr ähnlicher Genetik, die dann auch genetische Kontinuität bis heute bewahrt hat. Wir lesen nun in einer neuen archäogenetischen Studie zu Angehörigen der bronzezeitlichen Kulturen in Westpreußen, Posen, Zentralpolen und der Ukraine, die sechshundert Jahre nach der Ausbreitung der Schnurkeramiker lebten und der Aunjetitzer Kultur nahestanden, die also schon jene Völkergruppen gebildet hatten, die bis heute fortbestehen (1):

Die Mehrheit der Individuen der Frühbronzezeit (2200-1850 v. Ztr.), die in dieser Studie ausgewertet worden sind, und die mit der Mierzanowice-Kultur (MC), der Iwno-Kultur (IC) und der Strzyżów-Kultur (SC) in Verbindung stehen, sind ihren direkten kulturellen Vorgängern (wie der Glockenbecher- und der Schnurkeramik-Kultur) genetisch ähnlich, wie aus der Hauptkomponentenanalyse (PCA) hervorgeht.
The majority of the EBA individuals in this study (2200–1850 BCE) associated with the MC, IC and SC are genetically similar to their direct cultural predecessors (such as the BBC and CWC), as indicated by the principal component analysis (PCA) plot (Fig. 1D).

Die hier genannte Iwno-Kultur (Wiki) gab es in der Frühbronzezeit in Westpreußen und in der Provinz Posen. Sie stellte - wie die beiden anderen genannten Kulturen - eine Untergruppe der Aunjetitzer Kultur (Wiki) dar. Sie ist in den 1930er Jahren von polnischen Archäologen als solche benannt und umschrieben worden. 

Benannt ist die Iwno-Kultur nach dem Adelsgut Iwno (deutsch Lindental) (Wiki, poln), das in Westpreußen liegt, und zwar sieben Kilometer nordwestlich der Stadt Exin (poln. Kcynia) (Wiki) und 20 Kilometer südwestlich der Stadt Nakel an der Netze. Man orientiere sich auf ---> GMaps , wo wir den Weg von der Stadt Nakel an der Netze über das Gut Iwno nach der Stadt Exin und von dort nach dem Dorf Lohdorf bei Hohensalza in der Provinz Posen eingetragen haben, von dem gleich die Rede sein wird. Seit dem Mittelalter ist das Gut Iwno im Besitz polnischer Adels- bzw. Magnatenfamilien gewesen. Sein Gutshaus ist erhalten und heute renoviert.

Alle diese Ortschaften liegen in den ehemals deutschen Provinzen Westpreußen und Posen, und zwar in jenen Teilen dieser Provinzen, in denen die Mehrheit der Bevölkerung - vor allem auf dem Land - immer schon Polen waren, in denen aber seit der mittelalterlichen deutschen Ostsiedlung auch deutsche Städte und Dörfer gegründet worden waren, die also bis 1945 auch die Heimat von Millionen von Deutschen war. Nach dem Zerfall der Herrschaft des Deutschen Ritterordens in Westpreußen standen diese Gebiete unter der Oberherrschaft des polnischen Königs, 1772 kamen sie an Preußen.*)

1. Die Genetik der Kugelamphoren-Kultur - Sie bestand 1000 Jahre lang weiter

Im kulturellen Kontext der hier beheimateten Iwno-Kultur im Netze-Weichsel-Gebiet lebte nun bei Hohensalza in Kujawien im vormaligen politischen und wirtschaftlichen Zentrum des Reiches der Kugelamphoren-Kultur - nahe dem nachmaligen Dorf Lohdorf (poln. Łojewo), acht Kilometer südlich von Hohensalza (39 km südwestlich von Thorn, 48 km südöstlich von Bromberg) (s. GMaps) - ein Mann, der noch die "reine" mittelneolithische Genetik der vormaligen Kugelamphoren-Kultur aufgewiesen hat. Dieser Umstand ist ein sehr auffälliger. Der Mann ist in der Studie benannt als "poz502". Es wird über ihn ausgeführt (1):

Solche offensichtlich neolithischen Individuen wurden schon immer einmal wieder in Populationen beobachtet, die nach der Ankunft der Steppenhirten entstanden, und man vermutet, daß es sich um Ausländer handelte, die aus isolierten Populationen, die bis zum Ende des 3. Jahrtausends v. Ztr. ihre mittelneolithische genetische Ausstattung behielten, in Gesellschaften der Bronzezeit eingegliedert wurden. Wenn diese Interpretation auf poz502 angewendet wird, das durch die Radiokarbon-Methode auf die Grenze zwischen Früh- und Mittelbronzezeit (2000-1750 v. Ztr.) datiert ist, könnte dies darauf hindeuten, daß solche isolierten Populationen viel länger existierten als bisher bekannt war. Diese Hypothese wird durch archäologische Daten gestützt, die zeigen, daß einige neolithische Kulturen, insbesondere die Kugelamphoren-Kultur, bis weit in die Bronzezeit hinein Bestand hatten.
Such seemingly Neolithic individuals have occasionally been observed in populations postdating the arrival of steppe pastoralists and have been hypothesised to be foreigners who were incorporated into Bronze Age societies from isolated populations that retained a Middle Neolithic genetic makeup up to the end of the 3rd millennium BCE. If this interpretation is applied to poz502, radiocarbon dated to the border between the EBA and MBA (2008-1750 BCE), it might indicate that such isolated populations lasted far longer than previously reported. This hypothesis is supported by the archaeological record, which shows that some Neolithic cultures, most notably the GAC, lasted well into the Bronze Age.

Das könnte heißen: Im Zentrum der einstigen Kugelamphoren-Kultur überdauerte diese Kultur nicht nur kulturell, sondern auch genetisch viele Jahrhunderte länger (fast tausend Jahre länger!) als anderwärts. War es vielleicht so, daß die Schnurkeramiker dem alten Herrschaftssitz und der Kultur jenes großen Reiches, das sie tausend Jahre zuvor erst als halbnomadische Auswärtige in weniger fruchtbaren Gebieten in Randbereichen besiedelt (s. Stgen2021), dann später auch in der Fläche übernommen hatten, eine gewisse ehrfürchtige Verehrung bewahrten und darum insbesondere die Bevölkerung des Kernraumes dieses Reiches für Jahrhunderte, sozusagen, "unangetastet" ließen? (Man könnte sich denken, damit auch die einheimischen, vormaligen Reichsgottheiten weiterhin angemessen verehrt würden.)

2. Die mittelbronzezeitliche Trzciniec-Kultur - Sie wies genetisch einen erhöhten Fischer-Jäger-Sammler-Anteil auf

In der Mittleren Bronzezeit folgte auf die Iwno-Kultur in Westpreußen, Posen und Zentralpolen, sowie in der Ukraine die "Trzciniec-Kultur" (2400/1700-1300/1200 v. Ztr.) (Wiki). Insbesondere der polnische Mittelalter-Historiker und Direktor der Universität Posen in den 1960er Jahren Gerard Labuda (1916-2010) (Wiki) (s. Yt), seiner Herkunft nach ein Kaschube aus dem Kreis Karthaus in Westpreußen, in dem er 1916 als deutscher Staatsbürger geboren worden war, und wo er 2010 auch begraben worden ist, vertrat die These, daß diese "Trzciniec-Kultur" das Urvolk der Slawen darstellen würde und auch in der Urheimat der Slawen gelebt hätte.

 Abb. 2: Die mittelbronzezeitliche Trzciniec-Kultur" (2400-1300 v. Ztr.) (Wiki) - Haben die Menschen dieser Kultur schon eine slawische Sprache gesprochen?

Diese Kultur ist benannt nach einem Dorf Trzciniec (Wiki) nahe Lublin (GMaps), gelegen in der Weichselgegend 160 Kilometer südlich von Warschau.

Ob die Genetik die These von Gerard Labuda bestätigen kann? Angehörige dieser Trzciniec-Kultur spielen jedenfalls die Hauptrolle in der neuen archäogenetischen Studie. Zu ihnen heißt es (1):

Im Vergleich zu frühbronzezeitlichen Populationen stehen die mittelbronzezeitlichen Individuen im PCA-Bereich genetisch verschiedenen europäischen Jäger-Sammler-Populationen näher. (...) Dies deutet auf ein zusätzliches Vermischungsereignis zu Beginn der Mittleren Bronzezeit hin, bei dem eine Population mit relativ hohen Anteilen dieser genetischen Komponente beteiligt war.
Compared to EBA populations, the MBA individuals were closer in the PCA space to various hunter-gatherer populations from Europe. (...) This suggests an additional admixture event at the beginning of the MBA involving a population with relatively high proportions of this genetic component. 

Zur Herkunft dieser neuen genetischen Komponente werden längere Ausführungen gemacht (1):

Bei der Verwendung von qpAdm zum Testen möglicher bidirektionaler Vermischungsmodelle, die zur Bildung der mittelbronzezeitlichen Populationen führten, wurden mehrere Modelle als plausibel eingestuft (s. Ergänzungsdaten 13), wobei der höchste p-Wert (p = 0,21) erhalten wurde bei einem Paar bestehend aus Iwno-Kultur und neolithisch-baltischen Jägern und Sammlern (Neolithic Baltic=NBL). Ähnlich hohe p-Werte wurden für andere Paare gefunden, darunter Iwno-Kultur und andere Jäger-Sammler-Populationen: Westeuropäische Jäger und Sammler (WHG), Jäger und Sammler von Gotland, Jäger und Sammler, die im Kontext der Brześć Kujawski-Kultur begraben wurden (BKGout) und Jäger-Sammler-Populationen, die dem baltischen Neolithikum (NBL) vorangingen (HGBL) (p = 0,207, 0,204, 0,164 bzw. 0,160).
When using qpAdm to test for possible two-way admixture models that resulted in the formation of MBA populations, several models were determined to be plausible (Supplementary Data 13) with the highest p value (p = 0.21) obtained for pair consisting of IC and Neolithic Baltic hunter-gatherers (NBL). Similarly high pvalues were found for other pairs including IC and other hunter-gatherer populations: Western Hunter Gatherers (WHG), PWC hunter-gatherers from Gotland, hunter-gatherer buried in BKG context (BKGout) and hunter-gatherer populations predating the NBL (HGBL) (p = 0.207, 0.204, 0.164, 0.160 respectively).

Im weiteren schreiben die Forscher (1):

Wir finden, daß eine Vermischung aus Schnurkeramikern, baltisch-neolithischen Jägern und Sammlern sowie Kugelamphoren-Kultur die genaueste Annäherung darstellen an jene Populationen, die an diesem Vermischungsprozeß beteiligt gewesen sein können.
We find CWCes, NBL and GAC to be the best proxies for populations involved in the admixture process.

Heißt das, daß jüngst neolithisierte Völker aus dem heutigen Raum Masurens, Ostpreußens und Litauens erobernd Richtung Süden gezogen sind, dort das brüchtig gewordene Reich der Iwno-Kultur unterworfen haben und sich mit der dortigen Bevölkerung vermischt haben? Entstand etwa hierdurch das Urvolk der Slawen in Form der mittelneolithischen "Trzciniec-Kultur"? In diesem Zusammenhang wird unter anderem verwiesen auf eine archäologische Studie von Dariusz Manasterski mit dem Titel "Exchanges between Syncretic Groups from the Mazury Lake District in Northeast Poland and Early Bronze Age Communities in Central Europe". Sie stammt aus dem Jahr 2010 (2). Ist in dieser Studie etwa die Urheimat der Slawen umschrieben? Lag sie in Masuren, im südlichen Ostpreußen? 

3. Eine - vermutlich indogermanisierte - Fischer-, Jäger- und Sammler-Kultur in Masuren

Manasterski spricht von der "Ząbie-Szestno"-Kultur. Diese ist benannt nach zwei bis 1945 deutschen Dörfern. Zum einen nach dem Dorf Sombien (poln. Ząbie) (Wiki) bei Hohenstein in Ostpreußen. Es liegt 17 Kilometer östlich des einstigen Tannenberg-Denkmals inmitten des Schlachtfeldes der Schlacht von Tannenberg im Jahr 1914 (Wiki). Diese Kultur ist außerdem benannt nach dem Dorf Seehesten (Wiki) bei Sensburg in Ostpreußen. Dieses Dorf wurde 1401 von dem Ordensritter Ulrich von Jungingen begründet, der 1407 bis 1410 Hochmeister des Deutschen Ritterordens war. In Seehesten gibt es noch heute die Ruine einer Burg des Deutschen Ritterordens. Seehesten liegt ebenfalls auf dem Schlachtfeld von 1914. Beide genannten Dörfer liegen 85 Kilometer voneinander entfernt, und zwar das erstere südlich, das letztere östlich von Allenstein (GMaps). 

Abb. 3: Die Sombien-Seehesten-Kultur (poln.: "Ząbie-Szestno"-Kultur) - Eine masurische, vermutlich indogermanisierte Jäger-Sammler-Kultur der Frühbronzezeit - Sie stand im Kulturaustausch mit indogermanischen Kulturen der Aunjetitzer Kultur (UC, IC, MC, SC) (aus: 2) UC - Unetice culture, IC - Iwno culture, MC - Mierzanowice culture, SC  - Strzyżów culture, TC - Trzciniec culture, PG - Płonia group, LG - Linin group, ZS - Ząbie-Szestno type

Zu Deutsch wäre diese masurische Jäger-Sammler-Kultur, die "synkretistisch" neolithische Kulturelemente übernommen hatte, also zu benennen als die "Sombien-Seehesten-Kultur" (poln. "Ząbie-Szestno"-Kultur). Die Schlußsätze der Studie von Dariusz Manasterski lauten (2):

Das derzeit bekannte Material läßt nur den Schluß zu, daß diese Gruppen einen ausgesprochen synkretistischen Charakter hatten und in ihren Inventaren Merkmale vereinten, die sowohl mit spätneolithischen als auch mit frühbronzezeitlichen Kulturen Mitteleuropas in Verbindung gebracht wurden (Manasterski 2009, S. 134, 148-149). Daher werden sie (Ansammlungen vom Typ Ząbie-Szestno) vorerst mit dem Namen der archäologischen Stätten an jenen Orten bezeichnet, wo bislang die charakteristischsten Beweise für sie gefunden wurden: Sombien (Fundort X) und Seehesten (Fundort II).
The material known at present allows us only to conclude that these groups were markedly syncretic in character, combining in their inventories attributes associated with Late Neolithic as well as with Early Bronze cultures of Central Europe (Manasterski 2009, pp.134, 148-149). Consequently, for the time being they (assemblages of Ząbie-Szestno type) are referred to using the name of archaeological sites at the locations which yielded the most characteristic evidence: Ząbie site X and Szestno site II.

