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Freitag, 21. September 2018

Ameisen - Gehirngröße korreliert mit arbeitsteiliger Spezialisierung

Um so monogamer, um so größer das Gehirn (bei Vögeln und Säugetieren). Um so größer die Gruppe, die zusammen hält, um so größer das Gehirn (bei Primaten). So lauten die bisherigen Forschungsergebnisse der Social-Brain-Theorie nach Robin Dunbar.

Ob diese Prinzipien auch für Ameisen, Bienen und andere soziale Insekten gelten? Diese Frage stellt sich schon seit 20 Jahren, seit Robin Dunbar die ersten Ergebnisse veröffentlichte. Damals hielt man es fast für absurd, Gehirngrößen von Insekten zu "messen". Aber genau das geschieht heute. Und heute ist bekannt (worüber ich auf meinem Blog schon berichtete): Um so monogamer, um so leichter der evolutionäre Übergang zu komplex-sozialem, gesellschaftlich-arbeitsteiligem Leben (Boosmas' Monogamie-Prinzip von 2008). Gilt bei diesen dann auch - wie bei Primaten und Menschen: Um so größer die Gruppe, die zusammen hält, um so größer das Gehirn?
 
Abb. 1: Querschnitte durch Gehirne von Ameisen (aus: 1)

Erste Daten scheinen darauf hinzuweisen (1), allerdings ergibt sich noch kein einheitliches Bild. Einige Daten sagen: Um so herausforderungsvoller die Aufgaben in einer komplexer arbeitsteilig gegliederten Gesellschaft, um so größer das Gehirn - aber - nach einer Studie (1) - nicht die Gehirn-Aktivität - bei einer Ameisenart.

Beim Menschen korreliert ja heute die berufliche Spezialisierung mit dem Intelligenz-Quotienten.

Bei Wespen wurde neuerdings festgestellt, daß die Gehirngröße mit der sozialen Dominanz korreliert, das heißt, die Königin hat das größte Gehirn (2).
 
Zuerst auf Google+
21.9.2018
 


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  1. Social complexity influences brain investment and neural operation costs in ants. By J. Frances Kamhi, Wulfila Gronenberg, Simon K. A. Robson, James F. A. Traniello, Published 19 October 2016.DOI: 10.1098/rspb.2016.1949 , http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/283/1841/20161949
  2. Sean O’Donnell, Susan J. Bulova, Sara DeLeon, Meghan Barrett, Katherine Fiocca: Caste differences in the mushroom bodies of swarm-founding paper wasps: implications for brain plasticity and brain evolution (Vespidae, Epiponini). In: Behavioral Ecology and Sociobiology, 13.7.2017, https://link.springer.com/article/10.1007/s00265-017-2344-y

Dienstag, 26. September 2017

"... Was die großen Köpfe der Vergangenheit längst wußten ..."

Konrad Lorenz, der Forscher und Mahner, in wenig bekannten Film- und Tondokumenten

Im Jahr 1972 hielt der Begründer der Verhaltenswissenschaft Konrad Lorenz (1903-1989) (Wiki) in Göttingen einen Vortrag mit dem vergleichsweise abstrakten Titel "Soziale Bindungen und die in ihrem Dienste ritualisierten Verhaltensweisen" (5) (Yt). Soweit übersehbar äußerte er in diesem Vortrag mehrere bedeutsame Erkenntnisse, die in Schriftform so von ihm niemals veröffentlicht worden sind. Sie stellen aber mehr oder weniger "Intuitionen" dar, die oft erst Jahrzehnte später - sprich erst vor wenigen Jahren - ihre außerordentlich überraschende wissenschaftliche "Verifikation" erlangt haben, also den gültigeren, allgemeinen Nachweis, daß - und wie sehr - diese Intuitionen der Wirklichkeit entsprechen.

Abb. 1: Konrad Lorenz 1972 (Yt)

Zu diesen Intuitionen, die er aus den verschiedensten Verhaltensbeobachtungen während seines langen Lebens gewonnen hat, und die er durch den ganzen Vortrag hindurch breit referiert, gehört insbesondere auch jene, daß Konrad Lorenz an einer Stelle im Vortrag sagt, daß die intelligentesten Arten einer Gruppe von Fischen oder Vögeln auch die intensivste Paarbindung haben, daß es also zwischen Paarbindung und Intelligenzevolution auf sehr grundlegender Ebene einen Zusammenhang gibt. Er behandelt also lang und breit die unterschiedlichsten Erscheinungen, die mit der Paarbindung bei unterschiedlichsten Tierarten verbunden sind und sagt dann (21.38'ff):

Es ist also ganz sicher so, daß die Bindung auf individuellen Kommunikationen beruht, die also individuell verschieden sein müssen. Es setzt also die individuelle Bindung immer schon eine gewisse Lernfähigkeit, eine hohe Lernfähigkeit auf dem Gebiete der Gestaltwahrnehmung und auch sonst voraus. Damit stimmt eine sehr interessante Korrelation, daß nämlich innerhalb einer Tiergruppe seien es die Fische oder die Entenvögel oder die Hühnervögel immer gerade die Klügsten, die Lernfähigsten diejenigen sind, bei denen die besten Paarbindungen stattfinden.

Konrad Lorenz gibt viele gute Beispiele für den Hintergrund und die Konsequenzen dieses Zusammenhangs. Er kommt später auch auf aggressives Verhalten und Rangordnungs-Verhalten zu sprechen. Und am Ende spricht er sogar über menschliche Gruppen und die individuellen Freundschaften, auf die sie aufgebaut sind. Nämlich ab Minute 47.53', wo er zusammen faßt:

Also Bindungen, persönliche Bindungen sind die Basis alles fruchtbaren Zusammenhaltens von kleinen menschlichen Gruppen.

Und dann kommt er auf jene seiner Intuitionen zu sprechen, die den Menschen als Gruppenwesen betreffen. Hier äußert er schon im Jahr 1972 viele Gedanken, die ebenfalls erst in den letzten Jahrzehnten (ebenfalls nicht zuletzt durch die Forschungen von Robin Dunbar) vielfältige Bestätigung, Ergänzung und Erweiterung erfahren haben durch die naturwissenschaftliche Forschung, etwa insbesondere im Bereich der Social Brain-Theorien. (Das im einzelnen nachzuweisen, kann an dieser Stelle vorerst nicht geleistet werden.)

Der erstgenannte außerordentlich bedeutsame Gedanke wurde erst vor zehn Jahren - 2007 - von dem aufgeweckten britischen Anthropologen Robin Dunbar und seinen Mitarbeitern anhand von statistischen Artvergleichen verifiziert - und zwar von diesen im Grunde ganz unbeabsichtigt. Darüber ist an anderer Stelle von uns schon 2007 berichtet worden (6, 7). Und ein Jahr später wurde in einer anderen Studie auch die Evolution von Altruismus mit Paarbindung in Verbindung gebracht (8). Schließlich haben neun Jahre später auch andere Wissenschaftler diesen Stab aufgenommen und gehen diesen Gedanken in allgemeinerer Weise nach (9, 10). Konrad Lorenz wäre über diese Forschungen hell begeistert, daran kann kein Zweifel bestehen.

Vor zwei Jahren nun hatten wir das eingangs erwähnte Video von Konrad Lorenz entdeckt (an einer Stelle, wo es zwischenzeitlich wieder aus dem Netz genommen ist). Und wir wiesen Robin Dunbar auf die Inhalte dieses deutschsprachigen Vortrages von Konrad Lorenz hin. Robin Dunbar antwortete:

Oh, that is VERY neat! Thanks VERY much for sending me this. You see, science consists in simply rediscovering what the great minds of the past already knew…..
Zu Deutsch also:
Oh, das ist SEHR nett! VIELEN Dank, daß Sie mir das gesendet haben. Sie sehen, Wissenschaft besteht schlicht darin, das erneut zu entdecken, was die großen Köpfe der Vergangenheit schon längst gewußt haben.

Mit diesem wunderschönen Satz, der die Bedeutung von Film- und Tondokumenten von Konrad Lorenz mehr als deutlich machen kann, soll der vorliegende Beitrag eingeleitet sein.

Die beiden Langspielplatten "Umweltgewissen" von 1989

Das Leben und Lebenswerk des Verhaltensforschers, Philosophen und Naturbewahrers Konrad Lorenz (1903-1989) (Wiki) ist vielfach sehr lebendig dargestellt worden (zum Beispiel: 1, 2). Wer solche Beiträge auf sich hat wirken lassen, dem sollte das Bewußtsein von der großen Bedeutung des Lebenswerkes von Konrad Lorenz für die Geistesgeschichte der Menschheit nicht mehr abhanden kommen können.

Insbesondere als Begründer der Evolutionären Erkenntnistheorie hat Konrad Lorenz grundlegendste Beiträge zu unserem heutigen, modernen Weltbild geleistet. Aus dem reichen Erkenntnissen seines Forscherlebens heraus wurde Konrad Lorenz in seinen letzten Lebensjahrzehnten zusätzlich aber auch noch zu einem der bekanntesten Gesellschaftskritiker seiner Zeit. Fast möchte man sagen, daß es schon zu seiner Zeit keinen authentischeren, thematisch breit aufgestellten und allgemein bekannten Gesellschaftskritiker gegeben hat als Konrad Lorenz. Und das mag auch noch für unsere heutige Zeit gelten.

Freilich gibt es andere Gesellschaftskritiker. Viele gibt es. Aber viel zu oft ist das, was sie vertreten, "durchstilisiert" entlang bestimmter "gruppenevolutionärer Strategien". Man spürt viel zu oft die Absicht, ist verstimmt und legt die Mahnungen unwirsch beiseite. Dies kann einem bei Konrad Lorenz nicht passieren. Hier spricht ein freier Mensch, nur sich selbst, der Wahrheit und der Kultur, der er angehört, verantwortlich.

Nun aber soll der vorliegende Beitrag dazu dienen, vormalige Überblicks-Aufsätze über das Gesamtwerk von Konrad Lorenz (z. B.: 1, 2) dadurch zu ergänzen, daß auf die vielfältigen, inzwischen bekannt und leicht zugänglich gewordenen Ton- und Filmdokumente von und mit Konrad Lorenz aufmerksam gemacht wird. Diese sind womöglich noch eindrucksvoller als jede schriftliche Übermittlung und jede Übermittlung über Bildbände. Sie geben einen Eindruck von dem tiefen Ernst im Denken, Leben und Handeln von Konrad Lorenz (3).

