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Sonntag, 26. Dezember 2021

Die Völkergruppe der "Italo-Kelten" - Nachkommen der Glockenbecherkultur

Indogermanen und Kelten kommen nach England (2.400 v. bis 450 n. Ztr.)
- Neues aus der Archäogenetik: Die keltische Urnenfelder-Kultur und spätere Kelten und ihre Ausbreitung

Eine neue archäogenetische Studie zur Bronze- und Eisenzeit Englands, erschienen am 22. Dezember 2021 (1),  läßt viele Fragen der europäischen Vorgeschichte zwischen Italien, Spanien und Schottland neu durchdenken. Sie liefert ein konkreteres Datenmaterial als wir es jemals hatten.

Abb. 1: Bronzehelm aus der Villanova-Kultur in Mittelitalien, 9. Jhdt. v. Ztr. (Wiki)

Auch Fragen der historischen Sprachwissenschaft, die schon seit Wilhelm von Humboldt erörtert werden, erhalten durch die neuen archäogenetischen Ergebnisse eine neue Beleuchtung. Da allmählich Vergleiche zwischen verschiedenen Regionen Europas möglich werden, soll ein solcher im folgenden vorgenommen werden.

Sprachgeschichte im Vergleich: Spanien, Irland, England und Italien

Viele Länder Europas - wie Spanien, Irland und England - sind, was ihre Vorgeschichte betrifft, insofern vergleichbar, als sie zu ähnlichen Zeiten 

  • einerseits von den Indogermanen der Glockenbecher-Kultur besiedelt worden sind (ab. 2.350 v. Ztr.) und als es in ihnen
  • andererseits auch eine zweite Besiedlungswelle gegeben hat, nämlich durch die Einwanderung keltischer Stämme (spätestens ab etwa 800 v. Ztr.). 

[Einfügung, 18.4.22] Die zweite Besiedlungswelle ging insbesondere von der Urnenfelder-Kultur (Wiki) aus, die sich - ab 2000 v. Ztr. - vom zentralen Ungarn her ausbreitete (16). Die Forschung nimmt mehrheitlich an, daß sich mit ihr die nachmaligen Italiker, Iberer, Ligurer und Kelten ausbreiteten. (Allerdings könnten diese sich - siehe unten - auch schon mit der Glockenbecher-Kultur ausgebreitet haben.) Ab 1900 v. Ztr. sei die Urnenfelder-Kultur im nordöstlichen Serbien südlich des Eisernen Tores anzutreffen. Während des darauffolgenden Zusammenbruchs des Tell-Systems um 1500 v. Ztr. breitete sich das Urnenfelder-Modell in einige weitere Regionen aus, in die südliche Poebene, auch in die Sava/Drava- und Untere Tisza-Ebene. In vielen dazwischenliegenden Regionen (etwa im Alpenraum) hat es lange keinerlei Urnenfelder-Kultur gegeben oder aber hybride Kulturen mit weniger radikaler Übernahme der Urnenfelder-Kultur-Elemente (etwa in der nördlichen Po-Ebene) (16). [Ende Einfügung]

Genetisch war es in den Länder Spanien, Irland und England schon ab 2.350 v. Ztr., also im Zuge der ersten Ausbreitungswelle zu einem fast 100%igen Umbruch und Austausch gekommen. Auch bei den heutigen Basken kam es - zumindest in männlicher Linie - zu einem 100%igen genetischen Umbruch. Dennoch hat sich das Baskische dort als vor-indogermanische Sprache bis heute erhalten. Wie aber verhielt es sich mit solchen älteren Sprachen andernorts? Übernahmen die Glockenbecher-Leute auch andernorts in Spanien, sowie in Irland oder in England die Sprache der dort vormals lebenden einheimischen Menschen oder brachten sie mit ihrer neuen Genetik auch ihre neue Sprache mit? Und welche Sprache wäre das gewesen? Und wie wären diese Sprachen dann durch die Sprachen der zweiten Ausbreitungswelle abgelöst worden?

Italien

Diese Frage kann bislang nur für Italien einigermaßen überzeugend beantwortet werden, da es hier keine größere Ansiedlung keltischer Stämme gegeben hat, die die Verhältnisse durcheinander gebracht hätten. Für Italien scheinen die Verhältnisse einigermaßen klar zu sein. Ab 2.500 v. Ztr. kam die Glockenbecher-Kultur nach Italien und brachte dort in die nachfolgenden Generationen 20 bis 40 % Steppengenetik ein. Es gab keinen völligen genetischen Austausch wie etwa zeitgleich in Spanien, Irland oder England. Dennoch gab es in Italien bis zu seiner Eroberung durch die Römer eine Fülle von italischen, sprich indogermanischen Sprachen (Wiki). Da es dann in Italien - wie gesagt - nie eine so ausgeprägte nachmalige Zuwanderung von Kelten gegeben hat wie das für England, Spanien oder Irland gilt, scheint auch klar, daß all diese noch in der Römerzeit bestehenden indogermanischen, italischen Sprachen mit den ersten Indogermanen, also mit der Glockenbecherkultur nach Italien gekommen sind. Lediglich bei dem Messapischen (Wiki, engl), das im Stiefelabsatz Italiens von den Dauniern und zwei anderen Stämmen gesprochen wurde, könnte es sich um eine etwas entferntere indogermanische Sprache handeln, nämlich um eine illyrische Sprache, da sich diese Stämme von der anderen Seite der Adria aus nach Apulien ausgebreitet haben könnten (6).

Die in Norditalien und im Alpenraum beheimateten großen Völker der Etrusker und Räter haben ihre vorindogermanische Sprache während der Vermischung mit den Glockenbecher-Leuten ebenso wie die Basken behalten. (Dort lebten um 3.300 v. Ztr. auch genetisch noch sehr urtümliche Bevölkerungen wie die Genetik des "Ötzi" aufzeigt, der immer noch die Genetik der ersten Bauern Europas aus dem Frühneolithikum aufwies.) Es handelt sich bei ihnen um zwei im Italien der Bronze- und Eisenzeit weit verbreitete nicht-indogermanische Sprachen. Dennoch trugen die Etrusker (und sicherlich ebenso die Räter nachmals) in gleichem Maße einen indogermanischen genetischen Herkunftsanteil in sich - ebenso wie die Basken. 

Natürlich wäre auch noch zu klären, wie sich in all das die Ausbreitung der Urnenfelder-Kultur nach Norditalien hinein einfügt.

Irland

Der Archäogenetiker David Reich soll vorgeschlagen haben, daß schon die Glockenbecher-Kultur die keltische Sprache auch nach England und Irland gebracht haben könnte (Wiki). So wie auch in Italien. Wie zu vielen indogermanischen Sprachen (Wiki) werden auch zur inselkeltischen Sprache vorindogermanische Substrat-Hypothesen (Wiki) erörtert, wobei viele historische Möglichkeiten erörtert werden. Auf keine derselben kann sich die Forschung bislang einigen. Deshalb wird die genannte These von David Reich als eine eher willkürliche Annahme erachtet werden müssen. Von vielen Sprachwissenschaftlern wird die keltische Sprache der Iren auf die Zuwanderung von Galliern zurück geführt, da die Verwandtschaft mit der Sprache der Gallier auf dem Festland sehr nahe sei (Wiki):

Die älteste geschriebene goidelische Sprache ist das ursprünglichste Irisch, was bezeugt ist in den Ogham-Inschriften aus dem 4. Jahrhundert. Die Formen dieser Sprache sind sehr nahe verwandt, oft identisch mit Formen des Gallischen, das überliefert ist aus der Zeit vor und während des Römischen Reiches.
The oldest written Goidelic language is Primitive Irish, which is attested in Ogham inscriptions from about the 4th century. The forms of this speech are very close, and often identical, to the forms of Gaulish recorded before and during the time of the Roman Empire. 

Natürlich würde dieser Umstand weder ausschließen, daß es vorkeltische indogermanischen Sprachen wie auch vorkeltische nicht-indogermanische Sprachen auf Irland gegeben hat (Wiki). Es würde nur bedeutend, daß das erste, durch Schriftüberlieferung bekannt gewordene Inselkeltische durch die keltischen Zuwanderungen der Eisenzeit nach Irland gebracht worden ist, womöglich sogar erst durch die letzte dieser Zuwanderungen (Wiki):

Die traditionelle Sichtweise ist die, daß die keltische Sprache, das Ogham-Schriftzeugnis und seine Kultur durch Wellen von Kelten von Festland-Europa aus nach Irland gebracht worden sind. (...) Diese Theorie sagt, daß es vier unterschiedliche keltische Einwanderungen nach Irland gab. Es wird gesagt, daß die Priteni die ersten gewesen seien, gefolgt von den Belgern aus dem nördlichen Gallien und aus Britannien. Später seien Laighin-Stämme von Aromorica aus (aus der heutigen Bretagne) nach Irland und Britannien mehr oder weniger gleichzeitig eingewandert. Und schließlich hätten Milesier (Gallier) Irland vom nördlichen Spanien aus oder vom südlichen Gallien aus erreicht.
The long-standing traditional view is that the Celtic language, Ogham script and culture were brought to Ireland by waves of invading or migrating Celts from mainland Europe. This theory draws on the Lebor Gabála Érenn, a medieval Christian pseudo-history of Ireland, along with the presence of Celtic culture, language and artifacts found in Ireland such as Celtic bronze spears, shields, torcs and other finely crafted Celtic associated possessions. The theory holds that there were four separate Celtic invasions of Ireland. The Priteni were said to be the first, followed by the Belgae from northern Gaul and Britain. Later, Laighin tribes from Armorica (present-day Brittany) were said to have invaded Ireland and Britain more or less simultaneously. Lastly, the Milesians (Gaels) were said to have reached Ireland from either northern Iberia or southern Gaul. It was claimed that a second wave named the Euerni, belonging to the Belgae people of northern Gaul, began arriving about the sixth century BC. They were said to have given their name to the island.

Soweit also zunächst zu den britischen Inseln, wo die Sprachgeschichte in der Bronzezeit noch die größten Unsicherheiten aufweist.

Spanien

Als die Römer nach Spanien kamen, fanden sie dort eine bemerkenswerte Sprachvielfalt vor, eigentlich ähnlich wie es sie zuvor auch in Italien gegeben hatte. Für Spanien wird diese Sprachvielfalt als "Paläohispanisch" (Wiki) bezeichnet und von einem eigenen Forschungszweig erforscht, der schon auf Wilhelm von Humboldt zurückgeht. Die Römer fanden das Baskische vor, das eindeutig vorindogermanischen Ursprungs ist. Sie fanden außerdem keltoiberische Sprachen vor, vor allem im Nordwesten des Landes, die sehr eindeutig auf die Zuwanderung der Kelten zurück geführt werden können. Sie fanden im Südwesten Spaniens das Tartessische (Wiki, engl) vor, das aufgrund der wenigen bisherigen Schriftzeugnisse noch keiner großen Sprachfamilie zugeordnet werden kann.

Abb. 2: Die Waffenkammer eines keltischen Fürsten - Das Arsenal, das sich in Bronze- und Eisenzeit überall in Europa findet - Hier im Nationalmuseum von Irland (Symbolbild)  

Sie fanden im Bereich der heutigen Grenze zwischen Spanien und Portugal eine lusitanische Sprache (Wiki, engl) vor, die in wenigen Schriftfunden aus römischer Zeit überliefert ist. Es handelt sich zwar klar um eine indogermanische Sprache, aber für die Sprachwissenschaftler ist es - zumindest auf den ersten Blick - nicht gleich als eine keltische Sprache zu erkennen. Manche sehen Verwandtschaft der lusitanischen Sprache mit der ligurischen Sprache in Italien, bei der ebenfalls unklar ist, ob sie keltischen oder vorkeltischen Ursprungs ist (Wiki):

Sie gründen ihre Ergebnisse auf Parallelen in den Namen von Gottheiten und in einigen Wortähnlichkeiten (z.B. die Ähnlichkeit des umbrischen gomia und des lusitanischen comaiam), sowie auf einige grammatische Eigenschaften.
They base their finding on parallels in the names of deities and some lexical items (e.g., the similarity of Umbrian gomia and Lusitanian comaiam), and some grammatical elements.

Das wäre natürlich eine bestechende Theorie, würde man doch mit ihr einen winzigen Einblick erhalten in die Sprache der Glockenbecher-Kultur. In einer oft benutzten Verbreitungskarte paläohispanischer Sprachen, die wir auch hier auf dem Blog in früheren Beiträgen nutzten, heißt es zum Lusitanischen: "Indo-european (pre-Celtic)". Womöglich ist aber bezüglich dieser Einordnung auch nur der Wunsch der Vater des Gedankens. Zu dem Thema werden von den Forschern noch sehr unterschiedliche andere Theorien vorgeschlagen, nach denen es sich etwa im Wesentlichen dann doch um eine im weiteren Sinne keltische Sprache handeln würde (Wiki).

