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Mittwoch, 24. September 2008

Der "Tanz" der sozialen Beziehungen, der Monogamie, des Altruismus

Ist Evolution vor allem ein Weg zur Überwindung des Autismus gewesen? Und warum gibt es ihn dennoch in verschiedenen Abstufungen?

1. Ein Gehirnboten-Gen mit vielfältigen Aspekten: AVPR1a

Sind die sozialen Beziehungen im Tierreich und beim Menschen in erster Linie ein "Tanz"? Ein wichtiges Hormon, das im Gehirn von Tier und Mensch emotionale und soziale Reaktionen und Verhaltensweisen beeinflußt, ist das Vasopressin. In bestimmten Gehirnbereichen (Amygdala, Mandelkern, Hippocampus und anderen) wird von den Zellen ein Vasopressin-Rezeptor-Gen (genannt "AVPR1a") abgelesen (Wiki). Verschiedene Ablesemutationen dieses Gens steuern, wie es scheint, die Häufigkeit der Produktion von Vasopressin-Rezeptoren in diesen Zellen und damit die Stärke der Wirkung von Vasopressin auf bestimmte Gehirnbereiche mit entsprechenden Wirkungen in Richtung von Verhalten und emotionalen Reaktionen.

Abb. 1: Klassisches Ballet, fotografiert von Stano Novak 2006 (Wiki)

Diese Ablesemutationen, Steuerungs-Mutationen liegen in den Genbereichen vor oder hinter dem eigentlichen Vasopressin-Rezeptor-Gen. Entsprechend können diese vor- und hintergeschalteten Genbereiche auch je nach genetischer Variante einmal länger und einmal kürzer sein (müssen sie aber nicht). Und unterschiedliche Mutationen und Abschnitte dieser vor- oder hintergeschalteten Ablesemutationen - oft die längeren Varianten - korrelieren in auffälliger Weise mit so auf den ersten Blick ganz unterschiedlichen Erscheinungen des sozialen Lebens wie: Altruismus, tänzerische Begabung, spirituelle Begabung, Monogamie, Gefühle romantischer Liebe und mütterlicher Liebe, sowie frühe(re) erste geschlechtliche Erfahrungen (Pritchard 2007, frei zugänglich).

Während andere Varianten - oft die kürzeren - mit etwas weniger Altruismus, weniger tänzerischer und spiritueller Begabung, mit Polygamie, späteren ersten geschlechtlichen Erfahrungen, sowie auch mit Autismus und aggressivem Verhalten korrelieren. (Auch mit Alkohol-Abhängigkeit - zumindest bei Mäusen.)

Untersucht sind diese Zusammenhänge bisher an verschiedenen amerikanischen Wühlmaus-Arten, an Zebrafinken, Feldsperlingen, an israelischen Tänzern, an israelischen Studenten, sowie an schwedischen gleichgeschlechtlichen Zwillingspaaren und ihren Ehepartnern.

2. Amerikanische Wühlmaus-Arten, Partnerbindung und - AVPR1a

Eine lange Version dieses Gens macht männliche amerikanische Prärie-Wühlmäuse (Wiki) (Microtus ochrogaster, aus der Gattung der Feldmäuse (Wiki), bzw. der Untergattung der Wühlmäuse [Wiki]) monogam, eifrig im Sorgen um den eigenen, genetischen Nachwuchs und "vertrauensvoll" auch in sozialen Begegnungen mit unbekannten Individuen. Eine kurze Version dieses Gens, die die nah verwandten amerikanischen Berg-Wühlmäuse besitzen, macht deren Männchen polygam. Bei den Weibchen hat man offenbar noch keine Auswirkungen der unterschiedlichen Versionen dieses Gens festgestellt. Die meisten Wühlmaus-Arten leben aber polygam und haben dennoch lange Versionen dieses Gens. Also hier weiß man noch nicht alles, was man zu diesem Thema wissen müßte, um die Zusammenhänge vollständig verstehen zu können. Wüsten- und Feldmäuse weisen eine große Arten-Vielfalt auf, zugleich auch eine große genetische Vielfalt, in der die Evolution offenbar weltweit viele "Experimente" durchgeführt hat, auch was soziales Verhalten betrifft (s.a. wissenschaft.de).

3. Der Tanz der Geschlechter in der Evolution und - AVPR1a

In einer israelischen, humangenetischen Studie aus dem Jahr 2005 (1) (frei zugänglich), in der die Korrelation einer Version dieses Vasopressin-Rezeptor-Gens mit tänzerischer Begabung im Mittelpunkt steht, werden die Forschungsergebnisse abschließend in folgenden größeren Kontext eingeordnet (für jeweilige Literaturangaben im Text siehe bitte das Original):

Bei allen Wirbeltieren spielt Vasopressin eine Schlüsselrolle im Balzverhalten, das häufig Gesangs- und Tanzelemente beinhaltet. Beispielsweise singen männliche Zebrafinken (Taeniopygia guttata) Weibchen gezielt an, als integraler Bestandteil eines Balzverhaltens, das auch Tanzelemente beinhaltet. Die Choreographie des Tanzes vermittelt oder verstärkt vermutlich einen Teil der Botschaft, die der erlernte Gesang des Individuums vermittelt, obwohl die genaue Bedeutung und Funktion des Tanzes nicht bekannt sind. Darüber hinaus spielt Arginin-Vasopressin eine Schlüsselrolle im Balzverhalten von Zebrafinken sowie anderen Vogelarten wie dem territorialen Feldsperling (Spizella pusilla), ebenso wie im Sozialverhalten von Säugetieren und anderen Wirbeltieren. Auch beim Menschen gibt es Hinweise darauf, dass Vasopressin bei mütterlicher und romantischer Liebe wichtig ist. Bildgebende Untersuchungen haben gezeigt, dass Hirnareale, die reich an Vasopressinrezeptoren sind, aktiviert werden, wenn Probanden Bilder gezeigt werden, die Gefühle der Zuneigung hervorrufen sollen. Die oben diskutierte Beobachtung, dass AVPR1a mit einem Temperamentsmerkmal, der Belohnungsabhängigkeit, assoziiert ist, bestärkt auch die vermutete Rolle dieses Gens in der menschlichen sozialen Kommunikation. Studien am Menschen sowie an vielen anderen Tierarten legen daher die begründete Annahme nahe, dass Variationen in der AVPR1a-Mikrosatellitenstruktur manche Individuen auch zu herausragenden Tanzleistungen prädisponieren könnten. (...) In diesem Zusammenhang ist es leichter zu erkennen, wie die AVPR1a-Rezeptor-Mikrosatelliten-Polymorphismen zum menschlichen Tanz beitragen. Menschlicher Tanz kann teilweise als eine Form der Balz und sozialen Kommunikation verstanden werden, die eine überraschend konservierte Evolutionsgeschichte aufweist, die durch offenbar gemeinsame neurochemische und genetische Mechanismen gekennzeichnet ist, wobei Balz- und Affiliationsverhalten bei allen Wirbeltieren beobachtet wurden.
Across the vertebrates, vasopressin plays a key role in courtship behavior that frequently involves elements of song and dance. For example, male zebra finches (Taeniopygia guttata) sing directed song to females as an integral part of a courtship display that also includes elements of dance. The choreography of the dance presumably conveys or enhances some part of the message that is carried by the individual's learned song, although the exact importance and function of the dance are not known. Furthermore, arginine vasopressin plays a key role courtship behavior in zebra finches as well as in other bird species such as the territorial field sparrow (Spizella pusilla), as it does in social behaviors in mammals and other vertebrates. There is also evidence in humans that vasopressin is important in maternal and romantic love. Imaging studies have shown that brain areas rich in vasopressin receptors are activated when subjects are shown pictures designed to evoke feelings of attachment. The observation discussed above that AVPR1a is associated with a temperament trait, Reward Dependence, also strengthens the conjectured role of this gene in human social communication. Thus, studies in humans as well as in many other animal species suggest to us the reasonable notion that variations in AVPR1a microsatellite structure might also predispose some individuals to excel in dancing. (...) In this context, it is easier to see how the AVPR1a receptor microsatellite polymorphisms contribute to human dance. Human dancing can be understood in part as a form of courtship and social communication that shares a surprisingly conserved evolutionary history, characterized by apparently common neurochemical and genetic mechanisms, with mating displays and affiliative behavior observed across the vertebrates.

Was hier zunächst überrascht, ist die These, daß dieses Vasopressin-Rezeptor-Gen über den ganzen Arten-Stammbaum der Vertebraten in ähnlicher Weise für soziale Kommunikation, für Balzverhalten, Bindungsverhalten (Monogamie/Polygamie) und für Tanz verantwortlich sein soll. Das erinnert unglaublich stark an die Monogamie-These von Robin Dunbar, wonach über weite Stammbaum-Teile monogame Verhaltensweise mit Gehirngröße korreliert. Was wiederum gut zu der social brain-Hypothese paßt, die zunächst nur für Primaten formuliert worden war.

Bewegen wir uns hier in Kernbereichen dessen, was für die Evolution "des Humanum", des Sozialen im Menschen verantwortlich war? Und müssen wir uns hierbei auf viele Überraschungen gefaßt machen, vielleicht sogar - unangenehmen? Denn wo jemand eine individuelle genetische Begabung "für" etwas hat, dort fehlt einem anderen diese genetische Begabung. Natürlich hat die Evolution immer schon mit einer großen Variationsbreite gearbeitet. Wobei noch zu erklären wäre, wie deren Evolutionsstabilität zustande kam. Aber: Liegt diese Variationsbreite auch bei Menschen vor? Und was würde das heißen?

Wenn der Leser nämlich genau gelesen hat, kodiert das gleiche Gen, daß monogames Verhalten und tänzerische Begabung kodiert auch - altruistisches Verhalten. Wir lassen uns - vielleicht - gerne noch unterstellen, daß wir keine besonders ausgeprägten angeborenenen Neigungen zu Monogamie haben. Aber auch nicht zu - Altruismus ganz allgemein?

4. Der Altruismus in der Soziobiologie seit 1964

In der Soziobiologie ist seit ihren Gründungsjahren 1964, bzw. 1975/76 über Altruismus eigentlich immer nur in ganz allgemeinem Sinne gesprochen worden. Es wurde eine genetisch bedingte Anlage, Neigung für Altruismus vorausgesetzt, beim Menschen oft nur "halbbewußt" vorliegend, und es wurden die Bedingungen, "Strategien" erforscht, unter denen sich diese Anlage in der Evolution für jede Tierart wieder etwas anders und ebenso beim Menschen halten kann über die Generationen hinweg. Aufgrund welcher evolutiver Kausalzusammenhänge diese angeborene Neigung nicht ausstirbt im egoistischen, ellenbogenhaften "Daseinskampf" nach Charles Darwin. Daß es angeborene Altruismus-Unterschiede tatsächlich gäbe - wer hätte das jemals so frank und frei gewagt zu behaupten?

