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Sonntag, 7. Dezember 2025

Das Muschelhorn

Ein urtümliches Blasinstrument in der Menschheitsgeschichte

Muschelhörner (Wiki) - Muschelhörner? Was sind denn das für Dinger ... ? Auf jeden Fall ungewöhnlich anzusehen.  

Abb. 1: Muschelhorn-Bläserin - Eine Polynesierin von der Insel Raratonga (Cook Inseln) 

Auf solche Muschelhörner mag noch noch nicht jeder aufmerksam geworden sein. Wenn man sich mit ihnen ein wenig beschäftigt, wird man allerdings vertrauter mit ihnen und man erhält über sie auch einen tieferen Blick in die Geschichte menschlicher Kulturen.

In Europa mögen noch am bekanntesten sein die Waldhörner. Diese sind heute in der Regel aus Metall und auf ihnen können Naturtöne (Wiki) gespielt werden. Mit einem solchen Waldhorn hat auch die Trompeten-Karriere des Verfassers dieser Zeilen begonnen. Außerdem gibt es traditioneller Weise in Europa die unterschiedlichsten Arten von Hifthörnern (Wiki), Alphörnern (Wiki), oft Rinderhörner, Büffelhörner, sowie Natur- bzw. Holztrompeten (Wiki) unterschiedlicher Machart. Solche mögen zum Beispiel Schäfern, Hirten, Jägern oder Kriegern zur Lauterzeugung gedient haben.

Nun aber Muschelhörner! Auf diesen kann man in der Regel nur einen Naturton spielen, ggfs. kann er variiert werden. Und es gibt doch wahrhaftig auch mancherlei Menschen innerhalb der westlichen Kultur, die von klein auf gelernt haben, Muschelhörner zu spielen, zum Beispiel Menschen, die in Key West, an der Südspitze von Florida leben (Yt2013). Das ist ja auch nahe liegend,  wenn man in der Nähe von Meeresufern lebt, wo man leicht zum Sammler schöner, großer, auffälliger Muscheln werden kann.

In einer neuen archäologischen Studie lesen wir, daß die Schalen von Muscheln und Meeresschnecken schon seit der Eiszeit von Menschen zur Laut-Erzeugung genutzt werden, und daß sie im Neolithikum nicht nur in Meeresnähe, sondern auch zum Beispiel bis nach Mitteleuropa hinein verbreitet waren (1).

Auf dem deutschen Wikipedia findet sich ein schöner Überblick über die archäologischen und völkerkundlichen Erkenntnisse zur Nutzung und Verbreitung von Muschelhörnern (Wiki).

Solche wurden traditionellerweise zum Beispiel auch auf der Insel Raratonga in Polynesien verwendet (Abb. 1). Ebenso werden sie in der traditionellen koreanischen Musik verwendet. Hier heißen sie "Nagak" (Wiki). Man kann sie etwa bei der Wachablösung der Königlichen Garde an einem der königlichen Paläste in Seoul in Korea sehen und hören (Abb. 2) (Yt2024Inst2024)

Abb. 2: Muschelhorn-Bläser im Rahmen der traditionellen, täglichen Wachablösung der Königlichen Garde in Seoul, in Gyeongbokgung, bei einem der königlichen Paläste (Wiki)

Auf Englisch werden Muschelhörner "Conch", bzw. "Conch Shell Horn" genannt. Mit einem solchen Muschelhorn können Signale gegeben werden oder es kann urtümlicher Lärm gemacht werden.

Manche Menschen sprechen dem Anhören und auch dem Blasen solcher Muschelhörner heilende, wohltuende Wirkung zu. Es scheint, als ob der Mensch in den unterschiedlichsten Kulturen Muschelhörner auch im Zusammenhang mit religiösen Ritualen verwendet hat. Gehen wir einige Beispiele chronologisch durch. 

Pyrenäen (17.000 vor heute)

In der Höhle Marsoulas (Wiki), gelegen in den französischen Pyrenäen, fand sich - neben Höhlenmalerei aus der Zeit des Magdalenien - auch ein Muschelhorn aus der Zeit um 17.000 v. Ztr. (ScMag2021). In einem Bericht darüber wird auch eine Hörprobe gegeben (NPR2021).

