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Sonntag, 31. August 2008

Die menschliche Fähigkeit zum Unterscheiden von günstigen und ungünstigen kulturellen Merkmalen

Magnus Enquist
Stefano Ghirlanda
Es gibt verschiedene Theorien darüber, wie es möglich wurde, daß der Mensch so viel mehr Fähigkeiten und Wissen durch Nachahmung und anderes "soziales Lernen" erwerben kann, als der Schimpanse und alle anderen auch sehr intelligenten sozial lebenden Tiere (etwa Delphine, Papageien, Raben etc.). Theorien also darüber, DASS es beim Menschen umfangreiche Weitergabe kultureller Merkmale gibt. Nach Meinung der schwedischen Autoren Magnus Enquista (Bild links) und Stefano Ghirlanda (Bild rechts) (Journal of Theoretical Biology) (1) ist in diesen Theorien bisher zu wenig darüber nachgedacht worden, daß der Mensch nicht nur fähig ist, kulturelle Merkmale zu erlernen und weiterzugeben, die gut für sein genetisches Überleben (oder das seiner Gruppe sind), die also "adaptiv" sind, sondern ebenso solche, die schlecht sind für sein genetisches Überleben (oder das seiner Gruppe). Dies könnte man als einen sehr wichtigen Gedanken empfinden. Denn das ist ja "das Humanum" an sich: Ein viel größerer "Freiheitsgrad" in den Entscheidungen bei der Weitergabe oder Übernahme kultureller Merkmale. Nicht durch die Gene "gezwungen" zu sein, "das Gute" oder das evolutionär Angepaßte zu tun oder zu erlernen.

ResearchBlogging.orgEnquista und Ghirlanda stellen mit ihrer Arbeit nun die neue wichtige, in vielerlei Hinsicht tatsächlich entscheidende Frage: Was bewirkt denn das Herausfiltern von evolutionär schlecht-angepaßten kulturellen Merkmalen in unserer Kultur (oder in der Kultur des ostafrikanischen Australopithecus)?
"To prevent accumulation of maladaptive traits, it appears that each generation must 'filter out', or discard, at least some maladaptive culture. Such adaptive filtering is an important addition that may increase the adaptive value of culture. (...) The possibility of adaptive filtering changes dramatically the coevolutionary scenario for the evolution of social learning. As we saw earlier, in the absence of adaptive filtering genetic evolution is expected to improve social learning until culture is no longer adaptive. (...)

If adaptive filtering is sufficiently strong, however, culture is adaptive. (...) With sufficient adaptive filtering, adaptive culture is possible even if (...) new traits are on average maladaptive. Genetic evolution favors individual capacities for adaptive filtering under broader conditions than capacities for social learning. (...) There can be selection for adaptive filtering even when the adaptive value of culture is small, suggesting that selection for adaptive filtering may have been stronger than selection for social learning at the dawn of human culture."
Tatsächlich, man könnte mutmaßen, daß das "Projekt Mensch" schon sehr früh in einer evolutionären Sackgasse geendet wäre, wenn die genetische Evolution nicht stärker noch als das soziale Lernen an sich die Fähigkeit zum "adaptiven Filtern" kultureller Merkmale hervorgebracht hätte. Der Mensch ist fähig, auf so viele unsinnige Gedanken und "Macken" zu kommen, daß das sehr nötig gewesen sein könnte und immer noch nötig ist.

Die große Frage aber bleibt: Wo ist dieser Scanner? Wie sieht er aus? Nach welchen Kriterien filtert er? Wie sehen seine Auslöse-Mechanismen aus? Meine Vermutung wäre, daß auch dies (zunächst) sehr viel mit "Gruppenverantwortung", mit Verwandten-Altruismus zu tun hat: Reifere, erwachsene weibliche oder männliche Tiere/Menschen in der Gruppe oder auch junge, innovative, sorgen mit wachsamem Auge darüber, daß sich nicht allzuviele maladaptive kulturelle Merkmale in der Gruppe ansammeln, bzw. erfinden adaptive Merkmale. (Vielleicht gibt es hier auch eine Aufteilung der Aufgaben für "Jung" und "Alt": Die Jungen erfinden Neues, die Alten "filtern" davon das Nützliche heraus?) Hierbei kommt dann sicherlich auch zunehmend mehr das logische Denken mit ins Spiel, die Fähigkeit des Durchdenkens von Folgen des Handelns auf der "inneren Bühne" der eigenen Psyche, was in der Folge dazu führen könnte, daß darauf gedrängt wird, gruppen- oder individuen-schädliche kulturelle Merkmale, Verhaltensweisen zu meiden und nützliche (adaptive) Merkmale und Verhaltensweisen zu fördern.

In einem weiteren Schritt wäre über das Themenfeld Täuschung und Selbsttäuschung nachzudenken. Denn der Mensch besitzt in einzigartigem Maße die Fähigkeit, sich selbst zu täuschen und dabei nicht ausreichend über die Folgen seines Handelns nachzudenken. Auch läßt er sich leicht und gern von anderen - bewußter oder weniger bewußt - täuschen. Diese "cheater detection", das Erkennen von Täuschern und Täuschungen (in sich selbst und anderen) dürfte ein wichtiges Merkmal aller menschlichen Kulturen sein, die sich ihre genetische Überlebensfähigkeit bewahren (oder bewahren wollen). Da Menschen sich wohl nirgends so folgenreich belügen und betrügen wie in der Politik, bzw. in der Geschichte, müßte aus evolutionärer Sicht gefordert sein, daß die Fähigkeit zur "cheater detection" gerade bei Politikwissenschaftlern und Historikern besonders ausgeprägt sein sollte.

Die Anwendung auf heutige Verhältnisse westlicher Gesellschaften kann an dieser Stelle des Nachdenkens dem Leser überlassen bleiben, bzw. er kann auf "cheater detection"-Literatur in unserem Buchladen verwiesen werden. Man könnte auch folgendes formulieren: Zeitgeschichts-Forschung ist heute nur noch selten das Erforschen grundlegender Wahrheiten über menschliches Verhalten in der Geschichte, sondern zunächst einmal größtenteils: cheater detection. Abschließend noch einmal die Autoren:
"Culture can remain adaptive, and imitation abilities continue to improve, if maladaptive traits are continuously filtered out. Thus the evolution of adaptive filtering may have been at least as important as the evolution of imitation for the origin of human culture. We may speculate that non-human animals have only rudimentary social learning abilities (compared to humans) not because social learning is especially difficult to evolve, but because it is not useful unless one cannot discriminate between adaptive and maladaptive cultural traits." "The evolution of such 'adaptive filtering' mechanisms may have been crucial for the birth of human culture."
Die Kultur muß insgesamt adaptiv sein und die menschliche Psyche ist fähig zu bewerten, ob sie das ist oder nicht. Der Mensch bleibt aufgefordert, diese seine psychischen Potentiale zu nutzen.

(ursprünglich veröffentlicht am 15.11.2007)

1. M ENQUIST, S GHIRLANDA (2007). Evolution of social learning does not explain the origin of human cumulative culture Journal of Theoretical Biology, 246 (1), 129-135 DOI: 10.1016/j.jtbi.2006.12.022

Montag, 4. Februar 2008

"Gott im Kommen?", Frau Vollmer? - Na klar! - Nur: Welcher?

Ich finde es auffällig, daß sogar in der Wissenschaft, bzw. in der Sachbuch-Literatur Frauen oft - zumindest tendenziell - anders über Religion und Religiosität schreiben (und denken) als Männer. - Sie tun es sowieso derzeit immer noch vergleichsweise wenig, wenn man es mit den vielen Büchern und Artikeln von Männern vergleicht. Aber man sehe sich die haarscharfen Logik-Raisonements eines Richard Dawkins an und vergleiche sie mit den Überlegungen der amerikanischen Anthropologin Barbara King. (Der britische Anthropologe Robin Dunbar steht vielleicht in der Mitte zwischen beiden Extremen und eilt dadurch allen anderen in seinen Forschungen vielleicht auch am weitesten voraus. Denn Erkenntnis gerade auf dem Gebiet der Anthropologie ergibt sich doch wohl immer noch dann am besten, wenn man "viel Gefühl" und Empathie mit viel kalter, haarschafer und unbestechlicher Rationalität, Logik und Sachorientiertheit verbindet.)

Auf diese Gedanken komme ich, weil ich gerade durch das neue Buch von Antje Vollmer "Gott im Kommen?" (2007) schmökere und bestrebt bin, mir die Perlen und Rosinen ihrer Ausführungen herauszupicken. - Runde und klare Lösungen bietet Antje Vollmer im Grunde nicht an. Typisch der letzte Satz des Buches: "Gott kann uns nicht zwingen, die eine oder andere Haltung im Nachdenken über ihn einzunehmen. Wir müssen schon selber wählen." - Ist denn das nicht eine Banalität, eine Plattheit?

Eine "erneuerte kosmologische Weltverzauberung"?

Das wichtigste Kapitel des Buches wird sein: "Ein alter Streit: Monotheismus gegen Kosmotheismus". Darin schreibt sie über die Debatte von Jan Assmann und Peter Sloterdijk gegen die religiösen Eiferer des Monotheismus:
"Diese Debatte ist notwendig, sie ist auch keineswegs einfach zu einem allüberzeugenden Ergebnis zu bringen. Sicher entspricht ein gemäßigter vergeistigter Polytheismus im Sinne einer erneuerten kosmologischen Weltverzauberung den Bedürfnissen vieler Menschen, die von den Kriegsgeschichten der monotheistischen Religionen angewidert sind und sich nach neuen Wahrheiten und Gottesbildern aufmachen." (S. 116)
Auf vielen Gebieten verteidigt Antje Vollmer den Monotheismus gegen diese Angriffe (mit durchaus begründeten Argumenten), schreibt dann aber (S. 118): "Die entscheidende Kritik von Assmann und anderen an den monotheistischen Religionen aber betrifft ihren unbedingten Wahrheitsanspruch." Sie zitiert Assmann mit den Worten:
"Nur diese Religionen (...) kennen Ketzer und Heiden, Irrlehren, Sekten, Aberglauben, Götzendienst, Idolatrie, Magie, Unwissenheit, Unglauben, Häresie und wie die Begriffe alle heißen mögen für das, was sie als Erscheinungsformen des Unwahren denunzieren, verfolgen und ausgrenzen."
Und diese These will sie dann im nächsten Kapitel genauer überprüfen. Und sie verteidigt dann den Gott der evangelischen Bekennenden Kirche während des Dritten Reiches als den "Gott im Kommen", da er gerade durch den Eifer seiner Anhänger, wenn ich es recht verstehe, einen Rückhalt gegen Totalitarismen geboten hat. Auch dieses Argument ist - der Sache nach - wohl durchaus richtig.

