"... Unter die drei Gruppen, die die Haupt-Agitatoren für den Kriegseintritt bilden, zähle ich nur die, die wesentlich sind für die Kriegspartei. Wenn eine von diesen Gruppen - die Briten, die amerikanischen Juden oder die Roosevelt-Regierung - damit aufhören würden, für den Kriegseintritt zu agitieren, so glaube ich, daß es wenig Gefahr gäbe, daß die Vereinigten Staaten in diesen Krieg hineingezogen würden."
Charles Lindbergh war der Meinung, daß die Briten und die amerikanischen Juden in der Frage des Kriegseintrittes der Vereinigten Staaten mehr an die Interessen ihrer eigenen Völker (in Europa) als an die Interessen der Vereinigten Staaten denken würden. Mehr dazu in früheren Beiträgen. (Studium generale - und Stichwortsuche "Lindbergh")
Posts mit dem Label Charles Lindbergh werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Charles Lindbergh werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Dienstag, 10. Juli 2007
Charles Lindbergh's berühmteste Rede in De Moines am 11. September 1941 - Originalaufnahme
Dies ist die Originalaufnahme der wohl berühmtesten Antikriegs-Rede von Charles Lindbergh, in der er - unter anderem - auch seine umstrittendsten Worte sagte:
Sonntag, 24. Juni 2007
"Der Tod ist gleich hier, neben dir." - Aus dem Leben des Flugpioniers Charles Lindbergh
Drei Beiträge sind inzwischen hier auf dem Blog zu Leben und Persönlichkeit des Flugpioniers Charles Lindbergh erschienen. (Studium generale 1, 2, 3) Dem ersten derselben ist auch das Zitat für den Titel dieses Beitrages entnommen. Und dieses Zitat soll in dem vorliegenden Beitrag noch näher erläutert werden anhand von Tagebuch-Einträgen von Anne Morrow Lindbergh, der Schriftstellerin und Ehefrau Charles Lindbergh's. (1)
Es ist gar nicht so einfach selbst aus diesen Tagebüchern einen tiefer gehenden Einblick in das Wesen der Persönlichkeit ihres Ehemannes zu gewinnen. Da fließt das tägliche Leben eigentlich immer so dahin, das alltägliche Zusammenleben mit Charles, der Familie und den Freunden in der Gesellschaft. Es wird deutlich, wie sehr Charles sich bemühte, daß seine Frau Anne Freiraum für ihr schriftstellerisches Schaffen bekäme - und wie wichig es ihm war, daß sie diesen Freiraum dann auch nutzte. Es wird deutlich, wie das Ehepaar Lindbergh an der gegenseitigen persönlichen, menschlichen Weiterentwicklung arbeiteten.
Aber selbst den Schilderungen der politischen Kämpfe um den Kriegseintritt Amerikas zwischen 1939 und 1941 meint man nicht wirklich einen tieferen Einblick in die Seele Charles Lindbergh's entnehmen zu können. Wenn sie natürlich auch als ein deutliches Zeichen seiner Unerschrockenheit, seiner Unabhängigkeit im Urteil, seiner Unbestechlichkeit und von vielem anderen mehr gewertet werden können. Seine politische Positionierung führte zu einer völligen gesellschaftlichen Isolierung der Familie Lindbergh in den USA. Der Kontakt zu fast allen früheren Freunden brach dadurch ab. Doch was heißt das schon?
Aber dann bricht es - in all die Alltäglichkeit, auch in die politische und militärische - plötzlich hinein. Nämlich in dem Augenblick, in dem ein guter, alter früher Freund von Charles Lindbergh, Philip R. Love, den Fliegertod stirbt. Und da hat man wieder alles zusammen - man glaubt es zumindest - was das Leben von Charles Lindbergh ausgemacht hat, was überhaupt das Leben all dieser frühen Piloten und Luftfahrtpioniere ausgemacht hat: Freundschaft und Treue bis in den Tod. Erst indem man sich diese ständige Nähe des Todes bewußt macht, mit dem ein früher Luftfahrt-Pionier lebte, erst dadurch wird einem die ganz andere Form eines solchen Lebens deutlich, als wie man es heute meistens kennt und lebt. Würde man jedenfalls nicht von der Nähe dieses Todes aus auf das übrige Leben von Charles Lindbergh schauen, - man würde wohl nicht die richtige Perspektive für das Verständnis desselben gewinnen. Deshalb wichtigere Tagebuch-Auszüge dazu. Am 4. Juni 1943 wird Philip R. Love, mit dem Lindbergh zusammen seine Militärflieger-Ausbildung und seine Postflieger-Zeit verbracht hat, vermißt gemeldet.
"Alle Pilotenfrauen kennen das ..."
"Charles macht sich um Phil Love Sorgen, der in einem Bomber außerhalb von Colorado Springs vermißt wird. Selbstverständlich ist es möglich, daß er irgendwo gelandet ist. Es ist ein dünnbesiedeltes Land. Aber Charles bekommt keinerlei Nachricht. Er ist tief beunruhigt. (...) Er hat auch mit Cooky Love gesprochen. (...)
Meine Gedanken spulen kaleidoskopartig mein ganzes Leben zurück - bis zu unserem ersten Flug, den Charles und ich in der Lockhead nach Westen unternommen haben, um ein überfälliges Transportflugzeug zu suchen, bedrohlich vermehrten sich die Stunden (24 Stunden überfällig - 48 Stunden überfällig). (...) Die erste Nachricht, daß das Flugzeug gefunden war. Die Gerüchte, daß es fünf Überlebende gab. Die Gesichter des Vaters und der Mutter auf dem Flugplatz - die sich hoffnungslos an die letzten gesprochenen Worte klammerten. 'Sie hatte überhaupt keine Angst ... Sie sagte ...' Und alles sollte in diesem verkohlten Wrack auf einem Bergabhang auf richtigem Kurs sein Ende finden. 'Keine Überlebenden'. (...)
Dann kam Nelson's Tod." - Ein weiterer enger Kamerad von Charles aus der Militärflieger-Ausbildung und Postflieger-Zeit. - "(Phil und Charles gehörten zur Suchtruppe). 'Er war einer der Besten', sagte Charles. Dann der Pan American Clipper, der über dem Pazifik verloren ging. Amelia Earhart und viele, viele andere, einer nach dem anderen. Immer wieder der gleiche Ablauf. Die unheilbringenden Stunden verrinnen - 'überfällig' - und wieder die Gerüchte, und am Schluß die grausame Realität. (...)
Cooky hat das hundertmal durchgemacht. Alle Pilotenfrauen kennen das. Zeitweilig vergißt man das Damoklesschwert, unter dem man lebt. (...) Dann bemüht man sich, kleine tröstliche Anhaltspunkte aufzuspüren, um die Tragödie gewaltsam zu verdrängen. 'Er war sich dessen stets bewußt.' 'Er wollte es so.' 'Es war schnell vorüber.' 'Er hat das Flugzeug selber geflogen und kannte keine Furcht.' (Das sind die Dinge, um die ich beten würde, würde es Charles betreffen.)" (1, S. 367f)
Am 4. Juni schreibt sie: "Nachts ruft (...) Helen Nelson an, die Witwe von Charles' und Phils drittem Piloten der ersten Postroute. (...) Sie ist ganz fassungslos, berichtet, daß man das Flugzeug gefunden hat und daß es 'keine Überlebenden' gibt. (...) Charles schweigt und sagt nur, daß er nicht imstande ist, Cooky anzurufen. (...) Er sagt: 'Danke für die Mitteilung.' (...) Phil gehörte zu denen, die wie ich, wie Detroyat, Charles in ihr Herz geschlossen hatten. (...)" (1, S. 369f)
"Die Ideale der Männer, die wir heirateten ..."
Am 25. Juni schreibt sie dann an Cooky Love einen Brief, den ich zu den Zeugnissen dieses Tagebuches zähle, die am tiefsten Einblick in die Persönlichkeit von Charles Lindbergh geben: "Liebe Cooky, auch wenn ich ständig an Dich gedacht habe, (...) zögerte ich, Dir einen Brief zu schreiben." Sie schreibt weiter, es wäre ihr zu eilfertig vorgekommen: "Wenn ich vorausschaue, denke ich - nein, ich möchte dann mit keinem reden, sollte es Charles treffen. Keiner soll Aufhebens um mich machen, niemand mir sein Beileid bezeugen. Vielleicht sind die Ideale der Männer, die wir heirateten, zu tief in uns verwurzelt, als daß wir uns anders verhalten könnten - und so ertragen wir den Schmerz so, wie sie es von uns erwarten würden. (Wie ich aus Charles' Gespräch mit Dir weiß, handelst Du entsprechend.) Der Gedanke an die gleiche Zurückhaltung, Tapferkeit und Bescheidenheit, die für unsere Männer so charakteristisch war, trägt zu unsererm Schweigen bei.
(...) Alles zu geben, was man hat, um einen Mann glücklich zu machen, ist sehr viel im Leben. Möglicherweise sind Frauen von Fliegern eher dazu geneigt als andere. Sie sind wie die Soldatenfrauen - nur ist für sie von Anfang an 'Krieg'. Wir haben immer gewußt, daß sie den Tod vor Augen haben - daß sie diesen Beruf nicht blind gewählt haben. Und wir haben sie wegen dieser Entscheidung geliebt. (Ich erinnere mich Charles' früherer Erzählungen, daß sie von einem Pilotenleben sprachen, das 10 Jahre währt, sich aber in jedem Fall lohnt.) Wegen ihrer Aufrichtigkeit, mit der sie der Gefahr begegneten, mußten auch wir die entsprechende Haltung wahren und mit ihnen darüber lachen. (Hat Phil Deine Gefühlsausbrüche auch immer so schlagfertig pariert, wie Charles das bei mir tut: 'Oh, kann sein, daß ich noch vorher abtrudel!' (...)"
"Über Phil hat er gesprochen wie über keinen anderen."
"Ich wollte, ich könnte Charles von seiner Verschlossenheit befreien und für ihn schreiben. Vermutlich ist das aber gar nicht nötig, denn du weißt, was Charles für Phil empfunden hat. Es waren tiefe Gefühle, die er selbst mir gegenüber nie in Worte zu fassen versuchte. Diese Gefühle hatte er schon lange, ehe es mich gab, in seinem Innern verschlossen. Über Phil hat er gesprochen wie über keinen anderen. Erkennst Du eine derartige Beziehung, wird Dir klar, wie unnütz nichtiges Weibergeschwätz ist. Ich erinnere mich, daß Charles in einem Brief an Phil schrieb, 'Du bist immer willkommen', übliche Worte, doch er hat sich damit so offen gezeigt, wie er es selten tut. Sie bedeuteten absolutes Vertrauen, uneingeschränktes Verstehen und bedingungslose Treue. (...) Phils Loyalität bedeutete Charles etwas, was ich nicht auszudrücken vermag." (1, S. 374 - 376)
... Das Wesentlichste in einem Menschenleben ist wahrscheinlich immer das Verborgenste ...
Gutsein ist schwer, weil gleichgesinnte Menschen fehlen
Laut Tagebuch-Eintrag vom 7. Juni 1941 sagt Charles in den Zusammenhängen der politischen Auseinandersetzungen über den Kriegseintritt Amerikas zu Anne etwas, was einem ganz merkwürdig erscheint, wenn man seinen späteren Lebensweg (Stud. gen. 2) kennt: "Aber ist es nicht noch viel erstaunlicher, daß etwas Vollkommenes aus etwas Unvollkommenem hervorgehen kann? Gehört das nicht zu den wunderbarsten Dingen im Leben? Eine behinderte Frau kann ein wohlgeformtes Baby gebären." (1, S. 200) Man sieht aus solchen Gedankensplittern, daß Charles Lindbergh immer schon ein philosophisch selbständig denkender Mensch war. Aber daß er 20 Jahre später ausgerechnet mit zwei gehbehinderten deutschen Frauen Familien gründen würde - das mutet einem merkwürdig an angesichts so früher Gedanken Lindbergh's über behinderte Frauen.
In einem Tagebuch-Eintrag vom 26. Februar 1942 ist wiedergegeben, was Charles zu dem gerade erschienenen Buch von Antoine de Saint-Exupery "Flight to Arras" sagte: "... Und ich meine, es ist schlimm, wie er von seinem Körper spricht. Schließlich hat ihn dieser Körper getreulich herumgeführt und am Ende wirft er ihn, ohne ihm zu danken, einfach fort wie einen alten Schuh. Wäre ich sein Körper gewesen, ich hätte Windpocken bekommen, damit wir wieder quitt wären!" Das brachte Anne, die vorher beim Lesen etwas exaltiert "den Boden unter den Füßen verloren" hatte und "leicht umnebelt" war von der im Text geschilderten körperlosen, "kristallinen" Reinheit, wieder zum Lachen. - Oftmals wünscht man sich mehr von solchem gesunden Humor in ihren Tagebuch-Einträgen.
Und am 7. Februar 1943 schreibt sie: "Gestern Nacht sagte ich zu Charles, daß die gestellte Aufgabe - stets gut zu sein - unendlich schwer ist. Ich wollte, ich könnte diese Last für eine Weile ablegen." - Heute würde man ein solches Ehegespräch vielleicht für sehr exaltiert halten. Vielleicht. Charles antwortete jedenfalls sehr ernsthaft. "Er sagte, man sollte nicht versuchen, sich zu viel aufzubürden. Er erwähnte auch, daß uns gleichgesinnte Menschen fehlen und wir nicht wüßten, wo sie zu finden seien." (1, S. 334)
___________
1. Lindbergh, Anne Morrow: Welt ohne Frieden. Tagebücher und Briefe 1939 - 1944. Piper-Verlag, München 1986 (Originaltitel "War Within and Without" 1980)
Es ist gar nicht so einfach selbst aus diesen Tagebüchern einen tiefer gehenden Einblick in das Wesen der Persönlichkeit ihres Ehemannes zu gewinnen. Da fließt das tägliche Leben eigentlich immer so dahin, das alltägliche Zusammenleben mit Charles, der Familie und den Freunden in der Gesellschaft. Es wird deutlich, wie sehr Charles sich bemühte, daß seine Frau Anne Freiraum für ihr schriftstellerisches Schaffen bekäme - und wie wichig es ihm war, daß sie diesen Freiraum dann auch nutzte. Es wird deutlich, wie das Ehepaar Lindbergh an der gegenseitigen persönlichen, menschlichen Weiterentwicklung arbeiteten.
Aber selbst den Schilderungen der politischen Kämpfe um den Kriegseintritt Amerikas zwischen 1939 und 1941 meint man nicht wirklich einen tieferen Einblick in die Seele Charles Lindbergh's entnehmen zu können. Wenn sie natürlich auch als ein deutliches Zeichen seiner Unerschrockenheit, seiner Unabhängigkeit im Urteil, seiner Unbestechlichkeit und von vielem anderen mehr gewertet werden können. Seine politische Positionierung führte zu einer völligen gesellschaftlichen Isolierung der Familie Lindbergh in den USA. Der Kontakt zu fast allen früheren Freunden brach dadurch ab. Doch was heißt das schon?
Aber dann bricht es - in all die Alltäglichkeit, auch in die politische und militärische - plötzlich hinein. Nämlich in dem Augenblick, in dem ein guter, alter früher Freund von Charles Lindbergh, Philip R. Love, den Fliegertod stirbt. Und da hat man wieder alles zusammen - man glaubt es zumindest - was das Leben von Charles Lindbergh ausgemacht hat, was überhaupt das Leben all dieser frühen Piloten und Luftfahrtpioniere ausgemacht hat: Freundschaft und Treue bis in den Tod. Erst indem man sich diese ständige Nähe des Todes bewußt macht, mit dem ein früher Luftfahrt-Pionier lebte, erst dadurch wird einem die ganz andere Form eines solchen Lebens deutlich, als wie man es heute meistens kennt und lebt. Würde man jedenfalls nicht von der Nähe dieses Todes aus auf das übrige Leben von Charles Lindbergh schauen, - man würde wohl nicht die richtige Perspektive für das Verständnis desselben gewinnen. Deshalb wichtigere Tagebuch-Auszüge dazu. Am 4. Juni 1943 wird Philip R. Love, mit dem Lindbergh zusammen seine Militärflieger-Ausbildung und seine Postflieger-Zeit verbracht hat, vermißt gemeldet.
