Posts mit dem Label commitment werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label commitment werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 1. Januar 2009

Die Kernfrage dieses Blogs

Altruismus kann evoluieren, wenn die Hamilton-Ungleichung r > K/N eingehalten wird, das heißt, wenn die Kosten K einer altruistischen Handlung (für den Altruisten) geteilt durch den Nutzen N einer altruistischen Handlung (für den Nutznießer) kleiner sind als der genetische Verwandtschaftsgrad, der zwischen Altruist und Nutznießer besteht.

Abb. 1: William D. Hamilton
Diese Ungleichung ist seit 1964 bekannt (William D. Hamilton). Merkwürdigerweise ist in der Forschung noch nicht untersucht worden, wie sich Arbeitsteilung im Sinne von Adam Smith auf die Gesetzmäßigkeiten dieser Altruismus-Evolution auswirkt. Arbeitsteilung verringert ja die Kosten einer altruistischen Handlung und erhöht ihren Nutzen, also sollte sie ein Sinken des genetischen Verwandtschaftsgrades zwischen Altruist und Nutznießer ermöglichen.

Bevor zur Erklärung von Altruismus in arbeitsteiligen Gesellschaften (menschlichen, tierlichen oder in mehrzelligen Organismen überhaupt) das Prinzip "reiner" Gruppenselektion ("Superorganismus") herangezogen wird, wie das derzeit immer üblicher wird in der Forschung, sollte überprüft werden, inwieweit arbeitsteilige Gliederung den evolutiv älteren Verwandten-Altruismus auch in arbeitsteiligen Systemen noch in Geltung läßt, bzw. "überlagert".

Wenn nämlich die heutige Altruismusforschung nach den Prinzipien fragt, nach denen menschlicher (oder tierlicher) Altruismus evoluiert ist, dann betont sie neben dem Verwandten-Altruismus immer stärker die Gruppenselektion. Etwa W.O.H. Hughes und Samuel Bowles in "Science" oder Edward O. Wilson, David Sloan Wilson und Bert Hölldobler in "PNAS" und an anderen Orten (im Zusammenhang mit ihrer "Superorganismus-Theorie").

Das Prinzip Arbeitsteilung ist dabei nirgends wirklich in den Fokus der Altruismus-Forscher getreten, auch nicht jener, die an einer "Evolutionären Wirtschaftswissenschaft" arbeiten. In vielen Arbeiten wird das Prinzip Arbeitsteilung behandelt. Aber nirgends deutlicher in Bezug gesetzt zur Hamilton-Ungleichung, aus deren Gesetzmäßigkeiten sie, die Arbeitsteilung, ja in allen Bereichen, in denen sie auftritt, ganz zwangsläufig hervorgehen muß.

Vielleicht deshalb, weil sich die Forscher nicht klar machen, daß arbeitsteilige Spezialisierung und das Handeln als beruflicher Spezialist an sich ein altruistisches Handeln ist, eine Übernahme von Verantwortung, von "commitment". Auch das altruistische Handeln in beruflichen Zusammenhängen muß man ja in die Theoriebildung einfügen können, wo es doch so allseits vorherrschend ist in arbeitsteiligen Gesellschaften und in unserer persönlichen Berufserfahrung.

Es kann und sollte also postuliert werden, daß im Übergang vom Prinzip des Verwandten-Altruismus zum Prinzip der Gruppenselektion noch ein wesentliches, drittes Prinzip berücksichtigt werden muß: die Arbeitsteilung.

In diesen Bereichen theoretischer Weiterentwicklung und emprischer Überprüfung anhand des reichen Tatsachenmaterials, das sich etwa in der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Menschheit findet, sollen sich künftig immer stärker fokussiert die Beiträge dieses Blogs bewegen, der vor zwei Jahren einmal als ein sehr allgemeiner Wissenschafts-Blog mit bunt gemischten Themen begonnen hat.

Um aber in diesem Blog nicht weiterhin die grundlegenderen Beiträge ("Research Blogging") zwischen sonstigen Kurzbeiträgen untergehen zu lassen, werden letztere seit Herbst 2008 in einen zweiten Blog ausgegliedert: "Studium generale - Allgemeinere Beiträge".

Sonntag, 7. September 2008

Das "Gefühl persönlicher Verantwortung"

Und wie es derzeit in der Hirnforschung erforscht wird

Was sagt die Wissenschaft über die evolutionäre Herkunft des menschlichen Verantwortungsgefühls?

Ein Weg, sich an die seelische Haltung der Verantwortlichkeit anzunähern, kann sein, sich zunächst an Bereiche zu erinnern, in denen es keinen Sinn macht, sich verantwortlich zu fühlen. 

Abb. 1: In Bildnissen bedeutender Herrschern ist das Gefühl für Verantwortlichkeit und damit einhergehende Würde oft besonders deutlich verkörpert - Hier Andreas Schlüter's Reiterstandbild vom Großen Kurfürsten (1700) (Wiki)

Manfred Eigen und Ruthild Winkler schreiben in "Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall" [1]:

"Der Zufall hat im Reiche des Spiels einen besonderen Namen." 

Nämlich:

"Wir bezeichnen ihn als Glück, wenn er uns gewogen ist, und als Pech, wenn er uns nur Nachteile bringt. Damit befreien wir ihn aus seiner ursprünglichen Beziehungslosigkeit." 

Hier wäre also von einem Geschehen die Rede, auf das der einzelne durch eigenes Handeln oder Nichthandeln - auch bei sorgfältigster Überprüfung - keinen Einfluß hat.

Wenn durch eigenes Handeln jedoch auf den Ausgang eines Geschehens Einfluß genommen werden kann, dann erleben wir den negativen Ausgang eines solchen Geschehens nicht nur als (willkürliches) "Pech" und Enttäuschung. Und wir erleben den positiven Ausgang eines solchen Geschehens nicht nur als (willkürliches) "Glück" und Erfolgserlebnis. Vielmehr tritt zu der Enttäuschung die Reue dazu: "Hättest du es doch anders gemacht!" Und zu dem Erfolgserlebnis tritt die Bekräftigung und Bestätigung hinzu: "Jawohl, so muß man es machen! Gut gemacht!" In beiden Fällen "lernen" wir durch das, was geschehen ist, über eine positive oder negative Rückkoppelung, durch an- oder abdressierende psychische "Konditionierungen" ("conditioning by reinforcement"). Diese Art des Lernens hat stammesgeschichtlich im Tierreich eine lange Vergangenheit [2].

Wenn die Ursachen des Mißerfolges nicht sofort sichtbar sind, kann der Mißerfolg und das Bedauern, sowie die Reue über diesen Mißerfolg auch zu umfangreichen Forschungen nach den Ursachen dieses Mißerfolges führen.

Verantwortung und die Möglichkeit des Mißlingens

Die Unterscheidung zwischen bloßer Enttäuschung (engl. "disappointment") und Reue (Wiki) (englisch "regret" oder "remorse") spielt in der psychologischen Forschung derzeit eine Rolle (Wissenschaft.de, 2004) [3]. Die Reue "hängt mit dem Gefühl persönlicher Verantwortung zusammen". Denn erst die Möglichkeit des Mißlingens eines Vorhabens aufgrund eigener Fehlentscheidungen schafft ja diese.

Verantwortung (Wiki) und die Möglichkeit des Mißlingens hängen also miteinander zusammen. Man übernimmt die "Verantwortung" - sich selbst oder anderen gegenüber - dafür, daß etwas gelingt, und dafür, daß Mißlingen - soweit als möglich - verhindert wird. Und das ist um so eher möglich, um so besser man sich mit einer Sache auskennt, um so besser man vorbereitet ist auf eine Sache, um besser die Ausbildung ist, die man genossen hat, und die zur Bewältigung der jeweiligen Aufgabe befähigt. Oder auch um so mehr Lebenserfahrung man besitzt.

Mit den Fähigkeiten steigt die Verantwortung.

Angelegenheit des erwachsenen Menschen

Die Volljährigkeit bringt dementsprechend im Rechtsleben erhöhte Verantwortung mit sich. Verantwortung zu übernehmen, ist also Angelegenheit des erwachsenen Menschen. Wenn junge Menschen große Verantwortung übernehmen, erscheint das als auffällig.

Einige Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, unter anderem mit Soziopathie oder einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, sind nicht oder kaum zur Reue fähig.

Und damit sind sie offenbar auch nicht dazu fähig, sich verantwortlich fühlen zu können für das eigene Verhalten, heißt es auf dem deutschen Wikipedia und auf dem englischen:

Remorse (also called compunction) is an emotional expression of personal regret - that is, the emotion felt by the injurer after he or she has injured. Remorse is closely allied to guilt and self directed resentment (e.g. - The boy felt much remorse after hitting the old lady. The idea of remorse is used in restorative justice). One incapable of feeling remorse is often labelled a sociopath (US) or psychopath (UK).

Die Unfähigkeit, Reue und damit Verantwortung zu empfinden

Diese Fähigkeiten zur Reue und damit zur Verantwortung nun sind im menschlichen Stirnhirn lokalisiert:

Patienten mit Schädigungen des orbitofrontalen Cortex empfinden kein Bedauern und können daher aus den negativen Konsequenzen ihrer Handlungen nicht lernen, fanden Nathalie Camille und ihrer Kollegen am Institut für Kognitionswissenschaften in Bron (Frankreich) mit einem Glücksspielexperiment heraus. Während des Experiments berichteten nur die gesunden Probanden darüber, Bedauern zu empfinden, wenn sie ihre Spielentscheidungen Geld kosteten. Dadurch gelang es ihnen, im Lauf des Experiments eine gewinnbringende Strategie zu entwickeln, während die hirngeschädigten Patienten am Ende Verluste erzielt hatten.

Der orbitofrontale Cortex scheint eine wichtige Rolle beim Empfinden von Verantwortung für die eigenen Handlungen zu spielen, schließen die Wissenschaftler aus den Ergebnissen. Dies sei nicht nur bei persönlichen, sondern auch bei einer Vielzahl von sozialen Entscheidungen von Bedeutung.

Auch bei Jugendlichen, die besonders vielen Gewaltvideos und Computerspielen ausgesetzt waren, sind Bereiche des Stirnhirns, die für Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle zuständig sind, auffallend weniger durchblutet (Wissenschaft.de, 2005):

Eine derart verringerte Stirnhirnaktivität wird mit Aufmerksamkeitsproblemen, geringer Selbstkontrolle und gestörter Entscheidungsfindung in Zusammenhang gebracht.

Auswirkungen auf die Stabilität von Gesellschaften?

Es gibt also Möglichkeiten, die Fähigkeit zur menschlichen Freiheit (siehe St. gen.) so weit auszuschöpfen, daß darunter die Fähigkeit zur menschlichen Verantwortungsübernahme leidet. Dies wird in diffiziler und abgestufter Weise auch für andere Gebiete gelten als nur für die emotional-brutale Medienbeeinflussung. Wobei dennoch berücksichtigt sein soll, daß schon in der Antike mediale Beeinflussung - in Form von Besuchen der Theater und Zirkusse - als besonders schädlich für die Moral der Menschen erkannt worden ist.

Könnte es sein, daß menschliche, arbeitsteilige Gesellschaften nur dann dauerhaft stabil bleiben, wenn ein höherer Prozentsatz ihrer Angehörigen die Fähigkeit zum Fühlen von Verantwortung nicht nur nicht "degenerieren" läßt, sondern weiterentwickelt? Aufgrund welcher bewußter oder halbbewußter verhaltenspsychologischer, evolutionspsychologischer Mechanismen und Motivationen könnte die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme, zum Fühlen von Verantwortung nun aber wachsen? Und zwar ohne daß diese Mechanismen in Widerspruch geraten zu den Gesetzen der genetischen Fitneß-Maximierung wie sie in der Soziobiologie und Evolutionären Anthropologie erforscht werden [s. z.B. 6]?