Die Erklärung für das Nicht-Aussterben geschah generell fast immer nach dem gleichen Prinzip, das William D. Hamilton, der Begründer der Soziobiologie, als einsamer Student 1964 in Londoner Bahnhofs-Wartesäälen formulierte, nämlich nach dem des Verwandten-Altruismus. Neuerdings kommen immer mehr auch Konzepte kultureller und genetischer "Gruppenselektion" hinzu - insofern es sich um altruistisches Verhalten in größeren Gruppen, jenseits der engeren, familiären, genetischen Verwandtschaft handelt.

Nachdem lange Zeit im Vordergrund der Forschung der Gegenseitigkeits-Altruismus (nach Robert Trivers, 1972) gestanden hatte, fragen Forscher in den letzten Jahren immer häufiger, warum er so "selten" im Tierreich auftritt (etwa Peter Hammerstein 2004 oder Marc Hauser im gleichen Jahr). Der Gegenseitigkeits-Altruismus ("tit for tat") scheint nach dem gegenwärtigen soziobiologischen, spieltheoretischen Denken besonders gut - nur - beim Menschen zu funktionieren, der genau zählen kann und der sich bewußter an vergangene Ereignisse erinnert und zukünftige vorausplant, als das selbst die intelligentesten Tiere auf unserer Erde tun. Der Gegenseitigkeits-Altruismus, also der kategorische Imperativ von Immanuel Kant, ist im engeren Sinne wahrscheinlich eine evolutiv erst sehr spät erworbene Eigenschaft, von der ja schon seit langem bekannt ist, daß sie durch viele Absicherungen gegen egoistische "Täuscher" und "Trittbrettfahrer", "blinde Passagiere" und so weiter abgesichert werden muß.

Es müssen hier im allgemeinen typisch "überwachungsstaatliche", "polizeitstaatliche" Mechanismen und bürgerschaftliches Engagement vorausgesetzt werden, damit er als eine "evolutionsstabile" Erscheinung verstanden werden kann. Die hier auftretenden Probleme hängen zusammen mit dem "Allmende-Problem", mit "cheater detection" (Erkennen von egoistischen Täuschern), mit "altruistic punishment" (altruistisches Bestrafen von Täuschern), mit dem Erhöhen von altruistischem Einsatz in ansonsten egoistischen, hedonistischen Gesellschaften durch das Vorspiegeln oder das tatsächliche Vorhandensein von äußeren Bedrohungen in gruppenselektionistischen Prozessen - und vielen anderen, tendenziell weniger gesellschaftlich freiheitlichen, liberalen Prinzipien mehr.

5. Verhaltensgene beim Menschen allgemein

In den letzten Jahren geschieht aber nun etwas sehr, sehr Aufregendes und Grundlegendes in der Wissenschaft, worüber auch hier auf dem Blog noch nie so richtig konkret gesprochen worden ist. - Schon vor zehn Jahren wurde aufgezeigt, daß sich Menschen in einem solchen sozialen Verhaltensmerkmal wie ADHS genetisch auf individueller und auf Gruppenebene unterscheiden. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von ADHS-Gen-Trägern in einer Gesellschaft und der derzeitigen, bzw. geschichtlich "nomadischen" Lebensweise dieser Gesellschaft. So geschichtlich konservative, wenig "herumgekommene" Ethnien wie die Chinesen oder die südafrikanischen Buschleute haben keine Träger von ADHS-Genen in ihren Gesellschaften, während so geschichtlich weit gewanderte und "kriegerische" Völker wie etwa viele südamerikanische Indianerstämme höhere zweistellige Prozentzahlen von Trägern dieses Gens unter sich zählen. Das wurde schon an diversen Stellen hier auf dem Blog erwähnt. -

Was aber noch nie erwähnt wurde, ist, daß die Forschung in den letzten zehn Jahren auch auf anderen Gebieten erheblich weitergegangen ist. Es kann immer konkreter aufgezeigt werden, daß Menschen sich nicht nur kulturell auf Gruppenebene in sehr konkreten altruistischen, "prosozialen" Verhaltensneigungen unterscheiden (Stud. gen.), sondern nun auch genetisch und individuell. Zwar wußte man um unterschiedliche, angeborene Altruismus-Neigungen schon aus der Zwillingsforschung. Auch wußte man, daß viele sozio- und psycho-pathologische Erscheinungen wie Autismus oder Neigung zu Gewalt genetische Komponenten haben. Aber die neuen Erkenntnisse, die oben schon angedeutet wurden und über die im folgenden zu berichten ist, sind doch noch einmal um manches frappierender, weil sie so gut wie jeden Menschen der Gesellschaft betreffen, so daß selbst "hartgesottene" "Naturalisten" - wie der Schreiber dieser Zeilen - an der einen oder anderen Stelle fast "geschockt" innehalten: Was denn, ist das wirklich so konkret, so deutlich? "Diskriminiert" die Natur, "unterscheiden" die Gene selbst so deutlich? "Bevorteilen" sie, "benachteiligen" sie so deutlich? Jeden von uns? In ganz grundlegenden sozialen Zusammenhängen wie Ehe und Liebe - oder anderen?

Das läßt einen über vieles ganz neu nachdenken und innehalten.

6. Autismus und - AVPR1a

Um sich an diese neuen Fragen anzunähern, könnte es sich als sinnvoll erweisen, sich mit der weitgehend angeborenen Verhaltensauffälligkeit des Autismus, des Asperger-Syndroms (AS) zu beschäftigen. Diese Verhaltensauffälligkeit könnte so in etwa aufzeigen, was den Gegenpol ausmacht zu den eigentlicheren menschlichen Eigenschaften, die den Menschen zum Menschen machen, nämlich auf den Gebieten von Empathie und nonverbaler Kommunikation. (Man beachte: Auch etwa der Tanz und jede Art von Balzverhalten ist ja eine nonverbale Kommunikation.) Auf Wikipedia lesen wir über Autismus unter anderem (Wiki):

Menschen mit AS können schlecht Augenkontakt mit anderen Menschen aufnehmen oder halten. Sie vermeiden Körperkontakt, wie etwa Händeschütteln. Sie sind unsicher, wenn es darum geht, Gespräche mit anderen zu führen, besonders wenn es sich um eher belanglosen Smalltalk handelt. Soziale Regeln, die andere intuitiv beherrschen, verstehen Menschen mit AS nicht intuitiv, sondern müssen sie sich erst mühsam aneignen. (...) Im Unterricht sind sie in der Regel wesentlich besser im schriftlichen als im mündlichen Bereich. In der Ausbildung und im Beruf macht ihnen der fachliche Bereich meist keine Schwierigkeiten, nur der Smalltalk mit Kollegen oder der Kontakt mit Kunden. Auch das Telefonieren kann Probleme bereiten. Im Studium können mündliche Prüfungen oder Vorträge große Hürden darstellen. (...) Die meisten Menschen mit AS können durch hohe Schauspielkunst nach außen hin eine Fassade aufrecht erhalten, so daß ihre Probleme auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar sind, jedoch bei persönlichem Kontakt durchscheinen, etwa in einem Vorstellungsgespräch. Menschen mit AS gelten nach außen hin zwar als extrem schüchtern, jedoch ist das nicht das eigentliche Problem. Schüchterne Menschen verstehen die sozialen Regeln, trauen sich aber nicht, sie anzuwenden. Menschen mit AS würden sich trauen sie anzuwenden, verstehen sie aber nicht und können sie deshalb nicht anwenden. Die Fähigkeit zur kognitiven Empathie (Einfühlungsvermögen) ist gar nicht oder nur schwach ausgeprägt, jedoch die affektive Empathie (Mitgefühl) gegenüber anderen ist durchaus genauso oder sogar stärker ausgeprägt als bei nicht-autistischen Menschen (Rogers et al. 2006). Menschen mit AS können sich schlecht in andere Menschen hineinversetzen und deren Stimmungen oder Gefühle an äußeren Anzeichen ablesen. Überhaupt können sie nur schwer zwischen den Zeilen lesen und nicht-wörtliche Bedeutungen von Ausdrücken oder Redewendungen verstehen. Sie ecken an, weil sie die für andere Menschen offensichtlichen nonverbalen Signale nicht verstehen. Da es ihnen meist schwer fällt, Gefühle zu benennen und auszudrücken, passiert es oft, dass ihre Mitmenschen dies als mangelndes persönliches Interesse missdeuten. Auch können sie in gefährliche Situationen geraten, da sie äußere Anzeichen, die auf eine bevorstehende Gefahr - etwa durch Gewalttäter - hinweisen, oft nicht richtig deuten können.

Also kurz gesagt: Im alltäglichen "Tanz" der nonverbalen Kommunikation und Empathie von Menschen untereinander haben sie Mühe, ihr Tanzbein mitzuschwingen. Sie sind vielleicht nicht nur nicht religiös "musikalisch", sondern auch sozial nicht "musikalisch", auch sozial nicht "tänzerisch" begabt. Frauen sind ja durchschnittlich sowieso angeborenermaßen besser in Empathie und auch in verbaler und nonverbaler Kommunikation.

Autismus ist eine Krankheit, die eher typisch ist für Männer als für Frauen und viele "autistische" Merkmale erinnern auch an ganz normale Probleme in Paarbeziehungen zwischen Männern und Frauen, in denen Männer oft nicht fähig oder willens sind, zum Beispiel über Gefühle zu sprechen oder auf gezeigte Gefühle zu reagieren. Dieses eine Vasopressin-Rezeptor-Gen wirft eine solche Fülle von Implikationen auf, daß sie in diesem einen Beitrag bei weitem nicht erschöpfend behandelt werden können. Auch liegen auf fast allen Gebieten längst noch keine eindeutigen Forschungsergebnisse vor, sondern immer nur Andeutungen.

7. Altruismus und - AVPR1a

Doch nehmen wir uns jetzt eine weitere, konkrete Studie vor (2, pdf. frei zugänglich). Das "Diktator-Spiel" ist ein witziges, verrücktes Spiel nach der Art von Spielen, die von Spieltheoretikern wie etwa auf Zoon politikon oft und gern behandelt werden. In einer israelischen Studie, die in diesem Frühjahr veröffentlicht wurde, wurde Versuchsteilnehmern zum Beginn folgendes mitgeteilt:

"Lieber Teilnehmer,

in dieser Aufgabe werden Sie aufgefordert, eine Entscheidung zu treffen, bei der Sie etwas Geld verdienen können. Die Aufgabe wird in Paaren stattfinden, in denen einer der Teilnehmer Spieler A und der andere der Teilnehmer Spieler B sein wird. Die Auswahl, wer Spieler A und wer Spieler B sein wird, wird vom Computer zufällig getroffen. Sie werden den anderen Teilnehmer nicht kennen und werden ihn in der Zukunft nicht treffen.

