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Freitag, 8. September 2023

Erste Archäogenetik zum 19. Jahrhundert

Hilfe für Afroamerikaner bei Fragen nach ihrer Herkunft und Geschichte

"Bei Straßenbauarbeiten wurden Gräber eines alten Friedhofs entdeckt. Aus den gefundenen Knochen konnte genetisches Material gewonnen werden. Dieses konnte sequenziert werden. Dabei stellte sich heraus, daß sich unter den gefundenen Knochen diejenigen ihres Urururgroßvaters befanden."

So geschehen jüngst in Maryland USA.

Dort kümmert sich ein historischer Verein um die Geschichte eines Hochofens, in dem Eisen verarbeitet wurde, und zwar in Catoctin Furnace in Maryland im Osten der USA (Wiki, CatoctinFurnace). An diesem Hochofen arbeiteten in den ersten Jahrzehnten auch viele Menschen afrikanischer Abstammung als Sklaven. Sie wurden auf einem naheliegenden Friedhof zwischen 1774 und 1850 bestattet. 

Abb. 1: Eine Gruppe senegalesischer Musiker aus dem Stamm der Wolof in der Nähe der Stadt Mbour (Kora + Gongoba) (Fotograf: Jean-Claude Perez) (Wiki)

1979/80 sind die Knochen dieser Menschen während eines Straßenbaus ausgegraben und wissenschaftlich untersucht worden. 2023 werden ihre Gendaten, gewonnen im Labor von David Reich und Mitarbeitern publiziert (1).

Womöglich handelt es sich dabei um die ersten umfangreicheren archäogenetischen Forschung an Skeletten aus dem 19. Jahrhundert.

Ein Vergleich mit der Gen-Datenbank von 23andme zeigt, daß die nächsten Verwandten der damals bestatteten Menschen - darunter hunderte direkter Nachkommen - noch heute vor allem in Maryland in den USA leben (1). 

Ihre Vorfahren stammten wahrscheinlich aus dem Stamm der Wolof (Wiki) im Kongo, bzw. im heutigen Senegal und im heutigen Gambia. Interessanterweise gab es in diesem Stamm schon Sklavenhaltung bevor der Sklavenhandel über den Atlantik hinweg einsetzte.

Abb. 2: Eine Familie auf der Smith's Plantage, Beaufort, South Carolina, circa 1862

Es wird berichtet, daß es heute einen große "Durst" auf Seiten afrikanischstämmiger Menschen in den USA gibt, mehr über ihre Wurzeln und ihre Herkunft zu erfahren. Denn ihre familiäre Überlieferung reicht selten weiter als über ihre Großeltern-Generation hinweg zurück (npsgov2003):

Einer der wenigen Hinweise auf die Sklaverei am Catoctin-Hochofen stammt von einem reisenden mährischen Geistlichen, dem Bruder John Frederick Schlegel, der 1799 im Rahmen seines Dienstes in der Gegend des Hochofens kam. In Catoctin traf er James Johnson, den damaligen Besitzer des Hochofens, und Johnsons Familie. Anschließend traf er sich mit den dort arbeitenden Sklaven. „[Eine] kleine Gruppe von ihnen versammelte sich oben an der Ofenöffnung um mich“, notierte er in seinem Tagebuch, und „sie weinten sehr, weil sie sowohl unter der Woche als auch am Sonntag so hart am Ofen arbeiten mußten. Sie waren daher selten in der Lage, das Wort Gottes zu hören.“ Der Missionar brachte seine Sorge um die Sklaven zum Ausdruck, „deren innere und äußere Lage beunruhigt ist“.

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  1. Harney É, Micheletti S, Bruwelheide KS, Freyman WA, Bryc K, Akbari A, Jewett E, Comer E, Gates HL, Heywood L, Thornton J, Curry R, Esselmann SA, Barca KG, Sedig J, Sirak K, Olalde I, Adamski N, Bernardos R, Broomandkhoshbacht N, Ferry M, Qiu L, Stewardson K, Workman JN, Zalzala F, Mallick S, Micco A, Mah M, Zhang Z, 23andMe Research Team, Rohland N, Mountain JL, Owsley DW, Reich D (2023) The Genetic Legacy of African Americans from Catoctin Furnace. Science 381:1-13, 4 Aug 2023, Vol 381, Issue 6657, DOI: 10.1126/science.ade499 (Science 4.8.2023)
  2. Curry, Andrew: (Science 3.8.2023)
  3. Jackson, Fatimah L.: Community-initiated genomics. Ancient DNA is used to connect enslaved African Americans to modern descendants. (Science 3.8.2023) Vol 381, Issue 6657, pp. 482-483

Montag, 3. Oktober 2016

Die Tsimane in Brasilien - Ihr gegenseitiges Helfen untereinander

Arbeitsteilungs-Assymetrien, Verwandtschaft und Gegenseitigkeit 
- In einfachen arbeitsteiligen, menschlichen Wirtschaftssystemen

Peter Hammerstein, Professor für Theoretische Biologie an der Humboldt-Universität Berlin, hat 2003 darauf hingewiesen, daß im Tierreich gegenseitige Hilfe keineswegs so allseits verbreitet und vorherrschend ist wie das lange angenommen worden war und wie das ja für den Verwandten-Altruismus auf jeden Fall gilt (1). 

Deshalb ging er schon spätestens ab 1994 Assymetrien in Gegenseitigkeits-Verhältnissen beim Menschen nach, weil Assymetrien - z.B. in Angebot und Nachfrage - zur Stabilisierung von Gegenseitigkeitsverhältnissen beitragen können (siehe z.B.: "Angebot und Nachfrage bestimmen den Erfolg bei der Partnerwahl hinsichtlich Kooperation, Gegenseitigkeit und Partnerfindung" [2]).

Der Züricher Evolutionäre Anthropologe Adrian Jaeggi und seine Mitarbeiter sind nun bei einem brasilianischen Indianerstamm, den Tsimane, solchen Assymetrien in gegenseitigen Austauschverhältnissen noch genauer nachgegangen (3, 4).

