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Mittwoch, 20. Mai 2020

An das Leben in einer - einheitlichen - Rasse angepaßt: Der Mensch

Gesichter anderer Rassen werden vom Gehirn nicht als individuelle Gesichter verarbeitet

Dieser Umstand wird aufgezeigt durch aktuelle Studien im Bereich der Hirnforschungen (1, 2): Das Gehirn strengt sich von sich aus an, Menschen (Gesichter) der eigenen Rasse individuell zu erkennen. Sieht es ein Gesicht aus der eigenen Rasse ein zweites mal, aktiviert es nur noch Hirnareale zur "Wiedererkennung", nicht mehr zur erstmaligen Neuerkennung eines individuellen Gesichtes.

Abb. 1: Menschliche Gesichter unterschiedlicher Rassen: Hausa man from Northern Nigeria ; man of Asian descent; Yali tribesman in the Baliem Valley; shaman in the Amazon rainforest; Icelander; San man (Wiki)

Anders ist es, wenn das Gehirn Menschen einer anderen Rasse sieht. Es ordnet die Gesichter derselben dann von vornherein unter "Wiedererkennung" ein - nämlich eben dieser Rasse. Und es bemüht sich - von sich aus - erst einmal nicht weiter um individuelle Unterscheidungen (nämlich ob es sich um das Gesicht dieses oder jenes Menschen innerhalb einer anderen Rasse handelt).

Ein wenig auffällig ist, daß in einem deutschsprachigen Artikel über diese Forschungen anstelle des Begriffes "Rasse" - wie in der Originalstudie - der Begriff "Ethnie" verwendet wird. Diese Begriffsverwendung ist aber ganz klar so unscharf, daß man sich wundert, daß das so gemacht wird. Denn in der Studie geht es ja eben nicht um Menschen unterschiedliche Ethnien, die einer einzigen Rasse angehören (zum Beispiel um Tschechen, Franzosen und Deutsche), sondern um Menschen unterschiedlicher Rassen.

Es dürfte sehr unwahrscheinlich sein, daß das Gehirn auf der Ebene sehr subtilen Gesichtsunterschiede zwischen Ethnien ebenso arbeitet wie auf der Ebene der Gesichtsunterscheidungen zwischen Rassen, die ja auf sehr grober Ebene stattfinden können.

Aber "Neusprech" ist offenbar der Redaktion von "Spektrum der Wissenschaft" so wichtig, daß dies offenbar auch gerne einmal auf Kosten der wissenschaftlichen Korrektheit geschehen kann.

Die Tatsache, daß Altruismus (Hilfsbereitschaft) und sozialer Zusammenhalt in multikulturellen Wohnumfeldern geringer ausgeprägt ist als in einheitlichen kulturellen Wohnumfeldern ist ja von Seiten der Soziologie schon gut erforscht worden (etwa von Seiten Robert Putnam, dargestellt in seinem Buch "Bowling alone"). Mit diesen neuen Studien gibt es einige - von vielen denkbaren - neue Daten zur evolutionären Erklärung dieser Sachverhalte.

Damit gibt es weitere Hinwiese dafür, daß Menschen und Gehirne im allgemeinen mit einem Zusammenleben unterschiedlicher Rassen innerhalb derselben Gesellschaft mehr gefordert sind als in Gesellschaften, in denen die Menschen alle derselben Rasse angehören. Und das Gehirn ist darauf ausgelegt, es sich möglichst "einfach" und "sparsam" zu machen im sozialen Zusammenleben.
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  1. Human face-selective cortex does not distinguish between members of a racial outgroup Niv Reggev, Kirstan Brodie, Mina Cikara, Jason P. Mitchell eNeuro 18 May 2020, ENEURO.0431-19.2020; DOI: 10.1523/ENEURO.0431-19.2020, https://www.eneuro.org/content/early/2020/05/18/ENEURO.0431-19.2020
  2. Janosch Deeg: Gesichter unterscheiden: Dem Gehirn erscheinen fremde Ethnien "bekannter", 19.05.2020, https://www.spektrum.de/news/dem-gehirn-erscheinen-fremde-ethnien-bekannter/1735892

Freitag, 9. Februar 2018

Meine DNA-Verwandten

Neue Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeiten 
- Und der Aufruf: "Sequenziert Eure Gene! Der Preis kann kein Hinderungsgrund mehr sein."

Aus der Reihe "Meine Gene", Teil 4

Soeben ist eine interessante neue Studie veröffentlicht worden (1), die aus dem berühmten isländischen Genomprojekt "deCODE genetics" (Wiki), begründet von Kári Stefánsson (geb. 1949) (Wiki), hervorgegangen ist. Dieses haben wir hier auf dem Blog schon häufiger behandelt, weil es sich bei ihm seit mehr als zehn Jahren zumindest rein wissenschaftlich um das wichtigste Genomprojekt auf der Erde handeln dürfte.

Und diese neue Studie nun (1) ermutigt mich dazu, meine eigenen neuesten Erfahrungen mit Gensequenzierung und Stammbaumforschung der letzten Wochen zu referieren. Denn wir alle können jetzt bald Forschungen wie "deCODE genetics" machen. Bei meinen eigenen Forschungen ist mir nämlich genau dasselbe gerade erst bewußt geworden, was nun mit dieser neuen Studie so schön aufgezeigt wird. Nämlich daß man mit genügend Daten von genetischen Verwandten in der Gegenwart das Genom eines Vorfahren, der vor über hundert Jahren gelebt hat, rekonstruieren kann! Ich finde das sehr begeisternd. In uns selbst können wir "Archäologie" betreiben und brauchen nur die Puzzelteile, die ein jeweiliger Vorfahre in Form von Genabschnitten in uns hinterlassen hat, mit den Puzzelteilen zusammen setzen, die ein anderer entfernter genetischer Verwandter von diesem Vorfahren vererbt bekommen hat. Ich zeige unten wie leicht das ist.

Und genau das tut auch diese neue isländische Studie (1). Und sie wirft darum Licht auf die Möglichkeiten, die in dem isländischen Genomprojekt beschlossen liegen, und darauf, daß uns allen dieselben Möglichkeiten offen stehen, um so mehr Menschen ihre Gene sequenzieren lassen und die gewonnenen Daten mit anderen teilen, und um so mehr sie das auch mit Familien-Stammbaumforschung verbinden. Also um so mehr wir alle das gleiche machen, was das isländische Genomprojekt tut. Ich hoffe, daß es dafür bald Open Source-Internetseiten gibt. (Denn zum Beispiel auf "My Heritage" muß man zum dafür nötigen vollständigen gegenseitigen Vergleichen von Stammbäumen und Genomen etwa 100 Euro jährlich zahlen. Das muß doch mit Open Source-Programmen viel kostengünstiger möglich sein.)

Jedenfalls im folgenden mein Aufsatz wie er von mir schon geschrieben war, bevor ich gerade die neue isländische Studie (1) entdeckte. Auch mein bisheriger Entwurf war schon mit Erkenntnissen aus einer spannenden Studie eingeleitet worden, die aus dem isländischen Genomprojekt schon vor zehn Jahren, 2008, hervorgegangen war (2), und die ich schon damals hier auf dem Blog behandelt hatte (3).

Abb. 1: Beispiel von meiner Profilseite auf MyHeritage. Hier werden gemeinsame Chromosomen-Abschnitte aufgezeigt, die ich mit einem meiner DNA-Verwandten (Andreas T.) teile. Zugleich erfahre ich, daß wir beide den Familiennamen Bading unter unseren Vorfahren haben und unserer beider Vorfahren aus Dörfern aus dem Umland der Stadt Brandenburg an der Havel stammen. (Mehr Erläuterungen im Text)

Nach einer isländischen Studie aus dem Jahr 2008 (2) hatten auf Island über die Jahrhunderte hinweg Ehen zwischen Cousins und Cousinen dritten und vierten Grades mit einem Verwandtschaftgrad (r) zwischen 0.0625 und 0.0039, also mit 6,25 % bis 0,39 % gemeinsamen Genen, die höchste Nachkommenzahl. Man kann also davon ausgehen, daß dieser Verwandtschaftsgrad zwischen Ehepartnern nicht der ungünstigste sein wird. Die Ehepartner auf Island, die diese Ehen eingegangen sind, haben in der Regel von dieser ihrer Verwandtschaft aufgrund von Herkunft und gemeinsamen Genen gar nichts gewußt, sie haben sich also un-, bzw. unterbewußt gegenseitig nach diesem Verwandtschaftsgrad ausgesucht.

Besitzt man nun dieses Vorwissen und hat man seine Gene sequenzieren lassen, kann man sich auf den jeweiligen Internetseiten (zum Beispiel "23andme", "MyHeritage") die dort angezeigten "DNA-Verwandten" ("DNA-Relatives"), "DNA-Matches" genauer anschauen. Das hatte ich bisher noch nie gemacht, da ich mir den durch (2) aufgezeigten Zusammenhang noch nicht genügend bewußt gemacht hatte, bzw. nicht gemerkt hatte, daß die Angabe von 6 % gemeinsamer Gene ja einem solchen Verwandtschaftsgrad entspricht! "DNA-Verwandte", bzw. "DNA-Matches" sind auf diesen Internetseiten Menschen, die beim jeweiligen Sequenzierungs-Anbieter ebenfalls ihre Gene haben sequenzieren lassen, und von denen einem nun aufgrund rein statistischer Auswertung angezeigt wird, wie viele Gene man mit ihnen gemeinsam hat. 

Ich finde dort zunächst - oh Wunder - daß ich mit meiner eigenen Mutter 47,7 % meiner Gene teile. Das ist natürlich meine nächste DNA-Verwandte, die sich ihre Gene in den letzten Monaten hat sequenzieren lassen. (Aber man frage mich jetzt bitte nicht, warum nicht genau 50 %.) Außerdem finde ich, daß schon zwei meiner Vettern ebenfalls ihre Gene hatten sequenzieren lassen und mir als solche Vettern 1. Grades dort angezeigt werden.

Aber die nächstnahe Verwandtschaft über diese engeren Verwandten hinaus ist ja nun - wie an der isländischen Studie von 2008 (2) abzulesen - auch interessant. Und nicht nur hinsichtlich von Heiratsmarkt ....

