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Montag, 31. Mai 2021

Britische Fairness in der Archäologie? - Colin Renfrew verkörpert sie

"Gustaf Kossinna lacht," so hatte man es 2017 gehört (1). Ein Wissenschaftler aber behielt Haltung: Colin Renfrew. Er war und blieb "very british", "very old school", vom Geist wissenschaftlicher Fairness durchdrungen. Er hielt einen Vortrag in Chicago, betitel "Marija Gimbutas quicklebendig" . . . (2).
- Ein Jahr später brachte ein anderer Archäologe in Wien die Dinge ebenfalls sehr klar auf den Punkt (4).

Nur wenige Wissenschaftler wird es geben in der Welt, die das Scheitern des wichtigsten Grundgedankens ihres wissenschaftlichen Lebens mit einer solchen Gelassenheit, Ruhe und inneren Überlegenheit zur Kenntnis nehmen und vortragen wie das der britische Archäologe Sir Colin Renfrew (geb. 1937)  in einem Vortrag in Chicago im Jahr 2017 getan hat (2).*)


Der weltweit sehr angesehene britische Archäologe Sir Colin Renfrew, sollten wir ergänzen. Die hier eingenommene menschliche Haltung darf man vorbildlich nennen. Keineswegs überall begegnet man ihr. In diesem Vortrag referiert Colin Renfrew schwere bis schwerste Einschläge auf dem Schlachtschiff seines wissenschaftlilchen Grundgedankens, genannt "Anatolien-Hypothese" (nämlich für die Ausbreitung der indogermanischen Sprachen). 

Für völlig gesunken hält er das Schlachtschiff am Ende seines Vortrages noch nicht. Aber man merkt dem Vortrag schon an, daß dem Vortragenden Zukünftiges schwant und daß er auf vieles gefaßt ist ....  Und der Vortrag fand statt im November 2017 . . .

Mit welcher Großzügigkeit Renfrew spricht. Das mutet uns nicht nur "very british" an, sondern geradezu "very old school". .... Gelassener Freiraum, gelassene Fairness im Ideen-Wettbewerb ....   Gelassene Fairness im Erkenntnisstreben auch rund um große Perspektiven zur Menschheitsgeschichte. Wie kann man in der Nähe solcher Menschen aufatmen. 

Kein Millimeter "Ideologe"

Von "Ideologie" und von Klammern an ideologische Grundpositionen keine Spur. Nicht die geringste. (Denn was ist Ideologie? Das Aufrechterhalten von Grundeinsichten auch dann, wenn sie längst vom wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt widerlegt und überholt sind ....) In Minute 11 sagt Renfrew als Kernsätze seines Vortrages (zitiert in Paraphrase) (2):

Die Archäogenetik hat einige der Theorien von Marija Gimbutas wiederbelebt. Hätte ich diese Vorlesung vor drei oder vier Jahren gehalten, hätte ich sie mit sehr vielen kritischen Äußerungen über Marija Gimbutas beendet. Aber Sie werden sehen, daß gerade sie am Ende als der trimphierende Vorläufer dessen dastehen wird, was wir heute an Erkenntnissen in den wissenschaftlichen Laboren gewinnen.

Wie er einleitend erzählte, kannte Renfrew Marija Gimbutas persönlich und verbindet schöne Erinnerungen mit ihr. Seinen Vortrag hat er beitelt "Marija Revidiva". Das ist Latein und könnte etwas frei übersetzt werden mit: "Marija - jung und quicklebendig".

Der Bloginhaber hatte just zur selben Zeit - im November 2017 - in seinem Aufsatz "Kossinna lacht - Er lacht und lacht und lacht" neben einer Fülle von neuen Detail-Erkenntnissen (Wiki) auch menschlichen Gefühlen einen Ausdruck gegeben, die man haben kann im Angesicht dieser großen Wende in der Wissenschaftsgeschichte (2). Gefühle des von Renfrew schon genannten Triumphes waren hier ebenso beigemischt wie Gefühle von mancherlei Trauer und Scham über das kleingeistige Verhalten von so vielen "besiegten" deutschen Archäologen. 

Marija - jung und quicklebendig

Deren dort referiertes Verhalten sticht ja nun noch einmal um so deutlicher ab, um so mehr man sehen kann, wie ruhig und gelassen der "große" Colin Renfrew im Angesicht dieser Wende der Wissenschaftsgeschichte bleibt, wie er Fassung und Haltung völlig bewahrt.

Wie außerordentlich integer - nobel, "britisch", weit über der Sache stehend, humorvoll, großzügig, sachlich - einfach angemessen auf die Neuerkenntnisse dieser Revolution reagierend spricht Renfrew.  Er hadert nicht lange. Er redet nicht lange um den heißen Brei herum. Er vesinkt nicht in Ohnmacht. Er schreit nicht die Himmel an in Verzweiflung. (Man erinnere sich an die damalige verzweifelte Frage eines deutschen Archäologen: "Wolf im Schafspelz oder Schaf im Wolfspelz?" [1] Wer so fragt, schreit in der Tat die Himmel an in Verzweiflung.)

Eine solche Art mit den Dingen umzugehen und einen solchen Vortrag wie den von Renfrew (2) darf man feiern. So geht Wissenschaft. So geht Wissenschaft also - auch. Doch. Das ist eine Größe, die ihr - dem Prinzip nach - innewohnt und der sich anzunähern uns wissenschaftsnahen Menschen allen möglich ist, wozu wir auch aufgefordert sind.

Und was für eine exzellentes Oxford-Englisch Renfrew spricht! Entspringt sie diesem Oxford-Englisch, diese britische Fairness? Oh, Sprache ist voller Geheimnisse. Schon aus diesem Grund jedenfalls ist es ein Genuß, ihm zuzuhören.

Renfrew gab Dergachev Anregung

Und all das sagt er, obwohl gerade er, er - mit seiner Anatolien-Hypothese - als der "Haupt-Leidtragende" jener Revolution zu benennen ist, die er referiert. Er ist derjenige, der den größten Verlust zu bedauern und zu betrauern hat, den wichtigsten Grundgedanken seines Lebens. Und Renfrew erkennt den - etwaigen - Tod seines Lebenswerkes mit einer solchen Weite des Herzens an, ohne alles Zaudern, ohne alles Zagen, ohne alle Bitternis, ohne jede Häme. 

