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Dienstag, 11. Oktober 2022

Von Wien nach Schweinfurt innerhalb EINER Generation?

Die schnelle Ausbreitung der Bandkeramiker innerhalb Europas
- Welche Rolle spielte dabei die einheimische, mesolithische Genetik?

Der emeritierte Archäologie-Professor Jens Lüning ist in den 1970er Jahren bekannt geworden durch die "Braunkohle-Archäologie". Durch diese konnte er nicht nur einzelne bandkeramische Siedlungen (Wiki), sondern ganze Siedlungskammern - anfangs insbesondere im Rheinland - ganz neu verstehen. 1979 bis 1985 hat Lüning auch eine sehr frühe bandkeramische Siedlung in Unterfranken am Main ausgegraben, bei dem Dorf Schwanfeld zwischen Schweinfurt und Würzburg. Dort gibt es seit 2010 sogar das "Bandkeramikmuseum Schwanfeld" (Wiki) (Abb. 1). 

Abb. 1: Figurinen aus bandkeramischen Siedlungen - Nachbildungen im Bandkeramikmuseum Schwanfeld am Main (Wiki) (Fotograf: Ana al'ain)

Jens Lüning war es auch gewesen, der erstmals - wenn wir es recht in Erinnerung haben: in den 1990er Jahren - postuliert hatte, daß Siedlergruppen aus bandkeramischen Siedlungen an der jeweiligen Siedlungsgrenze über 30 Kilometer entfernt inmitten des unberührten damaligen geschlossenen europäischen Lindenwaldes neue Siedlungen begründet hätten, und daß die unbesiedelten Zwischenräume erst in nachfolgenden Generationen aufgesiedelt worden wären.

Der kühne Vorschlag zweier angesehener Bandkeramik-Forscher

Das schien vor zwanzig Jahren noch eine kühne These zu sein. Aber die auffallend schnelle Ausbreitung der Bandkeramik über ganz Mitteleuropa hinweg, nämlich vom Wiener Becken aus bis an die Kanalküste einerseits und bis in die Ukraine andererseits mußte ja irgendwie erklärt werden.

Neuerdings macht Jens Lüning aber Vorschläge, die noch um ein Beträchtliches über dieses kühne Modell von vor zwanzig Jahren hinaus gehen (1): Er macht nämlich den Vorschlag einer Ausbreitungsbewegung von Bauern über fünfhundert Kilometer hinweg innerhalb von nur einer Generation. Er schlägt also vor, daß bandkeramische Siedler derselben Generation sich direkt vom Wiener Becken aus in Unterfranken zwischen Schweinfurt und Würzburg angesiedelt hätten (1).

Was für ein kühner Vorschlag. So viel Kühnheit in der Hypothesenbildung ist man ja von den heutigen, so vorsichtig vorgehenden Forschern gar nicht mehr gewohnt. Und man reibt sich ein wenig verwundert die Augen. 

Für diese These hat sich Jens Lüning zusammen getan unter anderem mit dem Wiener Archäologen Peter Stadler, der in den beiden letzten Jahrzehnten südlich von Wien, dort wo die bandkeramische Kultur einstmals ihren Ursprung hatte, die sehr frühe und lange Jahrhunderte bestehende, bedeutende bandkeramische Siedlung Brunn am Gebirge ausgegraben hat.

Brunn am Gebirge südlich von Wien ist über fünfhundert Kilometer von dem Fundort Schwanfeld in Unterfranken bei Schweinfurt entfernt. Dennoch schreiben die beiden Archäologen - zusammen mit zwei Koautoren (1): 

Die Fundstellen von Brunn 3 in Österreich und Schwanfeld in Deutschland lassen sich in die frühe Phase der linearbandkeramischen Kultur (LBK) einordnen. Komplexe mit archaischen Keramiktypen definieren ihre Stellung unter den frühesten Fundplätzen, die chronologisch gesehen auf die Formative Phase dieser Kultur folgten.

Die Formative Phase war wohl auf den Raum zwischen Plattensee und Wiener Becken beschränkt und ist mehrfach hier bei uns auf dem Blog behandelt worden. Eine auf diese Formative Phase folgende Phase wird nun neuerdings - seit 2021 - von den Archäologen "Milanove-Phase" benannt (wohl nach einem Fundort in Ungarn). Sie schreiben weiter (1):

Beide Fundorte weisen seltene gemeinsame Formen von Keramik und Verzierungen auf, sowie Gebäude mit ähnlichen trapezförmigen Grundrissen. Haus 16 der Schwanfelder Siedlung und Haus 38, Fundstelle 3 der Siedlung von Brunn am Gebirge können aufgrund ihrer Übereinstimmungen zu Recht als architektonische Zwillinge bezeichnet werden. Zum ersten Mal stellen wir das Phänomen baugleicher Häuser vor, die geographisch gesehen weit voneinander entfernt liegen.
Eine Besonderheit von Haus 16 von Schwanfeld ist sicherlich das sogenannte Gründergrab, bei dem es sich um ein männliches Individuum handelt und von den Ausgräbern aufgrund der Beigaben als Jäger oder Krieger angesprochen wird (Lüning, 2011, 5). Es handelt sich hierbei um eine Sonderbestattung innerhalb einer großen Grube mit einer sehr frühen Datierung von 5484 v. Chr. (Lüning, 2011, 5). Interessanterweise gibt es auch gewisse Parallelen zu den ältesten Häusern der Formativen Phase von Brunn am Gebirge, die sich im Bereich der Fundstelle 2b befinden. Eines dieser Häuser, Haus 11, weist eine Datierung von 5525-5453 v. Chr. auf (Stadler & Minnich, 2021, Tab. 9.2) und zeigt deutliche Parallelen zum Nachbarhaus von Haus 16 aus Schwanfeld, bei dem es sich um Haus 15 handelt.
Neben vergleichbaren Radiokarbondaten, die natürlich mit einer gewissen Vorsicht zu behandeln sind, Ähnlichkeiten in der Keramikdekoration und ihren Formen, spielen auch architektonische Übereinstimmungen eine wichtige Rolle, die gegen eine Zufälligkeit sprechen. Daher bringen wir die Entstehung des Schwanfelder Fundplatzes mit der Migration von Menschen aus dem Wiener Becken in Verbindung.

Das hieße also, daß Menschen aus dem Wiener Becken direkt nach Unterfranken gewandert wären, und daß beide hier genannten Häuser höchstens 20 Jahre voneinander versetzt erbaut worden wären, wenn nicht noch kürzer voneinander versetzt. 

Die Mobilitätsspielräume mesolithischer Völker

Man wird all das vielleicht vor dem Hintergrund sehen können, daß "mesolithisch lebende" Völker - wie noch heute die hier auf dem Blog in diesem Jahr schon behandelten Chanten und Mansen in Westsibirien - ganz natürlicherweise Mobilitätsspielräume über viele hundert Kilometer aufgewiesen haben. Sie hatten Aufenthaltsgebiete im Sommer und im Winter, je nach Ressourcenangebot und Lebensbedingungen vor Ort (z. B. Rentier-Weiden, Fischfang-Gründe, Jagd auf Wild mit Fallen etc.). Da ist es natürlich denkbar und naheliegend, daß bäuerliche Gesellschaften, die ihnen folgten, und die aus ihnen dahingehend hervorgegangen sind, daß sie - vor allem anfangs - eine Mischbevölkerung darstellten aus einheimischen Mesolithikern und zugewanderten (genetisch anatolisch-neolithischen) Bauern, nicht über geringere Mobilitätsspielräume verfügt zu haben brauchen. So schließen wir gedanklich an diese, uns sehr kühn anmutende These an.

So hat eine litauische Forschungsgruppe anhand der chemischen Zusammensetzung der Knochen von mesolithisch lebenden "osteuropäischen Jägern und Sammlern" (Wiki) in Litauen postuliert, daß sich diese während ihres Lebens über einen Aktionsraum von bis zu 85 Kilometern hinweg bewegt haben (3).

Außerdem ist ja sowieso schon lange bekannt, daß die Bandkeramiker auch noch in späterer Zeit bestimmte Gesteinsarten für die Herstellung von Steinwerkzeugen über viele hundert Kilometer hinweg von Siedlungskammer zu Siedlungskammer transportiert haben (von Böhmen nach Schlesien, von Böhmen nach Bayern usw.).

Es wird sogar aufgrund bestimmter Hinweise vermutet, daß der erwähnte, in Schwanfeld bestattete Jäger aus dem böhmischen Gebirge stammte (s.a. Wiki). 

Es werden auch die archäogenetischen Daten erwähnt, nach denen in der frühen bandkeramischen Siedlung Brunn am Gebirge anfangs noch Menschen lebten, die einen deutlich höheren Anteil einheimischer mesolithischer Genetik aufgewiesen haben als das in der späteren, klassischen Zeit der Bandkeramik über ganz Mitteleuropa hinweg der Fall gewesen ist. 

Da dämmert einem die Vermutung, daß die anatolisch-neolithische Genetik sich in der Formativen Phase der Bandkeramik (zwischen Plattensee und Wiener Becken) ebenso wie noch während der hier behandelten weiten Ausbreitungsbewegung der "Milanove-Phase" der Bandkeramik noch nicht so stark innerhalb dieser Kultur durchgesetzt hatte, wie es ziemlich bald darauf danach geschehen sein muß (nach der Fülle der archäogenetischen Daten, die wir aus der "klassischen" Zeit der Bandkeramik inzwischen haben). 

Nachdem man von einer dynamischen, demographischen und räumlichen Ausbreitung der Entwicklung der bandkeramischen Kultur mehr in eine statische Entwicklung überging, mag sich zugleich auch erst die anatolisch-neolithische Genetik wirklich durchgesetzt haben. Das ist vorläufig natürlich nur eine Hypothese.

Auf jeden Fall ging dann der einheimische mesolithische genetische Herkunftsanteil ziemlich schnell und einheitlich auf sieben Prozent zurück. Das stellt übrigens eine mehr als auffallender Parallele dar zu den sieben Prozent herkunftsmäßigem indogermanischen Steppenanteil bei den spätbronzezeitlichen und antiken Griechen in der Ägäis. Wenn die antiken Griechen von ihrer Kultur her so "indogermanisch" sein konnten wie sie vor der Geschichte dastehen, obwohl sie nur sieben Prozent indogermanischer Genetik in sich trugen, wird man auch den Bandkeramikern viel mehr einheimische, europäische kulturelle Charaktermerkmale unterstellen können als dies allein von ihrer Genetik her abzulesen wäre. 

Europaweiter Vergleich von Keramikinventaren

Durch den europaweiten Vergleich von Keramikinventaren von quasi "repräsentativen" bandkeramischen Siedlungen - damit meinen wir solche Siedlungen, die einerseits reich sind an Keramik, in denen andererseits sich aber ausreichend auch Keramikmaterial von nur kurzzeitig bestehenden Keramikstilen findet - durch einen solchen Vergleich jedenfalls kann die zeitliche Abfolge und der räumliche Ausbreitungsmodus der bandkeramischen Siedlungen inzwischen noch genauer eingegrenzt werden als das in früheren Jahrzehnten möglich gewesen ist (1).

Die bandkeramische Siedlung in Schwanfeld am Main in Unterfranken wird - aufgrund solcher europaweiter stilistischer Vergleiche von gut ausgewählten, repräsentativen Keramikinventaren - als eine der ältesten bandkeramischen Siedlungen in ganz Deutschland angesehen. Und von dieser Erkenntnis her wird geschlußfolgert (1):

Es ist möglich, eine Ausbreitungsbewegung anzunehmen von Einwohnern der Brunn 3-Siedlung oder verwandter Volksteile die Donau abwärts und später in das Maintal. Schwanfeld ist derzeit der einzige Fundplatz, der den Beginn dieser Ausbreitungsbewegung markiert. Eine Gruppe jüngerer Fundorte (Wang im Donautal, Buchbrücken im Maintal und Eitzum im Wesertal) zeigen die weitere Entwicklung der Ausbreitung während der späten Unterphase der "Milanove-Phase". Auffallende architektonische Ähnlichkeiten mit den Häusern von Brunn 3 kann ebenso für diese Gruppe demonstriert werden. Es ist möglich, daß all diese deutschen Fundorte eine eigene Gruppe bilden, die synchrone Existenz mit österreichischen Fundorten aufweist.
It is possible to assume a migration of the Brunn 3 inhabitants or related people upstream of the Danube and later to the Main drainage. Schwanfeld is now the only site in Germany which marks the beginning of this migration. A group of younger sites (Wang in the Danube drainage, Bruchenbrücken in the Main drainage, and Eitzum in the Weser drainage) demonstrates the further development of migrants during the late subphase of the Milanovce phase. Significant architectural similarities with the houses of Brunn 3 could also be documented for this group. It is possible that all these German sites create an own arch of the parabola (light purple), which shows their synchronous existence with the Austrian sites. 

