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Sonntag, 26. Dezember 2021

Die Völkergruppe der "Italo-Kelten" - Nachkommen der Glockenbecherkultur

Indogermanen und Kelten kommen nach England (2.400 v. bis 450 n. Ztr.)
- Neues aus der Archäogenetik: Die keltische Urnenfelder-Kultur und spätere Kelten und ihre Ausbreitung

Eine neue archäogenetische Studie zur Bronze- und Eisenzeit Englands, erschienen am 22. Dezember 2021 (1),  läßt viele Fragen der europäischen Vorgeschichte zwischen Italien, Spanien und Schottland neu durchdenken. Sie liefert ein konkreteres Datenmaterial als wir es jemals hatten.

Abb. 1: Bronzehelm aus der Villanova-Kultur in Mittelitalien, 9. Jhdt. v. Ztr. (Wiki)

Auch Fragen der historischen Sprachwissenschaft, die schon seit Wilhelm von Humboldt erörtert werden, erhalten durch die neuen archäogenetischen Ergebnisse eine neue Beleuchtung. Da allmählich Vergleiche zwischen verschiedenen Regionen Europas möglich werden, soll ein solcher im folgenden vorgenommen werden.

Sprachgeschichte im Vergleich: Spanien, Irland, England und Italien

Viele Länder Europas - wie Spanien, Irland und England - sind, was ihre Vorgeschichte betrifft, insofern vergleichbar, als sie zu ähnlichen Zeiten 

  • einerseits von den Indogermanen der Glockenbecher-Kultur besiedelt worden sind (ab. 2.350 v. Ztr.) und als es in ihnen
  • andererseits auch eine zweite Besiedlungswelle gegeben hat, nämlich durch die Einwanderung keltischer Stämme (spätestens ab etwa 800 v. Ztr.). 

[Einfügung, 18.4.22] Die zweite Besiedlungswelle ging insbesondere von der Urnenfelder-Kultur (Wiki) aus, die sich - ab 2000 v. Ztr. - vom zentralen Ungarn her ausbreitete (16). Die Forschung nimmt mehrheitlich an, daß sich mit ihr die nachmaligen Italiker, Iberer, Ligurer und Kelten ausbreiteten. (Allerdings könnten diese sich - siehe unten - auch schon mit der Glockenbecher-Kultur ausgebreitet haben.) Ab 1900 v. Ztr. sei die Urnenfelder-Kultur im nordöstlichen Serbien südlich des Eisernen Tores anzutreffen. Während des darauffolgenden Zusammenbruchs des Tell-Systems um 1500 v. Ztr. breitete sich das Urnenfelder-Modell in einige weitere Regionen aus, in die südliche Poebene, auch in die Sava/Drava- und Untere Tisza-Ebene. In vielen dazwischenliegenden Regionen (etwa im Alpenraum) hat es lange keinerlei Urnenfelder-Kultur gegeben oder aber hybride Kulturen mit weniger radikaler Übernahme der Urnenfelder-Kultur-Elemente (etwa in der nördlichen Po-Ebene) (16). [Ende Einfügung]

Genetisch war es in den Länder Spanien, Irland und England schon ab 2.350 v. Ztr., also im Zuge der ersten Ausbreitungswelle zu einem fast 100%igen Umbruch und Austausch gekommen. Auch bei den heutigen Basken kam es - zumindest in männlicher Linie - zu einem 100%igen genetischen Umbruch. Dennoch hat sich das Baskische dort als vor-indogermanische Sprache bis heute erhalten. Wie aber verhielt es sich mit solchen älteren Sprachen andernorts? Übernahmen die Glockenbecher-Leute auch andernorts in Spanien, sowie in Irland oder in England die Sprache der dort vormals lebenden einheimischen Menschen oder brachten sie mit ihrer neuen Genetik auch ihre neue Sprache mit? Und welche Sprache wäre das gewesen? Und wie wären diese Sprachen dann durch die Sprachen der zweiten Ausbreitungswelle abgelöst worden?

Italien

Diese Frage kann bislang nur für Italien einigermaßen überzeugend beantwortet werden, da es hier keine größere Ansiedlung keltischer Stämme gegeben hat, die die Verhältnisse durcheinander gebracht hätten. Für Italien scheinen die Verhältnisse einigermaßen klar zu sein. Ab 2.500 v. Ztr. kam die Glockenbecher-Kultur nach Italien und brachte dort in die nachfolgenden Generationen 20 bis 40 % Steppengenetik ein. Es gab keinen völligen genetischen Austausch wie etwa zeitgleich in Spanien, Irland oder England. Dennoch gab es in Italien bis zu seiner Eroberung durch die Römer eine Fülle von italischen, sprich indogermanischen Sprachen (Wiki). Da es dann in Italien - wie gesagt - nie eine so ausgeprägte nachmalige Zuwanderung von Kelten gegeben hat wie das für England, Spanien oder Irland gilt, scheint auch klar, daß all diese noch in der Römerzeit bestehenden indogermanischen, italischen Sprachen mit den ersten Indogermanen, also mit der Glockenbecherkultur nach Italien gekommen sind. Lediglich bei dem Messapischen (Wiki, engl), das im Stiefelabsatz Italiens von den Dauniern und zwei anderen Stämmen gesprochen wurde, könnte es sich um eine etwas entferntere indogermanische Sprache handeln, nämlich um eine illyrische Sprache, da sich diese Stämme von der anderen Seite der Adria aus nach Apulien ausgebreitet haben könnten (6).

Die in Norditalien und im Alpenraum beheimateten großen Völker der Etrusker und Räter haben ihre vorindogermanische Sprache während der Vermischung mit den Glockenbecher-Leuten ebenso wie die Basken behalten. (Dort lebten um 3.300 v. Ztr. auch genetisch noch sehr urtümliche Bevölkerungen wie die Genetik des "Ötzi" aufzeigt, der immer noch die Genetik der ersten Bauern Europas aus dem Frühneolithikum aufwies.) Es handelt sich bei ihnen um zwei im Italien der Bronze- und Eisenzeit weit verbreitete nicht-indogermanische Sprachen. Dennoch trugen die Etrusker (und sicherlich ebenso die Räter nachmals) in gleichem Maße einen indogermanischen genetischen Herkunftsanteil in sich - ebenso wie die Basken. 

Natürlich wäre auch noch zu klären, wie sich in all das die Ausbreitung der Urnenfelder-Kultur nach Norditalien hinein einfügt.

Irland

Der Archäogenetiker David Reich soll vorgeschlagen haben, daß schon die Glockenbecher-Kultur die keltische Sprache auch nach England und Irland gebracht haben könnte (Wiki). So wie auch in Italien. Wie zu vielen indogermanischen Sprachen (Wiki) werden auch zur inselkeltischen Sprache vorindogermanische Substrat-Hypothesen (Wiki) erörtert, wobei viele historische Möglichkeiten erörtert werden. Auf keine derselben kann sich die Forschung bislang einigen. Deshalb wird die genannte These von David Reich als eine eher willkürliche Annahme erachtet werden müssen. Von vielen Sprachwissenschaftlern wird die keltische Sprache der Iren auf die Zuwanderung von Galliern zurück geführt, da die Verwandtschaft mit der Sprache der Gallier auf dem Festland sehr nahe sei (Wiki):

Die älteste geschriebene goidelische Sprache ist das ursprünglichste Irisch, was bezeugt ist in den Ogham-Inschriften aus dem 4. Jahrhundert. Die Formen dieser Sprache sind sehr nahe verwandt, oft identisch mit Formen des Gallischen, das überliefert ist aus der Zeit vor und während des Römischen Reiches.
The oldest written Goidelic language is Primitive Irish, which is attested in Ogham inscriptions from about the 4th century. The forms of this speech are very close, and often identical, to the forms of Gaulish recorded before and during the time of the Roman Empire. 

Natürlich würde dieser Umstand weder ausschließen, daß es vorkeltische indogermanischen Sprachen wie auch vorkeltische nicht-indogermanische Sprachen auf Irland gegeben hat (Wiki). Es würde nur bedeutend, daß das erste, durch Schriftüberlieferung bekannt gewordene Inselkeltische durch die keltischen Zuwanderungen der Eisenzeit nach Irland gebracht worden ist, womöglich sogar erst durch die letzte dieser Zuwanderungen (Wiki):

Die traditionelle Sichtweise ist die, daß die keltische Sprache, das Ogham-Schriftzeugnis und seine Kultur durch Wellen von Kelten von Festland-Europa aus nach Irland gebracht worden sind. (...) Diese Theorie sagt, daß es vier unterschiedliche keltische Einwanderungen nach Irland gab. Es wird gesagt, daß die Priteni die ersten gewesen seien, gefolgt von den Belgern aus dem nördlichen Gallien und aus Britannien. Später seien Laighin-Stämme von Aromorica aus (aus der heutigen Bretagne) nach Irland und Britannien mehr oder weniger gleichzeitig eingewandert. Und schließlich hätten Milesier (Gallier) Irland vom nördlichen Spanien aus oder vom südlichen Gallien aus erreicht.
The long-standing traditional view is that the Celtic language, Ogham script and culture were brought to Ireland by waves of invading or migrating Celts from mainland Europe. This theory draws on the Lebor Gabála Érenn, a medieval Christian pseudo-history of Ireland, along with the presence of Celtic culture, language and artifacts found in Ireland such as Celtic bronze spears, shields, torcs and other finely crafted Celtic associated possessions. The theory holds that there were four separate Celtic invasions of Ireland. The Priteni were said to be the first, followed by the Belgae from northern Gaul and Britain. Later, Laighin tribes from Armorica (present-day Brittany) were said to have invaded Ireland and Britain more or less simultaneously. Lastly, the Milesians (Gaels) were said to have reached Ireland from either northern Iberia or southern Gaul. It was claimed that a second wave named the Euerni, belonging to the Belgae people of northern Gaul, began arriving about the sixth century BC. They were said to have given their name to the island.

Soweit also zunächst zu den britischen Inseln, wo die Sprachgeschichte in der Bronzezeit noch die größten Unsicherheiten aufweist.

Spanien

Als die Römer nach Spanien kamen, fanden sie dort eine bemerkenswerte Sprachvielfalt vor, eigentlich ähnlich wie es sie zuvor auch in Italien gegeben hatte. Für Spanien wird diese Sprachvielfalt als "Paläohispanisch" (Wiki) bezeichnet und von einem eigenen Forschungszweig erforscht, der schon auf Wilhelm von Humboldt zurückgeht. Die Römer fanden das Baskische vor, das eindeutig vorindogermanischen Ursprungs ist. Sie fanden außerdem keltoiberische Sprachen vor, vor allem im Nordwesten des Landes, die sehr eindeutig auf die Zuwanderung der Kelten zurück geführt werden können. Sie fanden im Südwesten Spaniens das Tartessische (Wiki, engl) vor, das aufgrund der wenigen bisherigen Schriftzeugnisse noch keiner großen Sprachfamilie zugeordnet werden kann.

Abb. 2: Die Waffenkammer eines keltischen Fürsten - Das Arsenal, das sich in Bronze- und Eisenzeit überall in Europa findet - Hier im Nationalmuseum von Irland (Symbolbild)  

Sie fanden im Bereich der heutigen Grenze zwischen Spanien und Portugal eine lusitanische Sprache (Wiki, engl) vor, die in wenigen Schriftfunden aus römischer Zeit überliefert ist. Es handelt sich zwar klar um eine indogermanische Sprache, aber für die Sprachwissenschaftler ist es - zumindest auf den ersten Blick - nicht gleich als eine keltische Sprache zu erkennen. Manche sehen Verwandtschaft der lusitanischen Sprache mit der ligurischen Sprache in Italien, bei der ebenfalls unklar ist, ob sie keltischen oder vorkeltischen Ursprungs ist (Wiki):

Sie gründen ihre Ergebnisse auf Parallelen in den Namen von Gottheiten und in einigen Wortähnlichkeiten (z.B. die Ähnlichkeit des umbrischen gomia und des lusitanischen comaiam), sowie auf einige grammatische Eigenschaften.
They base their finding on parallels in the names of deities and some lexical items (e.g., the similarity of Umbrian gomia and Lusitanian comaiam), and some grammatical elements.

Das wäre natürlich eine bestechende Theorie, würde man doch mit ihr einen winzigen Einblick erhalten in die Sprache der Glockenbecher-Kultur. In einer oft benutzten Verbreitungskarte paläohispanischer Sprachen, die wir auch hier auf dem Blog in früheren Beiträgen nutzten, heißt es zum Lusitanischen: "Indo-european (pre-Celtic)". Womöglich ist aber bezüglich dieser Einordnung auch nur der Wunsch der Vater des Gedankens. Zu dem Thema werden von den Forschern noch sehr unterschiedliche andere Theorien vorgeschlagen, nach denen es sich etwa im Wesentlichen dann doch um eine im weiteren Sinne keltische Sprache handeln würde (Wiki).

/ Einfügung 10.5.25: Inzwischen haben wir hier auf dem Blog Hinweise zusammen getragen dafür, daß es die Menschen der Aunjetitzer Kultur gewesen sein könnten, die das Ligurische ab 1800 v. Ztr. nach Italien gebracht haben (Stg25). Ob es auch Hinweise geben könnte dafür, daß es Menschen der Aunjetitzer Kultur waren, die das Lusitanische auf die iberische Halbinsel gebracht haben? /

Dann fanden die Römer im ganzen, der Mittelmeerküste zugewandten Gebiet Spaniens sogenannte iberische Sprachen (Wiki, engl) vor. Die Zuordnung zu einer Sprachfamilie ist bezüglich des Iberischen in keiner Weise gesichert. Eine Theorie zur Herkunft der iberischen Sprachen ist, daß sie mit der keltischen Urnenfelder-Wanderung nach Spanien gekommen ist,  andere sehen eine Verwandtschaft mit Berbersprachen in Nordafrika, wiederum andere Verwandtschaft mit dem Baskischen.

Welche Sprachen also die Glockenbecher-Leute nach England und Spanien brachten bleibt größtenteils Spekulation - ganz im Gegensatz zu dem Erkenntnisstand bezüglich Italiens.

Frankreich, Süddeutschland

Die Kelten in Frankreich und am Rhein sprachen in der Eisenzeit das Gallische (Wiki):

Das Gallische wie auch das Lepontische und das Galatische steht von den inselkeltischen Sprachen der britannischen Gruppe nahe.

Das Galatische wurde von einem keltischen Volksstamm gesprochen, der bis nach Anatolien ausgewandert war (Galater). In ähnlichem Verwandtschaftsverhältnis steht das Gallische übrigens auch zu den keltoiberischen Sprachen.

Wenn es also eine Italo-Keltische Sprachgemeinschaft (Wiki, engl) gegeben hat, die offenbar von nicht wenigen Sprachhistoriker für möglich gehalten wird, dann muß sie in die Zeit vor 2.500 v. Ztr. datiert werden und räumlich in den Raum nördlich der Alpen verortet werden in die dortige Zeit der Glockenbecher-Kultur. Wenn wir stattdessen lesen, sie ... (Wiki)

.... wurde vermutlich in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends vor Christus im heutigen Süddeutschland, Böhmen und Österreich gesprochen,

dann ist diese chronologische Einordnung zumindest mißverständlich. Zu jenem Zeitpunkt hatten sich ja die italischen Sprachen schon längst von den keltischen getrennt und nach Italien ausgebreitet mit der Ausbreitung der Glockenbecher-Kultur. 

Erste Überlegungen zu der Theorie einer Italo-Keltischen Sprachgemeinschaft gehen auf Carl Friedrich Lottner (1834-1873) (Wiki) aus dem Jahr 1861 zurück. Der Berliner Lottner war ein Schüler von Jacob Grimm und scheint sich bezüglich seines Arbeitsfleißes seinen Lehrer zum Vorbild genommen zu haben (Wiki):

Sein Leben war fast gänzlich seiner wissenschaftlichen Arbeit gewidmet. Sein spezielles Interesse galt den zahlreichen indoeuropäischen Sprachen. Aber auch Keilinschriften und afrikanischen und asiatischen Sprachen galt seine Aufmerksamkeit.  Er formulierte im Jahre 1861 die Hypothese einer näheren Verwandtschaft der italo-keltischen Sprachgruppe innerhalb des (hypothetischen) Proto-Indoeuropäisch (PIE).

Und (Dt. Biogr):

Er führte ein einsames Leben und widmete sich zumindest in den letzten Lebensjahren nahezu ausschließlich seiner wissenschaftlichen Arbeit. Seine Zeitgenossen rühmten an ihm die Weite und Vielseitigkeit seines Forschungsinteresses. 

Wenn die Glockenbecher-Leute diese Italo-Keltische Sprachgemeinschaft repräsentiert hätten, könnte man den Schnurkeramikern die germanischen Sprachen zuordnen. Der Frage, wie viel Sinn das macht, soll aber an dieser Stelle nicht weiter nachgegangen werden. 