Diese Kultur in Masuren hatte auch Kulturaustausch mit dem westlichen Pommern, wo nahe des Dorfes Buchholz bei Stettin (Wiki), bzw. am Fluß Plöne (poln. Płonia) (Wiki) Dolche eines bestimmten Typs, nämlich des Plöne-Typs (poln. Płonia-Typs) gefunden wurden (s. Abb. 3). Solche Dolche spielten insbesondere im Zusammenhang mit der Glockenbecher-Kultur eine Rolle.

Nach der Studie können aber nicht nur Populationen in Masuren in Betracht gezogen werden, sondern aus einem viel weiteren Gebiet entlang der Zone des "Waldneolithikums" im nördlichen Osteuropa. Denn die Vermischungen sind auch in der Ukraine zu beobachten, und zwar dort sogar noch früher (1):

Die wahrscheinlichste Hypothese ist, daß diese gemischten mittelbronzezeitlichen Populationen an der Grenze der subneolithischen Waldzone entstanden sind in Verbindung mit Populationen mit dominierender genetischer Abstammung von westeuropäischen Jägern und Sammlern, sowie mit Nach-Schnurkeramik-Gruppen, die durch einen großen Anteil Steppenabstammung gekennzeichnet sind. (Original: The most likely hypothesis is that these admixed MBA populations originated in the confluence of the sub-Neolithic forest zone, associated with populations with dominant WHG ancestry14,15 as well as post-CWC groups characterised by a large proportion of steppe ancestry.)

Das kann eben gut mit den Chanten und Mansen aus der Gegend südlich des Ural parallel gesetzt werden, weil auch diese hervor gegangen sind durch eine Vermischung von Indogermanen mit einheimischen Fischern. Weiter heißt es (1):

„Die subneolithische Waldzone“ ist ein weit gefaßter Begriff, der verschiedene archäologische Kulturen aus Nordosteuropa umfaßt, die durch die lang anhaltende Bewahrung eines vorwiegend von Jägern und Sammlern geprägten Lebensstils und die Einbeziehung kultureller Elemente neolithischen und bronzezeitlichen Ursprungs gekennzeichnet sind. Diese Populationen unterscheiden sich genetisch weiterhin von den neolithischen und postneolithischen Populationen, obwohl sie ein gewisses Maß an langanhaltendem kulturellem und wirtschaftlichem Austausch aufrechterhielten. Es ist möglich, daß dies zu einem gewissen Grad an Genfluß zwischen diesen Populationen führte, ähnlich dem Fall der Grübchenkamkeramischen Kultur (Pitted Ware Culture = PWC) auf Gotland, die abgelöst wurde durch anschließende Kontakte mit frühbronzezeitlichen Nachkommen von Steppenhirten. Darüber hinaus wiesen die Trzciniec-Kultur (TCC) einerseits und die subneolithische Waldzone andererseits ähnliche kulturelle Merkmale auf, hauptsächlich in Form von Töpferwaren und Technologien. Diese Ähnlichkeiten wurden oft als Zeichen eines vor allem kulturellen Austauschs interpretiert. Unsere Ergebnisse, die eine Zunahme der WHG-Abstammung während der mittleren Bronzezeit zeigen, deuten darauf hin, daß es während dieser Interaktionen zumindest zu einem gewissen Grad zu genetischen Vermischungen kam.
The sub-Neolithic forest zone” is a broad term that includes various archaeological cultures from north-eastern Europe, characterised by long-lasting preservation of a predominantly hunter-gatherer lifestyle, and the incorporation of cultural elements of Neolithic and Bronze Age origin38. These populations remained genetically distinct from the Neolithic and post-Neolithic populations, although they maintained some level of long lasting cultural and economic exchange14 It is possible that this lead to some degree of gene flow between those populations, similar to the one observed in the case of PWC in Gotland6,16 followed by subsequent contacts with EBA descendants of steppe pastoralists. Moreover, the TCC and sub-Neolithic forest zone exhibited similar cultural traits, mostly in the form of pottery and technologies12,13,39,40,41. These similarities have often been interpreted as signs of primarily cultural exchange. Our results, showing an increase in WHG ancestry during the MBA, indicate that at least some level of admixture occurred during these interactions.

Wir sahen ja schon in früheren Beiträgen, daß es mancherlei Hinweise darauf geben könnte, daß sich die Indogermanen (Schnurkeramiker, Glockenbecher-Leute) mit eher unterdrückten Völkern am Rande der Großreiche verbündeten und deren Herrschaft dann gemeinsam abwarfen (so zum Beispiel auch auf Sardinien). Vielleicht gibt es ein ähnliches Muster auch hier in Ostmitteleuropa.

Nun, dabei muß nicht zwangsläufig eine sehr grundlegend neue Sprache entstanden sein, zumal im Norden sich ja schon die baltischen Sprachen anschließen. Das Slawische könnte sich ja grundsätzlich auch schon während der Überschichtung der Kugelamphoren-Kultur durch die Schnurkeramiker ausgebildet haben.

Die erwähnte Grübchenkammkeramische Kultur (Wiki) hat im westlichen Ostseeraum parallel zur Trichterbecherkultur, um 3.000 v. Ztr. parallel zur Kugelamphoren-Kultur und zur (indogermanischen) Streitaxt-Kultur bestanden und hat insbesondere auf Gotland in mesolithischer genetischer Kontinuität die Kultur der indogermanischen Streitaxt-Leute angenommen. Ein ähnlicher Prozeß ist in den baltischen Ländern zu beobachten. Diese letzten Jäger-Sammler-Kulturen im Ostseeraum werden auch unter dem Begriff "Waldneolithikum" behandelt. Dazu wird auch die Narva-Kultur (Wiki, engl) gezählt.

Wichtig ist aber weiterhin, daß in der Studie angeführt wird, daß sich frühe Individuen mit mittelbronzezeitlicher Genetik auch im südöstlichen Polen finden (poz794 und poz758), gefunden im kulturellen Kontext der Strzyżów-Kultur. Somit käme auch diese Region als Region der Ethnogenese der mittelbronzezeitlichen Trzciniec-Kultur infrage. Allerdings weist die Strzyżów-Kultur aus archäologischer Sicht neben den vormaligen Schnurkeramik-Elemente auch kulturelle Elemente der östlicheren indogermanischen Katakombengrab-Kultur auf, die wiederum eine Nachfolge-Kultur der sehr bedeutenden Jamnaja-Kultur in der Ukraine darstellt. Da die Menschen der Strzyżów-Kultur aber keinen erhöhten Steppengenetik-Anteil aufweisen müßten, wenn diese Katakombengrab-Kultur auch genetisch Einfluß auf sie genommen hätten - was nicht der Fall ist - und sie stattdessen einen erhöhten Anteil westeuropäischer Jäger-Sammler-Genetik aufweisen, scheint auch diese Kultur genetisch vom mesolithischen Norden, bzw. vom Waldneolithikum her beeinflußt zu sein. In der Studie heißt es (1):

Der Prozeß der Vermischung, der um 1800 v. Ztr. begann, scheint ein eher kontinuierlicher Vorgang gewesen zu sein als das Ergebnis eines einzelnen Migrationsereignisses. Das wird durch die Anwesenheit von Individuen mit sehr hohem oder sehr geringem Anteil an Jäger-Sammler-Vorfahren während der gesamten Zeitspanne belegt innerhalb der Auswahl der hier analysierten MBA-Proben.
The process of admixture, which began around 1800 BCE, appears to have been a continuous rather than a result of a single migratory event, as evidenced by the presence of individuals with very high or very low proportions of hunter-gatherer ancestry throughout the whole temporal range of MBA samples analysed here.

Ein solcher allmählicher Vermischungsprozeß dürfte mit eher geringerer Wahrscheinlichkeit die Entstehung einer völlig neuen Sprache, bzw. gar Ursprache einer Sprachfamilie zur Folge gehabt haben. Insofern könnte es sich bei diesen Völkern schon im slawische Völker gehandelt haben, die sich allmählich mit Menschen aus dem Waldneolithikum vermischten, ohne daß das zumindest außergewöhnliche Auswirkungen auf ihre Sprache und Kultur gehabt haben muß.

Auch sonst ist ja in Mitteleuropa während der mittleren Bronzezeit ein allmählicher anteilmäßiger neuerlicher Anstieg der vormaligen mittelneolithischen Genetik zu sehen. Vielleicht ordnen sich die hier beobachteten Vorgänge in der Trzciniec-Kultur auch in solche Zusammenhänge ein.

Der Vermischungsprozeß soll vor allem von Männern mit hohen Anteilen von Jäger-Sammler-Genetik getragen gewesen sein, denn die Häufigkeitsverteilung der Y-chromosomalen Haplotypen änderte sich durch diesen deutlich.

/ Einfügung 2025: Die Ergebnisse der im folgenden referierten Studie werden 2025 durch eine neue Studie von der Forschungsgruppe rund um Johannes Krause infrage gestellt (Stg2025). / 

4. Eine weitere Studie stellt genetische Kontinuität in der Provinz Posen von der vorgotischen Bevölkerung bis ins Mittelalter fest

Die traditionelle Slawenhypothese, nach der sich die Slawen nach der Völkerwanderungszeit aus dem Pripjet-Sümpfen heraus in alle Richtungen ausgebreitet hätten, scheint durch eine weitere archäogenetische Studie (3) zunächst widerlegt.

In dieser ist genetisches Material, gewonnen aus vielen eisenzeitlichen Skeletten der Wiebark-Kultur von Fundorten in der ehemaligen deutschen Provinz Posen und darüber hinaus, also vermutlich Skelette der dort lebenden frühen Goten gewonnen und sequenziert worden. Diese hatten sich mit dortiger, bisher einheimischer osteuropäischer Bevölkerung - in Teilen - vermischt.

Die Studie vergleicht die sequenzierten Goten des Posener Raumes dann mit der mittelalterlichen Bevölkerung desselben Raumes. Die mittelalterliche Bevölkerung gleicht genetisch noch der heutigen Bevölkerung desselben Raumes. Das Ergebnis insgesamt lautet (3):

"Die meisten der für die eisenzeitlichen und mittelalterlichen Gruppen gesammelten Daten stimmen mit der Hypothese überein, die eine genetische Kontinuität von der Eisenzeit bis zum frühen Mittelalter in Ostmitteleuropa annimmt, und legen nahe, daß eine Ausbreitung aus dem Osten im 6. Jhdt. n. Ztr. nicht notwendig ist, um den Genpool der mittelalterlichen Gruppe zu erklären. Allerdings kann man aufgrund dieser Daten weder während der Völkerwanderungszeit noch später weitere Ausbreitungsbewegungen von Osteuropa her gänzlich ausschließen."

Interessanterweise gleicht die Zusammensetzung der mitochondrialen Haplogruppen der Frauen der sequenzierten Goten noch ziemlich gut denen der mittelalterlichen Polen, während sich die Häufigkeitsverteilung der Y-chromosompalen Haplogruppen der Männer nach der Abwanderung der Goten noch sehr deutlich verändert hat.

Damit könnte die Frage nach der Entstehung der Slawen einer Lösung näher kommen. Es würde das - soweit uns das zugänglich ist - heißen, daß die slawischen Sprachen in dieser Region schon in der Bronzezeit, also in der Zeit der Aunjetitzer und der Lausitzer Kultur gesprochen worden sein können und sich dort parallel zu den  keltischen und germanischen Sprachen im Westen entwickelt haben. Wenn sie aber in der Mittelbronzezeit dort schon gesprochen worden sind, können sie dort auch schon in der Frühbronzezeit, bzw. im Spätneolithikum - nach der Etablierung der Schnurkeramiker in diesem Raum - gesprochen worden sein.

Dem steht zumindest prinzipiell nichts entgegen, auch wenn es ungewöhnlich wäre, daß sich eine ganze Völkerfamilie, die parallel zur germanischen, keltischen, baltischen und finno-ugrischen gelebt hat, sich geschichtlich-archäologisch so viel weniger ausgeprägt geltend gemacht haben sollte als alle anderen, daß sie also immer wieder erneut von Völkern anderer Sprache überschichtet worden sein sollten, die kulturell und sprachlich wenig Einfluß auf die einheimische Bevölkerung genommen hätten.

All das könnte heißen: Die Sprache der Slawen, das Urslawische, entstand, als die Kugelamphoren-Kultur um 3.000 v. Ztr. von Schnurkeramik- und Glockenbecher-Leuten überlagert und indogermanisiert worden ist. Diese These halten wir schon seit vielen Jahren für plausbibel - und es scheinen sich die Daten zu mehren, die in Übereinstimmung stehen mit dieser These, insbesondere die in diesem Beitrag referierten Daten aus der Archäogenetik (1, 3).

Über die "Trzciniec-Kultur" (2400-1300 v. Ztr.) (Wiki) gibt es derzeit noch gar keinen deutschsprachigen Wikipedia-Artikel. Auf dem polnischsprachigen lesen wir (Wiki):

Einige Autoren betrachten das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Trzciniec-Kultur als Wiege der Protoslawen.

Seit 1913 wird von polnischen und tschechischen Archäologen die Theorie der autochthonen Herkunft der Slawen vertreten (Wiki):

Protoslawen sollen bereits in der Bronzezeit das Gebiet des heutigen Polen bewohnt haben (als Autochthone oder als Zustrom). Kostrzewskis autochthone Theorie von 1913 war eine Antwort auf die einige Jahre zuvor entwickelte allochthone Theorie, eine Ansicht, die die Siedlungen der frühen Slawen weiter östlich, im Dnjepr-Becken, ansiedelte (der Autor der ersten Veröffentlichung zu diesem Thema im Jahr 1902 war der tschechische Archäologe Lubor Niederle). (...) Es gibt auch Konzepte, die die Trzciniec-Kultur mit der Wiege der Protoslawen (vier westliche Gruppen dieser Kultur in Polen) verbinden.

(siehe ebenso: Wiki.) Als ein Vertreter dieser Theorie wird dann angeführt der schon erwähnte Gerard Labuda. Seine Veröffentlichungen zu diesem Thema scheinen aber nur auf polnischer Sprache vorzuliegen. Wir lesen zu ihnen (Vanaland):

Trzciniec Kultur-Hypothese: Nach dieser Theorie des polnischen Historikers Gerard Labuda ist die Ethnogenese der Balto-Slawen in der Trzciniec Kultur (ca. 1700-1200 v. Chr.) zu sehen, die die Kulturgruppen von Trzciniec, Sosnica, Komarov zusammenfaßt. Hierbei handelt es sich um Schnurkeramiker, die sich unter Einfluß der Aunjetitzer Kultur zur Trzciniec Kultur weiter entwickelten.

