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Mittwoch, 21. März 2007

Amish-People - nur noch 5 Prozent "Abtrünnige"

Zu den bigottesten, christlich-konservativen Gruppierungen in Nordamerika gehören die Amish-People (in den USA) und die Hutterer (in Kanada). Es ist aber nicht ihre stock-konservative chistliche Bigotterie, die diese religiösen Gruppierungen schon seit vielen Jahrzehnten zu intensiv untersuchten Forschungsgegenständen von Soziologen, Wirtschaftswissenschaftlern, Religionssoziologen, Demographen, Humangenetikern, Religionswissenschaftlern, Volkskundlern, Germanisten, Dialektforschern, Anthropologen und so vielen anderen mehr gemacht haben.

Diese Gruppierungen können als einzigartig betrachtet werden, was den evolutionsbiologischen Erfolg ihrer gruppenevolutionären Strategien (GES) in der modernen Welt betrifft. OBWOHL (oder auch: weil?) sie die letzten Minderheiten in Nordamerika darstellen, die Deutsch als Muttersprache sprechen, sind sie jene Bevölkerungsgruppen in der Welt mit der höchsten Geburtenrate (Hutterer knapp 11 bis 12 Kinder pro Frau, Amische 7 bis 8 Kinder pro Frau). Ihre Populationen verdoppeln sich gegenwärtig etwa alle 15 bis 25 Jahre. Es ist sinnlos, an dieser Stelle auch nur den Versuch eines kurzen Überblicks über all die vielen lehrreichen Aspekte ihres Gemeinschafts-Lebens zu geben, aus denen sich ihren gruppenevolutionären Strategien zusammensetzen. (Wie immer ist für so etwas Wikipedia der erste Anlaufpunkt: hier und hier.)

Als deutscher Leser kann man die Hutterer und ihre gruppenevolutionären Strategien kennenlernen durch das Buch von Michael Holzach "Das vergessene Volk". Michael Holzach, ein später durch Unfall ums Leben gekommener Journalist der "Zeit", lebte in Jahr lang bei den Hutterern und liefert in seinem Buch den - sozusagen - "intimsten" Einblick in das Leben einer solchen Gemeischaft und bringt dabei auch einigermaßen gleichmäßig alle wesentlicheren Aspekte ihres ("kommunistischen") Gemeinschafts-Lebens zur Sprache.

Für die ("privat-wirtschaftlichen") Amischen konnte man bislang ein vergleichbar umfassend beschreibendes Buch ihres Gemeinschaftslebens in deutscher Sprache nicht nennen. Hier mußte derjenige, der wirklich einen guten Überblick gewinnen wollte, zu Standard-Werken in englischer Sprache zurückgreifen. Die Autoren dieser Werke heißen insbesondere John A. Hostetler ("Amish Society") (er ist selbst Nachkomme von Amischen) und neuerdings David B. Kraybill ("The Riddle of Amish Culture" und "Amish Enterprise"). Der letztere Buchtitel handelt von den zunehmend nicht-agrarischen Kleinunternehmen der Amischen, zu denen sie infolge von Landnot gezwungen sind.

Eine der wenigen umfangreicheren deutschsprachigen Darstellungen stammt von Bernd C. Längin ("Die Amischen - Vom Geheimnis des einfachen Lebens"), ein Buch, das zwar sehr verdienstvoll viele wesentliche Aspekte der Amish-Kultur darstellt, insbesondere auch ihre geschichtliche Entstehung und ihren geschichtlichen Werdegang von der Schweiz, dem Elsaß und den Niederlanden ausgehend, das aber vielleicht doch nicht genügend die vielen einzelwissenschaftlichen Anknüpfungspunkte aufzuzeigen in der Lage ist wie die bisher schon genannte Literatur.

Im deutschen Sprachraum hat sich dieser Umstand nun geändert durch die ins Deutsche übersetzte Veröffentlichung des niederländischen Kultursoziologen Peter Ester "Die Amish-People - Überlebenskünstler in der modernen Gesellschaft" (2005). Auch Religionswissenschaftler Michael Blume zeigte sich in seiner Amazon-Rezension (siehe dort) hochgradig angetan von diesem Buch. Da es aufgrund umfassender Kenntnis der modernsten Forschungsliteratur und zugleich aufgrund von zahlreichen Interviews in Pennsylvannia vor Ort erarbeitet ist, kann es als eine hervorragende Ausgangsbasis dienen, um sich mit dem Gemeinschaftsleben der Amish-People vertraut zu machen.