/ Nachtrag 11.7.24: Diese Annahme scheint sich von Seiten der Archäogenetik im Wesentlichen bestätigt zu haben (Stgen2024). /

Zwischen-Resümee

Insgesamt drängt es sich fast auf, daß es - aufgrund der Keltischen Wanderungen - in der Bronze- und Eisenzeit Englands und Irlands mehr ethnische und damit genetische Veränderungen gegeben haben könnte als in Spanien und daß es in Spanien mehr ethnische und genetische Veränderungen gegeben haben könnte als in diesen Jahrtausenden in Italien. Dieser Befund erstaunt im Grunde. Und es schließt sich die Frage an: Warum ist der ungarische Raum, der süddeutsche Raum und der Raum nördlich der Alpen ein großes Unruhezentrum in der Spätbronze- und Eisenzeit, das sich in beträchtlichem Ausmaß bis nach England, Irland und Spanien, ja bis nach Anatolien auswirkt, während man zu gleicher Zeit eher von kultureller und genetischer Stabilität in Italien sprechen kann?

Zusammenfassend kann also einstweilen gesagt werden: In Italien hat es von 2.500 v. Ztr. bis etwa 0 v./n. Ztr. Königreiche mit großen Völkern nicht-indogermanischer Sprache (Räter und Etrusker) neben Königreichen mit großen Völkern indogermanischer Sprache (Italiker) gegeben. Alle diese Völker trugen 20 bis 40 Prozent indogermanische Genetik in sich. 

Schon für Spanien sind diese Dinge weniger übersichtlich. Hier hat es von 2.500 v. Ztr. bis etwa 0 v./n. Ztr. Königreiche mit großen Völkern nichtindogermanischer Sprache gegeben (Basken, Iberer, evtl. auch andere Stämme) neben Königreichen mit großen Völkern iberokeltischer Sprache (Iberokelten, verwandt mit den Galliern). Außerdem gibt es - nach einigen Sprachhistorikern - hier den Verdacht auf das Fortbestehen vorkeltischer indogermanischer Sprachen (Lusitanisch), ein Geschehen, das für Italien ja eher den Normalfall darstellt.

Für Irland und Britannien ist die Faktenlagen noch unübersichtlicher. Aber höchstwahrscheinlich sind jene keltischen Sprachen, die um 0 v./n. Ztr. auf den britischen Inseln gesprochen worden sind, erst wenige Jahrhunderte zuvor von Gallien aus herüber gekommen.

Das heißt: Obwohl es in Spanien mit der Ankunft der Glockenbecher-Kultur - im Gegensatz zu Italien - einen fast 100%igen genetischen Austausch gegeben hat, sprachen die Menschen an Spaniens Mittelmeerküste bei Ankunft der Römer iberische Sprachen, die höchstwahrscheinlich keine indogermanischen Sprachen waren. Soweit ein Vergleich von Spanien mit den britischen Inseln und Italien aus Sicht der Sprachgeschichte. 

Nun zu Indogermanen, Urnenfelder-Kultur und Kelten auf den britischen Inseln.

Die keltischen Britonen (2.400 v. bis 450 n. Ztr.)

Bis zu dem Zeitpunkt als die Angelsachsen um 450 n. Ztr. kamen, lebten in England die keltischen Britonen (Wiki). Sie sprachen britannische Sprachen als Untergruppe des Keltischen, bzw. Gallischen. Wie schon ausgeführt, ist nicht klar, wann und wie die keltische Sprache und Kultur nach England kam. Es könnte das in der Hallstatt- und/oder Latene-Zeit geschehen sein, es könnte das schon um 1200 v. Ztr. mit der Urnenfelder-Kultur geschehen sein, es könnte das aber auch schon - wie in Italien - mit der ersten Zuwanderung der indogermanischen Glockenbecher-Kultur um 2.400 v. Ztr. geschehen sein. Oder es könnte sich um eine Kombination aus allen vier genannten Vorgängen handeln. Sicher ist, daß es große genetische Kontinuität von den Glockenbecher-Leuten an bis zur Zuwanderung der germanischen Angelsachsen um 450 n. Ztr. in England gegeben hat. Aber es sind immer wieder auch Menschen in England eingewandert mit einer kontinental-europäischen genetischen Signatur. Das wird weiter unten nach neuesten Forschungsergebnissen (1) noch weiter ausgeführt. 

Abb. 3: Die Kreidefelsen an der Südküste Englands ("Sieben Schwestern") - Hier hundert Kilometer südwestlich von Dover (Herkunft: Wikip.)

Die Menschen des bronzezeitlichen und eisenzeitlichen England haben an der allgemeinen Kulturentwicklung in Europa rege teilgenommen, so daß ein genauerer Blick nach England auch den Blick für die bronze- und eisenzeitliche Kulturentwicklung in Mitteleuropa schärfen kann - ebenso umgekehrt.

Während wir etwa mit der Lausitzer Kultur und ihren reichen Bronzewaffen und Goldfunden die Ausbreitung von spätbronzezeitlichen Wallanlagen vom heutigen Schlesien aus bis an die Ostsee beobachten können (7) - einschließlich der Wallanlagen in der Nähe des Königsgrabes von Seddin (Schwedenschanze bei Horst), in der Nähe des Neuruppiner Sees (Weilickenberg bei Boltenmühle) oder an einer Seenenge bei Potsdam (Schwedenschanze) (7) - sehen wir zugleich Entwicklungen rund um die berühmten "Hillforts" in England (Wiki). Beide Erscheinungen dürften sicherlich viel Licht aufeinander werfen. Sie gehen parallel zu den spätbronzezeitlichen und keltischen Höhenburgen in Süd- und Mitteldeutschland (8). / 10.5.25: Insgesamt dürften alle genannten Erscheinungen inzwischen auf die Ausbreitung der Urnenfelder-Kultur, besser Goldhut-Kultur zurück geführt werden können (Stg25). /

Es ist das jene Zeit, in der die Menschen im mittleren und nördlichen Europa noch hellhäutiger werden, und in der sie im Baltikum, auf den britischen Inseln und in Skandinavien aufgrund von Selektion fähig werden, als Erwachsene Rohmilch verdauen zu können (1) (siehe unten).

Im Jahr 2016 hat eine archäogenetische Studie zehn Individuen im östlichen England aus der Zeit zwischen Eisenzeit und Mittelalter untersucht und kam zu dem Ergebnis, daß die heutigen Menschen im östlichen England genetisch zu etwa 39 % von den Angelsachsen abstammen. Damit hätten die Angelsachsen im südlichen und mittleren England eine beachtliche genetische Umwälzung mit sich gebracht (9), die sich auch in den Y-Chromosmen widerspiegelt (1) (siehe unten). 

Aber diese angelsächsische Zuwanderung war ja nur die letzte von vielen vorhergehenden.

Die Bronzezeit - ein europäisches Phänomen

/ Nachtrag (11.7.24): Immer mehr kann die Völkergruppe der "Italo-Kelten", das heißt, die Völkergruppe der Nachkommen der Glockenbecher-Kultur in Europa als ein einheitliches kulturelles (und auch genetisches) Phänomen erkannt werden. Wir verstehen nun auch, daß es diese Völkergruppe vor allem war, die die Bronzezeitliche Stadtgeschichte Mitteleuropas hervorgebracht und getragen hat. Auf dieses Thema ist Forschung erst seit etwa 2010 aufmerksam geworden. Und wir haben seit diesem Jahr eine ganze Blogartikel-Serie zu diesem Thema erarbeitet (s. BronzezeitlStadt; Auftakt-Artikel: Stgen2010). Ihr ist auch die Kultur der Goldhüte zuzuordnen (Stgen2011). 

Und als ein weiteres kulturelles Merkmal dieser Völkergruppe kann auf die eindrucksvollen Kammhelme aufmerksam gemacht werden, die von den Griechen vor Troja und von den Trojanern selbst um 1200 v. Ztr. getragen worden sind, aber ebenso von den Etruskern (Wiki) und Italikern (Abb. 3) und die ebenso auch in Süddeutschland und auch bis hinauf an die Weser verbreitet waren (Stugen2007). /

Auf dem Videokanal von Jonas Hopf ist kürzlich ein Interview geführt worden mit dem Archäologen Raiko Krauß (geb. 1973) (Wiki) (Berlin/Tübringen). Darin wird auf eine interessante Erkenntnis des Archäologen Bernhard Hänsel aufmerksam gemacht, die England als Ausgangspunkt von Kernmerkmalen der europäischen Bronzezeit benennt (2) (42:15):

Hinzu kommt noch, daß die Bronzezeit eine Epoche ist, die wir gar nicht weltweit vertreten haben. Mein Doktorvater Bernhard Hänsel (...), der hatte mal eine große Tagung organisiert "Die erste europäische Epoche". Und tatsächlich ist das ein ganz europäisches Phänomen. Wir haben keine Bronzezeit in den Amerikas, wir haben eine Bronzezeit tatsächlich nur im Norden Afrikas. Also in den Gegenden südlich der Sahara haben wir diese Kulturstufe nicht. Und in weiten Teilen Asiens fällt das auch aus. Da haben wir einen Umgang mit Kupfer und mit Gold. Aber wir haben keine Bronze im eigentlichen Sinne. Jedenfalls nicht in der Zeit, die wir hier in Mitteleuropa oder in Europa als Bronzezeit bezeichnen. Insofern ist die Bronzezeit zunächst einmal eine europäische Periode. (...) Ein entscheidendes Merkmal dieser Bronze ist sicherlich auch, daß sie im frisch gegossenen Zustand so golden glänzt. Und das ist vielleicht sogar die initiale Idee dieser Verwendung von Bronze, daß man diesen goldenen Glanz erzielen wollte. (...) Nach allem, was wir wissen, fängt das in Südwest-England an, in Cornwall. Da haben wir große Zinnlagerstätten und auch Kupferlagerstätten, da ist das naheliegend, daß man diese beiden Metalle zusammen in Schmelze bringt. Und von dort aus breitet sich das über den Kontinent aus.

England ist also keineswegs nur eine randständige Region, wenn es um die allgemeine Vorgeschichte Europas geht. Deshalb wird es auch kein Zufall sein, daß es zwar über ganz Europa hinweg "Volkssternwarten", also Ringheiligtümer gab, daß das eindrucksvollste aber bis heute in Stonehenge zu besichtigen ist. 

Abb. 4: Ausbreitung der Bronze innerhalb von Europa (aus: 17)

Nachtrag 10.5.25: In einer neuen Studie lesen wir zur Erläuterung von Abb. 4 (17):

Ab dem späten dritten Jahrtausend v. Ztr. gibt es Hinweise auf den Abbau einiger Zinnvorkommen in Zentralasien (Garner 2013; Berger et al. 2023b). Um 2200 v. Ztr. machte Zinnbronze neben Arsenkupfer in mehreren, aber nicht allen Regionen Westasiens einen erheblichen Anteil (bis zu 50 %) der ausgegrabenen Metallarbeiten aus (Pernicka und Hänsel 1998). Im Gegensatz dazu bestehen in Europa um 2200 v. Chr. nur sehr wenige Metallartefakte aus Zinnbronze (typischerweise mit niedrigen Zinngehalten <5 %), und diese werden nach Westen hin noch seltener (Rahmstorf 2017). Arsenkupferlegierungen sind in Europa, Nordafrika sowie West- und Zentralasien weiterhin weit verbreitet (Roberts & Thornton 2014). Ein bemerkenswerter Wandel ereignete sich jedoch um 2200–2100 v. Ztr., als Großbritannien als erste Region Europas die gesamte Metallverarbeitung von (Arsenkupfer) auf reine Zinnbronze (typischerweise 10 % Zinn) umstellte. Diese vollständige Übernahme bzw. „Bronzisierung“ erfolgte anschließend um 1800 v. Ztr. in ganz Skandinavien und Mitteleuropa und schließlich um 1500/1300 v. Ztr. in Südiberien, der Ägäis und Ägypten (Pare Reference Pare2000) (Abbildung 2).

Wenn allerdings Bronze zunächst nur "nachgemachtes" Gold war, dann stellt sich natürlich auch die Frage nach dem "Original".

Irland - Ein Zentrum der Goldverarbeitung

Aus der Zeit zwischen 2.500 bis 500 v. Ztr. sind aus Irland 1000 Goldfundstücke überliefert, aus England 500 (davon 165, respektive 83 aus der Frühbronzezeit) (Wiki). Interessanterweise lag also das - oder zumindest ein - Zentrum der europäischen Goldverarbeitung in - Irland. Goldfunde verteilen sich ansonsten aber über ganz Europa und über fast alle Jahrhunderte der Bronze- und Eisenzeit. Aber vielleicht lassen sich auch bezüglich dieser Fundgruppe noch interessante Verbreitungsmuster feststellen.

Unter Berücksichtigung dieser Einsichten fühlt man sich daran erinnert, daß manche Forscher das sagenumwobene "Atlantis" in England gesucht haben. Erzählt Platon nicht davon, daß die Häuser in Atlantis mit goldenen Schindeln bedeckt waren (Wiki)? Natürlich käme die bronze- und waffenreiche Region der Nordischen Bronzezeit ganz ebenso infrage. Als solche ist sie ja unter anderem von Kristian Kristiansen herausgestellt wurde als "Außenstelle Mykenes" (3).

Nun scheint der Beitrag, auf den sich Krauß bei den zitierten Ausführungen bezieht (4), online nicht zu finden zu sein. Es fällt in diesem Zusammenhang natürlich nur allzu deutlich auf, daß die Bronzezeit beginnt, nachdem sich die Steppen-Genetik über ganz Europa, bzw. über viele Teile Mittel- und Nordeuropas verbreitet hatte. Womöglich wird man sie also nicht nur als eine typisch "europäische Epoche" bezeichnen können, sondern geradezu auch als eine typisch "indogermanische".

Erinnert sei auch noch daran, daß im Schottland der Frühen Bronzezeit sorgfältig ausgewählte Bronze-Gegenstände an auffallenden Orten innerhalb der Landschaft als Weihgaben für die Gottheit niedergelegt worden sind (5). Mehr als die Hälfte dieser Orte hatten direkte Sicht auf den Punkt des Sonnenaufgangs oder Sonnenuntergangs zur Winter- oder Sommersonnenwende (5). Zwar finden sich ein ähnliches Empfinden für die Ästhetik der Landschaft auch in anderen Regionen Europas während der Bronzezeit. Aber in Schottland ist das den Archäologen womöglich besonders deutlich aufgefallen (5). Hier deutet sich jene indogermanische Verehrung der Göttin der Morgenröte an, die kulturell bis hinüber nach Indien gut bezeugt ist und noch im 18. Jahrhundert von europäischen Malern gerne gemalcht worden ist (5).

Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte, und auch nach England hinüber schwappte (1200 v. Ztr.)

Indem man sich mit der genannten neuen Studie (1) beschäftigt, kommt man auch dazu, sich mit einem Umstand vertraut zu machen, der einem bislang ganz entgangen war. Vor zwei Jahren hatten wir zwar hier auf dem Blog (anhand eines spannenden Aufsatzes des dänisch-schwedischen Archäologen Kristian Kristiansen) den Aufsatz veröffentlicht "Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte (1200 v. Ztr.)" (3). Dabei war uns aber noch gar nicht bewußt gewesen, was auf dem deutschen Wikipedia bislang nur mit einem einzigen Satz benannt ist, was man deshalb auch so isoliert für sich genommen zunächst gar nicht ganz ernst nehmen will. Dieser Satz lautet in derzeitiger Fassung (Wiki):

Es wurde nachgewiesen, daß im 12. Jahrhundert v. Ztr. eine Invasion oder eine Masseneinwanderung nach Südengland stattgefunden haben muß.

Das heißt, "Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte", muß noch um eine zusätzliche Dimension erweitert werden. Da man diesen Satz - so isoliert wie er da steht - für eine maßlose, undifferenzierte Übertreibung halten muß, seien zu diesem Sachverhalt noch die differenzierteren Ausführungen des englischen Wikipedia angeführt (Wiki):

Es gibt Hinweise auf einen Bruch in der kulturellen Entwicklung, von denen einige Gelehrte annehmen, daß er eine Invasion nahelegt (oder zumindest eine Ausbreitungsbewegung) in das südliche England um 1200 v. Ztr.. Dieser Bruch ist auch weit jenseits von England und sogar jenseits von Europa beobachtet worden, da die meisten Großreiche des Nahen Ostens zusammenbrachen (oder ernsthafte Schwierigkeiten erlebten) und die Seevölker um diese Zeit den gesamten Mittelmeer-Raum verheerten. Leichenverbrennung wurde als Grabbrauch (in England) angenommen. (...) Nach John T. Koch und anderen entwickelten sich die keltischen Sprachen während dieser spätbronzezeitlichen Epoche in einem intensiven, durch Handel verbundenen kulturellen Netzwerk, das die "Atlantische Bronzezeit" genannt wird (...). Dies steht aber in Gegensatz zu der im allgemeinen eher akzeptierten Sichtweise, daß die keltischen Ursprünge innerhalb der Hallstatt-Kultur liegen.
There is evidence of a relatively large-scale disruption of cultural patterns which some scholars think may indicate an invasion (or at least a migration) into Southern Great Britain around the 12th century BC. This disruption was felt far beyond Britain, even beyond Europe, as most of the great Near Eastern empires collapsed (or experienced severe difficulties) and the Sea Peoples harried the entire Mediterranean basin around this time. Cremation was adopted as a burial practice, with cemeteries of urns containing cremated individuals appearing in the archaeological record. According to John T. Koch and others, the Celtic languages developed during this Late Bronze Age period in an intensely trading-networked culture called the Atlantic Bronze Age that included Britain, Ireland, France, Spain and Portugal, but this stands in contrast to the more generally accepted view that Celtic origins lie with the Hallstatt culture. 