1. Fall: Rodd E.

Auf 23andme wird mir diesbezüglich nun zunächst ein Mensch angezeigt mit Namen "Rodd E.", mit dem ich 0,97 % meiner Gene teile, also fast 1 %. Das entspricht einem Verwandtschaftsgrad r von grob 0,01. Und das ist ja nicht wenig. Man kann es erstaunlich finden, daß sich unter den vielen Kunden dieser Firma - vor allem in den USA - einigermaßen willkürlich (?) eine so hohe genetische Verwandtschaft mit mir hier in Deutschland findet. Dieser Verwandtschaftsgrad fällt jedenfalls bestens in den Bereich evolutionär günstiger Heiratspartner für mich. Wir teilen aber weder die mütterliche mitochondriale noch die väterliche Y-chromosomale Haplogruppe. Ich schrieb ihm:

It is interesting that we have a share of nearly 1 % of DNA in common. Do you like to talk about that? May be it would be interesting to know something about your forebears. I am from Germany.

Es wird angezeigt (ähnlich wie in Abb. 1), daß wir gemeinsame Genabschnitte haben auf den Chromosomen 8, 11, 12, 13 und 17. Und wenn man allmählich mitbekommt, aufgrund welcher Zusammenhänge solche Gemeinsamkeiten zustande kommen können (siehe nächster Fall), muß ich ja fast annehmen, daß wir gemeinsame Vorfahren haben. Aber welche? Leider hat er mir noch nicht geantwortet.

Ergänzung 2.10.2019: Indem ich mir die Beta-Version des neu eingeführten "Family Tree" auf 23andme" ansehe, wird mir gerade schlagartig klar, wie auch die Verwandtschaft mit Rodd zustande kommt, nämlich ähnlich wie im folgenden Fall mit Sylvia. Wir stammen alle von Geschwistern ab, deren Eltern die Eheleute Morley und Locker aus Leeds waren. Sylvia stammt von Alice Morley ab (geboren 1858), ich von ihrer Schwester Mary (geboren 1864) und Rodd und seine inzwischen hinzugekommene Schwester Tanya G. stammen von einer weiteren Schwester oder einem weiteren Bruder dieser Schwestern ab (St.gen.).

2. Fall: Sylvia I. aus Ontario, Kanada

Bei der nächsten angezeigten DNA-Verwandten habe ich das inzwischen schon klären können, da sie dankenswerter Weise gleich geantwortet hat. Es ist dies die etwa 80-jährige Sylvia I. aus Ontario in Kanada. Ich sah sie schon seit über einem Jahr als DNA-Verwandte auf 23andme angezeigt. Aber wie gesagt, war mir bisher gar nicht klar, welche Bedeutungen man diesem Umstand zusprechen kann. Sie gab an, daß ihre Vorfahren aus Großbritannien stammen, daß es aber auch Verbindungen mit Deutschland gab. Sie hat auch ihren Stammbaum verfügbar gemacht. Das wird - wie etwa auf Facebook - freigeschaltet für jene, für die sie es freischalten möchte, deshalb denke ich, daß ich hier auch den Link dazu einstellen kann (MyHeritage). 

Als Länder, in denen ihre Vorfahren gelebt haben, nannte sie schon auf ihrem 23andme-Profil England, Schottland und Irland. Unter den Familiennamen, die sie schon dort als jene benannte, , die in ihrem Stammbaum vorkommen, finden sich lauter britische, die mir ansonsten unbekannt sind. Aber ich entdecke einen Familiennamen, den wir in unseren Stammbäumen gemeinsam haben. Und zwar ist dies der Familienname Morley. Mütterlicherseits stamme ich zurück in der Mitte des 19. Jahrhunderts nämlich unter anderem ab von einer Engländerin namens Morley, die auf Neuseeland geboren wurde und als junges Mädchen nach Deutschland gekommen war und dort einen Deutschen mit Familiennamen von Samson-Himmelstjerna geheiratet hatte. Es war dies der Leibarzt des Fürsten Pleß in Pleß in Oberschlesien. Dort ist noch meine eigene Großmutter 1910 geboren worden (weil ihre Mutter sich von ihrem Vater hatte entbinden lassen). Von dieser Morley-Vorfahrin habe ich und haben alle meine Verwandten über die mütterliche Seite auch unsere Mitochondrien! Zum Glück hat einer meiner Onkel den Stammbaum schon seit Jahren sehr intensiv bearbeitet (MyHeritage), wo ich dann feststellen kann: Sylvia I. und ich stammen beide von dem jungen Ehepaar Morley-Locker aus Leeds in England ab, dem 1858 in Sneulou Mautra, Neuseeland die älteste Tochter Alice geboren wurde. Diese heiratete später einen Hadgkinson. Und von diesen beiden stammt Sylvia I. ab. Hadgkinson war im auswärtigen diplomatischen Dienst in Deutschland tätig, deshalb ist einer seiner Söhne in Deutschland geboren worden. 1864 wurde dem genannten jungen Ehepaar in Otahuhu, Auckland auf Neuseeland eine zweite Tochter geboren. Und bei ihr handelt es sich um meine Vorfahrin Mary Morley, spätere verheiratete von Samson Himmelstjerna, die Urgroßmutter meiner Mutter. Ich schrieb deshalb an meine neu entdeckte Verwandte Sylvia in Kanada:

It is interesting to know that we share 0,68 % of our genes. I am from Germany, but my mothers great-grandmother has been a woman from England with family name Morley. Her father has been William Henry Morley (1834-1917), born in Leeds, died in Quito, Ecuador. He had a lot of children (10) together with Elizabeth Morley, born Locker. His eldest daughter was Alice Hadgkinson (geb. Morley), born in Sneulou Mautra, New Zealand 1858. Maybe this is one of your great-grandmothers? It would be interesting to exchange some thoughts about that. 

Und Sylvia I. hat wie gesagt sehr schnell und außerordentlich interessiert geantwortet. Sie berichtet noch von einigen Details ihrer eigenen Familiengeschichte, die sie zwischenzeitlich herausbekommen hatte über ihren Urgroßvater Hadgkinson, den britischen Diplomaten in Deutschland. Und sie erzählt, daß man sich in ihrer Familie einer entfernten deutschen Verwandtschaft bewußt gewesen ist. Nun, vielleicht kann man sich künftig einmal gegenseitig besuchen. Aber nun halte man sich einmal fest, was man alles herausbekommen kann, wenn man sich einigermaßen sicher ist, daß man gemeinsame Vorfahren hat. Unsere gemeinsamen Gene liegen nämlich auf Chromosom 16 und 17. Und das ist die Erkenntnis, die mir bei dieser Gelegenheit zum ersten bewußt wird: Man kann also sagen, daß unsere gemeinsamen Vorfahren, die Eheleute Morley/Locker (der Ehemann war britischer Forschungsreisender) auch diese Gene auf Chromosom 16 und 17 hatten. Jetzt müßte man nur noch schauen, welche Gene das sind und man wüßte schon wieder einiges mehr auch über diese Vorfahren. Und man merkt dabei: Um so mehr Menschen mitmachen würden bei diesen DNA-Tests, um so mehr könnte man auch über die Gene ganz entfernter Vorfahren heraus bekommen! Ist das nicht verrückt?!

3. Fall: Andreas T. aus Deutschland

Die nächste auf 23andme angezeigte DNA-Verwandte wäre zur Zeit eine Abigail A. (vermutlich aus den USA), mit der ich 0,44 % gemeinsame Gene habe. Ich habe sie angeschrieben aber noch keine Antwort erhalten. Auf MyHeritage ist es dann weiterhin ein Andreas T. aus Deutschland, mit dem ich 0,4 % der Gene teile (Abb. 1). Ihm habe ich geschrieben anhand jener Daten, die auf MyHeritage für DNA-Verwandte zur Verfügung gestellt sind, wenn jemand dort auch schon seinen Stammbaum eingestellt hat (wie es hier der Fall ist):

Hallo Herr T.,
alle Ihrer acht Urgroßeltern wurden in der Stadt Brandenburg an der Havel geboren oder ihrem näheren Umfeld. Ihre Großmutter war eine Martha Helene Bading (1893-1960), geboren in Kade bei Genthin. Ich selbst (geb. 1966) stamme aus einer Familie Bading in Bahnitz an der Havel, 18 Kilometer nördlich von Kade. Fast all meine Vorfahren väterlicherseits stammen aus den Dörfern grob zwischen Bahnitz und Zollchow im Elb-Havel-Winkel. 
Und nun teilen wir außerdem 0,4 % unserer Gene auf unseren Chromosomen 2, 8 und 12. Ob man heraus bekommen kann, worauf diese Gemeinsamkeit beruht?
Mein Vater war Ahnen- und Ortsfamilienbuch-Forscher, der auch mit anderen Familienforschern der Region in Kontakt stand. Und mir klingt in den Ohren als ob die Familiennamen Giese und Kabelitz, die in Ihrem Stammbaum vorkommen, ihm keine Unbekannten waren. In Bensdorf und Kirchmöser haben wir auch Vorfahren (vor allem Familienname Parey).
Es wäre nun interessant zu erfahren, ob unsere genetischen Gemeinsamkeiten erklärt werden können aufgrund direkt nachweisbarer Verwandtschaft oder einfach aufgrund des Herstammens aus derselben Region, in der es auf dem Lande vermutlich über Jahrhunderte hinweg wenig genetischen Zufluß von außen gegeben hat, wodurch es viele Heiraten zwischen weit entfernten Verwandten gegeben haben könnte, wodurch sich dann bei uns so viele gemeinsame Chromosomen-Abschnitte "angereichert" haben können.
Ich bin jedenfalls gerade überrascht und fasziniert von den Möglichkeiten der Gensequenzierung und ihrer Kombination mit Stammbaum-Forschung. Auch über den mütterlichen Stammbaum (in Österreich) habe ich da in den letzten Tagen schon interessante Entdeckungen gemacht. Da stellte sich ein gemeinsamer Genanteil von 0,4 % als Folge direkter genetischer Verwandtschaft heraus.

Weitere Erkenntnisse konnten im Austausch mit diesem "DNA-Verwandten" bisher nicht gewonnen werden. 