Soweit ich sehe, bleibt sie selbst an diesem Punkt dann geistig stehen. Der Rest sind Absicherungen dieses, ihres "kommenden Gottes" nach verschiedenen Seiten hin.

Dennoch merkwürdig. Das ist und bleibt ein rein "anwendungs-bezogenes" Argument, keine "Grundlagen-Forschung". Dabei war es doch gerade der "unbedingte Wahrheitsanspruch", der letztlich auch sie störte. Sollte man nicht auch heute einen solchen haben in Bezug auf solche Fragen wie: Wo kommt diese Welt her? Wie konnte Leben entstehen? Warum diese gewaltige Höherentwicklung in Jahrmillionen bis hin zu uns Menschen? Was soll das alles?

Das Leben selbst erforschen, nicht "vergangenes" Leben

Wie will Frau Vollmer, um solche Fragen zu klären, allein in religiöser, religionsvergleichender oder kulturwissenschaftlicher Literatur Antworten finden, statt zunächst und vor allem in jener Literatur, die über diese Welt, über dieses Leben selbst etwas sagt?

Man sieht, Richard Dawkins hat wieder einmal recht: Die Monotheismen und ihre alten "Streitereien" versperren den Menschen, die über das Leben und die Gesellschaft nachdenken und sich damit zu ausschließlich beschäftigen, den Blick auf die eigentlichen heute aktuellen und brennenden Fragen. Gegen Totalitarismus will ich mich auch zur Wehr setzen - mit allem "Eifer". Aber ich will dabei auch wissen, wie die Welt wirklich ist, nicht wie man sie sich vor 2000 Jahren einmal vorgestellt hat. Und aus diesem heutigen Weltbild heraus will ich individuelle und gesellschaftliche Freiheit beanspruchen und begründen.

Dienstag, 9. Oktober 2007

Eckart Voland und warum das Leben nicht langweilig ist

Eckart Voland hat eine spannende These veröffentlicht, warum wir dazu evoluiert sind zu glauben, der Mensch hätte einen freien Willen. (Freilich setzt diese Fragestellung schon die Annahme voraus, der Mensch hätte an sich keinen freien Willen.) Aber Herr Voland hat eine tolle Idee (Evolutionary Psycholgy) im Zusammenhang mit der "Social Brain"-Hypothese:
... It is beneficial to make the others predictable and to form hypotheses about their probable behavioral tendencies. This is done by behavior reading and mind reading and by classifying the recurring stochastic patterns in everyday language as the “will.” Thus, the idea of free will emerged first as a social attribution and not as an introspectively gained insight. The fact that ego applies the idea of freedom also to itself and considers itself to be as free as it considers the social partners to be free, i.e. unpredictable, is in this view a nonselected by-product of social intelligence.
Wenn ich also recht verstehe und ohne noch den Aufsatz selbst gelesen zu haben: Ich betrachte mich selbst als frei, weil mir das Verhalten meiner Mitmenschen grundsätzlich unberechenbar vorkommt, bzw. weil ich per se immer wieder die Erfahrung mache: Grundsätzlich ist ihr Verhalten nicht vollständig vorhersehbar.

Ach ja, wie langweilig wäre dann auch das Leben!!!! (- Oder etwa nicht?)

Jedenfalls: Hochspannende Hypothese mit vielen - auch philosophischen - Implikationen.

Samstag, 14. Juli 2007

Bedenklich - Morde an Regime-Gegnern sind "bedenklich"

"Bedenklich" findet es die "FAZ", daß in Rußland reihenweise regimekritische Journalisten ermordet werden, ohne daß inzwischen auch nur einMord aufgeklärt worden wäre. (FAZ) "Bedenklich".

Ob wohl auch die Ehefrau von Alexander Litwinenko das "bedenklich" findet? Oder die Familie von Anna Politowskaja? - "Bedenklich". Hänge er sich dieses Wort über den Schreibtisch, Herr Werner Adam von der "FAZ".

Es gibt manche, die finden ganz anderes "bedenklich", als das, was der Herr Werner Adam von der "FAZ" bedenklich findet. Dazu gehören aber nicht westliche Geschäftsleute in Rußland. Sie sind noch wesentlich "unbedenklicher":
... Vor allem deutsche Unternehmer (sehen) in Putin einen entschlussfähigen Politiker, der für Stabilität und Ordnung in Russland eintrete. (...) Selbst russische Kritik an russischen Zuständen (wird) von westlichen Geschäftsleuten, von deutschen zumal, gewöhnlich als störend und lästig empfunden.
Auch das mögen sie sich über ihren Schreibtisch hängen: "störend" und "lästig" - also ermorden, all diese Störenfriede und Lästigen. Deutschland! Du bist so auf den Hund gekommen, daß Du es gar nicht mehr merkst, wie sehr du auf den Hund gekommen bist.

Zum Glück hast Du ja Herrn Schäuble, der das Recht auf Mord von Staats wegen an Regimegegnern auch gleich noch mit in die Verfassung aufnehmen will. - Ein einziges Irrenhaus.

Freitag, 8. Juni 2007

Religionswissenschaftliche Konzepte müssen erweitert werden

Michael Blume fragt mich nach meiner Meinung zu seinem neuen Vortrag in Potsdam vor der von Hayek-Gesellschaft. (Blume 1, 2) Ich glaube, über meine Meinung wird er sich wundern, weil sich mein Ansatz, was die Erforschung von Religion und Religiosität betrifft - oder vielleicht besser: mein Bewußtsein diesbezüglich - seit wir uns das letzte mal darüber ausgetauscht haben, stark (sozusagen) "ins Grundsätzliche" erweitert hat. Und da das folgende sehr lang wird, stelle ich es besser gleich hier in meinen Blog.

Mir ist inzwischen klar geworden, daß man sich je nach den eigenen Voraussetzungen dem Themenfeld Religion und Religiosität ganz verschieden annähern kann. Da ist zunächst die Frage: Was bezeichne ich eigentlich als Religiosität? Da habe ich gerade erst wieder einen Bewußtseins-Sprung gemacht, als ich die Inhalte dieses Beitrags (Studium generale) zur Kenntnis nahm. Wenn ich beispielsweise dem Erlebnis einer einsamen Wanderung in der Natur eine religiöse oder quasi-religiöse Bedeutung zuspreche, dann erweitert das, was man bei der Erforschung von Religiosität alles in den Blick nimmt und bekommt, sofort ganz erheblich.

Man wird sich dann bewußt, daß ein großer Teil der Menschen in der großen Kategorie der "Religionslosen", der "Atheisten", Agnostiker etc. pp. in Michael Blume's Statistiken - zu der ich auch gehöre - natürlich auch "Religiosität" haben - oder haben können. Nur: diese taucht - bisher - (fast zwangsläufig) in keiner seiner Statistiken auf. Und ich glaube, das muß man als heftig unbefriedigend empfinden. Michael wird sagen - und ich traue es ihm zu -, daß es ihm gelingen wird, diese Aspekte früher oder später in seine Ansätze zu integrieren. (Es kommt halt auf die Daten an, die man findet, um sie den eigenen Forschungen zugrunde legen zu können.) Aber so lange das nicht in ausgeprägterem Maße geschehen ist, bleibe ich halt einfach sehr unbefriedigt zurück.

Religiös - und doch in keiner Statistik verzeichnet

Denn ich frage mich: Was soll denn eigentlich bei dem von ihm bis jetzt so begeistert entworfenen "Wettbewerb der Religionen" eigentlich herauskommen? Und warum spricht er nicht besser vom "Wettbewerb der Philosophien und Weltbilder"? Man sollte doch ehrlich sein: Selbst wenn ich mit freiprotestantischen, "reformbewegten" Menschen spreche, von denen einem ja doch der oder die eine oder andere hier oder dort einmal über den Weg läuft, und die einem oft sehr viel sympathischer sein können als viele andere Menschen, so weiß ich doch (so ähnlich wie Michael Holzach bei seiner Auseinandersetzung mit den Hutterern in Kanada das wußte), daß das weder für mich persönlich ein Weg in die Zukunft ist, noch auch für meine Gesellschaft insgesamt.

Wenn wir davon ausgehen, "daß die naturalistische Wende im Menschenbild unwiderruflich ist" (Thomas Metzinger), dann hat eben - rein von der Sache her - ein supernaturalistisches Welt- und Menschenbild einfach keine Überzeugungskraft und Zukunft mehr. Religiosität kann es aber auch ohne ein supernaturalistisches Weltbild geben. Richard Dawkins selbst ist - klar - ein religiöser Mensch. Und ich möchte sagen: Fast die Mehrheit der bedeutenderen, bekannteren Nobelpreisträger und Sachbuchautoren äußert in der einen oder anderen Weise religiöse Überzeugungen. Meistens werden diese rein naturalistisch formuliert. Und selbst bei jenen, die diese Überzeugungen supernaturalistisch formulieren, bleibt die Verbindung zwischen einem supernaturalistischen Gott und dem von ihnen vertretenen naturalistischen Weltbild oft allzu diffus und im Unklaren, es liegt einem "quer im Magen". Einfach weil: "nicht zusammen paßt, was nicht zusammen gehört".

