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Donnerstag, 26. Februar 2009

"Muß ewiges Leben sinnlos sein?"

So fragt ein Aufsatz im "European Journal of Philosophy"

"Schließlich waren es die Sonntagnachmittage, mit denen er nicht zu Rande kam," so heißt es unter anderem in der wilden Science Fiction-Satire "Das Leben, das Universum und der ganze Rest" (Wiki) von Douglas Adams (1952-2001) (Wiki) aus dem Jahr 1982, in jener Holterdipolter-Sciece-Fiction-Satire, in der der Protagonist Arthur Dent - zur Abwechslung - einmal durch einen dummen Zufall Unsterblichkeit erlangt hat. Adams spinnt diesen Gedanken - wie langweilig es wäre, Unsterblichkeit zu besitzen - noch länger aus (1).

An diesen Roman knüpft ein Aufsatz von Seiten eines britischen Philosophen an (2). Schon im Titel desselben wird die Frage gestellt "Muß ewiges Leben sinnlos sein?" Für sich genommen vermutlich ein spannendes Thema. Es fragt sich nur, ob ein satirischer, zumeist nur oberflächlich-witziger Roman der Pop-Kultur aus dem Jahr 1982 wirklich der beste Ausgangspunkt ist, um eine solche, doch eher tiefer angelegte philosophische Frage anzugehen.

Auch ist die Frage, ob eine materialistisch-atheistische Weltanschauung hier nicht in ihr innewohnende Widersprüche gerät und geraten muß, wenn sie diese Frage beantworten will. Womöglich wird genau dieser Umstand mit der philosophischen Diskussion, in die der hier genannten Aufsatz eingreift, aufgezeigt.

Insgesamt handelt es sich hier um ein Thema, mit dem wir uns bei Gelegenheit noch einmal gründlicher beschäftigen sollten. In diesem Beitrag soll auf diesen Aufsatz aber zunächst nur hingewiesen werden und auf die beiden weiteren philosophischen Texte, auf die er sich bezieht (3, 4).

Über die Bedeutung des Alterstodes aus naturwissenschaftlicher Sicht hat sich schon einer der Begründer der Evolutionsbiologie, August Weismann (1834-1914), Gedanken gemacht, als er über die Trennung von Keimbahn und Soma nachdachte, also über die Zelldifferenzierung zwischen Keimzellen (Fortpflanungszellen) einerseits und den übrigen Körperzellen (Soma) andererseits. In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, daß die Keimzellen jene potentielle Unsterblichkeit behalten, die auch alle Einzeller besitzen, während die die ausdifferenzierten Zellen eines vielzelligen Körpers dem Altertod, der gesetzmäßigen Sterblichkeit unterliegen.

In seinen berühmten "Vorträgen über Deszendenztheorie" spricht Weismann von der ersten Leiche in der Evolution, nachdem er von dem evolutiven Übergang von der einzelligen Zellalge Eudorina zu dem frühen Vielzeller Volvox gesprochen hatte. Volvox umkleidet seine Fortpflanzungszellen mit einer ersten äußeren Schicht von Körperzellen, die "gestorben" zu Boden sinken, wenn die Fortpflanzungszellen erneut ausschwärmen.

An diese Erkenntnis von August Weismann ist schon 1921 von Seiten der Philosophie angeknüpft worden und ein ganz neuer philosophischer Entwurf formuliert worden (5). Dieser philosophische Entwurf steht allerdings vom Gehalt seiner Aussage her in einem deutlicheren Gegensatz zur Pop-Kultur von heute.

August Weismann - Richard Dawkins - Douglas Adams


Zuletzt sind auf dem Wissenschaftsblog "WeiterGen" solche Fragen angesprochen worden im Zusammenhang mit der seltenen Krankheit des beschleunigten Alterns (6).

Douglas Adamas hat sich als Atheist verstanden und als Anhänger des Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Dawkins hinwiederum hat sein jüngst erschienenes Buch "Gotteswahn" Douglas Adams gewidmet.*)