2016 wurde aufgrund genetischer Untersuchungen ausgeführt (Wiki):

Die Ergebnisse ließen die Annahme zu, daß die Vorfahren der modernen slawischen Bevölkerung Vertreter neolithischer Kulturen oder zumindest der bronzezeitlichen Bevölkerung Mitteleuropas sein könnten.

Von den Anteilen ihrer genetischen Herkunftsgruppen her unterscheiden sich die heutigen Mitteleuropäer, ob sie nun eine germanische oder slawische Sprache sprechen, kaum. Wenn also die Entstehung des Urgermanischen auf die Zeit der Ankunft der Schnurkeramiker und Glockenbecher-Leute im Nord- und Ostseeraum datiert wird (um 3.000 und 2.200 v. Ztr.) (Stgen2022), könnte es doch eigentlich naheliegend sein, die Entstehung des Urslawischen auf diesselbe Zeit zu datieren. 

Über den polnischen Archäologen Jan Kowalczyk, der 1964 über die Kugelamphorenkultur schrieb, wird berichtet:

Ein Text von monographischem und populärwissenschaftlichem Charakter "Das Volk der Kugelamphoren-Kultur", wurde von Jan Kowalczyk in zwei nachfolgenden Büchern von (dem Verlag) "Z Abyss of Ages" veröffentlicht (Kowalczyk 1964a; 1964b). Er wurde in Form einer erzählten Geschichte verfaßt. Er bezieht sich nur auf die Kugelamphoren-Kultur, deren Gemeinschaft der Autor zu den Vorfahren der heutigen Polen zählt. (...) Der Autor betont die zerstörende und dunkle Rolle der Kugelamphoren-Gemeinschaften in der Vorgeschichte. Er bringt das Verschwinden der Trichterbecher-Kultur mit Angriffen der Kugelamphoren-Kultur in Verbindung, wie der Brand der Siedlung in Gródek beweise. Die Zeit der Vorherrschaft der Trichterbecher-Gemeinschaften bezeichnet er als „goldenes Zeitalter der Steinzeit“ und die Kugelamphoren-Gemeinschaften als „Wikinger des Neolithikums“.
A text of monographic and popular-scientific character, Lud kultury amfor kulistych [The People of the Globular Amphora culture] was published by J. Kowalczyk in two subsequent cahiers of Z otchłani wieków (Kowalczyk 1964a; 1964b). It has been written in the form of a spoken story. It refers only to the GAC, whose community the author includes among the ancestors of contemporary Poles. (...) The Author emphasizes the destructive and grim role of the GAC communities in prehistory. He connects the disappearance of the FBC with attacks from the GAC, as evidenced by the burning of the settlement in Gródek. The period of dominance of the TRB communities is referred by him to as the “golden age of the Stone Age”, and the GAC communities – as “Vikings of the Neolithic”.

Merkwürdigerweise ist von Seiten der Forschung in Bezug auf das Urslawische selten angenommen worden, daß es sich bis ins Mittel-, bzw. Spätneolithikum zurück verfolgen lassen könnte. Oft werden die slawischen Sprachen als viel jünger erachtet als die germanischen Sprachen.

Ein Grund für diese Sichtweise war sicherlich, daß man in der Bronze- und Eisenzeit sieht, wie sich keltische und germanische Stämme innerhalb Europas von Norden nach Süden und auch nach Osten ausbreiten, wobei man aber wenig Anhaltspunkte findet für eine ähnliche Ausbreitung slawischer Stämme. Von ihrer Kultur her scheinen die slawischen Stämme in dieser Zeit viel weniger auf Wanderungs- und Eroberungsbewegungen hin ausgerichtet gewesen zu sein wie viele andere indogermanische Völker. Erst die genetisch und kulturell durch die Wikinger angeregten "Russen" haben sich dann in der Neuzeit kolonisierend Richtung Osten und Süden ausgebreitet und dabei viele finno-ugrische und kaukasische Völker unterworfen.

Die Kulturgrenze, die noch heute Westeuropa von Osteuropa trennt, die die germanischen Völker von den slawischen Völkern trennt, könnte sich also womöglich doch schon im Spätneolithikum heraus gebildet haben. Bis in diese Zeit zurück läßt sich ja auch - soweit bislang übersehbar - die Ausbildung der Artgrenze zwischen der west- und der osteuropäischen Hausmaus verfolgen (Stgen2021, bzw. Stgen2008).

Von der spätbronzezeitlichen Lausitzer Kultur, die sich von Schlesien aus Richtung Norden und Osten ausgebreitet hat, wird angenommen, daß sie von der mitteldeutschen Bronzezeitlichen Hügelgräberkultur und ihrer Nachfolge-Kultur, der Urnenfelderkultur beeinflußt gewesen ist, die ihr im Westen benachbart war. Dies waren die nachmaligen Kelten. Ebenso gibt es aber Hinweise darauf, daß die Lausitzer Kultur auch schon von Germanen aus dem Norden beeinflußt und/oder getragen gewesen sein könnte. Vielleicht bildeten ja Kelten und/oder Germanen eine Art Oberschicht innerhalb der Lausitzer Kultur, während die Grundbevölkerung aus slawischsprachigen Stämmen bestanden hat.

Die ostgermanischen Königsherrschaften wären dann dadurch entstanden, daß diese - von Skandinavien kommend - die slawischen Völker vor Ort unterwarfen und ggfs. die einheimische Bevölkerung "versklavten". Daher dann der von Tacitus berichtete große Sklavenbesitz, der die Grundlage der ostgermanischen Königsherrschaften bildete. Der Handel mit Sklaven aus dem osteuropäischen Raum bildete ja noch im Frühmittelalter die Grundlage für den Reichtum der Sklavenhändler unter den Arabern, den Franken und den Wikingern. Die reichen Goldschätze auf der Insel Gotland - darunter viele arabische Münzen - werden auf die Einnahmen aus diesem Sklavenhandel zurück geführt. 

Grubenhäuser

Die Archäologie unterscheidet das keltische, das germanische und das slawische Grubenhaus (Kupka 2011). Das das slawische Grubenhaus ein Indikator sein könnte für die Verbreitung des Slawen auch schon zur Zeit der germanischen Stämme in Osteuropa (4), könnte eine Beschäftigung mit diesem Phänomen weitere Erkenntnisse mit sich bringen (Kupka 2011):

Bei der Beschäftigung mit den römischen Grubenhäusern entlang des norischen und oberpannonischen Donaulimes  zeigte sich,  daß es  sich  bei  diesem  Bautyp  nicht  nur um ein vereinzelnd auftretendes Phänomen in römischen Siedlungen handelt. Vielmehr bezeugt die große Anzahl, daß Grubenhäuser ein fixer Bestandteil im Siedlungsbild entlang des untersuchten Limesabschnitts waren. Dabei muß jedoch betont werden, daß diese Hütten nur in nichtstädtischen Siedlungen zu finden sind, also militärischen und zivilen Vici. Das Fehlen in Städten wurzelt in der Tatsache, daß dieser Bautyp nicht dem typisch römischen Bauwesen entspricht und seine Tradition auch nicht in der römischen Kultur zu suchen ist. (...) (Es) stellte sich heraus, daß Giebelpfostenhäuser als typisch keltische und Sechs- bzw. Mehrpfostenhäuser als typisch germanische Grubenhäuser angesprochen werden könnten.

Und (Kupka 2011, S. 75):

In der Latènezeit war das Grubenhaus in den Siedlungen des Donauraums ein häufig erscheinender Bautyp. Er gilt vor allem für Niederungssiedlungen als typische Bauform. So werden die  Grubenhütten  der römischen Kaiserzeit in Pannonien häufig als Fortbestand „früheisenzeitlicher Traditionen“ betrachtet.

Und (Kupka2011, S. 81):

Vor allem im östlichen Raum bauten die Slawen aufgrund der klimatischen Verhältnisse viele Grubenhäuser. Ihre Verbreitung erstreckte sich etwa vom Dnepr bis zur Elbe, vor allem in höher gelegenen Lagen. Die Häuser waren im Osten meist mehr als einen Meter eingetieft, während nach Westen hin die Tiefe auffällig abnimmt. Dies steht wohl mit einer Anpassung an das westliche Klima in Zusammenhang.

Somit könnten Grubenhäuser - auch im keltischen oder germanischen Siedlungsbereich - die Wohnform von Unterschichten darstellen, ggfs. von andersethnischen Unterschichten, die von keltischen oder germanischen Stämmen überlagert oder ggfs. als Sklaven gehandelt wurden (Wiki):

In den slawischen Regionen Osteuropas waren Grubenhäuser größer und besaßen oft eine Feuerstelle. In den meisten Siedlungen gibt es keine Hinweise auf Gebäude, die zu ebener Erde errichtet wurden.
In the Slavonic regions of Eastern Europe, Grubenhäuser are larger and often have a fireplace. In most settlements there have been no features of buildings at ground level. 

Mit der Ankunft ostgermanischer Völker wie der Wandalen und Goten treten Grubenhäuser aber parallel zu den germanischen Langhäusern auf (Wiki):

In keltischen und germanischen Siedlungen waren Grubenhäuser überwiegend Nebengebäude ohne Feuerstelle. In vielen wurden Spuren handwerklicher Tätigkeit gefunden, nicht selten Webgewichte und Spinnwirtel, gelegentlich sogar Standspuren eines Webstuhls. Es wird daher eine Nutzung als Werkstätten, besonders als Webhäuser angenommen. In dem Zusammenhang wird auf Tacitus’ Germania verwiesen, nach der die Germanen ihr Leinen „unter der Erde“ fertigten. Durch die höhere Luftfeuchtigkeit der in den Boden eingetieften Räume sind Flachsfasern geschmeidiger und damit leichter zu verarbeiten. (...)
In vor- und frühgeschichtlichen slawischen Siedlungen hatten dagegen großenteils die Wohngebäude einen eingetieften Boden. Die in den Karpaten und den osteuropäischen Waldsteppen vorkommenden Grubenhäuser werden als burdei oder bordei (Rumänisch: bordei, Ukrainisch: бурдей) bezeichnet. 

Die Ursprünge dieses Grubenhauses könnten in die Bandkeramik und in das Mittelneolithikum zurück reichen (Wiki):

Besonders in der Bischeimer Kultur sind rechteckige Grubenhäuser typisch (z. B. Schernau, Rhön). Auch aus der Trichterbecherkultur, besonders der Bernburger Kultur sind sie bekannt. Ein sehr flaches rechteckiges Grubenhaus der Bernburger Kultur wurde in Windehausen, Kr. Nordhausen ausgegraben.

Diesen Zusammenhängen könnte noch weiter nachgegangen werden.

Kossinna

Deutsche Archäologen in der Tradition des christentumskritischen Gustaf Kossinna, also seine Schüler und sein Umfeld, haben seit mehr als hundert Jahren versucht, die deutschen Ostgebiete östlich der Oder, der Neiße und des Bayrischen Waldes als "uralten germanischen Siedlungsboden" darzustellen. Aus dieser Sicht hat die Ethnogenese der Slawen und ihre Ausbreitung - angeblich - aus den Pripjetsümpfen heraus erst im Frühmittelalter stattgefunden und auch erst nach Abwanderung der ostgermanischen Stämme der Wandalen, Goten und Markomannen aus diesen Gebieten, wobei Reste dieser germanischen Stämme auch weiterhin dort gelebt hätten. Einer der letzten, eng entlang des aktuellen Standes der Wissenschaft argumentierenden Vertreter dieser Sichtweise war Helmut Schröcke (Schröcke1996).

Eine Ausbreitung aus den Pripjet-Sümpfen heraus war die am weitest verbreitete Ansicht zur Ethnogenese der Slawen bis heute. Diese Ansicht wurde auch ganz unabhängig von der eingangs genannten deutsch-völkischen Sichtweise vertreten.

Die deutsch-völkische Sichtweise hatte zudem die Ethnogenese der Indogermanen in den südlichen Ostseeraum verlegt und bis in die Zeit der Bandkeramik zurück datiert, womit für die Slawen in diesem Raum nur noch wenig "Platz" geblieben wäre, weder zeitlich noch räumlich. Diese These hat sich aber weder räumlich und zeitlich seither durch die Forschung bestätigt und ist schließlich durch die Archäogenetik vollständig widerlegt worden.

Die mit der deutsch-völkischen Sichteweise verbundene damalige "Rasseforschung" hatte außerdem auch eine sogenannte "ostische" Rassekomponente bei den Slawen angenommen. Von dieser hat sich in der modernen Archäogenetik keinerlei Spur finden lassen. Genetisch sind die Slawen in Ostmitteleuropa - was die Zusammensetzung ihrer Herkunftsgruppen betrifft - von uns Deutschen kaum zu unterscheiden.

Die Frage ist dennoch bis heute offen geblieben, wo und wann eigentlich die slawische Sprach- und Völkerfamilie geschichtlich entstanden ist.

War die Substrat-Sprache aller slawischen Sprachen jene Sprache, die vom Volk der Kugelamphoren-Kultur gesprochen worden ist? So wie die Substrat-Sprache der germanischen Sprachen jene Sprache gewesen sein ist, die vom Volk der zeitgleichen Trichterbecher-Kultur gesprochen worden ist? Beide mittelneolithische Kulturen haben ein umfangreiches "genetic replacement" erlebt während der Zuwanderung der Indogermanen.

In diesem Beitrag können zu all diesen Themen nur Fragen gestellt werden. Man darf gespannt sein, in welcher Weise sich in näherer Zukunft die offenen Fragen klären werden.

Ergänzung 21.3.24: In einer neuen Studie aus März 2024 wird zu den Goten ausgeführt (8):

Die späteren Personen, die mit den ursprünglich ostgermanischsprachigen Gruppen, den ukrainischen Ostgoten und den Westgoten von Iberia, in Verbindung gebracht wurden, scheinen meistens Einheimische zu sein (...). Zwei Ausnahmen bilden Goten aus Iberien, deren genetische Herkunft auf die nordöstlich-südöstliche Ostseeküste hindeutet (von denen einer eine nordeuropäische Y-Haplogruppe trägt), was auf einen Ursprung in Nordosteuropa, aber nicht speziell in Ostskandinavien schließen läßt. Diese Abstammung umfaßt Populationen, die mit der Ausbreitung der slawischen Bevölkerung in Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik in Zusammenhang stehen und mit der aus Nordosteuropa stammenden baltischen Vorfahren aus der Bronzezeit in Zusammenhang stehen. Mit den aktuell zur Verfügung stehenden Daten ist eine genauere Bestimmung des Ausgangsortes der slawischen Völkerwanderungen noch nicht möglich.
Most later individuals associated with the originally East Germanic-speaking groups, the Ukrainian Ostrogoths and the Visigoths of Iberia, appear to be locals (Supplementary Note 6.9.6). Two exceptions are from Goths from Iberia, who genetically fall on the Northeast-Southeast Baltic cline (one of which carries a Northern European Y haplogroups), suggesting an origin in North East Europe, but not Eastern Scandinavia specifically. This cline includes populations related to the spread of Slavic populations in Poland, Hungary and the Czech Republic and are to be related to the Baltic Bronze Age ancestry originating in North East Europe. With the current sampling, determining a more precise homeland of the Slavic migrations is not yet possible.