"Wut auf Religionen"

Jetzt ein paar Nutzanwendungen auf den neuen Text von Michael Blume: "Bis heute erkennt man Feinde der Freiheit an ihrer Wut auf Religionen und besonders auf religiöse Minderheiten," sagt er (S. 4). Das ist mir bei weitem zu allgemein, zu pauschal formuliert. Man kann auch Wut gegen Religionen haben, ohne die Religionsfreiheit einzuschränken. Das gilt genauso wie gegenüber Wut auf Philosophien, Ideologien, wenn man intellektuelle Unredlichkeiten oder schlichte Fehler feststellt, überholte, falsche Denkhaltungen oder vieles andere mehr in diesem Zusammenhang zurückweist. Durch Wut und Zorn sind ja übrigens auch in früheren Zeiten viele innerreligiöse Reformen zustande gekommen.

"Der echte Liberale" kann, muß aber nicht jeden Unsinn, jeden epileptischen Propheten oder völkermordenden Gott als Bereicherung empfinden. Und er kann das auch zum Ausdruck bringen, ohne daß er dabei die Freiheit anderer beschneidet. Anders wird ja kein offener und kritischer Diskurs möglich. Das, was man sieht, muß man auch sagen. Und ich sehe es doch.

Auch glaube ich nicht, daß "monoreligiöse Gesellschaften" "tendenziell reaktionär" oder "kollektivistisch-ideologisch" sein müssen, wie Michael sagt. Ich habe grad - eher zufällig - amerikanische Soziologen über die Funktionalität von Religion gelesen (Reynolds/Tanner, "The Social Ecology of Religion", 1995 [fand ich bei Richard Sosis 2003 zitiert]), wo gerade so ziemlich die Hauptthese darin besteht, daß Religion in früheren Zeiten schlicht das war, was "alle" machten, wo also nie jemand dauernd überlegen mußte, ob er es so oder so machen sollte, ob er sich so oder so entscheiden sollte. Ich finde das Buch ngar icht besonders gut, die These ist auch nicht gerade etwas, was einen vom Hocker wirft - aber stimmen tut sie natürlich.

"Tendenziell reaktionär"?

Man kann doch nicht sagen, daß es für Menschen, die im wesentlichen gar nichts anderes kennen als ihre eigene Religion (und das galt für die überwiegende Mehrheit der ländlichen Bevölkerung in früheren Zeiten - und sicherlich noch mehr für Jäger/Sammler-Bevölkerungen) grundsätzlich eine Beschneidung ihrer Freiheit war, daß sie nichts anderes kannten. Das lag einfach schon an den ganz anderen gesellschaftlichen Kommunikations-Strukturen in früheren Jahrhunderten. Während des gesamten Mittelalters gab es in Europa nur eine einzige Religion. Als "Heiden" waren höchstens noch die Juden bekannt und Völker weit draußen am Ende des eigenen Kulturraumes. Aber das alles fast nie als echte Alternative für den eigenen Lebensweg. Binnengesellschaftlich gab es keine religiöse Pluralität, die mit heute vergleichbar wäre.

Oh, und auch die Geschichte der Amischen (Mennoniten) in Europa ist mir ein bischen zu "scharf" von Michael gekennzeichnet. Das unterschiedliche Schicksal der Amischen in Europa und Amerika ist wohl - insgesamt gesehen - nicht im wesentlichen durch unterschiedliches Ausmaß staatlicher Repression und gesellschaftlichen Drucks von außen bestimmt (die gab es ja in den USA auch), sondern - soweit ich sehe - vor allem durch den Sprachunterschied, der in den USA zur Mehrheitsbevölkerung bestand und in Europa nicht. So etwas hält ja eine Gemeinschaft sehr stark zusammen, wenn man an der eigenen Sprache auch in einer anderssprachigen Umgebung festhält.

Die in Europa gebliebenen Amischen gibt es heute schlicht deshalb nicht mehr, weil sie sich assimilierten, nicht weil sie hier im 19. und 20. Jahrhundert noch großartige verfolgt wurden. (In der Pfalz gibt es ja noch eine "Mennonitische Forschungsstelle", wo man sich darüber informieren kann.) Auch in Rußland hielten sich ja die Mennoniten-Gemeinschaften bis in die Stalin-Zeit, ja oft bis heute - aufgrund des Sprachunterschieds. Und sie zerfielen in dem Augenblick oft, in dem die Gemeinschaften die Muttersprache der Umgebung annahmen (sich assimilierten).

"In Europa wurden ihre Gemeinden restlos ausgelöscht", "brutal verfolgt" ist mir also zu undifferenziert. Für das 16. und 17. Jahrhundert in vielen Regionen durchaus, aber selbst da nicht allgemein gültig. Es gab immer in Europa auch tolerante Landesherren, wo viele religiöse Minderheiten Zuflucht finden koknnten. Oft mußte man halt nur, wenn der Landesherr wechselte, in eine andere Region ziehen. Und "liberal" auf dem Gebiet der Kindererziehung kann man die Amischen ganz bestimmt nicht nennen. Aber sie empfinden die Einschränkungen nicht, weil sie subjektiv in einer monoreligiösen Gemeinschaft leben und die Beeinflussung durch das gesellschaftliche Leben außerhalb ihrer Gemeinschaft auf das notwendigste Mindestmaß heruntergeschraubt wird.

Zukunftstragende Ideen und Lebensformen

Der Begriff "Wettbewerb der Religionen" ist vielleicht auch deshalb nicht besonders glücklich für die heutige Zeit gewählt, weil der eigentliche "Wettbewerb" (- darf man das Selektion nennen, ohne mißverstanden zu werden?), was zukunftsfähige Ideen und Lebensformen betrifft, heute so weit ich sehe, nicht im Wesentlichen oder vorwiegend im zwischen-religiösen Dialog stattfindet. „Christliche Ethik ist nicht mehr gegenwartstauglich“, davon ist auch der Biophilosoph Eckart Voland von der Universität Gießen überzeugt. „Der moderne, aufgeklärte Staat ist viel weiter als das Alte und Neue Testament.“ (Studium generale) Damit stimme ich 100%-ig überein.

Der wesentliche Wettbewerb um die zukunftsträchtigen Ideen und Konzepte findet heute längst nicht mehr zwischen den bestehenden großen oder kleinen Religionen statt, sondern ganz unabhängig von ihnen. Und viele finden es fast als ein "retardierendes" Element, wenn man da dauernd noch auf verquastete und veraltete Konzepte Rücksicht nimmt oder Rücksicht nehmen soll.

Von fröhlichem "Wettbewerb der Religionen" kann man sicherlich - wenn man will - bei manchen Entwicklungsphasen etwa der antiken Kultur sprechen. Der Wettbewerb hörte ja schlicht in dem Augenblick auf, in dem sich das Christentum als staatstragend siegreich aus ihm hervorgerungen hatte. Schon damals hätte man sagen müssen (und das haben ja auch viele gesagt): Keine Toleranz für die Untoleranten. Es waren ja gerade die heute vorherrschenden Religionen, die diesen friedlichen Wettbewerb abgewürgt hatten.

Die alten Religionen sind gar nicht echt wettbewerbsfähig

Und der Grund dafür ist, daß sie auf dem Gebiet der Ideen und der Wissenschaft schlicht schon damals gar nicht "wettbewerbsfähig" waren, da sie das antike Prinzip des "logo di donai" (des sich redlich "Rechenschaft geben über") ersetzten durch ein blinden "Glauben", ... "auch wenn es absurd ist". Ich glaube also, gerade die monotheistischen Religionen sind die denkbar schlechtest-geeigneten für einen redlichen Wettbewerb von Ideen und Lebenskonzepten, da sie immer schon von vornherein - bevor sie in eine Diskurs eintreten - von mir verlangen, daß ich etwas als gültig akzeptieren soll, was eben - für mich - sehr heftig infrage steht. Und da es infrage steht, fällt damit alles andere sofort so ziemlich von selbst auch in sich zusammen, so gern ich das - als Wissenschaftler - in seiner inneren Rationalität nachvollziehe und nachvollziehen kann.

Die letzten 2000 Jahre Religionsgeschichte waren jedenfalls so fröhlich nicht. So fröhlich war der "Wettbewerb" im 17. Jahrhundert auch in Deutschland nicht. Also insgesamt: Der Hayek und ein großer Teil moderner, naturwissenschaftlich orientierter Religionswissenschaft kann als Konzept für die Erklärung der Vergangenheit und Gegenwart ganz dienlich sein. Für mich ist aber die Hauptfrage: Welche Schlußfolgerungen ziehe ich aus den Lehren der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft? Und dazu müssen die gegenwärtigen Konzepte und Forschungsansätze zu Religiosität - wie ich denke - noch wesentlich erweitert werden. Der letzte, gute, allgemeinere Ansatz, um Konzepte zu erweitern, stammt, so weit ich sehe, von der Primatologin Barbara King. (Studium generale)

Warum bist du nicht zu Hause geblieben?

Auch könnte man es vielleicht - in Weiterführung von Eckart Voland (siehe oben) - folgendermaßen formulieren: Die "Religionsgemeinschaft" des Religionslosen, des Atheisten ist schlicht der Staat - oder besser vielleicht: die traditionell gewachsene Kultur -, in denen er lebt. Beziehungsweise: die Gesellschaft, in und für die er lebt. Mit dem Zugehörigkeits- und Verantwortlichkeits-Gefühl, das Menschen hierbei entwickeln, werden neue Lebenskonzepte und Weltbilder durchgespielt und diskutiert und gesetzgeberisch festgelegt, die besser gegenwarts- und zukunftstauglich sind, als bisherige Konzepte. In dem Sinne kann man also auch (säkulare) Umweltschutz-Bewegungen, Kinderschutz-Bewegungen, Lebensreform-Bewegungen religiöse Bewegungen nennen. Aber mit welchen Konzepten kann man das theoretisch, wissenschaftlich gültig fassen?