Ergebnis: 

Fleisch wurde innerhalb der Gruppe häufiger gegen Fleisch und Gartenprodukte eingetauscht, aber nicht für Gartenarbeit, Kinder- und Krankenbetreuung. Kinderbetreuung wurde geleistet im Austausch gegen Gartenarbeit, Kinder- und Krankenbetreuung, aber nicht im Austausch gegen Fleisch.

Das heißt: materielle Dinge, die schwerpunktmäßig Männer "erwirtschaften", werden gegen materielle Dinge eingetauscht, während soziale Fürsorge, die schwerpunktmäßig von Frauen erbracht wird, gegen soziale Fürsorge getauscht wird (Abb. 1).

Übrigens wurden in der Regel 100 Kilokalorien Fleisch gegen 300 Kilokalorien Gartenprodukte eingetauscht. Wenn das Angebot an Fleisch allerdings größer war, konnte sein Preis auch sinken.*) In einem kommentierenden und erläuterndenArtikel zu diesen Forschugnsergebnissen schrieben Fachkollegen (3):
"Eine lange Lebenszeit und ein Nahrungserwerb, der in Nischen stattfindet, in denen intensiv Fähigkeiten erworben werden müssen, erhöhen einerseits den Gewinn, der aus Spezialisierung gezogen werden kann, schaffen andererseits aber auch eine Abhängigkeit zwischen und innerhalb der Generationen, durch die die Kooperation stabilisiert und die Arbeitsteilung gefördert wird - schon in einfachen Wirtschaftssystemen."
"Humans’ slow life history and skill-intensive foraging niche increase the payoffs to specialization and create interdependence within and among generations, thus stabilizing cooperation and fostering divisions of labor even in informal economies."
Die Forscher meinen, das weitere Wachstum sozialer Komplexität beim Menschen wäre dann insbesondere durch kulturelle Normen und Institutionen stabilisiert worden.

Abb. 1: Zusammenfassung der Forschugnsergebnisse, aus: 4

In meiner eigenen  Forschungsarbeit gehe ich schwerpunktmäßig einer anderen These nach: Warum sollte Spezialisierung in einer komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft nicht auch von Verwandtenaltruismus geleitet sein, wo sie doch - das ist ja das Prinzip - die Kosten (für den Altruisten) erniedrigt und den Nutzen (für die Nutznießer) erhöht - ?

Dieser Zusammenhang gilt übrigens auch schon bei der geschlechtlichen Arbeitsteilung der Tsimane. Genau dieser Zusammenhang ist ja auch die beschriebene "assymetrische Gegenseitigkeit", die auf Spezialisierung beruht. Allerdings ist der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad bei so kleinen, endogamen Gruppen sowieso schon so hoch, daß ein großer Teil der hier feststellbaren gegenseitigen Hilfe vermutlich als Verwandtenaltruismus zu beschreiben ist. Deshalb können die Forscher in ihrer Studie auch gar nicht "reinen" Gegenseitigkeits-Altruismus erforscht haben. Dessen sind sie sich auch bewußt, schreiben sie doch:
"Die wechselnde Bedeutung des Prinzips Gegenseitigkeit wie sie durch die langfristigen Ungewißheiten zwischen Geben und Nehmen bezeugt sind, könnten in einem Gleichgewicht bestehen mit dem Prinzip Verwandtschaft oder dieses sogar an Bedeutung übertreffen." 
"The relative importance of reciprocity, as evidenced by long-term contingencies between giving and receiving, may equal or outweigh that of kinship."
Insbesondere aber schreiben sie:
"Verwandtschaft war über alle Austauschbeziehungen hinweg verbunden mit einem größeren Umfang in den gewährten Sach- und Hilfeleistungen."
"Kinship was associated with greater giving for all commodities."
Und noch genauer:
"Das Prinzip Verwandtschaft wird am ehesten die Grundlage bilden für die ursprüngliche Auswahl der Menschen, mit denen Gegenseitigkeitsbeziehungen eingegangen werden."
"Kinship most likely provides a basis for the initial assortment of reciprocators".
Trotz ihres zum Teil irreführenden Titels und diesbezüglich vieler irreführender Textabschnitte handelt diese Studie also wiederum (!) vornehmlich vom: Verwandten-Altruismus. Welcher Altruismus hier ganz unabhängig von genetischer Verwandtschaft geleistet wird, dieser Frage gehen die Forscher überhaupt nicht nach. Ihnen scheint die Klärung dieser Frage auch nicht besonders wichtig zu sein. Dieser Punkt ist vielleicht der wichtigste Kritikpunkt an dieser Studie.

Dementsprechend erschien unter den nachfolgenden Studien, in denen diese zitiert wird, 2018 auch eine mit dem Titel: "Kinship underlies costly cooperation in Mosuo villages" (5). Diese Studie beinhaltet Netzwerkanalysen von Austauschbeziehungen in einer bäuerlichen Gesellschaft in Südchina.