Der Autor dieser Zielen stieß erst vor wenigen Wochen auf eine frühere, größere Zusammenstellung von Hördokumenten von Konrad Lorenz, die schon 1989 unter dem Titel "Umweltgewissen" auf zwei Langspielplatten (bzw. Hörkassetten) veröffentlicht worden sind (3). Dabei können diese Hördokumente - laut Angabe - schon seit 2012 auf Youtube frei verfügbar angehört werden*). Auch weil man bei bloßen Hördokumenten nicht abgelenkt wird von Seh-Eindrücken, mögen solche Tondokumente manchmal noch eindrucksvoller in ihrer Wirkung sein als Filmaufnahmen von und mit Konrad Lorenz (die inzwischen ja auch reichlich verfügbar sind [4]).

Man kann Reden und Vorträge, in denen Konrad Lorenz weniger als Wissenschaftler denn als Mahner spricht (3), nicht anhören, ohne selbst von dem tiefen Ernst ergriffen zu werden, in dem Konrad Lorenz seine Gedanken vorträgt. Und somit ist über sie sicherlich noch ein direkterer, unmittelbarerer Eindruck vom Menschen und Menschheitswarner Konrad Lorenz möglich  geworden als über andere Formen der Mitteilung. Dies womöglich gerade auch für die Jugend, der es heute mitunter schwerer als früher zu fallen scheint, sich an ernsthaftere, populärwissenschaftliche Literatur in Bücherschränken und Buchhandlungen heranzuwagen.

Auf den beiden Schallplatten "Umweltgewissen" finden sich zum Beispiel auch viele Kerngedanken von Konrad Lorenz angesprochen, und zwar oft auch ganz neu oder anders formuliert als man es von anderen Quellen her kannte. So spricht Konrad Lorenz auf diesen etwa über die "Sinnentleerung der Welt" (3) (im dritten Video). Er äußert Gedanken, wie dieser Sinnentleerung entgegen gesteuert werden kann. Diese Gedanken stehen in voller Übereinstimmung mit den Anliegen unserer eigenen Blogarbeit. Und so findet man noch viele andere überraschende Gedanken und Handlungen auf diesen beiden Langspielplatten, von denen andernorts (vor allem in Büchern) noch nichts zu hören war.

Diese beiden Langspielplatten aus dem Jahr 1989 sind aber nun - und auch das überraschenderweise - gar nicht einmal die einzigen Tondokumente, die von Konrad Lorenz überliefert sind und inzwischen frei verfügbar geworden sind. Auf der Internetseite von "Konrad Lorenz Haus Altenberg" findet sich eine Zusammenstellung aller frei verfügbaren Tondokumente und Filme von und über Konrad Lorenz, die womöglich regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht wird. Und indem man auf diese Internetseite stößt, stößt man auf einen unglaublich reichen Schatz (4). Auf dieser Seite finden sich auch zahlreiche ausführliche Radio-Interviews mit Konrad Lorenz, sowie Ansprachen anläßlich von Preisverleihungen.


/Zuerst veröffentlicht auf:
"Für Kultur", 10.9.17/

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*) Es erscheint einem hier nicht zum ersten mal merkwürdig, wie lang bestimmte, wertvolle Video's auf Youtube veröffentlicht sind, ohne daß man jemals auf sie gestoßen ist. (In diesem Fall fünf Jahre lang!) Ob es hier bewußte Manipulationen der Suchalgorithmen gibt, die verhindern, daß man solche früher entdeckt, stehe dahin. (Solche Manipulationen sind ja inzwischen von der Firma Google gut bezeugt.) Jedenfalls wundert sich der Autor dieser Zeilen, der in den letzten Jahren gewiß häufiger nach neuen Video's von und über Konrad Lorenz gesucht hat, daß ihm die Hördokumente, auf die in diesem Beitrag hingewiesen wird, bislang entgangen sind - obwohl sie doch schon im Jahr 2012 veröffentlicht worden sind. (Oder sind wir in früheren Jahren über sie hinweg gegangen, da es sich "nur" um Hördokumente gehandelt hat? Das soll an dieser Stelle nicht völlig ausgeschlossen sein.)
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  1. Schäfler, Wilhelm: Tierfreund, Erforscher tierischen und menschlichen Verhaltens, Philosoph und Naturbewahrer. Leben und Werk von Konrad Lorenz. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 63, September 1989, S. 1-12
  2. Leupold, Hermin: Wie sind die menschlichen Denk- und Erlebnisfähigkeiten zustandegekommen? Die evolutionäre Entstehung der angeborenen Formen menschlicher Erfahrung. In: In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 72, März 1991, S. 1-11
  3. Lorenz, Konrad: Umweltgewissen. Ein Hörbild mit Stimmdokumenten aus zwei Jahrzehnten begleitet von Bernd Lötsch. 2 Langspielplatten, CBS Schallplatten GesmbH, Wien 1989, https://www.youtube.com/watch?v=Nk8h8etRmjs&t=1s, https://www.youtube.com/watch?v=w_7NBsRYSd4&t=66s, https://www.youtube.com/watch?v=6_-p_Gg-UUc, https://www.youtube.com/watch?v=LSP13I5_osk, https://www.youtube.com/watch?v=6GwhGanh15s, https://www.youtube.com/watch?v=fB9alMDQJ4o; (s.a. Discogs)
  4. Filme und Audiodokumente über Konrad Lorenz. Konrad Lorenz Haus Altenberg, http://klha.at/kl_filme.html [10.9.2017] 
  5. Lorenz, Konrad: Soziale Bindungen und die in ihrem Dienste ritualisierten Verhaltensweisen. Vortrag anläßlich der Tagung Encyclopaedia Cinematographica, Göttingen 3. Oktober 1972, Film des Instituts für den wissenschaftlichen Film (Yt)
  6. Bading, Ingo: Ist die monogame Bindung der Kern aller Intelligenz-Evolution auf der Erde? Die sensationellen neuen Thesen des britischen Anthropologen Robin Dunbar. Auf: Studium generale, 31. August 2008 (zuerst 15.11.2007), http://studgendeutsch.blogspot.de/2008/08/ist-die-monogame-bindung-der-kern-aller.html
  7. Bading, Ingo: Das menschliche Gehirn ist evoluiert, "um zu lieben". Auf: Studium generale, 16. November 2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/11/das-menschliche-gehirn-ist-evoluiert-um.html
  8. Bading, Ingo: Stand die monogame Lebensweise an der stammesgeschichtlichen Wurzel allen komplex-sozialen Lebens auf der Erde? Auf: Studium generale, 31. August 2008, http://studgendeutsch.blogspot.de/2008/08/stand-die-monogame-lebensweise-der.html
  9. Jacqueline R. Dillard: Disentangling the Correlated Evolution of Monogamy and Cooperation. In: Trends in Ecology & Evolution 31(7), May 2016, https://www.researchgate.net/publication/301829279_Disentangling_the_Correlated_Evolution_of_Monogamy_and_Cooperation 
  10. Jacqueline R. Dillard and David F. Westneat: Monogamy and Cooperation Are Connected Through Multiple Links - Why does cooperation evolve most often in monogamous animals. In: The Scientist, 1. August 2016, http://www.the-scientist.com/?articles.view/articleNo/46608/title/Opinion--Monogamy-and-Cooperation-Are-Connected-Through-Multiple-Links/

Mittwoch, 24. September 2008

Der "Tanz" der sozialen Beziehungen, der Monogamie, des Altruismus

Ist Evolution vor allem ein Weg zur Überwindung des Autismus gewesen? Und warum gibt es ihn dennoch in verschiedenen Abstufungen?

1. Ein Gehirnboten-Gen mit vielfältigen Aspekten: AVPR1a

Sind die sozialen Beziehungen im Tierreich und beim Menschen in erster Linie ein "Tanz"? Ein wichtiges Hormon, das im Gehirn von Tier und Mensch emotionale und soziale Reaktionen und Verhaltensweisen beeinflußt, ist das Vasopressin. In bestimmten Gehirnbereichen (Amygdala, Mandelkern, Hippocampus und anderen) wird von den Zellen ein Vasopressin-Rezeptor-Gen (genannt "AVPR1a") abgelesen (Wiki). Verschiedene Ablesemutationen dieses Gens steuern, wie es scheint, die Häufigkeit der Produktion von Vasopressin-Rezeptoren in diesen Zellen und damit die Stärke der Wirkung von Vasopressin auf bestimmte Gehirnbereiche mit entsprechenden Wirkungen in Richtung von Verhalten und emotionalen Reaktionen.

Abb. 1: Klassisches Ballet, fotografiert von Stano Novak 2006 (Wiki)

Diese Ablesemutationen, Steuerungs-Mutationen liegen in den Genbereichen vor oder hinter dem eigentlichen Vasopressin-Rezeptor-Gen. Entsprechend können diese vor- und hintergeschalteten Genbereiche auch je nach genetischer Variante einmal länger und einmal kürzer sein (müssen sie aber nicht). Und unterschiedliche Mutationen und Abschnitte dieser vor- oder hintergeschalteten Ablesemutationen - oft die längeren Varianten - korrelieren in auffälliger Weise mit so auf den ersten Blick ganz unterschiedlichen Erscheinungen des sozialen Lebens wie: Altruismus, tänzerische Begabung, spirituelle Begabung, Monogamie, Gefühle romantischer Liebe und mütterlicher Liebe, sowie frühe(re) erste geschlechtliche Erfahrungen (Pritchard 2007, frei zugänglich).

Während andere Varianten - oft die kürzeren - mit etwas weniger Altruismus, weniger tänzerischer und spiritueller Begabung, mit Polygamie, späteren ersten geschlechtlichen Erfahrungen, sowie auch mit Autismus und aggressivem Verhalten korrelieren. (Auch mit Alkohol-Abhängigkeit - zumindest bei Mäusen.)

Untersucht sind diese Zusammenhänge bisher an verschiedenen amerikanischen Wühlmaus-Arten, an Zebrafinken, Feldsperlingen, an israelischen Tänzern, an israelischen Studenten, sowie an schwedischen gleichgeschlechtlichen Zwillingspaaren und ihren Ehepartnern.

2. Amerikanische Wühlmaus-Arten, Partnerbindung und - AVPR1a

Eine lange Version dieses Gens macht männliche amerikanische Prärie-Wühlmäuse (Wiki) (Microtus ochrogaster, aus der Gattung der Feldmäuse (Wiki), bzw. der Untergattung der Wühlmäuse [Wiki]) monogam, eifrig im Sorgen um den eigenen, genetischen Nachwuchs und "vertrauensvoll" auch in sozialen Begegnungen mit unbekannten Individuen. Eine kurze Version dieses Gens, die die nah verwandten amerikanischen Berg-Wühlmäuse besitzen, macht deren Männchen polygam. Bei den Weibchen hat man offenbar noch keine Auswirkungen der unterschiedlichen Versionen dieses Gens festgestellt. Die meisten Wühlmaus-Arten leben aber polygam und haben dennoch lange Versionen dieses Gens. Also hier weiß man noch nicht alles, was man zu diesem Thema wissen müßte, um die Zusammenhänge vollständig verstehen zu können. Wüsten- und Feldmäuse weisen eine große Arten-Vielfalt auf, zugleich auch eine große genetische Vielfalt, in der die Evolution offenbar weltweit viele "Experimente" durchgeführt hat, auch was soziales Verhalten betrifft (s.a. wissenschaft.de).

