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Freitag, 12. Juni 2026

Rückzugsorte später Jäger und Sammler - An der Moldau und im Böhmerwald

Das südliche Böhmen um 5.000 und um 3.000 v. Ztr.
- Späte Jäger und Sammler bis 2.700 v. Ztr. - Řivnáč-Höhensiedlungen ab 2.700 v. Ztr. 

Nach und nach mehren sich archäologische Studien, durch die die späten Jäger und Sammler Mitteleuropas, die zur Ethnogenese zahlreicher mittel- und spätneolithischer Völker und Kulturen maßgeblich beigetragen haben, nach und nach besser faßbar werden. Die Archäologen tasten sich langsam - weiterhin noch vergleichsweise langsam - Schritt für Schritt an die Thematik dieser in Randregionen fortlebenden Jäger-Sammler-Populationen heran. 

Abb. 1: Blick in das Wittingauer Becken im südlichen Böhmen (Wiki) (Fotograf: Pavel Rychtecký)

Eine solche Region ist das Einzugsgebiet der Oberen Moldau in Böhmen, bzw. Tschechien. "Auf'd Wulda, auf'd Wulda, scheint Sunna so gulda" - so heißen die ersten Worte eines deutschen Volksliedes auf diese Moldau, auf die "Wulda", die im Böhmerwald entspringt. Sie fließt von dort nach Prag, um hinter Prag in die Elbe zu münden (Abb. 3) (Rbg).

Die Moldau trägt einen Namen germanischen Ursprungs. Nach der Besiedlung Böhmens durch die Tschechen erhielt die Moldau von den Slawen aber ebenfalls einen eigenen Namen, nämlich den Namen Vltava. Vom Böhmerwald nach Norden fließend kommt die Moldau unter anderem auch durch die Stadt Budweis. Zwanzig Kilometer östlich der Stadt Budweis  befindet sich dann das Wittingauer Becken, das über den Fluß Fluß Lainsitz (tschechisch: Lužnice) (Wiki) in die Moldau entwässert (Abb. 1-3).

Dieses Wittingauer Becken wird im vorliegenden Beitrag eine Rolle spielen. Deshalb wird eine flüchtige geographische Einordnung desselben voran gestellt.

Das Wittingauer Becken liegt rund um die Stadt Wittingau und es liegt im Bezirk Wittingau (Wiki). Die Stadt Wittingau liegt nur zwanzig Kilometer von der im Südosten gelegenen, heutigen österreichischen Grenze entfernt (GMaps). Der Bezirk Wittingau war dennoch immer schon tschechisch besiedelt. Er gehörte nicht zu dem bis 1945 von Deutschen besiedelten "Sudetenland". Um sich diesen Umstand klar zu machen, ist ein Blick auf die Abbildung 2 hilfreich. Dort sehen wir, daß es im südlichen Teil des Sudentenlandes einen ("weißen") Bezirk gibt, der immer schon tschechisch und nicht deutsch besiedelt war: der Bezirk Wittingau. Vielleicht waren es die weiter unten noch weiter erörterten landschaftlichen Charakteristika des Wittingauer Beckens, die es den deutschen Bauern weniger attraktiv erscheinen ließen für eine Besiedlung. Die Laisnitz, von der das Becken durchquert wird, mündet 45 Kilometer weiter nördlich in die Moldau (Abb. 3).

Zwei neue tschechische archäologische Studien

In zwei neuen tschechischen archäologischen Studien, in der auch dieses Wittingauer Becken eine Rolle spielt, werden jene durch die Archäogenetik aufgeworfenen Fragen erneut behandelt, die uns auch hier auf dem Blog schon seit einigen Jahren beschäftigen (1, 2).

Abb. 2: Der Anteil der deutschen Bevölkerung bis 1945 in den Gerichtsbezirken des Sudentenlandes

Es wird etwa das folgende ausgeführt (1): 

Fortschritte in der aDNA-Forschung zeigen auf, daß vormals vorherrschende Abstammungslinien (Völker) fortbestehen oder wiederaufleben, lange nachdem sie durch ihnen nachfolgende Ausbreitungsbewegungen (von Völkern) vermeintlich verdrängt worden waren. Aber diese Ergebnisse geben selten Aufschluß darüber, von woher diese wiederauflebenden Abstammungslinien eigentlich stammen. Einige Autoren vertreten die Ansicht, daß solche Herkunftsanteile durch demische Ausbreitung aus den Randgebieten der von großen Ausbreitungsbewegungen betroffenen Regionen wieder eingeführt wurden - also aus Gebieten, in denen sich ältere Herkunftsanteile innerhalb lokaler Gruppen erhalten hatten (Beau et al. 2017; Da Silva et al. 2025; Immel et al. 2021; Papac et al. 2021). Während dieses Szenario in bestimmten, mittels Admixture-Analysen untersuchten Fällen zutreffen mag (z. B. die von Papac et al. 2021 in verschiedenen neolithischen Populationen nachgewiesenen vielfältigen Quellen mesolithischer Abstammung; vgl. dazu Brami 2023, der auf die Grenzen dieser Tests hinweist), bleibt es in den meisten anderen Fällen weitgehend deduktiv begründet.
Although advances in aDNA sampling reveal substantial persistence or reappearance of earlier ancestries long after they were thought to have been erased by subsequent migrations, these results rarely indicate where the source populations may have come from. Some authors argue that such ancestries were reintroduced through demic expansions from the outskirts of areas affected by major migrations, where archaic ancestries remained available within local groups (Beau et al. 2017; Da Silva et al. 2025; Immel et al. 2021; Papac et al. 2021). While this scenario may hold in certain cases tested through admixture analyses (e.g. multiple sources of Mesolithic ancestry identified in various Neolithic populations by Papac et al. 2021,cf. Brami 2023, who highlights the limitations of these tests), it remains largely deductive in most other instances. More importantly, it implicitly reproduces the assumption that ‘otherness’ can be situated only at the outer frontiers, rather than within the interior landscapes of central Europe.

Insgesamt wecken die beiden Studien solchen Fragen gegenüber unseres Erachtens nun aber mehr Erwartungen als sie dann einlösen können. Immerhin präzisieren sie allmählich Schritt für Schritt zumindest die archäologischen Fragestellungen und Fragehorizonte.

Abb. 3: Reliefkarte von Böhmen und Mähren - In der Vergrößerung sind Wittingau und der Fluß Laisnitz zu sehen

Es werden zunächst die zeitlich versetzten Abläufe während des Frühneolithikums in fünf verschiedenen Regionen in und um Böhmen miteinander verglichen (1) (Abb. 4 und 5). Die Bandkeramik breitete sich bekanntlich von ihrer "Urheimat", dem Wiener Becken, ausgehend Donau-aufwärts aus.

Saatgerste und den Timopheev-Weizen im Südlichen Böhmen ab 5.200 v. Ztr.

Ab 5.400 v. Ztr. kam die Bandkeramik nach Bayern - "innerhalb einer Generation" von Wien bis Schweinfurt wie wir andernorts schau ausführten (Stg2022). Ab 5.350 v. Ztr. kam sie nach Mähren, kurze Zeit später an die Obere Elbe und erst ab 5.230 v. Ztr. in die Region an der Oberen Moldau ("Upper Vlatava") (Abb. 5). Über die zeitlich versetzte, bäuerliche Besiedlung der Region der Oberen Moldau wird ausgeführt (2):

Die durchschnittlichen Zeitunterschiede (der Besiedlung) der Region der Oberen Moldau und der Tiefländer (Böhmens) betragen zwischen 136 und 172 Jahren, was etwa 5 bis 7 Generationen entspricht. (...) Das im Allgemeinen einheitliche und nicht sehr breite Spektrum der von den frühen Bauern in Mitteleuropa angebauten Nutzpflanzen (Kreuz und Marinova 2017) wurde in der Region der Oberen Moldau durch die Saatgerste und den Timopheev-Weizen erweitert. Beide Arten gelten als geeignet für rauere Bedingungen; wenngleich sie im Gesamtspektrum der Nutzpflanzen nur einen geringen Anteil einnehmen läßt sich ihr Anbau als Anpassung an die lokale Umwelt deuten (Ptáková et al. 2024).
The median time difference between the Upper Vltavaand lowland regions ranges between 136 and 172 years, which equals approximately 5–7 generations. (...) The generally uniform and narrow spectrum of crops cultivated by early farmersin central Europe (Kreuz and Marinova 2017) was diversified in the Upper Vltava region by common barley and Timopheev’s wheat. Both species are considered suit-able for harsher conditions, and their cultivation, although still low in the total spec-trum of crops, can be interpreted as an adaptation to the local environment (Ptákováet al. 2024).

Von dem hier erwähnten Tricum timopheevii (Wiki) hören wir an dieser Stelle zum ersten mal. Auf Wikipedia heißt es, daß die Wildform dieses Weizens zwar in der Südosttürkei vorkommen würde, daß die domestizierte Form aber (heute?) allein in Georgien, also im Südkaukasus angebaut würde.

Und dennoch wäre sie von den anatolisch-neolithischen Bauern bis an die Obere Moldau mitgebracht worden!?! Obwohl sie selbst in ungünstigen Regionen nur in geringen Anteilen angebaut wurde? Reimt sich das zusammen? Es sei erst einmal nur so hier festgehalten.

Abb. 4: Geographische Regionen in und um Böhmen (aus 2) - Obere Moldau=Upper Vlatava, Egerland=Upper Beounuka

/ Ergänzung 25.7.26: Eine neue Studie geht dem Phänomen des Timopheev-Weizens weiter nach (3):

Populationsgenomische Analysen zeigen eine mosaikartige Haplotypzusammensetzung des domestizierten tetraploiden Timopheev-Weizens, was darauf hindeutet, daß er einst in einem größeren geografischen Gebiet angebaut wurde. Dies wird durch die Entdeckung „fossiler“ Haplotypsegmente in Brotweizen-Landsorten weiter untermauert, die wahrscheinlich von heute ausgestorbenen Populationen des domestizierten Timopheev-Weizens abstammen.

Da deutet sich also an, daß es zu dem Thema künftig noch weitere Erkenntnisse geben könnte. / Dennoch, so die Autoren weiter (2), ...

... war die Besiedlung der Region der Oberen Moldau sehr begrenzt. Bislang wurden lediglich 17 frühneolithische Siedlungen nachgewiesen, die sich größtenteils auf wenige kleine Cluster verteilen; diese orientieren sich an den ökologisch günstigsten Nischen der Region. Paradoxerweise läßt sich eine solche geringe Anzahl durchaus als Siedlungsboom werten, da die nachfolgenden Epochen durch eine noch spärlichere Fundlage gekennzeichnet waren. (...) Ein noch deutlicherer Rückgang der Siedlungsdichte ist in den Regionen der Oberen Moldau für den Zeitraum von ca. 4600 bis 3200 v. Ztr. zu verzeichnen; aus dieser Zeit liegen nur wenige Belege für eine Besiedlung vor. (...) Eine ähnliche Situation ergab sich nach 4600 v. Ztr. im Egerland (in der Region der Oberen Beraun, tschech. Berounka). Obwohl die Anzahl der Fundstellen hier etwas höher ist, erreicht sie dennoch nicht die Dichte, die im Tiefland verzeichnet wurde (Metlička 2015; Neustupný 2013).
The occupation of the Upper Vltava area was very limited. To date, only 17 Early Neolithic settlements have been identified being distributed mostly within afew small clusters that follow the environmentally most convenient niches of theregion. Paradoxically, such low numbers can be considered a settlement boom, asthe following periods were marked by even scantier records. (...) An even more pronounced decrease in settlement den-sity took place in the Upper Vltava regions in c. 4600–3200 BC during which verylittle evidence of occupation is available. (...) A similar situation occurred in the Upper Berounka region after 4600 BC. Although the num-ber of sites is slightly higher here, it still does not reach the density recorded in thelowlands (Metlička 2015; Neustupný 2013).

Daß das Egerland zuvor schon in bandkeramischer Zeit besiedelt worden wäre, dafür scheint es bislang noch weniger Belege zu geben.