/2016 auf Google-Plus eingestellt, 
überarbeitet auf diesen Blog 
übernommen: 9.3.2020/
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*) Im genaueren Wortlaut einer Zusammenfassung der Forschungsergebnisse (3):
"Fleisch wurde häufiger gegen Fleisch und für Gartenprodukte getauscht, aber nicht für Gartenarbeit, Kinder- oder Krankenbetreuung, während für Kinderbetreuung Gegenleistungen erbracht wurden auf dem Gebiet der Gartenarbeit, der Kinder- und Krankenbetreuung, aber nicht in Form von Fleisch. Diese Ergebnisse legen nahe, daß der größte Teil der Austauschbeziehungen durch Spezialisierungen bestimmt wird, die innerhalb von Wohlstandsklassen ausgebildet werden: Materielles Kapital wird eingetauscht gegen materielles Kapital, soziales Kapital wird eingetauscht gegen soziales Kapital. Die Spezialisierungen gründen auch auf einer Arbeitsteilung, die von Alter und Geschlecht bestimmt wird: erwachsene Männer widmen mehr Aufwand der Gewinnung von Fleisch und der Gartenarbeit als Frauen, während Frauen mehr Zeit dem Ernten von Gartenprodukten und der Fürsorge der Mitmenschen widmen als Männer. Und heranwachsende Mädchen widmen anteilmäßig mehr Zeit der Kinderbetreuung als heranwachsende Jungen."
Original: "Meat was exchanged more often for meat and for garden produce, but not for garden labor, childcare, or sickcare, while childcare was exchanged for garden labor, childcare, and sickcare, but not meat. These analyses suggest that most trade is patterned by labor specializations occurring within wealth classes: material capital for material capital and social capital for social capital. These specializations are also based on divisions of labor based on age and gender: adult males dedicate more effort to meat production and garden labor than females, while adult females spend more time harvesting garden produce and caring for the infirm than males, and adolescent females allocate proportionally more time to childcare than adolescent males."
____________________________
  1. Hammerstein, P. (2003). Why is reciprocity so rare in social animals? A protestant appeal. In Genetic and Cultural Evolution of Cooperation, ed. P. Hammerstein, pp. 84-93, Cambridge, MA: MIT Press.
  2. Noë, R. & Hammerstein, P. (1994). Biological markets: Supply and demand determine the effect of partner choice in cooperation, mutualism and mating. Behavioural Ecology and Sociobiology, 35, 1-11
  3. Shane J. Macfarlan: Social Evolution: The Force of the Market. In: The Cell, 2016, http://www.cell.com/current-biology/abstract/S0960-9822(16)30793-X
  4. Adrian Jaeggi et.al.: Reciprocal Exchange Patterned by Market Forces Helps Explain Cooperation in a Small-Scale Society. 2016, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982216306583
  5. Kinship underlies costly cooperation in Mosuo villages Matthew Gwynfryn Thomas , Ting Ji , Jiajia Wu , QiaoQiao He , Yi Tao and Ruth Mace Published:21 February 2018, https://doi.org/10.1098/rsos.171535 

Sonntag, 7. Februar 2016

Die Sehnsucht nach der Einsamkeit Alaskas

Arved Fuchs - "South Nahanni" (1984)

Wildnis. Weite. Felsen. Spärlicher Bewuchs und Fichtenwälder. So weit das Auge reicht. Die Lektüre eines auf dem Grabbeltisch (bzw. im "Medienpoint") gefundenen Buches des Abenteurers Arved Fuchs (1) gab Anlaß zu dem folgenden Blogbeitrag. Arved Fuchs schildert darin eine Kanufahrt den Fluß Süd-Nahanni hinab, im Sommer 1984 im Nordwesten Kanadas. Und dieser Reisebericht packt einen. Er liest sich mehr als spannend, zumal er begleitet ist durch viele eindrucksvolle Bilder von dieser wegelosen Weite und grenzenlosen Einsamkeit der dortigen Natur und Wildnis.


Abb. 1: Die Schönheit Nordwest-Kanadas. Der Virginia-Wasserfall des Südlichen Nahanni-Flusses ist 90 Meter hoch und damit der höchste Kanadas, höher auch als die Niagara-Fälle, aber viel schwerer zu erreichen als der letztere
(Fotograf: Paul Gierszewski)

Beim Lesen fühlt man sich ziemlich bald in seine Kindheit zurück versetzt. Man lag krank im Bett, fühlte sich nicht gut und las Geschichten und Romane von Jack London. Und tauchte ein in eine fremde, unheimliche Welt. "An der weißen Grenze", "Ruf der Wildnis", "Der Seewolf", "Wolfsblut", "Lockruf des Goldes". Jack London selbst war 1897 dem Goldrausch nach dem Klondike und dem Yukon in Kanada gefolgt. Er hatte hier 60 Grad Minus erlebt und das Leiden und Sterben rauhester, stärkster Männer. Und seine Geschichten und Romane lebten von diesen sehr persönlichen Erfahrungen. Eine düstere, unheimliche, rauhe und kalte Männerwelt. Eine Welt an Roulette-Tischen und hinter Hundegespannen, erleuchtet von Liebe, Treue, Kameradschaft und Aufopferungs-Bereitschaft zwischen Menschen und Tieren, erleuchtet von Bewährung unter härtesten Lebensbedingungen. Eine Welt aber auch umdüstert und verdüstert von Habsucht und Mord, Heimtücke und Verrat, von Trunksucht und unerbittlichem Leiden, von Sterben in Kälte und Hunger und an der abgrundtiefen Bosheit der Mitmenschen.



Abb. 2: Ankunft von Dene-Indianern mit Birkenholz-Kanus an der Südostküste des "Großen Sklaven-Sees" bei Fort Resolution (circa 1900)

Und nun noch weiter östlich im Landesinneren der von Jack London in seinen Romanen geschilderten Region des Klondike und des Yukon war Arved Fuchs achtzig Jahre später den wilden Bergfluß Nahanni abwärts gefahren, der in 1600 Meter Höhe im Hochgebirge beginnt und der immer weiter nach Süden hinab fließt zwischen steilen Felswänden, Bergen und Hochebenen.

Das Indianervolk der Dene 

Diese Region war - wie der Klondike und der Yukon - ursprünglich nur spärlich besiedelt von dem großen Indianervolk der Dene (Wiki). Und da Arved Fuchs in seinem Buch von diesen Ureinwohner überhaupt nicht spricht, fühlt man sich veranlaßt, einige Kenntnisse über die Ureinwohner dieses Landes im vorliegenden Beitrag noch einmal für sich und andere zusammen zu tragen. Die Dene kamen mit der zweiten Einwanderungswelle nach Nordamerika (Wiki). Sie sind den nordasiatischen Völkern sehr nahe verwandt und gehören mit den südlicheren Apachen und Navajos zur Athabaskischen Sprachgruppe (Wiki). Als dritte Einwanderungswelle folgten ihnen später noch die Eskimos/Inuit, die die Länder nordöstlich der von ihnen bewohnten Regionen - also noch näher dem Polarkreis - besiedelten. 

