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Mittwoch, 21. Mai 2025

Die Italiener haben viele Worte für "Traube" ...

...  die Amischen für "Buggy",
... die Inuit für "Schnee"
- Wie sich die Lebens- und Denkwelt der Völker in ihrer Sprache wiederspiegelt

Die Inuit haben vier Wörter für das Wortfeld "Schnee" (ScAm2025) und einige für das Wortfeld "See-Eis" (1), Hindi hat viele Wörter für das Wortfeld "Liebe". Ob es sich bei diesen Aussagen nur um Vorurteile handelt, ist in einer neuen Studie durch quantitative Auswertung von Wörterbüchern untersucht worden. Die Ergebnisse können auch in einem frei zugänglichen "Lexical Elaboration Explorer" (LEE) besichtigt werden.

Abb. 1: Die Pennsylvania-Deutschen hatten viele Worte für "Bugy" - Hier ein amischer Buggy auf einem Feldweg in Holmes County, Ohio, nahe des Wallnuß-Baches (Fotografie von Carol M. Highsmith, 2016) (Garystock)

Welch immense Auswirkung die muttersprachliche Prägung auf die Wahrnehmung der Welt und der sozialen Beziehungen hat, ist in Wahrnehmungsstudien festgestellt worden, etwa an englischsprachigen, fünf Monate alten Kindern. Diese nehmen räumliche Konzepte, die nur im Koreanischen hervor gehoben werden, noch wahr, was zwar erwachsene Engländer nicht mehr tun, erwachsene Koreaner aber schon (2, 3). Das heißt, daß erwachsene Engländer eine andere muttersprachliche Prägung ihrer räumlichen Wahrnehmung aufweisen als erwachsene Koreaner.

Gegenüber diesem Forschungsergebnis, das schon 2004 gewonnen worden ist, ist eine aktuelle Annäherung an dasselbe Phänomen über die Erforschung der unterschiedlichen Größe von Wortfeldern in einzelnen Sprachen eine Annäherung an ähnliche Phänomen aus anderer Richtung und auf weniger grundsätzlicher Ebene (1).   

Mittelalterliche europäische Sprachen

Im mittelalterlichen Deutschen (Mittelhochdeutsch) werden von dem neuen "Lexical Elaboration Explorer" (LEE) die Wortfelder mit den meisten Worten angeführt von den folgenden Wortfeldern, bzw. Konzepten: Witz, Glanz, Kampf, Bewaffnung, Helm. Ähnliches gilt für Altenglisch und Altfranzösisch. Man fühlt sich bei solchen Konzepten und Wortfeldern - natürlich - an die Welt des Nibelungenliedes und an ähnliche Dichtungen erinnert. Das sind ja auch die Sprachdokumente, aus denen die analysierten Wörterbücher destilliert worden sind!

Bei den Wortfeldern mit den meisten Worten noch im heutigen Isländischen fühlt man sich aber ebenso oft an die isländische Saga-Welt aus dem Mittelalter erinnert. Diese wirkt also noch nach, obwohl hier die Wörterbücher nicht vornehmlich aus mittelalterlichen Dichtungen abgeleitet worden sind: Spitzname, Vers, Qual, Wundheilung, Waffenstillstand, Totschlag, Metapher, Zauberer, Riese, Schreiber, Geächteter sind hier die Konzepte, bzw. Wortfelder mit den meisten Worten.

Noch im heutigen Italienischen geht es sehr viel um bäuerliche Nahrungsmittel: Traube, Kastanie, Heuraufe, Käse, Wein sind die Konzepte, bzw. Wortfelder mit den meisten Begriffen.

Für das Lettische wird als Wortfeld mit den meisten Begriffen angeführt "Birke", für das Litauische "Duckmäuser".

Für die Sprache der Samoaner: Lava, Taro, Einsamkeit, Brotfrucht, Dach, Kanu, Häuptling, Taube. Auch hier spiegelt sich die traditionelle Lebenswelt und Lebensweise der Samoaner wieder.

Neuzeitliche europäische Sprachen

Im "Pennsylvania-Dutch" werden folgende Konzepte/Wortfelder als jene mit den meisten Begriffen angeführt: Buggy (s. Abb. 1), Scheune, Prediger, Apfelwein, Wagen, Kirsche. Auch in dieser Auswahl spiegelt sich - offensichtlich - die traditionelle Lebensweise der Deutschen in Pennsylvania wieder, die zu großen Teilen Mennoniten waren, und von denen die heutigen deutschsprachigen Amischen sprachlich und kulturell als solche in den USA fortexistieren.

Die modernen Deutschen nun sollen - merkwürdigerweise - vor allem viele Wörter haben für das Wortfeld "Kaminsims" (engl. "Mantel"). Das mutet reichlich merkwürdig an und hier scheint uns doch irgendetwas schief gelaufen, fehlerhaft zu sein. Außerdem sollen die modernen Deutschen Rekordhalter sein für Wortfelder wie: Stufe, Stiefel, Stall, Lehrer, Schnürsenkel, Entwurf, Rechnung, Humor, Tonne, Bad. Was auch immer man aus diesem Forschungsergebnis ableiten möchte!!

Jüdische Sprachen

Eindeutiger sind die Ergebnisse dann schon wieder für die jüdischen Sprachen und Dialekte. Hier finden sich viele Worte für das Konzept/Wortfeld "Synagoge", am meisten im Jüdisch-babylonischen Aramäischen (Wiki), dann im Judeo-Jemenischen Arabisch (Wiki), dann im Ladino (Judäo-Spanisch) (Wiki) der sephardischen Juden, dann im Ostjiddischen (Wiki) und im Modernen Hebräisch (Wiki) der aschkenasischen Juden. All das mutet nachvollziehbar und einsichtig an. 

Das moderne Hebräisch hat noch mehr Wörter für "Rabbi", gefolgt vom Ostjiddischen (beides aschkenasische Juden).

Auffällig und auch nachvollziehbar mag auch sein, daß im Modernen Hebräisch ebenso wie im Ladino der sephardischen Juden offenbar fast alle jene Konzepte/Wortfelder, die die meisten synonymen Begriffe aufweisen, im Zusammenhang mit religiösem Kontext stehen: captivity, desolation, terror, atonment (Sühne), redemption (Erlösung) und so weiter.

Im Ostjiddischen der aschkenasischen Juden kommen interessanterweise Wortfelder hinzu wie "Paranthese" (was in der Rhetorik eine größere Rolle spielt). Außerdem Wortfelder/Konzepte wie "fun", "holiday" oder "polish".

Im Judeo-Jemenischen Arabisch spielen auch Wortfelder offenbar aus dem außerreligiösen Lebensalltag eine Rolle wie: "land", "baking", "fodder", "camel", "oven" etc..

Insgesamt läßt sich also wohl als eine erste Schlußfolgerung ableiten, daß jene Bereiche, mit denen die Menschen in einer Sprachgemeinschaft besonders viel beschäftigt sind, worüber sie viel reden, was ihnen wichtig ist, auch besonders viele Worte aufweisen. Im Jüdischen ist es der religiöse Bereich, in den mittelalterlichen europäischen Sprachen ist es unter anderem das Rittertum/Kriegertum, in vielen bäuerlichen Völkern sind es Worte aus der bäuerlichen Lebenswelt.

Ein Wechsel der Lebenswelt - wie er durch einen Epochenwechsel wie den vom Mittelalter zur Neuzeit markiert wird - kann auch einen Wandel der meist benutzten Worte mit sich bringen - muß dies aber nicht. All das ist einsichtig und nachvollziehbar. 

Aber vielleicht werden aus solchen Forschungen künftig noch weitergehende Schlußfolgerungen abgeleitet werden können.

Für tieferliegende muttersprachliche Prägungen zum Beispiel der Wahrnehmung der räumlichen Umwelt oder der sozialen Umwelt werden allerdings noch ganz andere sprachliche Zusammenhänge eine Rolle spielen als es durch die Größe der Wortfelder in einer jeweiligen Sprache erforscht werden kann. 

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  1. T. Khishigsuren,T. Regier,E. Vylomova,& C. Kemp,  A computational analysis of lexical elaboration across languages, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 122 (15) e2417304122, https://doi.org/10.1073/pnas.2417304122 (2025). (Preprint)
  2. Hespos, Susan J., and Elizabeth S. Spelke: Conceptual precursors to language. In: Nature (2004): 453-456 (Resg)
  3. Osterkamp, Jan: Erst denken, dann sprechen - Sprachentwicklung. In: Spektrum d. Wiss., 21.7.2004 (Spektrum2004)

Sonntag, 30. Juni 2019

Genetik und Kultur - Ihr Einfluß auf die Begabung der Völker

Italiener, Slawen, Franzosen, Deutsche ....
- Was ist ihnen gemeinsam, was unterscheidet sie?

Aufgrund der Ergebnisse der Ancient-DNA-Forschung der wenigen letzten Jahre läßt sich heute viel präziser über die Ursachen der Begabungsunterschiede zwischen den verschiedenen europäischen Völker nachdenken als jemals zuvor. Auf Twitter ist im März 2019 die folgende inhaltsreiche Grafik weiter geteilt worden (Abb. 1) (1).

Abb. 1: Die genetischen Herkunftsanteile der europäischen Völker aus der "Formierungsphase" Europas (6000 bis 2000 v. Ztr.)

Die Grafik (Abb. 1) ist irgendeiner der Ancient-DNA-Studien der letzten Jahre entnommen. Sie zeigt auf, wie sich die heutigen europäischen Völker in ihren genetischen Herkunftsanteilen unterscheiden und wie weit diese Herkunftsanteile jeweils in die Geschichte zurück reichen. Es wird noch eine Weile dauern, bis alle Schlußfolgerungen, die sich aus dieser kleinen Grafik für das Verständnis der Kulturgeschichte Europas ergeben, in das Bewußtsein aller historisch Denkenden "eingesickert" ist.

Bekanntlich haben wir geringe Reste von Genen der Neandertaler in uns - jeder Mensch ein wenig unterschiedlich im Prozentsatz. Aber dieser Herkunftsanteil ist insgesamt zu gering und zu diffus in Europa verteilt, um ihn in dieser Grafik zur Darstellung zu bringen. So verhält es sich auch mit anderen ursprünglicheren Herkunftsanteilen, die wir in uns tragen, insbesondere von Volksgruppen aus der europäischen Eiszeit. Vielmehr stammen wir heutigen Europäer im wesentlichen von den folgenden drei Herkunftsanteilen ab:

Der blaue Balken gibt den Anteil an der Herkunft von den letzten west- und mitteleuropäischen Jägern, Sammlern und Fischern an. Dieser Anteil konnte sich deshalb bis heute halten, weil die Nachkommen der ersten europäischen Bauern, die sich von Anatolien aus ausgebreitet hatten (anfangs fast ohne sich mit Einheimischen zu vermischen), nach dem Untergang der Bandkeramiker sich im Mittelneolithikum doch verstärkt mit den einheimischen Reliktbevölkerungen an See-, Fluß- und Meeresufern Nordeuropas vermischten. Deshalb wiesen die Völker Europas ab dem Mittelneolithikum jeweils zwischen zehn und zwanzig Prozent einheimische Jäger-Sammler-Genetik auf, ein Beitrag, der sich bis heute in je unterschiedlichen Anteilen in den Völkern gehalten hat.