An den weiteren genannten, nächstjüngeren Fundorten zwischen Donau und Weser wird deutlich, daß die Forscher die vermutete geographische und damit verbundene demographische Dynamik der Bandkeramik auch für die gleich darauf folgende Phase noch in ebenso starkem Maße annehmen. 

Zusammen gefaßt also: Innerhalb einer Generation sind nicht 30 Kilometer überwunden worden, sondern: 500. 

Allerdings hatten wir hier auf dem Blog auch schon auf Hinweise aufmerksam gemacht, daß auf dem Weg von Wien nach Schweinfurt etwa in der Gegend von Passau eine Kulturgrenze überschritten worden sein könnte, erkennbar an dem Verbreitungsraum eines bestimmten Pfeilspitztyps im mesolithischen und auch noch im darauffolgenden neolithischen Europa (Stgen2022) (2).

Man möchte fast annehmen, daß Menschen einheimischer, europäischer mesolithischer Genetik quasi die "Wegbahner" für diese Bauernkultur gewesen sein könnten in weit entfernte Gebiete hinein, bis hinauf ins Wesertal, daß ihre Genetik aber schon nach wenigen Generationen - dennoch - in diesem Bauernvolk auf sieben Prozent zurück gegangen, zurück gedrängt worden ist (auf friedlichem, demographischem Weg). Quasi nachdem ein solcher, verwegener Pioniergeist nicht mehr von Nöten war und die Menschen "gesetzter" werden konnten.

"Die einheimischen Jäger und Sammler haben die Bandkeramik erfunden"

Ergänzung 27.10.22: Schon Anfang 2014 hatte Jens Lüning fest gehalten (4):

Nach Gronenborn (1994 b; 1999) wanderten die bandkeramischen Bauern auf ihrem Weg nach Westen vom Plattensee bis zum Rhein in ein von Jägern und Sammlern dünn besiedeltes Gebiet ein. Sie folgten dabei einem schon lange bestehenden, mesolithischen Netz von Verbindungen und Beziehungen und übernahmen speziell in Südwestdeutschland Feinheiten der einheimischen Silextradition so umfassend - es war also nicht ein simples Eintauschen von Geräten, wie manchmal vermutet wird, daß auf eine rasche und auch biologisch-genetische Integration der dortigen Jäger und Sammler geschlossen wurde. Durch Inna Mateiciucová wurde später auch der östliche Bereich der ältesten Bandkeramik genauer aufgearbeitet, wobei sie darauf hinwies, daß die dortige Silextechnik „keine Tradition ist, die aus dem Frühneolithikum des Balkans stammt“, sondern aus dem noch unzureichend bekannten „lokalen Spätmesolithikum tradiert worden sein“ dürfte. Folglich seien es die einheimischen Jäger und Sammlerinnen gewesen, die unter Einfluß der Starčevokultur die Bandkeramik „erfunden“ hätten (Mateiciucová 2003, 315; 2008) 
Für den Vergleich mit den aDNA-Analysen ist auch die archäologische Diskussion darüber wichtig, wie viele Menschen eigentlich an der ältestbandkeramischen Einwanderung teilgenommen haben. Das Spektrum reicht von einer „kraftvollen Einwanderung“ in die Gebiete westlich bis zum Rhein (Lüning 1996, 46), hinter der wie Jörg Petrasch (2001, 13 f.) später ausführlich vorrechnete, ein „drastischer Bevölkerungszuwachs“ im Entstehungsgebiet nördlich des Plattensees die Grundlage geschaffen haben könnte, über ein erstes, lockeres Netz von weit gestreuten Pioniersiedlungen als Kerne eines zukünftigen lokalen Landesausbaus (Gronenborn 1994 a, 51; Petrasch 2001, 17), ein Netz, das nach „Regeln“ strategisch geplant in Besitz genommen wurde (Frirdich 2005, 99f.), bis hin zu einem religiös-kulturellen „Missionierungsvorgang“, der von nur relativ wenigen bandkeramischen Personen und Familien getragen wurde, die die Masse der einheimischen Bevölkerung „bekehrten und belehrten“ (Lüning 2006).

Die letztere Hypothese wird wohl nach dem heutigen Forschungsstand ausgeschlossen werden können. Aber alles andere sind in letzter Konsequenz sehr spannende Ausführungen.

Wenn wir bedenken, daß auch in den antiken Griechen acht Prozent Steppengenetik als Einmischung übrig blieben, nachdem sich durch Träger dieser Genetik bei ihnen eine völlig neue Sprache, Kultur und Religion ausgebreitet hatte, so wird man eine ähnliche anteilige anfängliche Kulturgestaltung der Bandkeramik durch die mesolithischen Jäger und Sammler, von deren Genetik dann zuletzt doch nur noch acht Prozent in der Bevölkerung erhalten blieb, nicht von vornherein verwerfen können.

________

  1. Nadezhda Kotova, Alexander Minnich, Jens Lüning, Peter Stadler: Brunn 3 and Schwanfeld. Common features in the ceramics and housebuilding of the earliest Milanovce phase sites in Austria and Germany. Archäologische Informationen 45, Early View, published online 29 July 2022 (Rg), auch https://dguf.de/fileadmin/AI/archinf-ev_kotova-etal.pdf
  2. Erwin Cziesla: Der Nachweis indigener, mesolithischer Bevölkerungsteile in bandkeramischen Siedlungen. In: Wolfram Schier, Jörg Orschiedt, Harald Stäuble, Carmen Liebermann (Hrsg.): Mesolithikum oder Neolithikum? Auf den Spuren später Wildbeuter. Tagungsbeiträge von 2014, 2021
  3. Piličiauskas, G., Simčenka, E., Lidén, K. et al. Strontium isotope analysis reveals prehistoric mobility patterns in the southeastern Baltic area. Archaeol Anthropol Sci 14, 74 (2022). https://doi.org/10.1007/s12520-022-01539-w, Published29 March 2022, https://link.springer.com/article/10.1007/s12520-022-01539-w (Rgt)
  4. Lüning, Jens: Einiges passt, anderes nicht: Archäologischer Wissensstand und Ergebnisse der DNA-Anthropologie zum Frühneolithikum,Archäologische Informationen 37, 2014, 43 -51, Online 16.1.2014 (Acad)

Mittwoch, 6. Juli 2022

Die Jäger und Sammler in der Slowakei

Bzw. in den Westkarpaten
- Eine mesolithische Völkergruppe an der Oberen Theiß und weiter nördlich
- Bislang - mißverständlich - als "Körös-Jäger-Sammler" bezeichnet 
- Außerdem: Eine Untergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler kooperiert mit den Bandkeramikern

In einer archäogenetischen neuen Studie über den Fundort Lepenski Vir (6.200 bis 5.900 v. Ztr) (Wiki, engl, Com.) am Donaudurchbruch des Eisernen Tores in Serbien, an dem eine Vermischung von Fischern, Jäger und Sammlern (Mesolithikern) einerseits und zwandernden Bauern (Neolithikern) andererseits ab 6.200 v. Ztr. festgestellt wird (Stgen2022), wird einleitend von den wenigen ähnlichen Fällen sonst in Europa gesprochen (1):

Der unmittelbare Beleg für Jäger und Sammler in einem frühneolithischen Kulturzusammenhang ist begrenzt auf ein einzelnes Individuum, das von dem Fundort Tiszaszolos-Domaháza in Ungarn gefunden wurde, der zur Körös-Kultur gehörte.
While most studies agree that about 2-6% of the genome of early Neolithic European people derives from admixture with hunter-gatherers during the Early Neolithic period, direct genetic evidence for hunter-gatherers in an early Neolithic context is limited to a single individual reported from the Körös site Tiszaszolos-Domaháza in Hungary (Gamba et al., 2014).

Daß parallel zu den europäischen Bauernkulturen des Frühneolithikums einheimische Jäger und Sammler-Völker in Rückzugsräumen an Gewässern und in Höhenlagen der Mittelgebirge weiter lebten, ist schon länger in der Forschung bekannt (5, 6) und haben wir auch häufiger hier auf dem Blog behandelt. Mit dieser Erwähnung und mit weiteren Forschungen zur Ethnogenese der Cucuteni-Tripolje-Kultur aus diesem Jahr (Stgen2022) tritt auch die hier erwähnte Völkergruppe der mesolithischen Jäger und Sammler an der Oberen Theiß und in den nördlich davon gelegenenen Westkarpaten (Wiki) und Beskiden (Wiki) deutlicher in das Blickfeld der Forschung als bisher.

Abb. 1: Der Fundort Tiszaszolos-Domaháza an der Oberen Theiß (Tizsa), an dem ein Mesolithiker gefunden worden ist, ist in dieser Karte mit "11" (rot) markiert. Rot sind Fundorte der Körös-Kultur, Blau sind Fundorte der nah verwandten bäuerlichen Criş-Kultur. Ein weiterer Fundort ist Ibrány-Nagyerdő mit "25" (blau) - (aus: 3)

Wie am Fundort Lepenski Vir am Eisernen Tor sichtbar, konnte es an den Siedlungsgrenzen der sich ausbreitenden Bauernkultur immer einmal wieder zu Vermischungen mit einheimischen Fischern, Jäger und Sammlern kommen. In den meisten Fällen werden die daraus entstandenen Bevölkerungen nach wenigen Jahrhunderten wieder ausgestorben sein. In wenigen Fällen konnten daraus völlig neue, große, prosperierende Völker entstehen, ja ganze Völkergruppen.

Aus der Starčevo-Körös-Criş-Kultur (6.200 bis 5.500 v. Ztr.) (Wiki) war so ab 5.700 v. Ztr. zwischen Plattensee und dem heutigen Wien die große und bedeutende Kultur der Bandkeramik entstanden. Das haben wir oft behandelt hier auf dem Blog. 

In diesem Beitrag soll nun etwas genauer betrachtet werden, was zeitgleich 260 Kilometer östlich des Plattensees (G-Maps) geschah. Dort lebten - unter anderem an den Ufern eines riesigen Überschwemmungsgebietes der Oberen Theiß (Tisza) (das seit den 1970er Jahren zum "Theiß-See" aufgestaut ist) - ebenfalls einheimische Jäger und Sammler. Dorthin breiteten sich Bauern der Körös-Kultur Theiß-aufwärts von Süden aus (rot in Abb. 1), sowie Bauern der nah verwandten Cris-Kultur von Norden aus Theiß-abwärts (blau in Abb. 1). Bei beiden handelte es sich um Untergruppen der Starčevo-Körös-Criş-Kultur.

Die Jäger und Sammler, die an der der Oberen Theiß und naheliegenderweise in den Westkarpaten lebten, haben nun - wie sich immer deutlicher heraus schält - genetisch

  • zur Ethnogenese der Cucuteni-Tripolje-Kultur der Ukraine ab 4.800 v. Ztr. beigetragen (Stugen2022),
  • zur Ethnogenese der Jordansmühler-Kultur in der Slowakei, in Schlesien und der Lausitz ab 4.300 v. Ztr. (Studgen2021) und 
  • zur Ethnogenese der Rivinac-Kultur in Böhmen ab 2.900 v. Ztr. (Studgen2021). 

Da sich diese Jäger und Sammler auch noch in der Rivinac-Kultur ab 2.900 v. Ztr. aus einer bis dahin unvermischten Ausgangspopulation eingemischt hatten (Studgen2021), müssen sich diesselben in ihren bislang nur wenig erforschten Rückzugsräumen in genetischer Kontinuität noch 3000 Jahre lang erhalten haben, während rund um sie herum zur gleichen Zeit überall schn bäuerliche Kulturen existiert hatten.

Die Starčevo-Körös-Criş-Kultur hatte sich von Süden bis an den Rand ihres Rückzugsgebietes in den Höhenlagen der Westkarpaten herangeschoben, die Bandkeramik breitete sich entlang des Nordrandes ihres Rückzugsgebietes, entlang des Nordrandes der Beskiden, der Hohen Tatra und der Waldkarpaten bis in die Ukraine und später auch vom Plattensee aus Richtung Süden und Osten in die Ungarische Tiefebene hinein aus, also fast rund um die gesamten Westkarpaten herum.

In der Forschung werden diese Jäger und Sammler in den Westkarpaten bis heute immer noch nur sehr vorläufig nach jener Kultur benannt, in deren Zusammenhang jener bislang einzige Menschenfund gemacht worden ist, durch den diese Jäger und Sammler allein - vergleichsweise unvermischt - repräsentiert werden, nämlich in der "Körös-Kultur". Entsprechend wird er "Körös-Jäger und Sammler" genannt. Allerdings ist bislang nur ein einzelner früher Menschenfund dieser Völkergruppe bekannt geworden. Und dieser stammt gar nicht - und das ist die wichtigste Erkenntnis dieses Blogartikels - vom Flußufer des Körös, sondern vom Flußufer der Oberen Theiß (ungarisch Tisza, bzw. vom Ufer des heutigen Theiß-Sees) aus dem Norden Ungarns und aus dem Bereich des Nordens der Ungarischen Tiefebene und nicht vom Körös, der seinen Verlauf im Osten der Ungarischen Tiefebene hat und weiter im Süden in die Theiß mündet.