In dieser Aufgabe gibt es 50 Punkte, von denen Spieler A entscheiden muss, wie er sie zwischen sich selbst und Spieler B verteilt. Das heißt, Spieler A entscheidet, wie viele Punkte er für sich selbst behält und wie viele Punkte Spieler B erhält. Für jeden Punkt, den er für sich selbst behält, wird Spieler A 1 Schekel" (israelische Währung) "erhalten und für jeden Punkt, den er Spieler B gibt, wird Spieler B 1 Schekel erhalten.

Damit ist die Aufgabe zu Ende.

Bitte drücken Sie den Button, um fortzufahren."

1 Schekel beträgt derzeit knapp 0,20 Euro, hier geht es also insgesamt um etwa 10 Euro, bzw. 10 Dollar. Spieler A ist hier also der "Diktator" und Spieler B der "Empfänger". Nun könnten wir nach Art von "Zoon politikon" fragen: Was glauben Sie wohl, liebe Leserin, wie die 200 israelischen Studenten, 100 Männer und 100 Frauen, Durchschnittsalter 26 Jahre, sich entschieden haben? Wie würden Sie sich entscheiden?

Hier das überraschend vielfältige Ergebnis:
48 Teilnehmer gaben 0 bis 5 Schekel,
18 Teilnehmer gaben 6 bist 10 Schekel,
9 Teilnehmer gaben 11 bis 15 Schekel,
32 Teilnehmer gaben 16 bis 20 Schekel,
3 Teilnehmer gaben 21 bis 24 Schekel,
78 Teilnehmer gaben 25 bis 30 Schekel,
5 Teilnehmer gaben 36 bis 40 Schekel,
1 Teilnehmer gab 41 bis 45 Schekel,
14 Teilnehmer gaben 46 bis 50 Schekel.

In unserer Kultur gibt es also zunächst eine erstaunliche Vielfalt von altruistischen und egoistischen Reaktionen. Wir Menschen scheinen weder genetisch noch kulturell besonders "einheitlich" festgelegt zu sein, was Entscheidungen in solchen schlichten und einfachen Spielen betrifft. Es wurden auch keine Geschlechtsunterschiede in den Entscheidungen festgestellt.

- Es steht also zunächst eines fest: Der Mensch ist nicht generell so egoistisch, wie es viele ökonomische Theorien vorausgesetzt hatten, bis einmal Spieltheoretiker häufiger die Menschen zu solchen Spielen aufforderten. Aber andererseits auch: Es finden sich zwischen ihnen durchaus so manche "Diktatoren", die auch viel für sich behalten, wenn sie teilen könnten und ihnen das niemand "nachtragen" kann. Ist das nicht auch exakt unsere alltägliche Erfahrung? Daß wir manches mal uns ärgerten, irgendwo Vertrauen gezeigt zu haben, das nicht erwidert wurde, während wir in anderen Fällen über uns entgegengebrachtes Vertrauen, über Hilfsbereitschaft überrascht waren? So sind halt - Menschen, möchte man sagen. Ein buntes Gemisch von solchen und solchen Eigenschaften.

Aber das ist noch nicht alles. Solche Spiele wurden - wie schon angedeutet - schon in früheren Jahrzehnten häufig gespielt und die Ergebnisse analysiert. Was neu an der Studie dieses Jahres ist, ist, dass unterschiedliche Versionen von Vasopressin-Rezeptor-Genen der Teilnehmer mit ihrem Verhalten bei diesem Spiel verglichen wurden. Mehr Teilnehmer mit langen Versionen dieses Gens gaben nun größere Summen in diesem Spiel als Teilnehmer mit kürzeren Versionen dieses Gens. Also offenbar: Der Mensch ist gar keine Graugans. Und nur Fußball-Fans sind Baumhopfe. Ansonsten ist der Mensch - eine Wühlmaus.

Menschen mit langen Versionen dieses Gens haben noch nach dem Tod in bestimmten Hirnregionen (Hippocampus) mehr Gen-Produkte dieses Gens (messenger RNA, also Boten-RNA), als Menschen mit kurzen Versionen dieses Gens, wie die gleiche Studie in einer parallelen Untersuchung feststellte.

Reinerbige Träger der langen Version dieses Gens (homozygote) gaben durchschnittlich 22,2 Schekel, reinerbige Träger der kurzen Version dieses Gens (also ebenfalls homozygote) gaben durchschnittlich 15,4 Schekel. Auch die Antworten in einem Fragebogen, der den Versuchsteilnehmer Fragen bezüglich ihrer Selbsteinschätzung hinsichtlich Altruismus stellte, korrelierten mit den beiden Gen-Versionen in dem genannten Sinne.

Was nun, Du Mensch, der du glaubst, so ganz unabhängig von Deinen Genen Entscheidungen zu fällen, was so Grundlegendes wie Altruismus oder Egoismus betrifft? Wie gehst Du damit um? Mit solch einer Erkenntnis? Aber warte noch eine Weile, das war noch längst nicht alles.

Es ist der Jerusalemer Verhaltensgenetiker Richard P. Ebstein (siehe Bild), aus dessen Forschungsgruppe sowohl die eingangs angeführte Tänzer-Studie als auch die eben angeführte Altruismus-Studie hervorgegangen sind. Diese Forschungsgruppe scheint sich auf ziemlich spannenden "Pfaden" menschlicher Erkenntnis zu bewegen. (Siehe auch 3) (pdf. frei zugänglich)

8. Schwedische Zwillingspaare, eheliche Bindung und AVPR1a

Das Treue-/Untreue-Gen AVPR1a, das zunächst an amerikanischen Prärie- und Bergwühlmäusen erforscht worden war (siehe oben), ist inzwischen auch beim Menschen untersucht worden (4, freier Zugang). Das machte schon vor drei Wochen die Runde in der Presse.

Den Forschern unterläuft gleich im ersten Satz ihrer Studie ein bemerkenswerter Fehler. Er zeigt, wie wenig die Forscher alle Dinge hier schon im Zusammenhang sehen, wie sie es aber - über Fehler wohl - allmählich lernen, diese Zusammenhänge zu sehen. Sie beziehen sich in der zu dem ersten Satz gehörenden Literatur-Angabe auf die Monogamie-These von Robin Dunbar, auf die wir auch hier auf dem Blog schon oft mit Betonung hingewiesen haben, und die ja wohl auch unübersehbare Bedeutung im Zusammenhang mit diesem Thema hat. (Stud. gen. 1, 2) Aber die Forscher schreiben:

Primate social organization is often characterized by bonded relationships, and recent analyses suggest that it may have been the particular demands for pair-bonding behavior that triggered the evolutionary development of the primate social brain.

Genau so nicht! Die jüngste Dunbar-Studie, die zu diesem Satz zitiert wird, war ja gerade nicht mit der Evolution von Gehirnen von Primaten befaßt, sondern von Gehirnen von einer breiten Vielfalt von Nichtprimaten. Wenn wir die These von Dunbar richtig verstanden haben, dann sagt sie, daß die Primaten-Gehirn-Evolution durch Gruppengröße vorangetrieben wurde, nicht durch Paarbindung, daß aber bei Nichtprimaten die Gehirn-Evolution durch Paarbindung vorangetrieben wurde, und daß die auf diese Weise erworbenen psychischen Fähigkeiten zur Aufrechterhaltung von langfristigen monogamen Sozialbeziehungen dann von Primaten auf noch mehr Gruppenmitglieder übertragen wurde zur Aufrechterhaltung von engen, langfristigen Sozialbeziehungen in größeren Gruppen. Also praktisch: Die sozialen Kompetenzen, Begabungen zur Ehe wurden (erst) von Primaten auf die Gruppe insgesamt übertragen.

Aber ansonsten ist die Studie natürlich ebenso frappierend wie schon die zuvor angeführten. Eine der Ablesemutationen von AVPR1a beim Menschen trägt die Nummer 334. Über dieses Allel heißt es nun in der Studie:

Fifteen percent of the men carrying no 334 allele reported marital crisis, whereas 34 % of the men carrying two copies of this allele reported marital crisis, suggesting that being homozygous for the 334 allele doubles the risk of marital crisis compared with having no 334 allele.
Und:
The frequency of nonmarried men being higher among 334 homozygotes (32 %) than among men with no 334 alleles (17 %).

Das sind schon ganz frappierende Unterschiede. Wobei zu bemerken ist, daß hier - aufgrund der spezifischen Studienbedingungen - sowieso nur Männer untersucht wurden, die in Beziehungen lebten, die schon fünf Jahre andauerten. Wie erst werden die Unterschiede ausfallen, wenn die Männer dazu genommen werden, die derzeit nicht in so langen Beziehungen leben? Und genau dieses Allel 334 spielt auch, worauf die Studie hinweist, bei Autismus eine Rolle.

Razib Khan (gnxp-a, -b) beantwortet als einziger jene Frage, die sich dem humangenetisch Informierten seit einigen Jahren immer zugleich mitstellt:

Haplotter does not suggest any recent selection, so this might be a case where behavioral polymorphism has persisted for a long time as different strategies maintain themselves at equilibrium.

Die Verteilung dieser Gentypen scheint also in allen menschlichen Bevölkerungen auf der Erde ähnlich zu sein. Und das wirft die Frage auf, welche evolutionären Vorteile eigentlich dieses 334-Allel mit sich bringt, daß es so häufig ist in menschlichen Bevölkerungen.

Dies ist ein langer Beitrag geworden und er hat für 100 aufgeworfene Fragen vielleicht 10 Antworten gegeben. So ist es immer in Forschungsgebieten, die sich in rascher Entwicklung befinden. Man darf, was die Erforschung von AVPR1a betrifft, auf die nächsten Jahre hochgradig gespannt sein.

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ResearchBlogging.org

Literatur:
  1. Rachel Bachner-Melman, Christian Dina, Ada H. Zohar, Naama Constantini, Elad Lerer, Sarah Hoch, Sarah Sella, Lubov Nemanov, Inga Gritsenko, Pesach Lichtenberg, Roni Granot, Richard P. Ebstein (2005). AVPR1a and SLC6A4 Gene Polymorphisms Are Associated with Creative Dance Performance PLoS Genetics, 1 (3) DOI: 10.1371/journal.pgen.0010042
  2. A. Knafo, S. Israel, A. Darvasi, R. Bachner-Melman, F. Uzefovsky, L. Cohen, E. Feldman, E. Lerer, E. Laiba, Y. Raz, L. Nemanov, I. Gritsenko, C. Dina, G. Agam, B. Dean, G. Bornstein, R. P. Ebstein (2008). Individual differences in allocation of funds in the dictator game associated with length of the arginine vasopressin 1a receptor RS3 promoter region and correlation between RS3 length and hippocampal mRNA Genes, Brain and Behavior, 7 (3), 266-275 DOI: 10.1111/j.1601-183X.2007.00341.x
  3. Rachel Bachner-Melman, Ada H. Zohar, Naomi Bacon-Shnoor, Yoel Elizur, Lubov Nemanov, Inga Gritsenko, Richard P. Ebstein (2005). Link Between Vasopressin Receptor AVPR1A Promoter
  4. Region Microsatellites and Measures of Social Behavior in Humans Journal of Individual Differences, 26 (1), 2-10 DOI: 10.1027/1614-0001.26.1.2
  5. H. Walum, L. Westberg, S. Henningsson, J. M. Neiderhiser, D. Reiss, W. Igl, J. M. Ganiban, E. L. Spotts, N. L. Pedersen, E. Eriksson, P. Lichtenstein (2008). Genetic variation in the vasopressin receptor 1a gene (AVPR1A) associates with pair-bonding behavior in humans Proceedings of the National Academy of Sciences, 105 (37), 14153-14156 DOI: 10.1073/pnas.0803081105

Montag, 18. August 2008

"Geschichten erzählen" – Ein Ursprung der Religionen

Weibliche Figuren in der Weltliteratur

Die in der Weltliteratur dargestellten Personen spiegeln evolutionär entstandene Grundtendenzen im Verhalten wieder, etwa auf dem Bereich angeborener, psychischer Geschlechtsunterschiede. Dies ist das Ergebnis einer vor drei Jahren von dem amerikanischen Psychologen Jonathan Gottschall veröffentlichten Studie unter dem Titel (übersetzt) "Die Heldin mit den tausend Gesichtern - Universelle Tendenzen in der Charakterisierung von weiblichen Märchen-Figuren" (epjournal) (1).