Als neue Tatsachen (für jemanden, der die ältere Literatur schon kennt) nennt er zum Beispiel den Umstand, daß heute nicht mehr 20 Prozent der nachwachsenden Jugendlichen der Amischen von ihrer Gemeinschaft "abfallen", sondern nur noch fünf, höchstens 10 Prozent! (S. 62 - 63) Das hat natürlich auch Folgen für ihre Demographie. Bislang hatte immer gegolten, daß die Hutterer kaum Mitglieder kennen, die "abtrünnig" werden, daß aber die neuesten Entwicklungen bei den Amischen zu einer ähnlichen Situation führen, kann als überraschend bezeichnet werden. Sollte man nicht in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft genau das Gegenteil erwarten?

Die für das Gemeinschafts-Leben als bedrohlich empfundenen Kontakte zur andersartigen Außenwelt und die Überlebensprobleme der Amischen als Gruppe sind ja nicht geringer geworden, wie Ester auch gut herausarbeitet. Aber der Laienprediger und Gemeindevorsteher "Levi Miller erklärt mir diese sinkende Tendenz" (zum Abfällig-Werden) "mit dem Hinweis auf die flexiblere Politik der" (amischen) "Kirche im Vergleich zu früher, auf die Tatsache, daß zahlreiche technische Neuerungen inzwischen erlaubt sind und daß sich die Amish einen positiven Platz in der öffentlichen Meinung erobert haben." (S. 62)

Offenbar trägt der Umstand, daß die Amischen inzwischen zu einer bevorzugten Touristen-Attraktion in den USA avanciert sind - und ihre Bigotterie von der Öffentlichkeit demgegenüber inzwischen viel weniger beachtet und bewertet wird - auch zu einem zum Teil entspannteren Verhältnis der Amischen zu sich selbst bei. Dieser Umstand ist sicherlich bedeutsam.

Ester zitiert eine Studie von 1988, in der auch der Intelligenz-Quotient der Amish-Kinder gemessen worden ist. (S. 95) "Smucker stellte in seiner Studie fest, daß (ältere) Amish-Kinder (...) im Durchschnitt einen niedrigeren Intelligenzquotienten haben". In der Anmerkung fügt Ester hinzu: "Die IQ-Werte von Amish-Kindern lagen jedoch nur leicht unter dem nationalen Durchschnitt." - Sollte es bei den gruppenevolutionären Selektionsprozessen, die zu der heutigen Old-Order-Amish-Population geführt haben, Mechanismen gegeben haben, die leicht gegen überdurchschnittlichen IQ selektierten?

Man könnte sich vorstellen, daß zu den früheren 20 Prozent "Abgefallenen" häufig auch überdurchschnittlich Intelligente zählten. - Aber das ist natürlich nur eine Hypothese. Natürlich könnten die Mechanismen auch schon vor 400 Jahren in der Schweiz wirksam gewesen sein.

Noch eine hübsche Stelle (S. 149), in der von einer Amish-Familie folgendes berichtet wird: "... Benjamin Hostetler (...): 'Ich habe meinen drei Söhnen geraten, Lancaster County zu verlassen und an einem anderen Ort als Bauer anzufangen. In Kentucky sind die Bodenpreise fünfmal niedriger als hier. Es ist für junge Amish-Familien fast unmöglich geworden, in Lancaster einen bezahlbaren Bauernhof zu finden.' Seine Frau, Barbara, sagt halb im Scherz: 'Vielleicht sollen die Amish zurück nach Deutschland emigrieren.' " - Ob der Eindruck hier richtig wiedergegeben worden ist? War hier wirklich nur halb im Scherz von solchen Erwägungen die Rede? Dann hätte Deutschland künftig (zumindest) mit einer neuen Touristen-Attraktion aufzuwarten ... Aber die Amischen werden schon ihre Gründe gehabt haben, als sie vor 300 Jahren Mitteleuropa verließen. Ob sich an denen so viel verändert hat?

Der Unterschied zu der englischen Muttersprache der umgebenden Bevölkerung scheint doch wichtig gewesen zu sein für die gruppenevolutionären Strategien und ihre Aufrecht-Erhaltung. Alle deutschsprachigen Amisch-Gemeinden, die nicht nach Nordamerika ausgewandert sind, sind jedenfalls in Mitteleuropa längst in der übrigen Umgebung aufgegangen.

Montag, 19. März 2007

Diktatur durch Angst und Diktatur durch Verwöhnung

Derzeit ruft vieles von dem, was man von Michael Blume erfährt (hier zum Beispiel ein ganz toller neuer Vortrag zum Anhören und Lesen [pdf.]), neue gedankliche Assoziationen hervor, Erinnerungen an anderes, was man früher gelesen hat und gut dazu paßt. Und man kann tatsächlich den William Sargant (siehe früherer Beitrag) für ein wichtiges Buch halten.

