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Samstag, 9. Mai 2026

Eleonore von Bulgarien

Krankenschwester und Königin

"Helden des Willens" heißt ein Buch, auf das man in einer Bücher-Telefonzelle stoßen kann und das man ja einmal mitnehmen kann (1). Erschienen in erster Auflage 1928, in zweiter Auflage 1933. Vorsatz-Bild der zweiten Auflage: "Reichskanzler Adolf Hitler". Eine recht willkürlich anmutende Zusammenstellung von Lebensbildern. Das erste Kapitel über den deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte liest sich gar nicht so ungut. Also kann man ja mal ein bisschen weiter stöbern in diesem Buch.

Abb. 1: Eleonore von Bulgarien (1860-1917)

Und man könnte sich festlesen in einer Lebensbeschreibung der Königin Eleonore von Bulgarien (1860-1917) (Wiki), einer geborenen Prinzessin von Reuß aus Niederösterreich. Diese Prinzessin war doch in Weltgegenden unterwegs, auf die wir hier auf dem Blog eigentlich erst seit der Beschäftigung mit der Archäogenetik aufmerksam geworden sind, nämlich einmal in der Mandschurei zwischen Sibirien, Korea und China und zum anderen am Rhodopen-Gebirge zwischen Bulgarien im Norden und Nordmazedonien im Süden.

Viele Details aus dieser Lebensbeschreibung finden sich so auch noch gar nicht auf Wikipedia. Die Lebensinhalte der Eleonore von Reuß ergaben sich vor allem durch ihre verwandtschaftliche Nähe zur Zarenfamilie in Rußland. 

1908 heiratete Eleonore mit 47 Jahren (!) den Fürsten Ferdinand I., den nachmaligen König von Bulgarien (1861-1948) (Wiki). Auf dem bulgarischen Wikipedia ist darüber verzeichnet (Wiki):

1907 wandte sich Ferdinand I. an Großfürstin Maria Pawlowna mit der Bitte, ihm eine neue Gemahlin vorzuschlagen, die wenig Aufmerksamkeit erwarte und sich wohltätigen Zwecken widme. Die Großfürstin schlug ihre Cousine ersten Grades, Eleonora Reuß-Köstritz, vor. (...) Die Ehe zwischen Eleonore und Ferdinand war rein formaler Natur und Ferdinand hegte keinerlei Gefühle für seine neue Gemahlin. Bezeichnenderweise bestand Ferdinand selbst darauf, daß die beiden während ihres Besuchs bei König Carol I. von Rumänien, der während ihrer Flitterwochen stattfand, getrennte Schlafzimmer erhielten.

Wie Eleonore selbst über eine so wundervolle Ehe dachte, ist vorderhand nicht bekannt. Wenn wir unserem Buch folgen, hat sich Eleonore womöglich bemüht, den positiven Seiten ihres neuen Ehegatten Beachtung zu schenken. 

Abb. 2: Eleonore von Bulgarien (1860-1917)

Diese werden sogar ein wenig übertrieben dargestellt (1, S. 167):

König Ferdinand, den man den bedeutendsten Geist unter den europäischen Herrschern seiner Zeit genannt hat, zeichnet sich durch eine außergewöhnliche wissenschaftliche Bildung und einen geläuterten ästhetischen Geschmack aus.

Wenn dieser König schon der bedeutendste Geist gewesen wäre, dann würde das womöglich doch mehr über die anderen europäischen Herrscher aussagen als über ihn. Wie auch immer. Die Frauenzeitschrift "Die Bunte" wußte 2016 folgendes über diese Ehe (Bunte2016):

Wenn man Ferdinand und Eleonora einmal zusammen sehen könnte, seien Spannungen zwischen ihnen nicht zu ignorieren gewesen. Während er sich seiner Frau abweisend gegenüber zeigte, habe sie es mit stoischer Ruhe ertragen.

Insgesamt hat man den Eindruck, daß diese Ehe auch für Eleonore eher eine "Zweckehe" gewesen sein könnte, bekam sie doch durch diese einen Wirkungskreis, wie sie ihn sich zuvor immer ersehnt hatte.

Man sieht Eleonore ja schon auf dem Verlobungsbild nicht lächeln (Abb. 13). Womöglich hat das damals von einer 47-Jährigen auch niemand mehr erwartet. Damalige Frauen des Hochadels haben in Bezug auf Ehen manches mitmachen müssen. 

Abb. 3: Eleonore von Bulgarien (1860-1917)

Immerhin (Wiki) ...

... gewann Eleonore schnell die Zuneigung von Ferdinands Stiefkindern und des gesamten bulgarischen Volkes.

Unsere Buchautorin Clara Ebert-Stockinger schreibt über die drei Stiefkinder von Eleonore (1):

Diese hingen denn auch bald mit schwärmerischer Liebe an ihrer zweiten Mutter.

In unserem Buch heißt es über Eleonore (1):

Sie nahm die Werbung an und sprach mit großer Freude von den ernsten Aufgaben, die sie den verwaisten Kindern des Fürsten gegenüber und als Mutter eines ganzen Volkes zu erfüllen haben würde. 

Auch aus diesen Worten geht keine große Erwartung gegenüber der geschlossenen Ehe hervor. Eleonore reizte offenbar insbesondere der große Wirkungskreis in Bulgarien, der sich ihr durch diese Heirat eröffnete.

Leitung des russischen Lazarett-Wesens in der Mandschurei (1904)

Denn sie war - wie womöglich unsere Buchautorin - gelernte Krankenschwester. Sie hatte 1904 im Russisch-japanischen Krieg die Leitung des Lazarett-Wesens auf dem asiatischen Kriegsschauplatz inne gehabt und hatte in der Zeit danach an ihre Freundin geschrieben (zit. n. 1):

Ich sehne mich nach meiner Arbeit zurück. Ich vermag es nicht mehr, hier in der Stille meine Tage zu verbringen. Ich muß in großem Stile arbeiten und schaffen können und helfen, das Elend zu lindern. Hier kommt mir alles so klein und eng vor nach der unbegrenzten Größe Sibiriens und nach den Mitteln, mit welchen ich meine Ziele erreichen konnte.

Was uns an dem Leben von Eleonore von Reuß interessiert, ist, wie schon gesagt, daß sie sich in abgelegenen Gegenden bewegte, auf die wir schon verschiedentlich hier auf dem Blog zu sprechen gekommen waren. So heißt es über den von ihr geleitete Lazarettzug im Jahr 1904 (1, S. 165):

Sie führte den Zug wiederholt vom Baikalsee durch die Mandschurei nach Charbin.

Siehe dazu die Karte in Abbildung 4. Harbin (Wiki) (Charbin) ist eine der größten Städte der Mandschurei. Von den sechs Millionen Einwohnern sind heute 93 Prozent Chinesen und 4,6 Prozent Mandschu. Die genannte Strecke gehört zum östlichen Teil der Transsibirischen Eisenbahn (Wiki), bzw. zu einer Nebenstrecke derselben. 

Abb. 4: Die Bahnstrecke vom Baikalsee nach Charbin / Harbin in der Mandschurei (Wiki)

Kurz einiges zu diesem Krieg: Rußland hatte Port Arthur 1897 für 25 Jahre gepachtet als Hafen. Gleichzeitig verstärkte es seinen Einfluß in Korea, das sich diesem Einfluß auch öffnete, und zwar als Gegengewicht gegen Japan (Wiki):

Am 13. Januar 1904 forderte der japanische Botschafter in St. Petersburg die Anerkennung der japanischen Vorherrschaft in Korea im Gegenzug für die Erklärung Japans, daß die Mandschurei außerhalb ihres Einflußbereichs liege. Die russische Regierung rechnete nicht mit einem Krieg und ordnete das Verhalten der japanischen Diplomatie als Bluff ein.

Am 9. Februar 1904 griff Japan Port Arthur mit Kriegsschiffen an. Anhand der folgenden Karte kann der Ablauf des Krieges in groben Zügen nachvollzogen werden.

Abb.: 5 Der japanisch-russische Krieg im Jahr 1904

Der Hauptteil der Russischen Pazifikflotte war in Port Arthur versammelt. In mehreren japanischen Angriffen konnte diese Pazifikflotte ausgeschaltet werden, zuletzt als die Reste dieser Flotte nach Wladiwostok ausbrechen wollten.

Die Russen hatten nun viel zu wenige Landstreitkräfte in Ostasien stationiert. Ein Nachziehen von Truppen über die Transsibirische Eisenbahn in nachhaltiger Stärke würde sechs Monate dauern. Diesen Umstand nutzten die japanischen Landstreitkräfte aus, die bei Inchon im heutigen Korea (heutiger Flughafen) gelandet wurden und dann über Seoul nach Norden vorstießen.

Abb. 6: Japanische Batterie auf den Höhen von Chusanp, 1904

Der Fluß Yalu war von russischen Truppen nur unzureichend mit Streitkräften besetzt. In einer Durchbruchschlacht wurden die Russen besiegt und die Japaner stießen von dort einerseits nach Süden, nach Port Arthur durch, um diesen Hafen zu belagern und drangen andererseits nach Norden vor bis Wladiwostok, das von den Japanern von der Seeseite her belagert wurde.

Schließlich kam es zum Friedensschluß. Korea blieb Japan als Einflußsphäre zugesprochen. Japan erhielt außerdem die Südhälfte der Halbinsel Sacchalin.

Abb. 7: Blick über ein Feldlager japanischer Truppen in der Mandschurei, 1904

Aufgrund der Niederlage Rußlands bracht 1905 in Moskau und entlang der Transsibirischen Eisenbahn die Revolution aus. Vermutlich eine "Probemobilmachung" der Arbeiterklasse für die vorgesehene künftige Revolution, in der dann endgültig die Macht übernommen werden sollte.

Im Frühjahr 1906 kehrte Eleonore von Reuß aus diesen Revolutionswirren in ihre Heimat nach Niederösterreich zurück. Sie schrieb am 9. April 1906 an ihren vormaligen Mitarbeiter Dr. Colmers (1, S. 165):

Jetzt habe ich Heimweh da hinaus, denn wenn es auch wohtuend für mich ist, zu Hause zu sein, so sehne ich mich doch nach meiner Arbeit, meinen Kranken, dem Lärm, dem Sturm, dem Sonnenschein der Mandschurei. Mit dem Friedensschluß fing übrigens unsere Mühsal erst recht an, mit den Bahn- und Poststreiks usw. Sieben Wochen währte unsere letzte Reise von Bangupocinokre, und erst in den letzten Tagen des Januar kamen wir mit unseren Kranken in Petersburg an. Fast in ganz Sibirien der Aufstand, in Kpnenopekr, Ruma, Irkutsk, überall Brand, Mord und Totschlag, das damals im Sommer so berühmte Bjogubemokr ein rauchender Trümmerhaufen.

Das sind alles Lebensinhalte dieser Eleonore, die in den nachmaligen Stürmen des Ersten Weltkrieges völlig in Vergessenheit gerieten.

Abb. 8: Russische Artilleriestellung am Dolinskypas, 1904

Aufgrund dieser doch nicht uninteressant zu lesenden Darstellung fragen wir nach der Autorin, nach Clara Ebert-Stockinger (1863-1949) (Wiki). Sie hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Bücher über Kinderpflege, Kindererziehung, Hauswirtschaft und fleischlose Ernährung veröffentlicht. Aber sie strebte über diesen Lebenskreis hinaus. 1928 veröffentlichte sie dann als 65-Jährige unser Buch, das gewiß eine ungewöhnliche Zusammenstellung von Biographien darstellt, an deren Ende dann auch noch ausgerechnet diejenige Adolf Hitlers gestellt ist. 

Ihre Schrift "Die Mutterschaft" erschien in erster Auflage vor 1917. Denn das Vorwort zu ihr war von Anna Fischer-Dückelmann (1856-1917) (Wiki) verfaßt worden (Eb), die schon 1890 bis 1896 als eine der ersten Frauen in der Schweiz Medizin studiert hatte, und die 1901 ihr Buch heraus gegeben hatte "Das Geschlechtsleben des Weibes", das 1902 in siebter und 1910 in zehnter Auflage erschienen ist. Wir erfahren über Fischer-Dückelmann (Wiki):

1900 und 1901 veröffentlichte sie ihre Bestseller "Das Geschlechtsleben des Weibes" und "Die Frau als Hausärztin", für die Fischer-Dückelmann auch kritisiert wurde - vor allem wegen ihrer liberalen Einstellung zu Sexualität und Verhütung. Sie schrieb zum Beispiel: „Die Frau ist keine willenslose Geburtenmaschine mehr.“ Und auch: „Ebenbürtigkeit des Weibes ist der Schlüssel zu einem neuen Liebeshimmel!“ 

In der Tradition dieser Fischer-Dückelmann stand dann etwa auch eine Mathilde Ludendorff, vorherige von Kemnitz, als sie vor dem Ersten Weltkrieg Medizin studierte und als sie 1919 ihr Buch heraus brachte "Das Weib und seine Bestimmung".