/ Einfügung 10.5.25: Inzwischen haben wir hier auf dem Blog Hinweise zusammen getragen dafür, daß es die Menschen der Aunjetitzer Kultur gewesen sein könnten, die das Ligurische ab 1800 v. Ztr. nach Italien gebracht haben (Stg25). Ob es auch Hinweise geben könnte dafür, daß es Menschen der Aunjetitzer Kultur waren, die das Lusitanische auf die iberische Halbinsel gebracht haben? /

Dann fanden die Römer im ganzen, der Mittelmeerküste zugewandten Gebiet Spaniens sogenannte iberische Sprachen (Wiki, engl) vor. Die Zuordnung zu einer Sprachfamilie ist bezüglich des Iberischen in keiner Weise gesichert. Eine Theorie zur Herkunft der iberischen Sprachen ist, daß sie mit der keltischen Urnenfelder-Wanderung nach Spanien gekommen ist,  andere sehen eine Verwandtschaft mit Berbersprachen in Nordafrika, wiederum andere Verwandtschaft mit dem Baskischen.

Welche Sprachen also die Glockenbecher-Leute nach England und Spanien brachten bleibt größtenteils Spekulation - ganz im Gegensatz zu dem Erkenntnisstand bezüglich Italiens.

Frankreich, Süddeutschland

Die Kelten in Frankreich und am Rhein sprachen in der Eisenzeit das Gallische (Wiki):

Das Gallische wie auch das Lepontische und das Galatische steht von den inselkeltischen Sprachen der britannischen Gruppe nahe.

Das Galatische wurde von einem keltischen Volksstamm gesprochen, der bis nach Anatolien ausgewandert war (Galater). In ähnlichem Verwandtschaftsverhältnis steht das Gallische übrigens auch zu den keltoiberischen Sprachen.

Wenn es also eine Italo-Keltische Sprachgemeinschaft (Wiki, engl) gegeben hat, die offenbar von nicht wenigen Sprachhistoriker für möglich gehalten wird, dann muß sie in die Zeit vor 2.500 v. Ztr. datiert werden und räumlich in den Raum nördlich der Alpen verortet werden in die dortige Zeit der Glockenbecher-Kultur. Wenn wir stattdessen lesen, sie ... (Wiki)

.... wurde vermutlich in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends vor Christus im heutigen Süddeutschland, Böhmen und Österreich gesprochen,

dann ist diese chronologische Einordnung zumindest mißverständlich. Zu jenem Zeitpunkt hatten sich ja die italischen Sprachen schon längst von den keltischen getrennt und nach Italien ausgebreitet mit der Ausbreitung der Glockenbecher-Kultur. 

Erste Überlegungen zu der Theorie einer Italo-Keltischen Sprachgemeinschaft gehen auf Carl Friedrich Lottner (1834-1873) (Wiki) aus dem Jahr 1861 zurück. Der Berliner Lottner war ein Schüler von Jacob Grimm und scheint sich bezüglich seines Arbeitsfleißes seinen Lehrer zum Vorbild genommen zu haben (Wiki):

Sein Leben war fast gänzlich seiner wissenschaftlichen Arbeit gewidmet. Sein spezielles Interesse galt den zahlreichen indoeuropäischen Sprachen. Aber auch Keilinschriften und afrikanischen und asiatischen Sprachen galt seine Aufmerksamkeit.  Er formulierte im Jahre 1861 die Hypothese einer näheren Verwandtschaft der italo-keltischen Sprachgruppe innerhalb des (hypothetischen) Proto-Indoeuropäisch (PIE).

Und (Dt. Biogr):

Er führte ein einsames Leben und widmete sich zumindest in den letzten Lebensjahren nahezu ausschließlich seiner wissenschaftlichen Arbeit. Seine Zeitgenossen rühmten an ihm die Weite und Vielseitigkeit seines Forschungsinteresses. 

Wenn die Glockenbecher-Leute diese Italo-Keltische Sprachgemeinschaft repräsentiert hätten, könnte man den Schnurkeramikern die germanischen Sprachen zuordnen. Der Frage, wie viel Sinn das macht, soll aber an dieser Stelle nicht weiter nachgegangen werden. 

/ Nachtrag 11.7.24: Diese Annahme scheint sich von Seiten der Archäogenetik im Wesentlichen bestätigt zu haben (Stgen2024). /

Zwischen-Resümee

Insgesamt drängt es sich fast auf, daß es - aufgrund der Keltischen Wanderungen - in der Bronze- und Eisenzeit Englands und Irlands mehr ethnische und damit genetische Veränderungen gegeben haben könnte als in Spanien und daß es in Spanien mehr ethnische und genetische Veränderungen gegeben haben könnte als in diesen Jahrtausenden in Italien. Dieser Befund erstaunt im Grunde. Und es schließt sich die Frage an: Warum ist der ungarische Raum, der süddeutsche Raum und der Raum nördlich der Alpen ein großes Unruhezentrum in der Spätbronze- und Eisenzeit, das sich in beträchtlichem Ausmaß bis nach England, Irland und Spanien, ja bis nach Anatolien auswirkt, während man zu gleicher Zeit eher von kultureller und genetischer Stabilität in Italien sprechen kann?

Zusammenfassend kann also einstweilen gesagt werden: In Italien hat es von 2.500 v. Ztr. bis etwa 0 v./n. Ztr. Königreiche mit großen Völkern nicht-indogermanischer Sprache (Räter und Etrusker) neben Königreichen mit großen Völkern indogermanischer Sprache (Italiker) gegeben. Alle diese Völker trugen 20 bis 40 Prozent indogermanische Genetik in sich. 

Schon für Spanien sind diese Dinge weniger übersichtlich. Hier hat es von 2.500 v. Ztr. bis etwa 0 v./n. Ztr. Königreiche mit großen Völkern nichtindogermanischer Sprache gegeben (Basken, Iberer, evtl. auch andere Stämme) neben Königreichen mit großen Völkern iberokeltischer Sprache (Iberokelten, verwandt mit den Galliern). Außerdem gibt es - nach einigen Sprachhistorikern - hier den Verdacht auf das Fortbestehen vorkeltischer indogermanischer Sprachen (Lusitanisch), ein Geschehen, das für Italien ja eher den Normalfall darstellt.

Für Irland und Britannien ist die Faktenlagen noch unübersichtlicher. Aber höchstwahrscheinlich sind jene keltischen Sprachen, die um 0 v./n. Ztr. auf den britischen Inseln gesprochen worden sind, erst wenige Jahrhunderte zuvor von Gallien aus herüber gekommen.

Das heißt: Obwohl es in Spanien mit der Ankunft der Glockenbecher-Kultur - im Gegensatz zu Italien - einen fast 100%igen genetischen Austausch gegeben hat, sprachen die Menschen an Spaniens Mittelmeerküste bei Ankunft der Römer iberische Sprachen, die höchstwahrscheinlich keine indogermanischen Sprachen waren. Soweit ein Vergleich von Spanien mit den britischen Inseln und Italien aus Sicht der Sprachgeschichte. 

Nun zu Indogermanen, Urnenfelder-Kultur und Kelten auf den britischen Inseln.

Die keltischen Britonen (2.400 v. bis 450 n. Ztr.)

Bis zu dem Zeitpunkt als die Angelsachsen um 450 n. Ztr. kamen, lebten in England die keltischen Britonen (Wiki). Sie sprachen britannische Sprachen als Untergruppe des Keltischen, bzw. Gallischen. Wie schon ausgeführt, ist nicht klar, wann und wie die keltische Sprache und Kultur nach England kam. Es könnte das in der Hallstatt- und/oder Latene-Zeit geschehen sein, es könnte das schon um 1200 v. Ztr. mit der Urnenfelder-Kultur geschehen sein, es könnte das aber auch schon - wie in Italien - mit der ersten Zuwanderung der indogermanischen Glockenbecher-Kultur um 2.400 v. Ztr. geschehen sein. Oder es könnte sich um eine Kombination aus allen vier genannten Vorgängen handeln. Sicher ist, daß es große genetische Kontinuität von den Glockenbecher-Leuten an bis zur Zuwanderung der germanischen Angelsachsen um 450 n. Ztr. in England gegeben hat. Aber es sind immer wieder auch Menschen in England eingewandert mit einer kontinental-europäischen genetischen Signatur. Das wird weiter unten nach neuesten Forschungsergebnissen (1) noch weiter ausgeführt. 

Abb. 3: Die Kreidefelsen an der Südküste Englands ("Sieben Schwestern") - Hier hundert Kilometer südwestlich von Dover (Herkunft: Wikip.)

Die Menschen des bronzezeitlichen und eisenzeitlichen England haben an der allgemeinen Kulturentwicklung in Europa rege teilgenommen, so daß ein genauerer Blick nach England auch den Blick für die bronze- und eisenzeitliche Kulturentwicklung in Mitteleuropa schärfen kann - ebenso umgekehrt.

Während wir etwa mit der Lausitzer Kultur und ihren reichen Bronzewaffen und Goldfunden die Ausbreitung von spätbronzezeitlichen Wallanlagen vom heutigen Schlesien aus bis an die Ostsee beobachten können (7) - einschließlich der Wallanlagen in der Nähe des Königsgrabes von Seddin (Schwedenschanze bei Horst), in der Nähe des Neuruppiner Sees (Weilickenberg bei Boltenmühle) oder an einer Seenenge bei Potsdam (Schwedenschanze) (7) - sehen wir zugleich Entwicklungen rund um die berühmten "Hillforts" in England (Wiki). Beide Erscheinungen dürften sicherlich viel Licht aufeinander werfen. Sie gehen parallel zu den spätbronzezeitlichen und keltischen Höhenburgen in Süd- und Mitteldeutschland (8). / 10.5.25: Insgesamt dürften alle genannten Erscheinungen inzwischen auf die Ausbreitung der Urnenfelder-Kultur, besser Goldhut-Kultur zurück geführt werden können (Stg25). /

Es ist das jene Zeit, in der die Menschen im mittleren und nördlichen Europa noch hellhäutiger werden, und in der sie im Baltikum, auf den britischen Inseln und in Skandinavien aufgrund von Selektion fähig werden, als Erwachsene Rohmilch verdauen zu können (1) (siehe unten).

Im Jahr 2016 hat eine archäogenetische Studie zehn Individuen im östlichen England aus der Zeit zwischen Eisenzeit und Mittelalter untersucht und kam zu dem Ergebnis, daß die heutigen Menschen im östlichen England genetisch zu etwa 39 % von den Angelsachsen abstammen. Damit hätten die Angelsachsen im südlichen und mittleren England eine beachtliche genetische Umwälzung mit sich gebracht (9), die sich auch in den Y-Chromosmen widerspiegelt (1) (siehe unten). 

Aber diese angelsächsische Zuwanderung war ja nur die letzte von vielen vorhergehenden.

Die Bronzezeit - ein europäisches Phänomen

/ Nachtrag (11.7.24): Immer mehr kann die Völkergruppe der "Italo-Kelten", das heißt, die Völkergruppe der Nachkommen der Glockenbecher-Kultur in Europa als ein einheitliches kulturelles (und auch genetisches) Phänomen erkannt werden. Wir verstehen nun auch, daß es diese Völkergruppe vor allem war, die die Bronzezeitliche Stadtgeschichte Mitteleuropas hervorgebracht und getragen hat. Auf dieses Thema ist Forschung erst seit etwa 2010 aufmerksam geworden. Und wir haben seit diesem Jahr eine ganze Blogartikel-Serie zu diesem Thema erarbeitet (s. BronzezeitlStadt; Auftakt-Artikel: Stgen2010). Ihr ist auch die Kultur der Goldhüte zuzuordnen (Stgen2011). 

Und als ein weiteres kulturelles Merkmal dieser Völkergruppe kann auf die eindrucksvollen Kammhelme aufmerksam gemacht werden, die von den Griechen vor Troja und von den Trojanern selbst um 1200 v. Ztr. getragen worden sind, aber ebenso von den Etruskern (Wiki) und Italikern (Abb. 3) und die ebenso auch in Süddeutschland und auch bis hinauf an die Weser verbreitet waren (Stugen2007). /

Auf dem Videokanal von Jonas Hopf ist kürzlich ein Interview geführt worden mit dem Archäologen Raiko Krauß (geb. 1973) (Wiki) (Berlin/Tübringen). Darin wird auf eine interessante Erkenntnis des Archäologen Bernhard Hänsel aufmerksam gemacht, die England als Ausgangspunkt von Kernmerkmalen der europäischen Bronzezeit benennt (2) (42:15):

Hinzu kommt noch, daß die Bronzezeit eine Epoche ist, die wir gar nicht weltweit vertreten haben. Mein Doktorvater Bernhard Hänsel (...), der hatte mal eine große Tagung organisiert "Die erste europäische Epoche". Und tatsächlich ist das ein ganz europäisches Phänomen. Wir haben keine Bronzezeit in den Amerikas, wir haben eine Bronzezeit tatsächlich nur im Norden Afrikas. Also in den Gegenden südlich der Sahara haben wir diese Kulturstufe nicht. Und in weiten Teilen Asiens fällt das auch aus. Da haben wir einen Umgang mit Kupfer und mit Gold. Aber wir haben keine Bronze im eigentlichen Sinne. Jedenfalls nicht in der Zeit, die wir hier in Mitteleuropa oder in Europa als Bronzezeit bezeichnen. Insofern ist die Bronzezeit zunächst einmal eine europäische Periode. (...) Ein entscheidendes Merkmal dieser Bronze ist sicherlich auch, daß sie im frisch gegossenen Zustand so golden glänzt. Und das ist vielleicht sogar die initiale Idee dieser Verwendung von Bronze, daß man diesen goldenen Glanz erzielen wollte. (...) Nach allem, was wir wissen, fängt das in Südwest-England an, in Cornwall. Da haben wir große Zinnlagerstätten und auch Kupferlagerstätten, da ist das naheliegend, daß man diese beiden Metalle zusammen in Schmelze bringt. Und von dort aus breitet sich das über den Kontinent aus.