Die traditionellen Religionen sind schlicht nur erfolgreich, weil sie Konzepte anwenden, die sich über viele Jahrhunderte hin bewährt haben. Atheisten sind heute, was Fortpflanzung und Familie betrifft, nicht vergleichsweise so erfolgreich, weil sie eben nach angepaßten Lebensformen suchen, die nicht nur in der Vergangenheit tragfähig waren, sondern die auch - allein mit einem naturalistischen Weltbild - in der Zukunft tragfähig sein werden. Sie sind wie Kolumbus, der alle Brücken hinter sich abbrach. Eine Welt voller Risiken und Gefahren. Und wenn es schief geht, sagen alle: Warum bist Du nicht zu Hause geblieben?

Donnerstag, 7. Juni 2007

"Zerreißen will ich das Geweb der Arglist ..."

Er hat die Schnauze voll - Ein Nobelpreisträger
(Zu Englisch: "He is pissed off ...")

Vorbemerkung (7.2.2016): Das Wort von der "Lügenpresse" kam 2014 auf den Pegida-Demonstraionen in Dresden auf (Wiki). Dieser Beitrag zeigt, dass das Phänomen "Pinocchiopresse", bzw. "Lügenäther" (Peter Sloterdijk) in der Wissenschaft schon spätestens seit 2006 bekannt ist.

Die folgenden Ausführungen werden Wolf Biermann, der auch oft die Schnauze voll hat oder voll nimmt, nicht gefallen. Andererseits müssen nicht jedem die jüngsten, sehr undifferenzierten Äußerungen Wolf Biermanns zum palästinensisch-arabischen Konflikt besonders gefallen. Und man darf sich insbesondere fragen, ob sie im Sinne seiner früh verstorbenen Freunde Rudi Dutschke, Jürgen Fuchs oder Rudolf Bahro wären, die alle - wohl - in ähnlicher Weise gewissen Geheimdiensten unbequem waren, so wie neuerdings der russische Regime-Gegner Alexander Litwinenko.

Robert Trivers

Durch "Gene Expression" stößt man auf ganz neue, sehr direkt politische Implikationen der modernen Soziobiologie und des etwaig durch diese wiederbelebten "neuen Atheismus". - Robert Trivers (geboren 1943) ist nach William D. Hamilton (1936 - 2000) der zweite große theoretische Begründer der Soziobiologie. Er hat das Prinzip des Gegenseitigkeits-Altruismus formuliert in Ergänzung zu William D. Hamilton's Prinzip des Verwandten-Altruismus, also "des E = mc2 der Evolutionären Psychologie". Bis heute hat er viele wichtige, weitere Beiträge zur modernen Evolutionsbiologie geleistet, unter anderem zur Theorie von Täuschung und Selbsttäuschung. Auch ein dickes Lehrbuch hat er verfaßt.

Robert Trivers ist, wie viele wohl heute zum ersten mal erfahren, ein unerschrockener Kritiker politischer Mißstände, vielleicht noch ein viel unerschrockenerer, als sein Freund Bill Hamilton, der in seinen Erinnerungen "Narrow Roads of Gene Land" durchaus auch schon so mancherlei Kritisches und "Unkorrektes" zu äußern bereit war, so daß jedenfalls die Herausgeber mehrmals über der Frage zögerten, ob sie diese Aufzeichnungen vollständig veröffentlichen sollten. Wir haben es also im folgenden mit einem weiteren, neuen Stadium in der politisch unkorrekten Geschichte dieser mißliebigen Wissenschaftsrichtung zu tun: der Soziobiologie ...

Alan Dershowitz

Wohl weil Robert Trivers (amerikanisch-)jüdischer Abstammung ist, interessiert er sich auch sehr stark für den israelisch-arabischen Konflikt (- wie ja jüngst auch Wolf Biermann). Und wie man aus neuesten Berichten erfährt (chronologisch: Inside Higher Education 2005, Seed 2006, Inside Higher Education April 07, Inside Higher Education Mai 07, Frontpage Magazine, Gene Expression), hat er vor kurzem aus diesem Anlaß einen privaten Brief an Alan Dershowitz, den Herausgeber des einflußreichen "Wall Street Journal" und zugleich Professor an der Harvard-Universität, geschrieben, der unter anderem eine heftige Passage enthielt. Sie schlägt einen herausfordernden - oder vielleicht auch richtiger: zornigen - Ton an, wie man ihn in dieser Weise bisher noch niemals von irgend einem Soziobiologen zu politischen Fragen vernommen hat:
“Regarding your rationalization of Israeli attacks on Lebanese civilians, let me just say that if there is a repeat of Israeli butchery toward Lebanon and if you decide once again to rationalize it publicly, look forward to a visit from me. Nazis — and Nazi-like apologists such as yourself — need to be confronted directly.”
Auf Deutsch übersetzt:
"Lassen Sie mich in Hinsicht auf Ihr Entgegenbringen von Verständnis gegenüber den israelischen Angriffen auf libanesische Zivilisten sagen, daß wenn es eine Wiederholung von israelischer Schlächterei gegen den Libanon geben sollte und Sie entscheiden sollten, diesem noch einmal öffentlich Verständnis entgegen zu bringen, daß Sie dann mit einem persönlichen Besuch meinerseits rechnen können. Nazis - und Nazi-ähnlichen Apologeten wie Ihnen - muß man sich direkt in den Weg stellen."
Nun. Recht unzweideutig. Wissenschaftsblogger Razib Khan fragt - rhetorisch -: "Bob Trivers - a bad ass?" Und ein Kommentator schreibt:
"Dershowitz hat wirklich ein schreckliches Maul, das mehr zum Nachteil der eigenen Sache hervorbringt, als er sich selbst vorstellen kann."
Aufgrund dieses Briefes jedenfalls wurde Trivers, der letztes Jahr den "Nobelpreis für Biologie" erhalten hatte (das ist der "Crafoord-Preis für Biowissenschaften"), kurzfristig von einem Vortrag ausgeladen, den er an der Harvard-Universität halten sollte. Dies geschah, nachdem Alan Dershowitz den zitierten Brief ("routinemäßig", wie er sagt) an die Polizei-Abteilung von Harvard weitergegeben hatte.

Norman G. Finkelstein

Trivers, so ist weiter zu erfahren, hatte diesen Brief geschrieben, um den Äußerungen von Dershowitz über Norman G. Finkelstein zu widersprechen, also um zugunsten des Kritikers der "Holocaust-Industrie" Partei zu ergreifen. - Neuerlich eine ziemlich brisante Sache ... Es geht noch weiter: Alan Dershowitz ist einer der prominentesten Vertreter der von Norman G. Finkelstein so apostrophierten und kritisierten "Holocaust-Industrie". Und er hat offenbar versucht, das Erscheinen des jüngsten Buches von Norman G. Finkelstein ("Beyond Chuzpah") zu verhindern. Alan Dershowitz scheint sich nach den Berichten unglaublich durch dieses Buch angegriffen zu fühlen. Das war 2005. - Wie man feststellen kann, ist das Internet voll mit Dershowitz-Kontroversen: Wikipedia.

Forschungsgelder

Dieses Jahr nun verweigerte der Dekan des Universitäts-Fachbereichs, an dem Israel Finkelstein arbeitet, die ihm vom Fachbereich selbst schon mehrheitlich gewährten Forschungsgelder. Es gehen Gerüchte um, daß Dershowitz daraufhin arbeitet, daß Finkelstein entlassen werden solle. Diese Umstände offenbar haben den Brief von Trivers ausgelöst. Aber weiterhin ist auch zu erfahren, daß zwei Schwestern von Trivers mit libanesischen Männern verheiratet sind. Seine Worte sind also aus direkter persönlicher Betroffenheit heraus geschrieben - man könnte auch sagen aus: Verwandten-Altruismus.

Täuschung und Selbsttäuschung

Robert Trivers hat vor allem auch die evolutionsbiologische Funktion von Täuschung und Selbsttäuschung auf der Ebene von Individuen und Gruppen erforscht. In einem Gespräch mit dem berühmten Sprachforscher und Kritiker einer zu Israel-freundlichen US-Außenpolitik, Noam Chomsky, im September letzten Jahres (Seed 2006) wurden daraus zahlreiche Nutzanwendungen für die gegenwärtigen Politik gezogen. So sagte Chomsky zum Beispiel (Hervorhebungen nicht im Original):
"... we now have huge industries deceiving the public—and they're very conscious about it, the public relations industry . Interestingly, this developed in the freest countries—in Britain and the US—roughly around time of WWI, when it was recognized that enough freedom had been won that people could no longer be controlled by force. So modes of deception and manipulation had to be developed in order to keep them under control. And by now these are huge industries. They not only dominate marketing of commodities, but they also control the political system. As anyone who watches a US election knows, it's marketing. It's the same techniques that are used to market toothpaste. And, of course, there are power systems in place to facilitate this. (...) You have to reconstruct a picture of the world in order to be conducive to the interests and concerns of the educated classes, and this involves a lot of self-deceit."
Zu deutsch:
"Wir haben nun riesige Industrien, die die Öffentlichkeit betrügen - sie sind sich dessen sehr bewußt, die Public relation-Industrie. Interessanterweise wurde sie in den freisten Ländern - in Großbritannien und den Vereinigten Staaten - ungefähr in der Zeit des Ersten Weltkrieges entwickelt, als erkannt worden war, daß genügend Freiheit gewonnen war, so daß Menschen nicht mehr länger durch Gewalt kontrolliert werden konnten. So wurden Wege der Täuschung und Manipulation entwickelt, um sie unter Kontrolle zu halten. Und nun sind es riesige Industrien. Sie dominieren nicht allein den Wirtschaftsbereich, sondern ebenso das politische System. Und jeder, der die US-Wahlen beobachtet, weiß, daß es Marketing ist. Es werden die gleichen Techniken benutzt wie die, mit denen Zahnpasta verkauft wird. Und natürlich gibt es da Machtsysteme, die das erleichtern. (...) Man muß ein Bild der Welt zeichnen, um die Interessen und Absichten der gebildeten Klassen zu fördern und dies schließt eine ganze Menge Selbsttäuschung mit ein."
Abb.: Pegida-Demonstration - Dresden, 21. April 2014 (Wiki)
Ein ganzer "Schwarm von Lügen"