3. Der Tanz der Geschlechter in der Evolution und - AVPR1a

In einer israelischen, humangenetischen Studie aus dem Jahr 2005 (1) (frei zugänglich), in der die Korrelation einer Version dieses Vasopressin-Rezeptor-Gens mit tänzerischer Begabung im Mittelpunkt steht, werden die Forschungsergebnisse abschließend in folgenden größeren Kontext eingeordnet (für jeweilige Literaturangaben im Text siehe bitte das Original):

Bei allen Wirbeltieren spielt Vasopressin eine Schlüsselrolle im Balzverhalten, das häufig Gesangs- und Tanzelemente beinhaltet. Beispielsweise singen männliche Zebrafinken (Taeniopygia guttata) Weibchen gezielt an, als integraler Bestandteil eines Balzverhaltens, das auch Tanzelemente beinhaltet. Die Choreographie des Tanzes vermittelt oder verstärkt vermutlich einen Teil der Botschaft, die der erlernte Gesang des Individuums vermittelt, obwohl die genaue Bedeutung und Funktion des Tanzes nicht bekannt sind. Darüber hinaus spielt Arginin-Vasopressin eine Schlüsselrolle im Balzverhalten von Zebrafinken sowie anderen Vogelarten wie dem territorialen Feldsperling (Spizella pusilla), ebenso wie im Sozialverhalten von Säugetieren und anderen Wirbeltieren. Auch beim Menschen gibt es Hinweise darauf, dass Vasopressin bei mütterlicher und romantischer Liebe wichtig ist. Bildgebende Untersuchungen haben gezeigt, dass Hirnareale, die reich an Vasopressinrezeptoren sind, aktiviert werden, wenn Probanden Bilder gezeigt werden, die Gefühle der Zuneigung hervorrufen sollen. Die oben diskutierte Beobachtung, dass AVPR1a mit einem Temperamentsmerkmal, der Belohnungsabhängigkeit, assoziiert ist, bestärkt auch die vermutete Rolle dieses Gens in der menschlichen sozialen Kommunikation. Studien am Menschen sowie an vielen anderen Tierarten legen daher die begründete Annahme nahe, dass Variationen in der AVPR1a-Mikrosatellitenstruktur manche Individuen auch zu herausragenden Tanzleistungen prädisponieren könnten. (...) In diesem Zusammenhang ist es leichter zu erkennen, wie die AVPR1a-Rezeptor-Mikrosatelliten-Polymorphismen zum menschlichen Tanz beitragen. Menschlicher Tanz kann teilweise als eine Form der Balz und sozialen Kommunikation verstanden werden, die eine überraschend konservierte Evolutionsgeschichte aufweist, die durch offenbar gemeinsame neurochemische und genetische Mechanismen gekennzeichnet ist, wobei Balz- und Affiliationsverhalten bei allen Wirbeltieren beobachtet wurden.
Across the vertebrates, vasopressin plays a key role in courtship behavior that frequently involves elements of song and dance. For example, male zebra finches (Taeniopygia guttata) sing directed song to females as an integral part of a courtship display that also includes elements of dance. The choreography of the dance presumably conveys or enhances some part of the message that is carried by the individual's learned song, although the exact importance and function of the dance are not known. Furthermore, arginine vasopressin plays a key role courtship behavior in zebra finches as well as in other bird species such as the territorial field sparrow (Spizella pusilla), as it does in social behaviors in mammals and other vertebrates. There is also evidence in humans that vasopressin is important in maternal and romantic love. Imaging studies have shown that brain areas rich in vasopressin receptors are activated when subjects are shown pictures designed to evoke feelings of attachment. The observation discussed above that AVPR1a is associated with a temperament trait, Reward Dependence, also strengthens the conjectured role of this gene in human social communication. Thus, studies in humans as well as in many other animal species suggest to us the reasonable notion that variations in AVPR1a microsatellite structure might also predispose some individuals to excel in dancing. (...) In this context, it is easier to see how the AVPR1a receptor microsatellite polymorphisms contribute to human dance. Human dancing can be understood in part as a form of courtship and social communication that shares a surprisingly conserved evolutionary history, characterized by apparently common neurochemical and genetic mechanisms, with mating displays and affiliative behavior observed across the vertebrates.

Was hier zunächst überrascht, ist die These, daß dieses Vasopressin-Rezeptor-Gen über den ganzen Arten-Stammbaum der Vertebraten in ähnlicher Weise für soziale Kommunikation, für Balzverhalten, Bindungsverhalten (Monogamie/Polygamie) und für Tanz verantwortlich sein soll. Das erinnert unglaublich stark an die Monogamie-These von Robin Dunbar, wonach über weite Stammbaum-Teile monogame Verhaltensweise mit Gehirngröße korreliert. Was wiederum gut zu der social brain-Hypothese paßt, die zunächst nur für Primaten formuliert worden war.

Bewegen wir uns hier in Kernbereichen dessen, was für die Evolution "des Humanum", des Sozialen im Menschen verantwortlich war? Und müssen wir uns hierbei auf viele Überraschungen gefaßt machen, vielleicht sogar - unangenehmen? Denn wo jemand eine individuelle genetische Begabung "für" etwas hat, dort fehlt einem anderen diese genetische Begabung. Natürlich hat die Evolution immer schon mit einer großen Variationsbreite gearbeitet. Wobei noch zu erklären wäre, wie deren Evolutionsstabilität zustande kam. Aber: Liegt diese Variationsbreite auch bei Menschen vor? Und was würde das heißen?

Wenn der Leser nämlich genau gelesen hat, kodiert das gleiche Gen, daß monogames Verhalten und tänzerische Begabung kodiert auch - altruistisches Verhalten. Wir lassen uns - vielleicht - gerne noch unterstellen, daß wir keine besonders ausgeprägten angeborenenen Neigungen zu Monogamie haben. Aber auch nicht zu - Altruismus ganz allgemein?

4. Der Altruismus in der Soziobiologie seit 1964

In der Soziobiologie ist seit ihren Gründungsjahren 1964, bzw. 1975/76 über Altruismus eigentlich immer nur in ganz allgemeinem Sinne gesprochen worden. Es wurde eine genetisch bedingte Anlage, Neigung für Altruismus vorausgesetzt, beim Menschen oft nur "halbbewußt" vorliegend, und es wurden die Bedingungen, "Strategien" erforscht, unter denen sich diese Anlage in der Evolution für jede Tierart wieder etwas anders und ebenso beim Menschen halten kann über die Generationen hinweg. Aufgrund welcher evolutiver Kausalzusammenhänge diese angeborene Neigung nicht ausstirbt im egoistischen, ellenbogenhaften "Daseinskampf" nach Charles Darwin. Daß es angeborene Altruismus-Unterschiede tatsächlich gäbe - wer hätte das jemals so frank und frei gewagt zu behaupten?

Die Erklärung für das Nicht-Aussterben geschah generell fast immer nach dem gleichen Prinzip, das William D. Hamilton, der Begründer der Soziobiologie, als einsamer Student 1964 in Londoner Bahnhofs-Wartesäälen formulierte, nämlich nach dem des Verwandten-Altruismus. Neuerdings kommen immer mehr auch Konzepte kultureller und genetischer "Gruppenselektion" hinzu - insofern es sich um altruistisches Verhalten in größeren Gruppen, jenseits der engeren, familiären, genetischen Verwandtschaft handelt.

Nachdem lange Zeit im Vordergrund der Forschung der Gegenseitigkeits-Altruismus (nach Robert Trivers, 1972) gestanden hatte, fragen Forscher in den letzten Jahren immer häufiger, warum er so "selten" im Tierreich auftritt (etwa Peter Hammerstein 2004 oder Marc Hauser im gleichen Jahr). Der Gegenseitigkeits-Altruismus ("tit for tat") scheint nach dem gegenwärtigen soziobiologischen, spieltheoretischen Denken besonders gut - nur - beim Menschen zu funktionieren, der genau zählen kann und der sich bewußter an vergangene Ereignisse erinnert und zukünftige vorausplant, als das selbst die intelligentesten Tiere auf unserer Erde tun. Der Gegenseitigkeits-Altruismus, also der kategorische Imperativ von Immanuel Kant, ist im engeren Sinne wahrscheinlich eine evolutiv erst sehr spät erworbene Eigenschaft, von der ja schon seit langem bekannt ist, daß sie durch viele Absicherungen gegen egoistische "Täuscher" und "Trittbrettfahrer", "blinde Passagiere" und so weiter abgesichert werden muß.

Es müssen hier im allgemeinen typisch "überwachungsstaatliche", "polizeitstaatliche" Mechanismen und bürgerschaftliches Engagement vorausgesetzt werden, damit er als eine "evolutionsstabile" Erscheinung verstanden werden kann. Die hier auftretenden Probleme hängen zusammen mit dem "Allmende-Problem", mit "cheater detection" (Erkennen von egoistischen Täuschern), mit "altruistic punishment" (altruistisches Bestrafen von Täuschern), mit dem Erhöhen von altruistischem Einsatz in ansonsten egoistischen, hedonistischen Gesellschaften durch das Vorspiegeln oder das tatsächliche Vorhandensein von äußeren Bedrohungen in gruppenselektionistischen Prozessen - und vielen anderen, tendenziell weniger gesellschaftlich freiheitlichen, liberalen Prinzipien mehr.

5. Verhaltensgene beim Menschen allgemein

In den letzten Jahren geschieht aber nun etwas sehr, sehr Aufregendes und Grundlegendes in der Wissenschaft, worüber auch hier auf dem Blog noch nie so richtig konkret gesprochen worden ist. - Schon vor zehn Jahren wurde aufgezeigt, daß sich Menschen in einem solchen sozialen Verhaltensmerkmal wie ADHS genetisch auf individueller und auf Gruppenebene unterscheiden. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von ADHS-Gen-Trägern in einer Gesellschaft und der derzeitigen, bzw. geschichtlich "nomadischen" Lebensweise dieser Gesellschaft. So geschichtlich konservative, wenig "herumgekommene" Ethnien wie die Chinesen oder die südafrikanischen Buschleute haben keine Träger von ADHS-Genen in ihren Gesellschaften, während so geschichtlich weit gewanderte und "kriegerische" Völker wie etwa viele südamerikanische Indianerstämme höhere zweistellige Prozentzahlen von Trägern dieses Gens unter sich zählen. Das wurde schon an diversen Stellen hier auf dem Blog erwähnt. -

Was aber noch nie erwähnt wurde, ist, daß die Forschung in den letzten zehn Jahren auch auf anderen Gebieten erheblich weitergegangen ist. Es kann immer konkreter aufgezeigt werden, daß Menschen sich nicht nur kulturell auf Gruppenebene in sehr konkreten altruistischen, "prosozialen" Verhaltensneigungen unterscheiden (Stud. gen.), sondern nun auch genetisch und individuell. Zwar wußte man um unterschiedliche, angeborene Altruismus-Neigungen schon aus der Zwillingsforschung. Auch wußte man, daß viele sozio- und psycho-pathologische Erscheinungen wie Autismus oder Neigung zu Gewalt genetische Komponenten haben. Aber die neuen Erkenntnisse, die oben schon angedeutet wurden und über die im folgenden zu berichten ist, sind doch noch einmal um manches frappierender, weil sie so gut wie jeden Menschen der Gesellschaft betreffen, so daß selbst "hartgesottene" "Naturalisten" - wie der Schreiber dieser Zeilen - an der einen oder anderen Stelle fast "geschockt" innehalten: Was denn, ist das wirklich so konkret, so deutlich? "Diskriminiert" die Natur, "unterscheiden" die Gene selbst so deutlich? "Bevorteilen" sie, "benachteiligen" sie so deutlich? Jeden von uns? In ganz grundlegenden sozialen Zusammenhängen wie Ehe und Liebe - oder anderen?

