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Freitag, 28. Mai 2021

Wie gelangte die osteuropäische Hausmaus nach Mitteleuropa?

Vermutlich während der Umbruchzeit um 2.900 v. Ztr. auf den Rinderwagen der sich nach Westen ausbreitenden Völker. Denn in der Frühbronzeit gelangte ja auch die westeuropäische Hausmaus nach England

Vorbemerkung: Unser Blogartikel "Die Städte der Indogermanen und ihre Hausmäuse" (St.gen. 2014) aus dem Jahr 2014 stellen wir hier unter neuem Titel erneut ein, weil es im Jahr 2020 eine neue Studie zum Thema gegeben hat (5). Deren wesentlichste Erkenntnisse kommen unseren eigenen, schon 2014 geäußerten Vermutungen näher und sind deshalb in den alten Blogartikel eingearbeitet worden.

Neue Studien zur genetischen Geschichte der osteuropäischen und der indischen Hausmaus von 2013 und 2020

Seit 2008 verfolgen wir hier auf dem Blog in inzwischen sechs Beiträgen die Forschung zur Herkunft der europäischen Hausmaus-Arten. Es gibt eine westeuropäische (Mus domesticus) und eine osteuropäische (Mus musculus) Hausmaus-Art. Die Art-Grenze zwischen beiden zieht sich auffallender Weise - so wie es der Eiserne Vorhang während des Kalten Krieges tat - von Ostholstein aus nach Süden bis in den Balkanraum und von dort über Anatolien bis in den Kaukasus. Nördlich der Donau und des Kaukasus gibt es die osteuropäische Hausmaus (in Abbildung 1 die blauen Punkte), südlich der Donau und des Kaukasus gibt es die westeuropäische Hausmaus (siehe Abbildung 1 die roten Punkte).

Abb. 1: Die Verbreitung der Hausmaus-Arten in Asien. Nach einer japanische Studie aus dem Jahr 2013 (1) (rote Punkte = westeuropäische, blaue Punkte = osteuropäische, gelbe Punkte = indische Hausmäuse)

In Skandinavien (nicht in der Abbildung 1 verzeichnet!) lebt seit der Wikingerzeit eine Hausmaus-Art, die eine Mischung beider vorgenannter Arten darstellt. Sie entstand, was hier auf dem Blog der Ausgangspunkt war (s. Stg2008), in Oldenburg in Ostholstein. Und wo sie auftritt - etwa auf der Insel Madeira - ist sie ein Hinweis auf erste wikingerzeitliche Besiedlung.

Die ersten Hausmäuse in Großbritannien traten in der Frühbronzezeit in Südengland auf in der Gegend von Stonehenge, breiteten sich aber - interessanterweise! - über lange Jahrhunderte innerhalb Englands nicht weiter nach Norden aus.

Alle hier auf dem Blog behandelten Daten deuteten bisher darauf hin, daß die Hausmaus um sich auszubreiten eine vergleichsweise große, fast "stadtartige" Bevölkerungsdichte benötigt und überregionalen Handelsaustausch. Verhältnisse jedenfalls, wie sie es in der Wikinger-Zeit gegeben hat, dementsprechend (und inzwischen immer besser bekannt) auch ab dem europäischen Endneolithikum (der Schnurkeramik- und Glockenbecher-Kultur) und der Frühbronzezeit (z.B. Aunjetitzer Kultur mit Stadt-ähnlichen Höhenburgen und überregionalem Handel).

In dem ältesten Beitrag zum Thema hier auf dem Blog (s. Stg2008) ist später nachgetragen worden, daß es auch schon seit vielen Jahrzehnten Hinweise auf Hausmäuse - und sogar Katzen - in Siedlungen der Bandkeramik gibt, daß auch neuere genetische Studien deren Existenz dort annehmen (2012, S. 80), also innerhalb der ersten seßhaften Bauernkultur in Mitteleuropa, die ja zugleich schon eine der höchsten Siedlungsdichten aller Folgekulturen bis zum Frühmittelalter hatte. 

Man könnte es für denkbar halten, daß es nach dem Untergang der Bandkeramik und bis zur Frühbronzezeit in Mitteleuropa keine Hausmäuse mehr gegeben hat aufgrund der geringeren Siedlungsdichte der extensiver Rinderherden-Haltung betreibenden Nachfolgekulturen im Mittelneolithikum. Wie sonst soll die genannte, noch heute vorhandene markante Artgrenze zwischen west- und osteuropäischer Hausmaus quer durch Europa zustande gekommen sein, die mit dem Verbreitungsgebiet der bandkeramischen Kultur vom Schwarzen Meer bis zur Kanalküste ganz gewiß nicht erklärt werden kann.

Die westeuropäische Hausmaus stammte jedenfalls aus dem Mittelmeerraum, rund um dessen Küsten sie sich mit den ersten bäuerlichen Siedlern ausgebreitet hat. Und sie ist in jenem Fruchtbaren Halbmond - wahrscheinlich in Südanatolien - entstanden, wo auch der größte Teil unserer domestizierten "sonstigen" Haustierarten und -pflanzen her stammt. Man hat die Hausmaus dort überraschenderweise schon in den halb-seßhaften Siedlungen des "Natufiums" gefunden (9.000 v. Ztr.), also schon zu einer Zeit, als dort Getreide noch gar nicht angebaut wurde, sondern nur wilde Getreidearten geerntet und gelagert wurden. Während die Menschen gleichzeitig von Massen-Jagden auf wilde Gazellen-Herden lebten, was zusammen genommen auch eine hohe Bevölkerungsdichte ermöglichte.

/ Einfügung, 28.5.2021: Ob dieser Umstand auch zur Erklärung der etwaig frühen Domestizierung der osteuropäischen Hausmaus herangezogen werden kann? Hat es ein kulturelles Zentrum von Ernte-Völkern, die vom Ernten wilden Getreides gelebt haben, auch östlich des fruchtbaren Halbmondes gegeben oder im östlichen Teil desselben? Und hat sich die osteuropäische Hausmaus aus diesem Zentrum heraus zusammen mit den dortigen Bauernvölkern der iranisch-neolithischen Völkergruppe bis zur Marghiana und weiter verbreitet (so wie die iranisch-neolithische menschliche Herkunftskomponente auch)? Dies deutet sich immer mehr an mit neuen Forschungen (Abb. 2) (5). 

Abb. 2: Verbreitung der osteuropäischen Hausmaus aus dem Ostteil des Fruchtbaren Halbmonds herum ab etwa 16.000 bis 11.000 v. Ztr. - nach einer neuen Studie aus dem Jahr 2020 (aus: 5)

/ Ende der Einfügung. /

Zuletzt hatten wir 2011 hier auf dem Blog auf eine Studie über die osteuropäischen Hausmaus-Knochen und - Zähne hingewiesen, die man in der vorgeschichtlichen bulgarischen Königsstadt Warna am Schwarzen Meer (Stg2011) gefunden hat aus der Zeit um 4000 v. Ztr., die - gut denkbbar - gemeinsam mit indogermanischen Völkern der Steppe vom Kaspischen Meer aus nach Warna gebracht worden sind (gemeinsam mit der iranisch-neolithischen Herkunftskomponente) und sich von dort aus dann mit den endneolithischen Schnurkeramikern bis hoch an die Ostsee ausgebreitet haben.

Eine japanische Studie von 2013 widerspricht

In den letzten drei Jahren ist die Hausmaus-Forschung kräftig weitergegangen und es ist viel dazu publiziert worden, sogar ganze Bücher nur zu diesem Thema. Und so ist es natürlich spannend, einmal wieder einen Blick in sie hinein zu werfen. Eine 2013 erschienene japanische Studie (1) (siehe auch Abbildung 1) erweitert ganz besonders das Wissen. Geht sie doch der Herkunft und Verbreitung der osteuropäischen Hausmaus genauer nach als das bisher geschehen ist. Womit sie inhaltlich unmittelbar an unseren letzten Beitrag zum Thema hier auf dem Blog anknüpft. Zugleich verfolgt sie auch die Ausbreitung der indischen Hausmaus nach Südostasien hinein sehr detailliert.

Japanische Genetiker haben schon vor Jahrzehnten über ganz Asien hinweg Blutproben von Hausmäusen gesammelt. Diese konnten für die neue Studie erneut ausgewertet werden mit den verbesserten Gen-Sequenzierungs-Techniken, die in unseren Tagen verfügbar sind.

Die Forscher verschlagworten ihre Studie mit dem reichlich widersprüchlichen Begriff "wild house mouse". Denn sie vertreten die These, daß zwar die indische Hausmaus sich erst mit dem Domestizierung von Hirse und Reis von Nordindien nach Indien und Südostasien ausgebreitet habe. Das Entstehungsgebiet der osteuropäischen Hausmaus lokalisieren sie rund um das Kaspische Meer, was zunächst auch recht plausibel klingt. Allerdings soll diese sich nun von dort aus schon während der Eiszeit vor zehn- bis zwanzigtausend Jahren (!) über die Wüstenoasen der Taklamakan nach China hinein und über ganz Asien bis hoch nach Korea und Japan ausgebreitet haben, ebenso in Richtung Europa. Die Genetiker glauben für diese These mehrere unabhängige Belege anführen zu können, auf die hier nicht im einzelnen eingegangen werden soll. Man darf aber gespannt sein, ob sich diese These, daß die erste Verbreitung der osteuropäischen Hausmaus nicht an größere menschliche Bevölkerungsdichte gebunden gewesen sein soll, halten wird. Denn sie steht konträr zu unserem derzeitigen Wissen über die Verbreitung der westeuropäischen Hausmaus vom Fruchtbaren Halbmond aus bis nach England und Skandinavien und der indischen Hausmaus von Nordindien aus über ganz Südostasien.

Einfügung: Eine Studie von 2020 nähert sich dem Geschehen im Fruchtbaren Halbmond an

/ Einfügung, 28.5.2021: Die Datierung der Entstehung von Mus musculus  ist inzwischen in einer neuen Studie aus dem Jahr 2020 (5) auf 13.000 bis 18.000 vor heute vordatiert worden (11.000 bis 16.000 v. Ztr.) (s. Abb. 2). Das liegt schon zeitlich parallel zum Natufium im Vorderen Orient und damit sind wir schon zeitlich im Bereich des Übergangs zum Neolithikum auch für die Entstehung der osteuropäischen Hausmaus. Ende der Einfügung./

Sieht man sich das erstmals von genetischer Seite in dieser Studie gründlicher aufgearbeitete Verbreitungsgebiet der osteuropäischen Hausmaus an (die dunkel- und hellblauen Punkte in der Abbildung 1), dann will einem eine Ausbreitung dieser Hausmaus-Art gemeinsam mit den endneolithischen ersten Städten der indoeuropäischen Kurganvölker am Nordrand des Kaspischen und Schwarzen Meeres bis hoch nach Sibirien und bis nach Warna und bis in das sonstige Osteuropa hinein - so wie diese Stadtentwicklung so verdienstvoll von dem Archäologen Hermann Parzinger überblicksartig in einem ersten Wurf dargestellt worden ist (2) - viel plausibler erscheinen.