Das Wittingauer Becken - Ein Rückzugsort der späten Jäger und Sammler

Nun aber hören wir doch von einigen etwas grundlegenderen neuen Erkenntnissen (2):

Die erst zeitlich versetzt einsetzende Besiedlung der Region der Oberen Moldau durch frühbäuerlicher Gemeinschaften könnte den dortigen Jägern und Sammlern die Möglichkeit geboten haben, ihre Subsistenzweise länger beizubehalten als andernorts. Insbesondere das im östlichen Teil der Region gelegene Wittingauer Becken (Třeboň-Becken), das von zahlreichen Seen früh-postglazialen Ursprungs durchsetzt ist, könnte eine attraktive ökologische Nische für Menschen geboten haben, die an der Lebensweise von Jägern und Sammlern festhielten (Hošek et al. 2019; Ptáková et al. 2023). Besonders gut belegt ist diese späte Präsenz am Schwarzenberg-See: Dort wurden am Ufer bereits elf Lagerplätze identifiziert, und die geschichteten paläoökologischen Befunde aus der Litoralzone sowie aus den Seesedimenten zeugen von einem erheblichen menschlichen Einfluß. Dieser äußert sich unter anderem in periodischen Brandereignissen, die vermutlich darauf abzielten, die Ufervegetation zu beseitigen und so die Bedingungen für Jagd und Sammeltätigkeit zu verbessern. Zudem wurden Makroreste eßbarer Wildpflanzen – von denen einige nicht zur typischen Flora von Seeumgebungen gehören – sowie weitere Pflanzenarten nachgewiesen, die indirekt auf menschliche Aktivitäten hinweisen (Pokorný et al. 2010; Šída und Pokorný 2021).
The delayed arrival of early farming communities in the Upper Vltava region could open a window of opportunity for local hunter-gatherers to retain their subsist-ence practices longer than elsewhere. In particular, the Třeboň Basin, located in theeastern part of the region and scattered with numerous lakes of early post-glacialorigin, might offer an attractive ecological niche for people retaining hunter-gath-erer practices (Hošek et  al. 2019; Ptáková et  al. 2023). Their late presence is best evidenced by Švarcenberk Lake, where eleven campsites have already been identified along the shore, and the stratified palaeoenvironmental records in the littoralzone, as well as in lake sediments, revealed considerable human impact. It involvesperiodic burning events, likely aimed at clearing lake shore vegetation to improvehunting and gathering opportunities. The presence of macroremains from consum-able wild plant species has also been identified, some of which are not indigenous tolake environments, along with other plant species indirectly indicating human activities (Pokorný et al. 2010; Šída and Pokorný 2021). 

Dem wasserreichen Wittingauer Becken (Wiki) sieht man es auf den ersten Blick an (s. Abb. 1), daß sich eine zahlenmäßig größere Fischer-, Jäger- und Sammler-Population in vergleichsweise höherer Siedlungsdichte hier für Jahrtausende ganz gut müßte gehalten haben können. Die Region erinnert vielleicht an die wasserreiche Region der Oberen Theiß und des Körös, wo Genetik der Karpaten-Jäger-Sammler festgestellt worden ist.

Abb. 5: Ankunft der Bandkeramik (aus 2)

Und weiter (2):

Bemerkenswert ist die räumliche Nähe zwischen den Fundplätzen des späten Mesolithikums und jenen der bäuerlichen Bevölkerung im Gebiet der Oberen Moldau. Jäger und Sammler nutzten den Schwarzenberg-See sowie weitere Seen, die unmittelbar an das Siedlungsgebiet der Bauern angrenzten (Einzelheiten siehe Ptáková et al. 2023). Da die beiden Fundplatztypen oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt lagen, ist es kaum vorstellbar, daß die jeweiligen Bewohner nichts voneinander wußten. Überraschenderweise liefern die derzeit vorliegenden Daten keine Hinweise auf gegenseitige Beeinflussung; beide Gemeinschaften hielten an ihren jeweiligen Subsistenzstrategien fest. Nicht nur griffen die Bauern kaum auf wildlebende Nahrungsressourcen zurück, auch bei der Herstellung von Steinwerkzeugen und der Rohmaterialbeschaffung zeigten sich Unterschiede. Bereits seit dem frühen Mesolithikum nutzten die Jäger und Sammler der Oberen Moldau überwiegend lokale Materialien zur Herstellung vorwiegend mikrolithischer Werkzeuge (Vencl 2006). Opal, Quarz und andere Materialien, deren Vorkommen bis zu 50 km von den Fundplätzen entfernt lagen, machten 75 bis 90 % des Rohmaterialspektrums an den Lagerplätzen am Švarcenberk-See aus (z. B. Šída 2017; 2021; Šída et al. 2019). Die Bauern hingegen setzten auf nicht-lokale Materialien, die sie zu größeren Klingen verarbeiteten. Diese Materialien wurden vermutlich in Form von Kernen oder Halbfertigprodukten über größere Entfernungen aus benachbarten Regionen herangeführt. Trotz Anzeichen für Rohstoffknappheit - etwa häufige Wiederverwendung und vollständige Ausnutzung der Kerne in den Fundkomplexen der oberen Moldau - gaben die dortigen frühen Bauern dieses Beschaffungssystem nicht auf. Die deutlichen Unterschiede bei den Rohmaterialspektren und der Technologie widerlegen zudem die Hypothese, daß die anthropogenen Aktivitäten im Gebiet des Schwarzenberg-Sees im späten 6. und im 5. Jahrtausend v. Ztr. auf neolithische Gemeinschaften zurückzuführen sein könnten, die saisonal zwischen Ackerbau und Wildbeutertum wechselten.
Archäologische Forschungen haben belegt, daß die Interaktionsformen zwischen Jägern und Sammlern einerseits und Bauern andererseits je nach Region stark variieren konnten (z. B. Allentoft et al. 2024a; Bánffy 2019; Bollongino et al. 2013; Hofmanová et al. 2016; Jones et al. 2017; Shennan 2018; Simões et al. 2024). Insbesondere in Seegebieten konnten Jagd, Sammeln und Fischerei ein langfristig tragfähiges Wirtschaftssystem darstellen, das entweder eigenständig betrieben oder lediglich durch Ackerbau ergänzt wurde (Wieckowska-Lüth et al. 2021). In den Tiefländern, die von der frühen Ausbreitung der Bauern erfaßt wurden, sind Belege für einen engen Kontakt hingegen spärlich (Shennan 2018, S. 82–85); dies steht im Kontrast zur Region der Oberen Moldau. Hier deuten die vorliegenden Daten auf ein getrenntes Nebeneinander von spätmesolithischen Jägern und Sammlern sowie Bauern hin, wobei zu beachten ist, daß viele Anzeichen einer Vermischung aufgrund der lückenhaften archäologischen Überlieferung verborgen geblieben sein könnten. Da beide Gruppen jedoch unterschiedliche ökologische Nischen und Ressourcen der Region nutzten, stand ihre Beziehung wahrscheinlich nicht in Konkurrenz zueinander; vielmehr dürften sie einen dauerhaften *Modus vivendi* gefunden haben, insbesondere als die bäuerliche Bevölkerung in diesem Gebiet nach 5000 v. Ztr. zurückging. Auch wenn der Anteil nicht-lokaler Steinmaterialien bei den Jägern und Sammlern gering war, gelangten diese Objekte auch nach 5200 v. Ztr. in ihren Besitz - zu einer Zeit, als der Transport über Zwischenstationen von weit entfernten Rohstoffvorkommen bis zur Oberen Moldau von den neuen, in ganz Mitteleuropa ansässigen Bauerngesellschaften abhing.
The spatial proximity between the Late Mesolithic and farming-based sites inthe Upper Vltava region is notable. Hunter-gatherers utilized Švarcenberk andother lakes that immediately neighbor the zone occupied by farming-based settle-ments (see Ptáková et al. 2023 for details). The two types of sites were often onlya few kilometers apart, so it is difficult to imagine that their inhabitants would beunaware of each other. Surprisingly, there is no evidence in the currently availabledata for mutual influences; both communities adhered to their subsistence strategies.Not only did farmers make minimal use of wild food resources, but differences canalso be observed in the techniques and procurement of raw materials for stone tools. Since the Early Mesolithic, hunter-gatherers of the Upper Vltava region utilized alarge portion of local materials to produce mostly microlithic tools (Vencl 2006).Opal, quartz, and other materials, which outcrop up to 50 km from the site, cre-ate between 75 and 90% of the spectra at Švarcenberk campsites (e.g., Šída 2017;2021; Šída et al. 2019). Farmers, on the other hand, relied on non-local materials,which they chipped into larger blades. These materials should have been imported inthe form of cores or semi-products over larger distances from neighboring regions.Despite signs of material shortages, such as frequent reutilization and total extrac-tion of cores identified in Upper Vltava assemblages, local early farmers did notabandon this procurement system. The sharp difference in raw material spectra and technology also refutes the hypothesis that the late sixth and fifth millenniumanthropic activities around Švarcenberk Lake could refer to Neolithic communities,which might have altered between farming and foraging on a seasonal basis.Archaeological research has documented that the ways in which hunter-gather-ers and farmers interact might considerably differ region by region (e.g., Allentoftet  al. 2024a; Bánffy 2019; Bollongino et  al. 2013; Hofmanová et  al. 2016; Joneset al. 2017; Shennan 2018; Simões et al. 2024). Especially in lake zones, hunting,gathering, and fishing could prove a long-term sustainable economic system prac-ticed independently or just supplemented by agriculture (Wieckowska-Lüth et  al.2021). Nevertheless, in the lowlands reached by the early expansion of farmers, evi-dence for close contact is sparse (Shennan 2018, pp. 82–85), which contrasts withthe Upper Vltava region. Here, the available data point to the separate co-existenceof Late Mesolithic hunter-gatherers and farmers, but it should be noted that manyattributes of mingling may remain hidden due to the scarcity of the archaeologicalrecord. Still, as both groups utilized the different ecological niches and resources ofthe region, their relationship was likely not competitive, and they might have estab-lished a sustainable modus vivendi, especially when the farming population in thearea declined after 5000 BC. Although  the proportion of non-local stone materi-als among hunter-gatherers was minor, these objects had to find their way into theirhands even after 5200 BC, when the down-the-line transport from distant outcropsto the Upper Vltava relied on the new farmer societies settled throughout central Europe. 

Mit solchen Studien werden also die späten Jäger und Sammler Mitteleuropas, die zur Ethnogenese zahlreicher mittel- und spätneolithischer Völker und Kulturen maßgeblich beigetragen haben, nach und nach besser faßbar. Man erkennt: Die Archäologen tasten sich langsam - weiterhin noch sehr langsam - Schritt für Schritt an die Thematik dieser in Randregionen fortlebenden Jäger-Sammler-Populationen heran.

Wir möchten allerdings meinen, daß die neuen mittel- und spätneolithischen Kulturen des böhmischen Raumes, die aus der Vermischung zwischen Bandkeramikern und Jägern und Sammlern entstanden, eher im Karpatenraum entstanden sind, wo es womöglich noch volkreichere Jäger-Sammler-Stämme gegeben haben könnte als an der Oberen Moldau und im Böhmerwald. Aber diesbezüglich gibt es noch viele weiße Flecken auf unserer Wissenslandkarte.

Böhmen ab 3.000 v. Ztr.

Zur Zeit der Ankunft der Indogermanen in Mitteleuropa ab 2.900 v. Ztr. gab es dort neben der ostmitteleuropäischen Kugelamphorenkultur und der nordeuropäischen Trichterbecherkultur noch zahlreiche weitere spätneolithische "Regional-Kulturen", in Böhmen insbesondere die Řivnáč-Kultur (2.900 bis 2.400 v. Ztr.) (Wiki), in Ostbayern und im heutigen deutschsprachigen Alpenraum bis nach Nordtirol hinein gab es die Chamer Kultur (3.500-2.400 v. Ztr.) (Wiki). 

Abb. 6: Die Ankunft der Indogermanen in Böhmen und Mitteleuropa - "SGR burials" = Schnurkeramiker/Glockenbecherleute (aus 2)

Hier auf dem Blog hatten wir darüber schon anhand der aufregenden archäogenetischen Böhmen-Studie aus dem Jahr 2021, auf die auch im ersten hier gebrachten Zitat insbesondere Bezug genommen war, festgehalten (Stg2021):

Die Forscher vermuten, daß Böhmen zur Zeit der Ankunft der Schnurkeramiker zeitgleich besiedelt wurde einerseits von Gruppen der Kugelamphoren-Kultur und anderseits von Menschen der Řivnáč-Kultur. Beide Gruppen unterschieden sich nicht nur kulturell, sondern auch genetisch voneinander. Als Ausnahme fand sich ein sequenziertes Individuum bestattet im Kontext von Řivnáč-Kultur, trug aber in sich die Genetik der Kugelamphoren-Kultur.