Abb. 1: Großmutter und Enkelin am Kamin (um 1900) (WikiCom), gemalt von Paul Hoecker (1854-1910) (Wiki)

Auf den ersten Blick ein abseitiges Thema. Warum sollte sich der moderne Mensch noch mit Märchenfiguren beschäftigen? Geht man aber der Frage nach, ob in die Auswahl der weltweiten Volksmärchen dieser Studie auch biblische, buddhistische, konfuzianische oder sokratische "Geschichten" einbeschlossen worden sind - natürlich nicht! -, wird gleich noch ein weiterer Erkenntnishorizont sichtbar.

Was ist der Sinn von "Erzählen"?

Der evolutionäre Weg der innerartlichen Kommunikation um des sozialen Ausgleichs und der sozialen Befriedung willen ging von „sozialer Fellpflege“ bei den Schimpansen zum „Klatsch und Tratsch“ bei den ersten Menschengruppen (siehe Robin Dunbar). Und dieser Weg ging weiter über das Erzählen von strukturierteren, verallgemeinerten Geschichten, schließlich zur vielleicht höchsten Errungenschaft der Menschheit: zu den „Geschichten“, die Wissenschaft und Philosophie „erzählen“. Dabei wurde der Kreis jener, mit denen man „soziale Fellpflege“ schließlich auf höchstem intellektuellem Niveau betreibt, immer größer. Und entsprechend nahm die angeborene Intelligenz in der Evolution zu. (siehe Robin Dunbar)

Man kann sich also leicht klar machen, daß die weltweit von Völkern erfundenen Mythen und Märchen eine Vorstufe von menschlicher Religion und Philosophie darstellen, also einen Abschnitt hin auf dem Weg zu den heute ausgebildeten Formen menschlicher Religiosität und ihrer Weitergabe durch "Erzählen". Auch noch die Bibel etwa oder der Buddhismus „erzählen“ über weite Strecken einfach nur „Geschichten“.

(Nebenbemerkung: Ein gutes Kunstwerk ist daran erkennbar, daß die „Absicht“ des Künstlers nicht so leicht und unmittelbar erkennbar wird. Bei den Geschichten der Bibel wird die „Absicht“, die „Moral von der Geschicht’“ fast immer gleich mitgeliefert: „Ich aber sage euch …!“ Der moderne Mensch zumindest erkennt die Absicht und ist verstimmt. Das Schöne an den Märchen und Mythen der Völker ist oft, daß sie nicht dauernd nur mit hoch gehobenem Zeigefinger daher kommen. Daß sie der Phantasie und dem menschlichen Handeln viel größere Spielräume lassen, dennoch aber bestimmte Verhaltensmuster "nahelegen", als vorbildlich darstellen.)

Bevor das antik-griechische wissenschaftliche Denken und Erzählen ausgebildet wurde, erzählte man sich die traditionellen Götter- und Heldengeschichten, etwa dargestellt in der "Ilias" oder bei den heidnischen Völkern Mittel- und Nordeuropas in "Götter- und Heldensagen":

„Urzeiten war’s, als Adler schrie’n
und heilige Wasser von Himmelshöhen rannen …“

Jedenfalls: Nimmt man alle diese Dinge zusammen, würde sich die Evolutionäre Religionswissenschaft über weite Strecken nur als ein „Spezialfall“ der Evolutionären Literaturwissenschaft erweisen und diese wiederum über weite Strecken als ein „Spezialfall“ der historischen Volkskunde.

Religionswissenschaft ein "Spezialfall" der Literaturwissenschaft

Religionsgemeinschaften wären dann einfach Gemeinschaften von Menschen, in denen man sich dieselben Geschichten - vor allem auch mit philosophischer oder religiöser, schließlich wissenschaftlicher Bedeutung - erzählt. Und was machen Blogger anderes als Geschichten erzählen? - Willkommen im Club!

Geschichten erzählt man sich, um Identität zu formen, um sich in der Welt zu recht zu finden, um die Welt und das eigene Leben zu strukturieren. In Geschichten, "Szenarien" versetzen wir uns in andere Personen, probieren wir Handlungsalternativen aus, ohne uns selbst konkret für eine bestimmte Handlung entscheiden zu müssen. Diese Möglichkeit zur "inneren Bühne" besitzen außer dem Menschen nur die intelligentesten Tiere in Ansätzen, etwa die Schimpansen. Aber auch die Schimpansen können kaum differenzierter über ihre jeweiligen "inneren Bühnen" mit anderen Schimpansen kommunizieren. Das ist es ja, was einem beim Umgang mit Tieren oft so bedauerlich erscheint.

(Ein weiterer Differenzierungsschritt bezüglich „innerer Bühne“ ist die heute viel diskutierte „Theory of Mind“, also daß man sich in die „innere Bühne“ eines anderen versetzt und Hypothesen darüber aufstellt, was dort gegenwärtig „passiert“. Das kann auch in einem Rückkoppelungsprozeß stattfinden nach der Art: „Er denkt, daß ich denke, daß er denkt …“ entsprechend des fortgeschrittenen Schachspielers: „Wenn ich so ziehe, zieht er so, ziehe ich so, aber er wird auch sehen, daß ich so ziehen kann, also zieht er so …“)

Kommunikation über die "innere Bühne"

Hat nun auch die moderne Gesellschaft noch ihre "Narrationen", ihre "Erzählungen" zur Identitäts-Bestimmung und zur Übung und Steigerung intellektueller Kapazitäten? Gewiß. Aber was „erzählen“ moderne Gesellschaften ihrer Jugend, um sie in die heutige Welt hineinzuführen, um ihnen die Strukturierung des Lebens zu erleichtern? ... An dieser Stelle genug der Abschweifung!

Zurück zu Gottschall. Weibliche Protagonisten in der Weltliteratur untersucht er nicht mehr ausgehend von der Freudschen Psychoanalyse, sondern ausgehend von der modernen Evolutionstheorie:

This research seeks universal patterns in dimensions of female protagonist characterization where evolutionary theory and research suggests one should find them. The expectations of this study were as follows. On the basis of kin selection theory (Hamilton, 1964) it was expected that female protagonists would devote substantial effort to assisting their kin, especially their close kin, relative to non-kin and distant kin. On the basis of research into human mate preferences inspired by sexual selection theory, it was predicted that female characters, relative to their male counterparts, would place greater emphasis on a potential mate's wealth, status, and kindness (a potential signaller of commitment) than on his physical attractiveness (Buss, 1989).
On the flip side, given the heavy emphasis males place on the attractiveness of potential mates in world cultures, it was expected that there would be markedly greater emphasis on the physical attractiveness of female characters relative to male characters. On the basis of Darwin-Trivers sexual selection theory (Darwin, 1871; Trivers, 1972), it was predicted that female protagonists would be identified as less "active," less "courageous," and less likely to be defined as "physically heroic" than their male counterparts. This is because sexual selection theory predicts that, in most sexually reproducing animals, males will be more prone to risk taking behavior in the competition for mates; males' higher likelihood both of reproducing prolifically and dying without issue gives them positive and negative incentives to compete intensely and riskily for mates, and for the social status and resources required to attract and retain them (for reviews of sexual selection literature see Anderson, 1994; Miller, 1999).
Finally, it was expected that one side effect of the higher activity, courage, and heroism ratings of males characters would be an abundance of male main characters relative to female main characters. It was assumed that active characters (as well as the courageous and physically heroic) would be more compelling than passive characters, and thus more likely to play central roles in narratives. While some of these expectations may seem obvious on the basis of commonsense, they are at odds with the dominant humanities models, which predict strong inter-cultural variability given the basically arbitrary nature of human social and gender arrangements.

Zusammengefaßt: Aus Sicht der Evolutionstheorie "sollten" weibliche Protagonisten in der Weltliteratur besonders ihre Verwandten unterstützten, bei der Geschlechtspartnerwahl stärker auf Wohlstand, sozialen Status und Mitmenschlichkeit achten denn auf körperliche Attraktivität, während für die männlichen Protagonisten eine deutlich höhere Beachtung der weiblichen körperlichen Attraktivität eine Rolle spielen "sollte". Die weiblichen Protagonisten sollten weniger "aktiv", weniger "mutig" und weniger "physisch heroisch" sein, während das stärker Risiko-in-Kauf-nehmende Verhalten der männlichen Protagonisten mit ihrer evoluierten Partnerwahlstrategie zusammen passen sollte.

Paul Hoecker (1854 - 1910) - Großmutter und Enkelin (um 1900)

Vielleicht wenig erstaunlich, daß sich all diese Erwartungen aus der Sicht der Evolutionstheorie in der Studie bestätigten. Da aber auch konkurrierende Literaturtheorien vorliegen, die solche Universalien nicht annehmen, war der Beweis doch zunächst einmal zu erbringen, daß sich Evolutionstheorie erfolgreich auf Weltliteratur anwenden läßt.

Evolutionäre Literaturwissenschaft

Nachdem solche Nachweise auf dem Gebiet der Geschlechtsunterschiede erbracht worden sind, kann man weiterschreiten in der evolutionspsychologischen Erforschung der Weltliteratur und auch die engeren religiösen Bedeutungen von "Narrationen" in den Blick nehmen, die konsensbildenden, Kooperation und gemeinsames, kooperierendes Verhalten verstärkenden Funktionen derselben. Die „Einstimmung auf das Leben“, die durch diese geschieht.

Man wird dann auch schrittweise genauer typische Unterschiede zwischen den Volksmythologien, gesellschaftlichen Mythologien aus evolutionärer Sicht erklären können, sowohl aufgrund geographischer wie historischer wie biologischer Umstände und Gegebenheiten. Etwa könnten sie erklärt werden mit unterschiedlichem Pathogen-Befall von Gesellschaften (siehe frühere Beiträge) oder auch mit dem unterschiedlichen Vorwiegen von ADHS-Anlagen in einer Gesellschaft und anderem mehr.