John T. Koch scheint für einen sehr spekulativen Denkansatz zu stehen, den wir im folgenden nicht weiter verfolgen wollen. Er scheint uns auch nicht durch die archäogenetischen Erkenntnisse bestätigt worden zu sein. Jedenfalls: Es gibt grundsätzlich drei Annahmen: Die keltischen Sprachen der keltischen Briten kamen um 2.400 v. Ztr. (ebenso wie in Italien) nach England, sie kamen um 1200 v. Ztr. nach England oder auch erst in der Hallstatt-Zeit nach 800 v. Ztr., bzw. noch später. Man darf gespannt sein, wie sich zu diesen Fragen die neuesten archäogenetischen Daten ausnehmen. Sie können die Frage zwar nicht endgültig klären, aber doch manches präzisieren.

Das Archäogenetik-Labor von David Reich und Nick Patterson kann aufgrund der inzwischen erfolgten mengenmäßigen Vervielfachung der Sequenzierungsarbeit in England und auf dem europäischen Festland hinsichtlich archäologisch gewonnener Skelettüberreste neue Daten zu all diesen Fragen beisteuern (1). Dazu muß man aber sehr genau in die Genome schauen, denn man muß kleinere Unterschiede beachten. Es reicht nicht mehr, auf die großen Unterschiede zu achen. Denn ab der Zuwanderung der Indogermanen haben wir es überall in Europa genetisch eigentlich mit vergleichsweise ähnlichen Menschen zu tun.

Vor dem Neolithikum unterschieden sich die europäischen mesolithischen Jäger-Sammler-Urvölker genetisch voneinander so stark, wie wir Europäer uns heute von den Ostasiaten unterscheiden. Im Vergleich dazu sind die genetischen Unterschiede während der Bronzezeit deutlich "eingeebnet". Aber sie sind noch vorhanden und untersuchbar.

3.900 v. Ztr. - Genetischer Umbruch

Während des Mittelneolithikums, das heißt also ab 3.900 v. Ztr. waren die britischen Inseln vom heutigen Frankreich aus von Bauern anatolisch-neolithischer Herkunft besiedelt (10). Diese trugen 20 % westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft in sich und 80 % anatolisch-neolithische Herkunft. Beides brachten sie vom Festland aus mit. (In der Studie und im folgenden wird die anatolisch-neolithische Herkunft "frühe europäische Bauern-Herkunft" genannt.) Die in England einheimischen westeuropäischen Jäger und Sammler starben dort vollständig aus (und/oder wurden ausgerottet) (1) - der erste umfangreiche genetische Umbruch auf den britischen Inseln.

Von diesem Umbruch zu Beginn des Neolithikums war hier auf dem Blog schon verschiedentlich die Rede. (In Deutschland und Frankreich hatte es schon ab 5.700 v. Ztr. mindestens zwei genetische Umbrüche gegeben - am Anfang und am Ende des Frühneolithikums - die die genetische Ausgangssituation schufen für diese Ausbreitung des Neolithikums nach England hinein.)

2.450 v. Ztr. - Genetischer Umbruch

Im Spätneolithikum, um 2.450 v. Ztr. kamen die indogermanischen Glockenbecher-Leute nach England und brachten die seither dort vorherrschende (indogermanische, sogenannte) "Steppengenetik" mit sich. Sie brachten durchschnittlich 29 % frühe europäische Bauern-Herkunft vom Kontinent mit sich. Die auf den britischen Inseln bislang einheimischen Bauern starben zu weit über 90 % genetisch aus (oder wurden ausgerottet). Es war dies der zweite (und bislang letzte) umfangreiche genetische Umbruch auf den britischen Inseln (zumindest was dieses 90%ige Ausmaß betrifft).

Die Indogermanen kommen mit zum Teil nichtindogermanischen Eliten nach England

Der berühmte, bei Stonhenge begrabene Amesbury-Bogenschütze (Wiki), der - nach Strontium-Isotop-Analysen - vermutlich aus der Schweiz oder dem Elsaß stammte, hatte erstaunliche und ungewöhnliche 45 % frühe europäische Bauern-Genetik in sich. Dazu heißt es in der neuen Studie (1):

Die Tatsache, daß der Bogenschützenfürst als Zugezogener zu wenig Steppen-Herkunft in sich trug, um aus der Population zu stammen, die die Steppen-Herkunft (ansonsten) auf den beobachteten Anteil im spätneolithischen und frühbronzezeitlichen England hinaufhob, zeigt, daß Menschen, die mit der Glockenbecher-Kultur nach England gekommen sind, keineswegs genetisch homogen gewesen sind.
The fact that the Archer was a migrant but had too little Steppe ancestry to be from the population that drove Steppe ancestry to the level observed in C/EBA Britain, shows that Beaker-associated migrants to Britain were not genetically homogeneous.

Sie waren nicht nur nicht genetisch homogen. Sie scheinen sogar von Fürsten und Heerführern angeführt worden zu sein, die deutlich anderer genetischer Herkunft waren als die Mehrheit der Menschen jenes Heeres oder jener Völkerwanderung, die sie anführten. Ein neuerliches Zeugnis für die Vielfalt des Geschehens in Europa während des Spätneolithikums und während der Ausbreitung der Indogermanen in Europa (mehr dazu hier: 11). 

Man könnte diesen Befund so interpretieren, daß man sagt: Die Indogermanen konnten sich als Söldnertruppen in bestehenden mittelneolithischen Großreichen deren Hochadel andienen, ohne die bestehenden Hierarchien und Herrschaftsstrukturen sogleich völlig zu stürzen. Vielmehr haben sie in den örtlichen Hochadel eingeheiratet, wobei dann die vermischten Nachkommen dieses Hochadels die unvermischten Söldnertruppen vom Alpenraum aus bis nach England führen konnten. Also wieder eine Kombination von "Rebellen und Königen" (12). Man könnte wiederum auch an germanische Adlige denken, die in den römischen Senatsadel einheirateten während der Völkerwanderungszeit um 500 n. Ztr.. Und ein multikulturelles Heer scheint ja zeitgleich auch in Dänemark eingedrungen zu sein (11).

1.200 v. Ztr. - Umfangreichere Zuwanderungen

Nun behandeln wir die Zeit von 2450 v. Ztr. bis 1200 v. Ztr. sehr summarisch, wenn wir zitieren (1):

Die frühe europäische Bauern-Herkunftskomponente stieg in England und Wales von 31 % während des Spätneolithikums und der Frühen Bronzezeit auf 35 % während der Mittleren Bronzezeit, dann auf 36 % während der Spätbronzezeit und stabilisierte sich auf 38 % während der Eisenzeit. In der gleichen Zeit gab es in Schottland keinerlei bemerkenswerte genetische Häufigkeitsverschiebungen.
EEF-related ancestry increased in England and Wales from 31.0±0.5% in the C/EBA (n=69), to 34.7±0.6% in the MBA (n=26), to 36.1±0.6% in the LBA (n=23), and stabilized at 37.9±0.4% in the IA (n=273) (here and below, we quote one standard error). There was no significant change in Scotland.

Ein solcher Häufigkeits-Anstieg der vormals im mittelneolithischen Europa vorherrschenden Bauern-Herkunftskomponente über die Jahrhunderte der Bronzezeit hinweg war auch schon für Mitteleuropa festgestellt worden. Und man hatte ja zunächst oft vermutet, daß dieser Anstieg zurückzuführen wäre auf Unterschichten oder Rückzugsräume, die bei der Sequenzierungsarbeit von Skeletten gut ausgestatteter Gräber weniger erfaßt worden sein könnten. Ein solcher Anstieg einheimischer Herkunftskomponenten war ja im übrigen auch schon im Mittelneolithikum feststellbar gewesen.

Aber die Forscher stellen jetzt für England fest, daß die frühe europäische Bauern-Herkunftskomponente im England der Bronzezeit nicht derjenigen gleicht, die zuvor im Mittelneolithikum daselbst vorgeherrscht hatte (1). Das geht nur durch einen sehr genauen Blick.

Das heißt, daß wir in England in der Späten Bronzezeit neuerliche Zuwanderungen von Kontinental-Europa aus in der Zeit um 1200 v. Ztr. voraussetzen müssen. Genauer wird darüber ausgeführt (1):

Der Anteil der Individuen, deren Herkunft sich deutlich von der Hauptgruppe unterscheidet, beträgt 17 % für das Spätneolithikum und die Frühe Bronzezeit (2.450 bis 1.800 v. Ztr.), 4 % für die Mittlere Bronzezeit (1.800 bis 1.300 v. Ztr.), 17 % während der Spätbronzezeit (1300 bis 750 v. Ztr.) und 3 % während der Eisenzeit.
The fraction of individuals whose ancestry is significantly different from the main group is 17% over the first part of the C/EBA (2450-1800 BCE), 4% from the end of the EBA through the beginning of the MBA (1800-1300 BCE), 17% from the end of the MBA through the LBA (1300-750 BCE), and 3% through the IA.

Im Spätneolithikum gab es also in England einen vergleichsweise hohen Anteil von Menschen (17 %), deren Herkunft aufgrund ihres höheren genetischen Anteils von früher europäischer Bauernherkunft mehr derjenigen des übrigen kontinentalen Festlandes glich als derjenigen der Hauptbevölkerung, die damals den 90%igen genetischen Umbruch auf den britischen Inseln bewirkte. In den nachfolgenden Jahrhunderten geht dieses genetische Signal aufgrund von Vermischungen, Homogenisierungen innerhalb der zugewanderten Stämme und Völker auf 4 % zurück. Der frühbäuerliche Herkunftsanteil steigt dadurch von 35 auf 36 %.

Dies könnte ein Signal sein für die Zuwanderungen vom Festland im Zuge der Wanderungen der Urnenfelder-Kultur und ihrer Brandbestattungen, von denen oben in diesem Blogartikel die Rede war.

Aber spannend ist dann insbesondere der neuerliche Anstieg dieser nun klar außerbritischen Herkunftskomponente während der Spätbronzezeit, und zwar wiederum zu finden bei 17 % der Bevölkerung. Diese müssen alle Zuwanderer aus Kontinentaleuropa gewesen sein, sie können nicht aus einer Bevölkerung innerhalb Englands abgeleitet werden, da hier der Anteil der früheuropäischen Bauern-Herkunftskomponente aufgrund der genannten Homogenisierungen längst viel niedriger geworden war als im mittleren und südlichen Europa (wo es ja auch keinen 90%igen genetischen Umbruch gegeben hatte).

Und diese spätbronzezeitlichen Zuwanderungen nun stehen in Verbindung mit der Ausbreitung der Urnenfeldkultur in Europa und weisen auch ähnliche genetische Signaturen auf wie diese (nämlich erhöhter früher europäischer Bauern-Herkunftsanteil). Die Hinweise, die schon die Archäologen festgestellt hatten für die Zeit um 1200 v. Ztr. hinsichtlich einer Invasion und Masseneinwanderung bestätigen sich also durch die Archäogenetik.

Trotz der genannten Zuwanderungen von Kontinentaleuropa nach England in der Spätbronzezeit gehen die Forscher zugleich auch von einer beträchtlichen genetischen Kontinuität in England vom Spätneolithikum bis zur angelsächsischen Zeit, bzw. sogar bis heute aus. Sie stellen also für England etwas anderes fest als es für verschiedene Epochen der böhmischen Vorgeschichte festgestellt worden war (13). Sie schreiben (1):

Ein Hinweis auf den beträchtlichen genetischen Beitrag der frühbronzezeitlichen Population zu späteren Populationen stammt aus der Y-chromosomalen Haplogruppe R1b-P312/L21/M529 (R1b1a1a2a1a2c1), die 89 % aller sequenzierten Individuen des spätneolithisch-frühbronzezeitlichen England aufweisen, und die sich in zeitgleichen archäogenetischen Daten des kontinentalen Europa so gut wie nicht findet. Diese Haplogruppe blieb in England in jeder nachfolgenden Epoche mehr vorherrschend als in Kontinentaleuropa und ist noch heute ein unterscheidendes Merkmal der britischen Inseln, da dort ihre Häufigkeit beträchtlich höher ist als irgendwo sonst.
Evidence for a substantial contribution from the C/ EBA population to later populations also comes from Y chromosome haplogroup R1b-P312/L21/M529 (R1b1a1a2a1a2c1), which is present at 89±5% in sampled individuals from C/EBA Britain and is nearly absent in available ancient DNA data from C/EBA Europe (Supplementary Table 9). The haplogroup remained more common in Britain than in continental Europe in every later period, and continues to be a distinctive feature of the British isles as its frequency in Britain and Ireland today (14-71% depending on region) is far higher than anywhere else in continental Europe.

Für den hier genannten Rückgang der Häufigkeit von 89 % auf 14 bis 71 % in heutiger Zeit dürften vor allem die Zuwanderungen der Angelsachsen im Frühmittelalter und der Wikinger und Normannen im Früh- und Hochmittelalter verantwortlich zu machen sein. Nach Fig. 5 in ("Extended Data") (1) handelt es sich um restliche 14 % in Mittel- und Ostengland und um etwa 43 % in Westengland und Wales. Daran wird ja für Ostengland noch einmal der doch sehr beträchtliche genetische Umbruch durch die Angelsachsen erkennbar, zumal in der männlichen Linie. 

Die Ursprungsbevölkerung, von der aus die spätbronzezeitlichen Zuwanderungen nach England erfolgten, verorten die Archäogenetiker ganz grob in (Nord-)Frankreich, können sie aber beim jetzigen Datenstand noch nicht präzise eingrenzen. Sie hat natürlich mit den keltischen Wanderungen der Urnenfelderkultur zu tun (1). 

Die Zuwanderungen scheinen sich auch innerhalb von England - sowohl genetisch wie kulturell - regional sehr unterschiedlich ausgewirkt zu haben und waren in Südengland insgesamt deutlich größer als in Nordengland und in Schottland. Auf jeden Fall haben sie nirgendwo mehr als 44 % neue, kontinentaleuropäische Genetik mit sich gebracht (die sich ja auch nur in der größeren frühen europäischen Bauern-Herkunft deutlicher von der in England vorherrschenden Genetik unterschied). 

300 v. Ztr. - Die Wanderungen der Parisii nach Nordost-England 

Es wird dann schließlich noch die "Arras-Kultur" in Yorkshire in Nordost-England (Wiki) hervorgehoben, die auch aufgrund von antiken Schriftüberlieferungen und archäologischen Ähnlichkeiten der Streitwagen-Gräber auf den keltischen Stamm der Parisii im Pariser Becken und der Champagne zurück geführt wird, der um 300 v. Ztr. nach Nordost-England gekommen sein dürfte. Die historischen Berichte scheinen nun auch von der Archäogenetik bestätigt zu werden und es scheint sich - entgegen des bisherigen Forschungsstandes - zu bestätigen, daß nicht nur Elemente der Kultur dieses Volkes übernommen worden sind (wie derzeit noch auf Wikipedia angenommen), sondern eben auch Genetik. Die Forscher schreiben abschließend (1):

Unsere Beobachtung eines Rückgangs der früheuropäischen Bauernherkunft auf der Iberischen Halbinsel, wo sein Anteil während der Frühbronzezeit vergleichsweise groß war und einem in etwa zeitgleichen Anwachsen desselben auf den britischen Inseln, wo sein Anteil während der Frühbronzezeit vergleichsweise niedrig war, könnte theoretisch wiederspiegeln eine keltisch-sprechende Gruppe von Menschen mit einem mittleren früheuropäischen Bauernanteil, die sich in beide Richtungen ausgebreitet hat. Allerdings kann ein so einfaches Modell nicht alle parallelen Entwicklungen im Norden und Süden Europas erklären.
Our finding of a decrease of EEF ancestry in Iberia, where the proportion was relatively high in the EBA, and a roughly simultaneous increase in Britain where the proportion was relatively low in the EBA (Fig. 4a), could, in theory, reflect a Celtic-speaking group of people with intermediate EEF ancestry spreading into both regions, although such a simple model cannot explain all the north-south ancestry convergence in Europe.

Immerhin wären die keltischen Wanderungen aus genetischer Sicht damit schön auf den Punkt gebracht. Ebenso prägnant der Folgesatz (1):

Die Tatsache, daß die Ausnahmen der Gräber vom Margetts Pit und Cliffs End Farm sich genetisch sehr mit Individuen der Konvitz-Kultur in Mitteleuropa ähneln, ist spannend in Hinblick auf die Tatsache, daß einige Gelehrte die Hypothese aufgestellt haben, die mitteleuropäische Urnenfelder-Gruppen wie die Konvitz-Kultur in Verbindung stehen mit der Ausbreitung der keltisichen Sprachen.
The fact that the Margetts Pit and Cliffs End Farm outliers are genetically very similar to the Knoviz culture sample from Central Europe (Supplementary Information section 6) is striking in light of the fact that some scholars have hypothesized Central European Urnfield groups like Knoviz to have links to Celtic language spread.

Wir haben ja schon behandelt, daß sich Großreiche der süddeutschen Bronzezeit um 1300 v. Ztr. in Richtung Tollensetal bewegt hatten (3). In ähnlicher Weise scheinen sich die süddeutschen, bronzezeitlichen Großreiche also auch in Richtung England bewegt zu haben.