Katalonien (um 4.000 v. Ztr.)

In der genannten neuen Studie aus diesem Jahr 2025 werden zwölf Muschelhörner aus dem Mittelneolithikum Kataloniens behandelt aus der Zeit um 4.000 v. Ztr. (1).

Das ist die Zeit der ersten hierarchisch gegliederten Staaten, Fürstentümer und Königreiche in Europa.

Minoische Kultur (1.600 v. Ztr.)

Im Zusammenhang mit der minoischen Kultur fanden sich auf Kreta Muschelhörner oder Nachbildungen von Muschelhörnern aus Ton (Resg2013).

Mykene (1.600 v. Ztr.), Ninive und Hesiod (700 v. Ztr.) 

Naheliegend, daß Muschelhörner dann auch in Mykene genutzt wurden. Ein solches fand sich in Gräbern aus der Zeit um 1600 v. Ztr.. Und zwar sogar in Ton nachgebildet (Wiki):

Ein Ton-Schneckenhorn nach dem Vorbild einer Charonia variegata wurde im Gräberrund A der altgriechischen Stadt Mykene aus dem 16. Jahrhundert v. Ztr. gefunden.

Muschelhörner finden auch Erwähnung bei dem griechischen Dichter Hesiod, der um 700 v. Ztr. gelebt hat. 

 

Nach diesem ist Triton (Wiki) ...

... ein Gott am Meeresgrund, der im goldenen Palast seiner schönen Mutter Amphitrite und seines Vaters Poseidon wohnt. Er wird als schreckenerregend und mit seinem Schneckenhorn als Frauenverführer beschrieben. Auf Darstellungen erscheinen neben den Tritonen mit fischartigem Unterkörper gelegentlich auch Tritoninnen, die sich aber meist wie Nereiden verhalten und mit den Tritonen durch die Meere schwimmen. 

Auf diesen Hesiod gehen dann offenbar die unzähligen Tritonen-Darstellungen der europäischen Barock-Malerei und -Bildhauerei zurück, von denen wir weiter unten einige Beispiele bringen. 

Aus der Zeit um 700 v. Ztr. fand sich ein Schneckenhorn auch in Ninive, der damaligen Hauptstadt von Assyrien.

Pompeji (79 n. Ztr.)

Weiterhin lesen wir über Pompeji (Wiki): 

In den Trümmern (...) wurden 52 Schneckenhörner der Art Charonia lampas gefunden, neun weitere in Herculaneum und ein Exemplar im gleichfalls verschütteten Nachbarort Boscoreale. Nicht bei allen war die Spitze abgebrochen, aber ein großer Teil dürfte als Blasinstrument verwendet worden sein. Bei vier Hörnern ist die Anblasöffnung sorgfältig geglättet und zu zwei weiteren gehört ein Mundstück aus Bronze. Auf zwei Mosaiken aus Pompeji sind ebenfalls Schneckenhörner zu sehen.

Und (Wiki):

In den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid hat (...) die Sintflut alles Land mit Wasser bedeckt, aus dem nur noch der Gipfel des Parnass herausragt. Dort blieben als einziges Menschenpaar Deukalion und Pyrrha am Leben. In dieser Situation bat der römische Meeresgott Neptun den Triton, aus der Tiefe des Meeres aufzusteigen und die Wassermassen mit seinem Schneckenhorn zurückzurufen. Mit diesem machtvollen Signal, das bis in alle Weltgegenden zu hören war, wies Triton die Fluten an, sich zurückzuziehen, damit das Land wieder hervortreten konnte. Das Schneckenhorn wird als so mächtig geschildert, daß sein Ton das Schicksal der Menschen zu entscheiden vermag. Von seiner mit dem Meer und mit Göttern verbundenen magischen Rolle, die dem Schneckenhorn bei Seefahrern zukam, übertrug sich die rituelle Bedeutung auf andere Zusammenhänge. Die magische Schutzfunktion neben der Signalwirkung zeigt sich noch bei der Verwendung als Kriegstrompete in der Antike. Auf Latein nannte man das Schneckenhorn bucina marina („Horn/Trompete des Meeres“) nach dem Namen bucina, den die Römer allgemein für Naturtrompeten aus Metall verwendeten.