"Alle Pilotenfrauen kennen das ..."
"Charles macht sich um Phil Love Sorgen, der in einem Bomber außerhalb von Colorado Springs vermißt wird. Selbstverständlich ist es möglich, daß er irgendwo gelandet ist. Es ist ein dünnbesiedeltes Land. Aber Charles bekommt keinerlei Nachricht. Er ist tief beunruhigt. (...) Er hat auch mit Cooky Love gesprochen. (...)
Meine Gedanken spulen kaleidoskopartig mein ganzes Leben zurück - bis zu unserem ersten Flug, den Charles und ich in der Lockhead nach Westen unternommen haben, um ein überfälliges Transportflugzeug zu suchen, bedrohlich vermehrten sich die Stunden (24 Stunden überfällig - 48 Stunden überfällig). (...) Die erste Nachricht, daß das Flugzeug gefunden war. Die Gerüchte, daß es fünf Überlebende gab. Die Gesichter des Vaters und der Mutter auf dem Flugplatz - die sich hoffnungslos an die letzten gesprochenen Worte klammerten. 'Sie hatte überhaupt keine Angst ... Sie sagte ...' Und alles sollte in diesem verkohlten Wrack auf einem Bergabhang auf richtigem Kurs sein Ende finden. 'Keine Überlebenden'. (...)
Dann kam Nelson's Tod." - Ein weiterer enger Kamerad von Charles aus der Militärflieger-Ausbildung und Postflieger-Zeit. - "(Phil und Charles gehörten zur Suchtruppe). 'Er war einer der Besten', sagte Charles. Dann der Pan American Clipper, der über dem Pazifik verloren ging. Amelia Earhart und viele, viele andere, einer nach dem anderen. Immer wieder der gleiche Ablauf. Die unheilbringenden Stunden verrinnen - 'überfällig' - und wieder die Gerüchte, und am Schluß die grausame Realität. (...)
Cooky hat das hundertmal durchgemacht. Alle Pilotenfrauen kennen das. Zeitweilig vergißt man das Damoklesschwert, unter dem man lebt. (...) Dann bemüht man sich, kleine tröstliche Anhaltspunkte aufzuspüren, um die Tragödie gewaltsam zu verdrängen. 'Er war sich dessen stets bewußt.' 'Er wollte es so.' 'Es war schnell vorüber.' 'Er hat das Flugzeug selber geflogen und kannte keine Furcht.' (Das sind die Dinge, um die ich beten würde, würde es Charles betreffen.)" (1, S. 367f)
Am 4. Juni schreibt sie: "Nachts ruft (...) Helen Nelson an, die Witwe von Charles' und Phils drittem Piloten der ersten Postroute. (...) Sie ist ganz fassungslos, berichtet, daß man das Flugzeug gefunden hat und daß es 'keine Überlebenden' gibt. (...) Charles schweigt und sagt nur, daß er nicht imstande ist, Cooky anzurufen. (...) Er sagt: 'Danke für die Mitteilung.' (...) Phil gehörte zu denen, die wie ich, wie Detroyat, Charles in ihr Herz geschlossen hatten. (...)" (1, S. 369f)
"Die Ideale der Männer, die wir heirateten ..."
Am 25. Juni schreibt sie dann an Cooky Love einen Brief, den ich zu den Zeugnissen dieses Tagebuches zähle, die am tiefsten Einblick in die Persönlichkeit von Charles Lindbergh geben: "Liebe Cooky, auch wenn ich ständig an Dich gedacht habe, (...) zögerte ich, Dir einen Brief zu schreiben." Sie schreibt weiter, es wäre ihr zu eilfertig vorgekommen: "Wenn ich vorausschaue, denke ich - nein, ich möchte dann mit keinem reden, sollte es Charles treffen. Keiner soll Aufhebens um mich machen, niemand mir sein Beileid bezeugen. Vielleicht sind die Ideale der Männer, die wir heirateten, zu tief in uns verwurzelt, als daß wir uns anders verhalten könnten - und so ertragen wir den Schmerz so, wie sie es von uns erwarten würden. (Wie ich aus Charles' Gespräch mit Dir weiß, handelst Du entsprechend.) Der Gedanke an die gleiche Zurückhaltung, Tapferkeit und Bescheidenheit, die für unsere Männer so charakteristisch war, trägt zu unsererm Schweigen bei.
(...) Alles zu geben, was man hat, um einen Mann glücklich zu machen, ist sehr viel im Leben. Möglicherweise sind Frauen von Fliegern eher dazu geneigt als andere. Sie sind wie die Soldatenfrauen - nur ist für sie von Anfang an 'Krieg'. Wir haben immer gewußt, daß sie den Tod vor Augen haben - daß sie diesen Beruf nicht blind gewählt haben. Und wir haben sie wegen dieser Entscheidung geliebt. (Ich erinnere mich Charles' früherer Erzählungen, daß sie von einem Pilotenleben sprachen, das 10 Jahre währt, sich aber in jedem Fall lohnt.) Wegen ihrer Aufrichtigkeit, mit der sie der Gefahr begegneten, mußten auch wir die entsprechende Haltung wahren und mit ihnen darüber lachen. (Hat Phil Deine Gefühlsausbrüche auch immer so schlagfertig pariert, wie Charles das bei mir tut: 'Oh, kann sein, daß ich noch vorher abtrudel!' (...)"
"Über Phil hat er gesprochen wie über keinen anderen."
"Ich wollte, ich könnte Charles von seiner Verschlossenheit befreien und für ihn schreiben. Vermutlich ist das aber gar nicht nötig, denn du weißt, was Charles für Phil empfunden hat. Es waren tiefe Gefühle, die er selbst mir gegenüber nie in Worte zu fassen versuchte. Diese Gefühle hatte er schon lange, ehe es mich gab, in seinem Innern verschlossen. Über Phil hat er gesprochen wie über keinen anderen. Erkennst Du eine derartige Beziehung, wird Dir klar, wie unnütz nichtiges Weibergeschwätz ist. Ich erinnere mich, daß Charles in einem Brief an Phil schrieb, 'Du bist immer willkommen', übliche Worte, doch er hat sich damit so offen gezeigt, wie er es selten tut. Sie bedeuteten absolutes Vertrauen, uneingeschränktes Verstehen und bedingungslose Treue. (...) Phils Loyalität bedeutete Charles etwas, was ich nicht auszudrücken vermag." (1, S. 374 - 376)
... Das Wesentlichste in einem Menschenleben ist wahrscheinlich immer das Verborgenste ...
Gutsein ist schwer, weil gleichgesinnte Menschen fehlen
Laut Tagebuch-Eintrag vom 7. Juni 1941 sagt Charles in den Zusammenhängen der politischen Auseinandersetzungen über den Kriegseintritt Amerikas zu Anne etwas, was einem ganz merkwürdig erscheint, wenn man seinen späteren Lebensweg (Stud. gen. 2) kennt: "Aber ist es nicht noch viel erstaunlicher, daß etwas Vollkommenes aus etwas Unvollkommenem hervorgehen kann? Gehört das nicht zu den wunderbarsten Dingen im Leben? Eine behinderte Frau kann ein wohlgeformtes Baby gebären." (1, S. 200) Man sieht aus solchen Gedankensplittern, daß Charles Lindbergh immer schon ein philosophisch selbständig denkender Mensch war. Aber daß er 20 Jahre später ausgerechnet mit zwei gehbehinderten deutschen Frauen Familien gründen würde - das mutet einem merkwürdig an angesichts so früher Gedanken Lindbergh's über behinderte Frauen.
In einem Tagebuch-Eintrag vom 26. Februar 1942 ist wiedergegeben, was Charles zu dem gerade erschienenen Buch von Antoine de Saint-Exupery "Flight to Arras" sagte: "... Und ich meine, es ist schlimm, wie er von seinem Körper spricht. Schließlich hat ihn dieser Körper getreulich herumgeführt und am Ende wirft er ihn, ohne ihm zu danken, einfach fort wie einen alten Schuh. Wäre ich sein Körper gewesen, ich hätte Windpocken bekommen, damit wir wieder quitt wären!" Das brachte Anne, die vorher beim Lesen etwas exaltiert "den Boden unter den Füßen verloren" hatte und "leicht umnebelt" war von der im Text geschilderten körperlosen, "kristallinen" Reinheit, wieder zum Lachen. - Oftmals wünscht man sich mehr von solchem gesunden Humor in ihren Tagebuch-Einträgen.
Und am 7. Februar 1943 schreibt sie: "Gestern Nacht sagte ich zu Charles, daß die gestellte Aufgabe - stets gut zu sein - unendlich schwer ist. Ich wollte, ich könnte diese Last für eine Weile ablegen." - Heute würde man ein solches Ehegespräch vielleicht für sehr exaltiert halten. Vielleicht. Charles antwortete jedenfalls sehr ernsthaft. "Er sagte, man sollte nicht versuchen, sich zu viel aufzubürden. Er erwähnte auch, daß uns gleichgesinnte Menschen fehlen und wir nicht wüßten, wo sie zu finden seien." (1, S. 334)
___________
1. Lindbergh, Anne Morrow: Welt ohne Frieden. Tagebücher und Briefe 1939 - 1944. Piper-Verlag, München 1986 (Originaltitel "War Within and Without" 1980)
Montag, 11. Juni 2007
Charles Lindebergh - Hätten die USA 1941 seiner Politik folgen sollen?
Charles Lindbergh war der prominenteste Gegner des Eintritts der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg. Man macht es sich noch heute zu leicht, wenn man einfach darauf verweist, daß die Geschichte "bewiesen" hätte, daß die Position Charles Lindbergh's damals eine falsche gewesen wäre. Charles Lindbergh selbst ist auch zeitlebens der Meinung geblieben, daß es besser gewesen wäre, wenn die Vereinigten Staaten nicht in den Zweiten Weltkrieg eingetreten wären, auch nachdem er das Konzentrationslager Buchenwald kurz nach der Besetzung durch die Amerikaner besucht hatte.
Vergegenwärtigen wir uns die Situation, aus der heraus Charles Lindbergh damals argumentierte. Charles Lindbergh hatte vor dem Krieg die Sowjetunion bereist und man hat ihm "einiges" zur sowjetischen Flugzeug-Produktion gezeigt. Aufgrund dieser Reise hat Charles Lindbergh sicherlich ebenso wie die deutsche Führung unter Adolf Hitler und wie auch die westlichen Regierungen das Kriegspotential der Sowjetunion im Jahr 1941 bei weitem unterschätzt. Die Sowjetunion war 1941 die hochgerüstetste Militärmacht der ganzen Welt. Das hat Adolf Hitler nicht gewußt, bzw. nicht glauben wollen (obwohl es ihm der deutsche General Heinz Guderian, der selbst die Sowjetunion bereist hatte, gesagt hatte). Und das haben auch die westlichen Regierungen - so viel wir wissen - nicht gewußt. Im "Winterkrieg" gegen das kleine Finnland hatte sich die Sowjetunion - vorgeblich - vor der gesamten Weltöffentlichkeit militärisch maßlos blamiert. Wer weiß, ob diese "Blamage" nicht eine Kriegslist des "Fuchses" Josef Stalin war?
In jedem Fall sind sich alle Historiker heute darüber einig, daß die Sowjetunion trotz des ungeheuren Rüstungspotentials, über das sie 1941 verfügte, einen Krieg gegen Deutschland, der länger als zwei Jahre gedauert hätte, nicht hätte durchhalten können. Ohne die massiven Materiallieferungen der Vereinigten Staaten über die Murmansk-Linie wäre die Sowjetunion spätestens im Kriegsjahr 1942 zusammen gebrochen. (Siehe bspw. das Buch "Brute Force" und andere.)
Was aber hätte das bedeutet?
Der Zweite Weltkrieg kostete 55 Millionen Menschen das Leben. VOR dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten waren von diesen 55 Millionen Menschen erst wenige zehn- oder hunderttausend Menschen im Krieg gefallen oder - vor allem in Polen - ermordet worden. WAS aber im Jahr 1941 bekannt war, das war, daß die Geschichte der Sowjetunion seit 1917 in grausamsten Verbrechen schon mehrere ZEHN MILLIONEN Todesopfer gefordert hatte. Vor allem im ukrainischen Hungerholocaust der Jahre 1931 und 1932. Weiterhin in den Terrorjahren rund um 1938. (Siehe Robert Conquest und andere.) Also der größte Verbrecherstaat des 20. Jahrhunderts war im Jahr 1941 ganz klar und eindeutig die Sowjetunion. Und das war damals natürlich auch jedem bekannt, der sich nur einigermaßen den Sinn für Realitäten bewahrt hatte.
Und aus dem Nachhinein betrachtet ist es wahrhaftig merkwürdig, warum es den Vereinigten Staaten und Großbritannien so leicht fiel, mit diesem (bis dahin) größten Verbrecherstaat des 20. Jahrunderts im Herbst 1941 ein Bündnis einzugehen. Von Deutschland waren bis zum Jahr 1941 Massenverbrechen im Stile und Umfang Lenins oder Stalin auch nicht annähernd bekannt.
Wenn man sich all diese Tatsachen vergegenwärtig, wenn man sich weiterhin das große Mißtrauen Charles Lindbergh's gegenüber jeder Art von "Public Relation"-Industrie vergegenwärtig, dann hatte die damalige Position Charles Lindbergh's viel, sogar sehr viel Vernünftiges an sich. Und sie hat es noch heute. Denn:
Woher wissen wir denn eigentlich, wie der Krieg verlaufen wäre, wenn die USA nicht in ihn eingetreten wären? Eine Expansion nach Westen war von Adolf Hitler niemals beabsichtigt. Das war den westlichen Regierungen nur allzu gut bekannt. Ohne die Unterstützung der USA hätte der Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung zwischen Deutschland und Großbritannien niemals diese Ausmaße angenommen. Und ohne die Gegnerschaft der USA hätte sich die deutsche Führung psychologisch Ende des Jahres 1941 niemals in einer so "bedrängten", "gefährdeten", "riskanten" Lage gesehen, wie sie sich damals sehen mußte.
Alle Deutschen wußten, daß der Kriegseintritt der USA den Ersten Weltkrieg entschieden hatte. Und warum sollte es jetzt so ganz anders sein? Aussprechen durfte das damals niemand - gedacht haben es viele, nein: alle.
Wir wissen nicht exakt, wann und wer die Befehle zum Mord an den europäischen Juden gegeben hat. Wir wissen nicht, ob nicht die deutsche Führung in weniger Tobsuchts-Anfälle was Grausamkeiten und Verbrechen im besetzten Polen und in der besetzten Sowjetunion geraten wäre, wenn es ihr schneller und quasi "souveräner" gelungen wäre, die Sowjetunion im Jahr 1941 oder spätestens im Jahr 1942 zu besiegen.
Wir wissen nicht, ob das Naziregime in Europa, vor allem in Osteuropa ähnliche Blutbäder angerichtet hätte, wie es die Sowjetunion in den Jahrzehnten davor vorexerziert hatte - in Jahren, in denen sie sich natürlich ebenfalls von äußeren und inneren Feinden bedroht fühlte wie das Deutschland der Jahre 1941 bis 1945. Wir wissen aber, daß der Zweite Weltkrieg ohne den Kriegseintritt der USA 1941, spätestens 1942 zu Ende hätte sein können. Daß zunächst einmal sicherlich 40 oder 50 Millionen Menschen nicht hätten sterben müssen.
