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Sonntag, 31. August 2008

Ethnische Medizin (II)

Schon letzten Sonntag gab es einen Beitrag zu diesem Thema. (Stud. gen.) Zwischenzeitlich wurde Wissenschaftsjournalistin Sandra Czaja bei "Spektrumdirekt" in einem Leserbrief auf die Unvollständigkeit der von ihr verfaßten Meldung hingewiesen. Aber mit wenig Erfolg. Vielleicht war dazu auch der Beitrag, auf den sie verwiesen wurde, zu polemisch. Und präziser sollte es auch tatsächlich heißen, daß Craig Venter nicht "Rasse-basierte" (angewandte) Medizin befürwortet - nein, da befürwortet er ja ganz richtig individuell zugeschnittene (und hofft offenbar, daß sie bald weltweit finanzierbar wird) -, sondern er befürwortet "Rasse-basierte" medizinische Forschung. Nun, das sind aber mehr "Spitzfindigkeiten".

Durch einen Artikel in der linksliberalen amerikanischen Online-Zeitschrift "Slate" wird man aber nun darauf hingewiesen, daß die ganze September-Ausgabe (!) der wissenschaftlichen Zeitschrift, in der der Craig Venter-Artikel erschienen war, nämlich der "Nature"-Tochter Clinical Pharmacology & Therapeutics, dem Thema der "Pharmacoethnicity" gewidmet ist. Titelseite dieser Ausgabe siehe Abbildung.

Wenn man das weiß, wird ja auch gleich das Argumentations-Muster des Craig Venter-Artikels besser verständlich. Es reagiert auf andere bekannte oder erwartete Beiträge in dieser Ausgabe. Das Editorial der Ausgabe, frei zugänglich, fragt nach "Ethnic Factors in Global Drug Development", also ebenfalls vornehmlich nach der Forschung, nicht nach der Anwendung der durch Forschung gewonnenen medizinischen Erkenntnisse.

Darauf folgt in den "Commentaries" - und sicherlich als Reaktion auf andere Forschermeinungen und gebrachte -fakten - der schon behandelte Venter-Artikel "Individual Genoms Instead of Race for Personal Medicine" (ebenfalls frei). Und dann folgen die vielen eigentlichen Forschungsartikel, von denen auch viele frei zugänglich sind. Man bräuchte ein paar Stunden, um herauszufiltern, was in dieser Ausgabe alles an Neuem enthalten ist.

Aber wenn man das Grundprinzip einmal verstanden hat, dann wird man ja überall leicht die Tatsachen von ideologisch angenehmen "Umformulierungen", "Verschönerungen", "Wattierungen" usw. unterscheiden können. Und dieses Grundprinzip ist spätestens seit zwei Jahren einigermaßen durchschaubar geworden, wie ja auch schon oft auf "Studium generale" erläutert und thematisiert.

Sonntag, 24. August 2008

Ethnische Medizin (I)

Wieder ein Fall von PC-Desinformation

Wieder einmal ein Fall übereifriger Politischer Korrektheit. Es ist doch immer wieder gut, das Original zu lesen, das in diesem Fall sogar frei verfügbar ist, nämlich der jüngste Artikel von dem bekannten Gen-Sequenzierer und Humangenetiker Craig Venter. Diesmal zum Thema der sogenannten "rassebasierten Medizin" oder zur so genannten "Ethnischen Medizin". (Venter/Race, siehe bspw. auch Focus 2006) Der österreichische "Standard" titelte nun zu diesem neuen Venter-Artikel "Keine Grundlage für 'Rassen' in der Medizin" (Standard). Und auch "Spektrumdirekt" schreibt gedankenlos ab: "Die so genannte 'rassenbasierte' Medizin hat keinen Sinn." Beide schreiben ab von einem ähnlich unklaren Artikel im "New Scientist", der Venter folgendermaßen zitierte:

"Race-based medicine doesn't have any real basis in science," he told New Scientist. "You can look at somebody's skin colour, but it doesn't necessarily tell you much about the rest of their genome or how they'll respond to drugs or which drugs they'll respond to."

Wenn es um Rasse geht, dann kann man ja die verrücktesten Sachen sagen. Man diskreditiert sich nicht, solange es nur "politisch korrekt" klingt. Egal, ob das auch "wissenschaftlich korrekt" ist - der Gutmensch ist durch seine guten Absichten selbst schon gerechtfertigt. Sogar im Wissenschaftsjournalismus. Was zu beweisen war.

Doch man höre auch bei dem gebrachten Zitat schon genau hin, Venter sagt: "not necessarily", "nicht notwendigerweise" (!!!). Muß man denn diesen Ausdruck überhaupt verwenden, wenn doch "rassebasierte Medizin" sowieso "keine wirkliche" (!!!) "Grundlage in der Wissenschaft" hat, "keinen Sinn"? - Oh Gott, gib uns Hirn!