Von nicht vielen Wissenschaftler erfährt man eine solche Haltung. Wir geben zu: Renfrew (und den Genetiker Cavalli-Sforza, mit dem er zusammen arbeitete), sie hatten wir beide nie für voll genommen - gerade weil sie (in unseren Augen verbohrt und so viele Detail-Erkenntnisse unberücksichtigt lassend) die Anatolien-Hypothese so lange Jahre vertreten hatten.

Aber dieser Vortrag beeindruckt uns jetzt doch. Und dieser Umstand ruft uns in Erinnerung, daß es ja gerade auch Colin Renfrew war, der den moldavischen Archäologen Vladimir Dergachev im Sommer 1999 um einen Tagungsbeitrag gebeten hatte, auf daß der Forschungsstand auf einer Tagung auch im Sinne der Thesen von Marija Gimbutas vorgetragen würde. Und aus diesem Tagungsbeitrag erst ist später das wertvolle Buch von Dergachev des Jahres 2007 hervorgegangen. Renfrew stand offenbar schon immer über gar zu kleinlichem Hader. So kann  offenbar aus diesem Umstand abgelesen werden. 

Noch blieb eine Hintertür . . .

Ab Minute 47 (2) behandelt Renfrew die Genetik. Er berichtet, daß der Titel der wichtigsten archäogenetischen Studie des Jahres 2015, die die wissenschaftsgeschichtliche Wende einleitete

"Massive Ausbreitungsbewegungen aus der Steppe heraus sind die Quelle für die indoeuropäischen Sprachen in Europa"
den beteiligten Archäologen in dieser Form zu voreilig gewesen wäre ("jumping to many guns"). Deshalb sei der Titel umformuliert worden und deshalb sei in der Veröffentlichung im Titel nur noch von "einer Quelle" die Rede. Allerdings fragt man sich auch an dieser Stelle wieder erstaunt: Welche andere Quelle für sie sollte es geben? 

Nun, in Minute 56 läßt Renfrew die Frage offen, ob nicht doch die Steppen-Genetik zuerst in Anatolien beheimatet war, sich von dort nach der Steppe ausgebreitet hat und dann erst von dort aus weiter ausgebreitet hat. In diesem Sinne wäre es also recht zu sagen, daß es eine "weitere Quelle" für die indoeuropäischen Sprachen geben könnte.

Ob im Jahr 2021, dreieinhalb Jahre nach diesem Vortrag das noch jemand glaubt, bleibe dahin gestellt. Aber dieses kleine Schlupfloch gab es 2017 wohl tatsächlich noch.

Und übrigens: Aus der Grafik in Minute 59:38 (2) wäre zu folgern: Die Glockenbecher entstanden im nördlichen Ungarn und in der Slowakei.

"Gold, Genetik, Gesellschaft" (2017)

Abb. 1: Gold, Genetik ...

Ergänzung 24.9.21: Schon am 30.9.2017 hatte die Wiener Archäologin Barbara Horejs (geb. 1976) (Wiki) in Traunkirchen einen Vortrag gehalten mit dem spannenden Titel "Gold, Genetik, Gesellschaft - Aktuelles zu Naturwissenschaften und Technik in der Archäologie" (Salzi). 

Sie organisierte mit anderen Fachkollegen am 14. und 15. Dezember 2018 in Wien eine Archäologen-Tagung zu dem Thema "Genes, Isotopes and Artefacts - How should we interpret the movements of people throughout Bronze Age Europe?" (3).

Zu dieser sprach sie auch die einleitenden Worte (Yt), in denen sie klar von einer Revolution in der Archäologie durch die Archäogenetik spricht. Horejis forscht vornehmlich zur kupfer- und bronzezeitlichen Archäologie Griechenlands, Anatoliens und des Balkans. Ihren Magister Artium hat sie 2002, ihren Dr. phil 2005 an der FU Berlin bei Bernhard Hänsel abgelegt (CV pdf).

2013 bis 2020 war sie Direktorin des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie, seit 2021 ist sie Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts, beide an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (OEAW, Uni Tübingen). In einem Podcast, der jüngst mit ihr gesendet wurde, kann man erleben, wie differenziert sie sich ausdrückt und die Forschungsergebnisse beschreibt (4).

Den wichtigsten Vortrag auf der genannten Konferenz in Wien im Dezember 1918 hielt aber der dänisch-schwedische Archäologe Kristian Kristiansen (5). Von den neun eingestellten Vorträgen dieser Tagung ist sein Vortrag der am häufigsten aufgerufene (über 3000 mal).

Er faßt den Erkenntnisstand des Jahres 2018 in der Tat auch schon sehr eindruckvoll zusammen und ist recht sozusagen "unverfroren", was Deutungen dieses Forschungsstandes betrifft. Er spricht klarer Worte aus zu ihm als die meisten anderen Wissenschaftler bis heute (Abb. 2). 

Abb. 2: Aus der Zusammenfassung des Vortrages von Kristian Kristiansen (5)

Kristiansen sagt (Abb. 2) (5):

Ausbreitungsbewegungen und ethnische Gewalt vollziehen sich entsprechend einem Jahrtausende alten Muster von 1) Massenmord ganzer Gemeinschaften/Gruppen, 2) dem Töten von Männern und der Entführung von Frauen jeweils von außerhalb der eigenen ethnischen Gruppierung.
- Ethnische Identitäten sind stark während der Ausbreitung und der Ansiedlung, ebenso wie das Kriegertum der Männer (Schnurkeramiker)
(...)
- Die Ideologie spricht Belohnung durch die Götter zu, wenn Krieger neue Territorien erobern. So ist es enthalten in den mythischen Erzählungen und Ritualen indoeuropäischer Erzählungen von Krieger-Heroen.

Am Ende führt Kristiansen noch einmal aus, in welcher Hinsicht Marija Gimbutas recht behalten hat.

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*) Auf diesen Vortrag wird man übrigens aufmerksam, wenn man den Anfang des neuesten Interviews mit dem Sprachhistoriker Harald Haarmann hört. Ein Interview, das ansonsten aber der Eigenwilligkeiten, ja, des Festhaltens an längst erkannten Irrtümern von Seiten von Haarmann genügende aufzeigt - aber das gehört ganz woanders hin.