Die Übernahme von Verantwortung wird in komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften - zum Beispiel - ermöglicht, bzw. erleichtert, durch eine langjährige Berufsausbildung. Und das dürfte auch schon für die ersten arbeitsteiligen Gesellschaften in der Menschheitsgeschichte vor zehn- bis zwölftausend Jahren gelten.

Gerade in frühen arbeitsteilig gegliederten Gesellschaften wurde die ungewohnte emotionale Destabilisierung des einzelnen aufgrund der beruflichen Spezialisierung oft durch umfangreiche religiöse Rituale aufgefangen. Es sei in diesem Zusammenhang etwa erinnert an die "Moieties" bei den amerikanischen Pueblo-Indianern, also an Vorstufen von beruflichen "Gilden" und "Zünften", "Maurerbünden" etc. pp.. Die "aufreibende" Arbeit, der "Streß" in der Ausbildung und in der Ausübung des Berufes, die ja zwangsläufig mit einer gewissen äußeren Absonderung von der übrigen Gesellschaft verbunden sind (das ist ja eben das Wesen von "Spezialisierung"), können dazu führen, daß derjenige oder diejenige, die derartige berufliche Verantwortung übernehmen, diese Verantwortung (nur) auf Kosten der eigenen direkten Fitneß, also auf Kosten eigener Fortpflanzungsmöglichkeiten, Kinder übernehmen (können). In der heutigen Zeit ist dies ja offensichtlich ein ganz häufiges Geschehen.

Berufliche Spezialisierung auf Kosten eigener Nachkommen?

Aber wir wissen es auch von vielen kulturschöpfenden und -tragenden Menschen in den letzten 2000 Jahren, die besondere Verantwortung für ihre Gesellschaft übernommen haben, daß sie oft weniger eigene Kinder hatten, als die Durchschnittsbevölkerung. Denken wir an Kinderlose - oder doch zumindest Kinderarme - schöpferische Menschen wie Michelangelo, Friedrich der Große, Lessing, Kant, Beethoven, Hölderlin, Schubert oder Brahms. Die Aufzählung könnte wohl noch lange fortgesetzt werden und beschränkt sich sicherlich nicht nur auf die aller oberste Spitze derjenigen, die für das "Human Accomplishment", für die höchsten kulturellen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte [4] verantwortlich gewesen sind. Die Frage, ob die Menschen, die kulturelle Höchstleistungen in der Geschichte hervorgebracht haben, insgesamt durchschnittliche Nachkommenzahlen hatten oder nicht, ist nach Kenntnis des Autors dieser Zeilen noch nicht auf breiter Grundlage untersucht worden.

Aber denken wir auch daran, daß überhaupt die westeuropäischen Gesellschaften des Mittelalters und der Neuzeit im Gegensatz zu den osteuropäischen Gesellschaften und mehr noch im Gegensatz zu den ostasiatischen Gesellschaften durch einen hohen Anteil Nichtverheirateter und sehr spät Heiratender gekennzeichnet sind. Dies kann sich sowohl auf stärker spezialisierte Handwerkerberufe erstrecken (in den städtischen Siedlungen), wie auch auf weniger spezialisierte Kleinhäusler- und Tagelöhner-Schichten (in den ländlichen Siedlungen).

In jedem Fall: Sollte es in einer bestimmten Gesellschaft und unter bestimmten Zeitumständen Verhaltens- und Intelligenz-Gene geben, die besonders dazu veranlassen oder es erleichtern, Verantwortung zu übernehmen und kulturelle, wirtschaftliche oder politische Leistungen zu erbringen (nicht nur Höchstleistungen, sondern auch Durchschnittsleistungen), die die Fähigkeit mit sich bringen, "to delay gratification", wie es in der Forschung vielerorts heißt [bspw. 5], dann müßte weiterhin noch geklärt werden, aufgrund welcher evolutiver Zusammenhänge dafür gesorgt ist, daß nicht gerade diese Verhaltensgene im Laufe der Generationen in ihrer Häufigkeit in der Population abnehmen in arbeitsteiligen Gesellschaften, in denen Menschen zu derartiger Verantwortungsübernahme ja sogar auf Kosten der eigenen, direkten Fitneß bereit sind oder sein können.

Klöster und hohe Nichtverheirateten-Rate

Im europäischen Mittelalter gehörte dazu zum Beispiel sehr weitgehend die gesamte intellektuelle Elite in den Klöstern. Daß also die westeuropäischen Gesellschaften trotz dieser vermutlich immensen "Selektion gegen höhere Intelligenz" im Mittelalter durch die Klöster und in Form von kinderlosen Priestern in der Neuzeit dennoch so hohe kulturelle und wirtschaftliche Erfolge aufzuweisen hatten und haben, bleibt aus evolutionspsychologischer Sicht sicherlich weiterhin erklärungsbedürftig. (Die Überlegungen des Historikers Gregory Clark wird man dabei durchaus in Rechnung stellen können. Aber vermutlich werden sie sich als noch nicht ausreichend, bzw. tlw. fehlerhaft erweisen.)

All das sind Fragestellungen, denen in künftigen Beiträgen weiter nachgegangen werden soll. (Aber dabei soll noch wesentlich grundlegender angesetzt werden, als bei dem Ansatz des Historikers Gregory Clark. - Und um zurück zum Ausgangspunkt zu kommen: Der Begriff Reue hat übrigens auch deutlich religiöse Bezüge, denen man nachgehen könnte im Rahmen der sich derzeit rasch weiter entwickelnden "Religionsbiologie".)


ResearchBlogging.org
__________________________________________


  1. Eigen, Manfred; Winkler, Ruthild (1975): Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall. Piper, München, Zürich (9. Aufl.) 1990, S. 22
  2. Lorenz, Konrad (1973): Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1977
  3. N. Camille (2004). The Involvement of the Orbitofrontal Cortex in the Experience of Regret Science, 304 (5674), 1167-1170 DOI: 10.1126/science.1094550
  4. Murray, Charles (2003): Human Accomplishment. The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. to 1950. Harper Collins.
  5. V REYESGARCIA, R GODOY, T HUANCA, W LEONARD, T MCDADE, S TANNER, V VADEZ (2007). The origins of monetary income inequality☆Patience, human capital, and division of labor Evolution and Human Behavior, 28 (1), 37-47 DOI: 10.1016/j.evolhumbehav.2006.07.001
  6. Voland, Eckart: Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. 4. Auflage. Springer, Berlin 2013

Samstag, 6. September 2008

Freiheit und Verantwortlichkeit

- der Kommunitarismus,
ein geeigneter Interpretationsrahmen für ein modernes, naturalistisches Menschenbild?


Es wächst das Unbehagen an einem Zusammenleben, in dem jeder seinen Vorteil ohne Rücksicht auf die anderen zu suchen scheint. Ich-Überschätzung bringt Ehen in Gefahr und läßt Familienbande brüchig werden.

Heide Simonis, SPD-Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, fordert eine „Bürgergesellschaft gegen sozialen Zerfall“, die grüne Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer eine „zweite Umweltbewegung: den Wiederaufbau der sozialen Umwelt“.

Wie können Moral und gemeinschaftliche Werte stärker in einer Gesellschaft verankert werden?

„Mit bloßem Individualismus vernichtet der Individualismus sich selbst“, konstatiert Werner Peters, Begründer der Kölner Kommunitaristen.
So lauten Passagen einer Titelgeschichte des "Focus" zu dem Thema "Kommunitarismus". Sie ist schon elf Jahre alt und stammt von Frank Gerbert (17. März 1997, siehe auch Abbildung). In der Presse taucht der Gedanke des Kommunitarismus (Wikipedia) immer wieder einmal auf, er besitzt aber nicht wirklich "Popularität". Anlaß für den Titel der genannten "Focus"-Ausgabe war damals eine Münchener Podiumsdiskussion unter dem Titel "Vereint im Egoismus? Was unsere Gesellschaft noch zusammenhält".

Man glaubt dem Bericht anzumerken, daß er schon über zehn Jahre alt ist und daß sich die Weltkugel und das gesellschaftliche Bewußtsein schon wieder - relativ schnell - um einiges "weitergedreht" haben. Könnte man sich eine Titelgeschichte präzise in diesem Tonfall heute noch vorstellen? Dafür wird anstelle dessen heute in solchen Zusammenhängen vielleicht mehr von Religion geredet und gedacht als damals. Und es ist sicherlich richtig, diese beiden Bereiche verstärkt zusammen zu sehen. Das Thema "Kommunitarismus", "Gemeinschaftlichkeit" des Menschen, Gemeinschaftsbezug, Verantwortlichkeit, das auch im naturalistischen Menschenbild durch die Wiederbelebung des Theorems von der Gruppenselektion vermehrt an Aktualität gewinnt (siehe zuletzt: Natur des Glaubens), veranlaßt zu einigen grundlegenderen Erörterungen. (Diese Erörterungen fassen übrigens vieles zusammen, was auf diesem Blog in den letzten eineinhalb Jahren verstreut an verschiedenen Stellen und in unterschiedlichen Zusammenhängen diskutiert worden ist. Sie bringen so ungefähr eine Annäherung an die tiefere "Philosophie" dieses Blogs.)

Freiheit


Freiheit
ist ein Phänomen, das von naturalistischen Denkern gegenwärtig - merkwürdigerweise - nicht besonders stark betont und hervorgehoben wird in der Deutung des (naturalistischen) Menschenbildes. Und doch ist Freiheit eines der auffälligsten Phänomene, Prinzipien in der Natur. In der Natur drückt es sich grundsätzlich aus als das "Prinzip Zufall", dem das Prinzip Gesetzmäßigkeit, Regelhaftigkeit, Naturgesetz gegenübersteht. Manfred Eigen hat in seinem wertvollen Buch "Das Spiel" (sinngemäß) formuliert: "Das Leben ist ein Spiel, in dem nichts festliegt außer den Regeln." Und diese Erkenntnis hatte schon Friedrich Schiller 200 Jahre zuvor vorweggenommen, als er sagte: "Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt." Und dieses "Spiel" ist natürlich der Ausdruck einer äußeren oder inneren Freiheit, von Freiheitsräumen, von vielfältigen innerpsychischen und äußeren Möglichkeiten, denen sich der Mensch bewußt ist oder die er sich bewußt machen kann.

Verantwortlichkeit

Während nun auf der einen Seite das Phänomen Freiheit nicht besonders stark betont und hervorgehoben wird gegenwärtig von naturalistisch Denkenden (was noch vielfältige Erörterungen veranlassen könnte *) ), wird auf der anderen Seite aber auffälligerweise auch das Prinzip Verantwortlichkeit nicht besonders hervorgehoben im naturalistischen Denken der Gegenwart. Und dies ist nun ein vielleicht noch auffälligerer Befund. (Sehr wichtige Ausnahme: Amazon.) Meistens wird stattdessen lieber der allgemeiner gehaltene Begriff "Altruismus" benutzt. Diesen Begriff läßt man sich inzwischen vielleicht doch ganz gerne gefallen (nachdem er zuerst durch den Buchtitel "Das egoistische Gen" popularisiert worden war vor 18 Jahren [!]), weil er für unser menschliches Selbstbild nicht besonders deutlichen Aufforderungscharakter hat. Denn "altruistisch", "sozial", "kooperativ", nunja, das kann ja jeder irgendwo, irgendwann, irgendwie einmal sein (zumal, wenn ihm noch genügend Spielraum zum Ausleben von Egoismus übrig bleibt). Über seine Person an sich muß das aber dann noch überhaupt nicht besonders viel aussagen. (Wie das übrigens alle wissen, die längere Zeit - etwa - in Dienstleistungs-Berufen tätig waren: Äußere "Beflissenheit" und "Kooperationsbereitschaft" sagen meistens so gut wie gar nichts aus über den eigentlichen, "inneren", wirklich "menschlichen" Gehalt eines - - - sogenannten "Kollegen" oder überhaupt der sozialen Beziehungen in typischen "aalglatten" Dienstleistungs-Gesellschaften.)