Ansonsten möchte man aber auch "Standard", "Spektrumdirekt" und "New Scientist" bitten, das Original zu lesen, denn dort sagt Venter (mit Koautoren) genau das Gegenteil, dort fordert er sogar stärker als bisher "rassebasierte Medizin", da die bisherige, nicht nach Rasse fragende Medizin Minderheiten in der medizinischen Forschung diskriminiert habe. Venter und Koautoren sprechen hier nur davon, daß rassebasierte Medizin "suboptimal" wäre, keineswegs, daß sie "keine Grundlagen" habe. Hören wir uns das wörtlich an:
Even though we find race-based medicine suboptimal, we strongly support recruitment of minorities in pharmacological studies. Because minorities have been under-represented in pharmacogenetic studies, the genetic variations observed at differing frequencies in minorities and their effects on drug metabolism have been under-studied.
"We strongly support ..."! Was bleibt nun noch von der oben angeführten Berichterstattung übrig? - Reine Desinformation, kaum eine Spur von echter Information. Bloß mit Schlagworten herumgeworfen.

Und auch die sich daran anschließenden Ausführungen sind von großem Interesse und erläutern den sehr differenzierten Standpunkt von Craig Venter und Koautoren. Hält man das Volk für zu dumm, ihm diesen differenzierten Standpunkt ebenso differnziert zu erläutern?:
An analysis of drug labels mentioning race showed that a third of the studies found racial differences in drug response. However, 42% of the studies either did not carry out an assessment of differences between races or had insufficient numbers of subjects to enable such an assessment. Researchers whose studies have volunteers from different racial/ethnic groups are often unable to assess ethnic differences because of the small sample sizes of the ethnic groups represented. Therefore, we suggest that drug companies consider enrolling in their clinical trials equal numbers of volunteers from different races/ethnicities. This could ensure sample sizes large enough to assess racial/ethnic differences and would capture the genetic variation that occurs at higher frequencies in minority populations so that interactions between these variants and drugs can be studied. If there are no racial/ethnic differences in response to a particular drug, then the proportion that benefits would be the same for all individuals, regardless of race or ethnicity. If differences exist, then this type of study design would be better at detecting them.
Das hört sich dann doch wohl alles schon ein bißchen anders an. Klingt dennoch ein klein bißchen weltfremd: Gute pharmakologische Forschung wird nur in den Ländern der "Ersten Welt" betrieben. Soll sich deshalb nun jede Pharmafirma "Minderheitengruppen" aus der ganzen Welt zusammen suchen für Medikamtstudien? - - -

Es sollen hier nicht alle damit zusammenhängenden Fragen genauer behandelt werden, es sollte hier nur ein bißchen das "Problembewußtsein" geschärft werden, was Wissenschaftsberichterstattung über solche Themen betrifft. Man lasse sich etwa auch diesen schönen Satz aus dem Original auf der Zunge zergehen:
If genetics is the underlying cause of the ethnic differences in drug response, then finding the loci benefits all individuals who have the appropriate genotype, regardless of their race or ethnicity.
Dieser Satz ist ganz und gar richtig. Und warum er stimmt, erläutern auch alle anderen Presseberichte ganz gut, weil nämlich (zum Beispiel) 3 % der Europäer ostasiatische Genvarianten haben, die für die Verstoffwechselung von Medikamenten verantwortlich sind. Wenn man nun bei einem Europäer wie James Watson genau diese ostasiatische Genvariante findet, nun dann profitiert auch er sowohl 1. von "Rasse-basierter" wie ebenso 2. von "individuell maßgeschneiderter" Medizin in genau schon diesem einzigen Fall, denn beide Erkenntniswerkzeuge waren zur Klärung des hier vorliegenden Sachverhaltes angewandt worden und werden auch weiterhin günstigstenfalls zur Klärung weiterer Sachverhalte angewandt. Denn Rasseunterschiede, das betonte Richard Dawkins schon 2004 in "Ancestor's Tale", stellen biologische Information dar - auf allen Ebenen menschlicher Biologie.

Bitte also auch in diesen Fragen das Hirn nicht ausschalten lassen!

Den Rest lassen Sie sich dann bitte auch von der übrigen Wissenschafts-Berichterstattung erläutern ... (Google News). Langsam wird das Thema nämlich fad. Es ist (mindestens) schon zwei Jahre alt.

Bei der Recherche zu der in dem Originalartikel zitierten Literatur fand sich übrigens noch ein lesenswerter, ins Deutsche übertragener Artikel des farbigen, amerikanischen Humangenetikers Troy Duster unter dem Titel "Die Wiedergeburt des Rassebegriffs" auf dem Gen-ethischen-Netzwerk.de. Dort gibt es auch eine schöne Rubrik "Gen für ..."