4. Fall: Die Familie Sengespeick aus Rathenow

/ Einfügung 13.6.2025: / Neuerdings findet sich ein DNA-Verwandter mit dem im Elb-Havel-Winkel bekannten Familiennamen Sengespeick, der in Rathenow geboren wurde, dessen Großvater aus Milow stammte und mit einer Frau verheiratet war, die eine geborene Giese war. Mit ihm teile ich sogar 0,6 % meiner Gene. Aber auch hier läßt sich vorerst keine direkte genetische Verwandtschaft heraus bekommen.*) /

/ Einfügung 25.11.25: MyHeritage klärt die Zusammenhänge nun. Es schlägt mir dazu entsprechend einer neuen "Theory of Family Relativity" und anhand diverser Stammbäume, die von Nutzern eingestellt wurden, den folgenden Verwandtschafts-Zusammenhang vor mit dem Familiennamen Sengespeick:

Demnach stamme ich über meine Oma Johanna Bleis aus Zollchow von einem Mühlenbesitzer Parey in Bützer ab, von dem auch der Herr Sengespeick aus Rathenow abstammt. Meine Oma hatte über ihre Großmutter, die geborene Parey, noch einiges berichtet (s. Pr2017). Im Sommer dieses Jahres hatte ich mit einer Tochter des Herrn Sengespeick über MyHertiage Verbindung und wir konnten die Verwandtschaftsverbindung nicht finden. Jetzt ist sie offenbar da. Wenn das so weiter geht, können wir bald die Familienverwandtschaften im Elb-Havel-Winkel ähnlich dicht aufklären wie das heute wohl schon auf Island möglich ist!! / Ende Einfügung 2025 /

Da etwa die Hälfte der angezeigten DNA-Verwandten auch Fotos von sich hoch geladen haben, kann man übrigens auch desweiteren mit einigem Erstaunen feststellen, daß 0,3 % gemeinsame Gene doch auch einen sehr unterschiedlichen Phänotyp mit sich bringen kann. Ich als Mensch vorwiegend nordeuropäischer Herkunft finde unter ihnen zum Beispiel auch eine sehr mediterran aussehende Frau aus Portugal, die - nach MyHeritage - 0,3 % ihrer Gene mit mir teilt. Da darf man gespannt sein auf die weiteren Erfahrungen, die man bezüglich solcher Dinge noch mit seinen DNA-Verwandten machen kann.

Ein neuer Heiratsmarkt? - Nutzen für die Partnerwahl

Alle diese Zusammenhänge werden zur Zeit noch nicht unter "Genetic Matchmaking" (Wiki, engl.) behandelt, auch offenbar nicht von Firmen, die DNA-Tests zur Partnerfindung anbieten (soweit das zumindest meine bisherige Recherche ergibt). Aber wenn erst einmal viele Menschen ihre Gene sequenziert haben werden und wenn sie ihre Daten auf Open-Source-Internetseiten geteilt haben werden, wird man gerne unter ihnen auch nach Heiratspartnern suchen können. ;) Jedenfalls habe ich damit wieder einmal mich sehr faszinierende Möglichkeiten der "Consumer Genetics" entdeckt, sprich der modernen "Mitmach-Genetik". Es gab übrigens schon mehrere frühere Beiträge hier auf dem Blog zur Auseinandersetzung mit meinem persönlichen Genom-Daten (siehe: "Meine Gene" Teil 1Teil 2 und Teil 3).

Abschließend ein Aufruf 

Als Schlußfolgerung dieser Ausführungen habe ich heute auch noch eine Rundmail an alle mir persönlich bekannten Menschen geschrieben. Womöglich macht es Sinn, ihre wesentlichsten Inhalte auch noch einmal hier einzustellen:

Btr.: Liebe Leute, laßt Eure Gene sequenzieren, insbesondere die älteren und ältesten unter Euch!
Bitte entschuldige es jeder, wenn er unaufgefordert diese Email bekommt. Ich hoffe, daß Ihr derselben trotzdem etwas entnehmen könnt, das für Euch interessant ist. Ich selbst habe meine Gene vor einem Jahr bei der Firma 23andme für 150 Euro sequenzieren lassen, die Gene drei weiterer enger Familienmitglieder habe ich in den letzten Wochen für je 70 Euro bei MyHeritage.com sequenzieren lassen. Ich glaube, bei solchen Preisen muß nun niemand mehr warten mit der Gensequenzierung, daß sie noch günstiger wird.
Auf dem Internetblog "TheDNAGeek" wird auch ganz aktuell ein Überblick gegeben über den gegenwärtigen Preiswettkampf zwischen den wichtigsten Firmen diesbezüglich (TheDNAGeek, 8.2.2018). Wie man dort sehen kann, liegt man also mit MyHeritage nicht schlecht. Außerdem ist bei MyHeritage auch gleich die Stammbaum-Forschung möglich (bei 23andme nicht). Und außerdem kann man die Rohdaten auf Promethase oder dem deutschen OpenSNP (Bastian Greshake) hochladen und hat dann auch den dazugehörigen Gesundheitsreport. Alles Dinge, die inzwischen leicht und routiniert zu machen sind. (Ach, übrigens, für diese Werbung werde ich nicht bezahlt. Trotzdem könnten sich MyHeritage oder 23andme gerne dafür erkenntlich zeigen! :-) )
Um so mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, um so mehr versteht man, daß um so mehr mitmachen, wir alle auch um so mehr herausbekommen, nicht nur über uns selbst, sondern auch über unsere Vorfahren. Und zusätzlich kann die Gensequenzierung einem auch die besten Heiratspartner liefern (s.o.). Und ich glaube, wenn man sich mit diesen "DNA-Verwandten" beschäftigt und mit ihnen in Austausch kommt, was über 23andme und MyHeritage nun außerordentlich erleichtert ist, kann man auch sonst viel über Genetik und Verhaltensgenetik von einzelnen Menschen, Familien und größeren Bevölkerungen lernen.
Ich hoffe, daß es für solche hervorragenden Internetseiten wie MyHeritage bald Open-Source-Angebote gibt. Denn es wird immer deutlicher: Um so mehr mitmachen, um so mehr haben alle etwas davon, um so mehr kann jeder einzelne lernen.
Insbesondere möchte ich die älteren Menschen unter den Empfängern bitten, möglichst bald Eure Gene sequenzieren zu lassen. Eure Kinder und Nachkommen - oder die Kinder von Euren genetischen Verwandten - also wir alle - werden es Euch danken. In späteren Zeiten wird einmal jemand Euer - möglichst gut ausgefülltes - Profil auf MyHeritage oder 23andme finden und Dinge über Euch herausbekommen, die ihr SELBST noch nicht wußtet. (Weil die Forschung dann mehr über Eure Gene weiß als sie es heute weiß.)
Die jüngeren unter Euch sollten ihre Eltern und älteren Verwandten bitten und auffordern und ihnen helfen dabei, ihre Gene sequenzieren zu lassen. Vermutlich werdet Ihr oder Eure Nachkommen oder die Nachkommen Eurer Verwandten es später bereuen, wenn es nicht rechtzeitig geschehen ist.
Unsere Gene sind neben dem kulturellen Erbe, das wir an unsere Kinder weiter geben, der größte Schatz, den wir haben. Wir sollten ihn mehr ehren als das bislang geschehen ist und auch geschehen konnte.
Noch eine Zusatzbemerkung für Menschen, in deren Familien nachweisbar Hochbegabungen vorgekommen sind. Bei ihnen könnte es noch einmal doppelt so viel Sinn machen, ihre Gene sequenzieren zu lassen. Vielleicht wollen wir ja gerade über solche Hochbegabungen besonders viel lernen. Ich glaube jedenfalls, daß es einer Gesellschaft gut täte, über solche Hochbegabungen mehr zu lernen.
Das glaubte auch schon der Bruder von Charles Darwin, Francis Galton, als er sein berühmtes Buch "Hereditary Genius" schrieb, das ins Deutsche von einem Sozialdemokraten übersetzt wurde schon in der Zeit vor 1914. Und das glaubte auch die Ehefrau von Erich Honecker, als sie den Intelligenzforscher Volkmar Weiß mit Hochbegabtenforschung und der Erforschung der Vererbung von Hochbegabungen beauftragte (da es in der DDR aufgrund der Fluchtbewegungen in den Westen insbesondere an Hochbegabungen fehlte). Ich vermute, daß Volkmar Weiß diesen Ausführungen aus vollstem Herzen zustimmen wird. Er leitet ja das Zentralregister der Ortsfamilienbücher in Leipzig, das auch die Erforschung von Familienstammbäumen erleichtern soll.
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*) Dieser Umstand veranlaßte mich zunächst zu der Vermutung, die in diesem Fall dann gar nicht zutraf: Vielleicht haben also die Menschen auf den Dörfern des Elb-Havel-Winkels tatsächlich auch einfach nur Jahrhunderte lang untereinander geheiratet, weshalb sich bestimmte ähnliche Gene unter ihnen angereichert haben, ohne daß es direktere genetische Verwandtschaft gegeben haben muß (?). 
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  1. Anuradha Jagadeesan, Ellen D. Gunnarsdóttir, S. Sunna Ebenesersdóttir, Valdis B. Guðmundsdóttir, Elisabet Linda Thordardottir et al.: Reconstructing an African haploid genome from the 18th century. Nature Genetics, 50/2018, 15. Januar 2018, pp199-205, doi:10.1038/s41588-017-0031-6, https://www.nature.com/articles/s41588-017-0031-6. https://www.researchgate.net/publication/322507343_Reconstructing_an_African_haploid_genome_from_the_18th_century
  2. Helgason A, Pálsson S, Guðbjartsson DF, Stefánsson K, Kristjánsson T (2008) An association between the kinship and fertility of human couples. Science 319(5864):813-816
  3. Bading, Ingo: Genetische Verwandtschaft - ein wichtiger Faktor auch auf Gruppenebene? Studium generale, 30. August 2008, http://studgendeutsch.blogspot.de/2008/08/genetische-verwandtschaft-ein-wichtiger.html

Mittwoch, 10. September 2008

Regionale genetische Verwandtschaft in vorindustriellen Gesellschaften

Von über 1.000 Menschen, deren vier Großeltern aus derselben geographischen Region (innerhalb Europas) stammen, kann aufgrund der Zusammenschau von etwa 500.000 ihrer genetischen Marker in ihrem Genom ihr geographischer Herkunftsort auf 300 bis 700 Kilometer im Umkreis eingegrenzt werden. (1) (Die Ergebnisse dieser jüngst veröffentlichten "Nature"-Studie von John Novembre und Mitarbeitern gingen auch breit durch die Wissenschafts-Berichterstattung der Tageszeitungen [Ggl].) (Siehe auch Abbildung aus der Studie - durch Draufklicken vergrößern!)

Damit hat die Genom-Forschung eine "Auflösung" und "Tiefenschärfe" erreicht, die diejenige der traditionellen (vor allem Physischen) Anthropologie anfängt zu übertreffen. Vom bloßen physischen Erscheinungsbild her kann selbst bei wissenschaftlicher Beurteilung eines Gerichtsgutachters ein solcher Genauigkeitsgrad nicht erreicht werden. In der Schweiz können mit dieser Zusammenschau von 500.000 genetischen Markern - laut Studie - sogar die Gruppe der deutschsprachigen von der der franzöisch- und italienisch-sprachigen Schweizer unterschieden werden. Ebenso in Italien - offenbar - jene Italiener, die aus Sardinien und Korsika stammen. Ebenso andere regionale, kulturelle und geographische Unterschiede in Europa.