Der orange Balken gibt den Anteil an der anatolisch-neolithischen Herkunft an, also die Gene jener Völkergruppe, die im Frühneolithikum die seßhafte Lebensweise nach Europa ausgebreitet hat und die sich dann im Mittelneolithikum - nach stärkerer Einmischung einheimischer Genetik (die blauen Balken) - bis nach Skandinavien, England und Osteuropa hinein weiter verbreitet hat. Es waren dies also zunächst die Bandkeramiker, später in Mitteleuropa zum Beispiel die Michelsberger Kultur und von dieser ausgehend im Ostseeraum die Trichterbecher-Kultur und in Ostmitteleuropa die Kugelamphoren-Kultur. Damit sind aber nur wenige Völker dieser großen Völkergruppe genannt. Sie alle sind heute ausgestorben. Wie man auf der Grafik (Abb. 1) gut sehen kann, haben sich die Gene dieser Völkergruppe bis heute am ausgeprägtesten auf Sardinien (!) erhalten, also in einem "Randbereich" Europas. Anhand der heutigen Sarden kann man sich also - womöglich - zumindest grob ein Bild vom äußeren Aussehen und dem Charakterart dieser früh- und mittelneolithischen europäischen Völkergruppe machen.

Die grünen Balken schließlich geben den genetischen Anteil der Indogermanen (Yamnaya-Kultur) in den europäischen Völkern an, Anteile, die sich im Spätneolithikum von Ostmitteleuropa aus (als Schnurkeramik- und Glockenbecher-Kultur) zügig über ganz Europa und den Mittelmeer-Raum ausgebreitet haben. Vermutlich hängt es nun insbesondere mit der Siedlungsdichte der jeweiligen Vorgängerkulturen vor Ort zusammen, daß sich die Gene der Indogermanen in Skandinavien und Nordeuropa viel ausgeprägter ausbreiten konnten (über "Replacement", also "Austausch") und die Gene der vorher dort lebenden Völker ersetzen konnten als im südlichen Europa, wo sie nur als ein weiterer Anteil zu vorhandenen Anteilen hinzutraten, die durch ihre Zuwanderung nicht ausstarben.

Die Deutschen sind auf dieser Grafik (Abb. 1) nun gar nicht angeführt. Aber es darf angenommen werden, daß sie sich in ihren Herkunftsanteilen grob zwischen den Tschechen einerseits und den Engländern andererseits bewegen. Und das sei doch schon einmal wiederholt und damit betont: Zwischen den Tschechen einerseits und den Engländern andererseits. 

Die große Bedeutung der Muttersprache für das Begabungsspektrum der Völker

Wir wissen, daß diese Herkunftsanteile zuletzt in der germanischen Völkerwanderung der Spätantike geformt wurden. Damals wanderten anthropoloigsch meist recht einheitliche germanische Stämme von Skandinavien aus nach Nordfrankreich, England, Deutschland und auch Rußland. Sie wanderten auch nach Norditalien (Toskana). Aber auffällig ist, daß Norditalien in dieser Grafik nur geringe indogermanische Herkunftsanteile aufweist. Und dennoch hat Norditalien im Mittelalter, in der Rennaissance und danach wesentlichste Beiträge zur Kulturgeschichte Europas geleistet, wesentlichste. Es gehört seit dem Mittelalter zu den wirtschaftsstärksten Regionen Europas. Das ist schon einmal ein Umstand, der in diesem Zusammenhang als ein sehr auffallender zu benennen ist. / Ergänzung: Dazu ist im November 2019 eine neue archäogenetische Studie erschienen, aufgrund deren die Kulturgeschichte Italiens vor dem Hintergrund der Verschiebung der genetischen Herkunftsanteile genauer analysiert werden kann (2). /

Was also macht diese Grafik vor allem klar? Sie macht klar, daß indogermanische Genetik allein kulturelle Begabung noch nicht für sich hervorruft. Da es diese vor der Bronzezeit in den Hochkulturen von Ägypten, Sumer, Indien, Margiana, China und so weiter, sowieso nicht gegeben hat oder kaum, war es immer schon zweifelhaft, ob es diese indogermanische Genetik allein sein soll, die kulturelle Errungenschaften vor allem hervor bringt. Vielmehr müssen also auch andere Faktoren eine Rolle spielen. Und zu diesen ist nun natürlich insbesondere auch die jeweilige Muttersprache zu zählen. Neben anderen Faktoren wie Einbindung in geographische und geschichtliche Beziehungszusammenhänge.

Umgekehrt hat es zwischen den slawischen Völkern und den Deutschen seit dem Frühmittelalter bis heute einen recht deutlichen zivilisatorischen, sprich wirtschaftlichen und auch kulturellen Unterschied gegeben. Die Deutschen gelten als fleißig, arbeitsam, ordentlich, pünklich, diszipliniert. Die slawischen Völker haben diese für das Funktionieren von Hochkulturen wesentlichen Eigenschaften jeweils erst mit vielen hundert Jahren Verzögerung angenommen - wenn überhaupt. Aufgrund der genetischen Herkunftsanteile allein sollte man aber nun einen solchen eklatanteren kulturellen Unterschied wie den zwischen Slawen und Deutschen keineswegs annehmen. Worauf also wird er zurück zu führen sein?

Die Kugelamphoren-Kultur

Hier drängt sich uns unter anderem die Frage auf, welche nachwirkende Rolle womöglich die Kugelamphoren-Kultur Ostmitteleuropas für die nachfolgenden Kulturen spielte. Wir wissen heute, daß sie noch keinerlei indogermanische Genetik aufgewiesen hat (wie Marija Gimbutas noch angenommen hatte), sondern vorwiegend anatolisch-neolithische und europäische Jäger-Sammler-Genetik.

Als sie im Verlauf ihres Untergangs von den Indogermanen überlagert wurde, könnten sich im Wesentlichen schon die Ursprünge, Vorformen der slawischen Sprachen gebildet haben durch Vermischung der indogermanischen Sprache mit der vorherigen Substratsprache, die von dem Volk der Kugelamphoren-Kultur gesprochen wurde. Die Sprache der Kugelamphoren-Kultur hinwiederum könnte in stärkeren Anteilen eine Sprache anatolisch-neolithischer Herkunft gewesen sein oder aber eine Sprache, die schon vor dem Neolithikum in Ostmitteleuropa einheimisch war. Beides ist möglich.

Es gibt einige Fälle in der Kulturgeschichte der Menschheit, in der Genetik und Sprache nicht parallel miteinander gegangen sind (etwa Austronesien, auch allerhand Völker des Mittleren Ostens.) Rein gefühlsmäßig neigt der Schreiber dieser Zeilen dazu anzunehmen, daß in der Kugelamphoren-Kultur wesentliche muttersprachliche Traditionen der vorneolithischen Bevölkerungen weiter wirkten. Das ist prinzipiell denkbar - aber letztlich beim derzeitigen Kenntnisstand reine Spekulation. Rationale Gründe können dafür zunächst nicht angeführt werden. (Es sei denn, solche lägen schon aus der Sprachforschung vor. Diese haben wir zu dieser Frage nicht sehr gründlich gesichtet.)

Jedenfalls: Auf die slawische Sprache wird es vor allem doch zurück geführt werden müssen, wenn wir bis heute so deutliche Mentalitätsunterschiede zwischen den germanischen und slawischen Völkern erkennen.

Im übrigen könnte sich die Muttersprache auch als ein nicht unwesentlicher Selektionsfaktor herausstellen, der über Jahrhunderte wirksam gewesen ist und darum die Völker doch unterschiedlicher genetisch durchgeformt haben könnte als es anhand der Herkunftsanteile der obigen Grafik erkennbar wäre.

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  1. Whyvert: Yamnaja-Herkunft in europäischen Völkern, 17.3.2019, https://twitter.com/whyvert/status/1107120622155583490
  2. Bading, Ingo: Indogermanische Genetik in Italien (2.500 v. Ztr. bis heute) Römische Republik und Italienische Renaissance, 9. November 2019 https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/11/indogermanische-genetik-in-der.html

Dienstag, 5. August 2008

Beeinflussen Krankheitsgefahren die Gruppen- und Religionspsychologie?

Neue Forschungsansätze aus der Soziobiologie

Die amerikanischen Biologen Corey L. Fincher und Randy Thornhill haben eine neue These zur Evolution menschlicher Sprach- und Religionsgemeinschaften erarbeitet. Da über diese These zumeist im Zusammenhang mit dem Schlagwort "Parasitenbefall" berichtet wurde, haben das viele Leser womöglich ein wenig zu abwegig gefunden, um weiterzulesen.

Abb.: Kranker Mensch - Gemälde von Ferdinand Hodler, Juni 1914 (Wiki)

Aber die These ist letztlich viel allgemeiner, so wird es deutlich wird, wenn man sich die Originalartikel anschaut (Oikos, Proc. Roy. Soc. B, Proc. Roy. Soc. B).

Der Ausgangspunkt ist lokale genetische Humanevolution, zunächst bei der Krankheitsabwehr des Menschen. Für solche lokale genetische Humanevolution haben ja die Genetiker in den letzten Jahren eine Fülle von neuen Hinweisen gefunden. ("Studium generale" berichtete häufig darüber.) Es handelt sich hier um sehr allgemeine Erkenntnisse und Konzepte, die weit über lokal unterschiedlichen Parasitenbefall und genetische, psychologische und kulturelle Anpassung an diesen auf Gruppenebene hinausgehen.

Jüngste, lokale Humanevolution aus der Sicht der traditionellen Soziobiologie

Soweit übersehbar sind das zwei erste Studien von Seiten der "traditionellen" Evolutionären Psychologie (bzw. der Soziobiologie), die konkreter alle die neuen Erkenntnisse in der Humangenetik der letzten zwei, drei Jahre zu jüngster, lokaler Humanevolution aufnehmen - oder sich doch sehr konkret auf theoretischer Ebene an sie annähern. Allein aufgrund dieses allgemeinen theoretischen Ansatzes verdienen die beiden Studien von Fincher und Thornhill Beachtung, auch wenn der in diesen Studien erörterte Ansatz selbst noch nicht für sich verbürgen sollte, daß man gleich im ersten Schritt schon zu sehr gut verallgemeinerbaren Ergebnissen kommt.

Anpassung an unterschiedlichen Krankheitsgefahren ist sicherlich ein Aspekt von menschlichem Gruppenverhalten. Aber sicherlich auch nicht der einzige. Der Denkansatz selbst ist jedoch so grundlegend, daß er sehr leicht erweiterungsfähig sein wird in viele Richtungen. Das mag spürbar werden, wenn nur allein einige Stichworte genannt werden aus dem zweiten Originalartikel: "locally adaptive immunity", "spacial variance in the immunbiology", was beides sowohl auf genetischer, wie psychologischer wie kultureller Ebene Auswirkungen hat, nämlich in Richtung von: "philopatry" (Heimatliebe), "ethnocentrism", "xenophobia", "collectivism", "individualism", "average coefficient of relatedness of ego's interactions over the lifetime", "flow of ideas and values", "markers of commitment", "ethnic code as a honest signal" (der "ethnische Code als ein ehrliches Signal") und so weiter und so fort.

