Posts mit dem Label Elternschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Elternschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 6. August 2008

Wir können unsere Kinder nicht verbessern, nur verschlechtern …

In der „Welt“ vom 28. März findet sich ein spannendes Interview (von Sylke Tempel) mit der Psychologie-Professorin Karen Wynn über neue Verhaltensstudien an sechs und zehn Monate alten Babys. Zwei längere Auszüge daraus:
WELT ONLINE: Frau Wynn, in welchem Alter erlernt ein Kind positives Sozialverhalten?

Karen Wynn: Schon sehr kleine Babys zeigen ein deutliches und meines Erachtens auch angeborenes oder wenigstens evolutionär eingebautes Sozialverhalten. Wir haben Studien durchgeführt mit sechs und zehn Monate alten Babys. Dafür machten wir die Babys mit „Puppen“ vertraut, die aus je einem runden, quadratischen und dreieckigen Holzklotz bestanden, denen wir große Augen angeklebt hatten. Je eine der „Puppen“ mühte sich ab, einen Hügel zu erklimmen. Eine half ihr dabei. Eine andere schubste sie hinunter. Danach forderten wir die Babys auf, sich eine Puppe auszusuchen. Fast alle zogen die „Helferpuppe“ der „Verhindererpuppe“ vor.

WELT ONLINE: Warum sollte dieses Verhalten „eingebaut“ und nicht erlernt sein? Schließlich leben auch Babys in keinem sozialen Vakuum.

Wynn: Zehn Monate alte Kinder sind sicherlich einem hohen Grad an Prägung ausgesetzt. Aber sechs Monate alte Babys hatten noch keine ausreichende Gelegenheit, dieses Verhalten zu erlernen. Sie können gerade sitzen, reagieren auf ihren Namen, verfügen aber noch nicht über sprachliche Ausdrucksmittel. Eine größere „soziale Welt“ eröffnet sich erst, wenn sie beginnen zu krabbeln und Entscheidungen treffen, auf wen sie „zugehen“. Wir haben ähnliche Resultate auch schon bei drei Monate alten Babys gesehen. Das lässt doch sehr darauf schließen, dass wir es mit einer Fähigkeit zu tun haben, die bereits ganz stark und ausgeprägt vorhanden ist.

WELT ONLINE: Entscheidet das den uralten Streit, was unser Sozialverhalten formt – Umwelt oder Genetik?

Wynn: Menschen wie viele Tierarten leben in sozialen Gruppierungen. Sie müssen beständig Entscheidungen treffen, mit welchen Angehörigen ihrer Gruppe sie agieren wollen oder nicht, wer ein guter Sozialpartner ist, mit dem sie Kontakt pflegen wollen und wen sie lieber vermeiden. Meines Erachtens stehen jetzt diejenigen in der Beweispflicht, die solche sozialen Verhaltensweisen mit den Einflüssen der Umwelt erklären wollen. Unsere Ergebnisse zeigen doch sehr stark, dass wir es mit einer bereits vorhandenen Fähigkeit zu tun haben.

WELT ONLINE: Dann gäbe es ein „eingebautes“ moralisches Empfinden?

Wynn: Positives Sozialverhalten muss nicht eindeutig moralisch sein. Es ist vielmehr eine Frage des eigenen Vorteils oder sogar Überlebens. Babys sind absolut hilflos – und obendrein sehr anstrengend. Eigentlich spricht sehr viel gegen sie. Also sind sie abhängig davon, sich in ein soziales Netz einzufügen, das sie mit allen physischen und emotionalen Notwendigkeiten versorgt. Deshalb brauchen sie – wie eben alle anderen sozialen Spezies – eine eingebaute Fähigkeit, gute Sozialpartner eindeutig zu identifizieren und sie für sich zu gewinnen. Es gibt starke evolutionäre Gründe, sich an jene zu halten, die sich einfügen, und jene zu meiden, die diese „Sozialverträge“ nur zu ihren eigenen Gunsten ausnutzen.
Und dann wird eine interessante Frage gestellt:
WELT ONLINE: Wir gehen davon aus, Kindern ein positives Sozialverhalten beibringen zu müssen. Verhält es sich also nicht umgekehrt: Sie besitzen es bereits, und es ist Umwelt, die sie verdirbt?

Wynn: Die meisten Babys sind sehr sozial. Im Fall von Soziopathen können wir aber gewiss behaupten, dass diese Fähigkeit geradezu zerstört wurde – wahrscheinlich in einer Mischung aus genetischen Komponenten und ungewöhnlichen Umständen in ihrer Biografie, die es ihnen nicht erlaubt haben, soziale Bindungen aufzubauen. Sie wissen zwar, was ihre Umwelt unter „Gut“ und „Böse“ versteht, sind aber völlig unsensibel für das Leiden anderer Menschen – oder genießen es, anderen Schmerzen zuzufügen. Auch verstehen sie wie unsere Babys unsere sozialen Verträge, haben sich aber entschlossen, dieses System auszunutzen und nur auf ihren eigenen Vorteil zu achten.
Es folgen noch Erörterungen darüber, inwieweit gruppenkonformes Verhalten von früh auf moralische Entscheidungen mit beeinflussen könnte. Diese sind auch interessant aber noch nicht mit so eindeutigen Forschungsergebnissen verknüpft wie die hier zitierten Erörterungen.

Die zitierten Forschungsergebnisse und ihre Deutung passen gut zu all dem, was wir bisher schon aus der Verhaltens- und Bindungsforschung über Kinderpsychologie wissen. So wissen wir schon seit längerem, daß Kinder mit drei Jahren noch nicht lügen „können“, und daß sie dies erst Schritt für Schritt in den nächsten beiden Lebensjahren sprichwörtlich „lernen“ müssen. (Darüber berichtete „Geo“ schon vor vielen Jahren sehr gut.) Auch das deutet darauf hin, daß Erziehung Kinder immer nur „verschlimmern“, kaum je „verbessern“ kann. Denn besser als wir sind sie, die Kinder, sowieso. Und zwar moralisch besser (um so jünger um so mehr).

Dieses intuitive Wissen, daß Kinder uns auf vielen Gebieten überlegen sind, ist wie in einem Flächenbrand in unserer Gesellschaft verloren gegangen, die sich so „erhaben“ und „weise“ vorkommt gegenüber Kindern, daß sie dauernd glaubt, ihnen alles Mögliche beibringen zu müssen, anstatt sich still zu ihnen zu setzen und erst einmal etwas von ihnen zu lernen. – Eben eine völlig „gottverlassene“ Gesellschaft, die so etwas vergißt, die so etwas überhaupt vergessen kann.

Sich zu Kindern zu setzen und ihr Vertrauen zu erwerben, kostet ja auch Zeit, die man anderweitig viel besser „nutzen“ kann. Zum Beispiel zum Geldverdienen. Zum Beispiel um kinder- und lebensfeindliche Politik zu machen. - Die 22-jährige Kindsmörderin von Nauen fürchtete, wie heute durch die Tagespresse ging, ein zweites Mal ihren Ausbildungsplatz als Zahnarzthelferin zu verlieren wie bei ihrem ersten Kind, wenn sie ihre Schwangerschaft nicht verheimlichen würde und ihr Neugeborenes nicht „beseitigen“ würde. Das ist exakt die Gesellschaft, die wir – offenbar – so lieben. Eine Gesellschaft, in der junge, schwangere Frauen solche „Überlegungen“ anstellen, anstellen können.

Eine Gesellschaft, in der jungen Menschen Ausbildungsplätze wichtiger sind als Kinder. Eine Gesellschaft, die NICHT in hohem Maße anerkennt, daß FRAUEN viele Lasten von Entscheidungen zu tragen haben und Leistungen erbringen, mit denen Männer so gut wie nie konfrontiert sind. Und aus denen sich Männer nur allzu gern zurückziehen und heraushalten. Was ihnen aber die Gesellschaft auch sehr „erleichtert“. Eben: Eine absolut ekelhafte Gesellschaft. Eine abartige, gottlose Gesellschaft.

Ergänzung 29.6.2020: Und Kinder können erst ab sechs Jahren ein Geheimnis für sich behalten, weil sie erst dann überhaupt wissen, was ein Geheimnis ist (1).

_____________

  1. Fischer, Lars: Ab wann Kinder Geheimnisse für sich behalten. Spektrum d. Wiss., 29.6.2020, https://www.spektrum.de/news/ab-wann-kinder-geheimnisse-fuer-sich-behalten/1746972

Mittwoch, 19. März 2008

Der Kindergarten - oder: Die ausgelutschte Zitrone Kind

Wozu hat man Kinder? Um den Alltag nicht mit ihnen zu verbringen?

Abb. 1: F. W. A. Fröbel
- So sieht ein Wohltäter der Menschheit aus?
Ein Vater schreibt an "Stud. gen."*):
Wir haben eine entzückende, kleine, zweieinhalbjährige Tochter. Geradezu "wie aus dem Bilderbuch". Meine Lebensgefährtin geht Vollzeit arbeiten und ich gehe derzeit von zu Hause aus einer Halbtags-Beschäftigung nach und habe dabei bislang auf unsere Tochter aufgepaßt. Nun drängt sich der "Zeitgeist" in unsere Familie.

Meine Lebensgefährtin meint, die Tochter müsse "unbedingt" in den Kindergarten. Und heute hat unsere Tochter ihren fünften Kindergarten-Tag. Grade habe ich sie wieder hingebracht.

Aber wie sieht so etwas aus aus meiner Perspektive?

Bislang war jeder Tag mit meiner Tochter ein Tag voller Freude, Friede und Glück. Voller Ausgeglichenheit.

Vielleicht gelingt das nicht immer zwischen Eltern und Kindern. Aber die Tochter hat ein glückliches Naturell, mit dem ich als Vater gut zurecht komme. Während ich am Rechner sitze und arbeite, spielt sie - in Ruhe und vollkommener Harmonie. Natürlich, es fehlt etwas. Vor allem fehlen Spielkameraden für sie. Sie kann zwar - wie wohl jedes Kind in diesem Alter - viel für sich alleine spielen. Aber immer, das ist natürlich auch ein bißchen einseitig und langweilig.

Und freilich, ich muß mich oft von meiner Arbeit lösen, wenn ich sehe, das Kind muß rauss an die frische Luft, muß laufen, muß sich bewegen. Oft denke ich, ich müßte eigentlich weiterarbeiten. Aber das Kind geht vor. Frische Luft - was ist besser, als frische Luft für so ein Kind? Aber selbst wenn man nun hinaus geht: Alle Kinder in der Wohnsiedlung scheinen im Kindergarten zu sein und die wenigen, die es nicht sind, findet man auch nicht. Selbst nicht auf den zentralsten Spielplätzen. Also auch hier: Einsamkeit für die kleine Tochter. Nicht so schlimm. Sie kann stundenlang mit Sandkasten-Förmchen und ein bißchen Regenwasser in der kleinen, von ihr als "Küche" konzipierten Spielecke spielen - oder was immer sonst. Nur für mich als Vater und Aufsichtsperson wird es leicht ein bißchen langweilig, jedenfalls so "auf die Dauer".

Ja, da sind also mancherlei Gründe, daß man sich sagt, das Kind müßte eigentlich unter Kinder. Aber wie? Wo?

Vielleicht gäbe es noch andere Möglichkeiten (Spielkameraden ins Haus einladen? Welche?) Aber die naheliegendste ist: Kindergarten.

Kindergarten


Natürlich ist die Tochter begeistert. Wir haben die zwei nächstgelegenen zusammen besichtigt, Vater und Tochter. Und der, wo es am meisten Krach und Lärm gegeben hat, und wo die Kinder am chaotischsten herumliefen, der war ihr am liebsten. Klar! Aber man konnte ihr leicht verständlich machen, was auch die Kindergarten-Leitung dem Vater erklärte: Der Kindergarten ist "voll". Warteliste: "ein Jahr", "mindestens".

In einem anderen bekommen wir sofort einen Platz.

So. Und da soll sie nun - vorläufig - hin: drei Tage in der Woche von 9 Uhr bis 12 Uhr.

- Toll?

Ne.