Es ist ja klar, daß mit dieser Zusammenschau von 500.000 genetischen Markern (durchschnittliche) größere oder geringere genetische Verwandtschaft festgestellt werden kann. Und genetische Verwandtschaft stabilisiert bekanntlich altruistisches Verhalten in der Evolution und Humanevolution. Diese neue Studie nähert sich also aus anderer Richtung an etwa dasselbe Phänomen an, an das sich die isländischen Humangenetiker (um Agnar Helgason und Kari Stefansson) Anfang des Jahres aus der Richtung der Verwandten-Heiraten und ihres unterschiedlichen Reproduktionserfolges annäherten (s. Stud. gen.): Nämlich an das Phänomen genetischer Verwandtschaft zwischen Menschen, die in derselben geographischen Region leben und deshalb auch (mehr oder weniger "zwangsläufig") häufiger untereinander heiraten.

Genetische Verwandtschaft nimmt Einfluß auf altruistisches oder egoistisches Verhalten

Die Wissenschaftswelt ist überrascht, daß die Bevölkerung Europas offenbar trotz der vielen Wanderungsbewegungen in den letzten Jahrhunderten und Jahrtausenden aufgrund der doch recht stabilen, längerfristigen Seßhaftigkeit bäuerlicher Gesellschaften sich derart präzise genetisch - noch heute - strukturiert.

Eine weitere Fragestellung wäre jetzt, wie diese Verwandtschafts-Feststellung aufgrund der Genom-Analyse zusammen paßt mit - eher unbewußterer - Verwandtschafts-Feststellung durch Geruchswahrnehmung, die ja bei der Heiratspartner-Wahl eine nicht geringe Rolle spielt. Kann die Geruchswahrnehmung des Menschen Menschen unterscheiden (oder auch nur deren verschwitzte T-Shirts), deren vier Großeltern aus Wohnregionen stammen, die 300, 500, 1.000 Kilometer von der Wohnregion der eigenen vier Großeltern entfernt leben? Man könnte die Fähigkeit zu einer solchen (zumeist eher nur halbbewußten) Wahrnehmung, Unterscheidung irgendwo auf dieser Skala beginnend durchaus für wahrscheinlich halten. Ob darüber schon Erkenntnisse vorliegen, entzieht sich gegenwärtig der Kenntnis des Autors dieser Zeilen.

Mithilfe eines auf multipler Regression basierenden Zuordnungsverfahrens lassen sich 50 % der Personen innerhalb von 310 km und 90 % innerhalb von 700 km von ihrem angegebenen Herkunftsort einordnen. Populationsübergreifend befinden sich 50 % der Personen innerhalb von 540 km und 90 % innerhalb von 840 km von ihrem angegebenen Herkunftsort. Diese Zahlen schließen Personen mit gemischter Großeltern-Abstammung aus, die typischerweise Orten zwischen den aufgrund ihrer Großeltern-Abstammung erwarteten Orten zugeordnet werden.
Using a multiple-regression-based assignment approach, one can place 50% of individuals within 310 km of their reported origin and 90% within 700 km of their origin. Across all populations, 50% of individuals are placed within 540 km of their reported origin, and 90% of individuals within 840 km. These numbers exclude individuals who reported mixed grandparental ancestry, who are typically assigned to locations between those expected from their grandparental origins.

Man beachte, daß hier also im wesentlichen "autochthone" Bevölkerungen untersucht wurden. Das Genom des Autors dieser Zeilen hätte dazu nicht benutzt werden können, zwei Großeltern stammen zwar aus zwei Dörfern, die nur zehn Kilometer voneinander entfernt sind, der dritte Großelternteil stammt jedoch aus einer Region über 1.000 Kilometer entfernt von diesen und der vierte Großelternteil davon noch einmal um (mindestens) 500 Kilometer entfernt. (Vielleicht sollte man mal innerfamiliäre Geruchs-Forschung betreiben! ;-) ) Die in dieser Studie festgestellte genetische Strukturierung spiegelt also so ungefähr die vorindustrielle genetische Struktur Europas wieder, in der über 90 % der Bevölkerung auf dem Land lebten und bei Heiraten nicht weit herumkamen. Schon bei der bürgerlichen Bevölkerung der vorindustriellen Städte wird es anders sein.

Man merkt also, wie sich die Wissenschaft aus mehreren unterschiedlichen Richtungen annähert an die Frage, welche tatsächlichen durchschnittlichen genetischen Verwandtschafts-Verhältnisse auch noch in vorindustriellen Gesellschaften bei Menschen vorliegen und wie sich das auf ihr altruistisches, bzw. egoistisches Verhalten und auf ihre Fortpflanzung auswirkt. Hochgradig spannende Fragen. Es wird immer unplausibler zu vermuten, daß der Verwandten-Altruismus in vorindustriellen Gesellschaften marginal oder bedeutungslos geworden wäre. Zumal wenn man es zusammen mit der Tatsache sieht, daß die arbeitsteilige Strukturierung der Gesellschaft - aufgrund der Möglichkeit effizienterer Hilfeleistung - ihn seine Bedeutung beibehalten läßt, auch wenn der durchschnittliche Verwandtschaftsgrad zwischen Altruist und Nutznießer sinkt.

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ResearchBlogging.org

  1. John Novembre, Toby Johnson, Katarzyna Bryc, Zoltán Kutalik, Adam R. Boyko, Adam Auton, Amit Indap, Karen S. King, Sven Bergmann, Matthew R. Nelson, Matthew Stephens, Carlos D. Bustamante (2008). Genes mirror geography within Europe Nature DOI: 10.1038/nature07331

Samstag, 30. August 2008

Genetische Verwandtschaft - ein wichtiger Faktor auch auf Gruppenebene?

Verwandten-Altruismus ...

Die Mehrebenen-Selektion (multi-level-selection) ist heute in der Wissenschaft en vogue (s. etwa Zoon politikon, Natur des Glaubens). Oft dient sie aber derzeit nur dazu, mehr oder weniger abstrakt das alte Theorem von der Gruppenselektion wiederzubeleben, während eine echte Mehrebenen-Selektion implizieren würde, daß man sehr konkret das Zusammenspiel der Selektions-Ebenen charakterisieren und beschreiben müßte, nämlich der Ebene des Verwandten-Altruismus mit der Ebene, auf der die Mechanismen der Gruppenselektion zur Wirkung kommen. Erst dann darf man ja von "mehreren" Ebenen sprechen. Versuche, die über bloße Postulate hinausgehen, hat es dafür bisher nur wenige gegeben. Aber diese wenigen sind durchaus beachtenswert (2, 3).

Und diese wenigen werden, wenn man genau hinschaut, nun durch eine weitere neue Studie ergänzt und mit neuen empirischen Daten zu Mechanismen des Verwandten-Altruismus auch in modernen Gesellschaften unterfüttert. Eine ganz außerordentlich erstaunliche Studie ist nämlich am 8. Februar dieses Jahres in „Science“ erschienen. (1) Sie ist hervorgegangen aus der bekannten isländlischen Humangenetiker-Gruppe um Kari Stefansson und der von ihm gegründeten Firma DeCode, die die Stammbäume aller Isländer sehr umfassend aufgearbeitet hat und mit den modernsten Methoden humangenetischer Forschung abgleicht.

Abb. 1: Kinderreiche Familie in Zell am See, Sommer 1945 (Großeltern des Autors mit ihren sieben Kindern)

Es geht um die Fragestellung, an welche durchschnittliche, genetische Verwandtschaft zwischen Ehepartnern der Mensch aufgrund seiner genetischen Ausstattung, Programmierung oder aufgrund sozialpsychologischer Umstände in tausenden von Jahren am besten angepaßt gewesen ist und - deshalb - immer noch ist. Erstaunlicherweise kann darüber auch etwas gesagt werden anhand von statistischen Daten aus modernen Industriegesellschaften, zu denen ja die isländische heute gehört.

Nach diesen Daten ist es so, daß Ehepartner, die so eng genetisch miteinander verwandt sind wie Cousin und Cousine (Vettern und Basen) 2. Grades oder enger -, daß solche Ehepartner die meisten Kinder haben. Und zwar in Island sowohl um 1800 herum wie auch um 1960 herum, also unter ganz unterschiedlichen historischen, wirtschaftlichen Bedingungen. Dies ist schon einmal für sich ein erstaunliches Ergebnis. Ebenso erstaunlich ist, daß die Ehepartner um so weniger Kinder haben, um so entfernter sie genetisch miteinander verwandt sind. Es läßt sich in Bezug auf unterschiedlichen Fortpflanzungserfolg selbst noch beim Vergleich zwischen Vettern-Basen-Ehen 6. und 7. Grades in statistisch signifikanter Weise feststellen. (!) Es muß sich hier also um zum Teil ganz unbewußte Vorgänge, Zusammenhänge handeln.

Aber es wird noch einmal um so erstaunlicher, wenn man erfährt, daß nicht die Vettern-Basen-Ehen 2. Grades und weniger dann auch die meisten Enkelkinder haben. Ehepartner, die so eng miteinander genetisch verwandt sind wie Cousin und Cousine 3. oder 4. Grades haben zwar durchschnittlich etwas weniger Kinder als die erstgenannte Gruppe (und wiederum mehr als noch weniger genetisch miteinander verwandte Ehepartner!). Aber sie haben mehr Enkelkinder sowohl als die mehr genetisch miteinander verwandten als auch als die weniger genetisch miteinander verwandten Ehepartner.

Abb. 2: Familie mit 13 Kindern in Holtwick, 1948 (Fotograf Hans Lachmann) (Wiki)

Das ist ein außerordentlich erstaunliches Ergebnis, da es so „robust“ zu sein scheint, nämlich unbeeinflußt von der historischen Epoche, unbeeinflußt von der absoluten durchschnittlichen Kinderzahl der jeweiligen Epoche (die ja auch in Island rückläufig gewesen ist in den letzten 200 Jahren) und vielem anderen mehr.

Man könnte noch einige Vorbehalte haben. (Siehe gleich.) Wenn sich diese Ergebnisse aber trotz der Vorbehalte auch weiterhin bestätigen sollten, dann könnte man daraus die Vermutung ableiten, daß der Mensch in der Evolution zumindest seit dem Übergang zu Seßhaftigkeit und Ackerbau darauf anpaßt ist, in Gruppen zu leben und in diesen Heiratspartner zu wählen, deren durchschnittlicher genetischer Verwandtschaftsgrad etwa dem zwischen Cousin und Cousine 3. oder 4. Grades entspricht.