Das heißt: Wenn ein Mensch psychisch in Erregung versetzt wird - entweder durch positive oder negative Erfahrungen - werden seine Gehirnstrukturen "aufgeweicht", sie werden "plastischer". Das läßt sich auch schon bei den einfachen "Konditionierungen" der Pawlow'schen Hunde beobachten, die durch Nahrungs-Entzug und andere Streß-Situationen (Gefahr des Ertrinkens ...) Lern-, also Konditionierungs-Vorgänge durchmachen. Genauso auch Soldaten im Krieg. Oder Menschen in Gefangenschaft, Folter, in "Schauprozessen", am "Pranger". Oder in den höllenverängstigenden Predigten zum Beispiel der Jesuiten während der Gegenreformation. (Oder in den berühmten "Exerzitien" des Ignatius von Loyola.) Genauso wohl auch Luther selbst, der immer wieder in seelisch aufgewühlten Situationen mit dem Teufel rang oder mit der richtigen Bibel-Auslegung oder mit Papst und "Papisten" und dann vor Kaiser und Reich stand und in ungewöhnlich aufgewühlter psychischer Situation Auskunft gab: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen!" Und so - nach seinem Vorbild - wohl viele Menschen der Reformation. Ich will nur sagen: Es handelt sich wohl um sehr allgemeine Gesetze, die im Alltagsleben des Menschen und auch in der Geschichte ganzer Gesellschaften eine große Rolle zu spielen scheinen.

In einer bestimmten von Sargant beschriebenen fortgeschrittenen Phase der als erregend erlebten Situation, fängt der Mensch (oder das Tier) an, geradezu gesetzmäßig alles gegensätzlich zu tun und zu werten als er es zuvor getan hatte. Sein Denken und Handeln wirkt im höchsten Grade verwirrt und konfus. Und wenn er so weit ist, können ihm neue Persönlichkeits-Bilder, neue Wertungen des Lebens, neue religiöse oder atheistische Lehren "eingeimpft" werden, kann er der Neu-"Konditionierung" kaum noch ausweichen. Man hat das Gefühl, daß fast alle Kriege und Revolutionen mit solchen seelischen Vorgängen einhergehen, bzw. auf solche abzielen, solche herbeiführen wollen.

Ja. Aber diese Gesetzmäßigkeiten gelten eben nicht nur für "negative" (oder Unlust-)Erfahrungen, sondern eben auch - was leicht vergessen wird - für "positive" Erfahrungen. Und vor allem beziehen sich diese psychischen Persönlichkeits-Änderungen kaum oder viel weniger auf das rein rationale Denken, sondern vor allem auf die Wertvorstellungen, auf die Wahrnehmung von Gut und Böse, von Schön und Häßlich, von Liebe und Haß usw.. Und auch Konrad Lorenz warnt nicht nur vor der Diktatur durch Terror und Verängstigung, die in ihren Mechanismen noch relativ einfach zu durchschauen ist, sondern noch viel mehr vor der Diktatur durch "Verwöhnung", also durch immer wieder angebotene Lust-Erlebnisse. Das sind ja auch die beiden Formen von Dikatur, die George Orwell ("1984") und Aldous Huxley ("Schöne neue Welt") beschrieben haben.

Im privaten Leben macht man solche erregenden Situationen natürlich auch immer wieder durch. In der Ehe. In Freundschafts-Verhältnissen. Kino. Disco. Bei Alkohol- und Drogen-Konsum. Zumeist werden - oft übertriebene, unnatürliche - Lust-Erlebnisse geboten. Die Seele (Psyche) wird in Erregung versetzt und es werden dadurch neue Werte, Erlebnis-Arten "eingeimpft" oder schon eingeimpfte verstärkt und vertieft.

Und das ist der Grund, weshalb viele religiöse Lehren und Philosophien "Askese" predigen, das heißt, sich den Verwöhnungs-Reizen eines übertriebenen gesellschaftlichen Lebens entziehen durch Klosterleben ("außerweltliche Askese") oder auch nur durch Konzentration auf Arbeit ("innerweltliche Askese" - die Begriffe sind von Max Weber). Aber nun ist folgendes zu beachten: Auch wenn man sich durch solche "Vereinsamungen" vielen Verwöhnungs-Reizen entzieht, gerät man zunehmend stärker in Erregung. Man erfährt also die bekannten "Entzugs-Erscheinungen", die in ihren Gesetzmäßigkeiten wohl nicht nur auf Drogen und Zigaretten angewendet werden können, sondern auf alles, von dem man psychisch abhängig ist. So ist zum Beispiel inzwischen bekannt, daß die Prägung auf einen Ehe- oder Lebenspartner in der gleichen Gehirnregion verschaltet ist wie "andere" ... "Sucht"-Erscheinungen.