/ Einfügung 28.5.2021: Es deutet sich jetzt durch die Ergebnisse der Archäogenetik an, daß die indogermanische Herkunftskomponente schon vergleichsweise früh in die Cucuteni-Tripolje-Kultur sich eingemischt haben könnte (so wie in Warna, etwa 4.400 v. Ztr.), und daß deshalb auch schon die ältesten Städte Europas, die Megasites dieser Kultur von dieser mit getragen worden sind. Sie könnten ja auch die osteuropäische Hausmaus mit in diese Kultur gebracht haben, so wie sie sie offenbar nach Warna gebracht haben. /Ende der Einfügung./

Etwas mysteriös scheint sich auch die Frage zu gestalten nach der Geschichte der "Clade F"-Maus, die es heute sowohl in Deutschland gibt, andererseits (siehe Abbildung 1) auch eine so prononcierte, punktuelle weitläufige Verbreitung aufweist, daß sie einerseits in Somalia auftritt und andererseits im tiefsten China, bzw. Nordwestchina. Und zwar jeweils ganz punktuell. Die Orte ihres Auftretens in Nordwestchina - Lanzhou und Xining - werden auf der Handelsroute der Sogder während der Tang-Zeit in China gelegen haben. Ist diese Clade F also womöglich mit den Tocharern direkt von Westeuropa aus nach Innerasien gekommen?

Die Bedeutung der Hausmaus-Forschung sollte deutlicher als bisher ins Bewußtsein der Archäologen treten

Und auf dieser Linie gibt es noch zahlreiche weitere offene Fragen, wenn man sich die Verhältnisse regional vor Ort ansieht. Auch hier wird die Ancient-DNA-Forschung künftig sicherlich viel neues Licht auf die Dinge werfen können. Aber solange die Archäologen gar nicht auf breiterer Linie als bisher wahrnehmen und ihnen bewusst wird, dass die Hausmäuse vielleicht der hervorragendste Indikator für stadtähnliche Bevölkerungsdichten einer archäologischen Kultur und für überregionalen Handel darstellen und sich hierbei eignet womöglich zu einem weltweiten Vergleich - und das scheint in der Tat noch weite Wege zu haben - so lange werden wir bezüglich der genetischen Geschichte der Hausmaus wohl in den nächsten Jahren immer wieder einmal nur so vereinzelte, punktuelle Forschungsergebnisse erhalten wie bisher.

Dabei eignet sich das Thema hervorragend für ein breit angelegtes, internationales, interdisziplinäres Projekt wie sie so gerne von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und anderen gefördert werden. So lange das nicht erkannt ist, werden wir wohl auf ein rundes und abgeschlossenes Bild, in dem sich eine wichtige Etappe in der sozioökonomischen Entwicklung der Kulturen weltweit abspiegeln könnte, noch einige Jahrzehnte mehr als nötig warten müssen.

Die syrische Wildkatze in Mitteleuropa 5.500 bis 4.000 v. Ztr.

[Ergänzung 27.2.2018]: Lebten syrische Wildkatzen als Kulturfolger zwischen 5.500 und 4.000 v. Ztr. in der Nähe der frühneolithischen Siedlungen in Mitteleuropa - Und starben sie dort danach dann wieder aus?  Nach einer neuen polnischen ancientDNA-Studie (3) treten zwischen 5.500 v. Ztr. und 4.000 v. Ztr. Wildkatzen des Vorderen Orients im Umfeld von bäuerlichen Siedlungen in Mitteleuropa auf. Das deutet darauf hin, daß syrische Wildkatzen als Kulturfolger mit den ersten Bauern Europas, den Bandkeramikern, im Frühneolithikum aus dem Vorderen Orient nach Mitteleuropa kamen.

Damals war die Siedlungsdichte in Mitteleuropa die höchste vor dem Frühmittelalter. Als die Siedlungsdichte im Mittelneolithikum mit der Ausbreitung der Trichterbecherkultur wieder zurück ging, verschwand auch die syrische Wildkatze aus Mitteleuropa wieder. Anhand dieser Erkenntnisse kann nun genauer eingegrenzt werden, wie sich die mutmaßliche Hauptbeute dieser syrischen Wildkatze ausbreitete in Mitteleuropa, nämlich die Westeuropäische Hausmaus. Darüber wird in der neuen Studie gar nichts gesagt, aber es kann dazu gesagt werden, daß Voraussetzung des Aussterben der syrischen Wildkatze in Mitteleuropa um 4.000 v. Ztr. das gleichzeitige Aussterben der westeuropäischen Hausmaus in Mitteleuropa einhergegangen sein wird.

Aber um 4.300 v. Ztr. findet sich die osteuropäische Hausmaus schon in Warna in Bulgarien, wo zugleich die ersten Indogermanen feststellbar sind. Mit ihnen wird sie sich dann in den Folgejahrhunderten weiter nach Westen ausgebreitet haben, nachdem dort um 4.000 v. Ztr. sowohl die syrische Wildkatze als auch ihr Beutetier, die westeuropäische Hausmaus vorläufig ausgestorben waren. Die indogermanische, westeuropäische Glockenbecherkultur brachte dann die westeuropäische Hausmaus um 2.300 v. Ztr. nach Südengland. In dieser Zeit des Spätneolithikums könnten sich also osteuropäische und westeuropäische Hausmaus in Europa so ausgebreitet haben, daß sie die heutige Artgrenze an der Elbe von der Ostsee bis zur Donau ausbildeten. Vieles deutet darauf hin, daß das Schwanken des Auftretens der Hausmaus - wie schon im Frühneolithikum im Vorderen Orient - auch in Mitteleuropa mit der jeweiligen Siedlungsdichte korreliert (quasistädtische Siedlungsweise und überregionaler Handelsaustausch).

Einfügung 28.5.2021: Ob die Ausbildung der Artgrenze Mitten durch Europa auch etwas über das Verhältnis der miteinander verzahnt siedelnden Schnurkeramik- und Glockenbecherr-Kultur gerade eben im Bereich dieser Artgrenze aussagt? /Ende der Einfügung./

Die domestizierte Katze kam nach derzeitigem Kenntnisstand erst mit den Römern wieder nach Mitteleuropa. Zwischen 2.300 v. Ztr. bis 100 v. Ztr. scheint also der Hauptfeind der Hausmäuse in Mitteleuropa die europäische Wildkatze gewesen zu sein.

Ergänzung [15.3.2020]: Eine 2016 erschienene Studie russischer Genetiker zur osteuropäischen Hausmaus (4), auf die wir erst jetzt aufmerksam werden, hat - soweit erkennbar - keine wesentlichen neuen Erkenntnisse erbracht. In ihr heißt es (4):

Ein großer Teil Sibiriens ist durch einen Abstammungszweig der Hausmaus besiedelt worden, der durch die Transsibirische und die Baikal-Amur-Eisenbahnen ausgebreitet worden ist.
A vast part of Siberia was colonized by one phylogenetic branch of house mice, which were spread by the Trans-Siberian and Baikal-Amur railways.

Zur Erklärung der immer noch offenen Frage, wann und wie es zur Ausbildung der Artgrenze der west- und osteuropäischer Hausmäuse zwischen Ostsee und Donau gekommen ist, könnte gegenwärtig entweder das Ausbreitungsgebiet der Kugelamphoren-Kultur mit ihren Rinderwagen herangezogen werden, der westlich der Elbe die Wartburg-Kultur mit ihren Rinderwagen gegenüber stand oder aber die jeweiligen Hausmäuse haben sich erst mit der Schnurkeramik-Kultur, die ebenfalls in Hauptteilen nur bis zur Elbe kam, erklärt werden, während die Glockenbecher-Kultur sich über ganz Europa westlich der Elbe ausbreitete und - angenommener Weise - eine Siedlungsverdichtung und Intensivierung des Handelsaustausches mit sich brachte. Wann nun also die westeuropäische Hausmaus östlich der Elbe - wie zu vermuten steht - von der osteuropäischen Hausmaus daselbst abgelöst worden ist, kann beim derzeitigen Kenntnisstand noch nicht sicher gesagt werden.

Die naheliegendste Erklärung erscheint uns derzeit, daß die osteuropäische Hausmaus jene Hausmaus-Siedlungsräume in Osteuropa, die nach der Auflockerung der Siedlungsdichte und des weiträumigeren Handelsaustausches um 4.000 v. Ztr. "frei" wurden, im Laufe des 3. Jahrtausends gemeinsam mit der Kugelamphoren-Kultur, sowie mit deren Rinderwagen und dem damit verbundenen weiträumigeren Handel neu besiedelt haben werden, und daß parallel dazu auch die westeuropäischen Hausmäuse sich wieder weiter nach Norden ausgebreitet haben werden, hier vermutlich unter anderem mit den Rinderwagen der Wartburg-Kultur.

____________________________
  1. Suzuki H, Nunome M, Kinoshita G, Aplin KP, Vogel P, Kryukov AP, Jin ML, Han SH, Maryanto I, Tsuchiya K, Ikeda H, Shiroishi T, Yonekawa H, & Moriwaki K (2013). Evolutionary and dispersal history of Eurasian house mice Mus musculus clarified by more extensive geographic sampling of mitochondrial DNA. Heredity, 111 (5), 375-90 PMID: 23820581Heredity (2013) 111, 375–390 (freies pdf) (die wichtigste Abb.)
  2. Parzinger, Hermann: Die frühen Völker Eurasiens. Vom Neolithikum zum Mittelalter. Verlag C.H. Beck, München 2006
  3. Human mediated dispersal of cats in the Neolithic Central Europe, Preprint, February 2018, DOI10.1101/259143; Autoren: Mateusz Baca, Danijela Popovic, Hanna Panagiotopoulou, Adam Nadachowski u.a., https://www.biorxiv.org/content/early/2018/02/05/259143 (Researchgate)
  4. Maltsev, A. N., Stakheev, V. V., & Kotenkova, E. V. (2016). Role of invasions in formation of phylogeographic structure of house mouse (Mus musculus) in some areas of Russia and the near abroad. Russian Journal of Biological Invasions, 7(3), 255–267. doi:10.1134/s2075111716030061
  5. Li, Y., Fujiwara, K., Osada, N. et al. House mouse Mus musculus dispersal in East Eurasia inferred from 98 newly determined complete mitochondrial genome sequences. Heredity 126, 132–147 (2021). https://doi.org/10.1038/s41437-020-00364-y

Freitag, 19. Juni 2020

"Eine dynastische Elite in der Megalithkultur" Europas (3.500 v. Ztr.)

Waren die Megalith-Gräber Grablegen von Großkönigen? - Königsdynastien und ihre Städte im europäischen Mittelneolithikum (4200 bis 3100 v. Ztr.)

Schon vor zehn Jahren beschäftigten wir uns hier auf dem Blog mit archäologischen Hinweisen auf Rinderwagen-Prozessionen entlang der Gräber von angesehenen Vorfahren in Norddänemark aus der Zeit um 3.100 v. Ztr. (25), also kurz vor dem Untergang der dortigen Trichterbecherkultur (oder während desselben), bzw. während des dortigen Einmarsches der osteuropäischen Kugelamphoren-Kultur, gemeinsam mit oder zeitlich kurz darauf gefolgt von der Schnurkeramik-Kultur (26). Diese Erkenntnisse drängten uns schon vor zehn Jahren das Bild auf, daß das erste Auftreten von Rinderwagen in der europäischen Geschichte und Hinweise auf das früheste Bestehen von staatlichen Strukturen, von Zentralverwaltungen, Herrschersitzen parallel miteinander gingen (Abb. 1). Und genau dieser Umstand wird neuerdings durch eine schon auf der Titelseite von "Nature" mit "Familienbande" angekündigten archäogenetischen Studie zum mittelneolithischen Hochadel Irlands deutlich untermauert (21-23).