Freiheit in Würde

Wenn also dieser menschliche Altruismus nicht in deutlichem Zusammenhang gesehen wird mit der menschlichen Fähigkeit zu allseits vorherrschenden gesellschaftlichen und sozialen "Pathologien", Fehlentwicklungen, (hedonistischen oder asketischen) Selbsttäuschungen, die ja ebenfalls als Ausdruck dieser großen Freiheitsgrade im menschlichen Verhalten gedeutet werden können, dann bekommt man auch nicht den Blick frei darauf, daß der Mensch, seitdem er Mensch geworden ist und diese großen Freiheitsgrade im Verhalten besitzt und immer weitere hinzugewonnen hat, immer schon auch mehr oder weniger deutlich in der "Verantwortung" stand und steht, nämlich, diese große Freiheit, die er leben kann, nun auch in "Würde" zu leben.

Deutet man das menschliche Selbstbild so, dann wird "Altruismus" nicht mit der lächerlichen "Jeden Tag eine gute Tat"-Einstellung verwechselt. Dann wird deutlich, daß Altruismus selbst in seiner Gesamtheit und in der inidividuellen Art der Verwurzelung in der Persönlichkeit über den Wert und die Würde im menschlichen Bereich entscheidet. So also würde stärker der Aufforderungscharakter deutlich, der in der Tatsache an sich, daß der Mensch Verantwortungsbewußtsein besitzt, liegen könnte.

Wenn man aber über diese Zusammenhänge nachdenkt, dann könnte einem bewußt werden, daß zwischen Freiheit und Verantwortlichkeit tatsächlich ein innerer Zusammenhang besteht (- auch von der evolutiven ultimaten Fitneßebene her gesehen). Und daß möglicherweise über beide nicht mehr sehr häufig unter naturalistisch Denkenden gesprochen wird, weil der tiefe innere Zusammenhang zwischen diesen beiden Prinzipien nicht mehr so stark empfunden wird. Es könnte das ja auch eine Empfindung sein, die den Menschen nicht nur bürgerschaftlich stolz und selbstbewußt, sondern zugleich auch "schmerzensreich" machen könnte, zumal unter Verhältnissen einer sehr egoistischen Gesellschaft. (Und das Hauptbestreben der heutigen Menschen ist es ja, möglichst "schmerzfrei" leben.)

Denn tatsächlich ist es ja so: Wenn man dem Menschen ein großes Maß an selbstverantworteten Freiheitsgraden zuspricht in seinem eigenen Verhalten (hier immer vom Menschenbild her gesehen, nicht nur von einer Verfassungsordnung her), dann muß als Gegenkraft in der menschlichen Psyche um der Freiheit willen, um Freiheit in "Würde" leben zu können, auch ein solches Prinzip wie Verantwortlichkeit lebendig sein, bzw. es sollte günstigstenfalls lebendig erhalten werden. Und das wird auf gesellschaftlicher Ebene ebenso gelten wie auf familiärer und individueller.

Die Gesellschafts-Philosophie des "Kommunitarismus"

Wir sehen weltweit und historisch eine sehr große Vielfalt von Gesellschafts- und Kulturpsychologien verwirklicht, von Mentalitäten und Verhaltenstendenzen in Bezug auf diese beiden Möglichkeiten in der menschlichen Psyche, in Bezug auf Freiheit und Verantwortlichkeit. Ganz grob spricht man von individualistischen Gesellschaften und gesellschaftlichen Verhaltenstendenzen und von kollektivistischen Gesellschaften und gesellschaftlichen Verhaltenstendenzen. Und in diesem Zusammenhang werden die traditionellen gesellschaftlichen Verhaltenstendenzen in Ostasien häufig als "kollektivistisch" interpretiert und die heute in westlichen Gesellschaften vorherrschenden als "individualistisch". Auf politischem oder wirtschaftlichem Gebiet spricht man von dem außer Rand und Band geratenen (also "verantwortungslosen" [... ?!]) Neoliberalismus.**)

Dieser Beitrag hat vor allem das Ziel, auf diese Dinge hinzuweisen und vor allem auch auf die Gesellschafts-Philosophie des "Kommunitarismus" (Wikipedia), die aus der Anerkennung und Hochwertung der Werte der liberalen Gesellschaft heraus (so kann man es zumindest verstehen) versucht, die Gesellschaft insgesamt und den einzelnen Bürger zu mehr gesellschaftlichem und sozialem Verantwortungsbewußtsein, Engagement und zu größerem gesellschaftlichen Zusammenhalt aufzufordern.

Der "Kommunitarismus" ist weitgehend unabhängig vom naturalistischen Weltbild entstanden und formuliert worden. Er könnte aber als geeignet angesehen werden, das naturalistische Weltbild und die Weiterentwicklungen in der Theoretischen Biologie um die beiden Prinzipien Freiheit und Verantwortlichkeit zu ergänzen und engagierter zu durchdenken, und so auch die Perspektiven der anthropologischen, soziobiologischen Forschung zu erweitern. (Wissenschaft selbst hat ja - günstigstenfalls - zweierlei Verantwortlichkeiten und zwar möglichst je zu 100 % zu erfüllen: einmal die Verantwortung "der Wahrheit", der wissenschaftlichen Redlichkeit gegenüber, zum anderen hat sie eine gesellschaftliche Verantwortung. Diesen beiden versucht dieser Blog "Studium generale" gerecht zu werden. Und aus beiden fließt insbesondere auch die Motivation zur Arbeit an diesem Blog.)

"Gruppenselektion" und liberale Gesellschaft

In welcher Weise kann sich nun eine solche Wiederbelebung des Theorems der Gruppenselektion in der anthropologischen Forschung positiv auswirken auf die Deutung des menschlichen und gesellschaftlichen Selbstbildes? Wenn man sich mit der Evolution des menschlichen "commitment" (Amazon), des Verantwortungsbewußtseins (allgemeiner: des Altruismus) in Gesellschaften beschäftigt, dann wird einem tatsächlich heute das Fehlen einer allgemeineren Philosophie deutlich, die das menschliche Denken dahingehend strukturiert, die Gemeinschafts-Aspekte des menschlichen Verhaltens grundsätzlicher in den Blick zu nehmen und zu berücksichtigen auch im eigenen Leben und auch in den wichtigeren Lebensentscheidungen.

Wenn man nun die gegenwärtigen Entwicklungen in der Theoretischen Biologie und Anthropologie in eine Wechselwirkung treten lassen würde mit solchen gesellschaftlichen Philosophien wie der des Kommunitarismus, dann sollte das - günstigstenfalls - synergetische Wirkungen entfalten können. Im Wikipedia-Artikel wird der Kommunitarismus zum Teil als im Gegensatz zum Liberalismus stehend formuliert. Man könnte es aber auch präziser sagen: Verantwortlichkeit ermöglicht und stabilisiert erst menschliche, gesellschaftliche Freiheit und entsprechend ermöglichen und stabilisieren "kommunitaristische", verantwortungsbewußte, "gemeinschaftliche" Einstellungen günstigstenfalls auch die Verwirklichung einer echt freiheitlichen, liberalen Gesellschaft.

Zum Ausklang noch einmal Friedrich Schiller.
Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei
und würd' er in Ketten geboren.
Laßt euch nicht irren des Pöbels Geschrei,
nicht den Mißbrauch rasender Toren:
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht -
vor dem freien Menschen erzittert nicht.

(aus: Worte des Glaubens)
_____________________

*) Es könnte von Interesse sein, einmal genauer zu analysieren, wie es um den Gedanken der Freiheit bei naturalistisch Denkenden eigentlich bestellt ist. Beispielsweise betonen sowohl Religionswissenschaftler Michael Blume wie natürlich auch Atheisten - etwa des "Humanistischen Pressedienstes" - das Recht zur freien Religionsausübung, das Recht zur Meinungsfreiheit und anderes mehr. Im Zusammenhang dieses Beitrages ist aber (implizit) ein etwas grundlegenderer und erweiterer Freiheitsbegriff angesprochen. Nämlich die Tatsache, daß der Mensch an sich - als Mensch - frei ist, daß er ein per se freies Wesen ist. Daß es in der Natur per se - und damit auch in seiner - große Freiheitsgrade gibt. Daß der Mensch Freiheit besitzt, weil er Mensch ist, weil ihm die Evolution dieses stolze Selbstbewußtsein ermöglicht hat, und weil sie auch - nachweisbar - "Sicherungen" eingebaut hat in der menschlichen Psyche gegen Übersteigerungen dieses stolzen menschlichen Freiheits-Gefühls.
Also das alles nicht nur, weil der Mensch - heute, zufällig, außerdem auch noch - in einer freiheitlichen Gesellschaft lebt, deren Freiheiten wir ja zu Recht sehr schätzen, und die wir darum auch bereit sein sollten, jederzeit in selbstbewußtem bürgerschaftlichem Engagement zu verteidigen. Sondern weil wir und unsere menschlichen Gesellschaften von Natur aus frei sind - insbesondere dann (so ja der Tenor dieses Beitrages), wenn ihre Bürger selbstbewußte Verantwortlichkeit für diese "Natur" unserer Gesellschaft, also für ihre "Natürlichkeit" empfinden und sie dann auch verstärkt und betont leben.


**) Der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel hat den Gedanken geäußert, den er sicherlich von seinem Jugendfreund Friedrich Hölderlin übernommen hat, daß die Weltgeschichte, die Geschichte arbeitsteiliger menschlicher Gesellschaften ein "Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit", auch der gesellschaftlichen Freiheit darstellt. Auch diesem Gedanken könnte in diesem Zusammenhang weiter nachgegangen werden. Vielleicht leben wir deshalb auch geschichtlich gesehen - und damit tatsächlich auch aus Sicht der Evolution - in der freiheitlichsten Gesellschaft der Weltgeschichte. (Oder doch zumindest in einer Vorstufe derselben.)

Sonntag, 31. August 2008

Wie entstehen und entwickeln sich arbeitsteilige Gesellschaften?

Stadtentwicklung in Nordmesopotamien (4.200 bis 3.400 v. Ztr.)
- Das Beispiel Tell Brak

Der Urknall in der "Evolution" arbeitsteiliger, städtischer Gesellschaften, also von Hoch- und insbesondere Schriftkulturen wird in der Regel mit den Städten Ur und Uruk im Süden des heutigen Irak (Südmesopotamien) in Verbindung gebracht. Dort entstanden nach Vorläufer-Kulturen um 3.200 v. Ztr. ein mächtiges Reich und ziemlich bald auch eines der ersten bekannten Schriftsysteme der Menschheit. Inzwischen rücken aber in den letzten Jahren immer mehr die Oberläufe von Euphrat und Tigris (also unter anderem das heutige nördliche Syrien, Nordmesopotamien) in den Vordergrund, wenn es um die Frage nach der Entstehung erster städtischer Hochkulturen, Großreiche geht und um ihre lange Vorgeschichte (siehe Karte in Abb. 1). Auch hier bildeten sich zeitgleich zu - und zunächst unabhängig von - Südmesopotamien städtische Zentren heraus, die sich gegenseitig bekriegten, wie archäologisch nachweisbar ist (1). (Siehe auch Studium generale 1, 2.)