Abb. 9: Lazarettzug Anfang des 20. Jahrhunderts (Geo2026)

Und in der Tradition dieser Fischer-Dünckelmann scheint nun auch Clara Ebert-Stockinger gestanden zu sein. Ihre Schrift "Die Mutterschaft" ist 1929 in siebter Auflage erschienen und war dann "ärztlich bearbeitet" worden von ihrer Tochter Dr. med. Anna Ebert, einer Fachärztin für Kinderheilkunde. Und 1928 folgte dann das Buch "Helden des Willens".

Abb. 10: Der Beginn der Russischen Revolution im Jahr 1905 - Die Schüsse auf dem Palastplatz am 22. Januar - Gemälde von Ivan Alexeyevich Vladimirov (Kd)

Zurück zu Eleonore, inzwischen Königin von Bulgarien. Bulgarien war dann Teilnehmer an den Balkankriegen 1912/13, erst Bündnispartner gegen das Osmanische Reich, dann Kriegsgegner seiner vorherigen Bündnispartner.

Der beiden Balkankriege 1912/13

Diese Balkankriege haben viel von jenen Massakern an der Zivilbevölkerung vorweg genommen, die dann bei Kriegsende 1945 vor allem die deutsche Zivilbevölkerung in ganz Ost- und Ostmitteleuropa erleiden mußte. Vor dem Hintergrund der Kriegsgreuel der Balkankriege nehmen sich die Greuel an den Deutschen im Jahr 1945 nicht mehr als ganz so "außergewöhnlich" aus (5).

Sind solche Kriegsgreuel hervor gerufen durch "slawische Mentalität", so fragt man sich unwillkürlich. Oder handelt es sich um ein allgemein menschliches, bzw. unmenschliches Phänomen?

Abb. 11: Die Barrikaden von Presnya, einem Stadtteil von Moskau im Dezember 1905 - Gemälde von Ivan Vladimirov (Wiki)

Clara Ebert-Stockinger gibt eine eindrucksvolle Darstellung der Ereignisse (1, S. 170f):

Der zweite Balkankrieg wurde gegen Bulgarien entschieden und ihre Stammesgenossen in Mazedonien und Thrazien bekamen die furchtbare Hand der erbarmungslosen Sieger zu fühlen. Was nicht massakriert wurde und nur irgenwie konnte, ließ Hof und Heimat im Stich und flüchtete nach Bulgarien. Sofia war das Ziel und die Hoffnung all dieser unglücklichen Flüchtlinge, deren Zahl mehr als 130.000 betrug. Auf drei Wegen strömten sie der Hauptstadt zu, über Palanka-Küstendiel und über Dumaja und Dunica. Der dritte Strom kam aus Thrazien. Besonders dieser Zug der Flüchtlinge war ein wahrer Zug des Grauens. Hinter sich hatten sie die Feinde, vor sich die Mauer des Rhodope-Gebirges, durch das nur ein einziges Tor, das Kresnadefilee, nach Bulgarien führte. (...) Im Kresnatal stand die bulgarische Armee, um dieses Einbruchstor gegen die anstürmenden Griechen zu verteidigen. (...) Das Kresnatal ist ein großes Kindergrab.

Clara Ebert-Stockinger schreibt fast so, als wäre sie selbst dabei gewesen (1, S. 172):

Wenn möglich noch schlimmer war die Not der Flüchtlinge aus der Türkei und aus Gallipoli, wo die dort ansässigen Bulgaren nach Abzug der bulgarischen Armee der Rachsucht der Baschi-Boschuks ausgeliefert waren. Halb nackt kamen sie in Varna an, mit blutenden Füßen, die Cholera und die schwarzen Blattern im Gefolge. Über siebentausend kranke, halb verhungerte Menschen mußte das kleine Varna aufnehmen. Auf den Straßen lagen die Kinder und starben zu Dutzenden.

Königin Eleonore hatte erneut das Lazarett-Wesen unter sich, war überall vor Ort und kümmerte sich um alles.

Abb. 12: Die Riviera von Genua - Es wird vermutet, daß dieses Gemälde von Eleonore von Reuß stammt, denn auf der Rückseite des Rahmens heißt es: "Peint par S. A. La Princesse Reuß Koostritz" (Kastern2025)

In ihrer Jugend könnte sie auch gemalt haben. Jedenfalls wird ihr ein Gemälde im Kunsthandel zugesprochen (Abb. 12).

Abb. 13: Eleonore von Bulgarien (1860-1917) als Verlobte im Jahr 1908

Königin Eleonore starb 1918, ihr Ehemann mußte wenig später abdanken und verbrachte seine letzten drei Lebensjahrzehnte in Coburg. Dort starb er 1948.

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  1. Clara Ebert-Stockinger: Königin Eleonore. In: Helden des Willens. Lebenswerke aus neuerer Zeit. Verlag von Strecker und Schröder, Stuttgart, 2. Auflage 1933 (EA 1928), S. 162-177
  2. Fischer-Dückelmann, Anna: Das Geschlechtsleben des Weibes – Eine physiologisch-soziale Studie mit ärztlichen Ratschlägen. Berlin 1900. (19. Auflage. 1919) (Archiv)
  3. Fischer-Dückelmann, Anna: Der Geburtenrückgang - Ursachen und Bekämpfung vom Standpunkt des Weibes. Stuttgart 1914
  4. Manuel Opitz: Hospital auf Schienen - Wie ein Medizinerehepaar mit Lazarettzügen an die Front fuhr. 14. April 2026 (Geo2026)
  5. Katrin Boeckh: Die Balkankriege 1912/13 - Kriegsführung, Kriegsgräuel, Kriegsopfer (Osmikon)

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Die Völkergeschichte der eurasischen Steppen im Überblick

Aus Sicht der koreanischen Archäogenetik

Der Archäogenetiker Choongwon Jeong von der Universität Seoul in Korea hat einige Lehrjahre in dem Archäogenetik-Labor von Johannes Krause in Leipzig verbracht. Inzwischen hat er in Korea offenbar ein eigenes Archäogenetik-Labor aufgebaut. In dem hier eingestellten, ganz neu öffentlich zugänglich gewordenen, nur 20-minütigen Vortrag (1) gibt er einen sauberen, kurzen, groben Überblick über die Völkergeschichte der eurasischen Steppen.

Abb. 1: Streitwagen in den Felsbildern der Andronowo-Kultur in Sibirien (aus Kuzima 1994) (Acad)

Wir wollen einiges heraus greifen, was uns so noch nicht bewußt war - oder noch nicht in der Schärfe bewußt war:

Die Jäger- und Sammler-Völker leben nur am Rande der Steppe. Erst mit domestizierten Tierherden, mit Schaf- und Rinderherden konnte der Mensch die Steppe selbst für sich als Lebensraum gewinnen. Erst mit ihnen also konnten in diesem Lebensraum große Völker heranwachsen, die die Völkergeschichte maßgeblich mitbestimmt haben.

Ab etwa 3.500 v. Ztr. nutzten die Völker auch in der Steppe den vierrädrigen Rinderwagen, das ist das Spätneolithikum und die Frühe Bronzezeit mit der berühmten Jamnaja-Kultur, die dann sogar in Nordchina als Afanasiewo-Kultur auftritt.

Ab 2.200 v. Ztr. nutzten die Steppenvölker zusätzlich den zweirädrigen, von Pferden gezogenen Streitwagen. Das ist dann die Mittlere bis Späte Bronzezeit mit der Sintashta- und der Andronowo-Kultur (Abb. 1). Es ist das ist übrigens auch die Hochzeit der Aunjetitzer Kultur, sowie nachfolgend der Urnenfelderkultur in Deutschland und Mitteleuropa.

In der Eisenzeit gingen die Völker dann zum Reiten von Pferden über, als Steppenvölker haben wir nun Skythen und Sarmaten vor uns, die sich in unterschiedlichen Anteilen mit der einheimischen Bevölkerung vermischt haben.

Die Untergruppen der westsibirischen Herkunftsgruppe werden ab Minute 8 aufgeführt. Sie gruppieren sich jeweils um Flußsysteme:

  • Tobol-Ishim-Jäger-Sammler
  • Irtytsch-Jäger-Sammler
  • Jäger und Sammler vom Oberen Ob
  • Jäger und Sammler vom Oberen Jennissei 

Diese Völker haben sich jeweils von Norden nach Süden über viel weitere Strecken ausgebreitet als nach Westen oder Osten. Denn dort folgte ja das nächste Flußsystem. Sie waren also zunächst lediglich an ihre eigenen Flußsysteme gebunden. Da es einen genetischen Gradienten von "Ancient North East Asian" (Vorfahren der Mongolen) bis zu den osteuropäischen Jägern und Sammlern in Westen gab, muß man offenbar sagen, daß Sibirien zu dieser Zeit genetisch (und kulturell?) zu dieser Zeit eine größere Vielfalt aufwies als Europa.

Es wird dann verdeutlicht, daß die spätbronzezeitlichen Gruppen in der Mongolei die Lebensweise von Pferdehirten angenommen haben, ohne daß es genetischen Zufluß von westlichen, indogermanischen Andronowo-, bzw. deren Nachfolge-Kulturen gegeben habe.

Choongwon Jeong weist auf eine scharfe genetische Abgrenzung dieser mongolischen Gruppen hin entlang eines Grenzverlaufes, der sehr willkürlich anmutet. Er meint, er wisse den Grund für diese scharfe Abgrenzung nicht. Nun - wir möchten den starken Ethnozentrismus der Ostasiaten hier in Anschlag bringen.

Ab 200 v. Ztr. kommt es dann mit den Hunnen (in den chinesischen Quellen "Xiongnu" genannt) zur Vermischung sämtlicher, zuvor reich geographisch, genetisch und kulturell gegliederter Völker in der Steppe über die gesamte West-Ost-Ausdehnung hinweg. Dies geht soweit, daß die Archäogenetiker an einem einzelnen Ausgrabungsort die genetische Vielfalt des gesamten Großreichs der Hunnen finden (Minute 15). 

Auf die Entstehung der finno-ugrischen Völkergruppe oder der Völkergruppe der Turkvölker wird in diesem Vortrag nicht eingegangen.

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  1. Choongwon Jeong: Human Population History in North and East Asia. CARTA-Serie, University of California Television (UCTV), 27.12.2025 (Yt2025)

Montag, 15. November 2021

Die Manschurei - Die Urheimat der Turkvölker, der Japaner und Koreaner

Die Amur-Fluß-Herkunftskomponente

Die Mandschu (Wiki) im Nordosten Chinas (Wiki), genauer gesagt in der Mandschurei (Wiki) waren einst ein stolzes Reitervolk (Abb. 1). Ihre Hauptstadt war Mukden, heute "Shengyang" (Wiki), gelegen am Westlichen Liao-Fluß (Wiki) in der Provinz Liaoning (Wiki, ch). Die Mandschu standen im Bündnis - oder führten Krieg - mit den Mongolen im Westen oder mit den Chinesen im Süden. Sprachlich und kulturell waren sie nicht unbedeutend - auch - beeinflußt von den Koreanern im Süden. 

Abb. 1: Ein Mandschu-Offizier der Qing-Armee, spätes 17. Jahrhundert (Wiki)

Ab 1644 eroberten die Mandschu China und übernahmen mit der mandschurischen Qing-Dynastie (Wiki) die dortige Kaiserherrschaft. Sie endete erst 1911. Und als der japanische General Ishiwara Kanji (1889-1949) (Wiki), ein Bewunderer des deutschen Generalstabes und insbesondere des Generals Erich Ludendorff, 1931 militärisch die Manschurei besetzte und sich hier bemühte, einen "Musterstaat" zu begründen, wurde als Staatsoberhaupt ein letzter Vertreter dieser Qing-Dynastie herbei geholt und eingesetzt. In einer Fernsehdokumentation des Jahres 2012 erhält man einen guten Einblick und Überblick zur bewegten und nicht unbedeutenden Politik rund um die Mandschurei im 20. Jahrhundert (1).

Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war die Quing-Dynastie sehr glanzvoll gewesen und auf der Höhe ihrer Zeit. China blühte wirtschaftlich und kulturell. Mehrere Kaiser dieser Dynastie waren Gelehrte, interessierten sich für Wissenschaft, Astronomie und viele andere Wissensbereiche, ließen - selbst Landfremde - Jesuiten ins Land kommen, um Anschluß zu finden an die geistigen Entwicklungen im Fernen Westen. 

Im Kaiserpalast der Quing-Dynastie in Peking wurde nur bis zum Ende des 17. Jahrhunderts Mandschurisch (Wiki) gesprochen. Ursprünglich hatten sich die Mandschu zwar getrennt halten wollen von den Chinesen, die sie unterworfen hatten. Sie bewohnten dazu zum Beispiel eigene Stadtteile. Dennoch kam es bald zu Mischehen der Mandschu mit Chinesen. Und damit kam es zur Aufgabe der Mandschurischen Sprache. Heute spricht kaum noch einer der zehn Millionen Mandschu in China Mandschurisch. Die zahlenmäßig viel geringeren Mandschu ließen sich kulturell "aufsaugen" von der chinesischen Mehrheitsgesellschaft, an deren kulturellen Reichtum sie Anteil nahmen.