Die genannte fiktive Geschichte von Adams (1) handelt also von einem unsterblichen Menschen und dreht sich um die Frage, mit welchen Vorhaben dieser Mensch versucht, seinem ewigen Leben Sinn zu geben. Und im Anschluß daran wird die Themenstellung des Philosophie-Aufsatzes folgendermaßen umrissen (2):
Viele heutige Philosophen, insbesondere Bernard Williams (1973) und Adrian Moore (2006) sehen an dieser Stelle ein grundlegendes Problem. Sie sehen es als unmöglich an, daß irgendjemand mit Unsterblichkeit umgehen könne, und sei es auch nur in einem geringen Umfang.
Many contemporary philosophers, notably Bernard Williams (1973) and Adrian Moore (2006), see a conceptual problem here. They cannot conceive how anyone could cope with immortality, even in the rather minimal sense.
Der Autor glaubt dann, seine Leser von folgendem überzeugen zu können (2):
Ein ewiges Leben, so argumentiere ich, kann sinnvoll sein und (...) wird sinnvoller sein als es jedes endliche Leben sein könnte, weil es frei ist von der Bedrohung durch die Sinnlosigkeit, von der keine Form von endlichem Leben entlastet werden kann. Wir haben deshalb Gründe dafür, nach einem ewigen Leben zu streben, das unter diesen Umständen gelebt werden kann.
An eternal life, I argue, can be meaningful and (...) will be more meaningful than any finite life could be, because free from a threat to meaningfulness that cannot be removed from any finite life. We therefore have reason to want eternal life lived under these circumstances.
Ein "ewiges Leben" also wäre - so der Autor - viel eher frei von der Bedrohung durch die Bedeutungslosigkeit, von der ein sterbliches Leben bedroht wäre. Er beginnt das Argument seines Aufsatzes mit dem Gedanken, daß man die Aussicht auf den sicheren Tod als sehr "sinnlos" empfinden kann. Dafür kann er natürlich viele berühmte Zeugen aufführen, angefangen bei "Hamlet" von William Shakespeare. Weil ein endliches Leben nicht nur einem "Hamlet" sinnlos erscheint, erscheinen dann Argumente dafür, daß ein ewiges Leben im Gegensatz dazu sinnvoller wäre, plausibel - nach Meinung des Autors.

[Ergänzung 17.3.2020] Beim nochmaligen leichten Überarbeiten dieses Blogbeitrages kommt uns der Gedanke, ob ein Wurzeln im Geist der Pop-Kultur der 1980er Jahre, die sich mit Richard Dawkins irreführendem Buchtitel "Das egoistische Gen" sogar recht weit bis in die empirischen Wissenschaften hinein erstreckte, vielleicht doch nicht so hilfreich sind, um für die hier gestellten Fragen eine letztlich hilfreiche Antwort zu finden. Insbesondere, so wird uns hier deutlich, erläutert der Roman von Douglas Adams ja so einigermaßen jenen Geist der Pop-Kultur, aus dem heraus Sachbücher wie "Das egoistische Gen" den Stand der naturwissenschaftlichen Altruismus-Forschung "geframed" haben (nämlich versimplifizierend Altruismus als angeblich versteckten Egoismus umgedeutet haben). - Es dürfte wirklich bald einmal an der Zeit sein, jene damalige angebliche Entzauberung der Verzauberung zu entzaubern. Ähm.

/leicht
überarbeitet:
17.3.2020/

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ResearchBlogging.org*) Douglas Adams war dem Verfasser dieses Beitrages bis zum Verfassen dieses Beitrages im Jahr 2009 ganz unbekannt. Dieser Beitrag hatte Anlaß gegeben, sich einmal Adams' erstes Buch "Per Anhalter durch die Galaxis" (1979) anzuschaffen. Weiter ist der Verfasser dieses Beitrages allerdings auch bis 2020 nicht gekommen mit der Lektüre. Obwohl der Roman einen Anfang hat angefüllt mit herrlichem britischen Humor, fesselt doch der ganze übrige "Science Fiction"-Stoff  - trotz des weiter eingestreuten Humors und manches eingestreuten Tiefsinns - insgesamt nicht so, daß es leicht wäre, an der Lektüre dran zu bleiben. Insgesamt hinterlassen die Bücher von Adams womöglich doch einen schalen Beigeschmack. (Aber vielleicht wird dieser Eindruck dem Werk von Adams auch noch nicht ausreichend gerecht.)
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  1. Adams, Douglas: Das Leben, das Universum und der ganze Rest. 1982 (GB)
  2. Timothy Chappell (2009). Infinity Goes Up On Trial: Must Immortality Be Meaningless? European Journal of Philosophy, 17 (1), 30-44 DOI: 10.1111/j.1468-0378.2007.00281.x
  3. Williams, B. (1973), ‘The Makropoulos Case: Reflections on the Tedium of Immortality’, in his, Problems of the Self: Philosophical Papers 1956–1972. Cambridge: Cambridge University Press: 82–100
  4. Moore, A. (2006), ‘Williams, Nietzsche, and the Meaninglessness of Immortality’, Mind, 115: 311-330
  5. Ludendorff, Mathilde: Triumph des Unsterblichkeitwillens. 1921
  6. Maier, Tobias: Die Seltsame Krankheit des Benjamin Button, 20. Februar 2009, http://scienceblogs.de/weitergen/2009/02/die-seltsame-krankheit-des-benjamin-button/

Donnerstag, 28. August 2008

Hoimar von Ditfurth - vor 20 Jahren

Hoimar von Ditfurth hat glaubwürdig Religiosität mit einem naturalistischen Weltbild verbunden. Von Menschen wie ihm bräuchten wir heute mehr.



Ditfurth 1988, ein Jahr vor seinem Tod: "Sie meinen, ob ich Angst vor dem Tode habe? Ich glaube, daß ich das ehrlich verneinen kann ..."

(Das Video braucht lange zum Herunterladen - am besten leise stellen und zwischendurch was anderes machen und ansehen, wenn es fertig heruntergeladen ist.)