Agnar Helgason und Mitarbeiter gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie haben festgestellt, daß der durchschnittliche Verwandtschaftsgrad in isländischen Ehen in den letzten 200 Jahren um den Faktor 10 abgenommen hat. Ehepartner um 1800 waren durchschnittlich mit einem genetischen Verwandtschaftsgrad von 0,005 miteinander verwandt, um 1950 mit einem solchen von 0,0005. Der erste entspricht dem zwischen Cousins und Cousinen 3. und 4. Grades, der letztere dem zwischen Cousins und Cousinen (Vettern und Basen) 5. Grades.

Das beruht natürlich vor allem auf dem großen Bevölkerungswachstum der letzten 200 Jahre. Diese Ergebnisse legen sehr stark die Vermutung nahe, daß der Mensch - wie noch vor 200 Jahren in der wenig mobilen bäuerlichen Gesellschaft üblich - daran angepaßt ist, in Gruppen und Gesellschaften zu leben, deren durchschnittlicher genetischer Verwandtschaftsgrad bei 0,005 liegt. Denn da kommen die Ehepartner nicht nur so gut miteinander und mit der Umwelt aus, daß sie viele Kinder haben, sondern auch die Kinder dieser Ehepartner haben - aufgrund irgendwelcher verschlungener sozialpsychologischer Mechanismen etwa bei Heirats- und Berufswahl - selbst wieder mehr Kinder, als die Kinder von zu nah oder zu fern genetisch miteinander verwandten Menschen.

Es sei noch darauf hingewiesen, daß die niedrigere Enkelkinderzahl von Ehepartnern, die so eng wie Cousin und Cousine 2. Grades miteinander verwandt sind (oder enger), nicht daran liegt, daß deren Kinder selbst etwa schon sehr früh gestorben wären. Sie haben erstaunlicherweise selbst noch mehr Kinder, die das 30. Lebensjahr erreichen, als die weniger genetisch miteinander verwandten Ehepartner. Die Lebensdauer selbst scheint also bis zum 30. Lebensjahr zumindest nicht deutlich eingeschränkt zu sein bei Kindern nahe miteinander verwandter Ehepartner. (Wobei Geschwisterehen wohl – zumindest – nicht signifikant häufig gewesen sein werden.) Aber ihr eigener Heirats- und Fortpflanzungserfolg, der in traditionellen Gesellschaften mancherlei mit beruflicher Positionierung zu tun haben wird, scheint sonderbarerweise dennoch niedriger zu sein als der von etwas weniger nah miteinander verwandten.


Hier übrigens noch ein kleiner filmischer Eindruck vom Erstautor der angeführten Studie, Agnar Helgason

Es gibt noch mancherlei Einwände gegen diese Studie. Über diese kann man sich auch im Netz und auf Blogs informieren (bei John Hawks etwa, Dienekes, Steven Sailer und so vielen anderen). Viele von diesen Einwänden erledigen sich von selbst, wenn alle die, die über die Studie schreiben, sie zunächst einmal selbst richtig lesen würden.

(Was uns selbst noch nicht klar geworden ist, ist, ob in den Zahlen auch von 1960 nicht doch noch ein Stadt-Land-Unterschied verborgen sein könnte, nämlich daß man auf dem Land näher genetisch miteinander verwandt ist bei Heiraten und zugleich mehr Kinder hat. Ich traue aber den isländischen Genetikern zu, daß sie das auch selbst entdeckt hätten, wenn es zu entdecken gewesen wäre. Übrigens waren die Zusammenhänge aus anderen, vor allem islamischen Kulturen schon länger bekannt, man konnte aber bei den Studien, die in diesen Kulturen unternommen worden waren, viele beeinflussende Faktoren nicht so gut ausschließen wie bei der isländischen. Es handelt sich also wahrscheinlich nicht nur um ein "isländisches", sondern um ein weltweites Phänomen, zumindest soweit seßhafte, bäuerliche, menschliche Gesellschaften betroffen sind.)

... auf Gruppenebene

In zwei jüngeren Studien von Samuel Bowles nun, die Konzepte von Verwandten- und Gruppenselektion sehr konkret miteinander in Beziehung setzen bezüglich Humanevolution (2, 3) (siehe auch „Natur des Glaubens“ mit Kommentaren), hat dieser durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad innerhalb von Jäger-Sammler-Gruppen ebenfalls eine große Rolle gespielt. In verschiedenen Ethnien kann dieser offenbar sehr unterschiedlich sein. Aber nach Bowles liegt er durchschnittlich etwas unter dem Verwandtschaftsgrad zwischen Cousin und Cousine 1. Grades. Nach Bowles Berechnungen bei 0,102. (!) Viele Wissenschaftler - Robert Boyd etwa - zeigten sich erstaunt, daß er dort tatsächlich so hoch ist, sie hatten das nicht erwartet (und deshalb bislang der bloß kulturellen Gruppenselektion den Vorzug gegeben).

Da wäre ja nun interessant, ob die gleichen Gesetzmäßigkeiten bei der ehelichen Fruchtbarkeit abgeglichen nach Verwandtschaftsgrad, die für Island gelten, auch in diesen Jäger-Sammler-Gruppen gelten. Aber bei diesen werden die Zusammenhänge und Dispositionen doch deutlich anders liegen.

Man könnte also ganz grob sagen, daß sich beim Sprung von Jäger-Sammler-Gesellschaften zu Bauerngesellschaften ebenso wie beim Sprung von Bauerngesellschaften zu Industriegesellschaften der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad nicht nur in Ehen, sondern auch in Gesellschaften jeweils zunächst um den Faktor 10 verringert hat.

Wenn man diese Faustregel gelten läßt, müßte jeweils eine altruistische berufliche Spezialisierung, um von den gleichen elementaren verwandtenaltruistischen Motivationen und psychologischen Mechanismen getragen zu sein wie der alltägliche Altruismus in egalitären Jäger-Sammler-Gruppen oder bei den vergleichsweise (!) „egalitären“ bäuerlichen Gesellschaften mit einer Effektivitätssteigerung in der Produktion und Bereitstellung von Nahrungsmitteln, Sachgütern und Dienstleistungen einhergehen, die ebenfalls in der Nähe des Faktors 10 liegt. Denn nach der Hamilton-Ungleichung r > K/N müssen die Kosten einer altruistischen Leistung um den Faktor 10 sinken, wenn der Verwandtschaftsgrad zum Nutznießer derselben um den Faktor 10 sinkt. (Oder der Nutzen muß um den Faktor 10 steigen.) (s. St. gen.)

Natürlich kann der Mensch zusätzlich noch das Prinzip Gegenseitigkeit in all diesen Sozialbeziehungen arbeitsteiliger Gesellschaften viel besser leben als alle Tiere, weil er weit in die Zukunft voraus und in die Vergangenheit zurück denken kann (auf seiner "inneren Bühne") und auch in der Regel viel genauer als Tiere rechnen kann (und mit Schriftlichkeit natürlich noch besser). (Siehe etwa 4) Aber es könnte dennoch so sein, daß ein Verwandten-Altruismus diese täuschungsanfälligen, evolutionär gesehen sehr "jungen" sozialen Gegenseitigkeits-Verhältnisse gegen die Instabilitäten, die ihnen aufgrund ihrer evolutionären "Jugend" innewohnen, stabilisiert, in "Schutz nimmt", bzw. ihre gesellschaftliche Stabilität erst ermöglicht. - Gerade für hedonistische Gesellschaften, die mitunter besonders anfällig für Selbsttäuschungen sein können, könnten diese Rationalitäten der letzte evolutionäre "Rettungsanker" sein.

Es sollte ja nicht besonders schwer sein, die genannte Effektivitäts-Steigerung in der Bereitstellung von altruistischen Leistungen um den Faktor 10 aufgrund von beruflicher Spezialisierung nachzuweisen. Natürlich sind, wenn man auf dieser Linie weiter denkt und forscht, noch viele andere Faktoren in Rechnung zu stellen. Aber schon diese einfachen Überlegungen sollten es plausibel erscheinen lassen, daß es insbesondere die strukturelle gesellschaftliche Arbeitsteilung gewesen sein könnte, die es ermöglichte, daß die archaischen verwandten-altruistischen Motivationen auch noch in größeren menschlichen Gruppen wirksam gewesen sind und möglicherweise sogar weiterhin wirksam sind, um die Schädlichkeit der Instabilitäts-Anfälligkeiten in reinen Gegenseitigkeits-altruistischen Sozialbeziehungen - und zumal in diesen ohne einen "Gott", einen "Diktator" oder ein "Polizeiregime" als "dritten Bestrafer" - auf ein Mindestmaß zu beschränken.

/ 30.8.2008 /
ResearchBlogging.org


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  1. Helgason, Agnar;  S. Palsson, D. F. Guthbjartsson, t. Kristjansson, K. Stefansson (2008): An Association Between the Kinship and Fertility of Human Couples. Science, 8. Februar 2008, Science, 319 (5864), 813-816 DOI: 10.1126/science.1150232,
  2. Bowles, Samuel: Group Competition, Reproductive Leveling, and the Evolution of Human Altruism. Science, 8 December 2006, 1569-1572
  3. Choi, Jung-Kyoo; Bowles, Samuel: The Coevolution of Parochial Altruism and War. Science, 26 October 2007, 636-640
  4. Stevens, Jeffrey R.; Marc D. Hauser: Why be nice? Psychological constraints on the evolution of cooperation. Trends in Cognitive Science. February 2004, 8(2), 60-5

Montag, 4. Februar 2008

Kinderlose sorgen stärker für Neffen und Nichten als Eltern von eigenen Kindern

Tolles neues Forschungsergebnis (New Scientist, Eharmony.com):

"Tante Nina und ihre Neffen und Nichten"
Kinderlose Ehepaare hatten im Jahr 1910 in den USA statistisch gesehen drei mal so viel Neffen und Nichten, die bei ihnen lebten, als Ehepaare mit Kindern. Die Forscher (Thomas Pollet und - wieder einmal - Robin Dunbar) sehen dies als Bestätigung dafür, daß die Rolle des (kinderlosen) "Helfers am Nest" (nahe verwandter Artgenossen), für die es bei den verschiedensten Tierarten schon die reichste Bestätigung gibt (z.B. bei Vögeln), auch noch beim Menschen wirksam ist.

Zwar könnte man Liebe zu nahe Verwandten zunächst einmal als etwas empfinden, das sehr wenig mit Kosten- und Nutzen-Denken zu tun hat. Auf bewußter Ebene des einzelnen Menschen wird das auch durchaus so sein. Nur unsere Gene "denken" darüber offenbar anders. Sie "flüstern uns" offenbar sozusagen zu, so zu handeln im Interesse des Fortbestandes derselben.