Jemand, der diese Dinge zur Kenntnis genommen hat und zugleich - etwa wie Konrad Lorenz - der Meinung ist, daß die sich in unserem subjektiven menschlichen Inneren vollziehenden "Wert-Erlebnisse" jene sind, die in diesem unserem Weltall von besonderer Bedeutung sind, ein solcher Mensch kann dann plötzlich anfangen, sehr viel behutsamer mit allem umzugehen, was ihn selbst in Erregung versetzt. Er fängt an, sich selbst zu beobachten und fängt an zu beobachten, was einen in welcher Weise nach welcher Richtung hin verändert.

Übrigens haben gerade auch in der Reformation viele Gruppen wie zum Beispiel die Mennoniten "Gegenstrategien" gegen zu starke psychische Erregung entwickelt. Mennoniten weigern sich oft, sich in Streit einzulassen, andere Menschen allzu kontrovers anzugreifen oder sich selbst angreifen zu lassen. Die Amischen (Amish-People) haben das Ideal der "Gelassenheit", das sie auch bei erregenden Gerichts-Prozessen in den USA (betreffend staatliche Schulpflicht ihrer Kinder, Kriegsdienst-Verweigerung) demonstriert haben. Sie lassen sich nicht in Erregung versetzen, haben zugleich ein emotional ausgeglichenes Gemeinde- und Familienleben, sowie bäuerliches Arbeitsleben in der freien Natur und können dadurch so erfolgreich ihre Lebensweise behaupten und auch gegenüber einer andersartigen Umwelt - so zum Beispiel in Gerichtsprozessen - durchsetzen. Sie haben also Gegenstrategien gegen "Bekehrung" von seiten der Mehrheits-Gesellschaft entwickelt.

Aber auch bei den Hutterern in Kanada wird immer wieder aus Berichten deutlich, wie stark emotional ablehnend sie gegenüber der "Sünde" dieser Welt, gegenüber der "sündigen" nicht-hutterischen Welt reagieren, sich also von ihr nicht "erregen" lassen und dadurch sich ihr lebendiges Gemeinschaftsleben (das heißt auch ihr subjektives Innenleben) bewahren.

Freitag, 16. März 2007

Die Physiologie der Konversion nach William Sargant

Religionswissenschaftler Michael Blume laut eines neuen Berichtes:
"Religiöses Empfinden kann durchaus auf neuronale Zustände zurückzuführen sein, aber Religion umfasst viel mehr als nur Erfahrungen des Transzendenten, zum Beispiel (auch) zwischenmenschliche Rituale wie Tanz oder die Ehe."
Ja, tatsächlich - es kann einem doch auch scheinen, daß Religiosität eine "Ganzkörper-Erfahrung" ist, die sich nicht auf irgendeinen Gehirn-Bereich beschränkt. Vielleicht sollte man wieder verstärkt zurückkehren zu Forschern wie dem britischen Psychiater William Sargant (1907 - 1988), der eines der ersten empirisch gesättigten Bücher zur "Physiologie der Konversionen" oder zur Physiologie der "Gehirnwäsche" geschrieben hat, "The Battle for the Mind - The Mechanics of Indoctrination, Brainwashing and Thought Control" (1957), auf deutsch erschienen unter dem Titel: "Der Kampf um die Seele". Er hat während des Zweiten Weltkrieges die britischen Soldaten an der Invasionsfront psychiatrisch behandelt. 1997 wurde sein Buch neu aufgelegt mit dem Untertitel "A Physiology of Brainwashing and Conversion".

Es wird darin beschrieben, daß Menschen unter psychischem Streß (wie ihn die Invasionsfront darstellte) Persönlichkeits-Veränderungen durchmachen können. Ähnliche Mechanismen sind auch bei missionarischen Religionen oder atheistischen Ideologien zu beobachten, die ebenfalls - zum Beispiel - mit Angst und Drohungen arbeiten, um Menschen psychisch unter Streß zu setzen und dadurch zu ihren Ansichten, Lebensweisen und Einstellungen zu "bekehren". "Gehirnwäsche" und Bekehrungen bringen oft sehr schwerwiegende Persönlichkeits-Änderungen mit sich. Das wurde zum Beispiel in aller Öffentlichkeit in den Schauprozessen des Stalinismus demonstriert und der dabei geübten "Selbstkritik". Die von Sargant beschriebenen psychischen Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten sind wohl - für sich gesehen - "neutral". Es fragt sich dann immer, zu welchen Zwecken sie jeweils eingesetzt werden und wie man Abwehrstrategien entwickeln kann.

William Sargant
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