Abb. 1: Die Ausbreitung von Uruk aus (Wiki)

Man kann von einer typisch "assyrischen" oder "alttestamentarischen" Kriegführung sprechen, die gekennzeichnet ist durch die emphatische Ausrottung ganzer Städte und Völker im Namen einer anderen Volks- oder Reichsgottheit, bzw. eines religiösen oder weltlichen Despoten. Und genau eine solche scheint in dieser Region - auch nach diesen neuerlichen archäologischen Forschungen - schon sehr früh begonnen zu haben. Und sie scheint über die Jahrtausende hinweg dort immer wieder praktiziert worden zu sein.

Schon in den vorkeramischen ersten Städten der Menschheit (die archäologische Stufe des "PPNB") finden sich die sogenannten "plasterd skulls", die vermutlich "Stadtdespoten" abbilden. Und schon bei diesen scheint man mancherlei Erbarmungslosigkeit im Umgang mit Mitmenschen herauslesen zu können. Einen ähnlichen Eindruck üben auch auch die zeitgleichen, grausam wirkenden weiblichen "Kaffeebohnenaugen-Gottheiten" jener vorkeramischen Zeit.

Vermutlich kann hier überall von vergleichsweise despotischen Eliten ausgegagen werden, die die Voraussetzung bildeten, daß sich größere Menschenmassen in rigiden stadtstaatlichen Systemen zu stärker arbeitsteilig gegliederten Gesellschaften ausgebildet haben, bzw. ausbilden konnten.

Der friedliche Siedlungsverlauf

Inzwischen ist jedoch auch der friedliche Siedlungsverlauf, die Siedlungsverdichtung eines der bedeutendsten, frühen städtischen Zentren der späten Kupferzeit im nördlichen Syrien genauer unter die Lupe genommen worden, nämlich des Tell Brak (2). Hier bildeten sich um ein städtisches und religiöses Zentrum (mit Tempel und "Industrie") sehr früh schon etwas abgelegenere, dieses umgebende vorgelagerte Dörfer, bzw. sekundäre städtische Zentren. In den weiteren Jahrhunderten wurden dann die zuvor unbesiedelten Zwischenräume schrittweise aufgesiedelt und es kam zu einer Siedlungsverdichtung wie wir sie ja auch von der Entwicklung moderner europäischer Großstädte kennen, die schrittweise immer mehr früher selbständige Dörfer und Städte eingemeindeten und die siedlungsleeren Zwischenräume auffüllten (s. Abb. 2) (2):

Das Anwachsen eines städtischen Zentrums begann in Brak in der Periode des Späten Chalcolithikums (LC) 2, zirka 4.200 bis 3.900 v. Ztr..
Urban growth at Brak began in the Late Chalcolithic (LC) 2 period [circa (c.) 4200 to 3900 calendar years before the common era (cal BCE)].

So die Forscher.*)

Abb. 2: Tell Brak - Städtische Verdichtung im 4. Jahrtausend v. Ztr. (aus: 2)

Die Forscher schreiben (2):

Wir berechneten, daß die besiedelte Fläche etwa 55 Hektar betrug in einer Zeit, als nur wenige zeitgleiche Siedlungen 3 Hektar Größe überschritten. (....) Während des frühen bis mittleren vierten Jahrtaseunds v. Ztr. (3.900 bis 3.400 v. Ztr.) dehnten sich Vororte in Richtung des Zentrums aus. Viele zuvor unbesiedelte Flächen wurden nun besiedelt. Auf dem zentralen Siedlungshügel gab es große industrielle Strukturen und mindestens einen kunstvoll ausgestalteten Tempel. Die gesamte besiedelte Fläche dieser Zeit wuchs auf 130 Hektar an. Wir interpretieren das häufige Vorkommen von Oberflächen-Keramikfunden als einen Indikator für die angewachsene Dichte der Besiedlung. Das heißt, daß die Siedlungsdichte anwuchs zugleich mit der räumlichen Ausdehnung. Zu dieser Zeit erreichten die größten Nachbarn von Brak nur 15 Hektar Ausdehnung und nur eine zeitgleiche Siedlung war größer, nämlich Uruk im südlichen Mesopotamien.
We calculated the total settled area at 55 ha, at a time when few contemporary settlements exceeded 3 ha. (...) During the early to mid-fourth millennium BCE (LC 3 to 4, 3900 to 3400 cal BCE, Fig. 1B), outer town settlement expanded inward. Many formerly unsettled areas were then filled. The central mound hosted large industrial structures and at least one elaborately decorated temple. The total LC 3 to 4 settled area grew to 130 ha. We interpreted the abundance of surface ceramics as an indicator of increased density of occupation. Thus, settlement density increased along with spatial extent. At this time, the largest of Brak’s neighbors reached only 15 ha, and only one contemporary settlement in southern Mesopotamia, Uruk, exceeded it in size.

Bei dem hier erwähnten Tempel auf der Akropolis von Tell Brak handelt es sich um den sogenannten "Augentempel" (Wiki). Vor allem die folgende Interpretation der erforschten Befunde wirft grundsätzlichere Fragen auf (2):

Zwang durch Eliten scheint nicht der alleinige Mechanismus gewesen zu sein, der die ursprüngliche Entwicklung von städtischer Lebensweise in Brak vorangetrieben hat. Es scheint wahrscheinlich, daß die städtische Lebensweise zumindest in Teilen das unbeabsichtigte Ergebnis des Handelns autonomer und nichthierarchisierter Gruppen gewesen sein könnte.
Elite coercion does not appear to be solely responsible for the initial development of urbanism at Brak. It seems likely that urbanism was at least in part the unintended result of the actions of autonomous and nonhierarchically ranked groups. 

So die Forscher.**)

Soziale Entwicklung nur auf der Grundlage des Gegenseitigkeits-Prinzips?

Daran könnten grundsätzlicher Überlegungen angeschlossen werden: Wenn eine arbeitsteilige Gesellschaft entsteht, kann dies dann nur durch Despotie und große Strafanreize entstehen, wie man dies von den ersten großen Hochkulturen und ihren auf einzelne "absolute Monarchen" (Despoten) zugeschnittenen Gesellschaftssystemen vermuten darf? Nein, es sollte auch noch andere Quellen für menschlichen Altruismus geben als bloß despotische, polizeistaatliche Strafanreize. "Despotische" Straf- und Lohnanreize von seiten einer erbarmungslosen Elite würden ja - letztlich - doch nur allein dem Gegenseitigkeits-Prinzip in sozialen Interaktionen "irgendwie" zum Erfolg verhelfen, das, wie wir wissen, täuschungsanfällig ist, also vieler "Polizeikräfte" bedürfte, die dann wieder von Mafiabanden unterwandert werden können. Man braucht dann einen despotischen, tyrannischen Gott als "dritten Bestrafer im gesellschaftlichen Third Party-Punishment-Spiel" (siehe etwa: St. gen.). Die Flexibilität einer solchen Gesellschaft geht schnell verloren, wie siebzig Jahre real existierenden Sozialismus oder die Verhältnisse im italienischen Mezzogiorno leidvoll aufgezeigt haben, zum Teil noch aufzeigen.

Also Gruppenselektion wie von Jonathan Haidt und immer mehr Forschern vermutet (siehe Beitrag von gestern - Stud. gen.)? - Vielleicht. Aber man könnte noch etwas anderes vermuten, nämlich einen Abgleich des Hamilton'schen Verwandten-Altruismus nach den von Adam Smith erstmals formulierten Gesetzmäßigkeiten der Arbeitsteilung. Verwandten-Altruismus wird leichter, kann auf mehr Menschen mit geringerem durchschnittlichen Verwandtschaftsgrad ausgedehnt werden, wenn man sich spezialisiert, wenn man also mit weniger Aufwand mehr produziert. Das ist - übrigens - die Grundthese einer von dem Autor dieser Zeilen schon vor allerhand Jahren an der Universität Gießen begonnenen Doktorarbeit. Auch bei fortlaufender Durchsicht der Forschungsliteratur findet sich in den letzten Jahren keine Arbeit, die eine solche These konsequenter verfolgen würde. Dabei könnte man wenig als naheliegender empfinden als einen solchen evolutionspsychologischen Zusammenhang.

Ein "nichtzentralisierter" gesellschaftlicher Prozeß

Die Autoren beenden ihren kurzen Artikel mit den Worten, der erforschte Siedlungsprozeß im historischen Verlauf der Jahrhunderte und Jahrtausende (2)

legt eine größere Rolle nichtzentralisierter Prozesse im Zusammenhang mit dem ursprünglichen Anwachsen der Siedlungsgröße von Brak nahe und eine geringere Bedeutung von zentralisierter Autorität. Er legt ebenso nahe, daß das Studium der mesopotamischen städtischen Lebensweise mit vielfältigen Modellen für die Entstehung von Städten in Abgleich gebracht werden muß.
suggests a greater role for noncentralized processes in the initial growth of Brak and lesser importance for centralized authority; it also suggests that the study of Mesopotamian urbanism must accommodate multiple models for the origins of cities.
Abb. 3: Christian Cordes

Ein "nichtzentralisierter" gesellschaftlicher Prozeß bedeutet, daß viele Menschen Verantwortung übernehmen und tragen für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung.

Mehr oder weniger selbstgewählte Verantwortung (englisch: "commitment") ist etwas, das - wie viele Arbeitgeber und Firmen wissen - letztlich gar nicht "bezahlt" werden kann, nicht auf der Grundlage des "Gegenseitigkeits-Prinzips" "entlohnt" werden kann. Immer mehr Forscher (siehe 3, 4), gegenwärtig zum Beispiel Christian Cordes am Max Planck-Institut für Ökonomik in Jena (Abb. 3), ziehen deshalb zur Erklärung dieses "commitment" eine ethnische oder "quasi-ethnische" ("pseudo-ethnische") Komponente in Betracht: Man identifiziert sich mit seiner Firma wie früher der Mensch sich mit seinem Stamm identifiziert hat. Und man entfaltet aus dieser Identifikation heraus berufliches Verantwortungsgefühl, das keiner ausgefeilten Kontrolle "von oben" bedarf, um ein selbstverantwortliches Berufsethos auszubilden.

Das stalinistische Prinzip des Verdachts - "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" - wird also in ein freiheitlicheres Prinzip des Vertrauens umgewandelt: Vertrauen ist gut und Kontrolle wird in die Eigenverantwortlichkeit des - sozusagen - "sittlich gefestigten" Mitarbeiters verlegt.

Da ist dann - freilich noch nicht besonders explizit und präzise - der Verwandten-Altruismus "irgendwie" wieder in die Erforschung arbeitsteiliger, wirtschaftlicher Systeme zurückgekehrt. Er könnte auch hochgradig arbeitsteilige Dienstleistungs-Gesellschaften innerlich flexibel erhalten. - Und so wird es sicher sinnvoll sein, weiter an einer präziseren theoretischen Fassung derartiger kausaler Zusammenhänge arbeiten. Auch andere Autoren (5) könnte man dabei im Blick behalten.

Skepsis - Funktioniert Arbeitsteilung von selbst reibungslos?