Immerhin interessant, daß sich schon unter den Goten Menschen finden, die die spätere, typisch slawische genetische Herkunft aufweisen. Somit könnte auch die Zurückführung des Slawen auf die Goten einen wahren Kern enthalten. (Ergänzung Ende)

________

*) Laut polnischem Wikipedia befand sich das Gut Iwno/Lindental durchgängig im Besitz polnischer Adelsfamilien (Wiki, poln). ("Im 14. Jahrhundert gehörte das Dorf der Familie Grzymalit, im 15. Jahrhundert der Familie Tomicki und dann der Familie Iwiński. Im 17. Jahrhundert gehörte es den Familien Cielecki und Poniński, im 18. Jahrhundert der Familie Krzycki und vom 19. Jahrhundert bis 1939 der Familie Mielżyński.") Exin gehörte zum Kreis Schubin (Wiki). Dieser kam 1772 als Teil der Provinz Westpreußens an Preußen. Ab 1815 kam dieser Kreis zum Regierungsbezirk Bromberg und damit zur Provinz Posen. Von den 44.360 Einwohnern des Kreises Schubin waren im Jahr 1890 etwa 54 % Polen, 43 % Deutsche und 3 % Juden. Das Gutshaus in Iwno (Lindental) ist erhalten und restauriert worden. (Literatur: Fritz Brosowski: Festschrift zum 700 jährigen Bestehen der Stadt Exin, Kreis Altburgund-Schubin, Provinz Posen, und ihrer Umgebung, 1262-1962. Der Heimatkreis, 1962 [GB] )

___________

  1. Chyleński, M., Makarowicz, P., Juras, A. et al. Patrilocality and hunter-gatherer-related ancestry of populations in East-Central Europe during the Middle Bronze Age. Nat Commun 14, 4395 (2023). https://doi.org/10.1038/s41467-023-40072-9, 1.8.2023, https://www.nature.com/articles/s41467-023-40072-9
  2. Manasterski, Dariusz: Exchanges between Syncretic Groups from the Mazury Lake District in Northeast Poland and Early Bronze Age Communities in Central Europe. Archaeol. Balt. 13, 126–139 (2010) (Acad)
  3. Stolarek, I., Zenczak, M., Handschuh, L. et al. Genetic history of East-Central Europe in the first millennium CE. Genome Biol 24, 173 (2023). https://doi.org/10.1186/s13059-023-03013-9, 24. Juli 2022, https://link.springer.com/article/10.1186/s13059-023-03013-9
  4. Wstęp. W: Gerard Labuda: Słowiańszczyna starożytna i wczesnośredniowieczna. Poznań: wydawnictwo Poznańskiego Towarzystwa Przyjaciół Nauk, 2003, s. 16 (Deutsch: Einleitung. In: Gerard Labuda: Antike und frühmittelalterliche Slawen. Verlag der Posener Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften, Posen 2003, S. 16
  5. Schröcke, Helmut: Germanen - Slawen. Vor- und frühgeschichte des ostgermanischen Raumes. Nordfriesische Verlagsanstalt, Viöl 1996
  6. Kupka, Angelika: Grubenhäuser entlang des norischen und oberpannonischen Donaulimes. Diplomarbeit, Uni Wien 2011 (pdf
  7. Donat, P.: Grubenhäuser und der nordwestslawische Siedlungsraum. In: Materiały Zachodniopomorskie, Stettin 2016 - bibliotekanauki.pl (pdf)
  8. Steppe Ancestry in western Eurasia and the spread of the Germanic Languages. By Hugh McColl (...) Kristian Kristiansen, Martin Sikora and Eske Willerslev. bioRxiv. posted 14 March 2024 (Biorxiv)

Samstag, 7. September 2019

Die Wikinger in Osteuropa - Ihre Gene, ihre Münzen

Der Hochadel des Frühmittelalters im Baltikum, in Preußen, Pommern, Rußland, Polen, Schlesien und Böhmen - Stammte er zu einem Viertel bis zur Hälfte von den Wikingern ab?

Seit mehr als hundert Jahren ist es sehr umstritten, in wieweit die frühmittelalterlichen Herrscherhäuser in Osteuropa, bzw. Ostdeutschland von Wikingern abstammen. Zu ihnen gehören

  • das erste polnische Herrscherhaus, die Piasten (Wiki),
  • die vielen schlesischen Herzogshäuser (Wiki), 
  • das erste böhmische Herrscherhaus, die Premysliden (Wiki), 
  • das erste russische Herrscherhaus, die Rurikiden (Wiki), 
  • die pommersche Herzogsfamilie der Greifen (Wiki), 
  • die westpreußische Herzogsfamilie der Samboriden (Wiki)
  • die Herzogsfamilie von Rügen (Wiki)
  • vormalige Herzogs- und Adelsfamilien der Pruzzen (Wiki).

Abb. 1: Wikinger auf einem Langschiff an der Küste der Isle of Man (Wiki) (Fotografiert vom Filmeteam Leo Eaton)

Die Piasten werden in dieser Hinsicht schon seit mehreren Jahren in Polen erforscht. Die Ergebnisse sind aber - soweit übersehbar - bislang nicht veröffentlicht worden (FamilyTreeDNA). Aber es gibt in Polen diesbezüglich eine lange Forschungsgeschichte der Adelsforschung (30). Forschungen zu den Rurikiden beziehen sich bislang - soweit übersehbar - nur auf den wenig aussagekräftigen Y-chromosomalen Haplotypen (FamilyTreeDNA). Viele der genannten Herzogsfamilien sind am Ende des Mittelalters in der männlichen Hauptlinie ausgestorben. Das muß aber nicht heißen, daß es nicht heute noch Nachkommen derselben über die weibliche Linie oder über Nebenlinien geben könnte. Inwieweit es solche der genannten Herzogshäuser in Schlesien, Pommern, Rügen oder Westpreußen gibt, wäre sicher eine interessante Fragestellung, die womöglich auch mit Hilfe der Genetik geklärt werden kann.

Adelsforschung und Genetik

Um nur ein Beispiel zu nennen: Die preußische Adelsfamilie von Puttkammer (Wiki) gilt als "Pommerscher Uradel", als Teil jenes Hochadels unter den pommerschen Samboriden (auch genannt "Ministerialen"), die nach dem Aussterben der Samboriden in Pommern über Jahre die Regierungsgeschäfte führten. Ob über die genetische Erforschung solcher Uradelsgeschlechter noch etwas heraus zu bekommen ist? Überhaupt sollte ja durch die Genetik und Archäogenetik auf die Geschichte des deutschen "Uradels", Hochadels und Adels manches neue Licht fallen (Wiki) (s.a. 23).

Indem wir über solche Fragen nachdenken, erinnern wir uns, daß in der hier auf dem Blog schon behandelten Studie zur Archäogenetik der Wikinger von vor einem Monat (1, 2) auch diesbezüglich schon erste Ergebnisse zu finden sein sollten, die deutlich werden lassen sollten, daß sich solche Fragen in näherer Zukunft  besser werden klären lassen als das bisher möglich war. Archäogenetische Erkenntnisse aus Adelsgräbern des siebten Jahrhunderts wie denen der Alemannen (23) oder aus anderen Regionen und Jahrhunderten werden sich in näherer Zukunft detaillierter in Beziehung setzen lassen können zur Genetik von Adelsfamilien, sowie bäuerlicher und bürgerlicher Familien derselben Regionen.

Nachtrag: Schon vor einem Jahr ist eine Studie des Anthropologen Andreas Vonderach veröffentlicht worden, in der er die anthropologischen Merkmale von Schulkindern, die in den 1950er Jahren in Rheinland-Pfalz vermessen worden waren auswertete, unter denen sich Flüchtlingskinder aus Ostdeutschland befanden. Und unter diesen konnte er wiederum Schulkinder aus Adelsfamilien nichtadligen Familien gegenüber stellen. Sein Ergebnis ist (29):

Aristokraten liegen weit voraus im Aufweisen "sozial fortschrittlicher" Merkmale. Darunter werden in der deutschen Anthropologie anthropologische Merkmale verstanden, die häufiger in den oberen als in den unteren sozialen Schichten vorhanden sind. Da die meisten dieser Merkmale eine hohe Erblichkeit besitzen, legt dieser Umstand nahe, daß der Adel eine alte biologische Elite darstellt, ein Produkt sozialer Selektion.
Aristocrats are far ahead in the expression of “socially progressive” features, defined in German anthropology as anthropological traits that tend to be more common in the upper than the lower social classes. Because most of these traits have high heritabilities, this suggests the nobility to be an old biological elite due to social assortment.

In der genannten Wikingerstudie wurden unter anderem 33 Skelette aus dem heutigen Rußland archäogenetisch untersucht: vier aus der Ukraine, 40 von der Insel Ösel (Estland), acht aus dem heutigen Polen und fünf aus Italien. Sie waren ausgewählt worden, weil sie sich aufgrund von Zeitstellung, Grabsitte und Grabbeigaben in kulturellen Zusammenhängen der Wikinger bewegt haben. Leider war die Gesamtgenom-Sequenzierung für die acht aus dem heutigen Polen stammenden Skelette - von den sehr spannenden, erst jüngst ausgegrabenen frühmittelalterlichen Fundorten an der Weichsel: Bodzia, Sandomir und Krakau, sowie aus Zehden an der Oder und Czersk in der Kaschubei in  Westpreußen - nur für zwei derselben erfolgreich, nämlich für zwei Skelette aus Bodzia. Aber diese beiden Ergebnisse gewähren - zusammengenommen mit erfolgreichen Sequenzierungen anderer Fundorte in ganz Osteuropa - schon einen spannenden Einblick, einen Blick, der einem intuitiv naheliegend erscheint als Gesamtlösung des Problems.

Indem wir uns zunächst nur für wenige Einzelprobleme auf diesem Forschungsgebiet interessierten, wurde uns nach und nach erst bewußt, wie auch diese Gen-Sequenzierungen den Blick überhaupt erweitern auf die Geschichte der Wikinger in ganz Osteuropa. Und so ist der nachfolgende Blogartikel in den drei Tagen seit seiner Veröffentlichung durch Ergänzungen auf das Doppelte seines ursprünglichen Umfangs angewachsen. (Er wurde im Dezember noch einmal inhaltlich umgestellt, um ihn mehr der chronologischen Abfolge der Funde anzupassen.)

Abb. 2: In Ermangelung einer Rekonstruktions-Zeichnung der eindrucksvollen Schiffsbestattung von 38 Wikingern bei Saalme auf der Insel Ösel: Hier das Schiff von Skuldelev in Dänemark aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts (Wiki) - Auf einem solchen Schiff lagen die 38 Krieger in voller Ausrüstung nebeneinander gereiht auf dem Vorderschiff in drei Lagen längs und quer übereinander.

Die vielleicht aufsehenerregendsten wikingischen Bestattungsfunde stammen von der Ösel, der größten Insel Estlands, wo sie erst vor zehn Jahren entdeckt worden sind. Auf Estnisch heißt die Insel Saarema. Während des Ersten Weltkrieges bildete diese Insel einen wichtigen Stützpunkt der russischen Flotte. Sie ist deshalb Ende 1917 von den Deutschen erobert worden (Unternehmen Albion). Im Zuge der Kämpfe um die Insel ist der deutsche Kriegsdichter Walter Flex (Wiki) gefallen. Den Deutschen ist er sehr ans Herz gewachsen durch seine Kriegsnovelle "Der Wanderer zwischen beiden Welten", die ein Jahr zuvor erschienen war. Diese Insel Ösel ist auch eine Insel reich an wikingerzeitlichen Funden (siehe z.B. Abb. 8). Die ersten wikingerzeitlichen Funde auf Ösel stammen schon aus einer Zeit (ab 750 v. Ztr.), die vor den ersten Wikingerlandungen in England liegt. Auch Runensteine finden sich auf Ösel. 

Die Wikinger auf der Insel Ösel (750 v. Ztr.)

2008 und später wurden nun auf dieser Insel nahe dem Ort Salme direkt an der vormaligen Küstenlinie - also einstmals fast "auf dem Strand" gelegen - die Überreste einer vendelzeitlichen Schiffsbestattung gefunden (Wiki). Auf dem elf Meter langen Ruderschiff fanden sich die Überreste von sieben Männern. Ihnen waren drei Schwerter und viele Spielsteine beigegeben, auch ein Habicht, ein Specht, sowie Schafe, Schweine, Kühe und Hunde (20). Datiert wird die Bestattung auf 750 n. Ztr.. 2010 und 2011 wurde dann aber noch ein zweites Schiff, nun sogar 17 Meter lang und mit 38 Kriegern entdeckt und ausgegraben. Es stammt aus der gleichen Zeit, ist vermutlich sogar im Zusammenhang mit denselben Ereignissen angelegt worden (20):

Den Toten waren reiche Beigaben an die Seite gegeben worden, meistens Waffen, darunter mehr als 50 Pfeilspitzen, einige Speere und über 40 Schwerter (ganze und zerbrochene). (...) Eines der Schwerter war mit Juwelen geschmückt. (...) Sie hatten außerdem fast 300 Spielsteine aus Walfisch-Knochen (Schachfiguren) bei sich (...). Die Toten waren mit ihren Schilden bedeckt.  
Original: The dead had been provided with rich grave goods, which mostly consisted of weapons, including more than 50 arrowheads, some spears and about 40 swords (whole and broken). At least five swords had hilts of gilded bronze, among them one ring-hilt sword with a blade of pattern welded steel. One sword had a blade ornamented with an inlay of golden wire and a handle decorated with garnets. Other items included nearly 300 gaming pieces of whale bone, antler combs, small padlocks, whetstones of schist, beads etc. The dead had been covered with shields with iron  bosses.

