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Montag, 12. November 2018

Große Kulturunterschiede im Verhalten gegenüber Kindern

In Afrika wachsen Kinder in grundlegend anderer Weise auf als in Europa

Heidi Keller, die von uns schon seit Jahren geschätzte Bindungsforscherin aus Osnabrück schreibt in einem neuen Artikel (1), daß die moderne Bindungsforschung der letzten Jahrzehnte einem westlichen, europäischen Bindungsmodell eine Allgemeinheit zugesprochen hat, die ihm weltweit gar nicht zukommt. So liegen zwischen Kindern und Erwachsenen im bäuerlichen Afrika südlich der Sahara zum Beispiel ganz andere Bindungsmuster vor als bei uns in Europa, ein ganz anderes Verhalten gegenüber Kindern als in Europa.

Diese Zusammenhänge hatten sich in den Arbeiten von Heidi Keller schon vor mehr als zehn Jahren angedeutet (2). Jetzt aber ist man offensichtlich in den Erkenntnissen wesentlich weiter gekommen. Kinder in Afrika, so schreibt Heidi Keller, zeigen so gut wie keine Fremdenangst (1):
"Kulturwissenschaftliche Forschungen (z.B. in Gemeinschaften südlich der Sahara wie den Beng an der Elfenbeinküste oder den Nso in Kamerun) machen nur allzu deutlich, daß Fremdenangst nicht zum Verhaltensrepertoire von heranwachsenden Kindern dieser bäuerlicher Kulturen gehört. Auch wenn Kinder mit einer biologischen Neigung geboren sein sollten, Fremdenangst zu enwickeln, beruht das tatsächliche Auftreten derselben auf den Erfahrungen, die im Kulturzusammenhang gemacht werden. Eng zusammen lebende, traditionelle bäuerliche Gemeinschaften in der nichtwestlichen Welt sind normalerweise nicht das Ziel von Besuchen von Fremden, so daß Familien keine etwaigen Gefahren sehen. Auf der anderen Seite ist es für die Familien wichtig, Kinder mit den vielen Helfern vertraut zu  machen, die in die auf viele Schultern verteilten Arbeiten und Verantwortlichkeiten eingebunden sind."
Original: "Cultural evidence [e.g., from subSaharan communities such as the Ivorian Beng or the Cameroonian Nso] clearly indicates that stranger anxiety is not part of the behavioral repertoire of the developing child in these agrarian cultures. Even if infants were born with a biologically based predisposition to develop stranger anxiety, the actual occurrence of anxiety would depend on contextual experiences. Close-knit traditional farming communities in the non-Western world are usually not a target for visits of strangers, so that families do not see potential dangers. On the other hand it is vital for families to familiarize infants with the multiple caregivers associated with distributed workloads and responsibilities."
Abb.: Heidi Keller
Das heißt, alle Menschen eines bäuerlichen Dorfes in Afrika werden von den Kleinkindern und Kindern nicht als "Fremde" angesehen. Und dementsprechend verhalten sie sich auch. Das dürften schon seit Jahrhunderten und Jahrtausenden in europäischen Bauerndörfern anders gewesen sein. Heidi Keller (1): 
"Die meisten Kinder in den Bauerndörfern der Nso in Kamerun fürchten sich nicht vor einer sich ihnen nähernden, fremden Frau, die sie aufhebt und sich mit ihnen von der Mutter wegbewegt. Vielmehr zeigen sie einen neutralen Gesichtsausdruck. Die Höhe des Streßhormons Kortisol (das sich in der Spucke findet), geht zurück, wenn die Fremde vom Ansehen zum physischen Kontakt übergeht."
Original: "Most Cameroonian Nso children in farming villages are not afraid of an approaching strange woman who picks them up and moves away from the mother with them. They display neutral facial expressions, and the level of the stress hormone cortisol (as indicated in the saliva) declines from the visual to the physical approach of the stranger."
Die biologischen Eltern spielen in der Welt der Kleinkinder und Kinder Afrikas sowieso eine viel geringere Rolle als bei uns in Europa. Es gibt diese enge und starke Bindung an Eltern gar nicht, die wir in Europa für so selbstverständlich und allgemein für "human" halten - und wie sie auch in diversen internationalen "Kinderrechte"-Diskussionen eine so große Rolle spielt. Hier dürfte auch der Grund dafür liegen, daß Kinder in Afrika gar nicht so stark leiden, wenn Eltern sich scheiden lassen. Diesbezüglich haben sich also in Europa, bzw. auf der Nordhalbkugel ganz andere Bindungsmuster ergeben, Bindungsmuster, in denen "primäre Bezugspersonen" (Mutter, Vater, Großmutter etc.) immer schon eine viel größere Rolle gespielt haben als sie das in bäuerlichen Gemeinschaften Afrikas südlich der Sahara getan haben. Heidi Keller schreibt (1):
"Scheidecker hat die sozialen Beziehungen von Kindern während ihrer ersten vier Lebensjahre in Dörfern im südlichen Madagaskar untersucht. Dabei stellte sich heraus, daß die Gruppe der Kinder bis zum fünften Lebensjahr fast die einzige waren, die mit den Kindern in soziale Interaktion getreten sind."  
"Scheidecker has analyzed the social relationships of children during the first 4 years of life in South Madagascan villages. It turned out that the peer group of children up to 5 years of age almost exclusively interacted socially with infants."
Die Eltern geben sich also auf Madagaskar mit den Kindern so gut wie gar nicht ab, auch nicht Großeltern oder andere Erwachsene, sondern gleichaltrige oder ältere Kinder spielen mit gleichaltrigen oder jüngeren Kindern und passen auf sie auf.

Während in westlichen Eltern-Kind-Dyaden das Zueinander-Hingewendet-Sein die größte, die zentrale Rolle spielt, sowie die dabei statthabende visuelle und stimmliche Kommunikation (2), ist das in Afrika ganz anders (1):
"In bäuerlichen Familien bedeutet gute Fürsorge der Kinder, die Aktivität der Kinder zu organisieren und zu führen. Dies wird hauptsächlich verwirklicht durch eine direkte Fürsorge über den fast ständigen Körperkontakt und die Köperwahrnehmung. Sich synchron mit anderen zu verhalten, wird übermittelt durch die geteilten körperlichen Rhythmen. Diejenigen, die sich um die Kinder kümmern, orientieren deren Gesicht nach draußen, in Richtung der anderen. (...) Der Gedanke, daß das Kind belehrt, geführt und geleitet werden muß, geht Hand in Hand darmit, daß das Kind als ein Lehrling angesehen wird. Somit lernen die Kinder in vielen nichtwestlichen, ländlichen Gemeinden auf unterschiedlichen aber sich ergänzenden Wegen zunächst und hauptsächlich die Sichtweise anderer, sowie ihren Platz im sozialen Zusammenhang."
"In rural subsistence-based farming families good parenting/ infant care implies taking the lead in organizing and directing the children’s activity. This is realized mainly through proximal care, with almost constant body contact and bodily sensitivity. Being in synchrony with others is transmitted through shared bodily rhythms. Caregivers orient the infants facing outward, toward others. (...) The idea that the child needs to be instructed, directed, and guided goes hand-in-hand with the view of the child as an apprentice. Thus, in many non-Western rural communities, in different but complementary ways, infants learn first and primarily the views of others and their place in the social system."
Wir erfahren (1):
"In einem Kommentar zu einem Aufsatz von Mesman und Koautoren fassen Keller und Koautoren schließlich zusammen, daß die Attachment-Theorie und die Kultur- bzw. die kulturübergreifende Psychologie in ihren Grundlagen wenig Gemeinsamkeiten aufweisen."
"Keller et al. conclude in a comment to the Mesman et al. paper that attachment theory and cultural/crosscultural psychology are not built on common ground."
Sprich: Menschliche "Universalien" im Umgang mit Kleinkindern gibt es in dem Umfang wie bislang vorausgesetzt gar nicht. Damit scheint übrigens auch eine Korrektur oder Ergänzung der Aussagen von Irenäus Eibl-Eibesfeldt zur weltweiten Kinderbetreuung und zu weltweiten Erziehungsstilen einher zu gehen. Keller schreibt (1):
"Parenting practices in other than the Western middle class and in accordance with attachment theory’s philosophy are often misconceived as intrusive and unresponsive (not following the infant’s lead), harsh (motor and rhythmichandling), emotionally distant (not expressing emotions openly), neglectful (not interacting primarily verbal), and unable to mentalize (not talking about infant’s inner mental states)."
Jüngst ergab auch die kulturvergleichende Auswertung von Kinderzeichnungen ähnliche Ergebnisse (1):
"Family drawings from children belonging to Berlin middle-class families or Northwest Cameroonian Nso farmer families. The Berlin children were predominantly classified as securely attached, whereas the Nso children were predominantly classified as insecurely attached. However, most children in both groups drew their families in line with the cultural concepts of person and family that had been analyzed in previous studies with children’s drawings of the self and their family (with drawing competence controlled for) (55, 56). The majority of German middle-class children drew themselves next to the mother or father, all figures separated from each other, tall, and standing on the baseline of the sheet with arms upwards, being individualized with smiling faces. These characteristics are all indicative of secure attachment relationships (53). The Nso farmer children often drew their families floating somewhere on the sheet or in the corners with figures close together or overlapping. Figures are drawn incomplete, small, not individualized, arms downward, and with neutral facial expression or no facial details at all. Many children do not draw themselves or the mother or father and never draw themselves next to a parent. All these characteristics are indicative of insecure attachment relationships according to attachment researchers."

Bedenken, daß Forschungsergebnisse abwertend gedeutet werden könnten


Ergänzung 12.7.2019:  Zum Thema ist ein neuer Artikel im "Science Magazine" erschienen (3). Da will man die Psychologie also international auf einen neuen Weg bringen im Max-Planck-Institut in Leipzig und will nicht mehr Menschen europäischer Abstammung allein als Untersuchungsobjekte für "Mensch an sich" gelten lassen. Und diesem Anliegen steht man im Grunde auch positiv gegenüber. Aber in der letzten Frage des Interviews mit Daniel Haun, MPI Leipzig, der Forschen auf dieser Linie vorantreibt, werden dann doch auch Bedenken laut (31):
Frage:
Neonazis und andere Rassisten benutzen kulturelle Unterschiede immer noch, um zu behaupten, daß bestimmte Gruppen anderen überlegen wären. Wie vermeiden Sie diese Gefahr?
Neo-Nazis and other racists still use cross-cultural differences to argue that certain groups are superior. How do you avoid this danger?
Antwort:
Indem wir dem knallhart entgegen treten. Wissenschaftler können sehr sorgsam sein bei der Interpretation ihrer Daten und sich an der Debatte beteiligen. Ich denke nicht, daß Rassismus dadurch beseitigt wird, daß wir es vermeiden, uns mit der Tatsache zu beschäftigen, daß es Vielfalt gibt ebenso wie Ähnlichkeiten über die Menschheit hinweg. Und die antreibenden Faktoren der Vielfalt können uns einige Antworten geben über fundamentale Fragen darüber, wer wir sind und wie wir funktionieren.
By confronting it head on. Scientists can be careful in interpreting their data and engage in the debate. I don't think racism goes away if we avoid the fact that there is variation as well as similarity across humans. And the drivers of variation might give us some answers about fundamental questions of who we are and how we work.
Gut geantwortet. Und besonders Grund, vielem knallhart entgegen zu treten und vieles zu debattieren wird es geben, wenn Forscher dann noch zusätzlich auf den Gedanken kommen, ihre Forschungsergebnisse in Beziehung zu setzen zu Polygenischen Erblichkeitsschätzungen ("Polygenic Score"), die die Speerspitze der derzeitigen genetischen Revolution bilden.