Ja, als Zeithistoriker kann man jedes einzelne dieser Worte bestätigen. Das 20. Jahrhundert war ein "Jahrhundert der Lügen". Und was diesen Aspekt der Geschichte betrifft, so scheint das 20. Jahrhundert noch heute nicht zu Ende zu sein. Trivers antwortete unter anderem:
"... So let me ask you, when you think about the leaders—let's say the present set of organisms that launched this dreadful Iraq misadventure—how important is their level of self-deception? We know they launched the whole thing in a swarm of lies, the evidence for which is too overwhelming to even need to be referred to now. My view is that their deception leads to self-deception very easily. ..."
/ Ergänzung Febr. 2015: Soviel schon vor acht Jahren hier auf dem Blog zum Thema "Unwort des Jahres 2014", bzw. zu den Rufen auf den Dresdener Pegida-Demonstrationen "Lügenpresse - halt die Fresse". Chomsky und Trivers jedenfalls sagten schon vor vielen Jahren der Sache nach nichts anderes .../ Trivers sagt gegen Ende des Gespräches unter anderem:
"There is excellent work being done on deception in other creatures. To give you just one line of work that's of some interest: We find repeatedly now—in wasps, in birds and in monkeys—that when organisms realize they're being deceived, they get pissed off. And they often attack the deceiver. Especially if the deceiver is over-representing him or herself. If you're under-representing and showing yourself as having less dominance than you really have, you're not attacked. And the ones that do attack you are precisely those whose dominance status you are attempting to expropriate or mimic.
It's very interesting and it suggests some of the dynamic in which fear of being detected while deceiving can be a secondary signal, precisely because if you are detected, you may get your butt kicked or get chased out."
Das Gespräch ist noch viel länger. Aber mit den gebrachten Auszügen ist zunächst genug von der Richtung des Denkens aufgezeigt worden, das hier verfolgt wird. Insofern der "neue Atheismus" dabei mithelfen sollte, "das Geweb der Arglist" zu zerreißen, wie das ja auch Richard Dawkins, James Watson und viele andere immer wieder tun, könnte man allerdings sehr viel von ihm erwarten:
Zerreißen will ich das Geweb der Arglist,
aufdecken will ich alles, was ich weiß!
In der Tat kann das Verfolgen von Lobby-Interessen interpretiert werden als das Verfolgen von "gruppenevolutionären Strategien". Dazu hat der Evolutionäre Psychologe Kevin MacDonald aufschlussreiche Studien vorgelegt.

/Abbildung hinzugefügt: 7.2.16/

Samstag, 21. April 2007

"Wenn niemand nachmisst, hat ein Quanten-Teilchen dann einen definierten Zustand?"

Spektrum der Wissenschaft hat einen schönen Artikel über moderne Quantenphysik, den der Chefredakteur - selbst Physiker -, im "Newsletter" folgendermaßen ankündigt:

Liebe Leserin, lieber Leser,
es ist schon eine gewisse Ironie der Natur, dass gerade die exakte Physik unserer Vorstellung gerne Streiche zu spielen scheint. Oft - für manche fast zu oft - stehen Theorien und Experimente im Kontrast zum "gesunden Menschenverstand". Olaf Fritsche nutzt aktuelle Untersuchungen zur Betrachtung der zeitlosen Frage: Wie real ist die Wirklichkeit?
Ganz real grüßt zumindest
Richard Zinken

Und im Artikel heißt es unter anderem:

... Dort, wo sich Quantenphysik und Relativitätstheorie begegnen, stoßen Knopfloch und Reißverschluss aufeinander. Kein Modell bringt beide zusammen - und die menschliche Intuition winkt verwirrt ab. ...

Mittwoch, 14. Februar 2007

Saddam Hussein - ist er wichtig?

In der neueste Ausgabe der Zeitschrift der "Gesellschaft für bedrohte Völker" (1/2007) schreiben Udo Fahlbusch und Tilman Zülch einen Nachruf auf Saddam Hussein mit folgendem Titel: "Opfer hätten mehr Aufmerksamkeit verdient". Einige Auszüge:

1987 "verurteilte das Bonner Landgericht die Gesellschaft für bedrohte Völker zu zwei Mal 500.000 DM für eine etwaige Wiederholung der Behauptung, die Firmen Pilot Plant und Karl Kolb hätten durch ihre Beteiligung an dem Aufbau der Giftgasindustrie Mitschuld an der Vernichtung der kurdischen Dorfbewohner. Erst das Kölner Landgericht hob dieses Urteil wieder auf, nachdem wir die gleichlautende Behauptung der 'Jerusalem Post' publiziert hatten. (...)

Es scheint, als hätte die Vollstreckung des Todesurteils viel mehr Aufsehen erregt, als das Schicksal der etwa 500.000 Kurden, die seit dem Machtantritt Saddam Husseins ums Leben gekommen sind. (...)

Saddam Hussein wurde hingerichtet. Die Intervention 2003 jener Staaten, die seine Verbrechen Jahre und Jahrzehnte hingenommen haben und durch Waffenlieferungen ermöglichten, hat das Morden im Irak nicht beendet. (...)

Auch wir haben die Exekution des Kriegsverbrechers Saddam Hussein verurteil, denn auch Diktatoren sind letztlich Menschen. Aber wir hätten uns mehr Öffentlichkeit und von manchem auch mehr Mitgefühl für Saddams Opfer und eine deutliche Verurteilung seiner Verbrechen in jenen 30 Jahren (1968 - 2003) gewünscht. Hier könnte man Joschka Fischer zitierten, der 1980 in seinem Buch 'Von Grüner Kraft und Herrlichkeit' selbstkritisch schrieb: 'Die Linke hat immer dann zu Völkermord geschwiegen, wenn die Opfer keine Linken waren, und sie waren meistens keine Linken'. Zu den Opfern von Völkermord zählte Fischer damals schon die irakischen Kurden. Später, während seiner Regierungszeit, vergaß er die Tschetschenen, als Rußlands Präsident Putin deren Hauptstadt Grosny dem Erdboden gleichmachte."

Kein Krimi - Realität, in Deutschland

Da man sich in früheren Jahren viel mit Tschetschenien beschäftigt hat, und nachdem sich niemand sonst in Deutschland für objektive und regelmäßige Berichterstattung und Beurteilung der Verhältnisse in Tschetschenien eingesetzt hat außer der "Gesellschaft für bedrohte Völker" in Göttingen, ist man Mitglied dieser Gesellschaft geworden. Ihr Prinzip lautet: "Auf keinem Auge blind." Immer wieder stechen die Stellungnahmen von Tilman Zülch, ihrem Gründer und langjährigen Vorsitzenden, zu politischen Ereignissen in dieser Welt deutlich heraus aus sonstigen politischen, angeblich ach so "kritischen" Kommentaren. Die Arbeit der GfbV wird von der deutschen Öffentlichkeit fast gar nicht - oder viel zu wenig - zur Kenntnis genommen.

Nun entdeckt man gerade das neue Netztagebuch von Sarah Reinke, der Mitarbeiterin der GfbV, die seit Jahren für die Tschetschenien-Arbeit der GfbV zuständig ist. Man hat lange nichts mehr von Tschetschenien gehört - hier steht alles wieder direkt neben einem, was dort alltäglich geschieht: eine Häßlichkeit nach der anderen in ununterbrochener Reihenfolge. Und in Deutschland haben die deutschen Behörden für diese verfolgten Menschen oftmals nicht das geringste Verständnis. Wenn man sich die pausenlose und ständige Gleichgültigkeit des Westens über die Zustände in Tschetschenien klar macht, versteht man viel, wenn nicht alles über den eigentlichen moralischen Zustand unserer, angeblich so "humanen" Welt.

Müssen hier Auszüge gebracht werden? Die bekannte tschetschenische Menschenrechts-Arbeiterin Lipkan Basajewa wird noch diesen Monat aus Hamburg nach Tschetschenien zurückkehren - also in den Herrschaftsbereich jenes Machthabers, unter dem gerade erst die russische Journalistin Anna Politowskaja wegen ihrer kritischen Berichterstattung über Tschetschenien ermordet wurde. Fast möchte man eine solche Rückkehr "Wahnsinn" nennen. Auf diesem Netztagebuch wird darüber in "Echtzeit" berichtet.

Andere Fälle von in aller tiefstem Maße gedemütigten, mißhandelten Menschen und Familien, die jede Form menschlicher Gewalt und Grausamkeit erlebt haben, werden geschildert, Menschen, die kein selbstverständliches Gastrecht in Deutschland genießen. Das Blut erstarrt einem in den Adern. Die Geschichte wird deutsche Politiker von heute anders beurteilen als die heutige deutsche Öffentlichkeit. Sie wird sie - unter anderem - daran messen, wie sie sich gegenüber dem Schicksal des tschetschenischen Volkes verhalten haben. Das Urteil kann nur gnadenlos vernichtend ausfallen genauso gnadenlos, wie sie sich gnadenlos gleichgültig gegenüber Menschenschicksalen verhalten, um "gut Freund" zu sein mit jemanden wie - - - Putin.

Dienstag, 13. Februar 2007

Islam.de - Interview mit Michael Blume

In einem spannenden Interview ist Religionswissenschaftler Michael Blume gefragt worden, WARUM religiöse Menschen durchschnittlich und weltweit mehr Kinder haben als Atheisten. Seine Antwort:

Der Mensch ist das einzige Wesen, das aktiv Fragen der Bindung oder Kinder entscheiden kann. Umgangssprachlich spricht man ja inzwischen sogar von einem „Unfall“, wenn ein Kind ungeplant gezeugt wird. Und der Punkt ist: Menschen können also abschätzen, dass Familiengründungen andere Lebensoptionen ausschließen, dass ihnen Kinder auch Sorgen und Kosten bereiten werden und dass vor allem Mütter auf verlässliche Partner und gemeinschaftliche Unterstützung angewiesen sind. In der freien Entscheidung für mehrere Kinder geht es also immer auch um das Überwinden des eigenen Egos, um freiwilligen Verzicht und auch die Bereitschaft zur Einordnung in eine Gemeinschaft. Und das sind mithin genau die Werte, die erfolgreiche Religionsgemeinschaften transzendent begründen und auf einer Vielzahl von Wegen vermitteln, offenbar erfolgreicher, als wir dachten.