Vielleicht können dann auf diese Weise auch Unterschiede etwa zwischen dem monotheistischen erzählenden "Winken mit dem moralischen Zaunpfahl" und den fabulierenden, polytheistischen Geschichten der antiken Griechen und sonstigen heidnischen Völker evolutionstheoretisch in den Blick genommen werden.
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  1. Gottschall, J. (2005). The heroine with a thousand faces: Universal trends in the characterization of female folk tale protagonists. Evolutionary Psychology, 319, 85-103
  2. Jonathan Gottschall: The Heroine with a Thousand Faces: Universal Trends in the Characterization of Female Folk Tale Protagonists. Evolutionary Psychology, human-nature.com/ep – 2005. 3: 85-103 (pdf.)

Donnerstag, 29. Mai 2008

Zur Moderation des Gespräches zwischen Theologen und Naturwissenschaft

Die „Templeton Foundation“ möchte das Gespräch zwischen Theologen, Religionswissenschaftlern, Philosophen und Naturwissenschaftlern über alle Fragestellungen im Übergangsfeld von Theologie und Naturwissenschaft fördern. Wenn man das tut, sollte man, um den Überblick für alle Gesprächsteilnehmer zu behalten und um auch den Gesprächsteilnehmern selbst die eigene Positionierung innerhalb des Gesamtzusammenhangs der Diskussion zu erleichtern, zunächst einmal versuchen, klar zu stellen, welche verschiedenen Themenbereiche hier derzeit überhaupt alle behandelt werden können und deshalb auch behandelt werden sollten.

Man hatte auf dem deutschen Workshop der „Templeton Foundation“ in Frankfurt und Gießen den Eindruck, dass manche Gesprächsteilnehmer jeweils nur ihr eigenes, sehr beschränktes Segment (z.B. in der Religionswissenschaft oder in der Evolutionären Psychologie) beherrschen und deshalb natürlich schon zwangsläufig Mühe haben müssen, Beziehungen herzustellen zu anderen Diskussionsbereichen. Bzw.: Sie machten (sich und) anderen oft gar nicht bewusst, welche Position sie selbst eigentlich vertraten im Verhältnis zu anderen Positionen im Gesamtzusammenhang der Diskussion zwischen Naturwissenschaft und Theologie.

Hier gäbe es die Aufgabe für eine Moderation des Gespräches. Es gäbe die Aufgabe, mehr Strukturen vorzugeben bei der Erörterung der vielfältigen Fragestellungen. Eine solche Moderation müsste natürlich selbst schon etwas mehr über einen allgemeinen Überblick über alle Fragestellungen verfügen, sowie über die verschiedenen gegebenen Antworten, als dieser bei den jeweiligen Spezialwissenschaftlern selbst – und natürlich auch bei den Theologen - vorliegen kann.

Sonst ergibt sich fast zwangsläufig eine unendliche Folge von Missverständnissen und Verwirrungen.

Dazu muss man sich natürlich zunächst klar machen: Die Naturwissenschaft hat im 20. Jahrhundert eine solche Fülle von Neuerkenntnissen hervorgebracht und bringt sie weiter hervor, dass man sich über diese schon zunächst einmal zumindest einen groben Überblick verschaffen muss, wenn man seine eigenen Position zu diesen in Bezug bringen will und sich innerhalb der Forschungsdiskussionen der modernen Naturwissenschaft auch selbst positionieren will.

Fast jede neue wissenschaftliche Entwicklung hat neue philosophische und theologische Grundsatzfragen aufgeworfen und wir sehen heute immer genauer, wie sich alle zusammen zu einem „einheitlichen grossen Wurf“ zusammenzuschließen beginnen.

Ontologie in Bezug setzen zur Erkenntnistheorie

Wir überblicken immer besser, wie sehr die Art, wie wir die Welt sehen und erleben, dadurch bedingt ist, auf welchen evolutiven Wegen wir zu dem geworden sind, was wir heute sind.

Das ist kein trivialer Sachverhalt. Das bedeutet nämlich, dass plötzlich – philosophisch gesprochen – Ontologie und Epistemologie (Erkenntnistheorie) bei der Diskussion sehr nahe und immer näher zueinander rücken. Kurz gefasst: Erkenntnisse in der Physik und Biologie mit Schlussfolgerungen hinsichtlich ontologischer Fragen werfen zugleich Fragen dahingehend auf, woher - evolutiv gesehen - die menschlichen Fähigkeiten und Begrenzungen stammen, die wir heute bei der Erforschung physikalischer und astrophysikalischer Zusammenhänge immer besser erkennen.

Wir erkennen heute, dass wir in einem „Mesokosmos“ leben, dessen Überlebensgesetze es nicht notwendig machten, all das zu verstehen, was heute im Mikro- und Makrokosmos mit umfangreichem technischem Aufwand erforscht wird. Aber warum ist das so?

Und andererseits erkennen wir, dass das, was wir nun nach 200.000 Jahre Menschheitsgeschichte im Mikro- und Markokosmos erforschen können, in irgendeiner Weise jene Fragen beantwortet, beantworten kann, über die sich die Menschen innerhalb dieser 200.000 Jahre immer schon Gedanken gemacht haben, ja, die eines der hervorstechendsten Merkmale der Kulturgeschichte der Menschheit waren.

Und wir fragen uns immer verstörter: Was hat der heutige wissenschaftliche Stand in Physik und Biologie zur Ontologie zu tun mit dem heutigen wissenschaftlichen Stand der (evolutionären) Erkenntnistheorie? Warum beantwortet uns eigentlich die Erforschung des Mikro-, Makro- und Mesokosmos Fragen, die früher Religionen und Philosophien beantwortet haben? Warum kann die Forschung das, obwohl unser Erkenntnisvermögen doch evolutiv dazu eigentlich gar nicht hätte ausgestattet sein brauchen.

Es hätte sein können: Mit unserer Jäger-Sammler-Psyche herausgewachsen aus unseren evolutiven Ursprüngen beginnen wir durch Mikro- und Makroskope zu blicken – und verstehen weiter GAR nichts von dem, was wir da weiterhin sehen. Und wir wenden uns zurück zu unseren überkommen religiösen Deutungen unserer Stellung in unserer Welt.

Aber genau das scheint ja nicht das zu sein, was derzeit passiert. Es scheint nicht das zu sein, was wir gerade tun. Wir machen uns ja Gedanken darüber, was der Urknall mit uns selbst zu tun hat. Wir machen uns Gedanken darüber, in welchem Zusammenhang die Erkenntnis der Naturgesetze zu all dem steht, was wir von der Welt nicht „verstehen“ – und zwar grundsätzlich nicht. Aber dieses grundsätzliche „Nichtverstehen“ scheint nicht ohne Sinn zu sein oder uns in vollständige Verwirrung zu stürzen.

Die Feinabstimmung unseres Platzes im Kosmos

Es scheint das zuzutreffen, was vielleicht erstmals Guillermo Gonzalez genauer ausgeführt hat (in seinem Buch „Privileged Planet“, 2004): Unsere Welt scheint kompliziert genug strukturiert zu sein, dass die Menschheit - sagen wir - 5.000 Jahre naturwissenschaftliche Forschung und kulturelle Entwicklung (in arbeitsteiligen Gesellschaften) brauchte, um sie einigermaßen zusammenhängend zu erkennen. Das aber wiederum impliziert, dass sie nicht so kompliziert strukturiert ist, dass wir sie gar nicht hätten erforschen können. Sie ist andererseits nämlich „gerade noch“ für uns erforschbar. Und irgendwie vermittelt sie uns auch heute noch, immer noch das Gefühl, dass dieses unser Verstehen der Welt uns nicht als „unsinnige“, „sinnlose“, „bedeutungslose“ Endprodukte einer sinnlosen, bedeutungslosen Evolution sozusagen in der Luft hängen lässt. (Obwohl das eine Minderheit von Naturwissenschaftlern behauptet.) Sondern dieses Verstehen scheint uns Antworten zu geben. Welche? Und: Warum?

Ein ganz erstaunlicher Zusammenhang.

Wenn dieser Zusammenhang aber besteht, dann stellt sich weiterhin die Frage: Die Natur scheint uns etwas sagen zu wollen. Sie scheint uns hervorgebracht zu haben, damit wir sie, die Natur befragen, sie macht – wie eine gute Mutter – es ihren Kindern beim Verstehen ihrer selbst zugleich nicht zu schwer, dass die Menschen alle Hoffnung verlieren beim Verstehen „ihrer Mutter“ (weltgeschichtlich gesehen) aber auch nicht zu leicht, dass die Menschen innerhalb weniger Jahrzehnte oder Jahrhunderte alle Fragen schon hätten beanworten können.

Nein, sie brauchten dazu jene etwa 5.000 Jahre Schriftkultur und „Hochkultur“, die wir heute – grob gesprochen – Weltgeschichte nennen und einigermaßen überblicken können.

Und könnte das nicht auch für Kosmologie und biologische Evolution insgesamt gelten?

Dieses immer nähere Zusammenrücken und Aufeinander-Bezug-Nehmen von ontologischen und epistemologischen Fragestellungen sollte sich eine Gesprächsmoderation im Übergangsfeld von Theologie und Naturwissenschaft vielleicht als aller erstes bewusst machen und dementsprechend die moderierten Gespräche auch strukturieren und so jedem Gesprächsteilnehmer bewusst machen, an welcher Stelle des Gesprächszusammenhanges er mit seinem eigenen spezifischen Argument gerade einsetzt.

Soweit ein wichtiger Punkt den ich anregen möchte. Es gäbe noch andere. Aber ich will mich hier auf den einen zunächst beschränken.

Sonntag, 13. Januar 2008

Einsamkeit hat medizinische Folgen

Es ist seit längerem bekannt, daß der Verlust von menschlichen Beziehungen oder ihr Nichtvorhandensein zum Teil drastische medizinische Folgen hat oder haben kann. Auch Folgen, die mit der Finanzierung des Gesundheits-Systems in Zusammenhang stehen. Das heißt: Wer den sozialen Kontakt zwischen Menschen fördert, engere, festere soziale Beziehungen tut zugleich etwas für die Gesundheit der Menschen. Vielleicht mehr als so mancher rein technische Fortschritt in der Medizin. Darauf macht neuerlich ein kurzer Beitrag in der "Frankfurter Rundschau" aufmerksam:
Diagnose Einsamkeit
Von Dr. med. Bernd Hontschik

Krankheiten tragen oft Namen, die an Ärzte erinnern, die wichtige Entdeckungen gemacht haben. Oft sind es Nobelpreisträger. So kennt jeder Arzt den Morbus Crohn, die Virchow'sche Trias oder die Einteilung von Art und Schweregrad der Herzrhythmusstörungen nach Lown. Sie sind nach dem Nobelpreisträger Bernard Lown benannt, einem der berühmtesten Kardiologen der Welt.