Ergänzung 12.3.2020: Es ist mehr als naheliegend zu vermuten, daß der andere Umgang mit Kindern auch in einem Zusammenhang steht mit einem ganz anderen Zusammenleben der Erwachsenen untereinander. Schon lange ist vermutet worden, daß polygames Verhalten in Afrika eine viel größere Verbreitung aufweist als innerhalb von Europa. Inzwischen ist aber eine erste sichere Studie dazu erschienen, in der aufgezeigt wird, daß bei den Himba in Südwestafrika nur die Hälfte der geborenen Kinder außereheliche Kinder sind (4, 5). Sie scheinen aber in vielen Teilen von den Vätern, die wie die Mütter größtenteils sehr richtig vermuten, daß der soziale Vater nicht der leibliche Vater ist, von diesen sozialen Vätern genauso gut behandelt zu werden wie die leiblichen Kinder (4, 5). 

Weiterführung der allgemeineren Diskussion rund um "WEIRD" im Jahr 2020: (6). [11.4.2020]
____________________________________________________________
  1. Keller, Heidi: Universality claim of attachment theory: Children’s socioemotional development across cultures. In: PNAS, 6. November 2018, Vol. 115, no. 4, S. 11414–11419, www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1720325115
  2. Bading, Ingo: Kinderbetreuung im Kulturvergleich - Die Forschungen Heidi Kellers. Studium generale, 23. April 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/04/kinderbetreuung-im-kulturvergleich-die.html
  3. Psychologist aims to study diverse minds, not WEIRDos Kai Kupferschmidt, Science 12 Jul 2019: Vol. 365, Issue 6449, pp. 110 DOI: 10.1126/science.365.6449.110
    https://science.sciencemag.org/content/365/6449/110
  4. B. A. Scelza, Sean Prall, N. Swinford, B. M. Henn: High rate of extrapair paternity in a human population demonstrates diversity in human reproductive strategies. February 2020, Science Advances 6(8) DOI: 10.1126/sciadv.aay6195 (Resarchgate)
  5. Why men invest in non-biological offspring:   paternal care and paternity confidence among Himba pastoralists    Sean P. Prall http://orcid.org/0000-0001-5719-6460 and Brooke A.   Scelza   Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, Vol. 287, No.   1922 (1922)   https://royalsocietypublishing.org/doi/abs/10.1098/rspb.2019.2890 
  6. Thalmayer, A. G., Toscanelli, C., & Arnett, J. J. (2020). The neglected 95% revisited: Is American psychology becoming less American? American Psychologist. Advance online publication. https://doi.org/10.1037/amp0000622

Mittwoch, 6. August 2008

Wir können unsere Kinder nicht verbessern, nur verschlechtern …

In der „Welt“ vom 28. März findet sich ein spannendes Interview (von Sylke Tempel) mit der Psychologie-Professorin Karen Wynn über neue Verhaltensstudien an sechs und zehn Monate alten Babys. Zwei längere Auszüge daraus:
WELT ONLINE: Frau Wynn, in welchem Alter erlernt ein Kind positives Sozialverhalten?

Karen Wynn: Schon sehr kleine Babys zeigen ein deutliches und meines Erachtens auch angeborenes oder wenigstens evolutionär eingebautes Sozialverhalten. Wir haben Studien durchgeführt mit sechs und zehn Monate alten Babys. Dafür machten wir die Babys mit „Puppen“ vertraut, die aus je einem runden, quadratischen und dreieckigen Holzklotz bestanden, denen wir große Augen angeklebt hatten. Je eine der „Puppen“ mühte sich ab, einen Hügel zu erklimmen. Eine half ihr dabei. Eine andere schubste sie hinunter. Danach forderten wir die Babys auf, sich eine Puppe auszusuchen. Fast alle zogen die „Helferpuppe“ der „Verhindererpuppe“ vor.

WELT ONLINE: Warum sollte dieses Verhalten „eingebaut“ und nicht erlernt sein? Schließlich leben auch Babys in keinem sozialen Vakuum.

Wynn: Zehn Monate alte Kinder sind sicherlich einem hohen Grad an Prägung ausgesetzt. Aber sechs Monate alte Babys hatten noch keine ausreichende Gelegenheit, dieses Verhalten zu erlernen. Sie können gerade sitzen, reagieren auf ihren Namen, verfügen aber noch nicht über sprachliche Ausdrucksmittel. Eine größere „soziale Welt“ eröffnet sich erst, wenn sie beginnen zu krabbeln und Entscheidungen treffen, auf wen sie „zugehen“. Wir haben ähnliche Resultate auch schon bei drei Monate alten Babys gesehen. Das lässt doch sehr darauf schließen, dass wir es mit einer Fähigkeit zu tun haben, die bereits ganz stark und ausgeprägt vorhanden ist.

WELT ONLINE: Entscheidet das den uralten Streit, was unser Sozialverhalten formt – Umwelt oder Genetik?

Wynn: Menschen wie viele Tierarten leben in sozialen Gruppierungen. Sie müssen beständig Entscheidungen treffen, mit welchen Angehörigen ihrer Gruppe sie agieren wollen oder nicht, wer ein guter Sozialpartner ist, mit dem sie Kontakt pflegen wollen und wen sie lieber vermeiden. Meines Erachtens stehen jetzt diejenigen in der Beweispflicht, die solche sozialen Verhaltensweisen mit den Einflüssen der Umwelt erklären wollen. Unsere Ergebnisse zeigen doch sehr stark, dass wir es mit einer bereits vorhandenen Fähigkeit zu tun haben.

WELT ONLINE: Dann gäbe es ein „eingebautes“ moralisches Empfinden?

Wynn: Positives Sozialverhalten muss nicht eindeutig moralisch sein. Es ist vielmehr eine Frage des eigenen Vorteils oder sogar Überlebens. Babys sind absolut hilflos – und obendrein sehr anstrengend. Eigentlich spricht sehr viel gegen sie. Also sind sie abhängig davon, sich in ein soziales Netz einzufügen, das sie mit allen physischen und emotionalen Notwendigkeiten versorgt. Deshalb brauchen sie – wie eben alle anderen sozialen Spezies – eine eingebaute Fähigkeit, gute Sozialpartner eindeutig zu identifizieren und sie für sich zu gewinnen. Es gibt starke evolutionäre Gründe, sich an jene zu halten, die sich einfügen, und jene zu meiden, die diese „Sozialverträge“ nur zu ihren eigenen Gunsten ausnutzen.
Und dann wird eine interessante Frage gestellt:
WELT ONLINE: Wir gehen davon aus, Kindern ein positives Sozialverhalten beibringen zu müssen. Verhält es sich also nicht umgekehrt: Sie besitzen es bereits, und es ist Umwelt, die sie verdirbt?

Wynn: Die meisten Babys sind sehr sozial. Im Fall von Soziopathen können wir aber gewiss behaupten, dass diese Fähigkeit geradezu zerstört wurde – wahrscheinlich in einer Mischung aus genetischen Komponenten und ungewöhnlichen Umständen in ihrer Biografie, die es ihnen nicht erlaubt haben, soziale Bindungen aufzubauen. Sie wissen zwar, was ihre Umwelt unter „Gut“ und „Böse“ versteht, sind aber völlig unsensibel für das Leiden anderer Menschen – oder genießen es, anderen Schmerzen zuzufügen. Auch verstehen sie wie unsere Babys unsere sozialen Verträge, haben sich aber entschlossen, dieses System auszunutzen und nur auf ihren eigenen Vorteil zu achten.
Es folgen noch Erörterungen darüber, inwieweit gruppenkonformes Verhalten von früh auf moralische Entscheidungen mit beeinflussen könnte. Diese sind auch interessant aber noch nicht mit so eindeutigen Forschungsergebnissen verknüpft wie die hier zitierten Erörterungen.

Die zitierten Forschungsergebnisse und ihre Deutung passen gut zu all dem, was wir bisher schon aus der Verhaltens- und Bindungsforschung über Kinderpsychologie wissen. So wissen wir schon seit längerem, daß Kinder mit drei Jahren noch nicht lügen „können“, und daß sie dies erst Schritt für Schritt in den nächsten beiden Lebensjahren sprichwörtlich „lernen“ müssen. (Darüber berichtete „Geo“ schon vor vielen Jahren sehr gut.) Auch das deutet darauf hin, daß Erziehung Kinder immer nur „verschlimmern“, kaum je „verbessern“ kann. Denn besser als wir sind sie, die Kinder, sowieso. Und zwar moralisch besser (um so jünger um so mehr).

Dieses intuitive Wissen, daß Kinder uns auf vielen Gebieten überlegen sind, ist wie in einem Flächenbrand in unserer Gesellschaft verloren gegangen, die sich so „erhaben“ und „weise“ vorkommt gegenüber Kindern, daß sie dauernd glaubt, ihnen alles Mögliche beibringen zu müssen, anstatt sich still zu ihnen zu setzen und erst einmal etwas von ihnen zu lernen. – Eben eine völlig „gottverlassene“ Gesellschaft, die so etwas vergißt, die so etwas überhaupt vergessen kann.

Sich zu Kindern zu setzen und ihr Vertrauen zu erwerben, kostet ja auch Zeit, die man anderweitig viel besser „nutzen“ kann. Zum Beispiel zum Geldverdienen. Zum Beispiel um kinder- und lebensfeindliche Politik zu machen. - Die 22-jährige Kindsmörderin von Nauen fürchtete, wie heute durch die Tagespresse ging, ein zweites Mal ihren Ausbildungsplatz als Zahnarzthelferin zu verlieren wie bei ihrem ersten Kind, wenn sie ihre Schwangerschaft nicht verheimlichen würde und ihr Neugeborenes nicht „beseitigen“ würde. Das ist exakt die Gesellschaft, die wir – offenbar – so lieben. Eine Gesellschaft, in der junge, schwangere Frauen solche „Überlegungen“ anstellen, anstellen können.

Eine Gesellschaft, in der jungen Menschen Ausbildungsplätze wichtiger sind als Kinder. Eine Gesellschaft, die NICHT in hohem Maße anerkennt, daß FRAUEN viele Lasten von Entscheidungen zu tragen haben und Leistungen erbringen, mit denen Männer so gut wie nie konfrontiert sind. Und aus denen sich Männer nur allzu gern zurückziehen und heraushalten. Was ihnen aber die Gesellschaft auch sehr „erleichtert“. Eben: Eine absolut ekelhafte Gesellschaft. Eine abartige, gottlose Gesellschaft.