England ist also keineswegs nur eine randständige Region, wenn es um die allgemeine Vorgeschichte Europas geht. Deshalb wird es auch kein Zufall sein, daß es zwar über ganz Europa hinweg "Volkssternwarten", also Ringheiligtümer gab, daß das eindrucksvollste aber bis heute in Stonehenge zu besichtigen ist. 

Abb. 4: Ausbreitung der Bronze innerhalb von Europa (aus: 17)

Nachtrag 10.5.25: In einer neuen Studie lesen wir zur Erläuterung von Abb. 4 (17):

Ab dem späten dritten Jahrtausend v. Ztr. gibt es Hinweise auf den Abbau einiger Zinnvorkommen in Zentralasien (Garner 2013; Berger et al. 2023b). Um 2200 v. Ztr. machte Zinnbronze neben Arsenkupfer in mehreren, aber nicht allen Regionen Westasiens einen erheblichen Anteil (bis zu 50 %) der ausgegrabenen Metallarbeiten aus (Pernicka und Hänsel 1998). Im Gegensatz dazu bestehen in Europa um 2200 v. Chr. nur sehr wenige Metallartefakte aus Zinnbronze (typischerweise mit niedrigen Zinngehalten <5 %), und diese werden nach Westen hin noch seltener (Rahmstorf 2017). Arsenkupferlegierungen sind in Europa, Nordafrika sowie West- und Zentralasien weiterhin weit verbreitet (Roberts & Thornton 2014). Ein bemerkenswerter Wandel ereignete sich jedoch um 2200–2100 v. Ztr., als Großbritannien als erste Region Europas die gesamte Metallverarbeitung von (Arsenkupfer) auf reine Zinnbronze (typischerweise 10 % Zinn) umstellte. Diese vollständige Übernahme bzw. „Bronzisierung“ erfolgte anschließend um 1800 v. Ztr. in ganz Skandinavien und Mitteleuropa und schließlich um 1500/1300 v. Ztr. in Südiberien, der Ägäis und Ägypten (Pare Reference Pare2000) (Abbildung 2).

Wenn allerdings Bronze zunächst nur "nachgemachtes" Gold war, dann stellt sich natürlich auch die Frage nach dem "Original".

Irland - Ein Zentrum der Goldverarbeitung

Aus der Zeit zwischen 2.500 bis 500 v. Ztr. sind aus Irland 1000 Goldfundstücke überliefert, aus England 500 (davon 165, respektive 83 aus der Frühbronzezeit) (Wiki). Interessanterweise lag also das - oder zumindest ein - Zentrum der europäischen Goldverarbeitung in - Irland. Goldfunde verteilen sich ansonsten aber über ganz Europa und über fast alle Jahrhunderte der Bronze- und Eisenzeit. Aber vielleicht lassen sich auch bezüglich dieser Fundgruppe noch interessante Verbreitungsmuster feststellen.

Unter Berücksichtigung dieser Einsichten fühlt man sich daran erinnert, daß manche Forscher das sagenumwobene "Atlantis" in England gesucht haben. Erzählt Platon nicht davon, daß die Häuser in Atlantis mit goldenen Schindeln bedeckt waren (Wiki)? Natürlich käme die bronze- und waffenreiche Region der Nordischen Bronzezeit ganz ebenso infrage. Als solche ist sie ja unter anderem von Kristian Kristiansen herausgestellt wurde als "Außenstelle Mykenes" (3).

Nun scheint der Beitrag, auf den sich Krauß bei den zitierten Ausführungen bezieht (4), online nicht zu finden zu sein. Es fällt in diesem Zusammenhang natürlich nur allzu deutlich auf, daß die Bronzezeit beginnt, nachdem sich die Steppen-Genetik über ganz Europa, bzw. über viele Teile Mittel- und Nordeuropas verbreitet hatte. Womöglich wird man sie also nicht nur als eine typisch "europäische Epoche" bezeichnen können, sondern geradezu auch als eine typisch "indogermanische".

Erinnert sei auch noch daran, daß im Schottland der Frühen Bronzezeit sorgfältig ausgewählte Bronze-Gegenstände an auffallenden Orten innerhalb der Landschaft als Weihgaben für die Gottheit niedergelegt worden sind (5). Mehr als die Hälfte dieser Orte hatten direkte Sicht auf den Punkt des Sonnenaufgangs oder Sonnenuntergangs zur Winter- oder Sommersonnenwende (5). Zwar finden sich ein ähnliches Empfinden für die Ästhetik der Landschaft auch in anderen Regionen Europas während der Bronzezeit. Aber in Schottland ist das den Archäologen womöglich besonders deutlich aufgefallen (5). Hier deutet sich jene indogermanische Verehrung der Göttin der Morgenröte an, die kulturell bis hinüber nach Indien gut bezeugt ist und noch im 18. Jahrhundert von europäischen Malern gerne gemalcht worden ist (5).

Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte, und auch nach England hinüber schwappte (1200 v. Ztr.)

Indem man sich mit der genannten neuen Studie (1) beschäftigt, kommt man auch dazu, sich mit einem Umstand vertraut zu machen, der einem bislang ganz entgangen war. Vor zwei Jahren hatten wir zwar hier auf dem Blog (anhand eines spannenden Aufsatzes des dänisch-schwedischen Archäologen Kristian Kristiansen) den Aufsatz veröffentlicht "Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte (1200 v. Ztr.)" (3). Dabei war uns aber noch gar nicht bewußt gewesen, was auf dem deutschen Wikipedia bislang nur mit einem einzigen Satz benannt ist, was man deshalb auch so isoliert für sich genommen zunächst gar nicht ganz ernst nehmen will. Dieser Satz lautet in derzeitiger Fassung (Wiki):

Es wurde nachgewiesen, daß im 12. Jahrhundert v. Ztr. eine Invasion oder eine Masseneinwanderung nach Südengland stattgefunden haben muß.

Das heißt, "Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte", muß noch um eine zusätzliche Dimension erweitert werden. Da man diesen Satz - so isoliert wie er da steht - für eine maßlose, undifferenzierte Übertreibung halten muß, seien zu diesem Sachverhalt noch die differenzierteren Ausführungen des englischen Wikipedia angeführt (Wiki):

Es gibt Hinweise auf einen Bruch in der kulturellen Entwicklung, von denen einige Gelehrte annehmen, daß er eine Invasion nahelegt (oder zumindest eine Ausbreitungsbewegung) in das südliche England um 1200 v. Ztr.. Dieser Bruch ist auch weit jenseits von England und sogar jenseits von Europa beobachtet worden, da die meisten Großreiche des Nahen Ostens zusammenbrachen (oder ernsthafte Schwierigkeiten erlebten) und die Seevölker um diese Zeit den gesamten Mittelmeer-Raum verheerten. Leichenverbrennung wurde als Grabbrauch (in England) angenommen. (...) Nach John T. Koch und anderen entwickelten sich die keltischen Sprachen während dieser spätbronzezeitlichen Epoche in einem intensiven, durch Handel verbundenen kulturellen Netzwerk, das die "Atlantische Bronzezeit" genannt wird (...). Dies steht aber in Gegensatz zu der im allgemeinen eher akzeptierten Sichtweise, daß die keltischen Ursprünge innerhalb der Hallstatt-Kultur liegen.
There is evidence of a relatively large-scale disruption of cultural patterns which some scholars think may indicate an invasion (or at least a migration) into Southern Great Britain around the 12th century BC. This disruption was felt far beyond Britain, even beyond Europe, as most of the great Near Eastern empires collapsed (or experienced severe difficulties) and the Sea Peoples harried the entire Mediterranean basin around this time. Cremation was adopted as a burial practice, with cemeteries of urns containing cremated individuals appearing in the archaeological record. According to John T. Koch and others, the Celtic languages developed during this Late Bronze Age period in an intensely trading-networked culture called the Atlantic Bronze Age that included Britain, Ireland, France, Spain and Portugal, but this stands in contrast to the more generally accepted view that Celtic origins lie with the Hallstatt culture. 

John T. Koch scheint für einen sehr spekulativen Denkansatz zu stehen, den wir im folgenden nicht weiter verfolgen wollen. Er scheint uns auch nicht durch die archäogenetischen Erkenntnisse bestätigt worden zu sein. Jedenfalls: Es gibt grundsätzlich drei Annahmen: Die keltischen Sprachen der keltischen Briten kamen um 2.400 v. Ztr. (ebenso wie in Italien) nach England, sie kamen um 1200 v. Ztr. nach England oder auch erst in der Hallstatt-Zeit nach 800 v. Ztr., bzw. noch später. Man darf gespannt sein, wie sich zu diesen Fragen die neuesten archäogenetischen Daten ausnehmen. Sie können die Frage zwar nicht endgültig klären, aber doch manches präzisieren.

Das Archäogenetik-Labor von David Reich und Nick Patterson kann aufgrund der inzwischen erfolgten mengenmäßigen Vervielfachung der Sequenzierungsarbeit in England und auf dem europäischen Festland hinsichtlich archäologisch gewonnener Skelettüberreste neue Daten zu all diesen Fragen beisteuern (1). Dazu muß man aber sehr genau in die Genome schauen, denn man muß kleinere Unterschiede beachten. Es reicht nicht mehr, auf die großen Unterschiede zu achen. Denn ab der Zuwanderung der Indogermanen haben wir es überall in Europa genetisch eigentlich mit vergleichsweise ähnlichen Menschen zu tun.

Vor dem Neolithikum unterschieden sich die europäischen mesolithischen Jäger-Sammler-Urvölker genetisch voneinander so stark, wie wir Europäer uns heute von den Ostasiaten unterscheiden. Im Vergleich dazu sind die genetischen Unterschiede während der Bronzezeit deutlich "eingeebnet". Aber sie sind noch vorhanden und untersuchbar.

3.900 v. Ztr. - Genetischer Umbruch

Während des Mittelneolithikums, das heißt also ab 3.900 v. Ztr. waren die britischen Inseln vom heutigen Frankreich aus von Bauern anatolisch-neolithischer Herkunft besiedelt (10). Diese trugen 20 % westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft in sich und 80 % anatolisch-neolithische Herkunft. Beides brachten sie vom Festland aus mit. (In der Studie und im folgenden wird die anatolisch-neolithische Herkunft "frühe europäische Bauern-Herkunft" genannt.) Die in England einheimischen westeuropäischen Jäger und Sammler starben dort vollständig aus (und/oder wurden ausgerottet) (1) - der erste umfangreiche genetische Umbruch auf den britischen Inseln.

Von diesem Umbruch zu Beginn des Neolithikums war hier auf dem Blog schon verschiedentlich die Rede. (In Deutschland und Frankreich hatte es schon ab 5.700 v. Ztr. mindestens zwei genetische Umbrüche gegeben - am Anfang und am Ende des Frühneolithikums - die die genetische Ausgangssituation schufen für diese Ausbreitung des Neolithikums nach England hinein.)

2.450 v. Ztr. - Genetischer Umbruch

Im Spätneolithikum, um 2.450 v. Ztr. kamen die indogermanischen Glockenbecher-Leute nach England und brachten die seither dort vorherrschende (indogermanische, sogenannte) "Steppengenetik" mit sich. Sie brachten durchschnittlich 29 % frühe europäische Bauern-Herkunft vom Kontinent mit sich. Die auf den britischen Inseln bislang einheimischen Bauern starben zu weit über 90 % genetisch aus (oder wurden ausgerottet). Es war dies der zweite (und bislang letzte) umfangreiche genetische Umbruch auf den britischen Inseln (zumindest was dieses 90%ige Ausmaß betrifft).

Die Indogermanen kommen mit zum Teil nichtindogermanischen Eliten nach England

Der berühmte, bei Stonhenge begrabene Amesbury-Bogenschütze (Wiki), der - nach Strontium-Isotop-Analysen - vermutlich aus der Schweiz oder dem Elsaß stammte, hatte erstaunliche und ungewöhnliche 45 % frühe europäische Bauern-Genetik in sich. Dazu heißt es in der neuen Studie (1):

Die Tatsache, daß der Bogenschützenfürst als Zugezogener zu wenig Steppen-Herkunft in sich trug, um aus der Population zu stammen, die die Steppen-Herkunft (ansonsten) auf den beobachteten Anteil im spätneolithischen und frühbronzezeitlichen England hinaufhob, zeigt, daß Menschen, die mit der Glockenbecher-Kultur nach England gekommen sind, keineswegs genetisch homogen gewesen sind.
The fact that the Archer was a migrant but had too little Steppe ancestry to be from the population that drove Steppe ancestry to the level observed in C/EBA Britain, shows that Beaker-associated migrants to Britain were not genetically homogeneous.

Sie waren nicht nur nicht genetisch homogen. Sie scheinen sogar von Fürsten und Heerführern angeführt worden zu sein, die deutlich anderer genetischer Herkunft waren als die Mehrheit der Menschen jenes Heeres oder jener Völkerwanderung, die sie anführten. Ein neuerliches Zeugnis für die Vielfalt des Geschehens in Europa während des Spätneolithikums und während der Ausbreitung der Indogermanen in Europa (mehr dazu hier: 11). 