Es scheint also so zu sein, daß eine transzendente Begründung das altruistische Verhalten eines Menschen verstärken kann. Spannend ist auch der dann folgende Teil des Interviews:

islam.de: Kann sich „Religion“ auch negativ auswirken?

Blume: Ja, wenn die Menschen über ihr Leben gar nicht frei entscheiden können, sondern die religiösen Gebote aus Zwang befolgen, bekommen sie weit mehr Kinder, als gut für alle ist. Dann haben wir Bevölkerungsexplosionen, Armut, fehlende Perspektiven und schließlich Gewalt nach innen und außen. Natürlich muss man in dem Bereich noch weiterforschen, aber mein vorläufiges Fazit sieht so aus, dass Religiosität und eine ausgewogene Bevölkerungsentwicklung nur bei Religionsfreiheit gedeihen können, zu der auch der Respekt vor den Rechten der Frauen und die Möglichkeit der Abkehr von Religion gehört. Zwang führt dagegen die Menschen und die Religionsgemeinschaften in die Katastrophe.

Das wirft neue Fragen auf. Ich würde so sagen: In der Geschichte zeigt sich, daß gesellschaftlicher und religiöser Zwang (mäßiger bis starker) tatsächlich durchaus über längere Jahrhunderte oder Jahrtausende in verschiedenen Weltregionen evolutionsstabile Fruchtbarkeitsraten erzeugt hat. Das muß aber noch keineswegs heißen, daß dies auch heute oder künftig oder immer schon nur so gewesen ist. Für starken religiösen Zwang sind ja bekanntermaßen besonders monotheistischen Gesellschaften anfällig. Aus religiösen, nicht-monotheistischen Gesellschaften sind oft auch ganz andere Verhältnisse bekannt. Etwa atmen in der Antike die Kulturen der Hethiter, der Griechen, der Römer noch einen ganz anderen, "freieren" Geist. Und natürlich haben sich auch diese Kulturen über lange Jahrhunderte hin "evolutionsstabil" verhalten. Ähnliches gilt natürlich für die Jahrzehntausende alten Stammesgruppen von Jäger-Sammler-Völkern. Da gibt es also noch viel Stoff zum Nachdenken.

Der Schluß des auch sonst lesenswerten Interviews lautet:

islam.de: Wie werden Sie weiterforschen?

Blume: Derzeit werte ich mit Hilfe des Schweizer Bundesamtes für Statistik Daten der Schweizer Volkszählungen von 1970 bis 2000 aus, um auch Aussagen über Trends machen zu können. Wie haben sich beispielsweise die Familienstrukturen der Schweizer Christen, Muslime und Konfessionslosen in den letzten Jahrzehnten entwickelt? Mich würde in diesem Zusammenhang auch die Meinung der Muslime interessieren und über einen Austausch mit Ihnen würde ich mich freuen.

Mittwoch, 24. Januar 2007

"Wir sind ein Volk" - Die Geschichte eines deutschen Rufes

Auf Werbe-Plakaten der "Bild"-Zeitung wurde im Januar 2007 mit den legendären Worten auf sich aufmerksam gemacht: "Wir sind ein Volk". Die "Bild"-Zeitung ist sich ja nie zu schade dafür, legendäres geschichtliches Geschehen auf ihr eigenes Niveau herunterzuziehen und damit in den Augen ernsthafter Menschen zu diskreditieren. Es handelte sich natürlich um den bekannten Demonstrationsruf aus dem Herbst 1989. Dabei wurde ein damals getragenes, inzwischen schon historisch gewordenes Demonstrations-Schild gezeigt. 

Abb. 1: "Wir sind ein Volk" - Transparent am Deutschen Historischen Museum Berlin (Zeughaus), fotografiert am 3.7.2013
Doch wir lassen uns von der "Bild"-Zeitung nichts diskreditieren, sondern dazu veranlassen, über diesen Ruf ein wenig ernsthafter zu recherchieren. Zwischenzeitlich (dies ergänzen wir im Jahr 2013) hat auch das "Deutsche Historische Museum" in Berlin im Zeughaus Unter den Linden dieses Plakat von 1989 als großes Fassaden-Transparent übernommen (Abb. 1 und 2). Es sicherlich ist es der passende Blickfang. Aus der ganzen Welt stehen Touristen davor und lassen sich die Bedeutung dieses Plakates erklären.
Abb. 2: "Wir sind ein Volk" - Transparent am Deutschen Historischen Museum Berlin (Zeughaus), fotografiert am 3.7.2013
Bei der Recherche im Jahr 2007 stießen wir auf einen detaillierten Bericht von Vanessa Fischer im Deutschlandradio (Dradio 2005) (1). Darüber, wann und wo die Worte "Wir sind ein Volk" das erste mal gerufen worden sind.
 
Offenbar sind sie während der Demonstrationszüge Anfang Oktober in Leipzig das erste mal gerufen worden. Und zwar, um gegenüber bedrohlichen NVA-Soldaten und Stasi-Mitarbeitern auf die Gemeinsamkeiten hinzuweisen, die zwischen Demonstranten und Bewaffneten bestehen. (Siehe im angeführten Bericht "Kapitel 2".)
 
Demnach wäre es der Leipziger Thomas Rudolph gewesen, der am 5. Oktober 1989 in Vorbesprechungen erstmals den Vorschlag zu diesem Schlagwort machte, das dann am 9. Oktober auf Flugblättern verteilt wurde. Dabei ließen die Vordenker der Demonstrations-Märsche schon zu diesem Zeitpunkt sich auch gern die weitere, mitschwingende Bedeutung gefallen, die sich auf die Einheit mit Westdeutschland bezog. (Das folgende sollte besser auf der Originalseite gelesen werden, da dort die Zitate farblich abgesetzt sind.)
"Wir sind ein Volk"
Die Geschichte eines deutschen Rufes
von Vanessa Fischer

Eine Recherche bei der Birthler-Behörde soll ergründen, wie und ab wann sich der Einheitsgedanke auf den Demonstrationen in der DDR im Herbst 1989 manifestierte. Dabei spielt auch der Ruf "Deutschland einig Vaterland" eine wichtige Rolle. Wann und wo mischte sich zuerst in den Satz: "Wir sind das Volk" der Ruf: "Wir sind ein Volk"?

Das war weit mehr als der Austausch eines Wortes. Es signalisierte den Abschied von der Vorstellung einer reformierten, eigenständigen DDR und die Wende zum Beitritt zur Bundesrepublik. Ein Stimmungswandel, der vom Westen aus kräftig gefördert wurde.

Kapitel 1: Falsche Fährten

Statt "Wir sind das Volk" skandierten sie nun "Wir sind ein Volk".

Millionen aus Ost und West haben den Schlachtruf skandiert, der aus der Tiefe der Herzen kam: Wir sind ein Volk.

Längst waren die Rufe auf den Straßen von "Wir sind das Volk" in "Wir sind ein Volk" übergegangen.


"Wir sind ein Volk" - eine kleine Auswahl unzähliger Artikel und Veröffentlichungen zum Herbst 89. In den Tonarchiven ist der Ruf so dokumentiert:

Wir sind ein Volk! Wir sind ein Volk!


Kein Zweifel auch an Ort und Zeitpunkt des Rufes.

Guido Knopp, Historiker: Dieser 9. Oktober von Leipzig war der Tag der Entscheidung. Von Einheit aber war noch nicht die Rede, denn zum allerersten Mal erklang der Ruf: "Wir sind ein Volk" am 20. November ebenfalls in Leipzig.

Die Abgeordnete Angelika Pfeiffer, CDU, im Bonner Bundestag: Seit September 1989 sprach ich zu den Demonstranten in Leipzig: Wir sind ein Volk.

"Wir sind ein Volk" - der Ruf, mit dem die DDR-Bürger ihren Willen zu Einheit manifestierten? Der Satz, der sich über die Grenzen Deutschlands hinweg in das Gedächtnis der Menschen eingebrannt hat. Von "Wir sind das Volk" - wie es der Volkspolizei am 2. Oktober 1989 in Leipzig von den Demonstranten entgegenschallte - zu "Wir sind ein Volk" - dem Ruf nach Einheit.

Die Wende in der Wende: Eingeleitet durch den Austausch dreier Buchstaben: Aus "das" wird "ein". Viel zitiert, gelesen und gehört - aber: historisch abgesichert? Wie war das nun damals im Herbst '89 wirklich? Die Spurensuche verläuft nicht ganz so einfach und klar.

Das Archiv Bürgerbewegung in Leipzig, Monika Keller:

Also wir haben in unseren gesamten Archivbeständen recherchiert und konnten auch kein Transparent zuordnen, was datiert ist aus der Zeit Oktober/November 1989. Auch nicht als Sprechchor, auch nicht auf Mitschnitten von Montagsdemonstrationen oder Fernsehaufzeichnungen - es ist nicht zu finden gewesen.

Ähnlich die Antwort im Städtischen Museum in Leipzig. Nächste Nachfrage beim Zeitgeschichtlichen Forum. Prof. Bernd Lindner, Autor zahlreicher Bücher über den Herbst 1989, bei jeder Demonstration in Leipzig dabei:

Diese Losung "Wir sind ein Volk" - dafür gibt es meiner Kenntnis nach in Leipzig keinen Beleg, dass das gerufen wurde. Ich hab's nie rufen gehört.