Ergänzung 29.6.2020: Und Kinder können erst ab sechs Jahren ein Geheimnis für sich behalten, weil sie erst dann überhaupt wissen, was ein Geheimnis ist (1).

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  1. Fischer, Lars: Ab wann Kinder Geheimnisse für sich behalten. Spektrum d. Wiss., 29.6.2020, https://www.spektrum.de/news/ab-wann-kinder-geheimnisse-fuer-sich-behalten/1746972

Montag, 21. April 2008

"Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ..." - Evolutionärer Fortschritt durch die Kindheit?

Die Evolution der Kindheit war eines der wichtigsten Forschungsthemen des bedeutenden Schweizer Biologen Adolf Portmann (1897-1982) (Wiki). Er war es, der aufgrund des Vergleichs von Gehirngrößen zwischen verschiedenen Arten (abgeglichen jeweils nach ihren sehr unterschiedlichen Körpergrößen), Progressionen (Weiterentwicklungen) im Verlauf der Evolution feststellte, und der feststellte, daß Gehirngröße und die Intensivität und Länge der Kindheitsphase gemeinsam evoluieren. Und zwar das sowohl bei den Vögeln wie bei den Säugetieren. 

Er war es, der aufgrund dessen erstmals feststellte, daß der "Nestflüchter" eine ursprünglichere, nicht eine fortgeschrittenere Stufe der Evolution von Kindheit und Intelligenz gewesen ist. "Nesthocker"-Dasein, also Hilflosigkeit in der Kindheit, ist gemeinsam mit Intelligenz evoluiert. (Dazu gibt es auch eine schöne Grafik im dtv-Atlas für Biologie.)

Abb.: David F. Bjorklund "Why Youth is Not Wasted on the Young - Immaturity in Human Development" (2007)

Kindheit hat also etwas mit unserer Intelligenz zu tun. Der Mensch ist nach Adolf Portmann ein "sekundärer Nesthocker", also evoluiert aus einer evolutiven Nestflüchter-Stufe heraus und zwar aufgrund einer "physiologischen Frühgeburt", das heißt gegenüber Schimpansen-Babys werden menschliche Babies physiologisch um ein Jahr zu früh geboren. - Aber warum das alles? Warum legt die Evolution - übrigens auch im Pflanzenreich - so einen deutlichen Schwerpunkt auf alles, was mit Fortpflanzung und "Brutfürsorge" zu tun hat?

Schon die wesentlichsten Pflanzengruppen unterscheiden wir ja aufgrund ihrer Unterschiede im "Brutfürsorge"-Bereich, nämlich die "Nacksamer" und die "Bedecktsamer", also jene, die ihrer Nachkommenschaft "nackt" und "bloß" lassen und jene, die sie stärker "bedecken" und "schützen". Also die ursprünglicheren Gymnospermen, die in der Dinosaurier-Zeit die vorherrschende Pflanzengruppe waren, und die erst gemeinsam mit den Säugetieren (!) ökologisch vorherrschend gewordenen Angiospermen, die Blütenpflanzen. Liegen denn nicht auch hier evolutionäre Konvergenzen vor, sogar - letztlich - zwischen Pflanzen und Tieren? Auch das Säugetier schützt und pflegt ja seine Nachkommen mehr als die Reptilien.

Und warum kam das alles zustande? Der Neodarwinismus für sich genommen weiß auf diese Fragen oft nur erbärmlich bescheidene Antworten. Oft leugnet er ja heute sogar, daß mehr Intelligenz eine evolutive "Höher"-Entwicklung darstellen würde. Es wäre reiner "Zufall", daß es so intelligente Wesen wie Menschen auf der Erde gibt, so noch vor wenigen Jahren Stephen Jay Gould. Ein Wesensunterschied zu Bakterien würden Menschen und Säugetiere nicht aufweisen, schon gar nicht würden sie eine Höherentwicklung darstellen. -

Aber auch bei der "jüngsten Humanevolution" in den letzten Jahrzehntausenden sind offenbar noch einmal die Dauer der Kindheit und die Intelligenz gemeinsam evoluiert. - Im "American Scientist" wird ein neues Buch zu diesem Thema besprochen (1), das sicherlich wieder viele neue spannende Fragen zu diesem, wie ich finde, sehr wesentlichen Thema aufwirft.

Es könnte einmal mehr aufzeigen, wie tagesaktuelle Diskussionen in der Familienpoliitk - etwa um die "pauschalere", weniger individuelle Betreuung von Kindern in Kinderkrippen statt durch die Eltern - in tiefster Weise unser in der Evolution entstandenes Humanum, unsere Menschlichkeit betreffen. "Der Mensch ist nur da ganz Mensch," sagt Schiller, "wo er spielt". Wer also ist mehr Mensch als die Kinder? Und wie gehen wir heute mit diesem unserem Menschentum um?

Und ein Schritt weiter wäre zu fragen: Was hat Kindheit mit Religiosität zu tun? Sind Kinder religiösere Menschen als Erwachsene? Ich bin fest davon überzeugt. Abgesehen von der wie ich finde, zu verwerfenden "Wenn-Dann"-Beziehung, Lohn-Straf-Beziehung in moralischen Fragen tat deshalb Jesus Christus sehr recht, den Menschen die Kinder zu zeigen:

Da rief Jesus ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: "Ich versichere euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet ..." (Matthäus 18:2-10)

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  1. David F. Bjorklund: Why Youth is Not Wasted on the Young. Immaturity in Human Development. 2007 (Amaz)

Mittwoch, 19. März 2008

Der Kindergarten - oder: Die ausgelutschte Zitrone Kind

Wozu hat man Kinder? Um den Alltag nicht mit ihnen zu verbringen?

Abb. 1: F. W. A. Fröbel
- So sieht ein Wohltäter der Menschheit aus?
Ein Vater schreibt an "Stud. gen."*):
Wir haben eine entzückende, kleine, zweieinhalbjährige Tochter. Geradezu "wie aus dem Bilderbuch". Meine Lebensgefährtin geht Vollzeit arbeiten und ich gehe derzeit von zu Hause aus einer Halbtags-Beschäftigung nach und habe dabei bislang auf unsere Tochter aufgepaßt. Nun drängt sich der "Zeitgeist" in unsere Familie.

Meine Lebensgefährtin meint, die Tochter müsse "unbedingt" in den Kindergarten. Und heute hat unsere Tochter ihren fünften Kindergarten-Tag. Grade habe ich sie wieder hingebracht.

Aber wie sieht so etwas aus aus meiner Perspektive?

Bislang war jeder Tag mit meiner Tochter ein Tag voller Freude, Friede und Glück. Voller Ausgeglichenheit.

Vielleicht gelingt das nicht immer zwischen Eltern und Kindern. Aber die Tochter hat ein glückliches Naturell, mit dem ich als Vater gut zurecht komme. Während ich am Rechner sitze und arbeite, spielt sie - in Ruhe und vollkommener Harmonie. Natürlich, es fehlt etwas. Vor allem fehlen Spielkameraden für sie. Sie kann zwar - wie wohl jedes Kind in diesem Alter - viel für sich alleine spielen. Aber immer, das ist natürlich auch ein bißchen einseitig und langweilig.

Und freilich, ich muß mich oft von meiner Arbeit lösen, wenn ich sehe, das Kind muß rauss an die frische Luft, muß laufen, muß sich bewegen. Oft denke ich, ich müßte eigentlich weiterarbeiten. Aber das Kind geht vor. Frische Luft - was ist besser, als frische Luft für so ein Kind? Aber selbst wenn man nun hinaus geht: Alle Kinder in der Wohnsiedlung scheinen im Kindergarten zu sein und die wenigen, die es nicht sind, findet man auch nicht. Selbst nicht auf den zentralsten Spielplätzen. Also auch hier: Einsamkeit für die kleine Tochter. Nicht so schlimm. Sie kann stundenlang mit Sandkasten-Förmchen und ein bißchen Regenwasser in der kleinen, von ihr als "Küche" konzipierten Spielecke spielen - oder was immer sonst. Nur für mich als Vater und Aufsichtsperson wird es leicht ein bißchen langweilig, jedenfalls so "auf die Dauer".

Ja, da sind also mancherlei Gründe, daß man sich sagt, das Kind müßte eigentlich unter Kinder. Aber wie? Wo?

Vielleicht gäbe es noch andere Möglichkeiten (Spielkameraden ins Haus einladen? Welche?) Aber die naheliegendste ist: Kindergarten.

Kindergarten


Natürlich ist die Tochter begeistert. Wir haben die zwei nächstgelegenen zusammen besichtigt, Vater und Tochter. Und der, wo es am meisten Krach und Lärm gegeben hat, und wo die Kinder am chaotischsten herumliefen, der war ihr am liebsten. Klar! Aber man konnte ihr leicht verständlich machen, was auch die Kindergarten-Leitung dem Vater erklärte: Der Kindergarten ist "voll". Warteliste: "ein Jahr", "mindestens".

In einem anderen bekommen wir sofort einen Platz.

So. Und da soll sie nun - vorläufig - hin: drei Tage in der Woche von 9 Uhr bis 12 Uhr.

- Toll?

Ne.

Aus meiner Perspektive als Vater: Ich bin nur noch der Müllablade-Platz für meine Tochter, die - viel - seelischen Müll abzuladen hat nach einem solchen Kindergarten-Tag. Merkwürdig, daß das - offenbar - so wenige andere Eltern erleben. Oder reden sie nur nicht darüber? Versuchen sie es, sich nicht bewußt zu machen? Sie geben wahrscheinlich allem möglichen die schuld, wenn ihre Kinder nervös, unruhig, unerzogen, unaufmerksam, "fahrig" oder "völlig durch den Wind" sind. Bestimmt nicht dem Kindergarten. Dem Kindergarten, dem Kindergarten, dem Kindergarten.

Oh, das ist eine grausame Erfindung. Einem viel gerühmten Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852) haben wir Deutschen und die Welt - offenbar - diese "Erfindung" zu verdanken. (Wikipedia 1, 2) Vorher nannte man das auch - wie ich es treffender benannt finde: "Kinderbewahranstalt". Das ist es doch - und mehr nicht. Und dann lese ich auch, daß Kindergärten in Preußen zehn Jahre lang (zwischen 1851 und 1860) verboten gewesen sind. Was? Waren die damals schon so klug?
(Das preußische Kultusministerium verbot sie am 7. August 1851 wegen „destruktiver Tendenzen auf dem Gebiet der Religion und Politik“ und weil sie „atheistisch und demagogisch“ wären. ...)

Abb. 2: F.W.A. Fröbel
 Sieht denn das keiner?

