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Mittwoch, 2. Oktober 2019

Wie funktionieren Völker? - Das Verständnis erleichtert eine neue "Family Tree"-Funktion bei "23andme"


- Ein Rap-Musiker zeigt auf: Wir sind (meistens) Nachkommen kinderreicher Familien, die vor drei oder vier Generationen gelebt haben
- Diese Einsicht werden künftig immer mehr Menschen gewinnen: über Gensequenzierung

Aus der Reihe "Meine Gene", Teil 11

Kinder machen die Welt interessant. Kinderreiche Familien machen Familienforschung interessant. Denn wo Kinder sind, da ist Leben. Und wo viele Kinder sind, da ist viel Leben. Darüber kann sich bald jeder belehren lassen, der seine Gene bei 23andme sequenzieren läßt. Diese Erkenntnis ist inzwischen sogar in der Rap-Musik angekommen. In dieser wurde jüngst der Kinderreichtum eines burischen, evangelischen Pfarrhauses aus der Zeit um 1820 in Südafrika, sowie deren vielfältige Nachkommenschaft gefeiert (1).

So etwas kann aber inzwischen fast jeder auch für sich selbst und seine eigenen Vorfahren tun. (Ich für meinen Teil muß jetzt nur noch Rap-Musik lernen ....) Und wir sollten das alle tun und unsere Vorfahren feiern. Denn ohne sie und ihre aufopferungsvolle Bereitschaft, Kinder aufzuziehen, gäbe es uns alle nicht. Und das wäre doch eigentlich sehr schade. Oder wie es einmal ein deutscher Schriftsteller formulierte*):

"Ich bin das elfte Kind meiner Eltern. Und so lange ich Freude am Leben habe, bin ich geschworener Feind des Zehn-Kinder-Systems."

Wer von Kindheit an natürlicherweise in einem größeren Kreis von Verwandten aufwächst, der weiß womöglich den Wert von Verwandtschaft gar nicht wirklich zu schätzen. Aber auf diesen können auch immer einmal wieder bewegende Schicksale von Adoptivkindern aufmerksam machen (6).

Im folgenden sei von Seiten der Vorfahren des Blogautors ein Beispiel erläutert, eine in Ansätzen vergleichbare Geschichte erzählt wie jene genannte aus der Rap-Musik: Am 14. Januar 1858 wurde in  Stoke-on-Trent in Stafford in England eine Ehe geschlossen zwischen dem nachmaligen Forschungsreisenden Henry W. Morley (1834-1917) (Abb. 1), der in Leeds in England getauft worden war und in Quito in Ecuador gestorben ist, und Elizabeth Locker (1834-1909) (Abb. 2), die aus Uttoxeter in Staffordshire stammte, und die 1909 in Southampton an der englischen Kanalküste gestorben ist. Das Ehepaar lebte zunächst in Neuseeland als Farmer. Später ging der Ehemann als Forschungsreisender nach Südamerika. Ihre zehn Kinder (!) heirateten in alle Welt. Sie hatten vermutlich eine höhere Schulbildung genossen. Denn die älteste Tochter heiratete einen zeitweise in Deutschland tätigen englischen Diplomaten, eine ihrer Schwestern einen deutschen Arzt, der in Oberschlesien in der Funktion als Leibarzt des Fürsten Pleß tätig war.

Abb. 3: Nachkommen des kinderreichen Ehepaares William und Elizabeth Morley (die beiden Fragezeichen ganz oben rechts) (von 23andme) - Rekonstruiert werden nur die herkunftsmäßigen Zusammenhänge zwischen Menschen, die ihre Gene bei 23andme haben sequenzieren lassen und zu höheren Graden miteinander verwandt sind. Das sind in diesem Falle - bislang - Nachkommen von drei Kindern des Ehepaares

Es handelte sich bei den Kindern unter anderem um die Geschwister Alice, Elizabeth, Emma, Charlotte, Frances, Mary, John, Eliza, Lydia, Evely und Henry. (In den Unterlagen sind mehr als zehn Kinder aufgeführt, vermutlich haben nicht alle das Erwachsenenalter erreicht.) Diese vielen Kinder haben viele Nachfahren bis heute hinterlassen. Der Autor dieser Zeilen hat sogar seine Mitochondrien von Elizabeth Locker geerbt, weil seine Mutter in ungebrochener weiblicher Linie von ihr und einer ihrer Töchter abstammt (Abb. 6).

Die neue "Family Tree"-Funktion bei 23andme

Auf 23andme gibt es neuerdings in der Beta-Version einen "Family Tree, auf dem allein über genetische Daten "automatisch" rekonstruiert ist, über welche Wege man mit seinen "DNA-Verwandten " verwandt ist (also mit näheren oder entfernteren Verwandten, die bei 23andme ihre Gene haben sequenzieren, bzw. genauer: "typisieren" lassen) (2). Dieser "Family Tree" (zu übersetzen vielleicht mit "Verwandtschafts-Baum") ermöglicht es, familiengeschichtliche und verwandtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, die man zuvor nicht gleich auf den ersten Blick - und ohne (gemeinsame) Ahnenforschung schon einmal gar nicht - hätte verstehen können. In meinem Fall ist es so: Da ich schon einige wenige "Unbekannte" der "Gleichung mit vielen Unbekannten" in diesem "Family Tree" (Abb. 3) rekonstruiert habe (durch Austausch mit einigen der DNA-Verwandten über unsere etwaige gemeinsame Herkunft), sind hier nun in der Grafik weitere "Unbekannte" für mich viel leichter zu rekonstruieren und zu ergänzen.

Abb. 1: H. Morley

Und darüber verstehe ich zum ersten mal mir bislang schleierhafte Zusammenhänge zwischen mir und mir schon seit Jahren auf 23andme angezeigten "DNA-Verwandten", die auf meine Anfragen bisher nicht geantwortet hatten. Ich verstehe nämlich, daß auch diese - mit mir - Nachkommen aus der eben genannten Ehe sind. Vielleicht wissen sie das selbst (noch) nicht und ich könnte es ihnen jetzt erklären, ... wenn sie mir antworten würden.

Abb. 2: E. Locker

Nämlich: Die älteste Tochter des genannten Ehepaars war Alice, verheiratete Hadgkinson, die 1858 in Sneulou Mautra in Neuseeland geboren worden war. Von dieser stammen (mindestens) zwei mir namentlich bekannte DNA-Verwandte ab, die mir auf "23andme" angezeigt werden, darunter Sylvia aus Ontario in Kanada, mit der ich darüber geschrieben habe und worüber ich schon berichtet habe (3). Der Ehemann von Alice, ein Hadgkinson, war im auswärtigen, diplomatischen Dienst in Deutschland tätig, so schrieb mir Sylvia, deshalb ist auch einer seiner Söhne in Deutschland geboren worden. 

Abb. 4: Mary
Abb. 5: Jakob

Alice hatte eine Schwester Mary (Abb. 4), die 1864 in Otahuhu in Auckland auf Neuseeland geboren worden war, und die meine Ururgroßmutter ist. Sie wird in unserer Familienchronik folgendermaßen beschrieben:

"Haare braun, Augen tiefblau, mittelgroß, schlank. Charakter: sehr lebhaft, temperamentvoll, phantasievoll."