Aber auch die Lebenswelt der Dene in der Nahanni-Region war - zumal im Winter - unglaublich rauh und lebensfeindlich. Das mag sicherlich ein Grund sein dafür, daß sich die ansässigen Indianer bei Ankunft der Weißen ziemlich bald in der Nähe ihrer Forts sammelten. Denn hier gab es bessere Lebensbedingungen, importierte Nahrung, die gegen Pelze und Fleisch getauscht werden konnte. In der Nahanni-Region lebte der Dene-Stamm der Slavey (Wiki), die von den benachbarten Cree-Indianern als "Sklaven" angesehen und bezeichnet wurden, wovon ihr Name abgeleitet ist und ebenso auch der Name ihres größten Sees, des "Großen Sklaven-Sees". Sie selbst bezeichnen sich als "Dene Tha". Und die lokale Untergruppe am Nahanni bezeichnet sich als "Nahanni Butte". Sie lebt heute am Zusammenfluß des Flusses Süd-Nahanni mit dem Fluss Liard und besteht nur noch aus etwa 100 Personen (Wiki). Von ihnen soll aber auch der große Indianerstamm der Navajo viel weiter im Süden abstammen. Über den Fluß Nahanni wird berichtet (Wiki):
In early 1823, Alexander MacLeod of the Hudson Bay Company explored the lower river. The Company quickly lost interest when they realized that the river did not support a large native population and was not a viable route to the west. The nearest Hudson Bay fort was established at Fort Liard, and later many natives from the Nahanni settled nearby.
Abb. 3: Velma Wallis - Zwei alte Frauen
Heute wird in der Nahanni-Region gejagt - aber offenbar nicht mehr unter Einbeziehung der Ureinwohner (s. Huntnahanni). Gejagt werden Karibus, Elche, Bergschafe und Ziegen. Die Dene-Indianer lebten Jahrtausende lang vor allem von den Karibus. Die Karibus waren die Quelle für ihre Nahrung, für ihre Werkzeuge und für ihre Zelte. Über die rauhe Lebenswirklichkeit in Bergen bis 2000 Meter Höhe wird berichtet (CanadaHistory):
Food was not as plentiful as it was in the south and starvation and death from the cold were constant threats. (...) For most of the Dene, life was very nomadic and dwellings had to be easy to transport. Travel during winter was on foot with snowshoes and toboggans.
Toboggans sind zu Deutsch Schlitten.
In summer, light bark-covered canoes were carried on trips to be used when they came to navigable lakes and rivers. (...) Religious beliefs centred on the all-important relationship between hunters and animals. Hunters were given "medicine bundles" at childhood and they slept with these for supernatural aid. Because of the mobility of the society, the aged and infirm were left behind to die and bodies were often left unburied with a few possessions to take with them on their journey to the afterlife.
Dieser Bericht erinnert an das bekannte Buch "Zwei alten Frauen" von Velma Wallis (geb. 1960) (Wiki)(Amazon), erstmals erschienen 1993. Es schildert ein reales Schicksal zweier Indianerinnen in der Yukon-Region. Die Autorin selbst ist Angehörige eines dortigen Stammes und lebt in Fort Yukon in der Arktisregion.


Abb. 4: Lage des Nahanni-Flusses (rot) zwischen dem Großen Sklaven-See und der Westküste Kanadas

Weiterführende Auskünfte über die Kultur der Dene am Nahanni-Fluss sind zunächst nicht leicht zu finden (u.a. hier). Es gibt auch eine Seite eines Angehörigen des Volkes der Dene mit Universitätsabschluss, der die Sprache seiner Familie vor dem Aussterben bewahren will (DiDenekeh). Der Autor Dick Turner hat sich offenbar mit dem Stamm der Nahanni Butte befasst:
Dick Turner wrote three books, "Nahanni" and "Wings of the North" being the most successful.
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  1. Fuchs, Arved: South Nahanni. Kanu-Abenteuer im Norden Kanadas. Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2008 (EA: 1984)

Sonntag, 14. September 2014

Ancient-DNA-Forschung - Das "Lichtmikroskop" der modernen Humangenetik

Neues zur genetischen Herkunft der frühesten Besiedler Amerikas

Im Januar dieses Jahres erschien in "Nature" eine Studie über Gene aus ausgegrabenen Knochen ("ancient DNA") eines Menschen, der 22.000 v. Ztr. in Sibirien in der Nähe des Baikalsees gelebt hat (1). Die Analyseergebnisse werden als aussagekräftig angesehen, um Fragen zu der genetischen Herkunft der ersten Besiedler des amerikanischen Kontinents zu beantworten.

Abb. 1: Zeichnung eines Mammuts auf einem Mammut-Elfenbein-Stück von Mal'ta am Baikalsee
Seit 2003 häufen sich die anthropologischen und archäologischen Hinweise darauf, dass der amerikanische Kontinent vielleicht schon um 30.000 v. Ztr. das erste mal besiedelt worden ist, und dass die ersten Siedler - nach Ausweis ihrer gefundenen Schädel, Speerspitzen und ihres sonstigen Werkzeuges - sehr viel Ähnlichkeit gehabt haben mit der gleichzeitig in Westeuropa lebenden Eiszeit-Jäger-Kultur, aus der die berühmten spanischen und französischen Höhlenmalereien hervorgegangen sind (s. Nature, Welt ab). Es steht damit seit Jahren die Hypothese im Raum, dass diese sich auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit am Rande des Eisschildes, das zugleich Meeresufer war, von Europa nach Nordamerika ausgebreitet haben. Die erste Besiedlung Amerikas würde dann also unter sehr harschen Bedingungen stattgefunden haben. (Zu diesen ganzen Fragen haben sich allerdings in den letzten Monaten und Jahren manche neuen Daten gegeben, die darauf hindeuten, dass die frühesten anatomisch sehr andersartigen - weil langschädligeren - Einwohner Amerikas über "Domestizierungs-Prozesse" zu den Vorfahren der präkolumbianischen Einwohner werden konnten, also genetische Kontinuität zu ihnen aufweisen, und gar nicht durch Neuzuwanderer um 12.000 v. Ztr. ersetzt worden sind, wie bislang gedacht [s. Science, 16.5.14ab und c]. Da ist also zur Zeit wieder einmal "vieles im Fluss".)