Muß man noch mehr sagen? Zu was bin ich "degradiert"? Morgens bin ich nur damit beschäftigt, meine Tochter fertig zu machen: Töpfchen, Anziehen, Kämmen, Essen, Anziehen, in den Kindergarten fahren. Dabei der "Zwang zur Pünktlichkeit", der doch noch Grundschulkindern einigermaßen zu schaffen macht. Und jetzt schon bei einer Zweieinhalbjährigen? Ich muß sie dauernd drängeln, damit wir nicht "zu spät" kommen. Und das jetzt - - - "jeden Morgen"? Mittags kriege ich ein "völlig fertiges", übermüdetes Kind zurück, das so fertig ist, daß ein ruhiges, normales Mittagessen überhaupt nicht möglich ist. Bisher jedenfalls. Das Kind ist ein einziger Müllhaufen. Seelisch.

Und mir ist inzwischen auch klar, warum. Äußerlich geht alles freundlich zu in einem Kindergarten, man möchte sagen "superfreundlich". Daran kann es nicht liegen. Der Grund ist, daß die Situation an sich boshaft ist. Kein Kind trennt sich gern von seinen Eltern. Und ihm wird im Kindergarten eingeflößt, daß das "normal" ist. Alle Kinder machen das ja. Und alle sind ja "superfreundlich". Aber alle Reaktionen, die es danach zeigt, zeigen mir, daß das normal nicht ist. Und daß das Unbehagen, wenn meine Tochter andere Mütter sich von ihren Kindern an der Tür des Kindergartens verabschieden sieht, ein wesentliches ist. Es wird von ihr registriert, sie sieht es.

Seit sie im Kindergarten ist, ist sie viel aggressiver. Warum? Weil die Situation selbst aggressiv ist. Meine Meinung jedenfalls. Niemand einzelner ist Schuld. Schuld sind allein die Eltern, also ich, die das zulassen, um die Beziehung nicht auf eine Zerreiß-Probe zu stellen und - natürlich - der Zeitgeist. Es sind wunderbare Erzieherinnen im Kindergarten. An ihnen liegt es nicht.

Also so schnell wie möglich zum Mittagsschlaf mit diesem seelischen Müllhaufen. Essen ist doch sowieso nicht mehr möglich. Nun, zwei Stunden später scheint äußerlich alles wiederhergestellt. Aber die tiefe, gemütvolle, harmonische Beziehung, die entspannte Freude, der Spaß will sich - nach diesem tiefen Einschnitt der drei Stunden Kindergarten, diesen ungeheuer reichhaltigen und vielfältigen Eindrücken für so ein kleines Kind - offenbar auch nachmittags nicht mehr zwischen uns einstellen. Sie kann nicht mehr, wie sonst, still, harmonisch und friedlich spielen. "Fahrig" läuft sie in der Wohnung herum, macht dies, macht das. Macht meistens Mist und Unsinn. Findet keinen Frieden, keine Ruhe mehr in sich, also das, was doch zuvor - für Vater und Tochter - das Schönste war am Tag.

Wozu? Wozu, wozu? Wir hatten so schöne Stunden. Tage. Jeder Tag war ein Fest mit ihr. Und nun?

Und nun? "Auf den Hund gekommen." Eine Kindheit und ihre Frieden zerstört.

Und wie man in der Umgebung sieht, gibt es viele Kinder, die nicht nur drei Tage in der Woche drei Stunden im Kindergarten sind. Nein, sie gehen früher und kommen später, erst am Nachmittag nach Hause. Ganz und gar "kaputt". Nur noch ein "Haufen Elend". Ich sehe es doch. Bei Nachbarkindern. Und das fünf Tage die Woche. - Hat Gott diese Welt wirklich verlassen? Die Hand von ihr abgezogen? Oder bin ich einfach "zu zimperlich", "zu sensibel"? Wir sind doch sonst in allem so ... "supersensibel"? Und in diesen Fragen nicht?

Habe ich meine Tochter nur, um sie die schönsten Zeiten, die man überhaupt mit ihr haben kann im Leben, um sie diese im Kindergarten verbringen zu lassen? Und um mir selbst dann nur den "faden Rest" zu lassen, die "ausgelutschte Zitrone"? Ist das der Sinn? Ist es das, was wir wollen und zu preisen würdig finden?

Ich finde es ekelhaft und könnte erbrechen.
Abb. 3: F.W.A. Fröbel
- Soweit dieser Vater. - Ja, schade, was soll man dazu noch sagen? So wie dieser Vater erlebt vielleicht noch so mancher und so manche die Welt, soziale Beziehungen und Kinder.

Zur Bebilderung dieses Beitrages wurden noch ein paar Fotos von dem F. W. A. Fröbel heraus gesucht. Kann man diesen Menschen freundlich nennen? War er ein "Menschenfreund"? War das gut, was er getan hat? Konnte er ahnen, was er tut? Oder hat der preußische Kultusminister nicht doch auch eine gewisse richtige "Ahnung" gehabt über dessen Tun - ? Waren ihm die möglichen Folgen seines Tuns nicht bewußt? Das "düsterste" Portrait von ihm (ganz oben) scheint einem jedenfalls am ehesten jene Menschlichkeit zum Ausdruck zu bringen, die von ihm und seiner "Erfindung" auf die heutige Gesellschaft ausstrahlt. ...

Samstag, 22. Dezember 2007

Das Kind in der Krippe ... in Bethlehem und anderswo ...

Rechtzeitig zum Weihnachtsfest, dem Fest der Kinder, meldet sich - endlich, endlich - die "Deutsche Psychoanalytische Vereinigung" zu Wort. Und zwar zum Thema Krippenbetreuung.

Der diesbezügliche FAZ-Artikel sei hier vollständig zitiert:

Verlust der Lebenssicherheit

von Heike Schmoll

Angesichts des Krippenausbaus hat die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung in den ersten drei Lebensjahren bekräftigt. Jeder Krippenwechsel oder Wechsel einer Tagesmutter werde vom Kind als Bindungsverlust wahrgenommen.
Nur wenn die außerfamiliäre Betreuung – seien es Krippe oder Tagesmutter – vom Kind als Teil der „familiären Einheit“ erfahren würden, könnten sie seine Entwicklung bereichern und bei der Ablösung von den Eltern eine Hilfe sein. Die Bindungsfähigkeit des Kindes bilde die Grundlage für sein Selbstwertgefühl und seine Fähigkeit, tragfähige Beziehungen aufzubauen.
Auch die emotionale und kognitive Entwicklung würden in der frühen Kindheit durch die Stabilität seiner Beziehungen gefördert, heißt es in dem Memorandum der Psychoanalytiker.
Seelische Überforderung durch eine Trennung
Plötzliche oder zu lange Trennungen von den Eltern in der frühen Kindheit bedeuteten einen bedrohlichen Verlust der Lebenssicherheit, auch weil Sprach- und Zeitverständnis des Kindes noch nicht weit genug entwickelt seien, um Verwirrung oder Angst mit Erklärungen zu mildern.
Die seelische Überforderung des Kindes durch eine Trennung, die sich in verzweifeltem Weinen, anhaltendem Schreien oder späterem resignierten Verstummen sowie Schlaf- und Ernährungsstörungen zeige, fordere besondere Zuwendung und Verständnis, um nicht zu einer innerseelischen Katastrophe zu werden. Pflegeleichte Kinder, die gegen die Trennung nicht protestierten, brauchten besondere Aufmerksamkeit, da ihre seelische Belastung zuweilen nicht erkannt werde.
Gefährdung der psychischen Gesundheit
Kinder könnten von der Betreuung außerhalb der Familie nur profitieren, wenn sie dort gute und dauerhafte Beziehungen entwickeln könnten. Alle Eltern, die sich zu Hause mit ihren Kindern überfordert oder isoliert fühlten, brauchten Unterstützung, gesellschaftliche Anerkennung und öffentliche Angebote für das Leben mit Kindern, heißt es in dem Memorandum.
Die deutsche Psychoanalytische Vereinigung verweist darauf, dass es entwicklungspsychologisch entscheidend ist, ob ein Kind mit einem Jahr, mit anderthalb oder mit zwei Jahren in eine außerfamiliäre Betreuung komme und wie viele Stunden sie täglich in Anspruch genommen werde. Je länger die tägliche Betreuung getrennt von den Eltern dauere, desto höhere Werte des Stresshormons Cortisol seien im kindlichen Organismus nachweisbar.
Dies erkläre den in Längsschnittstudien belegten Zusammenhang zwischen ganztägiger Dauer der außerfamiliären Betreuung und späterem aggressivem Verhalten in der Schule. Je jünger das Kind sei, je geringer sein Sprach- und Zeitverständnis, je kürzer die Eingewöhnungszeit in Begleitung der Eltern, je länger der tägliche Aufenthalt in der Krippe, je größer die Krippengruppe und je wechselhafter die Betreuungen, desto ernsthafter sei die mögliche Gefährdung seiner psychischen Gesundheit, wenden die Psychoanalytiker ein.
Fehlentwicklungen vorbeugen
Sie schlagen vor, jedes Kind individuell auf seine „Krippenreife“ hin zu beurteilen, um Traumatisierungen zu verhindern. Die Eltern kannten ihr Kind zwar am besten und erfassten seine „Krippenreife“ intuitiv, doch politische Forderungen nach möglichst früher Rückkehr der Mütter an den Arbeitsplatz verunsicherten intuitives Wissen und schürten eine unnötige ideologische Konkurrenz um ein „richtiges“ Frauenbild.
Für dringend erforderlich halten die Psychoanalytiker daher staatlich geförderte entwicklungspsychologische Forschungen und Langzeitstudien, die den geplanten Ausbau der Tagespflegeplätze und die Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz unter den Dreijährigen aufmerksam begleiteten, um Fehlentwicklungen vorzubeugen.
Diesem Artikel muß eigentlich nichts mehr hinzugefügt werden.

Mittwoch, 7. November 2007

Der Mensch - gefangen in der "hedonistischen Tretmühle"?

Dr. Michael Schmidt-Salomon (= MSS), prominenter Vertreter eines naturalistischen Weltbildes, redet in seinem außerordentlich lesenswerten Büchlein "Manifest des evolutionären Humanismus" (1. Aufl. 2005) einem "aufgeklärten Hedonismus" das Wort. Z.B. in dem Kapitel "Sinn und Sinnlichkeit - Warum uns der evolutionäre Humanismus nahe legt, aufgeklärte Hedonisten zu sein".