Hoimar von Ditfurth würde sich heute für viele ähnliche Dinge interessieren, für die sich "Studium generale" interessiert. In seinem letzten Buch "Innenansichten eines Artgenossen - Meine Bilanz" findet sich auch viel von seinen persönlichen Lebenserfahrungen. Während des Zweiten Weltkrieges hat er Medizin studiert. Er analysiert vieles sehr nüchtern und ganz ehrlich.Lesenswert zum Beispiel das Kapitel "Die Paläontologie des Gehirns" (S. 141ff) und andere.

Sonntag, 24. Juni 2007

"Der Tod ist gleich hier, neben dir." - Aus dem Leben des Flugpioniers Charles Lindbergh

Drei Beiträge sind inzwischen hier auf dem Blog zu Leben und Persönlichkeit des Flugpioniers Charles Lindbergh erschienen. (Studium generale 1, 2, 3) Dem ersten derselben ist auch das Zitat für den Titel dieses Beitrages entnommen. Und dieses Zitat soll in dem vorliegenden Beitrag noch näher erläutert werden anhand von Tagebuch-Einträgen von Anne Morrow Lindbergh, der Schriftstellerin und Ehefrau Charles Lindbergh's. (1)

Es ist gar nicht so einfach selbst aus diesen Tagebüchern einen tiefer gehenden Einblick in das Wesen der Persönlichkeit ihres Ehemannes zu gewinnen. Da fließt das tägliche Leben eigentlich immer so dahin, das alltägliche Zusammenleben mit Charles, der Familie und den Freunden in der Gesellschaft. Es wird deutlich, wie sehr Charles sich bemühte, daß seine Frau Anne Freiraum für ihr schriftstellerisches Schaffen bekäme - und wie wichig es ihm war, daß sie diesen Freiraum dann auch nutzte. Es wird deutlich, wie das Ehepaar Lindbergh an der gegenseitigen persönlichen, menschlichen Weiterentwicklung arbeiteten.

Aber selbst den Schilderungen der politischen Kämpfe um den Kriegseintritt Amerikas zwischen 1939 und 1941 meint man nicht wirklich einen tieferen Einblick in die Seele Charles Lindbergh's entnehmen zu können. Wenn sie natürlich auch als ein deutliches Zeichen seiner Unerschrockenheit, seiner Unabhängigkeit im Urteil, seiner Unbestechlichkeit und von vielem anderen mehr gewertet werden können. Seine politische Positionierung führte zu einer völligen gesellschaftlichen Isolierung der Familie Lindbergh in den USA. Der Kontakt zu fast allen früheren Freunden brach dadurch ab. Doch was heißt das schon?

Aber dann bricht es - in all die Alltäglichkeit, auch in die politische und militärische - plötzlich hinein. Nämlich in dem Augenblick, in dem ein guter, alter früher Freund von Charles Lindbergh, Philip R. Love, den Fliegertod stirbt. Und da hat man wieder alles zusammen - man glaubt es zumindest - was das Leben von Charles Lindbergh ausgemacht hat, was überhaupt das Leben all dieser frühen Piloten und Luftfahrtpioniere ausgemacht hat: Freundschaft und Treue bis in den Tod. Erst indem man sich diese ständige Nähe des Todes bewußt macht, mit dem ein früher Luftfahrt-Pionier lebte, erst dadurch wird einem die ganz andere Form eines solchen Lebens deutlich, als wie man es heute meistens kennt und lebt. Würde man jedenfalls nicht von der Nähe dieses Todes aus auf das übrige Leben von Charles Lindbergh schauen, - man würde wohl nicht die richtige Perspektive für das Verständnis desselben gewinnen. Deshalb wichtigere Tagebuch-Auszüge dazu. Am 4. Juni 1943 wird Philip R. Love, mit dem Lindbergh zusammen seine Militärflieger-Ausbildung und seine Postflieger-Zeit verbracht hat, vermißt gemeldet.

"Alle Pilotenfrauen kennen das ..."

"Charles macht sich um Phil Love Sorgen, der in einem Bomber außerhalb von Colorado Springs vermißt wird. Selbstverständlich ist es möglich, daß er irgendwo gelandet ist. Es ist ein dünnbesiedeltes Land. Aber Charles bekommt keinerlei Nachricht. Er ist tief beunruhigt. (...) Er hat auch mit Cooky Love gesprochen. (...)

Meine Gedanken spulen kaleidoskopartig mein ganzes Leben zurück - bis zu unserem ersten Flug, den Charles und ich in der Lockhead nach Westen unternommen haben, um ein überfälliges Transportflugzeug zu suchen, bedrohlich vermehrten sich die Stunden (24 Stunden überfällig - 48 Stunden überfällig). (...) Die erste Nachricht, daß das Flugzeug gefunden war. Die Gerüchte, daß es fünf Überlebende gab. Die Gesichter des Vaters und der Mutter auf dem Flugplatz - die sich hoffnungslos an die letzten gesprochenen Worte klammerten. 'Sie hatte überhaupt keine Angst ... Sie sagte ...' Und alles sollte in diesem verkohlten Wrack auf einem Bergabhang auf richtigem Kurs sein Ende finden. 'Keine Überlebenden'. (...)