Heute sind diese Verhältnisse nicht mehr so stark ausgeprägt, aber im Jahr 2004 befragte kinderlose, verheiratete, belgische Frauen hatten viel mehr Telefon- und Email-Kontakt mit ihren Nichten und Neffen als verheiratete Frauen mit Kindern.

Ich glaube, heute ist man nicht mehr so leicht bereit, seine Kinder bei Onkeln oder Tanten aufwachsen zu lassen. Dabei wäre das eine Möglichkeit, mit ungewollter Kinderlosigkeit umzugehen, die hier auf dem Blog schon thematisiert worden war (Stud. gen.).

Dienstag, 20. November 2007

Hey, wie riechst denn DU? - Über Körpergeruch als Merkmal religiöser oder säkularer Gruppen und Epochen

Unterschiedliche Kulturen definieren Sauberkeit ganz unterschiedlich und mit dieser Definition sind auch z.T. ganz unterschiedliche positive und negative Geruchs-Erfahrungen beim Menschen verbunden. Wie wir inzwischen aus der Humangenetik wissen, hat es in den Geruchsgenen eine ganze Menge Evolution in den letzten 200.000 Jahren gegeben, so daß man vermuten kann, daß kulturell unterschiedliche Geruchspräferenzen auch genetische Ursachen haben können, und daß diese auch gemeinsam mit kulturellen Veränderungen weiterhin koevoluieren.

Wie weit die Genetik in einem neuen Buch der Amerikanerin Katherine Ashenburg, die eine deutsche (bayerische) Großmutter hatte, thematisiert wird, muß offen bleiben. (NPR) Aber vor allem ihr Bericht über ihre deutsche Großmutter in ihrem Buch "The Dirt on Clean: An Unsanitized History" ist ziemlich lustig und regt an, viele Dinge neu zu durchdenken.

Man erfährt in diesem Buch zum Beispiel auch folgende "Nebensächlichkeiten":
Napoleon and Josephine were fastidious for their time in that they both took a long, hot, daily bath. But Napoleon wrote Josephine from a campaign, "I will return to Paris tomorrow evening. Don't wash."
Bekannt ist der Kult, der mit dem Baden und Parfümieren bei den antiken Griechen und Römern betrieben wurde. Das spätere christliche Zeitalter nahm es offenbar damit dann nicht mehr ganz so genau - handelt es sich hier um eine "Barbarisierung"?

Ashenburg schreibt: "As St. Bernard said, where all stink, no one smells." Gewiß kann man viele Christen am Geruch erkennen, wie schon Nietzsche schrieb. Ich meine jedenfalls, diese Erfahrung schon sehr oft gemacht zu haben. Zum Beispiel haben schon allein theologische Seminare an traditionellen Universitäten oft einen ganz anderen, eigenen Geruch. Wie man überhaupt das Gefühl hat, daß sich in alten Bibliothken viel von dem Geruch früherer Zeitalter und Gelehrten-Generationen gehalten hat.

Aber nun die deutsche Großmutter, über die Ashenburg schreibt - vielleicht nicht ganz ohne Bezug zu dem eben Geäußerten:
For the first seven years of my life, I spent countless hours with my maternal grandmother, who came from Germany. She lived only a few houses down the street from us in Rochester, New York, and she often took care of us grandchildren. She was a cheerful, hard-working woman, perpetually cooking, cleaning, sewing, crocheting or knitting. Two smells bring my grandmother vividly to mind. One is the warm amalgam of yeast and linen, from the breads she shrouded in tea towels and set to rise on her dining-room radiators. The other smell came from my grandmother herself. As a child, I never thought to describe it or wonder what it was — it was just part of my grandmother. Whom I loved, so the smell never troubled me.

When I married, my husband and I went to Germany on our honeymoon, staying in bed-and-breakfasts in small, clean-swept Bavarian towns. There, unexpectedly, memories of my grandmother came flooding back. The industrious Bavarian women who cleaned our rooms and made our breakfasts didn't just act like my grandmother; they smelled like her. By then, as an adult raised in cleaner-than-clean North America, I knew what the smell was — the muffled, acrid odour of stale sweat — and for the first time, I consciously connected my grandmother's characteristic smell to its cause. She cleaned her house ferociously but not her body, or not very often. (It was a northern European habit I would later read about, when travellers from other European countries, as far back as the sixteenth and seventeenth centuries, would marvel at the cleanliness of Swiss, German and Dutch houses and even streets, but note that it did not extend to their bodies.)

I had to learn that my grandmother's smell was not "good," as determined by twentieth-century North American standards. My natural, uncultivated reaction was that it was neutral or better.
Kein waschunfreudiger (nord-deutscher?) Mann sollte sich allerdings durch diese Zeilen ermutigt fühlen ...

Mittwoch, 15. August 2007

Ethnisch-genetische Marker zur Biowaffen-Herstellung?

Wladimir Putin hat Horror-Phantasien. Er fürchtet, daß biologische Waffen mit ethnisch-genetischen Markern gezielt gegen das russische Volk eingesetzt werden könnten und hat deshalb jegliche Weitergabe humangenetischer Informationen von Rußland aus an das Ausland verboten. (San Francisco Chronicle) Fragwürdig, ob das nicht ein völlig unsinniges Verbot ist, denn - z.B. - in allen westlichen Ländern leben heute Russen, die russische Gene mit sich herumtragen, die untersucht werden können.

Aber in einem Land, in dem Regimegegner mit radioaktiven Substanzen (Alexander Litwinenko) oder mit Fernlenk-Raketen (Präsident Dudajew) aus dem Weg geräumt werden, in dem Völkermord in großem Stil betrieben wird (Tschetschenien) - unter den Augen einer freundlich beiseite sehenden Weltgemeinschaft, in einem solchen Land ist man offenbar zu den absurdesten Ängsten und Theorien fähig. Offenbar schließt Putin von sich auf andere und möchte nur darauf aufmerksam machen, welche "Waffen" derzeit in Rußland entwickelt werden, um mit einem solchen Volk wie den Tschetschenen (oder den Esten, Letten, Litauern ....?) (den Ukrainern?) "fertig" zu werden.

Natürlich scheint die Herstellung von Biowaffen, die kombiniert mit ethnisch-genetischen Markern angewandt werden, beim derzeitigen Forschungsstand "irgendwie" grundsätzlich möglich:
With genetic testing of particular ethnic groups, it's getting easier to observe unique markers that are carried disproportionately by members of a group. With that information, a weapon could be conceived to target that marker, perhaps causing a specific disease to which that group is excessively susceptible. It will soon be possible to manipulate viruses or bacteria so that they predominantly affect only Jews or Han Chinese or, yes, Russians. Even if that weapon affected only 10 or 20 percent of a group, the effects could be devastating.
Sollte man nicht eher annehmen, daß Putin's Spezialisten an individual-genetisch ausgerichteten Biowaffen "arbeiten", damit ihnen eine solche Peinlichkeit wie mit Litwinenko nicht noch einmal passiert? Wie auch immer. Ein Kommentator vermutet eine viel simplere Motivation hinter Putin's "Biowaffen-Wahn":
It might be as simple as Putin wanting to scare the russian people.
Noch immer konnten Diktatoren am besten herrschen, wenn sie außenpolitische Ängste schürten. Immerhin machen diese absurden - oder teuflischen - Ängste erneut darauf aufmerksam, daß nicht nur "Rasse", sondern auch "ethnische Zugehörigkeit" in den menschlichen Genen zu finden ist - alles Dinge, die, wenn sie zehn Jahre früher ebenso selbstverständlich öffentlich geäußert worden wären, vehementesten Widerspruch gefunden hätten.

Montag, 13. August 2007

Genetische Vereinheitlichung der europäischen Völker in den letzten tausend Jahren?

Genreste von 48 Menschen, die zwischen 300 und 1000 n. Ztr. in Großbritannien gelebt haben, sind untersucht worden. Ihre genetische Vielfalt ist verglichen worden mit der genetischen Vielfalt von 6.200 Menschen, die heute in Europa und im Vorderen Orient leben. Dabei wurde Auffälliges festgestellt. (Spiegel, Berliner Morgenpost, New Scientist, Biology Letters - Forschungsartikel frei zugänglich) Die frühmittelalterlichen Briten hatten grundsätzlich alle typisch europäische Gensequenzen (Haplotypen), wie man sie auch heute noch in Europa findet. Allerdings war die genetische Vielfalt der damaligen Briten im einzelnen erheblich größer als die der heutigen und auch als die der heutigen Menschen in Dänemark, Deutschland oder Norwegen. Letzteres sind alles Länder, von denen aus es im Frühmittelalter Zuwanderungen nach England gegeben hat: Erst die Angeln und Sachsen aus Dänemark und Deutschland, später die Wikinger, bzw. die Normannen aus Norwegen, bzw. aus der Normandie.

Nur die Menschen in der Türkei, Palästina und in Weißrußland weisen heute noch eine ähnliche genetische Vielfalt auf wie die Menschen im Frühmittelalter in Großbritannien.

Die Forscher vermuten, der Verlust der genetischen Vielfalt könnte auf die Pest zwischen 1347 und 1351 zurückgeführt werden, durch die durchschnittlich in Europa die Hälfte der Menschen ums Leben kam. Dies würde besonders dann zutreffen, wenn ganze Familien und Dörfer (also Verwandtschaftskreise) ums Leben gekommen wären. Wenn aber nur ein einzelner aus einer Familie überlebt hätte, hätte ja damit auch seine einzigartige genetische Linie überlebt. Deshalb erscheint mir diese Vermutung nicht sehr plausibel zu sein.

Man könnte wohl viel eher darüber nachdenken, ob nicht unterschiedliche Fortpflanzung in den Familien eines Dorfes zu Verlusten von Abstammungslinien führen kann. Wenn es die reichen Bauern sind, also die bäuerlichen Oberschichten, die ihre Kinder auch in die Unterschichten einheiraten lassen, umgekehrt dies aber nicht geschieht, sollte es über längere Zeiträume hinweg zu einem Aussterben der Familienlinien von Unterschichten (Tagelöhnern und andere) kommen. Ich halte diesen Selektionsmechanismus für plausibler, um die Ergebnisse zu erklären als die Schwarze Pest. Die bäuerlichen Oberschichten haben beispielsweise im Deutschland östlich der Elbe nach der deutschen Ostsiedlung vor allem die wohlhabenderen zugewanderten Deutschen gestellt, während die einheimische Ursprungsbevölkerung sicherlich oft mittel- und langfristig in der Mehrheit zu bäuerlichen Unterschichten wurden. Ähnliches könnte man deshalb auch von England vermuten.