Wie man in der Wissenschaftsberichterstattung und in der Blogszene sehen kann, sind das Studien, die beispielsweise Sprachwissenschaftler gleichermaßen interessieren wie Religionswissenschaftler. Auch dieser Umstand deutet darauf hin, daß man es hier mit einem sehr grundlegenden Denk- und Forschungsansatz zu tun hat. Die Berichte und Blog-Stellungnahmen (hier eine Auswahl: Spektr. d. Wiss., BdW, ORF, Kath.net, Spiegel, Tagesspiegel, New Scientist, Science, Telegraph, Homo economicus' Weblog, Bad Idea, Bremer Sprachblog) sind, wenn man sie mit den Originalartikeln vergleicht, oft noch viel zu oberflächlich und undifferenziert. "Studium generale" wird deshalb versuchen, auf diese Studien noch einmal differenzierter zurückzukommen.

Auszüge aus der Wissenschafts-Berichterstattung 

Hier zunächst nur einige wertvollere Auszüge aus der Berichterstattung. Der ORF schreibt:

Überprüft wurde diese These erstmals in den 1970er Jahren, als Forscher verschiedene Pavianpopulationen untersuchten. Es zeigte sich, dass in der afrikanischen Savanne die Affen von ähnlichen Bakterien befallen waren und in regem Austausch miteinander standen. In den Regenwäldern hingegen unterschied sich der Bakterienbefall zwischen den Populationen stark und die Paviane interagierten weit weniger. Die verschiedenen Parasiten, so lautete der Schluss, sind eine treibende Kraft der Evolution. Corey Fincher und Randy Thornhill meinen, daß dies auf für die Menschen gilt. (...) Wie sie in ihrer Studie schreiben, gab es überall eine strenge Korrelation zwischen diesen beiden Größen: Je mehr Sprachen es in einem Gebiet gibt, desto unterschiedlicher sind auch die Krankheitserreger, die die verschiedenen Menschengruppen tragen.
Und:
"Individuen müssen Kosten und Nutzen beim Kontakt mit Artgenossen abwägen", meinte Fincher gegenüber dem Online-Dienst des "New Scientist". Zu den Kosten zähle die Gefahr, sich mit Krankheitserregern eines fremden Individuums anzustecken, an die das eigene Immunsystem nicht angepaßt ist. Ist diese Gefahr hoch, wird der Kontakt eingeschränkt.
Man meidet also Gruppenfremde, um etwaige Ansteckungen zu vermeiden. Dazu paßt ein früheres Forschungsergebnis, nach dem vor allem schwangere Frauen stärker zwischen Gruppenfremden und Gruppenzugehörigen unterscheiden, da sie gesundheitlich besonders gefährdet sind (EHB 2007). Weiter:
Hintergrund der Studie ist ein bekanntes Phänomen der Ökologie: Die Artenvielfalt ist rund um den Äquator, in den Tropen und Subtropen, am größten, die Regenwälder sind jene Regionen mit der höchsten Artendichte und -vielfalt. Je näher man zu den Polen kommt, desto geringer ist die Biodiversität.

Aber die Forscher ziehen noch viele weitere Implikationen aus ihren Studien. Nicht nur die Größe, sondern auch die Art der Sprach- und Religionsgemeinschaften sei durch die Häufigkeit unterschiedlichen Parasitenbefalls bedingt. Hier geht es um den Unterschied zwischen mehr kollektivistischen oder mehr individualistischen Gesellschaften. Vor zwei Jahren hat der ORF schon über eine ähnliche Studie zu Parasiten berichtet (ORF, Proc. Royal Soc.). Hier wurde behauptet, daß der höhere Befall mit einer Parasitenart in Brasilien zu höheren Ängstlichkeits- und Neurotizismus-Raten, sowie zu höherer Betonung von Männlichkeit führe:

... Könnten gewisse Charakteristika nationaler Kulturen auf den Einfluß eines Parasiten zurückzuführen sein? Für die Hypothese spricht, daß der Infektionsgrad mit T. gondii regional sehr unterschiedlich ist. In Großbritannien und Norwegen liegt er bei sieben bzw. neun Prozent, in Brasilien und dem Balkan sind hingegen zwei Drittel der Bevölkerung infiziert.
Eine statistische Analyse von Lafferty zeigt indes, daß tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Verbreitung des Parasiten und gewissen Persönlichkeitsfaktoren besteht: Gesellschaften, die eine hohen Anteil Infizierter aufweisen, erreichen auch höhere Werte bei Persönlichkeitstests bezüglich Neurotizismus. Zusammenhänge, wenn auch weniger ausgeprägt, gibt es außerdem bei zwei Faktoren, die vom Niederländer Geert Hofstede eingeführt wurden, um das gesellschaftliche Klima in Kulturgruppen zu charakterisieren: Gesellschaften mit vielen Infizierten weisen eine tendenziell geringere Risikobereitschaft (bzw. höhere "uncertainty avoidance") auf und orientieren sich daher vermehrt an vorgegebenen Regeln. Und sie sind, in der Terminologie von Hofstede, eher "maskulin" - d.h., sie halten eher an traditionellen Geschlechterrollen fest.

Detaillierteres zu diesen Dingen noch einmal in einem weiteren Beitrag.

ResearchBlogging.org

/ leicht überarbeitet: 10.3.2021 /

_______________
  1. Corey L. Fincher, Randy Thornhill (2008). Assortative sociality, limited dispersal, infectious disease and the genesis of the global pattern of religion diversity Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0688

Donnerstag, 26. Juni 2008

Muttersprache und Altruismus

Für das hier auf dem Blog langfristig bearbeitete Thema "Altruismus in menschlichen Gruppen" stellt sich muttersprachliche Prägung immer deutlicher als ein wichtiges Phänomen heraus und als ein wichtiger Faktor bei der Modellierung des altruistischen Verhaltens. Darauf muß an anderer Stelle noch einmal detaillierter zurückgekommen werden.

Jedenfalls paßt ein neuer Bericht im "New Scientist" hervorragend zu einer solchen Berücksichtigung der muttersprachlichen Prägung. (Hier der Originalartikel.)
How switching language can change your personality

Bicultural people may unconsciously change their personality when they switch languages, according to a US study on bilingual Hispanic women.

It found that women who were actively involved in both English and Spanish speaking cultures interpreted the same events differently, depending on which language they were using at the time.

It is known that people in general can switch between different ways of interpreting events and feelings – a phenomenon known as frame shifting. But the researchers say their work shows that bilingual people that are active in two different cultures do it more readily, and that language is the trigger.

One part of the study got the volunteers to watch TV advertisements showing women in different scenarios. The participants initially saw the ads in one language – English or Spanish – and then six months later in the other.

Researchers David Luna from Baruch College, New York, US, and Torsten Ringberg and Laura Peracchio from the University of Wisconsin-Milwaukee, US, found that women classified themselves and others as more assertive (anspruchsvoll, anmaßend) when they spoke Spanish than when they spoke English.

"In the Spanish-language sessions, informants perceived females as more self-sufficient and extroverted," they say.

For example, one person saw the main character in the Spanish version of a commercial as a risk-taking, independent woman, but as hopeless, lonely, and confused in the English version.

Es ist natürlich klar, daß ich mich jeweils anders altruistisch verhalte, daß ich auf andere Weise kooperiere, Vertrauen anderen Menschen entgegenbringe, je nach dem, wie ich die Welt erlebe. Das heißt: Muttersprachliche Prägung wirkt - ganz unabhängig von den Genen - hin auf eine Vereinheitlichung der sozialen Wahrnehmung und des Sozialverhaltens all derer, die diese Muttersprache sprechen. Im Grunde ist das eine Banalität. Aber ich glaube, die Altruismus-Forscher haben solche Dinge bislang noch viel zu wenig berücksichtigt bei ihren Modellen zur Evolution des menschlichen Altruismus.

Ich halte es für sehr plausibel, daß gerade von frühem Lebensalter an zweisprachig aufgezogene und immer noch zweisprachig und bikulturell lebende Menschen diese Unterschiede besonders intensiv erleben.

Dazu gibt es auch schöne Leser(innen)kommentare. Nela schreibt:
If you only speak the languages but do not belong to the culture is not the same. I studied Germane and Latin in school but do not "feel" the culture. Being a part of two cultures (growing up in one, and living in the other) makes the difference, not just speaking the language. Although I believe it does not happen to all bi-cultural individuals, it surely happens to many if not most. I wrote more about that in comments, you may read it if interested.
Und ein anderer (Anonymer) sagt ganz genauso:
I know that if the same exact things were said by an American versus an Asian, it would sometimes indicate totally different things to me. This study just shows that people look for the meaning behind the message.
Und Kommentatorin Corazon M. Redolme sagt:
Ok, what about women who grew up in 2 languages, mother tongue and english simultaneously.We learned English as childen but the mother tongue has the advantage of being spoken more frequently. And our mother tongue is made up of Spanish,English and a combination of Asian languages in the region. Anyway, all in all I feel more empowered when speaking in mother tongue although i speak english just as fluent.maybe because due to the standing of women in cultures with strong spanish influence, in catholicism, women are honored because of Mary the mother of Jesus.
Ein langes – aber auch spannendes – Thema.

Freitag, 1. Februar 2008

Die Neuentstehung von Sprachen verläuft in schnellen Schüben

Ethnogenese, also die Neuentstehung eines Volkes ist - zumeist - identisch mit der Entstehung einer neuen Sprache, einer neuen Muttersprache. Das deutsche Volk entstand durch das Zusammenwachsen der germanischen Stämme östlich der Vogesen und östlich der Maas. Ihre Sprache, das (Althoch-)"Deutsche" unterschied sich um 850 n. Ztr. schon sehr deutlich von der Sprache der germanischen, fränkischen Stämme, die westlich der Vogesen lebten und ein Mischmasch von germanisch und Vulgär-Latein sprachen, das Alt-Französisch.

Hier haben sich zwei Sprachen voneinander getrennt, wobei sich die deutsche Sprache kontinuierlicher aus den germanischen Vorgängersprachen heraus entwickelte, während das Französische im Wortschatz nur noch zu etwa 20 % germanische Worte behielt.

Sprachforscher Derek Bickerton

In der Karibik und im Pazifik - etwa auf Hawai - sind in den letzten Jahrhunderten vor allem aufgrund des Sklavenhandels Menschen mit den verschiedensten Muttersprachen zusammen gekommen, haben untereinander geheiratet und praktisch neue Sprachgemeinschaften gebildet. Diese Menschen mußten sich ja auch untereinander verständigen. Und dabei sind ganz neue Sprachen entstanden, die sogenannten Pidgin-Englisch-Sprachen.

Der Sprachforscher Derek Bickerton hat nun die Entstehung dieser Pidgin-Sprachen in den letzten Jahrzehnten genauer untersucht und hat festgestellt, daß die Menschen, die am frühesten jene neue Misch-Sprache gesprochen haben, die dann die vorherrschende in der betreffenden Gesellschaft (auf der betreffenden Insel) wurde, die Kinder waren, die gemeinsam miteinander gespielt haben und dabei eine gemeinsame Sprache entwickeln mußten, um sich miteinander zu verständigen.

Die Forscher konnten am Alter der Erwachsenen und ihrer Fähigkeit, die neue Sprache zu sprechen, gut erkennen, wie sich die neue Sprache in einigen Jahrzehnten zuvor, als diese Erwachsenen Kinder waren, stufenweise weiterentwickelt hatte. Denn die Erwachsenen haben, nachdem sie dem Kindergarten- und Schulalter entwachsen waren, die schnelle Weiterentwicklung der Sprache, wie sie damals, bei der Sprachneuentstehung bei den zusammen spielenden Kindern vor sich ging, nicht mehr weiter "mitgemacht" und konnten darum - je nach Alter - die neue Sprache unbeholfener oder gekonnter, flüssiger sprechen, so wie der Stand dieser Sprachentwicklung ungefähr war, als sie dem Schulalter entwachsen waren.