Wir sehen also mancherlei Gründe dafür, den in die wissenschaftliche Literatur bislang als "Körö-Jäger und Sammler" eingegangenen Menschenfund als "Jäger und Sammler von der Oberen Theiß" zu benennen, vermutlich macht es im Hinblick auf die nachfolgenden Ethnogenesen in diesem Raum (siehe oben) sogar Sinn, ganz allgemein von den "Jägern und Sammlern der Westkarpaten" zu sprechen. Denn damit wird der Sachverhalt ja gleich klarer. Er dürfte eine mesolithische Jäger und Sammler-Population repräsentieren, die am dortigen Nordrand der Starčevo-Körös-Criş-Kultur gelebt hat im Bereich der heutigen Slowakei, also in den Westkarpaten, sprich rund um die Hohe Tatra.

Zwischen Bükk und Puszta

Schauen wir uns ein wenig um im Umland des Fundortes, an dem dieser Menschenfund gemacht worden ist, das heißt, im Umland von Tiszaszolos-Domaháza (G-Maps). 70 Kilometer nördlich dieses Überschwemmungsgebietes liegt das Karstgebirge des Bükk (Wiki), auf Ungarisch benannt nach der dort vorherrschenden Buche. In den Höhlen dieses Karstgebirges fanden sich Überreste schon der eiszeitlichen Aurignac-Kultur, zum Beispiel eine 12 cm lange Knochenflöte. 40 Kilometer östlich dieses Überschwemmungsgebietes liegt die Puszta von Hortobágy, heute ebenso Nationalpark wie das Büük, denn es ist (Wiki) ...

das größte und bekannteste mitteleuropäische Steppengebiet.

In dieser Umgegend wurde als der bislang einzige Vertreter der Völkergruppe der mesolithischen Jäger und Sammler der Westkarpaten gefunden. Er ist in einer Studie aus dem Jahr 2014 zum ersten mal in die archäogenetische Literatur eingegangen (2):

Unser ältester Menschenfund, Körös-Neolithikum (KO1) (5.650 bis 5.780 v. Ztr.) ist in einer nur kurze Zeit bestehenden bäuerlichen Sidlung ausgegraben worden. Diese bestand vielleicht nur zwei Generationen am nördlichen Ausbreitungsgebiet der ersten neolithischen Kultur in Südost-Europa (Körös). Trotz des neolithisch-bäuerlichen Kontext, fällt dieses Genom in die Jäger-Sammler-Nähe in der Hauptkomponenten-Analyse.
Our oldest sample, Körös Neolithic (KO1) (5,650–5,780 cal BC) was excavated from a short-lived agricultural settlement, perhaps spanning only two generations, at the northern range limit of the first Neolithic (Körös) cultural complex in Southeast Europe. Despite its early Neolithic farming context, this genome falls towards the hunter-gatherer vicinity of the PCA plot (Fig. 2).

Der Fundort Tiszaszolos-Domaháza an der Oberen Theiß liegt - wie gesagt - südlich eines großen früheren Überschwemmungsgebietes der Theiß. Dieses Überschwemmungsgebiet wurde erst im 19. Jahrhundert landwirtschaftlich erschlossen und ist seit den 1970er Jahren mit einer Staumauer bei Kisköre (Wiki) zum Theiß-See (Wiki) aufgestaut worden. Der heutige Theiß-See liegt 150 Kilometer östlich von Budapest und 120 Kilometer nördlich jener Stadt Csongrád, bei der der von Osten kommenden Körös in die Theiß mündet. Auf der Höhe von Tiszaszolos-Domaháza mündet von Norden her der Fluß Eger in die Theiß. Er durchfließt vom Bükk kommend zuvor die Stadt Eger.

Die archäologischen Forschungen zu den bäuerlichen Kulturen dieser Region sind noch sehr jung. Noch 2010 wurde festgehalten (4):

Im Lichte der Forschungsergebnisse von Tiszaszőlős kann geschlußfolgert werden, daß die nördliche Ausbreitung der Körös-Kultur nicht in der Mitte der Großen Ungarischen Tiefebene geendet hat, sondern die Obere Theiß(Tisza-)Region erreicht hat.
In light of the Tiszaszőlős research results it could be concluded that the northern spread of the Körös Culture may not have halted in the middle of the Great Hungarian Plain but reached the Upper Tisza Region.

Der Flickenteppich der bandkeramischen Siedlungen, von denen die mesolithischen Jäger und Sammler der Westkarpaten umgeben waren, ist sehr gut auf einer Karte dargestellt, entnommen einem frühen und spannenden Tagungsband zum Thema mesolithischer Bevölkerungen innerhalb von frühneolithischen Siedlungen (5).

Abb. 2: Das Verbreitungsgebiet der Bandkeramiker gleicht einem Flickenteppich, der viele Rückzugsorten in den Mittelgebirge unberührt gelassen hat (aus 5, S. 14)

Wir sehen auf dieser Karte, daß eigentlich sämtliche Höhenlagen der europäischen Mittelgebirge, auch über den gesamten Karpatenbogen hinweg von den frühen europäischen Bauern ausgespart geblieben waren. Das sind alles Räume, die als "Rückzugsräume" der einheimischen Jäger und Sammler infrage kommen und von diesen auch als solche genutzt worden sein werden. Man könnte sich denken, daß dabei manche mesolithische Völker vielleicht sogar auf engerem Raum zusammen gedrängt gelebt haben als sie das zuvor dort getan hatten.

Eine Untergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler kooperiert mit den Bandkeramikern

In dem Tagungsband, auf den wir mit dieser Karte stoßen, fällt uns vor allem ein Beitrag des Archäologen Erwin Cziesla (geb. 1955) ins Auge. Bei ihm handelt es sich um den Geschäftsführer einer Grabungsfirma, die in Stahnsdorf bei Brandenburg (Bio, Acad, Resg) ansässig ist. Sein Beitrag behandelt eine bestimmte Gruppe von Pfeilspitzen einer Untergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler, die sich regelmäßig im Zusammehang bandkeramischer Siedlungen gefunden haben (6):

Die aktuelle Forschung läßt erkennen, daß dieser dorsoventral-basisretuschierte Pfeilkopf in Mitteleuropa zu Beginn des 9. vorchristlichen Jahrtausends erstmals in Erscheinung trat.

Cziesla führt aus (6, S. 44f):

Somit spannt sich ein stets gleicher Raum auf, der zwischen ca. 9000 und ca. 5000 v. Chr. - also über vier Jahrtausende - stabil blieb und vom Norden bis Südosten die stets gleichen Verbreitungsgrenzen aufweist. Dorsoventral-basisretuschierte Pfeilspitzen weisen weder in den Norden der Niederlande, noch in das nordeuropäische Tiefland und erreichen an keiner Stelle nördlich des Ärmelkanals die Nordsee oder den Ostseeraum. Auch finden sich diese Pfeilspitzen weder östlich des Harzes, nicht im Thüringer Wald auch nicht in Polen, in der Tschechischen Republik oder in Österreich. Diese scharfe Grenzziehung, die über Jahrtausende während des Mesolithikums zu verfolgen ist, ist bemerkenswert und setzt sich sogar ungebrochen während der Bandkeramik in den bandkeramischen Befunden fort.

Diese Pfeilspitze ist also ziemlich eindeutig der Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler zuzuordnen. Auffällig aber ist, daß sie sich nicht weiter nach Norden und Osten ausgebreitet hat, wo ja auch westeuropäische Jäger und Sammler gelebt haben. Vermutlich deshalb, weil dieser Pfeilspitzen-Typ nicht sozusagen zum "Urinventar" dieser Völkergruppe gehörte, sondern erst aufkam, als sich die Völkergruppe schon bis über die Nord- und Ostsee hinweg ausgebreitet hatte und sich dabei die einzelnen Völker von der Ausgangspopulation aus kulturell weiter entwickelt hatten und ihre speziellen Eigenarten, Sprachen entwickelt hatten, wobei nicht mehr alle kulturellen Neuerungen sich über alle Völker dieser Völkergruppe ausgebreitet haben, obwohl genetisch zwischen ihnen bislang kaum Unterschiede zu erkennen sind. 

Wir finden eine östliche Verbreitungsgrenze dieses Pfeilspitzen-Typs auch noch in bandkeramischen Siedlungen östlich der Leine, des Oberen Mains und des Bayerischen Waldes bei Passau (6, S. 35, 40, 54). Dieser Umstand darf als ein sehr bemerkenswerter festgehalten werden.

Cziesla schreibt (6, S. 45):

Zweifelsohne handelt es sich bei der Herstellung bandkeramischer Pfeilspitzen mit dorsoventraler Basisretuschierung um eine Werkzeugtechnologie, welche in einer mesolithischen Tradition wurzelt. Sie vervollständigte den bandkeramischen Typenschatz erst nach Ankunft der bandkeramischen Kultur in Westeuropa und wurde nicht aus dem südosteuropäischen Ursprungsgebiet mitgebracht.

Das sind außerordentlich spannende Mitteilungen. Mittels einer Illustration macht er außerdem auf folgende Umstände aufmerksam (6, S. 48):

Illustration der Angaben aus Hachem (2000) zum französischen Fundplatz Cuiry-lès-Chaudardes: Hoher Haustieranteil in den großen bandkeramischen Häusern, hoher Wildtieranteil in den kleinen Häusern.

Er schreibt dann zu den Kleinbauten in den bandkeramischen Siedlungen (6, S. 48):

Die wesentlich häufigeren Kleinbauten (sind) nicht weniger interessant. Auffällig ist ihre periphere Lage, selbst dort, wo man Hauszeilen vorfindet. Dabei machte Joris Coolen auf eine Aussage von Jens Lüning aufmerksam, der erwähnt, daß in Siedlungen des Pariser Beckens der größte Anteil von Jagdwildknochen im Umfeld der "kleineren Häuser" - im Vergleich zu den größeren - gefunden worden sei. Tatsächlich beschreibt Lamys Hachem diese Situation vom nordfranzösischen Bandkeramik-Fundplatz Cuiry-lès-Chaudardes, was mit der Abb. 8 von mir entsprechend illustriert wurde. Der Unterschied - bezogen auf bis zu 96 % der geschlachteten domestizierten Tiere in den großen Häusern und bis zu 41 % gejagten Wildtieranteil in kleinen Häusern - ist evident. Vergleichbare Prozentsätze liegen vom Fundplatz Pont-Sainte-Maxence (Oise), nördlich von Paris vor.

Insgesamt würden die Hypothesen von Erwin Cziesla - wenn man sie in Beziehung setzt zu den Erkenntnissen der Archäogenetik über die Bandkeramik - heißen, daß die Bandkeramiker über ihre gesamte 800-jährige Geschichte hindurch einheimische mesolithische Jäger in ihren Siedlungen duldeten und sie dort auch ihre Werkzeuge anfertigen ließen, ohne sich jemals mit ihnen zu vermischen. 

Erst in der Endzeit und im Übergang zum Mittelneolithikum hätten sie dies nach schweren kriegerischen - und bekanntlich zum Teil genozidalen - Auseinandersetzungen mit den einheimischen Bevölkerungen getan. 

Die Annahme, daß diese in den Siedlungen sozusagen als "Sklaven" gehalten worden sein könnten, muß gleich wieder verworfen werden, denn gerade als Jäger hätten sie ja in den Wäldern auch leicht wieder entlaufen können. All das würde heißen, daß es 800 Jahre hindurch ein striktes Heiratsverbot zwischen beiden Gruppierungen gegeben hat, das auch eingehalten worden ist, daß das Nebeneinander beider Völkergruppen zugleich aber auch ein freundschaftliches gewesen ist zum beiderseitigen Vorteil.

Ein ähnliches Szenario des Jahrhunderte langen Nebeneinanders unterschiedlicher Ethnien und Kulturen deutet sich ja auch noch für die Zeit der Ankunft der indogermanischen Schnurkeramik in Europa an. (Siehe Beiträge vom letzten Jahr hier auf dem Blog.)

Nach der Verbreitungskarte (6, S. 54) wäre zu schlußfolgern, daß sich die bandkeramischen Siedlungen die Donau entlang flußaufwärts ausgebreitetet hätten aber erst hinter Passau auf eines der Völker der Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler gestoßen wären, die diese Pfeilspitzen nutzten, und daß diese sich dann als Wildtier-Lieferanten den zugewanderten Bauern sozusagen "angeschlossen" hätten.