Sein größter Beitrag zur Heilkunde ist der Defibrillator, ohne den kaum eine Herzoperation, keine Wiederbelebung gelingen könnte. Jeder kennt dieses Gerät: Keine Arztserie ohne den dramatischen Elektroschock. Der Defibrillator hängt heute an jedem größeren Bahnhof oder Flughafen so selbstverständlich an der Wand wie Telefonapparate oder Feuerlöscher. Erstaunlicherweise hat Bernard Lown aber nicht den Nobelpreis für Medizin erhalten, sondern den Friedensnobelpreis. Die Ehrung galt der von ihm mit Evgenij Chazov gegründeten IPPNW, einer Ärzteorganisation gegen den Wahnsinn der atomaren Aufrüstung.

Vor kurzem hatte ich das Glück, den 86-Jährigen in Boston besuchen zu können, zu Hause und in seiner Klinik, in der er bis heute einmal in der Woche tätig ist. Eine seiner kurzen, nachdenklichen Bemerkungen, nebenbei gefallen in einem Gespräch über die Aufgaben des Arztes und der Medizin, fällt mir oft ein: "Ich habe mich mein ganzes Leben als Arzt mit den Krankheiten von Herz und Kreislauf beschäftigt, mit den Menschen, die herzkrank werden. Risikofaktoren, über die ständig geforscht und gesprochen wird, Cholesterin, Bluthochdruck usw., sind nebensächlich. Für das Entstehen so vieler Herz-Kreislauf-Krankheiten sind traurige, tragische Lebensumstände verantwortlich: Einsamkeit, Verzweiflung und Aussichtslosigkeit."

Warum werden solche Weisheiten so wenig beachtet? Einsamkeit kann man nicht operieren. Verzweiflung kann man nicht mit Medikamenten oder Apparaten behandeln. Und in einem Disease Management Programm, dem sich der Herzkranke und sein Arzt heute zu unterwerfen haben, hat Aussichtslosigkeit auch keinen Platz. Und wie erst sollen diese Hochrisikofaktoren auf einer elektronischen "Gesundheitskarte" abgespeichert werden?

Die Medizin konzentriert sich immer mehr und bald nur noch auf Messbares, auf Abbilder, auf Daten, auf den Menschen als technische Maschine. Der Unterschied zwischen einem kranken Menschen beim Arzt und einer defekten Maschine in der Werkstatt ist aber fundamental. Wenn die Medizin das vergisst, ist sie keine mehr.

Samstag, 24. November 2007

Vergoogelt und veräppelt?

Fragen zur "Politik" von Google

Hab ich was gegen Apple? Nichts habe ich gegen Apple. Warum denn auch. Aber habe ich vielleicht etwas gegen Google? Aber ja doch, ja. Seit Neuestem hab ich vielleicht was gegen Google. Gegen Google, Google, Google.

Und das kam so. Gebe ich doch gestern das Suchwort "Robin Dunbar" in die Google-Suche ein und vergleiche die Treffer dort mit denen bei der Yahoo-Suche. Bei Yahoo kommt der entsprechende neueste (und - wie ich finde - nicht ganz unwichtige) "Studium generale"-Beitrag zu diesem Thema an 14. Stelle (Seiten auf Deutsch) und an 19. Stelle (international). Aber bei Google? Was ist denn da los? Google, Google, Google! - ???

Erste Verwunderung: Auf Platz 6 erscheint der Buchladen von "Studium generale" mit dem entsprechenden "Robin Dunbar"-Buch. Nun gut, nichts dagegen. Aber was ist mit "Studium generale" selbst? Darauf kommt's doch eigentlich an. Ich blättere und blättere und blättere (Suchfunktion "Seiten auf Deutsch"). Und auf Seite 6 habe ich immer noch keinen "Studium generale"-Treffer gefunden und bin mit meiner Geduld am Ende. Nur über "Bloggerei.de" (am 10. Platz) und über einen beiläufigen Kommentar bei Michael Blume (auf dem 41. Platz) stolpere ich schon vorher mal - mit viel Glück - über "Studium generale". - Aber Hallo! Aber Hallo! Was ist denn hier los? Warum wird die Kommentar-Funktion von Michael Blume von Google besser bewertet als die Beiträge selbst von "Studium generale"? Ich gönne es Michael ja ...

... aber: Was macht denn Google hier für eine "Politik"?

Entwicklung von Besucherzahlen

Zum ersten mal beginne ich, mir wirklich ernsthaft Gedanken über die Entwicklung der Besucherstatistik von "Studium generale" zu machen. Im Januar dieses Jahres gegründet verzeichnete "Studium generale" bis Juli einen rasanten Besucher-Anstieg - zumindest einmal für mich "rasant". Anstieg von Februar bis Juni von monatlich 750 zu monatlich 3.000 Besuchen. Das hätte doch eigentlich so weitergehen können? Aber dann, im letzten Drittel des Monats Juli ein ganz plötzlicher und abrupter Einbruch in den Besucherzahlen, wonach seither die Zahl der monatlichen Besuche weitgehend gleich geblieben ist. Aber wieso denn nun das?

Nun ist (mir) ja schon längst klar, daß der größte Teil der Besucher auf einem Blog über Google-Suche bei diesem landet. Das ist - beispielsweise - auch bei "Gene Expression" so. Und bei "Studium generale" nicht anders. Das sieht man ja auf dem eingebauten "Sitemeter" (hier auf dem Blog ganz unten) sehr deutlich. Und wenn man eben über Inhalte schreibt, nach denen viele Menschen bei Google suchen, kriegt man halt viele Besucher. So einfach ist das. - Dachte ich.

Seit Juli redete ich mir immer noch ein, daß vielleicht Google-Suche nach Häufigkeit neuer Einträge auf einem Blog mitwertet, und daß möglicherweise deshalb "Studium generale" offenbar seit Ende Juli nicht mehr auf den vorderen Treffenrängen landet. Denn Anfang August begann ich für zwei Monate weniger zu schreiben als in den Monaten davor (wie man an der Randspalte "Blog-Archiv" deutlich sieht).

Aber ich hatte auch schon damals - Ende Juli - das dumpfe Gefühl, daß das mit der Zahl der wöchentlichen Beiträge eigentlich nicht viel zu tun haben kann, denn die Besucherzahlen sanken schon recht abrupt früher als die wöchentliche Zahl meiner Beiträge. Außerdem sind die letzteren längst seit Monaten wieder auf einem höheren Stand, insofern hätte sich längst wieder eine Steigerung der Besucherzahlen ergeben müssen, wenn ein solcher Zusammenhang bestehen würde. Aber nichts davon zu sehen:


Was hat denn Google gegen "Studium generale"?

Und diese "Robin Dunbar"-Probe macht dies für mich nun ganz eindeutig. Eine zweite Probe ist das Suchwort "Daseinskompetenzen", über das ich schon am 21. April geschrieben hatte. Mein damaliger Beitrag begann mit den Worten:
Ich habe gerade meinen ersten Wikipedia-Artikel geschrieben, nachdem ich festgestellt habe, daß "Studium generale" als erster Treffer bei Google angezeigt wird, wenn man den Begriff "Daseinskompetenzen" eingibt. (...)
Man gebe heute einmal den Begriff "Daseinskompetenzen" bei Google ein. Wiederum von "Studium generale" weit und breit nichts zu sehen. Und wiederum bei Yahoo-Suche gleich auf dem dritten Platz (wie zuvor ja auch bei Google). Auf dem 8. Platz bei Google nur wieder eine weitere "Filiale" von "Studium generale", nämlich sein "Archiv" bei Yahoo-Groups, das nun wiederum von Google besser bewertet wird als "Studium generale" selbst.

Was hat denn Google gegen "Studium generale"? Früher gepäppelt, heute veräppelt? Oder gibt es dafür eine rein technische Erklärung, die mit bewußter "Politik" nichts zu tun hat? Leide ich schon an Verfolgungswahn? Aber sprechen die Tatsachen nicht für sich selbst?

Zum Thema "Google in der Kritik" findet man bei Wikipedia einiges Nützliche.

Dienstag, 9. Oktober 2007

Eckart Voland und warum das Leben nicht langweilig ist

Eckart Voland hat eine spannende These veröffentlicht, warum wir dazu evoluiert sind zu glauben, der Mensch hätte einen freien Willen. (Freilich setzt diese Fragestellung schon die Annahme voraus, der Mensch hätte an sich keinen freien Willen.) Aber Herr Voland hat eine tolle Idee (Evolutionary Psycholgy) im Zusammenhang mit der "Social Brain"-Hypothese:
... It is beneficial to make the others predictable and to form hypotheses about their probable behavioral tendencies. This is done by behavior reading and mind reading and by classifying the recurring stochastic patterns in everyday language as the “will.” Thus, the idea of free will emerged first as a social attribution and not as an introspectively gained insight. The fact that ego applies the idea of freedom also to itself and considers itself to be as free as it considers the social partners to be free, i.e. unpredictable, is in this view a nonselected by-product of social intelligence.
Wenn ich also recht verstehe und ohne noch den Aufsatz selbst gelesen zu haben: Ich betrachte mich selbst als frei, weil mir das Verhalten meiner Mitmenschen grundsätzlich unberechenbar vorkommt, bzw. weil ich per se immer wieder die Erfahrung mache: Grundsätzlich ist ihr Verhalten nicht vollständig vorhersehbar.

Ach ja, wie langweilig wäre dann auch das Leben!!!! (- Oder etwa nicht?)

Jedenfalls: Hochspannende Hypothese mit vielen - auch philosophischen - Implikationen.

Sonntag, 7. Oktober 2007

Museums- und Archivbestände öffentlich machen

"Open Access" und Kulturdigitalisierung in Deutschland und Europa

Museen, Sammlungen und Archive haben die Aufgabe, ihre oft immensen und bedeutungsvollen Bestände der Öffentlichkeit und der Wissenschaft zugänglich zu machen. Zumeist lagert ja von den bedeutungsvollen Beständen ein viel größerer Anteil in Magazinen, als daß dieser der Öffentlichkeit in ständigen Ausstellungen und Ausstellungsbänden ("offline") sichtbar gemacht werden könnte. Durch das Internet sind diese - noch heute oft sehr schwerfällig arbeitenden - Institutionen vor eine völlig neue Situation gestellt. Der moderne Forscher, der moderne, an kulturgeschichtlichem Erbe interessierte Laie darf mit Nachdruck die Erwartung hegen, daß die Museen, Sammlungen und Archive weltweit ihre auch in umfangreichen Magazinen vorhandenen Bestände nun möglichst schnell und effizient der Öffentlichkeit über das Internet weitestgehend und effizient bekannt und zugänglich machen.