Beispielsweise die Forschungen von Eckart Voland in der Krumhörn (Ostfriesland) und vergleichbare in vielen anderen Agrarregionen - etwa Volkmar Weiß in Sachsen (Bevölkerung und soziale Mobilität. Sachsen 1550 - 1880) - weisen immer wieder darauf hin, daß die bäuerlichen Oberschichten einen vergleichsweise umfangreichen Anteil an der Reproduktion der nachfolgenden Generationen haben - auf Kosten der an der Grenze der Armut lebenden bäuerlichen Schichten. Letztere heirateten wenn überhaupt spät und hatten nur wenige Kinder. Über die Jahrhunderte hinweg muß das dazu führen, daß auf dem Land letztlich alle Menschen im Wesentlichen von den (früheren) bäuerlichen Oberschichten, den reichen Bauern abstammen, da auch deren Söhne und Töchter - aufgrund ihres Wohlstands - begehrte Heiratspartner für Unterschichten waren.

Somit könnte deutlich werden, daß es über geschichtliche Zeiträume hinweg immer wieder - auch - zu genetischen Vereinheitlichungs-Prozessen in Völkern kommen kann - noch ganz unabhängig von allen anderen Selektionsprozessen (etwa Sprach- und Kulturgrenzen, sowie geographische Barrieren als Heiratsschranken).

Dienstag, 31. Juli 2007

Neues zur Gruppenpsychologie von Großfamilien, Stämmen und Völkern

In einem Beitrag für das amerikanische "Mitte-Links"-Journal "The New Republic" erörtert der Bestseller-Autor, "Sprach-" und Soziobiologe Steven Pinker das gewachsene Interesse der US-Amerikaner für Genealogie und genetische Herkunfts-Forschung. (TNR, via Steve Sailer) Er kommt dabei vor allem auch auf Verwandten-Heiraten, auf Cousin-Cousinen-Heiraten zu sprechen, die heute noch sehr stark das politische Leben in vielen islamischen Ländern bestimmen, und die die genetische Geschichte wohl fast aller großer Völker in früheren Jahrhunderten sehr ausgeprägt bestimmt haben. Das ist sowohl aus sozialgeschichtlichen Tatsachen zu schlußfolgern wie aus der puren Logik der Genealogie heraus (siehe unten). Zu diesen Völkern zählt ja auch das aschkenasisch-jüdische Volk, das nach derzeitigem Forschungsstand zur Hälfte von nur wenigen Frauen abstammt, die vor etwa tausend Jahren am Rhein gelebt haben. Solche Abstammungsverhältnisse müssen ja schon von vornherein während der Ethnogenese selbst (also vor tausend Jahren) viele Verwandtenheiraten mit sich gebracht haben. Aber wie auch schon an früheren Stellen dieses Blogs erörtert, könnte der hohe Intelligenz-Quotient der aschkenasischen Juden überhaupt auch oder vor allem aufgrund Jahrhunderte langer - religiös nicht nur tolerierter, sondern sogar geförderter - Verwandtenheiraten zustande gekommen sein.

Um so stärker also Stämme, Völker und Rassen - wie das aschkenasisch-jüdische Volk - in früheren Jahrhunderten oder Jahrtausenden Bevölkerungsengpässe oder -abspaltungsvorgänge durchgemacht haben (populationsgenetische Flaschenhals-Ereignise, Gründerpopulationen) - und diese sind wahrscheinlich für alle Stämme, Völker und Rassen der heutigen Menschheit zumindest irgendwann anzunehmen - um so stärker müssen auch in bestimmten geschichtlichen Phasen Verwandten-Heiraten die genetischen Eigenschaften späterer großer Völker bestimmt haben.

Aus all diesen Gründen heraus können auch die neuen Erörterungen von Steven Pinker von keineswegs geringer Bedeutung eingeschätzt werden für künftige historische, humangenetische und anthropologische Forschungen.

"Wer seine genetische Herkunft kennt, kennt seinen Wert"

Pinker schreibt einleitend:
... Watson and Crick could not have foreseen a day when an analysis of Oprah Winfrey's DNA would tell her that she was descended from the Kpelle people of the Liberian rainforest. "I feel empowered by this," she said upon hearing the news, overcoming her disappointment that her ancestors were not Zulu warriors. (...) The rewards of genealogy are mostly psychological. As Winfrey put it, "Knowing your family history is knowing your worth."
Und zu solchen Haltungen gibt Pinker dann einige Erläuterungen aus biologischer, genetischer Sicht:
... The first is the simple fact that blood relatives are likely to share genes. To the extent that minds are shaped by genomes, relatives are likely to be of like minds. Close relatives, whether raised together or apart, have been found to be correlated in intelligence, personality, tastes, and vices. The discovery of an ancestor is thus felt to reflect on the descendant, who may feel he has an explanation for the kind of person he is, and who can claim to have a dose of the ancestor's praiseworthy traits. (...)

The similarities among blood relatives mean that they are likely to share values, and shared values can lead to easy solidarity because of what ecologists call mutualism and economists call positive externalities. A pair of associates with the same interests can benefit each other just by being selfish--always the most painless route to altruism. (...) To identify a blood relative, then, is to identify a potential soul mate. Adoptees who track down their biological parents and siblings often report an instant solidarity as they quickly discover shared quirks and passions.

A more direct tug of shared genes on family emotions comes from the phenomenon that biologists call inclusive fitness, kin selection, and nepotistic altruism. The overlap of genes among relatives does more than make them similar; it alters the dynamics of natural selection. Over evolutionary time, any gene that predisposed a person to be nice to a relative would have had some chance of helping out a copy of itself inside that relative, and the gene would have been favored by natural selection and entrenched in the genome (as long as the average benefit to the relative, discounted by the probability that the gene is shared, exceeds the average cost to the favor-doer). A sharing of genes at the genetic level sets the evolutionary stage for feelings of solidarity and affection at the emotional level, and that in turn shapes much of human life. In traditional societies, genetic relatives are more likely to live together, work together, protect each other, and adopt each other's orphaned children, and are less likely to attack, feud with, and kill each other. Even in modern societies, which tend to weaken ties of kinship, studies have shown that the more closely two people are genetically related, the more inclined they are to come to each other's aid, especially in life-or-death situations.
Genetische Verwandte haben ähnliche angeborene Psychologie und damit ähnliche Einstellungen und Werte: Blutsverwandte = Seelenverwandte

Pinker führt dann weiter aus, daß die typischen genealogischen Forschungen - Stichwort: "Ahnenschwund" - sehr schnell zu der überraschenden Erkenntnis führen, die wir oben schon angeführt hatten, nämlich daß Verwandtenheiraten verschiedener Grade in früheren Epochen nicht nur nicht selten, sondern wahrscheinlich sogar die Regel dargestellt haben. Pinker führt aus, einfache genealogische Überlegungen zeigen schnell,
that medium-distant-cousin marriages must have been the rule rather than the exception over most of human history. This chronic incest, by the way, did not turn our ancestors into the cast of Deliverance. The degree of relatedness, and hence the risk that a harmful recessive gene will meet a copy of itself in a child, falls off a cliff as you move from siblings to first cousins to more distant cousins.
Nun, dennoch gibt es in einigen Volksgruppen - wieder: z.B. bei den aschkenasischen Juden oder den Amisch-People oder den Hutterern - besondere Häufungen von Erbkrankheiten, die eben doch auch auf genetisch schädliche Verwandtenheiraten zurückzuführen sind. Im Grunde wird gesagt werden können, daß jedes Volk, jede Abstammungsgruppe das ihm eigene und spezifische Muster von Häufigkeiten von Erbkrankheiten aufweist, oftmals auch Erbkrankheiten, die irgendeinen Selektionsvorteil heute immer noch mit sich bringen oder in früheren Jahrhunderten mit sich gebracht haben müssen (z.B. die Mukoviszidose bei den nordeuropäischen Völkern, wobei sich die Forschung auf den Selektionsvorteil noch nicht hat einigen können). (Und einige Forscher vermuten ja den Selektionsvorteil bestimmter spezifisch aschkansisch-jüdischer Erbkrankheiten in einer damit parallel gehenden IQ-Evolution.)

Aber insgesamt ist Pinker sicherlich zuzustimmen. Das gleiche genealogische Denken führt schnell zu der inzwischen wohl auch schon trivialen Erkenntnis, daß die genetische Herkunftsforschung allein aufgrund von nur mütterlich oder nur väterlich weitergegebener DNA (mitochondriale oder Y-chromosomale) zu großen Verzerrungen im Herkunftsbild führen kann. Pinker:
Winfrey's mitochondrial DNA does not show that she is a Kpelle, but rather that she is one-sixty-fourth (or perhaps even 1/128th or 1/256th) Kpelle.
Dann aber diskutiert Pinker notwendigerweise nicht nur die genetischen Mechanismen, die zu Verwandten- und Gruppen-Zusammenhalt führen, sondern auch die kulturellen. Hier ist ganz wichtig die allgemeine soziale Prägung durch das gemeinsame Aufwachsen in der Familie, sowie die muttersprachliche und sonstige kulturelle Prägung in derselben.

"Die erweiterte Familie, der Klan oder der Stamm können als mächtiger, kohäsiver Block auftreten"

Dann kommt er auf die Verwandtenheirat zurück:
The extended family, clan, or tribe can emerge as a powerfully cohesive bloc--and one with little common cause with other families, clans, or tribes in the larger polity that comprises them. The anthropologist Nancy Thornhill has shown that the prohibitions against incestuous marriages in most societies are not public-health measures aimed at reducing birth defects but the society's way of fighting back against extended families.
- Das ist eine ganz erstaunliche und bestimmt nicht unwichtige Erkenntnis von Nancy Thornhill, die man sicherlich im Auge behalten muß. Umgekehrt könnte das nämlich auch heißen: In Verwandtenheirat kann ja auch - je nach dem - eine Stärke liegen. (Ich zum Beispiel habe gleich mehrere Cousinen, die mir selbst immer schon attraktiv vorkamen ... Woran das wohl liegt? ...)