Man könnte diesen Befund so interpretieren, daß man sagt: Die Indogermanen konnten sich als Söldnertruppen in bestehenden mittelneolithischen Großreichen deren Hochadel andienen, ohne die bestehenden Hierarchien und Herrschaftsstrukturen sogleich völlig zu stürzen. Vielmehr haben sie in den örtlichen Hochadel eingeheiratet, wobei dann die vermischten Nachkommen dieses Hochadels die unvermischten Söldnertruppen vom Alpenraum aus bis nach England führen konnten. Also wieder eine Kombination von "Rebellen und Königen" (12). Man könnte wiederum auch an germanische Adlige denken, die in den römischen Senatsadel einheirateten während der Völkerwanderungszeit um 500 n. Ztr.. Und ein multikulturelles Heer scheint ja zeitgleich auch in Dänemark eingedrungen zu sein (11).

1.200 v. Ztr. - Umfangreichere Zuwanderungen

Nun behandeln wir die Zeit von 2450 v. Ztr. bis 1200 v. Ztr. sehr summarisch, wenn wir zitieren (1):

Die frühe europäische Bauern-Herkunftskomponente stieg in England und Wales von 31 % während des Spätneolithikums und der Frühen Bronzezeit auf 35 % während der Mittleren Bronzezeit, dann auf 36 % während der Spätbronzezeit und stabilisierte sich auf 38 % während der Eisenzeit. In der gleichen Zeit gab es in Schottland keinerlei bemerkenswerte genetische Häufigkeitsverschiebungen.
EEF-related ancestry increased in England and Wales from 31.0±0.5% in the C/EBA (n=69), to 34.7±0.6% in the MBA (n=26), to 36.1±0.6% in the LBA (n=23), and stabilized at 37.9±0.4% in the IA (n=273) (here and below, we quote one standard error). There was no significant change in Scotland.

Ein solcher Häufigkeits-Anstieg der vormals im mittelneolithischen Europa vorherrschenden Bauern-Herkunftskomponente über die Jahrhunderte der Bronzezeit hinweg war auch schon für Mitteleuropa festgestellt worden. Und man hatte ja zunächst oft vermutet, daß dieser Anstieg zurückzuführen wäre auf Unterschichten oder Rückzugsräume, die bei der Sequenzierungsarbeit von Skeletten gut ausgestatteter Gräber weniger erfaßt worden sein könnten. Ein solcher Anstieg einheimischer Herkunftskomponenten war ja im übrigen auch schon im Mittelneolithikum feststellbar gewesen.

Aber die Forscher stellen jetzt für England fest, daß die frühe europäische Bauern-Herkunftskomponente im England der Bronzezeit nicht derjenigen gleicht, die zuvor im Mittelneolithikum daselbst vorgeherrscht hatte (1). Das geht nur durch einen sehr genauen Blick.

Das heißt, daß wir in England in der Späten Bronzezeit neuerliche Zuwanderungen von Kontinental-Europa aus in der Zeit um 1200 v. Ztr. voraussetzen müssen. Genauer wird darüber ausgeführt (1):

Der Anteil der Individuen, deren Herkunft sich deutlich von der Hauptgruppe unterscheidet, beträgt 17 % für das Spätneolithikum und die Frühe Bronzezeit (2.450 bis 1.800 v. Ztr.), 4 % für die Mittlere Bronzezeit (1.800 bis 1.300 v. Ztr.), 17 % während der Spätbronzezeit (1300 bis 750 v. Ztr.) und 3 % während der Eisenzeit.
The fraction of individuals whose ancestry is significantly different from the main group is 17% over the first part of the C/EBA (2450-1800 BCE), 4% from the end of the EBA through the beginning of the MBA (1800-1300 BCE), 17% from the end of the MBA through the LBA (1300-750 BCE), and 3% through the IA.

Im Spätneolithikum gab es also in England einen vergleichsweise hohen Anteil von Menschen (17 %), deren Herkunft aufgrund ihres höheren genetischen Anteils von früher europäischer Bauernherkunft mehr derjenigen des übrigen kontinentalen Festlandes glich als derjenigen der Hauptbevölkerung, die damals den 90%igen genetischen Umbruch auf den britischen Inseln bewirkte. In den nachfolgenden Jahrhunderten geht dieses genetische Signal aufgrund von Vermischungen, Homogenisierungen innerhalb der zugewanderten Stämme und Völker auf 4 % zurück. Der frühbäuerliche Herkunftsanteil steigt dadurch von 35 auf 36 %.

Dies könnte ein Signal sein für die Zuwanderungen vom Festland im Zuge der Wanderungen der Urnenfelder-Kultur und ihrer Brandbestattungen, von denen oben in diesem Blogartikel die Rede war.

Aber spannend ist dann insbesondere der neuerliche Anstieg dieser nun klar außerbritischen Herkunftskomponente während der Spätbronzezeit, und zwar wiederum zu finden bei 17 % der Bevölkerung. Diese müssen alle Zuwanderer aus Kontinentaleuropa gewesen sein, sie können nicht aus einer Bevölkerung innerhalb Englands abgeleitet werden, da hier der Anteil der früheuropäischen Bauern-Herkunftskomponente aufgrund der genannten Homogenisierungen längst viel niedriger geworden war als im mittleren und südlichen Europa (wo es ja auch keinen 90%igen genetischen Umbruch gegeben hatte).

Und diese spätbronzezeitlichen Zuwanderungen nun stehen in Verbindung mit der Ausbreitung der Urnenfeldkultur in Europa und weisen auch ähnliche genetische Signaturen auf wie diese (nämlich erhöhter früher europäischer Bauern-Herkunftsanteil). Die Hinweise, die schon die Archäologen festgestellt hatten für die Zeit um 1200 v. Ztr. hinsichtlich einer Invasion und Masseneinwanderung bestätigen sich also durch die Archäogenetik.

Trotz der genannten Zuwanderungen von Kontinentaleuropa nach England in der Spätbronzezeit gehen die Forscher zugleich auch von einer beträchtlichen genetischen Kontinuität in England vom Spätneolithikum bis zur angelsächsischen Zeit, bzw. sogar bis heute aus. Sie stellen also für England etwas anderes fest als es für verschiedene Epochen der böhmischen Vorgeschichte festgestellt worden war (13). Sie schreiben (1):

Ein Hinweis auf den beträchtlichen genetischen Beitrag der frühbronzezeitlichen Population zu späteren Populationen stammt aus der Y-chromosomalen Haplogruppe R1b-P312/L21/M529 (R1b1a1a2a1a2c1), die 89 % aller sequenzierten Individuen des spätneolithisch-frühbronzezeitlichen England aufweisen, und die sich in zeitgleichen archäogenetischen Daten des kontinentalen Europa so gut wie nicht findet. Diese Haplogruppe blieb in England in jeder nachfolgenden Epoche mehr vorherrschend als in Kontinentaleuropa und ist noch heute ein unterscheidendes Merkmal der britischen Inseln, da dort ihre Häufigkeit beträchtlich höher ist als irgendwo sonst.
Evidence for a substantial contribution from the C/ EBA population to later populations also comes from Y chromosome haplogroup R1b-P312/L21/M529 (R1b1a1a2a1a2c1), which is present at 89±5% in sampled individuals from C/EBA Britain and is nearly absent in available ancient DNA data from C/EBA Europe (Supplementary Table 9). The haplogroup remained more common in Britain than in continental Europe in every later period, and continues to be a distinctive feature of the British isles as its frequency in Britain and Ireland today (14-71% depending on region) is far higher than anywhere else in continental Europe.

Für den hier genannten Rückgang der Häufigkeit von 89 % auf 14 bis 71 % in heutiger Zeit dürften vor allem die Zuwanderungen der Angelsachsen im Frühmittelalter und der Wikinger und Normannen im Früh- und Hochmittelalter verantwortlich zu machen sein. Nach Fig. 5 in ("Extended Data") (1) handelt es sich um restliche 14 % in Mittel- und Ostengland und um etwa 43 % in Westengland und Wales. Daran wird ja für Ostengland noch einmal der doch sehr beträchtliche genetische Umbruch durch die Angelsachsen erkennbar, zumal in der männlichen Linie. 

Die Ursprungsbevölkerung, von der aus die spätbronzezeitlichen Zuwanderungen nach England erfolgten, verorten die Archäogenetiker ganz grob in (Nord-)Frankreich, können sie aber beim jetzigen Datenstand noch nicht präzise eingrenzen. Sie hat natürlich mit den keltischen Wanderungen der Urnenfelderkultur zu tun (1). 

Die Zuwanderungen scheinen sich auch innerhalb von England - sowohl genetisch wie kulturell - regional sehr unterschiedlich ausgewirkt zu haben und waren in Südengland insgesamt deutlich größer als in Nordengland und in Schottland. Auf jeden Fall haben sie nirgendwo mehr als 44 % neue, kontinentaleuropäische Genetik mit sich gebracht (die sich ja auch nur in der größeren frühen europäischen Bauern-Herkunft deutlicher von der in England vorherrschenden Genetik unterschied). 

300 v. Ztr. - Die Wanderungen der Parisii nach Nordost-England 

Es wird dann schließlich noch die "Arras-Kultur" in Yorkshire in Nordost-England (Wiki) hervorgehoben, die auch aufgrund von antiken Schriftüberlieferungen und archäologischen Ähnlichkeiten der Streitwagen-Gräber auf den keltischen Stamm der Parisii im Pariser Becken und der Champagne zurück geführt wird, der um 300 v. Ztr. nach Nordost-England gekommen sein dürfte. Die historischen Berichte scheinen nun auch von der Archäogenetik bestätigt zu werden und es scheint sich - entgegen des bisherigen Forschungsstandes - zu bestätigen, daß nicht nur Elemente der Kultur dieses Volkes übernommen worden sind (wie derzeit noch auf Wikipedia angenommen), sondern eben auch Genetik. Die Forscher schreiben abschließend (1):

Unsere Beobachtung eines Rückgangs der früheuropäischen Bauernherkunft auf der Iberischen Halbinsel, wo sein Anteil während der Frühbronzezeit vergleichsweise groß war und einem in etwa zeitgleichen Anwachsen desselben auf den britischen Inseln, wo sein Anteil während der Frühbronzezeit vergleichsweise niedrig war, könnte theoretisch wiederspiegeln eine keltisch-sprechende Gruppe von Menschen mit einem mittleren früheuropäischen Bauernanteil, die sich in beide Richtungen ausgebreitet hat. Allerdings kann ein so einfaches Modell nicht alle parallelen Entwicklungen im Norden und Süden Europas erklären.
Our finding of a decrease of EEF ancestry in Iberia, where the proportion was relatively high in the EBA, and a roughly simultaneous increase in Britain where the proportion was relatively low in the EBA (Fig. 4a), could, in theory, reflect a Celtic-speaking group of people with intermediate EEF ancestry spreading into both regions, although such a simple model cannot explain all the north-south ancestry convergence in Europe.

Immerhin wären die keltischen Wanderungen aus genetischer Sicht damit schön auf den Punkt gebracht. Ebenso prägnant der Folgesatz (1):

Die Tatsache, daß die Ausnahmen der Gräber vom Margetts Pit und Cliffs End Farm sich genetisch sehr mit Individuen der Konvitz-Kultur in Mitteleuropa ähneln, ist spannend in Hinblick auf die Tatsache, daß einige Gelehrte die Hypothese aufgestellt haben, die mitteleuropäische Urnenfelder-Gruppen wie die Konvitz-Kultur in Verbindung stehen mit der Ausbreitung der keltisichen Sprachen.
The fact that the Margetts Pit and Cliffs End Farm outliers are genetically very similar to the Knoviz culture sample from Central Europe (Supplementary Information section 6) is striking in light of the fact that some scholars have hypothesized Central European Urnfield groups like Knoviz to have links to Celtic language spread.

Wir haben ja schon behandelt, daß sich Großreiche der süddeutschen Bronzezeit um 1300 v. Ztr. in Richtung Tollensetal bewegt hatten (3). In ähnlicher Weise scheinen sich die süddeutschen, bronzezeitlichen Großreiche also auch in Richtung England bewegt zu haben.