[ Ergänzung 16.1.2022 ] Die starke Skepsis gegenüber der modernen Medizin, gegenüber Medienwelt und Politik, die sich gegenwärtig innerhalb einer Impf-kritischen und Corona-Politik-kritischen Szene der westlichen Öffentlichkeit manifestiert und festigt, zeigt, daß ein solches, selbstverständliches Vertrauen in die Eigenverantwortung selbstständig agierender Fachleute und Fachdisziplinen und deren ganzheitliches Zusammenwirken zum Wohle aller, innerhalb arbeitsteiliger Gesellschaften gerne auch einmal wieder schwinden kann, bzw. daß einzelnen Fachleuten aufgrund von "Tunnelblick" auf ihr eigenes Fachgebiet von korrupten Medien und Politikerrn zu viel Bedeutung zugesprochen werden kann, anstatt die von diesen formulierten Interessen mit dem Gesamtinteresse einer Gesellschaft in einen sehr sorgfältigen Abgleich zu bringen. 

Seit fast zwei Jahren wird beispielsweise die gesamte Gesellschaft im Verhalten und in der wirtschaftlichen Durchstrukturierung auf sogenannte "vermeidbare" Corona-Tote hin durchstilisiert, während man sich zuvor und zeitgleich um "vermeidbare" Rauchertote, die seit Jahrzehnten in ähnlicher Zahl (150.000) und in ähnlichem Alter sterben, in vergleichbarer Weise nicht erregt und empört hat. Dabei ist inzwischen sogar bekannt, daß Raucher - selbst nachdem sie aus allen Innenräumen verdrängt worden sind - schon allein durch ihre Körperausdünstung andere gesundheitlich schädigen, also etwas, was zugleich - wiederum - den Ungeimpften viel mehr zum Vorwurf gemacht wird als den Rauchern. Hier scheint uns beiderlei verloren gegangen zu sein: Zum einen Augenmaß in der Einordnung von beruflichen Anliegen (z.B. in diesem Fall von Virologen), sowie zum zweiten - und daraus folgend - Vertrauen darin, daß Korruption und Manipulation innerhalb von Politik und Medienwelt nicht längst alles vertretbare Maß überschritten haben.

Dieser Umstand scheint uns ein Hinweis darauf zu sein, daß das sozusagen "reibungslose" Funktionieren arbeitsteiliger Gesellschaften eben doch zahlreichen Gefährdungen unterliegen kann, die noch heute oft zu wenig in Rechnung gestellt werden. Altruismus hieße in dem vorliegenden Falle, auch als Virologe, Epidemiologe und Gesundheitspolitiker das Gesamte im Blick zu behalten und nicht die kurzfristigen Sonderinteressen von einzelnen beruflichen Anliegen.

_______________

*) "Chalcolithic" ist "Kupferzeit" (Wiki, Wiki-deutsch) - der Begriff "Steinzeit", etwa in "Jungsteinzeit" oder in "Kupfersteinzeit" weckt allerdings ziemlich falsche Assoziationen. Schließlich denkt man dabei eher an Neandertaler als an moderne, arbeitsteilige Dorf- und Stadt-Gesellschaften wie sie hier vorliegen. Es könnte deshalb sinnvoll sein, diese Begriffe möglichst wenig zu benutzen.
**) Ergänzung 16.1.2022: Man darf auch gerne im Hinterkopf behalten, daß diese Stadtentwicklung von Tell Brak in Nordmesopotamien parallel ging zur Entwicklung der Maikop-Kultur (4.000-3.200 v. Ztr.) (Wiki) nördlich des Kaukasus, die nämlich auch von Nordmesopotamien aus beeinflußt war. Sie ging zudem zeitlich parallel zur Cucuteni-Tripolje-Kultur (Wiki) in der Ukraine, deren Megasiedlungen um 3.800 v. Ztr. schon bis zu 340 Hektar umfaßten. - - - Durch Keilschrift-Quellen andernorts kann Tell Brak als "Kagar" identifiziert werden. Hier wurden um 3.000 v. Ztr. Kunga gezüchtet, die vierrädrige Streitwagen zogen. Hierzu wurden Hausesel (die genetisch zur heute noch fortexistierenden Gruppe der "Afrikanischen Esel" gehörten) mit Wildeseln gekreuzt (die genetisch zur heute ausgestorbenen Gruppe der "Syrischen Wildesel" gehörten). Die entstandenen Tiere haben Eigenschaften gehabt, die sie zu angesehenen, prestige-trächtigen Zugtieren machten. Sie waren zwar unfruchtbar, galten aber als sehr wertvoll. Da sich von Nordmesopotamien aus viele kulturelle Einflüsse auf die reiche Maykop-Kultur nördlich des Kaukasus auswirkten, wird es nicht unwahrscheinlich sein, daß die dortige Domestizierung unseres heutigen Hauspferdes zunächst zum Zugtier von zweirädrigen Streitwagen (um 2.200 v. Ztr.) ihre Anregung von Nordmesopotamien heraus erhalten hat (St. gen. 2021).

________ 



ResearchBlogging.org
































/ ursprünglich veröffentlicht 25.11.2007;
überarbeitet 16.1.2022 /

_____________________________________

  1. Andrew Lawler: Murder in Mesopotamia? Science, Vol 317, 31.8.07, S. 1164f
  2. Jason A. Ur, Philip Karsgaard, Joan Oates: Early Urban Development in the Near East. Science, Vol. 317, 31.8.07, S. 1188, DOI: 10.1126/science.1138728
  3. Nesse, Randolph M. (ed.): Evolution and the Capacity of Commitment. 2002
  4. Cordes, Christian (MPI für Ökonomik, Jena): diverse Publikationen
  5. Salter, Frank: On Genetic Interest. 2006

Donnerstag, 28. August 2008

Hoimar von Ditfurth - vor 20 Jahren

Hoimar von Ditfurth hat glaubwürdig Religiosität mit einem naturalistischen Weltbild verbunden. Von Menschen wie ihm bräuchten wir heute mehr.



Ditfurth 1988, ein Jahr vor seinem Tod: "Sie meinen, ob ich Angst vor dem Tode habe? Ich glaube, daß ich das ehrlich verneinen kann ..."

(Das Video braucht lange zum Herunterladen - am besten leise stellen und zwischendurch was anderes machen und ansehen, wenn es fertig heruntergeladen ist.)

Hoimar von Ditfurth würde sich heute für viele ähnliche Dinge interessieren, für die sich "Studium generale" interessiert. In seinem letzten Buch "Innenansichten eines Artgenossen - Meine Bilanz" findet sich auch viel von seinen persönlichen Lebenserfahrungen. Während des Zweiten Weltkrieges hat er Medizin studiert. Er analysiert vieles sehr nüchtern und ganz ehrlich.Lesenswert zum Beispiel das Kapitel "Die Paläontologie des Gehirns" (S. 141ff) und andere.

Dienstag, 8. April 2008

Von der Religiosität eigenverantwortlichen Handelns

- ein paar frei schweifende Gedanken

Eigenverantwortlichkeit ist dadurch gekennzeichnet, daß man auch gegen Widerstände, auch gegen Mehrheitsmeinungen, auch gegen den Zeitgeist an dem festhält, was man für wahr und richtig hält. Diese Selbstbehauptung des eigenen Lebensprinzips in einer Umwelt, die anderen Lebensprinzipien folgt, (und ohne sich eine Kugel durch den Kopf zu schießen wie etwa Heinrich von Kleist im Jahr 1811), eine solche Selbstbehauptung könnte als eine der bedeutendsten Bewährungen erachtet werden, die wir im menschlichen Leben und in der Kulturgeschichte überhaupt kennen.

Alle großen Persönlichkeiten der Kulturgeschichte und oft auch der politischen Geschichte waren in der einen oder anderen Weise vor diese "Bewährung" gestellt. Und darin wird oft - oder zumeist - ihre eigentliche Bewährung gesehen, daß sie Wege gingen, die zuvor niemand gegangen war, daß sie die ersten waren, die in der Kunst, in der Wissenschaft, in der Technik, in der Politik neue "Erfindungen" machten, Prinzipien als "Avantgarde" gegenüber einer trägen Masse, die am Alten hing und bei demselben verharrte, geltend machte.

Dieses Tun, nämlich zwischen sich selbst und der großen Menge der Menschen einen "Unterschied" zu machen, zu etablieren, aufrecht zu erhalten, zu leben, diese "Spezialisierung" fordert oft große psychische Anstrengung und Überwindung. Der einzelne trifft "einsame" Entscheidungen, er stellt sich in Widerspruch oft sogar zu seinen nächsten Freunden.

Gerade deshalb auch wird der Weg dieser Einsamen, Seltenen oft zu einer "Gratwanderung", weil ihnen eben die schlafwandlerische Sicherheit verloren geht - oder verloren gehen kann - die darin besteht, daß man Rückhalt, Zustimmung, Anerkennung, Aufmunterung bei seinen Freunden und "Geistesverwandten" oder in einer Liebesbeziehung findet. Wer diesen Rückhalt nicht hat, muß ihn einzig und allein in sich selbst finden, in seinem eigenen Lebensprinzip. Oft gelingt es dem einzelnen, diesen Rückhalt in der Kunst, in der Natur zu finden. Oder allgemeiner: Im eigenen Gestalten, Zum-Ausdruck-Bringen des neuen oder selten gelebten Lebensprinzips.

Um so größer die Neigung ist, die ja vielleicht sogar "Begabung" genannt werden kann, sich an andere, an die Umgebung anzupassen, sich an andere anzuschließen, ein "verträglicher" Mitmensch und Zeitgenosse (resp. "Schwiegersohn") zu sein, um so größer sind oft die Gefahren für den einzelnen, wenn er plötzlich nicht mehr dem Lebensprinzip aller folgt. Um so größer aber sind möglicherweise auch die Gewinne des einzelnen, wenn es ihm gelingt, diese Gefahren längerfristig zu überwinden.

Denn diese Menschen sind die großen "Hoffnungsblüten" der Menschheit, sie sind vielleicht überhaupt Rechtfertigung dafür, daß es Menschen gibt. Sie leben jenes Menschentum, jene wahre Humanität, Weisheit, Güte, die zu gewissen Zeiten vielleicht nur den Seltenen zu leben gegeben und aufgegeben ist.

Oder sollten etwa Meier, Müller, Schulze, respektive Otto "Normalbürger" Rechtfertigung dafür sein, daß sich die Evolution die Mühe gegeben hat, Menschen hervorzubringen?

Willig nehmen sie, die Genialen, die Seltenen ihre Aufgabe auf die Schulter. Aber für wen tun sie es? Um der Müllers, Meiers oder Schulzes wegen, die fast durch jede Tat, durch jeden Gedanken das Göttliche, die Vollkommenheit, Güte, Weisheit leugnen, zu denen Menschen der Möglichkeit nach vielleicht fähig sein könnten? Um ihnen, ausgerechnet ihnen zu "helfen"?

Nein, sie tun es nicht um ihretwillen. Sie tun es um des Göttlichen selbst willen. "Auf daß das Gute in der Welt sei," wie Marie von Ebner-Eschenbach sagt. Es gibt Zeiten in der Menschheitsgeschichte, da hat sich die Menschheit so sehr von dem Göttlichen entfernt, entfremdet, daß sie, die Seltenen, wirklich keinen anderen Grund mehr nennen können.