Das Schneckenhorn spielt auch im indischen Bereich eine Rolle, so daß man schlußfolgern könnte, daß es auch schon bei den Urindogermanen eine Rolle gespielt hat. 

Abb. 3: Peter Paul Rubens (1577-1640) - Triton und Nereide

Seit der Barock-Zeit ist das Muschelhorn im Zusammenhang mit dem Triton-Mythos ein beliebtes Motiv in der Malerei und Bildhauerei geworden.

Meistens sind das Muschelhorn und der Muschelhorn-Bläser nur schmückendes Beiwerk. Vielleicht werden sie von den Künstlern als zusätzlicher Hinweis genutzt auf die Naturhaftigkeit des Menschen, auf die Triebhaftigkeit, auf die Verführbarkeit.

Vielleicht verstärkt das Muschelhorn auch den Rückblick aus einer schon zivilisierter gewordenen Welt in eine Welt, die einem "triebhafteren" Urzustand noch näher stand. 

Abb. 4: Neptun und Triton (Wiki) - Entstanden 1622/23 - Frühe Skulptur des italienischen Bildhauers Gian Lorenzo Bernini (1598-1680 (Wiki), heute im Victoria und Albert-Museum in London - Ursprünglich geschaffen für einen Brunnen in Rom

Auf das Motiv greifen zurück: Raffael in seinem berühmten Gemälde Galathea, Peter Paul Rubens (s. Abb. 3), der italienische Bildhauer Bernini (s. Abb. 4), der italienische Maler Sebastiano Ricci (s. Abb. 5). 

Auch der italienische Bildhauer Giacomo Antonio Ponsonelli (1654–1735) (Wiki) hat in Valencia einen sehr schönen Tritonen-Brunnen geschaffen, in der das Muschelhorn sozusagen den Mittelpunkt bildet (WikiC).

Abb. 5: "Triumph der Meeresvenus" des italienischen Malers Sebastiano Ricci (1659-1734), entstanden um 1713, Getty Museum (Wiki) - Ausschnitt

Seit 1732 entstand der Trevi-Brunnen in Rom, der dieses Motiv verwendet (Abb. 6). Und so könnten noch unzählige weitere, herrliche Beispiele gebracht werden (Überblick: FineAmerica).

Überall wo der Meeresgott Triton, Nereiden oder die Meeresvenus als Motive der Maler auftreten, sind solche Muschelhörner nicht weit. 

Wir wissen aber jetzt, daß diese Muschelhörner gar nichts Ausgedachtes der Maler oder Bildhauer waren, sondern daß sie auf uralte Traditionen in menschlichen Kulturen weltweit zurück gehen, in Europa bis zurück in die Zeit der Eiszeit-Jäger. 

Abb. 5: Trevi-Brunnen in Rom (1732-1762) (Wiki)

Und wir hatten noch nicht erwähnt, daß das Muschelhorn auch im vorkolumbianischen Amerika verbreitet war.

Das Motiv der Tritonen, die auf Schneckenhörnern blasen, blieb beliebt bis hin zu solchen deutschen Malern wie Arnold Böcklin oder Hans Thoma.

__________

  1. López-Garcia M, Díaz-Andreu M. Signalling and music-making: interpreting the Neolithic shell trumpets of Catalonia (Spain). Antiquity. 2025;99(408):1480-1497. doi:10.15184/aqy.2025.10220 (Antiquity2025)

Sonntag, 27. Januar 2008

Bundesvolkstanztreffen in Offenburg Juli 2008

"Spreading the faith ..."

So mancher war in seiner Jugend ein eifriger Volkstänzer. Und eines der Hauptereignisse war dann immer das große "Bundesvolkstanztreffen", das die "Deutsche Gesellschaft für Volkstanz e.V." ausrichtet. Es findet alle paar Jahre für ein verlängertes Wochenende in der Sommerferien-Zeit in einer ausgewählten deutschen Stadt statt. Und es beteiligten sich daran hunderte von Gruppen aus ganz Deutschland und der ganzen Welt.