Genetische Nähe der eiszeitlichen Baikal-Anwohner zu damaligen Europäern

Die neue Studie wertet das bis dato älteste sequenzierte Genom eines anatomisch modernen Menschen aus. Sie findet, dass 1. das über die mütterliche Linie vererbte mitochondriale Genom dieses sibirischen Eiszeitjägers sehr demjenigen gleichzeitiger (paläolithischer und mesolithischer) Eiszeitjäger, bzw. Jäger und Sammler in Europa ähnelt, und dass 2. das über die väterliche Linie vererbte Y-Chromosom in der Nähe der genetischen Wurzel der heutigen westlichen Euroasier angesiedelt ist und zugleich in der Nähe der meisten Abstammungslinien der präkolumbianischen Einwohner Amerikas. Und dass es keine genetische Ähnlichkeit zu ostasiatischen Bevölkerungen gibt, wie das heute bei der Bevölkerung in Sibirien der Fall ist.

Dazu möchte ich ergänzen, dass ja aus der Kunst dieser eiszeitlichen Baikalanwohner ja sogar menschliche Gesichtszüge bekannt sind. Sie kommen einem schon östlicher, "russischer" vor, als gleichzeitige Gesichtszüge in ähnlichen Figurinen im westlicheren Europa. Aber vielleicht war der Unterschied schon damals auch genetisch nicht größer als der heute zwischen Russen und sonstigen Europäern. Zurück zur Studie. - In der Zusammenfassung heißt es weiter:
This suggests that populations related to contemporary western Eurasians had a more north-easterly distribution 24,000 years ago than commonly thought. 
Dies legt also zu Deutsch nahe, dass Populationen, die genetisch heutigen Europäern nahe stehen, vor 24.000 Jahren eine größere nordöstliche Verbreitung hatten als bislang gedacht. - Nun, hier auf dem Blog waren wir davon eigentlich immer schon ausgegangen. Da ja auch noch die ganze Bronzezeit über Europäer bis zum Nord- und Westrand des chinesischen Reiches gesiedelt hatten (1. die Skythen und ihrer Vorgängervölker von Sibirien bis zum Schwarzen Meer, 2. die Tocharer in den Wüstenoasen an der Seidenstraße in der Taklamakan, 3. die Sogder in Samarkand usw. usf.). Diese sind ja erst seit der dortigen Ausbreitung des Buddhismus (von Indien her) und seit dem Frühmittelalter von östlicheren Völkern wie den Hunnen und anderen unterworfen worden. Durch die Vermischung mit solchen östlicheren Völkern wie den Hunnen gingen sie in den - inzwischen größtenteils islamisierten - Mischbevölkerungen auf, die heute entlang der Seidenstraße und des Kaukasus lange Jahrhunderte traditionell als Reitervölker gelebt haben (Uiguren, Kirgisen usw.).

20 Prozent der vorkolumbianischen Amerikaner könnten von der nordeuropäischen Baikalsee-Bevölkerung abstammen

Aber spannender Weise heißt es noch weiter:
Furthermore, we estimate that 14 to 38% of Native American ancestry may originate through gene flow from this ancient population. This is likely to have occurred after the divergence of Native American ancestors from east Asian ancestors, but before the diversification of Native American populations in the New World. Gene flow from the MA-1 lineage into Native American ancestors could explain why several crania from the First Americans have been reported as bearing morphological characteristics that do not resemble those of east Asians.
Und im letzten Satz der Zusammenfassung dann:
Our findings reveal that western Eurasian genetic signatures in modern-day Native Americans derive not only from post-Columbian admixture, as commonly thought, but also from a mixed ancestry of the First Americans.
Sprich, die ersten - wahrscheinlich nord- oder westeuropäischen - Besiedler Amerikas sind genetisch gar nicht völlig ausgestorben, wie bisher vermutet. Sondern auch noch die heutigen Indianervölker Amerikas tragen deren Gene in sich. Die ursprünglichste Bevölkerung in Amerika hat sich mit den mehr als zehntausend Jahre später (etwa 12.000 v. Ztr.) von Sibirien über die Beringstraße eingewanderten Jäger-Sammler-Völkern vermischt und auf diese Weise die vorkolumbianischen Indianerstämme Amerikas gebildet. Diese über die Beringstraße Einwandernden wiederum haben sich - das ist länger bekannt - schon auf diesem Wege ausgebreitet, nachdem sie sich genetisch von den Vorfahren der heutigen Ostasiaten getrennt hatten. Die eigentlichen Ostasiaten evoluierten ja genetisch dann mehrheitlich mit der Entwicklung sesshafter, agrarischer, arbeitsteiliger Gesellschaften auch ganz anders weiter, als die Jäger-Sammler-Völker in Sibirien und in Amerika, die bis heute einen durchschnittlich nicht ganz so hohen IQ behielten, und zwar ein solcher, wie er womöglich überhaupt in der europäischen Eiszeit üblich gewesen sein wird.

Wichtig ist aber eben auch festzuhalten, dass während der Eiszeit in Asien und Sibirien auch noch andere Bevölkerungen lebten, als jene, die mit den damaligen europäischen genetisch verwandt waren. Denn von diesen anderen stammten ja dann die um 12.000 v. Ztr. sich über die Beringstraße ausbreitenden Völker ab.