Abb. 1: Georg Emanuel Opitz (1775–1841) - "Der Völler", 1804
Wenn man solche Dinge liest, scheint einem das doch eine sehr schwache Stelle eines evolutionären Humanismus zu sein. Hedonismus? Und das soll dann alles gewesen sein? Wen lockt man denn damit hinter dem Ofen hervor? Hedonismus verleitet doch immer dazu, sich nicht ausreichend für jene zum Teil sehr anspruchsvollen Ziele einzusetzen, für die auch der evolutionäre Humanismus steht. War Giordano Bruno etwa hedonistisch, als er auf dem Scheiterhaufen auf dem Campo fiore in Rom stand?!! Und lautet nicht in den ebenfalls sehr lesenswerten, von MSS vorgeschlagenen neuen 10 Geboten das 10. Gebot:
Stelle dein Leben in den Dienst einer 'größeren Sache', werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerten Ort machen woll(t)en! (...)
Wird man einer solchen Aufgabe, einer solchen Tradition wirklich am ehesten gerecht als "Hedonist"? Ist die Notwendigkeit zur Einsatzbereitschaft, zur Opferbereitschaft heute geringer als zu den Zeiten von Giordano Bruno? Man möchte das nicht glauben. Viel eher möchte man meinen, dass das "Prinzip Verantwortung" eines Hans Jonas der heutigen Situation der Menschheit gerecht wird und der heutigen Gefährdetheit des "Projektes Mensch".

Die hedonistische Tretmühle

Nun macht in englischsprachigen Netz-Diskussionen ein Wort die Runde von Seiten des Mainzer Philosophen Thomas Metzinger, ebenfalls ein prominenter Vertreter eines naturalistischen Weltbildes. Das Wort von der "hedonistic tretmill", von der "hedonistischen Tretmühle". Obwohl der recht grundlegende Text in "Gehirn und Geist" im letzten Jahr, in dem dieses Wort fiel (1), schon lange auf meiner Liste empfehlenswerter Literatur ganz oben steht, war mir dieser Begriff gar nicht mehr erinnerlich. Thomas Metzinger sagt da:
Wir sind biologische Systeme, die dazu verdammt sind, ständig nach Glück zu streben, die versuchen müssen, sich so gut wie möglich zu fühlen – nur dummerweise erlauben das Belohnungssystem in unserem Gehirn und unsere Art von emotionalem Selbstmodell keine stabile Form des Wohlfühlens.

Zwar brachten gerade die bewussten Selbstmodelle das Erleben von Freude und Glück ins physikalische Universum – an einen Ort, wo so etwas vorher nicht existierte. Doch hat uns die psychologische Evolution nicht in die Richtung permanenter Glücksfähigkeit optimiert. Im Gegenteil: Sie hat uns auf die »hedonische Tretmühle« gesetzt. Diese wird angetrieben durch den dauernden Versuch, Glück und Freude zu erleben, Schmerzen und Depression zu vermeiden. Aber auch wir selbst werden auf diese Weise ständig in Bewegung gehalten: Die hedonische Tretmühle – in Form des Belohnungssystems in unserem Gehirn – ist der Motor, den Mutter Natur uns eingebaut hat. Wir können seine Struktur in uns selbst entdecken, aber es ist unklar, ob wir ihr jemals entfliehen können. In gewissem Sinn sind wir diese Struktur. Das Ego ist die hedonische Tretmühle. (...)
Und etwas später sagt Thomas Metzinger dann:
Religiosität ist eine der ältesten Versuche, der hedonischen Tretmühle zu entkommen, und auf der Ebene von einzelnen Menschen scheint es manchmal tatsächlich eine der erfolgreichsten Strategien zu sein, einen dauerhaft stabilen Zufriedenheitszustand zu erlangen – auf jeden Fall besser als alle Drogen, die wir bis jetzt entdeckt haben.
Lernt von den Kindern!

Zunächst möchte ich dazu meinen, daß Glück und Freude auch ohne bewußte Selbstmodelle möglich sind, dazu muß man nur die herumtobenden Hunde von spazierengehenden Hundehaltern beobachten, überhaupt das endlose Spiel von vielen Tierjungen. Dazu muß man auch nur ein neugeborenes Menschenbaby anschauen - wie überhaupt menschliche Kinder einem viel über menschliches Leben sagen können, was einem die Beobachtung und Untersuchung des Lebens erwachsener Menschen nicht mehr - zumindest so deutlich - wird sagen können. (Ich betrachte Kinder - bildlich gesprochen - als eine eigene Art Homo sapiens sapiens - vielleicht die bessere Art.) Und bei der Betrachtung von Kindern wird auch sehr schnell deutlich, daß die "hedonistische Tretmühle" bei ihnen nicht zu allen Zeiten des Tages in der gleichen Weise ausgeprägt ist. Sicherlich, wenn körperliche Bedürfnisse vorliegen nach Nähe, nach Essen, Trinken und anderem, dann auf jeden Fall. Aber es gibt doch auch Zeiten selbstvergessenen Spielens, die mit dem Begriff "hedonistische Tretmühle" nur sehr unzureichend, wenn nicht ganz falsch gekennzeichnet wären.

Überhaupt hat ja schon Konrad Lorenz darauf hingewiesen, daß das "prägungsähnliche Lernen" in Form der "Liebe auf den ersten Blick" ein anderes angeborenes "Lernsystem" darstellt, als das Lernen durch Belohnung und Bestrafung. (In "Die Rückseite des Spiegels".) Hier bietet also das naturalistische Weltbild allerhand Möglichkeiten an, jenseits eines überirdischen Glaubens an einen persönlichen Schöpfergott "Fluchtmöglichkeiten" aus der "hedonistischen Tretmühle" zu entdecken und zu nutzen. Wir sollten das vermehrt tun. Es gibt den Blick besser frei auf viele heutige gesellschaftliche Notwendigkeiten.

Und lernt von den großen Künstlern!

Friedrich Schiller sagt: "Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt." (Manfred Eigen hat zu dem Thema ein ganzes Buch aus der Sicht der Theorie komplexer Systeme geschrieben: "Das Spiel".) Aber Kunst ist für Schiller nicht nur "eitel Spielerei", sagt er doch den Künstlern, was die Stirnseite des Schauspielhauses in Wiesbaden noch heute der Welt verkündet:
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
Bewahret sie!
Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben.
(Aus dem Gedicht "Die Künstler".) - Ein großes Wort. Sollten sich von einem solchen heute nicht auch Wissenschaftler und Philosophen angesprochen fühlen? Schaden muß es ihnen nicht.

Abb. 2: Jan Steen - Sie sollte Luxus meiden, 1660/63

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  1. Metzinger, Thomas: Neuroanthropologie - Der Preis der Selbsterkenntnis. In: Gehirn & Geist 7-8/2006, S. 42 - 49

Dienstag, 17. Juli 2007

Frohe Kindheit in Norwegen


"Bading the Movie" heißt dieses Video. Offenbar heißt "Bading" auf Norwegisch "Baden".

So jedenfalls müssen Kinder aufwachsen!
Hilft auch gegen Asthma. (Berliner Morgenpost)
Eine Studie mit rund 40 000 Kindern hat bestätigt, dass Kinder von Landwirten weniger anfällig für Asthma und Allergien sind als Stadtkinder. Nur acht Prozent der Bauernkinder in Baden-Württemberg leiden an Asthmasymptomen. Bei Kindern ohne Kontakt zu einem Bauernhof sind es zwölf Prozent. Von den Kindern, die manchmal auf Höfen spielen, leiden zehn Prozent an Asthma.

Ähnliche Unterschiede stellten die Forscher offenbar bei Heuschnupfen und Neurodermitis fest.

Samstag, 14. Juli 2007

Moderne Bindungsforschung

In einer Buchbesprechung der "FAZ" heißt es über einen neu erschienenen Elternratgeber (FAZ) (Hervorhebung durch mich, I.B.):
... Petri argumentiert dabei mit entwicklungspsychologischen Daten der Bindungsforschung. Diese zeigten, dass die Gestaltung des Selbstkonzepts der Heranwachsenden trotz des ihnen angeborenen Potentials an Temperament, Aussehen, Intelligenz, Begabung und Talenten und trotz ihres verzweigten Netzwerks von Freunden, Erwachsenen und Partnern stark abhängig ist von der Qualität der frühen Elternbindung. Demnach "scheinen die Korrekturmöglichkeiten durch elternunabhängige Erfahrungen sehr eingeschränkt zu sein". Die bekannte Gefahr ist, es mit der familiären Geborgenheit zu übertreiben. Eltern müssten ihr Kind "zu seiner Welteroberung und seiner Selbstvergewisserung über seine gewachsenen Fähigkeiten freigeben können, aber es auch bei seinem glücklichen Zurückkommen wieder freundlich auffangen".

Die Aufgaben der Eltern teilt Petri in klassische Geschlechterrollen auf. Die Mütter bevorzugen "ruhige Spiele mit Puppen oder Stofftieren", die Väter balgen sich mit ihren Kindern. Wenn der Nachwuchs ein Muttersöhnchen wird, sind die Väter unschuldig, denn sie "ermöglichen ihren Kindern die Eroberung der Welt". Somit dürfte in erster Linie den klammernden Frauen die Mahnung im Buchtitel gelten. ...
Die Rezension begann übrigens mit den Worten:
Ziel der Erziehung sei es, ein Individuum mit der Menge an Neurosen zu beladen, die es gerade ertragen kann, ohne zusammenzubrechen. Der Dichter W.H. Auden soll diese bitterbösen Worte Mitte des vergangenen Jahrhunderts aufgeschrieben haben. ...
Und sie endete mit den Worten:
... W.H. Auden blieben solch unangenehme Besuche bei Elternberatern erspart: Seinem möglichen Scheitern bei der Kindeserziehung entzog sich der Dichter durch Kinderlosigkeit.

Donnerstag, 12. Juli 2007

Die "Jungen Pioniere" auf dem Weg zur Weltrevolution

"Fröhlich sein und singen", so heißt eine in den neuen Bundesländern viel verkaufte CD, auf der die "schönsten Lieder" der "Jungen Pioniere" drauf sind, der Jugend-Organisation der DDR. Davon kann man sich auch im Netz einen Eindruck verschaffen. (Superillu) Zum Beispiel das "Lied vom kleinen Trompeter". Er fiel. "Mit einem mutigen Lächeln." Im Kampf für die Weltrevolution. Und die Kinder sind traurig.

Es geht so viel Optimismus und Kampfbereitschaft und Opferbereitschaft und Gemeinschaftssinn von diesen Liedern aus, daß man sich wundert und fragt: Wie konnte da trotzdem alles so schief gehen in der DDR? Wahrscheinlich einfach, weil das Grundkonzept - Aufhebung des Privateigentums - Mist war.

Da nützt dann auch der beste Idealismus und Gemeinschaftsgeist nichts mehr. Man muß die Menschen terrorisieren und einsperren, damit sie nicht aufbegehren. Schade. - Aber die Lieder sind trotzdem schön. Denn: "Jung sein" und Optimismus haben ist doch eigentlich gleichbedeutend. Aber "Jung sein" und leichter verführt werden können, manipulierbar zu sein, ist auch gleichbedeutend. Und dennoch: Die Lieder - und Texte - sind schön. Mit dem geschichtlichen Abstand tritt in den Hintergrund, daß diese Lieder auch dazu dienten, schlechte und böse Absichten zu verbrämen und die Menschen dazu zu befähigen, solche zu haben. (Superillu)

Freitag, 29. Juni 2007

Altruismus ist uns angeboren, nicht anerzogen

Schimpansin mit Kind
Fotograf: derekkeats
Kinder und Schimpansen haben einen ganz natürlichen Antrieb, anderen zu helfen - auch ohne, daß sie durch Erziehung darauf konditioniert werden müssen. (Netzzeitung) Jeder, der Kinder hat, weiß, daß Kinder oft viel mehr selbstlose Empathie und Hilfsbereitschaft aufweisen als Erwachsene. Aber die Wissenschaft will und muß sich natürlich auch über alles rein "intuivitve Wissen" vergewissern - auch deshalb (oder vielleicht gerade deshalb), damit Ideologen keinen Quatsch erzählen.