Und es ist immer ein farbenprächtiges Bild. Auf den Plätzen wird getanzt, die Stadt vibriert von verschiedensten Melodien und Instrumenten. Man lernt die möglichsten und unmöglichsten Leute, Gruppen, Tänze und Trachten kennen. Ob sie nun aus Hintertupfing in Hinterbayern, aus Lettland, Finnland, Korea, Kanada kommen. Einige auch aus Australien und Südamerika.


Meistens kann jedermann - ob selbst nur zufälliger Zuschauer oder auch Teilnehmer - bei den anderen Gruppen mittanzen. In jedem Fall kann man zuschauen. Und abends gibt es ein großes gemeinsames Tanzen in einer Eissporthalle oder ähnlichem mit hunderten von Teilnehmern. Ein "Event" also mit einem hohen Grad von Zuschauer-Einbindung und Gemeinschaftlichkeit. Ein Event, wie es sich jede Stadt nur wünschen kann.

1983 war es in Kempten im Allgäu und mancher war dabei. 1987 war es in Aachen. Dieses Jahr soll eines in Offenburg stattfinden.

Dieses Jahr in Offenburg

Nun hätte man denken können, daß man reichste Informationen über diese Bundesvolkstanztreffen im Internet findet. Was würde sich besser eignen als solche Treffen, um mit farbenprächtigen Fotos von früheren Treffen für das neue zu werben. - Aber Fehlanzeige. Auf www.volkstanz.de ist sechs Monate vor Beginn noch kein Programm abzurufen. - Von werbekräftiger Bebilderung ganz zu schweigen. Höchstens eine - recht langweilige - Auflistung früherer Treffen.

Na, jedenfalls veranlaßt einen das, mal wenigstens das Programm hier im Netz verfügbar zu machen, das man gerade zugeschickt bekommen hat, und das der Zeitschrift der genannten Gesellschaft entnommen ist. Und wenn man seine alten Fotoalben findet, kann man auch noch ein paar aussagekräftige Fotos heraussuchen ...

- Aber das Netz ist doch voll von schönen Fotos. Deshalb hier auch gleich noch werbewirksame Bebilderung. So ungefähr jedenfalls kann man sich das vorstellen ...

Hm, das folgende Foto stammt wohl aus der Zeit des Autors dieser Zeilen ...

Und das scheint eher von heute zu sein:

Mittwoch, 26. Dezember 2007

"Samson" - Händels Oper macht traditionelle Gruppen- und Religionspsychologie nachvollziehbar

Zu Weihnachten kann man sich schenken lassen zum Beispiel eine vollständige CD-Aufnahme der Oper "Samson" von Georg Friedrich Händel (1685-1759) (Wiki), die im Jahr 1741 uraufgeführt wurde. Und damit kann man seine religionswissenschaftlichen und gruppenpsychologischen Studien erweitern.

G. F. Händel v. W. Hogharth (von Wiki Commons)

Diese Oper scheint sehr gut für letzteres geeignet zu sein. Geht es in ihr doch um den biblischen, israelitischen Helden Samson, der im Kampf für (seinen) Gott und für sein Volk schlimmste Leiden erfährt. Dabei werden Gott und Volk durchgängig als eine tiefe und selbstverständliche Einheit angesehen. Samson erleidet Gefangenschaft, Blindheit, Verspottung durch ein feindliches, siegreiches Volk, durch die Philister, die einen anderen Gott anbeten.

Und letzteres ist das Schlimmste: daß ein anderes Volk mit einem anderen Gott - und damit dieser Gott selbst - siegreich sind und bleiben sollen. Schließlich gibt Samson seinem Leiden und seinem Tod dadurch einen Sinn, daß er noch zahlreiche Feinde mit sich in seinen Tod hineinzieht und dadurch aus seinem Tod und Untergang ein Triumphlied, ein Siegeslied für seinen eigenen Gott und sein eigenes Volk gestaltet.

Man spürt sofort: Dieser Herr Händel und seine Zeitgenossen haben noch nie etwas von politischer Korrektheit gehört. Wahrscheinlich, nunja, führt eine gerade Linie von Händel zu Hitler. Ob das schon jemand gemerkt hat? (Google-Suche sagt: nein, erstaunlich wenige haben das bis heute gemerkt!)