Abb. 1: Frauen ziehen auf Ochsenwagen aus einer eingenommenen Stadt ab - Eindrucksvolles Wandrelief im Palast des neu-assyrischen Königs Tiglathpileser III (etwa 745-725 v. Ztr.), heute Britisches Museum London (Wiki) - Das erste Auftreten von Rinderwagen und die früheste Staatenbildung im europäischen Mittelneolithikum scheinen parallel gegangen zu sein (25). (Fotograf: Osama Shukir Muhammed Amin FRCP (Glasg))

"Eine dynastische Elite in der Megalithkultur" ("A dynastic elite in monumental Neolithic society"), so lautet der eigentliche Titel dieser Studie, die vor zwei Tagen erschienen ist (21-23). Sie weist auf die mögliche Existenz einer stark hierarchisch gegliederten Gesellschaftsstruktur im europäischen Mittelneolithikum hin für die Zeit um 3.500 v. Ztr.. Im Mittelpunkt steht insbesondere die berühmte irische Grabanlage Newgrange (Wiki) (Abb. 2). Die Archäogenetik liefert hier Hinweise auf eine komplexe und hierarchisch gegliederte Gesellschaftsstruktur, an deren Spitze Groß-Könige ("Gott-Könige") standen, die zudem aus einem reichsweiten Hochadel ("Elite") hervorgegangen sind, der untereinander heiratete, und in der auch - kulturell sehr seltene - Geschwisterehen praktiziert wurden.

Bis 3.800 v. Ztr. hatten in Irland über lange Jahrtausende endogam lebende mesolithische westeuropäische Fischer, Jäger und Sammler gelebt, deren Herkunft ursprünglich auf Norditalien zurück geführt werden kann (das westeuropäische "Villanova-Cluster"), von wo aus sich diese Völkergruppe nach der Eiszeit bis nach Irland und Skandinavien ausbreitete. Die irische Untergruppe dieser Völkergruppe wies über Jahrtausende hinweg nur wenig genetischen Austausch mit Kontinentaleuropa oder England auf.

Abb. 2: Newgrange (Fotograf: Ingo Winkler) (Wiki)

3.800 v. Ztr. brachten dann seßhafte Bauernvölker - vorwiegend anatolisch-neolithischer Herkunft und vermutlich aus Spanien (21, 24) - die bäuerliche Lebensweise nach Irland. Das vorherige Volk der westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler starb in den folgenden Jahrhunderten auf Irland genetisch fast vollständig aus. Die Zuwanderer errichteten ab 3.500 v. Ztr. die sogenannten "Passage Tombs". Diese monumentalen Grabanlagen scheinen getragen gewesen zu sein von einer Reichselite, einem Hochadel, aus dem - wie schon gesagt - Groß-Könige hervorgingen (21-23). Familien, in denen Inzest nicht Tabu war, waren - kulturgeschichtlich bezeugt - weltweit oft führende Königsfamilien. Ein solcher Fall scheint nun auch für Irland für die Zeit um 3.100 v. Ztr. nachgewiesen zu sein (21-23). Die abschließenden Worte der Studie lauten (21):

Zusammen mit Abschätzungen der Inzucht und der genetischen Verwandtschaft erweitern unsere Methoden das Repertoire, mit Hilfe dessen die Entwicklung von bäuerlichen Gesellschaften von kleinen Häuptlingschaften zu (großen) Zivilisationen erforscht werden kann. Insbesondere untermauern unsere Ergebnisse eine Neubewertung der sozialen Schichtung und der politischen Integration in den Megalithkulturen an der Atlantikküste. Sie legen nahe, daß diese Passage-Tomb-Gesellschaften in Irland mehrere Kennzeichen besaßen, die innerhalb von frühen Staaten und ihren Vorläufern gefunden werden können.
Original: Together with estimations of inbreeding and kinship, these methods broaden the scope within which we can study the development of agricultural societies from small chiefdoms to civilizations. Specifically, our findings support a reevaluation of social stratification and political integration in the megalithic cultures of the Atlantic seaboard, and suggest that the passage-tomb-building societies of Ireland possessed several attributes found within early states and their precursors.

Das sind überraschend weitreichende Einsichten. Dabei spricht auch der Archäologe Detlef Gronenborn seit mehreren Jahren mit Bezug auf die zeitgleiche Michelsberger Kultur im Raum von Frankfurt am Main - aufgrund der Erforschung von solchen mittelneolithischen Höhenburgen wie der auf dem Kapellenberg bei Frankfurt (Wiki) oder auf dem Glauberg in Mittelhessen in ähnlicher Weise von "Anfängen der Urbanisierung", und zwar zwischen 4200 und 3500 v. Ztr. (18).

Abb. 3: "Nature": "Familienbande"

Auf dem Kapellenberg hat er den Grabhügel einer prestigeträchtigen Person ergraben, die kulturelle und Handelskontakte über das Pariser Becken bis in die Bretagne, sowie bis in den Raum von Halle im heutigen Sachsen-Anhalt und bis in den Raum von Stuttgart aufrecht erhielt (18, 19).

Solche Sichtweisen gehen ja nun schon weit über die These von der mitteleuropäischen bronzezeitlichen Stadtgeschichte hinaus, die wir seit etwa zehn Jahren hier auf dem Blog vertreten haben, und bei der wir glaubten, uns recht weit im Vorfeld der Mehrheitsmeinung in der Universitäts-Archäologie zu bewegen. Mit diesen Studien schließt diese nun schnell und zügig auf.

Gut kann man sich solche prestigeträchtigen "Königsgräber" übrigens verbunden denken mit den steinernen Eigendarstellungen eben dieser mittelneolithischen europäischen Kulturen, die wir hier auf dem Blog schon behandelt haben, und die durch diese neue Sichtweisen ebenfalls eine ganz neue  Einordnung erhalten (20). Es wird sich um die Darstellungen von Angehörigen der gesellschaftlichen Eliten handeln. All das würde heißen, daß die von Osten her ab 2.800 v. Ztr. erobernd sich über Europa ausbreitenden Königreiche der Schnurkeramik- und Glockenbecher-Kultur schon auf ebenso hierarchisch gegliederte einheimische Königreiche und Fürstentümer gestoßen sind. Das ändert völlig die Sichtweise auf das europäische Mittelneolithikum.

Insgesamt machen diese neuen Forschungen auf Umstände aufmerksam, deren Bedeutung man sich in der Forschung erst allmählich, nach und nach deutlicher bewußt werden wird und die man sich erst nach und nach wird vergegenwärtigen können. Zum Beispiel: Jene Prozesse des "genetic replacement", die ab 2.800 v. Ztr. die heutige genetische Verfaßtheit Europas hervorbrachten, fanden innerhalb staatlicher Strukturen statt, innerhalb staatlicher Strukturen in Form von Fürstentümern, vielleicht von Großreichen. Und damit dürften dann noch zahlreiche andere Schlußfolgerungen verbunden sein, die von den meisten Forschern heute vermutlich noch gar nicht zu Ende gedacht sind. So wird früher oder später geschlußfolgert werden können oder müssen, daß schon die proto-indeuropäischen Gottvorstellungen (Wiki) sozusagen "Reichsgottheiten" darstellten, Gottheiten also, die im Rahmen von größeren staatlichen Strukturen verehrt und angebetet worden sind - so wie das dann auch schon von den vorindogermanischen, mittelneolithischen Gottheiten wird angenommen werden können. Solche Großreiche deuten sich ja für Mittel- und Nordeuropa in den letzten Jahren auch immer mehr für die Bronzezeit an.

Vielleicht ist deshalb auch die staatliche Verfaßtheit der keltischen und germanischen Stämme wie sie in der Klassischen Antike von den Griechen und Römern des Mittelmeerraumes überliefert worden ist, noch gar nicht voll verstanden worden. Zum einen könnte sie einen kulturellen und zivilisatorischen Zustand festgehalten haben, wie er sich erst nach der Umbruchzeit um 1200 v. Ztr. in Mittel- und Nordeuropa ergeben haben könnte, wo es vorher - seit dem Mittelneolithikum - schon deutlich weiter fortgeschrittene staatliche Strukturen gegeben haben könnte. Zum anderen könnte es aber auch sein, daß man die schriftlichen Quellen der Griechen und Römer unter solchen Aspekten einfach noch einmal neu lesen muß.

Anhang: Breitete sich die Hausmaus mit dem Rinderwagen in Europa aus?

Eine weitere, neue archäogenetische Studie
- Sie kann - mit viel Aufwand - erneut nicht besonders viel klären
Wann also kommt sie endlich in Schwung, die deutsche, archäologische Hausmaus-Forschung?

Aber auch im Bereich der Hausmaus-Forschung ist soeben eine neue Studie erschienen (1). Dr. David Orton (Universität York) konnte ein wichtiges Puzzelteil zu dieser Studie beitragen, nämlich weitere Belege für das Vorhandensein der osteuropäischen Hausmaus (!) in Serbien um 4.500 v. Ztr. (2, 3).

Ob aber mit dieser Studie nun das Bild der frühesten Ausbreitung der Hausmäuse nach Europa insgesamt mehr Sicherheit erlangt als bisher? Diese Studie geht davon aus, daß die Hausmäuse sich erst in der Eisenzeit in Europa ausgebreitet haben. Uns war die Datenlage für diese These bislang zu dünn (4). Zumal ja schon im Jahr 2008 eine Studie von frühbronzezeitlichen Hausmäusen in Südengland berichtete (5). Die Studie zur Geschichte der Hausmaus auf den britischen Inseln von 2008 wird aber in dieser neuen Studie aus dem Jahr 2020 noch nicht einmal erwähnt. Dieser Umstand verstört uns. Wird diese britische Studie aus dem Jahr 2008 nicht als gute Forschung angesehen?

Daß es so auffallenderweise - nach einer Studie aus dem Jahr 2018 - die Syrische Wildkatze in der Nähe Rinderwagen besitzender bäuerlicher Siedlungen in Mitteleuropa gegeben hat (6, 7), wird in dieser neuen Studie als wichtiger Umstand benannt (1):

Paläogenetische Studien liefern eine klaren Hinweis darauf, daß die erste von Menschen vermittelte Verbreitung der Syrischen Wildkatze nach Europa von Anatoloien ausging und sich über das heutige Bulgarien um 4.400 v. Ztr., Rumänien um 3.200 v. Ztr. und Polen um 3.000 v. Ztr. vollzog.
Paleogenetic studies provide clear evidence that the first human mediated dispersal of F. s. lybica towards Europe stemmed from Anatolia, spreading towards current Bulgaria by 6,400 cal BP, Romania by 5,200 cal BP and up to Poland by 5,000 cal BP.

Tatsächlich weisen derzeit alle sichereren Forschungsergebnisse darauf hin, daß sich die (osteuropäische) Hausmaus und damit einhergehend die Syrische Wildkatze erst mit dem Rinderwagen erstmals in Europa ausgebreitet hat.

Von über 800 Funden von Mausüberresten in archäologischen Kontexten konnten nur 85 aufgrund äußerer anatomischer Merkmale Unterarten zugeordnet werden (1). Chemische und genetische Untersuchungsmethoden liefern inzwischen weitaus sicherere Daten. Die Studie konnte die westeuropäische Hausmaus (M. m. domesticus) in Höhlen des Zagros-Gebirges des Iran schon ab 40.000 v. h. feststellen (also während der Eiszeit), allerdings noch nicht im Zusammenhang mit Hinweisen auf menschliche Aktivitäten. Ähnliches gilt für die osteuropäische Hausmaus (M. m. musculus) am Südufer des Kaspischen Meeres.