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  1. Bading, Ingo: Kossinna lacht, er lacht und lacht und lacht, November 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/11/kossinna-lacht-er-lacht-und-lacht-und.html.
  2. Lord Colin Renfrew: Marija Rediviva - DNA and Indo-European Origins. The First Marija Gimbutas Memorial Lecture. The Oriental Institute, Chicago, 8.11.2017; veröffentlicht 14.03.2018, https://youtu.be/pmv3J55bdZc?t=330.  
  3. "Genes, Isotopes and Artefacts - How should we interpret the movements of people throughout Bronze Age Europe?" Archäologen-Konferenz unter der Leitung von Barbara Horejs (Direktorin der OREA), Claudio Cavazzuti und Benjamin Roberts, organisiert von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am 14./15.12.2018 in Wien, https://www.oeaw.ac.at/detail/news/bronzezeit-in-bewegung, https://www.oeaw.ac.at/en/detail/news/genes-isotopes-and-artefacts
  4. Erklär mir, wie wir sesshaft wurden, Barbara Horejs. Podcast, 22. Juni 2021, https://erklaermir.simplecast.com/episodes/172
  5. Kristiansen, Kristian: Genes, diseases, and migrations: what relationship? Indo-European expansions reconsidered. Vortrag auf der Archäologie-Konferenz "Genes, Isotopes and Artefacts - How should we interpret the movements of people throughout Bronze Age Europe?" am 14./15.12.2018 in Wien (siehe 3.) (Eingestellt 14.1.2019), https://youtu.be/oi1C1XMYU2Q.

Mittwoch, 20. Mai 2020

An das Leben in einer - einheitlichen - Rasse angepaßt: Der Mensch

Gesichter anderer Rassen werden vom Gehirn nicht als individuelle Gesichter verarbeitet

Dieser Umstand wird aufgezeigt durch aktuelle Studien im Bereich der Hirnforschungen (1, 2): Das Gehirn strengt sich von sich aus an, Menschen (Gesichter) der eigenen Rasse individuell zu erkennen. Sieht es ein Gesicht aus der eigenen Rasse ein zweites mal, aktiviert es nur noch Hirnareale zur "Wiedererkennung", nicht mehr zur erstmaligen Neuerkennung eines individuellen Gesichtes.

Abb. 1: Menschliche Gesichter unterschiedlicher Rassen: Hausa man from Northern Nigeria ; man of Asian descent; Yali tribesman in the Baliem Valley; shaman in the Amazon rainforest; Icelander; San man (Wiki)

Anders ist es, wenn das Gehirn Menschen einer anderen Rasse sieht. Es ordnet die Gesichter derselben dann von vornherein unter "Wiedererkennung" ein - nämlich eben dieser Rasse. Und es bemüht sich - von sich aus - erst einmal nicht weiter um individuelle Unterscheidungen (nämlich ob es sich um das Gesicht dieses oder jenes Menschen innerhalb einer anderen Rasse handelt).

Ein wenig auffällig ist, daß in einem deutschsprachigen Artikel über diese Forschungen anstelle des Begriffes "Rasse" - wie in der Originalstudie - der Begriff "Ethnie" verwendet wird. Diese Begriffsverwendung ist aber ganz klar so unscharf, daß man sich wundert, daß das so gemacht wird. Denn in der Studie geht es ja eben nicht um Menschen unterschiedliche Ethnien, die einer einzigen Rasse angehören (zum Beispiel um Tschechen, Franzosen und Deutsche), sondern um Menschen unterschiedlicher Rassen.

Es dürfte sehr unwahrscheinlich sein, daß das Gehirn auf der Ebene sehr subtilen Gesichtsunterschiede zwischen Ethnien ebenso arbeitet wie auf der Ebene der Gesichtsunterscheidungen zwischen Rassen, die ja auf sehr grober Ebene stattfinden können.

Aber "Neusprech" ist offenbar der Redaktion von "Spektrum der Wissenschaft" so wichtig, daß dies offenbar auch gerne einmal auf Kosten der wissenschaftlichen Korrektheit geschehen kann.

Die Tatsache, daß Altruismus (Hilfsbereitschaft) und sozialer Zusammenhalt in multikulturellen Wohnumfeldern geringer ausgeprägt ist als in einheitlichen kulturellen Wohnumfeldern ist ja von Seiten der Soziologie schon gut erforscht worden (etwa von Seiten Robert Putnam, dargestellt in seinem Buch "Bowling alone"). Mit diesen neuen Studien gibt es einige - von vielen denkbaren - neue Daten zur evolutionären Erklärung dieser Sachverhalte.

Damit gibt es weitere Hinwiese dafür, daß Menschen und Gehirne im allgemeinen mit einem Zusammenleben unterschiedlicher Rassen innerhalb derselben Gesellschaft mehr gefordert sind als in Gesellschaften, in denen die Menschen alle derselben Rasse angehören. Und das Gehirn ist darauf ausgelegt, es sich möglichst "einfach" und "sparsam" zu machen im sozialen Zusammenleben.
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  1. Human face-selective cortex does not distinguish between members of a racial outgroup Niv Reggev, Kirstan Brodie, Mina Cikara, Jason P. Mitchell eNeuro 18 May 2020, ENEURO.0431-19.2020; DOI: 10.1523/ENEURO.0431-19.2020, https://www.eneuro.org/content/early/2020/05/18/ENEURO.0431-19.2020
  2. Janosch Deeg: Gesichter unterscheiden: Dem Gehirn erscheinen fremde Ethnien "bekannter", 19.05.2020, https://www.spektrum.de/news/dem-gehirn-erscheinen-fremde-ethnien-bekannter/1735892

Sonntag, 8. Mai 2016

Ist Lehrbuch-Wissen "Quatsch"? - Über naturwissenschaftsnahes Argumentieren in der Politik

Im Lehrbuch "Soziobiologie" von Eckart Voland aus dem Jahr 2013 (2) wird ein Aufsatz aus der Zeitschrift "Human Nature" aus dem Jahr 2009 (1) referiert, der kurzzeitig in der Öffentlichkeit erörterte Argumentationslinien zu angeborenen Verhaltensunterschieden von menschlichen Großgruppen bezüglich r- und K-Strategien (12-17) - im Gegensatz zum allgemein in der Öffentlichkeit vertretenen Urteil - im Prinzip gerechtfertigt erscheinen läßt.