Mary hat (wohl) ihre Schwester Alice, die Diplomaten-Ehefrau, in Deutschland besucht und dabei ihren nachmaligen Ehemann Jakob Paul (Abb. 5) kennengelernt, einen Arzt mit dem im damaligen Baltikum verbreiteten adligen Familiennamen von Samson-Himmelstjerna. Er war aufgewachsen in Reval (heute Tallin). Sie ist die Großmutter meiner Großmutter. Ihr Ehemann Jakob war Leibarzt des Fürsten Pleß in Pleß in Oberschlesien. Dort ist noch meine eigene Großmutter 1910 geboren worden (weil ihre Mutter sich von ihrem Vater hatte entbinden lassen). Meine Großmutter ist aber nicht nur in Schlesien geboren, sondern ihr Vater mit dem Familiennamen Willner stammte mit allen seinen Vorfahren ebenfalls aus Schlesien, genauer, aus Wüstewaltersdorf.

Von den Nachkommen meiner Willner-Verwandten nun, wo es auch die eine oder andere kinderreiche Familie gegeben hat, und die meines Wissens zumindest in großen Teilen in Deutschland und Österreich leben, haben offenbar noch nicht sehr viele ihre Gene sequenzieren lassen, weder bei MyHeritage noch auf 23andme. Bei dieser Gelegenheit ist man fast versucht zu sagen: "Leute, Verwandte, der 'gesellschaftliche Druck' steigt. Eure Verwandten wissen allmählich, was ihr tut oder nicht tut, nämlich, ob ihr eure Gene sequenzieren laßt und das Wissen darüber teilt oder nicht. Ihr schließt euch nicht an, ihr haltet euch abseits. Wir sehen euch!" (- Naja, nicht ganz ernst gemeint.)

Beziehungsweise - in Anlehnung an George Orwell: "Your relatives are watching you!" War es nicht schon immer so, daß die liebe Verwandtschaft ein Auge hatte auf ihre Anverwandten? Das ist nun wieder häufiger und leichter möglich. Und das ist sicher besser (!!!), als wenn es "Big Brother" tut, der bestimmt vieles ist - aber kein echter Bruder. Immer mehr jedenfalls wird sich künftig der erstaunte Blick verschieben von jenen unter den eigenen näheren und entfernteren Verwandten, die ihre Gene "schon" haben sequenzieren lassen hin zu jenen, die das "immer noch nicht" getan haben.

Entfernt Verwandte meinerseits über die schon erwähnte von Samson-Himmelstjerna-Linie leben heute in London und haben ihre Gene schon sequenziert (4). Sie werden aber bisher auf dem Family Tree (Abb. 3) gar nicht angezeigt. Vermutlich hat das seinen Grund darin, daß der Verwandtschaftsgrad mit ihnen (0,36 %) zu gering ist. Würden sie mit erfaßt, würde es vermutlich auf dem "Family Tree" schnell sehr unübersichtlich werden. Aber es handelt sich ja erst um die Beta-Version ....

Eure Verwandten sehen Euch

Sylvia erzählte, daß man sich in ihrer Familie einer entfernten deutschen Verwandtschaft bewußt gewesen war (3) und auch in der Generation meiner Mutter war dieses Wissen noch vorhanden dahingehend, daß man von einer Tante erzählte, die in England leben würde. Dieses Wissen wird jetzt kräftig erneuert durch - - - 23andme.

Die gemeinsamen Gene von Sylvia und mir liegen auf den Chromosomen 16 und 17. Und das ist die Erkenntnis, die einem bei dieser Gelegenheit zum ersten bewußt wurde: Man kann also sagen, daß unsere gemeinsamen Vorfahren, die Eheleute Morley/Locker auch diese Gene auf Chromosom 16 und 17 hatten. Jetzt müßte man nur noch schauen, welche Gene das sind und man wüßte schon wieder einiges mehr über die Erbmerkmale dieser Vorfahren. Und man merkt dabei: Um so mehr Menschen mitmachen bei DNA-Sequenzierungen und ihr Wissen teilen, um so mehr kann man auch über die Gene ganz entfernter Vorfahren heraus bekommen. Und man kann lernen, welche angeborenen Eigenschaften man teilt und welche nicht.

Nun jedenfalls stelle ich über den automatisch erstellten "Family Tree" fest, daß es noch ein weiteres Geschwisterteil aus dieser eingangs genannten Morley-Familie gibt, von denen DNA-Verwandte abstammen, die mir auf 23andme schon seit Jahren angezeigt werden, nämlich die Geschwister Rodd E. und Tanya G., mit denen ich fast 1 % gemeinsame Gene habe (0,97 % und 0,99 %). Und vielleicht hat der Algorithmus, mit dem dieser "Family Tree" erstellt wurde aufgrund von Alterangaben von DNA-Verwandten und durchschnittlichem Generationenabstand auch schon die Altersreihenfolge der Morley-Geschwister rekonstruieren können, von denen wir alle abstammen. Sie sind jedenfalls in diesem Falle, soweit ich sehe, dem Alter nach von rechts nach links aufgereiht. (Denn die älteste war Alice und eine der älteren Mary. Und ich wüßte sonst nicht, warum sich in der Darstellung die Stammbäume von Rodd und Tanya einerseits und mir andererseits überkreuzen sollten.)

Allerdings stelle ich bei genauerem Hinschauen fest, daß der "Family Tree" eine Generation unterschlagen hat, nämlich die Mutter meiner Großmutter. An Stelle der Mutter wird gleich die Großmutter meiner Großmutter angezeigt. Das habe ich auch gleich als "Feedback" an 23andme gemeldet.

Mit Rodd und Tanya teile ich unter anderem Gene auf den Chromosomen 12 und 17. Damit ergänzen ihre Gene weiterhin die Kenntnis des Gen-Satzes unserer gemeinsamen Vorfahren Henry und Elizabeth Morley, denn zu 16 und 17 kommt nun noch - mindestens - ein gemeinsamer Abschnitt auf 12 dazu. Auffallen könnten einem noch die großen Unterschiede im Anteil gemeinsamer Gene zwischen uns entfernten Verwandten. Während ich mit Robert 1,25 % Gene teile, habe ich mit seiner Cousine Sylvia nur 0,68 % gemeinsam. Mit Rodd und Tanya hinwiederum fast 1 % gemeinsame Gene. Robert und Sylvia sind aber über eine Generation weniger hinweg mit mir verwandt als Rodd und Tanya. Aber wie gerade gesehen, scheint der Family Tree sich derzeit noch leicht um eine Generation verrechnen zu können.

Wenn es dieselbe Funktion auch auf MyHeritage geben wird, werden auch die Zusammenhänge unter den vielen Nachkommen der genannten von Samson-Himmelstjerna's viel leichter und schneller zu rekonstruieren sein, die dort ihre Gene haben sequenzieren lassen. Auch mit einigen von denen habe ich mich ja schon geschrieben und versucht, die Verzweigungen gemeinsamer Stammbäume zu rekonstruieren (4). Aber, huh!, das war schon verdammt kompliziert, zum Teil. Und nicht alles ist da geklärt (4).

Abb. 6: Meine Mutter (Jg. 1941) mit meiner Urgroßmutter (mütterliche Linie), geborene von Samson-Himmelstjerna, im Mai 1965 in Wien vor dem Weinheber-Gedenkstein ("Doch den Kranz der Heimat gebt mir Wien ...")