Aus meiner Perspektive als Vater: Ich bin nur noch der Müllablade-Platz für meine Tochter, die - viel - seelischen Müll abzuladen hat nach einem solchen Kindergarten-Tag. Merkwürdig, daß das - offenbar - so wenige andere Eltern erleben. Oder reden sie nur nicht darüber? Versuchen sie es, sich nicht bewußt zu machen? Sie geben wahrscheinlich allem möglichen die schuld, wenn ihre Kinder nervös, unruhig, unerzogen, unaufmerksam, "fahrig" oder "völlig durch den Wind" sind. Bestimmt nicht dem Kindergarten. Dem Kindergarten, dem Kindergarten, dem Kindergarten.

Oh, das ist eine grausame Erfindung. Einem viel gerühmten Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852) haben wir Deutschen und die Welt - offenbar - diese "Erfindung" zu verdanken. (Wikipedia 1, 2) Vorher nannte man das auch - wie ich es treffender benannt finde: "Kinderbewahranstalt". Das ist es doch - und mehr nicht. Und dann lese ich auch, daß Kindergärten in Preußen zehn Jahre lang (zwischen 1851 und 1860) verboten gewesen sind. Was? Waren die damals schon so klug?
(Das preußische Kultusministerium verbot sie am 7. August 1851 wegen „destruktiver Tendenzen auf dem Gebiet der Religion und Politik“ und weil sie „atheistisch und demagogisch“ wären. ...)

Abb. 2: F.W.A. Fröbel
 Sieht denn das keiner?

Muß man noch mehr sagen? Zu was bin ich "degradiert"? Morgens bin ich nur damit beschäftigt, meine Tochter fertig zu machen: Töpfchen, Anziehen, Kämmen, Essen, Anziehen, in den Kindergarten fahren. Dabei der "Zwang zur Pünktlichkeit", der doch noch Grundschulkindern einigermaßen zu schaffen macht. Und jetzt schon bei einer Zweieinhalbjährigen? Ich muß sie dauernd drängeln, damit wir nicht "zu spät" kommen. Und das jetzt - - - "jeden Morgen"? Mittags kriege ich ein "völlig fertiges", übermüdetes Kind zurück, das so fertig ist, daß ein ruhiges, normales Mittagessen überhaupt nicht möglich ist. Bisher jedenfalls. Das Kind ist ein einziger Müllhaufen. Seelisch.

Und mir ist inzwischen auch klar, warum. Äußerlich geht alles freundlich zu in einem Kindergarten, man möchte sagen "superfreundlich". Daran kann es nicht liegen. Der Grund ist, daß die Situation an sich boshaft ist. Kein Kind trennt sich gern von seinen Eltern. Und ihm wird im Kindergarten eingeflößt, daß das "normal" ist. Alle Kinder machen das ja. Und alle sind ja "superfreundlich". Aber alle Reaktionen, die es danach zeigt, zeigen mir, daß das normal nicht ist. Und daß das Unbehagen, wenn meine Tochter andere Mütter sich von ihren Kindern an der Tür des Kindergartens verabschieden sieht, ein wesentliches ist. Es wird von ihr registriert, sie sieht es.

Seit sie im Kindergarten ist, ist sie viel aggressiver. Warum? Weil die Situation selbst aggressiv ist. Meine Meinung jedenfalls. Niemand einzelner ist Schuld. Schuld sind allein die Eltern, also ich, die das zulassen, um die Beziehung nicht auf eine Zerreiß-Probe zu stellen und - natürlich - der Zeitgeist. Es sind wunderbare Erzieherinnen im Kindergarten. An ihnen liegt es nicht.

Also so schnell wie möglich zum Mittagsschlaf mit diesem seelischen Müllhaufen. Essen ist doch sowieso nicht mehr möglich. Nun, zwei Stunden später scheint äußerlich alles wiederhergestellt. Aber die tiefe, gemütvolle, harmonische Beziehung, die entspannte Freude, der Spaß will sich - nach diesem tiefen Einschnitt der drei Stunden Kindergarten, diesen ungeheuer reichhaltigen und vielfältigen Eindrücken für so ein kleines Kind - offenbar auch nachmittags nicht mehr zwischen uns einstellen. Sie kann nicht mehr, wie sonst, still, harmonisch und friedlich spielen. "Fahrig" läuft sie in der Wohnung herum, macht dies, macht das. Macht meistens Mist und Unsinn. Findet keinen Frieden, keine Ruhe mehr in sich, also das, was doch zuvor - für Vater und Tochter - das Schönste war am Tag.

Wozu? Wozu, wozu? Wir hatten so schöne Stunden. Tage. Jeder Tag war ein Fest mit ihr. Und nun?

Und nun? "Auf den Hund gekommen." Eine Kindheit und ihre Frieden zerstört.

Und wie man in der Umgebung sieht, gibt es viele Kinder, die nicht nur drei Tage in der Woche drei Stunden im Kindergarten sind. Nein, sie gehen früher und kommen später, erst am Nachmittag nach Hause. Ganz und gar "kaputt". Nur noch ein "Haufen Elend". Ich sehe es doch. Bei Nachbarkindern. Und das fünf Tage die Woche. - Hat Gott diese Welt wirklich verlassen? Die Hand von ihr abgezogen? Oder bin ich einfach "zu zimperlich", "zu sensibel"? Wir sind doch sonst in allem so ... "supersensibel"? Und in diesen Fragen nicht?

Habe ich meine Tochter nur, um sie die schönsten Zeiten, die man überhaupt mit ihr haben kann im Leben, um sie diese im Kindergarten verbringen zu lassen? Und um mir selbst dann nur den "faden Rest" zu lassen, die "ausgelutschte Zitrone"? Ist das der Sinn? Ist es das, was wir wollen und zu preisen würdig finden?

Ich finde es ekelhaft und könnte erbrechen.
Abb. 3: F.W.A. Fröbel
- Soweit dieser Vater. - Ja, schade, was soll man dazu noch sagen? So wie dieser Vater erlebt vielleicht noch so mancher und so manche die Welt, soziale Beziehungen und Kinder.

Zur Bebilderung dieses Beitrages wurden noch ein paar Fotos von dem F. W. A. Fröbel heraus gesucht. Kann man diesen Menschen freundlich nennen? War er ein "Menschenfreund"? War das gut, was er getan hat? Konnte er ahnen, was er tut? Oder hat der preußische Kultusminister nicht doch auch eine gewisse richtige "Ahnung" gehabt über dessen Tun - ? Waren ihm die möglichen Folgen seines Tuns nicht bewußt? Das "düsterste" Portrait von ihm (ganz oben) scheint einem jedenfalls am ehesten jene Menschlichkeit zum Ausdruck zu bringen, die von ihm und seiner "Erfindung" auf die heutige Gesellschaft ausstrahlt. ...

Sonntag, 17. Februar 2008

Auch die konfessionslosen anthroposophisch Orientierten haben eine überdurchschnittliche Geburtenrate

Ich hatte ausgeführt und dargelegt, daß die Absolventen von Waldorf-Schulen eine (gegenüber der Restbevölkerung) leicht überdurchschnittliche Geburtenrate bei (gegenüber der "Normalbevökerung") deutlich unterdurchschnittlicher Kirchlichkeitsrate aufweisen. (Stud. gen. 1, 2) Religionswissenschaftler Michael Blume aber will es noch einmal genau wissen und fragt in Kommentaren - hier und auf seinem Blog -, ob die überdurchschnittliche Geburtenrate nicht doch daran liegen könnte, daß eben der kirchlich noch gebundene Teil unter den befragten Waldorf-Schul-Absolventen eine etwaig bloß durchschnittliche oder unterdurchschnittliche Geburtenrate der Konfessionslosen unter ihnen durch noch deutlich überdurchschnittlichere Geburtenrate kompensieren würde, so daß das Endergebnis doch - vornehmlich oder allein - auf sie, die kirchlich Gebundenen, zurückzuführen wäre.

Michael Blume fragt also (Relig.wiss.):
Gibt es z.B. demografische Unterschiede zwischen Ex-Waldorfschülern, die heute Mitglieder der Christengemeinschaft, einer anderen Kirche, des Islam oder konfessionslos sind?
Diese These müßte einen sehr deutlichen Unterschied voraussetzen zwischen dem Geburtenverhalten von anthroposophisch orientierten Konfessionslosen und Konfessionsgebundenen. Ich werde gleich zeigen, daß ein solcher nicht gar so besonders ausgeprägt vorzuliegen scheint. Aber Michael, Danke erst einmal für diese doch auch noch einmal sehr spannende und weiterführende Fragestellung.

60 % der Befragten haben Kinder

Wenn man sich die Daten daraufhin genauer anschaut und durchdenkt, werden einem die hier vorliegenden Verhältnisse noch ein bischen klarer. Die 5. Frage auf dem Fragebogen (pdf.) lautete:
"Wie viele Kinder haben Sie?"
Von den 1.124 Befragten haben 692 Befragte Kinder und 352 Befragte keine. (1, S. 6) Also 61 % haben Kinder, 30 % haben - z. T. noch - keine. Dabei ist nämlich beachten, daß 50 % der Befragten unter 40 Jahre alt waren (1, S. 2), also viele von den Jüngeren künftig noch Kinder haben werden. Und weiterhin ist zu beachten, daß in den jüngeren Jahrgängen - wie schon früher erwähnt - sich der Anteil der Religionszugehörigkeiten etwas verschoben hat, es sind mehr Katholiken geworden und (noch) weniger geworden, die der Christengemeinschaft angehören.

Zunächst nun der erste Befund: In ihrer Verbundenheit gegenüber der Anthroposophie unterscheiden sich konfessionslose Ex-Waldorf-Schüler und christliche Ex-Waldorf-Schüler kaum. (1, S. 137) Aber die Daten dazu scheinen nicht sehr genau ausgebreitet zu sein. Einzige deutlichere Ausnahme: Die Mitglieder der Christengemeinschaft, die in der Regel eine hohe Verbundenheit mit der Anthroposophie aufweisen. Es muß also derzeit für mich noch ungeklärt bleiben, ob gerade diese Gruppierung - im Vergleich zu allen anderen Ex-Waldorf-Schülern - noch einmal besonders betont Christen oder nicht doch viel eher besonders betont Anthroposophen sind. Das kann ein deutlicher Unterschied sein. Dazu weiter unten noch mehr. Jedoch zunächst weiter bei den Daten.

60 % der Eltern und 50 % der Kinderlosen sind konfessionell gebunden

Von den 692, die Kinder haben, gehören 60 % einer Religions- oder Glaubensgemeinschaft an und 40 % keiner. (1, S. 193) (Wir erinnern uns, von den Absolventen insgesamt gehörten 57 % einer an und 43 % keiner.) Von den 352, die keine Kinder haben, gehören umgekehrt 50 % einer Religions- oder Glaubensgemeinschaft an und 50 % keiner. (1, S. 193)

Noch ein weiterer, in unserem Zusammenhang weniger wichtiger Befund: Von den 692 Befragten mit Kindern stehen 43 % der Anthroposophie positiv bejahend gegenüber, 56 % indifferent und ablehnend. (1, S. 8) Von den 352 Befragten ohne Kinder stehen 34 % der Anthroposophie positiv bejahend gegenüber, 65 % jedoch indifferent und ablehnend. (1, S. 8) Das heißt also, daß auch die Bejahung der Anthroposophie sich positiv auf Kinderzahlen auswirkt, aber insgesamt nicht so eindeutig wie Kirchenmitgliedschaft. Auf letztere soll im weiteren vor allem eingegangen werden.

Alles, was man über anthroposophisch Orientierte liest und von ihnen sonst im Alltagsleben so erfährt, weist in die Richtung, daß auch für die (noch) kirchlich Gebundenen unter den Anthroposophen diese Kirchenzugehörigkeit selbst zumindest keine überdurchschnittliche Rolle spielt verglichen mit sonstigen (nicht anthroposophisch orientierten) kirchlich Gebundenen. (2) Aber diese letzteren weisen ja auch schon eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate auf.

Auch die Geburtenrate der Konfessionslosen unter den Anthroposophen ist untypisch für Konfessionslose an sich

Eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate insgesamt jedoch bei einem so überdurchschnittlich großen Anteil von Konfessionslosen muß mehr oder weniger zwangsläufig heißen, daß auch die Konfessionslosen unter den Waldorf-Schul-Absolventen eine Geburtenrate aufweisen, die deutlich über der sonstiger Konfessionsloser liegt und sich fast an konfessionell Gebundene annähert - - - wenn nicht die konfessionell Gebundenen unter den anthroposophisch Orientierten eine sich an die Geburtenrate von sonstigen Konfessionslosen annähernde Geburtenrate der Konfessionslosen durch überdeutlich starke Geburtenrate kompensieren würden. Genau das ist aber nun doch nur sehr wenig ausgeprägt der Fall wie man den oben angebenen Daten entnehmen kann. Eine so deutliche Scheidung in den Lebensstilen zwischen Konfessionslosen und Konfessionsgebundenen wie man sie dann voraussetzen müßte, findet man auch sonst wohl nirgends im Alltagsleben bei anthroposophisch orientierten Menschen vor.