- Eine schlechte argumentative Position von seiten Charles Lindbergh's? Das möchte man bei solchen Erwägungen nicht mehr so ohne weiteres behaupten. Daß Charles Lindbergh es jedenfalls weniger gut mit den Menschen dieseits und jenseits des Atlantiks und Pazifiks meinte als die damalige amerikanische Führung, dieser Gedanken jedenfalls wird der integren Persönlichkeit Charles Lindbergh's nicht gerecht. Die Geschichte kennt auch keine Einbahnstraßen. Der Wille der britischen und amerikanischen politischen Führung zur damaligen Zeit, die Sowjetunion bis an die Elbe vordringen zu lassen, diesen Willen kann man auch heute noch - und zwar mit Nachdruck - kritisieren. Das haben ja auch schon manche deutsche, britische und amerikanische Historiker getan (etwa Lothar Kettenacker und andere).
Mit Recht haben die deutschen Historiker Klaus Hildebrandt und Andreas Hillgruber schon vor zwei Jahrzehnten gefragt, ob die britische und amerikanische politische Führung in ihren Kriegszielen 1941 so viel "integrer" gewesen sind als die damaligen politischen Führungen der Sowjetunion und Deutschlands. Und mit Recht bezeichnet der amerikanische Sprachforscher Noam Chomsky das 20. Jahrhundert als ein Jahrhundert der Lügen.
Charles Lindbergh wollte im November 1938 mit seiner Familie nach Berlin ziehen, um das damalige Deutschland besser kennenlernen zu können. Als er von der Reichskristallnacht am 9. November 1938 erfuhr, nahm der davon Abstand. Für die Verbrechen des Nazi-Regimes hat er nie Verständnis gezeigt, er hat sie nie verharmlost, er hat sie nie entschuldigt. Die deutsche Widerstands-Bewegung gegen den Nationalsozialismus und Charles Lindbergh hätten sich hervorragend miteinander verstanden, wenn sie voneinander gewußt hätten. Die Regierung von Charles Lindbergh jedoch handelte anders. Sie ist mit dem Verbrecherstaat Sowjetunion ein Bündnis eingegangen und hat seine Verbrechen von 1941 bis 1989 ermöglicht.
Somit ragt Charles Lindbergh - soweit man sehen kann -, auch in diesen Fragen weit über das moralische Niveau seiner damaligen Regierung hinaus.
Vergegenwärtigen wir uns die Situation, aus der heraus Charles Lindbergh damals argumentierte. Charles Lindbergh hatte vor dem Krieg die Sowjetunion bereist und man hat ihm "einiges" zur sowjetischen Flugzeug-Produktion gezeigt. Aufgrund dieser Reise hat Charles Lindbergh sicherlich ebenso wie die deutsche Führung unter Adolf Hitler und wie auch die westlichen Regierungen das Kriegspotential der Sowjetunion im Jahr 1941 bei weitem unterschätzt. Die Sowjetunion war 1941 die hochgerüstetste Militärmacht der ganzen Welt. Das hat Adolf Hitler nicht gewußt, bzw. nicht glauben wollen (obwohl es ihm der deutsche General Heinz Guderian, der selbst die Sowjetunion bereist hatte, gesagt hatte). Und das haben auch die westlichen Regierungen - so viel wir wissen - nicht gewußt. Im "Winterkrieg" gegen das kleine Finnland hatte sich die Sowjetunion - vorgeblich - vor der gesamten Weltöffentlichkeit militärisch maßlos blamiert. Wer weiß, ob diese "Blamage" nicht eine Kriegslist des "Fuchses" Josef Stalin war?
In jedem Fall sind sich alle Historiker heute darüber einig, daß die Sowjetunion trotz des ungeheuren Rüstungspotentials, über das sie 1941 verfügte, einen Krieg gegen Deutschland, der länger als zwei Jahre gedauert hätte, nicht hätte durchhalten können. Ohne die massiven Materiallieferungen der Vereinigten Staaten über die Murmansk-Linie wäre die Sowjetunion spätestens im Kriegsjahr 1942 zusammen gebrochen. (Siehe bspw. das Buch "Brute Force" und andere.)
Was aber hätte das bedeutet?
Der Zweite Weltkrieg kostete 55 Millionen Menschen das Leben. VOR dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten waren von diesen 55 Millionen Menschen erst wenige zehn- oder hunderttausend Menschen im Krieg gefallen oder - vor allem in Polen - ermordet worden. WAS aber im Jahr 1941 bekannt war, das war, daß die Geschichte der Sowjetunion seit 1917 in grausamsten Verbrechen schon mehrere ZEHN MILLIONEN Todesopfer gefordert hatte. Vor allem im ukrainischen Hungerholocaust der Jahre 1931 und 1932. Weiterhin in den Terrorjahren rund um 1938. (Siehe Robert Conquest und andere.) Also der größte Verbrecherstaat des 20. Jahrhunderts war im Jahr 1941 ganz klar und eindeutig die Sowjetunion. Und das war damals natürlich auch jedem bekannt, der sich nur einigermaßen den Sinn für Realitäten bewahrt hatte.
Und aus dem Nachhinein betrachtet ist es wahrhaftig merkwürdig, warum es den Vereinigten Staaten und Großbritannien so leicht fiel, mit diesem (bis dahin) größten Verbrecherstaat des 20. Jahrunderts im Herbst 1941 ein Bündnis einzugehen. Von Deutschland waren bis zum Jahr 1941 Massenverbrechen im Stile und Umfang Lenins oder Stalin auch nicht annähernd bekannt.
Wenn man sich all diese Tatsachen vergegenwärtig, wenn man sich weiterhin das große Mißtrauen Charles Lindbergh's gegenüber jeder Art von "Public Relation"-Industrie vergegenwärtig, dann hatte die damalige Position Charles Lindbergh's viel, sogar sehr viel Vernünftiges an sich. Und sie hat es noch heute. Denn:
Woher wissen wir denn eigentlich, wie der Krieg verlaufen wäre, wenn die USA nicht in ihn eingetreten wären? Eine Expansion nach Westen war von Adolf Hitler niemals beabsichtigt. Das war den westlichen Regierungen nur allzu gut bekannt. Ohne die Unterstützung der USA hätte der Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung zwischen Deutschland und Großbritannien niemals diese Ausmaße angenommen. Und ohne die Gegnerschaft der USA hätte sich die deutsche Führung psychologisch Ende des Jahres 1941 niemals in einer so "bedrängten", "gefährdeten", "riskanten" Lage gesehen, wie sie sich damals sehen mußte.
Alle Deutschen wußten, daß der Kriegseintritt der USA den Ersten Weltkrieg entschieden hatte. Und warum sollte es jetzt so ganz anders sein? Aussprechen durfte das damals niemand - gedacht haben es viele, nein: alle.
Wir wissen nicht exakt, wann und wer die Befehle zum Mord an den europäischen Juden gegeben hat. Wir wissen nicht, ob nicht die deutsche Führung in weniger Tobsuchts-Anfälle was Grausamkeiten und Verbrechen im besetzten Polen und in der besetzten Sowjetunion geraten wäre, wenn es ihr schneller und quasi "souveräner" gelungen wäre, die Sowjetunion im Jahr 1941 oder spätestens im Jahr 1942 zu besiegen.
Wir wissen nicht, ob das Naziregime in Europa, vor allem in Osteuropa ähnliche Blutbäder angerichtet hätte, wie es die Sowjetunion in den Jahrzehnten davor vorexerziert hatte - in Jahren, in denen sie sich natürlich ebenfalls von äußeren und inneren Feinden bedroht fühlte wie das Deutschland der Jahre 1941 bis 1945. Wir wissen aber, daß der Zweite Weltkrieg ohne den Kriegseintritt der USA 1941, spätestens 1942 zu Ende hätte sein können. Daß zunächst einmal sicherlich 40 oder 50 Millionen Menschen nicht hätten sterben müssen.
- Eine schlechte argumentative Position von seiten Charles Lindbergh's? Das möchte man bei solchen Erwägungen nicht mehr so ohne weiteres behaupten. Daß Charles Lindbergh es jedenfalls weniger gut mit den Menschen dieseits und jenseits des Atlantiks und Pazifiks meinte als die damalige amerikanische Führung, dieser Gedanken jedenfalls wird der integren Persönlichkeit Charles Lindbergh's nicht gerecht. Die Geschichte kennt auch keine Einbahnstraßen. Der Wille der britischen und amerikanischen politischen Führung zur damaligen Zeit, die Sowjetunion bis an die Elbe vordringen zu lassen, diesen Willen kann man auch heute noch - und zwar mit Nachdruck - kritisieren. Das haben ja auch schon manche deutsche, britische und amerikanische Historiker getan (etwa Lothar Kettenacker und andere).
Mit Recht haben die deutschen Historiker Klaus Hildebrandt und Andreas Hillgruber schon vor zwei Jahrzehnten gefragt, ob die britische und amerikanische politische Führung in ihren Kriegszielen 1941 so viel "integrer" gewesen sind als die damaligen politischen Führungen der Sowjetunion und Deutschlands. Und mit Recht bezeichnet der amerikanische Sprachforscher Noam Chomsky das 20. Jahrhundert als ein Jahrhundert der Lügen.
Charles Lindbergh wollte im November 1938 mit seiner Familie nach Berlin ziehen, um das damalige Deutschland besser kennenlernen zu können. Als er von der Reichskristallnacht am 9. November 1938 erfuhr, nahm der davon Abstand. Für die Verbrechen des Nazi-Regimes hat er nie Verständnis gezeigt, er hat sie nie verharmlost, er hat sie nie entschuldigt. Die deutsche Widerstands-Bewegung gegen den Nationalsozialismus und Charles Lindbergh hätten sich hervorragend miteinander verstanden, wenn sie voneinander gewußt hätten. Die Regierung von Charles Lindbergh jedoch handelte anders. Sie ist mit dem Verbrecherstaat Sowjetunion ein Bündnis eingegangen und hat seine Verbrechen von 1941 bis 1989 ermöglicht.
Somit ragt Charles Lindbergh - soweit man sehen kann -, auch in diesen Fragen weit über das moralische Niveau seiner damaligen Regierung hinaus.
Samstag, 9. Juni 2007
Ein "absolut einzigartig" Liebender
Die deutschen Familien des Flugpioniers Charles Lindbergh
Vorbemerkung: Hier auf dem Blog ist schon der populärste US-Amerikaner der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Charles Lindbergh (1902-1974), behandelt worden (Stud. gen.). Doch erst ein genaueres Studium seines Wikipedia-Artikels und einer dort erwähnten neueren Buchveröffentlichung (6) machen klar, dass der Öffentlichkeit bisher wesentlichste Aspekte des persönlichen Lebens von Charles Lindbergh und damit auch seiner Lebensmoral und seiner Weltanschauung gar nicht bekannt gewesen sind. Diese Aspekte bergen eine Fülle von Überraschungen. Sie haben zudem auch noch mit Deutschland sehr unmittelbar zu tun. Es geht um die drei Familien, die Charles Lindbergh ab 1957 mit deutschen Frauen gründete. Darüber soll im folgenden berichtet werden - nach einer längeren Einleitung - die aber auch übersprungen werden kann.
In der heutigen Zeit kann man sich gar nicht mehr so richtig vorstellen, warum Charles Lindbergh vor 80 Jahren der populärste Amerikaner war. Da fliegt einer über den Atlantik. Da riskiert einer sein Leben. Na und? Der ernüchterte Mensch der Gegenwart hat für solche Dinge oft nur noch ein müdes Lächeln übrig. Doch wenn jemand sein Leben an eine riskante Sache gesetzt hatte, konnte das damals - 1927 - in den Menschen offenbar noch große Bewunderung hervor rufen, sehr große mitunter. Der junge Charles Lindbergh wurde 1927 "über Nacht" zu einem "Star" wie man es selten zuvor oder danach in dieser Intensität erlebt hatte.
Aber selbst wenn man Charles Lindbergh's eigene Bücher liest, empfindet man es immer wieder als ein wenig schwierig, zum eigentlichen Kern seiner Persönlichkeit vorzudringen. Ebenso auch oft, wenn man Briefe von ihm liest. Fehlte es ihm an der Fähigkeit, das, was ihn innerlich bewegte und anfeuerte, in solche Worte zu fassen, die ihn auch vor den Augen der Nachwelt als das erscheinen lassen würden, was er eigentlich war? Oder sind wir es nicht mehr gewohnt, ihn so zu lesen, dass wir auch das Wesentlichste dessen, was er sagen will, verstehen können? Ein Problem sind oft auch die Übersetzungen ins Deutsche, bei denen viel verloren gehen kann von der Präzision der Lindbergh'schen Schreibweise und von ihren Fluidum.
Die Schriftstellerin Anne Morrow Lindbergh
Oder hätte es dazu eines Fliegers wie Antoine de Saint-Exupéry bedurft, um das zum Ausdruck zu bringen, was auch Lindbergh bewegte? Charles' Ehefrau Anne jedenfalls war begeistert von dem Esprit, der Wortgewandtheit, dem so ganz anders gearteten "Nicht-mit-dem-Boden-verbunden-Sein" Antoine de Saint-Exupéry's als jenem, wie sie es bei ihrem eigenen Mann kennengelernt hatte. - Oder doch nur glaubte, kennengelernt zu haben? Denn was weiß man denn oft schon von einem Menschen, selbst wann man Jahre lang eng mit ihm zusammen gelebt hat? Anne war in de Saint-Exupéry verliebt, obwohl sie ihm nur einmal in ihrem Leben persönlich begegnet ist. Sie trauerte tief bei der Nachricht von seinem Abschuß durch ein deutsches Jagdflugzeug über dem Mittelmeer im Jahr 1944.
Anne war selbst eine gefeierte Schriftstellerin. Jedes ihrer Bücher wurde zu einem "Besteller". Ihr berühmtestes ist "Muscheln in meiner Hand" ("Gift from the Sea", 1955). Eines ihrer Bücher ("The Wave of Future", 1940) versuchte, Amerika die positiven Seiten der damals neuen politischen Bewegungen in Europa (vor allem des Nationalsozialismus) nahezubringen. Spätere Bücher wurden auch von der Frauenbewegung sehr gelobt. Aber sie verlor die tiefen Selbstzweifel über ihre eigenen schriftstellerischen Fähigkeiten eigentlich nie. Wird sich womöglich auch das von der Frauenbewegung gezeichnete Bild Anne Morrow Lindbergh's verändern, wenn wir etwas Neues über das Leben Charles Lindbergh's erfahren? Wenn wir etwas erfahren über seine Unterscheidungen in menschlicher Charakterkunde zwischen "Orchideen" und "Blumenköpfen"? Vieles könnte dann vielleicht in einem ganz neuen, ganz anderen Licht erscheinen.
Was ist der Kern der Persönlichkeit von Charles Lindbergh?
Anne stammte aus einer reichen amerikanischen Bankiers-Familie, den Morrow's. Diese stand zeitlebens dem Bankhaus Morgan nahe, das wiederum zu jenen wichtigen, treibenden Kräften gezählt wird, die für eine Teilnahme der USA am Krieg gegen Deutschland eintraten. Ihr Ehemann Charles jedoch vertrat zeitlebens genau die gegenteilige Ansicht. Nämlich daß sich die USA aus dem Krieg heraushalten sollten, bzw. - nach 1941 - dass sie sich hätten heraushalten sollen und dass sie nicht die "bedingungslose Kapitulation" Deutschlands hätten fordern sollen. Er galt als der Wortführer der "America First"-Bewegung, die sich dafür einsetzte, daß die USA neutral blieben im Zweiten Weltkrieg. All solchen Meinungen gab er auch noch in seiner Schrift von 1948 Ausdruck, in "Of Flight and Life". Aber in dieser Schrift ging es ihm inzwischen schon um grundlegendere Dinge, um die Gefahren der materialistischen Weltanschaung, die sie aus dem Aufschwung von Wissenschaft und Technik ergab.