Über die Řivnáč-Kultur hatten wir aus der 2021-Böhmen-Studie unter anderem die Worte zitiert (Stg2021):

Sie trat hauptsächlich in Mittelböhmen auf, aber auch in Nordwestböhmen und vereinzelt auch in Ostböhmen. In West- und Südböhmen gab es eine mit Řivnáč zeitgenössische Chamer Kultur.

Die Indogermanen treten nun als Schnurkeramiker auf ab 2.880 v. Ztr. an der Oberen Elbe, ab 2.700 v. Ztr. an der Oberen Donau und ab 2.500 v. Ztr. in Mähren (Abb. 6). Darüber wird ausgeführt (1):

Die Regionen Süd- und Westböhmens liefern nur wenige Hinweise auf eine Besiedlung während des Großteils des 4. Jahrtausends v. Ztr., doch gegen dessen Ende nimmt die Zahl der Fundplätze deutlich zu (John 2021; Metlička 2015). Sie werden den Kulturen von Řivnáč und Cham zugeordnet.

Das hieße also: Die Řivnáč-Kultur hätte sich von Mittelböhmen aus nach Westen ausgebreitet und die Chamer Kultur hätte sich von Ostbayern aus nach Böhmen ausgebreitet. Und weiter (1):

Sie waren Teil eines umfassenderen mitteleuropäischen Horizonts des Spätneolithikums, der durch gemeinsame Keramikmerkmale - wie etwa aufgerauhte Oberflächen oder plastische Leisten - sowie durch Siedlungen mit Grubenhäusern ("semi-sunken houses") gekennzeichnet war; diese Siedlungen waren häufig befestigt und lagen an exponierten Stellen, meist auf felsigen Kuppen oder Geländespornen über Flüssen (z. B. Bogner 2017; Engelhardt 2002; Gohlisch & Reisch 2001; Medunová 1977; Zápotocký & Zápotocká 2008; Zuber 2019). Aus Westböhmen sind fast 80 solcher Fundplätze bekannt, aus Südböhmen etwa zehn (John 2010; 2021). Im Einklang mit dem allgemeinen zeitlichen Rahmen der Řivnáč- und Cham-Kulturen in Böhmen wurden sie zunächst in den Zeitraum 3200–2800/2700 v. Ztr. datiert (Zápotocký 2013). Erst durch Radiokarbondatierungen - bei denen häufig Makroreste von Kulturpflanzen untersucht wurden - konnte nachgewiesen werden, daß die Gemeinschaften in Süd- und Westböhmen diese Siedlungsplätze weiterhin bewohnten und die Keramiktradition bis mindestens 2400 v. Ztr. fortführten. Dies ist ein um etwa drei Jahrhunderte längerer Zeitraum als in den benachbarten Regionen Mittelböhmen, Ostbayern und Mähren (Vondrovský et al., im Druck). Das Fortbestehen der Traditionen von Höhensiedlungen ging mit einer nur geringfügigen Integration neuer materieller Elemente einher - vor allem Schaftlochäxte und schnurverzierte Becher -, die im frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. vorwiegend in Einzelgrabfeldern in ganz Mitteleuropa aufkamen.

Und zwar eben von Seiten des indogermanischen „Schnurkeramik-Volkes“. 

Die Frankenalp ab 3000 v. Ztr.

Wir lesen weiter (1):

Manche Gruppen nahmen diese Neuerungen nur zögerlich an oder lehnten sie weitgehend ab. In Süd- und Westböhmen fehlen nennenswerte Belege für dieses materielle Repertoire und für Einzelgräber, obwohl entsprechende Gräberfelder in den nordwestlichen und zentralen Gebieten Böhmens bereits ab 2900 v. Ztr. nachweisbar sind (Dobeš et al. 2021). Aus kulturhistorischer Sicht galten Süd- und Westböhmen während der Zeit der Schnurkeramik somit als weitgehend unbesiedelt (Menšík 2017). Die materiellen Hinterlassenschaften der Schnurkeramik sowie der späteren Glockenbecherkultur beschränken sich in diesen Regionen auf wenige isolierte Keramikfragmente und Streufunde von Streitäxten (John 2021; Metlička et al. 2007). (...) Ein Fall ist aufschlußreich: Ein typischer Streitaxtkopf von der Höhensiedlung Stupno-Břasy deutet darauf hin, daß den westböhmischen Höhensiedlungsgemeinschaften die neuen materiellen Ausdrucksformen, wie sie auf Gräberfeldern der Nachbarregionen auftraten, durchaus bekannt waren.
Vom späten 4. bis zum frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. nahm auch im Gebiet der nördlichen Frankenalb (Bayern) die Intensität der Besiedlung und Landnutzung zu (Fuchs et al. 2011; Kothieringer et al. 2023; Pechtl 2024). Spätneolithische Kulturgruppen (Bernburg - Burgerroth - Cham - Goldberg III - Wartberg) bestanden hier bis weit in das 3. Jahrtausend hinein fort (Übersicht bei Nadler 2023, 912-25). So erbrachten beispielsweise Ausgrabungen in Voitmannsdorf-Stroholz eine Höhensiedlung mit einem charakteristischen Keramik- und Steinartefaktinventar, das keine eindeutigen Elemente der Schnurkeramik aufwies - und dies, obwohl eine Radiokarbondatierung an einem Tierknochen eine Besiedlung bis mindestens 2600-2300 v. Ztr. belegte (Dürr et al. 2004). Zu diesem Zeitpunkt waren die Erscheinungsformen der Schnurkeramik (insbesondere durch charakteristische Bestattungen) im benachbarten Flachland bereits fest etabliert (Seregély 2008; Ullrich 2008; Vondrovský et al. i. Vorb.), und im Nordwesten Bayerns traten um 2550 v. Ztr. erste Inventare der Glockenbecherkultur auf (Ullrich 2008). In dieser Zeit setzten die Gemeinschaften im Norden der Fränkischen Alb zudem die lokale Tradition der Höhlenbestattungen fort, die bis in das Mesolithikum und das frühe Neolithikum zurückreicht (Richter 2023, 669–72; Seregély 2012). In der Kirschbaumhöhle wurden im Zeitraum von 2900 bis 2600 v. Ztr. menschliche Körper niedergelegt (Seregély et al. 2015).
Andere Fundplätze zeugen jedoch von einer gewissen Integration von Objekten und materiellen Ausdrucksformen der Schnurkeramik-Kultur. Diese wurden in der Fränkischen Alb vereinzelt in eher ungewöhnlichen Kontexten dokumentiert, etwa an Felsüberhängen und an markanten Felsformationen (Falkenstein 2012). Eine faszinierende Mischung kultureller Elemente zeigt sich in Wattendorf-Motzenstein, einer zwischen 2630 und 2470 v. Ztr. besiedelten Fundstelle. Obwohl der Platz als Beispiel für eine Siedlung der Schnurkeramik-Kultur angeführt wird (Müller & Seregély 2008; Seregély 2008), weist er wesentliche Merkmale des späten Neolithikums auf: eine Höhenlage sowie Grubenhäuser. Elemente der Schnurkeramik manifestierten sich dennoch in der Keramik, sowohl in Hinsicht auf ihren Stil als auch in Hinsicht auf ihre Herstellungstechnik. In dieser Hinsicht weist die Fränkische Alb Parallelen zu einigen Fundorten entlang der Westgrenze der Verbreitung der Schnurkeramik im Alpenvorland auf, wo schnurverzierte Keramik in die Traditionen der dortigen Seeufersiedler integriert wurde (Suter 2017). Es ist jedoch darauf hinzuweisen, daß eine chronologische Überschneidung von Fundkomplexen des Spätneolithikums und der Schnurkeramik für Süddeutschland allgemein anerkannt ist (Dunne et al. 2023; Furholt 2003) und eine vergleichbare Vermischung gut belegt ist für Burgerroth, etwa 80 km südwestlich der Fränkischen Alb - eine befestigte Höhensiedlung, die bis ins 26. Jahrhundert besiedelt war (zuletzt Link 2025). Die Fränkische Alb ist somit am besten als räumlich spezifisches Beispiel für Prozesse zu verstehen, die sich im 3. Jahrtausend in einem größeren Gebiet der deutschen Mittelgebirge abspielten (Drummer 2025).

Am Hohlen Stein bei Bad Staffelstein wurden ja auch Schnurkeramiker zusammen mit Wildpferden bestattet, und zwar auch eher in einer abgelegenen Höhenlage (s. Stg2021).

Insgesamt wird ein vergleichsweise vielfältiges kulturelles Nebeneinander deutlich sowohl im Frühneolithikum wie auch im Spätneolithikum in Mitteleuropa. Menschen und Kulturen sehr unterschiedlicher genetischer und kultureller Herkunft trafen aufeinander und lebten Jahrzehnte und Jahrhunderte nebeneinander her.

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  1. Václav Vondrovský: Not just a Single Story: Conceptualising the Diversity of Neolithic Lifeways in Central Europe. Proceedings of the Prehistoric Society (2026), Juni 2026, 1–15 (Resg26
  2. Rethinking Key Transformations in the Neolithic and Bronze Age Central Europe: A Radiocarbon Modeling Approach. Václav Vondrovský, Václav Hrnčíř, Daniel Hlásek ... Michaela Ptáková. Journal of Archaeological Research 34(2):1-58, December 2025 (Resg25)
  3. Evolutionary dynamics of the Timopheevii wheat lineage. Laxman Adhikari, Emile Cavalet-Giorsa, Michael Abrouk, Dal-Hoe Koo, Samara Correia de Lemos, Thomas Lux, Georg Haberer, Vitaly Portnoy, Adil Salhi, Xin Gao, Péter Mikó, István Molnár, Nathalie Rodde, John Raupp, Hakan Özkan, Manuel Spannagl, Nadia Kamal, Assaf Distelfeld, Jesse Poland, Simon Krattinger. bioRxiv 2026.07.20.739399; doi: https://doi.org/10.64898/2026.07.20.739399 (bioRxiv2026)

Sonntag, 6. Februar 2022

Cayönü (8.400 bis 7.500 v. Ztr.) - Die Menschen dieses Siedlungsortes genetisch gesehen

Neue archäogenetische Daten aus dem Zentrum des Fruchtbaren Halbmonds
- "Völker zwischen Kaukaus und Levanteraum in Neolithikum und Bronzezeit" (Teil 5)

Zum Thema der Blogartikel-Serie "Völker zwischen Kaukaus und Levanteraum ..." ist soeben erneut ein Forschungsartikel erschienen. (1). Hier deshalb Teil 5 zu dieser Blogartikel-Serie.

Abb. 1: Neu sequenzierte Menschenfunde von Cayönü in ihrem geographischen und genetischen Verhältnis zu umliegenden Populationen (aus 1)

Es ist Knochenmehl von 33 Menschenfunden des berühmten Ausgrabungsortes Cayönü (Wiki) in der südöstlichen Türkei gewonnen worden. Dieses ist auf erhaltenes Genmaterial hin untersucht worden. Dieses ist dann sequenziert worden (rote Sterne in Abb. 1). Das älteste gewonnene Genom ist auf etwa 8.400 v. Ztr. datiert, das jüngste auf 7.500 v. Ztr.. Alle Genome stammen deshalb aus der Zeitepoche des PPNB.

Wie schon in Abbildung 1 zu sehen, stehen die PPNB-Menschen von Cayönü genetisch auf der Mitte zwischen der anatolischen und der Levante-Genetik, dabei leicht in Richtung auf die iranische Genetik hin verschoben. Die Nähe in Bezug auf die Genetik deckt sich also ziemlich gut mit den geographischen Entfernungen. Das dürfte heißen, daß die Bevölkerung von Cayönü größtenteils einheimischen Ursprungs ist und aus örtlichen Jäger-Sammler-Populationen hervorgegangen ist.