Helle Haut und Rohmilch-Verdauung selektiv bevorteilt in der Eisenzeit

Für das eisenzeitliche Nordeuropa zeichnen sich aber auch folgende Erkenntnisse noch deutlicher als bisher ab (1):

Varianten, die mit hellerer Hautfarbe in Verbindung stehen (SLC45A2) wurden in ganz Europa bedeutend häufiger während der Eisenzeit. Wir gelangen auch zu einem unerwarteten Ergebnis für das abgeleitete Allel bei MCM6-LCT rs4988235, das in Verbindung steht mit der Fähigkeit Laktase (Rohmilch) als Erwachsener zu verdauen. (...) Auf der iberischen Halbinsel hatte es in der Eisenzeit eine Häufigkeit von 9 %, verglichen mit der heutigen von 40 %, in Mitteleuropa (Österreich, Ungarn, Slowenien, Tschechei, Slowakei und Deutschland) hatte es 7 % verglichen mit 48 % heute. Im eisenzeitlichen Britannien jedoch betrug seine Häufigkeit 50 %, verglichen mit seiner heutigen von 73 %, was zeigt, daß intensive Selektion in England zu einer Zunahme der Häufigkeit dieses Allels ein Jahrtausend früher führte als in vielen Teilen des koninentenalen Europas.
Variants associated with light skin pigmentation at SLC45A2 became substantially more common throughout Europe in the IA. We obtain an unexpected result for the derived allele at MCM6-LCT rs4988235 which is associated with lactase persistence into adulthood. (...) In Iberia where it was ~9% compared to ~40% today, and in Central Europe (Austria, Hungary, Slovenia, Czech Republic, Slovakia and Germany) where it was ~7% compared to ~48% today. However, in IA Britain its frequency was 50% compared to the current 73%, showing that intense selection to increase the frequency of this allele acted roughly a millennium earlier in Britain than it did in multiple parts of continental Europe (Fig. 4b, Extended Data Fig. 4). We find no evidence that the frequency rise in Britain was due to M-LBA migration: the Margetts Pit and Cliffs End Farm outliers did not carry the allele, and most of the rise in Britain occurred after the M-LBA (Fig. 4b, Sup- plementary Table 8). This suggests that dairy products were consumed in a qualitatively different way or were economically more important in LBA-IA Britain than in Central Europe.

Dies geschah autochton in England und unabhängig von Zuwanderungen wie die Forscher glauben, aufzeigen zu können. Während seine Häufigkeit in England 50 % betrug, betrug seine Häufigkeit in sechs sequenzierten eisenzeitlichen Skeletten aus Skandinavien 30 % wie in einer Studie vor zwei Jahren schon heraus gekommen war (14). Und im Baltikum ist es damals bei der Hälfte von zehn Individuen festgestellt worden, die schon in der Bronzezeit lebten (14).

Während also die Kelten auf dem Kontinent diese Häufigkeitszunahme während der Eisenzeit nicht erfuhren, erfuhren sie die Völker des Baltikums womöglich schon in der Bronzezeit, die zugewanderten Kelten, die sich mit den Einheimischen vermischt hatten, auf den britischen Inseln während der Eisenzeit und die Germanen in Skandinavien ebenfalls während der Eisenzeit. 

Das deutet ja für uns zunächst eher auf einen Einfluß des Breitengrades hin, statt auf einen ausgesprocheneren kulturellen Einfluß. Obwohl man also inzwischen auf dem Gebiet der Erforschung der Evolution der angeborenen menschlichen Erwachsenen-Rohmilch-Verdauung so viel Unerwartetes und Überraschendes heraus bekommen hat (vor allem die späte Zeitstellung seiner Häufigkeitszunahme, sowie zusätzlich noch die und zeitlich regional versetzte Zunahme), bleibt die Erforschung der Ursache dieser Häufigkeitszunahme weiter spannend, da sie schlichtweg nicht geklärt ist.

Was für ein vielfältiges Geschehen es in der europäischen Vorgeschichte gegeben hat. Es ist so komplex, daß wir an diesem Blogartikel (mindestens) zwei Tage geschrieben haben!!

/ Nachtrag vom 11.7.24, 
Blogartikel erhält neuen Titel 
Nachträge 10.5.25 entsprechend (17) /

_________________

  1. Patterson N, Isakov M, Booth T, .... T. Douglas Price, .... Rohland N, Pinhasi R, Armit I, Reich D (2021) Large-scale migration into Britain during the Middle to Late Bronze Age. Nature, Advance online publication 22.12.2021 (pdf), https://www.nature.com/articles/s41586-021-04287-4
  2. Hopf. Jonas: Interview mit Prof. Dr. Raiko Krauß über Neolithikum, Kupfer- und Bronzezeit, 04.11.2021, https://youtu.be/tjxtDFZlpUo.
  3. Bading, I.: Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte, 2019, http://studgendeutsch.blogspot.com/2019/10/volker-und-groreiche-in-bewegung-europa.html
  4. Hänsel, Bernhard: Die Bronzezeit als erste europäische Epoche. In: ders. (Hg.): Mensch und Umwelt in der Bronzezeit Europas: Abschlußtagung der Kampagne des Europarates: Die Bronzezeit: das erste goldene Zeitalter Europas an der Freien Universität Berlin, 17.-19. März 1997, Berlin 1998, https://d-nb.info/953002101/04, S. 19-26
  5. Bading, I.: 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/02/eos-die-gottin-der-morgenrote.html
  6. Bading, I.: Die Indogermanen in Apulien - Herkunftsanteil 20 bis 40 %, 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/07/indogermanen-in-apulien-herkunftsanteil.html 
  7. Bading, I.: 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/die-machtigen-volkerburgen_2.html 
  8. Bading, I.: 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/die-machtigen-volkerburgen.html
  9. Schiffels, S., Haak, W., Paajanen, P., Llamas, B., Popescu, E., Loe, L., Clarke, R., Lyons, A., Mortimer, R., Sayer, D., Tyler-Smith, C., Cooper, A., & Durbin, R. (2016). Iron Age and Anglo-Saxon genomes from East England reveal British migration history. Nature communications, 7, 10408. https://doi.org/10.1038/ncomms10408
  10. Bading, I.: 2011, https://studgendeutsch.blogspot.com/2011/08/4100-v-ztr-tertiare-neolithisierung-im.html
  11. Bading, I.: Mai 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/05/das-fundament-europas-in-einer.html
  12. Bading, I.: August 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/08/indogermane-sein-heit-revoluzzer-sein.html 
  13. Bading, I.: August 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/08/die-farbemprachtige-bild-der.html
  14. Bading, I.: "Polygenetische Risiko-Faktoren" vor 1.000 Jahren - Die Nachfahren der Wikinger blieben sich genetisch gleich in Skandinavien bist heute, 20. Juli 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/polygenetische-risiko-faktoren-vor-1000.html
  15. Mass migration from France to England and Wales took place 3,000 years ago, 22.12.2022, https://www.techregister.co.uk/mass-migration-from-france-to-england-and-wales-took-place-3000-years-ago/
  16. Cavazzuti, C., Arena, A., Cardarelli, A., Fritzl, M., Gavranović, M., Hajdu, T., ... & Szeverényi, V. (2022). The First ‘Urnfields’ in the Plains of the Danube and the Po. Journal of World Prehistory, 1-42, https://link.springer.com/article/10.1007/s10963-022-09164-0.
  17. Williams RA, Montesanto M, Badreshany K, et al. From Land’s End to the Levant: did Britain’s tin sources transform the Bronze Age in Europe and the Mediterranean? Antiquity. Published online 2025:1-19. doi:10.15184/aqy.2025.41 (Antiquity2025)

Samstag, 26. Juni 2021

Spätbronzezeitliche Wallanlagen - Zwischen Schlesien, Prignitz und Ostsee

Das Königtum breitet sich nach Norden aus
- Innerhalb der ostgermanischen Stämme von Schlesien aus 
- Beleg: Der neuartige Bau von Wallanlagen (1200 bis 500 v. Ztr.)

Der Angriff des Großreiches aus dem Karpatenraum in der Zeit um 1300 v. Ztr. über die süddeutsche Bronzekultur hinauf gegen das Großreich der Nordischen Bronzekultur war von dem letzteren - unter anderem in der Schlacht an der Tollense - abgewehrt worden. Viele Heerscharen dieser Großreiche hatten sich in der Folgezeit in einer großen Zangenbewegungen nach Süden in den Mittelmeerraum bewegt und hatten dort den Seevölkersturm ausgelöst (Stg2019, Stg2025).

Abb. 1: Bollwerk Germanien in Norddeutschland an der Tollense und die Eroberung des übrigen Europas durch die Urnenfelder-Kultur ausgehend von Serbien, 1300 bis 800 v. Ztr. (Wiki) - Der zeitgleiche Seevölker-Sturm im Mittelmeerraum, ebenfalls von Serbien ausgehend

In den zurückbleibenden, ruhiger gewordenen Gesellschaften im mittleren und nördlichen Europa verliefen die kulturellen Entwicklungen womöglich auch weiterhin in einem ähnlichen Takt wie jene im zeitgleichen Griechenland der "Dunklen Jahrhunderte". Die Verbreitung der "Homerischen Heroengräber" von Dänemark über die Prignitz und Westpreußen bis hinunter nach Italien und Griechenland mag als ein Hinweis hierauf gewählt werden.

Das Homerische Heroengrab bei Seddin in der Prignitz aus der Zeit um 800 v. Ztr. ist genauso angelegt wie jenes Grab, das - nach der Ilias - Achill für seinen Freund Patroklos angelegt hat. Dürfte es mehr Sinn als Unsinn sein, den europäischen Völkern jener Zeit auch sonst jenen hochherzigen Kriegergeist zuzusprechen, der in der "Ilias" von Homer so farbenprächtig dargestellt ist in all den vielen Erzählungen von Krieg, Waffen und schönen Frauen?

In der Erzählung von der Trauer des Achill und der hilfreichen Thetis? (Abb. 10) / Aber siehe dazu noch ganz unten eine Nachbemerkung vom 30.11.2025. /

In der europäischen Mittelgebirgszone bildete sich aus der Urnenfelderkultur heraus die große Völkergruppe der hochherzigen Kelten (um im Duktus der Ilias zu bleiben) mit ihren - dann sicherlich ebenfalls hochherzig zu nennenden - Fürsten der sogenannten Hallstatt-Zeit. Über die Völkerburgen dieser edlen Kelten im heutigen Franken in der Zeit zwischen 1200 und 30 v. Ztr., ist hier auf dem Blog schon ein kleiner, womöglich noch völlig unzureichender Überblick gegeben worden (1). In dem vorliegenden Beitrag richtet sich der Blick auf das zeitgleiche Geschehen nördlich der deutschen Mittelgebirge. Die Völkergruppe der germanischen Keltische Stämme hatten sich mit der Urnenfelderkultur sowohl innerhalb der Lausitzer Kultur in Schlesien und bis in die Region des Königsgrabes von Seddin im nördlichen Brandenburg ausgebreitet (Stg2025, Herder11/2025). 

Gliederung:
I. Die Wallanlagen der Lausitzer Kultur: Von Breslau bis Ostpreußen
II. Die Wallanlagen des Nordischen Kreises: Vom Finow-Tal bis zur Ostsee
III. Anhang 1 bis 4

I. Die Wallanlagen der Lausitzer Kultur: Von Breslau bis Ostpreußen

Die Wallanlagen der Lausitzer Kultur (1000 bis 500 v. Ztr.)

Schon im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit der mitteleuropäischen Stadtgeschichte der Mittleren Bronzezeit (vor 1200 v. Ztr.) waren wir auf den Umstand gestoßen, daß Höhenburgen und Wallanlagen oft ungefähr in einem Abstand von etwa 30 Kilometern angelegt worden waren, jene Distanz, die an einem Tag mit Hilfe eines Rinderwagens überbrückt werden konnte.

Ein Blick auf die Karte aus Abbildung 3 gibt die groben Umrisse vor: Der Burgenbau breitete sich aus der Gegend des heutigen Breslau heraus, aus dem dortigen Zentrum der damaligen Lausitzer Kultur (1300-500 v. Ztr.) (Wiki) heraus nach Norden aus. Womöglich wird man bei genauerem Hinschauen wiederum grob einen Abstand dieser Burgen voneinander von etwa 30 Kilometern finden. Es handelt sich um jene Lausitzer Kultur, die nach der Südwanderung der Urnenfelderkultur zurück geblieben war und sich neu formiert hatte. Diese Lausitzer Kultur - so wird in der Forschung vermutet - ist von den Vorfahren der ostgermanischen Stämme getragen gewesen (Wiki):

Für eine (vor)germanische sprachliche Identität bzw. Ethnizität der Träger der Lausitzer Kultur spricht, daß das Verbreitungsgebiet dieser Kultur um die Zeitenwende von den (ost)germanischen Stämmen der Przeworsk-Kultur besiedelt war. Und es gibt keine Hinweise auf größere Wanderungsbewegungen in diesem Raum in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends vor Christus.

Tacitus berichtet davon, daß die ostgermanischen Stämme Königsherrschaften besessen hätten.

Abb. 2: Der Eberswalder Goldschatz - Etwa 1000 oder 900 v. Ztr. (Wiki) - Dieser Goldschatz macht bewußt, daß die Kulturen der Spätbronzezeit im Übergangsbereich zwischen Lausitzer Kultur und Nordischer Bronzezeit den zeitgleichen Kulturen Mitteleuropas und des Mittelmeerraumes an Wohlstand, schönheitstrunkener "Prunkfreudigkeit" in nichts nachgestanden sind

Dies hätte einen Gegensatz zu den westgermanischen Stämmen dargestellt. Diese ostgermanischen Königsherrschaften hätten nicht zuletzt auf dem Besitz einer größeren Zahl von Sklaven beruht. Es wird keineswegs ausgeschlossen werden können, daß diese Herrschaftsform bis auf die Lausitzer Kultur zurück geht.

Der Reichtum des Eberswalder Goldschatzes aus dieser Zeit (Abb. 2), der alles übertrifft, was man diesbezüglich aus der südlicheren, zeitgleichen Hallstatt-Kultur gefunden hat - und der so durch und durch angemessen wirkt für einen "Homerischen Heroen" - er gibt sicherlich eine Andeutung von dem Reichtum, dem Wohlstand, dem Schönheitsinn, dem bunten kulturellen Leben, das wir in dieser Kultur und ihrer Aristokratie vorauszusetzen haben.

Solche Goldschalen waren wiederum "als Prestigeobjekte europäischer Eliten von der  iberischen  Halbinsel  bis  Skandinavien verbreitet" (Mehnert 2008, S. 44), es waren die Glanzstücke von Heroen. Außerdem finden sich in vielen Gräbern dieser Zeit Rasiermesser und Pinzetten, es findet sich eine große Vielfalt an Keramikformen, die zeigt, welche ausdifferenzierte Eßkultur vorauszusetzen ist: Terrinen, Kannen, Amphoren, Tassen, Schalen, Teller, Pokale .... (Mehnert 2008).

Und dabei ist noch gar nicht die Rede gewesen von der Vielfalt an Bronzewaffen - Schwerter, Schilde , die zu der häufigsten Fundgruppe dieser Kultur gehören. 

Keiner dieser Funde und Befunde steht im Widerspruch dazu, daß wir hier einfach das bunte, farbenprächtige Bild der "Ilias", das Denken und Handeln von Menschen wie in der "Ilias", daß wir Krieg mit Streitwagen, "helmbuschüberwehte", "hellumschiente" tapferen Helden, ihre rosenwangigen Frauen als edelgesinnte Menschen in dieser Reion vorauszusetzen haben. Wäre nicht auch jede andere Sichtweise langweiliger? Hat nicht jedes Volk Grund genug, von seinen Vorfahren so hochherzig zu denken wie nur immer möglich - schon gar, wenn ihm die Archäologie doch sogar aufzeigt, daß sie eben in Homerischen Heroengräbern begraben liegen?

Breslau als kulturelles Zentrum - Die Schwedenschanze und der Kapellenberg

Die Kernregion des Burgenbaus der Lausitzer Kultur lag in Schlesien, in der Gegend rund um Breslau und nördlich von Breslau (Abb. 3). Sollte es da nur Zufall sein, daß ausgerechnet auch der erste Lehrstuhlinhaber für prähistorische Archäologie in Deutschland ein Professor in Breslau war? Und daß er sich genau diese Burgen auch genauer angeschaut hat. Es handelte sich dabei um den Professor Johann Gustav Gottlieb Büsching (1783-1829) (Wiki). Dies war jener Professor, zu dem der Germanist Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der nachmalige Dichter der deutschen Nationalhymne, in einem gewissen Konkurrenzverhältnis stand.