Alles nur Einbildung? Verklärung der Erinnerung? Reiner Tetzner, Autor des Buches "Leipziger Ring / Aufzeichnungen eines Montagsdemonstranten", vermerkt unter dem Datum des 23. Oktober 89:

Dann stimmt er in den Ruf "Wir sind ein Volk" ein und singt mit uns "Stasi in die Volkswirtschaft".

Eine Quelle, auf die sich auch die Birthler-Behörde beruft. Aber jetzt, nach einem erneuten Blick in seine Original-Aufzeichnungen, muss Tetzner widerrufen:

Reiner Tetzner: Bei genauerer Betrachtung und Vergleich muss ich sagen, an diesem Tag, am 23. Oktober, das kann nicht gewesen sein, das muss ein Druckfehler sein.

"Wir sind ein Volk!". Die Ausbeute der Birthler-Behörde fällt nach einem Jahr Dringlichkeitsrecherche in der Zentrale sowie in den Außenstellen überraschend mager aus. Dabei gehen Schätzungen davon aus, dass sich bei den großen Demonstrationen allein in Leipzig an die 3.000 Stasihelfer unters Volk gemischt haben. Fleißig notierten sie die Texte der Losungen oder gaben sie in ein Diktiergerät. Sollte ausgerechnet der Ruf, der das Ende der DDR bedeutete, nicht erfasst sein?

Kapitel 2: Der erste Beleg

Leipzig, 9. Oktober. Für diesen Tag rechnen die Organisatoren der Montagsdemonstration mit dem Schlimmsten. Sie fürchten heftige Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht. Ein Aufruf gegen Gewalt wird vorbereitet. Er richtet sich an beide Seiten: Demonstranten und Sicherheitskräfte. Der entscheidende Satz steht gesperrt geschrieben.

"Wir sind ein Volk!"
Und darunter:

"Gewalt unter uns hinterlässt ewig blutende Wunden."

Unterzeichner des Flugblattes: Arbeitskreis Gerechtigkeit, Arbeitsgruppe Menschenrechte und Arbeitsgruppe Umweltschutz.

Thomas Rudolph, Sprecher des Arbeitskreises Gerechtigkeit, formuliert den Text. Vier Tage vorher, am Abend des 5. Oktober, legt er den Vertretern der Gruppen den Entwurf vor: "Wir sind ein Volk".

Thomas Rudolph: Das ist ein Satz ,der sich ganz normal ergab, weil ich deutlich machen wollte, dass diejenigen, die zwangsweise gerade beim Militär waren, jetzt in der Gefahr standen, gegen die Bevölkerung vorzugehen, letztlich auch auf der Seite der Demonstranten standen. Das wollte ich mit diesem Satz zum Ausdruck bringen.

Und der Satz ist nicht unumstritten. Oliver Kloss erinnert sich an die Sitzung:

Es gab das Problem: Kann man da rein schreiben "Wir sind ein Volk!" und sich derartig gemein machen mit den Sicherheitsorganen?
Für einige Mitglieder der Gruppen ist der Satz nur tragbar, weil man ihn eben auch anders lesen kann. So auch für Rainer Müller:

Deswegen hatten wir gesagt: Gut, wir können den Satz so stehen lassen - "Wir sind ein Volk!" und er wird in der einen Seite verstanden, von vielen, die auch auf der Straße sind. Zum anderen kann man ihn aber auch so schreiben, dass er sich nicht nur auf die Bevölkerung der DDR bezog.

Sondern auch auf die der Bundesrepublik. Zwar steht der Ruf nach Einheit nicht im Vordergrund dieses Appells, aber man kann ihn herauslesen. Die Doppelbedeutung ist gewünscht. Manches Mitglied der Oppositionsgruppen wünscht sich noch mehr.

Oliver Kloss: Da haben einige vertreten: Nun gut, wir können mit dem Satz leben, denn er möge ein Stichwort geben für später. Im Nachhinein muss man nun einfach feststellen, dass es so gar nicht funktioniert hat. Es ist nicht zum Stichwort geworden, was jemals gerufen wurde. Also weder aus Dresden, noch aus Leipzig sind mir solche Rufe bekannt.
Im Büro der Lukasgemeinde wird das ganze Wochenende auf eingeschleusten Maschinen aus dem Westen gedruckt. 20.000 Flugblätter werden am 9. Oktober verteilt. Der Appell wird in der Nikolaikirche verlesen und der Deutschen Presse Agentur zugeleitet.

Die Recherche führt nach Jena. Dort soll er das erste Mal öffentlich gerufen worden sein. Genau eine Woche nach der entscheidenden Demonstration in Leipzig, am 16. Oktober, gehen die Bürger in Jena zum ersten Mal auf die Straße. Joachim Kramer, heute katholischer Pfarrer in Suhl, ist dabei. Eine Woche später, so berichtet Kramer, tauchen vereinzelt Deutschland-Fahnen auf. Wo kamen die her, fragt sich Kramer?

Ich habe in Jena am 23. Oktober beobachtet, dass Menschen in der Demonstration mit Fahnen über den Ring gezogen sind, in denen das Emblem nicht mehr vorhanden war. Und ich habe dort selbst Rufe gehört - nicht "Wir sind das Volk!", "Wir bleiben hier!", sondern "Wir sind ein Volk!". Ich habe damals mit Gesprächspartnern den Kopf geschüttelt und habe gefragt: Wissen die, was die eigentlich hier sagen? Für mich war klar: Der Zaun war noch da. Woher also diese Gedanken kamen, war für mich unerklärlich. Und deshalb hat es sich auch so stark bei mir eingeprägt. (...) Gruppierungen innerhalb des Demonstrationszuges.

Kapitel 3: Die Kampagne

11. November 1989. Zwei Tage nach dem Mauerfall. Tausende von DDR-Bürgern strömen über die Grenze. Die "Bild"-Zeitung schreibt:

"Wir sind das Volk" rufen sie heute - "Wir sind ein Volk" rufen sie morgen!

Am Tag zuvor sitzen "Bild"-Chefredakteur Hans-Hermann Tietje und Herbert Kremp, Chefkorrespondent der "Welt" in Brüssel, in Hamburg zusammen. Sie besprechen, wie auf die Maueröffnung zu reagieren sei. Herbert Kremp, Autor des "Bild"-Kommentars:

Als bei den Montagsdemonstrationen der Ruf erklang "Wir sind das Volk!", war es für mich - bei meinen Auffassungen - selbstverständlich, dass ich sagte, das muss eigentlich heißen "Wir sind ein Volk."

Für ihn ist auch klar:

Die Wiedervereinigung wird kommen, das war damals, also am 11.11, also genau in dieser Novemberzeit, eigentlich noch gar nicht so ein Tenor der offiziellen Politik.

Sofort nach dem Mauerfall notiert Peter Radunski, Chef der Öffentlichkeitsarbeit der Bundes-CDU, in seiner Kladde: Thema Wiedervereinigung jetzt besetzen!

Wir sind ein Volk! Wir sind ein Volk!

Radunski: Wir haben festgestellt, das war auch stark diskutiert worden im Bundesvorstand und Präsidium, dass eigentlich die Selbstbestimmung nicht das sein kann, womit das Volk zufrieden gestellt werden kann.

Hinter den Kulissen stemmt die Bundes-CDU in der Woche vom 11. bis 17. November einen Aktionsplan. Es gilt, die Meinungsführerschaft zu übernehmen:

Radunski: Eine Sitzung war am 16. abends im Adenauerhaus, eine so genannte Kommunikationsrunde. Und bei dieser Kommunikationsrunde, das kann ich aus meinen Notizen deutlich sehen, ist gesagt worden: Kinder, wir machen ein Plakat "Wir sind ein Volk". Das heißt, in Weiterentwicklung des Slogans, der in der damaligen DDR skandiert wurde: "Wir sind das Volk".

Die Geburtsstunde des eigentlichen Slogans, der Kampagne "Wir sind ein Volk!". Die "Bild"-Zeitung weiß um ihre Durchschlagkraft. Herbert Kremp, Autor des "Bild"-Kommentars:

Wir hatten natürlich eine Multiplikationskraft, die war enorm, die lag natürlich weit über irgendeiner Plakataktion.

Die Öffentlichkeitsarbeit der CDU verfährt im November 1989 ebenfalls nach dieser Formel.

Radunski: Wissen Sie, 'ne gute Politik ist ja dann ein Dialog. Das eine hört man aus dem Volk, das andere gibt man ins Volk.

Am 13. November, auf der ersten Montagsdemonstration nach dem Mauerfall in Leipzig, beobachtet Matthias Karkuschke, Lehrling in der Berufsschule der Deutschen Reichsbahn:

An dem besagten 13.11. waren auch schon Stände von Westparteien, die halt ihre Plakate oder sonstiges Informationsmaterial feilboten, dabei.

Und weiter:

Also ich hab beobachtet, dass halt diese Sprechchöre nicht zentral gesteuert waren, sondern das sehr spontan von kleinen Gruppen ausging. Das war niemals so, dass das 100.000 gerufen haben. Die Stimmung am 13.11 war halt schon so, dass die Wiedervereinigung dort 'ne Rolle spielte und das da Leute einfach auch dabei waren, die genau in diese Richtung Dinge initiierten. Und wo dann auch gesagt wurde "Wir sind ein Volk!" oder "Wir sind das Volk!". Und diese Sprüche wechselten sich halt schon ab. Das ist in meiner Erinnerung so präsent, ich kann's halt definitiv auf den 13.11 sagen, weil die Stimmung 'ne komplett andere war.

Die Meinungen auf den Montagsdemonstrationen beginnen sich zu spalten. Die CDU schwört ihre Landesverbände auf die neue "Aktion zur Deutschlandpolitik" ein.

Radunski: Wir haben das nicht zentral gemacht, aber wir haben sehr frühzeitig gewissermaßen die Aufgaben aufgeteilt: ihr Hessen, ihr kümmert euch um Thüringen beispielsweise, ihr Württemberger um Sachsen. Wir haben sie alle gebeten, helft. Und dabei sind sicher auch Junge-Unions-Leute nach den einzelnen Teilen der DDR gekommen und haben sicher da auch die Wandzeitung oder das Plakat "Wir sind ein Volk" hochgehalten.