Welche Fülle von Geschichten können allein rund um einen solchen Schiffsfund erzählt werden, was all die Einzelheiten der Beigaben alles erzählen. Auf diesem Schiff befanden sich auch ein Falke und zahlreiche Stockenten. Mindestens fünf Tote hatten Wunden, die nicht mehr verheilt sind. Es handelt sich also um eine ehrenvolle Schiffsbestattung unmittelbar nach einer Schlacht (Wiki):

Eine skandinavische Sage berichtet von dem schwedischen König Yngvar, der in Estland fiel. "Die Männer Estlands kamen aus dem Landesinneren mit einer großen Armee, und es gab eine Schlacht; aber die Armee des Landes war so tapfer, daß die Schweden ihr nicht standhalten konnten, und König Yngvar fiel und seine Männer flohen", heißt es.

Während nun die Archäologen schreiben (20), nach den chemischen Knochenanalysen wären diese auf Ösel bestatteten Krieger aus Mittelschweden gekommen, zeigt die DNA-Sequenzierung (Abb. 3), wenn wir es recht verstehen, daß diese Krieger doch gar nicht so deutlich in die frühmittelalterliche genetische "Normalverteilung" von Schweden passen (?). 

Abb. 3: DNA-Sequenzierungen von Salme, Estland

Im Text der Studie wird jedoch genau dies unterstellt (1). Dabei scheinen sie doch nach unserer Wahrnehmung (Abb. 3) im Vergleich mit allen anderen Wikinger-Sequenzierungen (siehe unten) eine einzigartige Signatur aufzuweisen. Sie liegen genetisch verschoben von den Schweden hin zu Finnen und Polen und uns drägt sich der Eindruck auf, daß es sich um Angehörige einer Bevölkerung handelt, die sich auf Ösel mit den dort Einheimischen vermischt haben kann. (Aber das ist nur ein laienhafter Eindruck, den wir hier nur festhalten wollen, ohne ihn weiter gegen besseres Expertenwissen verteidigen zu wollen.)

Ergänzung 4.7.2020: Eine neue Studie mutmaßt - aufgrund der reichen Ausstattung der beiden Schiffe -, daß sich diese auf einer diplomatischen Mission befunden haben könnten, womöglich auf dem Weg über die russischen Flüsse nach Byzanz (27).

Welch reiches Bild bietet sich, wenn man - ausgehend von den neuen DNA-Sequenzierungen zur Wikingerzeit - anfängt, sich in diese Thematik tiefer einzuarbeiten. Welch ein reiches Bild bietet die Frühgeschichte Estlands, die Frühgeschichte Polens, Schlesiens, Rußlands (21).

Die Wikinger reisen weichselaufwärts

Nach Suppl. 04 der Studie (1) konnten auch Gene von Skeletten von zwei Elitegräbern aus Bodzia an der Weichsel (Wiki) aus der Zeit um 1050 n. Ztr. vollständig sequenziert werden (VK154 und VK156). Beide wiesen zur Hälfte polnische und zu einem Viertel bis zur Hälfte skandinavische Herkunftsanteile auf. (Davon ist im Text der Studie selbst gar nicht die Rede, weshalb uns dieses spannende Ergebnis bislang entgangen war. Erst durch genaues Studium der umfangreichen Anhänge dieser Studie stoßen wir auf dieses Ergebnis.) Unsere eigene Interpretation der Ergebnisse der Studie finden wir auch in einer Interpretation andernorts wieder, was uns dann schon etwas sicherer macht (ForumBiodiversity, 17.7.2019):

Sie waren also zur Hälfte Polen und der Rest ihrer Herkunft stammte aus Schweden (20.9-26.8%), Finnland (11.5-25.8%) and Dänemark (1.3-10.1%).
So they were half-Poles with the rest of their ancestry mostly from Sweden (20.9-26.8%), Finland (11.5-25.8%) and Denmark (1.3-10.1%).

Andernorts wird außerdem darauf hingewiesen, daß der Y-chromosomale Haplotyp von insgesamt acht sequenzierten Männern aus dem heutigen Polen in dieser Studie festgestellt werden konnte, und daß die Verteilung ihrer Haplotypen gut zur heutigen Verteilung dieser Haplotypen in Polen passen würde, die heutige Verteilung ist nämlich (ForumBiodiversity, 17.7.2019):

R1a1 57.5%
R1b 12.5%
I1 8.5%
I2*/I2a 5.5%

Die für Skandinavier typische Haplogruppe I-M253 (Wiki) (zu 30 bis 40 % im heutigen Skandinavien verbreitet) findet sich unter den archäologischen Funden im heutigen Polen bislang noch nicht. Wenn auch Aussagen zur Häufigkeitsverteilung von Y-chromosomalen Haplotypen bei weitem nicht so aussagekräftig sind wie Aussagen von Gesamtgenom-Sequenzierungen, so passen die Ergebnisse im Allgemeinen doch nicht schlecht zu den auch sonst aus den historischen Quellen bekannten, internationalen Heiratsverbindungen der Piasten bis nach England, Dänemark und Schweden einerseits und bis nach Kiew andererseits. Solche weitreichenden Heiratsverbindungen wird es auch sonst im Hochadel des frühen Piastenreiches gegeben haben und sie können dazu geführt haben, daß um das Jahr 1000 herum die führenden polnischen Adelsgeschlechter (der "Hochadel") zu etwa einem Viertel bis zur Hälfte skandinavischer Abstammung war, was gut dazu paßt, daß sie sich auch äußerlich sehr stark an die Kultur der Wikinger angepaßt haben - wie ausschnittsweise in diesem Beitrag noch anhand von willkürlich ausgewählten archäologischen Forschungen gezeigt werden soll. - Der heutige genetische Herkunftsanteil der Wikinger innerhalb von Polen insgesamt beträgt laut Studie etwa 5 % (1):

Das genetische Erbe der Wikinger außerhalb von Skandinavien hat - wenn auch geringe - Kontinutitä bis heute. Eine kleine Komponente findet sich in Polen (bis zu 5%) und im südlichen Europa.
Original: Outside  of  Scandinavia,  the  genetic  legacy  of  the  Vikings  is  consistent,  though  limited.  A  small component  is  present  in  Poland  (up  to  5%)  and  the  south  of  Europe.

Entsprechende Aussagen zu Rußland, zu Estland, zur Tschechei, zu Pommern, West- und Ostpreußen, Schlesien und Posen finden sich in der Studie leider nicht. Aber auch hier wird es sicher bald Klärungen geben, zumal diese Klärungen für die britischen Inseln, für Island und so weiter längst weit fortgeschritten sind (Wiki) (19, 24). So finden sich heute auf den Shetland-Inseln bis zu 25 % Wikinger-Gene, in Schottland und Irland aber niemals mehr als 10 % (24) (Abb. 10). Aber wenn sich 5 % für das heutige Gesamtpolen finden, dann könnte dieser Anteil in der ursprünglichen Bevölkerung Pommerns, Westpreußens und Ostpreußens - also jener Bevölkerung, die bis 1945 dort lebte - noch deutlich größer gewesen sein. Dem Blogautor ist ein blonder, blauäugiger Mensch bekannt, der seine Gene bei MyHeritage hat sequenzieren lassen, und dessen einer Elternteil aus Pommern stammte (1939 in Stolp in Pommern geboren), von wo auch dessen beide Eltern stammten. Der andere Elternteil stammt aus Wilhelmshaven. Diesem Menschen wird von MyHeritage 30 % skandinavische und 10 % baltische Herkunft attestiert. Auch wenn man ein solches Ergebnis - zumal es Einzelergebnis ist - nicht auf die Goldwaage legen darf, wird in näherer Zukunft sicher bekannt werden, welchen Wikinger-Gen-Anteil es insgesamt unter den deutschen Pommern, West- und Ostpreußen gegeben hat. Und solche Forschungsergebnisse dürften doch nicht uninteressant sein. 

Abb. 4: Hauptkomponenten-Analyse der Ancient-DNA-Sequenzierungen auf Gotland  (ForumBiodiversity 19.7.2019)

Spannend ist umgekehrt aber auch das folgende Ergebnis (FBiodiv 19.7.2019) (Abb. 4): 

"Es scheint als ob die Hälfte der Einwohner der Insel Gotland zur Wikingerzeit aus dem heutigen Polen stammten."
Original: "So it seems that in the Viking Age half of Gotland was Polish-like."

Dieses Ergebnis macht einem noch einmal besonders bewußt, daß ja nicht nur Skandinavier nach Polen kamen, sondern eben auch Polen nach Skandinavien, worauf in der Studie ja in allgemeinerer Form auch hingewiesen wurde (1). Auch dieser Umstand will im Auge behalten werden. Da Menschen ohne Wikinger-Herkunft auch auf Island und in anderen Teilen Nordeuropas oft als Unterschichten (evtl. auch als Sklaven von Wikingern) an andere Orte gebracht wurden, ist ein solches Geschehen natürlich auch für die Insel Gotland zunächst nicht völlig auszuschließen.

Abb. 5: Grabhügel der Rus-Krieger entlang des Wolchow bei Nowgorod, nahe dem Dorf Alt-Ladoga, wo 753 n. Ztr. die älteste und größte Siedlung skandinavischer Waräger in Osteuropa begründet wurde, vergleichbar mit Birka und Haithabu. Ab 862 herrschte hier Rjurik, der Begründer des russischen Herrscherhauses der Rurikiden. (Fotograf: Prof. Mark A. Wilson; Wiki)

Die vielleicht an archäologischen Funden reichste Schatzinsel der Welt, Bornholm, ist schon 2003 von Gisela Graichen zum Ausgangspunkt einer besonders guten und sehenswerten Dokumentation zur Geschichte der Wikinger im russischen Raum gemacht worden. Diese ist sehr geeignet, in das Thema überhaupt einzuführen (21).

Die Wikinger bereisen die Flußsysteme Rußlands

Ausgangspunkt darin sind die reichen arabischen Münzfunde auf Bornholm (Abb. 8). Auf diese wollen wir weiter unten noch zurückkommen. Daß dieser Reichtum zu nicht geringen Teilen durch Sklavenhandel zustande gekommen sein könnte, wofür wir weiter unten noch allerhand Hinweise zusammen tragen, ist von Gisela Graichen aber noch nicht besonders hervorgehoben worden (bzw. nicht von den Archäologen, mit denen sie zusammen gearbeitet hat).

Abb. 6: Die wikingischen Handelsrouten zwischen Byzanz, dem Kalifat und Skandinavien (aus: 22)

In der Archäogenetik-Studie finden sich also auch Ergebnisse für Rußland. Man muß sie nur etwas gründlicher suchen (Abb 7): Vom Ladoga-See konnten schon 1938/39 gewonnene Skelette aus der Burganlage Gorodische erfolgreich sequenziert werden. Es konnten nur Skelette aus christlicher Zeit sequenziert werden, aus Gräbern ohne Grabhügel, da davor Brandbestattung vorherrschte. Der Herkunftsanteil der acht erfolgreich Sequenzierten ist dennoch zu größten Teilen immer noch skandinavisch (Abb. 7).

Abb. 7: Hauptkomponenten-Analyse der Ancient-DNA-Sequenzierungen von Bodzia, vom Ladoga-See und von Gnezdovo (unterste Reihe) (ForumBiodiversity)

Die Archäologen ordnen dieses Ergebnis folgendermaßen historisch ein (20):

Nach den schriftlichen Berichten wurde in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts das Gebiet des Ladoga-Sees vom Großprinzen der Rus, Jaroslaw Mudry (Jaroslaw dem Weisen) seiner Frau, der schwedischen Prinzessin Ingegerd Olofsdotteras als Heiratsgeschenk gegeben. Diese setzte als Gouverneur des Landes ihren Verwandten Jarl Ranvald Ulfsson ein. Die skandinavischen Königssagas berichten von christlichen Wikingern unter den Kriegern des Ragnvald Ulfsson, die das Land gegen heidnische Stämme verteidigten. 
Original: According  to  written sources  in  first  half  11  century  Ladoga  area  was  given  by  Grand  Prince  of  Rus’  Yaroslav  Mudry (Yaroslav the Wise) to his wife Swedish Princess Ingegerd Olofsdotteras a marriage gift, who in turn set her relative Earl Ragnvald Ulfsson as governor of the land. Scandinavian Kongesagaer (kings’sagas) testifies presence of Viking Christians in the military troops of Ragnvald Ulfsson for defense from local pagan tribes.

Schon aufgrund der morphologischen Merkmale waren von den 65 1938/39 gewonnenen Skeletten die Skelette des südlichen Teiles des Gräberfeldes Skandinaviern zugeordnet worden, die des nördlichen Gräberfeldes einer vermischten slawisch-finnisch-skandinavischen Population. Wenn wir es recht verstehen, bestätigen die archäogenetischen Erkenntnisse im wesentlichen die Erkenntnisse der traditionellen Anthropologie.

Nahe dem Dorf Alt-Ladoga am Ladoga-See entstand 753 n. Ztr. die älteste und eine der größten Siedlungen skandinavischer Waräger in Osteuropa, von Größe und Bedeutung her vergleichbar mit Birka und Haithabu. Ab 862 herrschte hier Rjurik, der Begründer des russischen Herrscherhauses der Rurikiden.

Die Wikinger in Gnezdovo bei Smolensk

Zwei erfolgreich sequenzierte, in der großen wikingischen Handlungssiedlung bei Gnezdovo (Wiki), 13 Kilometer westlich des heutigen Smolensk Bestattetete sind von ihrer Herkunft ähnlich wie die in Bodzia an der Weichsel Betatteten, stehen aber der einheimischen Genetik näher als der skandinavischen. Der Siedlungsort Gnezdovo lag auf beiden Seiten des Oberlaufes des Dnjepr. Der Siedlungsort ist umgeben von 4500 bis 5000 Hügelgräbern (!), von denen die Hälfte (nichtchristliche) Brandbestattungen aufweisen. Gnezdovo liegt auf halbem Weg zwischen dem Ladoga-See und Kiew, und zwar 700 Kilometer südlich vom Ladoga-See und 600 Kilometer nördlich von Kiew. In Ost-West-Richtung liegt es auf halbem Weg zwischen Bialystok und der Wolga (bei Moskau), also den damaligen Wolga-Bulgaren. Dieses Gräberfeld hat unglaublich reiche und eindrucksvolle Funde aus dem 9. und 10. Jahrhundert zu Tage gebracht (20):

Seltene Brandgräber (...) finden sich in der frühesten Siedlungsphase. Der bekannte Hügel L-13 gehört zu diesen Hügelgräbern. In ihm fand sich der älteste Gnezovo-Fund, nämlich eine byzantinische Amphora mit einer eingerzitzten slawischen Inschrift. (...) Werkstätten stellten Schmuck für skandinavische und slawische Frauen her, Zaumzeug- und Gürtelplatten wurden in der Tradition der Wolgabulgaren hergestellt, ebenso Gegenstände der Langhügel-Kultur vor Ort. (...) 450 orientalische, byzantinische und westeuropäische Münzen wurden gefunden. Sie stammen aus dem 6. bis mittleren 11. Jahrhundert. Außerdem enthielten 13 Hortfunde über 1400 orientalische Silbermünzen.
Original: Rare burial mounds with cremations (...) are related to the earliest period of the settlement’s existence. (...) The well-known mound L-13 is one of these mounds. L-13 mound gave the earliest for Gnezdovo find of Byzantine amphora with the Slavic inscription-graffito. (...) Workshops produced adornments for Scandinavian and Slavic women, bridle and belt plates made in the Volga Bulgarian tradition and items specific for the local culture of long mounds. (...) About 450 Oriental, Byzantine, and West European coins (...) have been found (...). Dates of coin minting vary from the 6th to the mid-11th centuries. 13 Gnezdovo hoardings contain over 1400 Oriental silver coins.