«Wir wollten herausfinden, ob Schimpansen und Kleinkinder helfen, um dafür eine sofortige Belohnung zu erhalten, oder ob sie helfen, weil die andere Person ein Problem hat», sagte Projektleiter Felix Warneken vom Leipziger Max Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie.

In der ersten Aufgabe sah der Schimpanse zu, wie eine unbekannte Person sich vergeblich bemüht, nach einem Stock zu greifen. Der Stock war außerhalb der Reichweite des Menschen, befand sich aber in Reichweite des Schimpansen. Nach seinen verzweifelten Versuchen nahm der Mensch Blickkontakt mit den Affen auf. 12 von 18 Schimpansen hoben den Stock daraufhin auf und reichten ihn weiter, obwohl sie keine Belohnung dafür erhielten. Auch 16 von 18 Kindern halfen selbstlos der Person, indem sie ihr den Gegenstand gaben. (...)

In der zweiten Versuchsanordnung wollten die Forscher herausfinden, wie viel Mühe Schimpansen und Kleinkinder auf sich nehmen, um zu helfen. Die Schimpansen mussten dazu eine zweieinhalb Meter hohe Rampe hinaufklettern, um den Stock reichen zu können, die Kinder einen Hindernisparcours durchlaufen. Trotz der großen Anstrengungen halfen mehr als die Hälfte der Schimpansen und Kinder gleichermaßen, ohne dafür belohnt zu werden. (...)

Das Forscherteam sieht damit den Beweis erbracht, dass unsere nahen Verwandten auch altruistisch handeln und bereits Kleinkinder dies tun. «Hilfsbereitschaft hat ihren Ursprung also nicht allein in Kultur und Erziehung. Wir sollten uns von der Idee verabschieden, dass wir als Egoisten auf die Welt kommen und allein durch Kultur und Erziehung zu hilfsbereiten Wesen heranwachsen», sagte Forschungsleiter Warneken.

ADHS durch Passiv-Rauchen von Müttern verursacht

"Passivrauchen der Mutter führt zu Verhaltensproblemen beim Kind," so titelt "Spektrum der Wissenschaft" und schreibt weiter: "Kinder zeigen deutlich mehr psychologische Auffälligkeiten, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft Zigarettenrauch ausgesetzt waren." (Spektrum) Und bei Gesundheitpro.de erfahren wir:

Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft passivrauchten, zeigen mehr ernsthafte psychologische Probleme als Kinder von Frauen, die keinem Zigarettenrauch ausgesetzt waren, berichten Forscher der University of Washington in Child Psychiatry and Human Development. Studienleiter Lisa Gatzke-Kopp und Theodore Beauchaine bringen damit erstmals Belege für einen Zusammenhang zwischen dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) und dem Passivrauchen.

Untersucht wurden sieben- bis 15-Jährige Kinder und Jugendliche, die alle Verhaltensauffälligkeiten zeigten. Bei einer Gruppe waren die Mütter in der Schwangerschaft Zigarettenrauch ausgesetzt, bei der anderen Gruppe nicht. In einer dritten Gruppe rauchten die Mütter in den letzten beiden Schwangerschaftstrimestern selbst. Insgesamt wurden 171 Kinder von 133 Müttern untersucht, vor allem Jungen.

Die Kinder, die durch ihre Mütter dem Rauchen ausgesetzt waren, hatten mehr Symptome eines ADHS als Kinder von rauchfreien Müttern. Verantwortlich dafür könnten Auswirkungen des Nikotins auf Belohnungszentren im Gehirn sein. Der Botenstoff Dopamin soll dabei eine Rolle spielen.

Die Forscher appellieren an Schwangere, nicht nur selbst nicht zu rauchen, sondern auch das ungewollte Passivrauchen zu verhindern.

Habe ich ADHS? Meine Mutter hat tatsächlich in der Zeit, in der sie mit mir schwanger war, in einem Büro gearbeitet, in dem rücksichtslos stark geraucht wurde. Auf jeden Fall wird deutlich, daß Verhaltensstörungen wie ADHS wahrscheinlich durch ein Ursachenbündel zustandekommen, wie schon in einem gestrigen Beitrag vermutet.

Auch das Erbgut des Kindes wird dauerhaft durch Rauchen geschädigt - sowohl durch das Rauchen des Vaters wie der Mutter. (Gesundheitpro.de)

Donnerstag, 28. Juni 2007

Die Kinderkrippen, die es gibt (in den USA) sind schlecht für Kinder

- und von den Kinderkrippen, die es gar nicht gibt, über die weiß die Wissenschaft - natürlich - nichts.

Das heißt: Die Familienpolitik will ein großangelegtes wissenschaftliches Experiment durchführen, um zu beweisen, daß bessere Krippen als jene, die es heute durchschnittlich in den USA gibt, den Kindern nicht schaden.

Wäre es nicht vernünftiger, solche Experimente zunächst mit Mäusen und Ratten durchzuführen? Nachdem das erste Experiment in den USA schon mißglückt ist?

Diese neue Familienpolitik sagt: Über Kinderkrippen "per se" (also Wolkenguckucksheim-Kinderkrippen) würden moderne kinderpsychologsiche Untersuchungen (NICHD-Studie) nichts aussagen, sondern sie würden nur etwas aussagen über die schlechten Kinderkrippen, die es heute in den USA gibt.

So verteidigt ein aktueller Artikel die Krippenpolitik (Weltwoche). Und er macht weiterhin etwas für mich deutlich, was heute in vielen Zusammenhängen nicht genügend berücksichtigt wird. Vielleicht lassen sich aber bald Parallelen zum Bienensterben herstellen: Derzeitiger Stand ist, daß kein einziger Faktor allein für das Bienensterben verantwortlich gemacht werden kann - und dennoch sterben die Bienenvölker unerklärlicherweise. Und die Forscher tendieren immer mehr dazu, eine Aufschaukelung von verschiedenen ungünstigen Faktoren (Streßfaktoren) anzunehmen. Mir scheint nichts naheliegender als das in unserer modernen Welt, in der sich so viel gleichzeitig verändert.

Kein einziger Faktor allein

Und ganz eindeutig muß man so auch argumentieren, was Krippenbetreuung betrifft. Krippenbetreuung allein muß sich in 20 Jahren bei den Herangewachsenen nicht auffällig als Streßfaktor zeigen im Vergleich mit jenen Herangewachsenen, die keine Krippenbetreuung erlebten. (Allerdings liegen offenbar noch keine detaillierteren Studien über die auffällige Häufigkeit von ADHS bei Kindern in den neuen Bundesländern vor und einem etwaigen Zusammenhang mit Krippen-Erfahrung.) Wenn es aber insgesamt mit jeder neuen Jugendgeneration eine Steigerung der Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten gibt, dann wird das eben doch auch etwas mit der Krippenbetreuung als einem von vielen ungünstigen Faktoren zu tun haben, die sich alle gegenseitig aufschaukeln.

Und exakt so argumentiert eigentlich auch der verteidigende Artikel:

Je schlechter eine Mutter mit ihrem Kind umgeht, desto höher ist das Risiko, dass ihm eine qualitativ schlechte Krippe schadet.

Also zu dem Streßfaktor Krippe wird noch ein weiterer Streßfaktor hinzugezählt, um zu einer Bewertung zu kommen. Das ist legitim. Aber wie kann man denn davon ausgehen, daß es künftig immer nur die allerbesten Mütter sein werden, die ihre Kinder in die Krippe bringen - und zudem immer in die allerbeste? Die Menschen werden nicht plötzlich dadurch alle Idealfiguren, weil das gerade in ein bestimmtes ideologisches Schema besonders gut hineinpassen würde. Nein, sie bleiben wie sie sind, sie werden nicht ganz plötzlich alle "Edelmenschen", "Edelmütter", "Supermütter".

Künftig sind plötzlich alle Mütter immer nur die allerbesten Mütter?

Weiter heißt es: Je «minderwertiger» eine Tagesstätte, desto eher legt das Kind Verhaltensprobleme an den Tag.

Ja gut. Aber das ist noch kein Beleg dafür, daß die allerbeste Tagesstätte nicht dennoch weiterhin eine Wahrscheinlichkeit für Verhaltensprobleme vergrößert. Und zwar signifikant. Wie man übrigens so eindeutige Ergebnisse wie die jüngsten der NICHD-Studie so uminterpretieren kann, wie es hier geschieht, das ist eher ein Fall von "Rabulistik". So argumentieren nicht unvoreingenommene Wissenschaftler, sondern Ideologen:

«Die NICHD-Studie sagt nicht, familienergänzende Kinderbetreuung sei schlecht», sagt die Psychologin Heidi Simoni vom Marie-Meierhofer-Institut in Zürich, «sondern sie belegt, dass es eine Rolle spielt, wie viel Zeit Kleinkinder in Krippen und wie viel sie mit den Eltern verbringen. Und dies ist als Resultat hochinteressant.»

Das halte ich für Rabulistik. Nein, so muß man formulieren: So wie in den USA im Durchschnitt Kinder fremd betreut werden, in der Weise ist familienergänzende Kinderbetreuung schlecht. Das sagt die NICHD-Studie. Und das ist ein klares Ergebnis. Über andere Formen familienergänzender Kinderbetreuung als der durchschnittlichen in den USA - mit anderer Zeitaufteilung etc. pp. - sagt die Studie schlichtweg nichts aus.

Ebenso dieses: «Die Resultate zeigen, dass Fremdbetreuung per se dem Kind nicht schadet», hielt Studienleiterin Andrea Karsh die Ergebnisse der Studie in einem Beitrag für die Schweizerische Ärztezeitung fest. Wie sich ein Kind entwickle, hänge nicht primär davon ab, wie gut oder wie schlecht die ausserhäusliche Betreuung sei.

Per se kann auch heißen: eine Minute Fremdbetreuung am Tag. "Per se"! Von per se kann hier einfach nicht die Rede sein, weil eine Studie nur konkret empirisch vorliegende Tatsachen untersuchen kann. Und nur diese können dann diskutiert werden. - Genug von diesem Artikel. Ein solches "Schönreden" von eindeutig festgestellten Tatsachen kennt man eigentlich eher aus Diktaturen denn aus freiheitlichen Gesellschaften.