Abb. 1: Eckart Voland - Soziobiologie, 2013, 4. Aufl.
An nur wenigen Tagen in den letzten Monaten und Jahren ist kurzzeitig einmal im Zusammenhang mit politischen Erörterungen Bezug genommen auf naturwissenschaftsnahes Argumentieren (17).

In Reaktion darauf war in den "großen" Medien davon die Rede, dabei sei gedanklich völliger Blödsinn vertreten worden. Selbst nahe politische Freunde desjenigen, der sich hier geäußert hatte, zeigten sich als von Abscheu erfüllt. Sie meinten, daß man sich nicht kontraproduktiver hätte äußern können. In einer rechtfertigenden Stellungnahme wurde inhaltlich dann kein Argument vorgebracht, daß das zuvor vorgebrachte naturwissenschaftsnahe Argumentieren weiter erläutern und stützen würde und das dadurch dazu anregen würde, eine Sachauseinandersetzung weiter zu führen. Und dies ist der Zustand bis heute.

Selbst so überlegte Leute wie der Südtiroler Philosoph Marc Jongen (Universität Karlsruhe) äußern lieber ihre Sympathien für Rudolf Steiner, als daß sie in eine Sachdebatte einsteigen würden und Verständnis zeigen würden für ein naturwissenschaftsnahes, evolutionäres Denken (17).

Weit und breit niemand führte auf diesem Gebiet in der allgemeinen Öffentlichkeit die Sachauseinandersetzung auf inhaltlicher Ebene weiter.

"Der Häscher der Selbstgerchten"


Außer uns. Und außer ganz wenigen Denkenden in Deutschland. Und außer des Wissenschaftsjournalisten Marcus Anhäuser (14) und jener wenigen, auf die er sich bezieht - - - und schließlich außer jemandem, der sich nennt - - - "DerHäscherderSelbstgerechten", der dann von Kritikern begrüßt wurde als "DerMitMartialischenNamenTanzt". Es handelt sich bei diesem "Häscher der Selbstgerechten" um einen Blogger, der sich "Genhorst" nennt. (Der aber jüngeren Jahrgangs ist, als man bei einer solchen Namenswahl vermuten sollte.) Dieser gab schon am 14. Dezember - allerdings bis heute wenig beachtet - den entscheidenden Kommentar zu allen öffentlichen Erörterungen rund um das zur Debatte stehende evolutionäre Denken (Genhorst 14.12.2015) (13).

Abb. 2: Die Überlebenskurve für fünf unterschiedliche Lebewesen mit unterschiedlicher Fortpflanzungsstrategie
(Danke für diese Grafik von: Armin Kübelbeck)

Der Verfasser dieser Zeilen ist bislang der einzige gewesen, dem dieser Blogbeitrag "gefiel", und der ihn auf Facebook weiter geteilt hat. Und der ihn in Kommentaren bei Marcus Anhäuser dann weiter auswertete. Das soll nun auch hier noch einmal dokumentiert werden. Denn - wie gesagt - niemand innerhalb der gesamten "Qualitätspresse" weltweit scheint bislang diesen Hinweis aufgegriffen zu haben. Womit der Vorwurf Lügenpresse voll und ganz gerechtfertigt erscheint.

Was hatte "Der Häscher der Selbstgerechten" getan? Er hatte einfach ein Zitat aus dem Lehrbuch meines Doktorvaters gebracht, auf das ich selbst gar nicht gekommen war:
Soziobiologe Eckart Voland schreibt dazu in seinem Standartwerk „Soziobiologie“ (Springer-Verlag Berlin, Auflage von 2013) im Abschnitt „Menschen sind flexible K-Strategen“ (S. 166).
Und dieses Zitat brachte er dann auch am 5. Februar 2016 in den Kommentaren bei Marcus Anhäuser. Eckart Voland schrieb da also schon 2013:
Allein schon angesichts ihrer vergleichsweise geringen Fruchtbarkeit, langen Jugendentwicklung und beachtlichen Lebenserwartung rangieren Menschen weit auf der K-Seite des r/K-Gradienten. Allerdings läßt sich eine durchaus nennenswerte Variabilität, sowohl im Populationsvergleich als auch im interindividuellen Vergleich, innerhalb einer Population in Bezug auf lebensstrategische Parameter beobachten. Man denke nur an den Unterschied in der realisierten Fruchtbarkeit, wie sie in den westlichen Industriestaaten vorherrscht und nicht einmal zur bloßen Regeneration der Bevölkerung ausreicht […]. Angesichts dieser Unterschiede hat sich schon früh die Frage gestellt, ob das Konzept von “r-” versus “K-Strategie”, das zwar zur Erklärung von genetisch weitgehend fixierten Artunterschieden entwickelt wurde, nicht sinngemäß auch menschliche Unterschiede zu erklären vermag. Schließlich beobachtet man Unterschiede in individuellen Lebensvollzügen, die analog zum “r/K-Konzept” unterschiedlich stark ausgeprägte Fluktuationen in den sozio-ökologischen Lebensbedingungen einschließlich unterschiedlicher extrinsischer Mortalitätsrisiken abbilden. Wenngleich Menschen also K-Strategen sind, sind sie das auch auf verschiedene Weise. Idealtypisch vereinfacht lassen sich eher “langsame” von “schnellen” Lebensverläufen unterscheiden, wobei die “Geschwindigkeit” des reproduktiven Verhaltens als konditionale und funktional-adaptive Antwort auf das Ausmaß individuell erfahrener Lebenssicherheit verstanden wird. […] Die Forschung zur Plastizität der K-Strategie des Menschen hat längst ihre ursprüngliche Domäne, nämlich die Darwinische Entwicklungspsychologie verlassen und strahlt weit in benachbarte Disziplinen aus, die - sei es mit demografischen, kulturvergleichenden oder anderen Methoden und Datensätzen - die Vielfalt der menschlichen Lebensverläufe mit einer einheitlichen evolutionären Theorie einzufangen versucht.
Abb. 3: Rushton - Rasse, Evolution, 2005
Darauf schrieben wir noch am gleichen Tag in den Kommentaren:
Was “Genhorst” da gefunden hat, ist schlichtweg die definitive Entscheidung in dieser Debatte. Und dieses Zitat müßte, wenn wir es denn nicht mit einer Pinocchio-Presse zu tun hätten, durch die gesamte große Presse gehen. Die moderne Humansoziobiologie mit ihrem im deutschen Sprachraum prominentesten Vertreter sagt, daß Menschen r-Strategen sein können als “Antwort auf individuell erfahrene Lebenssicherheit” und auf der Ebene von Populationen (von der in dem Zitat die Rede ist). In Afrika gibt es r-Strategie als Antwort auf individuell erfahrene Lebenssicherheit auf Populationsebene. (...) Der Wissenstand ist schlichtweg zu allergrößten Teilen korrekt wiedergegeben worden. Ob die richtigen politischen Schlußfolgerungen daraus gezogen worden sind, ist damit ja gar nicht gesagt. Aber Pinocchio-Presse bleibt Pinocchio-Presse. Peter Sloterdijk spricht absolut korrekt von Lügenäther.
Ich übergehe hier einen längeren Abschnitt in der Diskussion bei Marcus Anhäuser, in der auf Einwände gegen unsere Auslegung dieses Zitats geantwortet wurde. Es wird eine Diskussion sein, die sehr lehrreich sein dürfte für manche, die noch weniger in naturwissenschaftsnahem Denken geschult sind. Bis zum 9. Februar hatte ich dann endlich herausgesucht, was hier tatsächlich inhaltlich zur Erörterung stand. Ich schrieb:
Habe jetzt das obige Voland-Zitat im Original rausgesucht und sehe, daß sich Voland bezieht bei den zitierten Aussagen auf diese Studie aus dem Jahr 2009: http://www.u.arizona.edu/~ajf/pdf/Ellis,%20Figueredo,%20Brumbach,%20&%20Schlomer%202009.pdf (Schade, daß man das hier alles selber machen muß und die “Qualitätspresse” weit und breit sich in Deutschland darum nicht kümmert.) Im Abstract dazu heißt es abschließend: “This review demonstrates the value of applying a multilevel evolutionary-developmental approach to the analysis of a central feature of human phenotypic variation.” Ohne das Ding jetzt weiter gelesen zu haben, entnehme ich jetzt mal dem Wort “multilevel approach”, daß ich mit meiner obigen “Interpretaton” des Voland-Zitates 100% richtig liege. Denn multilevel heißt: die genetische Ebene ist eben nicht ausgeschlossen.
Der Aufsatz stammt von einer Forschergruppe rund um den Evolutionären Psychologen Bruce J. Ellis von der Universität von Arizona in Tuscon, USA. Er ist in deutscher Übersetzung betitelt mit: "Grundlegende Auswirkungen von Umweltrisiken - Der Einfluß von harschen gegenüber unvorhersehbaren Umwelten in der Evolution und Entwicklung von Lebensphase-Strategien" (1).