Den frühen bandkeramischen Siedlern weiter Donau abwärts, sowie jenen, die sich von dort aus über Böhmen und dann schließlich die Elbe abwärts ausgebreitet hatten, hätten sich - demgegemäß - Jäger und Sammler eines anderen Volkes der Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler, bzw. auch der Jäger und Sammler der Westkarpaten als Wildtier-Lieferanten angeboten - auch der Fundzusammenhang von Tiszaszolos-Domaháza - spricht ja für ein solches Szenario, Völker die andere Pfeilspitzen nutzten. 

Ausständig wäre allerdings der genetische Nachweis des "regelmäßigeren" Vorhandenseins von Mesolithikern in frühneolithischen bandkeramischen Siedlungen. Da er trotz umfangreicher Sequenzierungen bislang nicht erfolgt ist, dürfte der Anteil der Mesolithiker unter den besser erhaltenen Skeletten der bandkeramischen Siedlungen sehr gering gewesen sein. Vielleicht haben die Mesolithiker ihre Toten deshalb auch eher in abgelegeneren Gebieten und mit weniger auffälligen Beigaben bestattet, in Gräbern, die bislang noch nicht gefunden worden sind.

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  1. Between fishing and farming: palaeogenomic analyses reveal cross-cultural interactions triggered by the arrival of the Neolithic in the Danube Gorges. Zuzana Hofmanová, Carlos S. Reyna-Blanco, Camille de Becdelièvre, Ilektra Schulz, Jens Blöcher, Jelena Jovanović, Laura Winkelbach, Sylwia M. Figarska, Anna Schulz, Marko Porčić, Petr Květina, Alexandros Tsoupas, Mathias Currat, Alexandra Buzhilova, Fokke Gerritsen, Necmi Karul, George McGlynn, Jörg Orschiedt, Rana Özbal, Joris Peters, Bogdan Ridush, Thomas Terberger, Maria Teschler-Nicola, Gunita Zariņa, Andrea Zeeb-Lanz, Sofija Stefanović, Joachim Burger, Daniel Wegmann - 28.6.2022 (pdf), https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2022.06.24.497512v1
  2. Gamba, C., Jones, E., Teasdale, M. et al. Genome flux and stasis in a five millennium transect of European prehistory. Nat Commun 5, 5257 (2014). https://doi.org/10.1038/ncomms6257 (21.10.2014)
  3. Laszlo Domboroczki, Pál Raczky: Excavations at Ibrány-Nagyerdo and the northernmost distribution of the Körös culture in Hungary, Jan 2010 (Researchgate)
  4. Laszlo Domboroczki: Report on the Excavation at Tiszaszőlős-Domaháza-puszta and a new model for the spread of the Körös Culture. Polska Akademia Umiejętnoś, Kraków, 2010. 137-176. (Academia)
  5. Wolfram Schier, Jörg Orschiedt, Harald Stäuble, Carmen Liebermann (Hrsg.): Mesolithikum oder Neolithikum? Auf den Spuren später Wildbeuter. Tagungsbeiträge von 2014, 2021 (pdf)  
  6. Erwin Cziesla: Der Nachweis indigener, mesolithischer Bevölkerungsteile in bandkeramischen Siedlungen. In: Wolfram Schier, Jörg Orschiedt, Harald Stäuble, Carmen Liebermann (Hrsg.): Mesolithikum oder Neolithikum? Auf den Spuren später Wildbeuter. Tagungsbeiträge von 2014, 2021 (pdf)

Lepenski Vir - Ein Fischerdorf, von ersten europäischen Bauern errichtet

Frühneolithische Bauern treffen am Donaudurchbruch des Eisernen Tores auf einheimische Fischer, Jäger und Sammler (6.200 v. Ztr.)

Wir wollen hier festhalten, daß vor einer Woche, am 28. Juni, eine neue archäogenetische Studie zur berühmten "mesolithischen" Siedlung von Lepenski Vir (6.200 bis 5.900 v. Ztr) (Wiki, engl, Com.) nahe des Donaudurchbruchs in Serbien erschienen ist (1). Fünf Tage später erschien zu demselben Fundort eine zweite Studie von einer Untergruppe der Autoren der ersten Studie (2). In dieser zweiten Studie wird schon im Titel konkreter und präziser auf Schlußfolgerungen aufmerksam gemacht, die vermutlich aus beiden Studien gezogen werden können: "Ist das Fischerdorf von Lepenski Vir von den ersten europäischen Bauern errichtet worden?" (2)

Abb. 1: Die Häuser von Lepenski Vir weisen trapezoiden Grundriß auf und sind zum Fluß hin geöffnet, in der Mitte eine Feuerstelle, in den Wänden wurden - so wie in der Ägäis - Tote bestattet (Wiki)

Der Donaudurchbruch am Eisernen Tor in Serbien, der sich über zig Kilometer durchs Gebirge hinzieht, war bis ins 20. Jahrhundert hinein wegen der schnellen Strömung für die Schiffer gefährlich zu befahren. Es scheint, als wäre die Siedlung Lepenski Vir in vorgeschichtlicher Zeit nur entweder über den Fluß hinweg zu erreichen gewesen oder entlang eines schmalen Pfades durch die Berge. Lepenski Vir ist nach einer Siedlungsunterbrechung von 3000 Jahren um 6.200 v. Ztr. wieder besiedelt worden, und zwar mit ersten Häusern mit trapezoidem Grundriß und einem besonders ausgelegten Fußboden (Abb. 1). Erst ab 5.900 v. Ztr. finden sich domestizierte Tiere am Fundort. Eine gewöhnliche Landwirtschaft konnte an diesem Fundort nicht stattfinden, da dafür das Hinterland mit Lößböden fehlt.

Man kann also davon ausgehen, daß es sich um eine Art "Außenstation" der Starcevö-Körös-Kultur gehandelt hat, die sich in dieser Zeit über den ganzen Balkan ausgebreitet hat. Als "Außenstation" mag sie provisorischeren Charakter aufgewiesen haben als die Siedlungen dieser Kultur sonst. Und es mag in den ersten Generationen mehr Vermischungen mit einheimischen Jägern und Sammlern gegeben haben als das sonst für die Starcevö-Körös-Kultur beobachtet werden kann.

Die Häuser mit trapezoidem Grundriß waren zum Fluß hin ausgerichtet und wiesen in der Mitte eine Feuerstelle auf. Mitunter war an den Rand der Häuser oder der Feuerstelle ein Stein mit einem menschenähnlichen Gesicht aufgestellt, der einen fischartigen Mund aufwies. Womöglich war damit eine Flußgottheit dargestellt ("ancestor statues"). Diese Steine stellen das "Leitmotiv" der Kultur von Lepenski Vir dar. Sie muten sehr urtümlich an. In den Wänden der Häuser wurden - so wie damals auch in der Ägäis und in Anatolien - die Toten bestattet.

Wir haben ja schon bei den bis ins 20. Jahrhundert "mesolithisch" lebenden Mansen und Chanten in Westsibirien hier auf dem Blog gesehen, wie es bei ihnen geradezu für jede gejagte Tierart eine eigene Gottheit gab, die in Schreinen oder eigenen Häusern in Festen als "Besucher" verehrt wurden (z. B. im "Bärenfest"). Es ging darum, sich die jeweilige Gottheit dieser Tierart, der man sich selbst nah verwandt fühlte, die man als "Bruder" empfand, als "Verwandten" empfand, gewogen zu halten. Ähnliches könnte in Lepenski Vir vorgelegen haben.

Es wird in der Zusammenfassung der zweiten neuen Studie im Gegensatz zum bisherigen Forschungsstand ausgeführt (2):

Auch hier stehen Hausbau, frühe Dorfgesellschaft und Ackerbau vornehmlich in Verbindung mit den ersten europäischen Bauern, womit eine lange angenommene Deutung von Lepenski Vir als einer mesolithischen Gemeinschaft, die neolithische Praktiken übernommen hätte, widerlegt wird. Eine genaue Beachtung der Zeitabfolge der Bevölkerungsveränderungen am Fundort legt nahe, daß die ägäischen Ankömmlinge nicht einfach in eine bestehende mesolithische Gesellschaft integriert wurden, sondern daß sie viel eher neue Linien und Haushalte begründeten. Die Mesolithiker am Eisernen Tor und ihre vermischten Nachkömmlinge scheinen vornehmlich abgetrennt an den Rändern der Siedlung bestattet worden zu sein, ihre Ernährung zeigt keine wesentliche Verschiebung von Fischverzehr hin zu häufigerem Pflanzen- und sonstigem Tierverzehr.
Here too, house construction, early village society and agriculture were primarily associated with Europe's first farmers, thus challenging the long-held interpretation of Lepenski Vir as a Mesolithic community that adopted Neolithic practices. A detailed timeline of population changes at the site suggests that Aegean incomers did not simply integrate into an established Mesolithic society, rather founded new lineages and households. Iron Gates foragers and their admixed descendants appear to have been buried largely separately, on the fringes of the settlement, their diet showing no major shift from aquatic to terrestrial food resources.

Mesolithiker am Eisernen Tor - Eine eigene Untergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler

Über die ursprüngliche Genetik der Mesolithiker vor Ort wird ausgeführt (2):

Eine Studie von Marchi et al. zeigte jüngst, daß sich die südosteuropäischen Jäger und Sammler von den mittel- und westeuropäischen Jägern und Sammlern vor 23.000 Jahren getrennt hatten. (...) Unsere Analysen bestätigen, daß die Populationen am Eisernen Tor vor der Ankunft des Ackerbaus im Zentralen Balkan nicht zu denselben Heiratsnetzwerken gehörten wie die ägäischen und anatolischen Populationen.
A recent study by Marchi et al. has shown that southeastern European hunter-gatherers were separated from the central and western European hunter-gatherers since ~23 thousand years ago (Marchi et al., 2022; Mathieson et al., 2018). (...) Our analyses confirm that Iron Gates populations were not part of the same mating networks as Aegean and Anatolian populations before the advent of agriculture in the Central Balkans (Mathieson et al., 2018).

Aus den genannten Gründen werden die Jäger und Sammler am Eisernen Tor, die in dieser Studie behandelt werden, als jene vom Eisernen Tor bezeichnet, nicht als "westeuropäische Jäger und Sammler" - obwohl sie insgesamt gesehen zu dieser großen Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler hinzuzuzählen sind.

Menschen mit vermischer Herkunft (mesolithischer vom Eisernen Tor und neolithischer von der Ägäis) gibt es in Lepenski Vir nur etwa 300 Jahre lang, also zwischen 6.200 v. Ztr. und 5.900 v. Ztr.. Danach findet sich vor Ort mesolithische Herkunft höchstens noch in wenigen Prozentsätzen (2). 

Abb. 2: Siedlungsgrenzen ("frontiers") bei der Ausbreitung des Ackerbaus in der Ägäis zwischen 9.500 und 5.500 v. Ztr. (aus 2)

In der Studie findet sich außerdem noch eine interessante Grafik, auf der Siedlungsgrenzen ("frontiers") bei der Ausbreitung des Ackerbaus zwischen 9.500 und 5.500 v. Ztr. dargestellt sind (Abb. 2). Für die Zeit ab 5.700 v. Ztr. wäre auf dieser eine weitere Siedlungsgrenze in der Region nördlich von Wien einzutragen (Bandkeramiker).

Immer mehr wird der Forschung bewußt, daß es sich bei der Ausbreitung des Ackerbaus um demographische Ausbreitung entlang von Siedlungsgrenzen ("Frontiers") handelt, das heißt, mehrheitlich nicht um weiträumige "Wanderungsbewegungen".

Das äußere Erscheinungsbild der Neuankömmlinge am Eisernen Tor glich dem der Neuankömmlinge auch sonst in Europa. Zu ihm wird ausgeführt (1):

Die neolithischen Individuen am Eisernen Tor waren von ihrer Körpergröße her kleiner und neigten dazu, hellere Pigmentierungen aufzuweisen als die einheimischen Mesolithiker.
Neolithic individuals (in the Danube Gorges) were smaller and tended to have lighter pigmentation than indigenous foragers.

Das betrifft Haut-, Augen- und Haarfarbe (1):

Hellere Hautfarbe, blauere Augen, lichtere Haarfarbe und dünnere Haare.
Lighter skin pigmentation, bluer eyes, lighter hair pigmentation and lighter hair shade.

So die kennzeichnenden Körpermerkmale für die Nachkommen der Bauern aus der Ägäis.