Mit "orientalische" Silbermünzen werden arabische Münzen gemeint sein (s. Abb. 8). Anhand der Bestattungsart und Grabausstattung kann 25 % der Gräber ein skandinavischer kultureller Hintergrund zugeschrieben werden. Die letzten, wenigen Gräber finden sich aus der Zeit um 1000 n. Ztr.. Nun wandelte sich Gnezdovo von einer Handelsstadt zu einem Adelsgut und das nahegelegene Smolensk übernahm die vormalige Rolle von Gnezdovo. Als weitere russische Ausgrabungsstätte mit Wikinger-Bezug in Osteuropa wird benannt Shestovitsy in der Region Chernigov in der Ukraine, ein Ort 130 Kilometer nördlich von Kiew, nahe dem Dnjepr gelegen.

Abb. 8: Die Häufigkeit arabischer Münzfunde - Sie ist am größten in Bornholm und Schweden, es folgen: Pommern, Westpreußen, Posen, Schlesien, Estland, Kiew und Wolga-Bulgaren (aus: 22)

Die Karte der Häufigkeitsverteilung arabischer Münzfunde in Osteuropa läßt vielleicht schon die größten Schwerpunkte der Handels- und Siedlungstätigkeit der Wikinger erkennen (Abb. 8) (22).

Sklaven werden von Europa aus nach Süden exportiert

Diese Häufigkeit ist am größten in Bornholm (21) und Schweden. Aber es folgen: Pommern (Wolin!), Westpreußen (Truso!), Posen (Bodzia!), Schlesien (!?), Estland (Ösel!), Kiew und sogar die Wolga-Bulgaren treten hervor. Eindrucksvoll ist hier ein osteuropäisches Handelsnetzwerk erkennbar. Die arabischen Münzen finden sich in Frankreich, England und Norwegen fast gar nicht, in Dänemark viel weniger als sonst im skandinavischen Raum. Zu der Frage, warum im Osteuropa jener Zeit mehr arabische als byzantinische Münzen Verbreitung fanden, findet sich auf Wikipedia derzeit noch keine befriedigende Antwort (ob sie deshalb von der Forschung schon gut verstanden ist, stehe dahin) (Wiki):

Die schiffbaren Handelswege verliefen über die Flüsse Dnepr und Wolga, bis an das Schwarze Meer und die Kaspische See. Über diese Routen erreichten Händler Konstantinopel und trieben Handel mit dem Reich der Abbasiden mit der Hauptstadt Bagdad und dem Emirat der Samaniden mit den Hauptorten Buchara und Samarkand. (...) Eine Schlüsselrolle für den Handel zwischen Asien und dem Orient mit Rußland und Nordeuropa nahm in dieser Zeit das Reich der Chasaren ein. Durch ihr Gebiet an Dnepr, Wolga und im Kaukasus führte, größtenteils über Wasserwege, die Verbindung zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer, der Weg von den Warägern zu den Griechen. Über das Schwarze Meer konnte Konstantinopel auf Schiffen erreicht werden, über das Kaspische Meer das Emirat von Buchara unter der Herrschaft der Samaniden und das Reich der Kalifen aus dem Hause der Abbasiden. (...) Ab dem Jahr 840 n. Chr. wurden die Münzimporte aus der islamischen Welt in den Ostseeraum geringer und kamen zwischen 860 und 870 vollständig zum Erliegen. Der Grund dafür war der sinkende Silbergehalt der Münzen, denen immer mehr Kupfer und zum Gewichtsausgleich Blei beigemengt wurde. Mögliche Ursachen für die Münzverschlechterungen könnten das Versiegen der Minen im Hindukusch oder Unruhen im Emirat von Nasr II. gewesen sein. Tatsächlich kam es im Jahr 843 n. Chr. dort zu Aufständen, weil die Armee keinen Sold erhielt. Dies ließ sich durch eine Verschlechterung der Münzen leicht beheben, da in einer Münzgeldwirtschaft die Münzen ihren Nominalwert beibehalten. In der Gewichtsgeldwirtschaft des Ostseeraums war dies aber nicht möglich. Das schnelle Ende der Silberimporte aus diesem Raum könnte jedoch durch die Unterbrechungen der Handelswege ausgelöst worden sein, die durch Angriffe auf das Reich der Chasaren in den späten 860er Jahren bedingt wurden.

Es wäre sicher eine aufregende Fragestellung, wieviel von dem im Ostseeraum gefundenen Reichtum, repräsentiert unter anderem in den umfangreichen und deshalb auffälligen arabischen Münzenfunden, durch den Sklavenhandel mit dem Kalifat von Bagdad zustande gekommen ist. Der Sklavenhandel stellte damals eine sehr einträchtige Einkunftsquelle dar, auch für zahlreiche andere ethnische Gruppen, die Fernhandel zwischen dem christlichen Europa und dem islamischen Orient betrieben (Wiki):

Die slawischen Sklaven waren, wie aus arabischen Aufzeichnungen hervorgeht, der begehrteste Artikel für die moslemische Sklavenhaltergesellschaft. Bernard Lewis hält fest, daß neben den Juden viele Europäer mit dem Export von Sklaven zu tun gehabt hätten. Darunter seien Christen gewesen, „Bürger der großen Handelsstädte Italiens und Frankreichs ebenso wie griechische Sklavenhändler, die im östlichen Mittelmeer tätig waren. Eine bedeutende Stellung nahmen die Venezianer ein, die schon im 8. Jahrhundert begannen, den Griechen Konkurrenz zu machen.“ Besonders hinzuweisen ist auf die Rolle der Waräger und des Volkes der Rus, die eifrige Sklavenjäger waren und ihre slawischen Gefangenen entweder direkt verkauften oder über italienische Kaufleute oder die Radhaniten nach Spanien, Byzanz, in die moslemischen Länder oder nach Zentralasien weitervermitteln ließen. Maurice Lombard betont, daß durch die Nachfrage aus den großen Verbrauchszentren der islamischen Welt über die jeweiligen Zwischenhändler „die wirtschaftliche Aktivität des barbarischen Abendlandes“ wiederaufgelebt sei und „dessen Handel, Geldzirkulation und städtische Bewegung unter diesem Nachfrageschub wieder zu pulsieren begannen“. Insgesamt handle es sich um eine Tatsache von immenser Bedeutung: „die Austauschrichtung kehrt sich um; der Okzident wird vom Importeur zum Exporteur. An die Stelle des Abflusses von Zahlungsmitteln kommt es gegen Ende des 8. Jahrhunderts langsam wieder zu einem Zufluß, der sich vom 9. zum 11. Jahrhundert vergrößert.“

Im Arabischen gibt es für diese Sklaven sogar einen eigenen Begriff, der von einer ethnischen Selbstbezeichnung osteuropäischer Völker abgeleitet ist (Wiki):

Saqaliba (arabisch صقالبة, DMG ṣaqāliba ‚Slawen‘) bezeichnet in mittelalterlichen arabischen Quellen Slawen und andere hellhäutige und rötliche Völker Nord- und Mitteleuropas. Die Bezeichnung aṣ-ṣaqāliba (sing. Ṣaqlabī, Ṣiqlabī) ist dem mittelgriechischen Σλάβος entlehnt, das mit der slawischen Selbstbezeichnung Slovĕnin in Verbindung steht. Wegen der großen Zahl slawischer Sklaven hat das Wort in mehreren europäischen Sprachen die Bedeutung „Sklave“ angenommen (englisch slave, französisch esclave, italienisch schiavo), so auch im Spanien der Umayyaden, wo Ṣaqāliba alle fremden Sklaven bezeichnete.

Der Handel mit diesen "slawischen Sklaven" ging einerseits von der Elbe und von Böhmen aus bis ins islamische Spanien und in den Levanteraum. Dabei wurden die männlichen Sklaven dann entweder an ihrem Zielort entmannt und in Eunuchen verwandelt (Wiki) oder schon auf dem Weg dorthin (etwa in Verdun). Für den osteuropäischen Raum scheint aber der etwaige Zusammenhang zwischen den reichen arabischen Münzfunden und dem Sklavenhandel über das Reich das Chasaren hinweg bis in das Kalifat von Bagdad noch weitaus weniger deutlich ins Blickfeld der Forschung gelangt zu sein (jedenfalls findet man es bislang nicht sehr gut auf Wikipedia behandelt).

Die schon genannte Filmdokumentation von Gisela Graichen hat ja schon 2003 daran erinnert, daß in kommunistischer Zeit Archäologen in der Sowjetunion ins Gefängnis gekommen sind, wenn sie den Wikinger-Einfluß auf die Frühgeschichte Rußlands zu stark betont haben (21). Womöglich haben diese Verhältnisse und die zugrundeliegenden Mentalitäten Auswirkungen auf die Forschung noch bis heute. - Schauen wir uns weiter in Europa um was wikingischen Einfluß betrifft.

Abb 9: Die politischen Machtzentren (schwarze Kreise) und kulturell skandinavische Elite-Gräber (rot) zwischen Weichsel, Warthe und Oder - Als bedeutender wikingischer Siedlungsort fehlt unter anderem Wiskiauten an der Nordküste des Samlandes in Ostpreußen (aus: 10)

Bodzia liegt 40 Kilometer südöstlich von Thorn und 15 Kilometer nördlich von Włocławek an der Weichsel und wie die beiden ersteren auf dem linken Ufer derselben etwa drei Kilometer entfernt vom Ufer.

Die Wikinger in Bodzia an der Weichsel (um 1050 n. Ztr.)

Bodzia liegt etwa 20 Kilometer östlich der Grenze des Deutschen Reiches bis 1918, bzw. der damaligen Provinz Posen. Hier nun wurde 2009 bis 2011 ein frühmittelalterliches Gräberfeld ausgegraben, in dem 52 Skelette gesichert werden konnten, darunter 14 Männer und 21 Frauen. Es handelt sich um ein Gräberfeld, in dem offensichtlich der damalige wikingisch lebende und verheiratete Hochadel Polens Angehörige bestattete (Wiki). Fast alle Gräber sind in Nord-Süd-Richtung orientiert, was für diese Zeit sehr ungewöhnlich ist (1, Suppl. 02):

Die Anordnung des Grabfeldes hat keinerlei Analogien in Europa. Es besteht aus zwei Reihen von Gräbern mit großen Grabgruben, die in einem viereckigen Grabraum angeordnet sind. Das Gräberfeld ist eingeteilt in rechteckige Gräber, die über dem Erdboden markiert waren in vier Reihen entlang der Ost-West-Achse. (...) Ein bezeichnendes Charateristikum aller Gräber ist die Fülle von beigegebenen Gegenständen, einschließlich Waffen (Schwert, Langsax, Speerspitzen, Pickaxt der Chasaraen) im Fall der Männer und zahlreichem Schmuck (Ringe, Anhänger, Amulette, Kaptorga, Halsketten usw.) - im Falle der Frauen. Eine Vielzahl von Münzen fand sich, 67 Stücke in 58 Gräbern. Sie stammen aus dem Heiligen Römischen Reich, aus England, dem Reich der Premysliden und aus Polen. (...) Ein junger Krieger (E864/I) war mit drei jungen Frauen begraben; eine von ihnen war unter ihm platziert. (...) Auf einer Riemenzunge (strap-end) befindet sich ein Zweizack, das Tamga (Stammeszeichen) des Prinzen Swjatopolk I. (1015-1019) des Angeklagten - Sohn von Wladimir dem Großen und Ehemann einer Tochter des polnischen Königs Boleslaw I., des Tapferen.
Original: The layout of the cemetery has no analogies in Europe. It is formed of rows of graves with large burial pits placed in quadrangular burial spaces. The burial field is divided into rectangular sepulchral spaces, marked on the surface and arranged into 4 rows oriented along the east-west axis. Some of these plots are adjacent, especially those in the northern row with the shape of a trapezium narrowing down  to  the  east. (...)  A characteristic feature of all the burials here is the bountiful  presence  of  a  range  of  items,  including  weapons  (sword,  langsax,  spearhead,  Khazarian-type pickaxe) – in the case of men, and numerous ornaments (rings, pendants, amulets, kaptorgas, necklaces, etc.) – in the case of women. There are abundant coins: 67 items from 58 graves. These relate to the Holy Roman Empire, England, the Premyslid State and Poland. (...) A young warrior (E864/I) buried together with three young women; one of them was placed below him. (...) On the strap-end there is a bident - the tamga of Prince Sviatopolk the Accursed (1015-1019) - son of Vladimir the Great and husband of a daughter of Polish king Boleslav I (the Brave).

Um was es sich bei der hier erwähnten Kaptorga handelt, findet sich in einem Video aus dem letzten Jahr erläutert anhand einer Replik der in Bodzia gefundenen (8). Der hier erwähnte Swjatopolk I. (978/9-1019) (Wiki) war bis 1019 Fürst von Turow und danach Großfürst von Kiew. Er war mit einer Tochter des legendären polnischen Herrschers Bolesław I. des Tapferen (965/7-1025) (Wiki) verheiratet. Das heißt, die Gräber dürften aus der Mitte des 11. Jahrhunderts stammen. Die Wirtel eines Frauengrabes war aus wolhynischem Schiefer gearbeitet. Und so ließe sich sicherlich noch eine Fülle von spannenden Einzelheiten zu diesen Ausgrabungen nennen. Auf Wikipedia ist festgehalten (Wiki):

Es finden sich Grabrituale und -beigaben der Kiewer Rus, skandinavischer, angelsächsischer, friesischer und khasarischer Herkunft. Die multikulturelle Natur dieses Gräberfeldes und die Nähe zur Handelsroute der Weichsel legen nahe, daß es sich um eine ausländische Handelssiedlung handelt, die die Ostsee mit dem Byzantinischen Reich verband.
Original: Artefacts uncovered in the site were mostly of foreign origin, which is atypical of other sites in the area. (...) The site demonstrates burial rituals and artefacts of Kievan Rus, Scandinavian, Anglo-Saxon, Frisian and Khazar origin. The nature of multiculturality at the site, and proximity to the Vistula River trade route, indicates that it was perhaps a foreign trade settlement connecting the Baltic to the Byzantine Empire.