Wie wir schon wissen, findet sich die westeuropäische Hausmaus dann schon in den Siedlungen des Natufium und des vorkeramischen Neolithikums im Fruchtbaren Halbmond an den Oberläufen von Euphrat und Tigris, in der Ursprungsregion der Seßhaftigkeit und des Ackerbaus (1, 9). Über die weitere Ausbreitung heißt es dann (1):

Nördlich des Kernbereiches des akeramischen Neolithikums fanden wir Hinweise für spätneolithische und kupferzeitliche Ausbreitung der westeuropäischen Hausmaus Richtung Kaukasus (....) zwischen 3.000 und 2.000 v. Ztr., was die Rolle des Nahen Osten bei dem neolithischen Verbreitungsmuster (der Hausmaus) unterstreicht. Östlich davon finden wie die Anwesenheit der westeuropäischen Hausmaus im südlichen Zagros und auf dem iranischen Plateau zwischen 5.000 und 4.000 v. Ztr..
Northward from the PPN core area, we found evidence for the Late Neolithic and Chalcolithic dispersal of M. m. domesticus towards Transcaucasia in Norsun Tepe and Ovçular Tepesi, between 5,000 and 4,000 cal BP (...), supporting the role of the Near East in the Neolithic makeup of Transcaucasia. Eastward, we found the presence of M. m. domesticus in the southern Zagros (Tol-e Nourabad) and Iranian Plateau (Tepe Zagheh) between 7,000 and 6,000 cal BP.

Dann folgt das vermutlich wichtigste Ergebnis dieser Studie: Um 6.000 und 5.000 v. Ztr. findet sich die Hausmaus auf dem griechischen Festland in Siedlungskontexten ausdrücklich noch nicht (1):

Alle zehn Mausüberreste aus früh-, mittel- und spätneolithischen Kontexten im kontinentalen Griechenland konnten als autochthoner "Wild-"Phänotyp (Mus macedonicus) sowohl aufgrund anatomischer Merkmale wie Cytochrom b-Untersuchungen  identifiziert werden, wobei diese direkt datiert werden konnten auf 6.000 v. Ztr. und 5.000 v. Ztr..
All of the ten samples from Early, Middle and Late Neolithic contexts from continental Greece have been identified as the autochthonous “wild” phenotype (Mus macedonicus) with GMM and Cytochrome b (...) and directly dated at Mavropigi (8,455 - 7,329 cal BP) and Avgi (7,424 - 7,175 cal BP). (...) In Aegean contexts, the occurrence of M. m. domesticus is only documented from the Bronze Age (...), where it occurs in all the Early, Middle and Late Bronze Age contexts of urban sites in Crete (GSE, Chania, Mochlos, and Malia) and Santorini (Akrotiri), strongly supporting the absence of house mouse in Neolithic contexts. Its occurrence in Akrotiri is confirmed by the Cytochrome b identification dated between 4521 and 3,864 cal BP.

Das ist ein sehr wichtiger Hinweis. In der Ägäis können Hausmäuse erst in der Bronzezeit nachgewiesen werden. Stattdessen finden die Forscher, daß nicht die westeuropäische, sondern die osteuropäische Hausmaus die erste Hausmaus-Unterart ist, die - für sie sicher - auf dem europäischen Kontinent nachgewiesen ist (1):

Ihr Auftreten ist dokumentiert in spätneolithischen / kupferzeitlichen Haushalts-Funden (4.500 v. Ztr.) in Tell-Siedlungen in Südost-Rumänien und Serbien.
Its occurrence is documented from Late Neolithic / Chalcolithic household deposits (mid 7th millennium BP) from tell sites in Southeastern Romania (Bucșani) and Serbia (Vinča-Belo Brdo). Its identification has been confirmed in Bucșani by ancient Cytochrome b sequences, secured for six specimens and a direct radiocarbon dating between 6,627 and 6,413 cal BP (...). The M. m. musculus remains in Vinča-Belo Brdo have not been directly dated but they have been sampled from a deposit that derives from a fire event confidently dated to 6510–6460 cal BP. The occurrence of commensal musculus has also been documented in Turkmenistan by 3,000 cal BP, with the remains of musculus being found in a storage jar from the proto-urban tell site of Ulug Depe.

An diesem Forschungsergebnis hatte, wie schon angedeutet, David Orton Anteil. Sein Anteil (2, 3) macht aber klar, wie kursorisch und zufällig und wenig systematisch die Hausmaus-Forschung für Kontinental-Europa immer noch ist. Wenn in dieser neuen Studie über 800 Hausmaus-Funde aus ganz Südwest-Asien gesammelt worden sind, das Ergebnis unser Wissen aber dennoch nur in der eben umrissenen Weise erweitert, dann sieht man daran, wie schwer hier Erkenntnisfortschritte zu erlangen sind. Würden die deutschen Zooarchäologen sich - endlich - intensiver in diese Forschungen einschalten, müßten doch recht zügig gültigere Forschungsergebnisse zu erlangen sein. Forschungsergebnisse jedenfalls, auf die wir hier auf dem Blog seit 12 Jahren warten.

Ein wichtiges Puzzelstück konnte aufgrund guter Überlegungen beigetragen werden

Denn dieses Thema ist uns hier auf dem Blog seit 2008 wichtig. Das neue Forschungsergebnis, daß sich die osteuropäische Hausmaus um 4.500 v. Ztr. auch schon in Serbien findet, ändert insgesamt das hier auf dem Blog vermittelte Bild noch wenig. Auch dies fällt in den Zeitraum, in dem sich die ersten Indogermanen gerne auch schon - wie bis Rumänien - bis Serbien ausgebreitet haben und dabei die osteuropäische Hausmaus von den Ufern des kaspischen Meeres oder vom Kaukasus aus mitgebracht haben (oder von noch weiter östlich ..., nämlich: China) (9). 

Die bisherigen spärlichen Hinweise in der archäologischen Literatur auf Überreste von Hausmäusen aus der Bandkeramik (insbesondere in Bylany), die wir hier auf dem Blog zusammen getragen hatten (10-14), wären also damit noch einmal erneut daraufhin zu überprüfen, ob es sich bei ihnen um die west- oder die osteuropäische Hausmaus handelt. Uns gefällt übrigens sehr der Ausgangspunkt der Überlegungen von David Orton (zit. n. 2):

"Die Leute sagten, daß Mäuse sich während des Neolithikums nicht nördlich des Mittelmeeres ausgebreitet haben, weil europäische Siedlungen nicht groß und dicht genug gewesen wären, um ihnen den ihnen angemessenen Lebensraum zu liefern. Aber nachdem ich diese großen Siedlungen an den serbischen Ausgrabungsorten kennen gelernt hatte, wußte ich, daß das so generell nicht wahr sein kann."
"People have said that mice didn't spread north of the Mediterranean in the Neolithic because the European settlements just weren't big or dense enough to support them, but having worked on these big Serbian sites I knew that wasn't universally true."

Das waren kluge Überlegungen, die unseren eigenen entsprechen, und die ja auch durch die Natufium-Studie sehr erhärtet worden sind (8). Wir möchten an dieser Stelle noch einmal auf unsere eigenen Überlegungen hinweisen, nach denen es vor der Eisenzeit niemals eine höhere Siedlungsdichte gegeben hat als zur Zeit der Bandkeramik (15). Diese unsere Überlegungen aus der Zeit zwischen 1995 und 2008 hatten allerdings noch nicht die Existenz der bronzezeitlichen mitteleuropäischen Höhenburgen und protourbanen Siedlungen mit einbeziehen können. Mit diesen ist ja - vermutlich - die Hausmaus in der Frühbronzezeit nach Südengland gekommen.

Natürlich stellen die Megasites der Cucuteni-Tripolye-Kultur, die es um 4.500 v. Ztr. auch in Serbien gegeben habt, und die der Ausgangspunkt der Überlegungen von David Orton waren, noch einmal eine ganz eigene Kategorie dar. Diese stehen aber zugleich auch in kultureller - und auch humangenetischer - Kontinuität zu den bandkeramischen Siedlungen, die sich bis an den Westrand der Ukraine ausgebreitet hatten. Aber der neue Gedanke, der auch uns durch diese neue Studie (1) aufgedrängt wird, könnte sein: Vielleicht fehlte im europäischen Frühneolithikum (Bandkeramik) Getreidetransport über weite Strecken hinweg, um der Hausmaus eine Ausbreitung in Kontinentaleuropa zu ermöglichen.

Es schält sich also derzeit heraus, daß sich die Hausmäuse in Europa mit den Rinderwagen-besitzenden Bauernkulturen ausgebreitet haben. Was in Osteuropa mit den osteuropäischen Hausmäusen möglich war, muß ja in Westeuropa auch mit den westeuropäischen Hausmäusen möglich gewesen sein (- ?). Zumal es eine so dezidierte Artgrenze gibt.

Aber solange eine Klärung solcher Fragen für den mitteleuropäischen Raum nur auf so vereinzelte Bemühungen von Archäologen wie David Orton zurückgehen, werden wir wohl noch länger auf eine abschließendere Klärung der hier erörterten offenen Fragen warten müssen. Der noch junge Archäologe David Orton ist auch auf Youtube auch mit einem Vortrag über die Archäologie der Hausratte vertreten (16). Mit dieser hatten wir uns hier auf dem Blog auch schon beschäftigt (17). Immerhin ermutigend, daß im aktuellen DGUF-Newsletter auf diese Forschungen hingewiesen worden ist (3). Dann sollte doch endlich auch einmal der eine oder andere maßgeblichere deutsche Archäologe wacher werden können bezüglich der hier behandelten Fragestellungen in der Forschung.

Siehe auch den Artikel von Michael Gross in "Current Biology" (27).

Ergänzung 15.5.2025: Eine neue archäogenetische Studie zeigt Eliten-Verwandtschaft rund um Großsteingräber auch für die Region Nordhessen/Südniedersachsen über mehr als 200 Kilometer hinweg für die dortige Wartberg-Kultur (3.500-2.800 v. Ztr.) (Wiki) und die Westliche Trichterbecher-Kultur (4.300-2.800 v. Ztr.) (Wiki) auf (28). Dies wird aufgezeigt anhand der Analyse von 129 Genomen, die aus Skeletten gewonnen werden konnten von den Fundorten in Altendorf, Niedertiefenbach, Rimbeck, Warburg und Züschen (alle Wartberg-Kultur), sowie dem Fundort Sorsum (Westliche Trichterbecher-Kultur). Die Genome dieser Menschen wiesen einen hohen Anteil westeuropäischer Jäger-Sammler-Genetik auf, nämlich zwischen 25 und 50 %, im Durchschnitt 35 %.