Dann kam Nelson's Tod." - Ein weiterer enger Kamerad von Charles aus der Militärflieger-Ausbildung und Postflieger-Zeit. - "(Phil und Charles gehörten zur Suchtruppe). 'Er war einer der Besten', sagte Charles. Dann der Pan American Clipper, der über dem Pazifik verloren ging. Amelia Earhart und viele, viele andere, einer nach dem anderen. Immer wieder der gleiche Ablauf. Die unheilbringenden Stunden verrinnen - 'überfällig' - und wieder die Gerüchte, und am Schluß die grausame Realität. (...)

Cooky hat das hundertmal durchgemacht. Alle Pilotenfrauen kennen das. Zeitweilig vergißt man das Damoklesschwert, unter dem man lebt. (...) Dann bemüht man sich, kleine tröstliche Anhaltspunkte aufzuspüren, um die Tragödie gewaltsam zu verdrängen. 'Er war sich dessen stets bewußt.' 'Er wollte es so.' 'Es war schnell vorüber.' 'Er hat das Flugzeug selber geflogen und kannte keine Furcht.' (Das sind die Dinge, um die ich beten würde, würde es Charles betreffen.)" (1, S. 367f)

Am 4. Juni schreibt sie: "Nachts ruft (...) Helen Nelson an, die Witwe von Charles' und Phils drittem Piloten der ersten Postroute. (...) Sie ist ganz fassungslos, berichtet, daß man das Flugzeug gefunden hat und daß es 'keine Überlebenden' gibt. (...) Charles schweigt und sagt nur, daß er nicht imstande ist, Cooky anzurufen. (...) Er sagt: 'Danke für die Mitteilung.' (...) Phil gehörte zu denen, die wie ich, wie Detroyat, Charles in ihr Herz geschlossen hatten. (...)" (1, S. 369f)

"Die Ideale der Männer, die wir heirateten ..."

Am 25. Juni schreibt sie dann an Cooky Love einen Brief, den ich zu den Zeugnissen dieses Tagebuches zähle, die am tiefsten Einblick in die Persönlichkeit von Charles Lindbergh geben: "Liebe Cooky, auch wenn ich ständig an Dich gedacht habe, (...) zögerte ich, Dir einen Brief zu schreiben." Sie schreibt weiter, es wäre ihr zu eilfertig vorgekommen: "Wenn ich vorausschaue, denke ich - nein, ich möchte dann mit keinem reden, sollte es Charles treffen. Keiner soll Aufhebens um mich machen, niemand mir sein Beileid bezeugen. Vielleicht sind die Ideale der Männer, die wir heirateten, zu tief in uns verwurzelt, als daß wir uns anders verhalten könnten - und so ertragen wir den Schmerz so, wie sie es von uns erwarten würden. (Wie ich aus Charles' Gespräch mit Dir weiß, handelst Du entsprechend.) Der Gedanke an die gleiche Zurückhaltung, Tapferkeit und Bescheidenheit, die für unsere Männer so charakteristisch war, trägt zu unsererm Schweigen bei.

(...) Alles zu geben, was man hat, um einen Mann glücklich zu machen, ist sehr viel im Leben. Möglicherweise sind Frauen von Fliegern eher dazu geneigt als andere. Sie sind wie die Soldatenfrauen - nur ist für sie von Anfang an 'Krieg'. Wir haben immer gewußt, daß sie den Tod vor Augen haben - daß sie diesen Beruf nicht blind gewählt haben. Und wir haben sie wegen dieser Entscheidung geliebt. (Ich erinnere mich Charles' früherer Erzählungen, daß sie von einem Pilotenleben sprachen, das 10 Jahre währt, sich aber in jedem Fall lohnt.) Wegen ihrer Aufrichtigkeit, mit der sie der Gefahr begegneten, mußten auch wir die entsprechende Haltung wahren und mit ihnen darüber lachen. (Hat Phil Deine Gefühlsausbrüche auch immer so schlagfertig pariert, wie Charles das bei mir tut: 'Oh, kann sein, daß ich noch vorher abtrudel!' (...)"

"Über Phil hat er gesprochen wie über keinen anderen."

"Ich wollte, ich könnte Charles von seiner Verschlossenheit befreien und für ihn schreiben. Vermutlich ist das aber gar nicht nötig, denn du weißt, was Charles für Phil empfunden hat. Es waren tiefe Gefühle, die er selbst mir gegenüber nie in Worte zu fassen versuchte. Diese Gefühle hatte er schon lange, ehe es mich gab, in seinem Innern verschlossen. Über Phil hat er gesprochen wie über keinen anderen. Erkennst Du eine derartige Beziehung, wird Dir klar, wie unnütz nichtiges Weibergeschwätz ist. Ich erinnere mich, daß Charles in einem Brief an Phil schrieb, 'Du bist immer willkommen', übliche Worte, doch er hat sich damit so offen gezeigt, wie er es selten tut. Sie bedeuteten absolutes Vertrauen, uneingeschränktes Verstehen und bedingungslose Treue. (...) Phils Loyalität bedeutete Charles etwas, was ich nicht auszudrücken vermag." (1, S. 374 - 376)

... Das Wesentlichste in einem Menschenleben ist wahrscheinlich immer das Verborgenste ...