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  1. Between fishing and farming: palaeogenomic analyses reveal cross-cultural interactions triggered by the arrival of the Neolithic in the Danube Gorges. Zuzana Hofmanová, Carlos S. Reyna-Blanco, Camille de Becdelièvre, Ilektra Schulz, Jens Blöcher, Jelena Jovanović, Laura Winkelbach, Sylwia M. Figarska, Anna Schulz, Marko Porčić, Petr Květina, Alexandros Tsoupas, Mathias Currat, Alexandra Buzhilova, Fokke Gerritsen, Necmi Karul, George McGlynn, Jörg Orschiedt, Rana Özbal, Joris Peters, Bogdan Ridush, Thomas Terberger, Maria Teschler-Nicola, Gunita Zariņa, Andrea Zeeb-Lanz, Sofija Stefanović, Joachim Burger, Daniel Wegmann - 28.6.2022 (pdf), https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2022.06.24.497512v1
  2. Was fishing village of Lepenski Vir built by Europe's first farmers? Maxime Nicolas Brami, Laura Winkelbach, Ilektra Schulz, Mona Schreiber, Jens Bloecher, Yoan Diekmann, Joachim Burger bioRxiv 2022.06.28.498048; doi: https://doi.org/10.1101/2022.06.28.498048, https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2022.06.28.498048v1

Montag, 9. Mai 2022

Urheimat der Indogermanen - Wolga und Don?

Eine neue archäogenetische Studie 
- Sie bringt viele Detail-Erkenntnisse mit sich
- Bezüglich der Ethnogenese der Indogermanen beunruhigt sie mit neuen Fragen

Die archäogenetische Forschungsgruppe um Eske Willerslev in Dänemark hat eine sehr umfassende - sich noch im Review-Verfahren befindende - Studie im Vorab veröffentlicht (1), in der die Ergebnisse der genetischen Sequenzierung von 317 Menschenfunden zwischen Spanien und Baikal-See aus der Zeit zwischen Mesolithikum und Bronzezeit neu in den bisherigen Forschungsstand eingeordnet werden. Obwohl diese Studie vergleichsweise viele neue archäogenetische Daten beisteuert, stellt sie insgesamt doch eher nur eine "Wiederholung" und Bestätigung der bisherigen Erkenntnisse dar. Umwälzend neue Erkenntnisse - so wie in jedem der Jahre seit 2015 - finden wir in dieser nicht. 

Abb. 1: Der Don, ein Fluß, der nur durch russisches Staatsterritorium fließt - Am Mittleren Don finden sich die ältesten Y-Chromosomen der heutigen Indogermanen (bzw. der nachmaligen "Schnurkeramiker")

Daran wird erkennbar, daß die Archäogenetiker "große" offene Fragen (wie den Ursprung der Indogermanen) künftig nur noch in vermutlich noch engerer Zusammenarbeit und Abstimmung mit den Archäologen werden klären können und in engerer Fokussierung auf ganz spezielle Fragestellungen. Einfach nur viele Menschenfunde aller Regionen und Zeiten sequenzieren und die Daten präsentieren, scheint jedenfalls nicht mehr ganz so grundlegend neue Erkenntnisse mit sich zu bringen wie das im Zusammenhang mit fokussierteren Fragestellungen derzeit doch noch immer einmal wieder geschieht. so vor einem Jahr in der archäogenetischen Studie zu Böhmen (Studgen2021) und so in diesem Jahr in der archäogenetischen Studie zur Herkunft der Landnahme-Ungarn (Stgen2022). Obwohl beide Studien regional begrenzter waren, haben sie - womöglich gerade durch diese regionale Begrenzung - noch aufregendere neue Erkenntnisse mit sich gebracht als diese neue Studie, in der bisherige Erkenntnisse eher nur weiter abgesichert und wiederholt werden.

Themen dieses Blogartikels:

  1. Die russischen Jäger und Sammler
  2. Ost-West-Teilung Europas bis 3.000 v. Ztr.
  3. Kaukasus-Genetik am Don 5.300 v. Ztr.
  4. Ethnogenese der Indogermanen an Wolga und Don?
  5. Umbruchszeit in Dänemark um 3.000 v. Ztr.
  6. Die Trichterbecher-Kultur (ab 4.300 v. Ztr.) stammt genetisch aus Frankreich
  7. Umbrüche in den Y-Chromosomen der europäischen Indogermanen der Frühbronzezeit (ab 2.800 v. Ztr.)   
  8. Mesolithiker und Indogermanen in Sibirien (ab 3.000 v. Ztr.)
  9. Die irische Sprache kam wohl mit den Glockenbecher-Leuten nach Irland
  10. "A reduction of within-cluster relatedness"

In den groben Umrissen ändert sich das große Bild der Völkergeschichte Europas und Asiens durch diese neue Studie nicht. Aber bezüglich vieler Details kommt es zu weiteren Präzisierungen, zur schärferen Fassung des bisherigen Kenntnisstandes.

Und auch diese Details wollen wir uns im folgenden nicht entgehen lassen. Zumal manches Detail dann doch wieder der Ausgangspunkt einer umwälzenderen, neuen Erkenntnis sein könnte. Wir gliedern die vielfältigen Themen der neuen Studie hier in zehn Abschnitte (siehe Übersicht).

1. Die "russischen Jäger und Sammler" werden als neue, weitere, eigene Vorfahrengruppe hervor gehoben 

Nach dieser Studie gab es im Mesolithikum (also nach der Eiszeit) in Europa (1):

  1. westeuropäische Jäger und Sammler (Kernraum: Italien)
  2. osteuropäische Jäger und Sammler (Kerraum: Ukraine, Mittlerer Don) und
  3. "russische" Jäger und Sammler (Kerraum: Rußland, Obere Wolga)

(s.a. 1, Fig. 3). Die beiden ersteren waren so schon bekannt, von der letzteren hören wir hier auf dem Blog zum ersten mal. Alle drei Großgruppen trafen in Skandinavien aufeinander, was unserem bisherigen Kenntnisstand zu dieser Frage (Stgen2020) noch einmal mehr Tiefenschärfe verleiht. Die westeuropäischen Jäger und Sammler kamen danach über Dänemark nach Skandinavien, die osteuropäischen Jäger und Sammler kamen über den östlichen Ostseeraum und Südschweden nach Skandinavien und die russischen Jäger und Sammler kamen über den Hohen Norden, am Nordkap entlang gen Süden entlang der norwegischen Küste nach Skandinavien. 

Diese Menschengruppe haben sich nach der Eiszeit aus Rückzugsräumen ("Refugia") heraus wieder ausgebreitet gemeinsam mit einem jeweils eigenen Pflanzen- und Tier-Gruppen-Spektrum, die diesen Rückzugsräumen jeweils zugeordnet werden können. So schreiben die Forscher. Es könnte interessant sein, diesen Zusammenhängen noch genauer nachzugehen.

Die ukrainischen Jäger und Sammler haben sich im späteren Mesolithikum (um 6.400 v. Ztr.) in genetischen Anteilen sogar bis nach Nordspanien ausgebreitet. Umgekehrt haben sich die westeuropäischen Jäger und Sammler in genetischen Anteilen bis in die Ukraine und in den östlichen Ostseeraum ausgebreitet. (In Litauen hat sich ihr genetisches Erbe dementsprechend sogar bis heute am umfangreichsten gehalten in Europa, siehe unten.)

2. Genetische Ost-West-Teilung Europas vor 3.000 v. Ztr.

Die Genetiker sprechen von einem großen Ost-West-Unterschied, eine "große Teilung" in der genetischen Geschichte Europas, deren Grenze von der Ostsee bis hinunter zum Schwarzen Meer reichen würde. Überall dort, wohin sich die anatolisch-neolithischen Bauern ausgebreitet haben (zuerst vor allem als Bandkeramik, dann als Cucutenni-Tripolje-Kultur und schließlich als Kugelamphoren-Kultur) wäre demnach "Westen", überall dort, wohin sich diese - lange Zeit - nicht ausgebreitet hat, hat sich die vormalige mesolithische Genetik und Lebensweise viel länger in ursprünglicher Form gehalten, nämlich bis zur Ankunft der Indogermanen (um 3.000 v. Ztr.). Und das wäre dann - in diesem Sinne - "Osten".

Eine neue Erkenntnis ist das letztlich nicht. Wir haben auf diesen Ost-West-Gegensatz schon in Zusammenhang mit der Hausmaus-Forschung hingewiesen (Stgen2008). Zudem ist dieser genetische Ost-West-Gegensatz ja gerade durch die vielfältige und bewegte Geschichte der indogermanischen Völker in Osteuropa und im nordwestlichen Asien wieder "verwischt" worden. Diese haben als Andronowo-Kultur ja dann doch auch anatolisch-neolithische Genetik bis weit über den Ural hinaus verbreitet, wo sie noch heute zu finden ist (s. Abb. 2).

Daß die Genetiker diesen Gegensatz gerade jetzt so betont heraus stellen, könnte womöglich doch auch - zumindest ein wenig - mit aktuellen politischen Entwicklungen zu tun zu haben. Wie auch immer. Schon seit Jahrhunderten fragen Forscher nach dem Ursprung eines gewissen germanisch-slawischen Gegensatzes in Osteuropa, der schon in einem Gegensatz zwischen West- und Ostgermanen widerspiegeln könnte, von dem schon die Römer gewußt haben. Und natürlich könnte ein solcher Gegensatz noch tiefer in der Geschichte wurzeln. 

Auffallend ist an dieser Stelle eigentlich nur, daß sich Genetiker offenbar von aktuellen Entwicklungen dazu ermutigt fühlen, auf diesen nun betonter hinzuweisen.

3. Kaukasus-Genetik schon 5.300 v. Ztr. am Don

Was aber besonders wichtig ist: Schon ab 5.300 v. Ztr. hat sich Kaukasus-Jäger-Sammler-Genetik bis an den Mittleren Don ausgebreitet (20 bis 30 %). Das paßt zu archäologischen Untersuchungen, die schon ein akeramisches Neolithikum am Don festgestellt haben, das sich - so überraschenderweise - vom Zagros-Gebirge aus bis zum Don ausgebreitet haben könnte (Stgen2022).

Wenn diese Genetik hierher schon so viel früher als an die Mittlere Wolga gelangt ist, kann man durchaus annehmen, daß es an Don und Wolga parallele Ethnogenese-Prozesse gegeben hat, die zu ähnlichen Ergebnissen führten, wobei aus den Ethnogenese-Prozessen an der Wolga die indogermanische Chwalynsk-Kultur hervorgegangen sein könnte, die die Genetik der Indogermanen des 5. Jahrtausend v. Ztr. bis zum Kaukasus, bis nach Warna und bis nach Ungarn ausgebreitet hätte, während aus den Ethnogenese-Prozessen am Don die indogermanischen Sredni-Stog- und Jamnaja-Kulturen des 4. Jahrtausends v. Ztr. hervorgegangen sein könnten, die durch eine leicht andere Y-chromosomale Haplotypen-Verteilung gekennzeichnet war, was schon länger für Fragen unter den Archäogenetikern gesorgt hatte. 

4. Ethnogenese der Indogermanen an Wolga und Don?

Was aber nun schreiben die Forscher über den Ursprung der Jamnaja-Genetik in der Ukraine des 4. Jahrtausends v. Ztr. in der nordpontischen Steppe? Womöglich stammt sie ja gar nicht ab von der Chwalynsk-Genetik des 5. Jahrtausends v. Ztr. an der Mittleren Wolga wie das bislang hatte angenommen werden können (so auch in vielen Beiträgen hier auf dem Blog). Wir lesen nämlich (1):

Wir zeigen, daß diese "Steppen"-Herkunft (3.000 bis 2.300 v. Ztr.) modelliert werden kann als eine Vermischung von 65 % Jäger-Sammler-Herkunft der Mittleren Don-Region (5.500 v. Ztr.) und 35 % Herkunft vom Kaukasus (11.000 bis 8.000 v. Ztr.). Die Jäger und Sammler des Mittleren Don, die schon Herkunft von Kaukasus-Jäger-Sammlern in sich trugen, dienen als eine bislang unbekannte Quelle für den größeren Teil der Herkunft der Jamnaja-Genome.
We demonstrate that this “steppe” ancestry (Steppe_5000BP_4300BP) can be modelled as a mixture of ~65% ancestry related to herein reported hunter-gatherer genomes from the Middle Don River region (MiddleDon_7500BP) and ~35% ancestry related to hunter-gatherers from Caucasus (Caucasus_13000BP_10000BP) (Extended Data Fig. 4). Thus, Middle Don hunter-gatherers, who already carry ancestry related to Caucasus hunter-gatherers (Fig. 2), serve as a hitherto unknown proximal source for the majority ancestry contribution into Yamnaya genomes. 

Das wäre allerdings ein mehr als aufsehenerregendes Ergebnis. 5.500 v. Ztr. lebten am Mittleren Don Menschen mit sehr ähnlicher Genetik wie sie Menschen in der Waldzone an der Samara-Schleife der Mittleren Wolga um 4.800 v. Ztr. auch in sich trugen. Und die früheste neolithische Kultur an der Unteren Wolga - vermutlich die Poltavka-Kultur um 4.800 v. Ztr. - mag von Menschen mit ähnlicher Genetik getragen gewesen sein wie sie auch schon um 8.000 v. Ztr. im Kaukasus (und Zagros-Gebirge) gelebt haben und von denen womöglich auch schon hier auf dem Blog behandelte frühneolithische, zum Teil sogar akeramische frühneolithische Kulturen am Unteren Don getragen gewesen sein könnten (Stgen2022).  Und von dieser könnte zum Beispiel auch die Mariupol-Kultur (6.500-4.000 v. Ztr.) (Wiki, engl) am Asowschen Meer abstammen. 