Tatsächlich arbeiten Museen, Sammlungen und Archive oft schon sehr heftig an der Digitalisierung ihrer Bestände. Dafür werden sogenannte "Datenbank-Systeme" benutzt. Die neueren Datenbank-Systeme sind so umfassend, daß sie nicht nur die interne Dokumentation der Bestände erlauben (sollen), sondern dann auch das umfassende digitale Arbeiten mit diesen Beständen, also jede Art von "Management" der Bestände. (Neue Zusammenstellungen für zeitlich befristete Ausstellungen, Leihgaben, Leihnahmen, Restaurierungen mitsamt den dafür notwendigen finanziellen Abrechnungen, Rechnungsstellung etc. pp.) Sie nennen sich darum dann auch hochtrabend aber treffend "Museum-Management-Systeme".

Der größte Verbund deutscher Museen, Archive und Sammlungen ist die "Stiftung Preußischer Kulturbesitz", zugleich auch eine der größten Kultureinrichtungen weltweit. (SPK) Das für sie entwickelte "Management-System" "Museum Plus" (der ursprünglich Schweizer Firma zetcom) wird inzwischen von etwa 400 Museen im europäischen Raum genutzt, darunter vielen der bedeutendsten. (siehe Liste) (In den USA werden derzeit noch andere Datenbank-Systeme genutzt.)

Auch für die vielen, z.T. bedeutenden Museen in Frankfurt am Main ist dieses Datenbank-System seit einiger Zeit einheitlich eingeführt worden. In dieses müssen nun die Daten der Bestände nach und nach eingegeben werden, was natürlich zum Teil eine reine Sisyphos-Arbeit ist - zudem oft oder meist so gut wie gar nicht oder nur schlecht bezahlt. Aber natürlich ist diese Arbeit dringend zu leisten. Woher also zusätzliche Begeisterung dafür nehmen? (... Und Begeisterung könnte ja oftmals auch Geldgeber anstecken ...?) Begeistern würde mich die Arbeit mit einem solchen System vor allem dann, so wurde mir während einer zweitägigen Schulung für dieses System klar, wenn die Digitalisierung der Bestände auch möglichst schnell und umweglos zu einer Veröffentlichung dieser Daten im Weltnetz führen würde.

Nun gab es den Einwand von Seiten der Firma zetcom, daß ja jedes Museum dafür gern seine eigene "Corporate Identity" pflegen würde, weshalb jedes Museum sich seine eigene Netzseite basteln würde/müßte, in dem dann die Daten jeweils abrufbar gemacht werden müßten. Die Firma zetcom stellt dafür übrigens auch schon eine neue Funktion der von ihr entwickelten Datenbank "MuseumPlus" zur Verfügung, nämlich "eMuseumPlus".

Ein Wikipedia für Museen?

Meine Gedanken wandelten aber weiter auf Abwege: Im Grunde handelt es sich doch zumeist zunächst einmal nur darum, reines Wissen zur Verfügung zu stellen in unserer "Wissensgesellschaft". Sollte da die "Corporate Identity" eines jeden einzelnen Museums wirklich so wichtig sein? Mir kam der Gedanke: Wie ist es denn, wenn man einfach - z.B. - ein "Wikipedia" für Museen, Sammlungen und Archive schafft, in dem die Bestände einheitlich und detailliert der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?

Natürlich müßte man sich dabei über viele Einzelheiten noch genauer Gedanken machen. Von seiten der einzelnen Museen müßte zunächst grundsätzlich entschieden werden, welche Daten zu den von ihnen gehorteten Objekten sie öffentlich zugänglich machen wollen, welche nicht. Das muß säuberlich getrennt werden in der Datenbank. (Z.B. wollen Leihgeber oft anonym bleiben.) Ist diese Entscheidung aber gefallen, dann kann man im Grunde bei der Digitalisierung der Bestände mit der großen Weltnetzgemeinde zusammenarbeiten und kann sich auch von freiwilligen Mitarbeitern im Netz - wenn man es klug organisiert - zuarbeiten lassen.

Denn oftmals werden sich Liebhaber weltweit für bestimmte Sammlungsbestände weitaus intensiver und kenntnisreicher interessieren, als der einzelne Museumsmitarbeiter, der die Bestände digital erfaßt. Diese könnte man dann bei der "Wikipedia für Museen" mitarbeiten lassen. Es gäbe also dann für jedes einzelne Sammlungsobjekt eine Wikipedia-Seite, bzw. bestimmte Kategorien zusammenfassende Wikipedia-Seiten. Im Grunde ist das für bedeutungsvolle Stücke und Werke ja schon heute der Fall. Als Beispiel aus der bronzezeitlichen Archäologie siehe etwa: "Goldhut". Und sicherlich wird sich das auf dieser Linie auch schnell weiterentwickeln. Mir scheint nur, daß die deutschen Museums-Leiter noch nicht das Potential wirklich erkannt haben und auszunutzen bereit scheinen, das in den Möglichkeiten von solchen Netz-Portalen wie Wikipedia steckt: "offene", "gläserne" Museen, Archive, Sammlungen vom Feinsten!

"Offenes Museum" vom Feinsten

Als ich nämlich neulich für meinen Beitrag über bronzezeitliche Kammhelme (St. gen.) nach einer Übersicht über die vorhandenen Bestände in deutschen Museen suchte, hatte ich doch allerhand Mühe, zunächst nur eines der bedeutendsten Sammlungsobjekte des Focke-Museums in Bremen, das ich in Erinnerung hatte, im Netz überhaupt zu finden, geschweige denn wissenschaftliche Erläuterungen zu diesem. Aus diesem Grund erst erweiterte sich der Beitrag zu einem Beitrag über Kammhelme in Deutschland allgemein, da andere Museen zu diesem Thema schon bessere Informationen zur Verfügung gestellt hatten. Das nur als ein Beispiel. Viele weitere könnten gegeben werden.

Bei der (weitgehend erfolglosen) Suche danach, ob schon andere auf ähnliche Gedanken vor mir gekommen sind, entdeckte ich gerade noch eine neue Suchmaschine, um die Bestände von Archiven zu durchsuchen: ArwiSu = Archivwissenschaftliche Suchmaschine. Ob wohl auf der Internationalen Konferenz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Juni dieses Jahres zum Thema "Wissen durch Vernetzung - Kulturdigitalisierung in Deutschland und Europa" jemand auf den Gedanken eines "Wikipedia für Museen" schon gekommen ist? Vielleicht ein Herr Christophe Dessaux vom Kulturministerium in Frankreich. Sein Vortrag lautete im Untertitel "Open Access durch Open-Source-Technologie". "Open Access" - das ist also das Stichwort. "Open Access" - das ist auch das Leitwort von "Studium generale".

Mittwoch, 27. Juni 2007

"Studium generale"

Der Gründer und Inhaber dieses Blogs hat an mehreren Universitäten studiert (Konstanz, FU Berlin, Tübingen, Gießen). Vor allem aber an der Universität Mainz. Und gerade von dieser Universität ist ihm das "Studium generale" in besonders guter Erinnerung. Und dasselbe hat wohl auch sein eigenes Verständnis von Wissenschaft, von Interdisziplinarität, von Weite des Horizontes, von weiter Öffnung des Elfenbeinturms der Wissenschaft nach "draußen", ins Volk hinaus geprägt. Nicht weniger, wie eben auch inhaltlich eine Fülle von Wissen vermittelt worden ist.


Abb. 1: 16. Mai 1988 - Studium generale Mainz - als Beispiel


Vor allem in Erinnerung an dieses "Studium generale" in Mainz, vielleicht sogar als eine Art Fortführung desselben, ist dieser Blog schon ab seiner Gründung "Studium generale" benannt worden. Und deshalb auch einmal ein Verweis auf die Netzseite des Mainzer Studium generale - mit Dank an meine alte "alma mater"!



Abb. 2: 26. 1. 1989 - Studium generale Mainz - als Beispiel


Bei weitem nicht an jeder Uni findet man ein so gutes "Studium generale" wie zu meiner Studienzeit an der Universität Mainz. Manche Universitäten haben gar keines oder das dortige weist längst nicht die Lebendigkeit auf, die in Mainz damals vorhanden war.



Abb. 3: 25. 4. 1989 - Studium generale Mainz - als Beispiel


So war einmal auch Prof. Manfred Eigen im brechend vollen größten Hörsaal eingeladen. So wie in den Mainzer Philosophie-Vorlesungen des Professors Rudolf Malter immer sehr viele "sonstige" Menschen aus Mainz zuhörten, so auch in vielen Veranstaltungen des "Studium generale".



Abb. 4: 21. 11. 1994 - Studium generale Mainz - als Beispiel


Viele der damaligen Einladungsblätter zu Veranstaltungen haben ich verstreut in meinen alten Unterlagen noch gefunden. Und wenn ich sie in Händen halte, ihr altes "Layout" sehe, steigt viel von - - - "der alten Zeit" wieder in die Erinnerung auf. Weniger was die einzelnen Themen selbst betrifft (willkürliche Auswahl hier!), sondern überhaupt was die Fülle des Gebotenen betrifft.


 (ursprünglich eingestellt: 27.6.2007; um die Abbildungen ergänzt: 31.12.2012)




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Anmerkung 13.2.2018: Mag mit diesen Ausführungen der Grund für die Titelwahl dieses Blogs auch einigermaßen einleuchten: Zehn Jahre später und um - hoffentlich - auch zehn Jahre reifer kommt es mir trotzdem ein wenig vermessen vor, wenn man als einzelner einen ganzen Blog schlicht "Studium generale" nennt. Das durfte man womöglich gerne in der experimentellen Frühzeit der Wissenschaftsblogs tun. Heute würde ich einen neu zu gründenden Wissenschaftsblog so nicht mehr nennen. Aber im Nachhinein den Titel eines Blogs ändern, macht sich erfahrungsgemäß auch nicht gut. So bleibt der Titel dieses Blogs - schon aus schlicht "historischen" Gründen - erhalten. .... Wenn man auch ein paar Eierschalen an ihm kleben sieht.

Sonntag, 24. Juni 2007

Plastikwörter - Die Sprache einer internationalen Diktatur

Aus einer Rede, die am Donnerstag vor dem deutschen Bundestag gehalten wurde (Welt), sei das folgende zitiert. Man sollte hoffen, daß wenigstens einige Politiker mit dieser Rede etwas haben anfangen können. (Hoffen darf man immer - man braucht es aber nicht zu glauben ...):

"Was würdest du als erstes tun, wenn man dich mit den Regierungsgeschäften beauftragen würde?", wurde einmal Konfuzius gefragt. Die Antwort lautete folgendermaßen: "Das Wesentliche ist, die Dinge korrekt zu benennen. Wenn die Bezeichnungen nicht korrekt sind, passen die Wörter nicht mehr. Wenn die Wörter nicht mehr passen, gehen die Staatsgeschäfte schlecht. Wenn die Staatsgeschäfte schlecht gehen, können auch Rituale und Musik nicht gedeihen. Wenn Rituale und Musik nicht gedeihen können, sind Urteile und Strafen nicht länger gerecht. Wenn Urteile nicht mehr gerecht sind, weiß das Volk nicht mehr, wie es sich verhalten soll."...