Gutsein ist schwer, weil gleichgesinnte Menschen fehlen

Laut Tagebuch-Eintrag vom 7. Juni 1941 sagt Charles in den Zusammenhängen der politischen Auseinandersetzungen über den Kriegseintritt Amerikas zu Anne etwas, was einem ganz merkwürdig erscheint, wenn man seinen späteren Lebensweg (Stud. gen. 2) kennt: "Aber ist es nicht noch viel erstaunlicher, daß etwas Vollkommenes aus etwas Unvollkommenem hervorgehen kann? Gehört das nicht zu den wunderbarsten Dingen im Leben? Eine behinderte Frau kann ein wohlgeformtes Baby gebären." (1, S. 200) Man sieht aus solchen Gedankensplittern, daß Charles Lindbergh immer schon ein philosophisch selbständig denkender Mensch war. Aber daß er 20 Jahre später ausgerechnet mit zwei gehbehinderten deutschen Frauen Familien gründen würde - das mutet einem merkwürdig an angesichts so früher Gedanken Lindbergh's über behinderte Frauen.

In einem Tagebuch-Eintrag vom 26. Februar 1942 ist wiedergegeben, was Charles zu dem gerade erschienenen Buch von Antoine de Saint-Exupery "Flight to Arras" sagte: "... Und ich meine, es ist schlimm, wie er von seinem Körper spricht. Schließlich hat ihn dieser Körper getreulich herumgeführt und am Ende wirft er ihn, ohne ihm zu danken, einfach fort wie einen alten Schuh. Wäre ich sein Körper gewesen, ich hätte Windpocken bekommen, damit wir wieder quitt wären!" Das brachte Anne, die vorher beim Lesen etwas exaltiert "den Boden unter den Füßen verloren" hatte und "leicht umnebelt" war von der im Text geschilderten körperlosen, "kristallinen" Reinheit, wieder zum Lachen. - Oftmals wünscht man sich mehr von solchem gesunden Humor in ihren Tagebuch-Einträgen.

Und am 7. Februar 1943 schreibt sie: "Gestern Nacht sagte ich zu Charles, daß die gestellte Aufgabe - stets gut zu sein - unendlich schwer ist. Ich wollte, ich könnte diese Last für eine Weile ablegen." - Heute würde man ein solches Ehegespräch vielleicht für sehr exaltiert halten. Vielleicht. Charles antwortete jedenfalls sehr ernsthaft. "Er sagte, man sollte nicht versuchen, sich zu viel aufzubürden. Er erwähnte auch, daß uns gleichgesinnte Menschen fehlen und wir nicht wüßten, wo sie zu finden seien." (1, S. 334)

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1. Lindbergh, Anne Morrow: Welt ohne Frieden. Tagebücher und Briefe 1939 - 1944. Piper-Verlag, München 1986 (Originaltitel "War Within and Without" 1980)

Donnerstag, 5. April 2007

Macht die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit konservativ?

"Die Angst vor der letzten Stunde begleitet den Menschen seit jeher und sie ist heute so ausgeprägt wie früher. Das belegen zahlreiche wissenschaftliche Experimente von Psychologen."

Es ist schon erstaunlich, was in der Wissenschaft heute alles erforscht wird. Von solchen Forschungen hatte ich zuvor noch nie gehört. (Berliner Zeitung)

"Die Forschung stützt sich auf eine Idee, die der Anthropologe Ernest Becker 1973 in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch "Dynamik des Todes" vorstellte: Um der unbewussten Angst vor dem unausweichlichen Tod zu entrinnen, erschaffen Menschen Kulturen und Religionen. Dadurch geben sie dem ins Nichts führenden Leben doch noch einen Sinn. Psychologische Experimente zeigen: Wenn Menschen an den Tod erinnert werden, klammern sie sich besonders fest an diese Wertsysteme. Beispielsweise lehnen sie Außenseiter dann verstärkt ab.

Auch Juristen sind nicht vor diesem Mechanismus gefeit, wie eine US-amerikanische Studie zeigte. Abram Rosenblatt von der University of Arizona präsentierte Richtern den fiktiven Fall einer Frau, die angeblich illegal der Prostitution nachging, und bat die Juristen, eine Kaution festzulegen. Die Hälfte der Richter erinnerte der Psychologe zuvor subtil an den wartenden Tod: Die Teilnehmer sollten, versteckt zwischen vielen anderen Aufgaben, Fragen zum Thema Tod beantworten - etwa welche Gefühle der Gedanke an den Tod in ihnen weckte. Diejenigen Richter, die sich nicht mit dem Thema Tod beschäftigt hatten, entschieden sich für eine Kaution in Höhe von 50 Dollar. Die Gruppe, die zuvor an ihre Sterblichkeit erinnert worden waren, verlangte hingegen durchschnittlich 455 Dollar.