Skelette von diesem Ausgrabungsort jedenfalls gewährten den ersten Blick in die genetische Herkunft des frühmittelalterlichen Hochadels von Polen (siehe oben). - 2006 wurde übrigens eine Fahrt nachgestellt in einem nachgebauten Wikingerschiff von Danzig die Weichsel, den Bug und den San mit Segelkraft aufwärts bis zur heutigen polnisch-ukrainischen Grenze (9). Dort wurde das Boot - wie vermutlich einstmals ebenso von den Wikingern - auf dem Landweg übergesetzt, um auf dem Oberlauf des Dnjestr wieder ins Wasser gelassen zu werden und dann mit der Strömung bis hinunter nach Odessa, bis ins Schwarze Meer zu rudern und zu segeln. Die landschaflichen Eindrücke dieses Filmes (9) sind höchst bemerkenswert, ebenso die sehr authentischen Eindrücke davon, mit welchen Schwierigkeiten die Wikinger zu tun gehabt haben müssen bei solchen Fahrten die Flußläufe auf- und abwärts.

Das ist "Thor Heyerdal" auf eine ganz neue, unerwartete Weise in einer Region und in Beschäftigung mit einer geschichtlichen Zeit und einem Volk, die uns Deutsche und Polen viel näher stehen als das bei den Fahrten des Thor Heyerdal mit seiner "Kontiki" im Pazifik der Fall gewesen war. Die Wikinger wußten natürlich gut von dem sagenhaften Reichtum des Kaisers in Byzanz, von dem mehrmals in den Sagas erwähnt wird, daß ihm ein Besuch abgestattet worden ist von einem Wikinger aus Island. "Schild stieß an Schild - es ruderten Wikinger," so heißt es im berühmten Helgi-Lied und so wird auch einleitend und am Ende dieser Fernsehdokumentation gesungen (9).

Der hier befahrene Dnjestr war bis ins 18. Jahrhundert hinein der Grenzfluß seßhafter Völker westlich des Flusses gegenüber den Nomadenvölkern des "Wilden Feldes" östlich des Flusses (Wiki).

Die Wikinger in Wiskiauten im Samland

Auf der von uns eingestellten Karte (Abb. 9) (10) ist der bedeutende wikingische Siedlungsort Wiskiauten (Wiki) am südlichen Ende der Kurischen Nehrung an der Nordküste des Samlandes nicht eingetragen. Hier fanden sich 500 Grabhügel und Reste einer Siedlung. Entsprechend gibt auch diese Karte noch nicht vollgültig den Forschungsstand wieder. Aber immerhin läßt sie die weitreichenden Verbindungen der Wikinger erahnen.

Abb. 10: Herkunftsgruppen der Iren und Schotten, sowie der Bewohner der Orkney's und der Shetland-Inseln. Sie stammen ab von Engländern (hellrot), Walisern (grün-braun), Schotten (grün), Dänen (hellblau), Schweden (blau) und Norwegern (lila) (aus: 24)

Der polnische Archäologe Władysław Duczko (geb. 1946) (Wiki), der ab 1990 als Professor in Uppsala tätig war, meint, vor allem Funde von Runenschriften gäben einem Siedlungsort aus archäologischer Sicht den Charakter einer Wikingersiedlung.

Die Wikinger in Kalthaus (bei Kulm) an der Weichsel

Er stochert ja in der Zeit vor der Archäogenetik diesbezüglich noch im Nebel wie es die Archäologen seit mehr als einhundert Jahren taten (11):

Der einzige Ort außer Wollin und Cammin in Pommern mit Runenfunden ist Kalthaus nahe der Weichsel, wo zwei Fundstücke aus der Siedlung - ein Spielstück und ein .... - Inschriften trugen, die norwegische Schrift repräsentieren. In Kalthaus sind auch einige Waffen und Gräber des norwegischen Typus gefunden worden, welche nahelegen, daß wir nach den Besitzern dieser Runen-beschriebenen Objekte unter den Norwegern suchen sollten, die hier lebten.
Original: The only place in Poland with runic finds, except Wolin and Kamień Pomorski, is Kałdus, near the Vistula River, where two artefacts from the settlement, a gaming piece and a cross-pendant, had inscriptions representing Norse writing (cf. W. Chudziak in this volume). Some weapons and burials of Norse type have also been found in Kałdus, which indicate that we should search for the owners of the runic objects among the Norsemen living here.

Der hier erwähnte frühmittelalterliche Siedlungsort auf einer Anhöhe oberhalb der Weichsel in Westpreußen liegt im Norden des Dorfes Kalthaus (poln. Kałdus) (Wiki), drei Kilometer südwestlich von Kulm (Wiki):

Am Lorenzberg (Góra św. Wawrzyńca), einer Geländeerhöhung im Norden des Dorfes, entstand im frühen Mittelalter während der Herrschaft der Piasten eines der größten Wirtschafts- und Verwaltungszentren an der Weichsel. Seit 1996 durchgeführte archäologische Forschungen der Universität Thorn, die an seit dem späten 19. Jahrhundert vorgenommene Ausgrabungen anschließen, haben die Existenz einer nicht vollendeten frühromanischen Basilika aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts sowie große Gräberfelder, unter anderem mit Kammergräbern von Siedlern skandinavischer Herkunft, nachgewiesen.

Es wurde gefunden (Chelmno-Info):

"ein großflächiger Friedhof mit über 1500 Gräbern, die auf eine zahlreiche Einwohnerschaft unterschiedlicher Herkunft schließen lassen. Die Archäologen der Universität Thorn entdeckten unter anderem fünf Grabkammern, deren Konstruktion und Ausstattung davon zeugen, daß in ihnen Skandinavier beigesetzt worden sind. Prof. Chudziak geht davon aus, daß sich die Wikinger im Weichselgebiet zunächst vor allem als Händler betätigten und im Laufe der Entwicklung des Piastenstaates auch im Weichselgebiet ihre Dienste als Krieger anboten oder sogar Verwaltungsfunktionen übernahmen. In der Siedlung bei Kalthaus lebte zur Piastenzeit eine größere Gruppe von Personen skandinavischer Herkunft als Nachbarn der einheimischen Slawen."

Genauer gesagt lebten im Kulmer Land (Wiki) die Pruzzen, ein baltischer Volksstamm, der hier benachbart war zu südlichen polnischen Stämmen.

Die Wikinger in Pień an der Weichsel

Auch weichselaufwärts in Pień, zehn Kilometer nordwestlich von Bromberg, wurden Wikinger-Gräber gefunden.

Die Wikinger bei Mewe an der Weichsel

25 km südlich der Marienburg an der Nogat hat es erst jüngst erneut Grabungen an einem wikingerzeitlichen Gräberfeld gegeben (25) nahe des vormals deutschen Dorfes Warmhof bei Mewe an der Weichsel (Polnisch "Ciepłe" bei "Gmina Gniew"). Hier haben deutsche Archäologen schon vor mehr als hundert Jahren gegraben (26). (1920 wurde diese Gegend als Teil des sogenannten "Polnischen Korridors" an Polen abgegeben.)

Die Wikinger in Sandomir an der Weichsel

Sandomir wurde um 970 dem entstehenden polnischen Staat eingegliedert. Hier wurden 2013 bis 2015 die bislang ältesten Gräber aus der Zeit um 1000 n. Ztr. erforscht. Sie weisen viele ausländische Merkmale, bzw. Wikinger-Merkmale auf, unter anderem (1; Suppl. 02):

eine Axt aus Grab Nr. 7, die am ehesten Entsprechungen in Funden aus Gräbern der Waräger und Rus in Osteuropa findet. (...) Die Ausrüstungsteile (hufgeformte Bronzebuckel, Äxte, als Feuerstangen genutzte Schlüssel) und die Form der Gräber legen nahe, daß in diesem Gräberfeld ebenso Waräger und Rus bestattet worden sind. 
Original: an axe from grave No. 7, which has the closest analogy to the finds from the cemeteries of the Varangian and Rus’ cemeteries from Eastern Europe. (...) The equipment  elements  (horseshoe-shaped bronze buckles, axe, key used as firesteels) and the form of the graves might indicate that the Varangians and Rus' people were also buried in the cemetery.

Leider haben die hier sequenzierten Skelette zwar Y- und mitochondriale Haplotypen erbracht, aber konnten nicht für Gesamtgenom-Sequenzierung aufbereitet werden.

Die Wikinger in Zehden an der Oder

Zehden (Wiki) (polnisch Cedynia) liegt auf der rechten Seite der Oder nördlich des Oderbruchs. Über die Geschichte dieses Ortes im Früh- und Hochmittelalter ist bekannt (Wiki):

Am 24. Juni 972 fand bei dem Ort die Schlacht von Zehden statt, in der Czcibor, Bruder des Piastenherzogs Mieszko I., die Truppen des Lausitzer Markgrafen Hodo schlug. Zu dieser Zeit wurde der Ort noch Cidin genannt. Um 1187 befand sich bei Zedin wahrscheinlich eine pommersche Burg. Bereits vor dem Übergang des Ortes an die Mark Brandenburg unter den Askaniern um 1250 bestand eine deutsche Siedlung städtischen Charakters, ein Oppidum. Markgraf Albrecht III. belehnte 1299 die von Jagows mit dem Oppidum, die es 1356 dem Zisterzienserinnenkloster in Zehden, das schon im 13. Jahrhundert seinen Sitz von Schönfließ in den Ort verlegt hatte, überließen. Im 14. Jahrhundert war Zehden ein Mediatstädtchen mit Ratmannen, Schultheiß und Schöffen. 

Und hier in Zehden nun wurden über 1.300 mittelalterliche Gräber entdeckt (1; Suppl. 02). Das Grab 558 nahe der Kirche unterschied sich von allen anderen Gräbern. Der ihm beigegebene Schwerttyp wurde um 1100 herum benutzt. Aber auch das Gesamtgenom dieses Skeletts konnte nicht gewonnen werden.

Die Wikinger in Czersk in Westpreußen

Die Stadt Czersk (Wiki) gehörte bis 1920 zum Landkreis Konitz (Wiki) in Westpreußen. Sie gehörte zur Kaschubei, wo bis 1234 bis zu seinem Aussterben das Geschlecht der Samboriden (Wiki) herrschte, und die 1309 vom Deutschen Orden gewonnen wurde (OME-Lexikon). Im Landkreis Konitz lebten 1910 28.000 evangelische Deutsche und 35.000 katholische Polen und Kaschuben. Der Landkreis Konitz kam 1920 aufgrund des Versailler Vertrages als Teil des sogenannten "Korridors" an Polen. In der Nähe der Kirche der Stadt Czersk nun findet sich ein Grab aus der Zeit um 1100 n. Ztr. mit wikingischen Bezügen (1; Suppl. 02):

Einige Forscher interpretieren Grab 609 als das Grab von Magnus Haroldson, einen der drei Söhne von Harald II. Godwinson, dem letzten angelsächsischen König von England.

Harald Godwinson (1022-1066) (Wiki) ist jener König, der die berühmte Schlacht bei Hastings gegen die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer am 14. Oktober 1066 verloren hat und dabei auf dramatische Weise gefallen ist. Seine Verwandten mußten ins Exil gehen. Und seine Tochter Gytha heiratete vier Jahre später den Großfürsten von Kiew Wladimir Wsewolodowitsch Monomach (1113-1125). Wenn man sich deutlich macht, daß damals solche weitreichenden Heiratsverbindungen möglich waren, wird die Geschichte des Einflusses der Wikinger auf den Hochadel der entstehenden slawischen Staaten in Rußland, Polen und Böhmen besser verständlich.

Die Wikinger in Krakau an der Weichsel

Ein Gräberfeld auf einer Sanddüne am Ufer der Weichsel nahe von steil abfallenden Felsen bei Krakau-Zakrzówek enthielt mehr als 75 Gräber (1; Suppl. 02). Grab 19 hatte eine zentrale, hervorgehobene Lage, die Knochen erbrachten aber keine auswertbare DNA, hingegen die Knochen eines gewöhnlichen Grabes, das einen Wetzstein enthielt.

Die Wikinger in Schlesien und Böhmen

Auf der Karte in Abbildung 8 sehen wir reiche arabische Münzfunde dieser Zeit sowohl in Schlesien wie in Böhmen. Deshalb ist es naheliegend anzunehmen, daß auch hier zahlreiche Wikinger als Handelsherren und Krieger unterwegs gewesen sind. 1928 wurde auf der Prager Burg an prominenter Stelle ein Grab aus dem 10. Jahrhundert entdeckt, von dem die deutsche archäologische Forschung sehr bald annahm, daß es sich um ein Wikingergrab handeln würde (3-6).

Dieses Forschungsergebnis geriet dann aber sehr schnell in die Mühlen der ideologischen Auswertungen der Zeitläufe vor und nach 1945, die auf ähnlicher Linie lagen wie jene schon erwähnten, die bis heute seit der Sowjetunion fortdauern. Der Autor dieser Zeilen weiß noch, wie Professor Gotthold Rhode (1916-1990)(Wiki), Mainz, Verfasser einer viel gelesenen "Geschichte Polens" und zugleich bekannter Vertreter der deutschen Volksgruppe aus der Provinz Posen, ein oder zwei Jahre vor seinem Tod im Historischen Seminar in Mainz über die Annahme, daß das Königreich Polen von den Wikingern gegründet worden sei, sprach: geradezu liebevoll aus- und abwägend, um nur ja einerseits sowohl dem polnischen Nationalgefühl und andererseits dem wissenschaftlichen Anspruch Rechnung zu tragen.

Inzwischen hat sich bezüglich all dieser Fragen so viel getan in der Forschung, daß es wirklich an der Zeit wäre, daß dazu einmal ein guter deutschsprachiger Überblick gegeben würde. In der Zusammenfassung einer ganz neu erschienenen wissenschaftlichen Studie zu dem prominenten Grab auf der Prager Burg wird ausgeführt, daß insbesondere aussagekräftige Grabbeigaben "bemerkenswerte Ähnlichkeit aufweisen mit anderen skandinavischen Exemplaren"*). Damit gibt es also weiterhin Hinweise darauf, daß das Herzogs- und Königshaus der Premysliden (Wiki) von Menschen begründet wurde, die kulturell und durch Heiratsverbindungen in wikingischen Zusammenhängen standen.