Helle Haut und Rohmilch-Verdauung selektiv bevorteilt in der Eisenzeit

Für das eisenzeitliche Nordeuropa zeichnen sich aber auch folgende Erkenntnisse noch deutlicher als bisher ab (1):

Varianten, die mit hellerer Hautfarbe in Verbindung stehen (SLC45A2) wurden in ganz Europa bedeutend häufiger während der Eisenzeit. Wir gelangen auch zu einem unerwarteten Ergebnis für das abgeleitete Allel bei MCM6-LCT rs4988235, das in Verbindung steht mit der Fähigkeit Laktase (Rohmilch) als Erwachsener zu verdauen. (...) Auf der iberischen Halbinsel hatte es in der Eisenzeit eine Häufigkeit von 9 %, verglichen mit der heutigen von 40 %, in Mitteleuropa (Österreich, Ungarn, Slowenien, Tschechei, Slowakei und Deutschland) hatte es 7 % verglichen mit 48 % heute. Im eisenzeitlichen Britannien jedoch betrug seine Häufigkeit 50 %, verglichen mit seiner heutigen von 73 %, was zeigt, daß intensive Selektion in England zu einer Zunahme der Häufigkeit dieses Allels ein Jahrtausend früher führte als in vielen Teilen des koninentenalen Europas.
Variants associated with light skin pigmentation at SLC45A2 became substantially more common throughout Europe in the IA. We obtain an unexpected result for the derived allele at MCM6-LCT rs4988235 which is associated with lactase persistence into adulthood. (...) In Iberia where it was ~9% compared to ~40% today, and in Central Europe (Austria, Hungary, Slovenia, Czech Republic, Slovakia and Germany) where it was ~7% compared to ~48% today. However, in IA Britain its frequency was 50% compared to the current 73%, showing that intense selection to increase the frequency of this allele acted roughly a millennium earlier in Britain than it did in multiple parts of continental Europe (Fig. 4b, Extended Data Fig. 4). We find no evidence that the frequency rise in Britain was due to M-LBA migration: the Margetts Pit and Cliffs End Farm outliers did not carry the allele, and most of the rise in Britain occurred after the M-LBA (Fig. 4b, Sup- plementary Table 8). This suggests that dairy products were consumed in a qualitatively different way or were economically more important in LBA-IA Britain than in Central Europe.

Dies geschah autochton in England und unabhängig von Zuwanderungen wie die Forscher glauben, aufzeigen zu können. Während seine Häufigkeit in England 50 % betrug, betrug seine Häufigkeit in sechs sequenzierten eisenzeitlichen Skeletten aus Skandinavien 30 % wie in einer Studie vor zwei Jahren schon heraus gekommen war (14). Und im Baltikum ist es damals bei der Hälfte von zehn Individuen festgestellt worden, die schon in der Bronzezeit lebten (14).

Während also die Kelten auf dem Kontinent diese Häufigkeitszunahme während der Eisenzeit nicht erfuhren, erfuhren sie die Völker des Baltikums womöglich schon in der Bronzezeit, die zugewanderten Kelten, die sich mit den Einheimischen vermischt hatten, auf den britischen Inseln während der Eisenzeit und die Germanen in Skandinavien ebenfalls während der Eisenzeit. 

Das deutet ja für uns zunächst eher auf einen Einfluß des Breitengrades hin, statt auf einen ausgesprocheneren kulturellen Einfluß. Obwohl man also inzwischen auf dem Gebiet der Erforschung der Evolution der angeborenen menschlichen Erwachsenen-Rohmilch-Verdauung so viel Unerwartetes und Überraschendes heraus bekommen hat (vor allem die späte Zeitstellung seiner Häufigkeitszunahme, sowie zusätzlich noch die und zeitlich regional versetzte Zunahme), bleibt die Erforschung der Ursache dieser Häufigkeitszunahme weiter spannend, da sie schlichtweg nicht geklärt ist.

Was für ein vielfältiges Geschehen es in der europäischen Vorgeschichte gegeben hat. Es ist so komplex, daß wir an diesem Blogartikel (mindestens) zwei Tage geschrieben haben!!

/ Nachtrag vom 11.7.24, 
Blogartikel erhält neuen Titel 
Nachträge 10.5.25 entsprechend (17) /

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  1. Patterson N, Isakov M, Booth T, .... T. Douglas Price, .... Rohland N, Pinhasi R, Armit I, Reich D (2021) Large-scale migration into Britain during the Middle to Late Bronze Age. Nature, Advance online publication 22.12.2021 (pdf), https://www.nature.com/articles/s41586-021-04287-4
  2. Hopf. Jonas: Interview mit Prof. Dr. Raiko Krauß über Neolithikum, Kupfer- und Bronzezeit, 04.11.2021, https://youtu.be/tjxtDFZlpUo.
  3. Bading, I.: Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte, 2019, http://studgendeutsch.blogspot.com/2019/10/volker-und-groreiche-in-bewegung-europa.html
  4. Hänsel, Bernhard: Die Bronzezeit als erste europäische Epoche. In: ders. (Hg.): Mensch und Umwelt in der Bronzezeit Europas: Abschlußtagung der Kampagne des Europarates: Die Bronzezeit: das erste goldene Zeitalter Europas an der Freien Universität Berlin, 17.-19. März 1997, Berlin 1998, https://d-nb.info/953002101/04, S. 19-26
  5. Bading, I.: 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/02/eos-die-gottin-der-morgenrote.html
  6. Bading, I.: Die Indogermanen in Apulien - Herkunftsanteil 20 bis 40 %, 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/07/indogermanen-in-apulien-herkunftsanteil.html 
  7. Bading, I.: 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/die-machtigen-volkerburgen_2.html 
  8. Bading, I.: 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/die-machtigen-volkerburgen.html
  9. Schiffels, S., Haak, W., Paajanen, P., Llamas, B., Popescu, E., Loe, L., Clarke, R., Lyons, A., Mortimer, R., Sayer, D., Tyler-Smith, C., Cooper, A., & Durbin, R. (2016). Iron Age and Anglo-Saxon genomes from East England reveal British migration history. Nature communications, 7, 10408. https://doi.org/10.1038/ncomms10408
  10. Bading, I.: 2011, https://studgendeutsch.blogspot.com/2011/08/4100-v-ztr-tertiare-neolithisierung-im.html
  11. Bading, I.: Mai 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/05/das-fundament-europas-in-einer.html
  12. Bading, I.: August 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/08/indogermane-sein-heit-revoluzzer-sein.html 
  13. Bading, I.: August 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/08/die-farbemprachtige-bild-der.html
  14. Bading, I.: "Polygenetische Risiko-Faktoren" vor 1.000 Jahren - Die Nachfahren der Wikinger blieben sich genetisch gleich in Skandinavien bist heute, 20. Juli 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/polygenetische-risiko-faktoren-vor-1000.html
  15. Mass migration from France to England and Wales took place 3,000 years ago, 22.12.2022, https://www.techregister.co.uk/mass-migration-from-france-to-england-and-wales-took-place-3000-years-ago/
  16. Cavazzuti, C., Arena, A., Cardarelli, A., Fritzl, M., Gavranović, M., Hajdu, T., ... & Szeverényi, V. (2022). The First ‘Urnfields’ in the Plains of the Danube and the Po. Journal of World Prehistory, 1-42, https://link.springer.com/article/10.1007/s10963-022-09164-0.
  17. Williams RA, Montesanto M, Badreshany K, et al. From Land’s End to the Levant: did Britain’s tin sources transform the Bronze Age in Europe and the Mediterranean? Antiquity. Published online 2025:1-19. doi:10.15184/aqy.2025.41 (Antiquity2025)

Donnerstag, 1. April 2021

Die westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler

Eine große europäische Völkergruppe - Ihre Geschichte, ihr Überlebenskampf, ihr Ende
(15.000 bis 2.700 v. Ztr.)
- Von den Höhlenmalereien in Südfrankreich über die Bandkeramiker bis zu den Großreichen der mittelneolitischen Bauern und der Indogermanen - Über die Jahrtausende hinweg sahen die westeuropäischen Jäger und Sammler viele europäische Völker kommen und gehen 
- Auf der Insel Gotland übernahmen ihre letzten Vertreter die Kultur der zugewanderten Indogermanen

hier Teil 1: 15.000 bis 5.600 v. Ztr.

Gliederung:

  • A. Das ungestörte Leben der Völkergruppe (15.000 bis 5.700 v. Ztr.)
  • B. Die hellhäutigen Bauern aus dem Süden kommen (ab 5.700 v. Ztr.) - Ausbreitung bis an den Dnjepr
  • C. Die Indogermanen kommen (ab 3.100 v. Ztr.)

Die Geschichte dieser großen Völkergruppe der dunkelhäutigen und blauäugigen Fischer, Jäger und Sammler in Süd-, West-, Mittel- und Nordeuropa tritt seit mehreren Jahren durch die archäogenetischen Erkenntnisse sehr überraschend in ersten Umrissen ans Tageslicht und der Blick auf sie verschärft sich immer mehr.

/ Ergänzung 4.6.2026 / Dieses Volk wies nach der neuesten Studie von der Forschungsgruppe um den Archäogenetiker David Reich einen durchschnittlichen angeborenen Intelligenzquotienten von 85 auf (s. Stg26a, b). Dieser war also sehr viel niedriger als er heute in Europa vorherrscht (nämlich 100). Er entspricht dem IQ der Afroamerikaner in den heutigen USA. Menschen mit einem IQ von 85 erreichen heute oft einen Hauptschulabschluß und können in heutigen Gesellschaften meistens Helfertätigkeiten ausüben. Offensichtlich hat ein solcher IQ Jahrtausende lang gereicht, um als und in Jäger-Sammler-Gesellschaften zu überleben.

Zugleich wiesen die west- wie die osteuropäischen Jäger und Sammler einen Anteil von bis zu 100% Trägern der Met-Variante des COMT-Genes auf (Piffer3.6.26), eines Genes, für dessen Kennzeichnung wir am ehesten den Begriff "Sensibilitäts-Gen" als treffend erachten (Stg2019). Dieses Gen ist noch heute in europäischen Völkern häufiger vorhanden als in Asien oder Afrika. Es war schon vor dem Neolithikum in Europa mit einem höheren Prozentsatz vorhanden als es heute noch in irgend einem Volk weltweit vorhanden ist. Heute weisen die Dänen mit 61 % den höchsten Anteil weltweit auf. Die später nach Europa zuwandernden anatolisch-neolithischen Bauern hatten einen viel niedrigeren Anteil von etwa 30 % Met-Trägern (Piffer3.6.26)! Gleichzeitig aber wiesen sie schon unseren heutigen IQ von 100 auf, womit sie sich ebenfalls außerordentlich deutlich von den einheimischen westeuropäischen Jägern und Sammlern unterschieden.

Zur Intelligenz- und Verhaltensgenetik der westeuropäischen Jäger und Sammler

Da auch viele angeborene Schizophrenie-Werte vorgeschichtlicher europäischer Völker höher lagen als heute, könnte die Häufigkeit der Met-Variante auch diesem Themenbereich zugeordnet werden. Denn Met/Met-Träger des COMT-Genes haben auch eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, an Schizophrenie zu erkranken (Stg2019).

Wir gehen aktuell der Hypothese nach, daß reinerbige Met/Met-Menschen weniger im "außen" leben und mehr in sich und in andere hinein horchen, vieles nachwirken lassen, vielleicht oft mehr inneres Mitgefühl, Anteilnahme zeigen als andere Menschen. Wer im persönlichen Umgang reinerbige Val/Val-Menschen mit reinerbigen Met/Met-Menschen vergleich, der fühlt doch sehr viele, sehr deutliche Unterschiede heraus. Vielleicht ist Met/Met auch einfach wesentlich für einen sozialen Zusammenhalt, für gegenseitiges Verständnis und für daraus geborenen Altruismus, die allesamt mehr aus dem individuellen "Inneren" heraus kommen, während der - offensichtlich sehr gute, aber wohl auch etwas unflexible - soziale Zusammenhalt bei Völkern wie den Bandkeramikern mehr durch sehr strikte "äußere" soziale Normen und Regeln, die eine klare Orientierung "von außen" geben, zustande kommen mag. Aber das sind bisher nur sehr vage, spekulative Vermutungen. / Ende Ergänzung 4.6.26 /

Der verwandtschaftliche, genetische Zusammenhang der westeuropäischen Jäger und Sammler über viele Jahrtausende hinweg und über viele tausende von Kilometern über Europa hinweg ist erstmals erst durch die Archäogenetik erkannt und bewußt geworden. Erst seit dem Aufkommen der Archäogenetik konnten "die" westeuropäischen Jäger und Sammler als einheitliche kulturelle und genetische Gruppe erkannt werden. Zuvor hatte man nur verschiedene, regionale und zeitlich unterschiedene archäologische Kulturen gekannt, wußte aber nicht, wie es um verwandtschaftliche Nähe oder Unterschiede bestellt war.   

Teil A - Das ungestörte Leben der Völkergruppe (15.000 bis 5.700 v. Ztr.)

Die Entstehung dieser Völkergruppe kann womöglich ganz gut auf die Zeit um 15.000 v. h. datiert werden. Denn erst seit dieser Zeit finden sich in Europa Menschen mit blauen Augen. Da alle Menschen dieser Völkergruppe blaue Augen haben, wird es sie erst seit 15.000 v. h. geben (28) (etwa Min. 1:00:00).

Erst allmählich werden auch in der traditionellen, archäologischen Forschung alle Funde und Befunde zu dieser großen Völkergruppe in ebensolchen Zusammenhängen gesehen wie sie durch die Genetik aufzeigt worden sind. Im folgenden sollen erste Umrisse der bewegenden, mitunter vielleicht auch erschütternden Geschichte dieser Völkergruppe gezeichnet werden. Ihrer kann nur mit Respekt gedacht werden. Die "westeuropäischen Jäger und Sammler" sind - sozusagen - die "Indianer Europas", die Ureinwohner Europas. Sie haben die Ankunft bäuerlicher Bevölkerungen über die Jahrtausende hinweg erlebt. Sie haben seither in Höhenlagen der Mittelgebirge in Rückzugsräumen gelebt oder an See- und Meeresufern. Sie haben sich schließlich - vor allem ab dem Mittelneolithikum - mit den Bauern vermischt. Sie haben dabei in entscheidendem Maße dazu beigetragen, daß neue große Völker und Königreiche mit Hochadel entstanden - von der Bretagne und vom Seine-Becken ausgehend (Stg2025). Sie scheinen sich - noch später - zum Teil mit den neu ankommenden Indogermanen verbündet - und auch vermischt - zu haben. Und sie scheinen durch diese ein letztes mal neue Siedlungsgebiete zugewiesen bekommen zu haben, etwa auf der Insel Gotland in der Ostsee oder an den Ufern des Plattensee's in Ungarn (Stgen22).