Interessanterweise sprechen sich die Autoren aber dagegen aus, dass es eine Zuwanderung nach Amerika direkt von Westeuropa aus gegeben hat:
Such an easterly presence in Asia of a population related to contemporary western Eurasians provides a possibility that non-east Asian cranial characteristics of the First Americans derived from the Old World via migration through Beringia, rather than by a trans-Atlantic voyage from Iberia as proposed by the Solutrean hypothesis.
Da bin ich gespannt, ob sich diese Einschätzung halten wird. Da wären auch die Archäologen gefragt, die sagen müssten, ob die frühesten Besiedlungsspuren in Amerika besser zu europäischen kulturellen Überresten passen oder zu denen der Bewohner am Baikalsee.

Das bisherige schlichte Bild der Humangenetik gleicht sich immer mehr den komplexen historischen Vorgängen an

Abb. 2: Überblick über die größeren kontinentalen Völkerwanderungen in der Menschheitsgeschichte nach neuestem Stand (Quelle)
Dass mit dieser Studie die weltweite Bevölkerungsgeschichte und die kontinentalen Verschiebungen von Völkern einmal erneut größere Differenziertheit erhält und - sozusagen - komplizierter wird, wurde dann auch einer der Ausgangspunkte für einen größeren lesenswerten Überblicks-Artikel zum Forschungsstand, der im September in "Trends in Genetics" erschienen ist (2; s.a. Abb. 2). Seine Begeisterung über den derzeitigen rasanten Wissensfortschritt durch die ancient-DNA-Forschung drückt sich etwa so aus:
Ancient DNA results are so regularly surprising that almost any measurement is interesting: new historical discoveries have been made in virtually every ancient DNA study that has been carried out. The reason why ancient DNA studies are so informative is that the technology provides a tool to measure quantities that were previously unmeasurable. In this sense, the value of ancient DNA technology as a window into ancient migrations is analogous to the 17th century invention of the light microscope as a window into the world of microbes and cells.
Hier seien nur einmal einige erläuternde Kommentare zu einer der darin enthaltenen Grafiken (hier Abb. 2) gegeben: Entsprechend des oben erläuterten Aufsatzes wird in dieser Grafik ganz links zunächst die Besiedelung von Amerika von "Nordeurasien" aus festgehalten. Nun, wie gesagt, kann man das zeitlich wohl noch etwas früher veranschlagen. Dann folgt die wohl schon recht gut gesicherte Besiedlung Amerikas über die Beringstraße in zwei Ausbreitungswellen, und zwar einmal ab 12.000 v. Ztr., sowie die letzte (Najayo) später. Dass sich die ersten Ackerbau treibenden Bandkeramiker in Mitteleuropa nach ihrer Ethnogenese am Plattensee (5.500 v. Ztr.), in der sich einheimische Jäger-Sammler-Bevölkerungen mit aus dem Südosten zuwandernden sesshaften Bevölkerungen vermischt haben, aus einer kleinen Flaschenhalspopulation heraus ausgebreitet hat, ist schon häufiger hier auf dem Blog Thema gewesen.

Dann folgen die indoeuropäischen Zuwanderungen in die Oasenstädte der Taklamakan (Tocharer), nach Samarkand (Sogder), nach Indien und Persien (Perser), in dieser Grafik nur sehr grob auf 2.300 v. Ztr. datiert. Dann breiten sich um 1200 v. Ztr. Bevölkerungen vom Nahen Osten nach Ostafrika aus (eine Folge des Seevölkersturms, aus dem womöglich nicht nur die Philister und Phönizier, sondern auch das Reich der Garamanten und daraus das Volk der Tuareg hervorgegangen sind?). Dann folgt um 500 v. Ztr. die austronesische Besiedlung der Inselwelt des Pazifik von Taiwan aus. Dass die Ausbreitung der Bantu-Völker in Afrika südlich der Sahara erst auf  das erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung datiert wird, erweckt einen falschen Eindruck. Sie begann schon 1500 v. Ztr.. Nur die letzte Verbreitungswelle erfolgte in nachchristlichen Jahrhunderten.

Immerhin aber gibt die Grafik einen ersten Eindruck davon, dass die Geschichte der Menschen-Völker sich keineswegs so schlicht vollzogen hat wie das mit Scheuklappen in Richtung anderer Fächer versehene Humangenetiker noch bis vor kurzem hatten darstellen wollen. Das Bild wird differenzierter, auch aus Sicht der Humangenetik. Wenn sie aufzeigt, dass die Ureinwohner in Madagaskar zur Hälfte von den Austronesiern abstammt, was in keinem Geschichtsbuch verzeichnet wurde und wenn sie den Austausch von Bevölkerungen zwischen dem Nahen Osten und Ostafrika aufzeigt, was ebenfalls kaum erforscht ist bis heute, zeigt sie erneut, wie viele Potentiale in dieser Wissenschaftsrichtung noch stecken.
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  1. Maanasa Raghavan et. al.: Upper Palaeolithic Siberian genome reveals dual ancestry of Native Americans, Nature, 2014
  2. Joseph K. Pickrelle, David Reich: Toward a new history and geography of human genes informed by ancient DNA, Trends in Genetics 2014

Sonntag, 9. Dezember 2007

Kirahe - Weißer Fremder

Bei Amazon.de stieß ich - irgendwie - auf das Buch von Roland Garve "Kirahe - Der weiße Fremde. Unterwegs zu den letzten Naturvölkern" (Ch. Links Verlag, Berlin 2007). Die vielen Leser-Rezensionen dort sind alle so begeistert, daß ich schließlich doch nicht "weiterblätterte", sondern mir das Buch besorgte.

Es ist so ein richtiges "Abenteuer-Buch". Aber anders als etwa Bücher von Reinhold Messner, Arved Fuchs oder auch Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Und was ist der Unterschied? Der Autor ist in der DDR aufgewachsen (geboren 1955), begeisterte sich schon als kleiner Junge für die Indianer und wollte Völkerkunde studieren. Dafür bekam er aber keinen Studienplatz, sondern er wurde Zahnmediziner. Doch nach seiner NVA-(Militär-)Dienstzeit war für ihn klar: Er wollte "raus" aus dieser DDR. Und damit begann für ihn - - - das "Abenteuer". Die Fluchtvorbereitungen (er wollte zusammen mit einem Freund die Elbe durchtauchen) wurden von der Stasi entdeckt, er wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Ekelhafte Lebensverhältnisse muß man hassen


Er kam nach Brandenburg-Görden in jenes Gefängnis, in dem während des Dritten Reiches Erich Honecker einsaß. Er wurde zusammen mit lauter Schwer- und Sexualverbrechern eingesperrt und mußte sich seinen Platz in der Gefangenen-Hierarchie erst schwer erkämpfen. Das erleichterte ihm seine Judo-Ausbildung und sein doch relativ kräftiger Körperbau.