Abb. 3: Ausbreitung des Burgenbaus aus Schlesien, aus der Gegend nördlich von Breslau heraus nach Norden (1200 bis 550 v. Ztr.) (aus 10)

Die Schwedenschanze und der Kapelleberg nahe dem westlichen Vorort von Breslau, nahe von Oswitz (siehe Abb. 4) veranlaßten die Menschen schon mindestens einhundert Jahre vor 1824, sich Gedanken über die heidnische Vorgeschichte dieser Region zu machen. Büsching veröffentlichte 1824 seine Schrift "Der heilige Berg und dessen Umgebungen in Oswitz". Er hat in ihr auch zahlreiche selbst verfaßte Gedichte zu diesem Berg und dessen Umgebungen veröffentlicht (Büsching 1824). Poesie und Wissenschaft gingen damals noch Hand in Hand miteinander. Wie dürften beide auch jemals voneinander getrennt werden, ohne daß einer von beiden unvollständig wäre! Aber erinnern wir uns: Ein Archäologe als Lehrstuhlinhaber und das lange vor Heinrich Schliemann. Wenn wir nicht an das fortschrittliche Schlesien des 19. Jahrhunderts denken, verkürzen wir sogar die Wissenschaftsgeschichte der deutschen Archäologie.

In einer Beschreibung der Sehenswürdigkeiten von Breslau, die ein Jahr später, 1825, veröffentlicht wurde, wird von der Entdeckung eines großen Gräberfeldes "hinter der Schwedenschanze" hundert Jahre zuvor beim Bau des Oderdammes berichtet. Und weiterhin (Nösselt, 1825, S. 419):

Als der jetzige Besitzer die Schwedenschanze zu Obstanlagen einrichtete, fand man beim Umgraben mehrere Altertümer aus Ton, auch Messer, Sporen und dergleichen. (...) Auch wurden zwei kleine Handmühlensteine gefunden und auf der einen Seite eine große Menge von Kohlen.

Der Verfasser rühmt - wie Büsching - die Aussicht auf der Schwedenschanze hinüber zu den Schlesischen Bergen. Er fährt fort (Nösselt 1825, S. 420):

Nach dem Besuche derselben pflegt man zu Fuß durch den, auch erst vom Besitzer mit Anlagen versehenen Wald nach dem heiligen Berge zu gehen. (...) Die Anlage einer Kapelle auf diesem Hügel geht in die früheste Zeit hinauf, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß hier vor uralten Zeiten schon, vor Einführung des Christentums ein Götzentempel stand.

Genau um dieser Möglichkeit willen hatte sich auch Büsching so intensiv mit diesem Berg beschäftigt. Und diese Vermutung wird bis heute von den Breslauer Archäologen aufrecht erhalten (siehe gleich).

Abb. 4: Ausschnitt aus der Karte von aus der Zeit vor 1945 - Nach der Vergrößerung kann man die Lage der Schwedenschanze und des Kapellenberges nördlich des Ortsteiles Oswitz und östlich der Oder im Oswitzer Wald erkennen

Eine Rekonstruktion des Flußlaufes der Oder bei Breslau ergibt, daß sie in der Bronzezeit zwischen den beiden Anhöhen der Schwedenschanze und des Kapellenberges hindurch geflossen ist, die beide auf ihrem linken Flußufer lagen, und denen sie beiden - mit ihrem Flußufer - Schutz geboten hat (Gediga). Heute liegen beide Anhöhen längst rechts der Oder Noch die heutigen Forschungen zu der Schwedenschanze und zum Kapellenberg bei Oswitz stehen ganz in der Tradition der deutschen Forschungen und Überlegungen in Breslau seit 200 Jahren (Gediga, S. 147):

Schon in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts versuchten M. Jahn und E. Petersen in den Doppelburgen die kleineren Burgen als Sitze der ausgebildeten starken politischen Gewalten (E. Petersen) oder Fürstensitze und Kultplätze (M. Jahn) zu sehen. Als bestes Beispiel für diese Interpretationsversuche dienten die beiden Burgen in Breslau, die sogenannte Schwedenschanze und der Kapellenberg. Martin Jahn machte dabei auf die Tatsache aufmerksam, daß auf dem kleinen Burgberg - dem Kapellenberg, in Breslau-Oswitz seit dem 18. Jahrhundert eine Wallfahrtskapelle existiert und dieser ein Wallfahrtsort wurde, was auf eine gewisse kultische Tradition hinweisen mag. (...) Uhtenwoldt selbst analysierte die Lage der Burgen in Verbindung mit dem früheisenzeitlichen Besiedlungsbild, in welchem eine Herausbildung von bestimmten Zonen bzw. Konzentrationen der Besiedlung festgestellt werden kann. Die Burgen (,Fürstensitze‘) sind oft am Rande dieser Zonen situiert. Das schließt nach Uhtenwoldt nicht aus, daß diese Burgen ,Fürstensitze‘ und damit politische Mittelpunkte für Gesellschaftsstrukturen gewesen sind, die diese Besiedlungszonen widerspiegeln; aber durch ihre Lage bildeten die Burgen auch eine Kette von Wehranlangen.

Eine solche etwaige Randlage könnte auch vorausgesetzt werden bei der Römerschanze in Potsdam, bei dem Welickenberg nördlich von Neuruppin oder bei der Schwedenschanze bei Horst in der Nähe des Königsgrabes von Seddin (siehe unten). Da es zwischen Siedlungskammern wie der zwischen dem Königsgrab von Seddin und der von Neuruppin noch viel unbewohnte oder spärlicher besiedelte Regionen gab (etwa der rund um Wittstock) wird es auch noch möglich gewesen sein, Wallanlagen sozusagen als Fluchtburgen und vor durchziehenden Völkerscharen leichter zu "versteckenden" Heiligtümern anzulegen. Dennoch konnten sie zugleich auch Herrschaftszentren sein. Dies mag veranschaulicht werden durch Cäsars Bericht über die keltischen Stämme in Britannien 54 v. Ztr. (s. Anhang 1). Auch hier noch hat sich der König nach verlorenen Schlachten zurückgezogen, geradezu versteckt in "... eine unzugängliche Waldstelle, mit Wall und Graben gesichert ...." Cäsar fand sie, wie er berichtet, nur durch den Verrat abgefallener keltischer Stämme. Und das war nicht der einzige Fall, in dem Verstecke in Wäldern eine Rolle spielten im "Gallischen Krieg".

Die edegesinnte Aristokratie bei Breslau

Vielleicht kann so die Lage vieler Wallanlagen der Lausitzer Kultur und der Nordischen Bronzezeit leichter nachvollzogen werden. Sowohl die Schwedenschanze als auch der Kapellenberg bei Oswitz waren von Gräberfeldern begleitet. Das heißt, daß es sich bei ihnen durchaus nicht nur um Fluchtburgen gehandelt hat, sondern daß sie ständig bewohnt waren, daß dort Alltagsleben stattfand (Gediga, S. 153). Von der neueren Forschung wird die Lausitzer Kultur als eine Art "Außenstelle" der Hallstatt-Kultur betrachtet (Gediga, S. 155):

Neuere Untersuchungen verschiedener Fundstellen in Niederschlesien liefern uns ein ganz neues Bild zum Kulturmodell der frühen Eisenzeit. In vielerlei Hinsicht ähnelt es dem Kreis der Hallstattkultur. Wie bei der Hallstattkultur können wir auch in Schlesien konstatieren, daß wir es in der frühen Eisenzeit mit der Herausbildung einer führenden Schicht in der Gesellschaftsstruktur zu tun haben, deren besondere Position sich sowohl auf den Gräberfeldern als auch in den Siedlungen manifestiert. Auf den Gräberfeldern bestatteten die Mitglieder der hallstattzeitlichen ,Aristokratie‘ ihre Verstorbenen in einem eigenen, abgesonderten Bereich des Gräberfeldes. Die Gräber sind reich ausgestattet, viele davon sind Kammergräber mit aufwendigen Konstruktionen. Auch in den Siedlungen tritt die Führungsrolle der ,Aristokratie‘ zutage.

Eine Heilige Eiche auf dem Heiligen Berg bei Breslau

Auf dem Kapellenberg bei Breslau-Oswitz hat auch einstmals sicherlich eine Heilige Eiche gestanden, weshalb er ja schon seit Büsching in die Aufmerksamkeit der Archäologen getreten ist (Gediga, S. 156):

Der Hügel war seit 1257 im Besitz des Breslauer Klarenstifts, was nicht ohne Bedeutung für die Gründung einer Kapelle mit einer Wunderfigur der Mutter Gottes auf dem Berg sein sollte. Für das Jahr 1724 ist ein Wunder auf dem Berg überliefert: Ein Cantor vom St. Matthiaskloster in Breslau, einem dem Klarenstift benachbarten Ordensitz, soll auf wundersame Weise wieder gesundet sein. Seitdem ist der Kapellenberg bis heute als Wallfahrtsort bekannt. Cehak-Hołubowiczowa gab in ihrem Artikel den wichtigen Hinweis, daß die Mutter-Gottes-Figur schon vor dem besagten Wunder an einer alten Eiche bei dem Kapellenberg aufgehängt war und die Eichen schon in der heidnischen Religion der Slawen eine besondere Bedeutung besessen hätten. Die Vermutung, daß dieser Hügel bereits in heidnischer Zeit eine kultische Rolle besessen habe, läßt sich ihr zufolge wohl bis in die frühe Eisenzeit bestätigen. Die Anbringung der Mutter-Gottes-Figur an der Eiche sei demzufolge ein Beispiel für die Einbeziehung der heidnischen Tradition in die neue Religion, wie es im Zuge der Christianisierung der slawischen Gebiete häufig zu finden ist.

Das Verbreitungsgebiet der Lausitzer Kultur reichte auf ihrem Höhepunkt von ihrem Kernraum Schlesien bis in die Gegend des heutigen Potsdam im Nordwesten, bis ins Finowtal im Norden, bis über die Provinz Posen im Nordosten, bis nach Wolhynien und die Ukraine im Südosten und bis zur Donau im Süden. Es handelte sich bei ihr um die Nachbarkultur zur Nordischen Bronzezeit im Norden, zu der ja auch die Seddiner Gruppe in der Prignitz im nördlichen Brandenburg gezählt wird, und die sich auch nördlich des Finow-Tales im östlichen Brandenburg findet.

Die Kernregion des Burgenbaus der Lausitzer Kultur scheint sich rund um das Dorf Mönchmotschelnitz (Wiki) bei Winzig (Wiki) nördlich von Breslau zu gruppieren (s. Abb. 3).

Abb. 5: Spätbronzezeitliche Burganlagen - Königssitze mit Akropolis? - zwischen Prignitz (Seddin=Wolfshagen, Boltenmühle), Lossow und Pommern (aus 12)

Die Anregung zum Burgenbau für die nördlich gelegene Nordische Bronzezeit kam also sicherlich vom Süden. Und vielleicht ist sie getragen gewesen von einer stärker hierarchisch gegliederten Gesellschaftsordnung mit einem Königtum. Viele der Wallanlagen - wie die Schwedenschanze bei Horst (bzw. Wolfshagen) (s. Abb. 5) weisen ja auch ganz klar einen inneren Burgwall auf, der traditionellerweise Akropolis genannt wird, auch von Seiten der Archäologie. Akropolis heißt auf Deutsch "Heilige Burg".

Ausbreitung von Lossow an der Oder ....

"Lossow und Lebus - Ein Burgenpaar an der Oder?", so betitelten Archäologen einen neueren Aufsatz (10) Diese beiden Ortschaften liegen 18 Kilometer auseinander, beide am Westufer der Oder. In der Mitte von beiden liegt heute Frankfurt an der Oder, jeweils acht bis zehn Kilometer von den beiden spätbronzezeitlichen Burgen-Orten entfernt. In den 1970er und 1980er Jahren wurde fast direkt am westlichen Oderufer der Burgwall Lossow ausgegraben, der sich eindrucksvoll aus der Landschaft heraus hebt (siehe Google Bildersuche) (Wiki):

Die Geschichte der Burg beginnt mit der im 12. Jahrhundert v. Ztr. als befestigte Siedlung oberhalb der Steilen Wand, einer natürlichen Hochfläche des westlichen Oderlaufs. Vermutlich begann der Bau des Burgwalls im 10. Jahrhundert v. Ztr. Dies belegen Grabungen von technischen Anlagen zur Keramikherstellung. Bruchstückteile von Gußformen zeugen von handwerklicher Tätigkeit der Bronzeverarbeitung; Reste von Haus- und Wildtieren, Fischen und Pflanzen geben Auskunft über die Ernährungsgewohnheiten. Die Burg beherbergte bis zu 1800 Menschen. In der frühen Eisenzeit, ca. 800-600 v. Ztr., besiedelte die sogenannte Göritzer Gruppe das Gebiet. Der Burgwall wurde im 6. Jahrhundert v. Ztr. aufgegeben.

... über Lebus an der Oder (1000 v. Ztr.) ....

Zu Lebus lesen wir (Wiki): 

Die (heutige) Stadt liegt auf einem Bergrücken von 500 m Länge und 50-100 m Breite, der auch Reste alter Wehranlagen trägt und sich durch Querrinnen in den Turmberg, den Schlossberg und den Pletschenberg teilt. (...) Bereits aus der jüngeren Bronzezeit um 1000 v. Ztr. lassen sich erste Besiedlungsspuren feststellen, die sich über den gesamten Berg erstreckten. Diese Besiedlungsspuren wurden in der frühen Eisenzeit verstärkt und befestigt. Diese Anlagen wurden aber zur Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. aufgegeben.

Wenn wir also in heutigen Dörfern und Städten leben, leben wir oft noch direkt über jenen Orten, wo einstmals eine hochherzige, edelgesinnten Kultur von Homerischen Heroen gelebt hat. Dasselbe kann man beispielsweise auch bei dem Dorf Kirchmöser bei Brandenburg sehen, wo Siedlungen der jüngeren Bronzezeit direkt unter der heutigen modernen, bzw. mittelalterlichen Besiedlung liegen (Anhang 3). 

... und Buckow in der Märkischen Schweiz ...

Vierzig Kilometer nordwestlich von Lebus liegt - mitten in der Märkischen Schweiz - das Dorf Buckow. Die hier in 1,3 Kilometer Entfernung voneinander gelegenen zwei Wallanlagen wurden in slawischer Zeit genutzt - aber vermutlich gehen sie auf die Spätbronzezeit zurück. Die erste Wallanlage liegt in der Mitte des Dorfes, sie wird heute als Friedhof genutzt, in ihr steht auch die Kirche des Dorfes (Wiki):

Die eigentliche Burginnenfläche betrug etwa 40 mal 60 Meter, die Anlage war von einem breiten, flachen Graben umgeben, das Zugangstor lag im Norden und die Wallhöhe beträgt noch immer bis zu 4 m. (...) Bei Grabungen (...) in den 1960er Jahren um die Kirche herum, fanden sich u. a. Scherben mit Kammstrichverzierungen und Eichenpfähle, ob es sich um eine Niederungsburg als Adelssitz, Fluchtburg oder ein Heiligtum handelte, blieb ungeklärt.

Und (Wiki):

In südlicher Richtung, etwa 1300 m entfernt, befand sich ein weiterer Wall aus der gleichen Zeit, der ähnlich angelegt wurde und etwa 190 m Innendurchmesser hatte. (...) Die Bewirtschaftung der Felder sorgte in der Folgezeit dafür, daß große Teile derartig abgeflacht wurden, daß man den Wall als solchen kaum noch erkennen kann.

Somit hat man auch hier Grund, von einem Burgenpaar zu sprechen.

... bis Wriezen und Eichwerder im Oderbruch

20 Kilometer von Buckow nach Norden und 13 Kilometer westlich der Oder fanden sich in dem kleinen Oderbruch-Dorf Eichwerder bei Wriezen (Wiki) nicht nur zahlreiche Keramiköfen, sondern auch Tor- und Wallanlagen einer Befestigung aus der Zeit zwischen 1000 und 500 v. Ztr. (MOZ 2017):

Die Wallanlage ordnet (die Archäologin) Blandine Wittkopp der gleichen Epoche wie der bereits entdeckten Öfen zu - 1000 bis 500 Jahre vor Christus.

Neun Kilometer westlich von Eichwerder, in Rathsdorf bei Wriezen, ebenfalls im Oderbruch gelegen, fanden sich ebenfalls Hinweise auf Wallanlagen dieser Zeitstellung (FU Berlin). Womit man erneut Grund hätte, von einem "Burgenpaar" zu sprechen.

Abb. 6: Siedlungen der Jüngere Bronzezeit im östlichen Brandenburg - Orientiert an Gewässerverläufen und Seeufern (Mehner 2008)

Wenn wir also von Rathsdorf 26 Kilometer nach Norden wandern, gelangen wir nach Eberswalde und damit nicht nur an den Fundort des Eberswalder Goldschatzes, sondern auch in das Tal des Finow-Flüsschens, der in etwa die Grenze bildet gegenüber der spätbronzezeitlichen Kultur des Nordischen Kreises (siehe unten).

Die "Römerschanze" bei Potsdam

Die Lausitzer Kultur hat sich aber nach Westen auch bis in den Bereich des heutigen Potsdam ausgebreitet. Dort findet sich die sogenannte "Römerschanze bei Potsdam" (1250-550 v. Ztr.) (Wiki). Sie liegt an einer See-Enge zwischen dem Jungfernsee, dem Lehnitzsee, dem Krampnitzsee und dem Weißem See. Obwohl diese Wallanlage heute inmitten der Weltkulturerbestadt Potsdam liegt, inmitten einer Region voller Sehenswürdigkeiten, in Luftlinie nur vier Kilometer von dem 1913 errichteten Schlosses Cecilienhof entfernt, liegt sie doch noch heute an der entlegendsten Stelle, die denkbar ist.