Abb. 2: Felsregion in der Manschurei, gelegen im Bingyu-Tal (Wiki), 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Shengyang

Im Juni 2021 waren wir hier auf dem Blog das erste mal auf die These gestoßen, daß die Urheimat der Turkvölker in der Mandschurei gelegen haben könne (2). Die gegenwärtig bedeutendste Vertreterin dieser Theorie ist die belgische Sprachforscherin Martine Robbeets (Wiki). Über die rein sprachwissenschaftlichen Diskussionen rund um diese Fragen findet man womöglich im Wikipedia-Artikel zu "Altaische Sprachen" (Wiki) einen ganz guten Überblick. Dort ist auch eine grundlegende Studie von Robbeets aus dem Jahr 2005 angeführt (Wiki):

Die altaische Sprachfamilie besteht laut ihren Befürwortern aus zumindest drei untergliederten Sprachfamilien, den Turksprachen, den mongolischen und den tungusischen Sprachen. (...) Eine Mehrheit der Befürworter der altaischen Hypothese rechnet auch Koreanisch, die Japanisch-Ryūkyū-Sprachen und die Ainu-Sprache zum Altaischen.

Der Artikel macht aber auch klar, wie uneinig sich hier die Forscher noch bezüglich der meisten Fragen sind, sowohl im Großen wie im Kleinen. - Martine Robbeets arbeitet am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena unter ihrer bisherigen Direktorin, der kanadischen Archäologin Nicole Boivin (geb. 1970) (Wiki, MPG).

Wirbel am Max Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena

Rund um dieses bislang wissenschaftlich unglaublich produktive Institut gibt es zur Zeit sehr viel Wirbel. Vor wenigen Wochen sind gegen Boivin Vorwürfe öffentlich geworden (3). Als Direktorin ist sie in der Folge deshalb von Seiten der Max Planck-Gesellschft abgesetzt worden, eine Entscheidung, die sie inzwischen angenommen hat (3).*) Sie wird aber weiter eine eigene Forschungsgruppe am Institut leiten. Die Zukunft des Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena ist derzeit aber ungeklärt, da die beiden anderen Direktoren - aufgrund von Reibereien mit Boivin - schon im letzten Jahr samt ihrer beiden Institute nach Leipzig umgezogen waren (3) und die geplante Neuausrichtung des Instituts durch Boivin durch die letzten Vorgänge in weiteren Teilen hinfällig geworden sein dürfte. Die Zukunft dieses Instituts, an dem in den letzten Jahren einige der aufsehenerregendsten Forschungen weltweit gemacht worden sind, ist derzeit also ungeklärt.

Womöglich ist es sinnvoll, von diesen Hintergründen zu wissen. Denn die neue Studie von Robbeets (4-6), die mit ihrem Erscheinungsort, dem Puplikationsorgan "Nature", ihrer These eine ganz neue Sichtbarkeit verschafft hat, kommt einem nach mancherlei Richtung "unabgeschlossen", "unfertig" vor, fast wie ein "Schnellschuß". Hätte man womöglich zunächst einmal einfach noch mehr Daten sammeln sollen, bevor man die These dieser Arbeit so prominent in "Nature" vertritt? Natürlich muß in Rechnung gestellt werden, daß die Forscher auch unter "Publikationsdruck" stehen. 

Die neue Studie - unabgeschlossen?

Jedenfalls hätte man sich detailliertere Darstellungen in vielen Bereichen gewünscht, insbesondere zur These, daß - aus archäogenetischer Sicht - auch die Urheimat der Turkvölker in der Mandschurei gelegen habe. Dazu werden nämlich offenbar gar keine Ausführungen gebracht (!). Aber dies wäre ja der entscheidenste Teil dieser These. Denn daß die Urheimat der anderen Sprachgruppen (Tungusisch, Koreanisch, Japanisch und Mongolisch) in der Mandschurei gelegen haben kann, ist ja im Grunde nichts weniger als naheliegend. 

Mark Hudson, einer der wichtigsten Mitarbeiter an dieser Studie, geht bezeichnenderweise in seiner Twitter-Zusammenfassung der Studie auf die "großen Thesen" derselben gar nicht ein. Er benennt viel mehr Neuerkenntnisse mehr lokaler Art rund um die Geschichte Japans, die diese Studie mit sich gebracht hat (6). Seine Begeisterung darf man für nachvollziehbar halten. Sie bezieht sich aber nicht auf die große These der Studie selbst. Diese These ist aber immerhin inzwischen auch schon auf Wikipedia verzeichnet (Wiki):

Neuere Theorien (2012) gehen davon aus, daß die Urheimat der Turkvölker in der südwestlichen Mandschurei lag.

Bestechend ist dieser These allemal. Nicht zuletzt auch deshalb, weil eine alternative Urheimat der Turkvölker noch weniger gut begründet werden kann als hier. Aber immerhin dürfte in diesen Themenbereich auch gehören, was ganz neu in die Aufmerksamkeit erst vor wenigen Wochen geriet, daß nämlich die berühmten Tarim-Mumien gar nicht westlicher, indogermanischer genetischer Herkunft zu sein scheinen, sondern einer ganz eigenen, einheimischen, lokalen Herkunftsgruppe anzugehören zu scheinen, die mit der hier auf dem Blog schon öfter angesprochenen westsibirischen Herkunftskomponente in engem Zusammenhang steht (7 - siehe in den Kommentaren). Diese Herkunftsgruppe dürfte immerhin ebenfalls viel mit der Frühgeschichte der Turkvölker zu tun gehabt haben. Aber genau diesbezüglich ist für uns vieles noch ungeklärt, was auch in der neuen Studie gar nicht behandelt wird. 

In unserem Artikel vom Juni nannten wir ja schon die weiten Regionen, über die hinweg sich die Turkvölker ausgebreitet haben von ihrer Urheimat am Westlichen Liao-Fluß ausgehend (G-Maps).

Daß nun aber das Amur-Gebiet und die Mandschurei schon sehr früh Innovationszentren waren, wird bezeugt durch den Umstand, daß hier die älteste Keramik der Menschheit gefunden wurde (8) (nach derzeitigem Forschungsstand) (Wiki): 

Die ältesten Tongefäße der Welt stammen aus dem östlichen Sibirien, dem Amur-Gebiet und sind durch Beschleuniger-Daten der vegetabilen Magerung auf 15.000 BP datiert. Keramikgefäße sind auch aus der mesolithischen Jomon-Kultur Japans nachgewiesen und datieren um 13.000 v. Chr.. Die Kenntnis der Töpferei verbreitete sich durch Wildbeuter-Kulturen weiter nach Korea sowie in die Mandschurei, ohne daß dies mit einer neolithischen Wirtschaftsweise einherging.

Die Technik der Keramikherstellung scheint sich hier ausgebreitet zu haben und von hier aus auch bis zur Ostsee (8), ohne daß sich mit dieser Technik zugleich eine bestimmte genetische Herkunftsgruppe mit ausgebreitet hätte (nach derzeitigem Forschungsstand).

Wir haben uns hier auf dem Blog im letzten Jahr schon in verschiedenen Beiträgen zu den Herkunftsgruppen der Chinesen, Japaner, Koreaner und Mongolen Gedanken gemacht (9-11). Wir lernten dabei wohl schon, daß man keine der behandelten Studien als allzu abschließenden Forschungsstand erachten sollte. Dazu sind ihre Angaben untereinander noch - zumindest äußerlich - zu widersprüchlich und dazu ist die Zahl der in Ostasien sequenzierten Menschenfunde immer noch zu klein - zumindest im Vergleich zu der in Europa.

Die Honshan-Kultur (4.700 bis 2.900 v. Ztr.)

Immer wieder ging es in den Studien aber auch um die besondere Rolle der vorgeschichtlichen Völkerschaften, die im Neolithikum und in der Bronzezeit am Westlichen Liao-Fluß, also in der Mandschurei lebten (9-11). Sehr früh breitete sich die (chinesische) Herkunftsgruppe vom Gelben Fluß in kleineren Anteilen (sprich: nicht unvermischt) sogar bis zum Amur-Fluß aus. Deshalb scheinen die Völkerschaften der Mandschurei im Neolithikum und in der Bronzezeit immer Mischvölker zu sein der Amur-Herkunftsgruppe mit der Herkunftsgruppe vom Gelben Fluß - zu jeweils unterschiedlichen Anteilen. Dieser Umstand scheint sich durch die ganze Geschichte seit Beginn der Seßhaftigkeit in dieser Region zu ziehen. Mal überwiegt die nördliche Herkunftsgruppe genetisch in der Mandschurei, mal die südliche.

Abb. 3: Jade-Kunst der Hongshan-Kultur (12)

Die große und bedeutende mittelneolithische Kultur in der Mandschurei ist die Hongshan-Kultur (4.700-2.900 v. Ztr.) (Wiki). Sie weist eine erstaunliche kulturelle Kontinuität von 2000 Jahren auf. In ihrer fast "überaffektierten" Kunst, etwa in ihren Jade-Objekten (Bilder), mutet sie fast schon wie eine exzentrische Spätphase einer Hochkultur an, der deshalb viel Vorgeschichte vorangegangen sein muß (nämlich im Frühneolithikum). Wie in Europa handelte es sich bei den Kulturen des Mittelneolithikums in der Manschurei und in China um Königreiche mit einem Beamten-Hochadel. Die damaligen Königreiche in China und in der Manschurei standen schon im Mittelneolithikum in einem einem reicheren kulturellen Austausch-Verhältnis miteinander.

Manche archaischen Züge der Hongshan-Kultur könnten sich leichter in Parallele setzen zu dem zeitgleichen Stadium der Kulturentwicklung in Europa. Andere, eher phantastische und exzentrische Züge der Kunst der Hongshan-Kultur wirken aber schon viel "weiter entwickelt" als die zeitgleiche Kunst in Europa. Auch beispielsweise exzentrische Tier-Mensch-Figuren, schwangere Frauen, kopulierende Menschenpaare sind keine seltenen Themen der Jade-Kunst der Hongshan-Kultur (12, 13). Bei ihnen denkt man eher an Hochkulturen wie die zeitgleichen im Vorderen Orient (Uruk, Ägypten etc.) oder den späteren Hochkulturen im Mittleren Amerika.

Der eindrucksvolle Kopfschmuck der Könige mittelneolithischer Kulturen weltweit

Vergleiche der Hongshan-Kultur mit anderen vorgeschichtlichen, komplexen Gesellschaften (Königreichen) - etwa in Amerika - sind schon 2006 in einer Studie gemacht worden. Dabei ist insbesondere auch die eindrucksvolle Tempel- und Grab-Anlage der Hongshan-Kultur bei Niuheliang (Wiki) ausgewertet worden (14). Dort ist an zentraler Stelle ein König begraben worden, der einen eindrucksvollen Kopfschmuck getragen hat (14). Fast drängt es sich bei einem solchen Kopfschmuck auf, ihn in Parallele zu setzen zu dem Kopfschmuck indogermanischen Kriegergräber aus der Zeit um 4.500 v. Ztr. an der Mittleren Wolga, in Giurgiulești in Moldavien und in Warna Rumänien (15). Und bei solchen Parallelen möchte man ja fast einmal einen Beitrag schreiben über solch eindruckvollen Kopfschmuck als Kennzeichen einer bestimmten Phase der Kulturentwicklung der Menschheit in verschiedenen Teilen der Erde.

Schließlich kennen wir solch eindruckvollen Kopfschmuck ja auch aus traditionellen Fürstentümern in Indonesien und in ganz Süd- und Südostasien. Der Mensch hat sich die exzentrischsten Formen von Kopfschmuck im Verlauf seiner Kulturgeschichte ausgedacht, um Könige, Fürsten und Anführer innerhalb der Gemeinschaft als besondere Personen hervor zu heben.

Abb. 4: Der Anführer des Naga-Stammes der Konyak, 2011 mit dem traditionellen Kopfschmuck aus Wildschweinz-Zähnen (Wiki) - Ähnlich darf man sie die Anführer und Könige im Mittelneolithikum auch in Europa und sonst in Asien vorstellen

Ein Beispiel hierfür wäre etwa der Stamm der Nias (Wiki) auf der Insel Nias (Wiki) in Indonesien. Hierbei handelt es sich um ein Volk offenbar austronesischer Abstammung, also ursprünglich von Taiwan herstammend. Sie stellten ja auch - wie im Mittelneolithikum in Europa üblich - große Steine als Andenken an verstorbene Anführer auf (St. gen. 12/2019) und gleichen auch in vielem sonst den Kulturen des Mittelneolithikums in vielen Teilen der Welt. Von ihnen wird gesagt, sie wären "Kopfjäger" gewesen. Vermutlich darf man sich aber bei dieser Bezeichnung nicht gar so "Wildes" vorstellen. Sondern man sollte sich einfach einmal klar machen, daß auch unsere germanischen und keltischen Vorfahren - bekanntermaßen - "Kopfjäger" waren. Auch die Römer waren dies - wie man noch auf der Trajansäule in Rom besichtigen kann. Stolz wurden - wie dort dargestellt - den römischen Feldherren die Köpfe getöteter feindlicher Krieger während und nach der Schlacht präsentiert. Mit "Kopfjäger" etwas gar zu "Primitives" zu verbinden, führt also vermutlich eher in die Irre. Schon 2007 haben wir uns hier auf dem Blog mit den Naga, Kopfjägern im Nordosten Indiens beschäftigt (16).