Aber alles das ist bislang nur möglich mit mittel-entfernter Verwandtschaft meinerseits mütterlicherseits, weil es eben hier viele solcher Verwandte im englischsprachigen Raum gibt. Es wird erkennbar, daß dort das Sequenzieren seiner Gene schon häufiger geschieht, weil es viel populärer ist als hier bei uns in Deutschland. Deutsche und österreichische Nachkommen des Vaters meiner Großmutter mütterlicherseits, ebenso wie Verwandte meines Vaters - ursprünglich alles Bauern im Elb-Havel-Winkel - und deren Nachkommen haben sich noch auffallend weniger häufig sequenzieren lassen. Mit Ausnahme des von mir schon behandelten Andreas T. (3), mit dem ich zwar "irgendwie" verwandt bin, da wir aus derselben Region stammen, aber wir konnten den genauen Zusammenhang bislang nicht rekonstruieren, und das obwohl wir sogar mehrere gemeinsame Familiennamen unter unseren Vorfahren haben. Diese Verwandtschaft über meinen Vater dürfte größtenteils in Deutschland leben und es dürfte typisch sein für das zerknirschte - und auf alles skeptisch schauende - Deutschland, daß hier die Menschen noch viel weniger häufig ihre Gene haben sequenzieren lassen und ihr diesbezügliches Wissen mit anderen teilen.

Aber es wird erkennbar, daß diese neue "Family Tree"-Funktion vieles erleichtern wird künftig. Man kann dann auf einen Blick sehen, welche und wie viele mittelentfernte (und ggfs. auch entfernte) Verwandte man hat und aufgrund welcher Zusammenhänge. Das, was heute für das Volk auf Island schon zur Verfügung steht (zum Teil sogar zurückreichend bis ins Frühmittelalter), wird dann allmählich weltweit möglich sein (wenn auch größtenteils vorerst nicht ganz so weit zurückreichend).

Es wird dabei dann die Rolle kinderreicher Familien sichtbar werden, die in der Historischen Demographie und in der Populationsgenetik schon lange bekannt ist (5). Nämlich die Erkenntnis: Im Wesentlichen stammen wir alle von kinderreichen Familien in früheren Generationen ab. Sie tragen in viel größerem Ausmaß zur der von den Populationsgenetikern so genannten "Effektiven Populationsgröße" (Wiki) bei als alle übrigen Familien. Das darf man alles sehr spannend finden. Das hat nämlich schon viele kenntnisreiche Demographen und Bevölkerungswissenschaftler veranlaßt zu fordern, daß es demographisch hinsichtlich der Zukunft von Völkern und Kulturen insbesondere darauf ankommt, kinderreiche Familien zu fördern, also Familien ab drei und mehr Kindern.

Mein Buch

Und um zu dieser Erkenntnis zu gelangen aufgrund der eigenen DNA-Verwandten muß man künftig seine eigenen Vorfahren und deren vielfältige Nachfahren immer weniger in erster Linie durch Ahnen-Forschung in Kirchenbüchern und sonstigen schriftlichen oder mündlichen Überlieferungen rekonstruieren (zumindest jedenfalls, um so mehr Verwandte man findet, die das schon für ihre eigenen Vorfahren getan haben).  Das könnte doch eigentlich auch all jene hellhörig machen, die nicht aus Familien wie meiner stammen, in der schon seit vielen Jahrzehnten Ahnenforschung aus Kirchenbüchern und aus Familienüberlieferung heraus eifrig betrieben wird.

Und aus allem werden wir lernen: Wir stehen in einer langen Reihe von Vorfahren, die ihr Leben immer weiter gegeben haben. Und wir werden uns von ihnen allen, also von hunderten, von tausenden von Vorfahren die Frage gefallen lassen dürfen: "Du willst der letzte sein in unserer langen Reihe?"

Mit diesem Blogartikel ist vorläufig das letzte Kapitel meines Buches "Meine Gene - Forschungsreise in unentdeckte Länder" fertig gestellt, nämlich das 11. Kapitel. Deshalb im folgenden einmal eine Übersicht über die anderen, bisher schon auf diesem Blog erschienenen Kapitel, alle verschlagwortet unter dem Stichwort "Meine Gene" und alle kostenlos einsehbar:

  • Genomforschung für alle! (Einleitung) (Sept. 2011)
  • Meine Gene - Teil 1 (Mai 2016)
  • Meine Gene - Teil 2 (Mai 2017)
  • Meine Gene - Teil 3 (Mai 2017)
  • Meine DNA-Verwandten (Feb. 2018)
  • Meine Londoner Verwandtschaft (Okt. 2018)
  • Unsere Gene, unsere besten Heiratspartner (Okt. 2018)
  • Robert Plomin und die polygenetische Revolution (Jan. 2019)
  • Mein erster Archäogenetik-Test (April 2019)
  • Meine ersten "Polygenic Score's" (Juni 2019)
  • Krieger oder Zweifler - Was bist du? (Sept. 2019)
  • Kinderreichtum und Familienforschung in der Rap-Musik (Okt. 2019)

Ein Teil des Stammbaumes von allem Leben

[Ergänzung 25.1.2022] MyHeritage, 23andme und andere Firmen arbeiten an nutzerfreundlichen, Visualisierungen, Veranschaulichungen der genetischen Verwandtschafts-Verhältnisse näherer und entfererer Art, das heißt, sie arbeiten mit Stammbäumen. Eine Veranschaulichung des Stammbaumes allen Lebens ist auf der Seite https://www.onezoom.org/ veröffentlicht worden, ein virtueller Baum des Lebens (7, 8). Da kommt der Gedanke auf, daß man den Stammbaum jedes einzelnen Menschen an diesen virtuellen Baum des Lebens anschließen könnte, daß man sie verknüpfen könnte, wodurch die Humanevolution und die Evolution von Völkern und Stämmen auf dieser Erde noch übersichtlicher veranschaulicht werden könnte. Das heißt, es wären die Australopithecinen einzutragen, Homo habilis, Homo erectus, Homo neandertalensis, Homo sapiens sapiens einzutragen, sowie jeweilige "Seitenlinien". Bei den eiszeitlichen Vorfahren würden sich die jeweiligen Stammbaum-Zweige von heute lebenden Menschen trennen, hin zu jenen, die heute in Afrika leben, hin zu jenen, die heute in Asien leben, hin zu jenen, die heute in Europa leben. Es Wären dann die neolithischen und bronzezeitlichen Vorfahren einzutragen und schließlich würde der virtuelle Baum des Lebens und des menschlichen Lebens einmünden in den virtuellen Baum des bronzezeitlichen Europa und von dort über die verschlungenen Pfade des Mittelalters zu jedem einzelnen Menschen von uns heute.

____________________

*) Wilhelm Pleyer (1901-1974) in seiner Kindheits-Geschichte "Tal der Kindheit". (Nach der Erinnerung zitiert.)


/ Ergänzungen: 
8.10.2019, 25.1.2022 /
_____________________________
  1. Blume, Michael: Evolution und Religionsdemografie im Rap Guide to Religion von Baba Brinkman, 15.9.2019, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/evolution-und-religionsdemografie-im-rap-guide-to-religion-von-baba-brinkman/; das Video: https://youtu.be/WvSds8vTIZo
  2. thednageek: 23andMe Introduces the Automated Family Tree, October 1, 2019, https://thednageek.com/23andme-introduces-the-automated-family-tree/ 
  3. Bading, Ingo: Meine DNA-Verwandten, 9.2.2018, https://studgendeutsch.blogspot .com/2018/02/meine-dna-verwandten.html
  4. Bading, Ingo: Meine Londoner Verwandtschaft,  27. Oktober 2018, https://studgendeutsch.blogspot .com/2018/10/mitmach-genetik-meine-gene-teil-4.html
  5. Chaunu, Pierre: Die verhütete Zukunft. Seewald, Stuttgart 1981 
  6. Silvia: Koreanische Schwestern finden „The Missing Piece“ im neuen Dokumentarfilm von MyHeritage, 11. September 2019, https://blog.myheritage.de/2019/09/koreanische-schwestern-finden-the-missing-piece-im-neuen-dokumentarfilm-von-myheritage/
  7. Virtueller Baum des Lebens präsentiert die Arten der Erde, 16.12.2021, https://www.derstandard.de/story/2000131958523/virtueller-baum-des-lebens-praesentiert-die-arten-der-erde
  8. "Baum des Lebens" komplett: 2,2 Millionen Spezies auf einen Blick, 12/2021, https://www.heise.de/news/Baum-des-Lebens-komplett-2-2-Millionen-Spezies-auf-einen-Blick-6299106.html 