Bruce J. Ellis aus Tuscon/Arizona


Abb. 4: Die Zeitschrift "Human Nature"
Und diese Originalarbeit, auf die sich Voland bezog, ist glücklicherweise frei zugänglich und so konnten aus dieser gleich die entscheidenden Passagen herausgesucht werden (worauf es dann auch - bis heute - keine Einwände mehr gab ;) ). Bezugnehmend auf hier nicht dokumentierte Diskussionsabschnitte schrieb ich also:
Der eben genannte Artikel von 2009 raisonniert auf genau der gedanklichen Linie, die ich oben schon erläutert habe. Aber er geht noch erheblich weiter! Er erörtert sehr WOHL auch sehr konkret verhaltensgenetisch vorgegebene Häufigkeitsunterschiede zwischen MENSCHLICHEN Populationen weltweit. Insbesondere auf S. 228f wird dies anhand einer genetischen Anlage für ADHS erörtert, eine Anlage, deren 7-fache Sequenz bei Chinesen und Buschleuten gar nicht vorkommt, die aber in einigen Volksstämmen Südamerikas sehr häufig vorkommt und z. B. unter Europäern ebenfalls mitverantwortlich ist für dortiges “novelity seeking”, für Abenteuerlust, Risikofreude und ADHS. Und diese Steuerungssequenz korreliert nach älteren Studien (u.a. Harpending) mit Nomadenhaftigkeit und Wanderungsfreude. Und nun der von Voland zitierte Aufsatz zu solchen angeborenen Lebenslauf-Häufigkeits-Unterschieden zwischen menschlichen Populationen in Bezug auf diese Veranlagung (LH = Life history):
“Variation between and within human populations in LH strategies has also been linked to measured genetic variation. For example, the modal slow human LH strategy may be supported by the common 4R variant of the human dopamine receptor D4 (DRD4) gene. DRD4 regulates dopamine receptors in the brain, and variants of this gene have been linked to individual differences in such personality traits as extraversion and novelty-seeking (Ebstein 2006). The 4R allele was apparently the most common form of the DRD4 gene throughout human prehistory (Wang et al. 2004). Under conditions of environmental harshness and resource limitation, which are common in pre-agricultural foraging societies, biparental investment in offspring, durable pairbonds, and strong family ties and cooperation (i.e., slower LH strategies) are generally needed to survive and reproduce successfully (see Draper and Harpending 1988; Geary 2000; Rodseth and Novak 2000). Harpending and Cochran (2002) suggest that these ancestral conditions helped to maintain the 4R allele, which is associated with more riskaverse mating and social behavior.
Whereas the DRD4 4R allele appears to have emerged around a half-million years ago and is common in most geographical locations, the DRD4 7R allele, which is associated with more impulsive and risk-prone behavior, appears to have been selected for during the past 40,000–50,000 years and has a widely variable and nonrandom global distribution (Chen et al. 1999; Wang et al. 2004). Based on an analysis of this distribution, Chen et al. (1999) have argued that the 7R allele promotes migratory behavior, with bearers of 7R more likely to lead populations far from their ancient lands of origin (e.g., South American Indians, Pacific Islanders). An alternative explanation, however, proposed by Harpending and Cochran (2002), is that the 7R allele is favored by selection under conditions of surplus resources. In such luxuriant contexts, where offspring can be successful without intensive biparental investment (as is common in many agricultural and modern societies), higher levels of energetic, impulsive, and noncompliant behavior characteristic of male bearers of the 7R allele may facilitate fast sexual behavior and success in intrasexual competition (Harpending and Cochran 2002; Penke et al. 2007). Recent increases in the frequency of the 7R allele (Ding et al. 2002) are consistent with this hypothesis. In total, 7R bearers may not only be more likely to become propagules colonizing new environments (generating between-group variation in LH strategies) but may also employ faster LH strategies than 4R bearers in well-resourced, multiniche environments (supporting within-group variation in LH strategy).
In sum, there is much variation in LH strategies between different human populations (e.g., Rushton 2004; Walker et al. 2006b; Walker and Hamilton 2008). On the one hand, genetic polymorphisms, such as those at the DRD4 locus, are potentially relevant because they may account for meaningful cultural and individual variation in LH strategies. On the other hand, comparative data from small-scale human societies suggest that differences between populations in LH strategies are responsive to mortality rates. Much more work is needed, however, to delineate the potential evolutionary and developmental bases of such differences and their coordination with environmental conditions.”
In diesem Falle würden also, wenn ich es recht verstehe, Buschleute und Chinesen auf der “K-nahen” Seite stehen, während südamerikanische Indianerstämme und abenteuerlustige, risikofreudige Europäerinnen und Europäer auf der “r-nahen” Seite stehen, weil sie wechselnde Sexualpartner haben und/oder auch einen sonstigen risikofreudigeren Lebensstil haben. Man sieht, das Thema ist in jedem Fall komplex. Aber daher zu kommen und zu sagen, es sei grundsätzlich “Blödsinn”, in Bezug auf angeborene Verhaltensunterschiede beim Menschen auf Populationsebene von r- und K-Strategie zu sprechen – DAS ist: Blödsinn. Denn die Forschung geht auch jenseits von Philippe Rushton auf diesem Gebiet weiter, jenseits eines Autors übrigens, der auch in der Studie von 2009 als ernstzunehmender zitiert wird.
Seit diese Zitate der Öffentlichkeit bekannt gegeben und ihr erläutert worden sind, ist die öffentliche Erörterung rund um das hier zur Erörterung stehende evolutionäre Denken schlichtweg entschieden. All die Kritiker auf dem Blog von Marcus Anhäuser, die sich zuvor immer wieder mit neuen Einwänden gemeldet hatten, blieben, nachdem diese Zitate gebracht worden waren, stumm. Wahrscheinlich reden sie sich damit heraus, dass ihnen die Diskussion zu lang geworden war und sie ihr gar nicht mehr gefolgt wären.