Man darf von daher annehmen, daß es auch in Frankreich die zusammen spielenden Kinder der Romanen und zugewanderten Germanen waren, die die neue Sprache über mehrere Altersstufen hinweg in schnellerer Entwicklung haben entstehen lassen. Ähnlich werden auch die deutschen Stammesdialekte entstanden sein. Die germanischen Stämme der Alemannen, Bajuwaren und Franken, die von Norden her zugewandert waren, trafen ja jeweils auch auf zurückgebliebene romanisch (oder noch keltisch?) sprechende Menschen, mit denen deren Kinder zusammen gespielt haben können, wodurch die unterschiedlichen Dialekte entstanden oder zumindest "gefärbt" worden sein könnten.

Sprachforscher Mark Pagel

In einer neuen, in "Science" veröffentlichten Studie des Engländers Mark Pagel sind nun die geschichtlichen Sprachentstehungs-Prozesse in drei verschiedenen Sprachgruppen in größerem Rahmen untersucht und miteinander verglichen worden, nämlich in der indogermanischen Sprachfamilie, der Sprachfamilie der afrikanischen "Bantu"-Völker und in der austronesischen (polynesischen) Sprachfamilie. (Science 1, Interview - mpg., Text des Interviews, deutschsprachige Berichte: Die Presse, Spektr. d. Wiss., Focus)

Dabei wurden Sprach-Stammbäume wie der folgende aufgestellt und ausgewertet:

Mark Pagel kam nun zu dem Ergebnis, daß die Aufspaltung alter Sprachen in neue Sprachen, das heißt, die Sprach-Neuentstehung, sich nicht in einem über die Jahrhunderte hin gleichmäßigen, kontinuierlichen Ansammeln von immer mehr Wort-Unterschieden vollzieht, sondern daß auf Phasen schnellen Wandels längere Phasen mit wenig Veränderungen folgen. Am ausgeprägtesten fand Pagel diese Erscheinung in der austronesischen Sprachfamilie. Offensichtlich hat die Isolation auf den Inseln und der nicht allzu häufige Kontakt zwischen den Inseln sehr schnellen Sprachwandel bewirkt.

Ursachen für Sprachwandel

Pagel interpretiert seine Ergebnisse so, daß er vermutet, daß die Menschen in der Phase der Sprachneuentstehung das bewußte Bestreben haben, sich von den Menschen mit anderer Sprache abzugrenzen und dabei bewußt Unterschiede hervorheben, was zur Beschleunigung des Sprachwandels führen würde. Ich zweifele etwas daran.

Zwar sind Impulse zur Weiterentwicklung der althochdeutschen Sprache und zu ihrer Umwandlung ins Mittel- und Neuhochdeutsche - z.B. durch die Verschiebung der ich/ick- und Apfel-/Appel-Dialektgrenzen von Süden nach Norden jeweils ursprünglich ausgerechnet von der Schweiz ausgegangen (wobei "ick" und "Appel" die ursprüngliche Wortform war, "ich" und "Apfel" die "modisch-moderne" Wortform), also von einer Region, in der sogar drei Sprachen miteinander zusammen stoßen. Ansonsten ist doch aber Sprachwandel nicht etwas, was sich besonders in Absetzung von Menschen vollzieht, die eine andere Sprache sprechen, sondern eher dazu dient, Menschen, die zuvor nicht oder nur schlecht miteinander kommunizieren konnten, das zu erleichtern.

Außerdem hatte man doch auf den polynesischen Inseln keinen Anlaß, sich auch noch durch Sprache besonders von anderen Gruppen abzugrenzen, nachdem man doch durch das Meer schon genug von ihnen getrennt war?

In der Zusammenfassung der Studie werden jedenfalls neben diesem Wunsch nach Abgrenzung "Gründereffekte" angenommen, die ich für wesentlich plausibler halte. In dieser heißt es:

Sprachforscher vermuten, daß sich menschliche Sprachen häufig in raschen Schüben oder sprunghaften Phasen entwickeln – bisweilen im Zusammenhang mit ihrer Abspaltung von anderen Sprachen –, doch dieses Phänomen wurde bislang nicht nachgewiesen. Anhand von Vokabular-Daten aus drei der weltweit bedeutendsten Sprachfamilien – Bantu, Indoeuropäisch und Austronesisch – konnten wir zeigen, daß 10 bis 33 % der gesamten Wortschatzunterschiede zwischen diesen Sprachen auf rasche Veränderungsschübe zurückzuführen sind, die mit der Aufspaltung in neue Sprachen einhergingen. Unsere Ergebnisse belegen eine allgemeine Tendenz zu beschleunigten sprachlichen Evolutionsprozessen bei neu entstehenden Sprachen; dies könnte auf einen sprachlichen Gründereffekt oder auf das Bestreben zurückzuführen sein, eine eigenständige soziale Identität zu etablieren.
Linguists speculate that human languages often evolve in rapid or punctuational bursts, sometimes associated with their emergence from other languages, but this phenomenon has never been demonstrated. We used vocabulary data from three of the world's major language groups—Bantu, Indo-European, and Austronesian—to show that 10 to 33% of the overall vocabulary differences among these languages arose from rapid bursts of change associated with language-splitting events. Our findings identify a general tendency for increased rates of linguistic evolution in fledgling languages, perhaps arising from a linguistic founder effect or a desire to establish a distinct social identity.

Auf "Science" gibt es auch ein Interview mit Mark Pagel als frei verfügbare mpg.-Datei. In diesem werden die Analogien zur allgemeinen Evolution der biologischen Arten erörtert, ein spannendes Thema, das ich zu anderer Gelegenheit noch einmal aufgreifen will. Hier aber doch die sehr interessante geschriebene Fassung:

Host -- Robert Frederick

Punctuational evolution, or evolution in bursts, is a contentious idea because the fossil record indicates that evolution appears to be a slow and gradual process. In a paper published by Science two years ago, Mark Pagel and colleagues used statistical techniques to show that about 20% of substitutional changes at the DNA level can be attributed to punctuational evolution. In research published in this week's Science, Pagel and colleagues have applied this same statistical technique to languages, and show that languages also evolve in punctuational bursts. I spoke with Pagel from his office at the University of Reading.

Interviewee -- Mark Pagel

What we’ve discovered is that languages evolve in rapid bursts rather than smoothly or gradually over time. We’ve discovered that at the time of language-splitting events, when new languages are formed, that languages go through a period in which they acquire new vocabulary at a rapid rate, and then they settle down to a more gradual form of evolution over longer periods of time. We think it’s important because we often think of language as merely a tool of communication. But what these rapid bursts of evolution suggest is that at the time of language-splitting events, the speakers of new languages may wish to establish their identity in some way, and then they do so by changing their vocabulary.

Interviewer -- Robert Frederick
How did you measure these changes these “bursts” as you call them?

Interviewee -- Mark Pagel
Punctuational evolution, you know, has been a kind of hugely controversial idea in evolution and very divisive for the last, oh, 30-some years. And really the breakthrough was that we figured out a kind of statistical methodology for detecting these bursts of change in these structures we call phylogenies, phylogenetic trees, like family trees. And when you can do those kinds of things, you can detect these ancient historical signatures. So that’s what’s allowed us to do this really. It’s just bringing a new mathematical statistical methodology to the area.

Interviewer -- Robert Frederick
And you’re talking about language here?

Interviewee -- Mark Pagel

Yeah, so, we’re all quite happy to talk about species evolving in a hierarchical fashion, you know, decent with modification, and that leads to these things we call phylogenies or genealogies, family trees. And then it’s been an interest of mine over the last, oh golly, 20 years or so, to treat language as a discreet, evolving system like genes. And we’ve been pretty successful in being able to reconstruct phylogenies of language groups on the basis of vocabulary change, just as one might use genes to reconstruct family trees of species. And then you can just bring this whole methodology to linguistic phylogenies that you might use to study animal phylogenies. The parallel paper to this, it’s sited in this little brevia, is the one we published in Science in October of 2006. And we apply this same methodology to about 125 or so organismal trees: fungi, plants, and animals. Ant that for the big breakthrough was for the punctuational crowd, showing that it could happen, and then my interest was to take it on to the languages because it’s been a kind of
long-standing interest of mine.

Interviewer -- Robert Frederick
And in all the languages that you studied, how many had changed in this bursting way?

Interviewee -- Mark Pagel

I think that’s what surprised us was that we estimate that somewhere between about 10 and 30% of the vocabulary differences among the languages--now these are differences that have arisen over centuries, and in some cases millennia--we estimate that about 10 to 30% of all those vocabulary differences arise at or around the time of these languagesplitting events. So it’s really a rather large effect. And surprisingly to us--and it compares favorably to work that we’ve done on genetic evolution and animal species--we also found there that speciation in animal species is also a time of rapid genetic divergence, and we estimate maybe around 20% of genetic divergence can be attributed to speciation events.

Interviewer -- Robert Frederick
Now other than just the words changing, what about other changes in language, like how words and parts of words sound, or how new words are formed, or how words are arranged in sentences?

Interviewee -- Mark Pagel

It’s almost certainly going to be the case that things like the morphology of a language or the phonology of a language or the syntax of a language, almost certainly those things will show the effects that we’ve identified for lexical items, for vocabulary items. We can’t say that they do, we’ve only studied lexical items, but it will probably be the case that other things get rearranged as well. That would be our expectation.

Interviewer -- Robert Frederick
Is that your next step then, in this research?

Interviewee -- Mark Pagel
We’ve got a lot of things that we’re pursuing. It’s far more difficult to get information on some of these other things -- morphology and phonology. But it is one of the things we’ll be following up.

Interviewer -- Robert Frederick
Mark Pagel, thank you very much.

Interviewee -- Mark Pagel
Thank you.

Host -- Robert Frederick
Mark Pagel is senior author of "Languages Evolve in Punctuational Bursts." Read all about it in this week's Science.

Freitag, 30. November 2007

Ist die Kunst der Mutter die Mutter der Kunst?


Liegen die evolutionären Wurzeln der Kunst in der Mutter-Kind-Bindung?

Eine bestechende These hat Ellen Dissanayake aufgestellt, zuletzt in ihrem Buch "Art and Intimacy: How the Arts Began".

"Her books are considered classics among Darwinian theorists and art historians alike," las man vor drei Tagen in der New York Times.

Ihre These erinnert wieder einmal an die hier auf dem Blog schon behandelte These der Anthropologin Barbara King, nach der die tiefste evolutionäre Wurzel menschlicher Religiosität im "Zugehörigkeitsgefühl", im Gefühl der Verbundenheit mit den Mitmenschen liegen sollte. Das sagt Ellen Dissanayake auch über die Kunst - aber sie geht noch weiter (NYT):
After studying hundreds of hours of interactions between infants and mothers from many different cultures, Ms. Dissanayake and her collaborators have identified universal operations that characterize the mother-infant bond. They are visual, gestural and vocal cues that arise spontaneously and unconsciously between mothers and infants, but that nevertheless abide by a formalized code: the calls and responses, the swooping bell tones of motherese, the widening of the eyes, the exaggerated smile, the repetitions and variations, the laughter of the baby met by the mother’s emphatic refrain. The rules of engagement have a pace and a set of expected responses, and should the rules be violated, the pitch prove too jarring, the delays between coos and head waggles too long or too short, mother or baby may grow fretful or bored.