Anne Morrow Lindbergh hat es nun vermieden, die quasi offizielle Biographie (3) über ihren Ehemann zu schreiben. Diese Aufgabe hat sie an den Amerikaner A. Scott Berg übergeben. Sie hat ihm - zusammen mit ihrer Familie, ihrer Verwandtschaft und ihren Freunden - Erinnerungen und alle schriftlichen Dokumente zugänglich gemacht, die der Familie verfügbar waren. Die von A. Scott Berg verfaßte Lindbergh-Biographie (3) ist noch ausdrücklich von Anne Morrow Lindbergh autorisiert worden, bevor sie im Jahr 2001 starb. Sie bekam in Amerika die höchsten Auszeichnungen.
Durch sie erfährt man viele der wesentlichsten Einzelheiten, Details zum Leben von Charles Lindbergh, Details wie sie dem Autor nur durch enge Zusammenarbeit mit der Familie selbst hatten zugänglich werden können. So zum Beispiel auch über den Tod von Charles Lindbergh im Jahr 1974 (Stud. gen.). Oder über die Tatsache, daß sich Lindbergh schon gleich nach seinem Atlantik-Flug von 1927 nicht als "käuflich" erwies gegenüber einer "Public Relation-Industrie", die sonst alles für käuflich hielt und hält (Stud. gen.). Denn er hatte sie schon damals als zutiefst unmoralisch, verwerflich und abstoßend empfunden (Stud. gen.), ein Gefühl, das sich im Verlauf seines Lebens nur noch steigern sollte. Sicherlich würde er sich darüber heute leicht mit Noam Chomsky oder Robert Trivers einigen können.
Leben und Sterben - Zusammenarbeit mit Alexis Carrel
Inzwischen habe ich durch weitere Lektüre (4) ein Bewusstsein davon bekommen, dass für Charles Lindbergh das Sterben - und damit auch das Leben - tatsächlich eine ernste und tief philosophische Frage war - und zwar nicht nur von theoretischer Relevanz, sondern direkt aus dem Lebenszusammenhang heraus geboren. Er hat mit dem damals bekannten Chirurgen, Biologen und Nobelpreisträger Alexis Carrel zusammen geforscht. Carrel ist einer tiefsten philosophischen Fragen im biologischen Denken des 20. Jahrhunderts nachgegangen, nämlich der Frage, ob biologische Zellen und Gewebeverbände eigentlich tatsächlich altern und sterben müssen, oder ob die Wissenschaft grundsätzlich Möglichkeiten der Lebensverlängerung, vielleicht sogar der Unsterblichkeit finden könnte.
Und in genau dieser Frage hat Charles Lindbergh eng mit Carrel zusammen gearbeitet. Er ist dabei aber - nach allem, was wir wissen - immer ein ganz nüchterner, ganz der wissenschaftlichen Tatsachen- und Denkwelt verhafteter Mensch geblieben. Ein neues Buch, das laut Amazon im September erscheinen soll (siehe Abbildung rechts), wird vielleicht auch noch manches neue Licht auf diese Fragen werfen (5). Der Tod war ihm - schon als ständig neu wagender Flugpionier - in seinem Leben ja ständig nahe. Und in seiner Schrift von 1948 beschreibt er gut, wie er nach einem beinahe tödlichen Flug als Versuchspilot das Leben ganz anders, ganz neu erlebte, nachdem er dem Tod so nahe gekommen war.
"Gibt es einen besseren Tod?"
Auch in seinen Tagebücher spiegeln sich derartige Gedanken und Erfahrungen wieder. Er schreibt am 25. August 1938 nach seinem Flug von Moskau nach Rostow am Don während seines Aufenthaltes in der Sowjetunion in sein Tagebuch seine alltäglichen Flieger-Gedanken - hier aus dem konkreten Anlaß eines technischen Problems an seinem Flugzeug auf. Von diesem konkreten technischen Problem schweifen seine Gedanken aber schnell ins Grundsätzliche ab (1, S. 46f):
Diskussionen in New Yorker Krankenhäusern des Jahres 1974
Die genannten Forschungen mit Carell haben Lindbergh jedenfalls nie dazu verleitet, die konkret vorliegenden Realitäten zu missachten oder etwa, alles wissenschaftlich für "machbar" zu halten, was man sich theoretisch ausdenken könne. Aber ganz sicher haben sie mit dazu beigetragen, dass er sein Leben bewusster geführt hat, sie haben seine philosophische Weltsicht dem Leben und dem Sterben an sich gegenüber vertieft. Wenn also hier auf dem Blog in unserem ersten Beitrag zu Lindbergh ein bisschen spöttisch über die "Diskussionen", die da in New Yorker Krankenhäusern des Jahres 1974 geführt wurden, geschrieben wurde (Stud. gen.), so hatten auch wir hier den tiefen Lebensernst, mit dem Lindbergh solchen Fragen begegnete, auf den ersten Blick völlig verkannt, völlig unterschätzt. Ob es also der Biographie von A. Scott Berg wirklich gelungen ist, dem Leser die tieferen Schichten des seelischen Lebens von Charles Lindbergh zu verdeutlichen und klar vor Augen zu stellen, mag darum infrage stehen. Um so mehr man darüber nachdenkt, als um so missglückter muss man diese Biographie ansehen.
Aber der Wikipedia-Artikel zu Charles Lindbergh (Wikipedia) machte einen - wie eingangs erwähnt - noch auf Umstände in seinem Leben aufmerksam, die der durch seine Familie und Ehefrau autorisierten Biographie gar nicht zu entnehmen gewesen sind. Ein bisschen wenig war es ja schon, was man da in der Scott Berg'schen Biographie über die Lebensjahre Lindbergh's zwischen 1945 und 1974 erfahren hatte - aber was da jetzt bei Wikipedia steht! Nachdem man dieses das dort erwähnte Buch (6) selbst hat lesen können, ist einem klar, dass es sich bei ihm um das wichtigste aller Lindbergh-Bücher überhaupt handelt.
Dieses Buch erschien, weil "andere" Kinder und eine "andere" Familie von Charles Lindbergh fanden, dass ihr Vater in der amerikanischen Scott Berg-Biographie menschlich nicht angemessen dargestellt worden war. Dass sie also ihren Vater ganz anders erlebt haben, als darin geschildert. Und diese "anderen" Kinder leben nun überraschenderweise in Deutschland. Während Anne Morrow Lindbergh in den USA zwischen 1956 und 1958 eine Affäre mit ihrem Arzt und Psychiater hatte, baute sich Charles Lindbergh in Deutschland - in der durchdachten Weise, mit der er alles in seinem Leben anging -, ein neues familiäres Leben auf. Von diesem wusste bis heute niemand etwas, es war so geheim gehalten, dass davon bis heute nichts in den Rachen der von Lindbergh so gehassten "Public Relation-Industrie" geraten ist. Sein erstes und sein letztes Wort in diesen Dingen war immer: "secrecy". Geheimhaltung. Verschwiegenheit. Er war - zumindest in Amerika - der populärste, legendärste Mann, "Star" seiner Zeit. Und nichts hasste er so sehr wie diese Popularität, diese "Legende". Die ihm ja aufgrund eines großen Entführungs-Falles sogar eines seiner Kinder kostete.
Die deutschen Familien des Charles Lindbergh
An die Forderung zu Geheimhaltung haben sich bis zum Jahr 2003 alle Beteiligten gehalten. Sie haben sich so gut daran gehalten, dass die amerikanische Lindbergh-Familie, ihr autorisierter Biograph, die amerikanische Öffentlichkeit, geradezu vom Donner gerührt waren, als sie von diesen "anderen" Kindern erfuhren. Es brauchte Jahre, bis man die Wahrheit dieser Geschichte überhaupt akzeptieren konnte. Aber erst durch diese deutschen Kinder von Charles Lindbergh lernt man jenen Lindbergh kennen, wie er als Mensch sein ganzes Leben hindurch immer nur gewesen sein kann. Und von diesem Lindbergh wusste die amerikanische Öffentlichkeit, die schlicht glaubte, "alles" über "ihren" Lindbergh, ihren "Lindy" zu wissen, nichts.
Wie hätte man auch etwas ahnen sollen von der Existenz gleich dreier deutscher Lindbergh-Familien mit insgesamt sieben Kindern. Charles hatte mit Anne Morrow Lindbergh sechs Kinder. Das erste davon war kurz vor seinem zweiten Geburtstag entführt und viel später tot aufgefunden worden. Das letzte der fünf lebenden Kinder wurde 1945 geboren. Danach wollte Anne keine weiteren Kinder mehr. In dem neuen Buch ist zu erfahren (6, S. 86):
Charles Lindbergh war bei seiner Arbeit für sein Land und für Fluggesellschaften sein Leben lang viel auf Reisen - während des Krieges genauso wie danach. Er genoss eine einzigartige Vorzugsstellung (6, S. 77):
Wo erntete Lindbergh nun seine kräftigeren, nahrhafteren Kohlköpfe? In Deutschland. 1954 stellte der 55-jährige Lindbergh aufgrund einer Zeitungsanzeige für sein "Europa-Büro" eine attraktive deutsche Sekretärin mit dem Namen Valeska ein. Sie war 33 Jahre alt und stammte aus einer adligen, angesehenen, ostpreußischen Offiziersfamilie. Zuvor war sie die Geliebte eines Firmenchefs gewesen. Ihr Familienname ist bis heute nicht veröffentlicht, weil sie in Baden-Baden mit ihrer Familie immer noch lebt und immer noch - wie mit Charles Lindbergh abgesprochen - Geheimhaltung wahrt. Es entwickelte sich eine sehr tiefe Liebe zwischen beiden, die bis zum Tod Lindbergh's andauerte. Aus ihrer Beziehung gingen zwei Söhne hervor.
Drei Jahre später, Mitte März 1957, besuchte Lindbergh zusammen mit Valeska zwei ihrer Freundinnen in ihrer kleinen Wohnung in München-Schwabing. Es handelte sich um die beiden aus einer großen und begüterten deutsch-siebenbürgischen Familie stammenden, seit ihrer frühen Jugend gehbehinderten Schwestern Marietta und Brigitte Heßhaimer. Im Internet gibt es gegenwärtig kein Foto von ihnen, aber im Buch (6) finden sich viele, zumindest von Brigitte Heßhaimer: Eine dunkelhaarige, vielleicht robuste, in jedem Fall eigentümlich lebensfreudige Frau, die sich durch Behinderung, Krieg und Vertreibung nicht hat unterkriegen lassen, sondern noch innerlich stark daran gewachsen sein mag. Ihr Sohn Detlef (siehe unten) bezeichnet sie als liebevoll, warmherzig und fröhlich.
Keine Kinder mehr in diese Welt setzen?
Beim abendlichen Zusammensitzen wurde in der typischen Weise jener Zeit geäußert (6, S. 28):
Jedenfalls: Vor Verlegenheit wusste Brigitte nicht, was sie antworten sollte. Lindbergh bat sie sich für den übernächsten Tag als "tourist guide" für München.
Und an der Feldherrnhalle sagte er natürlich immer auf Englisch - Deutsch hat er nie gelernt - über die davor stehenden Löwen:
Und auch zwischen diesen beiden Menschen entwickelte sich eine tiefe Liebe, die bis an das Lebensende dauern sollte, und aus der drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter hervorgehen sollten (siehe Fotos): Dyrk, Astrid und Detlef. Als Valeska von der ersten Schwangerschaft Brigittes erfuhr, zerbrach die Freundschaft zwischen ihr und den Hesshaimer-Schwestern für immer (6, S. 123):
Es klingt auch hindurch, dass die Frauen versuchten, Charles durch ihre Kinder enger an sich zu binden. Es sollten noch zwei weitere folgen: Detlef und Mariettas Sohn Christoph. Aber offenbar war es erst dieser impulsive Ausspruch Brigittes "Das Wunder des Lebens kann einem keiner nehmen!" gewesen, der diese Spirale in Gang setzte, denn mit Valeska, die Lindbergh Brigitte gegenüber mitunter als "gespreizt" bezeichnete, war Lindbergh ja schon drei Jahre zuvor zusammen gewesen, ohne Kinder zu haben. Da musste also erst ein solcher "Blumenkohl" wie die gehbehinderte, heimatvertriebene Hutmacherin Brigitte Heßmaier aus München-Schwabing kommen. Sie war drei Jahre, bevor sie Lindbergh kennengelernt hatte, schon eine unglückliche Verbindung mit einem anderen Mann eingegangen, aus der eine Fehlgeburt hervorgegangen war (6, S. 100). Wir erfahren (6, S. 290f):
Ein hellblauer VW-Käfer
Ab 1961 stellte Lindbergh einen billigen hellblauen VW-Käfer in einer Autowerkstätte in Walldorf, in der Nähe des Frankfurter Flughafens unter (6, S. 293ff). Und er kam die nächsten vierzehn Jahre etwa vier mal im Jahr - jedes mal ohne Vorankündigung - vorbei und fuhr damit für ein paar Wochen zu Valeska und ihren Söhnen nach Baden-Baden (vorher wohnte sie ein paar Jahre in der Schweiz), zu Marietta und ihren beiden Kindern in die Schweiz - wo er an anderer Stelle auch ein Familienhaus für seine amerikanische Familie gebaut hatte - und zu Brigitte und ihren drei Kindern nach Utting am Ammersee bei München. Danach brachte er dann das Auto wieder zurück und setzte seine Flüge rund um die Welt - Indonesien, Afrika, USA, Hawai ... - fort.
Mitunter fuhr er mit dem Käfer auch nach Italien und Griechenland, übernachtete dabei mit einem Schlafsack im Auto, ganz spartanisch, so wie er es liebte. Und vielleicht wird man noch weitere Lindbergh-Familien in der Welt finden. Schon Anne äußerte in der Biographie von Scott Berg Vermutungen in Hinsicht auf das Foto einer attraktiven Philippinin in den Unterlagen ihres Mannes, die er auf seinen zahlreichen Besuchen der Philippinen kennengelernt haben wird.
Hätte die "Public Relation-Industrie" Charles Lindbergh nicht so verärgert, hätte es also nicht der kinderlosen Berliner Kommunarden und Münchener "Harems-Prinzip"-Autoren (Rainer Langhans) bedurft, um die Weltöffentlichkeit mit der Möglichkeit eines Aufbrechens zu neuen Ufern in der Welt der Paar- und Familienbeziehungen zu konfrontieren. Heraus aus dem Muff einer bigotten Welt. Von der Lebensperspektive Charles Lindbergh's aus gesehen sahen "diese aufmüpfigen jungen Leute" jedenfalls schon damals ... "ziemlich alt" aus ...