Die stolzen Nias sind zwischen 1875 und 1910 unter niederländischer Kolonialherrschaft von dem deutschen Missionar Heinrich Sundermann (1849-1919) (Wiki) "glorreich" - sehr, sehr "glorreich" zum Protestantismus bekehrt worden. Daß ihm seine "glorreiche" Tätigkeit nicht die Seele zerrissen hat, zeugt einmal mehr von der seelischen Abgestumpftheit von Christen im Angesicht traditioneller Kulturen wie sie zweitausend Jahre Christentum weltweit hervor gebracht hat. Die Nias lebten noch Ende des 19. Jahrhunderts in einem ähnlichen kulturellen und beseelten Reichtum wie die Menschen des Mittelneolithikums in Europa und China.

Die Nias gehörten schon im Mittelalter zu indonesischen Königreichen und führten regen Handel mit der umliegenden Inselwelt. Weitere Beispiele für Kopfschmuck, der in Parallele gesetzt werden könnte zu solchen im Mittelneolithkum oder der Bronzezeit findet man durch Bildersuche mit dem Suchwort "headress" in Verbindung mit verschiedenen anderen Suchworten ("traditional", "asia", "prehistory" etc.), bzw. entsprechend auch mit deutschen Suchworten ("Kopfschmuck" etc.). Das könnte Thema eines künftigen Blogbeitrages sein.

Der Hongshan-Kultur wird in der Geschichte Koreas eine große Rolle zugesprochen. Immerhin ist durch sie der Hirse-Anbau nach Korea eingeführt worden. Trotzdem wird von Seiten eines finnischen Korea-Spezialisten in einer Arbeit aus dem Jahr 2020 sehr selbstbewußt diese These als "Pseudohistorie" abgetan (14). Dabei behauptet ja die neue Nature-Studie genau dasselbe und führt neue archäogenetische Belege dafür an (4) (siehe gleich). Jedenfalls wird durch diese Arbeit (14) deutlich, daß die Hongshan-Kultur schon seit den 1980er Jahren für das geschichtliche Selbstverständnis Koreas große Bedeutung hat. Vermutlich mit großem Recht.

Dreitausend Jahre Hirse-Anbau in der Manschurei - Ohne Expansion (7.000 bis 3.500 v. Ztr.)

Werfen wir nun mit diesem Vorwissen und diesen "Vorstudien" einen genaueren Blick in die neue Studie (4). Nach allen Daten, die von dieser zusammen getragen wurden, erfolgte die Domestikation der Rispenhirse ("broomcorn millet") im Tal des Westlichen Liao-Flusses, also in der Mandschurei um 7.000 v. Ztr. (4). Von dort breitete sich der Rispenhirse-Anbau dann aber erst mehr als dreitausend Jahre später (!), wir betonen: mehr als dreitausend Jahre später, nämlich um 3.500 v. Ztr. nach Korea aus. Und um 3.000 v. Ztr., kurz vor Ende der Hongshan-Kultur, breitete er sich auch nach Norden bis zum Amur-Fluß aus (4). Aber die hier genannten dreitausend Jahre sollten auch im Blickwinkel bleiben. Dreitausend Jahre sind eine lange Zeit. Und man fragt sich, warum es in dieser langen Zeit zu keiner Expansion gekommen ist.

Ursprünglich hatten die neolithischen Kulturen der Mandschurei nur den Hund und das Schwein domestiziert. Andere Haustiere besaßen sie am Anfang noch nicht (4). Die hier benannte demographische Ausbreitung nach Südosten und Norden nach 3.500 v. Ztr. ist archäologisch bezeugt durch die mitgeführten ähnlichen Keramikstile, durch ähnliche Steinwerkzeuge, durch ähnliche Hausbau- und Grabbau-Weisen (4).

Nach "Figure 3b" der Studie setzte sich nun die Herkunft der neolithischen Hongshan-Kultur in der Manschurei zusammen aus 60 % Amur-Fluß-Herkunft und 40 % Gelber Fluß-Herkunft. Die Gelbe Fluß-Herkunft breitete sich schon damals bis in die nördliche Mandschurei aus (in Angangxi 20 %) (4). 

In der Bronzezeit spricht man für die Mandschurei dann von der Xiajiadian-Kultur. Diese wird in die Frühe (Untere) (2000 bis 1500 v. Ztr.) (Wiki) und in die Spätere (Obere) Xiajiadian-Kultur (1000 bis 300 v. Ztr.) (Wiki) eingeteilt. Genetisch sehen wir, daß in der Frühen Bronzezeit bis zu 90 % Gelber Fluß-Herkunft in der Mandschurei anzutreffen sind. Das wäre also nach Zusammenbruch der Hongshan-Kultur. In der Späten Bronzezeit wäre sie dann wieder auf 40 % zurück gegangen. Zu dieser Genetik der hier lebenden Rispenhirse-Bauern der Hongshan-Kultur heißt es im Text weiterhin (4):

Wir besitzen zwar keine frühneolithischen Genome vom Westlichen Liao-Fluß. Es ist aber wahrscheinlich, daß die Amur-ähnliche Herkunft das ursprüngliche genetische Profil der eingeborenen vorneolithischen (oder späteiszeitlichen) Jäger und Sammler repräsentiert, die den Baikal, Amur, Primorye, die südöstlichen Steppen und den Westlichen Liao besiedelten, und die in dieser Region zum Ackerbau übergingen. Das widerspricht einer genetischen Studie diesen Jahres, die aus dem Nichtvorhandensein von genetischen Einflüssen vom Gelben Fluß in vorgeschichtlichen Genomen der Mongolei und vom Amur-Fluß glaubte ableiten zu können, daß die Genetik des Westlichen Liao mit der Transeurasischen Sprachfamilie nicht korrelieren würde.
Although we lack Early Neolithic genomes in the West Liao River, Amur-like ancestry thus is likely to represent the original genetic profile of indigenous pre-Neolithic (or late Palaeolithic) hunter-gatherers covering Baikal, Amur, Primorye, the southeastern steppe and West Liao, continuing in the early farmers from this region. This contradicts a recent genetic study, which concludes that the absence of Yellow River influence in ancient genomes from Mongolia and the Amur does not support the West Liao genetic correlate of the Transeurasian language family.

Damit soll gesagt sein: Im Gegensatz zu der anderen Studie traut man auch der Amur-Völkergruppe einen eigenständigen Übergang zum Ackerbau - ohne Einfluß von Seiten des Gelben Flusses zu. Das wäre immerhin nachvollziehbar. Warum das nun aber für wahrscheinlich gehalten wird, darüber wird an dieser Stelle nicht wirklich etwas gesagt. Aber diese Annahme ist natürlich wichtig, wenn man hier die Urheimat so viele ostasiatischer Sprachgruppen lokalisieren will, die nur wenig vom Chinesischen beeinflußt sind. 

Um 3.000 v. Ztr. kommen Indogermanen in diese Region

Über die Ankunft der Rinderwagen und westliche Getreidesorten mit sich führenden Indogermanen ab etwa 3.000 v. Ztr. in diesem Raum wird nun nur in den aller gröbsten, skizzenhaften Strichen das folgende ausgeführt (4):

Die Hauptkomponenten-Analyse zeigt einen allgemeinen Trend dahingehend, daß neolithische Individuen aus der Mongolei zu hohen Graden von der Amur-Herkunftsgruppe abstammen gemeinsam mit einem allmählich anwachsendem Genzufluß aus dem westlichen Eurasien von der Bronzezeit bis zum Mittelalter. Während die turksprachigen Xiongnu, Alt-Uiguren und Türken extrem vermischt ("zerstreut") sind, liegen die Mongolisch-sprachigen, eisenzeitlichen Xianbei der Amur-Herkunftsgruppe näher als dies für die Shiwei, Rouran, Khitan und die mittelmongolischen Khanate zwischen Antike und Mittelalter gilt.
The PCA (Extended Data Figs. 8–10) shows a general trend for Neolithic individuals from Mongolia to contain high Amur-like ancestry with extensive gene flow from western Eurasia increasing from the Bronze to Middle Ages. Whereas the Turkic-speaking Xiongnu, Old Uyghur and Türk are extremely scattered, the Mongolic-speaking Iron Age Xianbei fall closer to the Amur cluster than the Shiwei, Rouran, Khitan and Middle Mongolian Khanate from Antiquity and the Middle Ages.

Das ist das wenige, das zur Ausbreitung der Turkvölker gen Westen in dieser Studie ausgeführt wird. Genauer und mit neuen archäogenetischen Daten gefüttert wird die Ausbreitung der Hongshan-Genetik nach Korea beschrieben. Noch um 4.000 v. Ztr. habe es auf Korea nur Jomon-ähnliche genetische Herkunft gegeben, was die Forscher als Hinweis dafür werten, daß die Amur-Herkunftsgruppe die ursprünglichen Sprecher jener Sprache waren, von der auch Koreanisch (und Japanisch) abstammen. Nach Korea breitete sich diese Herkunftsgruppe also nur fünfhundert Jahre vor Ankunft der Indogermanen aus. Hinauf zum Amur-Fluß dann sogar erst während der Ankunft der ersten Indogermanen.

Es drängt sich natürlich überhaupt der Eindruck auf, daß die Indogermanen in diesem Raum in ein - der Tendenz nach - mehr statisches, aus Sicht von Europa womöglich "unbeweglicheres" Völkergefüge gerieten und in dieses allerhand neue Bewegung und Veränderungsbereitschaft hinein gebracht haben könnten. Diese Tendenz insbesondere mag zur Entstehung der Völkergruppe der Turkvölker geführt haben, die sich ja über fast ähnlich weite Strecken verbreitet hat wie die Indogermanen.

Wie die Hongshan-Genetik nach Korea kam (3.500 v. Ztr.)

Über neu sequenzierte Menschenfunde aus Korea, nämlich vier neolithische (Individuen von Ando, Yŏndaedo, Changhang und Yokchido) und einen bronzezeitlichen (Taejungni) heißt es dann (2):

Modellierungen (...) legen nahe, daß das neolithische Ando-Individuum vollständig abgeleitet werden kann von einer Herkunftsgruppe, die mit der Hongshan-Kultur verwandt war, während die Individuen von Yŏndaedo und Changhang modelliert werden können als Mischlinge der Jomon-Herkunftsgruppe mit einem hohen Anteil Hongshan-Herkunft. (...) Das Individuum von Yokchido an der Südküste Koreas besaß zu fast 95 % Jomon-Herkunft. (...) Das bronzezeitliche Individuum von Taejungni kann am besten modelliert werden als Späte Xiajiadian. Wir sehen deshalb einen in seinen Anteilen variierenden Jomon-Herkunftsanteil bei den neolithischen Koreanern, der danach über die Zeit hinweg allmählich verschwindet wie an seinem zu vernachlässigen Anteil in heutigen Koreanern erkennbar ist. Das Fehlen einer bedeutenden Jomon-Herkunftskomponente in Taejungni legt nahe, daß frühe Bevölkerungen ohne nachweisbare Jomon-Herkunft wie in den heutigen Koreanern sich in die Koreanische Halbinsel ausbreiteten zusammen mit Reisanbau, wobei sie neolithische Bevölkerungen mit einigem Jomon-Anteil ersetzten. (...) Wir verbinden deshalb die Ausbreitung des Ackerbaus nach Korea mit unterschiedlichen Wellen von Amur- und Gelber Fluß-Gen-Zufluß, modelliert als Hongshan für die neolithische Einführung des Hirseanbaus und durch das Späte Xiajiadian für die bronzezeitliche Ergänzung mit Reisanbau.
The proximal qpAdm modelling (Supplementary Data 13) suggests that Neolithic Ando can be entirely derived from an ancestry related to Hongshan, whereas Yŏndaedo and Changhang can be modelled as an admixture of Jomon with a high proportion of Hongshan ancestry, although Yŏndaedo has only limited resolution (Supplementary Data 16, Fig. 3b). Yokchido, on the southern coast of Korea, contains nearly 95% Jomon ancestry. Although our genetic analysis cannot itself distinguish between possible East Asian ancestries for Bronze Age Taejungni, given the Bronze Age date it can be best modelled as Upper Xiajiadian; a possible minor Jomon admixture is not statistically significant (P = 0.228; Supplementary Data 16). We therefore observe a heterogeneous presence of Jomon ancestry in Neolithic Koreans (0–95%) and its eventual disappearance over time, as shown by a negligible Jomon contribution to present-day Koreans. The lack of a significant Jomon component in Taejungni indicates that early populations, without detectable Jomon ancestry linked to present-day Koreans, migrated to the Korean peninsula in association with rice farming, and replaced Neolithic populations with some Jomon admixture—although our genetic data currently do not have resolution to test this hypothesis, owing to limited sample size and coverage. We therefore associate the spread of farming to Korea with different waves of Amur and Yellow River gene flow, modelled by Hongshan for the Neolithic introduction of millet farming and by Upper Xiajiadian for the Bronze Age addition of rice agriculture.