Vom Heroenkult, Geniekult, vom Kult des Menschen, der nach Vollkommenheit strebt

In Zeiten des klassischen Athens mag vielleicht mancher helle Jüngling gesagt haben: Ich interessiere mich für das Edle, für die Wahrheit, für das Schöne um des Aufleuchtens in den Augen meines Freundes willen, um das zu sehen, um diesen Zusammenklang der Seelen zu erleben. Denn er interessiert sich für das gleiche. Aber wie sollte das heute einer der "Seltenen", genialeren Menschen sagen? Leben wir heute nicht alle wie auf "getrenntesten Bergen", wie Hölderlin sagt? Voller greller, schreiender Mißverständisse, voller Verständnislosigkeiten zwischen Menschen? Ist nicht das Heiligste und Frömmste in den Dreck getreten? Einer Meute zähnefletschender Hunde vor die Fänge geworfen worden?

Bordet unser quasi- und pseudo-"kulturelles" Leben nicht über von sich dreimal im Flickflack überschlagenden Frivolitäten, Frechheiten, Zynismen, Bigotterien, Aftergläubigkeiten? Von der frivolen Zurschaustellung alles menschlich Heiligen, Intimen, Geheimen, Persönlichen?

Haben wir uns nicht alle selbst so mit dem Kopf in die Erde gerammt, wie es das neue Giordano Bruno-Denkmal in Berlin-Mitte implizit von unserem Umgang mit dem Andenken großer Menschen überhaupt behauptet? Und zwar mehr als treffsicher behauptet? (Siehe Beitrag vorigen Monat.) Wir sind lieber dreimal dumm und doof, banal und "stocknüchtern", als einmal genial. Wir stecken lieber dreimal den Kopf in den Sand, wir rammen ihn hinein, mit zappelnden Beinen zum Himmel hinauf, als auch nur einmal den Versuch zu wagen, das Menschsein menschlich zu gestalten.

"Von den heroischen Leidenschaften". So lautet eine Gedichtsammlung von Giordano Bruno, in der er das heroische Leben desjenigen feiert und besingt, der sein Leben um tiefer menschlicher Werte willen opfert.

Aber wir? Nichts von alledem. - Lacht man denn heute nicht über Bosheiten genauso wie über etwaig Gegenteiliges? Gibt es noch einen Bereich, der nicht mit Spott und Häme, nicht mit der ätzendsten Säure des Zynismus oder doch zumindest des schrecklichsten Verdachts überschüttet wurde? "Warum lacht ihr so?" fragte Hölderlin. "Oh, ihr müßt," ging es ihm dann plötzlich durch den Sinn: "denn dies tun Verzweifelte nur."

Donnerstag, 27. März 2008

Neue Forschungen zur Evolution der menschlichen Religiosität

Der "Economist" vom 19. März bringt einen offenbar recht wichtigen Bericht über neue Forschungen zur Evolution der menschlichen Religiosität. (1) Ausführlich werden die Forschungen von Richard Sosis referiert. Dazu gibt es ja schon wertvolle Verweise hier auf dem Blog. Ebenso werden in diesem Bericht abschließend die Thesen von David Sloan Wilson erwähnt. Was aber neu ist - zumindest für mich, ist insbesondere die Erwähnung der Forschungen von Patrick McNamara. Dieser Forscher aus Boston geht laut Bericht der Frage nach,
"whether different religions foster different levels of co-operation, for what reasons, and whether such co-operation brings collective benefits, both to the religious community and to those outside it."
(Hervorhebung durch mich, I.B..)

Das Vorherrschen personaler Gottheiten

Das ist eine ungeheuer spannende Frage, die ich ja vor Monaten auch schon in Diskussionen mit Michael Blume erörtert habe. Die Hypothese, die auch schon von anderen formuliert worden ist in der Religionswissenschaft und in der Soziologie (besonders schon vor Jahrzehnten von Guy E. Swanson), lautete, daß es eine Entwicklung in der menschlichen Religiosität gäbe parallel zu der Entwicklung menschlicher gesellschaftlicher Komplexität. Konkret wurde insbesondere formuliert, daß das Vorherrschen personaler Gottheiten die Kooperation in komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften befördern würde, daß hier also eine Art "Koevolution" vorliegen könnte zwischen (der Größe) komplexer arbeitsteiliger Gesellschaften und der Ausgeprägtheit von vorherrschenden Vorstellungen über aktiv eingreifende - den einzelnen belohnende oder bestrafende - personale Gottheiten.

Das aber wiederum würde heißen, daß komplexe arbeitsteilige Gesellschaften vielleicht nur mit bestimmten komplexen Formen menschlicher Religiosität zu vereinbaren sind und mit ihnen aufrecht erhalten werden können. Die spannende Frage wäre dann aber weiter: Welche Formen könnten das sein? Und zwar doch insbesondere auch deshalb, weil sich in modernen, säkularen Gesellschaften seit Jahrhunderten die Ansicht ausbreitet, daß der Glaube an personale Gottheiten nicht jenem faszinierenden Weltbild adäquat ist, das uns die moderne Naturwissenschaft liefert. Hm! Könnte die Schlußfolgerung lauten, daß wir selbst wieder mehr "Person" werden sollten, statt an personale Gottheiten zu glauben? Dieser Gedanke kommt mir gerade und sei hier nur einmal so in den Raum gestellt. Denn der evolutive Vorteil von "Personhaftigkeit" in religiösen Zusammenhängen ist ja doch in der Forschung wohl inzwischen unübersehbar geworden.

Statt Gott als Person anzusehen sollte sich vielleicht künftig lieber der Mensch selbst wieder mehr als einzigartige Eigenpersönlichkeit sehen?

Die Vorstellung von Gott als dem "dritten Bestrafer" im allgegenwärtigen gesellschaftlichen "Third-Punishment-Spiel" ist ja ebenfalls schon hier auf dem Blog als höchstwahrscheinlich evolutiv erfolgreich erörtert worden. Im weiteren Nachdenken hier auf dem Blog wurde dann allerdings ebenso wichtig hervorzuheben, daß der evolutive Erfolg zumindest christlicher Religiosität nord- und mitteleuropäischer Herkunft der letzten 500 Jahre nicht vornehmlich korreliert mit dem Vorherrschen einer despotischen oder auch nur mild-despotischen Priesterschaft, an die der einzelne Gläubige so mehr oder weniger die Verantwortung für seine eigene Religiosität abtritt, sondern mit der betonten Übernahme von religiöser Eigenverantwortung durch die einzelnen Gemeindemitglieder (das vielgenannte protestantische Prinzip des "Priestertums aller Gläubigen"). Siehe dazu meine "Vorstudien zu einer Vergleichenden Religionsdemographie" hier auf dem Blog in diesem Monat.

Sollte also vielleicht darüber nachgedacht werden, ob man in der künftigen, evolutiv erfolgreichen westlichen Gesellschaft statt mächtigen Priestern gegenüber unterwürfig zu sein, bzw. ihren "despotischen", einem ihnen ähnlichen Gott zugeschriebenen Moralgeboten ("Du sollst ..."), viel lieber selbst - endlich einmal - "Person" werden sollte, ob man heraustreten sollte aus der farblosen und tendenziell apersonalen, keine Verantwortung übernehmenden "Massenmenschen-Haftigkeit", "Kollektivmenschen-Haftigkeit", die ja immer wieder auch totalitaristische Tendenzen befördert.

Wer selbst Gott ist oder Gott nahe ist, braucht vielleicht keine personale Gottheit mehr? Schöne Beispiele für dieses starke Selbstbewußtsein könnten Giordano Bruno sein oder Friedrich Hölderlin. Überhaupt geht ja auch der Grundgedanke vom eigenverantwortlich denkenden und handelnden demokratischen Staatsbürger in diese Richtung: "Mehr Demokratie wagen." Aber das geht wohl nur mit charaktervollen Eigenpersönlichkeiten, nicht mit einem farblosen Massenmenschentum, wie es heute durch die schrillen Medien und vieles dergleichen mehr gefördert wird. Es könnte viele Gründe, all diese Zusammenhänge noch genauer zu durchdenken. Sie gehören auch in die Zusammenhänge moderner commitment- (und damit Altruismus-) Forschungen.

Wie mißt man die Intensität der religiösen Durchdringung des Alltags?

McNamara jedenfalls scheint selbst - und in Eigenverantwortung!? - auch neuen Schwung in die Erforschung all dieser Zusammenhänge bringen zu wollen, wenn im "Economist" über diesen Forscher berichtet wird:
"Dr McNamara, plans to analyse a database called the Ethnographic Atlas to see if he can find any correlations between the amount of cultural co-operation found in a society and the intensity of its religious rituals."
Er scheint also nicht nach der Art der Gottvorstellungen zu fragen, sondern (wohl in Anlehnung an Richard Sosis) nach der Intensität religiöser Rituale. Er fragt also vielleicht so in etwa danach, mit welcher Intensität in einer bestimmten Gesellschaft Gewissensentscheidungen im Alltag und in außergewöhnlichen Zeiten des Menschenlebens durch religiöse oder "echtere" quasi-religiöse Werte beeinflußt werden. - Auch hier wird ja wieder deutlich, daß letztlich äußere Ritualbefolgung noch gar nichts über die innere Intensität der Durchdringung des Alltags von Religiosität sagen muß. Mehr darüber sagen könnte dann da wohl viel eher der daraus folgende eigenverantwortliche Altruismus, das commitment, die Selbstverpflichtung, die durch die Religiosität bewirkt werden. Lauter spannende Fragen, denen wir hier auf dem Blog auch schon in anderen Zusammenhängen nachgegangen sind ("Nachdenken über Altruismus").

Der "Economist" weist auch auf eine schon erschienene Buchveröffentlichung von Patrick McNamara hin. (siehe: Buchladen)

Was hat die Parkinson-Krankheit mit Religiosität zu tun?

Aber Ausgangspunkt für die Forschungen von Patrick McNamara scheinen ganz andere, ebenso interessante Befunde zu sein, nämlich daß Parkinson-Kranke im Durchschnitt weniger religiös sind als gesunde Menschen und zwar offenbar gut korreliert auch nach dem Ausmaß und dem Grad der Erkrankung. Wenn man davon nun weiß, wird man sich künftig wohl Berichte über die Erforschung der Parkinson-Krankheit mit ganz anderen Augen und viel größerem Interesse anschauen. Im "Economist" heißt es:
"Patrick McNamara is the head of the Evolutionary Neurobehaviour Laboratory at Boston University's School of Medicine. He works with people who suffer from Parkinson's disease. This illness is caused by low levels of a messenger molecule called dopamine in certain parts of the brain. In a preliminary study, Dr McNamara discovered that those with Parkinson's had lower levels of religiosity than healthy individuals, and that the difference seemed to correlate with the disease's severity. He therefore suspects a link with dopamine levels and is now conducting a follow-up involving some patients who are taking dopamine-boosting medicine and some of whom are not."
Da man also weiß, daß die Parkinson-Krankheit mit niedrigerer Dopamin-Ausschüttung in bestimmten Gehirnbereichen zu tun hat, vermutet McNamara auch eine Korrelation der Religiosität mit dieser Dopamin-Ausschüttung. Das wird in diesem "Economist"-Artikel zu kurz erläutert. Auch dieser Frage wird es hochgradig sinnvoll sein, weiter nachzugehen.

Übrigens gibt es auch ein ganzes neues Forschungsprojekt, einen Forschungsverbund zu all diesen Themen, genannt "Explaining religion".
______________________

Abschließend seien noch die längeren und sehr guten Erläuterungen der Forschungen von Richard Sosis des "Economist" zitiert:
"Richard Sosis, an anthropologist at the University of Connecticut, has already done some research which suggests that the long-term co-operative benefits of religion outweigh the short-term costs it imposes in the form of praying many times a day, avoiding certain foods, fasting and so on."