"Die schönste Zeit im Leben meiner Mutter"
Die drei persönlichen Zeugnisse von Brigittes Kindern am Ende des Buches sind die wesentlichsten, weil eindrucksvollsten Teile des ganzen Buches. Denn aus ihnen erfährt man endlich die "wahre" Persönlichkeit von Charles Lindbergh. Eines zugegebenermaßen ungewöhnlichen Menschen. Längst ist auch durch DNA-Tests erwiesen, dass sie tatsächlich Kinder von Charles Lindbergh sind, dass ihre "Geschichte" also stimmt. Über Astrid (eigentlich also eine "geborene Lindbergh") erfahren ist zu erfahren (6, S. 332):
Vorbemerkung: Hier auf dem Blog ist schon der populärste US-Amerikaner der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Charles Lindbergh (1902-1974), behandelt worden (Stud. gen.). Doch erst ein genaueres Studium seines Wikipedia-Artikels und einer dort erwähnten neueren Buchveröffentlichung (6) machen klar, dass der Öffentlichkeit bisher wesentlichste Aspekte des persönlichen Lebens von Charles Lindbergh und damit auch seiner Lebensmoral und seiner Weltanschauung gar nicht bekannt gewesen sind. Diese Aspekte bergen eine Fülle von Überraschungen. Sie haben zudem auch noch mit Deutschland sehr unmittelbar zu tun. Es geht um die drei Familien, die Charles Lindbergh ab 1957 mit deutschen Frauen gründete. Darüber soll im folgenden berichtet werden - nach einer längeren Einleitung - die aber auch übersprungen werden kann.
In der heutigen Zeit kann man sich gar nicht mehr so richtig vorstellen, warum Charles Lindbergh vor 80 Jahren der populärste Amerikaner war. Da fliegt einer über den Atlantik. Da riskiert einer sein Leben. Na und? Der ernüchterte Mensch der Gegenwart hat für solche Dinge oft nur noch ein müdes Lächeln übrig. Doch wenn jemand sein Leben an eine riskante Sache gesetzt hatte, konnte das damals - 1927 - in den Menschen offenbar noch große Bewunderung hervor rufen, sehr große mitunter. Der junge Charles Lindbergh wurde 1927 "über Nacht" zu einem "Star" wie man es selten zuvor oder danach in dieser Intensität erlebt hatte.
![]() |
| Abb. 1: Charles Lindbergh in den letzten Jahren seines Lebens |
Die Schriftstellerin Anne Morrow Lindbergh
Oder hätte es dazu eines Fliegers wie Antoine de Saint-Exupéry bedurft, um das zum Ausdruck zu bringen, was auch Lindbergh bewegte? Charles' Ehefrau Anne jedenfalls war begeistert von dem Esprit, der Wortgewandtheit, dem so ganz anders gearteten "Nicht-mit-dem-Boden-verbunden-Sein" Antoine de Saint-Exupéry's als jenem, wie sie es bei ihrem eigenen Mann kennengelernt hatte. - Oder doch nur glaubte, kennengelernt zu haben? Denn was weiß man denn oft schon von einem Menschen, selbst wann man Jahre lang eng mit ihm zusammen gelebt hat? Anne war in de Saint-Exupéry verliebt, obwohl sie ihm nur einmal in ihrem Leben persönlich begegnet ist. Sie trauerte tief bei der Nachricht von seinem Abschuß durch ein deutsches Jagdflugzeug über dem Mittelmeer im Jahr 1944.
Anne war selbst eine gefeierte Schriftstellerin. Jedes ihrer Bücher wurde zu einem "Besteller". Ihr berühmtestes ist "Muscheln in meiner Hand" ("Gift from the Sea", 1955). Eines ihrer Bücher ("The Wave of Future", 1940) versuchte, Amerika die positiven Seiten der damals neuen politischen Bewegungen in Europa (vor allem des Nationalsozialismus) nahezubringen. Spätere Bücher wurden auch von der Frauenbewegung sehr gelobt. Aber sie verlor die tiefen Selbstzweifel über ihre eigenen schriftstellerischen Fähigkeiten eigentlich nie. Wird sich womöglich auch das von der Frauenbewegung gezeichnete Bild Anne Morrow Lindbergh's verändern, wenn wir etwas Neues über das Leben Charles Lindbergh's erfahren? Wenn wir etwas erfahren über seine Unterscheidungen in menschlicher Charakterkunde zwischen "Orchideen" und "Blumenköpfen"? Vieles könnte dann vielleicht in einem ganz neuen, ganz anderen Licht erscheinen.
Was ist der Kern der Persönlichkeit von Charles Lindbergh?
Anne stammte aus einer reichen amerikanischen Bankiers-Familie, den Morrow's. Diese stand zeitlebens dem Bankhaus Morgan nahe, das wiederum zu jenen wichtigen, treibenden Kräften gezählt wird, die für eine Teilnahme der USA am Krieg gegen Deutschland eintraten. Ihr Ehemann Charles jedoch vertrat zeitlebens genau die gegenteilige Ansicht. Nämlich daß sich die USA aus dem Krieg heraushalten sollten, bzw. - nach 1941 - dass sie sich hätten heraushalten sollen und dass sie nicht die "bedingungslose Kapitulation" Deutschlands hätten fordern sollen. Er galt als der Wortführer der "America First"-Bewegung, die sich dafür einsetzte, daß die USA neutral blieben im Zweiten Weltkrieg. All solchen Meinungen gab er auch noch in seiner Schrift von 1948 Ausdruck, in "Of Flight and Life". Aber in dieser Schrift ging es ihm inzwischen schon um grundlegendere Dinge, um die Gefahren der materialistischen Weltanschaung, die sie aus dem Aufschwung von Wissenschaft und Technik ergab.
Anne Morrow Lindbergh hat es nun vermieden, die quasi offizielle Biographie (3) über ihren Ehemann zu schreiben. Diese Aufgabe hat sie an den Amerikaner A. Scott Berg übergeben. Sie hat ihm - zusammen mit ihrer Familie, ihrer Verwandtschaft und ihren Freunden - Erinnerungen und alle schriftlichen Dokumente zugänglich gemacht, die der Familie verfügbar waren. Die von A. Scott Berg verfaßte Lindbergh-Biographie (3) ist noch ausdrücklich von Anne Morrow Lindbergh autorisiert worden, bevor sie im Jahr 2001 starb. Sie bekam in Amerika die höchsten Auszeichnungen.
Durch sie erfährt man viele der wesentlichsten Einzelheiten, Details zum Leben von Charles Lindbergh, Details wie sie dem Autor nur durch enge Zusammenarbeit mit der Familie selbst hatten zugänglich werden können. So zum Beispiel auch über den Tod von Charles Lindbergh im Jahr 1974 (Stud. gen.). Oder über die Tatsache, daß sich Lindbergh schon gleich nach seinem Atlantik-Flug von 1927 nicht als "käuflich" erwies gegenüber einer "Public Relation-Industrie", die sonst alles für käuflich hielt und hält (Stud. gen.). Denn er hatte sie schon damals als zutiefst unmoralisch, verwerflich und abstoßend empfunden (Stud. gen.), ein Gefühl, das sich im Verlauf seines Lebens nur noch steigern sollte. Sicherlich würde er sich darüber heute leicht mit Noam Chomsky oder Robert Trivers einigen können.
Leben und Sterben - Zusammenarbeit mit Alexis Carrel
![]() |
| Abb. 2: Neuerscheinung 2007 |
Und in genau dieser Frage hat Charles Lindbergh eng mit Carrel zusammen gearbeitet. Er ist dabei aber - nach allem, was wir wissen - immer ein ganz nüchterner, ganz der wissenschaftlichen Tatsachen- und Denkwelt verhafteter Mensch geblieben. Ein neues Buch, das laut Amazon im September erscheinen soll (siehe Abbildung rechts), wird vielleicht auch noch manches neue Licht auf diese Fragen werfen (5). Der Tod war ihm - schon als ständig neu wagender Flugpionier - in seinem Leben ja ständig nahe. Und in seiner Schrift von 1948 beschreibt er gut, wie er nach einem beinahe tödlichen Flug als Versuchspilot das Leben ganz anders, ganz neu erlebte, nachdem er dem Tod so nahe gekommen war.
"Gibt es einen besseren Tod?"
Auch in seinen Tagebücher spiegeln sich derartige Gedanken und Erfahrungen wieder. Er schreibt am 25. August 1938 nach seinem Flug von Moskau nach Rostow am Don während seines Aufenthaltes in der Sowjetunion in sein Tagebuch seine alltäglichen Flieger-Gedanken - hier aus dem konkreten Anlaß eines technischen Problems an seinem Flugzeug auf. Von diesem konkreten technischen Problem schweifen seine Gedanken aber schnell ins Grundsätzliche ab (1, S. 46f):
... Dem toten Piloten die Schuld an einem Unglück zuzuschieben, ist zum Kotzen. Solange ich mich erinnern kann, war es aber stets so. Welcher Pilot ist noch nie in einer gefährlichen Situation gewesen, wo er nach den Regeln der Vernunft den Flug nicht hätte antreten sollen? Wenn aber ein Mann in eine derartige Lage gerät, wird er nach seinem Fehler beurteilt und nicht nach den vielen Malen, in denen er sich aus viel schlimmeren Situationen befreit hat. Am schlimmsten ist es jedoch, wenn ihm andere Piloten die Schuld geben, die ähnliche Situationen erlebt haben, ohne dabei verunglückt zu sein.Das sind mitreißende Gedanken.
Wenn man nichts riskieren will, sollte man besser überhaupt nicht fliegen. Dieses Urteil wiederum muß auf den Lebensanschauungen des Mannes beruhen. Jeder Feigling kann bequem daheim sitzen und einen Piloten kritisieren, weil er im Nebel gegen einen Berg fliegt. Ich meinerseits würde viel lieber an einer Bergwand als im Bett sterben. Warum sollten wir, wenn ein tapferer Mann stirbt, nach seinen Fehlern suchen? Falls wir nicht aus seiner Erfahrung lernen können, ist es nicht nötig, nach Schwächen zu suchen. Wir sollten eher den Mut und das Feuer in seinem Leben bewundern. Welcher Mann wollte dort leben, wo es keinen Wagemut gibt? Ist das Leben wirklich so wertvoll, daß wir Männer tadeln sollten, die bei einem Abenteuer sterben? Gibt es einen besseren Tod? Landeten um 19.01 in Rostow. ...
Diskussionen in New Yorker Krankenhäusern des Jahres 1974
Die genannten Forschungen mit Carell haben Lindbergh jedenfalls nie dazu verleitet, die konkret vorliegenden Realitäten zu missachten oder etwa, alles wissenschaftlich für "machbar" zu halten, was man sich theoretisch ausdenken könne. Aber ganz sicher haben sie mit dazu beigetragen, dass er sein Leben bewusster geführt hat, sie haben seine philosophische Weltsicht dem Leben und dem Sterben an sich gegenüber vertieft. Wenn also hier auf dem Blog in unserem ersten Beitrag zu Lindbergh ein bisschen spöttisch über die "Diskussionen", die da in New Yorker Krankenhäusern des Jahres 1974 geführt wurden, geschrieben wurde (Stud. gen.), so hatten auch wir hier den tiefen Lebensernst, mit dem Lindbergh solchen Fragen begegnete, auf den ersten Blick völlig verkannt, völlig unterschätzt. Ob es also der Biographie von A. Scott Berg wirklich gelungen ist, dem Leser die tieferen Schichten des seelischen Lebens von Charles Lindbergh zu verdeutlichen und klar vor Augen zu stellen, mag darum infrage stehen. Um so mehr man darüber nachdenkt, als um so missglückter muss man diese Biographie ansehen.
Aber der Wikipedia-Artikel zu Charles Lindbergh (Wikipedia) machte einen - wie eingangs erwähnt - noch auf Umstände in seinem Leben aufmerksam, die der durch seine Familie und Ehefrau autorisierten Biographie gar nicht zu entnehmen gewesen sind. Ein bisschen wenig war es ja schon, was man da in der Scott Berg'schen Biographie über die Lebensjahre Lindbergh's zwischen 1945 und 1974 erfahren hatte - aber was da jetzt bei Wikipedia steht! Nachdem man dieses das dort erwähnte Buch (6) selbst hat lesen können, ist einem klar, dass es sich bei ihm um das wichtigste aller Lindbergh-Bücher überhaupt handelt.
Dieses Buch erschien, weil "andere" Kinder und eine "andere" Familie von Charles Lindbergh fanden, dass ihr Vater in der amerikanischen Scott Berg-Biographie menschlich nicht angemessen dargestellt worden war. Dass sie also ihren Vater ganz anders erlebt haben, als darin geschildert. Und diese "anderen" Kinder leben nun überraschenderweise in Deutschland. Während Anne Morrow Lindbergh in den USA zwischen 1956 und 1958 eine Affäre mit ihrem Arzt und Psychiater hatte, baute sich Charles Lindbergh in Deutschland - in der durchdachten Weise, mit der er alles in seinem Leben anging -, ein neues familiäres Leben auf. Von diesem wusste bis heute niemand etwas, es war so geheim gehalten, dass davon bis heute nichts in den Rachen der von Lindbergh so gehassten "Public Relation-Industrie" geraten ist. Sein erstes und sein letztes Wort in diesen Dingen war immer: "secrecy". Geheimhaltung. Verschwiegenheit. Er war - zumindest in Amerika - der populärste, legendärste Mann, "Star" seiner Zeit. Und nichts hasste er so sehr wie diese Popularität, diese "Legende". Die ihm ja aufgrund eines großen Entführungs-Falles sogar eines seiner Kinder kostete.
Die deutschen Familien des Charles Lindbergh
An die Forderung zu Geheimhaltung haben sich bis zum Jahr 2003 alle Beteiligten gehalten. Sie haben sich so gut daran gehalten, dass die amerikanische Lindbergh-Familie, ihr autorisierter Biograph, die amerikanische Öffentlichkeit, geradezu vom Donner gerührt waren, als sie von diesen "anderen" Kindern erfuhren. Es brauchte Jahre, bis man die Wahrheit dieser Geschichte überhaupt akzeptieren konnte. Aber erst durch diese deutschen Kinder von Charles Lindbergh lernt man jenen Lindbergh kennen, wie er als Mensch sein ganzes Leben hindurch immer nur gewesen sein kann. Und von diesem Lindbergh wusste die amerikanische Öffentlichkeit, die schlicht glaubte, "alles" über "ihren" Lindbergh, ihren "Lindy" zu wissen, nichts.
Wie hätte man auch etwas ahnen sollen von der Existenz gleich dreier deutscher Lindbergh-Familien mit insgesamt sieben Kindern. Charles hatte mit Anne Morrow Lindbergh sechs Kinder. Das erste davon war kurz vor seinem zweiten Geburtstag entführt und viel später tot aufgefunden worden. Das letzte der fünf lebenden Kinder wurde 1945 geboren. Danach wollte Anne keine weiteren Kinder mehr. In dem neuen Buch ist zu erfahren (6, S. 86):
Charles Lindbergh war schlichtweg entsetzt. Ihn hatte schon immer die riesige Familie des früheren US-Botschafters in London Joseph Kennedy, mit neun Kindern (darunter der spätere Präsident John F. Kennedy) beeindruckt. Zwölf Kinder, meinte Lindbergh, seien doch ideal.Orchideen und Kohlköpfe
Charles Lindbergh war bei seiner Arbeit für sein Land und für Fluggesellschaften sein Leben lang viel auf Reisen - während des Krieges genauso wie danach. Er genoss eine einzigartige Vorzugsstellung (6, S. 77):
Er konnte zu jeder Tages- und Nachtzeit jedes amerikanische Flugzeug besteigen und zu jedem Punkt der Welt fliegen - in der ersten Klasse und immer ohne Bezahlung.Seine Frau Anne hingegen wandte sich in dieser Zeit einem Freundeskreis zu, zu dem Lindbergh einmal womöglich so treffend sagte (3, S. 460):
Du hast zu viele Orchideen in deinem Leben. Du solltest mal ein paar Kohlköpfe ernten.Dieser Satz ließ einen schon beim ersten Lesen der Scott Berg'schen Lindbergh-Biographie ahnen, dass es noch viel geben musste in Lindbergh's Leben, was in dieser Biographie gar nicht zu finden war.