Die Tugenden und die ausstrahlende Macht der Sprache haben jedoch auch eine Kehrseite der Medaille, und diese resultiert aus rhetorischem Missbrauch, ideologischer Missbildung, lexikaler Armut, grammatikalischem Primitivismus, schlechtem Geschmack und Falschheit. (...) Wir sprechen über brain-washing, Manipulation und psychischen Terror. Für jemand, der wie ich aus dem europäischen Osten kommt, heißt all dies "hölzerne Sprache". ... Die hölzerne Sprache ist ein Gemisch aus Armut und Redseligkeit.

Ich möchte hier dem ehemaligen rumänischen Außenminister, der diese wesentliche Rede gehalten hat, den Vorschlag machen, daß wir auf Deutsch nicht - wie er - von "hölzerner Sprache" sprechen, sondern von "holzschnittartiger Sprache". Das ist es nämlich genau, was in ideologisch geformten Sprachen geschieht: die vielen wesentlichen Details, die Schattierungen, die exakte Kennzeichnung des Individuellen, Persönlichen in der Wirklichkeit geht verloren. Das Bild, das gezeichnet wird, wird "holzschnitt-artig". Walter Lippmann spricht in seinem wichtigen Buch "Öffentliche Meinung" von "Stereotypisierung".

"Die holzschnittartige Sprache der westeuropäischen intellektuellen Linken"

Doch nun weiter Andrei Plesu:

Eine Statistik belegt, dass die Sprache der sowjetischen Presse, die zur Erziehung des "neuen Menschen" berufen war, nur 1500 von insgesamt 220.000 im Wörterbuch der russischen Sprache verzeichneten Wörtern verwendete. ...Wir finden äquivalente Missbildungen im Nazi-Diskurs, im kommunistischen Diskurs und, bis zu einem Punkt, in einer gewissen Demagogie der Französischen Revolution. Es gibt eine Holzsprache des Maoismus, eine der westeuropäischen intellektuellen Linken und eine der rechtsextremen Xenophobien. Mit dem von den beiden großen Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts hervorgerufenen linguistischen Desaster lässt sich sicherlich nichts vergleichen. Es schadet aber nicht, besondere Vorsicht walten zu lassen bei den bereits "holzigen" Komponenten des EU-Diskurses (Integration, Triumphalismus, Anti-Amerikanismus), des "liberalen Fundamentalismus" - wie John Gray ihn nennt - der Säkularisation, des missionarischen amerikanischen Ethizismus, des Ökologismus, des Macho-Konservatismus und der Homo-Emanzipation.

Und auch das sind schöne Worte:

Mir bleibt jetzt nichts anderes mehr übrig, als Sie zu warnen, dass jedes Mal, wenn Sie Scheu oder "political correctness"-Skrupel dazu bewegen, nicht Deutsch zu sprechen, Ihr Teil des Himmels unerforscht bleibt und Ihr Engel melancholisch wird.

So also der ehemalige Außenminister Rumäniens Andrei Plesu am Donnerstag vor dem deutschen Bundestag.

Weiterführender Literaturhinweis:

"Plastikwörter - Die Sprache einer internationalen Diktatur" von Uwe Pörksen (Klett-Cotta, 6. Aufl. 2004) (Amazon).

Freitag, 22. Juni 2007

Der Schrei

Hier wird Promotion für Kinder gemacht. Den größten Schatz, den eine Gesellschaft besitzt. (Außer Goethe und Schiller natürlich.) Und deshalb auch mal die ganz profanen Ratschläge aus einer Eltern-Zeitschrift zum Thema "Was will mir mein Baby sagen, wenn es schreit?" (Berliner Morgenpost)

Was wollen Säuglinge, wenn sie wie am Spieß brüllen? Vielleicht auf den Arm genommen werden, futtern oder eine frische Windel?

Konrad Lorenz übrigens hat ein ähnliches Thema in dem Buch "Hier bin ich, wo bist du?" behandelt ... Nun also Auszüge aus einem "Schrei-Lexikon":

Der Hunger-Schrei: Wenn Babys etwas zu sich nehmen möchten, kündigen sie das mit einem anfangs fordernden Quengeln an, das bald in energisches Schreien übergeht. Beste Reaktion: Überlegen, wann die letzte Mahlzeit war. Brust oder Brei anbieten und schauen, was passiert!

Der Sehnsuchts-Schrei: Das Baby wacht auf und fühlt sich allein. Achten Sie auf einen kurzen "Kontakt-Laut". Wenn sich keiner um das Baby kümmert, geht die Sirene los. Beste Reaktion: schnell sein und in den Arm nehmen!

Der Müdigkeits-Schrei: Das Baby reibt sich die Augen oder die Nase, es gähnt und meckert. Kann ein Baby trotz extremer Müdigkeit nicht einschlafen, schreit es - und zwar immer dramatischer. Beste Reaktion: abwarten, aber in der Nähe bleiben. Babys ab sechs Monaten schlafen nach einer kurzen Heulphase oft von allein ein.

Der Stress-Schrei: Das Baby macht den Rücken steif, ballt die Hände, stößt kurze, schrille Schreie aus - es will einfach in Ruhe gelassen werden. Beste Reaktion: sofort für Stille sorgen und Lärmquellen ausschalten. Oft hilft das vertraute Bett.

Der Langeweile-Schrei: Das Baby strampelt, rudert mit den Armen. Seine Schreie sagen: "Leute, unternehmt was mit mir". Beste Reaktion: mit dem Kind reden, seine Mimik und seine Laute nachahmen, aber auch ganz normal sprechen. Die Gesichter und Stimmen von Mama und Papa hat es am liebsten.

Der Schmerz-Schrei: Eindeutig der schrillste und intensivste Schrei-Laut. Beste Reaktion: Genau nachschauen, wo es zwicken könnte. Ob der Po wund ist oder sich womöglich ein Haar um einen Zeh gewickelt hat. Bei häufig undefinierbaren Schmerz-Attacken zum Kinderarzt gehen!

Samstag, 16. Juni 2007

"Wenn die Geburtenrate so bleibt ..."

Wirtschafts-Nobelpreisträger Gary Becker ist im "Spiegel" der Meinung, daß Kinderkrippen demographisch gar nichts bringen werden. Er sagt aber weiter:

"Wenn die Geburtenrate so bleibt, wird ein Volk wie die Italiener in fünf, sechs Generationen verschwinden."

Es klingt unwahrscheinlich hilflos, wenn Herr Becker dann sagt:

"Ob die Gesellschaften Europas das Problem lösen, hängt auch davon ab, ob sie mehr Einwanderung erlauben oder nicht. Aus meiner Sicht ist das die wirksamste Art" (!!!), "die Bevölkerungszahl zu stabilisieren oder sogar zu steigern. Es ist auch die billigste: Die Einwanderer sind auf Kosten anderer Ländern ausgebildet worden, kommen nun zu Ihnen, zahlen Steuern und entlasten die Sozialsysteme."

Selbst wenn wir es nicht tragisch finden sollten, daß in Indien Eltern und Staat durch ihre Leistungen Kinder aufziehen, die dann nicht mehr zur Stablisierung des eigenen Sozial- und Wirtschaftssystems beitragen sollen, sondern zur Stabilisierung von Sozial- und Wirtschaftssystemen in anderen Weltteilen - vielleicht nicht tragisch, ... denn: "sie haben ja genug Kinder". Selbst dann also bleiben doch bei einem derart bequemen Denken und Handeln die entscheidendsten Fragen offen:

Schon heute fällt den westlichen Staaten Integration schwer und es wird mit Recht von Einwanderern zunehmend als Bevormundung verstanden, wenn sie sich an eine "Leitkultur" anpassen sollen und diese leben sollen, an der sie, da sie zunehmend in einer Parallel-Gesellschaft leben, innerlich gar keinen Anteil nehmen und haben. Viele Angehörige von Einanderer-Kulturen haben heute subjektiv schon sehr stark das Gefühl, daß sie zu einem "Ghetto" gehören, in einem "Ghetto" leben, da eben der tatsächliche Anschluß an die derzeit noch bestehende Mehrheits-Gesellschaft, also der innerliche, subjektive gar nicht mehr geleistet werden kann. Also eine echte Identifikation. Und zwar von beiden Seiten.

Wohn-"Ghetto's" für Einwanderer-Kinder

Wer in solchen Wohn-"Ghetto's" einmal eine Weile gelebt hat, der weiß das doch: Zwar kommt es hin und wieder zu freundlichen, persönlichen Kontakten. Aber dazu leben doch dort viel zu wenig Deutsche, als daß sich die Kinder der Einwanderer vollständig "angenommen" fühlen könnten (innerlich) durch die Mehrheits-Gesellschaft. Der Alltag der Einwanderer-Kinder findet eben doch im "Ghetto" statt. So empfinden sie es eben. Wenn man als Deutscher in einer solchen Wohn-Gegend lebt, käme man gar nicht auf den Gedanken, diese als "Ghetto" zu empfinden. Weil rund um das Ghetto herum ja Deutsche leben. Ich jedenfalls kam nie auf diesen Gedanken und habe mich immer gewundert, daß dort überall vom "Ghetto" die Rede war.

- Aber warum sollten denn die Einwanderer auch dauerhaften und nachhaltigen Anteil nehmen und haben an der Kultur der Mehrheitsgesellschaft? Warum sollten wir das Recht haben, ihnen eine solche Leitkultur aufzudrängen? Es wird bei den weiter stagnierenden oder sinkenden Geburtenraten der Deutschen sowieso immer schwerer werden. Und warum sollten sich die Einwanderer nicht auf ihrer Herkunftskultur besinnen oder - wie in anderern klassischen Einwandererländern (Hawaii etc.) - eine neue Einwandererkultur ausbilden mit ganz neuer Sprache, Mentalität und so weiter?

Das kann doch alles keine Lösung sein! Ich finde es geradezu ekelhaft, wenn eine Gesellschaft die sie drängensten langfristigen Stabilitäts-Probleme nicht aus sich selbst heraus löst, sondern sie von anderen, weit entfernten Gesellschaften lösen läßt oder lösen lassen will. Die abendländische Kultur und auch die gesamte Bandbreite der emanzipatorischen und aufgeklärten Lebens- und Denkweisen, Mentalitäten, Philosophie, Wissenschaft und Technik, die diese fortschrittliche abendländische Kultur ausgebildet hat, wird dadurch zu Schrott werden. Zu schlichtem Schrott. Hölderlin auf den Schrott. Goethe auf den Schrott. Rilke auf den Schrott. Die Philharmonie auf den Schrott. Eine bestimmte, sehr emanzipierte Grundhaltung in öffentlichen und privaten Diskursen: auf den Schrott. - Das alles ist doch schon heute allzu deutlich abzusehen. Mit halbherzigen Maßnahmen ist all das nicht abzuwenden.
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