Zur Zeit sind auf dem deutschen Wikipedia zu dieser Völkergruppe nur die archäologischen Daten zusammen getragen (Wiki). Sie bieten eine erste Orientierung (Wiki).

Die Zeitepoche nach der Eiszeit - etwa ab 9.600 v. Ztr. - wird Mittlere Steinzeit genannt (Wiki). In ihr breitete sich in Nordeuropa zunächst Pflanzenbewuchs aus wie er heute noch aus dem nördlichen Finnland oder aus Sibirien bekannt ist (zunächst Moose und Flechten, später Birken und erst später - bis etwa 6.000 v. Ztr. - jener Wald wie er heute noch bekannt ist). 

7.100 v. Ztr. - Der "Cheddar Man" auf den britischen Inseln

Anfangs ist das Bild dieser Völkergruppe bestimmt gewesen durch Diskussionen, die es rund um den berühmten "Cheddar Man" (Wiki) in Großbritannien im Jahr 2018 gegeben hat. Er ist sicherlich bis heute der bekannteste und berühmteste Vertreter dieser Völkergruppe.

Sein Skelett wurde 1903 in einer Höhle in Südwest-England gefunden. Der zugehörige Mann ist nur 23 Jahre alt geworden und lebte um 7.100 v. Ztr.. Nach archäogenetischen Untersuchungen des Jahres 2018 hatte er die typischen anthropologischen Merkmale dieser Völkergruppe: dunkelbraune Hautfarbe, blaue Augen und dunkle, gelockte Haare.

In England glaubte man anfangs dieses Forschungsergebnis so wahrnehmen zu müssen, als könne es das Herkunftsbild und Selbstverständnis heutiger "weißer" Engländer infrage stellen. Und umgekehrt gingen viele "Patrioten" in England auf diese Wahrnehmung ein. Offenbar von wissenschaftsfernen Menschen wurde ihnen weisgemacht, es wäre sinnvoll, dieses Forschungsergebnis als ein solches wahrnehmen zu müssen, das nur um einer "Multikulti-Agenda" willen herbei "gefälscht" worden sei. Das war natürlich grotesker Unsinn.

Eine solche Debatte mutet einem sehr künstlich und geradezu an den Haaren herbei gezogen an vor dem Gesamtbild der europäischen und weltweiten Völkergeschichte wie es sich inzwischen herausgeschält hat sowohl in seinen Kontinuitäten ebenso wie in seiner großen Veränderungsfreudigkeit. Um beide soll es ja auch im vorliegenden Aufsatz gehen.

Aufgrund solcher Debatten jedenfalls ist in England inzwischen der "Cheddar Man" ein "bunter Hund" und ähnlich bekannt wie in Deutschland der "Ötzi". Allerdings ist der Ötzi 4.000 Jahre jünger als der "Cheddar Man" und lebte in einer Zeit, kurz bevor die letzten Reste unvermischt gebliebener westeuropäischer Jäger und Sammler in Skandinavien - zum Beispiel auf der Insel Gotland - ausstarben (siehe unten). Der Ötzi gehörte dementsprechend auch schon der zu seiner Zeit in Europa vorherrschenden anatolisch-neolithischen Völkergruppe an.

Die niederländischen "Kennis-Zwillinge", Kennis&Kennis (Wiki), die beiden bedeutendsten Paläontologie-Konstrukteure der Gegenwart, haben vom "Cheddar Man" - so wie zuvor schon von Neandertalern, dem Ötzi und anderen Vormenschen - eine außerordentlich eindrucksvolle Rekonstruktion geschaffen. Um ihretwillen haben wir ein Video eingebunden, das diese Rekonstruktion als Vorschaubild zeigt (24). Wie in anderen Fällen auch fließt nämlich ihre Rekonstruktion sehr stark und kaum hintergehbar in das Bild mit ein, das wir uns von den ausgestorbenen westeuropäischen Fischern, Jägern und Sammlern machen.

Aber auch die Behausungen fließen in das Bild ein. Gut erforscht ist diesbezüglich die "Steinzeithütte von Howick" (Wiki) in Northumberland in England aus der Zeit um 7.800 v. Ztr.. 

Ergänzung 2.11.2021: In einem neuen Vortrag zeigt der Archäogenetiker David Reich auf, wieviel genetische Veränderung es in Großbritannien seit dem "Cheddar-Man" gegeben hat, so daß die westeuropäischen Jäger und Sammler, die der Cheddar-Man repräsentiert, heute nur noch 0,03 % unserer Herkunftsgenetik ausmachen (29). Das beruht darauf, daß es Bevölkerungsaustausch auf den britischen Inseln gegeben hat um 4000 v. Ztr. zu 99 % (neolithische Zuwanderung), um 2.500 v. Ztr. zu 90 % (Glockenbecher-Zuwanderung), um 900 v. Ztr. zu 50 % (keltische Zuwanderung?) und um 400 n. Ztr. zu 40 % (Zuwanderung der Angelsachsen) (29).

Abb. 1: Die Ursprungsvölker Europas (aus: 30): San Teodora auf Sizilien (braun) und die westeuropäischen Jäger und Sammler (rot) stehen sich vergleichsweise nahe. Die osteuropäischen Jäger-Sammler stehen weit entfernt (blau-lila). Dazwischen Balkan- und skandinavische Jäger/Sammler (grün).

Es gilt aber zu beachten, daß diese 0,03 % sich nur auf westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft bezieht, die es auf den britischen Inseln gegeben hat. Auch die genannten Zuwanderer brachten alle westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft mit sich. So daß die heutigen Menschen in England durch mehr als 0,03 % westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft in sich tragen (wohl grob zwischen 5 und 10 %).

Zur Zeit des "Cheddar Man" hatte es die Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler (Wiki) schon viele Jahrtausende lang in Europa gegeben. Sie hatte den Höhepunkt der Eiszeit im mediterranen Raum überstanden, nämlich vor allem in Italien (um 12.000 v. Ztr.) als sogenanntes "Villabruna-Cluster".

17.000 v. Ztr. - Das Villabruna-Cluster

/ Ergänzt 5.2.2026 / Das Villabruna-Cluster wird schon ab der Zeit 17.000 Jahre vor heute in Italien festgestellt und es wird vermutet, daß es sich vom Balkan aus nach Italien verbreitet hat (Stg2023). Schon die Menschen der Magdalénien-Kultur (18.000-12.000 v. Ztr.) (Wiki) trugen 19 bis 29 % Villabruna-Herkunft in sich (Stg2023). Der andere Teil ihrer Herkunft geht auf die Fournol-Herkunftsgruppe zurück, die westliche Herkunftsgruppe der Gravettien-Zeit. Das heißt: Auch zu dem Schaffen der bedeutendsten Höhlenmalereien in Südfrankreich hat die Herkunft westeuropäischer Jäger und Sammler beigetragen.

Ergänzung 12.12.2021: Inzwischen ist das Villabruna-Cluster auch für die Zeit um 13.000 v. Ztr. auf Sizilien in der dortigen San Teodoro-Höhle nachgewiesen (30). Insgesamt werden in einer neuen Studie die Balkan-Jäger-Sammler als neue eigenständige Vorfahrengruppe erkennbar (Abb. 1 und 2). Und diese Balkan-Jäger-Sammler haben nun Skandinavien besiedelt und sich dabei mit den osteuropäischen Jägern und Sammlern vermischt, nicht - wie bisher in dem vorliegenden Blogartikel dargestellt - die westeuropäischen Jäger und Sammler. (Es gilt allerdings abzuwarten, ob sich diese Ansicht in der Forschung durchsetzt.)

Von Italien aus breitete sich die Gruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler (in Abb. 2 braun) über ganz West- und Mitteleuropa bis nach England aus. Sie breitete sich auch in den östlichen Ostseeraum aus - aber nicht bis nach Skandinavien (30; in Revision zu: [1]). Diese Neustrukturierung des bisherigen Bildes dürfte allenthalben auch Schlußfolgerungen mit sich bringen für die Prozesse der Ethnogenese im europäischen Mittelneolithikum. Da darf man auf weitere Studien gespannt sein. [Ergänzung-Ende]

Abb. 2: Genaue Aufschlüsselung der Herkunftsgruppen für die mesolithischen Jäger-Sammler-Populationen Europas (aus: 30)

Wie es um die genetische Kontinuität der im vorliegenden Artikel behandelten mesolithischen west- und mitteleuropäischen Jäger und Sammler gegenüber den eiszeitlichen Vorgängerkulturen in Mitteleuropa bestellt ist, insbesondere gegenüber der Magdalénien-Kultur (18.000-12.000 v. Ztr.) (Wiki) und den damit im Zusammenhang stehenden Kulturen - wie Hamburger Kultur (13.700-12.200 v. Ztr.) (Wiki) und Federmesser-Kultur (12.000-10.000 v. Ztr.) (Wiki), sowie das "Doppelgrab von Oberkassel" bei Bonn (um 13.500 v. Ztr.) (Wiki), all das wäre noch einmal gesondert zu behandeln, bzw. hier nachzutragen. Jedenfalls deckt sich der Verbreitungsraum der eben genannten Kulturen und Funde ja schon einmal sehr deutlich mit dem der nachfolgenden mesolithischen, west- und mitteleuropäischen Jäger und Sammler.  Um 11.000 v. Ztr. reichte er bis ins heutige östliche Polen (Antiquity 2021).

/ Ergänzung: 27.10.22: Nach einer neuen Studie (Nature2022) gehen die Archäogenetiker insbesondere für Nordeuropa von einem umfangreichen genetischen Austausch bei der Ablösung der beiden Völkergruppen aus, das heißt, die Völkergruppe der Magdalenien-Kultur starb mit der Ankunft der Hamburger- und Federmesser-Kultur aus. Beide scheinen aber zumindest in England parallel zueinander in unterschiedlichen ökologischen Lebensräumen noch einige Zeit nebeneinander her gelebt zu haben. Mehr dazu aber in einem Beitrag, der demnächst hier auf dem Blog erscheinen wird. /

Aus der Grotte Bichon in der Schweiz ist ein Menschenfund bekannt, auf 11.500 v. Ztr. datiert (Wiki), der in Zusammenhang mit den Knochen eines weiblichen  Bären gefunden wurde. Aus dieser Völkergruppe finden sich wiederholt Hinweise auf gemeinsame Niederlegung von Bären- und Menschenknochen, später etwa auch in der Blätterhöhle in Westfalen (Res.g.).

Abb. 3: Die früheste Besiedlung Skandinaviens während des Rückgangs des Inlandeises (aus: 22) - Von Balkan- (30) west- und osteuropäischen Jägern und Sammlern gleichzeitig

Diese immer wieder auftretende enge Beziehung europäischer Mesolithiker zu Bären ist sicherlich besonders gut in Beziehung zu setzen zu dem Umstand, daß noch heute bei den mesolithisch lebenden Chanten und Mansen in Westsibirien - genetische Verwandte der Landnahme-Ungarn - der Bärenkult, die Totenwache bei einem erlegten Bären eine große Rolle spielt. Von dieser Totenwache beim erlegten Bären kann womöglich sogar das nachherige europäische Weihnachtsfest abgeleitet werden, da auch ein Kiefernbäumchen in diesem Kult eine Rolle spielt (Stgen2022).

Auch im Land Brandenburg

Am Bützsee südlich von Alt-Friesack im Bundesland Brandenburg (zwischen Berlin und Hamburg) wurden 1995 Ausgrabungen vorgenommen (36). Hier wurden "Ahrensburger Pfeilspitzen" (Harpunen) gefunden, die auf 10.500 v. Ztr. datiert wurden. Die Ahrensburger Kultur (Wiki, engl) wird auf 10.760 bis 9.650 v. Ztr. datiert. Zu ihrer Zeit gab es noch die Landverbindung zwischen dem Kontinent und England. Das Verbreitungsgebiet dieser Kultur reichte dementsprechend von Südost-England bis in die Gegenden östlich der Oder (bis in die frühere Provinz Neubrandenburg). Da wir es bei ihr um eine der Ausgangspopulationen für die Besiedlung von Skandinavien zu tun haben (siehe gleich), ist es sehr wahrscheinlich, daß es sich bei der Ahrensburger Kultur genetisch um westeuropäische Jäger und Sammler gehandelt hat. Bei den Chanten und Mansen gibt es Familien, die mehr in der nördlichen Tundra leben und solche, die weiter südlich in den Wäldern leben. So wie jene, die weiter im Norden leben, war auch für die Ahrensburger Kultur das wichtigste Jagdwild das Rentier - natürlich neben dem Fischen. In der Gegend von Alt-Friesack lebten die Menschen damals also ziemlich genau so wie es noch bis ins 20. Jahrhundert hinein die Chanten und Mansen in Westsibirien getan haben.