Das läßt einen über vieles ganz neu nachdenken und innehalten.

6. Autismus und - AVPR1a

Um sich an diese neuen Fragen anzunähern, könnte es sich als sinnvoll erweisen, sich mit der weitgehend angeborenen Verhaltensauffälligkeit des Autismus, des Asperger-Syndroms (AS) zu beschäftigen. Diese Verhaltensauffälligkeit könnte so in etwa aufzeigen, was den Gegenpol ausmacht zu den eigentlicheren menschlichen Eigenschaften, die den Menschen zum Menschen machen, nämlich auf den Gebieten von Empathie und nonverbaler Kommunikation. (Man beachte: Auch etwa der Tanz und jede Art von Balzverhalten ist ja eine nonverbale Kommunikation.) Auf Wikipedia lesen wir über Autismus unter anderem (Wiki):

Menschen mit AS können schlecht Augenkontakt mit anderen Menschen aufnehmen oder halten. Sie vermeiden Körperkontakt, wie etwa Händeschütteln. Sie sind unsicher, wenn es darum geht, Gespräche mit anderen zu führen, besonders wenn es sich um eher belanglosen Smalltalk handelt. Soziale Regeln, die andere intuitiv beherrschen, verstehen Menschen mit AS nicht intuitiv, sondern müssen sie sich erst mühsam aneignen. (...) Im Unterricht sind sie in der Regel wesentlich besser im schriftlichen als im mündlichen Bereich. In der Ausbildung und im Beruf macht ihnen der fachliche Bereich meist keine Schwierigkeiten, nur der Smalltalk mit Kollegen oder der Kontakt mit Kunden. Auch das Telefonieren kann Probleme bereiten. Im Studium können mündliche Prüfungen oder Vorträge große Hürden darstellen. (...) Die meisten Menschen mit AS können durch hohe Schauspielkunst nach außen hin eine Fassade aufrecht erhalten, so daß ihre Probleme auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar sind, jedoch bei persönlichem Kontakt durchscheinen, etwa in einem Vorstellungsgespräch. Menschen mit AS gelten nach außen hin zwar als extrem schüchtern, jedoch ist das nicht das eigentliche Problem. Schüchterne Menschen verstehen die sozialen Regeln, trauen sich aber nicht, sie anzuwenden. Menschen mit AS würden sich trauen sie anzuwenden, verstehen sie aber nicht und können sie deshalb nicht anwenden. Die Fähigkeit zur kognitiven Empathie (Einfühlungsvermögen) ist gar nicht oder nur schwach ausgeprägt, jedoch die affektive Empathie (Mitgefühl) gegenüber anderen ist durchaus genauso oder sogar stärker ausgeprägt als bei nicht-autistischen Menschen (Rogers et al. 2006). Menschen mit AS können sich schlecht in andere Menschen hineinversetzen und deren Stimmungen oder Gefühle an äußeren Anzeichen ablesen. Überhaupt können sie nur schwer zwischen den Zeilen lesen und nicht-wörtliche Bedeutungen von Ausdrücken oder Redewendungen verstehen. Sie ecken an, weil sie die für andere Menschen offensichtlichen nonverbalen Signale nicht verstehen. Da es ihnen meist schwer fällt, Gefühle zu benennen und auszudrücken, passiert es oft, dass ihre Mitmenschen dies als mangelndes persönliches Interesse missdeuten. Auch können sie in gefährliche Situationen geraten, da sie äußere Anzeichen, die auf eine bevorstehende Gefahr - etwa durch Gewalttäter - hinweisen, oft nicht richtig deuten können.

Also kurz gesagt: Im alltäglichen "Tanz" der nonverbalen Kommunikation und Empathie von Menschen untereinander haben sie Mühe, ihr Tanzbein mitzuschwingen. Sie sind vielleicht nicht nur nicht religiös "musikalisch", sondern auch sozial nicht "musikalisch", auch sozial nicht "tänzerisch" begabt. Frauen sind ja durchschnittlich sowieso angeborenermaßen besser in Empathie und auch in verbaler und nonverbaler Kommunikation.

Autismus ist eine Krankheit, die eher typisch ist für Männer als für Frauen und viele "autistische" Merkmale erinnern auch an ganz normale Probleme in Paarbeziehungen zwischen Männern und Frauen, in denen Männer oft nicht fähig oder willens sind, zum Beispiel über Gefühle zu sprechen oder auf gezeigte Gefühle zu reagieren. Dieses eine Vasopressin-Rezeptor-Gen wirft eine solche Fülle von Implikationen auf, daß sie in diesem einen Beitrag bei weitem nicht erschöpfend behandelt werden können. Auch liegen auf fast allen Gebieten längst noch keine eindeutigen Forschungsergebnisse vor, sondern immer nur Andeutungen.

7. Altruismus und - AVPR1a

Doch nehmen wir uns jetzt eine weitere, konkrete Studie vor (2, pdf. frei zugänglich). Das "Diktator-Spiel" ist ein witziges, verrücktes Spiel nach der Art von Spielen, die von Spieltheoretikern wie etwa auf Zoon politikon oft und gern behandelt werden. In einer israelischen Studie, die in diesem Frühjahr veröffentlicht wurde, wurde Versuchsteilnehmern zum Beginn folgendes mitgeteilt:

"Lieber Teilnehmer,

in dieser Aufgabe werden Sie aufgefordert, eine Entscheidung zu treffen, bei der Sie etwas Geld verdienen können. Die Aufgabe wird in Paaren stattfinden, in denen einer der Teilnehmer Spieler A und der andere der Teilnehmer Spieler B sein wird. Die Auswahl, wer Spieler A und wer Spieler B sein wird, wird vom Computer zufällig getroffen. Sie werden den anderen Teilnehmer nicht kennen und werden ihn in der Zukunft nicht treffen.

In dieser Aufgabe gibt es 50 Punkte, von denen Spieler A entscheiden muss, wie er sie zwischen sich selbst und Spieler B verteilt. Das heißt, Spieler A entscheidet, wie viele Punkte er für sich selbst behält und wie viele Punkte Spieler B erhält. Für jeden Punkt, den er für sich selbst behält, wird Spieler A 1 Schekel" (israelische Währung) "erhalten und für jeden Punkt, den er Spieler B gibt, wird Spieler B 1 Schekel erhalten.

Damit ist die Aufgabe zu Ende.

Bitte drücken Sie den Button, um fortzufahren."

1 Schekel beträgt derzeit knapp 0,20 Euro, hier geht es also insgesamt um etwa 10 Euro, bzw. 10 Dollar. Spieler A ist hier also der "Diktator" und Spieler B der "Empfänger". Nun könnten wir nach Art von "Zoon politikon" fragen: Was glauben Sie wohl, liebe Leserin, wie die 200 israelischen Studenten, 100 Männer und 100 Frauen, Durchschnittsalter 26 Jahre, sich entschieden haben? Wie würden Sie sich entscheiden?

Hier das überraschend vielfältige Ergebnis:
48 Teilnehmer gaben 0 bis 5 Schekel,
18 Teilnehmer gaben 6 bist 10 Schekel,
9 Teilnehmer gaben 11 bis 15 Schekel,
32 Teilnehmer gaben 16 bis 20 Schekel,
3 Teilnehmer gaben 21 bis 24 Schekel,
78 Teilnehmer gaben 25 bis 30 Schekel,
5 Teilnehmer gaben 36 bis 40 Schekel,
1 Teilnehmer gab 41 bis 45 Schekel,
14 Teilnehmer gaben 46 bis 50 Schekel.

In unserer Kultur gibt es also zunächst eine erstaunliche Vielfalt von altruistischen und egoistischen Reaktionen. Wir Menschen scheinen weder genetisch noch kulturell besonders "einheitlich" festgelegt zu sein, was Entscheidungen in solchen schlichten und einfachen Spielen betrifft. Es wurden auch keine Geschlechtsunterschiede in den Entscheidungen festgestellt.

- Es steht also zunächst eines fest: Der Mensch ist nicht generell so egoistisch, wie es viele ökonomische Theorien vorausgesetzt hatten, bis einmal Spieltheoretiker häufiger die Menschen zu solchen Spielen aufforderten. Aber andererseits auch: Es finden sich zwischen ihnen durchaus so manche "Diktatoren", die auch viel für sich behalten, wenn sie teilen könnten und ihnen das niemand "nachtragen" kann. Ist das nicht auch exakt unsere alltägliche Erfahrung? Daß wir manches mal uns ärgerten, irgendwo Vertrauen gezeigt zu haben, das nicht erwidert wurde, während wir in anderen Fällen über uns entgegengebrachtes Vertrauen, über Hilfsbereitschaft überrascht waren? So sind halt - Menschen, möchte man sagen. Ein buntes Gemisch von solchen und solchen Eigenschaften.

Aber das ist noch nicht alles. Solche Spiele wurden - wie schon angedeutet - schon in früheren Jahrzehnten häufig gespielt und die Ergebnisse analysiert. Was neu an der Studie dieses Jahres ist, ist, dass unterschiedliche Versionen von Vasopressin-Rezeptor-Genen der Teilnehmer mit ihrem Verhalten bei diesem Spiel verglichen wurden. Mehr Teilnehmer mit langen Versionen dieses Gens gaben nun größere Summen in diesem Spiel als Teilnehmer mit kürzeren Versionen dieses Gens. Also offenbar: Der Mensch ist gar keine Graugans. Und nur Fußball-Fans sind Baumhopfe. Ansonsten ist der Mensch - eine Wühlmaus.