Interessanterweise erwähnt Steven Pinker zum Schluß seinen Diskussionspartner schon von früheren Jahren her, den Journalisten Steve Sailer, der für den "American Conservative" von Patrick Buchanan schreibt, und der schon seit Jahren wissenschaftlich informierten Journalismus betreibt und auch gut durchdachte Vorstellungen zu Völkern als "erweiterten Familien" ("extended families"), also als "Abstammungsgemeinschaften" vertritt. Aus diesen Vorstellungen heraus konnte er 2003 gute Voraussagen dahingehend machen, was passieren würde, wenn man ein Land wie den Irak besetzen würde, in dem Klan-Bewußtsein immer noch eine viel größere Rolle spielt als beispielsweise - - - "Verfassungs-Patriotismus". (Eigentlich hätten auf den Trichter auch die Gegner Patrick Buchanan's in der amerikanischen Regierung damals kommen können ...)

Ergänzung (7.8.): Steve Sailer hat einen Beitrag zu Pinker's Beitrag verfaßt: (Vdare.com)

Mittwoch, 20. Juni 2007

Erdbeeren ...

Vom Verwandten-Altruismus bei den Erdbeeren

Wer gerne Erdbeeren anbaut oder ißt, wird sich für die Frage interessieren, wie man eigentlich Erdbeer-Pflanzen mit dem geringsten Aufwand die größte Süßigkeit abgewinnen kann. 

Das geschieht nach neuesten Forschungsberichten (FAZ) offenbar dadurch, daß man sie nicht als Einzelpflanzen wachsen läßt, sondern die Ausläufer zwischen ihnen bestehen läßt und sie als "Klone" weiter gedeihen läßt. Dann stören sie sich gegenseitig nicht im Wurzel-Wachstum und praktizieren Arbeitsteilung, insbesondere bei ungleichmäßigem Terrain. Der Klon mit weniger Licht profitiert vom Austausch mit jenem, der mehr Licht hat. Der Klon mit weniger Stickstoff im Boden profitiert vom Austausch mit dem, der mehr hat.

Genaue Untersuchungen ergaben, daß diese Form der "Verwandten-Kooperation" dem Wachstum einzelner Pflanzen für sich deutlich überlegen ist. Und die Forscher vermuten, daß das auch für zahlreiche andere Pflanzen gilt. Ebenfalls überraschend, daß sich die Wurzeln von Einzelpflanzen gegenseitig Konkurrenz machen auch dann, auch wenn es sich um genetisch identische Pflanzen handelt (FAZ):

Erdbeerpflanzen profitieren von der Kooperation mit ihren genetisch identischen Nachbarn. Bleiben sie oberirdisch miteinander verbunden, kommen sich auch ihre Wurzeln nicht ins Gehege. Fehlt der Kontakt, kommt es zu unterirdischen Konkurrenzkämpfen. (...) Es stellte sich heraus, daß oberirdische Kontakte einen unterirdischen Konkurrenzkampf verhindern: Ist die Verbindung intakt, so vermieden es die Pflanzen, in den Wurzelraum ihres Nachbarn einzudringen. Wenn aber der Ausläufer zwischen den Erdbeerpflanzen gekappt war, wurde das Mittelfeld von beiden Seiten beansprucht. Dort konzentrierte sich deshalb der größte Teil der Wurzelmasse. Diese Pflanzen gediehen deutlich schlechter.

Kooperation und Arbeitsteilung bringen also auch die Erdbeeren weiter. 

Da sieht man sich doch die Erdbeeren gleich noch einmal mit ganz anderen Augen an. 

Schmecken tun sie einem ja eh immer schon. Besonders die heimlichen, die Walderdbeeren. Einstmals von einer Gipfeltour auf den Dachstein zurückkehrend in die Täler haben sie den Autor dieser Zeilen besonders eindrucksvoll erfrischt. 

Aber eine gute Gelegenheit, auch einmal Dichterinnen und Dichter sprechen zu lassen. Etwa Eduard Mörike ... 

Etwas weniger vollmundig, aber nicht weniger entzückend die "alberne Barbe", die 14-jährige Annette von Droste-Hülshoff:

Das vierzehnjährige Herz

(...)

Heut' bin ich in aller Frühe erwacht,
Beim ersten Glitzern der Sonnen,
Und habe mich gleich auf die Sohlen gemacht
Zum Hügel drüben am Bronnen;
Erdbeeren fand ich, glüh wie Rubin,
Schau, wie im Korbe sie lachen!
Die stell' ich ihm nun an das Lager hin,
Da sieht er sie gleich beim Erwachen.

Ich weiß, er denkt mit dem ersten Blick:
"Das tat meine alberne Barbe!"
Und freundlich streicht er das Haar zurück
Von seiner rühmlichen Narbe,
Ruft mich bei Namen, und zieht mich nah,
Daß Tränen die Augen mir trüben;
Ach, er ist mein herrlicher Vater ja,
Soll ich ihn denn nicht lieben, nicht lieben?

(A. v. Droste-Hülshoff, 1844)

Die Pille - schafft sie ein "Klima seelischer Verhütung"?

Die "Zeit" berichtet über die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der hormonellen Empfängnis-Verhütung von Frauen. (Zeit) In dem Artikel sind wesentliche Aspekte und gesellschaftliche Folgen was Pillen-Einnahme betrifft, nicht genannt.

Das "Berlin-Institut" berichtet Anfang des Jahres, daß die Pille ein sehr konkretes "Klima der seelischen Verhütung" in Paarbeziehungen und in unserer Gesellschaft allgemein schaffen könnte. (Studium generale)

Sonntag, 17. Juni 2007

Multikulturelle Gesellschaften vergrößern menschliches Mißtrauen

Die multikulturelle Gesellschaft - vergrößert sie das Vertrauen der Menschen, Ethnien und Rassen untereinander oder verringert sie es? Diese Frage stellt die "New York Times" (NYT, über Gene Expression). Der Artikel fragt nicht nur, ob Vertrauen zwischen ethnischen Gruppen vergrößert oder verringert wird, er geht weiter und fragt - zunächst rhetorisch -, ob überhaupt das Vertrauen zwischen Menschen - auch innerhalb der eigenen ethnischen Gruppierung - dadurch vergrößert oder eher doch verringert wird:
... But what if diversity had an even more complex and pervasive effect? What if, at least in the short term, living in a highly diverse city or town led residents to distrust pretty much everybody, even people who looked like them? What if it made people withdraw into themselves, form fewer close friendships, feel unhappy and powerless and stay home watching television in the evening instead of attending a neighborhood barbecue or joining a community project?

This is the unsettling picture that emerges from a huge nationwide telephone survey by the famed Harvard political scientist Robert Putnam and his colleagues. “Diversity seems to trigger not in-group/out-group division, but anomie or social isolation,” Putnam writes in the June issue of the journal Scandinavian Political Studies. “In colloquial language, people living in ethnically diverse settings appear to ‘hunker down’ — that is, to pull in like a turtle.”

In highly diverse cities and towns like Los Angeles, Houston and Yakima, Wash., the survey found, the residents were about half as likely to trust people of other races as in homogenous places like Fremont, Mich., or rural South Dakota, where, Putnam noted, “diversity means inviting a few Norwegians to the annual Swedish picnic.”
Das sind erstaunliche Ergebnisse.
More significant, they were also half as likely to trust people of their own race. They claimed fewer close friends. They were more apt to agree that “television is my most important form of entertainment.” They had less confidence in local government and less confidence in their own ability to exert political influence. They were more likely to join protest marches but less likely to register to vote. They rated their happiness as generally lower. And this diversity effect continued to show up even when a community’s population density, average income, crime levels, rates of home ownership and a host of other factors were taken into account. ...
Tun einem Parallel-Gesellschaften besser?

Auch an anderer Stelle ist darüber - zum Teil noch ausführlicher - berichtet worden (The Boston Globe, 5.8.07). Der Forscher Robert Putnam gilt als einer der führenden Erforscher des "sozialen Kapitals" einer Gesellschaft und hat darüber schon im Jahr 2001 das vielbeachtete Buch "Bowling alone" herausgebracht.

Im Grunde hatten schon frühere Forschungen darauf hingewiesen (Welt), daß Menschen das subjektiv zu empfinden scheinen, daß es ihnen besser tut, in räumlich aufgegliederten "Parallel-Gesellschaften" zu leben, und daß sie sich deshalb ethnisch und räumlich entmischen auch in multikulturellen Gesellschaften wie den USA.

Andere Forschungsergebnisse haben auch aufgezeigt, daß selbst solche Menschen, die bewußt intellektuell von sich denken, sie würden keinerlei "Vorurteile" und sonstige "andere" emotionale Reaktionen gegenüber andersethnischen und -rassischen Menschen haben, als gegenüber solchen der eigenen Ethnie, bei Gehirnmessungen eben doch zeigen, daß sie auf diese anders reagieren als auf Menschen, die einer ähnlichen Ethnie und Rasse angehören wie sie selbst. Das paßt auch zu den Konzepten genetischer Verwandten-Erkennung in der Soziobiologie und dem Einfluß derselben auf kooperatives Verhalten.

Ein verantwortungsbewußter Umgang mit sozialen Problemen in unserer heutigen Gesellschaft sollte also solche Erkenntnisse berücksichtigen. Eine humanere Gesellschaft könnte - offenbar - auch dadurch möglich werden, daß man sie - - - "entmischt".

"Was ist für Götter und Menschen Glück?"

Das Gedicht "Die Fähre", das die berühmte Dichterin Ostpreußens, Agnes Miegel, 1920 anläßlich der Abtretung des Memellandes, das zuvor zu Deutschland gehörte, an Litauen an einem sonnigen Urlaubstag am Südufer der Memel dichtete, scheint dieses Forschungsergebnis schon sehr treffend vorweggenommen zu haben. Sie sah - was damals alle Deutschen sahen -, daß diese Gebietsabtretungen an Litauen und Polen nur der erste Auftakt für weitere sein würden (siehe 1945), und daß sie mit dem Verlust von Heimat verbunden sein würden (schon 1920). Insbesondere aber ist es die Zeile "Wege geh'n, wo jeder uns / wie Kind und Bruder ähnlich sieht", die einen aufhorchen läßt, und in der Agnes Miegel scheinbar schon vor 80 Jahren intuitiv etwas vorweggenommen hat, was jetzt allmählich auch die Forschung zu begreifen beginnt.
...

Was ist für Götter und Menschen Glück?
Das Glück, dem keines gleicht?
O das ist: den eigenen Boden sehn
soweit das Auge reicht!
Und Gruß und Rede hören
wie altvertrautes Wiegenlied
Und Wege gehn, wo jeder uns
wie Kind und Bruder ähnlich sieht!

Und was ist allerschwerste Last?
was ist ewige Pein?
Was ist den Kindern der Ebne verhaßt
und wird es immer sein?
Von der Heimat gehn ist schwerste Last,
die Götter und Menschen beugt,
und unstet schweifen ist allem verhaßt,
das die grüne Ebne gezeugt.

...

Agnes Miegel
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