Weitere Versuche dieser Art bestätigten, dass Juroren, nachdem sie an den Tod erinnert wurden, die eigene Moral hochhalten. Strafen für medizinische Kunstfehler und Überfälle beispielsweise fielen dann höher aus. Doch es gibt Ausnahmen: Ein Täter, der einen Teilnehmer an einer Schwulendemonstration attackiert hat, würde milder bestraft werden. Die Todesgedanken führten offenbar dazu, dass den Urteilenden konservative Werte besonders wichtig wurden und die liberale Einstellung gegenüber Homosexuellen schwand. Probanden, die nicht ans Sterben erinnert wurden, wählten dagegen besonders harte Strafen für Verbrechen an Homosexuellen.

Todesgedanken beeinflussen sogar Wahlen und womöglich verdankt der derzeit mächtigste Mann der Welt ihnen sein Amt. Kurz vor der letzten US-amerikanischen Präsidentschaftswahl im Jahr 2004 fragte ein Team um Florette Cohen von der Rutgers University in New Jersey Studenten, für wen sie stimmen würden. Der traditionell liberale akademische Nachwuchs entschied sich überwiegend für den Demokraten John Kerry. Doch als die Studenten zunächst die Gefühle aufschreiben sollten, die der Gedanke an den eigenen Tod in ihnen weckte, halbierte sich die Zustimmung für Kerry. Dagegen vervierfachte sich die für George Bush, der sich als Kämpfer gegen den Terrorismus präsentierte. ..."

Im weiteren präsentiert der Artikel dann auch noch einige Studien, bei denen die Ergebnisse und ihre Interpretationen nicht so einfach waren wie in den bis hier vorgestellten. Aber in jedem Fall: Die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit beeinflußt Haltungen und innere Einstellungen gegenüber vielen Fragen des Lebens zum Teil offenbar sehr entschieden. Da gibt es wohl noch vieles herauszubekommen.

Ich sagte schon in einem früheren Beitrag, daß bei polynesischen Stämmen Tänze zur Erinnerung an die Toten gerade auf der Höhepunkt der fröhlichsten Ausgelassenheit getanzt werden. Das dient offenbar dazu, eine "innere Balance" in der gesellschaftlichen Moral herzustellen.

Dienstag, 3. April 2007

"Die Peinlichkeit nichtreligiöser Bestattungsformen"

Wenn zwei  Gesprächspartner wie Jürgen Habermas und Karl Ratzinger aufeinander zugehen ....

Das wissenschaftliche Netztagebuch des Berliner Diplom-Psychologen Markus Wichmann, das erst seit wenigen Wochen betrieben wird, ist sicherlich eine Bereicherung in der noch "kargen" deutschen "Scienceblogger"-Landschaft.

Auf ihm finden wir den Hinweis auf einen neuen Aufsatz von Jürgen Habermas (1). In diesem sagt Herr Jürgen Habermas einleitend über atheistische Beerdigungen am Beispiel der Trauerfeier für Max Frisch, die er als junger Mann miterlebte (1):

"... Max Frisch - ein Agnostiker, der jedes Glaubensbekenntnis verweigerte - hat offenbar die Peinlichkeit nichtreligiöser Bestattungsformen empfunden und durch die Wahl des Ortes (in einer Kirche) öffentlich die Tatsache dokumentiert, daß die aufgeklärte Moderne kein angemessenes Äquivalent für eine religiöse Bewältigung des letzten, eine Lebensgeschichte abschließenden rite de passage gefunden hat."

Hört man hier hinterher, was für ein Mensch hier spricht? Muß noch mehr gefragt oder gesagt werden? Herr Habermas sucht also nach einem

"... angemessenen Äquivalent für eine religiöse Bewältigung des letzten, eine Lebensgeschichte abschließenden rite de passage". 

Nicht den Tod will er hier "bewältigen", nein, nur den Ritus der Totenfeier und Beerdigung. 

Das Lesen solcher Wort macht beklommen. Ist denn der Tod vor allem ein "Ritus"? Ganz das aber glaubt man, diesen Worten von Habermas entnehmen zu müssen. Es scheint Habermas hier in keiner Weise um die Bewältigung der Tatsache der Sterblichkeit des Menschen an sich zu gehen, sondern nur um die "Bewältigung" einer "rite de passage", etwa so ähnlich wie eine Mutter oder Schwiegermutter besorgt an die "Bewältigung" all der vielen Hochzeitsfeierlichkeiten ihrer Tochter denken mag ...