Aber man möchte doch gerne wissen, wann endlich Qualitätspresse Qualitätsberichterstattung betreibt. Statt Hetzpresse und Verblödungspresse zu sein. (Einige weiterführende Ausführungen im Anhang.) (Ergänzung 11.6.16:) Übrigens ist damit auch die öffentliche Stellungnahme des "Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung" (19) vollständig widerlegt, etwa die dortige These, dass es sich bei der r/K-Theorie um eine "mittlerweile veraltete Theorie zu Unterschieden im Fortpflanzungsverhalten zwischen verschiedenen Tierarten" handeln würde. Wie können habilitierte Wissenschaftler einen solchen Unsinn äußern?
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ResearchBlogging.org
  1. Ellis BJ, Figueredo AJ, Brumbach BH, & Schlomer GL (2009). Fundamental Dimensions of Environmental Risk : The Impact of Harsh versus Unpredictable Environments on the Evolution and Development of Life History Strategies. Human nature (Hawthorne, N.Y.), 20 (2), 204-68 PMID: 25526958
  2. Voland, Eckart: Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. Springer-Verlag, Heidelberg u.a. 2013 (4. Auflage)
  3. Bading, Ingo: Ein Skandal der allerersten Güte. Das "Institut für Staatspolitik" in Schnellroda und sein geistig überaus schmalspuriges Auftreten. Auf: GA-j!, 12. Juli 2015
  4. Bading, Ingo: Rettet naturwissenschaftsnaher Katholizismus die europäischen Völker? Entwicklungen auf dem Internetblog "Projekt Ernstfall". GA-j!, 23. Juli 2015
  5. Bading, Ingo: "Eine Milliarde Katholiken gegen 200 Ludendorffer - viel Spaß in der Bataille". GA-j!, 28. Juli 2015
  6. Bading, Ingo: Verblödung auf der Internetseite Sezession. Katholische Rechtskonservative seit über 40 Jahren: "Gehe zurück auf Los und fange bei Null an". GA-j!, 15. August 2015
  7. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Er hat "biologische Fragestellungen" "allzu sehr in den Vordergrund gestellt. GA-j!, 7.10.2015 
  8. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Ein rechtskonservativer Hijacker. GA-j!, 11.10.2015
  9. Bading, Ingo: Laßt sie nicht abreißen! - Die kulturelle und genetische Tradition. Begreift Euch als Erben! Eine Lesehilfe zu Peter Sloterdijk's neuestem Buch "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" (2014). GA-j!, 15. Oktober 2015
  10. Albrecht, Jörg: Das Fremde und das Vertraute. In: FAS, 17.11.2015
  11. von Rauchhaupt, Ulf: Lewontins Fehlschluß. In: FAS, 17.11.2015
  12. Zastrow, Volker: Neue Rechte - Höckes Rassetheorie. In: FAZ, 20.12.2015
  13. Genhorst: Höckes r- und K-Strategen. Auf: Das Wesen - EvoDevoAnthro, 14. Dezember 2015, https://genhorst.wordpress.com/2015/12/14/hoeckes-r-und-k-strategen/
  14. Anhäuser, Marcus: Liebe Biologen, #Höcke wäre Eure Chance gewesen (Nachtrag 28.1.16). Auf Placeboalarm, 15. Dezember 2015, mit 105 Kommentaren, http://scienceblogs.de/plazeboalarm/index.php/liebe-biologen-hoecke-waere-eure-chance-gewesen/
  15. „Sonst endet die AfD als ‘Lega Ost’“ - Interview mit Karlheinz Weißmann. In: Junge Freiheit, 21.12.2015
  16. Hermsdorf, Daniel: Volksverhetzung durch angebliche #Rassismus-Kritik? Filmdenken, 21.12.2015
  17. Bading, Ingo: Evolutionäres Denken - Von seinem Gebrauch und Mißbrauch in der Politik. 10. Januar 2016, https://studgenpol.blogspot.com/2016/01/bjorn-hockes-evolutionares-denken.html
  18. Brynja Adam-Radmanic: Hat Höcke recht, aber wir dürfen es nicht sagen? - Ein Fakten-Check mit Anleitung zur Verhinderung totalitären Denkens. Auf: Wissensküche, 15. Dezember 2015 (mit 126 Kommentaren), http://wissenskueche.de/2015/12/hat-hoecke-recht-aber-wir-duerfen-es-nicht-sagen-ein-fakten-check-mit-anleitung-zur-verhinderung-totalitaeren-denkens/
  19. Damian Ghamlouche: BIM-Pressemitteilung: Rassistische Argumentationen dringen unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit in den politischen Raum. Pressemitteilung des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung vom 15.12.2015, http://www.bim.hu-berlin.de/media/PM_BIM_14122015.pdf

Freitag, 30. September 2011

Genomforschung für alle!