"To test whether religion might have emerged as a way of improving group co-operation while reducing the need to keep an eye out for free-riders, Dr Sosis drew on a catalogue of 19th-century American communes published in 1988 by Yaacov Oved of Tel Aviv University. Dr Sosis picked 200 of these for his analysis; 88 were religious and 112 were secular. Dr Oved's data include the span of each commune's existence and Dr Sosis found that communes whose ideology was secular were up to four times as likely as religious ones to dissolve in any given year.

A follow-up study that Dr Sosis conducted in collaboration with Eric Bressler of McMaster University in Canada focused on 83 of these communes (30 religious, 53 secular) to see if the amount of time they survived correlated with the strictures and expectations they imposed on the behaviour of their members. The two researchers examined things like food consumption, attitudes to material possessions, rules about communication, rituals and taboos, and rules about marriage and sexual relationships.

As they expected, they found that the more constraints a religious commune placed on its members, the longer it lasted (one is still going, at the grand old age of 149). But the same did not hold true of secular communes, where the oldest was 40. Dr Sosis therefore concludes that ritual constraints are not by themselves enough to sustain co-operation in a community—what is needed in addition is a belief that those constraints are sanctified.

Dr Sosis has also studied modern secular and religious kibbutzim in Israel. Because a kibbutz, by its nature, depends on group co-operation, the principal difference between the two is the use of religious ritual. Within religious communities, men are expected to pray three times daily in groups of at least ten, while women are not. It should, therefore, be possible to observe whether group rituals do improve co-operation, based on the behaviour of men and women.

To do so, Dr Sosis teamed up with Bradley Ruffle, an economist at Ben-Gurion University, in Israel. They devised a game to be played by two members of a kibbutz. This was a variant of what is known to economists as the common-pool-resource dilemma, which involves two people trying to divide a pot of money without knowing how much the other is asking for. In the version of the game devised by Dr Sosis and Dr Ruffle, each participant was told that there was an envelope with 100 shekels in it (between 1/6th and 1/8th of normal monthly income). Both players could request money from the envelope, but if the sum of their requests exceeded its contents, neither got any cash. If, however, their request equalled, or was less than, the 100 shekels, not only did they keep the money, but the amount left was increased by 50% and split between them.

Dr Sosis and Dr Ruffle picked the common-pool-resource dilemma because the communal lives of kibbutz members mean they often face similar dilemmas over things such as communal food, power and cars. The researchers' hypothesis was that in religious kibbutzim men would be better collaborators (and thus would take less) than women, while in secular kibbutzim men and women would take about the same. And that was exactly what happened."

_________________

1. The science of religion - Where angels no longer fear to tread. In: Economist, 19.3.2008

Freitag, 30. November 2007

Nachdenken über Altruismus - (2. Teil)

Der fließende Übergang zwischen dem Erleben, Beurteilen und eigenen Ausführen sozialen Handelns nach dem Gegenseitigkeits-Prinzip und nach anderen Formen von Altruismus

Das "Nachdenken über Altruismus" hier auf dem Blog soll über qualitative Überlegungen schrittweise näher an die modernen quantifizierbaren theoretischen Konzepte der modernen Altruismus-Forschung (Soziobiologie) herangeführt werden, um diesen Konzepten vielleicht später, in einem weiteren Schritt, neue Konzepte hinzuzufügen, beziehungsweise um diese Konzepte besser widerspruchslos mit dem in Übereinstimmung zu bringen, was man in der gesellschaftlichen und historischen Wirklichkeit - im Alltag und in außergewöhnlichen Zeiten - vorfindet.

In rein vorläufiger Überlegung soll zunächst von folgenden Unterscheidungen bei den Formen von Altruismus ausgegangen werden:
1. familiärer Altruismus
2. patriotischer / ethnischer Altruismus
3. religiöser / ideologischer Altruismus
4. Einzelgänger-Altruismus
A. Prägungsähnliches Lernen von Altruismus (in der Kindheit und Jugend)

Fast alle eben genannten Formen von Altruismus werden von prägungsähnlichen Lernvorgängen in frühen Lebensphasen zum Guten oder zum Schlechten hin "vorgebahnt", vorgeprägt (siehe Eckart Voland, "Die Natur des Menschen - Grundkurs Soziobiologie", behandelt auf: St. gen. 1, 2):
zu 1. - Wenn man viele jüngere Geschwister hat, hat man (kulturübergreifend, statistisch gesehen) selbst im Leben mehr Kinder (nach A. Chasiotis), es würde sich hier also um ein prägungsähnliches Lernen von Kinderfreundlichkeit handeln.
- Die Art der eigenen Paarbeziehung im späteren Leben wird über das elterliche Vorbild in bestimmten, genauer eingrenzbaren Lebensjahren vorgeprägt (besonders um das 7. Lebensjahr herum).

zu 2. - muttersprachliche Prägung auch von Wahrnehmungen, emotionalen Reaktionen, von Gruppenmoral und vielem anderen
- Prägung auf die heimatliche Landschaft in der Jugend, der man sich also besonders verbunden fühlt, für die man sich - vielleicht (?) - gerne einsetzt

zu 3. - Prägungen durch die religiöse Erziehung (tägliches Beten, Gottesdienst, Kommunion, Konfirmation etc.)
- ideologische (oder sozial-moralische) Beeinflussungen durch weltanschaulichen, politischen Unterricht, durch Gruppenerlebnisse, durch "Bravo" etc. (leichtere jugendliche Beeinflußbarkeit)
B. Modifizierungen des geprägten Altruismus in späteren Lebensphasen

Es ist nun so, daß jede dieser Formen von Altruismus weniger oder stärker vernunft-gesteuerte, Lohn-/Straf-gesteuerte An- oder Abtrainierungsvorgänge kennt ("Lernen durch Versuch und Irrtum" - siehe auch K. Lorenz/Die Rückseite des Spiegels). Das heißt: Gänzlich irreversibel sind die prägungsähnlichen Lernvorgänge der Kindheit und Jugend nicht. Dies kann geschehen beispielsweise durch starke Lust- und Leiderlebnisse im Leben (individuelle und gesellschaftliche "Lebenskrisen", "Revolutionen"). Dadurch kann es auch zu inneren Neuumstellungen kommen, zu verbesserter Anpassung des eigenen Handelns an die sozialen Lebensbedingungen, in denen man lebt. (siehe auch Wiliam Sargant.)

Somit hat die altruistische Psyche des Menschen sowohl stark konservative wie stark wandlungsfreudige Elemente, was bei der Beurteilung im Einzelfall jeweils möglichst fein gegeneinander abgewogen werden muß. (Individuell-unterschiedliche genetische Komponenten sind bis zu diesem Punkt der Überlegungen noch unberücksichtigt geblieben.)

Familiär, patriotisch und religiös(-ästhetisch) motivierter Altruismus funktionieren eigentlich ideal nur dann, wenn irgendwelche äußeren Signale, Verstärker gegeben werden, die bestimmtes Verhalten als vorbildlich erscheinen lassen oder anderes als wenig vorbildlich. (Stichworte wären: "Public Relations-Industrie", "Umerziehung", "Bekehrung", "Geschichten-Erzählen" etc..)

Diese Signale schaffen eine innerpsychische Situation, durch die man stärker oder weniger stark das "Gegenseitigkeits-Prinzip" in sozialen Handlungen erlebt. Die menschliche Psyche wertet nicht nur, wie Signale auf sie selbst wirken, sondern auch, wie stark sich andere Menschen durch diese beeinflussen lassen, das heißt, wie sehr künftig Handeln auf der Grundlage des Gegenseitigkeits-Prinzips und dieser Signale in der sozialen Umwelt erwartet werden darf. (Hier geht es also um die "Isolationsangst" im Sinne von Elisabeth Noelle-Neumann's Klassiker "Schweigespirale".)

Sind diese Signale nicht oder weniger gegeben, besitzt der Mensch aber immer noch die Möglichkeit, ohne auf das Prinzip Gegenseitigkeit zu setzen, altruistisch zu sein:
"Das Prinzip der Schweigespirale eröffnet dem einzelnen oder kleinen Gruppen die Möglichkeit, die Schweigespirale zu durchbrechen, wenn sie Isolationsangst nicht kennen oder sie überwinden."
(Sinngemäß zitiert nach E. Noelle-Neumann's "Schweigespirale", in dem viele historische Beispiele zu dieser These analysiert werden - etwa das Leben von Jean-Jaques Rousseau.)

C. "Selbstverantwortlicher" Altruismus versus "kollektiver" Altruismus

Ein solches letzteres Verhalten wird eher in Gesellschaften ausgeprägt sein, die genetisch und kulturell die individuelle Freiheit und Verantwortung und nicht nur das "Kollektiv-Angepaßte" im Verhalten betonen und positiv werten. Also zum Beispiel heute eher in westlichen als in ostasiatischen Gesellschaften. Auch z.B. eher in Gesellschaften, in denen es mehr Menschen mit erblicher Neigung zu ADHS gibt, in denen es geschichtlich gesehen weniger "Selektion gegen rebellische Charaktere" gegeben hat (wie das der chinesische Humangenetiker Bruce Lahn unlängst für China in den letzten Jahrtausenden vermutet hat). Bei diesen Gesellschaften könnte es sich dann grundsätzlich auch um innovationsfreudigere Gesellschaften handeln, die dann jedoch partiell von anderen Gefahren bezüglich sozialem Zerfall und Untergang bedroht sind als Gesellschaften mit dem Typus "kollektiv-angepaßtem" Altruismus.

Familiärer, ethnischer oder religiöser/ideologischer Altruismus könnten widerspruchslos miteinander im Einklang stehen im Leben des einzelnen und der jeweiligen Gesellschaft. Es können aber auch einzelne dieser Prinzipien auf Kosten anderer besonders stark gelebt werden. Auf jeden Fall ist von der typischen Situation der "Mehrebenen-Selektion" ("Multi-Level-Selection") auszugehen. Das heißt, es gibt in jedem Fall überall direkte und indirekte "Fitneß-Anteile" am altruistischen Verhalten (Altruismus bezogen auf direkte Nachkommen [direkte Fitneß], bzw. letztlich bezogen auf näher oder ferner verwandte Nachkommen [indirekte Fitneß]).

In einer Gesellschaft, in der alle altruistisch sind (familiär, patriotisch und/oder religiös/philosophisch), fällt es dem einzelnen nicht schwer, selbst ebenfalls altruistisch zu sein. In einer Gesellschaft, in der dabei stark religiös oder Schönheits-motivierter "selbstverantwortlicher" Altruismus vorherrscht (etwa im antiken Griechenland), könnte es dabei auch mit Augenzwinkern leichter toleriert werden, wenn der eine oder andere an der einen oder anderen Stelle auch einmal ein bischen weniger altruistisch ist, als alle anderen Angehörigen der Gesellschaft. Da würde man dann "locker drüber stehen". Man wäre sehr "wohlwollend", "großzügig", "gutmütig", würde vielleicht nur darüber lachen. Ja, man würde ein weniger altruistisches Verhalten als das allgemein Vorherrschende vielleicht sogar eher nur mit Befremden und als eine Art "Kuriosum" ansehen.

Vielleicht sind das alles Kennzeichen der antik-griechischen Gesellschaft im Umgang mit Altruismus. Diese könnten in krasserem Gegensatz stehen zum Umgang mit Altruismus in monotheistisch geprägten (despotischeren oder monarchischeren) Gesellschaften. Schiller dichtete über das antike Griechenland in einer Zeit des Vorherrschens des Monotheismus: "Damals war nichts heilig als das Schöne ..." - gemeint: "das Schöne" auch in Bezug auf moralisches Handeln. Das Schöne ist gut und umgekehrt.