All diese Erlebnisse sind so aufregend geschildert, daß man das Buch schwer aus der Hand legt, ohne die letzte Seite gelesen zu haben. Nach den zwei Jahren Gefängnis wurde er 1983 nicht nach Westdeutschland entlassen, wie damals schon viele, sondern zu seiner riesengroßen Enttäuschung zurück in die DDR. Dort wurde er als Zahnmediziner angestellt. Er machte aber nirgends mehr einen Hehl aus seinem Haß gegen die DDR und den Kommunismus. Er hörte ostentativ den westdeutschen Radiosender NDR während der Arbeitszeit (was streng verboten war), schüttelte dem Bürgermeister nicht mehr die Hand: "Einem Kommunisten gebe ich nicht mehr die Hand," sagte er.

Er hatte in der NVA- und Gefängnis-Zeit einen solchen Haß gegen diese Verhältnisse entwickelt, daß ihm alles egal war, daß er nur noch seinen Haß lebte. Schließlich wurde er einige Monate später tatsächlich in den Westen abgeschoben. Beim Abschied von seinen Eltern rief er laut über den Bahnsteig hinweg: "Freiheit!" und immer wieder nur: "Freiheit!"

Auch sein sehr schnelles und erfolgreiches Einleben in Westdeutschland als Zahnarzt ist sehr spannend. Das gute Einkommen, das er dabei - wie er empfand unglaublich leicht - verdiente, benutzte er erst dazu, sich einen Porsche zu kaufen. Er stellte aber bald fest, daß das oberflächlich ist und konzentrierte sich wieder - endlich - auf sein eigentliches Lebensziel: Die Indianer, die letzten Naturvölker der Erde kennenzulernen.

Wahrscheinlich sind viele der begeisterten Amazon-Rezensenten selbst in der DDR aufgewachsen und finden sich in der eigenen oder anderen Weise in dieser Biographie wieder.

Roland Garve ist, wie mir scheint, in seiner DDR-Zeit weniger als wir Westdeutschen verwöhnt worden, bzw. hat sich von den Verhältnissen nicht verwöhnen lassen und hat sich deshalb eine gewisse "Geradheit", Unbedingtheit - nicht nur in der Liebe, sondern auch im Haß - erhalten, die einem diese Biographie lesenswert erscheinen läßt. Ekelhafte Lebensverhältnisse muß man hassen, da führt gar kein Weg daran vorbei. Wer es sich auch unter ekelhaften, inhumanen Lebensverhältnissen "gut" gehen lassen will und deshalb nicht das Unangenehme auf sich nehmen will zu hassen, verrät seine Menschlichkeit, verrät sein Menschsein selbst.

Das ist vielleicht das Wesentlichere, was man aus diesem Buch lernen könnte.

Echtes Menschsein bei den Naturvölkern


Und echtes Menschsein fand Garve dann, wie er sagt, auch gar nicht einmal besonders stark in Westdeutschland wieder, sondern vor allem - bei den Naturvölkern dieser Erde. Das ist der Hauptgrund, weshalb er immer wieder zu ihnen hinfährt und sie besucht:
"Ich wollte zurück zu den Wurzeln. Ich wollte dorthin, woher unsere Vorfahren einmal kamen. Wo man lebt, wie sie einst gelebt haben. Ich bin überzeugt, daß man von ihnen lernen kann. Daß sie Prinzipien und Weltanschauungen haben, über die es sich lohnt nachzudenken, auch für unsere Zukunft. Die Zukunft der ganzen Menschheit." (S. 26)

"Mehr als sechzig Expeditionen haben mich seither in die entferntesten Gebiete dieser Erde und zu etwa vierzig verschiedenen Naturvölkern geführt. Wenn ich auf die vergangenen zwei Jahrzehnte zurückblicke, dann ist meine wichtigste Erkenntnis, wie unglaublich schön es ist, daß es nicht nur eine Biodiversität in der Natur gibt, sondern auch - noch! - diese gewaltige kulturelle Vielfalt der Menschen auf der Welt. Leider wird sie peu a peu zerstört, oder eigentlich amerikanisiert. Mir aber liegt daran, die kulturelle Vielfalt zu erhalten - ganz egal, was die Leute in unseren Augen für kulturelle Merkwürdigkeiten aufweisen." (S. 27f)
Die Bebilderung des Buches ist phantastisch, meistens Fotos, die Garve selbst bei den Naturvölkern gemacht hat, "mehr als 250 Farbfotos". Sie allein schon sind es wert, in dieses Buch hineinzuschauen und es durchzublättern. (Mehr Fotos bspw. auch auf kirahe.de)

(Ein zweiter Beitrag auf "Studium generale" zu diesem Buch -> hier.)

Abb.: Roland Garve

Dienstag, 5. Juni 2007

Kolumbus kam als letzter

Über Gene Expression werde ich auf spannende Forschungen aufmerksam, über die in der NYT berichtet wird. (Ein deutscher Bericht: bdw) Hühner, begraben im südlichen zentralen Chile ein Jahrhundert vor Kolumbus stammen genetisch offenbar eindeutig aus Polynesien. Das ist eine tolle Ergänzung zu manchen früheren Beiträgen hier auf dem Blog. Die Hühner haben sich in der Südsee offenbar vom südasiatischen Festland zunächst auf dem gleichen Weg ausgebreitet wie das Schwein - und dann also nun offenbar gleich auch noch weiter nach Südamerika. (Studium generale 1) Und auf dem Weg zurück kam die Süßkartoffel nach Polynesien. (Studium generale 2) Und auf dem Weg nach Westen breitete sich das Huhn ja auch aus Südasien aus und kam irgendwann - zu uns. (Studium generale 3).