Alter Friedhof Schwerin (Symbolbild) (Fotograf Niteshift) (Wiki)

Sind es nicht gerade jene seelenlosen Förmlichkeiten gewesen, die einen Theodor Storm haben aussprechen lassen: "Auch bleib der Priester meinem Grabe fern ..."? Und um genau dieses von der Größe des Todes ablenkenden "Klingelings" willen bandelt Herr Habermas jetzt wieder mit dem lieben Benediktus an?

Als stünde eine "institutionalisierte", "kirchliche" Beerdigungsfeier nicht in der gleichen Gefahr, in Peinlichkeit auszuarten als eine nicht-institutionalisierte, nicht-christliche ...

Aber das war ja nur die - sehr beklommen stimmende - Einleitung. Herr Habermas sagt dann wieder etwas eigentlich völlig Verrücktes für einen echten Atheisten (1):

"... Umgekehrt darf sich die säkulare Vernunft nicht zur Richterin über Glaubenswahrheiten aufwerfen, auch wenn sie im Ergebnis nur das, was sie in ihre eigenen, im Prinzip allgemein zugänglichen Diskurse übersetzen kann, als vernünftig akzeptiert."

Später sagt Habermas (1):

"... Vielmehr muß der liberale Staat dann auch von seinen säkularen Bürgern erwarten, daß sie in ihrer Rolle als Staatsbürger religiöse Äußerungen nicht für schlechthin irrational halten. Angesichts der Verbreitung eines wissenschaftsgläubigen Naturalismus ist das keine selbstverständliche Voraussetzung."

Typischerweise unterscheidet Habermas bei den "religiösen Äußerungen" nicht klar und eindeutig zwischen naturalistisch-religiösen (im Sinne Einstein'scher Religiosität) und supernaturalisch-religiösen Äußerungen, wie man sie aus christlichem Munde immer so überheblich und selbstgewiß zu hören gewohnt ist. (Zur Einstein'schen Religiösität siehe Richard Dawkins brillante Auseinandersetzung am Anfang von "God Delusion".) Deshalb fällt es einem außerordentlich schwer, diesem Satz von Herrn Habermas wie auch dem zuvor von ihm Zitierten uneingeschränkt zuzustimmen.

Es bleibt vieles unklar von dem, was Herr Habermas eigentlich will. Wahrscheinlich will er wirklich nur "Klingelingeling". Eine "Peinlichkeit" durch eine andere ersetzen. - Am Schluß kommt Habermas auf die Regensburger Rede des Papstes zu sprechen. Und auch da sind einem offenbar noch nicht alle Implikationen dieser Debatte deutlich geworden. Deshalb zum Schluß nur noch dieser Satz, der einen irgendwie aufhorchen läßt, und der - irgendwie - neugierig macht. Es ist hier offenbar von (geistigen) Schritten das Papstes selbst die Rede:

"... Der Schritt von Duns Scotus zum Nominalismus führt jedoch nicht nur zum protestantischen Willensgott, sondern ebnet auch den Weg zur modernen Naturwissenschaft.

Was all das nun auch immer heißen möge für einen vorausgesetzten Leser der Neuen Züricher Zeitung, der eine umfangreichere Allgemeinbildung besitzt als sich der Autor dieser Zeilen zusprechen kann nach seinem Nebenfach-Studium Philosophie. "Was also dürfen wir denn nun hoffen," möchte man mit Immanuel Kant fragen - - - und zwar nicht vom Leben an sich - nein, Gott bewahre: von der katholischen Kirche und unserem "Staatsphilosophen" Herrn Habermas?

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  1. Jürgen Habermas: Über Glauben und Wissen und den Defaitismus der modernen Vernunft. NZZ vom 10.02.2007 (NZZ2007)

Freitag, 23. Februar 2007

Das Streben nach Unsterblichkeit in einem "naturalistischen Menschen- und Weltbild"

Schon im "Studium generale"-Beitrag vom Montag ("Anstrengungen und Hindernisse ...") zeigte ich mich begeistert von den dort erwähnten, freigeschalteten Aufsätzen in der Zeitschrift "Gehirn und Geist" zum Thema Religion und Wissenschaft. Inzwischen habe ich dort besonders den Aufsatz des Mainzer Philosophen Thomas Metzinger (in "Gehirn und Geist" 7-8/2006) genauer kennen und schätzen gelernt. Auf Wikipedia heißt es unter anderem über Metzinger: Er "gilt als einer der Philosophen, die am stärksten den Austausch der Philosophie mit den Neuro- und Kognitionswissenschaften suchen. So beschäftigt er sich etwa mit der philosophischen Interpretation der Suche nach neuronalen Korrelaten des Bewusstseins."

Ich hatte - ehrlich gesagt! - nicht mehr erwartet, daß irgend wann noch einmal von einem deutschsprachigen Philosophen ein Text gelesen werden könnte, der sich so dicht am "Puls der Zeit" bewegt und zugleich so viele so grundsätzliche Fragen versucht, in einem völlig neuen Rahmen, aus einer völlig neuen Sichtweise heraus zu beantworten. (- Ehrlich gesagt!) Aber man muß den Text vollständig lesen. Er wird künftig einen wichtigen Bestandteil meiner intellektuellen Biographie darstellen. Als Ausgangspunkt ist vielleicht Metzingers Satz (und Selbstverständnis?) beachtenswert: "Nehmen wir einmal an, daß die naturalistische Wende im Menschenbild unwiderruflich ist ..."