Herrscht jedoch in einer Gesellschaft der Typus des hier "kollektiv-angepaßt" genannten Altruismus vor, so wird dieser stabilisiert dadurch, daß alle Menschen gegenseitig (und/oder despotische, monarchiche Strukturen) viel stärker darauf achten, daß man selbst und auch die anderen sich gesellschaftlich "angepaßt", "korrekt" verhält, daß die gesellschaftlichen Spielregeln sehr rigide eingehalten werden. (Auch durch das allgegenwärtige gesellschaftliche "Third-party-punishment-Spiel", sowie durch den Monarchen/Diktator oder durch "Gott als dritten Bestrafer" - siehe spätere Beiträge dazu hier auf dem Blog.) Allen, denen ein solches "angepaßtes" Verhalten leicht fällt, fällt es auch leicht, "altruistisch" im Sinne einer solchen Gesellschaft zu sein. Die anderen, die "Rebellischen" werden in solchen Gesellschaften leicht als Egoisten oder schlimmer empfunden.

In beiden eben genannten Formen altruistischer Gesellschaften jedoch, in der die Menschen nur noch subjektiv, nicht mehr objektiv alturistisch sind (im Sinne von Familie, Ethnie, Religion, Fortschritt der Menschheit), in der also Formen von Heuchelei, Selbsttäuschung, Unwahrhaftigkeit vorherrschen, in der also die gesellschaftlichen Mentalitäten "erstarrt" sind, "verkrustet" sind, "ideologisch vernagelt", in denen mangelnde echte, das heißt objektive Innovations-Freudigkeit vorherrscht, hat der einzelne mit viel innerpsychischem Druck und Leid zu rechnen, wenn er sich darum bemüht, auf bestimmten Gebieten dennoch "objektiv altruistisch" zu handeln, also ausgerichtet auf die langfristige (und nicht nur kurzfristige) Wohlfahrt, das Gedeihen der Gesellschaft, in der er lebt. Ausgerichtet also auf innere Wahrhaftigkeit. Denn er tut dies ja dann im Gegensatz zu den vorherrschenden Mentalitäten. (Die vorausgesetzte These bei letztgenanntem Ausgerichtetsein auf "Wahrhaftigkeit" ist: "das objektiv Wahre ist auch gut", bzw. langfristig evolutionär angepaßt.)

D. Weltgeschichtliche Entwicklungen mit Bezug zu menschlichem Altruismus

Es sind weltgeschichtliche Epochen denkbar, in denen weltweit die menschlichen Stämme und Völker jeweils weitgehend im Einklang mit ihrer eigenen Gruppenmoral gelebt haben. Das menschliche Handeln könnte zu jenen Zeiten viel stärker von einer einheitlichen Gruppenmoral, Stammesmoral geprägt gewesen sein, als dies heute - zumindest in westlichen Gesellschaften - der Fall ist. Noch im 19. Jahrhundert wird man ähnliches auch von den europäischen Völkern sagen können, in denen die gesellschaftliche Moral durch eine Form vorherrschender Religiosität (Christentum) stabilisiert und vereinheitlicht worden war. Das trug auch zur Stabilität aller familiären und sonstigen gesellschaftlichen Verhältnisse bei. (Nur wurde es oft eben von den gesellschaftlich fortschrittlichen Kräften nicht mehr als "wahrhaftig" empfunden.)

Eine solche Situation kann leicht zur Stagnation, zum Stillstand in der Weltgeschichte führen, wenn auch die fortschrittlichen Kräfte zu Hedonisten werden und sich anfangen, über ihren eigenen Altruismus zu täuschen. Denn psychische Zufriedenheit aufgrund ausreichender gegenseitiger moralischer Anerkennung innerhalb der eigenen Gruppe fördert nicht gerade die Innovationsfreudigkeit innerhalb einer Gruppe, fördert nicht gerade die kulturelle Weiterentwicklung hin zu komplexeren Gesellschaften, hin zu einer fortgeschritteneren, humaneren Form der menschlichen Kultur. Dies schafft erst die unbewußtere oder bewußtere "Unruhe", die "Unzufriedenheit" mit den vorherrschenden privaten oder gesellschaftlichen Zuständen und Verhältnissen.

Und letztere kommt wahrscheinlich weltgeschichtlich vor allem durch biologische und kulturelle Überlagerungen zustande, wie sie - im Prinzip - schon G.F.W. Hegel und Karl Marx beschrieben haben. Gegensätzliche Prinzipien, kulturelle und genetische Mentalitäten und Interessen (etwa solche gegensätzlichen wie oben genannt) stoßen weltgeschichtlich aufeinander und aus der beidseitigen "Entfremdung", "Verfremdung" der jeweils früher vorherrschenden Gruppenmoral, an die sie auch genetisch angepaßt gewesen sein mögen, - aus dieser psychischen und kulturellen "Krise" heraus erfolgt möglicherweise ein weltgeschichtlich starker Antrieb zum Schaffen von kulturell und zivilisatorisch Neuem, besonders dann in den bekannten Hochkulturen der Menschheit während der sogenannten "Achsenzeit". Es wird ja oft die These vertreten, daß diese Hochkulturen entstanden sind durch den weltgeschichtlich vielgestaltigen Zusammenprall und die gegenseitige Überlagerung von seßhaften, städtischen Kulturen durch stärker nomadisch geprägte Kulturen und umgekehrt. Dies geschah natürlich nicht nur in der "Achsenzeit", sondern auch davor und danach (seit etwa 10.000 v. Ztr bis heute).

E. Der Altruismus von "Kulturheroen" in arbeitsteiligen Gesellschaften

In solchen Situationen also würde erst "wahrer", echter Altruismus ins Leben treten, Altruismus also, in dem die innerpsychische oder äußerliche Gegenseitigkeits-Komponente immer geringer wird, in dem auf das Wohlwollen und die Bestätigung durch die Gemeinschaft zeitweise oder auf immer verzichtet wird. Die großen Altruisten der Menschheitsgeschichte haben ohne nach "Anerkennung" und "Dank" zu fragen, ja, oftmals unter dem größten Schwall von "Undank", "Mißachtung" und Mißverständnis, ja, Verleumdung, Verachtung ihr altruistisches Leben für die Familie, für die Ethnie, für "höhere menschliche Zwecke" (für die Religion, für den Fortschritt, für die Kunst, die Philosophie, die Wissenschaft) gelebt. Sie lebten oft unerkannt wie Odysseus im eigenen Haus mit den lärmenden "Freiern" zusammen, die niemals Besonderes geleistet hatten im Leben, und denen das "Haus der Kultur" - letztlich - gar nicht gehört. Denn dazu lärmen sie zu viel.

Große "Kulturheroen" der Menschheit - Prometheus, Herkules, Atlas, Buddha, Jesus, Nikolaus Kopernikus, Michelangelo, Giordano Bruno, Ludwig van Beethoven usw. - sind alle im wesentlichen Einzelgänger, "Einzelkämpfer", haben ihre kulturellen Leistungen größtenteils im Gegensatz zu den zu ihrer Zeit vorherrschenden gesellschaftlichen Meinungen erbracht. Gilt dies nicht auch für den chinesischen Philosophen Laotse? Sie kannten also keine oder weniger "Isolationsangst" (E. Noelle-Neumann), bzw. überwanden sie. Hier spielt auch die außerweltliche und innerweltliche Askese eine Rolle. Mönche wohnen gemeinsam, um die "außerweltliche Askese" nicht mehr in der Einsamkeit, sondern in gegenseitiger (!) Bestärkung gemeinsam zu leben. Genauso auch die "innerweltliche Askese" des Protestantismus. Durch rigide Sozialmoral der frühneuzeitlichen Gesellschaften (Abendmahls-Ausschluß) wurde sicher gestellt, daß diese Form der Askese auf der Grundlage der Gegenseitigkeit gelebt werden konnte, was den Menschen im allgemeinen viel leichter fällt, als wenn Gegenseitigkeit auf dem Gebiet der Askese gesellschaftlich nicht vorherrscht.

Aber natürlich haben die "Kulturheroen" des Protestantismus - Martin Luther und so viele andere - ebenfalls ihre Kulturleistungen zunächst einmal im Gegensatz zu gesellschaftlich vorherrschenden Meinungen erbracht ("Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang," raunte der Ritter Sickingen dem Mönch Luther auf dem Reichstag zu Worms zu, auf dem letzterer hinwiederum als der große einsame Bekenner ausrief: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!", wodurch er damals ein ganzes Volk, das ganze Abendland in Erschütterung versetzte).

Solche Menschen also vor allem hat man schon immer als die "großen", die "wahren", die "echten", die "vorbildlichen" Altruisten angesprochen. Das ist auch der Grund, weshalb sie besonders verehrt werden, man ihre Leidensfähigkeit als besonders vorbildlich erachtet, weshalb ihnen - vor allen Menschen sichtbar - Denkmäler errichtet werden. Diese Denkmäler sind "Signale", die günstigstenfalls zur moralischen Stabilität in einer Gesellschaft beitragen. Durch allgemeine gesellschaftliche Anerkennung eines "Kulturheroen" wird nämlich zugleich wieder das soziale, gesellschaftliche Handeln nach dem Gegenseitigkeits-Prinzip gestärkt, stabilsiert, es wird größere gesellschaftliche Übereinkunft erzielt dahingehend, was "gutes" Verhalten ist. Es wird größere Konformität, Übereinkunft in sozialen Fragen erzeugt, soziale Reibungsverluste werden verringert. Diese "Kulturheroen" haben also eine soziale Neuanpassung von Gesellschaften bewirkt, haben die Innovationsfreudigkeit und -fähigkeit von Gesellschaften bewahrt.

Auf diese und andere Weisen lassen sich also zunächst einmal rein "qualitativ" kontinuierliche Übergänge beschreiben zwischen einem Handeln und Erleben nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit hin zu einem Handeln und Erleben nach Prinzipien von "echtem" ("echterem") Altruismus.Die Forschung hat zur evolutionären Erklärung des letztgenannten Altruismus in den letzten Jahren vor allem wieder den ethnischen/patriotischen/religiösen Altruismus in den Vordergrund gestellt, der aufgrund von "Gruppenselektion" evoluiert sein soll. (Siehe Kategorie "Gruppenselektion" hier auf dem Blog.)

Hier auf dem Blog soll aber nach und nach weiter die Frage verfolgt werden, ob nicht auch das Prinzip "arbeitsteilige Gliederung der Gesellschaft", "berufliche (oder ehrenamtliche) Spezialisierung" die evolutionäre Erklärung des Altruismus von Kulturheroen und ihren Nacheiferern - in besonderen Zeiten des Lebens und im Alltag - erleichtern kann (- Also die evolutionäre Erklärung ihres "commitment", ihres beruflichen und "ehrenamtlichen" Verantwortungsgefühls.)
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Registriert unter Wissenschafts-Blogs

bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis

Haftungsausschluß

Urheber- und Kennzeichenrecht

1. Der Autor ist bestrebt, in allen Publikationen die Urheberrechte der verwendeten Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu beachten, von ihm selbst erstellte Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu nutzen oder auf lizenzfreie Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zurückzugreifen.

2. Keine Abmahnung ohne sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen.

Wenn der Inhalt oder die Aufmachung meiner Seiten gegen fremde Rechte Dritter oder gesetzliche Bestimmungen verstößt, so wünschen wir eine entsprechende Nachricht ohne Kostennote. Wir werden die entsprechenden Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte sofort löschen, falls zu Recht beanstandet.