/ zuerst veröffentlicht 29. Mai 2020
(zu den Hausmäusen);
später erweitert um den ersten Teil /
_________________
  1. Tracking the Near Eastern origins and European dispersal of the western house mouse. Thomas Cucchi, Katerina Papayia (...) David Orton (...) François Bonhomme, Jean-Christophe Auffray & Jean-Denis Vigne. Open Access Published: 19 May 2020, Scientific Reports volume 10, Article number: 8276 (2020), https://www.nature.com/articles/s41598-020-64939-9
  2. A game of cat and mouse: new study reveals Europe’s earliest house mouse…. followed swiftly by the house cat.  21 May 2020, https://www.york.ac.uk/archaeology/news-and-events/news/external/news-2020/agameofcatandmousenewstudyrevealseuropesearliesthousemouse/
  3. https://dguf.de/newsletter/index.php/component/acymailing/mailid-99
  4. https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/05/keine-hausmaus-in-europa-vor-der.html 
  5. https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/10/die-hausmaus-als-eine-erkenntnisquelle.html
  6. https://www.nature.com/articles/s41437-018-0071-4
  7. https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/02/bandkeramik-wildkatzen-und-hausmause.html
  8. https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/die-hausmaus-gab-es-schon-im-natufium.html
  9. https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/09/die-stadte-der-indogermanen-und-ihre.html
  10. https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/05/die-hausmaus-in-der-weltgeschichte.html
  11. AT Clason: The animal bones of the Bandceramic and Middle Age settlements near Bylany in Bohemia. Published 1970-12-15 in: Palaeohistoria 14, 1968 (1970), https://ugp.rug.nl/Palaeohistoria/article/view/25009, https://rjh.ub.rug.nl/Palaeohistoria/article/viewFile/25009/22469
  12. A. M. Kreuz: ... in Analecta praehistorica Leidensia, Bände 23-24, Seite 52 
  13. Miloš Macholán, Stuart J. E. Baird, Pavel Munclinger, Jaroslav Piálek (eds.): Evolution of the House Mouse, 2012 (Google Books, p. 80)
  14. Kriegs, Jan Ole; Vierhaus, Henning (2016): Kleinsäugernachweise in Sedimenten der prähistorischen undhistorischen Emscher. In: Bodenaltertümer Westfalens (Researchgate
  15. https://studgendeutsch.blogspot.com/2009/01/die-weltgeschichtliche-bedeutung-der.html
  16. Dr David Orton: Archeology of Black Rat in Roman to Medieval Europe. (FULL Lecture) (180 Aufrufe, Stand 29.5.2020), 15.06.2018, Videokanal von Dr Victor Fursov - Entomologist Beekeeper (15.800 Abonnenten), https://youtu.be/1QEErcKVmrA.
  17. https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/02/von-ratten-gottern-menschen-und.html
  18. Gronenborn, Detlef: Anfänge der Urbanisierung im Rhein-Main-Gebiet – der Kapellenberg bei Hofheim am Taunus vor 6000 Jahren, https://web.rgzm.de/forschung/forschungsfelder/a/article/anfaenge-der-urbanisierung-im-rhein-main-gebiet-der-kapellenberg-bei-hofheim-am-taunus-vor-6000-jah/
  19. Gronenborn, D., Thiemeyer, H., Cramer, A., Antunes, N., Neubauer, D., & Pétrequin, P. (2020). A later fifth-millennium cal BC tumulus at Hofheim-Kapellenberg, Germany. Antiquity, 1-8. doi:10.15184/aqy.2020.79 (Cambridge
  20. https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/12/die-altesten-eigendarstellungen-der.html
  21. A dynastic elite in monumental Neolithic society. Lara M. Cassidy, Ros Ó Maoldúin, Thomas Kador, Ann Lynch, Carleton Jones, Peter C. Woodman, Eileen Murphy, Greer Ramsey, Marion Dowd, Alice Noonan, Ciarán Campbell, Eppie R. Jones, Valeria Mattiangeli & Daniel G. Bradley. Nature volume 582, pages 384–388 (2020), Published: 17 June 2020, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2378-6.
  22. https://www.nature.com/articles/d41586-020-01655-4
  23. https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/inzucht-in-der-steinzeitlichen-elite-irlands/
  24. https://studgendeutsch.blogspot.com/2011/08/4100-v-ztr-tertiare-neolithisierung-im.html
  25. https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/10/3100-v-ztr-der-rinderwagen-in-der.html 
  26. Brozio, Jan Piet et al. The Dark Ages in the North? A transformative phase at 3000–2750 BCE in the western Baltic: Brodersby-Schönhagen and the Store Valby phenomenon. Journal of Neolithic Archaeology, [S.l.], v. 21, p. 103–146, dec. 2019. ISSN 2197-649X. Available at: <http://www.jna.uni-kiel.de/index.php/jna/article/view/181>. Date accessed: 19 dec. 2019. doi: https://doi.org/10.12766/jna.2019.6. 
  27. Gross, Michael: Of mice, men, cats and grains. In: Current Biology, Juli 2020, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0960982220309908, http://proseandpassion.blogspot.com/2020/07/playing-cat-and-mouse.html
  28. Ben Krause-Kyora, Nicolas Antonio da Silva, Almut Nebel et al. Long-distance kinship in megalithic Europe, 06 May 2025, Preprint (Version 1) (Research Square) [https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-6464608/v1]

Samstag, 6. Juli 2019

Wie kamen skandinavische Hausmäuse nach Zypern?

Einige neue Daten und Überlegungen zur Hausmaus als archäologischer Indikator stadtähnlicher, gesellschaftlicher Komplexität

Eine Twitter-Diskussion mit zwei Archäologie-Professoren (siehe unten) (1, 2) gab Anlaß, auf Google Scholar einmal wieder zum neusten Stand der empirischen Forschung über die Weltgechichte der Hausmaus nachzusehen. Und siehe da, es gab durchaus etwas Neues zu entdecken, nämlich über die Verbindung der Wikinger mit der Hausmaus. So hatten wir vor fünf Jahren hier auf dem Blog schon darüber berichtet, daß es Hinweise darauf gibt, daß die Wikinger die skandinavische Hausmaus nicht nur auf Madeira, sondern auch auf den Azoren-Inseln eingeführt hatten (St. gen. 2014).

Abb. 1: Skandinavische Hausmaus-Haplogruppen auf Zypern - H4 (blau) findet sich vor allem im südlichen Zypern, vor allem in den Ortschaften: Lefkara (12.), Ormideia (20.), Tseri (26.), Xylophagou (27.), Lemesos (30.), H8 (dunkelgrün) findet sich in Athienou

Nun erscheint eine Studie (3), die Hinweise dafür zusammen trägt, daß die Wikinger die skandinavische Hausmaus auch auf der Insel Zypern eingeführt haben könnten, wo natürlich zuvor schon die westeuropäische (bzw. vorderorientalische) Hausmaus lebte, aber offenbar nicht mehr in so großer Siedlungsdichte, daß sie die Einwanderung der skandinavischen Hausmaus verhindert hätte. Es heißt da über die Haplogruppe 4 (H4) der Hausmäuse auf Zypern, die sich vor allem im südlichen Zypern findet:
H4 wurde in der größten Häufigkeit in den nordischen Ländern, sowie auf den britischen Inseln gefunden und es handelt sich um eine Abstammungslinie, die auch im Nahen Osten gefunden wurde, die sich aber offensichtlich mit den Wikingern rund um den Nordost-Atlantik verbreitete. H8 steht ebenso mit Skandinavien in Verbindung. Interessanterweise wurde H8 auf Madeira und auf den Kanarischen Inseln entdeckt und könnte dort von den Wikingern eingeführt worden sein. Wir behaupten keine Einführung auf Zypern durch die Wikinger, obwohl sogar Daten existieren, die Handel zwischen Zypern und Skandinavien während der Bronzezeit nahelegen. Die Einführung von H8 beruht mit größerer Wahrscheinlichkeit auf Handel in weniger lange zurückliegenden Zeiten.
H4 (clade F) is found at highest frequency in Nordic countries and the British Isles and is a lineage found in the Near East that apparently was spread around the northeast Atlantic by the Vikings (Searle et al., 2009). H8 (clade D) has also been associated with Scandinavia (Searle et al., 2009). Interestingly, H8 was detected in Madeira and the Canary Islands and could represent a possible Viking introduction (Förster et al., 2009). We are not suggesting a Viking introduction on Cyprus, although there are data suggesting trade between Cyprus and Scandinavia during the Bronze Age (Ling et al., 2014); the introduction of H8 is most likely due to more recent trade.
H4 findet sich - wie man der Grafik auf Abbildung 1 entnehmen kann - insbesondere in den zyprischen Ortschaften Lefkara (12.), Ormideia (20.), Tseri (26.), Xylophagou (27.) und Lemesos (30.). H8 findet sich in der zyprischen Ortschaft Athienou. Da in Athienou eine isolierte Herkunftsgruppe zu leben scheint, sei diesem Ort ein wenig mehr nachgegangen. Athienou ist seit der Mittleren Bronzezeit besiedelt (Wiki). Und weiter ist zu erfahren (Wiki):
In hellenistischer Zeit befand sich auf dem Gebiet des heutigen Ortes das antike Königreich Golgoi, das von dem griechischen Dichter Theokritos im dritten Jahrhundert vor Christus beschrieben wurde. Golgoi wurde bekannt durch den Kult um die griechische Göttin Aphrodite, noch bevor der Kult in Paphos aufkam.
Kupferbarren und Bronzegegenstände der Nordischen Bronzezeit Schwedens nun stammen - wie im Zitat erwähnt - spätestens seit 1600 v. Ztr. nicht aus Schweden selbst, sondern der Kupfer, aus dem sie bestehen, ist abgebaut worden in Österreich, Spanien, Sardinien und Zypern (4):
Abgesehen von einer stetigen Belieferung von Kupfer aus alpinen Erzen in Nordtirol, scheinen die Hauptquellen für Kupfer aus Erzen auf der iberischen Halbinsel und von Sardinien bestanden zu haben.
Apart from a steady supply of copper from the Alpine ores in the North Tyrol, the main sources of copper seem to be ores from the Iberian Peninsula and Sardinia.
Und (5):
Das Kupfer auf Zypern hatte relativ hohe Qualität ...
The Cypriot copper was of relatively high quality, and it was known to be smelted into the so-called ‘oxhide’ ingots – the name given to copper slabs with extruded corners for ease of hauling. Each of these ingots might have weighed over 82 lbs (or 37 kg), and many of such extant specimens have not only been found in Cyprus, but also from mainland Greece and Turkey.
Und (5):
Das Kupfer aus dem Mittelmeerraum wurde in Schweden nicht in großen Massen importiert, vielmehr fand es "tröpfchenweise" seinen Weg an die Ufer Skandinaviens durch einige erweiterte Handelsrouten der Bronzezeit.
The study entailed the assessment of around 70 bronze daggers and axes from Bronze Age Sweden by researchers from Sweden’s University of Gothenburg (headed by Dr. Johan Ling). To their surprise, the scientists found that a few of these extant artifacts were made of superior Cypriot copper. Interestingly enough, Dr. Ling has suggested that the Mediterranean copper was not imported to Sweden in mass-scale, but rather ‘trickled’ (tröpfchenweise) to the Scandinavian shores through some extended Bronze Age trade route. 
Über Athienou ist weiterhin zu erfahren (6):
Athienou ist gelegen am Fuße der Berge, von wo die Ebenen ebenso gut zu erreichen sind wie die Bergbau-Regionen.
Athienou is situated in the foothills, in close proximity of both the central plain and mining districts such as Troulli or Sha. (...) A total number of minature juglets (Kännchen) which have been found in stratum III (...) has been estimated at 10.000. Consequently, the site has been interpreted as a sanctuary, which formed a regional centre in networks of production and exchange. Associated with the cultic activities was metal production, as is indicated by copper ore and nodules.
Wenn nun in der Studie (3) die Möglichkeit nahegelegt wird, daß die Hausmaus schon in der Bronzezeit von Skandinavien nach Zypern gelangt sein könnte, so muß darauf hingewiesen werden, daß die Hausmaus in der Bronzezeit nur für Südengland nachgewiesen ist, für Skandinavien bislang - unseres Wissens - gar nicht. Nach allem, was uns bekannt geworden ist, hat sich die skandinavische Hausmaus überhaupt erst bilden können durch das Zusammentreffen von west- und osteuropäischer Hausmaus. Und das kann - von dem Verbreitungsgebiet der skandinavischen Hausmaus aus zu schließen - nur südlich der Ostsee geschehen sein. Wir nehmen an, in der wikingerzeitlichen Handelsstadt Starigard in Ostholstein oder in deren Nähe, wohin sich beide Hausmaus-Arten ausgebreitet haben könnten (St. gen. 2008). Somit werden beide Abstammungslinien auf wikingerzeitlichen Getreide-Fernhandel zwischen Skandinavien und Zypern zurückzuführen sein. Ganz richtig aber schreiben die Forscher (3):
Zukunftige Ancient-DNA-Studien in dieser Region dürften dabei helfen, die unterschiedlichen Wellen der Einführung der Hausmaus auf Zypern zeitlich einzugrenzen wie sie durch die gegenwärtige Forschung haben aufgezeigt werden können.
Future ancient DNA studies in this geographic region might help resolve the different waves of mouse introduction indicated by the present research.
Im folgenden sei noch die einleitend erwähnte Twitter-Diskussion dokumentiert und kommentiert.