Händel hat das genannte biblische Geschehen, das zu seiner Zeit ja noch ganz "naiv" gelesen und verstanden wurde (auch ohne jede verweichlichende "Metaphorik"), in eine Musik umgesetzt, die die Handlung und das Leiden des Helden - und das Mitgehen der mitfühlenden "Stammesbrüder", "Volks-" und Religionsgenossen (in Form der Frauen- und Männer-Chöre) - emotional nachvollziehbar macht, wie dies wohl selten später in ähnlicher dichter Weise geschehen ist.

Seine starken und stolzen Rhythmen, seine Sieges-Trompeten und -Gesänge, seine Klagegesänge ...

Aber eine erhöhte Bedeutung erhält all diese Musik erst, wenn man den Text ganz naiv parallel dazu liest und so ernst nimmt, wie er auch von allen Zeitgenossen Händel's und von diesem selbst ernst genommen wurde. Davon, daß Händel diesen Text ernst genommen hat, davon zeugt seine ganze Oper, die Musik von Anfang bis Ende.

Tod des Samson von Gustave Doré (1866)

Man erlebt das erschütternde Schicksal eines für seinen Gott und für sein Volk leidenden und schließlich triumphierenden Menschen. Eines Helden, von dem es abschließend heißt im Text (deutsche Übersetzung):

Glorreicher Held, mag nun dein Grab
Frieden und Ehre allzeit genießen;
nach all dem Leiden, all dem Weh
jetzt ewige Rast und süße Ruh!

Die Jungfrauen werden an Festtagen ihrerseits
sein Grab besuchen mit Blumen und dort beweinen
sein unglückliches Los bei seiner Gattenwahl. (...)

Mag jeder Held den Weg sich bahnen wie du,
durch Kummer zur Glückseligkeit. (...)

Kommt, kommt! Jetzt ist nicht die Zeit zum Klagen,
auch kein Grund zur Trauer: Samson wie Samson starb,
im Leben wie im Tod ein Held. Seinen Feinden
bleibt das Verderben; ihm der ewige Ruhm.

Laßt alle die Seraphim in glühendem Spektakel
die lauten, himmelwärts erhobenen Engelstrompeten blasen.
Laßt die Schar der Cherubime in sangesfreudigen Chören
ihre unsterblichen Harfen mit den goldenen Saiten zupfen.

"Let the bright Seraphim"

Dieser abschließende Absatz beginnt im englischen Original mit den Worten der berühmten Händel-Arie "Let the bright Seraphim", jener Sopran-Arie, die von einer Solo-Trompete begleitet wird und einer der emphatischsten Triumph- und Siegesgesänge der Menschheits- und Musikgeschichte darstellen wird. Bei Youtube findet man zahlreiche Aufnahmen dieser Arie. Die folgende erstgenannte, gesungen von einer Dänin 1993, ist die, die mir selbst am besten gefällt, aber auch die anderen haben ihre Qualitäten. (Youtube 1, 2, 3) Auch die Aufnahme eines Kinderchors ist sehr eindrucksvoll:




Auch die Arie "Total eclipse ..." ("Völlige Dunkelheit") aus dem 1. Akt, 2. Szene der Oper kann einen Eindruck von dem Geist der Oper und seines Helden insgesamt geben:




Samson besingt sein Leiden:

Völlige Dunkelheit! Keine Sonne, kein Mond,
alles finster im Mittagslicht!
O glorreiches Licht! Kein aufmunternder Strahl,
der mir die Augen erfreute mit dem willkommenen Tag!
Weshalb nur hieß Dein Ratschluß, daß ich so elend jetzt beraubt?
Nicht Sonne, Mond noch Sterne kann ich jemals sehen.

Oder die klagende, flammende Arie Samon's "Warum schläft der Gott Israels?" - "Why does the God of Israel sleeps?"