Menschen mit langen Versionen dieses Gens haben noch nach dem Tod in bestimmten Hirnregionen (Hippocampus) mehr Gen-Produkte dieses Gens (messenger RNA, also Boten-RNA), als Menschen mit kurzen Versionen dieses Gens, wie die gleiche Studie in einer parallelen Untersuchung feststellte.

Reinerbige Träger der langen Version dieses Gens (homozygote) gaben durchschnittlich 22,2 Schekel, reinerbige Träger der kurzen Version dieses Gens (also ebenfalls homozygote) gaben durchschnittlich 15,4 Schekel. Auch die Antworten in einem Fragebogen, der den Versuchsteilnehmer Fragen bezüglich ihrer Selbsteinschätzung hinsichtlich Altruismus stellte, korrelierten mit den beiden Gen-Versionen in dem genannten Sinne.

Was nun, Du Mensch, der du glaubst, so ganz unabhängig von Deinen Genen Entscheidungen zu fällen, was so Grundlegendes wie Altruismus oder Egoismus betrifft? Wie gehst Du damit um? Mit solch einer Erkenntnis? Aber warte noch eine Weile, das war noch längst nicht alles.

Es ist der Jerusalemer Verhaltensgenetiker Richard P. Ebstein (siehe Bild), aus dessen Forschungsgruppe sowohl die eingangs angeführte Tänzer-Studie als auch die eben angeführte Altruismus-Studie hervorgegangen sind. Diese Forschungsgruppe scheint sich auf ziemlich spannenden "Pfaden" menschlicher Erkenntnis zu bewegen. (Siehe auch 3) (pdf. frei zugänglich)

8. Schwedische Zwillingspaare, eheliche Bindung und AVPR1a

Das Treue-/Untreue-Gen AVPR1a, das zunächst an amerikanischen Prärie- und Bergwühlmäusen erforscht worden war (siehe oben), ist inzwischen auch beim Menschen untersucht worden (4, freier Zugang). Das machte schon vor drei Wochen die Runde in der Presse.

Den Forschern unterläuft gleich im ersten Satz ihrer Studie ein bemerkenswerter Fehler. Er zeigt, wie wenig die Forscher alle Dinge hier schon im Zusammenhang sehen, wie sie es aber - über Fehler wohl - allmählich lernen, diese Zusammenhänge zu sehen. Sie beziehen sich in der zu dem ersten Satz gehörenden Literatur-Angabe auf die Monogamie-These von Robin Dunbar, auf die wir auch hier auf dem Blog schon oft mit Betonung hingewiesen haben, und die ja wohl auch unübersehbare Bedeutung im Zusammenhang mit diesem Thema hat. (Stud. gen. 1, 2) Aber die Forscher schreiben:

Primate social organization is often characterized by bonded relationships, and recent analyses suggest that it may have been the particular demands for pair-bonding behavior that triggered the evolutionary development of the primate social brain.

Genau so nicht! Die jüngste Dunbar-Studie, die zu diesem Satz zitiert wird, war ja gerade nicht mit der Evolution von Gehirnen von Primaten befaßt, sondern von Gehirnen von einer breiten Vielfalt von Nichtprimaten. Wenn wir die These von Dunbar richtig verstanden haben, dann sagt sie, daß die Primaten-Gehirn-Evolution durch Gruppengröße vorangetrieben wurde, nicht durch Paarbindung, daß aber bei Nichtprimaten die Gehirn-Evolution durch Paarbindung vorangetrieben wurde, und daß die auf diese Weise erworbenen psychischen Fähigkeiten zur Aufrechterhaltung von langfristigen monogamen Sozialbeziehungen dann von Primaten auf noch mehr Gruppenmitglieder übertragen wurde zur Aufrechterhaltung von engen, langfristigen Sozialbeziehungen in größeren Gruppen. Also praktisch: Die sozialen Kompetenzen, Begabungen zur Ehe wurden (erst) von Primaten auf die Gruppe insgesamt übertragen.

Aber ansonsten ist die Studie natürlich ebenso frappierend wie schon die zuvor angeführten. Eine der Ablesemutationen von AVPR1a beim Menschen trägt die Nummer 334. Über dieses Allel heißt es nun in der Studie:

Fifteen percent of the men carrying no 334 allele reported marital crisis, whereas 34 % of the men carrying two copies of this allele reported marital crisis, suggesting that being homozygous for the 334 allele doubles the risk of marital crisis compared with having no 334 allele.
Und:
The frequency of nonmarried men being higher among 334 homozygotes (32 %) than among men with no 334 alleles (17 %).

Das sind schon ganz frappierende Unterschiede. Wobei zu bemerken ist, daß hier - aufgrund der spezifischen Studienbedingungen - sowieso nur Männer untersucht wurden, die in Beziehungen lebten, die schon fünf Jahre andauerten. Wie erst werden die Unterschiede ausfallen, wenn die Männer dazu genommen werden, die derzeit nicht in so langen Beziehungen leben? Und genau dieses Allel 334 spielt auch, worauf die Studie hinweist, bei Autismus eine Rolle.

Razib Khan (gnxp-a, -b) beantwortet als einziger jene Frage, die sich dem humangenetisch Informierten seit einigen Jahren immer zugleich mitstellt:

Haplotter does not suggest any recent selection, so this might be a case where behavioral polymorphism has persisted for a long time as different strategies maintain themselves at equilibrium.

Die Verteilung dieser Gentypen scheint also in allen menschlichen Bevölkerungen auf der Erde ähnlich zu sein. Und das wirft die Frage auf, welche evolutionären Vorteile eigentlich dieses 334-Allel mit sich bringt, daß es so häufig ist in menschlichen Bevölkerungen.

Dies ist ein langer Beitrag geworden und er hat für 100 aufgeworfene Fragen vielleicht 10 Antworten gegeben. So ist es immer in Forschungsgebieten, die sich in rascher Entwicklung befinden. Man darf, was die Erforschung von AVPR1a betrifft, auf die nächsten Jahre hochgradig gespannt sein.

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ResearchBlogging.org

Literatur:
  1. Rachel Bachner-Melman, Christian Dina, Ada H. Zohar, Naama Constantini, Elad Lerer, Sarah Hoch, Sarah Sella, Lubov Nemanov, Inga Gritsenko, Pesach Lichtenberg, Roni Granot, Richard P. Ebstein (2005). AVPR1a and SLC6A4 Gene Polymorphisms Are Associated with Creative Dance Performance PLoS Genetics, 1 (3) DOI: 10.1371/journal.pgen.0010042
  2. A. Knafo, S. Israel, A. Darvasi, R. Bachner-Melman, F. Uzefovsky, L. Cohen, E. Feldman, E. Lerer, E. Laiba, Y. Raz, L. Nemanov, I. Gritsenko, C. Dina, G. Agam, B. Dean, G. Bornstein, R. P. Ebstein (2008). Individual differences in allocation of funds in the dictator game associated with length of the arginine vasopressin 1a receptor RS3 promoter region and correlation between RS3 length and hippocampal mRNA Genes, Brain and Behavior, 7 (3), 266-275 DOI: 10.1111/j.1601-183X.2007.00341.x
  3. Rachel Bachner-Melman, Ada H. Zohar, Naomi Bacon-Shnoor, Yoel Elizur, Lubov Nemanov, Inga Gritsenko, Richard P. Ebstein (2005). Link Between Vasopressin Receptor AVPR1A Promoter
  4. Region Microsatellites and Measures of Social Behavior in Humans Journal of Individual Differences, 26 (1), 2-10 DOI: 10.1027/1614-0001.26.1.2
  5. H. Walum, L. Westberg, S. Henningsson, J. M. Neiderhiser, D. Reiss, W. Igl, J. M. Ganiban, E. L. Spotts, N. L. Pedersen, E. Eriksson, P. Lichtenstein (2008). Genetic variation in the vasopressin receptor 1a gene (AVPR1A) associates with pair-bonding behavior in humans Proceedings of the National Academy of Sciences, 105 (37), 14153-14156 DOI: 10.1073/pnas.0803081105

Sonntag, 31. August 2008

Stand die monogame Lebensweise an der stammesgeschichtlichen Wurzel allen komplex-sozialen Lebens auf der Erde?

Eine Monogamie-These für Säugetiere und staatenbildende Insekten?

Ursprünglich im November 2007 stellten wir auf „Studium generale“ die Frage, ob Monogamie an der Wurzel aller Intelligenz-Evolution auf der Erde steht (5, 6). Diese Frage hatte sich, so berichteten wir, aus den Forschungen des britischen Soziobiologen Robin Dunbar ergeben, über die er selbst im „Science Magazine“ im September berichtet hatte (Science, 7.9.2007). Dunbar ist schon seit Jahrzehnten einer der wichtigsten und innovativsten Vertreter der „Social Brain-Hypothese“, Verfasser des sehr differenziert argumentierenden Buches „Klatsch und Tratsch“.

Dunbar hatte schon vor Jahren festgestellt (das ist das Thema von „Klatsch und Tratsch“), dass die (zur Körpergröße relative) Gehirngröße einer Primatenart korreliert mit der Größe der Gruppe, in der diese Primatenart lebt, weil die Größe der Gruppe Anforderungen an Kommunikation stellt. (Die lang andauernden und offenbar notwendigen Sitzungen „sozialen Fellkraulens“ bei Primaten wurden, so die bestechende These Dunbar’s, bei der Gehirnevolution des Menschen zunehmend durch das gesprochene Worte ersetzt – allerdings bis heute nicht ganz vollständig …).

Abb. 1: Stammbaum der Gattungen der Ameisen, Bienen und Wespen (der eusozialen Hautflügler = Hymenoptera ).
Jeder unabhängige evlutionäre Ursprung von Eusozialität wird durch die unterschiedliche Farbgebung einer Abstammungsgruppe gekennzeichnet. Schwarze Linien: monogame Arten; gepunktete rote Linien: Arten mit fakultativer, mäßiger Vielmännerei (>1 aber <2 br="" m="" nbsp="" nnchen="">durchgezogene rote Linien: Arten mit hoher Vielmännerei (> 2 Männchen) 

Und dieser Zusammenhang zwischen Gruppengröße, Gehirngröße und Differenzierungsgrad der Kommunikationsfähigkeit gilt nun offenbar von Schimpansen über Zwischenstufen des Homo erectus bis hinauf zum Homo sapiens sapiens, dessen durch seine Gehirngröße natürlicherweise vorgegebene Gruppengröße nach der bei den Primaten insgesamt festgestellten Korrelations-Kurve ungefähr 150 beträgt („Dunbar’s Zahl“). Bei menschlichen Jägern und Sammlern und auch noch bei den Hutterern teilen sich die Gruppen in der Regel, wenn sie eine absolute Zahl von 150 erreicht haben, weil die menschliche Psyche nicht dazu ausgestattet zu sein scheint, dauerhaft in größeren Gruppen zu leben. Diese Zahl findet sich deshalb auch sonst sehr häufig in menschlichen, sozialen Zusammenhängen, wie Dunbar und andere in immer neuen Forschungen aufzeigen konnten und in immer wieder neuen Ansätzen aufzeigen.