(Leider kann man den bisher veröffentlichten Daten nicht auch noch entnehmen, ob etwa Konfessionslose mehr zu Einzelkindern und konfessionell Gebundene mehr zu mehreren Kinder neigen. Man muß sich zunächst mit den Daten begnügen, die veröffentlicht sind.)

Wie sind die Zahlen zu bewerten?

Also die Kirchenzugehörigkeit ist zwischen Ex-Waldorf-Schülern mit Kindern und ohne Kinder um 10 % verschoben. Ist das eine leichte oder eine deutliche Tendenz dahingehend, daß konfessionslose Waldorf-Absolventen weniger Kinder haben als konfessionell gebundene? Ich neige dazu, diese Tendenz als nicht sehr ausgeprägt zu beurteilen. Kann man aus dieser Tatsache also etwas Zuverlässiges ableiten? Soweit ich sehe nur die Tatsache, daß für das Geburtenverhalten bei anthroposophisch Orientierten Menschen insgesamt das Geburtenverhalten der konfessionell Gebundenen typischer ist als das der nicht konfessionell Gebundenen.

Man wird wohl so sagen können: Wenn die kirchlich Gebundenen unter den anthroposophisch Orientierten ähnliche Geburtenraten aufweisen wie auch nicht anthroposophisch orientierte kirchlich Gebundene, so haben zumindest die konfessionslosen anthroposophisch Orientierten eine Geburtenrate, die deutlich über sonstigen Konfessionslosen liegt. Das ist wohl die entscheidendere Erkenntnis dieses Beitrages. Sie haben ihren Anteil an der überdurchschnittlichen Geburtenrate der anthroposophisch Orientierten insgesamt zu großen Teilen nicht auf die konfessionell Gebundenen unter ihnen "abgewälzt". Und letzterer Umstand allein ist es wohl so mehr oder weniger, auf den es hier ankommt und um dessentwillen einem die Anthroposophen aus religionsdemographischer Sicht wichtig sein könnten.

Die merkwürdige "Christengemeinschaft"

Noch einige Angaben, die man den Tabellen zu Michael Blumes Fragestellung entnehmen kann: Von den 106 Katholiken haben 50 % Kinder und 50 % nicht. (1, S. 194) Der Anteil der Katholiken ist aber in den jüngeren Jahrgängen höher, wodurch man diese Zahlen als nicht sehr aussagekräftig einschätzen kann. Von den 352 Protestanten haben 68 % Kinder und 32 % keine.

Aber nun: Von den 106 zur Christengemeinschaft Gehörigen haben sogar 84 Kinder und 19 keine. (1, S. 194) Diese letztere Tatsache finde ich doch recht bemerkenswert und aussagekräftig. Sie widerlegt meiner Meinung nach mehr oder weniger deutlich die von mir im früheren Beitrag zitierte Vermutung von Michael Ebertz, daß die Christengemeinschaft "Nachwuchsprobleme" hätte. Vielleicht entscheiden sich von diesen aus irgendwelchen Gründen heute nur weniger als früher für den Besuch von Waldorf-Schulen? - Da stochert man bei den bisherigen Zahlen wohl noch im Nebel herum. (Auch hier wiederum ist zu berücksichtigen, daß die zur Christengemeinschaft Gehörigen mehr den älteren als den jüngeren Jahrgangs-Stufen angehören.)

Mehr kann man zur Zeit aus den veröffentlichten Daten dieser Studie, soweit ich sehe, für die hier interessierenden Fragestellungen nicht ableiten. Viele abgefragte Eigenschaften werden in der tabellarischen Aufschlüsselung nicht mit Kinderzahl abgeglichen, wodurch wichtige Erkenntnismöglichkeiten versperrt bleiben.

Aber das, was man eben hier schon sehen kann, schwächt meine bisherige These nicht sehr deutlich ab, sondern präzisiert sie noch. Vielleicht tragen die Konfessionslosen unter den anthroposophisch Orientierten weniger zur überdurchschnittlichen Geburtenrate derselben bei als die konfessionell Gebundenen. Aber sie tragen doch wohl ziemlich eindeutig zu ihr bei. Und das ist ein Umstand, der sonst wohl noch nicht für Konfessionslose hat nachgewiesen werden können.

Noch einmal allgemeiner zu Michael Blumes Überlegungen

Michael Blume schrieb auch (Relig.wiss.):
Ein muslimisches oder buddhistisches Kind wird durch den Besuch eines evangelischen Kindergartens doch auch nicht automatisch evangelisch.
Auch von dem - bislang wohl noch sehr unwahrscheinlichen - Fall eines muslimischen oder buddhistischen Kindes, das einen Waldorf-Kindergarten besucht, auch von diesem wird man, wie ich denke, schon von vornherein bestimmte Eigenschaften annehmen, die man auch bei Kindern dieser Herkunft allgemein nicht annehmen wird, wenn sie beliebige andere Kindergärten besuchen. Will heißen: Interesse für Waldorf-Schulen oder -Kindergärten ist eben bisher doch ein sehr starker "Selektionsfaktor" auf bestimmte Eigenschaften hin, und zwar auf solche, die auch mit Religiosität und Spiritualität zu tun haben, wie ja die Studie aufgezeigt hat. Nur eben sehr viel weniger mit "traditionellen" Formen derselben.

Weniger "Lehrgebäude" als "Lebensgefühl"

Alle Daten deuten darauf hin, daß diese Menschengruppe der der Anthroposophie und den Waldorf-Schulen Nahestehenden viel weniger durch ein bestimmtes "Lehrgebäude" oder etwas ähnliches definiert ist, sondern eher durch ein Lebensgefühl, eine Welthaltung. Und zwar ist das eine Gemeinsamkeit, die eben doch eindeutig überkonfessionell ist. Ich kennzeichnete es schon ziemlich platt - aber, wie ich finde, immer noch treffend mit den Worten: "Öko, Öko, Öko, Birkenstock, Birkenstock, Birkenstock."

Dieser Umstand wird auch recht hübsch durch die Tatsache illustriert, daß die Hälfte der Befragten mit einer politischen Partei sympathisieren und davon wiederum die Hälfte mit "Bündnis 90/Die Grünen". - Wer hätte das wohl - - - nicht gedacht? ;-) Und ein weiteres Viertel davon sympathisiert mit der SPD. (1, S. 202) Also in diesen Bereichen von "Lebensgefühl" wird eher die gemeinsame Identität und Religiosität dieser Gruppierung gesucht werden müssen, als in einem präziser umrissenen überkommenen christlichen Glaubensbekenntnis oder in präziser umrissenen christlichen, religiösen Haltungen.

"Dualisierung der Religion"

Michael Ebertz hat seine Ergebnisse in einem breiteren religionssoziologischen Rahmen interpretiert, nämlich in dem Denkrahmen von der modernen "Dualisierung der Religion", also dem Auseinanderklaffen von "institutioneller Religion" und "universaler Religion". Er zitiert dafür einen Roland Campiche (3). Vielleicht sollte man eher sagen, von der "Überschichtung" von traditioneller Religiosität durch neue religiöse Vorstellungen. So verweist Ebertz auch auf eine frühere Allensbach-Studie, wonach viele Menschen, die sich als Christen bezeichnen, an eine Wiedergeburt glauben, ohne sich überhaupt oft bewußt zu sein, daß das gar nichts mehr mit Christentum zu tun hat. (2, S. 148f) Und Ebertz interpretiert die Waldorf-Umfrage-Ergebnisse dahingehend, daß die Ex-Waldorf-Schüler nicht besonders stark durch *irgendeine* institutionelle Religion geprägt sind (auch nicht insgesamt gesehen im engeren Sinne durch die Anthroposophie), sondern zunächst einmal vor allem durch die sogenannte ("überschichtete") "universale Religion".

"Insider" bei den Anthroposophen - hier der Hamburger Christengemeinschafts-Pfarrer F. Hörtreiter (4) - formulieren, so zitiert Ebertz, daß es "bei uns viel Anarchie und Individualismus" gäbe. (2, S. 144) Also eigentlich alles eher typische Eigenschaften von Konfessionslosen und Atheisten - aber eben dennoch auch mit der aufgezeigten überdurchschnittlichen Geburtenrate.

Ich glaube, es wird gar nicht so ganz einfach sein, ähnlich fest umrissene Gruppierungen wie die hier behandelten Ex-Waldorf-Schüler oder die Patientengruppen von anthroposophischen Ärzten zu finden, von deren "universaler Religion" man so einfach wie bei dieser Gruppierung nachweisen könnte, daß diese auch bei Konfessionslosen überdurchschnittliche Geburtenrate bewirkt und mit sich bringt.
___________________

1. Randoll, Dirk; Barz, Heiner: Absolventenstudie zur Waldorf-Pädagogik (Deutschland). Tabellenband 1. (frei herunterladbar als pdf. ---> hier.)
2. Ebertz, Michael N.: Was glauben die Ehemaligen? In: Barz, Heiner; Randoll, Dirk (Hg.): Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007 (St. gen.-Buchladen), S. 133 - 160 [wesentliche Auszüge - der Fragebogen, alle Rohdaten und die Einleitung - auch auf: www.waldorf-absolventen.de]
3. Campiche, Roland J.: Die zwei Gesichter der Religion. Faszination und Entzauberung. Zürich 2004
4. Hörtreiter, F.: Anthroposophie und christlicher Glaube. Eine Erwiderung auf Bernhard Grom SJ. In: Materialdienst der EZW 68/2005, S. 251 - 255 (im Netz siehe hier)

Freitag, 15. Februar 2008

Anthroposophen: Auch Neue (nicht-monotheistische) Religiosität in westlichen Gesellschaften erhöht Geburtenrate

Religionswissenschaftler Michael Blume vermutete gelegentlich in verstreuten Diskussionen, daß die leicht überdurchschnittliche Geburtenrate der Anthroposophen (St. gen. 1, 2) darauf zurückgeführt werden könnte, daß sie betonter als die Durchschnitts-Bevölkerung christlich-religiös wären. (Blume, Abgefischt 1, 2, 3) Er erwähnt, daß Rudolf Steiner selbst eine "Christengemeinschaft" gegründet hätte, die heute noch fortbesteht. Zu ergänzen ist zu letzterem zunächst, daß Rudolf Steiner selbst dieser Christengemeinschaft offenbar nie beigetreten ist. (1, S. 137)

Die religionssoziologische Literatur zu den Anthroposophen zeichnet nun aber doch ein wesentlich vielschichtigeres Bild, als offenbar von Michael vermutet. (1) 1.124 frühere Absolventen von Waldorf-Schulen wurden Ende 2004, Anfang 2005 - auch - zu ihrer religiösen Orientierung befragt (1, S. 134ff). (pdf.)

Die Kompliziertheit der bezüglich einer solchen Menschengruppe wie den Anthroposophen vorliegenden Verhältnisse wird zunächst besonders verdeutlicht durch die Tatsache, daß 60 % der Waldorfschul-Absolventen der Anthroposophie selbst indifferent, skeptisch oder negativ gegenüber stehen! (!!!) (1, S. 137) Und dennoch würden 80 % der Befragten wieder auf eine Waldorf-Schule gehen. (1, S. 139) (!!!) Also offenbar liegt hier, wie von mir schon vermutet, eine religionsdemographische Untersuchungs-Gruppe vor, deren Gemeinsamkeit vor allem erst einmal nur in einem gewissen Lebensgefühl besteht (z.B. "Öko" und "Birkenstock") und viel weniger in der Orientierung an einer bestimmten festumrissenen Ideologie, Weltanschauung oder Religion.