Genau DIESE "naturalistische Wende im Menschenbild" scheint Thomas Metzinger selbst als Philosoph besonders gut zu repräsentieren, so vorsichtig er sich hier auch noch ausdrückt. Man hat ja schon Jahre lang darauf gewartet, daß die ungeheuer vielschichtigen und umfassenden Entwicklungen in der Naturwissenschaft der letzten Jahrzehnte endlich einmal umfassende Auswirkungen zeitigen Richtung jenem Menschenbild, mit dem sich (normalerweise) die Philosophen (deutend) beschäftigen. Thomas Metzinger scheint einer der ersten deutschsprachigen Philosophen zu sein, der den Handlungsbedarf und die Handlungsmöglichkeiten klar, präzise und umfassend erkennt.

Metzinger sieht die Gefahr, daß aus diesem neuen "naturalistischen Menschenbild" geschlußfolgert sich "ein primitiver Materialismus in der Bevölkerung ausbreiten" könnte. Weiterhin sieht er damit zusammenhängend Gefahren hinsichtlich eines neuen religiösen Fundamentalismus ebenso wie hinsichtlich "einer neuen Sehnsucht nach geschlossenen Gesellschaften" - wie immer das im einzelnen genauer aufgefaßt sein mag. Er befürchtet, daß wir auf "eine geistesgeschichtliche Krise" zusteuern "mit unabsehbaren Folgen für die Gesellschaft". - - -

- - - Einer seiner interessantesten philosophischen Ausgangspunkte ist nun für ihn, daß mit dem Tod tatsächlich das einzelne menschliche Leben beendet ist, und daß sich daraus ein Konflikt für das menschliche Selbstverständnis ergibt. Dem "biologischen Imperativ", "dem verzweifelten Wunsch zu überleben" steht die "Sterblichkeit" nicht nur als "eine objektive Tatsache", sondern auch als "ein subjektiver Riss, eine offene Wunde in unserem Selbstmodell" gegenüber: "Die alten Teile" (der menschlichen Biologie) "stehen sozusagen im dauernden Widerstreit mit den neuen." - Ein wunderbares - und wohl - philosophisch sehr tiefes Bild! Man denkt hier sofort an August Weismanns Zweiteilung von "unsterblicher" Keimbahn und "sterblichem" Soma. Man denkt an die widerstreitenden Motive im persönlichen Leben: Einmal sehr stark von den Hormonausschüttungen der Fortpflanzungszellen getragen, die "nur" und "bloß" "leben" wollen und Leben weiter geben wollen. Und ein ander mal sehr stark von einem psychisch bewußten "Zustandsraum" (im Kopf) getragen, auf den Metzinger überraschenderweise ebenfalls noch umfassender zu sprechen kommt (s.u.).

Und Metzinger schreibt dann weiter: "In der Tat kann man uns als Wesen beschreiben, die die größte Zeit ihres Lebens mit dem Versuch zubringen, diesen Konflikt nicht mehr bewußt zu erleben. Vielleicht macht uns sogar gerade diese Eigenschaft unseres Selbstmodells religiös, denn das Selbstmodell ist im Grunde das Streben nach Unsterblichkeit." - - -

Dazu gäbe es viel zu sagen. Ein weiterer Gedanke Metzingers, den ich unwahrscheinlich spannend finde, steht dann am Ende, dort, wo er von der "unfaßbaren Tiefe unseres phänomenalen Zustandsraums" spricht: "... Das Potential unseres Erlebnisraums, die Anzahl der verschiedenen Bewußtseinszustände, die einem einzelnen menschlichen Wesen möglich sind, ist wesentlich größer, als wir ahnen. Unsere Individualität, die Einzigartigkeit unseres mentalen Lebens und vielleicht auch das, was wir traditionell als unsere "Würde" bezeichnet haben, hat viel damit zu tun, welchen Pfad wir durch unseren phänomenalen Zustandsraum nehmen."

Auch den Gedanken des zuletzt zitierten Satzes finde ich ungeheuer spannend. Man kann es auch so sagen: Reifungsprozesse im Gehirn lassen uns unterschiedliche Pfade durch das "Potential unseres Erlebnisraumes" gehen - oder auch nicht. - Aber ich habe mit diesen Zitaten nur wenige einzelne Gedanken herausgegriffen. Man muß den Aufsatz im Zusammenhang lesen, um festzustellen, was dieses neue "naturalistische Weltbild" alles an neuen Herausforderungen und philosophischen Deutungsmöglichkeiten mit sich bringt. Denn auch der Aspekt der Einzigartigkeit des Menschen im Universum und die Ursachen derselben werden von Metzinger thematisiert.
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