„Dunbar’s Zahl“


Nun hatte Dunbar in den letzten Jahren seine Forschungen ausgeweitet auf Nicht-Primaten, um auch dort Bestätigungen für die social brain-Hypothese zu finden. Dies erfolgte aufgrund der Kritik anderer Forscher an der Allgemeingültigkeit seiner These. Und tatsächlich fand Dunbar bei Nicht-Primaten diese Korrelation nicht – zu seiner Überraschung. Und sicherlich zunächst auch zu seiner unerwarteten Enttäuschung. Aber schließlich fand er noch etwas viel Überraschenderes, das sich dann bei näherem Hinsehen auch als plausibel erweist: Über so große, vielfältige und weitläufige, von Dunbar untersuchte Stammbaum-Linien von Nicht-Primaten hinweg wie den Fleischfressern (Carnivoren), den Paarhufern, den Fledermäusen und den Vögel stellte er überall eine Korrelation fest zwischen der Gehirngröße einer Art und der Strenge der jeweiligen monogamen Lebensweise derselben. Umso polygamer um so vergleichsweise kleiner die (zur Körpergröße relative) Gehirngröße derselben!

Plausibel ist ein solches Ergebnis deshalb, weil es nahe legt, dass die Primaten zur Lösung von Problemen des Zusammenlebens in Gruppen Gehirn-Potentiale nutzten und weiter evoluierten, die zunächst zur Lösung von Problemen im Zusammenleben von monogamen Paaren evoluiert worden waren.

Dunbar’s Monogamie-These (2007)


Läge dieses Forschungsergebnis auf den ersten Blick nicht so quer zu allen vorherrschenden „nicht-konservativen“, „liberalen“ Lebensanschauungen und gesellschaftlicher Moral von heute, so wäre doch über dieses Forschungsergebnis sicherlich häufiger berichtet worden, als das bislang geschehen ist. Da die Evolution selbst das „Hohelied der Treue“, der ehelichen, viel ernster zu nehmen scheint, als das in unserer heutigen Gesellschaft noch üblich ist, tut sich eine Wissenschafts-Berichterstattung, die gerne spöttelt, „entzaubert“ und „desillusioniert“ schwer mit Forschungsergebnissen, die von vornherein zu „verzaubern“ geeignet sind. (Denn "natürlich" ist Monogamie nur eine Illusion …)

Da könnte plötzlich erkennbar werden - einmal auf’s Neue - wie wichtig derzeit und künftig das von der „Templeton Foundation“ angeregte und erneut intensivierte interdisziplinäre Gespräch zwischen Naturwissenschaft und - - - Theologie ... sein könnte. Denn wer sollte sich heute noch so stark für die Aufrechterhaltung monogamer Lebensweise interessieren (nun sogar als evolutionäre Wurzel aller Intelligenz-Evolution und Sozial-Evolution), wenn nicht die - - - Theologen? Wer hätte das übrigens gedacht. Daß die Evolutionsforschung theologische Grundannahmen bestätigt!? (Nun, Michael Blume und andere haben dafür ja auch schon andernorts mancherlei Hinweise gefunden.)

Hochzeiten für christliche Darwinisten


Einmal erneut jedenfalls ein Hinweis darauf, wie sehr heute tatsächlich Theologen die Wissenschaft und die Wissenschafts-Berichterstattung befruchten könnten. Wenn man nicht im letzten Monat auf dem Workshop der „Templeton Foundation“ in Frankfurt gewesen wäre siehe frühere Beiträge), hätte man das gar nicht (mehr) für möglich halten wollen. Denn man kannte keine Theologen, die sich bis ins Detail hinein mit modernster naturwissenschaftlicher Forschung beschäftigen. (Und letzteres ist notwendig, wenn man als Theologe wirklich mitreden will.)

Denn zumindest Theologen und christlichen Darwinisten wie man sie bei der „Templeton Foundation“ antrifft (wenn schon sonst niemandem), müssen solche hier referierten Forschungsergebnisse doch wichtig vorkommen. Und Theologen müssten doch eigentlich auch eher geneigt und befähigt sein, solche Forschungsergebnisse in größere Zusammenhänge einzuordnen.

In bisher nur periphere Forschungs-Diskussionen wurden nämlich in dieser Woche wieder einmal neu gewonnene Erkenntnisse eingeordnet, als – nur ein halbes Jahr nach den oben erwähnten Forschungsergebnissen von Robin Dunbar - wiederum neue Forschungen einer Gruppe um den britischen Biologen William O. H. Hughes veröffentlicht worden sind (Science, 30.5.2008) (1) (s. a. Abb. 1). Es handelt sich um Erkenntnisse, die sich unübersehbar passgenau einordnen in das, was schon Robin Dunbar letzten Herbst in derselben Zeitschrift veröffentlichte. Aber niemand erwähnt diesen auffälligen Sachverhalt, niemandem scheint dies aufzufallen – noch nicht einmal die Forscher um Hughes selbst, die die neuen Ergebnisse zutage gebracht haben.

Teilweise noch schläfrige, atheistische Wissenschaft und Wissenschafts-Berichterstattung


Auch Forscher selbst sind – gerade bei heutigen, weiter gefassten interdisziplinären Forschungen – auf gute Wissenschafts-Berichterstattung angewiesen. Dies wird hier einmal aufs Neue deutlich. Und auf theologische „Beratung“ vielleicht auch …, damit nicht heute der Atheismus so wie vor 200 Jahren der philosophische Idealismus zum „Forschungshemmnis“ wird.

Durch die Wissenschafts-Presse dieser Woche (2 – 4) geistern die neuen Forschungsergebnisse von Hughes und Koautoren „nur“ als eine Widerlegung einer vor einigen Jahren von Seiten des Soziobiologen Edward O. Wilson ausgesprochenen Vermutung zur Evolution des Altruismus bei sozialen Insekten. Die Insektenforscher Edward O. Wilson (Harvard) und Bert Hölldobler (Würzburg) hatten - schließlich auch in Zusammenarbeit mit dem Religions-Soziobiologen David Sloan Wilson - Zweifel daran geäußert, dass die lange – und gerade von Edward O. Wilson selbst seit 1975 - favorisierte und popularisierte Theorie vom Verwandten-Altruismus allein oder vorwiegend den Altruismus sozialer Insekten erklären kann. Sie glaubten deshalb neuerdings, nicht nur für Insekten, sondern auch für Menschen verstärkt Theorien zur „Gruppenselektion“ heranziehen zu müssen, um die hohen Grade von dort vorherrschendem Altruismus vollständig erklären zu können.

Doch scheinen auch sie es sich wiederum etwas zu einfach gemacht zu haben. Und sie rechneten dabei vielleicht auch nicht mit der Einfachheit und Schlichtheit, mit der die Evolution selbst arbeitet, und wie es schon bei Dunbar’s Monogamie-These vom September 2007 deutlich geworden war.

Denn die Gruppenselektions-Hypothese bezüglich der Evolution des Altruismus bei sozialen Insekten scheinen nun die Forscher um Hughes auf ziemlich einfache und gründliche Weise entkräftet zu haben. Dass aber die Forscher dabei noch ganz neue, spannende Zusammenhänge aufdeckten, das wurde bislang nirgends erwähnt.

Nicht Gruppenselektion, sondern Monogamie bewirkt Altruismus


Von Forschungen über die relativen Gehirngrößen unterschiedlicher Insekten-Arten und das Zuordnen derselben zu Gruppengrößen – wie es Robin Dunbar für so viele andere Zweige des Artenstammbaumes schon getätigt hat – ist dem Autor dieser Zeilen bis heute nichts bekannt geworden. Bei den Insekten scheinen auch nicht einzelne, individuelle Gehirne „intelligent“ zu sein (im Sinne von Lernen durch Versuch und Irrtum), sondern die eher starren Verhaltensprogramme selbst, die wahrscheinlich viel starrer allein durch die Gene gesteuert werden.

Ob sich die „social brain“-Hypothese also an Insektenstaaten wird bestätigen können, muß einstweilen dahingestellt bleiben. Aber – und das ist das Erstaunliche – es lässt sich ein Zusammenhang aufzeigen, nämlich dass monogame Lebensweise an der evolutionären Wurzel der Evolution komplexer sozialer Gruppen bei soziallebenden Insekten steht. Und genau diesen Zusammenhang haben die Forscher rund um Hughes anhand von Stammbaum-Analysen und -Vergleichen von mehreren hundert Insektenarten aufgezeigt.

Erst wenn Insekten bei ihrer Evolution sozialer Systeme sterile Arbeiterkasten evoluiert haben, so Hughes und Mitarbeiter, kann es sich die Evolution erlauben, die Königin einer solchen Insektenart polygam leben zu lassen. Vorher nicht. Polygame Lebensweise ist also nach ihren Ergebnissen bei der Evolution sozialen Verhaltens der Insekten immer eine abgeleitete evolutionäre Form, an der stammesgeschichtlichen Wurzel steht über den gesamten Insektenstammbaum hinweg immer monogame Lebensweise als die ursprüngliche evolutive Form.

Abb. 2: Tiefe, lebenslange Verbundenheit bis in den Tod: Der Grabstein eines
Ehepaares in Athen, um 345 v. Ztr. - Thraseas und Euandria (Wiki)


Hughes’ Monogamie-These (2008)


Und das legt nahe, dass der Verwandten-Altruismus, der insbesondere durch Monogamie stabilisiert wird, auch bei komplexer sozial lebenden Insekten und auch wenn sie in abgeleiteter Form polygam leben, immer noch die evolutionäre Wurzel des Altruismus bildet. Was zunächst in auffälligerem Gegensatz zu der neuen These von Edward O. Wilson stehen würde. Aber wohlgemerkt, nur die evolutionäre Wurzel ...

Monogamie nun also als evolutionäre Wurzel der Evolution von Insektenstaaten!? Das hatte doch Dunbar gerade erst für die Evolution komplexer sozialer Gruppen bei den Primaten aufgezeigt. Welch eine neue, offenbar erstaunlich tief reichende evolutionäre Konvergenz. (Siehe dazu der hier auf dem Blog schon oft erwähnte Simon Conway Morris.)

Monogame Lebensweise, so zeigen Hughes und Koautoren auf, schuf bei den Insekten die evolutionäre Voraussetzung für die Evolution eusozialer Sozialsysteme, also solcher, in denen Tiere lebenslang bei der Jungenaufzucht anderen Tieren helfen, ohne selbst Nachkommen zu haben. Das ist ja – aus Sicht der Evolution – die stärkste Ausprägung von Altruismus: auf Nachkommen zu verzichten, um dafür anderen bei der Aufzucht von Nachkommen zu helfen.