Es gibt einen Ausreißer, der genetisch deutlicher in Richtung iranischer Genetik verschoben ist ("cay008"). Dabei handelt es sich um die Überreste eines eineinhalb- bis zweijährigen Kindes. Eine Großtante dieses Kindes über die väterliche Linie ist ebenfalls vor Ort gefunden worden. Die iranische Genetik wird also eher über die mütterliche Seite nach Cayönü und in dieses Kind gekommen sein. Das Kind weist außerdem Schädeldeformierungen auf, wie sie von Schädelbandagierungen hervorgerufen werden und wie sie mehrmals in Cayönü und in dieser Zeit auch sonst im Fruchtbaren Halbmond festgestellt worden sind. An seiner Genetik wird erkennbar, daß die Vermischung zwischen anatolischer und iranischer Genetik tatsächlich auch im Kernraum des Fruchtbaren Halbmonds schon im PPNB begonnen hat (1):

Wir schätzen, daß cay008-Genom 50 % epipaläolithisch-anatolische Genetik und 50 % Genetik des neolithischen (Nordwest-)Zagros in sich trug und keine südlevantinische Herkunft aufwies, die sich in allen anderen Cayönü-Genomen findet. Wir können cay008 modellieren als eine Mischung von 79 % lokaler Cayönü-Genetik und 21 % (Nordwest-)Zagros-Genetik.
We estimated that the cay008 genome carried 50% Anatolia_EP and 50% Zagros_N ancestry (SE ± 5%, p-value > 0.05) and lacked a significant South Levant component found in the rest of Çayönü genomes (Fig. 2C). We were also able to model cay008 as a mixture of the “local” Çayönü sample (79%, SE ± 8%) and Zagros-like (21%, SE ± 8%) ancestries (p-value > 0.05).

Da bislang für diese Zeit keine einschneidenden Ereignisse aus der Archäologie bekannt sind, kann diese Genetik auch auf friedlichem Weg nach Cayönü gekommen sein. Es heißt dazu in der Studie (1):

Aus Sicht der Archäologie teilt Cayönü einige kulturelle Muster mit dem östlichen Flügel des neolithischen Südwest-Asien, insbesondere mit solchen im Tal von Tigris und Euphrat und im nordwestlichen Zagros-Gebirge.
Archaeologically, Çayönü shares a number of distinctive features with PPNA/PPNB settlements in the eastern wing of Neolithic Southwest Asia, particularly those in the Tigris and Euphrates basins and Northwest Zagros.

Zu weiteren Vermischungsprozessen kam es dann aber erst nach dem PPNB. 

Weitere Vermischungen im Übergang zum Keramikum

Es wird nämlich erkennbar, daß das vorkeramische anatolische Neolithikum ("PPN") sich genetisch noch deutlicher von dem anatolischen keramischen Neolithikum ("PN") unterschieden hat (s. Abb. 1). Nachmals lebende Menschen in Catalhöyük im Nordwesten des Fruchtbaren Halbmonds scheinen genetisch von Menschen beeinflußt worden zu sein wie solchen, die in Cayönü lebten (1).

Und solche Menschen scheinen sich beim Übergang zum Keramikum zwischen 7.000 und 6.500 v. Ztr. nach Norden ausgebreitet zu haben und dabei scheint es zu Vermischungen mit Menschen aus dem nördlicheren Anatolien gekommen zu sein (1). 

In Abbildung 1 unten sind noch einmal schön die vorherrschenden Hausbauformen der jeweiligen Zeitstellung dargestellt. Im PPNA gab es noch überall Rundhäuser, ab dem PPNB breiteten sich rechteckige Häuser aus. Das gilt für Cayönü, weiter östlich, im Zagros-Gebirge und im Kaukasus sind allerdings die Rundhäuser noch viel länger beibehalten worden (sogenannter "Rundhaus-Horizont").

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  1. A genomic snapshot of demographic and cultural dynamism in Upper Mesopotamia during the Neolithic Transition. N. Ezgi Altinisik, Duygu Deniz Kazanci, Ayca Aydogan, Hasan Can Gemici, Omur Dilek Erdal, Savas Sarialtun, Kivilcim Basak Vural, Dilek Koptekin, Kanat Gurun, Ekin Saglican, Gokhan Cakan, Meliha Melis Koruyucu, Vendela Kempe Lagerholm, Cansu Karamurat, Mustafa Ozkan, Gulsah Merve Klinc, Arda Sevkar, Elif Surer, Anders Gotherstrom, Cigdem Atakuman, Yilmaz Selim Erdal, Fusun Ozer, Asli Erim-Ozdogan and Mehmet Somel. bioRxiv. posted 1 February 2022, 10.1101/2022.01.31.478487, http://biorxiv.org/content/early/2022/02/01/2022.01.31.478487

Samstag, 29. Januar 2022

Kaukasus-Völker ziehen erobernd nach Süden - Anatolien während der Bronzezeit

Große genetische Kontinuität während des keramischen Neolithikums und der Bronzezeit
- Der Kaukasus als Völkerwiege: Hurriter, Mittani, Hethiter, Lyder, Lyker

Die Genetiker finden während des gesamten keramischen Neolithikums und der Bronzezeit in Anatolien eine Mischbevölkerung vor. Sie ist gekennzeichnet durch unterschiedliche Anteile iranischer Genetik. Sie trug in sich (1; "Figure 4") ...

  • im Kaukasus 70 % anatolische und 30 % iranische Genetik
  • am Fundort Büyükkaya 75 % anatolische und 25 % iranische Genetik,
  • in Tell Kurdu in der nördlichen Levante 49 % anatolische Genetik, 36 % einheimische Natufium-levantinische Genetik und 15 % iranische Genetik.

Wenn sich Völkerbewegungen während der Bronzezeit aus dem Kaukasus heraus in der Genetik in anderen Teilen Anatoliens wiederspiegeln (Kura-Araxes-Kultur, Hurriter, Mittani, Hethiter, Lyder, Lyker), dann in einer leichten Erhöhung des iranischen, genetischen Anteils vor Ort.

Abb. 1: Fundorte in Anatolien (aus: 1)

Aber grundsätzlich hatte sich die iranische Genetik schon um 6.000 v. Ztr. bis in den Levanteraum verbreitet und umgekehrt auch die anatolische Genetik in kleineren Anteilen nach Osten bis zur Marghiana-Kultur am Tianshan-Gebirge. 

Die Genetiker haben nun begonnen, das Datum der Vermischung der Vorfahren der kupfer- und bronzezeitlichen Bevölkerungen, die man bislang hat sequenzieren können, zu berechnen. Sie finden (nach 1; "Figure 8B") die frühesten Vermischungsdaten für Vorfahren von Individuen von dem Fundort Ikiztepe am (mittleren) Südufer des Schwarzen Meeres und vom Fundort Çamlıbel Tarlasi, 300 Kilometer weiter südlich (Abb. 1) (G-Maps). Das wäre also klar Nord-Anatolien. Hier könnte die Vermischung (nach 1; "Figure 8B") schon 7.800 bis 7.400 v. Ztr. stattgefunden haben.

Die Vermischungsdaten für die Vorfahren der Bevölkerung des Kaukasus liegen (nach 1; "Figure 8B") um 7.300 v. Ztr.. Für die Bevölkerung von Arslantepe im Süden Anatoliens, bzw. in Nordmesopotamien liegen sie erst um 6.000 v. Ztr.. 

Ob sich darin schon ein Szenario andeutet für den Ursprungsraum und den Ablauf dieser Vermischung? Er läge in Nordanatolien in der akeramischen Zeit der Kulturstufe des PPNB. Und er würde wunderbar passen zu der postulierten zeitgleichen Ausbreitung des PPNB vom Zagros-Gebirge über das Schwarze Meer hinweg bis an den Unteren Don, die wir im ersten Teil der vorliegenden Blogartikel-Serie erörtert haben (St gen 1/2022). 

Es wäre dann eine Ausbreitung dieser Mischbevölkerung Richtung Kaukasus (30 % iranische Genetik) einerseits und Richtung Süden (15 % iranische Genetik) andererseits zu unterstellen. Im Süden, das heißt im nördlichen Mesopotamien ist um 6.500 v. Ztr. die Halaf-Kultur entstanden. In all diesen Regionen könnte es bei dieser Gelegenheit zum Hereinkommen des iranischen genetischen Anteils gekommen sein. Die Datierung der Vermischung liegt für das Südufer des Schwarzen Meeres (Ikiztepe) in einer weiteren Berechnung (1; "Figure S") übrigens noch deutlich früher als bei den anderen Fundorten.

Daß sich hier recht deutliche zeitliche Unterschiede für die berechneten Vermischungsdaten ergeben und was sie implizieren könnten, wird in der Studie dann leider - offenbar - gar nicht weiter erörtert. Im Diskussionsteil wird über das Vermischungsereignis folgendes ausgeführt (1):

Das plötzliche Auftreten des neolithischen Lebensstils im südlichen Kaukasus und die Einführung von auswärtigen domestizierten Tieren und Pflanzen-Arten um 6.000 v. Ztr. legt eine gewisse Art von Interaktion nahe, die das Eindringen neolithischer Populationen aus benachbarten Regionen mit einschließt, von denen das südöstliche Anatolien - zusammen mit dem Zagros und dem Kaspischen Gürtel - eine der geeignetsten Kandidaten sein könnte. Damit in Zusammenhang dürfte stehen, daß die genetische Struktur der domestizierten Ziegen-Populationen innerhalb des Nahen Ostens zusammen brach und daß im Chalkolitikum die Ziegenherden über die gesamte Region hinweg abstammten von sowohl östlichen wie westlichen neolithischen Populationen. ....
In the Southern Caucasus, the abrupt appearance of a Neolithic lifestyle and the introduction of exogenous domesticated animal and plant species ca. 6000 BCE suggests some type of interaction with, and eventually intrusion of Neolithic populations from the neighboring regions, among which Southeastern Anatolia - along with Zagros and the Caspian belt - could be one of the most suitable candidates (Chataigner et al., 2014). Related to these events, the genetic structure of domesticated caprine populations within the Near East began to break down, and by the Chalcolithic period, goat herds across the region were found to harbor ancestries both from eastern and western Neolithic populations (Daly et al., 2018 , Kadowaki et al., 2017). Although the exact timing of this admixture is not known, the parallel between human and livestock genetic histories suggests that livestock moved not only through trade networks but also together with people, as well as their material culture, ideas, and practices. This is indicated, for instance, by the circular Neolithic architecture of the Southern Caucasus (Baudouin, 2019, Lyonnet et al., 2016), which is reminiscent of the Halaf traditions, that were developing during the early 6th millennium in North Mesopotamia and along the Anatolian stretches of the Tigris and Euphrates river valleys.

Mit den genetisch unterschiedlichen, domestizierten Ziegen-Populationen im Nahen Osten während der akermischen Zeit, sowie mit ihrer genetischen Vereinheitlichung zu Beginn des keramischen Neolithikums in Anatolien haben wir uns hier auf dem Blog schon beschäftigt.

In unserer vierteiligen Blogartikel-Serie  "Völker zwischen Kaukasus und Levante im Neolithikum und in der Bronzezeit" hatten wir im ersten Teil Einblicke in den Kenntnisstand zur Archäologie des Zagros-Gebirges und Anatoliens 9.000 bis 5.000 v. Ztr. gegeben (1. Teil), im zweiten Teil die archäogenetische Wang et al-Studie des Jahres 2019 über den Kaukasus als Jahrtausende lange Völkerscheide behandelt (2. Teil). Im dritten Teil hatten wir eine noch ältere Studie behandelt, die das Geschehen schon ähnlich charakterisierte (3. Teil). In diesem vorliegenden vierten Beitrag werden nun abschließend - und in groben Umrissen - zwei noch jüngere archäogenetische Studien aus dem Jahr 2020 ausgewertet (1, 2).  