Kapitel 4: Die Verbreitung

Aus einem schriftlichen Vermerk der CDU-Bundesgeschäftsstelle geht hervor:

Versand an die Kreisverbände:
Plakate "Wir sind ein Volk" - Erste Auflage 12.800 Stück.
Aufkleber "Wir sind ein Volk" - Erste Auflage: 100.000 Exemplare. Zweite Auflage: 300.000 Exemplare.


Von den Aufklebern gibt es verschiedene Varianten. In einer frühen bekennt sich die CDU noch nicht zu ihrer Autorenschaft. Erst später ist im Kleingedruckten die Bundesgeschäftsstelle zu lesen. Die Aufkleber sind trapezförmig in Andeutung an eine wehende Fahne. Auf schwarz-rot-goldenem Untergrund steht in Schreibschrift, blau: "Wir sind ein Volk". In welche Stimmung fällt der Aufkleber bei den DDR-Bürgern? Der Leipziger Rudolf Kompf ist am 18. November mit seiner Familie zum ersten Mal in Westberlin. Am Abend schlendert er über den Ku-Damm.

Kompf: Plötzlich hatten wir Kontakt mit jemandem, der dort Zettel verteilte. Wir haben uns also dann so einen Zettel genommen. Und es stellte sich heraus, dass das ein Autoaufkleber war. Und auf dem stand der Text, der uns dann so schwer berührt hat: "Wir sind e i n Volk". Und das war ein Schlag für uns, das kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Wir haben ja nie, auch nicht zu dem Zeitpunkt - das ganze war ja gerade mal eine Woche offen -, geglaubt, dass die DDR jemals zu Grunde gehen könnte. Und jetzt auf ein Mal dieser Text "Wir sind ein Volk". Und der Blitz war da - vielleicht ist das möglich.

Zwei Tage später, am 20 November, bei der Montagsdemonstration in Leipzig. Michael Peter ist wie jeden Montag wieder dabei:

Wir kamen aus der Grimmaischen Straße und da sind wir ganz langsam über die Straße rüber. Und es wurde gerufen... also "Keine Gewalt" auf jeden Fall und "Wir sind das Volk". Und plötzlich hörte ich "Wir sind ein Volk". Ich dachte zuerst, ich hab mich verhört. Aber es kam ja wieder: "Wir sind ein Volk. Und wir guckten uns an, waren erstaunt und erfreut, dass es eben aus der Masse kam und haben dann mitgerufen, auch in dem gleichen Rhythmus. Also "Wir sind das Volk", " Wir sind ein Volk" - da war auch der Rhythmus drin. Und das war, also das war ein sehr, sehr erhebendes Gefühl.

Klaus Landowsky, damals Generalsekretär der Berliner CDU, erinnert sich:

Der Satz hat die Leute erreicht. Und Journalisten haben das vernünftigerweise auch so geschrieben, kampagnenfähig den Satz haben wir gemacht.

"Wir sind ein Volk" wird zum Motto der "Allianz für Deutschland" im letzten Volkskammerwahlkampf. Von Mitte Januar 1990 an wird er in der DDR flächendeckend plakatiert. Am 18. März gewinnt die "Allianz für Deutschland", der Ost-Verbündete der CDU, die Wahlen. Rainer Müller, Mitunterzeichner des Appells vom 9. Oktober, dazu:

Auf den Wahlplakaten warb die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Lothar de Maizère mit dem Spruch. Und es war so dargestellt, dass es ein Ausspruch wäre, den Lothar de Maizère getätigt hätte. Und er war wohl auch als Zitat gekennzeichnet. Deswegen dachten wir: Das können wir so nicht stehen lassen, da müssen mal öffentlich auftreten dafür, dass es nicht die Sache der CDU war, dieses Zitat in die Welt zu setzen und diesen Spruch "Wir sind ein Volk", sondern das wir damals am 9. Oktober auf unserem Flugblatt sagen "Wir sind ein Volk!"

Kapitel 5: Und immer noch Fragen

"Wir sind ein Volk." In der Sammlung des Deutschen Historischen Museum in Berlin findet sich ein Schmuckstück von Transparent. In Form der heutigen Landesgrenzen, auf schwarz-rot-goldenem Hintergrund, steht der Slogan in weißer Schrift. Berlin ist besonders hervorgehoben. Datiert ist das Transparent auf "Herbst 89". Aber wann und wo tauchte es auf? Die Mitarbeiter des Deutschen Historischen Museums teilten mit, sie würden es auch gerne genauer wissen.

Der 9. November kann es nicht sein. Auch wenn es im zweiten Band der von Etienne Francois und Hagen Schulze herausgegebenen aufwendigen Reihe "Deutsche Erinnerungsorte" so vermerkt ist. Der Leipziger Historiker Hartmut Zwahr ist verärgert über das, was er nach dem Druck des Buches entdecken muss:

Dort habe ich einen Beitrag drin "Wir sind das Volk", hatte Bildvorschläge gemacht und dann erscheint auf Seite 261 eine Abbildung "Wir sind ein Volk", so ein Transparent, das ein Demonstrant hoch zeigt, und die Bildunterschrift lautet: "Demonstration in Berlin am 9. November 1989". Also am 9. November hat keine Demonstration in Berlin stattgefunden. Und schon gar nicht unter einem solchen Slogan. Diese Abbildungsbeigabe ist falsch.
Eine weitere Abbildung des Transparents mit der Aufschrift "Wir sind eine Volk" findet sich in dem 1989 beim Forum Verlag erschienen Buch "Jetzt oder nie. Demokratie". Der Leipziger Fotograf Matthias Hoch nimmt es am 13. November 89 auf - nach der Montagsdemonstration:

Und da habe ich dieses Plakat "Wir sind ein Volk" abgestellt am Neuen Rathaus gesehen, ich hab's aber während der Demonstration nicht bewusst wahrgenommen.

Wir sind ein Volk! Wir sind ein Volk!

Zwar nicht zu sehen, aber zu hören ist der Satz in der langen ARD-Dokumentation, die die Ereignisse vom Herbst '89 Revue passieren lässt. Eine Koproduktion des Mitteldeutschen und des Bayerischen Rundfunks mit dem Titel "Im Sog der Einheit". Erstausstrahlung 1994. Wiederum Leipzig, hier am 18. Dezember. Eine kurze Sequenz von etwa 10 Sekunden zeigt die Masse der Demonstranten. Dann eine kleine Gruppe, die eine DDR-Fahne zerreißt. Der Ruf ist zu hören. Doch Ton und Bild sind nicht synchron. Wo sind die Rufer? Wer sind die Rufer?

Wir sind ein Volk! Wir sind ein Volk!

Die Frage stellt sich auch bei diesem O-Ton. Viele Medien bedienen sich des Tondokuments. Ein zweites war auch nach intensiver Recherche nicht aufzufinden. Der verwendete Ruf stammt aus dem Archiv des Deutschlandfunks. Ort und Datum des historischen O-Tonschnipsels konnten nicht mehr rekonstruiert werden. Als eine mögliche Quelle wird ein Fußballspiel des FC Bayern in Nürnberg im Herbst 89 genannt.

"Wir sind ein Volk" - hier und da wurde er gerufen. Als Massenruf aber ist er von Anfang Oktober bis in den Dezember 89 hinein in der DDR nicht zu hören. Dafür aber:

Deutschland einig Vaterland

"Deutschland einig Vaterland" - die es rufen, sie zitieren einen offiziellen DDR-Text. Sie können sich auf die Nationalhymne der DDR berufen, auf den Text von Johannes R. Becher. 25 Jahre lang wird der Text gesungen. Dann ist es 15 Jahre lang eine Hymne ohne Text.

1974 ändert die DDR ihre Verfassung: Aus Artikel acht wird der Auftrag der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten gestrichen. Ebenso jeder weitere Hinweis auf die deutsche Nation. Der Hymnen-Text ist nicht mehr zeitgemäß:

Auferstanden aus Ruinen
und der Zukunft zugewandt (…)


In den Musikbüchern sind fortan nur noch die Noten abgedruckt. Bei offiziellen Anlässen wird die Hymne nur noch gesummt.

Deutschland einig Vaterland

Ab dem 13. November 1989 wird "Deutschland, einig Vaterland" immer lauter skandiert. Ist "Wir sind ein Volk" nicht griffiger? Bernd Lindner, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig:

Wenn er griffiger gewesen wäre für die Leute hier, dann hätten sie ihn auch gerufen. Dass sie ihn nicht gerufen haben, zeigt ja, dass es nicht ihre Losung gewesen wäre.

"Wir sind ein Volk!" - die Formel, in der alles zusammenrinnt. Der Spruch der Medien und Politiker.

Hartmut Zwahr: Wie Dinge sich ausbreiten, wie Gerüchte sich ausbreiten, wie ein Slogan sich ausbreitet, wie eine solche Sache ... im Grunde, dass sie so passförmig ist, dass sie so hineinpasst in dieses große Ereignis, das den Status quo in Europa stürzt.

"Bild am Sonntag", vom 3.10.2004, zum Tag der Deutschen Einheit:

Vor 15 Jahren fiel die Mauer zwischen Ost und West. In Berlin schlossen sich Menschen aus beiden Hälften der Stadt unter dem Brandenburger Tor in die Arme. Unter den Augen der ganzen Welt jubelten sie immer wieder den einen Satz: "Wir sind ein Volk."
Ein eindrucksvolles, legendäres Geschehen. Um so mehr zeitlicher Abstand dazu gewonnen wird, um so legendärer wird es. Am 4. Juli 2013 wurde dieser Blogartikel aktualisiert, insbesondere in der Bebilderung, da er auffallenderweise schon seit langer Zeit zu den "beliebtesten" dieses Blogs gehört.
_____________________
  1. Fischer, Vanessa: "Wir sind ein Volk". Die Geschichte eines deutschen Rufes. Dradio, 29.9.2005
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