Evolutionäre Konvergenzen zwischen Primaten und - - - Insekten


Man kann also nun zusammenfassend sagen: Während die Primaten die durch monogame Lebensweise (bei Nichtprimaten-Vorgänger-Linien) evoluierten Gehirnkapazitäten weiter evoluierten, um Probleme des psychischen Zusammenlebens in größeren sozialen Gruppen zu lösen (Dunbar), evoluierten die eusozialen Insektenarten die durch monogame Lebensweise evoluierten Altruismus-Potentiale ihrer nicht-eusozialen Vorgängerlinien im Stammbaum ebenfalls weiter zur Lösung der Probleme des Zusammenlebens in größeren sozialen Gruppen (Hughes).

Bei eusozialen Insekten ist es also evolutionär gesehen einfach der Mechanismus des Verwandten-Altruismus, der - ursprünglich zumindest - die Altruismus-Potentiale bereitstellt. Bei Primaten ist es zusätzlich noch der Mechanismus der „sozial brain“-(Intelligenz-)Evolution. Aber auch bei letzterem Mechanismus kommt es stark an auf die Unterscheidung bekannt/fremd in sozialen Beziehungen, was an „Dunbar’s Zahl“ erkennbar wird.

Hier könnten sich also weitreichende evolutionäre Konvergenzen andeuten, die letztlich auch weiterfragen lassen in Richtung komplex-arbeitsteiliger menschlicher Gesellschaften. Man glaubt zu ahnen, dass hier beide Mechanismen – jene, die große Primaten-Sozietäten ermöglichen, und jene, die arbeitsteilige Insektenstaaten ermöglichen – zusammen laufen und zugleich wirksam sind. Wie genau, das wird noch zu entschlüsseln sein …

Lovejoy’s Monogamie-These (1970er Jahre)


Und da sollte sich – aus der evolutionären Grundlagen-Forschung heraus – kein neues Vertrauen in die Sinnhaftigkeit (der Wiederbelebung) menschlicher Religiosität ergeben, die eine sozialpsychologische Stabilisierung menschlicher Monogamie ermöglicht, wie wir inzwischen (unter anderem von Michael Blume) wissen? Und die nicht nur in monotheistischen Religionen, sondern auch schon bei vormonotheistischen Religionen (sowohl im indoeuropäischen wie sicherlich auch im ostasiatischen Bereich) wie auch bei nachmonotheistischer Religiosität ähnliche Wirkungen gehabt haben wird oder haben kann?

Monogamie also nun als jener Form menschlichen Zusammenlebens, fast über alle Zweige des Arten-Stammbaumes hinweg die Evolution von komplexer-sozialem Leben und Intelligenz ermöglichte?

Und noch eine Frage drängt sich auf: Auf der Südhalbkugel leben die ursprünglicheren Jäger-Sammler-Völker, auch die Bantu-Völker in Afrika, noch in größeren Häufigkeiten polygam als in den Gesellschaften auf der Nordhalbkugel. Ist es vielleicht ein Fehler, wenn man aus dieser Tatsache ableitet, dass der erste Homo sapiens sapiens vor 200.000 Jahren polygam gelebt hat? Auch das könnte – wie bei den Insekten – nur eine evolutionär „abgeleitete“ Lebensform sein. - Wird man aufgrund all dieser Sachverhalte sich erneut Lovejoy’s Monogamie-These der Intelligenz-Evolution beim Menschen ansehen müssen, die in den 1970er Jahren einiges Aufsehen erregt hatte?

Allerhand Stoff jedenfalls für weiteres Nachdenken und Forschen.

- Übrigens erkennt Hughes laut „New Scientist“ (2) an, dass Edward O. Wilson noch nicht vollständig widerlegt ist. Der dort gebrachte Einwand von Wilson gegenüber Hughes scheint zwar nicht besonders überzeugend. Aber es bleibt in gegenseitiger Anregung und Kritik sicherlich noch genug Arbeit zu tun übrig, um alle Ursachen und Bedingungen der Evolution des Altruismus bei sozialen Insekten zu verstehen und damit der Evolution von Altruismus (Intelligenz und arbeitsteiligen Gesellschaften) überhaupt.


(ursprünglich veröffentlicht 5.6.2008)


Abb. 3: Peter Paul Rubens - Selbstportrait mit Frau und Sohn, 1639

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Literatur:

  1. W. O. H. Hughes, B. P. Oldroyd, M. Beekman, F. L. W. Ratnieks (2008). Ancestral Monogamy Shows Kin Selection Is Key to the Evolution of Eusociality Science, 320 (5880), 1213-1216 DOI: 10.1126/science.1156108
  2. Fanelli, Daniele: Altruism needs selfish genes to evolve after all. In: New Scientist, 30.5.2008
  3. Jessl, Malte: Soziale Familienplanung. Spektrum direkt, 3.6.2006
  4. Klärner, Diemut: Soziale Insekten – Vom Nutzen königlicher Polygamie. In: FAZ.net, 5.6.2008
  5. Bading, Ingo: Ist die monogame Bindung der Kern aller Intelligenz-Evolution auf der Erde? Eine unerwartete - aber womöglich grundlegende - neue Erkenntnis des britischen Anthropologen Robin Dunbar, Studium generale, 15. November 2007, studgendeutsch.blogspot.de/2008/08/ist-die-monogame-bindung-der-kern-aller.html 
  6. Bading, Ingo: Das menschliche Gehirn ist evoluiert, "um zu lieben". Studium generale, 16. November 2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/11/das-menschliche-gehirn-ist-evoluiert-um.html
  7. Boomsma, Jacobus J.: Kin Selection versus Sexual Selection - Why the Ends Do Not Meet. In: Current Biology, Volume 17, Issue 16, 21 August 2007, Pages R673-R683 Available online 20 August 2007. https://doi.org/10.1016/j.cub.2007.06.033, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982207015709

Ist die monogame Bindung der Kern aller Intelligenz-Evolution auf der Erde?

Eine unerwartete - aber womöglich grundlegende - neue Erkenntnis des britischen Anthropologen Robin Dunbar

Er wurde gar nicht in der deutschen Wissenschafts-Berichterstattung erwähnt: Ein ein Aufsatz des britischen Anthropologen Robin Dunbar im angesehenen "Science Magazine" vom 7. September 2007 (1) (siehe auch: [2]). Die auffallende These desselben wurde hier schon in der Überschrift zusammen gefaßt: Ist die monogame Bindung der Kern aller Intelligenz-Evolution auf der Erde?

Abb. 1: Tiefe, lebenslange Verbundenheit bis in den Tod: Der Grabstein eines
Ehepaares in Athen, um 345 v. Ztr. - Thraseas und Euandria (Wiki)

Spätestens seit der Veröffentlichung seines auch ins Deutsche übersetzten Buches "Klatsch und Tratsch" ist Robin Dunbar für eine größere Öffentlichkeit als einer jener lebenden Anthropologen erkennbar geworden, die in besonderer Produktivität an der Klärung des modernen naturwissenschaftlichen Menschenbildes mitarbeiten. Seine Forschungen und unerwarteten Einsichten geben immer wieder aufs Neue eine Fülle von Anregungen zum Weiterdenken und zum weiteren Forschen hinsichtlich des Wesens des Menschen und jener Evolution, die den Menschen hervorgebracht hat.

Die "Social Brain"-Hypothese

Bislang war bekannt (in weiten Teilen von Dunbar selbst erforscht - siehe "Klatsch und Tratsch"), daß im Vergleich aller Primatenarten miteinander Gehirngröße mit Gruppengröße korrelieren, daß also Gehirn (Intelligenz) vor allem evoluiert wurde, um Probleme des sozialen Zusammenlebens in Gruppen zu meistern ("social brain hypothesis"). Einer der vielen auffallenden Schlußfolgerungen dieser Forschungen ist, daß man aus den Gehirngrößen der Australopithecinen, von H. habilis und H. erectus Schlüsse ziehen kann darauf, wie groß die Gruppen gewesen sein könnten, deren Zusammenleben diese Gehirne befähigt waren zu meistern. Für Homo sapiens sapiens ergibt sich etwa die Gruppengröße von 150, eine Zahl, die als "Dunbar's Zahl" (Wiki, engl.) in die Literatur eingegangen ist. Ihre Implikationen werden inzwischen in ganz unterschiedlichen Forschungsbereichen weiterverfolgt.

Es stellte sich nun aber in den letzten Jahren das Dilemma heraus, daß diese genannte Korrelation nur für den Primaten-Stammbaum gültig war. Dunbar und Mitarbeiter untersuchten diesbezüglich auch Paarhufer (Herdentiere in der Savanne), sowie andere Zweige des Säugetier-Stammbaumes. Aber sie fanden dort beim Arten-Vergleich nirgendwo eine Korrelation zwischen Gruppengröße und Gehirngröße. Es war dies einer von mehreren Gründen dafür, daß andere Forscher begannen, die Allgemeingültigkeit von Dunbar's Thesen infrage zu stellen und nach Alternativen für die Social-Brain-Theorie zu suchen. (Ergänzung, 21.12.2017: Diese Debatte ist auch noch zehn Jahre später, 2017, in vollem Gange und es zeichnet sich einstweilen keine definitivere Entscheidung ab. Eine alternative Theorie, die ein so breites Spektrum von Phänomenen erklären kann wie Dunbar's Social-Brain-Theorie konnte bislang noch nicht formuliert werden.)

Monogamie fördert Intelligenz-Evolution

Robin Dunbar hat aber nun mit der hier zu behandelnden neuen Studie nachgelegt (1, 2). Zwar findet er für Fleischfresser (Carnivoren), Paarhufer, Vögel, Fledermäuse - wie gesagt - im Artenvergleich keine Korrelation zwischen Gehirngröße und Gruppengröße. Dafür aber deutliche Korrelationen zwischen Gehirngröße und monogamer Lebensweise. Das ist eine große Überraschung.*) Kurz gesagt: "Monogamie fördert Intelligenz-Evolution". Das Spannende scheint weiterhin dabei zu sein, daß das - wenn man Dunbar recht versteht - gar nicht unbedingt vordringlich etwas mit klassischer darwinischer "sexueller Selektion" zu tun haben muß, denn diese wirkt am effektivsten bei polygamen Arten (und vergrößert, wie Dunbar so schön sagt, nur das limbische System! ...) (s.a.: 4). Sondern es stellt - offenbar - einen ziemlich neuartigen Mechanismus für sich dar.