Dienstag, 4. März 2008

Vorstudien zu einer "Vergleichenden Religionsdemographie" (Teil 3)

Aus heutiger Sicht und Perspektive könnten die im vorigen Beitrag (aus dem Jahr 1995) zusammengestellten Beispiele für (menschliche) "Erfolgsmodelle der Evolution" anders gegliedert werden. Dazu soll eine Grafik des Religionswissenschaftlers Michael Blume über die derzeitige Religionsdemographie der Schweiz gebracht werden:

Wenn man nun versucht, grundlegende, weltgeschichtliche, sozioökonomische Entwicklungen in den Kulturen der Erde mit den im vorigen Beitrag genannten und in dieser Grafik angeführten Daten zu einer sich andeutenden "Vergleichenden Religionsdemographie" in Beziehung zu setzen, dann soll in erster Annäherung zunächst einmal nur eine "Rangfolge" von jenen Glaubensgemeinschaften gegeben werden, die europäischen Ursprungs sind:
Hutterer: 11 Kinder pro Frau
Amische: 8 Kinder pro Frau
Jüdische Glaubensgemeinschaft in der Schweiz: 2,06 Kinder pro Frau
Freiprotestanten in der Schweiz: etwa 2 Kinder pro Frau
Anthroposophen in Westdeutschland: etwa 1,7 (?) Kinder pro Frau (1)
(Schweiz gesamt: 1,4 Kinder pro Frau)
Katholiken in der Schweiz: 1,4 Kinder pro Frau
Evangelisch-reformierte Kirche: 1,35 Kinder pro Frau
Zeugen Jehovas in der Schweiz: 1,2 Kinder pro Frau
Konfessionslose in der Schweiz: 1,1 Kinder pro Frau
Man kann es als einen sehr auffälligen Befund erachten, daß von allen religiösen Gruppierungen, die - anzunehmenderweise - eine traditionelle europäische Bevölkerungsweise aufzeigen (oder Reste davon), die höchsten Geburtenraten heute solche christlichen Gemeinschaften aufzeigen, bei denen es keinen eigenen, abgesonderten Priesterstand gibt, sondern höchstens "Laienprediger". Die Laienprediger bei den Hutterern und Amischen sind Bauern und Handwerker wie alle anderen auch. Mit besonderer Absicht bilden sie keine besondere Berufsgruppe. Es gilt konsequent das protestantische Prinzip des "Priestertums aller Gläubigen". Ähnliches gilt in Abstufungen auch für die zahlreichen und diversen freiprotestantischen Gemeinden im heutigen Mitteleuropa, denen ja gerade die seelischen "Verkrustungen", die durch einen abgesonderten Berufsstand, nämlich den des Priesters, in der offiziellen evangelischen Kirche entstanden sind, Anlaß gegeben haben, diese Kirche zu verlassen und ihr Gemeindeleben selbstverantwortlich zu gestalten.

Ein besonderer Priesterstand wirkt sich - heute - nicht besonders positiv auf die Geburtenrate aus, sondern ...

Dieser Umstand scheint auch auf die Anthroposophen zuzutreffen, die trotz überdurchschnittlicher Rate an Konfessionslosen unter sich eine überdurchschnittliche Geburtenrate aufweisen. (1)

Die niedrigsten Geburtenraten unter den Christen haben die Angehörigen der großen etablierten "Priester-Kirchen" - oder soll man sagen "Theologen-Kirchen", nämlich der evangelischen und der katholischen Kirche. Überall dort, wo Christentum stärker selbstverantwortlich gelebt wird, wo sich praktisch jedes Gemeindemitglied mit verantwortlich fühlt für die Lebendigkeit des christlichen Glaubens in der Gemeinde, in jeder dieser religiösen Gemeinschaften steigt die Geburtenrate.

Man könnte nun meinen, daß die Jüdisch-Gläubigen dabei eine Ausnahme machen. Das würde aber eine gesonderte Untersuchung verlangen. Leben die gläubigen Juden nicht auch eine Religiosität, die der der genannten, sich selbstverantwortlich fühlenden Gemeinden nahekommt,da sie sich ja auch geradezu als "das" "Priestervolk" schlechthin begreifen. Und wird es nicht schon von daher unter ihnen weniger "Namensjuden" geben als es in den großen christlichen Kirchen "Namenschristen" gibt? Aber auch das nur als Vermutung formuliert.

... Übernahme von Eigenverantwortung der Gläubigen auf religiösem Gebiet

Man könnte nun natürlich in der oben angeführten Rangfolge zwischen Amischen und Juden noch zahlreiche andere europäische Bevölkerungen der Geschichte einfügen, die etwa bis 1900 dazwischen liegende Geburtenhöhen aufwiesen und zugleich stärker christlich geprägt gewesen waren als die meisten Menschen, die heute noch Mitglieder einer Großkirche sind. Und es wird sich dann doch auch die Frage stellen, ob man solche Bevölkerungen als eher den heutigen Großkirchen nahestehend empfinden wird oder als nahestehend jenen, die heute ihr Gemeindeleben selbstverantwortlicher gestalten. Man wird eher zu letzterer Vermutung neigen wollen.

Außerdem finden sich im vorigen Beitrag auch Beispiele für wenig wachsende Bevölkerungen in der europäischen Geschichte, auch in Zeiten, als es gar keine Alternativen zum Christentum gab. Als also "Konfessionslosigkeit" zumindest äußerlich gar nicht möglich war. Vielleicht wären das dann eher Bevölkerungen, die dem heutigen, auf dem Glaubensgebiet eher passiven "Namens-Christen" näher stehen würden.

Jedenfalls: All solche vergleichenden religionsdemographischen Betrachtungen noch näher an den historischen oder heutigen Einzelfall heranzuführen, könnte die Aufgabe einer künftigen "Vergleichenden Religionsdemographie" sein.
_____________

Literatur:

1. Bading, Ingo: Der "anthroposophische Lebensstil" als demographischer Faktor. Vorläufiger Entwurf eines Forschungsartikels. Auf Wissenschaftsblog "Studium generale", 26.2.2008

Vorstudien zu einer "Vergleichenden Religionsdemographie" (Teil 2)

„Erfolgsmodelle der Evolution“

Reproduktionserfolge in ausgewählten Populationen (Ausbreitungschancen der Gene)

(Manuskript, entstanden Dezember 1996, Erstveröffentlichung. Erläuterung siehe voriger Beitrag)

Einleitung und Zusammenfassung

Die entscheidenden Abschnitte in der Geschichte der menschlichen Kulturen sind die Phasen des rapiden Bevölkerungs-Wachstums.