Die Forscher schreiben anhand der archäogenetischen Auswertung von Sequenzierungsdaten von etwa 10 bis 20 neolithischen und chalkolitischen (kupferzeitlichen) Individuen aus Anatolien und aus dem Südkaukasus (1):

Wir finden, daß die Völker Nord- und Zentralanatoliens, sowie in den Ebenen südlich des Kaukasus (genetisch) miteinander in enger Verbindung stehen; sie formten einen genetischen Gradienten, der vom westlichen Anatolien bis in den südlichen Kaukasus und ins Zagros-Gebirge im heutigen nördlichen Iran reichte. Dieser Gradient formte sich nach einem Vermischungsereignis, das diese beiden Regionen um etwa 6.500 v. Ztr. miteinander verband.
We find that mid-6th millennium populations from North/Central Anatolia and the Southern Caucasian lowlands were closely connected; they formed a genetic gradient (cline) that runs from Western Anatolia to the Southern Caucasus and Zagros in today’s Northern Iran. This cline formed after an admixture event that biologically connected these two regions ca. 6500 BCE.

Diese Worte kann man nun gut verstehen und einordnen, nachdem man die drei vorhergehenden Blogartikel dieser Reihe zur Kenntnis genommen hat. Deshalb sind diese drei anderen auch geschrieben worden. Wir mußten uns dafür mit Epochen und Räumen vertraut machen, mit denen wir uns hier auf dem Blog bislang noch nicht beschäftigt hatten. 

Es wäre gerne noch einmal zu fragen, ob es einen so gleichmäßigen Vermischungs-Gradienten über so weite Räume hinweg in anderen Bauernkulturen des Neolithikums auch gegeben hat. Am ehesten wäre ein solcher vergleichbar wohl mit der allmählichen Vermischung der nord- und der südchinesischen Herkunftskomponente während des Neolithikums und der Bronzezeit, aus der die heutigen Han-Chinesen hervorgegangen sind (siehe andere Beiträge hier auf dem Blog).

Es ist für das neolithische Anatolien von einem Vermischungsereignis die Rede, das zeitlich nach der Herkunftsgruppe "Levant_N" (in Abb. 3 von Teil 2: St gen 1/2022) lag, bzw. das nach dem Untergang derselben erfolgte. Und es könnte dieses Vermischungsereignis jeweils stattgefunden haben mit den vor Ort lebenden Jägern und Sammlern im Norden des Fruchtbaren Halbmonds, also in Nordanatolien. Die dabei entstandenen Mischungsverhältnissen haben dann während der gesamten Bronzezeit fortbestanden und formen noch heute Grundzüge der Genetik der vorderorientalischen Völkern (s. Abb. 3 von Teil 2). Die Forscher beschreiben ihre komplexen statistischen Auswertungen unter anderem folgendermaßen (1):

Wir beobachten, daß ein frühes kupferzeitliches Individum in Zentralanatolien (Büyükkaya_EC) und ein spätneolithisches aus den Ebenen südlich des Kaukasus sich genetisch unterscheiden von einem neolithischen Individuum am Marmara-Meer (Barcın_N) dadurch, daß sie mehr Allele mit Kaukasus-Jäger-Sammlern teilen und mit der iranisch-neolithischen Völkergruppe als mit dem Individuum am Marmara-Meer, während sie zugleich weniger Allele mit westeuropäischen Jägern und Sammlern, mit frühen europäischen Bauern und mit einem epipaläolithischen Individuum aus Anatolien teilen, ebenso weniger mit einem solchen aus der Levante.
We observe that Büyükkaya_EC and Caucasus_lowlands_LN differ from Barcın_N by sharing more alleles with Caucasus hunter-gatherers (CHG; Satsurblia and Kotias Klde caves) and Iran_N (Ganj Dareh site in Zagros mountains) than with Barcın_N (+2.2 to +5.5 SE), while sharing less alleles with hunter-gatherers from Western Europe (WHG) (≤−4.3 SE), Early European Farmers (EEF) (≤−3.6 SE), the Epipaleolithic Pınarbaşı individual from Anatolia (≤−6.8 SE), and with the Neolithic/Epipaleolithic Levant (−1.3 to −9.4 SE). 

Schon für diese Zeit wird also in Mittelanatolien und im Südkaukasus eine Einmischung von 24 bis 31 % iranisch-neolithischer Genetik festgestellt. Ein neolithisches Individuum von Tepecik in Mittelanatolien weist nach dieser Studie 22 % iranisch-neolithische Genetik auf.

Die Menschen des Frühen Chalkolitikum im Tell Kurdu in der nördlichen Levante weisen zu 36 % genetische Kontinuität zu den vorkeramischen städtischen PPNB-Kulturen des Fruchtbaren Halbmonds auf, das ist der größte Anteil, der für diesen Zeitraum in Bevölkerungen des Vorderen Orients beobachtet wird. Es handelt sich also um die Natufium-levantinische Genetik (1):

... Tell Kurdu_EC weist mehr genetische Nähe zu vorkeramischen neolithischen Levantinern (Levant_N) auf als zu jeder anderen neolithischen oder frühchalkolitschen anatolischen Bevölkerung, einschließlich eines 1000 Jahre jüngeren Individuums aus derselben Gegend (Tell Kurdu im Mittelchalkolithikum). (...) Wir können frühchalkolitische Individuen von Tell Kurdu als Dreifachmischung modellieren: Marmara-neolithisch (Barcin_N), 15,5 % iranisch-neolithisch und 36,6 % levantinisch-neolithisch.
TellKurdu_EC does not fall on this cline of mixed Barcin_N-Iran_N ancestries but shows extra affinity with ancient Levantine populations. Accordingly, f4-statistics of the form f4(Mbuti, Levant_N; X, TellKurdu_EC) ≥3.3 SE, show that TellKurdu_EC has more affinity with the pre-pottery Neolithic Levantines (“Levant_N”) than with any other Neolithic-Early Chalcolithic (“N-EC”) Anatolian population including an almost 1,000-year younger individual from the same area (TellKurdu_MC). When compared to Barcın_N, TellKurdu_EC has significantly (<−4 SE) less affinity with Mesolithic hunter-gatherers from Western, Eastern, and Southeastern Europe (WHG, EHG, and Iron_Gates, respectively). The admixture model with Barcın_N+Iran_N/CHG used above is not supported for TellKurdu_EC (p < 1.47 × 10−5). Instead, we can successfully model TellKurdu_EC as a three-way mixture of Barcın_N, Iran_N (or CHG), and Levant_N (p = 0.298; 15.5% ± 3.7% from Iran_N and 36.6% ± 7.1% from Levant_N; Figure 4).

Das führten wir schon eingangs aus. Spätestens bis zum Frühchalkolitikum hat sich also iranische Genetik bis in den nördlichen Levanteraum ausgebreitet, wo sie einen Herkunftsanteil von 15 % stellt. Im Diskussionsteil schreiben die Forscher (1):

Wir charakterisieren einen spätneolithisch/frühchalkolithischen genetischen Gradienten, der von Westanatolien (z.B. rund um das Marmara-Meer) bis zu den Ebenen südlich des Kaukasus reicht, der geformt wurde durch einen Vermischungsprozeß, der mit Beginn des Spätneolithikums einsetzte (um 6.500 v. Ztr.). Das östliche Ende dieses Gradienten reicht über das Zagros-Gebirge (des Irans) hinaus mit winzigen Anteilen anatolischer (z.B. westlich-anatolischer) Herkunft, die sich bis in das chalkolitische und bronzezeitliche Zentralasien hinein erstrecken. Im Süden findet sich die anatolische Herkunft in neolithischen Bevölkerungen des südlichen Levanteraums, im Norden in den chalkolitischen und bronzezeitlichen Bevölkerungen des Kaukasus (vornehmlich gebirgige Gegend), wahrscheinlich als das Ergebnis einer spätneolithischen Vermischung.
We describe a Late Neolithic/Early Chalcolithic (6th millennium BCE) genetic cline stretching from Western Anatolia (i.e., area around the Sea of Marmara) to the lowlands of the Southern Caucasus that was formed by an admixture process that started at the beginning of Late Neolithic (∼6500 years BCE). The eastern end of this cline extends beyond the Zagros mountains with minute proportions of Anatolian (i.e., Western Anatolian-like) ancestry reaching as far as Chalcolithic and Bronze Age Central Asia (Narasimhan et al., 2019 ). To the south, Anatolian ancestry is present in the Southern Levantine Neolithic populations (Lazaridis et al., 2016 ), and to the north, in the Chalcolithic and Bronze Age populations from the Caucasus (mainly mountainous area) (Allentoft et al., 2015 , Lazaridis et al., 2016, Wang et al., 2019 ), most likely as a result of the Late Neolithic admixture.

Wir haben es also mit der Völkergruppe der anatolisch-europäisch-neolithischen Bauern im Westen (Bosporus) und der Völkergruppe der iranisch-neolithischen Bauern im Osten zu tun, wobei das Büyükkaya-Indidivuum in Zentralanatolien der anatolisch-neolithischen Völkergruppe näher steht als der iranisch-neolithischen. Es steht genetisch zugleich auf der Mitte zwischen Südkaukasus und Levante. Die Forscher schreiben (1):

Die neolithische Rundhaus-Architektur des südlichen Kaukasus erinnert an die Halaf-Traditionen, die während des 6. Jahrtausends in Nordmesopotamien und entlang der in Anatolien gelegenen Bereiche der Täler von Tigris und Euphrat entwickelt worden waren.
The circular Neolithic architecture of the Southern Caucasus (Baudouin, 2019 , Lyonnet et al., 2016 ), is reminiscent of the Halaf traditions, that were developing during the early 6th millennium in North Mesopotamia and along the Anatolian stretches of the Tigris and Euphrates river valleys.

Auch dieser Satz ist nach Erarbeitung der ersten beiden Blogartikel dieser Reihe nachvollziehbar. Vom 6. Jahrtausend bis zum Beginn der Bronzezeit hat sich dann die Genetik in Anatolien nicht mehr wesentlich verändert, sondern weist Kontinuität auf.

Die Unklarheit hier auf unserem Blog über den Zeitpunkt und die Art der Ausbreitung der iranisch-neolithischen Herkunftskomponente bis ins westliche Anatolien ist damit also nun beseitigt. Diese Ausbreitung ist auf das 8. und 7. Jahrtausend v. Ztr. zurück datiert (!!!) und auf die Zeit der Entstehung und Ausbreitung der ersten neolithischen Kulturen in Nordanatolien, sowie der Halaf-Kultur in Südanatolien/Nordmesopotamien.

Übrigens muß die Ausbreitung der Cardial-Kultur rund um die Küsten des Mittelmeeres vom westlichen Anatolien aus und der Balkan- und Donau-neolithischen Kulturen Richtung Norden begonnen haben, bevor die iranische genetische Komponente die Mittelmeerküste Anatoliens erreicht hat. Denn eine iranische genetische Komponente findet sich ja in diesen Völkergruppen während des Früh- und Mittelneolithikums nicht.

2.900 v. Ztr. - Die Hurriter (Kura-Araxes, Mittani) - 1.800 v. Ztr. - Die Hethiter, Lyder, Lyker

Über die erneute, zusätzliche Ausbreitung iranischer Genetik mit der Kura-Araxes-Kultur vom Kaukasus aus wird eine der beteiligten Forschereinnen angeführt (3):

"In den bronzezeitlichen Populationen der frühen städtischen Zentren Alalakh und Ebla in der heutigen Südtürkei und Nordsyrien konnten wir neue genetische Spuren nachweisen, die nur durch den (genetischen) Einfluß von externen Gruppen zu erklären sind."

Und es wird dazu weiter ausgeführt (3):

Antike Texte berichten über die Migration von Bevölkerungsgruppen wie "Amoritern" und "Hurritern". Woher die Einwanderer in die nördliche Levante kamen, können die Forscher nur vermuten. Nahe liegt hier Mesopotamien, der heutige Irak, aus dem bislang jedoch noch kaum alte menschliche Genome bekannt sind.

Nach der parallelen Studie stammen diese neu hinzu kommenden Völker aus dem Bereich des Kaukasus (2) (siehe gleich). Eine einzelne Frau, die genetisch direkt aus Zentralasien stammte, fand sich in der bronzezeitlichen Siedlung Alalakh in der Südtürkei auf den Boden eines Brunnens geworfen, und zwar in der Zeit um 1.600 v. Ztr. (3). Diese Frau ist aber bislang der einzige Nachweis dafür, daß Menschen von außerhalb der anatolischen Völkergruppe nach Anatolien hinein gekommen sind.