43 % Kirchenfreie unter den Waldorf-Schul-Absolventen - Tendenz steigend

Da man nun schon der Anthroposophie selbst so indifferent gegenüber steht, werden sich diese Umstände noch einmal verstärkt kundtun im Verhältnis zu den überkommenen christlichen Religionen. Hierzu einige Daten:

Während es
- in Deutschland insgesamt im Jahr 2005
32 % Kirchenfreie (Konfessionslose) und 65 % Kirchenmitglieder unter der Bevölkerung gab,
- in den neuen Bundesländern jedoch
70 % Kirchenfreie und 30 % Kirchenmitglieder,
gab es unter den 2004/05 befragten früheren Absolventen von Waldorf-Schulen (alles Westdeutsche):
43 % Kirchenfreie und 57 % Kirchenmitglieder. (1, S. 134f) Also eine Kirchlichkeitsrate, die ziemlich genau auf der Mitte zwischen all den "Namenschristen" der alten Bundesländer und all den "Atheisten" der neuen Bundesländer angesiedelt ist.

Ich denke also, Michael wird einige Gehirn-Akrobatik aufwenden müssen, um eine gegenüber der Normalbevölkerung leicht überdurchschnittliche Geburtenrate durch eine gegenüber der Normalbevölkerung deutlich unterdurchschnittliche Kirchlichkeitsrate erklären zu können.

Dabei ist noch festzustellen, daß die Nichtkirchlichkeitsrate unter den Anthroposophen (bzw. hier: Waldorfschul-Absolventen) zu steigen scheint, daß sie aber schon bei den älteren Jahrgängen überdurchschnittlich hoch war. Bei den 30 - 37-Jährigen lag sie im 2004/05 bei 47 % Kirchenfreie (53 % Kirchenmitglieder), während schon die älteren Jahrgänge (62 - 66-Jährige) eine gegenüber der heutigen Durchschnittsbevölkerung überdurchschnittlichen Anteil an Kirchenfreien/Konfessionslosen aufwiesen: 38 % Konfessionslose gegenüber 62 % Kirchenmitgliedern.

Also noch einmal wiederholt: Die Waldorfschul-Absolventen der letzten Jahrzehnte weisen (anzunehmenderweise) eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate bei zugleich leicht bis deutlich unterdurchschnittlicher Kirchlichkeitsrate auf. Sie stehen was Kirchenmitgliedschaft betrifft, zwischen der Durchschnittsbevölkerung der alten und der der neuen Bundesländer, und zwar auch schon die älteren Jahrgänge. Und zwar obwohl sie in ihrer weit überwiegenden Mehrheit Bewohner der alten Bundesländer sind. Von einer betonteren Nähe zu Kirche und Christentum scheint hier nirgends die Rede sein zu können.

Nachwuchsprobleme der anthroposophischen "Christengemeinschaft"

Aber noch weitere Tatsachen können Hinweise geben:

Von den Kirchenmitgliedern unter den Waldorfschul-Absolventen (also von den genannten 57 %) gehören
55 % protestantischen Kirchen
17 % der katholischen Kirche
17 % der (schon eingangs genannten anthroposophischen) "Christengemeinschaft" und
10 % jüdischen, buddhistischen und anderen Glaubensgemeinschaften an. (1, S. 136)

Bei den jüngeren Jahrgangsgruppen ist nun aber auffälligerweise der Anteil der Mitglieder bei der "Christengemeinschaft" auf 12 % gesunken, der Anteil der Katholiken jedoch auf 27 % gestiegen. "Was auch," wie die Studie vermutet, "auf erhebliche Nachwuchsprobleme dieser Weltanschauungsgemeinschaft" (nämlich der Christengemeinschaft) "schließen läßt". (1, S. 137)
[Achtung, die folgenden beiden Absätze sind unklar, deshalb verkleinert. Die Dinge werden in einem späteren Beitrag besser geklärt. Genaueres dazu siehe ---> hier.]
Es drängt sich also auch hier der Eindruck auf: Die von Michael genannte "Christengemeinschaft" selbst und eine betont christliche Orientierung unter Anthroposophen scheinen es nicht zu sein, die ihre leicht überdurchschnittliche Geburtenrate hervorrufen. Wie denn auch, wenn es offenbar die etwa 20.000 Mitglieder der "Christengemeinschaft" in Deutschland sind, also offenbar der "Kerntruppe" der christlich Gesonnenen unter den Anthroposophen, die die deutlichsten Nachwuchsprobleme unter ihnen haben. Wenn die leicht überdurchschnittliche Geburtenrate der Anthroposophen auf eine betontere Christlichkeit zurückzuführen sein sollte, dann sollte doch genau dieser Umstand noch einmal am Mitgliederzuwachs der "Christengemeinde" zusätzlich deutlich und prägnant festzustellen sein.
Aber genau das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Viel mehr:
Es eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate bei überdurchschnittlicher und stetig wachsenden Anteilen von Konfessionslosigkeit.
Ich denke, diese Tatsachen sind ausreichend, um die Hypothese (von Michael) zurückzuweisen, es wäre eine überdurchschnittliche Christlichkeit, die die überdurchschnittliche Geburtenrate bei den Anthroposophen hervorruft.


Aber welche Art von Religiosität könnte es dann sein, die das typische Lebensgefühl von anthroposophisch orientierten Menschen (hier: Waldorfschul-Absolventen) ausmacht? Dies wird in den weiteren Ausführungen der Studie etwas verdeutlicht. Es sind bei der Befragung von 2004/05 auch Aussagen abgefragt wie die folgenden: "Der Gedanke an eine höhere kosmische Ordnung gibt mir Sinn und Orientierung in meinem Leben." Dieser Satz wird von 58 % der Befragten bejaht. (1, S. 141) Weiterhin werden Wiedergeburts-Glaube, Karma-Glaube, "Existenz höherer Wesensglieder" und "meditative/kontemplative Erfahrung" abgefragt jeweils mit hier nicht genauer aufzuschlüsselnden - aber interessanten - Ergebnissen.

Und im "Ausblick" der hier benutzten Studie heißt es noch deutlicher:
"Auf dem Hintergrund der hier vorgelegten Analyse vermute ich unter den Befragten neben einigen (wenigen) christlichen und nicht-christlichen Theisten, die an eine höhere, außerweltliche Macht glauben, zu der jeder einzelne eine Beziehung aufbauen kann, eine - je jünger sie sind - starke Majorität an so genannten 'Vitalisten', welche die persönliche Existenz durch Wiedergeburt in einem Kreislauf des Lebens und der Natur eingespannt sehen und den Sinn des Lebens in ihm selbst sehen." (1, S. 158)
Fazit: Die Anthroposophen wird man in ihrer Gesamtheit keineswegs als prononciert oder überdurchschnittlich durch Monotheismus geprägte Menschen ansehen können. Und auch ihre leicht überdurchschnittliche Geburtenrate wird man deshalb auf andere Ursachen zurückführen müssen, als gerade auf eine solchartige Prägung.

_______________

Abschließend noch einmal Originaltext der Studie:
"Läßt die Gesamtbevölkerung in Deutschland aller religiösen und weltanschaulichen Pluralität zum Trotz immer noch eine ziemlich klare Präferenz für das Christentum und die beiden großen Konfessionskirchen erkennen, zumindest was die formale Zugehörigkeit angeht, wird man hiervon bei den ehemaligen Waldorfschülerinnen und -schülern immer weniger ausgehen können. Sie stellen keinen religiöse Mikrokosmos der religiösen Landschaft in Deutschland dar. Eine starke Minderheit, nämlich gut zwei Fünftel der Befragten, ist religiös nicht organisiert (43 %); je jünger die Befragten sind, desto geringer ist dere Anteil der religiös Organisierten (30 - 37jährige: 53%). Diese machen bei den älteren Alterskohorten immerhin noch zwei Drittel aus (62-66jährige: 62%). (...)

Die Nähe und Ferne zur Anthroposophie scheint hierbei in keinem signifikanten Zusammenhang zu stehen; die Wahrscheinlichkeit ist nur etwas größer, unter den der Anthroposophie nahe stehenden Absolventinnen und Absolventen auch auf religiös Organisierte zu stoßen. (...) Mehr Frauen (60 %) als Männer (52 %) unter den Befragten gehören einer Religionsgemeinschaft an."

"Bereits die vergleichsweise schwache konfessionelle Bindung der ehemaligen Waldorfschüler weist darauf hin, daß sie - jedenfalls ein Großteil unter ihnen - nicht zum Pol der institutionalisierten Religion tendieren."

________________

Benutzte Literatur:

1. Ebertz, Michael N.: Was glauben die Ehemaligen? In: Barz, Heiner; Randoll, Dirk (Hg.): Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007 (St. gen.-Buchladen), S. 133 - 160 [wesentliche Auszüge - der Fragebogen, alle Rohdaten und die Einleitung - auch auf: www.waldorf-absolventen.de]

Montag, 4. Februar 2008

Kinderlose sorgen stärker für Neffen und Nichten als Eltern von eigenen Kindern

Tolles neues Forschungsergebnis (New Scientist, Eharmony.com):

"Tante Nina und ihre Neffen und Nichten"
Kinderlose Ehepaare hatten im Jahr 1910 in den USA statistisch gesehen drei mal so viel Neffen und Nichten, die bei ihnen lebten, als Ehepaare mit Kindern. Die Forscher (Thomas Pollet und - wieder einmal - Robin Dunbar) sehen dies als Bestätigung dafür, daß die Rolle des (kinderlosen) "Helfers am Nest" (nahe verwandter Artgenossen), für die es bei den verschiedensten Tierarten schon die reichste Bestätigung gibt (z.B. bei Vögeln), auch noch beim Menschen wirksam ist.

Zwar könnte man Liebe zu nahe Verwandten zunächst einmal als etwas empfinden, das sehr wenig mit Kosten- und Nutzen-Denken zu tun hat. Auf bewußter Ebene des einzelnen Menschen wird das auch durchaus so sein. Nur unsere Gene "denken" darüber offenbar anders. Sie "flüstern uns" offenbar sozusagen zu, so zu handeln im Interesse des Fortbestandes derselben.

Heute sind diese Verhältnisse nicht mehr so stark ausgeprägt, aber im Jahr 2004 befragte kinderlose, verheiratete, belgische Frauen hatten viel mehr Telefon- und Email-Kontakt mit ihren Nichten und Neffen als verheiratete Frauen mit Kindern.

Ich glaube, heute ist man nicht mehr so leicht bereit, seine Kinder bei Onkeln oder Tanten aufwachsen zu lassen. Dabei wäre das eine Möglichkeit, mit ungewollter Kinderlosigkeit umzugehen, die hier auf dem Blog schon thematisiert worden war (Stud. gen.).

Dienstag, 22. Januar 2008

Anthroposophen: Akademiker-lastige Gruppierung mit leicht überdurchschnittlicher Geburtenrate

Ich hatte gerade einen längeren, mit vielen Daten und Zitaten gespickten Beitrag über die Sozialstruktur und Familiengrößen der Anthroposophen und anthroposophisch orientierten Menschen fertig gehabt - aber: alles gelöscht! Irgend ein dummes Versehen. Deshalb schreib ich die wichtigsten Inhalte jetzt noch einmal aus dem Gedächtnis und ohne die umfangreichen Literaturnachweise und Zitate auf. (Voriger Beitrag zum Thema siehe St. gen.)

Man findet über Google Scholar (und Universitäts-Abonnement vieler medizinischer Zeitschriften) online viele neuere vergleichende medizinische Studien (1 - 6) zu Patientengruppen, die sich von anthroposophisch orientierten Ärzten behandeln lassen im Vergleich mit Kontrollgruppen, auch zu Waldorf-Schülern, Bauernkindern im Vergleich zu sonstigen Kindern. Es gibt inzwischen zu solchen Studien auch eine "Metastudie" (2), die 170 solcher Einzelstudien vergleichend beschrieben und ausgewertet hat. In dieser Schweizer Metastudie werden also noch viele weitere Einzelstudien der letzten Jahre und Jahrzehnte genannt, aus denen man sich Daten zur Sozialstruktur und zu Familiengrößen der Anthroposophen heraussuchen kann. Auch hat Michael Blume eine Magisterarbeit von Carsten Ramsel angekündigt, in der Aussagen zur "Religionsdemographie" der Anthroposophen gemacht werden. All diese Quellen lassen ein ähnliches Bild aufscheinen:

Menschen, die der Anthroposophie Wertschätzung entgegenbringen, bzw. dementsprechende Patientengruppen in deutschsprachigen Ländern, den Niederlanden oder auch in Schweden, zu tausenden untersucht, bestehen zu einem viel höheren Anteil aus Menschen mit Hochschulabschluß als die Durchschnittsbevölkerung, der Anteil der Alleinlebenden unter ihnen ist leicht niedriger, der Anteil jener unter den Waldorf-Schülern, die ältere Geschwister haben, ist leicht höher, die Familiengröße, bzw. die Zahl der Personen pro Haushalt ist leicht überdurchschnittlich. Es gibt unter ihnen wesentlich weniger Raucher und Übergewichtige. Es gibt nicht nur über 200 Schulen mit 80.000 Waldorf-Schülern und jährlich 5.000 Abiturienten in Deutschland, sondern - für mich überraschend - auch ganze Krankenhäuser und Altersheime von und für Anthroposophen. Räumliche Schwerpunkte der Anthroposophen in der BRD sind Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.