To Ms. Dissanayake, the tightly choreographed rituals that bond mother and child look a lot like the techniques and constructs at the heart of much of our art. “These operations of ritualization, these affiliative signals between mother and infant, are aesthetic operations, too,” she said in an interview. “And aesthetic operations are what artists do. Knowingly or not, when you are choreographing a dance or composing a piece of music, you are formalizing, exaggerating, repeating, manipulating expectation and dynamically varying your theme.” You are using the tools that mothers everywhere have used for hundreds of thousands of generations.
Die gelungene Kommunikation zwischen Mutter und Kind ist also eine Kunst. Und alles, was der Mensch seither gemacht hat, ist eine Imitation dieser frühen Kommunikation mit seiner Mutter. Klar! Wie sollte es denn auch sonst sein?

Auf geht's also, Ihr Mütter und Väter und Ihr, die Ihr's werden wollt! Werdet wieder Künstler! Werden Euch Eurer Künstlerschaft bewußt. Das ist jene Vereinigung von Kunst und Leben, von der so viele Menschen träumen oder geträumt haben:
.... Sprache der Liebenden
Sei die Sprache des Landes
Ihre Seele der Laut des Volks!

(Friedrich Hölderlin, Die Liebe)

Samstag, 3. November 2007

Muttersprache schafft Vertrauen ...

... und das heißt: Fremdsprache schafft Mißtrauen

Daß man Menschen, die die eigene Sprache, ja, sogar den eigenen Dialekt gut sprechen können, mehr Vertrauen entgegenbringt, als Menschen, die eine fremde Sprache sprechen, hat mit mehr zu tun als mit "kultureller Imprägnierung". Der Mensch scheint darauf genetisch programmiert zu sein, denn schon fünf Monate alte Kinder zeigen derartige Unterscheidungen und Bevorzugungen (Spektr. d. Wiss., PNAS). Soll man das nun "Rassismus" nennen (siehe voriger Beitrag)? Nein, besser neutraler Ethnozentrismus:
(...) Gerade einmal fünf Monate waren die jüngsten Probanden von Spelkes Team alt, mit denen die Forscher das Verhalten gegenüber verschiedenen Sprachklängen testeten. Spielten sie den Kleinen Filmaufnahmen vor, in denen Frauengesichter in der Mutter- oder einer fremden Sprache erzählten, schenkten die Säuglinge anschließend der Vertreterin mit den vertrauten Lauten mehr Aufmerksamkeit als der Sprecherin mit ungewohntem Klang. Zehn Monate alte Kinder waren eher geneigt, von einer Frau ein Spielzeug entgegenzunehmen, deren Sprache sie aus der eigenen Familie kannten, als von einer fremdländisch intonierenden. Hier zeigen sich also schon Präferenzen für bestimmte Sprachen und ihre Sprecher, bevor das eigene Sprachvermögen überhaupt vollständig entwickelt ist.

Und das Sortieren geht munter weiter. Fünfjährige wählten als potenzielle Freunde gezielt nach deren Sprache, ja sogar Dialekt: Ein fremder Akzent wirkte ganz offenbar abstoßend im Vergleich zu einem bekannten, obwohl sie auch die anders klingenden Worte problemlos verstanden hatten. (...)
In der Zusammenfassung der Studie heißt es:
What leads humans to divide the social world into groups, preferring their own group and disfavoring others? Experiments with infants and young children suggest these tendencies are based on predispositions that emerge early in life and depend, in part, on natural language.
Solcher Ethnozentrismus, solche ethnische Gruppenbezogenheit kann - später - in Inhumanität ausarten und das "Wort Gottes" hat uns Jahrhunderte lang mit solcher Inhumanität durchtränkt, wie die Forscher einleitend anhand eines eindrucksvollen Zitates verdeutlichen:
"Und die Gileaditer besetzten die Furten des Jordans vor Ephraim. Wenn nun einer von den Flüchtlingen Ephraims sprach: Lass mich hinübergehen!, so sprachen die Männer von Gilead zu ihm: Bist du ein Ephraimiter? Wenn er dann antwortete: Nein!, ließen sie ihn sprechen: Schibbolet. Sprach er aber: Sibbolet, weil er's nicht richtig aussprechen konnte, dann ergriffen sie ihn und erschlugen ihn an den Furten des Jordans, sodass zu der Zeit von Ephraim fielen zweiundvierzigtausend." (Buch der Richter 12: 5-6)
Diese in der Bibel geschilderte inhumane Verhalten ist sicherlich nicht "determiniertes" Verhalten, sondern die Menschen, die von Natur aus zu Gruppen-Unterscheidungen neigen, haben sich hier bewußt dazu entschieden, Menschen mit anderer Gruppenzugehörigkeit zu töten. Menschen sind keine Tiere und müssen so etwas nicht tun ...

Was hier über die Sprache festgestellt wurde, ist ja auch schon für biologische Körpermerkmale wie Hautfarbe etc. festgestellt worden: Größere genetische Verwandtschaft, kenntnlich an Köpermerkmalen, schafft unter Erwachsenen größeres Vertrauen, geringere genetische Verwandtschaft schafft unter Erwachsenen unbewußt Mißtrauen.

Dienstag, 30. Oktober 2007

Die "Eindimonsionalität" der Muttersprache ERLEICHTERT offenbar das Wahrnehmen von Welt

Das prägungsähnliche Lernen der Muttersprache beim Menschen ist ein sehr geheimnisvolles Phänomen. Während Eckart Voland in seinem neuesten Buch gerade erst ausgeführt hatte, daß eine derartige Prägung oftmals eine Einschränkung in den zuvor noch umfangreicher vorhandenen Möglichkeiten der Weltwahrnehmung bedeutet (siehe Beitrag vor einigen Tagen), macht eine neue Studie (New Scientist) darauf aufmerksam, daß zweisprachig aufgezogene Kinder erst drei Monate nach einsprachig aufgezogenen Kindern die Unterscheidung von bestimmten Lauten lernen, nämlich erst im 20., nicht schon im 17. Lebensmonat.

Daraus würde zu schlußfolgern sein: "Eindimensionales" Erwerben von Muttersprache erleichtert offenbar das Wahrnehmen von Welt, während "mehrdimensionales" (gleichzeitiges) Lernen das Wahrnehmen von Welt "verkompliziert". - Ist das richtig interpretiert? Dient Muttersprache dazu, das Wahrnehmen der Umwelt zu erleichern? Wer könnte schon von sich behaupten, er habe wirklich verstanden, was das eigentlich ist: prägungsähnliches Lernen. Und "wozu" es eigentlich - ultimat und/oder proximat - entstanden ist!

Dienstag, 9. Oktober 2007

Koreanische Adoptivkinder in westlichen Ländern

Das Thema der koreanische Adoptivkinder, die in westlichen Ländern aufgewachsen sind (Wikip.) ist ein emotional oft aufwühlendes Thema, zudem aber auch ein Thema, das in der Wissenschaft eine nicht geringe Rolle spielt. Die Wissenschaft hat an diesen Kindern schon so manche allgemeineren Gesetzmäßigkeiten über die Entwicklungs-, Kultur- und Sprachpsychologie des Menschen erforschen können. In Frankreich gibt es etwa 11.000, in Deutschland etwa 2.000, in den USA sogar 100.000 koreanische Adoptivkinder. In den skandinavischen Ländern sind es insgesamt 25.000.

Da koreanische Adoptivkinder oft erst nach dem ersten Lebensjahr in westliche Länder kamen, wurde vor einigen Jahren von sprachwissenschaftlicher Seite untersucht, ob man noch "irgendwelche" Erscheinungen in ihrer heutige Sprache (als Erwachsene) erkennen würde, die sich darauf zurückführen lassen, daß sie muttersprachlich im ersten Jahr auf die koreanische Sprache geprägt worden sind. Denn es ist bekannt, daß die Prägung auf die Muttersprache - und vor allem auch die einzigartige, grundlegende Emotionalität, das Weltgefühl, ja, die Weltsicht, die mit einer jeweiligen Muttersprache verbunden sind - vornehmlich im ersten Lebensjahr erfolgt, also in einer Zeit, in der die Kinder selbst noch gar nicht sprechen, sondern höchsten lallen können.

Man hat nun rein sprachlich (bislang) von einer solchen Prägung nichts mehr finden können. Es ist, als hätten sie ihre Muttersprache tatsächlich vollständig "vergessen". Auch nicht "subtil" läßt sich irgend etwas nachweisen (bislang).

Identitätsbildung mit Schwierigkeiten behaftet

Bei "Wikipedia" heißt es:
"Identitätsbildung ist ein sehr wichtiger Prozess, der bei vielen Adoptierten verzögert wird und mit Schwierigkeiten behaftet ist. (...) Letztendlich kommt man als Adoptierter aus einem anderen Land, einer anderen Rasse und anderen Kultur. Wenn man mit weißen Eltern aufwächst, können diese einem nicht die Sprache des Herkunftlandes beibringen."
Ich bin gerade überrascht, was dort noch alles geschrieben wird, zumal man annehmen muß, daß an diesem Artikel insbesondere Betroffene selbst mitschreiben:
"Der Beginn jeder Adoption stellt auch den Verlust einer Familie dar, nämliche den Verlust der biologischen Familie für das Kind, das adoptiert wird. Das wird leider bei einer Adoption oft vergessen. Für Adoptiveltern ist eine Adoption eine 'schöne' Angelegenheit, weil sie so ihre Familie erweitern können. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass man dem Kind, das man adoptiert, auch genügend Raum für die biologische Familie lässt. Das Kind soll auch den Verlust betrauern dürfen, bzw. den Verlust verbal oder nonverbal ausdrücken. Ein Verlust, den man verdrängt, wird sich früher oder später wieder an der Oberfläche zeigen. Je später man diesen Verlust verarbeitet, desto länger und schwieriger wird dieser Prozess.

Viele Adoptierte kämpfen auch mit dem Gefühl des 'Verlassenwordenseins'. Das kann sich später auch auf die Beziehungsfähigkeit ausdrücken. Zum Beispiel sucht eine Adoptierte, die dieses 'Verlassenwerden' nie verarbeitet hat, sich jeweils einen Partner, verlässt ihn aber, bevor er sie 'verlassen' könnte. Aus diesem Grund kann sie jeweils immer die Situation so kontrollieren, dass sie eben nie 'verlassen' wird. Jedoch ist dieses Schema an sich, wiederum nicht zufriedenstellend, so dass sie sich wieder einen neuen Partner sucht und das ganze Spiel sich wiederholt.

Je nach Situation vor der Adoption können Adoptierte auch anderweitig geschädigt worden sein. Bekannt sind viele Probleme wie FAS (Fetal Alcohol Syndrome), RAD (Reactive Attachment Disorder), PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung), PI-Kinder (Postinstitutionalized-Kinder), welche auch unterschiedliche Therapieformen benötigen."
Gibt es ein Gen fürs Nasenjucken?