Wo erntete Lindbergh nun seine kräftigeren, nahrhafteren Kohlköpfe? In Deutschland. 1954 stellte der 55-jährige Lindbergh aufgrund einer Zeitungsanzeige für sein "Europa-Büro" eine attraktive deutsche Sekretärin mit dem Namen Valeska ein. Sie war 33 Jahre alt und stammte aus einer adligen, angesehenen, ostpreußischen Offiziersfamilie. Zuvor war sie die Geliebte eines Firmenchefs gewesen. Ihr Familienname ist bis heute nicht veröffentlicht, weil sie in Baden-Baden mit ihrer Familie immer noch lebt und immer noch - wie mit Charles Lindbergh abgesprochen - Geheimhaltung wahrt. Es entwickelte sich eine sehr tiefe Liebe zwischen beiden, die bis zum Tod Lindbergh's andauerte. Aus ihrer Beziehung gingen zwei Söhne hervor.
Drei Jahre später, Mitte März 1957, besuchte Lindbergh zusammen mit Valeska zwei ihrer Freundinnen in ihrer kleinen Wohnung in München-Schwabing. Es handelte sich um die beiden aus einer großen und begüterten deutsch-siebenbürgischen Familie stammenden, seit ihrer frühen Jugend gehbehinderten Schwestern Marietta und Brigitte Heßhaimer. Im Internet gibt es gegenwärtig kein Foto von ihnen, aber im Buch (6) finden sich viele, zumindest von Brigitte Heßhaimer: Eine dunkelhaarige, vielleicht robuste, in jedem Fall eigentümlich lebensfreudige Frau, die sich durch Behinderung, Krieg und Vertreibung nicht hat unterkriegen lassen, sondern noch innerlich stark daran gewachsen sein mag. Ihr Sohn Detlef (siehe unten) bezeichnet sie als liebevoll, warmherzig und fröhlich.
Keine Kinder mehr in diese Welt setzen?
Beim abendlichen Zusammensitzen wurde in der typischen Weise jener Zeit geäußert (6, S. 28):
Nach Hiroshima und vor einem neuen Weltkrieg kann man keine Kinder mehr in die Welt setzen. Das ist unverantwortlich.Brigitte rief daraufhin aus:
Natürlich soll man noch Kinder bekommen, möglichst viele sogar. Lasst sie doch alles erfinden an Waffen und Bomben, was sie wollen. Wir werden es nicht verhindern können. Aber das Wunder des Lebens kann einem keiner nehmen!Darauf sagte Lindbergh:
Wunderbar, was Sie da gesagt haben. Und wie Sie es gesagt haben. Sie haben völlig Recht.Lindbergh hatte unmittelbar nach der deutschen Kapitulation von 1945 die deutschen Städte kennengelernt. Er hatte im Krieg gegen Japan als Kampfflieger einen japanischen Kampfflieger abgeschossen und Bomben auf japanische Unterstände geworfen. Er hatte von Verbrechen und Kriegsverbrechen auf beiden Seiten genug und übergenug vor Ort gesehen. Er hatte selbst als Versuchsflieger Kriegswaffen aller Art erprobt und entwickelt. Und nun saß er mit einigen jungen, unverheirateten, deutschen Flüchtlingsfrauen zusammen, wusste von seiner guten finanziellen Abgesichertheit und dachte - womöglich - ... an die 12-köpfige Familie von Botschafter Kennedy.
Jedenfalls: Vor Verlegenheit wusste Brigitte nicht, was sie antworten sollte. Lindbergh bat sie sich für den übernächsten Tag als "tourist guide" für München.
Und an der Feldherrnhalle sagte er natürlich immer auf Englisch - Deutsch hat er nie gelernt - über die davor stehenden Löwen:
Warum brüllen die Löwen nicht? Mir hat mal jemand erzählt, dass man die steinernen Löwen brüllen hört, wenn man verliebt ist.Und er fügte hinzu:
And I fell in love with you.Familiengründungen
Und auch zwischen diesen beiden Menschen entwickelte sich eine tiefe Liebe, die bis an das Lebensende dauern sollte, und aus der drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter hervorgehen sollten (siehe Fotos): Dyrk, Astrid und Detlef. Als Valeska von der ersten Schwangerschaft Brigittes erfuhr, zerbrach die Freundschaft zwischen ihr und den Hesshaimer-Schwestern für immer (6, S. 123):
Valeska war außer sich vor Zorn und verwies Charles aus der Wohnung. (...) Später versöhnten sie sich wieder, nachdem Charles versprechen musste, sich niemals mehr mit den Hesshaimer-Schwestern auf eine Beziehung einzulassen.So ernst scheint es zumindest Charles mit diesem Versprechen nicht genommen zu haben. Über das Verhältnis zwischen Valeska und Charles ist wenig bekannt, da Valeska darüber nichts veröffentlicht wissen will. Als sich später auch Marietta ein Kind von Lindbergh wünschte, entschied Lindbergh, drei Familien in Deutschland zu gründen aber sie untereinander möglichst wenig, wenn nicht gar nichts von einander wissen zu lassen. Die Schwestern Brigitte und Marietta unterstützten sich aber doch weiterhin gegenseitig:
Im Dezember 1962 brachte sie (Marietta) in Konstanz am Bodensee ihren ersten Sohn, Vago, zur Welt. Lindbergh hatte am Ende des Jahres 1962 in Europa drei Familien mit drei verschiedenen Frauen gegründet, die fünf Kinder in fünf aufeinander folgenden Jahren geboren hatten: Dyrk (1958), Valeskas Sohn (1959), Astrid (1960), Valeskas Tochter (1961) und Vago (1962).
![]() |
| Abb. 3: Haus von Marietta in der Schweiz |
Wie in Amerika, so war der Zugvogel Lindbergh auch in Europa ein großer Nestbauer. Für Bitusch (Kosename für Brigitte) und die drei Kinder suchte er persönlich ein 1200 Quadratkilometer großes Grundstück am Ammersee aus, das er für 60.000 Mark kaufte und darauf nach eigenen Plänen ein geräumiges Einfamilienhaus für 180.000 Mark erbauen ließ. (...) Kurz nach dem Haus am Ammersee baute Lindbergh ein zweites, fast grundrißgleiches Heim in Grimisuat im schweizerischen Kanton Wallis - für Marietta und ihre beiden Söhne Valgo und Christoph.Für Valeska brauchte er nicht zu sorgen, weil für sie schon durch ihre wohlhabende Familie in Baden-Baden gesorgt war.
Ein hellblauer VW-Käfer
Ab 1961 stellte Lindbergh einen billigen hellblauen VW-Käfer in einer Autowerkstätte in Walldorf, in der Nähe des Frankfurter Flughafens unter (6, S. 293ff). Und er kam die nächsten vierzehn Jahre etwa vier mal im Jahr - jedes mal ohne Vorankündigung - vorbei und fuhr damit für ein paar Wochen zu Valeska und ihren Söhnen nach Baden-Baden (vorher wohnte sie ein paar Jahre in der Schweiz), zu Marietta und ihren beiden Kindern in die Schweiz - wo er an anderer Stelle auch ein Familienhaus für seine amerikanische Familie gebaut hatte - und zu Brigitte und ihren drei Kindern nach Utting am Ammersee bei München. Danach brachte er dann das Auto wieder zurück und setzte seine Flüge rund um die Welt - Indonesien, Afrika, USA, Hawai ... - fort.
Mitunter fuhr er mit dem Käfer auch nach Italien und Griechenland, übernachtete dabei mit einem Schlafsack im Auto, ganz spartanisch, so wie er es liebte. Und vielleicht wird man noch weitere Lindbergh-Familien in der Welt finden. Schon Anne äußerte in der Biographie von Scott Berg Vermutungen in Hinsicht auf das Foto einer attraktiven Philippinin in den Unterlagen ihres Mannes, die er auf seinen zahlreichen Besuchen der Philippinen kennengelernt haben wird.
Hätte die "Public Relation-Industrie" Charles Lindbergh nicht so verärgert, hätte es also nicht der kinderlosen Berliner Kommunarden und Münchener "Harems-Prinzip"-Autoren (Rainer Langhans) bedurft, um die Weltöffentlichkeit mit der Möglichkeit eines Aufbrechens zu neuen Ufern in der Welt der Paar- und Familienbeziehungen zu konfrontieren. Heraus aus dem Muff einer bigotten Welt. Von der Lebensperspektive Charles Lindbergh's aus gesehen sahen "diese aufmüpfigen jungen Leute" jedenfalls schon damals ... "ziemlich alt" aus ...
"Die schönste Zeit im Leben meiner Mutter"
Die drei persönlichen Zeugnisse von Brigittes Kindern am Ende des Buches sind die wesentlichsten, weil eindrucksvollsten Teile des ganzen Buches. Denn aus ihnen erfährt man endlich die "wahre" Persönlichkeit von Charles Lindbergh. Eines zugegebenermaßen ungewöhnlichen Menschen. Längst ist auch durch DNA-Tests erwiesen, dass sie tatsächlich Kinder von Charles Lindbergh sind, dass ihre "Geschichte" also stimmt. Über Astrid (eigentlich also eine "geborene Lindbergh") erfahren ist zu erfahren (6, S. 332):
Als mutige Kletterin im Deutschen Alpenverein und als begeisterte Skifahrerin hat sie ganz offensichtlich die Abenteuerlust Lindbergh's geerbt.Inzwischen hat sie selbst vier Kinder. Sie war es, die am energischsten von allen Lindbergh-Kindern nach der wahren Identität ihres Vater fragte, der den Kindern immer nur unter dem Namen "Careu Kent" bekannt gemacht wurde. Und heute schreibt sie unter anderem:
... Mein Vater verkörpert weiterhin das Sinnbild der schönsten Zeit im Leben meiner Mutter, die ihn mit vielen teilte, und seine Anwesenheit in meinem Elternhaus das Symbol der absoluten Harmonie.Diese Worte können nur mit Anteilnahme gelesen werde. Dass in ihnen kein Kitsch zum Ausdruck kommt, geht aus dem ganzen Buch hervor. Und vielleicht werden auch noch die folgenden Zitate das verdeutlichen können. Astrid veröffentlicht auch eine fotografisch Wiedergabe der Krakelschrift ihres eigenen Tagebucheintrages vom 20. Juli 1973, damals war sie 12 Jahre alt - und ihr Vater schon an Krebs erkrankt (6, S. 317):
Vorgestern kam er blass und anders sah er aus. Seine einzige Hand war an die rechte Seite der Brust gelegt. Glücklich sah er aus, aber ich hatte Angst. Ja Angst, eine Angst, die bis jetzt nicht nie in mir war. Eine glückliche aber ängstliche Angst. Eine Angst, die man "Tod" nennt. War es das letzte mal, dass ich ihn sah? Ich will ihn wiedersehen, ich will, dass mein Traum in Erfüllung geht, ich will mit ihm Expeditionen machen. Ist es bei meinem Vater genauso?
![]() |
| Abb. 4: Die drei deutschen Lindbergh-Kinder Dyrk, Astrid und Detlef |
![]() |
| Abb. 5: Die drei deutschen Lindbergh-Kinder Dyrk, Astrid und Detlef |
Wenn ich mich heute frage, warum mich die Geschichten über meinen Vater nicht neugierig gemacht haben, dann hing das wohl mit dem Ausdruck im Gesicht meiner Mutter zusammen. Wann immer sie von meinem Vater sprach, sah man förmlich, wie in ihrem Inneren die Sonne aufging. Und ich kann mir heute vorstellen, wie vertraut und glücklich sie mit ihm gewesen sein muss. Ich habe meine Mutter viele Jahre nach Vaters Tod einmal gefragt, ob sie sich nicht nach einem neuen Partner sehne. Sie hat mir mit einem strahlenden Gesichtsausdruck geantwortet: "Weißt du, Detlef, dein Vater hat mir so viel Liebe gegeben, dass mich diese bis ans Ende meines Lebens begleiten wird."Und er berichtet, dass - offenbar - auch seine Mutter "souverän" gestorben ist (4, S. 322):
Das letzte Mal, als ich mit meiner Mutter über unseren Vater sprach, war im Jahre 2001 - einen Tag vor ihrer Gehirnblutung. Sie wußte instinktiv, daß sie bald gehen würde, denn sie sagte mir, es sei jetzt alles so, wie sie es sich immer vorgestellt habe, und sie könne mit ruhigem Gewissen diese Welt verlassen. Meine Mutter und ich haben uns oft über den Tod unterhalten, und ich wußte, als sie starb, daß sie als glücklicher Mensch gegangen ist.Fast genauso wie bei Charles Lindbergh! Fast identisch in der Haltung dem Tod gegenüber! So viel Vertrauen in das Leben. So viel Zuversicht. - - - Und Detlef sagt weiter (6, S. 322f):
... Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle bei meiner Mutter für all das bedanken, was sie mir, bedingt durch ihre Art und ihren liebevollen, warmherzigen und fröhlichen Charakter, den sie selbst in ihren schwersten Stunden behielt, mitgegeben hat. Sie war zu jeder Zeit, bis sie ging, für jedes ihrer Kinder und Enkelkinder eine Quelle der Geborgenheit. Meinem Vater danke ich, daß er unsere Mutter die Liebe und Kraft gegeben hat, dieses für sie im Innersten glückliche Leben zu führen."Mein Vater"
Dyrk steht vom Typ her vielleicht seiner Siebenbürgen-deutschen Mutter am nächsten. Er betont zunächst noch einmal, dass er ja als Kind wie alle deutschen Kinder Lindbergh's gar nicht wusste, dass sein Vater ein "berühmter" Mann war und schreibt dann weiter (6, S. 323):
In diesem Zusammenhang fällt mir eine Religionsstunde in der fünften Klasse ein, in der wir gebeten wurden, unsere fünf größten Vorbilder aufzulisten. Ich war einer der wenigen, der damals neben den üblichen Helden eines Elfjährigen (Sportstar, Astronaut, Schauspieler etc.) hinschrieb: "Mein Vater".- - - Weiter versucht er zu erläutern (6, S. 324):
Vermutlich war es seine sehr intensive Präsenz, wenn er bei uns war. Seine Fähigkeit zuzuhören und sich mit den Zukunftsplänen eines Elfjährigen auseinander zu setzen, das Für und Wider dieser Vorhaben sachlich, aber auch dem Alter entsprechend zu erläutern und mir damit auch indirekt seine Lebensphilosophie zu vermitteln.Statt Vätern, die ihre Zeit vor dem Fernseher verbringen, so sagt Dyrk, war sein Vater
eigentlich immer mitten unter uns. Sei es, wenn er uns bei ausgedehnten Ausflügen das Verhalten in der Natur beibrachte oder wenn er in der Küche seine berühmten "Pancakes" zubereitete - sie mit der Eleganz eines Meisterkochs aus der Pfanne in die Luft warf und wieder auffing. Mit der Art und Weise, wie er uns an seinen Reiseerlebnissen teilhaben ließ, Einblicke in andere Kulturen und Lebensformen gab, ohne dabei den Helden herauszukehren, schuf er sich diese Vorbildfunktion."Life will work it out"
Sicherlich war auch die Einbettung der über weite Strecken vaterlosen Familie in eine vielfältige Siebenbürgen-deutsche Verwandtschaft, wie Dyrk sagte, wichtig (6, S. 325):
In diese Familie wurden wir, obwohl die Lebensweise meiner Mutter vermutlich das eine oder andere Stirnrunzeln hervorrief, ganz selbstverständlich integriert. Die häufigen Aufenthalte bei meinen Großeltern, zu denen ich eine sehr innige Beziehung hatte, die gemeinsamen Familientreffen, gemeinsame Urlaubsreisen und Wochenenden mit Verwandten und Freunden, aber auch die Segelkurswochen am Ammersee, bei denen unser Haus aus allen Nähten platzte, sind in meinen Erinnerungen noch ganz lebendig.Zum Schluss schreibt Dyrk über seinen Vater (6, S. 326):
Einer seiner Leitsätze war "Life will work it out" ("Das Leben wird es regeln") - aus meiner Sicht: "Life worked it out well"!Einfügung 2015: Dieses Wort "Life will work it out" ist zu einem festen Bestandteil des Gedanken- und Sprachschatzes des Autors dieser Zeilen geworden. In diesen wenigen Worten steckt eine ganze Weltanschauung und Lebensmoral. Man kann es womöglich auch noch mit anderen Worten ins Deutsche übersetzen: Das Leben wird es herausarbeiten, herausdestillieren, es wird sich im Leben herauskristallisieren, herausbilden. Der Kern wird sich von der Schale lösen, das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Unbedingte vom Bedingten ... In diesen wenigen Worten steckt so viel Vertrauen in das Leben. Und sie zeigen, dass sie von einem sehr lebenserfahrenen, weisen Menschen stammen. Sie können - wenn man möchte - auch erinnern an das Wort Hölderlins:
... herrschet in heiliger Nacht,
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
Herrscht im schiefesten Orkus
Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?