Sind Anthroposophen Christen?

Es muß noch die Beziehung der Anthroposophen zu den christlichen Kirchen untersucht werden. Die 1922 gegründete anthroposophische "Christengemeinschaft" sieht - laut einer bayerischen Kirchenzeitung von 2002 (ein Netzfund) - die christlichen Kirchen als eine durch die Geschichte überwundene Form der Religiosität an, toleriert aber Doppelmitgliedschaft, während bspw. die Evangelische Kirche einer solchen Doppelmitgliedschaft mit sehr gerunzelter Stirn gegenüber zu stehen scheint.

Ist aber nun der "anthroposophische Lebensstil" wesentlich von der Tatsache geprägt, daß das Christentum in der Anthroposophie noch eine Rolle spielt? Nach meinem persönlichen Eindruck zunächst nicht. Aber man sollte der Frage nachgehen, wie hoch der Anteil der Menschen ist, die der Anthroposophie Wertschätzung entgegenbringen und zugleich noch nicht aus der christlichen Kirche ausgetreten sind.

Warum sind die Anthroposophen wichtig?

Insgesamt jedenfalls könnte man die Anthroposophen deshalb als wichtig ansehen, weil sie offenbar bislang einer der wenigen klareren Beweise dafür darstellen könnten, daß auch eine vorwiegend nicht-monotheistische Spiritualität und Weltanschauung in moderner Zeit dazu fähig ist, überdurchschnittliches soziales Engagement, überdurchschnittliche Familien- und Haushaltsgrößen, überdurchschnittliches Interesse von Frauen an diesem Lebensstil, überdurchschnittlich gesunde Lebensweise und insgesamt auch überdurchschnittliche Geburtenraten hervorzubringen. Dies wäre dann ein Beweis dafür, daß auch nicht-monotheistische Weltanschauung und Religiosität (Spiritualität) in heutigen westlichen Gesellschaften an sich dazu befähigt sind, die Geburtenraten zu erhöhen. Ein Beweis, auf den sich die Wissenschaft, soweit ich sehe, bislang noch nicht eingeschossen hat. Diese Fähigkeit weist also auch in modernen westlichen Gesellschaften nicht nur monotheistische religiöse Verbundenheit auf. Ich denke, dies sollte ein für viele Menschen nicht ganz unwichtiger Befund sein.

Insbesondere die Tatsache, daß höhere Bildung auch in nicht-monotheistischen Zusammenhängen mit überdurchschnittlicher Geburtenrate gekoppelt sein kann, sollte aufhorchen lassen.
________________

Ausgewertete Literatur:

1. Roland Unkelbach u.a.: Unterschiede zwischen Patienten schulmedizinischer und anthroposophischer Hausärzte. In: Forsch Komplementärmed 2006;13:349–355, Published online: November 3, 2006
2. Gunver S. Kienlea u.a.: Anthroposophische Medizin: Health Technology Assessment Bericht – Kurzfassung. In: Forsch Komplementärmed 2006;13(suppl 2):7–18
3. Helen Flöistrup u.a.: Allergic disease and sensitization in Steiner school children. In: J ALLERGY CLIN IMMUNOL, JANUARY 2006, Available online November 29, 2005
4. Harald J. Hamre u.a.: Anthroposophic vs. conventional therapy of acute respiratory and ear infections: a prospective outcomes study. In: Wien Klin Wochenschr (2005) 117/7–8: 256–268
5. H. J. Hamre u.a: ANTHROPOSOPHIC THERAPIES IN CHRONIC DISEASE: THE ANTHROPOSOPHIC MEDICINE OUTCOMES STUDY (AMOS). In: Eur J Med Res (2004) 9: 351-360
6. Johan S Alm u.a.: Atopy in children of families with an anthroposophic lifestyle. In: Lancet 1999; 353: 1485 – 88

Sowie zahlreiche deutschsprachige Netzseiten zu anthroposophischen Themen und von anthroposophischen Organisationen.

Donnerstag, 17. Januar 2008

Die Geburtenrate von Anthroposophen

Fragen zur Religionsdemographie nicht-monotheistischer Gruppierungen

Michael Blume hat wieder einen interessanten Beitrag, diesmal über einen neuen Werbespot von "Du bist Deutschland". (M. Blume) Der frühere bekannte Werbespot wurde auch hier auf "Studium generale" schon behandelt. Dieser neue Beitrag von Michael regte mich erneut dazu an, über die Kinderzahlen von Gruppierungen nachzudenken, die weltanschaulich nicht-monotheistisch geprägt sind - aber dennoch Phänomenen wie "Spiritualität" oder "Religiosität" nicht gleichgültig gegenüber stehen.

Und mir fielen da zuerst die Anthroposophen ein, weil es einen doch immer wieder auch erstaunt, welches soziale Engagement sie in der Öffentlichkeit entfalten: Waldorf-Kindergärten, Waldorf-Schulen und so vieles andere mehr ("Waldorf-Minister" ...). Schon dieses soziale Engagement und (Verantwortungs-) Bewußtsein könnten auf ähnlich erhöhte Geburtenraten gegenüber der Durchschnitts-Bevölkerung hinweisen wie dies ja auch bei kirchlich oder freireligiös geprägten Menschen der Fall ist, die sich auch stärker sozial engagieren. Also könnte sich die Frage stellen: Haben Anthroposophen im Durchschnitt mehr Kinder als die Durchschnitts-Bevölkerung?

Gibt es dazu Literatur?


Hier ein recht "typisches" (?) Lehrerkollegium einer Waldorfschule (Würzburg, 1981)

Waldorf-Schüler haben weniger Allergien

Netz-Suche etwa mit Stichworten wie "anthroposophisch" und "Kinder" ergeben durchaus den einen oder anderen Hinweis. So ist 2006 eine Studie veröffentlicht worden, wonach Waldorf-Schüler etwas weniger unter Allergien leiden als Kinder der Normal-Bevölkerung. (Wellness-beauty-info.de, Purenature.de) Eine niedrigere Allergie-Rate ist ja auch schon einmal von Kindern festgestellt worden, die auf dem Bauernhof aufwachsen. (Siehe früherer St.gen.-Beitrag) Vielleicht gibt es bei beiden Gruppierungen Überschneidungen in den Lebenstilen?

Jedenfalls werden die Ergebnisse dieser Allergie-Studie auch damit begründet, daß Waldorf-Kinder in der Regel (oder häufiger) in "kinderreichen Familien" aufwachsen würden. So sagt Professor Dr. Christoph Schempp, Oberarzt an der Universitäts-Hautklinik Freiburg:
... Es gibt zum Beispiel eine große Studie, die in The Lancet erschien, und in der Waldorf-Kinder mit Kindern aus nicht-anthroposophischer Erziehung verglichen wurden. Die Waldorf-Kinder hatten signifikant weniger Allergien. Diese Studie legt nahe, dass in kinderreichen Familien mit vorwiegend lactovegetabiler Ernährung und geringer Zahl von Impfungen weniger Allergien auftreten.
Herr Schempp unterstellt also hier, wenn ich richtig verstehe, daß Waldorf-Kinder eher in kinderreichen Familien aufwachsen, als Nicht-Waldorf-Schüler. *) Das ist sicher auch in der von ihm erwähnten Studie untersucht worden. Google-Scholar nun liefert mancherlei spannende Ergebnisse unter dem Stichwort "anthroposophic", also zum Thema statistisch feststellbare medizinische Auswirkungen eines anthroposophischen Lebenstiles. Dabei wird immer wieder auch "family size" oder ähnliches in den untersuchten Gruppen abgefragt. - Überhaupt, so fällt mir nun ein, könnten solche medizinischen Untersuchungen, die Familiengrößen mit abfragen, eine interessante Quelle auch für religionsdemographische Untersuchungen sein! (- ?)

Gibt es den Anthroposophen vergleichbare Gruppierungen?

Aber welche Gruppierungen könnte man bezüglich solcher religionsdemographischer Fragestellungen noch untersuchen? Es müßten ähnlich große Gruppierungen wie die Anthroposophen sein, wenn man zu aussagekräftigeren Ergebnissen kommen will. Denn irgendwelche zahlenmäßig sehr kleinen Gruppierungen und "Splittergruppen" müssen noch nicht sehr repräsentativ sein. Nur aus diesem Grund erscheinen mir die Anthroposophen wichtig.

Selbst ein solches Kriterium wie "politisch konservativ" bringt ja keine statistisch höhere Geburtenrate mit sich heute in Deutschland, wenn ich das recht in Erinnerung habe. Einen besonders ausgeprägten "Patriotismus" jenseits weitgehend hohler Worte findet man ja in diesen Kreisen auch schon lange nicht mehr. Zwischen beiden Phänomenen (hohler Patriotismus und durchschnittliche Geburtenrate) werden wohl Wechselbeziehungen bestehen. Koch thematisiert Jugendkriminalität statt Familienpolitik. Das sagt wohl alles ...

Deshalb macht ja wohl auch die CDU heute immer noch eine solch merkwürdige Familienpolitik, das heißt: immer noch gegen die Vorschläge solcher aus der Wandervogel-Bewegung hervorgegangener Sozialreformer wie Gerhard Mackenroth, die sich schon in den 1950er Jahren gegen die Adenauer-Regierung nicht durchsetzen konnten. (siehe frühere St. gen.-Beiträge über Mackenroth)

(Ein Folgebeitrag zu diesem findet sich ---> hier.)
____________

*) Ich werde mich hier übrigens keinesfalls in die in vielen Kreisen - auch in meiner Verwandtschaft - hochgradig beliebte Debatte über Impfen und Ernährungsfragen hineinmischen. Mir geht es hier nur um das Thema Religionsdemographie.

Freitag, 30. November 2007

Ist die Kunst der Mutter die Mutter der Kunst?


Liegen die evolutionären Wurzeln der Kunst in der Mutter-Kind-Bindung?

Eine bestechende These hat Ellen Dissanayake aufgestellt, zuletzt in ihrem Buch "Art and Intimacy: How the Arts Began".

"Her books are considered classics among Darwinian theorists and art historians alike," las man vor drei Tagen in der New York Times.

Ihre These erinnert wieder einmal an die hier auf dem Blog schon behandelte These der Anthropologin Barbara King, nach der die tiefste evolutionäre Wurzel menschlicher Religiosität im "Zugehörigkeitsgefühl", im Gefühl der Verbundenheit mit den Mitmenschen liegen sollte. Das sagt Ellen Dissanayake auch über die Kunst - aber sie geht noch weiter (NYT):
After studying hundreds of hours of interactions between infants and mothers from many different cultures, Ms. Dissanayake and her collaborators have identified universal operations that characterize the mother-infant bond. They are visual, gestural and vocal cues that arise spontaneously and unconsciously between mothers and infants, but that nevertheless abide by a formalized code: the calls and responses, the swooping bell tones of motherese, the widening of the eyes, the exaggerated smile, the repetitions and variations, the laughter of the baby met by the mother’s emphatic refrain. The rules of engagement have a pace and a set of expected responses, and should the rules be violated, the pitch prove too jarring, the delays between coos and head waggles too long or too short, mother or baby may grow fretful or bored.

To Ms. Dissanayake, the tightly choreographed rituals that bond mother and child look a lot like the techniques and constructs at the heart of much of our art. “These operations of ritualization, these affiliative signals between mother and infant, are aesthetic operations, too,” she said in an interview. “And aesthetic operations are what artists do. Knowingly or not, when you are choreographing a dance or composing a piece of music, you are formalizing, exaggerating, repeating, manipulating expectation and dynamically varying your theme.” You are using the tools that mothers everywhere have used for hundreds of thousands of generations.
Die gelungene Kommunikation zwischen Mutter und Kind ist also eine Kunst. Und alles, was der Mensch seither gemacht hat, ist eine Imitation dieser frühen Kommunikation mit seiner Mutter. Klar! Wie sollte es denn auch sonst sein?