Die zweite Studie (2) (Agranat-Tamir 2020), die viele neu sequenzierte Menschenfunde aus dem südlichen Levanteraum aus dem Neolithikum und der Bronzezeit auswertet, ist bezüglich der Herkunft der Zuwanderer deutlicher als die erstgenannte (2):

Wir stellten fest, daß schon die ältesten Individuen unserer Sammlung aus der Mittleren Bronzezeit beträchtliche Zagros-ähnliche Herkunft in sich trugen, was einen Genzufluß in die Region nahelegt, der vor etwa 2.400 v. Ztr. eingesetzt hat. Dies stimmt überein mit der Hypothese, daß Menschen der Kura-Araxes-Kultur des 3. Jahrtausends v. Ztr. den südlichen Levanteraum nicht nur kulturell, sondern in einem gewissen Ausmaß auch genetisch geprägt haben. Unsere Daten legen auch eine Zunahme dieses Zagros-Herkunftsanteils nach der Mittleren Bronzezeit nahe.
We observed that the oldest individuals in our collection, from the Intermediate Bronze Age, already carried significant Zagros-related ancestry, suggesting that gene flow into the region started before ca. 2400 BCE. This is consistent with the hypothesis that people of Kura-Araxes archaeological complex of the 3rd millennium BCE might have affected the Southern Levant not only culturally, but also through some degree of movement of people. Our data also imply an increase in the proportion of Zagros-related ancestry after the Intermediate Bronze Age.

Drei Ausnahmefälle in Megiddo diesbezüglich konnten archäologisch gut auf 1550 v. Ztr. datiert werden. Diese trugen nur 9 bis 27 % neolithische Levante-Herkunft in sich:

Die einzige passende nordöstliche Ausgangsbevölkerung für diese beiden Individuen ist das gleichzeitige Mittel- bis Spätbronzezeitliche Armenien. (...) Zusammengefaßt zeigen unsere Analysen, daß der Genzufluß in die Levante hinein, von Menschen, die verwandt waren mit denen im Kaukasus oder im Zagrosgebirge schon während der Mittleren Bronzezeit begann, und daß er episodisch oder kontinuierlich nachklang, zumindest in Inland-Orten während der Mittleren bis Späten Bronzezeit.
The only working northeast source population for these two individuals is the contemporaneous Armenia_MLBA. (...) Altogether, our analyses show that gene flow into the Levant from people related to those in the Caucasus or Zagros was already occurring by the Intermediate Bronze Age, and that it lingered, episodically or continuously, at least in inland sites, during the Middle-to-Late Bronze Age.

An anderer Stelle wird über diese Studie berichtet (4):

Die weitere genetische Veränderung, die die Wissenschaftler entdeckten, vollzog sich nicht so graduell. Sie sahen sich untersuchte Menschenfunde der antiken Städte Alalakh und Ebla in der heutigen südlichen Türkei und im nördlichen Syrien an und entdeckten, daß um 2.000 v. Ztr. die nördliche Levante ein vergleichsweise plötzliches Hereinkommen von neuen Menschen erlebte. Die genetische Veränderung deutet auf eine Masseneinwanderung. 
The other shift researchers detected wasn’t as gradual. They looked at samples from the ancient cities of Alalakh and Ebla in what is today Southern Turkey and Northern Syria, and saw that around 4,000 years ago the Northern Levant experienced a relatively sudden introduction of new people. The genetic shifts point to a mass migration.

Der Begriff "mass migration" fällt in der Studie selbst zwar nicht, der Bericht ist aber am Institut selbst entstanden. Wir lesen dazu andernorts (Orlando, Cell 2020) (5):

Drei Individuen vom Tell Meddigo trugen eine größere Zagros-Herkunft in sich als die restlichen Menschen vor Ort. Beim derzeitigen Datenstand kann diese Herkunft am ehesten zurückgeführt werden auf Menschen, die Armenien besiedelt haben und nicht den Iran, und zwar nicht vor der Mittleren Bronzezeit. (...) Dies legt direktere Verbindungen mit dem südlichen Kaukasus während der ersten Hälfe des 2. Jahrtausends v. Ztr. nahe.
For three individuals from Tel Meddigo, the Zagros-related ancestry fraction was higher than in the other individuals and, with current data, was best approximated from sources inhabiting Armenia, and not Iran, no earlier than the middle Bronze Age. (...) This supports direct connections with the southern Caucasus during the first half of the second millennium BCE. 

Es wird ausgeführt, daß noch archäogenetische Daten zu den so wesentlichen geschichtlichen Vorgängen in Mesopotamien (Uruk, Babylon, Akkad) fehlen. Um sich an den Zeitpunkt und den Ausgangsort der hinzukommenden Genetik anzunähern, formlieren die Forscher folgenden Gedankengang (Agranat-Tamir 2020):

Die Archäologie weist für die erste Hälfe des 3. Jahrtausends v. Ztr. auf kulturelle Ähnlichkeiten hin zwischen der Kura-Araxes-Kultur im Kaukasus und der Khirbet Kerak-Kultur in der Südlevante und in Textüberlieferungen sind im 2. Jahrtausend v. Ztr. einige nicht-semitische Hurrische Personennamen dokumentiert, zum Beispiel im Amarna-Archiv des 14. Jahrhundert v. Ztr.. Deshalb kamen wir auf den Gedanken, daß die kupferzeitliche Zagros-Herkunftskomponente über den Kaukasus in die südliche Levante gekommen sein könnte (und sogar nähergelegene nordöstliche Gebiete des antiken Nahen Ostens, obwohl wir noch keine archäogenetischen Sequenzierungen aus dieser Region vorliegen haben). Diese Ausbreitung muß nicht auf ein einziges, kurzes Ereignis beschränkt gewesen sein, sie könnte mehrere Wellen während der Bronzezeit in sich geschlossen haben.
Archaeology points to cultural affinities between the Kura-Araxes (Caucasus) and Khirbet Kerak (Southern Levant) archaeological cultures in the first half of the 3rd millennium BCE (Greenberg and Goren, 2009), and textual evidence documents a number of non-Semitic, Hurrian (from the northeast of the ancient Near East) personal names in the 2nd millennium BCE, for example in the Amarna archive of the 14th century BCE (Na’aman, 1994b). We therefore reasoned that the Chalcolithic Zagros component might have arrived into the Southern Levant through the Caucasus (and even more proximately the northeastern areas of the ancient Near East, although we have no ancient DNA sampling from this region). This movement might not have been limited to a short pulse, and instead could have involved multiple waves throughout the Bronze Age.

Die Daten legen also eine Zuwanderung der Kura-Araxes-Kultur aus dem Südkaukasus in den Südlevanteraum nahe in einer Zeit nach der Begründung der Großreiche und ihrer Schriftkulturen in Uruk und Ägypten, also nach 3.200 v. Ztr..

Im Großen und Ganzen bestätigt diese Studie - soweit wir es verstehen - das, auf was wir hier in diesem Blogartikel und anderwärts schon aufmerksam geworden waren, nämlich auf einen erneuten Zufluß von iranisch-neolithischer Genetik in den östlichen Mittelmeerraum (und von dort dann sogar in den westlichen Mittelmeerraum). Von ausgesprochenen Indogermanen (Yamnaja-Genetik) im östlichen Mittelmeerraum scheinen weitgehend immer noch die erwarteten Spuren zu fehlen.

2.900 v. Ztr. - Die indogermanisch mitgeprägten Mittani kommen nach Nordmesopotamien

Werfen wir nun einen Blick hinüber zur Archäologie. Das Gebiet der Kura-Araxes-Kultur (4.000 bis 2.000 v. Ztr.) (Wiki) im Südwesten des Kaukasus deckt sich sehr weitgehend mit dem der vorhergehenden Shulaveri-Shomu-Kultur und scheint auch aus ihr hervor gegagen zu sein unter kulturellen Einflüssen aus Nordmesopotamien. Diese Kultur hat sich dann um 3.100 und 3.000 v. Ztr. sehr schnell erobernd bis nach Syrien und Palästina ausgebreitet.

Über die kulturellen Ursprünge der Maikop-Kultur im Norden des Kaukasus gibt es noch sehr unterschiedliche Meinungen unter den Archäologen, da kulturelle Einflüsse von allen Richtungen festgestellt werden können, von Mesopotamien aus, vom Iran aus, vom Balkan aus, vom Nordschwarzmeer-Gebiet aus. So schreibt Mariya Ivanova 2012.

Die Leyla-Tepe-Kultur (4.350-4000 v. Ztr.) (Wiki), existierend südlich und südöslich vom Kaukasus im heutigen Georgien und Aserbeidschan, bis zu 1000 Kilometer entfernt von der Stadt Maikop nordwestlich des Kaukasus (G-Maps), wird von manchen Forschern als Ausgangspunkt der Maikop-Kultur angesehen. Sie weist auch Ähnlichkeiten der Kulturgüter auf mit solchen von Tell Khazneh I aus dem 4. Jahrtausend v. Ztr. in Syrien:

Die Leyla-Tepe-Keramik ähnelt der "Chaff-Faced"-Ware des nördlichen Syrien und Mesopotamien. Diese ist besonders gut bezeugt in der Amuq F-Phase. Ähnliche Keramik wurde ebenso in Kultepe in Azerbeidjan gefunden.
Leyla-Tepe pottery is very similar to the 'Chaff-Faced Ware' of the northern Syria and Mesopotamia. It is especially well attested at Amuq F phase. Similar pottery is also found at Kultepe, Azerbaijan.

Die Ergebnisse zu einer Ausgrabung dieser Kultur im Jahr 2012 wurden 2016 veröffentlicht unter dem Titel:

... Ostanatolische kupferzeitliche Traditionen im Kaukasus
Potter's Marks on Leilatepe Culture Pottery: Eastern Anatolian Chalcolithic Traditions in the Caucasus

In der Zusammenfassung heißt es (Researchg):

.... Die nordkaukasische Maikop-Kultur entstand als das Ergebnis von Wanderungen von Stämmen der Lailatepe-Kultur nach Norden. ....
Late Chalcolithic elements found on several ceramics of the Lei-latepe culture in the South Caucasian region are analyzed and compared to marks on ceramics from Arslan-tepe and the Maikop culture. (...) This study looks at the Northern Caucasian Maikop archaeological culture (that) was formed as a result of migration of the Leilatepe culture tribes to the North. Common peculiarities for both cultures are red-pink, round-based pots bearing marks and some specific features of funeral customs. From this view point, the early Maikop sites are more typical Late Chalco-lithic Leilatepe type than the early Bronze.

Tausend Jahre später dann, in der Frühen Bronzezeit (3.000 bis 2.800 v. Ztr.) finden Archäogenetiker Hinweise auf einen Zufluß zusätzlicher iranischer Genetik in Arslantepe (Wiki). Das ist zur gleichen Zeit, in der sich die indogermanische Glockenbecher-Kultur in Spanien, England und Italien ausbreitet, auf Sardinien und in Spanien zweitweise ohne daß damit nennenswerte Steppengenetik sich ausbreitet. Vielleicht haben wir ein ähnliches Phänomen in Anatolien zu gleicher Zeit vorliegen.