Ob hier tatsächlich eine "bislang unbekannte Quelle für den größeren Teil der Jamnaja-Genome" entdeckt worden ist? *)

Deutet sich hier doch eine neue Erkenntnis an, nämlich dahingehend, daß es - sozusagen - parallel zwei Ethnogenese-Prozesse gegeben hat, einen an der Mittleren Wolga und einen am Mittleren Don? Und daß die Nachkommen des ersteren Ethnogenese-Prozesses zwar die früheste Ausbreitung der Indogermanen (bis nach Ungarn) bestimmten, daß diese aber in der nachfolgenden Geschichte der Indogermanen kaum noch eine Rolle spielten, quasi "abgelöst" wurden, ablesebar insbesondere an dem Wechsel in der Häufigkeit der Y-chromosomalen Haplogruppen beim Wechsel von der Chwalynsk-Kultur des 5. Jahrtausends v. Ztr. zur Jamnaja-Kultur des 4. Jahrtausends v. Ztr.? Diese Überlegungen zum Replacment der Y-chromosomalen Haplogruppen bei den Indogermanen des 4. Jahrtausends v. Ztr. vorausgesetzt, würde man dazu im Supplement 1 die folgenden weiterführenden Ausführungen finden (1) (Suppl 1):

Insbesondere ein neolithisches Individuum von der Mittleren Don-Region aus der Zeit um 5.300 v. Ztr. ordnet sich in eine basale R1a-Gruppe ein zusammen mit frühen Individuen, die in Verbindung stehen mit der Schnurkeramik-Kultur, womit dieses das bislang frühest bekannte Individuum dieser Linie darstellen würde.
Notably, a ~7,300-year-old Neolithic individual from the Middle Don region (NEO113) was placed in a basal R1a clade together with early individuals associated with the Corded Ware complex (poz81, RISE446), which would make it the earliest observation of this lineage reported to date.

Wenn wir uns recht erinnern, waren auch schon manche Überlegungen von David Anthony in diese Richtung gegangen. Nämlich daß die Y-chromosomalen Haplogruppen der Dnjepr-Donzez-Kultur Ähnlichkeiten aufwiesen mit denen der nachmaligen Jamnaja-Kultur. Wir bleiben gespannt wie ein Flitzebogen. 

Hat es zwei "Urheimaten" und zwei Ethnogenese-Prozesse der Urindogermanen gegeben?

Wir lesen weiter (Suppl 1):

Zwei ukranische Individuen gehörten zu einer Untergruppe von R1b1b (R1b-V88), die in heutigen Stämmen in Zentral- und Nordafrika gefunden werden, und die weitere Hinweise geben auf einen frühen osteuropäischen Ursprung diese Y-chromosomalen Haplogruppe. Haplogruppe R1b1a1a (R1b-M73) findet sich häufig unter neolithischen Individuen im heutigen Rußland.
Two Ukrainian individuals belonged to a subclade of R1b1b (R1b-V88) found among present-day Central and North Africans, lending further support (5,10) to an ancient Eastern European origin for this clade. Haplogroup R1b1a1a (R1b-M73) was frequent among Russian Neolithic individuals.

Nord- und Zentralafrika. Die Möglichkeit, daß Indogermanen der Glockenbecher-Kultur ihre Genetik in Nord- und Zentralafrika hinterlassen haben könnten bis heute, ist hier auf dem Blog ebenfalls schon erörtert worden (Stgen2021). Und auch dieser Umstand könnte ein Hinweis sein auf ein zweites Ethnogenese-Ereignis der Urindogermanen in der Ukraine am Mittleren Don. Und wir lesen (Suppl 1):

Sechs Individuen vom Fundort Golubaya Krinitsa in der Region des Mittleren Don sind in ihrer genetischen Verwandtschaft in Richtung auf mesolithische und neolithische Iran- und Kaukasus-Genetik hin verschoben, womit sie genetisch sehr nahe bei den späteren Steppenhirten dieser Region liegen.
Six individuals from Golubaya Krinitsa in the Middle Don region are shifted on a cline along PC1 towards Iranian and Caucasus Mesolithic and Neolithic at the other extreme, falling close to later Steppe pastoralists from the region.

Das ist alles sehr spannend und man darf auf die weiteren Erkenntnisse zu diesen Fragen warten. Von einem Umbruch in der Häufigkeit der Y-Chromosomen beim Übergang von der Chwalynsk- zur Jamnaja-Kultur hatten wir auch schon in einem früheren Beitrag berichtet (Stgen2021).

5. Umbruchszeit in Dänemark (3.000 v. Ztr.)

Die Umbruchszeit um 3.000 v. Ztr., als fast zeitgleich sowohl die Kugelamphoren-Kultur wie die Streitaxt-Kultur in Dänemark auftraten, die vorhergehende Trichterbecher-Kultur unterging und zeitgleich auch noch genetisch reine Mesolithiker in Dänemark und seinen Inseln lebten, haben wir hier auf dem Blog schon sehr ausführlich behandelt (Stichworte "Parallel-Gesellschaften", bzw. "Multiethnische Großreiche") (Stgen2020), Stgen2021). Zu unseren bisherigen Erkenntnissen paßt reibungslos, was wir in dieser neuen Studie lesen, was für die Forscher selbst aber noch sehr "neu" zu sein scheint (1):

Interessanterweise weisen die Genome von zwei dänischen männlichen Individuen aus der Zeit um 3.000 v. Ztr. reine schwedische Jäger-Sammler-Herkunft auf und gruppieren sich verwandtschaftlich mit Individuen der Grübchenkeramischer Kultur von Ajvide auf der Ostseeinsel Gotland. Sie weisen in ihrer chemischen Signatur auf einen nichtlokalen Ursprung dieser ungewöhnlichen Herkunft hin. Unsere Ergebnisse zeigen einen direkten Kontakt über Kattegat und Öresund während der neolithischen Zeit auf, übereinstimmend mit archäologischen Erkenntnissen von Seeland (Ost-Dänemark), das kulturelle Nähe zur Grübchenkeramischen Kultur an der schwedischen Westküste aufzeigt.
Interestingly, the genomes of two ~5,000-year-old Danish male individuals (NEO33, NEO898) were entirely composed of Swedish hunter-gatherer ancestry, and formed a cluster with Pitted Ware Culture (PWC) individuals from Ajvide on the Baltic island of Gotland (Sweden)(49–51). Of the two individuals, NEO033 also displays an outlier Sr-signature (Fig. 4), potentially suggesting a non-local origin matching his unusual ancestry. Overall, our results demonstrate direct contact across the Kattegat and Öresund during Neolithic times (Extended Data Fig. 3, 4), in line with archaeological finds from Zealand (east Denmark) showing cultural affinities to PWC on the Swedish west coast.

Die hier aufscheinenden Zusammenhänge haben wir schon längst in ein größeres europäischen Bild für die Zeit um 3.000 v. Ztr. eingeordnet (Stgen2020), Stgen2021).

Übrigens findet sich das Charakteristikum von Parallel-Gesellschaften für das beginnende 3. Jahrtausend v. Ztr. zeitgleich auch in Anatolien mit dortigen der kulturell indogermanisch beeinflußten Kura-Araxes-Kultur, die sich aus dem Kaukasus heraus bis in den Levante-Raum und bis in den heutigen Iran und bis nach Nordmesopotamien ausbreitete (mehr dazu in einem noch unveröffentlichten Blogbeitrag.)

6. Die Trichterbecher-Kultur stammte genetisch aus Frankreich, die Kugelamphoren-Kultur aus Mitteleuropa

Es wird auch ausgeführt, daß sich mit der Trichterbecher-Kultur zunächst nach Skandinavien eher südfranzösische Bauerngenetik ausgebreitet hat (vermutlich zurückgehend auf die Michelsberger Kultur des Pariser Beckens), während sich um 3.000 v. Ztr. herum mit der Kugelamphoren-Kultur eher mitteleuropäische Bauerngenetik nach Skandinavien ausgebreitet hat, die mehr auf die Bandkeramik zurück geht (1):

Südeuropäische frühe Bauern scheinen den westlichen genetischen Herkunftsanteil für mittel- und spätneolithische Gruppen im westlichen Europa beigetragen zu haben, während mitteleuropäische frühe Bauern-Herkunft vornehmlich festgestellt wird in nachfolgenden neolithischen Gruppen im östlichen Europa und Skandinavien. Diese Ergebnisse stimmen überein mit Ausbreitungs-Richtungen von Bauernpopulationen wie sie schon früher vorgeschlagen worden waren. Sichtbar zum Beispiel in Ähnlichkeiten in der materiellen Kultur und im Flintabbau legen nahe, daß die ersten Bauern in Südskandinavien abstammten von oder in enger sozialer Verbindung standen mit der mitteleuropäischen Michelsberger Kultur.
Southern European early farmers appear to have provided major genetic ancestry to mid- and late Neolithic groups in Western Europe, while central European early farmer ancestry is mainly observed in subsequent Neolithic groups in eastern Europe and Scandinavia (Extended Data Fig. 7D-F). These results are consistent with distinct migratory routes of expanding farmer populations as previously suggested (8). For example, similarities in material culture and flint mining activities could suggest that the first farmers in South Scandinavia originated from or had close social relations with the central European Michelsberg Culture.

Zur Herkunft der Steppen-Genetik wird ausgeführt:

Nachdem die Steppen-Herkunft zwischen 3.000 und 2.300 v. Ztr. erstmals eingeführt worden war, breitete sie sich spannenderweise zusammen mit einer Genetik aus, die der Kugelamphoren-Kultur nahestand, und zwar in allen europäischen Regionen, die in dieser Studie untersucht wurden. (...) In der Wald-Steppen-Übergsngszone nordwestlich des Schwarzen Meeres tauschten östliche Kugelamphoren-Gruppen und westliche Jamnaja-Gruppen kurz vor dem Entstehen der frühesten Schnurkeramik-Gruppen kulturelle Elemente aus, wobei Kugelamphoren-Keramik und Flint-Äxte in Jamnaja-Gräbern enthalten war und sich die für die Jamnaja-Kultur typische Benutzung von Ocker in Kugelamphoren-Gräbern fand. (...) Dies war begrenzt auf kulturelle Beeinflussungen und schloß nicht genetische Vermischung mit ein. (...) Ein beträchtlicher Teil der Schnurkeramik-Ausbreitung geschah über Korridore von kultureller und demischer Transmission, die in der vorhergehenden Epoche durch die Kugelamphoren-Kultur etabliert worden war.
Strikingly, after the Steppe-related ancestry was first introduced into Europe (Steppe_5000BP_4300BP), it expanded together with GAC-related ancestry across all sampled European regions (Extended Data Fig. 7I). This suggests that the spread of steppe-related ancestry throughout Europe was predominantly mediated through groups that were already admixed with GAC-related farmer groups of the eastern European plains. This finding has major implications for understanding the emergence of the CWC. A stylistic connection from GAC ceramics to CWC ceramics has long been suggested, including the use of amphora-shaped vessels and the development of cord decoration patterns (57). Moreover, shortly prior to the emergence of the earliest CWC groups, eastern GAC and western Yamnaya groups exchanged cultural elements in the forest-steppe transition zone northwest of the Black Sea, where GAC ceramic amphorae and flint axes were included in Yamnaya burials, and the typical Yamnaya use of ochre was included in GAC burials (58), indicating close interaction between the groups. Previous ancient genomic data from a few individuals suggested that this was limited to cultural influences and not population admixture (59). However, in the light of our new genetic evidence it appears that this zone, and possibly other similar zones of contact between GAC and Yamnaya (or other closely-related steppe/forest-steppe groups) were key in the formation of the CWC through which steppe-related ancestry and GAC-related ancestry co-dispersed far towards the west and the north (cf. 60). This resulted in regionally diverse situations of interaction and admixture (61,62) but a significant part of the CWC dispersal happened through corridors of cultural and demic transmission which had been established by the GAC during the preceding period.

Ob das wirklich so einfach war? War nicht die erste Generation der Ausbreitung der Schnurkeramik geprägt von unvermischten Genomen? Hm! 