Mein Expertenstab arbeitet Pläne zu einem Mauerbau aus und ich verkünde vor der Öffentlichkeit: "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen." Die Experten sagen: Die durchschnittlich in den USA stattfindende Fremdbetreuung ist schlecht für Kinder. Und ich verkünde: Fremdbetreuung per se ist nicht schlecht für Kinder. Das "Wahrheitsministerium" von George Orwell. Krieg ist Frieden. Und Frieden ist Krieg.

Kinderkrippen machen unglücklich, depressiv und ADHS-anfällig - und zwar EINDEUTIG

Dorothea Böhm vom Familiennetzwerk macht mich auf vier Studien zu der Schädlichkeit frühkindlicher Krippenbetreuung aufmerksam. Das übernehme ich hier glatt so, wie sie es mir schickt und füge noch Ergänzungen von meiner Seite aus ein:

Quellen und Links, die die Gefahr von verfrühter Gruppenfremdbetreuung belegen. Interessant ist auch der Zusammenhang zwischen frühkindlichem Stress und AD(H)S.

viele Grüße :-) Doro

1. Fear in the blood. When mothers leave their toddler-age children in day care rather than care for them at home, they expose them to stress severe enough to adversely affect their body chemistry. The troubling biochemical effects of day care recently received attention from a team of child-development experts at the University of Minnesota, who worry that day-care stress in young children may translate into serious later psychological problems. Abstract hier.

Diesem Forschungsartikel in der weltweit führenden kinderpsychologischen Zeitschrift "Child Development" von 2003 entnehme ich (I.B.) noch folgende spannende Inhalte:

While “there was no change in cortisol over the day by age at home,” the researchers limn a pattern of rising cortisol levels over the day when these same children were in day care. “Among the infants (3-16 months), 35% showed a rise in cortisol across the child care day,” the researchers remark, “whereas among the toddlers (16-38 months), 71% showed a rise.”

Das ist ja hochinteressant. Kinder zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr reagieren auf Kinderkrippe stärker mit Streßhormonen als Kinder während des ersten Lebensjahres. Wahrscheinlich sind die Reaktionen während des ersten Lebensjahres noch diffiziler. (Beziehungsweise: Das Urvertrauen und die Bindung zu den primären Bezugspersonen wird ja während des ersten Lebensjahres erst aufgebaut.)

Auch nach dem dritten Lebensjahr geht die Streßhormon-Ausschüttung durch Kindergarten-Betreuung wieder zurück, wie den weiteren Ausführungen zu entnehmen ist. Die Forscher sprechen weiterhin von “strong evidence that early experiences shape the reactivity and regulation of neurobiological systems underlying fear, anxiety, and stress reactivity.” The researchers thus see reasons for concerns about day care when they review animal studies concluding that “early experience” helps create “the neural substrate of vulnerability to anxiety and depressive disorders.” If infant animals exposed to stresses that drive up their cortisol levels later become “adults [that] exhibit heightened fearfulness and greater vulnerability to stressors,” what future lies ahead for “toddlers [who] exhibit a rising pattern of cortisol across the child care day” because they have been placed in a “context [that] is challenging?”

Die Forscher referieren also weiterhin Tierstudien, die zu dem Ergebnis kommen, daß frühe Erfahrungen das neuronale Substrat von Anfälligkeit für Ängstlichkeit und depressive Kranheiten bilden. Wenn Tierjunge, die Streßerfahrungen machten, später erwachsene Tiere werden, die erhöhte Ängstlichkeit und größere Verwundbarkeit durch Stressoren zeigen, so fragen die Forscher: Welche Zukunft liegt dann vor (menschlichen) Kindern, die solche Erfahrungen gemacht haben?

2. What the rodent prefrontal cortex can teach us about attention-deficit/hyperactivity disorder: the critical role of early developmental events on prefrontal function (Ron M. Sullivan, Wayne G. Brake) (Behavioural Brain Research 2003 [pdf.]).

Nach dieser Studie spielt eine Fehlfunktion des rechten präfrontalen Kortex eine wichtige Rolle bei ADHS. Und das Risiko des Eintretens dieser Fehlfunktion wird erhöht verschiedene frühe Entwicklungsfaktoren.

3. "Ist eine stressige Kindheit der Grund?" Stress in jungen Jahren, sagen israelische Forscher, stört die Entwicklung von Hirnarealen, die für Emotionen zuständig sind. Die Folge sind Depressionen und Ängste ... (Tsoory M, Cohen H, Richter-Levin G. "Juvenile stress induces a predisposition to either anxiety or depressive like symptoms following stress in adulthood." (European Neuropsychopharmacology [pdf.])

und der umgekehrte Ansatz:

4. "Glücksgefühle und Gesundheit". (Zitat aus dem Artikel: Je glücklicher ein Teilnehmer war, desto geringer waren auch die Cortisolwerte während des Tages). (Handicap-network.de 2005)

- Ja, das ist natürlich auch entwaffnend. Der Anfang der Meldung sei vollständig zitiert:

Glück: Positive Auswirkung auf die Gesundheit
Gefühle wirken sich direkt auf Körperchemie aus

London - 19.04.2005 - Menschen, die in ihrem täglichen Leben glücklicher sind, verfügen bei entscheidenden Körperchemikalien wie dem Stresshormon Cortisol über bessere Werte als jene, die nur wenige positive Gefühle erleben. Zu diesem Ergebnis ist eine Studie des University College London http://www.ucl.ac.uk gekommen. Das bedeutet, dass glücklichere Menschen gesündere Herzen und kardiovaskuläre Systeme haben könnten. Ein Umstand, der ihr Risiko für Krankheiten wie Diabetes verringern könnte. Frühere Studien haben gezeigt, dass Depressionen im Vergleich mit durchschnittlichen emotionalen Zuständen eher mit Gesundheitsproblemen zusammenhängen. Wenige Untersuchungen haben sich bisher mit den Auswirkungen positiver Stimmungen auf die Gesundheit auseinandergesetzt. Die Ergebnisse der aktuellen Studie wurden in den Proceedings of the National Academy of Sciences http://www.pnas.org veröffentlicht. ...

Montag, 25. Juni 2007

IQ-Unterschiede kann auch die beste Kinderkrippe nicht verändern

Aus der folgenden Argumentation in der TAZ wird mir deutlich, wie wichtig es ist, daß auch bei der Diskussion moderner Familienpolitik die Erkenntnisse moderner IQ-Genetik berücksichtigt werden.

Sagt doch in einem Interview (TAZ, November 2006) der Soziologe Gøsta Esping-Andersen:

... Zudem haben wir früher geglaubt, der allgemeine Zugang zum Bildungssystem werde mehr Gleichheit zur Folge haben. Es hat sich herausgestellt, dass das nicht unbedingt der Fall ist.

Die Schulen reproduzieren die Ungleichheiten nur?

Wir wissen heute, dass es sich in den Familien entscheidet, ob ein Kind gute Chancen oder schlechte Chancen hat, und dass die Schulen kaum mehr etwas korrigieren können. Die Grundlage für soziale Ungleichheit wird in den ersten sechs Jahren gelegt, also in jener Phase, in der die Kinder de facto privatisiert sind. Für Chancenarmut gibt es somit zwei Gründe. Erstens materielle: Kinderarmut hat ganz furchtbare Auswirkungen. Zweitens kulturelle: Das Lernmilieu spielt eine große Rolle.

Was heißt das?

Kinder, die in der Familie nicht gefördert werden, keine kognitive Basis bilden, haben praktisch keine Chance. Wenn wir also in einer Wissensgesellschaft leben, müssen wir entschieden mehr in die Kinder investieren, wenn wir nicht grobe Ungleichheiten ernten wollen.

Man wird die Eltern nicht zwingen können, ihren Kindern vorzulesen ...

Deswegen ist hochwertige Kinderbetreuung wichtig, besonders für die am meisten Unterprivilegierten. Die haben einen überdurchschnittlichen Gewinn durch qualitativ hochwertige Kinderbetreuung.

Dazu ist zu sagen, daß diese Argumentation von ganz falschen Prämissen ausgeht. Der Mensch kommt nicht als "unbeschriebenes Blatt" auf die Welt und ist nicht beliebig durch die Umwelt form- und erziehbar. Auch nicht, wenn man - wie neuerdings - sich immer stärker auf die Umwelt in den ersten sechs Lebensjahren konzentriert, was ja grundsätzlich sehr löblich sein mag. In diesen Tagen wurde ein zweijähriges Kind mit einem IQ von über 150 in England in einen Hochbegabten-Club aufgenommen. Alle Zeitungen berichteten. So etwas ist doch nur sinnvollerweise möglich, wenn man weiß, daß dieser IQ eben über das Leben hinweg weitgehend stabil bleibt und schon mit zwei Jahren einigermaßen zuverlässig für das ganze künftige Leben festgestellt werden kann.

Von daher werden wichtige Prämissen und Voraussetzungen sogenannter "frühkindlicher Bildung" heute ganz falsch in den Vordergrund gestellt. Daraus kann nur noch mehr und mehr Unheil entstehen. Der angeborene IQ ist im wesentlichen nicht änderbar - weder durch frühkindliche Erziehung, noch durch spätere. Das ist ein Wahn. Geradezu grotesk. Und der sogenannte "emotionale IQ" wird doch wohl am besten durch emotionale Geborgenheit in der Familie gefördert.

Interessanterweise führte das Interview der Journalist Robert Misik, der schon vor einem Jahr in der TAZ über die IQ-Genetik der aschkenasischen Juden berichtet hat. Warum stellt er dann so kritiklose Fragen? Er wird doch wohl auch nicht selbst glauben, daß eine Erblichkeit der Intelligenz nur für aschkenasische Juden gilt - ?

Freitag, 22. Juni 2007

ADHS: Struktur und Lebensraum für Kinder statt Reizüberflutung

ADHS scheint eine Verhaltens-Auffälligkeit zu sein, die wie wenige andere auf die eigentlichen Probleme aufmerksam macht, die es in unserer Gesellschaft gibt: Zu wenig Struktur für Kinder. Zu wenig gefahrlosen Platz für Kinder zum Toben. Zu viel Fernsehen. Zu viel Reizüberflutung. Und - vielleicht - zu viele Medikamente. Die letztere Problematik ist der Ausgangspunkt eines spannenden Interviews, das die auch sonst von mir sehr geschätzte Journalistin Brigitta vom Lehn mit dem Neurobiologen Gerald Hüther geführt hat. (Welt) Darin sagt Hüther gleich zu Anfang auf die Frage "Wie entsteht ADHS?" (alle Hervorhebungen im folgenden durch mich, I.B.):

Wenn in der äußeren Welt Struktur gebende Elemente fehlen, kann auch im Gehirn keine Struktur aufgebaut werden. Das ist heute ein riesiges Problem, denn unsere Welt hat viel an Struktur verloren. Das hängt mit der Hektik des modernen Alltags zusammen, mit Problemen, die jungen Familien zu schaffen machen wie Partnerschaftskonflikte oder mit Karrieren, die aufzubauen sind. Kinder wachsen heute in eine Welt hinein, in der sehr viel durcheinander gerät, wenig Strukturen bietet. Besonders schwierig ist dies für Kinder, die mehr Strukturen brauchen als andere, die so genannten ADHS-Kinder.