Es ist jedenfalls naheliegend, den erneuten Zufluß an iranischer Genetik mit den Mittani (Wiki) in Verbindung zu bringen. Die Mittani haben den Streitwagen im Vorderen Orient eingeführt und weisen sprachlich einige indogermanische Charakteristika auf (Worte für Pferde zum Beispiel). Sie breiten sich dann - einmal erneut - aus der Kernregion des vormaligen Fruchtbaren Halbmonds heraus aus. Aber offensichtlich sind sie nach dorthin vom Kaukasus aus gekommen. Über Arslantepe lesen wir (Wiki):

Um 3000 v. Chr. wurde der Palast in einem verheerenden Feuer zerstört, was zum Ende der bisherigen Machtstrukturen führte. In der folgenden Phase der frühen Bronzezeit 1 (3000-2800 v. Chr.) war der Hügel zunächst von Gruppen von nomadischen Viehhaltern aus dem ostanatolischen bis transkaukasischen Raum bewohnt. Sie bauten Hütten aus mit Lehm beworfenem Flechtwerk, die Keramik beschränkte sich auf handgemachte rot-schwarze Ware. Gelegentlich werden die neuen Bewohner der südkaukasischen Kura-Araxes-Kultur zugerechnet. Nach einer Übergangszeit zeigt sich jedoch eine erneute Machtkonzentration durch den Bau einer vier Meter dicken Befestigungsmauer um den höchsten Teil, die aus Lehmziegeln auf Steinfundamenten errichtet war. Auch die Siedlung außerhalb der Mauern an den Hängen bestand jetzt wieder aus Lehmziegelhäusern mit bis zu drei Räumen. In den Räumen und auf den dazwischenliegenden Höfen konnten landwirtschaftliche Tätigkeiten nachgewiesen werden, aber auch Spuren von Metallverarbeitung. In dieser Zeit taucht auch vermehrt wieder die auf der Töpferscheibe erstellte, helle Keramik der Uruk-Art auf.
Am Anfang dieser Periode, zwischen 3000 und 2900 v. Chr., wurde außerhalb der Befestigung das sogenannte Königsgrab angelegt. Es liegt auf der Sohle einer fünf Meter durchmessenden Grube, die ursprüngliche Tiefe läßt sich auf Grund von späteren Änderungen nicht rekonstruieren. Es handelt sich um ein Steinkistengrab mit einer Seitenlänge von etwa zwei Metern. Die Kiste enthielt den Leichnam eines Erwachsenen, mit angezogenen Knien auf der rechten Seite liegend. Das Grab war mit reichen Beigaben ausgestattet. Dazu gehörten Tongefäße und Schmuck aus Karneol, Bergkristall, Silber und Gold sowie eine Ansammlung von Metallgegenständen hinter seinem Rücken. Sie besteht aus Waffen, Werkzeugen und Schmuck aus Arsenkupfer, Kupfer-Silber-Legierungen, Gold und Silber. Im Unterschied zu den Schwertern der Periode VI A handelt es sich bei diesen nicht um Repräsentationsobjekte, sondern um verwendbare Waffen. Auf der Deckplatte des Grabes wurden vier Skelette von Jugendlichen gefunden. Zwei davon, ein männliches und ein weibliches, lagen am Kopfende des Grabes und waren mit Schmuckstücken ausgestattet, Kupfernadeln, einem Diadem und einer Haarspirale aus einer Kupfer-Silber-Legierung ähnlich den Grabbeigaben. Möglicherweise handelt es sich hier um Verwandte des Bestatteten. Die anderen beiden, die am Fußende lagen, waren beide weiblich und trugen keinen Schmuck, vielleicht waren es Bedienstete. Die reiche Ausstattung des Bestatteten sowie die offensichtliche Anwesenheit von Menschenopfern deuten darauf hin, daß es sich um eine hochgestellte Persönlichkeit, wohl einen Herrscher, gehandelt hat.

Und weiter:

Nachdem die Bauten der letzten Periode durch ein erneutes Feuer zerstört wurde, war der Siedlungsort zunächst für einige Zeit verlassen. Während der frühen Bronzezeit II, zwischen 2750 und 2500 v. Chr., siedelten erneut Nomaden auf dem Hügel. Ähnlich der frühen Periode VI B hinterließen sie schnell vergängliche Bauten. Daneben bauten sie wenige runde Lehmhütten oder, noch seltener, halb unterirdische Häuser mit Vorbauten und Abfallgruben. In einer etwas späteren Phase entstand im höheren Teil ein mehrräumiges Terrassengebäude, in dessen rechteckigen Räumen unter anderem hufeisenförmige Herdstellen vorhanden waren. Das Gebäude zeigt auch Spuren von Reparaturarbeiten, so daß es wahrscheinlich über längere Zeit von einer Familie oder Sippe bewohnt war, während außerhalb saisonweise die nomadischen Bewohner lebten. Die Keramik war ausschließlich handgemacht, ähnlich der vorherigen rot-schwarzen Ware. Daneben gab es einen Typ von heller, polierter Ware, die mit roten und braunen geometrischen Motiven bemalt war. Mit dieser Periode endete zunächst die Vormachtstellung des Ortes, die Verbindungen nach Mesopotamien und Syrien wurden aufgegeben zugunsten von Beziehungen nach Ostanatolien.

Die Archäogenetiker sprechen von einer (1)

... Spärlichkeit mittel- und spätbronzezeitlicher Gräber in Anatolien. In dieser Hinsicht stellt der Fundort Alalakh im Amuq-Tal in der Türkei mit seinen mehr als 300 Gräbern, die auf diese Epoche datiert werden, einen Ausnahmefall für archäogenetische Studien dar.
... due to the scarcity of Middle and Late Bronze Age (LBA) burials. In this regard, the site of Alalakh in the Amuq Valley (Turkey), with more than 300 burials dated to that period, represents an exceptional case for the application of aDNA studies. 

In der hier erwähnten Mittleren Bronzezeit bestand in Alalakh schon das Reich der Mittani (Wiki), das sich um 1600 v. Ztr. zwischen dem Großreich der Hethiter im Norden und dem Großreich der Ägypter im Süden behauptete.

___________

  1. Eirini Skourtanioti, ... Wolfgang Haack, Johannes Krause: Genomic history of neolithic to bronze age Anatolia, Northern Levant, and Southern Caucasus. Cell 181(5), Mai 2020, 1158-1175. https://doi.org/10.1016/j.cell.2020.04.044, https://www.cell.com/cell/fulltext/S0092-8674(20)30509-2
  2. Agranat-Tamir et al. (David Reich), The Genomic History of the Bronze Age Southern Levant, 2020, Cell 181, 1146–1157, May 28, 2020, https://doi.org/10.1016/j.cell.2020.04.024, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0092867420304876 (pdf)  
  3. Menschliche Mobilität und die frühen Staaten im Vorderen Orient, 28.5.2020, https://www.shh.mpg.de/1708395/anatolian-dna 
  4. Juan Siliezar: Movement and mingling of peoples in West Asia 8,500 years ago, 29.5.2020 (Harvard Gazette
  5. Ludovic Orlando: Filling Important Gaps in the Genomic History of Southwest Asia. Cell, Volume 181, Issue 5, 28 May 2020, Pages 966-968, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0092867420305729
  6. Ivanova, Mariya 2012. Kaukasus und Orient: Die Entstehung des "Maikop-Phänomens" im 4. Jahrtausend v. Chr. In: Praehistorische Zeitschrift 2012; 87(1): 1-28
  7. Korobov, D., & Borisov, A. (2013). The origins of terraced field agriculture in the Caucasus: New discoveries in the Kislovodsk basin. Antiquity, 87(338), 1086-1103. doi:10.1017/S0003598X00049887

Samstag, 22. Januar 2022

Anatolien - Formierungsprozesse der ersten Bauernvölker (13.000 bis 5.000 v. Ztr.)

11.000 v. Ztr. - Erste iranische Genetik kommt nach Anatolien 
7.600 bis 5.700 v. Ztr. - Südanatolisch-levantinische Genetik kommt nach Anatolien
- Die Entstehung der anatolisch-neolithischen Völkergruppe
- Jene Völkergruppe, die das Neolithikum über ganz Europa verbreitet hat

Anatolien. Das große und reiche Anatolien (Wiki). Dieser Raum hat das Entstehen, die Blüte und den Verfall so unzählig vieler Völker, Kulturen, Königreiche und Sprachen von frühester Zeit der Menschheitsgeschichte an erlebt (Wiki, Wiki). 

Man tauche hinein in die Geschichte der Völker so vieler Jahrtausende und man wird sehen, daß eine Beschäftigung mit dem deutschen Archäologen Heinrich Schliemann und mit seinen Ausgrabungen in Troja und daß ein Lesen von solchen Klassikern wie "Götter, Gräber und Gelehrte", in denen über die Ausgrabung der Königsstadt der Hethiter, Hattusa, berichtet wird, nur erste Andeutungen geben können, von jenem kulturellen Reichtum, von dem es hier Kenntnis zu nehmen gilt, von dem einen Eindruck zu verschaffen wirklich sinnvoll sein könnte für den, der die Geschichte der Menschheit wirklich verstehen will.

Abb. 1: Ein Wildschwein als Zeremonialgefäß, Hacılar, südwestliche Türkei, um 6.000 v. Ztr. (5) - Hacılar war Siedlungsort seit dem 8. Jahrtausend v. Ztr. - Ausgestellt im "Museum für die Anatolischen Kulturen" in Ankara

Anatolien. Hier entstand im 7. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung die Ausgangspopulation jener Völkergruppe, die ab 6.500 v. Ztr. den Ackerbau rund um das gesamte Mittelmeer, über den Balkan, die Donau hinab ins Wiener Becken und von dort durch ganz Mitteleuropa hindurch bis an die Kanalküste ausbreitete und schließlich - ab 4.400 v. Ztr. als Trichterbecher-Kultur - bis nach Skandinavien, ja, als Cucuteni-Tripolje-Kultur und als Kugelamphorenkultur bis tief in die Ukraine und nach Rußland hinein, eine Völkergruppe, die dann in Europa im indogermanischen Völkersturm des Spätneolithikums, etwa ab 3.800 v. Ztr. genetisch und kulturell nach und nach unterging.

Der höchste Anteil seiner Genetik hat sich bis heute in Sardinien erhalten. Aber wir alle, alle Europäer tragen die Genetik dieser Völkergruppe in uns, in größeren und kleineren Anteilen, um so weiter südlich, um so größer, um so weiter nördlich, um so weniger umfangreich.

In einer archäogenetischen Studie von Johannes Krause und Mitarbeitern aus dem Jahr 2018 wurde das erste Genom eines Jägers und Sammlers aus Anatolien aus der Zeit um 13.000 v. Ztr. veröffentlicht (Wiki). Über dieses wird gesagt (1): 

Anatolische Jäger und Sammler unterscheiden sich genetisch von anderen spätpleistozänen Populationen und repräsentieren eine zuvor nicht beschriebene Population.
We find that the Anatolian hunter-gatherers are genetically distinct from other reported late Pleistocene populations and thus represent a previously undescribed population.

Ein bislang den Ancient-DNA-Forschern in diesem Raum noch nicht bekannt gewordenes - genetisch einzigartiges - Volk ist entdeckt worden. Und dieses Volk hat dann auch ab 6.500 v. Ztr. genetisch weitgehend unverändert den Ackerbau und die seßhafte Lebensweise angenommen.

Aber noch zuvor scheint es zu genetischen Einmischungen (höchstens 10 bis 20 %) von frühen iranischen Jägern und Sammlern (oder Hirten/Bauern) gekommen zu sein und auch von westeuropäischen Jägern und Sammlern. Auch die "südanatolisch-levantinischen" Bauern scheinen genetischen Einfluß auf die Formierung dieser Völkergruppe genommen zu haben. Über die anatolisch-neolithischen Jäger-Sammler (AHG) heißt es (1): 

Die Herkunftsgruppe der anatolischen Jäger und Sammler hat die Hälfte ihrer Genetik von der levantinisch-neolithischen Herkunftsgruppe erhalten und die anderen Hälfte von der Herkunftsgruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler. (...) Bemerkenswerter Weise war es zu dieser Vermischung schon fünftausend Jahre vor Einführung des Ackerbaus in dieser Region gekommen und korreliert möglicherweise mit Belegen für menschliche Interaktionen zwischen Zentralanatolien und dem Levanteraum während des Epipaläolithikums.
AHG derives around half of his ancestry from a Neolithic Levantine-related gene pool (48.0 ± 4.5 %; estimate ± 1 SE) and the rest from the WHG-related one (tables S4 and S5). These results support a late Pleistocene presence of both ancestries in a mixed form in central Anatolia. Notably, the genetic connection with the Levant predates the advent of farming in this region by at least five millennia and potentially correlates with evidence of human interactions between central Anatolia and the Levant during the Epipalaeolithic.

Fünftausend Jahre vor 6.500 v. Ztr. heißt 11.500 v. Ztr.. Das wäre in Südanatolien, am Oberlauf von Euphrat und Tigris, die Kulturstufe des Natufium, eine schon recht weit entwickelte Kultur mit Halbseßhaftigkeit, in der sich die westeuropäische Hausmaus zu domestizieren begann (zur Hausmaus siehe andernorts hier auf dem Blog), und in der man Bergheiligtümer wie Göbekli Tepe zu errichten begann.*) 

11 % osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik in Serbien (7.000 v. Ztr.)