7. Genetische Umbrüche in den männlichen Linien der frühbronzezeitlichen Indogermanen (2.600 bis 1.800 v. Ztr.)

Auch in Dänemark und Skandinavien findet sich noch ein Umbruch in der Häufigkeit der Y-Chromosomen unter den bronzezeitlichen Indogermanen (1):

i) 2.600 bis 2.300 v. Ztr. ... Männer mit R1a Y-chromosomalen Haplotypen;
ii) ... bis 1.800 v. Ztr. ... dominiert von Männern mit der Unter-Linie R1b-L51
iii) ... seit 1.800 v. Ztr. tritt ein fest umrissenes Cluster von skandinavischen Individuen auf, die von Männer dominiert werden mit I1 Y-Haplogruppen ... Dieses bildete die vorherrschende Quelle für spätere eisenzeitliche und wikingerzeitliche Skandinavier, ebenso von vorgeschichtlichen europäischen Gruppen außerhalb von Skandinavien, die eine dokumentierte skandinavische oder germanische Verbindung aufweisen (z.B. Angelsachsen, Goten). die Y-chromomale Haplogruppe I1 ist eine der vorherrschenden Haplogruppen im heutigen Skandinavien und wir stellen ihr frühestes Auftreten in einem 4000 Jahre alten Individuem von Falköping im südlichen Schweden fest. Die schnelle Ausbreitung dieser Haplogruppe und damit verbundener Genom-weiter Herkunft in der frühen Bronzezeit legt einen beträchtlichen Fortpflanzungsvorteil von Individuen nahe, die mit diesem Cluster in Verbindung stehen gegenüber vorhergehenden Gruppen in großen Teilen von Skandinavien.
i) An early stage between ~4,600 BP and 4,300 BP, where Scandinavians cluster with early CWC individuals from Eastern Europe, rich in Steppe-related ancestry and males with an R1a Y- chromosomal haplotype (Extended Data Fig. 8A, B); 
ii) an intermediate stage until c. 3,800 BP, where they cluster with central and western Europeans dominated by males with distinct sub-lineages of R1b-L51 (Extended Data Fig. 8C, D; Supplementary Note 3b) and includes Danish individuals from Borreby (NEO735, 737) and Madesø (NEO752) with distinct cranial features (Supplementary Note 6); and 
iii) a final stage from c. 3,800 BP onwards, where a distinct cluster of Scandinavian individuals dominated by males with I1 Y-haplogroups appears (Extended Data Fig. 8E). Using individuals associated with this cluster (Scandinavia_4000BP_3000BP) as sources in supervised ancestry modelling (see “postBA”, Extended Data Fig. 4), we find that it forms the predominant source for later Iron- and Viking Age Scandinavians, as well as ancient European groups outside Scandinavia who have a documented Scandinavian or Germanic association (e.g., Anglo-Saxons, Goths; Extended Data Fig. 4). Y-chromosome haplogroup I1 is one of the dominant haplogroups in present-day Scandinavians,s, and we document its earliest occurrence in a ~4,000- year-old individual from Falköping in southern Sweden (NEO220). The rapid expansion of this haplogroup and associated genome-wide ancestry in the early Nordic Bronze Age indicates a considerable reproductive advantage of individuals associated with this cluster over the preceding groups across large parts of Scandinavia.

Damit wird gesagt werden können, daß die Vorfahren der Germanen seit 1.800 v. Ztr. weitgehende genetische Kontinuität aufweisen. Es wird sicher noch einmal interessant sein zu erfahren, warum es ebenso wie in Skandinavien so auch in Böhmen oder in der Schweiz insbesondere während der Frühen Bronzezeit (2.600 bis 1.800 v. Ztr.) noch so viele Umbrüche in der Häufigkeit der Y-chromosmalen Haplogruppen gegeben hat.

8. Mesolithiker und Indogermanen in Sibirien

Zum mesolithischen Sibirien wird ausgeführt:

Frühe westsibirische Jäger-Sammler-Herkunft (6.300 bis 5.000 v. Ztr.) dominierte die westliche Waldsteppe;
die nordostasiatische Jäger-Sammler-Herkunft (Amur, 5.500 v. Ztr.) war am höchsten am Baikalsee;
und paläosibirische Herkunft (Nordostsibirien, 7.800 v. Ztr.) finden wir in abnehmenden Anteilen vom nördlichen Baikalsee Richtung Westen über die Waldsteppe hinweg.
Early West Siberian hunter-gatherer ancestry (SteppeC_8300BP_7000BP) dominated in the western Forest Steppe; 
Northeast Asian hunter-gatherer ancestry (Amur_7500BP) was highest at Lake Baikal; 
and Paleosiberian ancestry (SiberiaNE_9800BP) was observed in a cline of decreasing proportions from northern Lake Baikal westwards across the Forest Steppe (Extended Data Fig. 4, 9).

Die "frühe westsibirische Jäger-Sammler-Herkunftsgruppe" wird jene sein, der auch die ältesten Wüstenmumien im Tarim-Becken zugehören, und die wir jüngst in einem Blogartikel behandelt haben (Stgen2022). Die nordostasiatische, sprich mongolische Amur-Herkunfts-Gruppe ist ebenso klar, wir haben sie oft hier auf dem Blog behandelt oder erwähnt. Dann dürfte es sich bei der paläosibirischen Herkunftsgruppe um die Nganasan-Herkunftsgruppe handeln, die ja in der Bronzezeit diese überraschende Westwanderung bis nach Finnland aufzeigte, und von der alle Völker der finno-ugrischen Sprachfamilie abstammen, darunter auch die Chanten und Mansen an Ob und Jennissei. 

Die westsibirischen Jäger und Sammler haben - im Gegensatz dazu - im späten Neolithikum und in der frühen Bronzezeit - um 4.000 v. Ztr. - am Baikalsee genetisch stärker bemerkbar gemacht (1):

... A genetic shift towards higher Forest Steppe hunter-gatherer ancestry (SteppeCE_7000BP_3600BP) in late Neolithic and early Bronze Age individuals (LNBA) at Lake Baikal.
Allerdings war die Genetik der westsibirischen Jäger und Sammler auch schon zuvor am Baikalsee und nördlich davon am Angara-Fluß vertreten. 

Wir stoßen hier zum wiederholten Male auf die Erwähnung der Okunew-Kultur (grob 3.000 bis 2.000 v. Ztr) (Wiki, engl). Sie ist eine Nachfolgekultur der indogermanischen Afanasiewo-Kultur im Minusinsker Becken am Mittleren und Oberen Jenissei in Südsibirien und am Baikalsee (Wiki):

Die Haupttätigkeit der Bevölkerung war die Herdenhaltung (Rinder, Schafe und Ziegen), ergänzt durch das Jagen und Fischen.
The chief occupation of the population was stock raising (cattle, sheep, and goats), supplemented by hunting and fishing.

An anderer Stelle finden wir die Angabe (Wiki):

Knochenfunde zeigen, daß die Jagd auf Säugetiere, Vögel und Fische immer noch eine wichtige Rolle spielte, während die Viehzucht nur von untergeordneter Bedeutung war. 

Auch in dieser Kultur wurden - wie in der von ihr südlich benachbarten Chermurchek-Kultur - Steinstelen aufgestellt. Die Genetiker schreiben nun (1):

... kein Hinweis auf Baikalsee-Jäger-Sammler-Herkunft in der Okunew-Kultur, was nahelegt, daß die Entstehung derselben stattdessen zurückgeführt werden muß auf eine dreischrittige Vermischung von zwei unterschiedlichen genetischen Clustern von sibirischen Waldsteppen-Jäger-Sammlern und Steppen-Herkunft. Wir datieren die Vermischung mit der Steppen-Herkunft auf 2.600 v. Ztr, übereinstimmend mit einem Genzufluß von Menschen der Afanasiewo-Kultur, die nahe dem Altai und dem Minusinsk-Becken bestand während der frühen Ost-Ausbreitung von Jamnaja-ähnlichen Gruppen.
Our herein-reported genomes also shed light on the genetic origins of the early Bronze Age Okunevo culture in the Minusinsk Basin in Southern Siberia. In contrast to previous results, we find no evidence for Lake Baikal hunter-gatherer ancestry in the Okunevo93,94 , suggesting that they instead originate from a three-way mixture of two different genetic clusters of Siberian forest steppe hunter-gatherers and Steppe-related ancestry (Extended Data Fig. 4D). We date the admixture with Steppe-related ancestry to ~4,600 BP, consistent with gene flow from peoples of the Afanasievo culture that existed near Altai and Minusinsk Basin during the early eastwards’ expansion of Yamnaya-related groups.

Für die Zeit der zweiten indogermanischen Ostausbreitung im Zusammenhang mit der Andronowo-Kultur wird festgestellt (1):

Ab 1.700 v. Ztr.  zeigen die Menschen in den Regionen der Steppe und am Baikalsee auffallend unterschiedliche Herkunftsprofile auf. Wir stellen ein scharfes Anwachsen nicht-einheimischer Herkunft fest mit nur noch begrenzten Beiträgen von einheimischen Jägern und Sammlern.
From around 3,700 BP, individuals across the Steppe and Lake Baikal regions display markedly different ancestry profiles (Fig. 3; Extended Data Fig. 4D, 9). We document a sharp increase in non-local ancestries, with only limited ancestry contributions from local hunter-gatherers.

9. Die irische Sprache kam wohl tatsächlich schon mit den Glockenbecher-Leuten nach Irland

Zu dem anteilsmäßigen genetischen Fortexistieren der Ursprungsvölker Europas in den heutigen europäischen Völkern haben die Forscher eindrucksvolle Verbreitungskarten erstellt (1; Fig. 4). Wir finden hier manches Erstaunliche.

Abb. 2: Der Anteil der anatolisch-neolithischen Herkunft in heutigen Europäern (aus: 1)

Der höchste Anteil anatolisch-neolithischer Herkunft (mehr als 67 %) findet sich heute bei Menschen in Nordafrika, Spanien und Italien (s. Abb. 2). Er nimmt nach Norden hin ab. Innerhalb von England findet sich der höchste Anteil im Südosten (mehr als 50 %) und am wenigsten häufig in Irland (s. Abb. 2). (Allerdings dennoch immer noch 40 %, wenn wir es recht sehen.) In früheren Beiträgen haben wir hier auf dem Blog schon aus geführt, daß dieser höhere Anteil in Südost-England zurückzuführen ist - und ein Hinweis ist - auf Einwanderungen von Festlandeuropäern - gallische Stämme, Angelsachsen, Wikinger, Normannen - nach der ersten Einwanderung von Indogermanen (Stgen2022). 

Wenn wir jetzt hier sehen, daß der Anteil in Irland niedriger geblieben ist (Abb. 2), obwohl die Iren eine keltische Sprache sprechen, darf man womöglich doch mutmaßen, daß die Sprache der Iren schon mit der ersten Zuwanderung von Indogermanen nach Irland gekommen ist. Genau diese These hat ja auch der Archäogenetiker David Reich vertreten (Stgen2022). Mit dieser Karte verstehen wir schon besser, warum er sie vertritt. Vielleicht hat sich in Irland jene Sprache gehalten, die nach der ersten indogermanischen Zuwanderung der Glockenbecher-Kultur auch in England gesprochen worden ist. Tatsächlich werden die Inselkeltischen Sprachen als die ältesten keltischen Sprachen erachtet (Wiki).

Entsprechend ist auch der heutigen Anteil der indogermanischen Jamnaja-Genetik im heutigen Irland und Skandinavien am höchsten. Ebenso in Deutschland, Polen und den baltischen Ländern.

Der höchste Anteil osteuropäischer Jäger-Sammler-Genetik findet sich heute in Finnland und - interessanterweise - in der Mongolei (mehr als 8 %). Da dies die eine von zwei Herkunftsgruppen der Indogermanen ist, ist diese Angabe natürlich von Interesse.

Der höchste Anteil westeuropäischer Jäger-Sammler-Genetik findet sich heute noch - interessanterweise - in Litauen und in angrenzenden Ländern (mehr als 10 %), sowie in einigen County's im östlichen Mittelengland (mehr als 4 %).

Da die Jamnaja-Genetik sich zusammen setzt aus osteuropäischer und kaukasisch-iranischer Jäger-Sammler-Genetik darf man sich allerdings fragen, ob dieser Umstand sich nicht doch noch anders auf die Karten der heutigen Verbreitung beider Herkunftsgruppen auswirken müßte als das in diesen dargestellt ist (besonders deutlich sichtbar jeweils für Irland).