An diese Worte wird man doch wohl gleich die Frage anschließen dürfen: Geben Kinderkrippen Kindern mehr oder weniger "Struktur", innere Ruhe als die traditionelle Eltern-Kind-Bindung? Geben arbeitende Mütter und Väter ihren Kindern mehr Struktur oder solche, die bei ihren Kindern zu Hause bleiben? Auf die Frage "Wie ist man früher mit „Zappelphilippen“ umgegangen?" sagt Hüther etwas, was mir sehr treffend erscheint:

Die Kinder sind früher nicht aufgefallen, weil die Strukturen so hart waren, dass sie keine anderen Möglichkeiten hatten, als sich diesen Strukturen anzupassen. Sie sind verprügelt worden, wenn sie sich nicht richtig verhalten haben. Wir wünschen uns aber heute keine Abrichtung von Kindern mehr mit Strafen und dergleichen.

Hüther bestreitet im weiteren, daß ADHS vererbbar ist. Das erstaunt mich nicht wenig, denn die erst vor kurzem von mir konsultierte Studie (Studium generale) geht ganz selbstverständlich davon aus. Aber richtig wird es wieder sein, wenn Hüther auf die Frage, ob Pharmazie zur Behandlung von ADHS der richtige Weg sei, antwortet:

Das ist eine Notlösung. Aber wir machen in dieser Gesellschaft ja viele Notlösungen.

Brigitta vom Lehn fragt energisch nach, das gefällt mir. So sollte Journalismus sein. Hintergrund ist vielleicht auch eine heftige Leser-Debatte zu früheren Beiträgen zum Thema ADHS in der "Welt". Vom Lehn fragt: Der Psychologe Wolfgang Bergmann meint, es müsste eigentlich ein Schrei durch die Öffentlichkeit gehen angesichts des hohen Methylphenidat-Konsums. Warum bleibt der Schrei aus?

Und dann fragt sie: Wer sind die Interessenten dieses falschen Modells? (- nämlich, daß ADHS deshalb [!], weil es genetisch bedingt sei [!], vornehmlich mit Ritalin behandelt werden müßte.) Und Hüther antwortet:

Den größten Nutzen ziehen die betroffenen Eltern. Sie haben ein immenses Interesse daran, dass jemand kommt, der sagt: Es ist genetisch bedingt. Es gibt schließlich nichts Schlimmeres für Eltern, als etwas falsch gemacht zu haben. Deshalb werden eine definierte Krankheit und eine entsprechende Behandlung ausdrücklich begrüßt. (...) Nicht zu vergessen die Lehrer! Viele von ihnen können mit diesen Kindern überhaupt nichts anfangen. Sie sind froh, wenn sie endlich ruhig werden, egal, womit das geschieht, und wenn dies mit einer Tablette geht, ist ihnen das auch recht.

Hüther greift auch die Wissenschaft, die Ärzte und die Pharmaindustrie an. Das ist mir zu pauschal, als daß ich es hier wiedergeben möchte. Natürlich muß man solche Möglichkeiten immer mit in Rechnung stellen. Die Leserkommentare nun - Volkes Stimme! - sagen für mich ebenfalls viel Wertvolles.

Ein Mann:

Man sollte anmerken, dass sich Kinder "früher" (also vielleicht zwei oder drei Generationen zurück) noch frei in unserer Umwelt bewegen, toben & spielen konnten. Heute werden die Kinder vor der Glotze "geparkt" und dürfen nicht mehr draußen spielen weil sie auf der Straße von Autos todgefahren werden. Wer wundert sich da, dass Kindern anfangen zu zappeln? Ich konnte meine Energie vor 35 Jahren noch mit anderen Kids beim Fußball auf der (fast Autofreien) Straße loswerden. Wo gestern Kinder spielten, parkt heute Daddys "Defender".

Eine Frau:

Kinder sollten draussen spielen um ihre Abwehrkräfte zu stärken und überschüssige Energie zu verbrennen. Ein ganz normales Kinderdasein heisst spielen, toben, dreckeln, nicht Pillen schlucken!

Ein Mann:

Ich selbst bin Betroffener und habe die Diagnose erst mit 35 erhalten. MP hilft mir, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und die ständige innere Unruhe zu bekämpfen. Mir hat das Medikament ein neues Leben geschenkt.

Ein Mann:

Auch ich habe die Diagnose ADS nach einem wirklich langen Leidensweg und vielen Falschdiagnosen erhalten - mit 38 Jahren!
Methylphenidat hilft mir ein einem Maße, wie ich es kaum beschreiben kann.
Jemand, der nicht selbst betroffen ist bzw. keine betroffenen Kinder hat, sollte sich nicht anmaßen, derart selbstgerecht so negativ über dieses Methylphenidat zu urteilen.
Und weil Methylphenidat (z.B. Ritalin) nunmal auf einem Betäubungsmittelrezept verschrieben wird, heißt noch lange nicht, dass es ein Betäubungsmittel im Sinne von "Kinder ruhigstellen" ist.
Seit meiner ersten Ritalin-Tablette kann ich jedenfalls nachvollziehen, was sich in den Köpfen der ebenfalls betroffenen Kinder abspielt. Für alle betroffenen einer Dopaminstoffwechselstörung im Frontalhirn ist dieses Methylphenidat ein Segen.
Was allerdings auch ich nicht bezweifele, ist, dass allzuviele ADHS-Diagnosen zu leichtfertig gestellt werden und es sicher viele Falschdiagnosen gibt. Ebenso, wie es sicher viel zu wenig feste Strukturen in den Familien gibt und zuwenig Gelegenheiten für Kinder, "sich selber draußen auszuprobieren und auszutoben".
Trotzdem: Wer selber kein ADS oder ADHS hat, kann und sollte hier nur sehr zurückhaltend mitdiskutieren und Kritik an "den Pillen" am besten garnicht erst äußern. Ich kritisiere ja auch nicht die vielen Medikamente gegen andere Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder was weiß ich.
Wenn Ärzte damals, als ich ein Kind war, und mein Eltern selber auch dafür gesorgt hätten, dass ich viel früher Ritalin bekommen hätte, wäre mich ganz ganz sicher ein sehr leidensvoller Lebensweg erspart geblieben.

Ein Mann:

Herr Hüther rennt scheinbar mit einem Heile-Heile-Gänschen-Weltbild durchs Leben.
ADS bedeutet für mich (40 jahre alt) den Umweltreizen nicht entkommen zu können. Und vieles mehr.
Jeder Mensch hat das Recht auf ein würdiges und glückliches Leben. Und das geht nicht, wenn man den ganzen Tag keine Chance hat, den Reizen zu entkommen oder sich auf irgendetwas konzentrieren kann.
Kein Arzt oder Therapeut, der nicht selbst ADS hat kann sich das vorstellen! KEINER! Auch Sie nicht, sehr geehrter Herr Hüther.

Ein Mann:

Als selbst Betroffener und ausserdem in der Elternrolle kann ich nur sagen, Herr Hüther weiss nicht wirklich, wovon er redet. Es ist das ewige dumme Vorurteil, dass wir nur die Symptome korrigieren und nicht die Ursache. Dank dieser Tabletten kann mein Sohn funktionieren und und wir kaufen ihm Zeit damit er ausreifen kann - übrigens ist die Behandlung eingebunden in ein Therapiekonzept mit Kinderpsychiatern, anerkannten Leuten auf diesem Gebiet, auch wenn wir "nur" in der Schweiz sind. Die Tabletten helfen ihm damit bestimmte Funktionen ausreifen können und er Ruhe findet vor der Reizüberflutung.

Ich muss frustriert feststellen, dass die Gesellschaft trotz hervorragender Fachleute einfach kapituliert und am schlimmsten ist für mich die Schule. Gottseidank haben wir nun eine Schule gefunden, die bereit war meinen Sohn nicht nur aufzunehmen, sondern sich auch seiner anzunehmen - keine Kuschelpädagogik, sondern klare Strukturierung, Aufbau von Konfliktfähigkeit und Eigenverantwortung.

Aber nicht jeder hat so viel Glück und es macht mich traurig, dass es offensichtlich eine Frage des Glücks und nicht der Diagnose ist.

Volkes Stimme - Gottes Stimme? ... Manchmal ....

Der Schrei

Hier wird Promotion für Kinder gemacht. Den größten Schatz, den eine Gesellschaft besitzt. (Außer Goethe und Schiller natürlich.) Und deshalb auch mal die ganz profanen Ratschläge aus einer Eltern-Zeitschrift zum Thema "Was will mir mein Baby sagen, wenn es schreit?" (Berliner Morgenpost)

Was wollen Säuglinge, wenn sie wie am Spieß brüllen? Vielleicht auf den Arm genommen werden, futtern oder eine frische Windel?

Konrad Lorenz übrigens hat ein ähnliches Thema in dem Buch "Hier bin ich, wo bist du?" behandelt ... Nun also Auszüge aus einem "Schrei-Lexikon":

Der Hunger-Schrei: Wenn Babys etwas zu sich nehmen möchten, kündigen sie das mit einem anfangs fordernden Quengeln an, das bald in energisches Schreien übergeht. Beste Reaktion: Überlegen, wann die letzte Mahlzeit war. Brust oder Brei anbieten und schauen, was passiert!

Der Sehnsuchts-Schrei: Das Baby wacht auf und fühlt sich allein. Achten Sie auf einen kurzen "Kontakt-Laut". Wenn sich keiner um das Baby kümmert, geht die Sirene los. Beste Reaktion: schnell sein und in den Arm nehmen!

Der Müdigkeits-Schrei: Das Baby reibt sich die Augen oder die Nase, es gähnt und meckert. Kann ein Baby trotz extremer Müdigkeit nicht einschlafen, schreit es - und zwar immer dramatischer. Beste Reaktion: abwarten, aber in der Nähe bleiben. Babys ab sechs Monaten schlafen nach einer kurzen Heulphase oft von allein ein.

Der Stress-Schrei: Das Baby macht den Rücken steif, ballt die Hände, stößt kurze, schrille Schreie aus - es will einfach in Ruhe gelassen werden. Beste Reaktion: sofort für Stille sorgen und Lärmquellen ausschalten. Oft hilft das vertraute Bett.

Der Langeweile-Schrei: Das Baby strampelt, rudert mit den Armen. Seine Schreie sagen: "Leute, unternehmt was mit mir". Beste Reaktion: mit dem Kind reden, seine Mimik und seine Laute nachahmen, aber auch ganz normal sprechen. Die Gesichter und Stimmen von Mama und Papa hat es am liebsten.

Der Schmerz-Schrei: Eindeutig der schrillste und intensivste Schrei-Laut. Beste Reaktion: Genau nachschauen, wo es zwicken könnte. Ob der Po wund ist oder sich womöglich ein Haar um einen Zeh gewickelt hat. Bei häufig undefinierbaren Schmerz-Attacken zum Kinderarzt gehen!
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