11.300 v. Ztr. - Beginn der Besiedlung Skandinaviens

Die neueste archäologische Studie datiert die Besiedlung Skandinaviens zeitgleich mit dem Rückgang des dortigen Inlandeises auf die Zeit ab 11.300 v. Ztr., und zwar zunächst von Süden durch Balkan- westeuropäische Jäger und Sammler (Abb. 3 rot) (30), wenig später von Osten durch "osteuropäische Jäger und Sammler" (Abb. 3 grün). Nach 8.600 v. Ztr. werden die Balkan-Jäger und Sammler in vielen Regionen von der anderen Herkunftsgruppe zurück gedrängt, bzw. ersetzt, wobei die Menschen offenbar auch das Meer überquerten.

Dieser Vorgang ist womöglich spannender als man auf den ersten Blick denken sollte. Immerhin begegneten den (dunkelhäutigen und dunkelhaarigen?) Angehörigen der Balkan- westeuropäischen Jäger und Sammler Menschen der Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler, bei denen es schon Menschen gab, die blonde Haare hatten und helle Haut. Die Abfolge der Ereignisse wird zusammenfassend folgendermaßen charakterisiert (22):

1) Das erste Eindringen ins südliche Schweden von Süden aus, zirka 11.300 bis 10.000 v. Ztr.
2) Die Ausbreitung entlang der norwegischen Küste vom westlichen Schweden aus Richtung Nordwesten, zirka 9.500 bis 9.300 v. Ztr.
3) Eine nordöstliche Ausbreitung ins nördliche Norwegen und auf die Kola-Halbinsel vor 9.000 v. Ztr.
4) ...
5) ...
6) ...
Original: 1) The initial dispersal into southern Sweden from the south c. 11 300–10 000 BC.
2) The north-westward migration along the Norwegian coast from western Sweden c. 9500–9300 BC.
3) The pre-9000 BC north-eastern migration into northern Norway and Kola.
4) The eastern dispersal into Finland and Karelia c. 9000–8400 BC.
5) The movement of quartz-using groups into northern Sweden from the east between 8900–8200 BC.
6) The southward migration of groups using the eastern technology along the Norwegian coast and into central Sweden c. 8400–8000 BC.
Furthermore, a migration across the Baltic Sea Basin to southern Sweden c. 8500 BC can be suggested (Figure 10).

Im ersten Jahrtausend hat es in Skandinavien nach dieser Studie keine kulturelle und genetische Vermischung der beiden Zuwanderergruppen - nämlich von südlichen Balkan - westeuropäischen Jägern und Sammlern und östlichen "osteuropäischen Jägern und Sammlern" - gegeben (22). Nach 8.300 v. Ztr. kommt es dann aber - nach Zeugnis der Archäologie - innerhalb von Skandinavien zu kulturellen und auch genetischen Vermischungen zwischen der östlichen kulturellen Tradition und der westlichen (22):

Deshalb schlagen wir vor, daß der Prozeß, der zu einer vermehrten archäologischen Sichtbarkeit der östlichen technologischen Tradition nach 8.300 v. Ztr. führte und zu jener genetischen Vermischung, die in den aDNA-Daten für etwa 7.500 v. Ztr. festgestellt worden ist, auf ein Jahrtausend früher datiert werden kann als die Ausbreitung der östlichen Technologie vom nördlichen ins südliche Skandinavien.
We therefore suggest that the processes that led to the increased archaeological visibility of the eastern technological tradition after 8300 BC and the genetic admixture detected in aDNA samples at c. 7500 BC can be traced back one millennium earlier than the expansion of the eastern technology from the north into Southern Scandinavia.

Mit diesen Ausführungen wird eine archäogenetische Studie ergänzt und präzisiert, die im Jahr 2017 erschienen war. Sie hatte die genetische Geschichte der Maglemose- (Wiki), der Kongemose- (Wiki) untersucht, sowie der aus ihr folgenden Ertebolle-Kultur (Wiki) im Nord- und Ostseeraum zwischen dem heutigen England und Finnland. Dabei hat sie aber ein Zeitraum behandelt, der nach dem eben behandelten Zeitraum liegt. In ihr hieß es (2):

Wir sequenzierten die Genome von sieben Jägern und Sammlern aus Skandinavien (...). Die Überreste konnten direkt datiert werden auf 7.500 v. Ztr. und 4.000 v. Ztr. und wurden im südwestlichen Norwegen (Hum1, Hum2), nördlichen Norwegen (Steigen) und auf den Ostsee-Inseln Stora Karlsö und Gotland (SF9, SF11, SF12 and SBj) gefunden. Sie repräsentieren 18 % (6 von 33) aller bekannten menschlichen Überreste in Skandinavien, die älter als 8000 Jahre sind.
We sequenced the genomes of seven hunter-gatherers from Scandinavia (...). The remains were directly dated to between 9,500 BP and 6,000 BP, and were excavated in southwestern Norway (Hum1, Hum2), northern Norway (Steigen), and the Baltic islands of Stora Karlsö and Gotland (SF9, SF11, SF12 and SBj) and represent 18% (6 of 33) of all known human remains in Scandinavia older than 8,000.

Und sie schrieben weiter (2):

Die skandinavischen Jäger und Sammler (SHG) haben keinerlei direkte Nachfahren hinterlassen oder eine Population, die direkte (genetische) Kontinuität mit mesolithischen Populationen aufweisen würde.  Deshalb haben sich viele genetische Varianten, die in mesolithischen Individuen gefunden werden, in heutigen Völkern nicht erhalten.
Original: The SHGs (as well as WHGs and EHGs) have no direct descendants, or a population that show direct continuity with the Mesolithic populations. Thus, many genetic variants found in Mesolithic individuals have not been carried over to modern-day groups.
Dieser Umstand, daß die skandinavischen Jäger und Sammler bis heute keinerlei direkte Nachfahren hinterlassen haben, gilt auch für die west- und die osteuropäischen Jäger und Sammler (WHG und EHG). Diese drei großen europäischen, mesolithischen Völkergruppen müssen heute - vom Prinzip her - als ausgestorben gelten. Das Fischer-Volk der Ertebolle-Kultur im Ostseeraum war aus genetischer Sicht ein komplexes Mischvolk aus westeuropäischen Balkan- und osteuropäischen Jägern und Sammlern, wie es sich aus der eben geschilderten Erstbesiedlung ergeben hat. Es hieß in der Studie von 2017 (2):
Die skandinavischen Jäger und Sammler des nördlichen und westlichen Skandinavien zeigen eine scharf umrissene und bedeutsam stärkere Nähe zu den osteuropäischen Jägern und Sammlern auf, verglichen mit den zentralen und östlichen skandinavischen Jägern und Sammlern. Umgekehrt waren die skandinavischen Jäger und Sammler im östlichen und zentralen Skandinavien genetisch näher den westeuropäischen Jägern und Sammlern, verglichen mit den nördlichen und westlichen skandinavischen Jägern und Sammlern.
Original: The SHGs from northern and western Scandinavia show a distinct and significantly stronger affinity to the EHGs compared to the central and eastern SHGs. Conversely, the SHGs from eastern and central Scandinavia were genetically more similar to WHGs compared to the northern and western SHGs.

Der genetische Anteil der osteuropäischen Jäger und Sammler betrug im Norden und Westen Skandinaviens zu dieser Zeit - also nach 7.500 v. Ztr. - 55 % und auf den Ostseeinseln und in Lettland 35 %. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse war damals vorgeschlagen worden, daß das eisfreie Skandinavien, vor allem die Südküste der Ostsee erst von Süden aus von den mittel-, bzw. westeuropäischen Mesolithikern besiedelt wurde, und daß später die Nordküste der Ostsee von Osten aus von den osteuropäischen Jägern und Sammlern besiedelt wurde. So wird es ja auch von der Archäologie 2021 dargestellt (22).

Abb. 4: Umiak der Grönländischen Inuit (aus: 23)

Beide Gruppen hätten sich dann im Ostseeraum miteinander vermischt. Aber es scheint auch Gegenden gegeben zu haben, wo sich beide Völkergruppen niemals miteinander vermischt haben. Auf der dänischen Insel Lolland hat sich nämlich noch sehr später reine westeuropäische Jäger-Sammler-Genetik gefunden (siehe unten).

Ergänzung 22.1.22: Die Datierungen der Vermischungen in Skandinavien sind in einer neuen Studie noch einmal etwas genauer gefaßt worden (31):

.... Damit erhalten wir einen Vermischungszeitpunkt von 10.200 v. Ztr. für norwegische und schwedische mesolithische Individuen, obwohl die Jäger und Sammler vom schwedischen Motala etwas jüngere Vermischungs-Zeitpunkte ergeben (8.000 v. Ztr.). Im Baltikum erhalten wir Vermischungs-Zeitpunkte von 8.700 bis 6.000 v. Ztr. in lettischen und litauischen Jägern und Sammlern. Diese liegen später als jene in Skandinavien.
... This translates to a timing of admixture of ~10,200 BCE for Norway and Sweden Mesolithic individuals, though dates are more recent (~8,000 BCE) in the Motala HG’s. In the Baltic region, we inferred admixture dates of ~8,700–6,000 BCE in Latvia and Lithuania HGs, postdating the mixture in Scandinavia.

Immerhin könnte auch eine der ältesten Bootsdarstellungen Nordeuropas aus dem nördlichen Norwegen (23) damit den westeuropäischen Jägern und Sammlern zugesprochen werden. Die Bootsdarstellung stellt wahrscheinlich ein Boot von Art der "Umiak" (Wiki) dar (s. Abb. 4). Sein inneres tragendes Gerüst wurde aus Treibholz oder Walknochen hergestellt. Es wurde dann von einer Seerobben-Haut überzogen. Es gibt auch sehr schöne bildliche Rekonstruktionen des Lebens dieser Meeresfischer (25).

Abb. 5: Der Feuerstein, der um 9.000 v. Ztr. in einer Werkstatt in Mittelhessen verarbeitet wurde, stammte aus allen Richtungen und ist bis zu 150 Kilometer weit transportiert worden (aus: 17)

Zur Vermischung zwischen westeuropäischen und osteuropäischen Jägern und Sammlern scheint es im gesamten ostmitteleuropäischen Raum gekommen zu sein. Die osteuropäischen Jäger und Sammler werden sogar nicht selten von den Archäogenetikern überhaupt als eine Mischung von westeuropäischen und westsibirischen Jägern und Sammlern angesprochen. Diese ganzen Zusammenhänge werden künftig von der Wissenschaft sicher noch zuverlässiger heraus gearbeitet werden.

9.200 v. Ztr. - Ausbreitung bis in die Ukraine

Seit 2024 ist zudem bekannt, daß sich Balkan-Jäger und Sammler sich - offenbar ab 9.200 v. Ztr. - bis in die Ukraine ausgebreitet haben und sich dort hälftig mit den osteuropäischen Jägern und Sammlern vermischt haben. Dieser Prozeß könnte durch die Ausbreitung der bandkeramischen Kultur ab 5.500 v. Ztr. bis an die Osthänge der Karpaten verstärkt worden sein. 

Aus dieser Ostausbreitung der Balkan-Jäger und Sammler ging unter anderem jene Dnjepr-Donez-Kultur (5.500 bis 4.200 v. Ztr) hervor (Stg2024aStg2024b). Die robusten Menschen der Dnjepr-Donez-Kultur trugen dann zur Ethnogenese der Späten Urindogermanen innerhalb ihrer Heimat bei, nämlich der Jamnaja-Kultur und gaben ihren Nachfahren wohl auch die schon von ihnen ausgebildete Robustizität und Körpergröße mit.

9.000 v. Ztr. - Eine Feuerstein-Werkstatt in Mittelhessen

Welche komplexe Lebensweise die westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler aufgewiesen haben müssen, wird durch die Herkunft von 8.000 Feuerstein-Funden auf dem sogenannten "Feuersteinacker" bei dem Dorf Stumpertenrod im nördlichen Vogelsberg-Gebirge in Mittelhessen deutlich (16, 17). Die Rohmaterialien dieser - sozusagen "indianischen" - Feuerstein-Werkstatt stammten aus allen Himmelsrichtungen und sind bis zu 150 Kilometer weit transportiert worden (Abb. 5). Die Masse der Feuersteine stammten aus etwa 60 Kilometer Entfernung. Es ist dazu zu erfahren (16):

"Das Farbspektrum des Inventars ist besonders vielfältig", sagt (Erstautor) Hess, "und es ist möglich, daß den Materialien neben einer funktionalen auch eine symbolische Bedeutung zukam." Im Vogelsberggebiet, im größten vulkanischen Gebirge Mitteleuropas, entspringen zahlreiche Flüsse, an denen sich die Menschen damals orientierten. Der heute abgelegene Feuersteinacker war in der Mittelsteinzeit ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und diente als Versammlungsort.