Über die mesolithische Jäger und Sammler-Kultur am Eisernen Tor im heutigen Serbien (Wiki), repräsentiert nicht zuletzt durch den Ausgrabungsort "Lepenski Vir" (Wiki), heißt es in der Studie von 2018 (1): 

Die Jäger und Sammler am Eisernen Tor können modelliert werden als eine Vermischung dreier Herkunftsgruppen, nämlich von nahöstlichen Jägern und Sammlern (26% anatolische Jäger und Sammler oder 11 % Natufium-levantinische Herkunfsgruppe), westeuropäische Jäger und Sammler (63 %, bzw. 78 %) und osteuropäische Jäger und Sammler (11 %)."
"We find that Iron Gates hunter-gatherers can be modeled as a three-way mixture of Near-Eastern hunter-gatherers (25.8 ± 5.0 % AHG or 11.1 ± 2.2 % Natufian), WHG (62.9 ± 7.4 % or 78.0 ± 4.6 % respectively) and EHG (11.3 ± 3.3 % or 10.9 ± 3 % respectively)."

Hatte man also bis 2018 gedacht, die Jäger-Sammler am Eisernen Tor in Serbien wären Mischungen aus west- und osteuropäischen Jägern und Sammlern, entdeckte man nun eine genetische Komponente des Nahen Ostens, wobei bis heut enoch nicht ganz klar ist, wie das einzuordnen ist. In der Zusammenfassung der Studie von 2018 heißt es (1): 

Wir stellen die hohe genetische Kontinuität (80 bis 90 %) zwischen Jägern und Sammlern und frühen Bauern in Anatolien heraus und entdecken zwei unterschiedliche, dort hinein kommende genetische Komponenten: eine frühe iranisch-kaukasische und eine spätere, die in Beziehung zur Levante steht.
We find high genetic continuity (~80-90%) between the hunter-gatherer and early farmers of Anatolia and detect two distinct incoming ancestries: an early Iranian/Caucasus related one and a later one linked to the ancient Levant.

Und zu den letzteren (1): 

Genetische Beiträge von außerhalb der Region, verbunden mit zwei frühen Bauernpopulationen des Fruchtbaren Halbmonds ersetzten jeweils etwa 10 und 20 % der einheimischen Genetik. Die frühere steht in Verbindung mit dem Neolithikum des Iran oder Kaukasus, die spätere in Verbindung mit dem Neolithikum der Levante.
External genetic contributions, associated with two distinct early farming populations of the Fertile Crescent, substituted about 10% and 20% of indigenous ancestry each. The earlier one is associated with Neolithic Iran/Caucasus and the later one with Neolithic Levant.

11.000 v. Ztr. - Iranische Genetik kommt nach Anatolien

Inzwischen sind die Zeitpunkte beider hier erwähnter Einmischungen in einer neuen Studie anhand eines neuen Verfahrens ("DATES") genauer bestimmt worden (2):

Wir ziehen die Schlußfolgerung, daß die iranische neolithische Bauern-Komponente um 10.900 v. Ztr. nach Anatolien herein kam, was vor der Einführung des Ackerbaus in Anatolien liegt. 
We infer the Iran Neolithic farmer-related gene flow occurred ~10,900 BCE (12,200-9,600 BCE), predating the origin of farming in Anatolia.

Welche Art von Lebensweise jene Menschen iranischer genetischer Herkunft gelebt haben, deren Genetik sich hier bis nach Anatolien ausgebreitet hat, wäre noch genauer zu klären. Entspricht sie der Lebensweise wie sie in der obigen Abbildung (Abb. 2) zur Darstellung kommt?

Abb. 2: Museum in Şanlıurfa in der Südost-Türkei: Jäger und Sammler in Anatolien (Wiki)

Zumindest in Teilen des iranischen Zagros-Gebirge, und zwar in jenem Teil, der sich mit dem östlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds deckt, gab es Stämme, die zu jenem Zeitpunkt schon ähnlich halb seßhaft oder seßhaft lebten ähnlich wie die Menschen ("Natufium-levantinischer" Herkunft) im mittleren und westlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds, wie vor wenigen Tagen hier auf dem Blog dargestellt (3). Die Lebensgrundlage im Zagros-Gebirge war eine auf männliche Individuen fokussierte Jagd auf wilde Schafe und Ziegen, sowie auf die Haltung von wilden, weiblichen Schweinen, die man sich mit wilden Ebern paaren ließ (so wie zum Teil bis heute auf Neuginea). Dadurch sind dort auch schon höhere Siedlungsdichten erreicht worden. Ob aber jene "iranischen" Jäger und Sammler, deren Genetik um 11.000 v. Ztr. zur Genetik der anatolischen Jäger und Sammler hinzu kommt, aus dem Fruchtbaren Halbmond stammten oder aus dem Bereich nördlich von ihm, darüber ist an dieser Stelle noch gar nichts gesagt. Weiter heißt es (2):

Während der nachfolgenden Jahrtausende vermischten sich diese frühen "Bauern" mit levantinisch-neolithischen Gruppen, um jene anatolisch-neolithischen Bauern zu formen, die sich dann nach Europa ausbreitete und nach Osten ...
During the subsequent millennia, these early farmers further admixed with Levant Neolithic groups to form Anatolian Neolithic farmers who spread towards the west to Europe and in the east ....

Daß es sich bei den hier angeführten anatolischen Jäger und Sammler schon um "Bauern" oder Hirten gehandelt hat, scheint uns bislang keinesfalls sicher zu sein.

7.600 bis 5.700 v. Ztr. - Südanatolisch-levantinische Genetik kommt nach Anatolien

Sicher aber ist, daß sie es im Zuge des zweiten hier genannten Vermischungsprozesses zur Ausbildung neolithischer Lebensweise gekommen ist. Dazu heißt es weiter (2):

.... um sich dort mit iranisch-neolithischen Bauern zu vermischen, um die kupferzeitlichen Gruppen von Seh Gabi und Hajji Firuz zu formen. Indem wir das neue Verfahren DATES nutzen, kommen wir zu dem Ergebnis, daß sich diese kupferzeitlichen Gruppen 7.600 bis 5.700 v. Ztr. geformt haben.
.... to mix with Iran Neolithic farmers forming the Chalcolithic groups of Seh Gabi and Hajji Firuz. Using DATES, we inferred the Chalcolithic groups were genetically formed in ~7,600–5,700 BCE. 

Das ist genau jene Zeit, die wir für die Formierung und Ausbreitung der Halaf-Kultur, bzw. der südkauasischen Shulaveri-Shomu-Kultur voraussetzen müssen und es würde auch dazu passen, daß sich PPNB-Kulturelemente vom Zagros-Gebirge am Ostufer des Schwarzen Meeres und am Unterlauf des Don gefunden haben. Dies deutet doch auf sehr weit ausgreifende Aktivitäten der akeramischen neolithischen Bevölkerungen im Zagros-Gebirge (3). 

Abb. 3: Die Lage von Aşıklı Höyük (Wiki)

 

Domestizierung der Schafe und Ziegen in der Mittleren Türkei ab 8.400 v. Ztr.

Ergänzung 17.3.2022: Die Siedlung Aşıklı Höyük (Wiki, engl) lag in der Mittleren Türkei am nördlichen Rand des Fruchtbaren Halbmonds und gehörte in die Kulturstufe des akeramischen Neolithikums, war auch älter als der viel bekanntere Siedlungsort Catalhöyük. Ab 8.400 v. Ztr. begann in Aşıklı Höyük - autochthon - die Domestizierung von Schafen und Ziegen (4): 

Das erste Stadium ... war eine "Einfangen-und-Wachsenlassen"-Strategie, die das jahreszeitlich gebundene Einfangen von wilden Zicklein/Geißlein/Lämmern mit einschloß aus den umliegenden Höhenlagen und das Aufziehen derselben über mehrere Monate hinweg, bevor sie innerhalb der Siedlung geschlachtet wurden. Das zweite Stadium verband die Reproduktion von Schafen und Ziegen am Siedlungsort mit fortdauerndem Einfangen von jungen Ziegen. Das dritte Stadium weist die Merkmale einer Herden-Haltung in großem Stil auf ... Der Übergang vollzog sich allmählich. Aber er brachte über die Zeit hinweg frühe domestizierte Formen mit sich und umfangreiche Unterschiede in der Organisation der menschlichen Arbeit, der Siedlungsform und der Abfall-Anhäufung. Aşıklı war ein unabhängiges Zentrum der Ziegen-Domestikation und unterstützt damit das evolutionäre Modell, das einen vielfältigen Ursprung der domestizierten Ziegen annimmt.
The earliest mode was embedded within a broad-spectrum foraging economy and directed to live meat storage on a small scale. This was essentially a “catch-and-grow” strategy that involved seasonal capture of wild lambs and kids from the surrounding highlands and raising them several months prior to slaughter within the settlement. The second mode paired modest levels of caprine reproduction on site with continued recruitment of wild infants. The third mode shows the hallmarks of a large-scale herding economy based on a large, reproductively viable captive population but oddly directed to harvesting adult animals, contra to most later Neolithic practices. Wild infant capture likely continued at a low level. The transitions were gradual but, with time, gave rise to early domesticated forms and monumental differences in human labor organization, settlement layout, and waste accumulation. Aşıklı was an independent center of caprine domestication and thus supports the multiple origins evolutionary model.

___________

*) 1995, als der Bloginhaber sich sehr gründlich mit den vorkeramischen Kulturen des Fruchtbaren Halbmonds beschäftigte, hatte er die Vermutung, daß sie durch Zuwanderung von Eiszeitjägern aus Europa entstanden sein könnten, da diese ja aufgrund der fortschreitenden Verwaldung Europas am Ende der Eiszeit auch zunehmend nach Süden ausgewichen sein könnten. Inzwischen schält sich aber wohl doch heraus, daß sich diese Annahme nicht bestätigt. Denn die Völkergruppen der west- und der osteuropäischen Jäger und Sammler haben sich ja ab 11.000 v. Ztr. auch bis in den Ostseeraum und nach Skandinavien ausgebreitet und dort zum Teil miteinander vermischt und haben das wenige Jahrtausende später auch im Baltikum gemacht und auf dem Balkan. Von einer großen Ausweichbewegung der westeuropäischen Jäger und Sammler nach Süden kann nach derzeitigem Kenntnisstand sicherlich nicht die Rede sein. Die Menschen scheinen sich vielmehr vor Ort nach und nach an die neuen Lebensumstände - an den damaligen Klimawandel - angepaßt zu haben.
Eine solche Dynamik von Kulturen, die sich von Süden nach Norden ausbreiten oder von Kulturen, die sich von Norden nach Süden ausbreiten oder von Osten nach Westen, wie sie einen großen Teil der Menschheitsgeschichte seit der Seßhaftwerdung bestimmt, eine solche Dynamik scheint es vor dem Übergang zu dieser noch nicht gegeben zu haben.

//  Zuerst auf Google+, 25.9.2018;
überarbeitet und erweitert: 22.1.2022;
ergänzt um [5]: 1.5.22  //
 
______________________________________________
  1. Late Pleistocene human genome suggests a local origin for the first farmers of central Anatolia. September 2018.DOI: 10.1101/422295, Autoren: Michal Feldman, Eva Fernandez Dominguez, Luke Reynolds u.a., sowie Johannes Krause, Preprint biorixv (Researchgate)
  2. Reconstructing the spatiotemporal patterns of admixture during the European Holocene using a novel genomic dating method Manjusha Chintalapati, Nick Patterson, Priya Moorjani bioRxiv 2022.01.18.476710; doi: https://doi.org/10.1101/2022.01.18.476710 
  3. Bading, Ingo: Das Zagros-Gebirge in der Völkergeschichte, Januar 2022, https://studgendeutsch.blogspot.com/2022/01/das-zagros-gebirge-in-der.html
  4. Stiner, M. C., Munro, N. D., Buitenhuis, H., Duru, G., & Özbaşaran, M. (2022). An endemic pathway to sheep and goat domestication at Aşıklı Höyük (Central Anatolia, Turkey). Proceedings of the National Academy of Sciences, 119(4), https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2110930119
  5. Hacılar, TurkishArchaeoNews @turarchaeonews, 4.3.2022, https://twitter.com/turarchaeonews/status/1499717291008741380
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