Dunbar betont auch: Paarbindung selbst ist der entscheidende Faktor, nicht das gemeinsame Aufziehen von Kindern durch Vater und Mutter (also nicht "biparental care"). Aber nun soll Dunbar selbst das Wort gegeben werden, denn besser als er kann man das selbst auch nicht sagen:

Für vier Ordnungen der Säugetiere (Primaten, Fledermäuse, Paarhufer und Fleischfresser) und für 135 Vogelarten, die einen weit gespannten Querschnitt der Vogel-Ordnungen repräsentieren, konnten wir zeigen, daß in allen Arten außer den Menschenaffen das Verhältnis zwischen Gehirngröße und Sozialität qualitativ ist und nicht quantitativ: In jedem Fall ist große relative Gehirngröße explizit verbunden mit paargebundener (d.h. mit sozialer) Monogamie (siehe - hier - Abb. 2).
Diese Entdeckung legt nahe, daß es die von Gehirnen zu lösenden Herausforderungen der Paarbindung waren, die die ursprüngliche Evolution von großen Gehirnen bei allen Wirbeltieren ausgelöst hat. Und noch wichtiger ist hierbei, daß Paarbindung das Thema ist, nicht gemeinsame elterliche Aufzucht von Nachkommen.
Original: For four orders of mammals (primates, bats, artiodactyl ungulates, and carnivores) and 135 species of birds representing a wide cross-section of avian orders, we have shown that, in all taxa except anthropoid primates, the relationship between brain size and sociality is qualitative and not quantitative: In each case, large relative brain size is associated explicitly with pairbonded (i.e., social) monogamy (siehe - hier - Abb. 3).
These findings suggest that it may have been the cognitive demands of pairbonding that triggered the initial evolution of large brains across the vertebrates. More important, pairbonding is the issue, not biparental care.

Abb. 2: "Mean (±SE) of residual brain volume (controlling for body size and phylogeny) in species with pairbonded (purple bars) versus all other mating systems (gray bars) in birds and four orders of mammals. The differences are significant in all cases except primates."

Und etwas später noch grundlegender, ja geradezu philosophisch, bzw. angefüllt mit mancher philosophischen Implikation (Hervorhebung durch mich, I.B.):

The important issue in the present context is the marked contrast between anthropoid primates and all other mammalian and avian taxa (including, incidentally, prosimian primates): Only anthropoid primates exhibit a correlation between social group size and relative brain (or neocortex) size. This quantitative relationship is extremely robust; no matter how we analyze the data (with or without phylogenetic correction, using raw volumes, or residuals or ratios against any number of alternative body or brain baselines) or which brain data set we use (histological or magnetic resonance imaging derived, for whole brain, neocortex, or just the frontal lobes), the same quantitative relationship always emerges. This suggests that, at some early point in their evolutionary history, anthropoid primates used the kinds of cognitive skills used for pairbonded relationships by vertebrates to create relationships between individuals who are not reproductive partners. In other words, in primates, individuals of the same sex as well as members of the opposite sex could form just as intense and focused a relationship as do reproductive mates in nonprimates. Given that the number of possible relationships is limited only by the number of animals in the group, primates naturally exhibit a positive correlation between group size and brain size. This would explain why, as primatologists have argued for decades, the nature of primate sociality seems to be qualitatively different from that found in most other mammals and birds. The reason is that the everyday relationships of anthropoid primates involve a form of "bondedness" that is only found elsewhere in reproductive pairbonds.

Das heißt, Dunbar betont weiterhin, daß die Primaten mit (allen) Gruppenmitgliedern ähnlich intensive Sozialbeziehungen eingehen wie alle Nichtprimaten mit jeweils bloß einem monogamen Lebenspartner, bzw., Dunbar unterstellt, daß die sozialen Fähigkeiten zum monogamen Zusammenleben mit einem Lebenspartner die Wurzeln bilden für die Intelligenz-Evolution bei den Primaten, die diese Fähigkeit auf das Zusammenleben mit Gruppenmitgliedern ausdehnen.

Man fühlt sich hierbei auch an die Thesen der amerikanischen Anthropologin Barbara King erinnert, nach der "belonging", "Zugehörigkeits-Gefühl zu" Gruppenmitgliedern, Sozialpartnern die tiefste Wurzel aller menschlichen Religiosität (= Liebe) sein könnte (3). Ist nicht tatsächlich alle Religiosität - zunächst einmal oder letztlich - Liebe, "sich zugehörig fühlen zu" ...?

... und die Evolution von menschlicher Religiosität?

Aber um nun das zu beschreiben, was die kognitiven Erfordernisse der "Paarbindung" eigentlich ausmachen, spricht Dunbar geradezu philosophisch oder wie ein Künstler - oder soll man sagen wie ein echter "Liebender"?:

It has become apparent that we lack adequate language with which to describe relationships, yet bondedness is precisely what primate sociality is all about. Intuitively, we know what we mean by bondedness because we experience it ourselves, and we recognize it when it happens. The problem, perhaps, is that bondedness is an explicitly emotional experience and language is a notoriously poor medium for describing our inner, emotional experiences. Because relationships do not have a natural objective cognitive dimension that we can easily express in language, comparing the bondedness of different species is difficult (this may also explain why ethologists have invariably ducked the problem completely, preferring observable descriptions of behavior to grappling with what is going on inside the animal).

Das muß man erst mal alles auf sich wirken lassen und in sein bisheriges Welt- und Menschenbild einordnen. Man könnte den Eindruck gewinnen, daß es der Implikationen hier viele geben könnte und der (Forschungs-)Perspektiven auch. Von Schlußfolgerungen für unsere Gesellschaft (und unsere Familien?) gar nicht zu reden.

Und warum stellte der kanadische Psychologe J. P. Rushton fest, daß Menschenrassen, die eher zu Monogamie neigen (Europäer, Ostasiaten) durchschnittlich einen höheren angeborenen Intelligenz-Quotienten haben, als Menschenrassen, die insgesamt eher zu polygamer Lebensweise neigen (Buschleute, Schwarzafrikaner, amerikanische Ureinwohner)? Gehört das auch in die hier besprochenen Zusammenhänge? Es scheint sich jedenfalls geradezu nahtlos in diese einzuordnen.

Abb. 3: Robin Dunbar

Dunbar war schon vor einigen Monaten an Besprechungen beteiligt, die nach Formen suchten, auch solche Dinge zu thematisieren (siehe früherer Beitrag hier auf dem Blog). Jedenfalls: Auch beim Menschen also könnte IQ-Evolution - zumindest auf der Nordhalbkugel - etwas mit Monogamie zu tun zu haben.

Klar wird, daß es hier auch Implikationen geben könnte für die Evolution von menschlicher Religiosität. (Dieser Beitrag wird fortgesetzt ---> hier.)





/ ursprünglich veröffentlicht 15.11.2007;
zuletzt bearbeitet und ergänzt um [4-6]: 21.12.2017 /


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*) 21.12.2017: Nur einen Monat zuvor war - aus ganz anderen Zusammenhängen heraus wie es scheint - von dem niederländischen Evolutionsbiologen Jacobus J. Boomsma (geb. 1951) (Wiki) dessen inzwischen recht einflußreich gewordene "Monogamie-These" veröffentlicht worden (4). Sie besagt, daß am Ursprung aller staatenbildenden Insekten, deren Königinnen oft polygam leben, immer sozial einfachere, monogame Arten stehen würden, und daß die Monogamie den Übergang zur Staatenbildung erst möglich gemacht hat (weil sie größere genetischen Einheitlichkeit unter den Arbeiterinnen bewirkt, was wiederum mehr Verwandten-Altruismus bewirkt). Es wäre noch einmal der Frage nachzugehen, ob es irgendwelche Zusammenhänge zwischen beiden Veröffentlichungen gegeben hat, ob Anregungen von einer Seite für die andere gegeben worden sind. Da sich aber beide Arbeiten in ihren Literatur-Verzeichnissen auf ganz unterschiedliche Forschungszweige und deren Forschungsliteratur beziehen, wird die enge zeitliche Parallele zwischen beiden Veröffentlichungen eher auf einem auffallenden Zufall beruhen.
Womöglich handelt es sich um fast zeitgleiche "konvergente" Entwicklungen 1. einerseits in der Forschung selbst wie womöglich 2. auch hinsichtlich der zu erforschenden Gegenstände, nämlich a) komplexeres soziales Leben einerseits bei sozialen Insekten und andererseits b) bei Primaten. Auch bei den Forschungsgegenständen selbst könnte konvergente Evolution - vielleicht ebenfalls einigermaßen zeitgleich? - stattgefunden haben aufgrund von jeweils stammesgeschichtlich ursprünglicherer monogamer Lebensweise. Auch angesichts der Grundsätzlichkeit dessen, was hier jeweils erklärt wird, dürfte man sagen, daß man hier aufregende forschungsgeschichtliche Entwicklungen beobachten kann. - Im übrigen ist darauf hinzuweisen, daß der von Dunbar 2007 quantitativ nachgewiesene Zusammenhang zwischen Monogamie und Intelligenz von Konrad Lorenz schon im Jahr 1972 aufgrund vielfältiger Tier-Beobachtungen benannt worden war (5). (Der Autor dieser Zeilen hat Dunbar auf diesen Umstand hingewiesen, Dunbar hatte davon nicht gewusst und war sehr erfreut, davon zu erfahren [6].)

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  1. Dunbar, Robin I. M.; Shultz, Susanne: Evolution in the Social Brain. Review. In: Science, Vol. 317, 7. September 2007, S. 1344-1347, https://www.researchgate.net/publication/6017731_Evolution_in_the_Social_Brain
  2. Shultz, Susanne, Dunbar, Robin I. M.: The evolution of the social brain: anthropoid primates contrast with other vertebrates. Proc. R. Soc. London Ser. B, Volume 274, Number 1624, 7. Oktober 2007 (eingegangen am 23. Mai 2007, zur Veröffentlichung frei gegeben am 26. Juni 2007), https://www.researchgate.net/publication/6186835_The_evolution_of_the_social_brain_Anthropoid_primates_contrast_with_other_vertebrates
  3. King, Barbara J.: Evolving God. A Provocative View on the Origins of Religion. Doubleday Books 2007
  4. Boomsma, Jacobus J.: Kin Selection versus Sexual Selection - Why the Ends Do Not Meet. In: Current Biology, Volume 17, Issue 16, 21 August 2007, Pages R673-R683 Available online 20 August 2007. https://doi.org/10.1016/j.cub.2007.06.033, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982207015709
  5. Lorenz, Konrad: Soziale Bindungen und die in ihrem Dienste ritualisierten Verhaltensweisen. Vortrag anläßlich der Tagung Encyclopaedia Cinematographica, Göttingen 3. Oktober 1972, Film des Instituts für den wissenschaftlichen Film, https://www.youtube.com/watch?v=1kTDEpa4cRM
  6. Bading, Ingo: "... Was die großen Köpfe der Vergangenheit längst wußten ..." Konrad Lorenz, der Forscher und Mahner, in wenig bekannten Film- und Tondokumenten. Studium generale, 26. September 2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/09/was-die-groen-kopfe-der-vergangenheit.html
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