Auch hier wird alles sehr gedrängt und knapp dargestellt. "Späte Xiajiadian" würde heißen: 40% Gelber Fluß-Herkunftsanteil ähnlich wie bei der Hongshan-Kultur. Für Japan wird dann ausgeführt (4):

Unsere Ergebnisse legen umfangreiche Einwanderungen während der Bronzezeit von Korea nach Japan nahe.
Our results support massive migration from Korea into Japan in the Bronze Age.

Nach Korea würde diese Späte Xiajiadian-Ausbreitung um oder ab 1.300 v. Ztr. erfolgt sein. Und nach Japan dann - erstaunlicherseits - wohl erst in der Yayoi-Zeit (300 v. bis 300 n. Ztr.) (Wiki). Auch der lange Zeitraum, der dann noch einmal für die Ausbreitung nach Japan benötigt wurde, verdient sicherlich Beachtung. Auch das sind ja erneut fast: Dreitausend Jahre. An solchen Umständen werden womöglich doch erkennbar, mit was für konservativen, statischen Gesellschaften und Kulturen man es hier in Ostasien zu tun hat.

In der Studie werden die Verhältnisse noch einmal erneut anders dargestellt als wir das erst im September hier auf dem Blog referiert hatten (9): Schon die ersten - und auch spätere - Bauern, die sich nach Korea ausbreiteten, trugen zu 40 % Gelber Fluß-Herkunft in sich und zu 60 % Amur-Fluß-Herkunft. Und diesselbe Herkunft breiteten sie von dort dann auch nach Japan aus.

Aufgrund der nur sehr geringen Zahl von Menschenfunden, die hier pro archäologischer Kultur und pro Region hat sequenziert werden können, müssen all diese Aussagen noch mit vielen Vorbehalten und Fragezeichen versehen bleiben. Es deuten sich hier vage Tendenzen an. Aber ein wirklich exaktes, tiefenscharfes Bild - an das wir uns für Europa schon seit 2015 gewöhnt haben - ist das alles noch nicht.

Der ganze Artikel vertritt eine "große These" mit vergleichsweise wenigen Ausführungen zu derselben.

Die Mandschurei - das Land "jenseits des Shanhaiguan-Passes", das Land jenseits der Großen Mauer

Nun noch einiges, was man über die Manschurei und ihre Geschichte wissen sollte. Bei den Mandschu handelt es sich um das größte Volk der tungusischen Völkergruppe (Wiki). Die Hauptstadt der Manschurei ist Shenyang, früher auch Mukden oder Fengtian genannt. Der "Mukden-Zwischenfall" (Wiki) diente 1931 als Vorwand zur Eroberung der Mandschurei durch die Japaner (1). Die wichtigste Eisenbahnlinie der Region führt von Seoul über Mukden/Shenyang nach Peking. Die Provinz Liandong grenzt im Südosten an Korea, die Grenzregion ist sehr gebirgig. Es ist das ein Gebirge, das sich auch bis hinunter auf die Liaoning-Halbinsel zieht (Abb. 2). Nach Westen hin grenzt diese Provinz an die Innere Mongolei. Auch diese Grenzregion ist gebirgig. Zwischen diesen beiden gebirgigen Regionen liegt eine weitgehend flache, zum Teil auch fruchtbare Ebene, die vom Westlichen Liao-Fluß und anderen Flüssen durchflossen wird und die im 19. und 20 Jahrhundert Schauplatz mehrerer blutiger Kriege zwischen Japanern, Russen und Chinesen war (1).

Zur Zeit der japanischen Besatzung der Manschurei soll es hier den höchsten Lebensstandard in ganz China gegeben haben, da die Japaner so viel in die Entwicklung des Landes investierten. Japan wollte an der Mandschurei ein Beispiel seiner zivilisatorischen, kolonisatorischen Kraft geben. Halten wir noch fest, daß die Mandschu vor dem 17. Jahrhundert Jurchen (Wiki, engl) hießen. Die Jurchen waren ursprünglich sibirische Rentier-Jäger, die im Mittelalter andere Lebensweisen annahmen, beeinflußt durch die bäuerlichen Kulturen im Süden.

Im traditionellen China war die Mandschurei das Land "jenseits des Shanhaiguan-Passes" (Wiki). Das ist das Land - von Peking aus gesehen - "jenseits der Stadt Qinhuangdao", wo der genannte Shanhaiguan-Paß liegt. Dort quert nämlich die Straße von Peking nach Shengyang (Mukden) die Große Chinesische Mauer. Und diese gewaltige Mauer stößt hier ans Meer (Wiki):

Für Jahrhunderte bewachte der Posten die enge Passage zwischen dem nordöstlichen China und dem zentralen Ostchina. Im Laufe der chinesischen Geschichte hat der Paß deshalb immer wieder als Verteidigungsbollwerk gegen Stämme aus der Mandschurei gedient, so etwa gegen die Chitan, Jurchen und die Mandschu.

Auch noch im 20. Jahrhundert hat es an diesem Paß militärische Kämpfe gegeben.

/ Ergänzung 9.9.2022: Die Angaben oben über den Rückgang der Jomon-Herkunftskomponente in Korea werden ergänzt durch eine neue Studie, nach der diese Komponente sich auch noch in acht Koreanern aus der Zeit zwischen 300 und 500 n. Ztr. findet (20).

Abb. 5: Herkunftskomponenten ostasiatischer Völker - Grün=Jomon, gelb=Han-chinesisch, braun=nordostasiatisch (aus: 20)

Die Forscher schreiben (20):

Der Menschenfund Korea-TK_1 kann modelliert werden als 28 % nordostasiatisch, 63 % Han-chinesisch und 8 % Jomon. Korea-TK_2 kann modelliert werden als 32 % nordostasiatisch, 43 % Han-chinesisch und 25 % Jomon.
Korea-TK_1 can be modeled as 28% NEasia, 63% Han, and 8% Jomon. Korea-TK_2 can be modeled as 32% NEasia, 43% Han, and 25% Japan Jomon.

Seit dem Mittelalter wäre also in Korea sowohl die Jomon-Herkunftskomponente zurück gegangen wie auch die nordostasiatische Herkunftskomponente. Die Abwesenheit von Jomon-Herkunft im bronzezeitlichen Korea, die die oben behandelte Studie behauptet hatte, wird von dieser neuen Studie bestritten. Weitere Einzelheiten aus der neuen Studie wären noch künftig hier nachzutragen. /

Abb. 6: Urheimat der uralischen, turkischen, mongolischen, tungusischen, koreanischen und japanischen Sprache (21)

/ Ergänzung 10.7.2026 - In einer neuen Studie findet sich eine übersichtliche Grafik (21). /

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*) Die Geschichte ist doch noch nicht zu Ende. Inzwischen ist sie - zumindest vorläufig - wieder eingesetzt worden (19). [13.4.2022] Inzwischen ist sie wieder abgesetzt worden.

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  1. Birolli, Bruno; Jenkins, Paul und andere: Ishiwara Kanji - Ein General bricht den Zweiten Weltkrieg vom Zaun. Arte Frankreich 2012, https://youtu.be/kmkfE4Z2spw.
  2. Bading, Ingo: Die Wolgabulgaren - Ein Schlüssel-Volk zur Geschichte der Turkvölker? 4.6.2021 (Stg2021)
  3. Curry, Andrew: Max Planck Institute demotes noted archaeologist, 28.10.2021, https://www.science.org/content/article/max-planck-institute-demotes-noted-archaeologist
  4. Robbeets, M., Bouckaert, R., Conte, M. et al. (Mark J. Hudson): Triangulation supports agricultural spread of the Transeurasian languages. Nature (2021), 10.11.2021, https://doi.org/10.1038/s41586-021-04108-8
  5. Bernard, Elena: Wie sich transeurasische Sprachen verbreiteten 10. November 2021, https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/wie-sich-transeurasische-sprachen-verbreiteten/
  6. Hudson, Mark J.: Several years in the making, 10.11.21, https://twitter.com/BarbarianNiche/status/1458473297306398722 
  7. Bading, Ingo: Die "Sechsunddreißig Königreiche der Westlichen Provinzen", 10/2021 (Stg2021)
  8. Bading, Ingo: Ostasiatische Gene, Keramik und Hirse breiten sich nach Westen aus (7.000 v. Ztr. und später), 2012 (Stg2012)
  9. Bading, Ingo:  Die Ethnogenese des chinesischen Volkes - Sie erfolgte offenbar (bis in historische Zeit hinein) autochthon, ohne größere Zuwanderung von auswärts, 27.3.2020 (Stg2020)
  10. Bading, Ingo: Turkvölker, Indogermanen, Sarmaten und Hunnen - Zwischen Mongolei und Kaukasus, 11/2020 (Stg2020)
  11. Bading, Ingo: Die Japaner sind größtenteils Han-Chinesen - Genetisch gesehen Ab 300 n. Ztr. strömte die Han-chinesische Genetik nach Japan, 20.9.21 (Stg2021)
  12. Anderson, David C.: Hongshan Jade Treasures: The Art Iconography And Authentication Of Carvings From China’s Finest Neolithic Culture, https://grahamhancock.com/andersond1/
  13. Anderson, David C.: Hongshan Culture’s obsession with sex; a motive for denial? February 22, 2018, http://grahamhancock.com/phorum/read.php?8,1138333
  14. Patterned variation in prehistoric chiefdoms. Robert D. Drennan, Christian E. Peterson Proceedings of the National Academy of Sciences Mar 2006, 103 (11) 3960-3967; DOI: 10.1073/pnas.0510862103
  15. Bading, Ingo: Die Indogermanen des 5. Jahrtausends v. Ztr., 5/2021 (Stg2021)
  16. Bading, Ingo: Kann der Kampf selbst eine Religion sein?, 2007 (Stg2007)
  17. Logie, Andrew. "Claiming the Lineage of Northeast Asian Civilization: The Discovery of Hongshan and the "Hongshan Turn" in Popular Korean Pseudohistory." Seoul Journal of Korean Studies, vol. 33 no. 2, 2020, p. 279-322. Project MUSE, doi:10.1353/seo.2020.0012. 
  18. Bading, Ingo: "Ludendorffs fernöstlicher" - buddhistisch-imperialistischer - "Freund", 5/2015, (StgrNat2015)
  19. Curry, Andrew, 6.12.2021, Science, https://www.science.org/content/article/archaeologist-accused-bullying-reinstated-max-planck-institute
  20. Pere Gelabert et. al.; Ron Pinhasi: Northeastern Asian and Jomon-related genetic structure in the Three Kingdoms period of Gimhae, Korea. In: Current Biology, 8.8.2022 (pdf
  21. Nemeth E. Feher T, Vigh J, Balázs Jávorszky, ... Gaspar Cs: A transdisciplinary approach to the origin of Uralic peoples. Scandia 91(2), January 2025 (Resg)

Montag, 20. September 2021

Die Japaner sind größtenteils Han-Chinesen - Genetisch gesehen

Ab 300 n. Ztr. strömte die Han-chinesische Genetik nach Japan

Der Forschungsstand zur Ethnogenese der Japaner erfährt im Jahr 2021 große Umwälzungen. Anfang des Jahres hatte man noch angenommen, die Japaner würden neben einer Jomon-Herkunft aus der Jäger-Sammler-Zeit südchinesische Herkunft aufweisen, die mit dem Reisanbau nach Japan gekommen sei. Wir hatten da noch ausdrücklich festgehalten (1):

"Einig scheinen sich alle zu sein, daß die Japaner keine Inland-Han-Chinesen-Hirse-Bauern-Herkunft aufweisen."

Dieser Forschungsstand ändert sich gerade mit der neuesten archäogenetischen Studie zum Thema drastisch (2).

Abb. 1: Die Herkunftskomponenten der Japaner in der Jomon-Zeit, in der neolithischen Yayoi-Zeit und seit der eisenzeitlichen Kofun-Zeit (aus 2)

Genau ein solcher Han-Chinesen-Herkunftsanteil, der seit 300 n. Ztr. nach Japan geströmt ist, macht nach jetzigen Forschungsstand sogar zwei Drittel der Herkunft der Japaner aus (Abb. 1). Eine eigene südchinesische Herkunftskomponente, die mit dem Reisanbau nach Japan gekommen sei, wird sogar ausgeschlossen. Vielmehr sei der Reisanbau aus der Liadong-Halbinsel, wo es durchaus südchinesische Herkunft gegeben hat, allein mit nordostasiatischer Amur-Fluß-Genetik nach Japan gekommen und habe sich dort mit der Jomon-Herkunft vermischt (2):

Unsere Ergebnisse legen nahe, daß der Reisanbau durch Menschen eingeführt wurde, die irgendwo rund um die Liaodong-Halbinsel lebten (also im Nordwesten des heutigen Korea), und die eine Hauptkomponente ihrer Herkunft auf Populationen weiter im Norden zurückführten, obwohl der Ursprung des Reisanbaus südlich des West-Liao-Flußtales liegt.
Our findings imply that wet rice farming was introduced to the archipelago by people who lived somewhere around the Liaodong Peninsula but who derive a major component of their ancestry from populations further north, although the spread of rice agriculture originated south of the West Liao River basin.

Erstaunlich, daß der Forschungsstand hier noch so stark im Fluß sein kann. 