Von 1700 bis 1972 hat sich die Bevölkerung auf dem Gebiet des heutigen Deutschland verfünfacht: von 15 Millionen auf 75 Millionen. Eine Verfünfachung der Bevölkerung lag auch bei der Besiedlung Schlesiens durch die Deutschen im 13. und 14. Jahrhundert vor. Eine Verzehnfachung der Bevölkerung ergab sich bei den ersten landwirtschaftlichen Siedlungen im Vorderen Orient (nach 8.000 v. Ztr.). Von einer Verhundertfachung der Bevölkerung über Zwischenstufen geht man für die Zeit der ersten landwirtschaftlichen Siedlungen Mitteleuropas aus (nach 6.000 v. Ztr.). Bevölkerungs-Wachstum kann sich ergeben entweder
1. wenn sich die Produktion ausweitet,
2. wenn neue Besiedlungsmöglichkeiten erschlossen werden (Übersee-Kolonien, Deichbau, Entwässerung von Flußniederungen, Sümpfen, Rodung von Wäldern)
3. bei Verarmung der Bevölkerung, d. h. auf Kosten des Wohlstandes (und sogar auf Kosten ausreichender Nahrungsmittelversorgung), wenn sich während des Bevölkerungswachstums die Produktion nicht ausweitet (s. Dritte Welt).

Merkmale, die mit Reproduktions- und Produktionserfolg in menschlichen Populationen korrelieren

Wodurch sind Gemeinschaften bestimmt, die in einem starken Bevölkerungswachstum stehen und dabei nicht verarmen? Durch intensives Gemeindeleben (vgl. 1, 2):

a) Sie haben eine hohe Kinderzahl.
b) Sie sind religiös bestimmt.
c) Sie sind arbeitsteilig gegliedert.
d) Nachbarschaftshilfe, häufige Verwandten-Besuche, gemeinsame kulturelle Betätigungen herrschen vor.
e) Erschwerte äußere Bedingungen und/oder selbst auferlegte Anstrengungen sind vorherrschend.
f) „Barrieren“ (geographische, kulturelle, Heiratsschranken) zu anderen Gruppen liegen vor.

Beispiele

1. Die Hutterer

a) Die Population mit dem größten Bevölkerungswachstum der Welt: „Alle 15 bis 20 Jahre verdoppelt sich die Bevölkerung in den fruchtbaren Kolonien.“ (3, S. 142) 10 bis 12 Kinder pro Frau keine Seltenheit.
b) radikale Christen (pazifistische, protestantische Wiedertäufer) (3)
c) „Welche Bauern der Umgebung können sich so moderne Maschinen leisten? ... Wer hat die stärksten Ochsen, und wer erntet den besten Weizen?“ (3, S. 53) Vielseitigkeit, Ökonomie des verteilten Risikos
d) „... erinnert mich diese Gesellschaft hier an einen fleißigen Ameisenhaufen oder einen emsigen Bienenstock, in dem jeder dem anderen zuarbeitet ... für ‚unsre hailiga Gmah’“ (3, S. 110)
e) legen sich selbst Steine in den Weg: "gute Zeiten machen schlechte Christen", das „böse Fleisch“ soll leiden
f) gegenüber den „Englischen“

Geschichtlicher Hintergrund: 1875 - 1877 Einwanderung in die USA aus der Ukraine („Odyssee“ der Hutterer: zuvor in Siebenbürgen, davor bis 1593 in Mähren). 1756 stieß in Siebenbürgen eine aus Kärnten vertriebene 65-köpfige Gruppe von Kryptoprotestanten dazu, von der heute die meisten der 30.000 bis 33.000 Hutterer in den 300 (200?) Kolonien im Grenzgebiet USA/Kanada (1986) (4, S. 2, 19) abstammen (4, S. 199, 203): Es gibt bei ihnen im Wesentlichen nur 15 Familiennamen, die auf drei Dörfer im Drautal in Kärnten zurückverfolgt werden können. Von den 33.000 leben 11.300 in Kanada (4, S. 124, 305).

2. Die Amischen

a) 7 Kinder pro Ehe (1, S. 37) „Verdreifachung in jeder Generation“ (5, S. 76)
b) radikale Christen (pazifistische, protestantische Wiedertäufer, s. a. pazifistische Hinnahme des „Hochstetler Massacre“ an ihnen durch Indianer 1757 ohne Gegenwehr).
c) In einer Gemeinde von 200 Personen ein „Völliger Diener“ (Bischof), zwei „Prediger“, ein „Armendiener“ (Arbeitsorganisator) (5, S. 60f), Lehrer(in) (5, S. 78, 108; 6), landwirtschaftliche und handwerkliche Selbstversorgung (5, S. 54 - 66), Barn-raising („Dieses eindrucksvolle Ergebnis kann nur erreicht werden, weil bis zu 200 Amish-Männer gleichzeitig zusammenarbeiten.“) (5, S. 82 - 85; 2, S. ..), “Quilts” (Patchworkdecken) (5, S. 100) “Today, although 30 percent of married Amishmen are not farming, many of their jobs indirectly support farm economy.” (6, S. 197)
Luftpumpen und Luftpumpen-Systeme, Bäckerei, Batterien und Elektronik, Bienenhaltung-Zubehör, Buchhändler, Metzger, Tischlerei, Kutschen, Uhrenreperatur, Stoffe, Textilien, Motorreperatur, Zäune, Fließenleger, Gießerei, Möbel, Lebensmittelläden, Eisenwaren, Hut-Herstellung, Apotheke, Hufschmied, Haushaltsgeräte, hydraulische Systeme, Laternen-Herstellung, Leder und Pferdegeschirr, Holzhaus-Bau, Maschinen-Montage, Maschinen-Bau, Maschinen-Reperatur, Maurer, Klemptner, Drucker, „Quilts“, Einzelhandel, Straßenstände, Dachdecker, Wasserkraft, Anstreicher, Speicherhaus-Bau, Sturm-Fenster und Glas, Blech-Fabrikation, Grabsteine, Spielzeug, Polstermöbel, Gemüse, Floristen, Waschmaschinen-Handel u. v. m.
„In general, the products and services must be compatible with Amish values. ... Few Amish work in service or information roles that require formal education and extensive interaction with the outside world. ... Not all the nonfarm jobs cater to the peculiar needs of the Amish community; many serve the larger society.” (6, S. 201 - 206)
Es gibt „keine Armut unter den Mitgliedern der untersuchten Gruppe. Im Gegenteil, die Amish sind relativ vermögend.“ (5, S. 101)
d) „Diese Besuche bei Verwandten oder Freunden in anderen Gemeinden spielen eine hervorragende Rolle im Leben der Old Order Amish People.“ (5, S. 63, 53, 59) Abendliches Bibel-Lesen in der Familie (5, S. 99, 105); „Rum-Springa“ der Jugend (5, S. 110ff); „Barn-Dance“ (6).
e) Kein elektrischer Strom, kein Blitzableiter, keine Schädlingsbekämfungsmittel, Pferdewagen usw.
f) gegenüber den „Englischen“

Hintergrund: Seit 1713 aus der Schweiz und dem Elsaß in den USA eingewandert. (5, S. 34f) 1980 87.000 Personen Old Order Amish (5, S. 23). Während die Hutterer ihr Bevölkerungs-Wachstum in die Gründung neuer Kolonien einmünden lassen, geht dieser bei den Amischen derzeit in weitere berufliche Spezialisierung ein, da für sie neuer Landkauf meistens zu teuer ist.