Auf geht's also, Ihr Mütter und Väter und Ihr, die Ihr's werden wollt! Werdet wieder Künstler! Werden Euch Eurer Künstlerschaft bewußt. Das ist jene Vereinigung von Kunst und Leben, von der so viele Menschen träumen oder geträumt haben:
.... Sprache der Liebenden
Sei die Sprache des Landes
Ihre Seele der Laut des Volks!

(Friedrich Hölderlin, Die Liebe)

Freitag, 26. Oktober 2007

Eckart Voland - Nachdenken über Altruismus und Gruppenmoral

Auf das Buch von Eckart Voland "Die Natur des Menschen - Grundkurs Soziobiologie", wurde man erneut hingewiesen durch Michael Blume's begeisterten Hinweis. - Und das ist tatsächlich ein ganz hervorragendes Buch, das leicht unterschätzt werden kann. Denn es sind nicht nur "alte Gedanken neu aufgewärmt" (wie man hätte erwarten können), sondern auch neue Gedanken eingestreut. Nicht nur an sich neue, sondern auch gegenüber den ursprünglichen FAZ-Essay's (aus denen dieses Buch hervorgegangen ist) neue Gedanken. (s. FAZ - jetzt leider kostenpflichtig)

Die "evolutionär in Zwischengruppenkonflikten geformten Psyche" des Menschen

So ist das Kapitel "Das Doppelgesicht der Moral" gegenüber dem ursprünglichen FAZ-Essay deutlich umgeschrieben und erweitert worden. Ich finde die mir sehr treffend und gelungen erschienene Phrase von der "evolutionär in Zwischengruppenkonflikten geformten Psyche" des Menschen im Buch-Essay nicht mehr. Diese Phrase hatte deutlicher als alle anderen Ausführungen gemacht, daß es auch "Gruppenselektion" gewesen sein könnte, die menschlichen Altruismus hervorgebracht hat. Dies wird ja von vielen soziobiologischen Denkern angenommen, etwa von William D. Hamilton, Richard Alexander, David Sloan Wilson, Edward O. Wilson, Kevin MacDonald und vielen anderen.

Dafür formuliert Voland dann aber auf den Seiten 28 bis 32 eine mehr oder weniger neue Theorie zur "Evolution persönlicher Opferbereitschaft" und - damit verbunden - "des Gewissens", die sicherlich noch mancherlei Diskussionbedarf mit sich bringt. Offenbar wird auf diese Weise versucht, Altruismus gegenüber größeren Gruppen (d.h. in komplexen Gesellschaften) anders zu erklären als durch Gruppenselektion. Voland beruft sich dabei insbesondere auf einen "Science"-Aufsatz von Herbert A. Simon (1990) "A mechanism for social selection and successfull altruism", dessen Inhalt er folgendermaßen wiedergibt:
"... Man könnte es das 'Steuer-Modell' nennen. Es basiert auf der simplen Überlegung, daß es im Fitneßinteresse einer Familie liegen könnte, einen Teil der Nachkommenschaft zu wahrhaften Altruisten zu erziehen, die möglicherweise ihr Leben für die Gemeinschaft einsetzen, unter der Voraussetzung, daß sich auf diese Weise der Bestand der eigenen familiären Linie sichern läßt." (S. 32)
Voland geht von einer deutlichen und langfristigen Beeinflussung des Gewissens der Kinder durch die Eltern aus (was, soweit ich sehe, in Widerspruch steht zu den Thesen von Judith Rich Harris), und vernachlässigt dabei meiner Meinung nach die Beeinflussung des Gewissens durch die weitere Gesellschaft (bzw. die Gruppe der Gleichaltrigen). Aber trotzdem ist die These es wert, bedacht zu werden. Sie zeigt wieder einmal, wie sehr sich die Soziobiologie immer noch unter Erklärungsdruck fühlt, den Altruismus gegenüber größeren Gesellschaften (die über 500 Personen hinausgehen) zu erklären, und zwar jenen Altruismus, der nicht mit besonders einfachen tit-for-tat-Modellen erklärt werden kann und ebensowenig mit einfachen Verwandten-Altruismus-Modellen.

Heldentum in komplexen Gesellschaften - zur Sicherung der eigenen Familien-Linie?

Aber ob die Evolution tatsächlich so arbeitet und mit einem "Gewissen-Steuer-Modell" Evolutionsstabilität für (genetisch oder nur "memetisch" mitmotivierte?) Opferbereitschaft erreicht? Könnte man sich nicht auch überlegen, ob überdurchschnittliche Opferbereitschaft für eine größere Gesellschaft ganze Familienlinien innerhalb dieser Gesellschaft aussterben läßt, womit ihre - Altruismus und Opferbereitschaft veranlassenden (und mitbeeinflussenden) Gene oder Meme ebenfalls ausgestorben wären?

Man denke doch nur an die hohen Kriegsverluste seit Jahrhunderten in vielen adligen - etwa preußischen oder russischen - Familien, in denen es üblich war, daß die Söhne Offiziere wurden und Kriegsdienst leisteten. Das muß wohl noch genauer durchdacht und empirisch überprüft werden. Diese Überprüfung muß nicht so schwer sein: Es ist einfach zu fragen, ob die Adelsfamilien durch Kinderreichtum langfristig die Kriegsverluste kompensiert haben. Aber ob die Möglichkeit zum Kinderreichtum tatsächlich vor allem durch den Kriegsdienst der Söhne sichergestellt wurde oder nicht doch eher durch disziplinierte Bewirtschaftung der Familiengüter, bzw. durch eine Beamtenlaufbahn? Und warum mußten im 19. Jahrhundert immer mehr "Bürgerliche" zugelassen werden für die Offizierslaufbahn? Waren etwa in der unter starkem Bevölkerungswachstum stehenden Gesellschaft nicht mehr genügend Adelsfamilien dafür vorhanden? Oder zog der Adel beim Bevölkerungswachstum anteilmäßig parallel? Fragen, Fragen, Fragen ...

Das Wir-Gefühl ...

Im nächsten Kapitel findet sich der folgende Gedankengang über die langfristigen Entwicklungen im neuzeitlichen Europa:
"... In der zentralen Tendenz nimmt die Präferenz des Ich über das Wir zu. Kollektive zerfallen zu Einzelkämpfern. Das Gefühl und das Wissen um das 'Wir' gehen zunehmend verloren. Dieser Verlust wird offensichtlich nicht gut verkraftet. Die neuronalen Schaltkreise - Experten sprechen auch gern von 'darwinischen Algorithmen', um das etwas altbackene Wort 'Instinkt' zu vermeiden -, die neuronalen Schaltkreise also für das Wir-Gefühl suchen Input. Das Gehirn braucht ganz offensichtlich Selbstvergewisserung über das Wir, braucht zumindest einen Hauch kollektivistischer Ich-Entgrenzung. Und dies nicht etwa, weil es in der Moderne immer noch funktional wäre, im Wir auf- und unterzugehen, nein, der Bedarf entsteht einfach nur deshalb, weil es die entsprechenden Programme des Gehirns gibt, die bedient werden wollen."
Man könnte zu dem letzteren Satz viele Einwände bringen, etwa den, daß das Wir-Gefühl des aschkenasischen Judentums noch in den letzten 1.000 Jahren möglicherweise evolutionäre Weiterentwicklung bewirkt hat (z.B. im IQ). Warum also sollte das gegenwärtig und künftig nicht ähnlich funktionieren? Aber das ist ein langes Thema.

Prägungsähnliches Lernen von Aspekten der Gruppenmoral, der Heimatliebe und vielem anderem

Außerdem bringt dann das letzte Kapitel "Lernfähig aber nicht belehrbar" endlich die Literatur-Nachweise, auf die ich schon lange gewartet habe, für jene spannende These des Essay's, die folgendermaßen formuliert ist:
"... Wie neuere Untersuchungen vermuten lassen, werden neben der Sprache auch Aspekte der Gruppenmoral, Nahrungspräferenzen, der Umgang mit Zeit und Risiken, Landschafts- und Heimatliebe, Kinderliebe, Einstellungen zum Inzest und anderes mehr auf eine vergleichbare, prägungsähnliche Art und Weise gelernt."
Die im FAZ-Essay in dieser Aufzählung noch mit aufgeführten Phänomene Sexualmoral und Geschlechtsstereotypen sind im Buch - erst mal noch? - weggelassen worden. Schienen Voland die Belege dafür noch nicht sicher genug?

Ich habe mir nun den Literaturnachweis für die Landschafts- und Heimatliebe genauer angeschaut (im Buch "Evolutionary Aesthetics", hrsg. von E. Voland, 2003) und vermute, daß diese Aussage tatsächlich zunächst nur eine "Vermutung" von Herrn Voland ist, die nur andeutungsweise durch die angeführte Literatur schon sicher belegt würde. Zum Beispiel wird dort aufgeführt, daß Kinder eindeutig Savannen-Landschaften als Lieblings-Landschaften bewerten (und zwar - offenbar - kulturunabhängig!!!), daß aber nach der Pubertät zum Beispiel Getreide-Bauern stattdessen jene Landschaft bevorzugen, in der sie arbeiten, ebenso wie Rinder-Bauern und Förster die ihre (alle im Westen der USA befragt). Ob es sich hier tatsächlich um ein "prägungsähnliches Lernen" handelt, scheint mir noch nicht sehr sicher belegt und tiefgehend behandelt - aber gewiß auch nicht ausgeschlossen.

Prägungsähnliches Lernen von Kinderliebe?

Auf jeden Fall weiterhin eine spannende, weiter zu verfolgende These. Der Literaturnachweis für das prägungsähnliche Lernen von Kinderliebe "When does Liking Children Lead to Parenthood?" (Athanasios Chasiotis u.a. in Journal of Cultural and Evolutionary Psychology, 2006) vertritt die These:
"The model assumes that the interactional context of having younger siblings during childhood shapes the development of implicit prosocial motivation which in turn influences the verbalized, explicit articulation of parenting attitudes finally leading to becoming a parent. After examining the data for comparability across three selected cultures from Latin-America, Africa, and Europe, the model was tested via structural equation modelling. Results showed that the model is valid for males as well as females and can be applied in all three cultural samples. These findings point at a universal developmental pathway by specifying contextual and motivational factors leading to parenting behavior."
Grob gesagt wird also empirisch belegt (was hier auf dem Blog schon behandelt wurde), daß Menschen, die mit jüngeren Geschwistern aufwachsen auch selbst mehr Kinder haben. Wieder die Frage: Ist das prägungsähnliches Lernen? - Aber warum eigentlich nicht? So etwas ähnliches doch bestimmt?

Für das prägungsähnliche Lernen von Aspekten der Gruppenmoral ist als Buch-Verweis Marc Hauser "Moral Minds" (2006) angegeben. Das wird man sich daraufhin noch anschauen müssen. Man könnte sich ja tatsächlich vorstellen, daß Aspekte der Sexualmoral und Geschlechtsstereotypen, also z.B. das Vorherrschen von Monogamie (Ostasien, Europa), bzw. von Polygamie (Afrika) von solchen frühkindlichen Prägungen mitbeieinflußt sein könnte. Das prägungsähnliche Lernen all dieser Dinge ist sicherlich von der psychologischen und evolutionspsychologischen Forschung bislang noch allzu stiefmütterlich behandelt worden.

Jüngste Humanevolution nicht berücksichtigt

Was an dem Buch zu bemängeln ist, ist sicherlich, daß immer noch durchgängig in jedem Raisonement jüngste Humanevolution in den letzten 10.000 Jahren gar nicht vor Augen steht und darum auch gar nicht in Erwägung gezogen wird bei der Erklärung des Verhaltens des heutigen Menschen. Hier hat die gesamte Soziobiologie erhebliches Nachhol-Bedürfnis, denn damit hatte ja die "alte Schule" seit Konrad Lorenz und auch seit William D. Hamilton niemals in dem Ausmaß und der Konkretheit gerechnet wie uns dies derzeit von der Humangenom-Forschung vorexerziert wird. (Am ehesten noch all jene, die - meist noch sehr theoretisch - "Gen-Kultur-Koevolution" als Rückkoppelungs-Prozeß durchdacht haben wie: Edward O. Wilson, Charles Lumbsden oder William Durham.)