Abb. 7: Die Lage der "Römerschanze" bei Potsdam - Zentral und zugleich völlig abgelegen und "versteckt" noch heute

1903 wurde ihr gegenüber der sogenannet "Nedlitzer Durchstich", der den viel befahrenen Hauptkanal des Wasserweges der Havel bildet. Und dennoch liegt sie weiter abgelegen. Diese Wallanlage wurde auf einem unzugänglichen Geländesporn angelegt (Wiki):

Eine erste Besiedlung des Platzes begann in der Hügelgräberbronzezeit und erstreckte sich kontinuierlich bis zum Ende der Hallstattzeit (...) (ca. 1250 bis 550 v. Chr.). (...) Die Wallburg kann der Lausitzer Kultur zugerechnet werden, die in der späten Bronzezeit und der frühen Eisenzeit (1300 bis 500 v. Chr.) auf den heutigen Gebieten von Ostdeutschland, Polen, Teilen Tschechiens und der Slowakei und in Teilen der Ukraine bestand. Starke Brandschichten am Ende der Besiedlung im 6. Jahrhundert v. Chr. deuten auf eine Zerstörung beziehungsweise Brandkatastrophe. (...) Die Wallburg mit einer Ausdehnung von 175 m mal 125 m umfaßt circa zwei Hektar Fläche. Vom einst sechs Meter hohen Ringwall erhielt sich nach Abwaschung eine Resthöhe von etwa drei Metern. Die Fortifikation wies eine Bauphase in Holz-Erde-Technik auf. Bis zu 1.000 Mann fanden in ihr Platz. Von der Innenbebauung konnte ein Haus mit einer Grundfläche von 11,50 m mal 16,60 m freigelegt werden. 

Ob hier die Nachkommen der einstigen Seddiner Kultur in der Prignitz einen Kriegszug gen Süden unternommen hatten?

Abb. 8: Ausblick von der Wallanlage ("Römerschanze") bei Potsdam

Solche Dinge sind natürlich denkbar. 

Langhaus in Brielow bei Brandenburg

Ergänzung 22.2.23: Auch in einem spätbronzezeitlichen Langhaus (Wohnstallhaus) bei Brielow nördlich der Stadt Brandenburg fand sich Lausitzer Keramik (27; 5:30).

Plauten bei Mehlsack in Ostpreußen (500 v. Ztr.)

Die Lausitzer Kultur breitete sich in einer frühen Phase bis nach West- und Ostpreußen aus, und zwar in Form der Kaschubischen und der Ermländisch-Masurische Gruppe der Lausitzer Kultur. Aus ersterer ging ab dem 7. Jahrhundert die "Pommerellische Gesichtsurnenkultur" (Wiki) hervor, aus letzterer die "Westbaltischen Hügelgräberkultur" (Wiki).

Nahe dem ostpreußischen Dorf Plauten (polnisch Pluty) (Wiki), das 13 Kilometer nordöstlich von Mehlsack (Wiki) und 55 Kilometer südlich von Königsberg liegt, wurde in der Zeit der "Westbaltischen Hügelgräberkultur" zwischen 500 bis 300 v. Ztr. eine Wallanlage errichtet und genutzt, so die Forschungen von polnischen Archäologen aus diesem Jahr (23, 24). Diese Wallanlagen wurden - das ist schon lange bekannt - als Prußen-Burg "Plut" (Ostpr) erneut von den heidnischen Pruzzen im 11. bis 13. Jahrhundert genutzt und sie wurden dann auch von dem Deutsche Ritterorden nach der Eroberung Preußens als Schutz gegen die Einfälle der heidnischen Litauer im 14. Jahrhundert wieder hergestellt.

Diese Wallanlage liegt im einstmals deutschen, katholischen Ermland. In den hier gelegenen Landkreisen Allenstein und Mehlsack war Nikolaus Kopernikus einige Zeit lang Adminstrator als einer der regierenden Domherren des Fürstenbistums Ermland.

II. Wallanlagen des Nordischen Kreises vom Finow-Tal bis zur Ostsee

Überschreiten wir das oben erwähnte Finow-Flüßchen Richtung Norden, gelangen wir aus dem Bereich der Lausitzer Kultur hinaus in den Bereich der Kultur des Nordischen Kreises. Daß der Goldschatz von Eberswalde ausgerechnet an dieser Kultur- und damit zugleich womöglich auch Sprachgrenze gefunden wurde, mag man vielleicht ein Hinweis sein auf die Produktivität, die sich aus dem Austausch zwischen diesen beiden Kulturekreisen ergeben haben könnte. In einer Studie zur jüngeren Bronzezeit des nördlichen Barnim und der südlichen Uckermark wird ausgeführt (Mehnert 2008):

Das untersuchte Areal liegt im Spannungsfeld der Lausitzer Kultur und des Nordischen Kreises. Typische Merkmale beider Kulturen schließen sich gegenseitig aus, so daß selbst innerhalb dieses relativ kleinen Raumes eine Grenzziehung möglich wird. So beschränken sich die Vorkommen von Pfahlbaubronzen und Hügelgräbern sowie die Beigabe von Waffe, Rasiermesser und Pinzette auf den Norden und Westen. Das Formenmaterial des im Südosten gelegenen Gräberfeldes Liepe 2 korrespondiert stark mit dem nahen Lausitzer Gräberfeld von Oderberg-Bralitz. (...) Einen großen Stellenwert innerhalb des Fundspektrums haben Keramikformen, die zum Formenschatz einer Zone gehören, die von Pommern über die Uckermark und das Spree-Havel-Gebiet bis zum Havelland reicht.

Das genannte Liepe (dicht beim berühmten Schiffshebewerk Niederfinow) liegt 14 Kilometer östlich von Eberswalde am Finow-Flüsschen. Acht Kilometer westlich von Eberswalde liegt Finofurt  (Mehnert 2008, S. 22, 57):

Die jungbronzezeitliche Siedlung  Finowfurt 1 (Kat.-Nr. 85)  liegt auf einem als „Burgwall“ bekannten Gelände an einem alten Übergang über den Finowfluß.

Stolzenhagen an der Oder

Von Liepe 20 Kilometer weiter nach Norden gelangen wir in den Bereich der Kultur des Nordischen Kreises zu dem Dorf Stolzenhagen an der Oder (Wiki):

Während der Bronzezeit entstand der am Rand des Odertales gelegene große Burgwall. Sein ovales Plateau von etwa 150 × 80 Metern deutet darauf hin, daß sich hier in jener Zeit eine bedeutende Anlage befand.

Burgruine Grimmitz

Und von Finowfurt 17 Kilometer nach Norden sind wir ebenfalls im Bereich der Kultur des Nordischen Kreises und erreichen die Burgruine Grimmitz. Sie war vermutlich ebenfalls schon in der Bronzezeit befestigt, denn (Mehnert 2008, S. 22, 57):

Von dem Gelände der spornartig den See überragenden mittelalterlichen Burg Grimnitz (Kat.-Nr. 113) sind bronzezeitliche Funde bekannt.

Von Grimmitz 14 Kilometer nach Norden und von Stolzenhagen zwanzig Kilometer nach Westen gelangt man nach Altkünkendorf. 

Schanzenburg bei Altkünkendorf

In der Nähe dieses Dorfes liegt im Wald zwischen zwei kleinen Seen - dem Großen Babersee und dem Buckowsee (offenbar entlang des Südufers des Buckowsees) - eine 350 Meter lange Wallanlage, die 1962 entdeckt - aber bis heute noch nicht abschließend sicher auf die Bronzezeit datiert - worden ist (Mehnert 2008, S. 22, 57):

Der Fundplatz Altkünkendorf 5 (Flurname: Schanzenburg) auf einer die Umgebung  überragenden Hügelkuppe zwischen zwei  kleinen Seen. Die bekannt gewordenen jungbronzezeitlichen Funde stammen aus dem Bereich der bisher nicht sicher datierten befestigten Anlage.

Die Höhensiedlung auf dem Weilickenberg bei Boltenmühle, bei Neuruppin

Weiter im Westen findet sich zwischen der Siedlungskammer des Königsrgrabes von Seddin und der Siedlungskammer rund um Potsdam noch eine weitere jungbronzezeitliche Siedlungskammer, nämlich diejenige rund um Neuruppin am Ruppiner See und am Rhin. Im Jahr 1960 wurde auf dem Weilickenberg bei Boltenmühle, 20 Kilometer nördlich von Neuruppin eine Höhensiedlung der jüngeren Bronzezeit ausgegraben von Seiten des Belziger Archäologen Dr. Fritz Horst (1936-1990) (13). Wenn man am See entlang zum beliebten Ausflugsrestaurant Boltenmühle fährt, liegen diese Wallanlagen linkerhand oben im Wald und man fährt fast zur Hälfte um sie herum (s. Abb. 8).

Abb. 8: Weilickenberg - Zwischen Kalksee und Tornowsee nahe der Boltenmühle (zwischen Rheinsberg und Neuruppin (Seen)

Auch diese Wallanlagen liegen sehr abgelegen zwischen zwei Seen. Über diese befestigte Siedlung zwischen Neuruppin und Rheinsberg erfahren wir (Wiki):

Bis 400 n. Chr. lebte hier der Germanenstamm der Semnonen, der höchstwahrscheinlich ein großes Heiligtum auf dem Weilickenberg oberhalb der Boltenmühle am Tornowsee verehrte.

Und (Tornowsee):

Der Weilickenberg erklimmt einen Höhe von 46 Metern über dem Wasserspiegel des Tornowsees. Dort weitet sich ein Plateau aus, auf dem heute Kutschpferde der Boltenmühle weiden. Archäologen fanden hier die Spuren einer befestigten Siedlung aus der jüngeren Bronzezeit, (...) wertvolle Funde, (...) so unter anderem ein Armring, eine Lanzenspitze und eine Fibel.

(s.a. Wiki). Und (H. Bierl, Archäologie-Führer 2006)(GB):

OT Gühlen-Glienicke 3,4 km südöstlich eine spätbronzezeitliche Befestigung auf dem Weilickenberg am Nordwestufer des Tornowsees südwestlich der Boltenmühle. Sie umschloß ein Areal von 12 ha. Abschnittsweise sind noch bis zu drei Wälle vorhanden. ...

1983 heißt es in einer heimatkundlichen Bestandsaufnahme über die bronzezeitliche Siedlungskammer rund um Neuruppin (Zühle/Ruppiner Land, 1983, S. 15) (GB):

Gräberfelder (...) kennen wir erst seit der Bronzezeit (1700 bis 550 v . u. Z.). Ihr früher Abschnitt wird durch ein Körpergrab der jüngeren Aunjetitzer Kultur von Gottberg repräsentiert. Die als Beigefäß mitgegebene Tasse zeigt Anklänge an mitteldeutsche Funde. (...) Es zeichnet sich im Neuruppiner Gebiet eine auffällige Konzentrierung frühbronzezeitlicher Funde ab. Aus der mittleren und jüngeren Bronzezeit sind neben Hort-, Gräber- und Einzelfunden auch erstmalig Siedlungen bekannt (z. B. Zühlen, Gottberg). Den bedeutendsten Fundplatz stellt die befestigte Höhensiedlung auf dem Weilikkenberg bei Boltenmühle aus der jüngeren Bronzezeit dar. Die Innenfläche wurde 1960 teilweise durch eine Ausgrabung untersucht. Die befestigte Siedlung bildete das wirtschaftliche und vermutlich auch politische Zentrum einer umliegenden Siedlungskammer. Daneben bestanden unbefestigte Siedlungen.

Und weiter (1983, S. 15):

Während der vorrömischen Eisenzeit (550 v. u. Z.) wurde das Ruppiner Land von den Stämmen der Jastorf-Kultur besiedelt. In ihnen sieht die archäologische Forschung die ältesten Germanen. Die meisten  Funde stammen aus Gräberfeldern. Die bereits seit der mittleren Bronzezeit gebräuchliche Leichenverbrennung übten auch die Germanen aus. Der Leichenbrand wurde zusammen mit Schmuck- und Trachtgegenständen, gelegentlich auch mit Produktionsinstrumenten und Waffen, in einem Tongefäß oder einem Behältnis aus organischem Material beigesetzt.  Die Urnengräber bilden ausgedehnte Bestattungsplätze mit mehreren hundert Beisetzungen. Ebenso wie in Charlottenau wiesen die Bestattungen häufig Steinschutz auf.

Die Forschung spricht sogar von ...

Jüngere Bronzezeit, Perioden (IV) / V (Stufe Boltenmühle-Schwanow der Rhin-Gruppe des Nordischen Kulturbereichs, 10.-8 . Jh . v . u . Z.)

Das Dorf Schwanow liegt fünf Kilometer östlich von Boltenmühle. Im Besonderen lesen wir über den Weilickenberg selbst (1983, S. 50):

Der spornartig auslaufende Höhenrücken mit einem Plateau von 560 x 310 m fällt nach Nordosten, Osten und Süden steil ab. Auf dem Gipfel fand man eine Höhensiedlung aus der jüngeren Bronzezeit. Während die weniger steilen Hänge im Norden und Westen durch 2 - 3 Wälle befestigt werden mußten, waren die übrigen Seiten durch den Steinabfall bereits ausreichend auf natürliche Weise von Angriffen geschützt. Vermutlich werden sich hier nur Palisaden befunden haben. Der alte, heute noch genutzte Zugang in die befestigte Siedlung liegt im Norden. Neben zahlreichen Gefäßresten stammen von der Wehrsiedlung steinerne Äxte, aus Scherben gefertigte Spielsteine, 2 bronzene Messer, 2 Bronzepunzen, 1 Bronzetüllenmeißel, das Fragment einer Sichel u.a. Eine steinerne Gußform und ein Gußtiegel belegen die Bronzeverarbeitung. Die Einwohner betrieben ferner Viehzucht (Rind, Schwein, Schaf, Ziege, Pferd), Ackerbau und Fischfang (Netzsenker) und ergänzten ihre Nahrung durch Sammelwirtschaft und Jagd. Ein Fund mit Lanzenspitze, Armring und der Nadel einer Fibel ...

stellt einen sogenannten Hortfund dar.

Die Schwedenschanze bei Horst bei Pritzwalk (800 v. Ztr.)

Zur Zeit der vielen Hügelgräber rund um das Königsgrab von Seddin (Wiki) gab es nun also auch sieben Kilometer östlich derselben, flußaufwärts des Elbe-Nebenflusses Dömnitz und von diesem umschlungen eine bronzezeitliche Befestigungsanlage mit Zangentor (Abb. 7).

Diese Wallanlage an der Dömnitz umfaßte 3,5 Hektar und kann deshalb - rein von der Fläche her - mit Troja durchaus verglichen werden. Jedenfalls: Daß ein Ort geschichtliche "Größe" hat und behält, muß nicht unbedingt nur an meßbaren Daten liegen. 


Das größte Grab an den Wickolt'schen Tannen hatte einen Durchmesser von etwa 40 Meter (Minute 8:40). Außerdem befand sich hier das Grab Wickholt I mit schwerem Bronzeschmuck. Ein "Macht- und Reichtumszentrum". 

/ Ergänzung 30.11.2025 / Über die Ausgrabungen des Jahres 2025 zur Erforschung der großen Siedlung nahe des Königsgrabes von Seddin heißt es (Herder11/2025):

Erste Vergleiche zeigen, daß es sich um Keramik handelt, die in den Regionen im Nordharz, dann aber auch im südlichen Brandenburg und in Sachsen anzutreffen ist. Die Verzierungen liefern dabei auch Hinweise auf die Alterseinordnung. Die Keramik ist ins 11. und 10. Jh. einzuordnen und liegt damit vor der Aufschüttung des Grabhügels des „Königs Hinz“. Die Menge an Keramik läßt einen „Import“ weitgehend ausschließen und deutet auf die Herstellung in der Prignitz hin.

Das wäre ein allzu deutlicher Hinweis, daß in der Schlacht an der Tollense um 1250 v. Ztr. nicht nur Krieger aus dem heutigen Sachsen teilgenommen hatten (wie schon bekannt ist).

Abb. 9: Die bronzezeitliche Wallanlage im Dömnitzbogen bei Pritzwalk, zwischen den Dörfern Horst und Neudorf

Vielmehr hätten wir dann einen Hinweis dafür, daß sich Menschen der Lausitzer Kultur bis an das Königsgrab von Seddin im nördlichen Brandenburg ausgebreitet haben.

Die spätbronzezeitlichen Burgen in Mecklenburg (1200 v. Ztr.)