Dies erfuhr ich.
Einfügung November 2017: Womöglich ist Charles Lindbergh auf seinen Leitsatz auch - bewußt oder unbewußt - im Zusammenhang mit dem Beatles-Song "We can work it out" ("Wir werden eine Lösung finden") (Wiki) gekommen? Jedenfalls wurde uns bewußt, daß dieser Leitsatz womöglich gut herangezogen werden kann zur Erläuterung des Gedankens von der evolutionären Inhärenz (7).
Als Detlef mit seiner Tante Marietta, die 2005 noch lebte, über das große Familiengeheimnis und dessen Veröffentlichung sprach, sagte diese (6, S. 336):
Deine Mutter hat Valeska den Mann ausgespannt. Weißt du das?Und Detlef antwortete:
Ja, ich weiß. Aber dann hast du meiner Mutter den Mann ausgespannt."Danach eisiges Schweigen" , so heißt es in dem Buch (6, S. 315):
Und sie schweigen bis heute. Der secrecy, dem Gesetz des Schweigens, sind sie kompromißlos treu geblieben. Und noch eines hatten Bitusch (Kosename für Brigitte) Marietta und Valeska gemeinsam: Nach Charles Lindbergh's Tod hat es für sie keinen einzigen anderen Mann mehr in ihrem Leben gegeben.(Schon 1926 war Charles Lindbergh Freimaurer geworden. Als solcher wußte er wohl auch sonst von manchem "Gesetz des Schweigens".) Noch vom Krankenlager in New York aus hatte Lindbergh Abschiedsbriefe an seine drei deutschen Familien geschrieben, weitgehend gleichlautend. Auch (6, S. 310)
Valeska erhielt einen Abschiedsbrief ihres Freundes, den sie 20 Jahre lang, von 1954 bis 1974, innigst geliebt hatte. So sehr, daß sie nach seinem Tod keinen einzigen intimen Kontakt mit einem Mann mehr aufnahm. Charles Lindbergh war - wie sie ihrem Sohn gestand - "absolut einzigartig".In Schwabing gibt es einen "Wedekind-Brunnen", zu dem Brigitte Charles einmal führte, und auf dem die Worte des Theaterdichters Frank Wedekind geschrieben stehen, die sie dort für ihn übersetzte:
Seltsam sind des Glückes LaunenDiese Zeilen empfand Brigitte als "ein bisschen traurig - und doch so optimistisch". Lindbergh gab ihr sein Verstehen zum Ausdruck - "und darum haben wir uns geliebt," sagte Brigitte noch später ihren Kindern, wenn diese nach ihrem Vater fragten (6, S. 119).
wie kein Hirn sie noch ersann,
daß ich meist vor lauter Staunen
lachen nicht noch weinen kann.
/leicht überarbeitet 12. und 13.10.2015/
________________________________________________- Lindbergh, Charles A.: Kriegstagebuch 1938 - 1945. Verlag Fritz Molden, Wien 1972 (1970)
- Lindbergh, Charles A.: Stationen meines Lebens. Memoiren. Verlag Fritz Molden, Wien 1980 (1976)
- Berg, A. Scott: Charles Lindbergh. Karl Blessing Verlag, München 1999
- Reggiani, Andres Horacio: God's Eugenicist. Alexis Carrel and the Sociobiology of Decline. Berghahn Books, New York 2007
- Friedman, David M.: The Immortalists. Charles Lindbergh, Dr. Alexis Carell and the Daring Quest of Life Forever. Ecco, September 2007
- Schröck, Rudolf: Das Doppelleben des Charles A. Lindbergh. Der berühmteste Flugpionier aller Zeiten - seine wahre Geschichte. Heyne-Verlag, München 2005
- Bading, Ingo: Inhärenz schlägt Selektion - Als zugrunde liegendes Prinzip der Evolution - Ist das Prinzip Inhärenz für die Evolution bedeutender als das Prinzip Selektion? Auf: Studium generale, 17. November 2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/11/inharenz-schlagt-selektion-als-zugrunde.html
Samstag, 2. Juni 2007
Ein dritter Weg zwischen Atheismus und Monotheismus?
Der neueste "Spiegel" macht ja ziemlich viel Wind um den "Kreuzzug der neuen Atheisten". (Studium generale 1, 2) Nun haben wir es endlich auch gelesen. Auch wenn man sonst weiter nichts von dem Autor Alexander Smoltczyk weiß, will einem scheinen, daß all das - wieder einmal - aus dem "intellektuellen Kernschatten von Jürgen Habermas" heraus geschrieben worden ist. (TAZ, 2004) Und solche Leute wollen - im Grunde merkwürdigerweise - nicht, daß Monotheismus zu heftig angegriffen wird, deshalb greifen sie Dawkins und Co. an, was soweit übersehbar bisher noch nie ein Atheist oder ein atheistisches Blatt in einer solchen Schärfe getan hat wie jetzt der "Spiegel". Ohne allzu viele Intim-Kenntnisse über die ideologischen Fronten im derzeitigen Journalismus zu haben, kann man sich vorstellen, daß auch ein Thomas Assheuer von der "Zeit" einen Artikel mit solcher Tonlage hingekriegt hätte. - Man will also - und zum Teil ziemlich heftig - Emotionen schüren. Aber warum?
Weil niemand auf die Idee der Möglichkeit eines "Dritten Weges" zwischen Atheismus und Monotheismus kommen soll, was wirklich, wirklich, wirklich das Naheliegendste wäre beim derzeitgen Stand des Wissens und des gesellschaftlichen Bewußtseins. Diese Kuppelei zwischen "Thron und Altar", zwischen Frankfurter Schule und katholischer Kirche, und das merkwürdige und zutiefst lächerliche Emotionen-Schüren, das sich aus einer solchen Kuppelei - offenbar - ergibt (notwendigerweise?), ist einem im Grunde viel zu lächerlich, als daß es ergiebig erscheint, sich damit ernsthafter auseinanderzusetzen. Das ist alles nur auf leicht manipulierbare Menschen berechnet. Auf sehr leicht manipulierbare.
Aber daß keine "dritte Stimme" auch nur "irgendwo" prononcierter hindurchschimmert in gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten, zeigt, wie viel schon geistig "auf den Hund gekommen" ist. Heute mag gar nicht mehr so entscheidend sein die Frage: Gott oder nicht Gott, supernaturalistisch oder naturalistisch etc. pp.. Das ist doch im Grunde längst geklärt. Die entscheidende Frage wird jetzt und künftig immer mehr lauten: Seele oder keine Seele. Und das ist keine theoretische Frage, sondern bewährt sich an der Praxis und im Umgang mit unseren heutigen gesellschaftlichen Problemen.
Unter anderem - oder vielleicht sogar: vor allem - daran, wie unsere Gesellschaft und ihre einzelnen Mitglieder mit Kindern umgehen, welche Priorität sie der Kinderseele, ihrem Schutz, ihrem Gedeihen zusprechen. Und zu diesem Thema ist sowohl von der katholischen Kirche wie von einer von Atheismus und Materialismus durchtränkten Gesellschaft schon reichlich Anschauungsmaterial geliefert worden. Natürlich mag es auch noch andere - wichtige - Fragen geben. Krieg oder nicht Krieg, Klimaschutz oder nicht Klimaschutz ...
Aber selbst all die anderen Fragen werden sich letztlich künftig am besten daran messen lassen, ob Menschen mit Seele und echter, wahrhaftiger Persönlichkeit nach Antwort suchen oder Menschen, die sich von hohen Gehältern ihre Unzufriedenheit "mäßigen" lassen, Menschen, die glauben, mit Geld alles bezahlen zu können, Menschen, die mit - genügend - Geld käuflich sind für alles.
Damit könnte man diesen Beitrag abschließen. Aber die zuletzt geäußerten Gedanken erinnern einen wieder daran, was man vor kurzem in einer Charles Lindbergh-Biographie gelesen hat (Studium generale), und wie beeindruckt man davon war, wie souverän Charles Lindbergh unmoralische Angebote abgelehnt hat - oder doch zumindest solche, die in seinen Augen unmoralisch waren. Charles Lindbergh war nicht käuflich. In einer Welt voller Schlamm und Unmoral, vor allem in einer Welt voller käuflicher "Sensationslust", bewegte er sich - noch dazu als Jahrzehnte langer Mittelpunkt dieser Sensationslust - wie ein "Reiner". Ist diese vielleicht zu blumige Sprache wirklich gerechtfertigt. Aber man mache Alternativ-Vorschläge: Wie soll man es denn sonst nennen?
Nachdem der Biograph (1) dem Leser über Seiten und Seiten hinweg die zehn- und hunderttausende von Menschen vorgeführt hat, die Charles Lindbergh nach dem Atlantik-Flug zugejubelt hatten, so daß es einem schon längst zum Hals heraushängt (denn zu gleicher Zeit jubelten andere Menschen ganz anderen "Persönlichkeiten" zu ...), referiert er Lindbergh's Gedanken, in welcher Weise er nun seinen "Ruhm" ausnutzen sollte. Und er zitiert einen Historiker, der über Lindbergh sagte: "Noch beeindruckender als Lindberghs Flug über den Atlantik war die Art, wie er sich nachher verhielt. " (1, S. 149) Das finanziell attraktivste Angebot kam von dem Multimillionär W. R. Hearst, dem Inhaber des einflußreichen Medienimperiums der amerikanischen "Hearst-Presse".
________
1. Berg, A. Scott: Charles Lindbergh. Karl Blessing Verlag, München 1999
Weil niemand auf die Idee der Möglichkeit eines "Dritten Weges" zwischen Atheismus und Monotheismus kommen soll, was wirklich, wirklich, wirklich das Naheliegendste wäre beim derzeitgen Stand des Wissens und des gesellschaftlichen Bewußtseins. Diese Kuppelei zwischen "Thron und Altar", zwischen Frankfurter Schule und katholischer Kirche, und das merkwürdige und zutiefst lächerliche Emotionen-Schüren, das sich aus einer solchen Kuppelei - offenbar - ergibt (notwendigerweise?), ist einem im Grunde viel zu lächerlich, als daß es ergiebig erscheint, sich damit ernsthafter auseinanderzusetzen. Das ist alles nur auf leicht manipulierbare Menschen berechnet. Auf sehr leicht manipulierbare.
Aber daß keine "dritte Stimme" auch nur "irgendwo" prononcierter hindurchschimmert in gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten, zeigt, wie viel schon geistig "auf den Hund gekommen" ist. Heute mag gar nicht mehr so entscheidend sein die Frage: Gott oder nicht Gott, supernaturalistisch oder naturalistisch etc. pp.. Das ist doch im Grunde längst geklärt. Die entscheidende Frage wird jetzt und künftig immer mehr lauten: Seele oder keine Seele. Und das ist keine theoretische Frage, sondern bewährt sich an der Praxis und im Umgang mit unseren heutigen gesellschaftlichen Problemen.
Unter anderem - oder vielleicht sogar: vor allem - daran, wie unsere Gesellschaft und ihre einzelnen Mitglieder mit Kindern umgehen, welche Priorität sie der Kinderseele, ihrem Schutz, ihrem Gedeihen zusprechen. Und zu diesem Thema ist sowohl von der katholischen Kirche wie von einer von Atheismus und Materialismus durchtränkten Gesellschaft schon reichlich Anschauungsmaterial geliefert worden. Natürlich mag es auch noch andere - wichtige - Fragen geben. Krieg oder nicht Krieg, Klimaschutz oder nicht Klimaschutz ...
Aber selbst all die anderen Fragen werden sich letztlich künftig am besten daran messen lassen, ob Menschen mit Seele und echter, wahrhaftiger Persönlichkeit nach Antwort suchen oder Menschen, die sich von hohen Gehältern ihre Unzufriedenheit "mäßigen" lassen, Menschen, die glauben, mit Geld alles bezahlen zu können, Menschen, die mit - genügend - Geld käuflich sind für alles.
__________________
Damit könnte man diesen Beitrag abschließen. Aber die zuletzt geäußerten Gedanken erinnern einen wieder daran, was man vor kurzem in einer Charles Lindbergh-Biographie gelesen hat (Studium generale), und wie beeindruckt man davon war, wie souverän Charles Lindbergh unmoralische Angebote abgelehnt hat - oder doch zumindest solche, die in seinen Augen unmoralisch waren. Charles Lindbergh war nicht käuflich. In einer Welt voller Schlamm und Unmoral, vor allem in einer Welt voller käuflicher "Sensationslust", bewegte er sich - noch dazu als Jahrzehnte langer Mittelpunkt dieser Sensationslust - wie ein "Reiner". Ist diese vielleicht zu blumige Sprache wirklich gerechtfertigt. Aber man mache Alternativ-Vorschläge: Wie soll man es denn sonst nennen?
Nachdem der Biograph (1) dem Leser über Seiten und Seiten hinweg die zehn- und hunderttausende von Menschen vorgeführt hat, die Charles Lindbergh nach dem Atlantik-Flug zugejubelt hatten, so daß es einem schon längst zum Hals heraushängt (denn zu gleicher Zeit jubelten andere Menschen ganz anderen "Persönlichkeiten" zu ...), referiert er Lindbergh's Gedanken, in welcher Weise er nun seinen "Ruhm" ausnutzen sollte. Und er zitiert einen Historiker, der über Lindbergh sagte: "Noch beeindruckender als Lindberghs Flug über den Atlantik war die Art, wie er sich nachher verhielt. " (1, S. 149) Das finanziell attraktivste Angebot kam von dem Multimillionär W. R. Hearst, dem Inhaber des einflußreichen Medienimperiums der amerikanischen "Hearst-Presse".
"Lindbergh sollte in einem Film über die Luftfahrt die Hauptrolle spielen, mit Marion Davies, der Geliebten Hearst, als Partnerin. Hearst bot Lindbergh 500.000 Dollar plus zehn Prozent der Bruttoeinnahmen. (...) Hearst drängte Lindbergh, es nicht nur um seinetwillen zu überdenken, sondern es auch als Ermutigung für andere zu sehen." (!!!)Wie nun reagiert der 25-jährige, scheinbar ganz naiv aussehende Farmerjunge aus dem amerikanischen Mittelwesten? Vielleicht sah er sein Verhalten wirklich auch als eine Ermutigung für andere an. Aber nicht in dem Sinne, in dem sich Hearst das vorgestellt hatte.