Abb. 6: Venus von Bierden (W)

Vielleicht ist an diesem Ort durch beabsichtigte Brandrodung auch eine größere, freie Fläche entstanden, die als Versammlungsort für "Indianer-Stämme" genutzt wurde, die von weit her entlang der Flüsse gekommen sein mögen (17):

Die Transportwege, die die Orte, wo das Rohmaterial gewonnen wurde, mit den Siedlungen verbanden, folgten dem Flußsystem von Lahn, Main, Fulda, Schwalm, Ohm, und Eder. (...). Mesolithische Siedlungsorte liegen oft auf erhöhten Terrassen, durch die sie vor Überflutung geschützt sind, nahe von kleinen Flüssen, die zu größeren Flüssen führen.
Original: Transportation routes, linking raw material outcrops and settlements, followed the river systems of Lahn, Main, Fulda, Schwalm, Ohm, and Eder. (...) Mesolithic sites are often situated on elevated terraces that are protected from floods, near small streams leading to the tributary waters of larger rivers.

Diesen Umstand finden wir auffallenderweise auch noch in der Bronzezeit vor, etwa am Königsgrab von Seddin, wo eine Wallanlage an einem sehr kleinen Flüsschen gelegen war, das als Schutz genutzt wurde. Neben Siedlungsorten finden sich aber auch Jagd-Camps (17).

9.000 v. Ztr. - Venusdarstellung in der Lüneburger Heide

Daß es in dieser Völkergruppe ähnliche künstlerische Ambitionen gab wie in den europäischen Völkern der Eiszeit, bezeugt unter anderem die Venus von Bierden (Wiki) bei Verden an der Aller, eine Venus-Darstellung, die 2011 entdeckt wurde (Abb. 6).


Welcher Art der Schamanismus war, der in dieser Völkergruppe praktiziert wurde, kann abgelesen werden anhand der 1953 an der Wuhle in Ost-Berlin gefundenen Hirschgeweihmaske (Wiki). 

8.500 v. Ztr. - Die Geweihmasken und der Schamanismus

Von solchen gibt es auch Exemplare aus England, Westfalen (Wiki), Mecklenburg oder Bad Dürrenberg an der Saale (21). An letzterem Ort wurde das Grab einer eindrucksvollen Schamanin gefunden, das im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Halle ausgestellt ist (siehe Video) (21).

Abb. 7: Nordrußland, 1692 (W)

Die Geweihmasken werden als Hinweise auf Schamanismus gedeutet.

Schamanen in Nordrußland trugen solche auch noch im 17. Jahrhundert (Abb. 7). Sie sind auch auf dem Kessel von Gundestrup aus dem 2. Jhdt. v. Ztr. dargestellt.

Mesolithische Menschenfunde im Havelland?

Auch die Kiefernwälder und Seeufer des Havellandes in Brandenburg sind seit dem Ende der nordeuropäischen Eiszeit besiedelt worden. Über den Pritzerber See im Bereich der Unteren Havel ist auf der Grundlage älterer Forschungsliteratur zu berichten (34; zit. n. 4; Preuß.blog2016):

Zahlreiche vorgeschichtliche Bodenfunde in der Feldmark oder im See beweisen die Besiedlung des Gebietes. (...) Der Übergang zwischen See und Havel in Form eines Verbindungsarmes zur Talinsel, dort wo heute sich Pritzerbe befindet, bot genügend Platz für eine Niederlassung. Die weithin bekannten Schädelfunde aus dem Pritzerber See, es sind die ältesten Reste von Menschen aus jener Zeit in Nordeuropa, sowie Geräte und Werkzeug aus Rentierknochen sprechen eindeutig dafür.

Auf Wikipedia heißt es dazu (Wiki):

So wurden im Gebiet des Pritzerber Sees zahlreiche Artefakte aus Knochen und Geweih ausgegraben, die in die jungpaläolithische beziehungsweise mesolithische Zeit datiert werden konnten. Man fand beispielsweise Spitzen, knöcherne Angelhaken und ein Schwirrgerät. 

Die im ersten Zitat erwähnten Schädelfunde bei Pritzerbe spielten in der traditionellen anthropologischen Forschung seit 1928 eine gewisse Rolle. Schädel von Stangnäs in Bohuslän (Südschweden), vom Pritzerber See, aus Friesack in Brandenburg und aus Groß-Tinz in Schlesien wurden damals als "Übergangsformen" vom Cromagnon-Menschen zum "Nordischen Menschen" der Bronzezeit in Beziehung zueinander gesetzt. Am Pritzerber See wurde auch Bernstein gefunden (35, S. 110). 1936 wurde über die Pritzerber Schädel festgehalten (35, S. 134f):

Daß die Pritzerber Schädel zum Mesolithikum gehören, ist wahrscheinlich, aber es scheint schwer zu entscheiden, zu welcher genauen zeitlichen Phase sie gehören.
Original: Two dolichocephalic skulls from the Pritzerber See in the Havelland have received detailed attention from Reche (1925). They were dredged, together with two complete and two fragmentary human jaws, and a vast quantity of bone and antler objects, from the blue Havel clay, which was overlain by a certain thickness of whitish-grey marl, between 30-40 cm of sand and from 20-30 cm of mud. The observation of Stimming, who recovered the material from the dumps of the mechanical dredgers, is confirmed by the fact that Reche found traces of Havel clay in the cavities of the skulls. Unfortunately this stoneless clay, which overlies glacial valley sands, cannot be accurately dated by geological or palaeo-botanical means, and the antler and bone objects from it belong to periods I, II and III of the Mesolithic. That the Pritzerber skulls belong to the Mesolithic is probable, but it seems hardly possible to decide to which sub-period they belong. Skull no. 1 has a cephalic index of 71,5 and a capacity of 1450 ccm, and skull no. 11 an index of 71,1 and a capacity of 1260 ccm. They resemble one another closely and are considered by Reche to be typically Nordic, with relations on the one hand to the Chancelade skull and on the other to skulls of the cord and band ceramik folk of Silesia and Bohemia.

Der hier auch erwähnte "Mann von Chancelade" (Wiki) lebte in der Dordogne in Südwestfrankreich vermutlich vor 17.000 bis 12.000 v. Ztr.. Er gehörte zur zeitgleichen Kultur des Magdalenien (Wiki). Es wäre spannend zu erfahren, wie die Pritzerber Schädel heute in den Forschungsstand eingeordnet werden.

7.000 v. Ztr. - Die Ausbreitung nach Nordwest-Spanien

Westeuropäische Jäger und Sammler haben sich noch vor der Ausbreitung des Ackerbaus auch nach Nordwest-Spanien ausgebreitet. Darauf wies der Archäogenetiker David Reich in einem Vortrag im November 2019 hin (13). Anhand der Folie "A population turnover in northwest (Iberia) between 7.000-6.000 BCE" (Minute 3:00) referiert er das Forschungsergebnis einer zuvor veröffentlichten Studie (14):

In Nordwestspanien dokumentieren wir eine Herkunfts-Verschiebung schon vor der Verbreitung des Ackerbaus, auf die zuvor niemand aufmerksam geworden war. Das älteste Individuum "Chan" wies Ähnlichkeit auf zu dem etwa 19.000 Jahre alten Individuum von "El Mirón", während die "La Braña"-Brüder aus der Zeit etwa 1300 Jahre später größere Ähnlichkeit mit zentraleuropäischen Jägern und Sammlern aufweisen wie dem ungarischen Individumm "KO1", wobei das Individuum "Canes1" aus der Zeit von etwa 700 Jahren später eine noch extremere genetische Verschiebung aufweist. Darin könnte sich ein Genfluß wiederspiegeln, der den Nordwesten der iberischen Halbinsel betroffen hat, nicht aber ihren Südosten, wo Individuen mit großer Ähnlichkeit zu El Miron fortlebten.
Original: In northwest Iberia, we document a previously un-appreciated ancestry shift before the arrival of farming (Fig. 2A, fig. S5, and table S7). The oldest individual Chan was similar to the ~19,000-year-old El Mirón, whereas the La Braña brothers from ~1300 years later were closer to central European hunter-gatherers like the Hungarian KO1, with an even more extreme shift ~700 years later in Canes1. This likely reflects gene flow affecting northwest Iberia but not the southeast, where individuals remained close to El Mirón (Fig. 2A). More data from the Mesolithic period, especially from currently unsampled areas, would provide additional insight into the geographical impact and archaeological correlates of this ancestry shift.

Abb. 8: Frau von Bäckaskog (W)
Solche vorneolithischen Bevölkerungsverschiebungen sind ja neuerdings (2021) auch für die Philippinen festgestellt worden (siehe Beitrag vor einigen Tagen).

7.000 v. Ztr. - Menschenfunde in Schweden

Die sitzende Bestattungsweise war in dieser Völkergruppe sehr weit verbreitet. Um 7.000 v. Ztr. wurde so auch eine Frau in Schweden bestattet (Wiki) ("Frau von Bäckaskog") (Abb. 8).

Die Schädelfunde von Motala in Schweden (Wiki) aus der Zeit um 5.500 v. Ztr. deuten noch auf mancherlei Rituelles mehr hin in der Umgangsweise mit den Gestorbenen und ihren Überresten. 

Auch in Motala sind unter anderem Bärenknochen um die Menschenknochen herum gruppiert (Sciencealert).

7.000 v. Ztr. - Ein Familiengrab in Kujawien an der Weichsel

Fünf Kilometer nördlich von Hohensalza (poln. Inowrocław) in Kujawien an der Weichsel (an der Ostgrenze der ehemaligen deutschen Provinz Posen) wurde ein Familiengrab aus der Zeit um 7.000 v. Ztr. entdeckt. Wir lesen darüber (Arch2025):

ein Mann, eine Frau und zwei Kinder. Die Leichen waren auf einzigartige Weise angeordnet – sie scheinen sich zu umarmen, ihre Gesichter einander zugewandt. Zwischen den Skeletten der Frau und des Mannes befinden sich die Überreste eines jüngeren Kindes (etwa 3–4 Jahre alt), während rechts neben dem Mann ein älteres Kind (etwa 7–8 Jahre alt) ruht. (...) Die Anordnung der Verstorbenen weist enge Parallelen zu mesolithischen Bestattungen aus Nord- und Westeuropa auf - von Skandinavien bis Frankreich. „In ähnlichen Bestattungen ist die Anordnung der Verstorbenen nahezu identisch: leicht angewinkelte Beine, sehr familiäre Posen. Die Toten scheinen sich zu umarmen, eng aneinander zu schmiegen. Diese Anordnung der Verstorbenen fehlt im Wesentlichen in späteren Epochen“, betont Alagierski.

Dies sind nur vorläufige Feststellungen, es sollen noch genauere Forschungen folgen. [Hier hinzugefügt 14.3.26]

6.500 v. Ztr. - Ausbreitung nach Nordafrika

Nach einer Studie aus dem Jahr 2025 kamen die westeuropäischen Jäger und Sammler über die Straße von Sizilien auch nach Nordafrika (37):

Zumindest ein Individuum aus Djebba (Tunesien), das auf etwa 8.000 Jahre v. Ztr. datiert wird, hatte Vorfahren von europäischen Jägern und Sammlern, was auf die Migration im frühen Holozän über die Straße von Sizilien hindeutet.
At least one individual from Djebba (Tunisia), dating to around 8,000 years bp, harboured ancestry from European hunter–gatherers, probably reflecting movement in the Early Holocene across the Strait of Sicily.

Beziehungsweise (Nature12/3/2025):

Das Genom eines Mannes von der tunesischen Fundstätte Djebba hielt eine große Überraschung bereit: Etwa sechs Prozent seiner DNA ließen sich auf europäische Jäger und Sammler zurückführen. Die Forscher schätzen, daß sich seine maghrebinischen Vorfahren vor etwa 8.500 Jahren mit europäischen Jägern und Sammlern vermischten. Bei einer Frau aus der Fundstätte finden sich schwächere Hinweise auf diese Begegnungen.
The genome of a man from a Tunisian site called Djebba held a major surprise: about 6% of his DNA could be traced back to European hunter-gatherers. The researchers estimate that his Maghrebi ancestors mixed with European hunter-gatherers around 8,500 years ago. There are weaker signs of these encounters in a woman from the site.

6.500 v. Ztr. ist aber schon die Zeit, in der sich die anatolischen Bauern rund um die Mittelmeerküsten ausbreiteten.

Fortsetzung in Teil 2: (Stg2021)

/ Entwurf: 30.6.20;
Ergänzung, Überarbeitung: 8.5.21;
Weitere Ergänzungen:
(28) 1.8.21, (32) 14.2.22, 
(33-35) 26.4.22, (37) 15.3.25,
(38, 39) 17.5.25 /

_________________

  1. Bading, Ingo: 2018 (Stg2018
  2. Torsten Günther, Helena Malmström, Emma Svensson, (...) Jan Storå, Anders Götherström, Mattias Jakobsson: Genomics of Mesolithic Scandinavia reveal colonization routes and high-latitude adaptation. doi: https://doi.org/10.1101/164400, Preprint 30.7.2017, biorxiv, veröffentlicht 9.1.2018, https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.2003703
  3. https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/01/ein-rassekrieg-am-ende-des-europaischen.html
  4. http://preussenlebt.blogspot.com/2017/04/zur-geschichte-des-dorfes-bahnitz-der.html
  5. Bading, Ingo: Ostsee-Handels-Schifffahrt lange vor dem Ackerbau Über die Ausgrabungen in Neuwasser in Hinterpommern seit 2003, 11. Juli 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/ostsee-handels-schifffahrt-lange-vor.html
  6. https://www.nature.com/articles/s41467-019-13549-9
  7. https://www.spektrum.de/news/kaugummi-aus-der-jungsteinzeit/1693536 
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