Sollten Wikinger-Thingstätten als urbane Orte begriffen werden?


Im Bereich der vorgeschichtlichen Stadtgeschichtsforschung fragt der US-amerikanische Archäologe Michael E. Smith in Erarbeitung eines neuen monographischen Überblicks (1) auf Twitter (2):
Sollte eine Thing-Stätte der Wikinger als urbaner Ort begriffen werden?
Should a Viking Thing-site be considered urban?
Womit angesprochen ist: Auch nur phasenweise jahreszeitlich genutzte Orte können das Charakteristikum "urban" aufweisen, sie können als stadtähnlich begriffen werden. Hier scheint ja nicht infrage zu stehen, daß die Wikinger - natürlich - Handelsstädte hatten. Da aber nach den historischen Quellen an Thing-Stätten saisonal auch sehr viel Handel stattgefunden hat, darf durchaus gefragt werden, ob die Thing-Stätten mit zur Stadtgeschichte der Wikinger dazu genommen werden sollten Und wenn des der Fall ist, wird man dies auch hinsichtlich der bronzezeitliche Stadtgeschichte Mitteleuropas neu überdenken können, die hier auf dem Blog in einer langen Blogartikel-Serie seit 2008 Thema ist. Wir antworteten auf diese Frage deshalb einmal - im Einklang mit vielen Beiträgen hier auf dem Blog (2):
Die Wikinger hatten die Hausmaus. Ich denke, daß dieser Umstand einer der besten Hinweise auf soziale Komplexität und städtisches Leben darstellt. Südengland hatte die Hausmaus schon in der Bronzezeit. Deshalb hatte das bronzezeitliche Mitteleuropa städtisches Leben ebenfalls, wenn man diesem Gedanken folgt (genannt "Höhenburgen")
Original: The Vikings had the house mouse. I think this is one of the best evidences for social complexity and urban life. Southern England had the house mouse as early as in the Bronze Age. So Bronze Age Central Europe had urban life too following this evidence (called "Höhenburgen").
Smith bat mich um Literaturangaben, die ich ihm per Email schickte. Der Archäologe David Wengrow schrieb zwischenzeitlich sehr informiert (2):
Die Natufier hatten ebenfalls schon die Hausmaus - womöglich die erste Hausmaus überhaupt - um 12.000 v. Ztr. - aber wie sehr ich meine Phantasie auch bemühe - sie hatten keine Stadtkultur. Wird das nicht ziemlich sicher sehr viel eher etwas mit seßhaftem Leben als mit Stadtkultur zu tun haben?
Natufians also had the house mouse - possibly the very first house mice - by 12kyr, but they weren't urban by any stretch of imagination. Surely this has more to do with sedentary life than urbanism?
Das ist genau die Frage, mit der wir uns hier auf dem Blog schon seit mehr als zehn Jahren beschäftigen. Seit wir entdeckten, daß die Ausgangspopulation der skandinavischen Hausmaus in Ostholstein entstand durch Mischung zwischen der ost- und der westeuropäischen Hausmaus, und als wir uns die Frage stellten, zu welchem Zeitpunkt diese skandinavische Hausmaus eigentlich entstanden ist. Schon bei der Einführung des Ackerbaus in Skandinavien ab 4.300 v. Ztr. oder erst mit den Wikingern? Von dieser Ausgangsfrage ausgehend ergaben sich vielfältige weitere Fragestellungen bezüglich sozusagen der "Weltgeschichte der Hausmaus", verschlagwortet unter "Hausmaus", sowie dann bezüglich der "Bronzezeitliche Stadtgeschichte Mitteleuropas" (verschlagwortet: "Bronzezeitliche Stadtgeschichte"). Toll, daß sich auch andere Forscher interessiert zeigen. Unser vorläufiges Ergebnis war schon vor allerhand Jahren, daß die Bandkeramiker wahrscheinlich die westeuropäische Hausmaus schon hatten, daß nach ihrem Untergang die gesellschaftliche Komplexität der Nachfolgekulturen wohl nicht groß genug war, damit sich die Hausmaus in Mitteleuropa hielt, und daß sich die Artgrenze zwischen der west- und der osteuropäischen Hausmaus von der Adria ausgehend nach Norden wohl dann ab dem Spätneolithikum und der Frühbronzezeit herausgebildet haben wird mit der Ausbreitung der (schnurkeramischen? oder) aunjetitzerzeitlichen Höhenburgen, sich dabei aber nicht über den Nordrand der Mittelgebirge ausgedehnt haben wird (ähnlich auch nur nach Südengland), und daß die skandinavische Hausmaus in Ostholstein erst entstehen konnte, nachdem Karl der Große die Stadtkultur über Sachsen hinweg an die Elbe ausgebreitet hat. So unser vorläufiger Erkenntnisstand. Dieser versucht natürlich nur anhand sehr vager bisheriger Hinweise versucht, ein Gesamtbild widerspruchslos zusammenzusetzen. Michael E. Schmith meinte (2):
Ja, die (eher spärlichen) Daten legen Seßhaftigkeit nahe. Mit mehr vorliegenden Daten und ihrer Analyse könnte dies ein sinnvoller Weg der Erforschung der Stadtgeschichte in der Zukunft sein.
Wengrow dazu (2):
Ja, besonders für sehr große Städte, wo betonte jahreszeitliche Besiedlung zumindest möglich erscheint (zum Beispiel Tripolje).
Yes, especially for very large sites where pronounced seasonal occupation is at least a possibility (e.g. Tripillye).
Genauso sehen wir es auch. Und deshalb schrieben wir - im Einklang mit den Beiträgen dazu hier auf dem Blog (2):
Seit wir wissen, daß die Natufier die Hausmaus hatten, sollten wir die Natufier vielleicht überdenken betreffend a) ihrer Siedlungsdichte, b) ihrer Massenvorratshaltung von Getreide und c) ihrem Fernhandel von Getreide. Man schaue sich die Geschichte der Hausmaus im bronzezeitlichen, eisenzeitlichen und kaiserzeitlichen Großbritannien an.
Since we know that, Natufians had the house mouse, maybe we should reconcider them concerning: settlement density, mass storage of grain and long distance trade of grain. Look at Mus musculus in Bronze Age (black dots), Iron Age and Roman Britain ( https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rspb.2008.0958 … ).
Und wir setzten fort (2):
Betreffend Tripolje: Die (weiter westlich in Rumänien gelegene) Gumelnita-Karanovo-Kultur hatte die osteuropäische Hausmaus schon 3.600 v. Ztr.. Dennoch scheinen sich die Forscher bislang nicht sicher zu sein über eine Verbindung zwischen der Hausmaus und der Siedlungsdichte in Osteuropa.
Concerning Tripillia: Gumelnița-Karanovo had the eastern European house mouse around 3.600 bc. https://doi.org/10.1177%2F0959683611405233 … . Nevertheless, scientists seem not to be sure yet about a connection between house mouse and settlement density in Eastern Europe ( https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23820581  ).
Und (2):
I think it is important to take into consideration, that there exists a species boundary between the western and the eastern house mouse from the Adria to the Baltic sea and that the Viking house mouse is a mixture of both, stemming from Eastern Holstein (Oldenburg-Starigard). There are not so many alternatives for the explanation of these circumstances, if we take into consideration Bronze Age house mouse in Southern England but not Scandinavia. - Yes we do not have enough data. But in LBK-Bylany they have found the house mouse. LBK had the highest settlement density in middle Europe before the Early Middle Ages. So, why not consider at least "urban Thing-sites" for them (and for the Natufians)?
So hoffen wir, zwei Archäologie-Professoren einige Denkanstöße in Richtung auf das haben gegeben zu können, war wir schon seit mehr als zehn Jahren hier auf dem Blog propagieren, nämlich in Richtung auf das Thema "Die Hausmaus als Erkenntnisquelle der Historiker".