10. Die iranisch-neolithische Herkunftsgruppe überlebt am stärksten im heutigen Pakistan

Der höchste Anteil der Kaukasus-Jäger-Sammler-Genetik findet sich heute noch - interessanterweise - in Pakistan (mehr als 41 %), sowie in angrenzenden Ländern. Da dies die eine Herkunftsgruppe der Indogermanen ist, ist diese Angabe natürlich von nicht geringem Interesse. Die Forscher selbst fassen die Erkenntnisse dieser Verbreitungskarten in ähnlicher Weise zusammen wie wir das eben getan haben. Und hier lesen wir zusätzlich noch (1):

... Die Kaukasus-Jäger-Sammler-Herkunft findet sich sowohl in Kaukasus-Jäger-Sammlern wie in der iranisch-neolithischen Herkunftsgruppe, was ihren relativ hohen Anteil in Südasien (Indien) erklärt. ...
WHG-related ancestry is highest in present-day individuals from the Baltic States, Belarus, Poland, and Russia; EHG-related ancestry is highest in Mongolia, Finland, Estonia and Central Asia; and CHG-related ancestry is maximised in countries east of the Caucasus, in Pakistan, India, Afghanistan and Iran, in accordance with previous results 103. The CHG-related ancestry likely reflects both Caucasus hunter-gatherer and Iranian Neolithic signals, explaining the relatively high levels in south Asia 104. Consistent with expectations 105,106, Neolithic Anatolian-related farmer ancestry is concentrated around the Mediterranean basin, with high levels in southern Europe, the Near East, and North Africa, including the Horn of Africa, but is less frequent in Northern Europe. This is in direct contrast to the Steppe-related ancestry, which is found in high levels in northern Europe, peaking in Ireland, Iceland, Norway, and Sweden, but decreases further south.

Wenn wir also Menschen finden wollen, die den beiden Ausgangspopulationen der Ethnogenese der Indogermanen heute noch am nächsten stehen, müssen wir uns in Finnland (außerdem womöglich auch in der Mongolei) und insbesondere in Pakistan umsehen. 

In dieser Studie wird auch - aufgrund von polygenetischen Auswertungen - der Phänotyp in Bezug auf viele Merkmale dieser Ursprungsvölker Europas behandelt. Das müßte man sich noch einmal genauer heraussuchen, um das Aussehen der beiden Ausgangsvölker bei der Ethnogenese der Indogermanen genauer umreißen zu können. Von den osteuropäischen Jägern und Sammlern wissen wir schon, daß es bei ihnen blonde, bzw. helle Haar-, Augen- und Hautfarbe gab, sowie große Körperlänge. Was ist diesbezüglich über die Jäger und Sammler des Zagros-Gebirges im Iran bekannt, von denen wir Indogermanen - vermutlich - in gleichem Umfang abstammen?

Abb. 3: Menschen in Pakistan (Wiki)

Als erster Eindruck läßt sich vielleicht festhalten, daß uns die Gesichter im heutigen Pakistan "hagerer" anmuten mögen als im heutigen Mittelmeer-Raum (wo die Menschen mehr von der anatolisch-neolithischen Herkunftsgruppe abstammen und bestimmt sind). Die Mentalität der Menschen in Pakistan mag zum Teil "herber" anmuten, ein Eindruck, der durch die Beimischung südindischer Anteile allerdings wieder deutlich abgeschwächt sein mag. Aber das sind nur sehr grobe und vorläufige Einordnungen unsererseits.

Aber man darf sich gerne fragen, wer wohl von den Menschen in Abbildung 3 am ehesten eine iranisch-neolithische Herkunft im Umfang von den genannten 41 % oder mehr in sich trägt und wer weniger.

Mein Lehrer am Anthropologischen Seminar der Universität Mainz, Professor Wolfram Bernhard (1931-2022) (Uni Mainz), Schüler von Professorin Ilse Schwidetzky, hat sich schon 1971 in seiner Habilitationsschrift mit diesem Thema befaßt (3). In dieses Buch müßte man dringend einmal wieder hinein schauen, bzw. endlich einmal gründlicher.**)

10. "A reduction of within-cluster relatedness"

Weiterhin stellt die Studie fest (1) ...

einen Rückgang des durchschnittlichen genetischen Verwandtschaftsgrades innerhalb der Abstammungsgruppen der Menschheit, sowohl im westlichen wie im östlichen Eurasien.
a reduction of within-cluster relatedness over time, in both western and eastern Eurasia (Fig. 6).

Zugleich hätte es eine Zunahme in der Größe der "effektiven Bevölkerungsgröße" gegeben. Als "effective population size" bezeichnen die Populationsgenetiker innerhalb einer Population die Zahl jener Individuen, die sich überdurchschnittlich stark fortpflanzen, also bei Menschengruppen insbesondere die Zahl an kinderreichen Familien. Ihnen gegenüber fallen "Ein-Kind-Familien" weniger ins Gewicht.

Mit einem hohen durchschnittlichen genetischen Verwandtschaftsgrad innerhalb von menschlichen Gruppen kann sich die Verhaltensneigung des Verwandten-Altruismus sehr direkt auf die Gruppe beziehen. Wenn der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad innerhalb von menschlichen Gruppen sinkt, kann derselbe Verwandten-Altruismus über berufliche Spezialisierung und gesellschaftliche Arbeitsteilung, arbeitsteilige gesellschaftliche Komplexität seine bindende Kraft - womöglich - behalten. (Letzteres die These des Autors dieser Zeilen.)

Soweit ein Ausschnitt aus dem vielfältigen Themenspektrum dieser einen neuen Studie (1). Wobei wir nicht ausschließen können, daß wir wertvollere Erkenntnisse - insbesondere auch in den umfangreichen Anhängen - noch nicht ausreichend zur Kenntnis genommen haben. Wir lassen uns gerne auf diese hinweisen.

___________

*) Im ersten Augenblick waren wir gegenüber dieser Möglichkeit völlig ungläubig. Die Überlegungen, die uns dazu als erstes durch den Kopf gingen, die wir aber nach einem weiteren Durchdenken zumindest zunächst einmal nicht mehr aufrecht erhalten wollen, weil wir es doch nicht glauben können, daß eine so große Forschergruppe so auffallende Fehler machen könnte, waren folgende: 
"Diese These kommt uns denn doch ein bisschen zu simpel gestrickt vor. Zumal wir ja wohl schon viel länger wissen, daß die Mittlere Don-Region ab 4.800 v. Ztr. keineswegs zur Ethnogenese der Urindogermanen an der Mittleren Wolga beigetragen hat, sondern daß diese Region eine eigene und unabhängige Entwicklung durchlaufen hat, die auf die nachfolgende Völkergeschichte zumindest genetisch nur wenig Einfluß genommen hat."
Das war gewiß unsere bisherige Sichtweise. Diese gründete für uns insbesondere auch auf den sehr eindeutigen Ausführungen des traditionell arbeitenden Physischen Anthropologen Andreas Vonderach hier auf dem Blog zu dieser Frage. Vonderach hatte zu dieser Frage - auf der Grundlage des Standes der Forschungen der Physischen Anthropologie geschrieben (zit. n. Stgen2017):
"In der Ukraine zeigt sich mit der wahrscheinlich aus östlicheren Gebieten eingewanderten Kurgan-Bevölkerung ein völliger Bruch zur Vorbevölkerung der Dnepr-Donez-Kultur, die durch extreme Größenmaße und Robustizität, lange Schädel, breite Gesichter und Nasen und noch niedrigere Orbitae (Augenhöhlen) charakterisiert war. Der extreme, eher jungpaläolithische oder mesolithisch anmutende Typus der Dnepr-Donez-Kultur verschwindet gegen Ende des Neolithikums ohne erkennbare Spuren zu hinterlassen."
Das könnte natürlich auch ein Irrtum der Physischen Anthropologie sein, so möchten wir jetzt meinen. Immerhin sprechen russische Physische Anthropologen ja inzwischen auch bezüglich der Ethnogenese an der Mittleren Wolga von einem Aufeinandertreffen eines sehr robusten nördlichen Menschentypus und eines sehr viel grazileren südlichen Menschentypus (s. Stgen2022). Ein ähnliches Szenario ist natürlich auch für die ukrainische Don-Region denkbar. Auf der Grundlage unserer bisherigen Annahme eines einzigen Ethnogenese-Ereignisses an der Mittleren Wolga hatten wir dann noch - womöglich etwas zu arrogant klingend - festgehalten:
"Merkwürdig, daß so viele Mitarbeiter an dieser Studie dennoch nur zu einer so - vergleichsweise uninformiert klingenden - Aussage kommen können. Wenn wir nach dem Grund für diese simplifizierende These ('neue Quelle der Jamnaja-Genetik') fragen, möchte man meinen, daß er darin liegt, daß die Ergebnisse der Sequenzierungen aus der Chwalynsk-Kultur an der Mittleren Wolga, die das Labor von David Reich in den letzten Jahren vorgenommen hat für die Zeit um 4.500 v. Ztr., bislang noch nicht gültig wissenschaftlich veröffentlicht worden sind, sondern daß sie offenbar nur - sozusagen - durch "Hörensagen" in einer Studie von David Anthony scheinen öffentlich bekannt geworden zu sein, bislang. Darauf wiesen wir schon 2019 hier auf dem Blog hin (2). Und darauf aufbauend hat es zahlreiche Folgeartikel hier auf dem Blog zu diesen Fragen gegeben.
Diese kruden Angaben des Archäologen David Anthony aus dem Jahr 2019 mußte man aber in dieser neuen dänischen archäogenetischen Studie offensichtlich sehr betont ignorieren, wenn man zu einer solchen Aussage kommen wollte ('neue Quelle der Jamnaja-Genetik'). Und da mutet es dann schon als sehr auffallend an, daß es zwischen dem Archäogenetiker Eske Willerslev und seinen Mitarbeitern in Dänemark so wenig wissenschaftlichen Austausch zu geben scheint mit dem Archäogenetiker David Reich und seinen Mitarbeitern in Boston. Auffallend und merkwürdig. Zumal es hier doch um eine so vergleichsweise bedeutende wissenschaftliche Frage geht. Nämlich schlicht um die Urheimat der Indogermanen und um die Ethnogenese derselben.
Der Versuch, der Archäogenetiker um Willerslev, hier eine 'neue Erkenntnis' zu etablieren, mutet uns vor dem Hintergrund dessen, was heute grundsätzlich schon bekannt ist (abgeleitet von den Aussagen von David Anthony) wirklich ein wenig gar zu uninformiert an. Muß man so arbeiten? So, sozusagen 'naiv'?"
Diese Überlegungen sollen hier - durchgestrichen - nur festgehalten bleiben, um zu zeigen, daß bei Aufkommen von etwaig neuen Erkenntnissen man doch nicht gleich geneigt sein muß, sie sofort unumschränkt anzunehmen. Man geht dann erst einmal alle Möglichkeiten durch und "schwankt" in der Einschätzung des Gebotenen. Diese Fragen sind auch sicherlich noch nicht abschließend geklärt. Wir wollen es deshalb auch nicht für völlig ausgeschlossen erachten, daß wir Grund haben werden, diese Durchstreichungen wieder zu entfernen, wenn sich herausstellen sollte, daß unsere erste Einschätzung richtig war. Das erscheint uns aber immer unwahrscheinlicher, um so mehr wir für uns selbst diese Dinge durchdenken und entsprechend auch in diesem Blogartikel dargestellt haben. (Womöglich löschen wir diese Ausführungen also bald auch ganz.) Immerhin bleiben wir verunsichert, denn unsere eigenen früheren archäologischen Ausführungen schienen diesbezüglich auch sehr sicher gewesen zu sein (Stgen2017):
"Die hier genannte Dnjepr-Donez-Kultur (Wiki) (5.000-4.200 v. Ztr.) wird von der östlicheren Yamna-Kultur (Wiki) (4.000-2.300 v. Ztr.) abgelöst, die heute allgemein den Indogermanen zugesprochen wird, und die aus der Samara-Kultur (5.200-4.400 v. Ztr.) (Wiki) an der mittleren Wolga und der parallelen Khvalynsk-Kultur (5.000-4.500 v. Ztr.) (Wiki) hervorgegangen ist. (Die frühe Yamna-Keramik läßt sich von der späten Khavalynsk-Keramik kaum unterscheiden.) Das westliche Drittel ihres Verbreitungsgebietes befindet sich nun auf dem Gebiet der vorhergehenden Dnjepr-Donez-Kultur. "
Immerhin hatte ja auch Marija Gimbutas schon ein weiteres Ursprungsgebiet der Urheimat der Indogermanen angenommen als "nur" die Mittlere Wolga. Hm! Hm, hm, hm!!!!! Es bleibt spannend.
**) In dem Zusammenhang entdecken wir, daß Professor Bernhard im Februar 2022 in Mainz mit 90 Jahren gestorben ist (Nachruf: GAj2022).

_________

  1. Population Genomics of Stone Age Eurasia Morten E. Allentoft, Martin Sikora, Alba Refoyo-Martínez, (...) Thomas Werge, Fernando Racimo, Kristian Kristiansen, Eske Willerslev bioRxiv 2022.05.04.490594; 5.4.2022, doi: https://doi.org/10.1101/2022.05.04.490594 This article is a preprint and has not been certified by peer review, https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2022.05.04.490594v1
  2. Bading, Ingo: Es ist amtlich: Das Urvolk der Indogermanen war die Chwalynsk-Kultur an der Mittleren Wolga, 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/es-ist-amtlich-das-urvolk-der.html
  3. Bernhard, Wolfram: Ethnische Anthropologie von Afghanistan, Pakistan und Kashmir. Fischer,  Stuttgart [u.a.] 1991 [Habilitation 1971]

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