3. Die Mennoniten allgemein

Besiedlung des Dollart?, Eindeichungen in Ostfriesland, in der Weichselniederungen, in Rußland und in den USA (Pennsylvania, Ohio u. a.)
a) ?
b) protestantisch
c) ?
d) ?
e) ja
f) ja? (7)

4. Bergbauern-Gemeinde Embd (Schweiz, Wallis)

a) Geburten-Überschuß von 18,9 auf Tausend (1931 - 1954) (Schweiz allgemein: 6,1 auf Tausend); jede 4. Ehe 9 und mehr Kinder (8, S. 21f)
b) katholisch (8, S. 25)
c) Schreiner, Maurer, Zimmerleute, Schmiede, Schuhmacher, Stör-Metzger, Korbmacher, zwei Mühlen, Steinbruch (8, S. 59f), sowie zwei Lehrer (8, S. 97), eine Hebamme
d) „... Dagegen hilft man sich heute noch bei den verschiedensten Arbeiten gegenseitig aus.“ (8, S. 29, 83) Zahlreiche „Geteilschaften“ (8, S. 83f) Kulturelles Gemeindeleben (8, S. 82f).
e) sehr stark (z. T. urtümlichste Wirtschaftsweise infolge stärkster Neigung der bewirtschafteten Hänge)
f) geographische Abgeschlossenheit, geringe verkehrsgeographische Erschließung (keine Straße, nur Seilbahn und Bergpfade).

1798: 149 Einwohner (8, S. 16), 1950: 395 Einwohner (= 84 Familien, aber nur 10 Familiennamen) (8, S. 19, 63, 76) (Geburtenüberschuß mündete in starke Abwanderung in die Täler, zum Teil in Auswanderung nach Übersee.)

5. Familie schlesischer Leinenfabrikanten im Eulengebirge (1709 - 1958) (n = 6 Ehefrauen)

a) 8,1 Kinder pro Frau
b) evangelisch
c) Weber, Firmengründung mit Filiale in Warschau, Gutsbesitz
d) wahrscheinlich
e) wahrscheinlich (- die berühmten schlesischen Weberunruhen im Nachbardorf)
f) Heiratsschranken (?) (9)

6. Eine deutsch-baltische Adelsfamilie (1520 - 1918) (n = 9 Ehefrauen)

a) 7,2 Kinder pro Frau
b) Evangelisch. (Der gemeinsam mit dem schwedischen Kanzler Axel Oxenstierna geadelte Stammvater der Familie war Superintendent in Riga.)
c) Bürgermeister, Burggrafen, Gerichtsassesoren, Landrichter, Landmarschälle von Livland, Ärzte
d) ?
e) ?
f) lettische Bauern (9)

7. Eine englische Fabrikantenfamilie (1730 - 1930) (n = 4 Ehefrauen)

a) 5,2 Kinder pro Frau
b) Puritaner
c) „manufacturer“, Landräte, Regierungs-Geologen (9)

8. Besiedlung der USA im 19. Jahrhundert

a) “American birth rates began the century far above European rates.” (10, S. 18) “By European standards, American birth rates were exceptionally high at the start of the nineteenth century.” (10, S. 13) “Also relativly unambiguous is the proximate cause of this exceptional growth: a birth rate which, by European standards, was high at the beginning of the century.” (10, S. 15) Die Einwanderung “was a factor of secondary importance, contributing one quarter of the total population increase in the first half of the century.” (10, S. 18f, 15)
b) überwiegend protestantisch
c) Landwirtschaftliche und Industrielle Revolution gleichzeitig.
d) ?
e) hohe Wochenstunden-Zahlen
f) (Indianer)

9. Erste landwirtschaftliche Siedlungen in Mitteleuropa (Bandkeramiker)

a) Verhundertfachung der Bevölkerung über Zwischenstufen (11, S. 28, 87), z. T. in nur 100 bis 200 Jahren
b) z. B. Jungfrauen- und andere "Bau"-Opfer
c) Steinbeil-, Keramik- und Feuerstein-Produktion zentral für ein ganzes Tal (für mehrere 100 Personen) (12).
d) ?
e) vermutlich sehr stark
f) vermutlich gegenüber den einheimischen Spätmesolithikern (Jäger-Sammler-Völker)

10. Rodungsbauern in Wolhynien (Ostpolen/Ukraine) im 19. und frühen 20. Jahrhundert

a) „allgemein hohe Kinderanteile“, Geburtenüberschuß von 22,2 auf 1.000 (13, S. 111f, 72)
b) evangelisch, „betonte Kirchlichkeit“ (13, S. 72)
c) Schuster, Schneider, Schlosser, Wagner, Brunnenmeister, Zimmerleute, Mühlenbauer, Müller (1, S. 75)
d) Nachbarschaftshilfe (13, S. 51)
e) „Sibirienarbeit“ (13, S. 43)
f) Ukrainer, Polen, Juden (13, S. 27f, 75f)

20 Familien pro Dorf (13, S. 14f)

11. Siebenbürger Sachsen

a) ?
b) ?
c) und d) Das "Nachbarschaftswesen":
„Aus ihrer Sorge um die Sicherheit und ein reibungsloses Zusammenleben waren in der Siedlung - vom Brunnen bis zur Bäckerei - gemeinsame Einrichtungen entstanden, das Schroten von Weinfässern gehörte ebenso zur Aufgabe der gesamten Nachbarschaft wie etwa die Dorfwache oder Beschlußfassung über gemeinsame Angelegenheiten. An der Spitze der Gemeinde stand der aus ihrer Mitte demokratisch gewählte ‚Nachbarhann’ - das ‚Hann’ erinnert an Hunno, den Vorsteher der alten Hunschaft -, der sein Amt, wenn er einmal dazu bestellt war, genau wie bei den Hutterern nicht ablehnen durfte. Und wie bei den Täufern erstreckte sich sein Aufsichtsrecht bis in die Wohnstuben, wurde hier mit Hilfe einer Lebensordnung rechtzeitig gebannt, was den Frieden und die Sicherheit der Gemeinschaft beeinträchtigen konnte. Der Nachbarhann wachte darüber, daß sich kein fremdes Element in seine vom deutschen Gruppengeist geprägte Dorfgemeinde drängte, wobei ihm eine ‚Altschaft’ - vergleichbar mit den hutterischen Zeugbrüdern - beratend zur Seite stand. Dieses Nachbarschaftswesen weckte den Sinn für die Notwendigkeit gemeinsamer Ordnungen, für Selbstbeschränkung, Zucht und Sitte.“ (4, S. 220) (Dorfwache, der Nacht- oder Taghut; Halten und Stellen von Soldaten)
e) Militärgrenze zum Osmanischen Reich; aus Moselfranken im 12. Jahrhundert „als rodender Arm und kriegerische Faust“ in Siebenbürgen eingewandert (4, S. 204)
f) gegenüber Rumänen

12. Schlesien im 14. Jahrhundert

a) Verfünfachung der Bevölkerung im 13. und 14. Jahrhundert
b) Klöster als Vorreiter der Besiedlung
c) Städtegründungen (Handwerk)
d) wie in Siebenbürgen?
e) Rodung
f) ?