Nun ist es also erst die Kofun-Zeit (300-538 n. Ztr.) (Wiki, engl), in der die Han-Genetik nach Japan kommt und sozusagen die bisherige Ethnogenese der Japaner - so wie wir sie heute kennen - abgeschlossen hat. Die Han-Genetik selbst ist ja eine Mischung aus Amur-Fluß-Genetik und südostasiatischer (Reisbauern-)Genetik. Daß die Ethnogenese der Japaner so stark allein durch die südchinesische Genetik hatte geprägt sein sollen, hatte uns Anfang des Jahres auch durchaus gewundert. Der jetzige Forschungsstand mutet auch insgesamt "plausibler" an.

Somit kann gesagt werden, daß die Japaner seit dieser Zeit gekennzeichnet sind gegenüber den Chinesen durch einen höheren Anteil von Amur-Fluß-Genetik (gelber Herkunftsanteil in Abb. 1), sowie durch den spezifischen Anteil von Jomon-Genetik, von der zusätzlich gesagt wird, daß diese zwar von der Andamanen-Genetik abstammt, sich aber in vielen Jahrtausenden unabhängig entwickelt hätte mit kleiner Populationsgröße (2), also auch starke Veränderungen erfahren haben kann in dieser Zeit.

Außerdem konnte natürlich auch noch innerhalb Japans in den letzten 2000 Jahren viel genetische Selektion stattfinden, die auf Japan beschränkt geblieben ist.

Auch die historischen Quellen sprechen von chinesischen Zuwanderungen ab 300 n. Ztr.

Über diese Ethnogenese finden sich ausreichende Angaben tatsächlich auch in den traditionellen Wissensquellen zur Geschichte Japans. Und zwar in erstaunlich genauer Weise. In Berichten aus der Kofun-Zeit wird nämlich sogar sehr genau angegeben, welche ausländischen Familien von wo in China oder Korea gekommen sind. Es gab nämlich viel kulturellen Austausch mit China und Korea. Von China und Korea wurden die chinesische Schrift mitgebracht, es wurde der Buddhismus eingeführt, die größeren stadtartigen Siedlungen wurden mitgebracht.

Man bedenke hierbei auch die Asynchronität der Weltgeschichte. Zur gleichen Zeit zerschlagen die Hunnen im Westen das Römische Reich, das bis dahin Stadtkultur nach allein Richtungen hin ausgebreitet hatte.

Auf dem englischsprachigen Wikipedia ist jedenfalls schon gut wiedergegeben, daß die Zuwanderung aus China und Korea nach Japan in dieser Zeit vergleichsweise detailliert festgehalten worden ist. Aber vermutlich hatte man bis heute nicht angenommen, daß sie sich damals auf genetischer Ebene so umfangreich ausgewirkt hat wie jetzt von den Genetikern festgestellt (Wiki) :

Toraijin
Toraijin wurden Menschen genannt, die aus dem Ausland nach Japan kamen, einschließlich Chinesen vom Festland, die das antike Japan von den Ryukyu-Inseln und von der koreanischen Halbinsel kommend bewohnten. Sie führten zahlreiche, bedeutende Aspekte der chinesischen Kultur in Japan ein. Indem die Regierung von Yamato dem chinesischen Wissen und der Kultur Wertschätzung entgegenbrachte, behandelte sie die Toraijin bevorzugt. Nach dem 815-Buch wurde 317 von 1182 Klans in der Kinai-Region von Honshu ausländische Herkunft zugesprochen. 163 stammten aus China, 104 aus Baekje (Korea), 41 aus Goguryeo (Korea), 6 aus Silla (Korea) und 3 aus Gaya (Korea). Sie dürften zwischen 356 und 645 nach Korea eingewandert sein. ....
Toraijin 
Toraijin refers to people who came to Japan from abroad, including mainland Chinese who inhabited ancient Japan via the Ryukyu Islands or the Korean Peninsula. They introduced numerous, significant aspects of Chinese culture to Japan. Valuing Chinese knowledge and culture, the Yamato government gave preferential treatment to toraijin. According to the 815 book, Shinsen Shōjiroku, 317 of 1,182 clans in the Kinai region of Honshū were considered to have foreign ancestry. 163 were from China, 104 from Baekje ("Paekche" in the older romanization), 41 from Goguryeo, 6 from Silla, and 3 from Gaya. They may have immigrated to Japan between 356 and 645.
Chinese migration
According to the Shinsen Shōjiroku (used as a directory of aristocrats), Chinese immigrants had considerable influence. The Yamato imperial court edited the directory in 815, listing 163 Chinese clans.  According to Nihon Shoki, the Hata clan (descendants of Qin Shi Huang) arrived in Yamato in 403 (the fourteenth year of Ōjin) as the vanguard of 120 provinces. According to the Shinsen Shōjiroku, the Hata clan were dispersed throughout a number of provinces during the reign of Emperor Nintoku and forced to practice sericulture and silk manufacturing for the court. (...) The heads of the family were apparently financial officials of the court. In 409 (the twentieth year of Ōjin), Achi no omi (阿知使主) - ancestor of the Yamato-Aya clan [ja], which was also composed of Chinese immigrants - arrived with immigrants from 17 districts. According to the Shinsen Shōjiroku, Achi received permission to establish the province of Imaki. The Kawachi-no-Fumi clan, descendants of Gaozu of Han, introduced elements of Chinese writing to the Yamato court. The Takamuko clan [ja] is descended from Cao Cao. Takamuko no Kuromaro observed the Taika Reforms.
Korean migration
Some of the many Korean immigrants who settled in Japan beginning in the 4th century were the progenitors of Japanese clans. According to Kojiki and Nihon Shoki, the oldest record of a Silla immigrant is Amenohiboko: a legendary prince of Silla who settled in Japan at the era of Emperor Suinin, possibly during the 3rd or 4th centuries. Baekje and Silla sent their princes as hostages to the Yamato court in exchange for military support. King Muryeong of Baekje was born in Kyushu (筑紫) of Japan as the child of a hostage in 462, and left a son in Japan who was an ancestor of the minor-noble Yamato no Fubito (和史, "Scribes of Yamato") clan. According to the Shoku Nihongi (続日本紀), Yamato no Fubito's relative (Takano no Niigasa) was a 10th-generation descendant of King Muryeong of Baekje who was chosen as a concubine for Emperor Kōnin and was the mother of Emperor Kanmu. In 2001, Emperor Akihito confirmed his ancient royal Korean heritage through Emperor Kanmu.

Man wird annehmen dürfen, daß die Koreaner insgesamt eine ähnliche genetische Geschichte und Herkunft aufweisen wie die Japaner.

In einer neuen Buchveröffentlichung wird in der Einleitung darauf hingewiesen, daß die japanischen Archäologen und Historiker erst in den letzten drei Jahrzehnten diese Frage der "Über das Meer Gekommenen" wissenschaftlich genauer behandelt haben (3). Durch die genetischen Erkenntnisse wird dieser Thematik nun noch einmal neues Gewicht gegeben.

Man darf sicherlich auch fragen, warum Japan eines der letzten Länder der Weltgeschichte ist, in denen sowohl Ackerbau wie Stadtkultur eingeführt worden sind.

__________

  1. Bading, Ingo:  Tibeter, Tocharer, Japaner, Chinesen - Das Werden der ostasiatischen Völker klärt sich weiter, Februar 2021 https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/02/tibeter-tocharer-japaner-chinesen.html
  2. Ancient genomics reveals tripartite origins of Japanese populations. Niall P. Cooke et. al., Science Mag. 17.9.2021, https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abh2419
  3. Song-nai Rhee, C. Melvin Aikens, Gina L. Barnes: Archaeology and History of Toraijin. Human, Technological, and Cultural Flow. Archaeopress, Oxford 2021, https://books.google.de/books?id=gN1GEAAAQBAJ

Sonntag, 28. Februar 2021

Tibeter, Tocharer, Japaner, Chinesen ...

Das Werden der ostasiatischen Völker - Es klärt sich weiter
Breitengrad versus Herkunft - Was war wichtiger für die Intelligenz-Evolution in Ostasien?

Hinweis: Die Inhalte dieses Blogartikels sind auch in einem Video behandelt worden: https://youtu.be/ppplxeqUXq8

Die wichtigsten neuen Einsichten in Kurzfassung:

  1. Die Tibeter stammen von den Nordchinesen ab.
  2. Die Japaner stammen von den Südchinesen ab - nicht von den Nordchinesen
  3. Die Tocharer waren womöglich (!) die letzten Nachfahren der ersten indogermanischen Ostwanderung nach Asien.
  4. Die heutigen Nordchinesen stammen zu 2 bis 4 % von Europäern ab (Sogdern, Skythen ...).
  5. Der Voll-Ackerbau entstand auch in Ostasien offenbar zuerst in Inland-Regionen, nicht an der Küste.

Eine im letzten Jahr im Preprint erschienene archäogenetische Studie zur Genetischen Geschichte Ostasiens - von David Reich,  Johannes Krause uvam. (1) - hat endlich das Gutachter-Verfahren durchlaufen und ist vor einigen Tagen in "Nature" erschienen (2). Sie ist nun offenbar stark überarbeitet und wartet dabei mit zahlreichen neuen Einsichten auf. 

Vor einem Jahr berichteten wir über eine neue, im Preprint erschienene Studie zur genetischen Geschichte Chinas und Ostasiens (1). In dieser wurden die Daten von 130 neuen, archäogenetisch gewonnenen Genomen aus ganz Asien ausgewertet und interpretiert. Nun ist diese Studie offiziell in "Nature" veröffentlicht worden (2). Soweit wir sehen, widerspricht die offiziell veröffentlichte Studie nirgendwo expliziter den Ergebnissen der Vorab-Veröffentlichung (1). In ihr werden aber andererseits noch allerhand Erkenntnisse hervor gehben, die zumindest wir selbst im Preprint vor einem Jahr nicht entdeckt hatten, die also in diesem womöglich noch gar nicht enthalten waren. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um die fünf Punkte, die wir oben in der Zusammenfassung genannt haben. 

Wie wir schon häufiger beobachten konnten, scheint also auch diese Studie während des Gutachter-Verfahrens des letzten Jahres noch einmal kräftig umgeschrieben worden zu sein. Es flossen wohl auch Ergebnisse mit ein, die während dieses Jahres aus anderen Studien bekannt geworden waren (z.B.: 3). All das ist ein Spiegel der derzeit sehr schnellen Entwicklung auf dem Gebiet der Archäogenetik. 

1. Die Tibeter stammen von den Nordchinesen ab

Zu den neuen Einsichten gehört, daß nach dieser neuen Version nun die Tibeter sich scheinbar nicht unabhängig von den Chinesen von örtlichen nacheiszeitlichen Bevölkerungen aus zu den heutigen Tibetern entwickelten, sondern daß ihre Herkunft auf die Ausbreitung chinesischer Bauern ab 1600 v. Ztr. nach Tibet hinein zurückzuführen ist. 

Abb. 1: Ausbreitung der Landwirtschaft nach Tibet, gemeinsam mit der sinotibetischen Sprachgruppe, ab 1600 v. Ztr.

Dazu heißt es in der offiziellen Studie unter anderem (2):

... Dies gibt einen unabhängigen Beleg dafür, daß die Kern-Tibeter und ihre genetisch fast ununterscheidbaren Verwandten im alten Nepal wohl nicht Nachkommen von Jägern und Sammlern sind, die zuvor in Tibet gelebt haben. Wir schätzen, daß die (zuwandernde) Vermischung durchschnittlich um 290 v. Ztr. bis 270 n. Ztr. vonstatten gegangen ist, wenn nur ein Vermischungsereignis unterstellt wird. Es könnte aber um 1600 v. Ztr. begonnen haben, als sich der Ackerbau auf das tibetische Hochland ausbreitete.   
... This provides independent evidence that Core Tibetans and their genetically almost indistinguishable relatives in ancient Nepal are unlikely to represent continuous descendants of Tibetan hunter-gatherers. We estimate that mixture occurred an average of ~290 BCE - 270 CE under models of a single pulse of admixture (Online Table 18). Its start could plausibly be as old as the ~1600 BCE date for the spread of agriculture onto the Tibetan plateau.

Dies war so auch schon von Seiten der Sprachwissenschaft in Studien der letzten Jahre angenommen, während es konkurrierende Theorien gab, nach der sich die sinotibetische Sprachgruppe aus umgekehrt vom Nordrand Indiens aus Richtung Norden ausgebreitet haben sollte. Diese letztere Theorie scheint also immer weniger Wahrscheinlichkeit für sich zu haben. Überhaupt wird einem hier erst bewußt, um was für vergleichsweise junge Völker es sich bei den Tibetern und Nepalesen handelt. Immerhin wird das geschichtliche Geschehen auf dem englischen Wikipedia schon aufgrund einer genetischen Studie aus dem Jahr 2009 genau so dargestellt (Wiki):

Das tibetische Hochland wird seit mindestens 21.000 Jahren von Menschen bewohnt. Diese Bevölkerung wurde um 1.000 v. Ztr. im wesentlichen ersetzt durch Zuwanderer aus dem nördlichen Cina. Aber es gibt zum Teil genetische Kontinuität zwischen den paläolithischen Einwohnern und der gegenwärtigen tibetischen Bevölkerung. 
Humans inhabited the Tibetan Plateau at least 21,000 years ago. This population was largely replaced around 3,000 BP by Neolithic immigrants from northern China, but there is a partial genetic continuity between the Paleolithic inhabitants and contemporary Tibetan populations.