Vom nördlichen Ausläufer der Urnenfelderkultur, der Lausitzer Kultur zwischen Saale, Brandenburg und Oder, breitete sich nach 1200 v. Ztr. der Burgenbau also bis nach Mecklenburg in das Gebiet des "Nordischen Kreises" hinaus aus. Dabei entstanden Höhenburgen mit einem Umriß von bis zu 20 Hektar, so nämlich eine solche Höhenburg in Rothemühl (Wiki), 40 Kilometer südlich von Anklam und Usedom, 60 Kilometer westlich von Stettin (7):

Bei den meisten der hier behandelten, bronzezeitlich einzuordnenden Anlagen handelt es sich um Höhenburgen. Eine erhöhte Lage auf Geländespornen ist typisch für Burgwälle der diskutierten Zeitstellung, sowohl im Lausitzer Kerngebiet als auch im Verbreitungsgebiet des Nordischen Kreises in Mecklenburg-Vorpommern, und bietet gute Voraussetzungen für Schutz und Verteidigung. Im Allgemeinen besitzen die Höhenburgen an den Seiten steile Abhänge, die allein bereits einen guten Schutz darstellen (Beispiele für Mecklenburg-Vorpommern: Basedow, Fahrenwalde, Kratzeburg, Willershusen). Die Wallführung und die Grundform der Anlagen hängen besonders bei Höhenburgen stark vom vorgegebenen Gelände ab. Die Erhebung kann von mehreren Niederungen oder Sümpfen umgeben sein, so daß der Zugang zur Wehranlage und somit zum Siedlungsplatz durch das Umland noch zusätzlich erschwert wird (zum Beispiel: Kratzeburg, Schlemmin, Willershusen).

Der letztere Umstand gilt insbesondere auch für die Schwedenschanze bei Horst. Viele der Burgen weisen - wie die der Lausitzer Kultur - Brandhorizonte auf, die auf das Ende oder eine vorübergehende Zerstörung der Großsiedlung verweisen können. 

Schatzfund in Pommern (800 v. Ztr.)

In einem Dorf bei Baldenburg in Pommern (Wiki), siebzig Kilometer südlich von Stolp wurde 2021 von Metalldetektoren ein Schatzfund gemacht, der auf 875 bis 750 v. Ztr. datiert wird (26):

Mit über 120 Metallobjekten, enthalten in einem großen ... Bronzekessel von Typ Gevelinghausen-Veio-Seddin, gehört der Hortfund zu den eindrucksvollsten archäologischen Entdeckungen in Polen. 
With over 120 metal objects contained within a large, sheet-bronze vessel of the Gevelinghausen–Veio–Seddin type (...), the hoard ranks among the most impressive archaeological discoveries from Poland. The most spectacular finds within the Kaliska assemblage are: three Nordic cast vessels of the Hängebecken type (...); four collars made from sickle-shaped rings (Sichelplattenhalskragen) (...), one of which features representations of orants and a sun barge (Vogel–Sonnen–Barke) (Figure 3); six rings from crescent-shaped collars of Middle Pomeranian type; another collar, with sloping and longitudinal ribbing; 13 typologically diversified necklaces (including several Wendelringe and an imported closed necklace with ornamental oval plates); 43 bracelets, including seven kidney bracelets (Figure 4) (Sprockhoff Reference Sprockhoff1956: 188–92); five plate brooches (nordische Plattenfibeln) (Figure 5) (Gedl Reference Gedl2004: 42–60); three dress clasps of the Wierzchowo type and nine of the Radolinek type (Gedl Reference Gedl2004: 162–167); and five phalerae (military buttons) (Sprockhoff Reference Sprockhoff1956: 263–69). The organic artefacts are also unique within this type of assemblage. 

Das dortige Dorf heißt Kaliska.

Ein befestigtes Dorf südlich von Bromberg (748-620 v. Ztr.)

Zu dieser Kultur gehört beispielsweise das befestigte Dorf Biskupin (748-620 v. Ztr.) (Wiki), 50 Kilometer südlich von Bromberg an der Weichsel und 77 Kilometer nordöstlich von Posen gelegen. Es wurde seit 1933 von polnischen, seit 1940 von deutschen und seit 1945 wieder von polnischen Archäologen erforscht (Wiki):

Das Dorf bot etwa 1000 Bewohnern zusammen mit Rindern, Schweinen und Kleinvieh Platz. Das Dorf lag auf einer 6900 m² großen Insel im Biskupiner See und war auf Pfählen im See gebaut, mit Zugang über eine einzige Brücke sowie durch Boote. Dem feuchten Untergrund ist die Erhaltung eines großen Teils der hölzernen Bauten zu verdanken. Hölzernes Buhnenwerk sowie ein umlaufender Holz-Erde-Ringwall, dem hölzerne Innenbauten Halt verliehen, umgaben die Insel. Eine einzige Torgasse durchschnitt den Ringwall. Ein mit Holz befestigter Damm verband die Insel mit dem Seeufer. Die Siedlung selbst bestand aus etwas über 100 in Blockhausbauweise errichteten Holzhäusern, die in 13 parallelen Zeilen angeordnet waren. Zwischen den Häuserzeilen verliefen mit Bohlen belegte Straßen. Die Häuser waren gleich groß (8 × 9 m). Jedes besaß an der Südseite einen Vorraum, dazu einen (oft in eine größere und eine kleinere Abteilung unterteilten) Hauptraum mit steinernem Herd. Das Siedlungsbild läßt einheitliche Planung erkennen.

Übrigens wird auch für Südengland die Zeit der häufigsten Verbreitung von Höhensiedlungen datiert auf die Spätbronzezeit, 1200 bis 700 v. Ztr.., viele von ihnen bestanden aber auch bis in die Römische Kaiserzeit (25).

Ende durch die Skythen?

(Ergänzung 23.3.24) Das Ende der Lausitzer Kultur könnte durch die Skythen herbei geführt worden sein. Sie könnten Träger der Billendorfer Kultur (7. und 6. Jhdt. v. Ztr.) (Wiki) gewesen sein, die im Weichsel- und Oderraum verbreitet war und sich bis an die Mittlere Elbe erstreckte. Ihr wird auch der skythisch anmutende "Goldschatz von Vettersfelde" (Wiki) zugesprochen. Vettersfelde liegt 45 Kilometer nordöstlich von Cottbus auf der rechten Seite der Neiße. Der Landgraben Werdawa mündet in die Neiße, zehn Kilometer vor seiner Mündung (s. (MapcartaKomoot).  

Die Billendorfer Kultur war der südöstliche Nachbar der nördlicher siedelnden Germanenstämme. Durch diese Kultur - so möchten wir als Spekulation anheim stellen - könnten die Germanen erstmals in Berührung gekommen sein mit dem östlichen Odin-Glauben. (Ergänzung Ende)

Nachbemerkung

/ Einfügung 30.11.25 / Im Gegensatz zu den Annahmen in der Einleitung dieses Beitrages haben wir in der Zwischenzeit hier auf dem Blog noch manche Mentalitäts-Unterschiede zusammen getragen zwischen den antiken Griechen und "Hesperien", also den Völkern des heidnischen Abendlandes in der keltischen und in der germanischen Herkunftsgruppe. Zum Beispiel hat sich schon G. E. Lessing Gedanken gemacht darüber, daß "Schmerz" im leidenschaftlichen, antiken Griechenland einen anderen Ausdruck gefunden hat als auch noch zu seiner eigenen Zeit unter den "kühlen" Nordeuropäern (Stg2025).

Abb. 10: Hephaistos übergibt die von ihm geschaffenen Waffen an Thetis, die sie dem Achill übergeben wird, auf daß dieser damit seinen Freund Patroklos rächen könne (Wiki) - Griechische Vasenmalerei um 490 v. Ztr.

Insbesondere aber auch mit Friedrich Hölderlin kann darüber nachgedacht werden, daß die antiken Griechen zwar das "Paradebeispiel" einer indogermanischen Kultur heraus gebildet haben, daß sie dies aber womöglich aus ganz anderen, auch angeborenen mentalitätsmäßigen Voraussetzungen heraus getan haben als das in anderen Teilen der indogermanischen Völkerwelt geschehen sein könnte (Stg2023 und Folgeartikel in der Reihe "Hesperien" (Stgen). Denn die antiken Griechen haben nur acht Prozent Steppengenetik in sich getragen, waren also im alltäglichen Phänotyp noch deutlich "mediterraner" als das die heutigen Griechen sind, deren Anteil Steppgengenetik sich durch die frühmittelalterliche slawische Zuwanderung erhöht hat. 

Aber wenn es Homerische Heroengräber von Skandinavien bis nach Griechenland gegeben hat, dann könnte anhand dieses Umstandes womöglich auch noch einmal erneut an den zeitgleichen kulturellen Einfluß der Urnenfelderkultur sowohl in Skandinavien wie in Griechenland nachgedacht werden, bzw. diese als einen wesentlichen Hinweis auf diesen Einfluß erachtet werden.

Insgesamt wird man sich also doch die keltischen und germanischen Stämme des letzten Jahrtausends vor der Zeitrechnung gerne auch noch eine Spur "nüchterner" vorstellen können als das im vorliegenden Beitrag voraus gesetzt ist, sagen wir eben einfach "keltischer". 

Anhang 1: Cäsars Bericht über die keltischen Stämme in Britannien

Aber bevor wir das tun, mag es sinnvoll sein, sich an das zu erinnern, was Julius Cäsar aus dem Jahr 54 v. Ztr. über die keltischen Stämme in Britannien berichtet. Als er mit seinen Legionen dorthin nämlich ein zweites mal übersetzte, um die dortigen Stämme zu unterwerfen, hatten diese sich unter der Leitung des Königs Cassivelanus darauf vorbereitet. Sie hatten zum Beispiel die Themse-Furt mit hölzernen Spießen bewehrt. Dennoch unterwarf Cäsar einen Stamm nach dem anderen. Dies fiel ihm um so leichter, als sie untereinander große Uneinigkeit aufwiesen und zuvor in einem fast regelmäßigen Krieg miteinander gestanden hatten. Die Unterworfenen verrieten ihm schließlich die Zuflucht des Cassivelanus. Darüber berichtet Cäsar in "Der Gallische Krieg":

"Von ihnen erfuhr ich, daß nicht weit davon der durch Wälder und Sümpfe geschützte feste Platz des Cassivelanus liege, in den Menschen und Vieh in beträchtlicher Menge gekommen seien. Einen festen Platz aber nennen die Britannier schon eine unzugängliche Waldstelle, die sie mit Wall und Graben sichern. Dorthin pflegen sie dann zu fliehen, um einem feindlichen Einfall auszuweichen."
Diese Worte scheinen es einem zu erleichtern, jene noch heute völlig abgelegen im Wald liegenden bronzezeitlichen Wallanalgen historisch einzuordnen, die sich in der Nähe zum Beispiel des Königsgrabes von Seddin aus der Zeit um 800 v. Ztr. im nördlichen Brandenburg, in der Prignitz gefunden haben, nämlich die Schwedenschanze an der Dömnitz bei Horst, bzw. bei Pritzwalk (2-5). Cäsar berichtet weiter:
"Ich marschierte mit den Legionen dorthin, fand den von Natur und durch Menschenhand befestigten Platz und suchte ihn von zwei Seiten zu bestürmen. Die Feinde verzögerten zwar ein wenig unseren Angriff, konnten ihm aber nicht standhalten und flohen auf einer Seite vom Platz. Dort fand man eine große Menge Viehs. Viele Feinde wurden auf der Flucht ergriffen und niedergemacht."

Wenn also eine so unzugängliche Waldstelle, die mit Wall und Graben gesichert worden war, die letzte Zuflucht eines Königs der Britannier bilden konnte, warum dann nicht auch die letzte Zuflucht jenes Königs, der im Königsgrab von Seddin begraben liegt? 

Denn auffallenderweise lebten diese britannische Stämme, die zum Teil vom heutigen Belgien aus die Themse aufwärts gesiedelt hatten, noch zu Cäsars Zeiten in vieler Hinsicht so wie man in Kontinental- und Südeuropa 800 Jahre zuvor gelebt hatte. So kämpften sie zum Beispiel noch mit Streitwagen. Cassivelanus benutzte diese Streitwagen nämlich für seine Guerilla-Taktik, um den Römern beim ausschwärmenden Requierieren von Getreide und Vieh Schaden zuzufügen. Cassivelanus mußte sich schließlich dennoch unterwerfen. 

Um 800 v. Ztr. fuhren solche Streitwagen aber auch durch das heutige Brandenburg, durch das heutige Sachsen, durch das Weichselland, durch Schlesien, Böhmen, an der Donau - eigentlich überall in Europa und im Mittelmeer-Raum.

Im südlichen England hat man die Örtlichkeiten vieler sogenannter "Oppida" dieser Zeitstellung erforscht. Und es haben sich auch mehrere Wallanlagen nördlich des heutigen London gefunden, die für den Ort des hier erwähnten befestigten Platzes des Cassivelanus infrage kämen. Dies gilt insbesondere für "Devil's Dyke" nahe dem Dorf Wheathampstead (Wiki). Aber gesichert ist diese Vermutung bis heute nicht. Ob sich solche Wallanlagen nicht auch mit Hilfe eiserner Nägel römischer Marschstiefel und ähnlicher Dinge sollten nachweisen lassen - so wie das in Deutschland inzwischen nicht selten gelungen ist?

/ Ergänzung 1.3.26 / Die große Ära der Streitwagen hatte um 2.200 v. Ztr. in Europa, im Vorderen Orient und in Asien begonnen (Stg2021) (Wiki).

Abb. 11: Streitwagen der Eisen-, bzw. Bronzezeit - Bronzemodell aus Göchebi (Dedoplistsqaro), Georgien, erste Hälfte des 1. Jahrtausends v. Ztr., Sighnaghi-Museum, Georgien (Wiki)

Jeder Gedanke auch an die europäische Bronzezeit wird sofort viel anschaulicher, wenn man sich klar macht, daß zu dieser Zeit sowohl Rinderwagen - für den Transport - wie Streitwagen - für die Kriegsführung - verwendet worden sind. Und daß die Geschwindigkeit dieser Fortbewegungsmittel den Alltag ebenso wie die Kriegsführung bestimmte. Im Grunde macht es Sinn, an den Anfang jeden Blogartikels über die europäische Bronzezeit das Bild eines solchen Streitwagens zu stellen (Abb. 1). Denn sofort taucht ein ganz anderes Bild der bronzezeitlichen Gesellschaften vor dem inneren Auge auf.

***

In Brandenburger "Blättern für Heimatpflege" des 1925 einmal ein "Märkerlied" abgedruckt worden, das ein Lehrer Karl Neye aus Potsdam gedichtet hat, und an dessen erste Strophe man denken muß, wenn man es zu tun hat mit "... einer unzugänglichen Waldstelle, die mit Wall und Graben gesichert ist":

Hinter kampfgeschwärzten Mauern
blitzen Schwerter, Spieß und Schild;
faustgeballt im Röhricht kauern
Bauernhorden rauh und wild,
daß ihr Fluch ins Raubnest fege,
Sturmgebrüll der trutz'gen Schar:
Hie gut Brandenburg allewege!
Hie gut Brandenburg immerdar!

Erster Strophe eines "Märkerliedes", gedichtet und in Ton gesetzt von dem Lehrer Karl Neye, Potsdam, veröffentlicht in "Blätter für Heimatpflege, herausgegeben vom Lehrer- und Lehrerinnenverein Brandenburg (Havel) e.V., 3. Jahrgang, Nr. 5, Weihnachten 1925 (Schriftleitung Lehrer Erich Krebs).

Anhang 2: Der Archäologe Fritz Horst - Ein Wegbereiter

Der Belziger Archäologe Dr. Fritz Horst (1936-1990)  hat sich um die archäologische Erforschung der Bronzezeit des Landes Brandenburg zwischen Oder und Elbe sehr verdient gemacht. In dem Nachruf auf ihn heißt es (15):

Nach langer und schwerer Krankheit ist Dr. phil. Fritz Horst, Mitarbeiter ... am 8.4.1990 im Alter von 54 Jahren verstorben. Die nationale und internationale Ur- und Frühgeschichtsforschung hat einen aktiven Kollegen verloren, dessen Name vor allem mit der Erforschung der Bronzezeit verbunden bleiben wird. Fritz Horst wurde am 3.3.1936 in Belzig geboren; dort ging er auch zur Schule und beendete diese 1954 mit dem Abitur. ...

Der Titel seiner Doktorarbeit lautete 1966 "Die jüngere Bronzezeit im Havelgebiet". Für diese hatte er 1960 auch den Weilickenberg bei Boltenmühle bei Neuruppin erforscht (siehe oben) wie auch die bedeutende frühbronzezeitliche Siedlung direkt unter dem mittelalterlichen Dorfkern des heutigen Dorfes Kirchmöser. Wir lesen in diesem Zusammenhang über Fritz Horst (Geue):

Eine umfassendere Bearbeitung des Fundgutes der Jüngeren Bronzezeit erfolge erst 1966 mit der Dissertation von Fritz Horst an der Humboldt Universität Berlin. In dieser Arbeit  beschäftigte er sich mit den damals bekannte Burgwällen, Siedlungen und Gräberfeldern in dem Gebiet zwischen Elbe und Spree. Er unterstrich die Bedeutung der Keramik als Fundgattung  und versuchte diese typologisch und  chronologisch einzuordnen. Neben der Keramik untersuchte er aber auch die Metall-, Holz- und Steinerzeugnisse dieser Zeit. Am Ende gliederte er die Jüngere Bronzezeit in zwei Stufen, die er jeweils in einen älteren und einen jüngeren Horizont einteilte. Aufgrund von Fundkonzentrationen machte er am Ende seiner Arbeit dann Vorschläge zu einer möglichen Gruppeneinteilung für das Gebiet zwischen Altmark und Spree, wobei er sich hauptsächlich auf die von ihm definierte Elbe-Havel-Gruppe konzentrierte. (...) Bis zu seinem Tod im Jahre 1990 verfaßte er noch weitere Artikel, die sich hauptsächlich mit der Altmark und dem Havelgebiet  befaßten. Dabei untersucht er z. B. die von Ernst  Sprockhoff schon herausgestellte tiefgerillte Keramik, sowie die Frage nach einem Fernhandelszentrum bei Brandenburg in der Jüngeren Bronzezeit.