" 'Ich wollte, ich könnte Ihnen den Gefallen tun', wandte Lindbergh ein, 'aber es geht nicht. Ich habe erklärt, ich werde nicht in Filmen auftreten.'So denken und handeln heute bestimmt nicht mehr sehr viele Menschen in vergleichbaren Situationen:
Erst viele Jahre später sprach Lindbergh in seinen Memoiren aus, daß er an Hearst selbst Anstoß genommen hatte. Der Mogul, so schrieb Lindbergh, 'kontrollierte eine Zeitungskette von New York bis Kalifornien, deren sittliche Maßstäbe sich von den meinen sehr unterschieden. 'Sie scheinen mir allzu sensationslüstern, unverzeihlich ungenau und übertrieben besessen von den Leiden und Lastern der Menschheit. Die Männer, die ihn vertraten und die ich kennengelernt hatte, waren mir fast alle zuwider, und ich wollte nicht mit dem Unternehmen in Verbindung gebracht werden, das er aufgebaut hatte.' "
" 'Na gut', sagte Hearst schließlich, 'aber den Vertrag müssen Sie zerreißen, ich hab' nicht das Herz dazu.'Was für ein souveräner Mensch. Ein Mensch, der nicht käuflicher war. Mehr Menschen von seiner Statur und das 20. Jahrhundert wäre - so möchte man ohne zu zögern vermuten - wesentlich anders verlaufen. Man könnte zu der Meinung kommen, daß wir Menschen wie Lindbergh brauchen, wenn wir das 21. Jahrhundert wirklich zukunftsweisend gestalten wollen.
Verlegener als je versuchte Lindbergh, ihm den Vertrag zurückzugeben. 'Nein', sagte Hearst ruhig und maß den jungen Mann prüfend von oben bis unten, 'wenn Sie keinen Film drehen wollen, zerreißen Sie das Papier und werfen Sie es fort.' Auf diese zweite Herausforderung hin riß Lindbergh die Seiten entzwei und warf sie in den Kamin. Hearst sah ihm 'mit einem Ausdruck belustigten Staunens' zu, an den Lindbergh sich noch lange erinnerte." (1, S. 151)
________
1. Berg, A. Scott: Charles Lindbergh. Karl Blessing Verlag, München 1999
Donnerstag, 31. Mai 2007
Charles Lindbergh ist souverän gestorben
Charles Lindbergh, der berühmte Erst-Überflieger des Atlantischen Ozeans, ist souverän gestorben. Eher durch Zufall ist man an eine Biographie über diesen Amerikaner geraten (1). Ein aufregendes Leben (1902 - 1974). Abbruch des Studiums, Kunst-, Post- und Militärflieger, schließlich die bis zu jenem Zeitpunkt in der Geschichte nie dagewesene Popularität eines einzelnen, ganz bescheidenen, jungen Menschen aufgrund der Atlantik-Überquerung im Jahr 1927.
Seine Ehe mit der Schriftstellerin Anne Morrow Lindbergh. Die Entführung und Ermordung ihres ersten Baby's. Die weiteren sechs Kinder. Das geradezu zwanghafte, ständige "Unterwegs-Sein" in der ganzen Welt. Die Kontakte zur Wissenschaft, zur Technik, zur Politik, auch zum nationalsozialistischen Deutschland. Schließlich der führende Kopf des Widerstandes gegen den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg (1939 - 1941) ("America First"). Viele halten ihn für einen geeigneten Präsidentschafts-Kandidaten. Doch seine Niederlage in dieser Auseinandersetzung prägt das geschichtliche Urteil über ihn bis heute: "Defaitist, "Nazi", "Antisemit".
Schließlich aktiver Militärflieger im Krieg gegen Japan. Im Alter noch einmal zusammen mit seinen Kindern aktive Teilnahme an der Umweltschutzbewegung. Alle diese "Stationen meines Lebens" (so der deutsche Titel seiner Lebenserinnerungen) sind aufregend genug von einem in seiner Jugend äußerlich so schlacksig daher kommenden, jungenhaft wirkenden Amerikaner, der vom Typ her äußerlich zumeist sehr "easy-going" wirkt.
Seine Ehe mit der Schriftstellerin Anne Morrow Lindbergh. Die Entführung und Ermordung ihres ersten Baby's. Die weiteren sechs Kinder. Das geradezu zwanghafte, ständige "Unterwegs-Sein" in der ganzen Welt. Die Kontakte zur Wissenschaft, zur Technik, zur Politik, auch zum nationalsozialistischen Deutschland. Schließlich der führende Kopf des Widerstandes gegen den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg (1939 - 1941) ("America First"). Viele halten ihn für einen geeigneten Präsidentschafts-Kandidaten. Doch seine Niederlage in dieser Auseinandersetzung prägt das geschichtliche Urteil über ihn bis heute: "Defaitist, "Nazi", "Antisemit".
Schließlich aktiver Militärflieger im Krieg gegen Japan. Im Alter noch einmal zusammen mit seinen Kindern aktive Teilnahme an der Umweltschutzbewegung. Alle diese "Stationen meines Lebens" (so der deutsche Titel seiner Lebenserinnerungen) sind aufregend genug von einem in seiner Jugend äußerlich so schlacksig daher kommenden, jungenhaft wirkenden Amerikaner, der vom Typ her äußerlich zumeist sehr "easy-going" wirkt.
Aber was auch immer sonst an seinem Leben bestaunens- oder beklagenswert sein mag, sein Tod war außerordentlich souverän (1, S. 504-516). Am 24. Juli 1974 sagen die Ärzte dem krebskranken Lindbergh in einem Krankenhaus in New York, nachdem eine Chemotherapie nicht durchgeschlagen ist, dass sie ihm "keine Hoffnung auf Genesung" mehr machen können.
Sie wollten die Chemotherapie intensivieren, gaben ihm aber nur noch ein paar Wochen. Lindbergh, der den Tod noch weit von sich wies, stellte alle möglichen medizinischen Fragen. "Es ist als ob das Feuer der Krankheit in ihm wütet und ihn verschlingt," versicherte Anne (...) (seine Frau). "Er hatte immer ein feuriges Wesen, und so passt es irgendwie zu ihm."
Seine Kinder versammeln sich um ihn, kommen aus aller Welt angereist. Auch der jüngste Sohn, mit dem er bis dahin über viele Jahre hin in erbittertem Streit gelebt hatte. Lindbergh trifft letzte Absprachen über seine unveröffentlichten Lebenserinnerungen ("Autobiography of Values"). Er geht sein Testament noch einmal durch. Und er setzt überall zwischen die Namen seiner Kinder nun auch noch den Namen seines jüngsten Sohnes.
Zu Hause sterben
Zu Hause sterben
Ein wenig später erschreckte er alle Anwesenden mit einer unerwarteten Forderung. "Ich will heim", sagte er zu Anne, "nach Maui."
Er will nicht im Krankenhaus sterben, sondern auf Hawaii. Dies ist einer seiner letzten Wohn- und Lebensorte. Alle Ärzte raten ab. Alles wird immer wieder neu erwogen. Alles zögert. Schließlich wird der Hausarzt in Hawaii Dr. Milton Howell angerufen und Lindbergh erklärt ihm:
"Milton, ich habe hier elf Ärzte ... und sie sagen, sie können mir nicht mehr helfen. Ich habe noch acht bis zehn Tage, und ich will zum Sterben nach Hause. Lieber lebe ich noch zwei Tage in Maui als zwei Monate in diesem Krankenhaus in New York."
Obwohl alle die Köpfe schütteln, besorgt sind, ob er überhaupt noch den Flug überlebt, setzt er es durch.
Die Ärzte warfen dem Patienten vor, er wolle nichts mehr von der Medizin wissen. Lindbergh erwiderte, die Medizin habe getan, was sie tun konnte, das Problem sei nun nicht mehr medizinischer, sondern philosophischer Natur.
In erster Reaktion muss man als Leser geradezu schmunzeln darüber, was da in New Yorker Krankenhäusern im Jahr 1973 alles so "debattiert" worden ist. Auch bei vielem, was nun folgt. Aber es wird spürbar, dass hinter all dem mehr steckt. Es klingt schon in diesem schlichten Satz an, dass und wie ernst Charles Lindbergh über den Tod an sich dachte. Dass es Lindbergh ernst ist, wird auch an kleinen Details erkennbar:
Ein junger Arzt untersuchte Lindbergh flüchtig - nach der Landung in Honolulu - und sagte fröhlich, er werde im Handumdrehen wieder gesund sein. Obwohl der junge Mann es gut gemeint hatte, ärgerte sich Lindbergh über seine törichte Bemerkung und schimpfte ihn aus.
Zu Milton Howell sagte er schließlich zur Begrüßung:
"Ich weiß, dass ich sterben muss ... Ich weiß, dass ich nur noch wenig Zeit habe. Ich will nichts Unnötiges. Ich will keine großen Worte." Er bat Howell, ihm dabei zu helfen, seinen Tod "konstruktiv zu gestalten".
Lindbergh's ganze Familie ist schließlich in dem Landhaus über dem Meer auf Hawaii versammelt. Alles ist geheim. Denn sonst wäre die Ruhe vor der Weltpresse dahin.
Lindbergh begann diese Reise wie alle anderen mit Checklisten. Meist widmete er morgens, wenn er sich relativ stark fühlte, alle Kraft den letzten Vorbereitungen und gab genau an, wie er jeden Schritt seines Abschieds ausgeführt haben wollte. "Dermaßen detailliert," schrieb Jon (ein Sohn) in ein Tagebuch, "dass wir anderen alle entsetzt sind. Wie spricht man über solche Dinge mit jemandem, der einem so nahesteht, und der sterben muß. Es mag ganz vernünftig sein, aber man muß sich erst daran gewöhnen ... Er betrachtet den Tod als ein letztes Abenteuer und stürzt sich mit aller Kraft auf seine Vorbereitung."
"Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer ..."
Jede Einzelheit wird durchgegangen. Das Grab, dessen Ort er sich schon früher ausgesucht hatte, soll jetzt schon ausgehoben werden. Dies tun seine Söhne. Die Entwässerung des Grabes wird sachlich durchdiskutiert. Das Holz des Sarges - "sägerauh", "einheimisch", "zolldicke Bretter" - ohne alle Schnörkel. Lindbergh legt Wert auf die Auskleidung des Sarges mit "biologisch abbaubaren Materialien". Noch nicht einmal eine metallene Gürtelschnalle will er an der Hose haben. Alle Einzelheit des Grabsteines und seiner Inschrift werden festgelegt. Ein Psalm aus der Bibel soll darauf stehen:
"Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer ..."
(Die nicht eingemeißelte Fortsetzung dieser Zeilen lautet: "... so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.")
Lindbergh bittet auch den Arzt, die Familie vor der Weltpresse zu vertreten:Als nächstes wandten sie ihre Aufmerksamkeit der Begräbniszeremonie zu. Lindbergh wollte vor der Beerdigung einen kurzen Gottesdienst, am Grab ein Gebet und ein geistliches Lied, und einen oder zwei Tage später einen nur wenig längeren Gedenkgottesdienst. Er verbat sich jegliche Lobreden. Statt dessen wollte er mehrere Textstellen der unterschiedlichsten Denker vorlesen lassen als sichtbares Zeichen seiner Überzeugung, dass keine Kultur oder Religion ein Monopol auf die Wahrheit habe. Anne legte ihm eine Reihe von Texten vor, aus denen er Jesajas, Bernhard von Clairvaux, Gandhi, Augustinus, die Mundaka-Upanischaden und ein Navajo-Gebet auswählte. Anne schlug ihrem Mann auch mehrere Lieder vor. Als sie ihm eins vor sang, das sie für geeignet hielt, schüttelte Charles den Kopf und sagte, das sei nicht gut. "Aber die Melodie ist von Bach", erwiderte Anne, "etwas Besseres gibt es nicht." - "Die Musik ist in Ordnung", erwiderte Charles, "aber die Worte sind kitschig." Anne überlegte, was sich da machen ließ, aber er löste das Problem: "Wir nehmen einfach hawaiische Lieder," sagte er, "da versteht keiner, was es heißt."
"Dann hätte ich gern, dass sie ihre Fragen beantworten. Ich wünsche mir, dass dabei eine gewisse Würde bewahrt bleibt, was Sie gewiss gut können.""Der Tod ist gleich hier, neben dir."
Stundenlang saß zumindest ein Familienmitglied bei Lindbergh, wenn er zwischen seinen Nickerchen oder am Abend seinen Erinnerungen nach hing - an seine Mutter, an "Brother", an die frühen Tage der Luftfahrt, an den Krieg. Auch "America First" war ihm noch gegenwärtig, und eines Tages sagte er zu Land (einem Sohn): "Lass nicht zu, dass deine Mutter mich großartig verteidigt." Jeden Abend musste man ihm berichten, wie weit sein Grab war. Eines abends fragte Anne Charles im Kreise der Söhne, ob er beschreiben wolle, wie er sich fühle, denn, so sagte sie, "du erlebst jetzt etwas, was wir alle einmal durchmachen müssen". Er antwortete, er habe bisher nicht erkannt, dass "der Tod ständig so nahe ist - er ist gleich hier, neben dir", und er fühle sich dabei völlig "entspannt". "Für euch, die ihr zuschaut, ist es schwerer als für mich", fügte er hinzu.
Am 25. August war das Grab fertig. Als Lindbergh am Abend ein Ventil für seine bereitliegende Sauerstoffmaske verstellen wollte,
damit er mehr Luft bekam, fiel sein Arm herab und er versank ins Koma. Anne, Land und eine Krankenschwester blieben die ganze Nacht hindurch bei ihm, und seine Frau hielt seine Hand. Am nächsten Morgen, Montag, den 26. August, schien Lindbergh friedlich da zu liegen. Nach einem zeitigen Frühstück gingen Anne und Land ins Schlafzimmer; da atmete er kaum noch. (...) Mehr als zehn Minuten saßen sie da, und es wurde immer stiller im Zimmer. "Und dann", erinnerte sich Land, "ging er einfach."
Stillschweigend verließen alle den Raum und ließen Anne mit Charles allein. Sie küsste ihn ein letztes Mal. Gern wäre sie noch länger mit ihm allein geblieben. - - - Seine Lebenserinnerungen "Stationen meines Lebens" erschienen 1978. Sie endeten mit den Worten:
"Nach meinem Tod kehren die Moleküle, aus denen ich bestanden habe, zur Erde und zum Himmel zurück. Sie kamen von den Sternen. Ich stamme von den Sternen."_______________________________________________
- Berg, A. Scott: Charles Lindbergh. Karl Blessing Verlag, München 1999
Abonnieren
Posts (Atom)
Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)
-
Wie nehmen sich die jüngsten Forschungsergebnisse der ancient-DNA-Forschung vor dem Bild aus, das die bisherigen Physischen Anthropologie...
-
Die ancient-DNA-Forschung entwirft ein völlig neues und unerwartetes Bild vom Werden der europäischen Völker Seit März 2017 ist es definit...
-
Eine neue detailreiche Studie bestätigt, was wir hier auf dem Blog schon immer sagten Eine höchst spannende Genetikstudie aus Mainz ist er...
-
In einem sehr kurzen Überblicksartikel über die bisherigen Erkenntnisse der Archäogenetik von Seiten eines polnischen Archäogenetikers wird ...
Diverses zum Suchen und Finden
Haftungsausschluß
Urheber- und Kennzeichenrecht
1. Der Autor ist bestrebt, in allen Publikationen die Urheberrechte der verwendeten Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu beachten, von ihm selbst erstellte Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu nutzen oder auf lizenzfreie Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zurückzugreifen.
2. Keine Abmahnung ohne sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen.
Wenn der Inhalt oder die Aufmachung meiner Seiten gegen fremde Rechte Dritter oder gesetzliche Bestimmungen verstößt, so wünschen wir eine entsprechende Nachricht ohne Kostennote. Wir werden die entsprechenden Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte sofort löschen, falls zu Recht beanstandet.