Freitag, 28. September 2007

Rassische Kategorisierung in der Medizin - Neue Diskussionsbeiträge

Wie sinnvoll ist rassische und ethnische Kategorisierung in der medizinischen Forschung und in der medizinischen Praxis? Diese Fragen werden erneut in "PlosMedicine" diskutiert. (1, 2, Gene Expression)

Wenn ich einige der Argumente richtig verstehe, dann stellen die Forscher derzeit nicht mehr grundsätzlich infrage, daß eine solche Kategorisierung sinnvoll ist. Denn sie erkennen wie schon so manche vor ihnen, daß Nichtbeachtung rassischer und ethnischer Unterschiede in der Medizin zu massiver medizinischer Benachteiligung von ethnischen und rassischen Minderheiten gegenüber Mehrheitsbevölkerungen mit sich bringen können.

Was die Forscher nun aber einfordern, ist eine möglichst differenzierte Herangehensweise an das Problem. Sie fordern eine genauere und striktere Unterscheidung zwischen rassischer Kategorisierung als beschreibendes Kriterium und derselben als erklärendes Kriterium von Gesundheits-Zuständen. Unterschiede im Gesundheitszustand von verschiedenen rassisch oder ethnisch beschreibbaren Personengruppen können ja tatsächlich sowohl genetische wie soziale Ursachen haben.

Und allzu oft erweist sich eine mangelnde Berücksichtigung des einen oder des anderen Ursachenfeldes als fehlerhaft bei der Gesamt-Beschreibung der Ursachenbündel. Außerdem fordern die Forscher eine internationale Konferenz zu diesem Thema auf höchster Ebene, um in diesen Fragen einen Konsens zwischen den Ärtzen und der medizinischen Forschung weltweit herbeizuführen. Dieser Forderung kann wohl nur zugestimmt werden, nachdem die ersten Konferenz zu diesem Thema an der Washington-Universität im Jahr 2003 auf längst veraltetem Forschungsstand ihre ersten noch sehr kurzgegriffenen Schlußfolgerungen gezogen hatte.

Donnerstag, 24. Mai 2007

Ethnische Medizin und Organtransplantationen

Die Implikationen einer neuen "Ethnische Medizin" (Focus 1, 2) treten immer häufiger in das Bewußtsein der Mediziner und der Öffentlichkeit. Nach einem neuen Bericht haben auch Organtransplantationen sehr viel mit Ethnizität, also Volks- und Rassezugehörigkeit zu tun. (BBC, via gnxp-forum) Zum einen benötigen Menschen asiatischer und afrikanischer Abstammung häufiger Nierentransplantationen als die Mehrheitsbevölkerung, da sie häufiger unter Diabetes und Bluthochdruck leiden (was auch oder vorwiegend genetisch bedingt sein kann). Zum anderen sind bekanntermaßen die ebenfalls genetisch kodierten, körpereigenen Abstoßungsreaktionen geringer, wenn das eingepflanzte Organ vom Angehörigen der eigenen Ethnie stammt. Ostasiaten müssen auch häufiger Transplantationen für die Augen (Kornea) und die Leber bekommen, weil sie hier genetisch anders dispositioniert sind. - Es ist im folgenden von den Verhältnissen in Großbritannien die Rede. Sie werden entsprechend den zahlenmäßigen "multikulturellen" Verhältnissen in jedem westlichen Land etwas anders liegen. (Artikel gekürzt)

... Tony said that when he first went on the register he was not aware that his ethnicity might delay his chances of getting a kidney.

Statistics show that black and Asian people, like Tony, are over three times more likely to need a kidney transplant than the general population because they have a higher incidence of diabetes and high blood pressure, leading to kidney failure. And their chance of a successful transplant is greater if they get an organ from someone from the same ethnic group.

An Asian person waits an average of 1,496 days for a kidney transplant, compared with 1,389 days for a black recipient and 772 days for someone who is white.

In addition, nearly one in 10 of all cornea transplants carried out in the UK helps an Asian person regain their sight.

Asian people are more likely to need a cornea transplant because of keratoconus, a debilitating disease which usually affects both eyes, causing worsening vision distortion.

Furthermore, more than 6% of people on the liver transplant list are Asian.

This is because of viral hepatitis - types B and C - which can lead to liver damage, and liver failure is more prevalent in the Asian population.

"There is a shortage of organ donors of all ethnic backgrounds, but the problem is particularly acute among the black and south Asian communities.

"Transplants tend to be more successful when donor and recipient share the same ethnic background and the shortage of suitable donors means black and Asian people spend much longer waiting for a transplant.
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