Da bleibt dann nur noch der Verweis auf ein hübsches: "Chicken-Video" beim Fischblog!

_________

Ergänzung: Auch National Geographic hat einen Bericht. Die Osterinseln wurden um 1200 n. Ztr. von den Polynesiern besiedelt, die ältesten Hühnerknochen Südamerikas sind auf 1320 bis 1410 datiert. Es ist also wahrscheinlich, daß die Polynesier in dem dazwischen liegenden Zeitraum nach Südamerika kamen. Übrigens haben sich die Abkömmlinge der polynesischen Hühner in Südamerika bis heute selten mit den Abkömmlingen europäischer Hühner vermischt - vielleicht weil sie in abgelegenen Dörfen leben? - In jedem Fall: "Kolumbus kam als letzter."

Oh, zu viele spannende Sachen, als daß man schon abschließen könnte. Vorbemerkung: Vor ein paar Monaten hab ich für die GfbV Flugblätter verteilt, da das Überleben der Volksgruppe der Mapuche in Südamerika durch einen rücksichtslosen Staudamm-Bau schwer bedroht ist. Ich wußte gar nicht, was diese Volksgruppe historisch für eine Bedeutung hat. Im NG steht:

... Other evidence has suggested Polynesians made it to Chile, where the Mapuche people live today.

"There are many words in Mapuche language which are close to or identical with Polynesian, [and] the Mapuche war club is very similar to a distinctive Polynesian form," Anderson said.

But the evidence was "circumstantial," he said.

Samstag, 19. Mai 2007

"Größter Schatzfund aller Zeiten" (1708)

Bei Titeln mit Superlative ist man ja meist erst mal skeptisch. 

Um so überraschender, wenn sie stimmen - entdeckt in einem 400 Jahre alten, im Atlantik gesunkenen Schiff (Spiegel):

... eine halbe Million Silbermünzen, hunderte Goldmünzen und Artefakte, deren Gesamtwert sich auf 500 Millionen Dollar beläuft.
Der Fundort ist noch geheim:
In der Region seien so viele Schiffe versunken, daß die Schatzsucher selbst noch keine Gewißheit über Nationalität, Größe und Alter des untergegangenen Schiffes hätten.
"Wir sind begeistert von der historischen Bandbreite der Münzen", sagte Stemm der "New York Times". "Sammler werden absolut elektrisiert sein, wenn sie die Qualität und Vielseitigkeit des Schatzes sehen."

Hier ist wirklich der gesamte Schatz drauf:

Ergänzung 10.7.2025: Inzwischen ist das Schiff identifiziert. Es handelt sich um das spanische Flagschiff "San José" (Wikiengl), das 1708 von dem britischen Kriegsschiff "Expedition" im Seegefecht von Cartagena (Wiki) vor der Küste Kolumbiens in Brand geschossen worden ist, explodiert und gesunken ist (Wiki):

Eine gewisse Bekanntheit erlangte das Gefecht dadurch, daß mit ihm der Untergang der spanische Galeone San José verbunden ist, welche infolge eines (vermutlich) milliardenschweren Schatzes an Bord auch als der „heilige Gral der Schiffswracks“ bezeichnet wird. (...) 
In den folgenden zweieinhalb Stunden lieferten sich die San José und die Expedition ein erbittertes Artilleriegefecht, wobei die Geschützmannschaften auf dem spanischen Schiff aber dadurch behindert wurden, daß das Schiff voll beladen war und zahlreiche Personen an Bord hatte.
Gegen 19:30 Uhr und während bereits die Dämmerung hereinbrach - das spanische Flaggschiff hatte zu diesem Zeitpunkt bereits beträchtliche Schäden erlitten - näherte sich die Expedition in Enterabsicht der San José bis auf etwa 60 Meter und feuerte eine letzte Breitseite auf das spanische Führungsschiff ab. In der Folge kam es an Bord der San José zu einer Explosion in einer Pulverkammer - wobei bis heute ungeklärt ist, ob diese Folgeexplosion durch einen Zufallstreffer des britischen Schiffes oder einen Unfall an Bord des spanischen Schiffes verursacht wurde - und die überladene Galeone kenterte innerhalb weniger Minuten nach Backbord. Bedingt durch die Explosion und das schnelle Sinken konnten sich nur sehr wenige Menschen retten. Britische Boote, die die Untergangsstelle absuchten, konnten lediglich elf Überlebende bergen.

Es handelt sich bei diesem Geschehen um eine Episode des Spanischen Erbfolgekrieges (1701-1714) zwischen Spanien-Österreich (Habsburg) einerseits und Frankreich unter Ludwig XIV. andererseits. Österreich stieg durch diesen Krieg zur europäischen Großmacht und Großbritannien zu einer führenden Seemacht auf.

Dienstag, 27. März 2007

Tier-Dung als Geschichtsquelle

Forscher haben an einem See in der Nähe der früheren Inka-Hauptstadt Cuzco festgestellt, daß die Menge der dortigen Tier-Dung-Ablagerungen für eine jeweilige Zeitepoche (hier vor allem von Lamas) gut korrelliert mit geschichtlichen Ereignissen in dieser Region, also mit Aufstieg und Untergang von Reichen, bzw. der Frequenzen, die dabei für die Nutzung von Handelsstraßen, Seeufern und Siedlungen durch Tiere zu erwarten sind. Sie schlagen vor, diese Methode auch für andere archäologische Kulturen zu verwenden. Hier wäre natürlich zum Beispiel an die Seidenstraße zu denken. Aber auch an viele andere Möglichkeiten.

Die Menge der jeweiligen Tier-Dung-Ablagerung wird gemessen anhand der Häufigkeit von Milben, die sich in einer bestimmten archäologischen Schicht finden.

Mittwoch, 24. Januar 2007

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