13. Deutschland 1770 – 1972

a) Von 1700 bis 1972 hat sich die Bevölkerung auf dem Gebiet des heutigen Deutschland verfünfacht: von 15 Millionen auf 75 Millionen. (1, S. 67ff) „Diese Bevölkerungsvermehrung erfolgte nicht in allen deutschen Staaten gleichmäßig. Sie stieg zwischen 1816 und 1910 beispielsweise in Bayern und Württemberg um das Doppelte, in Preußen und Sachsen aber um das Vierfache der ursprünglichen Bewohnerschaft.“ (14, S. 192) Geborenenüberschuß (Zuwachsrate) nach 1750: 3 auf Tausend; 1816 - 1825: 16 auf Tausend; 1900/1910: 14,2 pro Tausend, 1925/1933: 5,1 pro Tausend (14, S. 150 - 153) Auswanderung im 19. Jahrhundert: rd. 5 Mio. (1, S. 69)
b) normal
c) Industrielle Revolution
d) ...
e) hohe Wochenstunden-Zahlen
f) wenig

14. Erste landwirtschaftliche Siedlungen im Vorderen Orient (akeramisches Neolithikum)

a) Verzehnfachung beim Übergang von Erntewirtschaft zu Getreideanbau (15, S. 15)
b) viele Hinweise auf Ahnenkult u. a.
c) Arbeitsteilung in Jagd und Ackerbau, zentrale Nahrungsaufbereitung für die ganze Siedlung (15, S. 24f)
d) enges stadtartiges Zusammensiedeln, Bau der Mauer von Jericho (15, S. 15)
e) sehr arbeitsintensive landwirtschaftliche Produktion (16) („Desperate times forced rise of farming“, [New Scientist, 25. 6.1994, S. 17])
f) umwohnende Jäger-Sammler- und Erntevölker-Populationen

15. Frankreich (1650 – 1730)

a) „Wir sind allesamt Kinder der ‚kinderreichen’ Familien der Vergangenheit.“ Hier „werden über 53 vom Hundert aller Kinder in kinderreichen Familien mit 6 und mehr Kindern geboren. Von 1.000 im 17. Jahrhundert in Frankreich geborenen Kindern sind beziehungsweise entstammen
42 Einzelkinder
68 Familien mit 2 Kindern
94 Familien mit 3 Kindern
131 Familien mit 4 Kindern
131 Familien mit 5 Kindern
133 Familien mit 6 Kindern
136 Familien mit 7 Kindern
120 Familien mit 8 Kindern
75 Familien mit 9 Kindern
29 Familien mit 10 Kindern
21 Familien mit 11 Kindern
11 Familien mit 12 Kindern
6 Familien mit 13 Kindern
3 Familien mit 14 Kindern.“ (17, S. 102f)

b), e) und f) „Regulierungsmechanismus Heirat“: Keine Empfängnis außerhalb der Ehe. Keine Eheschließung ohne ‚Niederlassung’. (17, S. 95f) Hohe Zahlen Unverheirateter. „Modell der Enthaltsamkeit, das die Landgeistlichen dem Bauernvolk vorlebten.“ (17, S. 85) „Uneheliche Geburten überaus selten.“ „In den Jahren 1650 - 1730 - es sind die Jahre, in denen die Instinktbeherrschung durchschnittlich am höchsten liegt - schwankt das christliche Europa zwischen 7 - 8 vom Hundert mit vorehelichem Geschlechtsverkehr in den am stärksten triebbeherrschten Kreisen und 20 - 25 vom Hundert in den laschesten Gegenden.“ (17, S. 96f)

Beispiele für eher stationäre oder schrumpfende Bevölkerungen

1. Eine niederösterreichische Bauernfamilie (1826 - 1996) (n = 3 Ehefrauen)

a) 4,3 Kinder pro Frau
b) katholisch
c) Kleinhäusler, vermögende Bauern, Offiziere, Beamte (9)

2. Eine brandenburgische Bauernfamilie (1810 - 2000) (n = 6 Ehefrauen)

a) 3,3 pro Frau
b) evangelisch
c) Bauern
d) ?
e) ?
f) nein (9)

3. Vorindustrielle Handwerkerfamilien in Oppenheim am Rhein(1650 – 1794)

a) 2 überlebende Kinder pro Ehe (4 Kinder überhaupt) (18, S. 193f)

4. Bauern der Krummhörn (Ostfriesland) (18. und 19. Jahrhundert)

a) 3,2 bis 4,2 überlebende Kinder pro Familie (4,3 bis 5,9 Lebendgeburten) (19, S. 69)
b) calvinistisch
c) Bauern
d) ?
e) ?
f) gewisse Heiratsschranken

5. USA (Los Angeles, weiße Mittelklasse) (heute) (n = 300)

a) 2,16 Kinder pro Frau (katholisch: 2,36; konfessionslos: 1,83) (2, S. 227, 232)
b) protestantisch 44 %, konfessionslos 25 %, katholisch 18 %, jüdisch 10 % (2, S. 225)
c) (70 % haben irgendwann in ihrem Leben professionelle psychiatrische Beratung aufgesucht: Psychologen [31 %], Pfarrer [25 %], Psychiater [21 %]) (2, S. 226)
d) lebende enge Verwandte (bis r = 0, 25): 14,1 (2, S. 226)
e) ?
f) ?

6. Amerikanische Ureinwohner (1490 – 1570)

a) Bevölkerungszusammenbruch von 80 bis 90 Millionen auf 12 - 15 Millionen innerhalb von 70 Jahren. „Dieser Zusammenbruch eines Fünftels der Menschheit binnen 70 Jahren ist historisch mit nichts exakt vergleichbar.“ (17, S. 118)

7. Römisches Weltreich im 4./5. Jahrhundert

a) Bevölkerungszusammenbruch von 65 bis 70 Millionen auf 18 bis 20 Millionen. Dies betrifft ein Viertel der damaligen Menschheit. (17, S. 60, 118)
_________
Literatur:

  1. Miegel, Meinhard; Wahl, Stefanie: Das Ende des Individualismus. Die Kultur des Westens zerstört sich selbst. Verlag Bonn Aktuell, München 1993
  2. Essock-Vitale, Susan M.; McGuire, Michael T.: What 70 million years hath wrought: sexual histories and reproductive sucess of a random sample of American women. In: Betzig, Laura; Borgerhoff Mulder, Monique; Turke, Paul (eds.): Human reproductive behaviour. A Darwinian perspective. Cambridge University Press, Cambridge 1988, S. 221-235
  3. Holzach, Michael: Das vergessene Volk. Ein Jahr bei den deutschen Hutterern in Kanada. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München (11. Aufl.) 1992
  4. Längin, Bernd G.: Die Hutterer. Gefangene der Vergangenheit, Pilger der Gegenwart, Propheten der Zukunft. Goldmann-Verlag, Hamburg 1986
  5. Merk, Kurt Peter: Die Amish People. Modell einer alternativen Lebensform. Verlag Peter Lang, Frankfurt/M. 1986
  6. Kraybill, Donald B: The Riddle of Amish Culture. The John Hopkins University Press, Baltimore, London 1989
  7. Gerlach, Horst: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. 300 Jahre Amische. 1693 - 1993. Weierhof 1993
  8. Imboden, Adrian: Die Produktions- und Lebensverhältnisse der Walliser Hochgebirsgemeinde Embd und Möglichkeiten zur Verbesserung der gegenwärtigen Lage. Verlag Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Bergbauern, Brugg 1956
  9. Bading, Ingo: Meine Ahnen und ihre Zeit. Facharbeit für die Mittlere Reife. (Aufarbeitung der genealogischen Unterlagen der eigenen Familie) Realschule Homberg/Efze 1982
  10. McClelland, Peter D.; Zeckhauser, Richard J.: Demographic Dimensions of the New Republic. American Interregional Migration, Vital Statistics, and Manumissions, 1800 - 1860. Cambridge University Press, Cambridge 1982
  11. Lüning, Jens: Frühe Bauern in Mitteleuropa im 6. und 5. Jahrtausend v. Chr. Jb. Röm. Germ. Zentralmus. Mainz 35/1988 (I), S. 27-93
  12. Keeley, Lawrence H.; Cahen, Daniel: Early Neolithic Forts and Villages in NE Belgium: A Preliminary Report. Journal of Field Archaeology 16/1989, S. 157-176
  13. Seraphim, Hans-Jürgen: Rodungssiedler. Agrarverfassung und Wirtschaftsentwicklung des deutschen Bauerntums in Wolhynien. Verlagsbuchhandlung Paul Parey, Berlin 1938
  14. Marschalck, Peter: Bevölkerungsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/M. 1984
  15. Bading, Ingo: Populationsstrukturen und Transitionsvorgänge im Levanteraum vom Epi-Paläolithikum zum PPNB. Anthropologisches Seminar, Mainz 1995 (unveröffentlichtes Manuskript)
  16. Wright, Katherine I.: Ground-stone tools and hunter-gatherer subsistence in Southwest Asia. Implications for the transition to farming. American Antiquity, 59(2), 1994, S. 238-263
  17. Chaunu, Pierre: Die verhütete Zukunft. Seewald-Verlag, Stuttgart 1981
  18. Zschunke, Peter: Konfession und Alltag in Oppenheim. Beiträge zur Geschichte von Bevölkerung und Gesellschaft einer gemischtkonfessionellen Kleinstadt in der Frühen Neuzeit. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1984
  19. Voland, Eckart: Differential reproductive success within the Krummhörn population (Germany, 18th and 19th Centuries. Behavioral Ecology and Sociobiology 26/1990, S. 65-72