Auf das Thema kam ich eigentlich, weil bei "Books on Demand" der Erlebnisbericht des Stiefvaters eines Adoptivkindes angeboten wird. (Gerd Schinkel) Auch die betroffene Adoptivtochter selbst hat darüber ein Buch geschrieben. (Amaz.) Sie hatten inzwischen einige Fernsehauftritte in Korea und in Deutschland sowohl mit den leiblichen wie mit den Adoptiveltern. In einem Bericht heißt darüber es:
"Es ging um nichts anderes als um die Frage: Bin ich einem Menschen auf dieser Welt ähnlich? (...) Anneli Schinkel bewegte nur eine ganz schlichte Frage: Bin ich ihr (der leiblichen Mutter) ähnlich? Darauf bekam die 23-Jährige eine Antwort: Sie juckt sich in derselben Weise wie ihre Mutter, die sie noch keine Stunde ihres Lebens gesehen hatte, an der Nase. Es muss ein Gen fürs Nasejucken geben. Ihre Beine, die sie eigentlich schon immer zu kurz fand, hat sie aber von ihrem Vater geerbt. Den bekam sie bei ihrer Suche nach der Mutter gleich mitgeliefert. ..." (Gerd Schinkel)
Gerd Schinkel, der Adoptivvater (ein Liedermacher), der auch noch einen Jungen aus Korea adoptiert hat, wird mit den Worten zitiert:
"Im Nachhinein diese Erklärungen von den Kindern geschildert zu bekommen, dass sie darunter häufig gelitten haben, dass sie anders aussahen und wie sehr das für sie auch ne Belastung war, das bringt einen dann schon auch zum Nachdenken." (Gerd Schinkel)
In diesem Thema steckt viel drin. Hier sollte auf dasselbe nur hingewiesen werden und es sollten einige erste Eindrücke gegeben werden.

Freitag, 29. Juni 2007

Asiaten achten mehr auf Kontext

Was ist interessanter: Hund, Gans oder Katze vorne – oder doch die Laube dahinter? Der Hund und die Katze natürlich! Und die Gans. Aber nein: Der Hintergrund scheint für einige Asiaten spannender zu sein. (Gesundheitpro)

Frühere Untersuchungen über Augenbewegungen hatten schon ergeben, dass Ostasiaten dem Hintergrund eines Bildes mehr Aufmerksamkeit schenken als Abendländer. Denise Park zufolge zeigen die aktuellen Erkenntnisse aus ihrer Studie, zusammen mit früheren, bei denen sie Gehirnaktivitäten älterer Probanden aufgezeichnet hatte, jedoch erstmalig, „wie Kultur das Gehirn formt.“

Allerdings gibt es auch Experten, die dem entgegenhalten, dass es noch eine ganze Reihe anderer Faktoren neben den kulturellen Einflüssen gibt, die diese Unterschiede erklären könnten.

So endet der Artikel. War zum Schluß von genetischen Faktoren die Rede? Auf jeden Fall hatten andere Studien schon gezeigt, daß die Muttersprache sehr stark die Wahrnehmung (und wahrscheinlich auch die emotionalen Reaktionen auf Umweltreize) konfiguriert.

Sonntag, 24. Juni 2007

Plastikwörter - Die Sprache einer internationalen Diktatur

Aus einer Rede, die am Donnerstag vor dem deutschen Bundestag gehalten wurde (Welt), sei das folgende zitiert. Man sollte hoffen, daß wenigstens einige Politiker mit dieser Rede etwas haben anfangen können. (Hoffen darf man immer - man braucht es aber nicht zu glauben ...):

"Was würdest du als erstes tun, wenn man dich mit den Regierungsgeschäften beauftragen würde?", wurde einmal Konfuzius gefragt. Die Antwort lautete folgendermaßen: "Das Wesentliche ist, die Dinge korrekt zu benennen. Wenn die Bezeichnungen nicht korrekt sind, passen die Wörter nicht mehr. Wenn die Wörter nicht mehr passen, gehen die Staatsgeschäfte schlecht. Wenn die Staatsgeschäfte schlecht gehen, können auch Rituale und Musik nicht gedeihen. Wenn Rituale und Musik nicht gedeihen können, sind Urteile und Strafen nicht länger gerecht. Wenn Urteile nicht mehr gerecht sind, weiß das Volk nicht mehr, wie es sich verhalten soll."...

Die Tugenden und die ausstrahlende Macht der Sprache haben jedoch auch eine Kehrseite der Medaille, und diese resultiert aus rhetorischem Missbrauch, ideologischer Missbildung, lexikaler Armut, grammatikalischem Primitivismus, schlechtem Geschmack und Falschheit. (...) Wir sprechen über brain-washing, Manipulation und psychischen Terror. Für jemand, der wie ich aus dem europäischen Osten kommt, heißt all dies "hölzerne Sprache". ... Die hölzerne Sprache ist ein Gemisch aus Armut und Redseligkeit.

Ich möchte hier dem ehemaligen rumänischen Außenminister, der diese wesentliche Rede gehalten hat, den Vorschlag machen, daß wir auf Deutsch nicht - wie er - von "hölzerner Sprache" sprechen, sondern von "holzschnittartiger Sprache". Das ist es nämlich genau, was in ideologisch geformten Sprachen geschieht: die vielen wesentlichen Details, die Schattierungen, die exakte Kennzeichnung des Individuellen, Persönlichen in der Wirklichkeit geht verloren. Das Bild, das gezeichnet wird, wird "holzschnitt-artig". Walter Lippmann spricht in seinem wichtigen Buch "Öffentliche Meinung" von "Stereotypisierung".

"Die holzschnittartige Sprache der westeuropäischen intellektuellen Linken"

Doch nun weiter Andrei Plesu:

Eine Statistik belegt, dass die Sprache der sowjetischen Presse, die zur Erziehung des "neuen Menschen" berufen war, nur 1500 von insgesamt 220.000 im Wörterbuch der russischen Sprache verzeichneten Wörtern verwendete. ...Wir finden äquivalente Missbildungen im Nazi-Diskurs, im kommunistischen Diskurs und, bis zu einem Punkt, in einer gewissen Demagogie der Französischen Revolution. Es gibt eine Holzsprache des Maoismus, eine der westeuropäischen intellektuellen Linken und eine der rechtsextremen Xenophobien. Mit dem von den beiden großen Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts hervorgerufenen linguistischen Desaster lässt sich sicherlich nichts vergleichen. Es schadet aber nicht, besondere Vorsicht walten zu lassen bei den bereits "holzigen" Komponenten des EU-Diskurses (Integration, Triumphalismus, Anti-Amerikanismus), des "liberalen Fundamentalismus" - wie John Gray ihn nennt - der Säkularisation, des missionarischen amerikanischen Ethizismus, des Ökologismus, des Macho-Konservatismus und der Homo-Emanzipation.

Und auch das sind schöne Worte:

Mir bleibt jetzt nichts anderes mehr übrig, als Sie zu warnen, dass jedes Mal, wenn Sie Scheu oder "political correctness"-Skrupel dazu bewegen, nicht Deutsch zu sprechen, Ihr Teil des Himmels unerforscht bleibt und Ihr Engel melancholisch wird.

So also der ehemalige Außenminister Rumäniens Andrei Plesu am Donnerstag vor dem deutschen Bundestag.

Weiterführender Literaturhinweis:

"Plastikwörter - Die Sprache einer internationalen Diktatur" von Uwe Pörksen (Klett-Cotta, 6. Aufl. 2004) (Amazon).

Dienstag, 12. Juni 2007

"Spannender als die Papstwahl" - Ein Kleinod wurde gewählt

Der Wettbewerb "Das bedrohte Wort"

In seinem jüngsten Rundbrief (nicht: Newsletter!) schreibt Richard Zinken von "Spektrum der Wissenschaft":
Liebe Leserin, lieber Leser,

Kleinod...
Welch wundervolles Wort. Und zu Recht Sieger im Wettbewerb "Das bedrohte Wort". Sicher werde ich mein Möglichstes tun, sein Verschwinden zu verhindern. ...
Hm! Das klingt ja spannend. Gleich mal recherchieren (Bedrohte-Woerter.de, Spiegel, Wikipedia 1, 2).
Folgende Wörter prämierte die Jury:

Platz 1: Kleinod
Platz 2: blümerant
Platz 3: Dreikäsehoch
Platz 4: Labsal
Platz 5: bauchpinseln
Platz 6: Augenstern
Platz 7: fernmündlich
Platz 8: Lichtspielhaus
Platz 9: hold
Platz 10: Schlüpfer
Nun gut, warum unter mehr als 2.000 verschiedenen eingereichten Worten der Schlüpfer ausgerechnet noch Platz 10 erreichen muß, bleibe dahingestellt. Ist der Jury wohl "hindurchgeschlüpft". Aber sonst: eine tolle Idee. Ich glaube, ich werde dann künftig auch mal wieder Dinge fernmündlich klären. Und mein Augenstern, wo ist er? Na, lassen wir das Thema. Aber das Lichtspielhaus: wunderbar!!! Holde Frauen wird man dort zu sehen bekommen. Aber manchmal auch weniger holde. Denn hier soll ja niemand gebauchpinselt werden. Obwohl: Ein Labsal wäre das schon, wenn so ein Dreikäsehoch anfängt blümerant daherzureden. Manchmal sind so kleine Dreikäsehochs auch die Kleinode der Schöpfung. Nur der Schlüpfer wie gesagt. Aber lassen wir das ...
Die Worte, die am häufigsten eingereicht wurden: Backfisch (35 Nennungen), hanebüchen (28), Sommerfrische (20), blümerant (16), Pfennigfuchser (15).
- Und was lernen wir daraus über die deutsche Volksseele? - Alles hanebüchen!!!!

Ich werde dann fürderhin mal öfter wieder versuchen, Begriffe zu gebrauchen wie Anmut, danke (!!! - grins), Demut, Kinkerlitzchen, Kokolores, Muckefuck, Münzfernsprecher (!!!), nichtsdestoweniger, sintemalen, Techtelmechtel ...

Die preußischen Damen der alten Zeiten
... Der Jury-Vorsitzende wird mehrfach überstimmt, allmählich zeichnet sich ein Ergebnis ab. Ein Juror bringt die Stimmung auf den Punkt: "Es ist spannender als die Papstwahl." Am Ende steigt zwar kein weißer Rauch auf. Doch das Wort auf Platz eins ist konsensfähig. Es lautet Kleinod. Warum? ...
Ja, Ritter, Mittelalter und so.
Auf den zweiten Platz wählt die Jury das alte Adjektiv blümerant. (...) Es leitet sich vom Französischen "bleu-mourant" her und bedeutet wörtlich übersetzt "sterbendes Blau". Friedrich II. ließ sein Porzellan in diesem Pastellblau bemalen. Hugenottische Einwanderer hatten das Wort nach Preußen mitgebracht. Wenn in jener Zeit eine Dame im zu eng geschnürten Korsett in Ohnmacht fiel, so wurde ihr nicht schwarz, sondern blassblau vor Augen. "Mir wird janz blümerant" hieß es dann. "Das sterbende Blau ist eine sehr noble Begründung um zu sagen: Mir schwinden die Sinne!".
Und ich dachte, blümerant heißt geschwollen, blumig. Nein, in meinem Duden steht: schwindlig, flau. Hm! Das hat man von diesen Fremdworten. - Ach, die preußischen Damen der alten Zeiten ...

Na gut, so kann man mich auch für den 10. Platz überzeugen:
Das als String, Tanga oder Boxershorts entfremdete und sprachlich wie symbolisch oftmals überhöhte Kleidungsstück, wird mit dem alten Wort Schlüpfer gewissermaßen geerdet. (...) Eine Jurorin lobt sogar die erotische Qualität des Wortes. Überzeugend in jedem Fall die Begründung der Einsenderin aus Sarstedt: "Das Wort passt so schön zu Büstenhalter."
Naja. Schlüpfrig bleibt's in jedem Fall. In Preußens alten Tagen hätte man solche Worte nicht prämiert! Da wäre verschiedenen Leuten ganz blümerant zu Mute geworden.