Im folgenden einmal eine Liste jener Forschungsliteratur, auf die wir uns bezüglich dieses Themas hier in diesem Blog bezogen haben, gegenchronologisch angeordnet (7-23), ausgehend von einer Studie aus dem Jahr 1987 (22).
_______________________________________
  1. Smith, Michael E.: Urban Life in the Distant Past: A Comparative Archaeological Approach. Noch nicht erschienen
  2. Smith, Michael E.; Wengrow, David: Should the Vikings be considered urban?, Twitter, 30.6.2019, https://twitter.com/davidwengrow/status/1146767596441735169
  3. Cyprus as an ancient hub for house mice and humans. By Oxala García‐Rodríguez, Demetra Andreou, Jeremy S. Herman, George P. Mitsainas, Jeremy B. Searle, François Bonhomme, Eleftherios Hadjisterkotis, Holger Schutkowski, Richard Stafford, John R. Stewart, Emilie A. Hardouin. Journal of Biogeography, First published: 04 November 2018, https://doi.org/10.1111/jbi.13458, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/jbi.13458
  4. Moving metals II: provenancing Scandinavian Bronze Age artefacts by lead isotope and elemental analyses. Johan Ling, Zofia Stos-Gale, Lena Grandin, Kjell Billström, Eva Hjärthner-Holdar, Per-Olof Persson, Journal of Archaeological Science Volume 41, January 2014, Pages 106-132 Journal of Archaeological Science, https://doi.org/10.1016/j.jas.2013.07.018, https://www.waughfamily.ca/Ancient/Moving%20metals%20II%20 provenancing%20Scandinavian%20Bronze%20Age%20artefacts.pdf 
  5. 3,600-year old Cypriot copper-made axes found in Bronze Age Sweden.  Dattatreya Mandal, 17.5.2016, https://www.realmofhistory.com/2016/05/17/cypriot-copper-axes-bronze-age-sweden/
  6. Athienou – Bamboulari tis koukouninas. In:  Gert Jan van Wijngaarden: Use and Appreciation of Mycenaean Pottery in the Levant, Cyprus and Italy (ca. 1600-1200 BC) Amsterdam University Press 2002, pp. 161-168 (8 pages) https://www.jstor.org/stable/j.ctt45kdgc.14
  7. Human mediated dispersal of cats in the Neolithic Central Europe, Preprint, February 2018, DOI10.1101/259143; Autoren: Mateusz Baca, Danijela Popovic, Hanna Panagiotopoulou, Adam Nadachowski u.a., in: Heredity doi: 10.1038/s41437-018-0071-4, zuvor: https://www.biorxiv.org/content/early/2018/02/05/259143, https://www.researchgate.net/publication/322963212_Human _mediated_dispersal_of_cats_in_the_Neolithic_Central_Europe
  8. Stolze, Cornelia: Eine Maus beißt sich durch. Die kleinen Nager als Modellsystem für die Arbeitsweise der Evolution. In: MaxPlanckForschung 4/2017, S. 56-63, https://www.mpg.de/11901153/W003_Biologie_Medizin_056-063.pdf, https://www.mpg.de/11901153/W003_Biologie_Medizin_056-063.pdf
  9. Origins of house mice in ecological niches created by settled hunter-gatherers in the Levant 15,000 y ago. By Lior Weissbrod, Fiona B. Marshall, François R. Valla, Hamoudi Khalaily, Guy Bar-Oz, Jean-Christophe Auffray, Jean-Denis Vigne, and Thomas Cucchi. In: PNAS April 18, 2017 114 (16) 4099-4104; first published March 27, 2017 https://doi.org/10.1073/pnas.1619137114, http://www.pnas.org/content/114/16/4099.abstract
  10. Kriegs, Jan Ole; Vierhaus, Henning (2016): Kleinsäugernachweise in Sedimenten der prähistorischen undhistorischen Emscher. In: Bodenaltertümer Westfalens, https://www.researchgate.net/publication/286452764 _Kleinsaugernachweise_in_Sedimenten_d er_prahistorischen_und_historischen _Emscher 
  11. What can the geographic distribution of mtDNA haplotypes tell us about the invasion of New Zealand by house mice Mus musculus? By Carolyn King, Alana Alexander, Tanya Chubb, Ray Cursons, Jamie MacKay, Helen McCormick, Elaine Murphy, Andrew Veale, Heng Zhang, First Online: 11 March 2016Biological Invasions, June 2016, Volume 18, Issue 6, pp 1551–1565, https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs10530-016-1100-y
  12. Gabriel SI1, Mathias ML, Searle JB: Of mice and the "Age of Discovery" - The complex history of colonization of the Azorean archipelago by the house mouse (Mus musculus) as revealed by mitochondrial DNA variation. J Evol Biol. 2014 Nov 14. doi: 10.1111/jeb.12550
  13. Suzuki H, Nunome M, Kinoshita G, Aplin KP, Vogel P, Kryukov AP, Jin ML, Han SH, Maryanto I, Tsuchiya K, Ikeda H, Shiroishi T, Yonekawa H, & Moriwaki K (2013). Evolutionary and dispersal history of Eurasian house mice Mus musculus clarified by more extensive geographic sampling of mitochondrial DNA. Heredity, 111 (5), 375-90 PMID: 23820581; Heredity (2013) 111, 375–390
  14. Cucchi, T., Balasescu, A., Bem, C., Radu, V., Vigne, J., & Tresset, A. (2011). New insights into the invasive process of the eastern house mouse (Mus musculus musculus): Evidence from the burnt houses of Chalcolithic Romania The Holocene DOI: 10.1177/0959683611405233 
  15. Jeremy B. Searle, Catherine S. Jones, İslam Gündüz, Moira Scascitelli, Eleanor P. Jones, Jeremy S. Herman, R. Victor Rambau, Leslie R. Noble, R.J. Berry, Mabel D. Giménez, Fríða Jóhannesdóttir (2008). Of mice and (Viking?) men: phylogeography of British and Irish house mice Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, DOI: 10.1098/rspb.2008.0958 
  16. Cucchi, Thomas; Vigne, Jean-Denis; Auffray, Jean-Christophe: First occurence of the housemouse (Mus musculusdomesticus) in the Western Mediterranean: a zooarchaeological revisionof subfossil occurences. In: Biological Journal of the Linnean Society, 2005, 84, 429-445
  17. Vigne, J.-D. et. al. : Early Taming of the Cat in Cyprus. In: Science, Vol. 304, 9.4.2004, S. 259
  18. Gündüz I., Auffray J.-C., Britton-Davidian J., Catalan J., Ganem G., Ramalhinho M.G., Mathias M.L. and Searle J.B. (2001) Molecular studies on the colonization of the Madeiran archipelago by house mice. Molecular Ecology, 10, 2023-2029
  19. Boursot P., Din W., Anand R., Darviche D., Dod B., Von Deimling F., Talwar G. P. and Bonhomme F. (1996): Origin and radiation of the house mouse: mitochondrial DNA phylogeny. Journal of Evolutionary Biology, 9, 391-415
  20. Benecke, Norbert: Archäozoologische Studien zur Entwicklung der Haustierhaltung. Akademie Verlag, Berlin 1994
  21. Auffray, J-C; Vanlerberghe, F.; Britton-Davidian, J.: The house mouse progression in Eurasia: a palaeontological and archaeozoological approach. In: Biological Journal of the Linnean Society, 1990, 41, 13-25
  22. Gyllensten U., Wilson Allan C. (1987): Interspecific mitochondrial DNA transfer and the colonization of Scandinavia by mice. In: Genetical research , 49 (1), 1987, S. 25-29
  23. AT Clason: The animal bones of the Bandceramic and Middle Age settlements near Bylany in Bohemia. Published 1970-12-15 in: Palaeohistoria 14, 1968 (1970), https://ugp.rug.nl/Palaeohistoria/article/view/25009, https://rjh.ub.rug.nl/Palaeohistoria/article/viewFile/25009/22469

Dienstag, 27. Februar 2018

Bandkeramik, Wildkatzen und Hausmäuse

Kamen syrische Wildkatzen als Kulturfolger nach Mitteleuropa?

Nach einer neuen polnischen ancientDNA-Studie (1) treten zwischen 3.500 v. Ztr. und 2.000 v. Ztr. Wildkatzen des Vorderen Orients (Felis silvestris lybica) (Wiki) im Umfeld von bäuerlichen Siedlungen in Mitteleuropa auf. Das deutet darauf hin, daß syrische Wildkatzen als Kulturfolger mit den ersten bäuerlichen Kulturen, die Rinderwagen benutzten, aus dem Mittelmeerraum nach Mitteleuropa kamen.

Abb. 1: Ausbreitungsgebiete der europäischen Wildkatze (grün), sowie der vorderorientalischen Wildkatze (braun), aus der die heutige Hauskatze hervorging (ebenfalls braun) (aus: 1)

Anhand dieser Erkenntnisse kann nun genauer eingegrenzt werden, wie sich die mutmaßliche Hauptbeute dieser syrischen Wildkatze ausbreitete in Mitteleuropa, nämlich die Westeuropäische Hausmaus, die zugleich die vorderorientalische Hausmaus ist. Darüber wird in der neuen Studie gar nichts gesagt, aber es kann dazu gesagt werden, daß Voraussetzung des Aussterbens der syrischen Wildkatze in Mitteleuropa um 2.000 v. Ztr. das gleichzeitige Aussterben der westeuropäischen Hausmaus in Mitteleuropa gewesen sein wird.

Aber um 4.300 v. Ztr. findet sich die osteuropäische Hausmaus schon in Varna in Bulgarien, wo zugleich die ersten Indogermanen feststellbar sind. Mit ihnen wird sie sich dann in den Folgejahrhunderten weiter nach Westen ausgebreitet haben, nachdem dort um 2.000 v. Ztr. sowohl die syrische Wildkatze als auch ihr Beutetier, die westeuropäische Hausmaus vorläufig wieder ausgestorben sein werden.

Vielleicht die indogermanische, westeuropäische Glockenbecherkultur brachte dann die westeuropäische Hausmaus um 2.300 v. Ztr. nach Südengland - oder ihre frühbronzezeitliche Nachfolgekultur. In dieser Zeit des Spätneolithikums oder der Frühbronzezeit breiteten sich vermutlich osteuropäische und westeuropäische Hausmaus so in Europa aus, daß sie die heutige Artgrenze von der Adria über den Bayrischen Wild gen Norden ausbildeten. Vieles deutet darauf hin, daß das Schwanken des Auftretens der Hausmaus - wie schon im Frühneolithikum im Vorderen Orient - auch in Mitteleuropa mit der jeweiligen Siedlungsdichte korreliert (quasistädtische Siedlungsweise und überregionaler Handelsaustausch).

Die domestizierte Katze kam nach derzeitigem Kenntnisstand erst mit den Römern wieder nach Mitteleuropa. Zwischen 2.300 v. Ztr. bis 100 v. Ztr. könnte also nach derzeitigem Forschungsstand als Hauptfeind der Hausmäuse in Mitteleuropa die europäische Wildkatze in Betracht gezogen werden.

Ergänzung 15.7.2020: Nach neuen Isotop-Untersuchungen lebten die genannten Syrischen Wildkatzen halbwild im Umfeld der menschlichen Siedlungen, ernährten sich nicht nur von Hausmäusen, sondern auch von Wildmäusen und wurden nicht von den Menschen gefüttert (5).

/ Korrektur der Datierungen: 
29.5.2020 /

Aktualisierung: Eine neue archäogenetische Studie geht davon aus, daß die nordafrikanischen Katzen erst in den letzten Jahrhunderten v. Ztr. domestiziert wurden und sich dann mit der römischen Zivilisation nach Mittel- und Nordeuropa verbreiteten (SciMag25, Resg25).


________________
*) Ich hatte ursprünglich bei der Datierung statt BP BC gelesen!!!! (Holzauge, sei wachsam!)
_______________________________________________
  1. Human mediated dispersal of cats in the Neolithic Central Europe, Preprint, February 2018, DOI10.1101/259143; Autoren: Mateusz Baca, Danijela Popovic, Hanna Panagiotopoulou, Adam Nadachowski u.a. (biorxiv2018) (Resg2018) - Published: 28 March 2018, in: Heredity, Heredity volume 121, pages 557–563(2018), doi: 10.1038/s41437-018-0071-4 (Nature2018)
  2. Bading, Ingo: Die weltgeschichtliche Bedeutung der bandkeramischen Kultur. 22.1.2009, https://studgendeutsch.blogspot.com/2009/01/die-weltgeschichtliche-bedeutung-der.html
  3. Kriegs, Jan Ole; Vierhaus, Henning (2016): Kleinsäugernachweise in Sedimenten der prähistorischen undhistorischen Emscher. In: Bodenaltertümer Westfalens, https://www.researchgate.net/publication/286452764_K leinsaugernachweise_in_Sedimenten_der_prahistorischen_und _historischen_Emscher
  4. AT Clason: The animal bones of the Bandceramic and Middle Age settlements near Bylany in Bohemia. Published 1970-12-15 in: Palaeohistoria 14, 1968 (1970), https://ugp.rug.nl/Palaeohistoria/article/view/25009, https://rjh.ub.rug.nl/Palaeohistoria/article/viewFile/25009/22469
  5. Nadja Podbregar: Wie lebten die Vorfahren unserer Hauskatzen?, 13. Juli 2020, https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/wie-lebten-die-vorfahren-unserer-hauskatzen/

Montag, 12. Februar 2018

Regionale Dialekt- und Fortpflanzungsgruppen innerhalb von Unterarten der Hausmaus

Die Forschungen von Professor Diethard Tautz am Max-Planck-Institut in Plön

Vier Tagen führte ich über Facebook eine intensivere private Diskussion mit einem recht kritischen Doktoranden im Bereich der deutschen Bronzezeit-Archäologie. Er begegnete meinen Thesen zur sozialen Komplexität bronzezeitlicher Gesellschaften im heutigen Mitteleuropa und von Fernhandel mit dem Mittelmeer mit sehr großer Skepsis. Ich argumentierte natürlich nicht zuletzt - wie schon oft auf dem Blog geschehen - mit der Hausmaus-Forschung. Aber seine Skepsis verunsicherte mich auch ein wenig und ließ mich auf Einwände kommen, die ich zuvor niemals bedacht hatte. Ich schrieb ihm unter anderem: 
".... Wenn die Hausmaus nicht an quasi-städtische Siedlungsweise gebunden wäre, müßte man erklären, warum die Hausmaus ab der Frühbronzezeit zwar in Südengland auftritt (aber nicht weiter nördlich) und warum sie - offenbar - auch in Skandinavien erst mit den dortigen ersten Städten und gut bezeugtem Fernhandel der Wikinger-Zeit auftritt - und nicht früher. (Ich glaube, man darf davon ausgehen, daß es keine Gen-Kultur-Koevolution in der Verhaltensgenetik der Hausmäuse gegeben hat, die dazu führte, daß sich Hausmäuse in der Bronzezeit anders verhalten haben als in der Wikingerzeit. Aber jetzt wo wir darüber reden, kommt mir der Gedanke, daß das natürlich auch der Fall sein könnte. Aber ich halte das bis auf weiteres erst einmal für unwahrscheinlich.)"
"Bis auf weiteres", so hatte ich erst vor vier Tagen geschrieben. Und dieses weitere tritt schon vier Tage später ein. Da halte ich nämlich die neueste Ausgabe des Wissenschafts-Magazins der Max-Planck-Gesellschaft in Händen. Und darin findet sich ein Artikel über brandneue (deutsche) Forschungen zur - man halte sich fest: Gen-Kultur-Koevolution der Hausmäuse (1).