Vorstudien zu einer "Vergleichenden Religionsdemographie" (Teil 1)

Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen war der oft von Religionskritikern geäußerte Einwand und Vorwurf gegen die Deutung derzeitiger religionsdemographischer Befunde: Wie kann es sein, daß es ausgerechnet und vor allem "Priesterherrschaft" wäre - heute und seit tausend Jahren -, die bei monotheistisch Gläubigen die hohen Geburtenzahlen hervorbringen? Sind das nicht ganz unmoralische Verhältnisse - zumindest aus heutiger Sicht? Da werden die Frauen und Männer mehr oder weniger "gezwungen", hohe Kinderzahlen zu haben. Oder ihnen wird durch Sündenbewußtsein und ähnliche Dinge von männlichen Beichtvätern und Pfarrern eingeflößt, die eigenen Kinderzahlen nicht zu beschränken, treu in der Ehe zu sein, treue Familienmütter und -väter zu sein. Und das immer auch mit dem Hinweis auf eine "himmlische" Belohnung oder "höllische" Bestrafung für das jeweilige Verhalten in einem jenseitigen Weiterleben.

Bei nur flüchtigem Überdenken dessen, was zu einem solchen Einwand alles zu sagen wäre, sowohl an Zustimmendem als auch an zu Differenzierendem, und beim Überlegen, in welchen Argumentationsrahmen man das am günstigsten stellen könnte, kam mir der Gedanke, daß die Zeit längst überfällig ist für die Gründung einer neuen Wissenschafts-Disziplin, die da benannt werden sollte: "Vergleichende Religionsdemographie". (Suchwort "Vergleichende Religionsdemographie" bringt derzeit nur Ergebnisse beim "Fischblogger" und bei "Studium generale" [Google, Yahoo] ;-) - Und auch nicht genau in dieser Kombination bisher. Es handelt sich also um einen ganz neuen Begriff .)

Meine eigenen Vorstudien vor mehr als zehn Jahren

Ich selbst habe schon vor mehr als zehn Jahren als Vorstudien zu meiner damals geplanten Doktorarbeit zur "Soziobiologie arbeitsteiliger Gesellschaften" eine ganz vorläufige Zusammenstellung von "Erfolgsmodellen der (Human-)Evolution" unternommen. Ich werde sie als nächstfolgenden Beitrag hier auf dem Blog erstmals veröffentlichen. (1) Schon damals, vor zehn Jahren, war mir bewußt, daß die jeweiligen "Erfolgsmodelle der Evolution" sehr häufig auch davon beeinflußt gewesen zu sein scheinen, daß dieselben etwas mit Religion und Religiosität zu tun gehaben haben - neben anderen wichtigen Merkmalen (siehe dort). Aber damals gab es die Forschungen von Michael Blume, Richard Sosis, Dean Hamer und so vielen anderen Forschern ja noch gar nicht. (2 - 5) Man macht sich selten bewußt, was sich alles allein in den letzten zehn Jahren auf diesen Erkenntnisgebieten verändert hat. Auch war vor zehn Jahren Demographie an sich noch längst nicht ein Thema, das in der Öffentlichkeit so präsent war wie es das heute ist.

Deshalb hingen meine Überlegungen damals noch ziemlich im "luftleeren" Raum. Und ich fand in meiner damaligen akademischen und privaten Umgebung auch nur wenig Unterstützung beim Weiterverfolgen meiner Gedanken. Heute jedoch sieht man schon gut, wie sich meine damaligen Überlegungen fast nahtlos einordnen in eine sich wahrscheinlich bald formierende Disziplin der "Vergleichenden Religionsdemographie". Und eine solche Einordnung ist auch notwendig, wie ich sehe, um widerspruchslos und erkenntniserweiternd argumentieren zu können.

Anschluß an die allgemeine Historische Demographie an sich

Eine solche "Vergleichende Religionsdemographie" wird sich auch bald erweitern, bzw. Anschluß finden an die noch viel allgemeinere "Bevölkerungslehre" des Bevölkerungswissenschaftlers (und Historischen Demographen) Gerhard Mackenroth. (6) Der Grundgedanke dieser "Bevölkerungslehre" des bedeutendsten deutschen Bevölkerungswissenschaftlers des 20. Jahrhunderts (7) war der von der "Bevölkerungsweise". Dies ist die Art und Weise, wie die Demographie einer Bevölkerung in der jeweiligen Gesellschaft und Epoche durch die vorherrschenden Ideologien und Wirtschaftsweisen gesteuert wird und wie umgekehrt die Demographie auf die anderen Bereiche zurückwirkt (ein typischer Rückkopplungs-Prozeß). Man kann für den Begriff "Bevölkerungsweise" auch die Begriffe verwenden: "demographisches (oder reproduktives) Regime" oder im weiteren Sinne: "gruppenevolutionäre Strategien". (8)

Soweit nur die Vorbemerkungen zu dem folgenden Beitrag. (1) Es folgen danach noch Nachbetrachtungen.
__________

Literatur:

1. Bading, Ingo: Erfolgsmodelle der Evolution. Reproduktionserfolge in ausgewählten Populationen. Manuskript (entstanden im Dezember 1996), Erstveröffentlichung auf Wissenschaftsblog "Studium generale", 4.3.2008
2. Wilson, David Sloan: Darwin's Cathedral. Evolution, Religion, and the Nature of Society. University of Chicago Press 2002
3. Sosis, Richard (2000 - 2008) (deutschsprachiger Beitrag in "Gehirn & Geist", 2006)
4. Blume, Michael (2006 - 2007) (deutschsprachige Beiträge ---> hier)
5. Hamer, Dean: Das Gottes-Gen. 2006
6. Mackenroth, Gerhard: Bevölkerungslehre. Berlin 1953
7. Bading, Ingo: Ein deutscher Sozialreformer unter Konrad Adenauer - Gerhard Mackenroth (1903 - 1955) und die deutsche Bevölkerungssoziologie.
Auf: Wissenschaftsblog "Studium generale, 29.5.2007, 30.5.2007, 14.8.2007 (und andere Beiträge)
8. Bading, Ingo: Der "anthroposophische Lebensstil" als demographischer Faktor. Vorläufiger Entwurf eines Forschungsartikels. Auf Wissenschaftsblog "Studium generale", 26.2.2008
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