Sonntag, 3. Juni 2007

Keine Forschungsgelder für die Erforschung lokaler Sprach-Gen-Ko-Evolution

Die inzwischen erschienene Literatur zu den genannten Forschungen über die Evolution nicht-tonaler Sprachen (Stud. gen.) enthält noch mancherlei spannende Details. Im National Geographic erklärt Robert Ladd kurz und knapp wie er auf die Hypothese kam:
"I looked at maps of the distributions of the old and new versions of the genes," Ladd said. "And I said, that looks like the distribution of tonal languages."
Und Wissenschaftsjournalist Michael Balter erklärt es in "Science" noch einmal ganz gut:
Taking genetic data from 49 populations worldwide, Dediu and Ladd searched for correlations between 983 genetic variants, including ASPM-D and microcephalin-D , and 26 features of the languages spoken by the populations, including the number of consonants and the use of inflections or tones. There was little overall correlation, meaning that most of these language differences are unlikely to be affected by genetics.

In the case of ASPM-D and microcephalin-D , however, there was a highly significant correlation between possession of these variants and speaking a nontonal language, even after the researchers made statistical corrections for the effects of shared linguistic histories. (...) Bruce Lahn, a geneticist at the University of Chicago in Illinois whose team first identified ASPM-D and microcephalin-D , says that the "work is obviously highly significant if confirmed." Nevertheless, Lahn says, the authors still need to rule out other possible explanations for their results.
Robert Ladd sagt dann als Antwort auf dem Wissenschafts-Blog von Mark Libermann noch weitere spannende Dinge. Da heißt es zunächst:
"Our work is really hypothesis-generating rather than hypothesis-testing."
Und er erläutert die Entwicklung der Hypothese als Antwort auf die Kritik von Mark Libermann weiterhin folgendermaßen:
"Mark is right that our original hypothesis was not much more than a hunch based on human pattern recognition abilities. (Several referees said similar things on our way to publication.) Specifically, this project began in earnest when I pattern-recognized a connection between the Lahn group's gene maps and my mental map of the distribution of tone languages. But I have been thinking for some time about the cognitive status of tone, paralanguage and other non-sequential linguistic features (... ); Dan's PhD research, starting from entirely different premises based on evolutionary genetics and the study of human prehistory, was looking for evidence of gene-language correlations of exactly the sort we've documented; and of course, we knew that ASPM and Microcephalin are involved in brain development. So if it was a hunch, it was a reasonably well-grounded hunch."
Und dann folgen noch weitere Erläuterungen zu den Gründen für die bisherige Vorgehensweise:
"Now, it's certainly true, as Mark says, that our geographical correlations would mean more if they had proceeded from some experimental demonstration of some sort of genetically linked, language-related, cognitive/behavioral/perceptual difference. But given the widespread assumption (rooted in the Boasian tradition, but with a significant contemporary boost from Chomsky) that the human language faculty is absolutely uniform across the species, it's very unlikely that we would have been able to get funding to look for such a difference first. So we started by doing something we could do on our own without such support, namely testing the apparent correlation. Having done that, we hope we are now in a better position to apply for funding for the expensive part of the research. This might seem backwards, but it's a pretty common way of doing genetic mapping studies: start from your phenotype, use correlational studies to identify plausibly associated genetic markers, and then try to understand experimentally what the genetic markers actually do."
Das Thema wurde bisher in drei Beiträgen auf "Studium generale" behandelt (1, 2, 3)

Genetische Veranlagung fördert Sprachwandel?

Der Forschungsartikel zum Zusammenhang zwischen jüngst- und lokalselektierten Gehirnwachstums-Genen und nicht-tonalen Sprachen (Stud. gen., Gene Expr. 1, 2) wirft noch weitaus überraschendere und neuartigere Fragestellungen auf, als auf den ersten Blick erkennbar gewesen war. Inzwischen ist der Artikel veröffentlicht worden (PNAS), leider im Netz noch nicht frei zugänglich.

Aber wenn man einen sauber ausgearbeiteten, argumentierenden und ausformulierten Forschungsartikel lesen möchte, dann lese man diesen. Man ist durch und durch erstaunt, auf wie viele verschiedene Dinge Rücksicht genommen worden ist, wie breit und gründlich der derzeitige Forschungsstand referiert wird und dann von diesem die neue Hypothese abgeleitet wird. All das mutet außerordentlich vorbildlich an. Man lernt gleichzeitig - ganz unabhängig von der neuen Hypothese - viele Details zum derzeitigen Forschungsstand überhaupt, die man in einem solchen Überblick an anderer Stelle noch nicht fand.

Und zwar im wesentlichen Forschungsstand zur Genetik. Und das von zwei Sprachwissenschaftlern. Das ist interdisziplinäre Arbeit, wie man sie sich wohl besser gar nicht wünschen kann.

Die Argumentationsweise des Artikels ist also weitaus differenzierter und damit beeindruckender und überzeugender, als man ursprünglich gedacht oder auch nur erwartet hatte, ja als man vielleicht auch nur erwarten konnte. Ganz erstaunlich. Erwachsene nicht-tonale Muttersprachler (Englisch) wurden mit einer künstlichen Sprach-Lern-Aufgabe konfrontiert, die die Unterscheidung tonaler Unterschiede beinhaltete. Dabei erfolgreich Lernende hatten im Gehirn einen größeren linken (aber nicht rechten!) Heschl-Gyrus. (Was immer das jetzt im einzelnen gehirnanatomisch sein mag.) Nun ist die Hypothese dieser Arbeit, daß das etwas mit den beiden jüngst- und lokalselektierten Gehirnwachstums-Genen zu tun hat, die zuvor schon von dem Genetiker Bruce Lahn erforscht worden waren (also ASPM und Microcephalin), und von denen man bisher noch nicht so recht weiß, für welchen Phänotyp sie eigentlich verantwortlich sind.

Der Artikel zählt auf: Sie sind nach jüngsten Studien weder verantwortlich für Intelligenz-Unterschiede, Gehirngröße, Kopfumfang, allgemeine mentale Fähigkeiten, soziale Intelligenz, noch für das Auftreten von Schizophrenie.

Die beiden Wissenschaftler machen eine Auswertung zu statistischen Korrelationen zwischen dem lokalen Auftreten der beiden neuen Gehirnwachstums-Gene und dem Auftreten nicht-tonaler Sprachen. Die mathematischen Einzelheiten seien übergangen. Hier nur das Ergebnis.

Sie verglichen die schon früher von dem Genetiker Luigi Lucca Cavalli-Sforza erforschte Korrelation zwischen allgemeiner Sprachvielfalt und allgemeiner genetischer Populationsvielfalt mit ihrer neu erforschten spezifischen Korrelation zwischen nichttonalen Sprachen und diesen beiden jüngstselektierten Genen. Und sie kommen zu dem Ergebnis:
"Wir fanden, daß im allgemeinen die Beziehung zwischen diesen beiden Arten von Vielfalt" (also der genetischen und der sprachlichen) "vollständig durch geographische und historische Faktoren erklärt werden kann, während in dem spezifischen Falle von Tonalität und den beiden jüngstselektierten Genen es eine wichtige und signifikante Korrelation zwische ihren Verteilungen gibt auch noch nachdem auf Geographie und Geschichte kontrolliert worden ist."
Das ist ihr wesentliches Ergebnis. Und sie schreiben weiter:
"Deshalb schlagen wir vor, daß diese Beziehung kausal ist; das heißt, die genetische Struktur einer Population kann einen Einfluß auf die gesprochene(n) Sprache(n) dieser Population ausüben."

Oder in anderen Worten:
"Im besonderen haben wir gefunden, daß die negative Korrelation zwischen Tonalität und der Populationsfrequenz der beiden jüngstselektierten Gene nicht durch historische und geographische Faktoren erklärt werden kann, was unsere Behauptung einer kausalen Beziehung zwischen beiden stützt."
Nun ist aber die Frage: Wie soll man sich diese kausale Beziehung im einzelnen vorstellen? Hierfür hatten sie schon in der Einleitung überzeugend auf die erforschten Prozesse des individuellen Spracherwerbs hingewiesen und auf die - sozusagen - "mikrohistorischen" Veränderungen, die sich dabei von Generation zu Generation in einer Population ergeben. Und nun argumentieren sie: Wenn Träger dieser beiden neuen Gene in eine bestehende Population hineinkommen (etwa durch Einwanderung, Vermischung), dann könnte dieser subtile, mikrohistorische Sprachwandel über die Generationen hinweg Schritt für Schritt zu einer Veränderung von tonaler zu nicht-tonaler Sprache führen. Man kann sich das wahrscheinlich gut veranschaulichen an so berühmten Lautverschiebungen wie den beiden von Jacob Grimm entdeckten "germanischen" (ick-/ich-Grenze und appel-/apfel-Grenze), wenn es sich hierbei auch nicht um Tonalität handelt.

Und schließlich sagen sie: Diese mikrohistorischen, Sprach- und Gen-selektiven Prozesse können sowohl zugunsten als auch zum Nachteil der weiteren Ausbreitung tonaler Sprachen führen. Doch alles weist ja darauf hin, daß nicht-tonale Sprachen und die sie (vielleicht) kodierenden Gene phylogenetisch jünger sind. Nun sagen die Forscher, daß die genetische Veranlagung, die dazu führt, daß ein einzelner Mensch - wohl ganz unbewußt - eine Sprache schrittweise von einer tonalen zu einer nicht-tonalen Sprache verändert, möglicherweise auch ein "selektiv neutrales Nebenprodukt" der beiden jüngstselektierten Gehirnwachstums-Gene sein kann, weil man bisher keinerlei Hinweise darauf hat, warum eine nicht-tonale Sprache selektiv vorteilhafter sein soll als eine tonale Sprache oder daß die jeweilige Sprache einem Sprecher irgendeinen (selektiven) individuellen Vor- oder Nachteil verschafft.

Sie schlagen dann noch einige Möglichkeiten der Überprüfung vor. Ihre These ist also - im Gegensatz zu p-ter's Behauptung auf "Gene Expression" sehr wohl falsifizierbar. Einer von mehreren vorgeschlagenen Testfällen für ihre Hypothese wäre, die noch nicht erforschte Korrelation zwischen den Sprachen der australischen Ureinwohner und ihren Gehirnwachstums-Genen zu überprüfen, da die australischen Sprachen - merkwürdigerweise - nicht-tonale Sprachen sind.

Die Forscher betonen ausdrücklich, daß ihr Modell kein - sozusagen - rein "deterministisches" ist, sondern daß nach diesem Modell durch eine bestimmte genetische Veranlagung nur die Wahrscheinlichkeit erhöht oder erniedrigt ist, daß der einzelne Träger derselben den Sprachwandel der Population, zu der er gehört, in die eine oder die andere Richtung vorantreibt. Das ist auch deshalb von Interesse, weil man sich in dieser Weise wohl den größten Teil der Wirkung von Verhaltensgenen auf die menschliche Kultur vorstellen kann, so etwa auch ADHS-Gen(e) oder Intelligenz-Gene. Bei Intelligenz allerdings dürfte der Zusammenhang zwischen Genen und Kultur noch wesentlich klarer und eindeutiger zu formulieren sein, als hier bei diesen neuen, etwaigen "Sprach-Genen".