Eine neue Form der Naturverbundenheit

Aus der Reihe "Meine Gene", Einleitung

Auf dem "Scilog" "Bierologie" von Bastian Greshake und Philipp Bayer wird der Start eines neuen, spannenden Internetprojekts verkündet mit Namen "OpenSNP" (s. Bierologie). Ein Projekt, das jeden einzelnen Menschen mit seinen eigenen phänotypischen Merkmalen mitten in die Genomforschung hineinstellt und ihn an ihr teilhaben läßt und ihn als wichtige Einzelpersönlichkeit in diesem Forschungsprojekt erachtet. Unser Wissen darum, wie einzigartig jeder einzelne Mensch ist und daß jeder einzelne Mensch der naturwissenschaftlichen Humanforschung und der Gesellschaft insgesamt auf vielerlei Ebenen helfen kann durch seine Beteiligung, wird ja durch die Genomforschung gerade immer und immer wieder erhärtet. Ebenso unser Wissen darum, daß auch der einzelne Mensch selbst Vorteile von einer Anteilnahme haben kann. Ich kann mein Genom sequenzieren lassen - das kostet noch ein paar Euro, es wird aber von Jahr zu Jahr günstiger - und die gewonnenen Daten hier in diesem neuen Internetprojekt hochladen. Und ich kann meine phänotypischen Merkmale angeben und diese dann mit den Merkmalen jener  vergleichen, die ähnliche Gensequenzen haben wie ich. Ich kann dies mir selbst, anderen Hobbyforschern oder sogar professionellen Forschern dort ermöglichen.

Viele Thesen von Thilo Sarrazin aus dem letzten Herbst zur biologischen Verfaßtheit des Menschen werden damit nach und nach immer besser überprüfbar, bzw. verstehbar und sie werden als immer selbstverständlicher in das eigene Wissen und das eigene, daraus abgeleitete Handeln jedes einzelnen Menschen integriert werden können. Die Gesellschaften insgesamt werden informierter über die damit zusammenhängenden, z.T. sehr schwerwiegenden bioethischen Fragen diskutieren können. Und es entsteht nach und nach eine Lage, der sich auch Politiker wie Angela Merkel nicht mehr entziehen können, zumal sie - wie jüngst eben Angela Merkel - gerne einmal neue Gensequenziergeräte - in ihrem Fall in Potsdam - einweihen.

Beschleunigung einer wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Revolution


Es ist jetzt schon absehbar, daß diese Entwicklungen, also die derzeit sich vollziehende wissenschaftliche Revolution in der Genomforschung und das Bewußtwerden derselben in der Bevölkerung sich erheblich beschleunigen wird. Und damit werden sich auch gesellschaftliche Debatten erheblich intensivieren. Was also der Bestsellerautor Thilo Sarrazin im letzten Herbst begonnen hat, nämlich über genetische Häufigkeitsunterschiede zwischen Völkern aufzuklären, wird hiermit auf ganz anderer, viel breiterer, viel tiefer ausgelegter sachlicher Ebene weitergeführt. Und jeder einzelne kann bei dieser Forschung mitmachen. Hier einige der wesentlichsten Netzverweise zu diesem neuen Projekt "Genomforschung für alle": 

Natürlich zögert man noch, auf einer solchen Seite alle seine zum Teil doch recht spezifischen und persönlichen, angeborenen Körpermerkmale, medizinischen Merkmale, Veranlagungen und Neigungen, seiner Nahrungspräferenzen (Rohmilch, Alkohol ...), psychische Merkmale und Neigungen, Verhaltensmerkmale und -neigungen (etwa Neigung zu ADHS oder Neigung zu Depression), Intelligenzmerkmale (also IQ-Test-Ergebnisse), Begabungen, Schwächen, die Art seiner Religiosität, seiner politischen Interessen, seiner polygamen oder monogamen Neigungen, die Neigungen zu altruistischem oder egoistischem Verhalten in bestimmten, exakt festgelegten ("Spiel"-)Situationen, zu Dominanzverhalten oder unterwürfigem Verhalten, zu Gewalt oder Friedfertigkeit etc. etc. etc. pp. pp. einzugeben, um diese Merkmale dann mit den Merkmalen anderer in ihrer Ähnlichkeit oder Unterschiedlichkeit vergleichen zu können - oder dies anderen ermöglichen zu können.

Ähnlicher Phänotyp kann nämlich sowohl auf ähnlichem Genotyp als auch auf unterschiedlichem Genotyp beruhen. Helle Haut etwa ist in Asien anders verschaltet als in Europa. Weshalb man Grund hat, sich die Unterschiede zwischen der hellen Haut in Asien und Europa noch einmal genauer anzuschauen. Und so wird es mit unzähligen Eigenschaften sein.  Auch der Forschungszweig der "Epidemiologie", also der Lehre von der Verbreitung von Krankheiten, den wir schon einmal in einer Buchrezension (Amazon) behandelten, wird dadurch beschleunigt.

Welche Fülle an Forschungsmöglichkeiten


Für alles Genannte und vieles mehr muß es genetische Varianten geben, die für sie (mit)verantwortlich sind. Die Zwillingsforschung hat für sie alle einen beträchtlichen Anteil von genetischer Verursachung nahelegt. Und für vieles sind ja auch schon genetische Varianten bekannt, die aber bisher zumeist nur einen geringen Teil der weltweit bekannten phänotypischen Varianz erklären können (etwa von ADHS).