Anhang 3: Beispiel Kirchmöser bei Brandenburg

Interessanterweise fand sich bei einer kleineren Grabung im Jahr 2006 im Zusammenhang mit dem Bau einer Wasserleitung im Dorf Kirchmöser eine ähnliche spätbronzezeitliche Reihe von Steinpackungen, resp. Feuergruben wie jene entlang des spätbronzezeitlichen Königsgrabes von Seddin.

Abb. 10: Spätbronzezeitlichen Siedlungsfunde unter dem alten Dorfkern des Dorfes Kirchmöser bei Brandenburg (aus: Torsten Geue, Abb. 1)

Und zwar handelt es sich in Kirchmöser um (mindestens) acht Gruben direkt unter dem Straßenbett der Rathausstraße, und zwar in dieser auf halbem Weg zwischen der Ecke Friedhofstraße und der Ecke Gränertstraße) (Grabungs-Fläche II). Da sich hier noch keine Siedlungsfunde fanden, scheine sie sich noch vor der Ortschaft befunden zu haben, an ihrem westlichen Rand. Diese Art von Steinpackungs-/Feuergruben-Reihen haben ein charakteristisches Verbreitungsgebiet in Europa. Nach einer Arbeit von Jens-Peter Schmidt (Torsten Geue, S. 10f) ...

... liegen die meisten Fundplätze im nördlichen Deutschland, aber vor allem im dänischen und skandinavischen Raum konnte er eine Vielzahl neuer Plätze nachweisen und so das Bild  verdichten. Neben diesem Hauptschwerpunkt in der Verbreitung weist Fritz Horst auch auf einige Fundplätze weiter südlich in Hessen und östlich in Polen hin. Durch die höhere Anzahl an zur Verfügung stehenden Plätzen konnte Schmidt auch die zeitliche Einordnung der Gruben mit mehr absoluten Daten hinterlegen, als es Horst tun konnte. Diese Daten wurden mit Hilfe der 14C-Methode gewonnen und sie zeigen, daß die Brenn-/Feuergruben in etwa ab 950 v. Chr. in größerer Anzahl auftauchen und um 540 v. Chr. wieder fast verschwinden. Danach sind sie noch vereinzelt bis ins slawische Mittelalter nachweisbar anzutreffen. Zusammenfassend kann man sagen, daß die Hauptzeit ihres Auftretens in der jüngeren und jüngsten Bronzezeit liegt. Innerhalb dieser Zeit konnte Schmidt auch nachweisen, daß es zwei verschiedene Phasen für die Anordnung der Gruben gab. Die erste Phase liegt  ca. zwischen 950 und 750 v. Chr., und dort sind die Gruben meist linear in einer oder mehreren Reihen angeordnet. In der zweiten Phase zwischen 800 und 540 v. Chr. treten die Gruben dann meist ungeregelt ohne ein erkennbares Schema auf. Zwischen den beiden Phasen gibt es eine deutliche Überschneidung, die man durch unterschiedliche Laufzeiten in den einzelnen Fundplätzen erklären kann. Wenn man sich die Lage der Brenn-/ Feuergruben zu den Siedlungen betrachtet, stellten  sowohl  Horst  als  auch  Schmidt  fest, daß sie meist außerhalb des besiedelten Bereiches lagen. Vor  allem  die  Gruben aus der ersten Phase liegen meist, wie schon angesprochen, entlang einer bestimmten Höhenlinie zwischen einem Gewässer und  der jeweiligen Siedlung. Ihre Lage wird meist auch mit einer möglichen Deutung ihrer Funktion in Verbindung gebracht. Seit dem überregionalen Bekanntwerden dieser Gruben in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde von verschiedenen Forschern die Hypothese vertreten, daß es sich um „Kultfeuerstellen“ oder „Opferplätze“ gehandelt hat. Diese sollen im Zusammenhang mit  bronzezeitlichen  Riten stehen, die außerhalb der Siedlung stattfanden. Vor allem die Anordnung in Reihen mit einem regelmäßigen Abstand zwischen  den  Gruben wird als Hinweis in diese Richtung gesehen.

Für das spätbronze- und früheisenzeitliche Kirchmöser wird zusammenfassuend festgestellt (Geue, S. 19):

Das gefundene Gefäßspektrum verweist auf enge Kontakte in den Bereich der Lausitzer  Kultur,  sowie  Verbindungen in die Saalemündungsgruppe und eventuell nach  Südwestdeutschland. Die gefundenen Brenn-/ Feuergruben lassen auch auf Verbindungen in den Bereich des nordischen Kreises schließen. Diese Beziehungen sowohl nach Norden als auch nach Süden lassen sich durch die Lage Kirchmösers am Randbereich der Lausitzer Kultur und des nordischen Kreises erklären. Fritz Horst ordnet diesen Raum aufgrund der Metalltypen, der Stein- und Knochengeräte und der Grabformen formal noch dem nordischen Kreis zu, aber er sagt auch, daß die Keramik sehr stark aus dem Süden beeinflußt ist.

Abb. 11: Reihenförmig angeordnete Steinpackungen/Feuergruben in Kirchmöser (sie ähneln denen am Königsgrab von Seddin, ihnen wird kultische Bedeutung zugesprochen) (aus Geue)

Als Anhang noch ein kleiner Einblick in die Spätzeit der "Weltgeschichte des Streitwagens".

Anhang 4: Die Spätgeschichte des Streitwagens

Nach 700 v. Ztr. kommen nämlich Streitwagen im Allgemeinen außer Gebrauch. Auch für die Nordische Bronzezeit sind Streitwagen - über Felszeichnungen - nachgewiesen (Wiki):

Es gibt zahlreiche Felszeichnungen der Nordischen Bronzezeit, die Streitwagen darstellen.
Original: There are numerous petroglyphs from the Nordic Bronze Age that depict chariots. One petroglyph, drawn on a stone slab in a double burial from c. 1000 BC, depicts a biga with two four-spoked wheels.

Für die anderen, südlicheren, östlicheren und westlicheren Regionen sind sie oft in Form von Wagengräbern (Wiki) nachgewiesen (wobei zu beachten ist, was auf Wikipedia noch nicht zur Darstellung gekommen ist, daß die Bestattungssitte der Rinderwagen-Gräber, verbreitet bis hoch nach Dänemark durch Trichterbecher- und Kugelamphorenkultur, der Bestattungssitte der Pferde-gezogenen Streitwagen voraus gegangen ist). Über die Darstellung der Pferde-gezogenen Streitwagen in der "Ilias" ist zu erfahren (Wiki):

In der Ilias werden Streitwagen vielerorts erwähnt; nach neuesten Forschungen stellt die im Epos dargestellte Gefechtstechnik der Streitwagen das Endstadium des Streitwageneinsatzes im Kampf dar. Er kann nicht mehr im Angriff in geschlossenen Verbänden eingesetzt werden, findet aber in Phasen hochbeweglicher Kampfführung noch ein eingeschränktes Einsatzspektrum, das auffallende Parallelen zur Gefechtstechnik und Taktik heutiger Kampffahrzeuge aufweist. Im Lelantinischen Krieg (710-650 v. Ztr.) wurde der Streitwagen bereits durch die Kavallerie im Kampfeinsatz verdrängt. Der Streitwagen wurde also in der Ägäis von der mykenischen Epoche bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. als Kampffahrzeug eingesetzt.

Die "Ilias" hält also eine Kampfform in schriftlicher Form fest, die schon kurze Zeit nach der Niederschrift der Ilias - zumindest in der Ägäis - außer Gebrauch gekommen ist. Belege dafür, daß die germanischen Stämme der Römischen Kaiserzeit Streitwagen benutzt haben, finden sich bislang nicht. Womöglich war die Benutzung dieser Streitwagen auch schon in früheren Jahrhunderten bei den Germanen nicht ganz so häufig wie bei Kelten, Griechen oder Römern. Wir erfahren vielmehr (Wiki):

Im Gegensatz zu ihren westlichen, keltischen Nachbarn ist die Benutzung des Streitwagens von den frühen Germanen nicht aufgegriffen worden.
Original: Unlike their western Celtic neighbors, the use of chariots was not picked up by the early Germans.

Die Germanen Skandinaviens und Norddeutschlands scheinen also wie die Griechen die Benutzung des Streitwagens spätestens ab dem 8. Jahrhundert v. Ztr. aufgegeben zu haben. Bis August 2017 hat sich auch auf dem Schlachtfeld an der Tollense um 1300 v. Ztr. die Benutzung von Streitwagen nicht nachweisen lassen (9):

Die Muskelansätze an den Knochen einiger Kämpfer lassen darauf schließen, daß sie viel geritten sind. Die Pferde aus dem Tollensetal könnten also die bislang ältesten bekannten Reitpferde in Mecklenburg-Vorpommern sein. (...) Südlich der Alpen wurden Pferde in der Bronzezeit vor zweirädrige Streitwagen gespannt eine wichtige Neuerung der Kriegstechnik. Für den Konflikt im Tollensetal fehlen Hinweise auf Streitwagen.

Die Kelten haben Streitwagen allerdings noch bis 100 v. Ztr. benutzt.

Abb. 12: Das über Jahrhunderte von den Einheimischen verehrte Wagengrab von Ferrybridge, Großbritannien, angelegt um 300 v. Ztr. (GreatNorthRoad) (Wiki)

Über ihre "Esseda" genannten Streitwagen ist zu erfahren (Wiki):

Die keltischen Esseda waren die letzten in Schlachten eingesetzten Streitwagen. Auf dem europäischen Festland wurden sie zwischen 700 und 100 v. Ztr. genutzt, in Britannien und Irland sogar bis 200 n. Ztr.

Selbst Pferde sollen die Germanen der Römischen Kaiserzeit nur wenige gehabt haben wie der Historiker Todd nach Tacitus berichtet (Wiki). 

Die berühmte Hallstatt-Kultur (Wiki) im Alpenraum, die zeitgleich zu den Homerischen Heroengräbern von Seddin bis in die Ägäis um 800 v. Ztr. bestanden hat, kennt noch recht häufig Streitwagen-Gräber.

/ Ergänzt um Ausführungen 
zu (10-20): 18/19.8.21 /

_______________________________________

  1. Bading, Ingo: Die mächtigen Völkerburgen Mitteleuropas 1200 bis 30 v. Ztr. - Einige stichprobenartige Einblicke in die Geschichte der Kelten, März 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/die-machtigen-volkerburgen.html
  2. L. K.: Schwedenschanze - befestigte Anlage am unteren Lauf der Dömnitz - Besiedelt seit über 3.000 Jahren. http://www.landkreis-prignitz.de/de/zu-gast-im-landkreis/tourismus/zao/zao_schwedenschanze.php
  3. Koenigsgrab Seddin Ein Monument der Bronzezeit 2, 2019, https://youtu.be/2p8XlppYoVQ. [Ausgrabungen in den Wickolt'schen Tannen bei Seddin, ab Minute 8:05; Schwedenschanze bei Horst, ab Minute 10:20-12:19] 
  4. Archäologie in Brandenburg, 2020, 2021, https://vimeo.com/563831666
  5. Bading, Ingo: Im Troja der Prignitz, 1.8.2019, https://youtu.be/Qn6m-1Bk5zQ.
  6. Funde in Eichwerder auf 1200 Stücke angewachsen (MOZ 2017)
  7. Dräger, Jana: Jungbronze- und früheisenzeitliche Burgwälle in Mecklenburg-Vorpommern. 2011, https://www.academia.edu/32264883/Jungbronze-_und_fr%C3%BCheisenzeitliche_Burgw%C3%A4lle_in_Mecklenburg-Vorpommern. (kürzere Fassung der Magisterarbeit, siehe folgende Literaturangabe)
  8. Dräger, Jana: Bronzezeitliche Burgen in Mecklenburg-Vorpommern. Forschungsstand und Perspektiven. Magisterarbeit, Universität Greifswald (Lehrstuhl Professor Terberger) 2011,  https://www.academia.edu/32410459/Bronzezeitliche_Burgen_in_Mecklenburg-Vorpommern_Magisterarbeit.
  9. Henning Lipski, Beatrix Schmidt: Blutiges Gold. Macht und Gewalt in der Bronzezeit. Begleitheft zur Sonderausstellung des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern. Schwerin, Stand: August 2017 (Docplayer
  10. Dräger, Jana: Hinter hohen Wällen ... Spätbronzezeitliche Burgen als Folge gesellschaftlicher Umbrüche in Nordostdeutschland? 80. Tagung des Nordwestdeutschen Verbandes für Altertumsforschung Hansestadt Lübeck, September 2013 DOI: 10.13140/RG.2.2.24770 (Researchgate)
  11. Bogusław Gediga: Einige Bemerkungen über das Problem der ‚Lausitzer‘ Doppelburgen in Polen. In: Ines Beilke-Voigt, Oliver Nakoinz (Hrsg.): Enge Nachbarn. Doppel- und Mehrfachburgen in der Bronzezeit und im Mittelalter, mittelalterliche Doppelstädte. Berlin Studies of the Ancient Word 47, 2017 (pdf)
  12. Oliver Nakoinz, Jutta Kneisel, Ines Beilke-Voigt, Jana Dräger: Befestigungen der Bronze- und Eisenzeit zwischen Marburg und Uppsala. In: Ines Beilke-Voigt, Oliver Nakoinz (Hrsg.): Enge Nachbarn. Doppel- und Mehrfachburgen in der Bronzezeit und im Mittelalter, mittelalterliche Doppelstädte. Berlin Studies of the Ancient Word 47, 2017 (Researchgate)
  13. Fritz Horst: Ausgrabungen auf dem jungbronzezeitlichen Burgwall von Gühlen-Glienicke (Boltenmühle), Kr. Neuruppin, 1960, Ausgrabungen und Funde, Band 6, 1961, S. 125-133
  14. Dietrich Zühlke u.a.: Ruppiner Land. Ergebnisse der heimatkundlichen Bestandsaufnahme in den Gebieten von Zühlen, Dierberg, Neuruppin und Lindow. Band 37 von "Werte unserer Heimat". Akademie-Verlag, Berlin 1981 (GB)
  15. Fritz Horst zum Gedenken. In: Ethnographisch-archäologische Zeitschrift, 1990, S. 548 (GB
  16. Geue, Torsten: Die jungbronzezeitliche  Siedlung bei Kirchmöser, Stadt Brandenburg. Bachelorarbeit. (Zweitgutachter Wolfram Schier) 2010 (Bericht von einer Grabung aus dem Jahr 2006) (pdf
  17. Raschke, Georg: Schwedenschanze und Kapellenberg von Breslau-Oswitz. Ein Führer zu den urgeschichtlichen Burgen und Fundstellen. Filser-Verlag, Augsburg, 1929 
  18. Hermann Uhtenwoldt: Die Burgverfassung in der Vorgeschichte und Geschichte Schlesiens. Priebatsch, Breslau 1938
  19. Nösselt, Friedrich: Breslau und dessen Umgebungen - Beschreibung alles Wissenswürdigsten für Einheimische und Fremde. Breslau 1825 (GB)
  20. Büsching, Johann Gustav Gottlieb: Der Heilige Berg und dessen Umgebungen in Oswitz. Breslau 1824, https://fbc.pionier.net.pl/details/nnxqxwd
  21. Mehner, Andreas: Die jüngere Bronzezeit zwischen Finowtal und Angermünder Eisrandlage. In: R. Bräunig; A. Mehner: Studien zum Siedlungswesen der Jungbronzezeit und der Älteren Römischen Kaiserzeit in Brandenburg. Studien zur Archäologie Europas 9 (Bonn 2008), 9-129 [Forschungsstand von 2002] (Academia).
  22. A.  Gleinig  -  H.  Gebhardt, Vermessung ortsfester Bodendenkmale am Beispiel der Schanzenburg im Biosphärenreservat Schorfheide/Chorin. Diplomarbeit TFH Berlin, FB III (Berlin 2005) (Yumpu)
  23. https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/festung-des-deutschordens-entdeckt/ 
  24. https://scienceinpoland.pap.pl/en/news/news%2C88888%2Cteutonic-era-castle-built-site-prehistoric-settlement-say-archaeologists.html
  25. Lorrae Campbell: The Origins of British Hillforts: A  comparative study of Late Bronze  Age hillfort origins in the Atlantic  West. Diss. University of Liverpool, February 2021 (pdf)  
  26. Kaczmarek, M., Krzysiak, A., Kowalski, Ł, Niedzielski, P., Sych, D., Grześkowiak, M., . . . Szczurek, G. (2022). Kaliska I: A Late Bronze Age metal hoard from Pomerania (Poland). Antiquity, 96(390), 1612-1620. doi:10.15184/aqy.2022.119 (Cambridge)
  27. Archäologie Brandenburg 2021, https://vimeo.com/bldam/review/678302830/036c7514f3.
  28. Riesige Ausdehnung der bronzezeitliche Siedlung beim „Königsgrab“ von Seddin durch neue Häuserfunde verdeutlicht. 24.11.2025 (BrandbgsLandesarch2025, Herder2025)

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