Die ganze von Voland ebenfalls behandelte Soziobiologie der Geschlecher, der Familie, der Religion und der "teuren Signale" (des "Übermut-Prinzips", wie ich es für mich immer gerne nenne), muß an dieser Stelle noch ausgeklammert bleiben. Und dennoch schon so überreichlich viel Stoff zum eigenen Nach- und Weiterdenken, sowie Forschen. So muß Wissenschaft sein.

Samstag, 14. Juli 2007

Moderne Bindungsforschung

In einer Buchbesprechung der "FAZ" heißt es über einen neu erschienenen Elternratgeber (FAZ) (Hervorhebung durch mich, I.B.):
... Petri argumentiert dabei mit entwicklungspsychologischen Daten der Bindungsforschung. Diese zeigten, dass die Gestaltung des Selbstkonzepts der Heranwachsenden trotz des ihnen angeborenen Potentials an Temperament, Aussehen, Intelligenz, Begabung und Talenten und trotz ihres verzweigten Netzwerks von Freunden, Erwachsenen und Partnern stark abhängig ist von der Qualität der frühen Elternbindung. Demnach "scheinen die Korrekturmöglichkeiten durch elternunabhängige Erfahrungen sehr eingeschränkt zu sein". Die bekannte Gefahr ist, es mit der familiären Geborgenheit zu übertreiben. Eltern müssten ihr Kind "zu seiner Welteroberung und seiner Selbstvergewisserung über seine gewachsenen Fähigkeiten freigeben können, aber es auch bei seinem glücklichen Zurückkommen wieder freundlich auffangen".

Die Aufgaben der Eltern teilt Petri in klassische Geschlechterrollen auf. Die Mütter bevorzugen "ruhige Spiele mit Puppen oder Stofftieren", die Väter balgen sich mit ihren Kindern. Wenn der Nachwuchs ein Muttersöhnchen wird, sind die Väter unschuldig, denn sie "ermöglichen ihren Kindern die Eroberung der Welt". Somit dürfte in erster Linie den klammernden Frauen die Mahnung im Buchtitel gelten. ...
Die Rezension begann übrigens mit den Worten:
Ziel der Erziehung sei es, ein Individuum mit der Menge an Neurosen zu beladen, die es gerade ertragen kann, ohne zusammenzubrechen. Der Dichter W.H. Auden soll diese bitterbösen Worte Mitte des vergangenen Jahrhunderts aufgeschrieben haben. ...
Und sie endete mit den Worten:
... W.H. Auden blieben solch unangenehme Besuche bei Elternberatern erspart: Seinem möglichen Scheitern bei der Kindeserziehung entzog sich der Dichter durch Kinderlosigkeit.

Donnerstag, 28. Juni 2007

Kinderkrippen machen unglücklich, depressiv und ADHS-anfällig - und zwar EINDEUTIG

Dorothea Böhm vom Familiennetzwerk macht mich auf vier Studien zu der Schädlichkeit frühkindlicher Krippenbetreuung aufmerksam. Das übernehme ich hier glatt so, wie sie es mir schickt und füge noch Ergänzungen von meiner Seite aus ein:

Quellen und Links, die die Gefahr von verfrühter Gruppenfremdbetreuung belegen. Interessant ist auch der Zusammenhang zwischen frühkindlichem Stress und AD(H)S.

viele Grüße :-) Doro

1. Fear in the blood. When mothers leave their toddler-age children in day care rather than care for them at home, they expose them to stress severe enough to adversely affect their body chemistry. The troubling biochemical effects of day care recently received attention from a team of child-development experts at the University of Minnesota, who worry that day-care stress in young children may translate into serious later psychological problems. Abstract hier.

Diesem Forschungsartikel in der weltweit führenden kinderpsychologischen Zeitschrift "Child Development" von 2003 entnehme ich (I.B.) noch folgende spannende Inhalte:

While “there was no change in cortisol over the day by age at home,” the researchers limn a pattern of rising cortisol levels over the day when these same children were in day care. “Among the infants (3-16 months), 35% showed a rise in cortisol across the child care day,” the researchers remark, “whereas among the toddlers (16-38 months), 71% showed a rise.”

Das ist ja hochinteressant. Kinder zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr reagieren auf Kinderkrippe stärker mit Streßhormonen als Kinder während des ersten Lebensjahres. Wahrscheinlich sind die Reaktionen während des ersten Lebensjahres noch diffiziler. (Beziehungsweise: Das Urvertrauen und die Bindung zu den primären Bezugspersonen wird ja während des ersten Lebensjahres erst aufgebaut.)

Auch nach dem dritten Lebensjahr geht die Streßhormon-Ausschüttung durch Kindergarten-Betreuung wieder zurück, wie den weiteren Ausführungen zu entnehmen ist. Die Forscher sprechen weiterhin von “strong evidence that early experiences shape the reactivity and regulation of neurobiological systems underlying fear, anxiety, and stress reactivity.” The researchers thus see reasons for concerns about day care when they review animal studies concluding that “early experience” helps create “the neural substrate of vulnerability to anxiety and depressive disorders.” If infant animals exposed to stresses that drive up their cortisol levels later become “adults [that] exhibit heightened fearfulness and greater vulnerability to stressors,” what future lies ahead for “toddlers [who] exhibit a rising pattern of cortisol across the child care day” because they have been placed in a “context [that] is challenging?”

Die Forscher referieren also weiterhin Tierstudien, die zu dem Ergebnis kommen, daß frühe Erfahrungen das neuronale Substrat von Anfälligkeit für Ängstlichkeit und depressive Kranheiten bilden. Wenn Tierjunge, die Streßerfahrungen machten, später erwachsene Tiere werden, die erhöhte Ängstlichkeit und größere Verwundbarkeit durch Stressoren zeigen, so fragen die Forscher: Welche Zukunft liegt dann vor (menschlichen) Kindern, die solche Erfahrungen gemacht haben?

2. What the rodent prefrontal cortex can teach us about attention-deficit/hyperactivity disorder: the critical role of early developmental events on prefrontal function (Ron M. Sullivan, Wayne G. Brake) (Behavioural Brain Research 2003 [pdf.]).

Nach dieser Studie spielt eine Fehlfunktion des rechten präfrontalen Kortex eine wichtige Rolle bei ADHS. Und das Risiko des Eintretens dieser Fehlfunktion wird erhöht verschiedene frühe Entwicklungsfaktoren.

3. "Ist eine stressige Kindheit der Grund?" Stress in jungen Jahren, sagen israelische Forscher, stört die Entwicklung von Hirnarealen, die für Emotionen zuständig sind. Die Folge sind Depressionen und Ängste ... (Tsoory M, Cohen H, Richter-Levin G. "Juvenile stress induces a predisposition to either anxiety or depressive like symptoms following stress in adulthood." (European Neuropsychopharmacology [pdf.])

und der umgekehrte Ansatz:

4. "Glücksgefühle und Gesundheit". (Zitat aus dem Artikel: Je glücklicher ein Teilnehmer war, desto geringer waren auch die Cortisolwerte während des Tages). (Handicap-network.de 2005)

- Ja, das ist natürlich auch entwaffnend. Der Anfang der Meldung sei vollständig zitiert:

Glück: Positive Auswirkung auf die Gesundheit
Gefühle wirken sich direkt auf Körperchemie aus

London - 19.04.2005 - Menschen, die in ihrem täglichen Leben glücklicher sind, verfügen bei entscheidenden Körperchemikalien wie dem Stresshormon Cortisol über bessere Werte als jene, die nur wenige positive Gefühle erleben. Zu diesem Ergebnis ist eine Studie des University College London http://www.ucl.ac.uk gekommen. Das bedeutet, dass glücklichere Menschen gesündere Herzen und kardiovaskuläre Systeme haben könnten. Ein Umstand, der ihr Risiko für Krankheiten wie Diabetes verringern könnte. Frühere Studien haben gezeigt, dass Depressionen im Vergleich mit durchschnittlichen emotionalen Zuständen eher mit Gesundheitsproblemen zusammenhängen. Wenige Untersuchungen haben sich bisher mit den Auswirkungen positiver Stimmungen auf die Gesundheit auseinandergesetzt. Die Ergebnisse der aktuellen Studie wurden in den Proceedings of the National Academy of Sciences http://www.pnas.org veröffentlicht. ...

Freitag, 22. Juni 2007

Der Schrei

Hier wird Promotion für Kinder gemacht. Den größten Schatz, den eine Gesellschaft besitzt. (Außer Goethe und Schiller natürlich.) Und deshalb auch mal die ganz profanen Ratschläge aus einer Eltern-Zeitschrift zum Thema "Was will mir mein Baby sagen, wenn es schreit?" (Berliner Morgenpost)

Was wollen Säuglinge, wenn sie wie am Spieß brüllen? Vielleicht auf den Arm genommen werden, futtern oder eine frische Windel?

Konrad Lorenz übrigens hat ein ähnliches Thema in dem Buch "Hier bin ich, wo bist du?" behandelt ... Nun also Auszüge aus einem "Schrei-Lexikon":

Der Hunger-Schrei: Wenn Babys etwas zu sich nehmen möchten, kündigen sie das mit einem anfangs fordernden Quengeln an, das bald in energisches Schreien übergeht. Beste Reaktion: Überlegen, wann die letzte Mahlzeit war. Brust oder Brei anbieten und schauen, was passiert!

Der Sehnsuchts-Schrei: Das Baby wacht auf und fühlt sich allein. Achten Sie auf einen kurzen "Kontakt-Laut". Wenn sich keiner um das Baby kümmert, geht die Sirene los. Beste Reaktion: schnell sein und in den Arm nehmen!

Der Müdigkeits-Schrei: Das Baby reibt sich die Augen oder die Nase, es gähnt und meckert. Kann ein Baby trotz extremer Müdigkeit nicht einschlafen, schreit es - und zwar immer dramatischer. Beste Reaktion: abwarten, aber in der Nähe bleiben. Babys ab sechs Monaten schlafen nach einer kurzen Heulphase oft von allein ein.

Der Stress-Schrei: Das Baby macht den Rücken steif, ballt die Hände, stößt kurze, schrille Schreie aus - es will einfach in Ruhe gelassen werden. Beste Reaktion: sofort für Stille sorgen und Lärmquellen ausschalten. Oft hilft das vertraute Bett.

Der Langeweile-Schrei: Das Baby strampelt, rudert mit den Armen. Seine Schreie sagen: "Leute, unternehmt was mit mir". Beste Reaktion: mit dem Kind reden, seine Mimik und seine Laute nachahmen, aber auch ganz normal sprechen. Die Gesichter und Stimmen von Mama und Papa hat es am liebsten.

Der Schmerz-Schrei: Eindeutig der schrillste und intensivste Schrei-Laut. Beste Reaktion: Genau nachschauen, wo es zwicken könnte. Ob der Po wund ist oder sich womöglich ein Haar um einen Zeh gewickelt hat. Bei häufig undefinierbaren Schmerz-Attacken zum Kinderarzt gehen!

Dienstag, 19. Juni 2007

Aufbruch in der Familienpolitik - Die große Tagung des Familiennetzwerks im Mai

Ich habe mir die Tagungsberichte von der Tagung des Familiennetzwerkes im Mai in Frankfurt am Main noch einmal genauer angeschaut. Hier mal einige wichtige, mich überzeugende Passagen, von einer Tagung, die ja doch sehr hochkarätig besetzt war. Wie man über so viele Koryphäen der Wissenschaft so oberflächlich-ideologisch hinweggehen kann, wie das der "Spiegel" tat, ist mir ein Rätsel. Das war nicht nur eine politische, sondern vor allem eine wissenschaftliche Tagung. Und über diese hätte zunächst sachlich wie über jede wissenschaftliche Tagung berichtet werden müssen. Das kann auch der "Spiegel".