Da werde ich wohl behaupten dürfen, daß ich begeistert bin.




Die in diesem Artikel behandelten Studien von Diethard Tautz warten mit einer Fülle von Neuerkenntnissen auf. Hausmäuse haben offenbar sogar innerhalb von Unterarten eigene lokale Pieps-Dialekte. Wobei die Weibchen offenbar viel mehr piepsen und über Lautäußerungen miteinander kommunizieren als die Männchen. Nämlich dann, wenn sie unter sich sind. (... Äähm, .... das kennt man doch irgendwoher ...)

Vermischt man Hausmäuse derselben Unterart aus Köln mit solchen aus dem französischen Zentralmassiv tun die das in der ersten Generation recht fröhlich. - - - In den Folgegenerationen aber wählen sie sich ihre Paarungspartner nach ihren väterlichen Vorfahren. Warum weiß noch kein Mensch.

Auch die Hausmäuse auf Helgoland paaren sich nur noch untereinander und so gut wie gar nicht mehr mit immer wieder auf Helgoland eintreffenden Neuankömmlingen derselben (westeuropäischen) Unterart.

Hausmäuse können sich auch innerhalb weniger Generationen genetisch an neue Lebensräume anpassen. Und das Verrückteste: Es konnte aufgezeigt werden, daß bei diesen genetischen Neuanpassungen neue Genabschnitte innerhalb der sogenannten Junk-DNA abgelesen werden. Hier stoßen wir also gleich auf einige der grundlegendsten, erst in den letzten Jahren bekannt gewordenen Mechanismen der Artbildung hinunter.

Die Erkenntnispotentiale der Hausmaus muß der Genetiker Allan C. Wilson schon voraus geahnt haben, als er jenen Aufsatz über die skandinavische Hausmaus schrieb, durch den auch ich selbst vor allerhand Jahren auf das spannende Thema Hausmaus gestoßen bin (2, 3).

Jetzt darf man also nur noch warten, daß sich endlich einmal der erste deutsche Archäologe der Hausmaus-Forschung zuwendet. Deutschland und Mitteleuropa sind archäologisch gesehen - soweit man das mitbekommt - fast der letzte weiße Fleck hinsichtlich der Hausmaus-Forschung innerhalb der weltweiten archäologischen Forschung.

Aber womöglich wird man über ancient-DNA bald auch direkt erforschen können, an welche Lebensweise und Umweltbedingungen Hausmäuse der Bronzezeit angepaßt waren. Wenn man denn nicht gar zu generelle Schlüsse ziehen will aus einem Überblick nach heutigem Kenntnisstand über die Weltgeschichte der Hausmaus auf jene Umwelten, in denen Hausmäuse in der Regel nur zu leben scheinen.

Ergänzung 6.7.2019

Den Professor Diethard Tautz hatte ich in ganz schlechter Erinnerung, da er während des Sarrazin-Debatte des Jahres 2010 und seither - wie man finden kann - unsägliche Argumente zusammen trägt, aufgrund deren er meint, zum Schluß kommen zu können, daß es angeborene Begabungsunterschiede zwischen Völker und Rassen beim Menschen nicht gäbe. Er ist seit 2009 Vorsitzender des Verbandes der Deutschen Biologen (VBIO) und auf meine Kritik an der diesbezüglichen Stellungnahme dieses Verbandes seinerzeit (4) hat auch der geschätzte deutsche Intelligenzforscher Volkmar Weiß (Leipzig) positiv Bezug genommen in eigenen Stellungnahmen zu dem Thema.

In diesem Beitrag aber entdeckte ich, daß Diethard Tautz ANSONSTEN ja so "dumm" gar nicht ist wie er sich beim Thema Volks- und Rassenunterschiede beim Menschen gibt. Und ab Minute 18:30 eines neuen Vortrages aus dem Juni 2019 (5) berichtet Tautz etwa von der gänzlichen Vereisung der Erde (Schneeball-Erde) und weist auf Forschungsdaten hin, daß diese zu einer Beschleunigung der Evolution geführt haben könnte. Und zwar ablesbar an der Evolution der Genome. Die mit diesen Ausführungen geweckten Erwartungen werden aber im weiteren Vortrag dann doch nicht eingelöst. Man fragt sich auch, wie man über so viele so spannende Fragestellungen so vergleichsweise gelangweilt berichten kann. Am Ende des Vortrages (nach 1 Stunde und 9 Minuten) geht er auch kurz auf die Rasseunterschiede beim Menschen ein, und warum es die aus genetischer Sicht gar nicht geben könne ....

Ergänzt: 6.7.2019

__________________________________________________
  1. Stolze, Cornelia: Eine Maus beißt sich durch. Die kleinen Nager als Modellsystem für die Arbeitsweise der Evolution. In: MaxPlanckForschung 4/2017, S. 56-63, https://www.mpg.de/11901153/W003_Biologie_Medizin_056-063.pdf, https://www.mpg.de/11901153/W003_Biologie_Medizin_056-063.pdf
  2. Gyllensten U., Wilson Allan C. (1987): Interspecific mitochondrial DNA transfer and the colonization of Scandinavia by mice. In: Genetical research , 49 (1), 1987, S. 25-29
  3. Bading, Ingo: Die Hausmäuse in der Weltgeschichte, 2008, https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/05/die-hausmaus-in-der-weltgeschichte.html
  4. Bading, Ingo: Thilo Sarrazin: Unsägliche Stellungnahme des Dachverbandes deutscher Biologen. Staatsaffäre Sarrazin, 5. September 2010, https://studgenpol.blogspot.com/2010/09/unsagliche-stellungnahme-des.html
  5. Tautz, Diethard: Evolution und das Selbstverständnis des Menschen im Fokus. Vortrag bei der Rhein-Main-Regionalgruppe der Giordano-Bruno-Stiftung, 8. Juni 2019, https://youtu.be/0IbN2vckW7k, http://gbs-rhein-neckar.de/unsere-veranstaltungen/evolution-selbstverstaendnis-des-menschen-fokus
  6. Rebecca Winkels: „Die Genetik der Intelligenz entspricht nicht der Mendelschen Vererbungslehre”. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Diethard Tautz 5. September 2018, https://www.die-debatte.org/intelligenz-interview-tautz/
  7. Tautz, Diethard: Speciation 2010: Diethard Tautz - Mus musculus domesticus, 20.3.2014, https://youtu.be/0nZ3VFHnQcw

Donnerstag, 13. Juli 2017

Die Hausmaus gab es schon im Natufium

Sie ist ein hervorragender archäologischer Indikator für das Vorhandensein von komplexen, stadtähnlichen Gesellschaften
- schon vor der Entstehung des Ackerbaus

Seit vielen Jahren bin ich mit der Hausmaus als Erkenntnisquelle für den Historiker befaßt, weil die Hausmaus offensichtlich ein hervorragender archäologischer Anzeiger, Indikator ist für quasi städtische Besiedlungsdichte und Fernhandel. (Zum Beispiel hat sie sich in der Frühbronzezeit in England ausgebreitet, aber nur in Südengland. Dann hat sie sich in Skandinavien mit den Wikingern ausgebreitet, sprich ERST mit den Wikingern. Und so weiter.)

Abb. 1 Connections between cultural, ecological, and phylogeographic factors in commensal niche dynamics in the terminal Pleistocene southern Levant ( dom , domesticus ; mac , macedonicus ; double-headed arrows indicate transitions in commensal niches) (aus: 1)

Nun ist eine neue GLÄNZENDE Studie zu diesem Thema erschienen ("Origins of house mice in ecological niches created by settled hunter-gatherers in the Levant 15,000 y ago", PNAS, 18.4.2017). Sie handelt davon, daß die Hausmaus schon im FRÜHEN NATUFIUM im Levanteraum domestiziert wurde. Das ist ja der Raum, wo überhaupt der Übergang der Menschheit zur Seßhaftigkeit erfolgte und wo der größte Teil der europäischen Getreidearten und Haustiere domestiziert wurde.

Und die hier von mir eingestellte Grafik der Studie faßt das Ergebnis eindrucksvoll zusammen. Darin bedeutet in der dritten Spalte die Abkürzung "dom" Hausmaus und die Abkürzung "mac" Feldmaus. Im Natufium wurde nun noch gar kein Getreide angebaut, sondern nur geerntet (Wildgetreide wurde gesammelt). Außerdem lebten die Menschen von der Massenjagd auf Gazellenherden. Das ermöglichte aber schon überraschend hohe Siedlungsdichten der halbseßhaften Gesellschaften. Die Menschen lebten damals noch in Rundhäusern, die auch nicht besonders sauber waren (nach Feststellung der Archäologen).

Und siehe da: Schon HIER wird die Hausmaus domestiziert, noch VOR dem Übergang zum Getreideanbau. Wenn das nicht verrückt ist. Ich hätte das, ehrlich gesagt, so nicht erwartet. Ich hätte gedacht, daß sie sich erst mit dem Vollneolithikum domestiziert hat. Aber dieser Umstand unterstreicht eindrucksvoll, daß die Siedlungsdichte schon auf dieser gesellschaftlichen Komplexitätsstufe recht hoch gewesen sein muß.

Und das Spannende ist nun weiterhin, daß sich in den Siedlungen des SPÄTEN Natufium wieder die Feldmaus ausbreitet (!), sprich daß hier also die Siedlungsdichte wieder zurück ging, BEVOR der Übergang zum Vollneolithikum vollzogen wurde. Und schwubs!: Sowie dieser Übergang vollzogen ist, bzw. ganz am Ende der Krisenzeit ("Final Natufium") ist plötzlich auch die Hausmaus wieder da. Erst nur zu 80, dann zu 100 Prozent.

Es ist das ein glänzender Beleg für meine seit langen Jahren vertretene These, daß das Vorkommen von Hausmäusen womöglich der beste bis heute vorhandene Indikator für eine bestimmte menschliche Siedlungsdichte ist, nämlich eine quasi-städtische oder auch proto-städtische.
____________________________________________
  1. Origins of house mice in ecological niches created by settled hunter-gatherers in the Levant 15,000 y ago. By Lior Weissbrod, Fiona B. Marshall, François R. Valla, Hamoudi Khalaily, Guy Bar-Oz, Jean-Christophe Auffray, Jean-Denis Vigne, and Thomas Cucchi. In: PNAS April 18, 2017 114 (16) 4099-4104; first published March 27, 2017 https://doi.org/10.1073/pnas.1619137114, http://www.pnas.org/content/114/16/4099.abstract
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