Diese Tatsachen werden also durch die neue Studie präzisierend eingegrenzt, wobei jedoch der Umstand des "Replacement" schärfer hervor tritt.

Weiterhin gilt: Lokale genetische Kontinuität der Chinesen seit der Eiszeit

In einer Grafik der Studie (2) wird noch einmal die große genetische Kontinuität der Han-Chinesen über viele Jahrtausende hinweg verdeutlicht, die uns schon die wichtigste Erkenntnisse vor einem Jahr war (1) (Abb. 2). Hier wird diese dargestellt als blaue Farbkomponente ausgehend von der vorneolithischen Bevölkerung, deren Existenz um 10.000 v. Ztr. im nördlichen Inland von China vorasuszusetzen ist (Abb. 2: "Interior North").

Abb. 2: Die ersten Bauernvölker am Gelben Fluß und am Jangtse-Fluß, ihre genetischen Herkunftsanteile und ihre Nachkommen im heutigen Asien  

Als von dieser herstammend werden nun sowohl die Han-Chinesen ebenso wie die Mongolen ebenso wie die Tibeter ("Nepal") beschrieben. Parallel zu der Vorfahren-Gruppe der Han-Chinesen im inneren nördlichen China hat es nach dieser Grafik eine Küstenbevölkerung gegeben, deren Genetik heute unvermischt nur noch auf den Andamanen-Inseln fortbesteht, und die genetisch lange Zeit auch die Jomon-Kultur in Japan (vor dem dortigen Übergang zum Ackerbau) getragen hat. Von dieser Genetik war auch die Hoabinien-Kultur Vietnams getragen.

Diese Verwandtschaft zwischen Jomon-Kultur und Andamanen war schon seit 2018 durch archäogenetische Studien deutlich geworden (4). Interessanterweise wäre damit jene Völkergruppe, der auch die Andamanen zuzuzählen sind, diejenige, die erstmals in der Weltgeschichte Keramik hervorgebracht hat (5). 

2. Die Japaner stammen von den Südchinesen ab - nicht von den Nordchinesen

/ Ergänzung 5.10.2021: In einer neueren Studie wird die Herkunft der Japaner ganz anders gedeutet (St. gen. 9/2021), deshalb ist dieser Abschnitt in der Hauptaussage (den durchgestrichenen Teilen) nicht mehr gültig. /

Im südlichen Inland-China hat es zeitgleich um 10.000 v. Ztr. eine Bevölkerung gegeben, deren Genetik heute immer noch schwerpunktmäßig in Südchina, in Südostasien, in Taiwan und - - - Japan fortbesteht, die den Übergang zum Reis-Anbau im südlichen China am Jangtse-Fluß getragen hat, und die sich - auch das war uns im Preprint nicht aufgefallen - nach dieser Studie bis nach Japan ausgebreitet hat (2) (Abb. 2). Wie unseren Ausführungen vor einem Jahr zu entnehmen, hatten wir im Preprint zu dieser Frage überhaupt keine Klarheit gewinnen können (1).

Aber nach dieser neuen Grafik (Abb. 2) hieße das, daß die Japaner genetisch mit den nördlichen Han-Chinesen überhaupt keine Herkunft teilen, sondern nur mit den südlichen Reisbauern-Chinesen. Dieser Umstand - sollte er sich bestätigen - erschiene uns hoch bedeutsam. Denn das hieße,  daß es nicht auf eine einzelne Vorfahren-Gruppe ankam dafür, ob in Ostasien ein durchschnittlicher angeborener Intelligenz-Quotient von 105 evoluierte oder nicht. 

/ 5.10.21: Womöglich kommt es also doch auch hier darauf an! /

Und die Frage, wie ein solcher zustande kommt, steht im Hintergrund aller sonstigen Fragen, die hier zu behandeln sind. Auf Wikipedia heißt es dazu im Grunde recht eindeutig (Wiki):

Heutige Japaner sind den (südchinesischen) Yajoi-Reisbauern ähnlicher als den Jomon-Ureinwohnern, allerdings im südlichen Japan stärker als im nördlichen .... 
Modern Japanese are genetically more similar to the Yayoi people than to the Jōmon people - though more so in southern Japan than in the north - whereas the Ainu bear significant resemblance to the Jōmon people. It took time for the Yayoi people and their descendants to displace and intermix with the Jōmon, who continued to exist in northern Honshu until the eighth century CE. A 2017 study on ancient Jōmon aDNA from the Sanganji shell mound in Tōhoku estimated that the modern mainland Japanese inherited less than 20% of Jōmon peoples' genomes, and their genetic admixture resulted of the indigenous Jōmon people, the Yayoi people, and later migrants during and after the Yayoi period. Another study by Gakihari et al. 2019 estimates that modern Japanese people have on average about 92% Yayoi ancestry and cluster closely with other East Asians but are clearly distinct from the Ainu people. The geneflow estimation by Gakuhari et al. suggests only 3,3% Jōmon ancestry in modern Japanese.

Wir sehen, hier gibt es noch sehr unterschiedliche Angaben zu den Herkunftsanteilen. - In der Grafik oben (Abb. 2) wird ja 46 % Jomon- und 54 % Yajoi-Genetik angenommen für die Japaner. - Einig scheinen sich allerdings alle zu sein, daß die Japaner keine Inland-Han-Chinesen-Hirse-Bauern-Herkunft aufzuweisen scheinen. 

Die Frage, die sich aufgrund dieses Umstandes für uns heraus schält, scheint folgendermaßen auf den Punkt gebracht werden zu können: 

Warum ist der heutige durchschnittliche IQ in Vietnam niedriger als in Japan? Aufgrund welcher geschichtlicher Entwicklungen kam es - trotz sehr ähnlicher Reisbauern- und Andamanen-Herkunft und sehr ähnlicher komplex organisierter Gesellschaften - zu einer so unterschiedlichen Evolution von Intelligenz in Nordost- und in Südostasien und damit zu einem großen Unterschied in der heutigen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit der jeweiligen Gesellschaften?  

Dazu ist zu erläutern, daß nach Richard Lynn der durchschnittliche IQ in Südostasien nur 87 beträgt (6). Es wäre sowieso zu berücksichtigen, was uns ebenfalls noch nicht bewußt geworden war bislang, daß das Volk der Japaner ein noch jüngeres Volk ist als das Volk der Tibeter und Nepalesen. Kann man sagen, daß in Ostasien neben den uralten Völkergruppen der Hirse- und Reisbauern-Chinesen einige der jüngsten Völker der Weltgeschichte leben, entstanden durch Abgeschiedenheit, und zwar einerseits im Hochland von Tibet, andererseits auf den japanischen Inseln?

Aber auch hier wäre wieder zu fragen: Warum ist in Tibet nicht ein ähnlicher IQ evoluiert wie in Japan und Korea?

... Und die Koreaner?

Es schließt sich gleich noch eine weitere Frage an. Nämlich die nach den nacheiszeitlichen Herkunftsgruppen der heutigen Koreaner. Auch die Koreaner leben an der Küste. Also auch bei ihnen wird der Andamanen-Herkunftsanteil nicht unbedingt der geringste sein. Außerdem wird auch ihr Herkunftsanteil von Seiten der südchinesischen Reisbauern nicht gering sein. Schließlich erfolgte ja die Ausbreitung derselben nach Japan hinein vornehmlich über die koreanische Halbinsel hinweg. 

Zu den nacheiszeitlichen Herkunftsanteilen der Koreaner gibt es aber noch sehr unterschiedliche Angaben (Wiki - siehe dort "Genetics"). Auch aus dem sehr detaillierten Wikipedia-Artikel dazu (Wiki) gewinnen wir noch kein rundes, abgeschlossenes Bild.

Aber sicher scheint ja doch zusätzlich noch, daß bei den Koreanern der nordostasiatische Ultschen-Anteil fortexistiert, durch den sie sich von den Japanern unterscheiden könnten und durch den sie wiederum den nördlichen Hirse-Bauern-Chinesen näher stehen könnten, vielleicht grob ähnlich der historischen Bevölkerung am Westlichen Liao-Fluß (s. Abb. 2). Es handelt sich dort auch um Mischgebiete, wo sowohl Hirse- wie Reisanbau vorkommt (11).

Aber noch einmal: Da Koreaner, Japaner und Chinesen - im Gegensatz zu sonstigen südostasiatischen und südasiatischen Völkern einen Intelligenz-Quotienten von 105 aufweisen, würde dies bedeuten, daß es nicht in erster Linie auf die jeweiligen Herkunftsanteile ankommt, ob ein solcher evoluiert wird, sondern - nun auf den ersten Blick: vor allem auf den Breitengrad.**)  

Der Andamanen-ähnliche Herkunftsanteil der Chinesen 

Die ersten Bauern am Gelben Fluß haben sich nach dieser Version zu 10 % mit der Andamanen-ähnlichen Bevölkerung an der chinesischen Küste vermischt (der Völkergruppe der Hoabinien-Kultur). Es scheint dieser genetische Anteil gewesen zu sein, der Han-Chinesen bis in historische Zeit hinein von den Mongolen unterschieden hat (in historischer Zeit mischten sich Han-Chinesen in die Mongolen ein, ebenso wie Indogermanen).

Am Yangtse-Fluß haben sich die Reis-Bauern südchinesischer Herkunft sogar zu 27 % mit der Andamanen-ähnlichen Küstenbevölkerung (Hoabinien) vermischt (Abb. 1).

In die neolithische Kultur am Westlichen Liao-Fluß um 3.000 v. Ztr. hatte sich dann schon 33 % südchinesische Genetik - ursprünglich von den Reis-Bauern am Jangtse-Fluß stammend - eingemischt. Diese genetische Komponente findet sich aber zur gleichen Zeit nicht am Oberen Gelben Fluß.

Vom Oberen Gelben Fluß aus haben sich nun nach dieser Version die nördlichen Inland-Bauern Chinas bis nach Nepal ausgebreitet, wobei noch ein kleinerer weiterer Vermischungsanteil der dortigen Andamanen-ähnlichen Vorbevölkerung hinzu gekommen zu sein scheint (6 %). Durch diese 6 % scheinen sich die Tibeter genetisch dann von den Han-Chinesen zu unterscheiden. In der Studie heißt es (2):   

Die Bauern aus dem Tal des Gelben Flusses breiteten um 3.000 v. Ztr. die sino-tibetische Sprachfamilie aus, indem ihre Genetik sich sowohl nach Tibet ausbreitete, wo sie 84 % zur Genetik beitrugen bis zu einigen Völkerschaften auf dem zentralen Hochland, wo ihr Herkunftsanteil zu 59 % bis 84 % zur Genetik beitrug.
Yellow River Basin farmers at ~3000 BCE likely spread Sino-Tibetan languages as their ancestry dispersed both to Tibet where it forms up ~84% to some groups and to the Central Plain where it contributed ~59-84% to Han Chinese.

Über "Taiwan ~1300 BCE to 800 CE" heißt es (2):

Die eisenzeitliche Bevölkerung von Taiwan führt 25% ihrer Herkunft zurück auf eine der Herkunftsgruppe des nördlichen Inland-China sehr ähnlichen Gruppe, wodurch eine zusätzliche Nord-Süd-Ausbreitung nahegelegt wird. 
Ancient Taiwan people derived ~25% ancestry from a northern lineage related to but different from Yellow River farmers implying an additional north-to-south expansion.

3. Die Tocharer waren womöglich (!) die letzten Nachfahren der ersten indogermanischen Zuwanderung nach Asien

Zu der viel erörterten Frage der Herkunft der Tocharer an den Oasenstädten der Seidenstraße heißt es in der Zusammenfassung (2):

Yamnaja-Steppengenetik kam nach 3.000 v. Ztr. in die Westliche Mongolei (die Afanasievo-Kultur), wurde aber später durch zuvor in der Mongolei beheimatete Herkunft ersetzt, während sie im westlichen China fortbestand. So war es zu erwarten, wenn sich mit ihnen die Vorfahren der tocharischen indogermanischen Sprache ausgebreitet haben. Zwei weitere genetische Herkunfts-Zuflüsse betrafen die westliche Mongolei: nach 2000 v. Ztr. kamen Völkerschaften mit Yamnaja- und anatolisch-neolithischer Herkunft (die Andronovo-Kultur), sowie episodische Einflüsse späterer Gruppen mit (iranisch-neolithischer) Turan-Herkunft. 
"Yamnaya Steppe pastoralist ancestry arrived in western Mongolia after ~3000 BCE" (die Afanasievo-Kultur) "but was displaced by previously" (in der Mongolei) "established lineages even while it persisted in western China as expected if it spread the ancestor of Tocharian Indo-European languages. Two later gene flows affected western Mongolia: after ~2000 BCE migrants with Yamnaya and European farmer ancestry" (die Andronovo-Kultur), "and episodic impacts of later groups with ancestry from Turan."