Auf ihrer Heimatseite dokumentieren die Forscher die wissenschaftliche Diskussion. (Und dort findet sich ganz oben rechts auch ein "pre-print"-pdf.-Version, die vom Original nicht allzu wesentlich abweichen dürfte.)

Das Thema wurde bisher in drei Beiträgen auf "Studium generale" behandelt (1, 2, 3).


ResearchBlogging.org1. Dediu, D., & Ladd, D. (2007). From the Cover: Linguistic tone is related to the population frequency of the adaptive haplogroups of two brain size genes, ASPM and Microcephalin Proceedings of the National Academy of Sciences, 104 (26), 10944-10949 DOI: 10.1073/pnas.0610848104

Dienstag, 29. Mai 2007

Muttersprache - ein Evolutionsfaktor?

Die Indogermanen und ihre atonale Sprache(n)

Die Völker auf der Welt sprechen zwei verschiedene Arten von Muttersprachen (Wikipedia): Tonale Sprachen (oder Tonsprachen) und nicht-tonale Sprachen. Die Sprachen der meisten südafrikanischen, afrikanischen, asiatischen und amerikanischen (Ureinwohner-)Völker sind tonale Sprachen, das heißt, die Bedeutung eines Wortes hängt (auch) von der Tonhöhe bei der Aussprache ab. Schon von dieser geschilderten geographischen Verteilung her geurteilt wird es sich bei den tonalen Sprachen um die - evolutiv gesehen - ursprünglichere Sprachform handeln.

Die meisten indo-europäischen Sprachen, so auch das Englische oder das Deutsche sind nicht-tonale Sprachen. Wenn nicht-tonale Sprachen tatsächlich erst mit der indo-germanischen Sprachfamilie in der Welt entstanden sind und sich mit ihr ausgebreitet haben sollten, dann wäre diese Art von Sprache weltgeschichtlich gesehen erst sehr spät entstanden (etwa 4.500 v. Ztr. nördlich des Schwarzen Meeres, wobei noch zu überlegen wäre, ob die vor-indogermanischen Sprachen in Europa nicht auch nicht-tonale Sprachen waren).

Es gibt aber auch überall wichtige Ausnahmen. Einige indo-germanische Sprachen wie das Schwedische, das Altgriechische und auch indischen Sprachen sind tonal, während zum Beispiel west-tibetische Sprachen im Gegensatz zu ost-tibetischen Sprachen nicht-tonal sind.


Abb.: Aus einer Powerpoint-Präsentation von Dan Dediu 2016

Nun haben zwei schottische Forscher aus Edinburgh staunenswerterweise entdeckt (Wissenschaft.de, Gene Expression, Heimatseite der Forscher, Times), daß die beiden von dem in Chicago arbeitenden chinesischen Humangenetiker Bruce Lahn erforschten Gehirnwachstumsgene, die erst vor 37.000 bzw. 6.000 Jahre selektiv bedeutsam wurden in der Humanevolution (siehe bspw. vorletzter Stud. gen.-Beitrag) sehr gut korrelieren mit der geographischen Verbreitung von tonalen und nicht-tonalen Sprachen, wobei die um 37.000 vor heute, bzw. 6.000 vor heute eingeführte genetische Variante dann mit der "moderneren" (europäischen) Sprachform korrelieren würde.

Diese Entdeckung verleitete die Forscher zu einem waghalsigen Schluß: Die Wahrscheinlichkeit des Vorkommens einer bestimmten Art von Sprache könnte (auch) genetische Ursachen haben. Das ist eine Hypothese, die man - ehrlich gesagt - bisher nie auch nur annähernd für möglich gehalten und in Erwägung gezogen hat. Bisher war man sehr sicher davon ausgegangen, daß es keine besonders direkte kausale Verbindung zwischen Muttersprache und (Gehirn-)Genen gibt, da Muttersprache etwas durch Prägung Erworbenes ist, und da ja jeder Mensch jede Muttersprache erwerben kann.

Sollte sich aber diese Forschungshypothese als richtig erweisen, dann wäre offenbar Muttersprache (zumindest) in den letzten Jahrtausenden auch ein sehr direkter Selektionsfaktor gewesen, das heißt, in Kulturräumen, in denen eine bestimmte Art von Muttersprache vorherrscht, wäre auf die Dauer gegen bestimmte Gehirn-Gene selektiert worden, das heißt, die Träger dieser Gene hätten in Kulturen mit dieser Art von Muttersprache wenig Fortpflanzungs-Erfolg gehabt. Dies würde sowohl für Europäer außerhalb Europas gelten, zum Beispiel in China - siehe als Beispiel das wahrscheinlich ausgestorbene Volk der Sogder. Aber auch für Außereuropäer in Europa, man könnte an mancherlei Westwanderung von asiatischen Völkern denken. Aber man beachte die in diesem Zusammenhang hochinteressante Tatsache, daß es gerade in Osteuropa viele tonale indogermanische Sprachen gibt: Litauisch, Serbisch, Kroatisch, Slowenisch. Das könnte gut parallel gesetzt werden zu mancherlei auch sonst bekannten, asiatischen, genetischen Einflüssen in diesen Räumen.

Gründe für diesen mangelnden Fortpflanzungserfolg in der jeweils anderen sprachlichen Umgebung kann man sich dann noch mancherlei ausdenken, also "Szenarien" der evolutiven Mechanismen. Natürlich kann es schlicht etwas mit einer angeborenen Leichtigkeit zu tun haben, eine bestimmte Art von Sprache zu verstehen. Aber es kann sich auch um subtilere Dinge handeln, also etwa könnte es auf die Dauer um das "psycho-physischen Wohlbefinden" in einer durch eine bestimmte Art von Sprache hervorgerufenen Mentaltität gehen. Oder noch mit ganz anderen Dingen. (Natürlich besteht auch die Möglichkeit, daß es sich um Folgen des Aufbauschens von mehr oder weniger zufälligen Gründereffekten handelt, also von "Drift". Es lägen dann gar keine direkteren selektiven Vorteile, bzw. Nachteile jeweilig vor.)

Für den Fall, daß man Selektion als mitbedingend ansieht, kann man es aber auch umgekehrt formulieren. Es könnte also sein, daß eine Gen-Mutation vor 37.000, bzw. 6.000 Jahren neue Wahrnehmungspräferenzen bei dem Hören von Sprachen auslöste und damit Menschen bestimmter genetischer Veranlagung in einer Kultur, in der eine bestimmte Art von Sprache gesprochen wird, bessere Fortpflanzungschancen haben. (Wieder: aufgrund welcher Art von detaillierten Szenarien auch immer.)

Aber nun noch der deutsche Bericht, der das Hypothetische der Forschungsthese noch bei weitem nicht deutlich genug herausstellen mag, aber sei's drum:

Wie die Gene die Sprache prägen

Forscher finden Zusammenhang zwischen Genen für die Hirnentwicklung und Tonsprachen

Die Unterschiede zwischen Englisch und Chinesisch lassen sich zumindest teilweise auf die genetische Veranlagung ihrer Sprecher zurückführen, haben zwei schottische Forscher entdeckt. Entscheidend sind dabei zwei Gene, die wichtig für die Gehirnentwicklung sind: Kommen davon bestimmte Varianten in einer Volksgruppe nur selten vor, tendieren die Menschen zur Entwicklung so genannter Tonsprachen wie Chinesisch, in denen die Bedeutung eines Wortes von der Tonhöhe bei der Aussprache abhängt. Dominieren diese Genformen hingegen in der Bevölkerung, neigen die Menschen eher dazu, Sprachen wie Englisch oder Deutsch zu sprechen, in denen es diese Abhängigkeit von der Tonhöhe nicht gibt.

Die Wissenschaftler konzentrierten sich in ihrer Studie auf zwei Gene namens Microcephalin und ASPM. Beide spielen wichtige, bisher aber noch unbekannte Rollen bei der Gehirnentwicklung und kommen jeweils in einer ursprünglichen und in einer neueren Variante vor. Bei Microcephalin entstand diese neuere Form vor etwa 37.000 und bei ASPM vor etwa 5.800 Jahren. Die unterschiedlichen Varianten sind allerdings nicht gleichmäßig auf der Erde verteilt. So ist die neue ASPM-Form beispielsweise in Asien, Europa und Nordafrika häufig und in Ostasien, Südafrika und Nord- sowie Südamerika sehr selten. Ein ähnliches Verteilungsmuster findet sich auch für die neuere Microcephalin-Variante.

Interessanterweise gibt es genau dort, wo die neuen Genformen kaum vorkommen, sehr häufig Tonsprachen, stellten die Wissenschaftler bei einem Vergleich verschiedener genetischer Marker mit linguistischen Eigenheiten der jeweiligen Bevölkerung fest. Ihre Erklärung: Die Gene prägen die individuelle Hirnstruktur ihrer Träger und damit auch ihre Fähigkeit, Sprachen zu lernen. Da eine Sprache jedoch nur dadurch weitergegeben wird, dass Kinder beim Lernen versuchen, die Laute ihrer Umgebung nachzuahmen, kann eine derartig veränderte Lernfähigkeit mit der Zeit die gesamte Sprache verändern – etwa dann, wenn sich eine Genvariante durchsetzt, die es dem Gehirn erschwert, Tonhöhen zu erfassen. In einem solchen Fall würde diese Eigenschaft der Sprache irgendwann verschwinden, so die Forscher.

Da im Fall von Microcephalin und ASPM die neueren Varianten mit einem selteneren Auftreten der Tonsprachen zusammenhängen, waren solche Sprachen ursprünglich wohl sehr viel häufiger vertreten als heute, schließen die Forscher. Allerdings sollte die Verbindung Gene und Sprache nicht überinterpretiert werden: Es stehe schließlich außer Frage, dass heute jedes kleine Kind jede Sprache lernen könne, es existieren also keine "Chinesisch-Gene".
Der Implikationen wären wohl sehr viele, wenn sich diese Forschungshypothese als richtig herausstellen sollte. Recht aufregend ... Das Thema wurde bisher in drei Beiträgen auf "Studium generale" behandelt (1, 2, 3).

Aktualisierung 5.12.2017: Dan Dediu hat die wissenschaftlichen Arbeiten rund um das Thema bis heute weiter verfolgt (2-4) und erörtert die verschiedenen, seither erörterten Thesen zur Erklärung der weltweiten Verteilung der tonalen und atonalen Sprachen in einer Powerpoint-Präsentationen des Jahres 2016 (5) (s.a. Abb. 1). Er geht von einer komplexen Gen-Kultur-Koevolution aus zur Erklärung der weltweiten Verteilung dieser Sprachen.
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  1. Dan Dediu and D. Robert Ladd: Linguistic tone is related to the population frequency of the adaptive haplogroups of two brain size genes, ASPM and Microcephalin. In: PNAS, Juni 2007, vol. 104 no. 26, 10944-10949, doi: 10.1073/pnas.0610848104, http://www.pnas.org/content/104/26/10944
  2. Dediu D (2011) Are languages really independent from genes? If not, what would a genetic bias affecting language diversity look like? Hum Biol 83:279–296
  3. Everett C, Blasi D & Roberts S (2015) Climate, vocal folds, and tonal languages: Connecting the physiological and geographic dots. PNAS 112:1322–1327. doi:10.1073/pnas.1417413112
  4. Siehe auch Debatte im Journal of Language Evolution Issue 1 2016
  5. Dan Dediu: Language and non-language - environmental factors, biological biases & cultural niche construction. 2016, http://www.mpi.nl/people/dediu-dan/EFL2016L3web.pdf
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