Vorläufiger Abschluß

Die bis hier nur sehr ausschnittsweise angeführten  Angaben zu neueren archäologischen Forschungsergebnissen wecken die Neugier, noch viel mehr zu erfahren über den gesamten Wissensstand der weitreichenden Handels-, Kriegs- und Heiratsverbindungen, sowie der Lebensweise der Wikinger zwischen England und Kiew (Wiki) (s.a. 12-18). Auch die vergleichsweise umfangreich vorliegenden Schriftquellen werden einem hier noch viele Einsichten bescheren können. 

Man wird vielleicht vergleichsweise so sagen können: Während im Mittelalter alle paar Jahre ein deutscher König über die Alpen nach Rom zog, um sich dort zum Kaiser krönen zu lassen und unbotmäßige Städte in Norditalien zur Raison zu bringen, zogen alle paar Jahre Gruppen von Wikingerschiffen als angesehene Delegation des Hochadels von Kiew an den Königshof von England oder vom Königshof in England nach Kiew, bzw. an zahlreiche andere Königs- und Herzogshöfe auf halbem Weg zwischen diesen beiden Endpunkten. Indem wir den weiten Bewegungsraum der Wikinger dieser Zeit auf uns wirken lassen, verstehen wir vielleicht auch besser, warum damals die Deutschen einen solchen "Drang" hatten, ständig aufs Neue nach Italien zu ziehen. Es war einfach der Geist der Zeit. Der Adel und die Handelsleute saßen einfach nicht allzu gerne allzu lange ruhig zu Hause.

Und so dicht wie die politischen, religiösen und Handelsverbindungen über die Alpen hinweg im Früh- und Hochmittelalter waren, so waren sie es eben auch von Kiew und von der Wolga bis nach England. Und so wird immer mehr Interessierten bewußt (Forum Biodiversity 2.9.2019):

Wikingerfrauen in Osteuropa stammten unter anderem aus adligen norwegischen Familien, die Waräger-Herrscher in Osteuropa heriateten. So wie die Heilige Olga, bzw Helga von Kiew, Rogneda von Polotsk (Ragnhild ist ein Name, der auch im modernen Island gebräuchlich ist). Rogneda war die Großmutter der französischen Königin Anne von Kiew.
Original: We had female Vikings in eastern Europe, but those were from noble Norse families who married Varangian rulers in eastern Europe. Such as saint Olga of Kiev (Helga), Rogneda of Polotsk (Ragnhild - the name is found in modern Iceland). Rogneda was grandmother of French queen Anne of Kiev. 

Und vielleicht gilt für den frühmittelalterlichen Hochadel Polens, Pommerns oder Estlands, was für den frühmittelalterlichen Hochadel Rußlands galt (Wiki):

Die Rus stellten zunächst den Großteil der Adels-, Händler- und Kriegerschicht des Staates. Die dominierende Kultur und Sprache war (dennoch) Slawisch.

Spannend könnte auch die Frage sein, ob sich im Uradel des Baltikums, Preußens, Pommerns oder Schlesiens auffälligere Wikinger-Herkunfts-Anteile finden lassen. Der Autor dieser Zeilen stammt zum Beispiel - über die livländische Adelsfamilie von Samson-Himmelstjerna - von einer vormals bekannten baltischen Adelsfamilie ab, die den dort sehr einheimisch klingenden Namen "von Patkul" trug (Wiki). (Allerdings stellt dieser Zweig seiner Herkunft nur einen sehr geringen Anteil seiner Gesamtherkunft dar.) Aber Menschen, deren Eltern und Vorfahren bis heute innerhalb der Adelsfamilien des Ostseeraumes geheiratet haben, könnten vielleicht einmal den Herkunftsanteil der Wikinger in ihrem Gesamterbgut bekannt machen. Das sollte doch auch so manchem Historiker interessant erscheinen und könnte zur Klärung von so mancher, seit einem Jahrhundert umstrittenen Frage beitragen. Aber natürlich hatten nicht nur Adelsfamilien Wikinger-Gene. Und da die Schweden auch nach dem Mittelalter im südlichen Ostseeraum noch Nachkommen zurück gelassen haben, muß man natürlich auch schauen, ob man diese beiden Herkunftsanteile heute noch voneinander trennen kann.

Natürlich stellt sich auch die Frage, warum die Wikinger insgesamt so faszinieren können. Aber wenn wir uns spektakuläre Schiffsbegräbnisse wie die beiden seit 2008 auf der Insel Ösel entdeckten anschauen und es zusammen halten mit der altnordischen Saga-Überlieferung, brauchen wir eigentlich nicht allzu lange zu fragen: Diese Menschen führten ein Leben von einem sehr eigenen Zuschnitt. Und an ein solches Leben zu erinnern, erinnert uns an Wesensmerkmale, an Persönlichkeitsmerkmale, die durch nachherige Kulturentwicklungen sehr stark, womöglich viel zu stark in den Hintergrund gedrängt wurden, denn - wie es in einem altnordischen Schriftdokument heißt:

"An engem Strand, an enger See wird eng des Menschen Sinn."
Original (ungefähr, der Erinnerung nach zitiert): "Littilla sanda, littilla saeva, littil ero ged guma."

Ergänzung 22.10.2020: Im aktuellen DGUF-Newsletter heißt zu der in diesem Blogbeitrag ausgewerteten Studie unter anderem (zusammen mit vier Literaturangaben) (28):

Bei der Sequenzierung der Genome von 34 Individuen einer Wikingerbestattung in Salme, Estland, gab es eine Überraschung: Dem Team gelang es, vier Brüder zu identifizieren, die nebeneinander bestattet worden waren. Aber es bleiben auch Rätsel: In den Wikingersiedlungen in Amerika konnten bisher keine sequenzierbaren menschlichen Skelettreste gefunden werden. Die Debatte hingegen um die Rolle der Wikinger bei der Staatengründung in Russland – ein politisch heißes Eisen – kann nun auf einer neuen Datenbasis geführt werden.

"Population genomics of the Viking world" (Nature 585, Issue 7825, S. 390–396, 17.9.): https://doi.org/10.1038/s41586-020-2688-8

"Viking voyagers" (Nature 585 Issue 7825, 17.9.): https://www.nature.com/nature/volumes/585/issues/7825

"'Viking' was a job description, not a matter of heredity, massive ancient DNA study shows" (Science 16.9.): https://www.sciencemag.org/news/2020/09/viking-was-job-description-not-matter-heredity-massive-ancient-dna-study-shows

"DNA-Studie zu den Wurzeln der Wikinger: Weder blond noch skandinavisch" (National Geographic, 17.9.): https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2020/09/dna-studie-zu-den-wurzeln-der-wikinger-weder-blond-noch-skandinavisch


/ Ergänzt durch Ausführungen 
zum Thema Sklavenhandel: 5.10.2019;
Text neu gegliedert, neuer Titel, 
neue Zwischenüberschriften: 26.12.2019 /
________________________ 
*) Im Original: "... the fire-steel. A standard item of Viking personal equipment, the shape of the Prague Castle example is different from others found in Bohemia. Although corrosion complicates identification (the original was lost in the Prague floods of 2002), the surviving drawings show the artefact to be remarkably similar to other Scandinavian examples. Furthermore, as noted above, the trefoil extensions resemble those found on axes from Gotland and Öland". 
___________ 
  1. Population genomics of the Viking world. Ashot Margaryan, Daniel John Lawson, Martin Sikora, (...) Kristian Kristiansen, Rasmus Nielsen, Thomas Werge, Eske Willerslev. bioRxiv 703405; Preprint, 17.7.2019, doi: https://doi.org/10.1101/703405https://www.biorxiv.org/content/10.1101/703405v1.supplementary-material
  2. Bading, Ingo: Polygenetische Risikofaktoren vor 1000 Jahren, 20.7.2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/polygenetische-risiko-faktoren-vor-1000.html
  3. Saunders, N. J., Frolík, J., & Heyd, V. (2019). Zeitgeist archaeology: conflict, identity and ideology at Prague Castle, 1918–2018. Antiquity, 93(370), 1009–1025. doi:10.15184/aqy.2019.107, url to share this paper: sci-hub.tw/10.15184/aqy.2019.107
  4. https://phys.org/news/2019-08-evidence-contested-identity-medieval-skeleton.html 
  5. https://www.foxnews.com/science/mysterious-medieval-skeleton-at-prague-castle-reveals-its-secrets
  6. Storch: Wikinger auf dem Hradschin? Wittikobund 2017 (pdf)
  7. https://www.polish-online.com/polen/staedte/gnesen-mieszko-I-wikinger.php 
  8. Was ist eine Kaptorga?, Kaptorga - Visual History, 14.06.2018, https://youtu.be/vvCGvzdN0cQ
  9. Bucka, Malgorzata: Auf den Spuren der Wikinger (360° - GEO Reportage). Dokumentation einer Bootsfahrt von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer im Jahr 2006; veröffentlicht 2018, https://youtu.be/Zsj8iSV3nQE
  10. Buko, Andrzej: Bodzia - A Late Viking-Age Elite Cemetery in Central Poland (East Central and Eastern Europe in the Middle Ages, 450-1450, Band 27) Brill Academic, 2014 (GB)
  11. Duczko, Władysław: With Vikings or without? Scandinavians in Early Medieval Poland. Approaching an old problem. In: Scandinavian Culture in Medieval Poland, ed. S. Moździoch, B. Stanisławski, P. Wiszewski, Reihe Interdisciplinary Medieval Studies t. II, Wrocław 2013 (Academia)
  12. Rohrer, Wiebke: Wikinger oder Slawen? Die ethnische Interpretation frühpiastischer Bestattungen mit Waffenbeigabe in der  deutschen und polnischen Archäologie. [Studien zur Ostmitteleuropa-Forschung 26] Verlag Herder-Institut Marburg 2012 [Diss. 2010, Universität Freiburg] (pdf)
  13. Duczko, Władysław: Viking Rus. Studies on the presence of Scandinavians in Eastern Europe, kolekcja History, seria The Northern World, Bd. 12. Brill, Leiden, Boston 2004 (praca habilitacyjna) (GB)
  14. Martin M.: Reiches wikingerzeitliches Gräberfeld in Polen, 21. Dezember 2011, http://www.nornirsaett.de/ratselhaftes-wikingerzeitliches-graber-in-polen/
  15. Chudziak, Wojciech: Remarks on particular material traces of Scandinavian culture in Pomerania. In: Scandinavian Culture in Medieval Poland, ed. S. Moździoch, B. Stanisławski, P. Wiszewski, Reihe Interdisciplinary Medieval Studies t. II, Wrocław 2013 (Academia
  16. Buko, Andrzej: Vortrag in polnischer Sprache über Bodzia: Elity społeczne państwa pierwszych Piastów? (przykład odkryć na cmentarzysku w Bodzi k. Włocławka). Mai 2013, https://youtu.be/NGq3tF4Xt5g
  17. Duczko, Władysław: Status and Magic. Ornaments used by the Bodzia Elites, w: Bodzia. A Late Viking-Age Elite Cemetery in Central Poland, wyd. Brill, Leiden–Boston 2015
  18. Wikingerpark auf der Insel Wolin in Polen - am Ufer der Dziwna. Ein Travelnetto-Video, 02.09.2016, https://youtu.be/8dgmq-HMSy8
  19. The genetic landscape of Scotland and the Isles. Edmund Gilbert (...) Gianpiero L. Cavalleri, James F. Wilson. In: Proceedings of the National Academy of Sciences Sep 2019, 201904761; DOI: 10.1073/pnas.1904761116
  20. Vikings in Medieval Russia. By Natalia Grigoreva and Vyacheslav Moiseyev / Gnezdovo, Russia. By Tamara Pushkina and Alexandra Buzhilova. Im Anhang 1 von (1) (pdf)
  21. Graichen, Gisela: Die Schatzinsel der Wikinger. Reihe: Schliemanns Erben. ZDF 2003. Auf: mwiemeikel22, 07.04.2013, https://youtu.be/geUY3utqSpI  [tolle Dokumentation zu Bornholm, Ladoga-See und anderen Ausgrabungen in Rußland]
  22. In The Footsteps of Rurik. A guide to the Viking History of Northwest Russia. By Dan Carlsson and Adrian Selin. Books on Demand, Norderstedt 2012 (Academia
  23. Ancient genome-wide analyses infer kinship structure in an Early Medieval Alemannic graveyard  By Niall O’Sullivan, Cosimo Posth, Valentina Coia, Verena J. Schuenemann, T. Douglas Price, Joachim Wahl, Ron Pinhasi, Albert Zink, Johannes Krause, Frank Maixner. In:  Science Advances, 05 Sep 2018, https://advances.sciencemag.org/content/4/9/eaao1262
  24. The genetic landscape of Scotland and the Isles. Edmund Gilbert, Seamus O’Reilly (...) Gianpiero L. Cavalleri, James F. Wilson. In: Proceedings of the National Academy of Sciences Sep 2019, 116 (38) 19064-19070; DOI: 10.1073/pnas.1904761116
  25. Szymon Zdziebłowski: Four Warriors Buried in 11th Century Tombs in Pomerania Came From Scandinavia, say Scientists. 21.01.2020, http://scienceinpoland.pap.pl/en/news/news%2C80395%2Cfour-warriors-buried-11th-century-tombs-pomerania-came-scandinavia-say-scientists; auch: https://www.archaeology.org/news/8372-200122-poland-chamber-tombs
  26. Schmidt, August: Das Gräberfeld von Warmhof bei Mewe, Reg-Bez. Marienwerder [W.-Pr.]. Zeitschrift für Ethnologie 34. Jahrg. 1902, pp. 97-153
  27. Douglas Price, T., Peets, J., Allmäe, R., Maldre, L., & Price, N. (2020). Human remains, context, and place of origin for the Salme, Estonia, boat burials. Journal of Anthropological Archaeology, 58, 101149. doi:10.1016/j.jaa.2020.101149
  28. Scherzler, Diana: Newsletter der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF), 14.10.2020, https://dguf.de/newsletter/index.php/newsletter-archiv/listid-1/mailid-103-dguf-newsletter-vom-14-10-2020
  29. Vonderach, Andreas: The Anthropological Features of the East German Nobility. In: Mankind Quarterly, 1.6.2018, http://www.mankindquarterly.org/archive/issue/58-4/6 (Academia)
  30. Mühle, Eduard: Genese und frühe Entwicklung des Adels in polnischer Sicht. In: ders. (Hrsg.) Studien zum Adel im mittelalterlichen Polen. Harassowitz-Verlag, Wiesbaden 2012 (pdf)
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