Damit wäre postuliert, daß die Tocharer von der ersten indogermanischen Zuwanderungswelle abstammen. Im Text selbst heißt es zur Frage der Herkunft der Tocharer (2):

Während die Yamnaja/Afanasievo-Genetik in der Mongolei während der Mittleren und Späten Bronzezeit ausstirbt, bestand das Erbe dieser Herkunft im westlichen China bis in der eisenzeitlichen Shirenzigou-Kultur (410-190 v. Ztr.) fort. (...) Dies bestätigt, daß die Afanasievo-Kultur in Xiangjiang fortbestand. (...) Dies gibt jener Theorie zusätzliches Gewicht, die annimmt, daß sich die tocharische Sprache des Tarim-Beckens durch Zuwanderung von Yamnaja-Nachfahren in den Altai und in die Mongolei im Zusammenhang mit der Afanasievo-Zuwanderung ausgebreitet hat, von wo sie sich später nach Xianjiang ausbreitete. Diese Ergebnisse sind bedeutsam für Theorien der indoeuropäischen Sprach-Verzweigung, denn sie stärken die Hinweise zugunsten der Hypothese, daß die Verzweigung des zweitältesten Zweiges des indoeuropäischen Sprachstammbaums sich am Ende des 4. Jahrtausends v. Ztr. ereignete.
While the Yamnaya/Afanasievo-associated lineages are consistent with having largely disappeared in Mongolia by the Middle to Late Bronze Age, we confirm and strengthen previous ancient DNA analysis suggesting that the legacy of this expansion persisted in western China into the time of the Iron Age Shirenzigou culture (410-190 BCE). Considering many of the Shirenzigou individuals singly as well as three of the five genetically homogeneous subclusters, the only parsimonious models derive all their West Eurasian-related ancestry from groups related to Afanasievo, confirming that Afanasievo ancestry without the characteristic European farmer-related mixture that appeared later in Central Asia and Mongolia persisted in Xinjiang. For example, for the two individuals with the most West Eurasian-related ancestry (Xinjiang_EIA_Shirenzigou_1C) all fitting three-way models include Russian Afanasievo (71-77%) (Figure 3, Online Table 25). Moreover, the total ancestry from the two other West Eurasian-related groups that can fit in small proportions in such models is always <9% (Online Table 25). In pre-state societies languages are thought to spread primarily through movements of people, and these results thus adds weight to the theory that the Tocharian languages of the Tarim Basin spread through the migration of Yamnaya descendants to the Altai Mountains and Mongolia (in the guise of the Afanasievo culture), from whence they spread further to Xinjiang. These results are significant for theories of Indo-European language diversification, as they increase the evidence in favour of the hypothesis that the split of the second-oldest branch in the Indo-European language tree occurred at the end of the fourth millennium BCE.

Obwohl wir hier auf dem Blog immer geneigt waren und sind, der Urteilsfähigkeit von David Reich viel zuzusprechen, haben wir das Gefühl, daß in dieser Frage das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Die indogermanische Besiedlung der Oasenstädte der Seidenstraße begann erst nach 2.000 v. Ztr., das wäre eigentlich der Zeitraum, in der sich die zweite Welle indogermanischer Völker nach Nordindien und Asien ausgebreitet hat. 

4. Die heutigen Nordchinesen stammen zu 2 bis 4 % von den europäischen Sogdern ab

Interessant ist auch folgende Angabe (2):

Bei den nördlichen Han-Chinesen finden wie eine Zumischung von 2 bis 4 Prozent westeurasischer (sprich: europäischer) Genetik. Wir vermuten, daß sie im Durchschnitt 32 bis 45 Generationen zurück liegt, womit sich diese überschneidet mit den Zeiten der Tang- (618-907 n. Ztr.) und der Song- (960-1279 n. Ztr.)-Dynastien, aus denen es historische Berichte der Integration westlicher ethnischer Gruppen in die Bevölkerung der Han-Chinesen existieren. 
In northern Han for whom we infer West Eurasian-related admixture of 2-4% (Online Table 7 and Online Table 8). We estimate this mixture occurred on average 32-45 generations ago overlapping the Tang (618-907 CE) and Song (960-1279 BCE) dynasties from which there are historical records of integration of Han Chinese and western ethnic groups.

Zu diesen westlichen, ethnischen Gruppen gehörten insbesondere die Sogder aus Sogdien mit der Hauptstadt Samarkand, die Jahrhunderte lang den Handel auf der Seidenstraße zwischen China und dem Westen dominierten. Mit ihnen haben wir uns hier auf dem Blog vor zwölf bis vierzehn Jahren sehr intensiv beschäftigt (8). Ständig werden aber neue archäologische und kunstgeschichtliche Erkenntnisse über sie gewonnen (12). Dieser Umstand wird auch durch eine humangenetische Studie zum historisch so bedeutenden Hexi-Korridor in Nordwest-China bestätigt, die am 1. März 2021 erschien (13):

Interessanterweise identifizierten wir ein westeurasisches Einmischungs-Signal, das in den nordwestlichen Han zu finden ist aber nicht in den südlichen Han, und das einen Vermischungszeitpunkt von etwa 1.000 n. Ztr. aufweist (Tang- und Song-Dynastien). 
Interestingly, we identified one western Eurasian admixture signature that was present in northwestern Han but absent from southern Han, with an admixture time dated to approximately 1000 CE (Tang and Song dynasties).

5. Der Voll-Ackerbau entstand auch in Ostasien offenbar zuerst in Inland-Regionen, nicht an der Küste

Zwei Autoren der Studie führen zusammenfassend über die eiszeitliche Entwicklung der ostasiatischen Völkergruppen gemäß den Ergebnissen dieser Studie aus (9):

Die Studie stützt die These, daß es im Jungpleistozän Wanderungsbewegungen entlang einer Küstenroute gab, die Südostasien, das japanische Archipel und den äußersten Osten von Rußland verband. Das 40.000 Jahre alte, aus dem Jungpaläolithikum stammende Genom aus Tianyuan in China und die aus dem frühen Holozän stammenden Genome aus der Mongolei und dem Amur-Gebiet gehören hingegen einer anderen Abstammungslinie an, die sich früh abgespalten und über eine Route im Landesinneren verbreitet hat.

Da darf ja nun gefragt werden, warum die Entwicklung von Ackerbau auch in Ostasien vornehmlich von Inland-Bevölkerungen entwickelt und getragen worden ist - ähnlich wie im Fruchtbaren Halbmond und wie an der Mittleren Wolga und warum ursprüngliche Küstenbevölkerungen an dieser Entwicklung weniger Anteil scheinen genommen zu haben. 

Wenn man von der These ausgeht "Desparate times forced rice of farming", also daß Notzeiten die Entwicklung der Ackerbaus vorangetrieben haben (10), dann könnte man mutmaßen, daß das Meer für eine zu gleichmäßige Versorgung mit Nahrungsmitteln sorgt als daß Menschen hier für sich genommen durch anhaltende Notzeiten veranlaßt würden, die Zivilisation der Menschheit weiter zu entwickeln.

Allerdings gilt weiterhin: Zwei so große Ausbreitungs- und Replacement-Vorgänge wie am Anfang und am Ende des Neolithikums in der euorpäischen Geschichte sind in der asiatischen Geschichte nicht anzutreffen. Die etwas kleinräumigeren Ausbreitungsbewegungen von Hirsebauern nach Tibet und von Reisbauern nach Japan fallen vor allem in Zeiträume nach der Eiszeit.

Ergänzung: .... Und die Inder

Abb. 3: Verwandtschaftsverhältnisse der Herkunftsgruppen der Indus-Kultur (aus: 14)

Ergänzung 10.3.2021: Die Andamanen-Herkunft findet sich sogar bei der Entstehung der Indus-Kultur, auch Harappa-Kultur genannt (2.800-1.900 v. Ztr.) (Wiki, engl), der ersten Bauernkultur Nordindiens (14) (s. Abb. 3: rote Herkunftsgruppe). Auch die südindische Herkunftsgruppe ist dieser Herkunftsgruppe zuzuordnen (Abb. 3).

Interessanterweise entstand die Indus-Kultur ansonsten aus iranischen Jägern und Sammlern, die sich schon fast 100.000 Jahre früher von jenen Verwandten abgetrennt hatten, die im Westiran als Teil des Fruchtbaren Halbmonds zum Ackerbau übergegangen waren (s. Abb. 3). Die bislang erforschten frühesten Träger der Harappa-Kultur trugen somit 87 % ostiranische Herkunft in sich und 13 % Andamanen-Herkunft.

Es wird immer deutlicher, daß wir vor dem Neolithikum weit verbreitete Herkunftsgruppen haben, zumal in Asien, und daß es deshalb auch genetische regionale Unterschiede innerhalb dieser Herkunftsgruppen gegeben haben könnte. Womöglich werden wir darüber in den nächsten Jahren noch mehr erfahren. 

Ergänzung 12.12.2024: Soeben ist ein neuer Überblick zur Archäogenetik Ostasiens erschienen (AEBennettetal2024). Es wäre noch einmal zu prüfen, ob wichtigere Erkenntnisse, die wir hier auf dem Blog zur Archäogenetik Ostasiens behandelt haben, zu revidieren wären. In einem ersten Querlesen war uns das nicht erkennbar.  

___________

*) Es heißt darin (2):

We newly report data from 166 individuals (Figure 1, Online Table 1): from Mongolia 82 between ~5700 BCE to ~1400 CE, from China 11 at a ~3000 BCE site in the Yellow River Basin, from Japan 7 Jomon hunter-gatherers dating to ~2500-800 BCE, from the Russian Far East 18 individuals at the Boisman-2 cemetery at ~5400-3600 BCE as well as an individual at ~900 BCE and another at ~1100 CE, and from two sites in Taiwan 46 individuals spanning ~1300 BCE - 800 CE (Online Table 1).  

**) In diesem Zusammenhang schwant uns, daß hier das Thema Monogamie ins Spiel kommen könnte. Die südostasiatischen Gesellschaften wiesen schon zu Zeiten von Marco Polo einen ganz anderen Umgang auf mit dieser Thematik auf als die nordostasiatischen Gesellschaften. Aus Thailand werden die höchsten Raten ehelicher Untreue weltweit berichtet (7). Für andere südostasiatische Länder liegen keine Angaben vor. (Zwar wird Thailand gleich gefolgt von heutigen europäischen Ländern. Aber in diesen sind das erst sehr junge Entwicklungen, während das in Thailand, Indonesien und Südostasien vielleicht eher in der traditionellen Kultur verankert ist. 

________________

  1. Bading, Ingo: Die Ethnogenese des chinesischen Volkes. 27.3.2020, Studium generale: Die Ethnogenese des chinesischen Volkes (studgendeutsch.blogspot.com)
  2. Wang, C-C. et al (Reich, David): Genomic Insights into the Formation of Human Populations in East Asia. Nature, Veröffentlicht 22.2.2021, https://doi.org/10.1038/s41586-021-03336-2 (2021),  https://reich.hms.harvard.edu/sites/reich.hms.harvard.edu/files/inline-files/2021_Wang_Nature_EastAsia.pdf
  3. Bading, Ingo: Studium generale: KEINE ungebrochene genetische Kontinuität in Ostasien von der Eiszeit ins Neolithikum (studgendeutsch.blogspot.com), Juli 2020
  4. Bading, Ingo: Studium generale - Kurzbeiträge: Die Ur-Japaner und die Andamesen (ibading.blogspot.com), 2018
  5. Bading, Ingo: Studium generale - Kurzbeiträge: Erfindung der Keramik in Japan, 14.000 v. Ztr. (ibading.blogspot.com), 2018 
  6. Malloy, Jason: Gene Expression: A World of Difference: Richard Lynn Maps World Intelligence (gnxp.com), 2006
  7. It’s official: Thailand fails the most at monogamy (coconuts.co), 2015
  8. Studium generale: Sogder (studgendeutsch.blogspot.com), 2007 bis 2009
  9. Pinhasi, Ron; Frey, Alexandra: Neue genomische Einblicke in die menschliche Entwicklungsgeschichte in Ostasien (univie.ac.at), 22.2.2021
  10. Bunney, Sarah: Desperate times forced rise of farming | New Scientist, 1994
  11. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Spatial_distribution_of_rice,_millet_and_mixed_farming_sites_with_a_boundary_of_rice_and_millet_and_possible_centers_of_agriculture.png
  12. Shing Müller (München): Sogdier in China um 600 n. Chr. - Archäologische Zeugnisse eines Lebens zwischen Assimilation und Identitätsbewahrung, noag2008-7.pdf (uni-hamburg.de)
  13. Yao, H., Wang, M., Zou, X. et al. New insights into the fine-scale history of western–eastern admixture of the northwestern Chinese population in the Hexi Corridor via genome-wide genetic legacy. Mol Genet Genomics (2021). https://doi.org/10.1007/s00438-021-01767-0, Published 01 March 2021
  14. An Ancient Harappan Genome Lacks Ancestry from Steppe Pastoralists or Iranian Farmers - ScienceDirect, By Vasant Shinde, Vagheesh M. Narasimhan .... David Reich, Volume 179, Issue 3, 17 October 2019, Pages 729-735.e10, https://doi.org/10.1016/j.cell.2019.08.048
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