/ Ergänzung 3.10.2019: Daß bislang nur auffallend "ausschnittsweise" die genetischen Varianten phänotypischen Merkmalen zugeordnet werden konnten, liegt daran, daß die meisten phänotypischen Merkmale sehr stark polygenetisch verschaltet sind, was erst seit wenigen Jahren der Forschung bekannt und bewußt geworden ist und worauf insbesondere der Genetiker Robert Plomin letztes Jahr mit einer neuen Buchveröffentlichung hingewiesen hat. Diese Erkenntnis wird - auch hier auf dem Blog - seither unter dem Schlagwort "polygenic score" behandelt. Alles, was im weiteren in diesem Blogartikel angesprochen wird, hat sich seither nicht nur auf OpenSNP deutlich weiter entwickelt, sondern es geschieht auch auf fast allen anderen Plattformen, die "Consumer genetics", Mitmach-Genetik anbeiten, also auch auf 23andme oder auf MyHeritage, um nur die beiden bekanntesten, kostengünstigsten und erfolgreichsten zu nennen. Leider hat das hervorragende isländische "Consumer-genetics"-Projekt "DeCodeMe" aufgrund von zeitweise bestehenden finanziellen Problemen eingestellt werden müssen. Erst dadurch konnten die beiden anderen Firmen eine solche marktbeherrschende Stellung erringen. /

Die Zwillingsforschung machte seit vielen Jahrzehnten darauf aufmerksam, daß die Beachtung genetischer Unterschiede wichtig ist. Aber der jeweils genaue Umfang dieser notwendigen Beachtung ist in den meisten Fällen noch nicht im Detail eruiert worden.

Mit Angaben zu meinem Phänotyp und der Veröffentlichung meines persönlichen Genoms kann ich nun mithelfen, daß die spezfischen, genetischen Ursachen all dieser Dinge in ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten besser erforscht werden können. So könnten sich auf diesem Forum bislang einander selbst ganz unbekannte Menschen treffen, die aber alle eine spezifische Eigenschaft haben. Und diese Menschen könnten dann zugleich feststellen, daß sie auch alle eine spezifische Gensequenz gemeinsam haben und auf diese Weise könnten neue Gensequenzen für phänotypische Merkmale gefunden werden, die heute noch gar nicht bekannt sind. Auch könnte sich diese Menschengruppe wieder in Untergruppen teilen, da sie feststellen, daß es zwei unterschiedliche genetische Varianten sind, die einen zwar sehr ähnlichen, aber subtil ebenfalls wieder unterschiedlichen Phänotyp hervorrufen.

Beispielsweise könnten auch Träger des gleichen Familiennamens, die oft ähnliche Y-Chromosomen aufweisen, da das kulturelle Merkmal Familienname in Europa und Nordamerika zumeist über die männliche Linie "weitervererbt" wird, sehr detailliert Ahnenforschung miteinander treiben. Ebenso natürlich Träger ähnlicher Sequenzen von mitochondrialem, also nur mütterlich vererbten Genomen.

Das dehnbare Band von Genen und Kultur


Auch kann hier der einzelne mit dazu beitragen, daß die Häufigkeitsverteilungen von Gensequenzen über die Populationen auf dieser Erde hinweg abgeglichen werden können mit ihnen zuzuordnender Häufigkeit von kulturellen oder psychischen Merkmalen. Ich kann also mithelfen, die Ausprägung der Vielfalt von Kulturen weltweit auf die jeweilige Häufigkeitsverteilung von Gensequenzen zurückzuführen. Ich kann mithelfen zu verstehen, ab wann in der Humanevolution bestimmte Gensequenzen von selektiven Mechanismen (also kulturell mit beeinflußten Mechanismen) plötzlich positiv bewertet wurden und sich begannen zu verbreiten. Das ist oft erst seit wenigen tausend, vielleicht sogar nur wenigen hundert Jahren so geschehen.

Der einzelne kann also helfen, das Zusammenspiel von Genen und Kulturen im Verlauf der Welt- und Völkergeschichte besser zu verstehen, die sogenannte auch für die menschlichen Intelligenz-Evolution so wesentliche "Gen-Kultur-Koevolution". Der einzelne kann besser verstehen als jemals, was für ein einzigartiges Genom, was für einzigartige genetisch mitbeeinflußte Merkmale aussterben, wenn er keine Kinder hat und wenn auch seine genetisch Verwandten vergleichsweise wenige Kinder haben.

Muß ich mich zu einem "gläsernen Menschen" machen dazu?


Was für eine immense Revolution. Mit welcher Fülle von Implikationen, von denen auch in diesem Beitrag bisher wohl nur die "Spitze des Eisberges" genannt ist. - Die Frage ist, wie man dabei mit der Notwendigkeit umgeht, sich dazu zu einem weitgehend "gläsernen" Menschen machen zu müssen. Wird man sich ein Pseudonym geben, um dann fröhlich mit anderen über ähnliche phänotypische Merkmale und ihnen zuzuordnende Gensequenzen diskutieren zu können? Es könnte dies naheliegend sein. Um so mehr unterschiedliche Merkmale man allerdings für dieses Pseudonym bekannt gibt, um so "individueller" wird dieses Pseudonym und möglicherweise nach und nach leichter "wiedererkennbar". Mit all diese Fragen wird man nach und nach in der praktischen Eprobung den angemessenen Umgang kennenlernen und einüben. 

In nur wenigen Jahren wird sicherlich unser persönliches Genom auf der Krankenkassenkarte oder ähnlichem gespeichert sein. Dann kann der behandelnde Arzt jederzeit nicht nur die Blutgruppe abfragen, sondern eine Fülle weiterer wichtiger Gensequenzen, was ja in der klinischen Praxis immer häufiger üblich wird derzeit. So werden depressiv Erkrankte auf bestimmte körpereigene Metabolika sequenziert, um auf diese Weise schon einschränken zu können, welche Arzneimittel gut und welche schlecht "metabolisiert" (verstoffwechselt) werden und vieles mehr auf dieser Linie.

Thilo Sarrazin in der praktischen Anwendung


Insgesamt, so wird man sagen können, stellt das persönliche Genom eine neue Verbundenheit des Menschen mit der Natur her. Eine neue Verbundenheit unseres Denkens mit unserer eigenen Natur und mit der anderer Menschen, ja, eine neue Verbundenheit mit Menschen überhaupt, zunächst einmal mit Menschen der näheren und entfernteren Verwandtschaft, aber schließlich auch mit Menschen der eigenen Herkunftsgruppe.

/ leicht inhaltlich überarbeitet: 3.10.2019 /
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