Krippenkinder: "Flucht nach innen"

Sir Richard Bowlby betonte (Tagungbericht)

dass Säuglinge und Kleinkinder, die die vertraute Bezugspersonen nicht erreichen können, nach einer Anfangsphase des Protests in einer für dieses Alter typischen Weise mit „Flucht nach innen“ reagierten. Dieses Verhalten entspräche einem „Erstarren und Aufgeben“, von unkundigen Erwachsenen fälschlich interpretiert als „Beruhigung und Gewöhnung“. Dass diese Kinder dennoch unter deutlichem Stress stünden, sei inzwischen beweisbar, und zwar anhand des Stresshormons Cortison, welches im Speichel gemessen werden könne. Kinder in Tagesstätten, so Bowlby, hätten großenteils erhöhte Cortisolwerte, die bei manchen Kindern abends, wenn sie zu Hause sind, wieder absinken, bei anderen aber sogar dauerhaft erhöht bliebe. Wir wissen nicht, so Bowlby, wie sich diese erhöhten Cortisolspiegel auf das sich entwickelnde Gehirn auswirken, da stehe die Forschung noch am Anfang. Es gäbe jedoch absolut keinen Anlass zu sorglosem Umgang, vielmehr müsse die primäre Bindung gesichert werden.

Und schon zuvor hieß es: In Notfallreaktionen würden Babys und Kleinkinder – oft nach anfänglicher Weinens- oder Protestphase – äußerlich ruhig. Erwachsene dächten dann, dass die Babys und Kleinkinder sich beruhigt hätten und ihre neue Umgebung nun akzeptieren würden, aber es handele sich keineswegs um normales Verhalten sondern eher um einen Abschottungsprozess, und ihr Cortisolspiegel sei messbar höher als zu Hause.

Wiederholte Trennung, z.B. wochentäglicher Krippenbesuch, könne sich in subtilen Verhaltensänderungen äußern, aber die viele Eltern und Betreuer bekämen diese entweder nicht mit oder brächten diese nicht mit der Fremdbetreuung in Zusammenhang. Damit aber erkennten Erwachsene nicht, dass die Fremdbetreuung ein signifikanter Risikofaktor sei, welcher die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kinder später emotionale Probleme entwickeln. Manche Kinder seien dadurch überfordert und entwickelten in der Kindheit und Jugend psychische Probleme, Schwererziehbarkeit und unsoziales Verhalten.

Sir Richard wies auf die Überbewertung kognitiver Prozesse hin: Wir konzentrieren uns sehr stark auf Bildungserfolge und sind in Gefahr, das emotionale Wohlbefinden und von Babys und Kleinkindern aus den Augen zu verlieren. (...)

Eine große Gesellschaftsrevolution wird benötigt

Anna Wahlgren beklagt, Eltern besuchten heute Kinder in deren Welt, wenn sie gerade Zeit und Lust dazu hätten anstatt die Kinder schrittweise in ihre Welt mitzunehmen, wenn Kinder sich bereit dazu fühlten und Interesse daran zeigten.

Anna Wahlgren schilderte dem entzückten Publikum ein konkretes Beispiel, die Geschichte einen kleinen unglücklich in seinen teuren Spielsachen quengelnden Knirpses, den seine Mutter, weil sie gerade das Mittagessen kocht, neben dem Herd auf die Arbeitsplatte setzt und ihm eine Wurst in die Hand drückt, so dass er sie in die Pfanne plumpsen lassen kann. Der Kleine strahlt in stolzer Gewissheit, seiner Mutter beim Kochen eine unentbehrliche Hilfe gewesen zu sein, um dann - nach getaner Arbeit in seiner Freizeit (!) – zufrieden zu seinem Spielzeug zurückzukehren. Der spontane Applaus zeigte, dass dieses Beispiel verstanden worden war.

Anschließend wurde Wahlgren wieder ernst. Sie bezeichnete Kindertagesstätten als "Kinderparkplätze" und forderte eine „große Gesellschaftsrevolution“, die Arbeit müsse wieder in die Familien zurückkehren, damit Kinder sich als wertvolle und nützliche Mitglieder der Gemeinschaft und ihr Dasein als sinnhaft erleben könnten. (...)

Gordon Neufeld aus Kanada. Der kanadische Entwicklungspsychologe, selbst 5facher Vater und 3facher Großvater, arbeitet seit über dreißig Jahren mit Kindern und den für sie verantwortlichen Erwachsenen. Neufeld ist vor allem durch seine bahnbrechenden Einsichten über Bindung und Aggression bekannt geworden, und sein Modell der kindlichen Entwicklung hilft weltweit Eltern und professionell mit Kindern Tätigen weiter. (...)

Gordon bediente sich deutlicher Worte: (...) Erziehung durch eine Fremde, z.B. einer Tageskrippenerzieherin, sei eine Verletzung der kindlichen Intimsphäre – ein unzulässiger Übergriff. (...) Prof. Johannes Pechstein aus Mainz sprach von der „Bundeskrippenministerin“.

Teilnehmer fühlten sich an die Anfänge der Grünen erinnert

Und der Tagungsbericht schließt mit den Worten: Mancher Ältere fühlte sich an die Anfänge der Grünen erinnert, die just hier, in der Johann-Goethe-Universität, einst als kleine Ansammlung Unbeugsamer gestartet waren. Anfangs belächelt, dann bekämpft, hätten sie schließlich zu entscheidenden Veränderungen in der Politik aller Parteien beigetragen. Dem Familiennetzwerk könnte, man wünscht es den Kindern und Eltern, ein ähnlicher Weg bevorstehen.

Einem weiteren Tagungsbericht entnehmen wir: Anna Wahlgreen ist überzeugt: Große und kleine Menschen brauchen das Gefühl, gebraucht zu werden, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein, eine Aufgabe zu haben, einen Beitrag leisten zu wollen für andere. "Wir aber haben eine Gesellschaft aufgebaut, die Kinder nicht braucht und ihren Beitrag nicht haben möchte. (...)

"Anstatt unsere Kinder in unsere Welt mit ein zu beziehen, besuchen wir sie hin und wieder in ihrer Welt, falls oder wenn wir gerade mal Zeit dazu haben." Wahlgreen beschreibt, wie glücklich das Kleinkind ist, wenn es Mama mithelfen darf in der Küche. Wie wenig es sich interessiert für sein Spielzeug, wenn Papa den Rasen mäht oder Mama die Fenster putzt. Sie plädiert dafür, Kinder zu Hause mehr mit ein zu beziehen in alle Arbeitsabläufe, sie nicht überzubetreuen und "zu Tode zu schonen".

Zusammenfassend postulierte Anna Wahlgreen, dass eine wirkliche Revolution unserer Gesellschaft die Frauen nicht vor die Alternative stellen würde entweder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen oder zu Hause zu bleiben, sondern die Arbeit wieder an die ganze Familie nach Hause zurückzugeben.

"Ihr Kind hat Sie heute 20 mal gebraucht ..."

Eva Herrman sprach über den verbreiteten Satz, den Eltern, die beide außer Haus arbeiten gehen, oft anführen: "Es kommt auf die Qualität der Beziehung an, nicht auf die Quantität". Sie habe oft darüber nachgedacht, wo hier der Denkfehler liege. In einer Talkshow zusammen mit Christa Meves und einer jungen Unternehmerin mit Kind habe sie dann die Antwort bekommen: Die junge Unternehmerin habe genau diesen Satz angeführt, um zu erklären, warum sie den ganzen Tag in ihrem Unternehmen arbeiten kann und es abends voll auf genüge noch ein zwei gute Stunden mit dem Baby zu verbringen. Christa Meves habe damals versucht, den Blickwinkel einmal auf das Erlebnis des Kindes zu verändern. "Ihr Kind hat sie heute mindestens 20 mal gebraucht während des Tages und sie waren nicht da. Und jetzt soll es sich plötzlich freuen auf seine Mutter, die ihm jetzt die ganze Liebe des Tages überstülpen möchte, die sie jetzt für es übrig hat. Vielleicht hat das Baby gerade gar keine Lust auf Mutter, vielleicht spielt es gerade oder ist böse, weil Mutter nicht da war." Eva Herrmann: "Es gibt keine Qualitätsbeziehung ohne dass Mutter und Kind viel Zeit miteinander verbringen."

Meiner Meinung nach könnte hier überall auch noch mal ein bischen mehr über Männer und Väter die Rede sein. Aber sei's drum. Das renkt sich von selbst ein.

Gefühle können aussterben (weibliche) oder abgedämpft werden (kindliche)

damit Engagiert meinte Frau Herrman: Es seien nicht die demographischen Erwägungen, die ihr Angst machten, wenn Frauen sich gegen Kinder entscheiden. Was ihr Angst mache sei, dassbald die weiblichen Gefühle aussterben. Schwangerschaft und Geburt lösten in Frauen viele neue Gefühle aus, bewirkten Weiblichkeit. "Wenn immer mehr Frauen sich gegen Kinder entscheiden, sterben auch die weiblichen Gefühle wie trösten, helfen, fördern, usw. mit der Zeit aus." (...)

Bolwby berichtete von weiteren wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen hinsichtlich der emotionalen Entwicklung beim Kleinkind: Trennungsschmerz löse beim Kleinkind Stress aus. Das könne inzwischen nachgewiesen werden durch einen erhöhten Cortisolspiegel, das Hormon, das bei Stress ausgeschüttet wird. Normalerweise habe jeder Mensch morgens einen hohen Cortisolspiegel, der über den Tag kontinuierlich abnehme. Bei Babys, die abgegeben werden, und die diese Trennung nun verarbeiten müssten, bliebe der Cortisolspiegel - durch einen Speicheltest heute leicht nachzuweisen – dauerhaft hoch. Wenn das Gehirn sich nun an diesen dauernd hochbleibenden Spiegel gewöhnt, nähme dadurch die Steuerungsfähigkeit der Emotionen des Kind immer mehr ab. Kurz könne man das so ausdrücken: Mama weg – Gehirn meldet: Gefahr, Angst (Cortisolspiegel bleibt hoch) - Antwort auf Angst ist entweder Kampf oder Flucht. Beide Möglichkeiten sind dem Baby verwehrt. Um mit der Situation zurecht zu kommen könne es nur versuchen, seine normale Gefühlswelt zu dämpfen. (...)

Die bei der Tagung anwesenden Fachleute waren sich hinsichtlich eventuell notwendiger Fremdbetreuung einig. Allen voran Steve Biddulph, in Deutschland als Buchautor bekannt, brachte es zum Ausdruck: Am ehesten erträgt es ein Kind, wenn es weg von der Mutter ist, stundenweise (nicht ganztags) bei einer Person zu sein, die von Geburt an eine Beziehung zu ihm hat (Großeltern, Nachbarin, ...) und ihm viel Aufmerksamkeit zukommen lässt. (...)

Schaffung einer allgemein verbreiteten Volksmeinung, dass Kinder klasse sind

Prof. Dr. med. Johannes Pechsten, Kinderarzt und Kinderpsychiater, führend in der Forschung zur frühkindlichen Entwicklung brachte es auf den Punkt: "Wir haben unsere Kinder nicht geboren, damit andere sie großziehen und seien diese anderen noch so lieb".

Pechstein forderte: Anstatt viel Geld in die Neuschaffung Tausender von Krippenplätzen zu investieren, (...) sei das Geld besser investiert in:

- einen familiengerechten Lastenausgleich und die Anerkennung der häuslichen Erziehungsarbeit woraus rentenfähige Leistungen für Mütter erstehen

- differenzierte Mütterakademien zu einer qualitativ guten und schnellen Wiedereingliederung in den Beruf nach den Jahren, die die Mutter bewusst zu Hause bei den Kindern verbringt

- Schluss mit der Panikmache, dass Mütter später sowieso nie mehr in ihren Beruf hinein kommen könnten.

- Die Schaffung einer allgemein verbreiteten Volksmeinung, dass Kinder klasse sind und Familien alle Unterstützung bekommen, um nach ihrer inneren Stimme und Regungen entscheiden zu können. (...)


Auch hier spricht mir Pechstein zu wenig von Vätern. Kann man das nicht "Eltern-Akademien" nennen? Aber ansonsten: Volle Zustimmung.
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Registriert unter Wissenschafts-Blogs

bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis

Haftungsausschluß

Urheber- und Kennzeichenrecht

1. Der Autor ist bestrebt, in allen Publikationen die Urheberrechte der verwendeten Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu beachten, von ihm selbst erstellte Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu nutzen oder auf lizenzfreie Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zurückzugreifen.

2. Keine Abmahnung ohne sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen.

Wenn der Inhalt oder die Aufmachung meiner Seiten gegen fremde Rechte Dritter oder gesetzliche Bestimmungen verstößt, so wünschen wir eine entsprechende Nachricht ohne Kostennote. Wir werden die entsprechenden Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte sofort löschen, falls zu Recht beanstandet.