Etwas Aufrüttelnderes als diese Oper wird man selten zu hören bekommen. Georg Friedrich Händel hat diese Oper 1741 komponiert, kurz nachdem er den "Messias" vollendet hatte. Er leitete in den kommenden Jahren neun Aufführungen dieser Oper selbst. Diese riefen die volle Anerkennung im englischen Publikum hervor. Es war dies die Zeit, in der Friedrich II. von Preußen mit seinem ersten schlesischen Krieg begann.

Friedrich II. betrieb einen ähnlichen Heroen-Kult wie Händel. Dieser wurde dann vom deutschen "Sturm und Drang" und der deutschen Klassik, also von Schiller, Goethe, Hölderlin und ihren Zeitgenossen aufgenommen. Auch ein Dichter wie Klopstock muß berücksichtigt werden, wenn man diese "heroische" Zeit der mittel- und nordeuropäischen Geistes- und Kulturgeschichte verstehen will. Ohne sie sind die Französische Revolution und sind damit alle modernen abendländischen Errungenschaften nicht denkbar.

Und möglicherweise bedarf es auch eines ähnlichen Geistes, einer ähnlichen Emphase, einer ähnlichen Bereitschaft zum Leiden, eine ähnlichen Leidensfähigkeit, um den Fortbestand dieser Errungenschaften heute sicherzustellen.


(leicht ergänzt und überarbeitet: 4.11.16)

Dienstag, 18. Dezember 2007

Nachdenken über Altruismus (- 4. Teil)

- Die Geschichte vom "verlorenen Sohn"

Für manchen Leser wird nicht recht klar sein, worauf dieses "Nachdenken über Altruismus - Thema und Variationen" eigentlich hinauslaufen soll. Vielleicht faßt man dieses Nachdenken tatsächlich zunächst auf wie ein musikalisches "Improvisieren", wie ein "Material-Sammeln" (sozusagen von "musikalischen Ideen"), aus dem man dann später - günstigstenfalls - eine Oper oder Sinfonie schreiben kann (wie gesagt: günstigstenfalls!).

Fangen wir diesmal so an: Vielleicht ist echter Altruismus heute kaum noch lebbar im Alltag. Wenn das stimmen sollte, wäre es verständlich, daß die Forscher derzeit vornehmlich nur die "Trivialform" des Altruismus, die soziale Gegenseitigkeit (Gerechtigkeit) in allen möglichen und unmöglichen Varianten und Aspekten erforschen und immer wieder neu erforschen. Da gibt es das berühmte "Gefangenen-Dilemma", die These vom "altruistischen Bestrafen" und so vieles andere mehr auf diesem Gebiet. Aber - wie mir scheint - gleich ganze Marmor-Steinbrüche von Forschungsmöglichkeiten was Alltags-Altruismus in arbeitsteiligen Gesellschaften betrifft, verbleiben dabei im Schatten gänzlicher Nichtbeachtung.

Daß man in seiner Selbstaufopferung für einen anderen Menschen oder für Prinzipien bis zum eigenen Tod geht oder bis in Annäherungen an denselben - all solche Dinge gehören heute jedenfalls nicht mehr zu den bevorzugten, vorherrschenden kulturellen Idealen. Mit Hedonismus jedenfalls hätte das ja auch sehr wenig zu tun. Daß aber im sozialen Zusammenhang auch heute noch zumindest "Annäherungen" an den Tod gelebt werden, kann man etwa an der Tatsache ablesen, daß eine Scheidung nach einer tief erfüllenden Ehe die Sterbewahrscheinlichkeit sehr deutlich erhöht und zur Lebensverkürzung beiträgt. Für Männer gilt dies noch mehr als für Frauen. Auch bei vielen Krankheiten und Depressionen geht die Forschung ja heute von sozialen Ursachen oder Mitverursachungen aus. Das heißt: Bestimmte soziale Lebensumstände, in die man gerät oder denen man nicht aus dem Weg geht, können - letztlich - töten.

Es geschieht vielleicht heute nicht mehr sehr oft, daß solche Erhöhungen von Sterbewahrscheinlichkeiten mit bewußt gelebtem Altruismus in Verbindung gebracht werden - zumindest subjektiv. Aber es könnte sinnvoll sein, auch bezüglich solchen sozialen Geschehens nach jeweiligen Altruismus-Anteilen im sozialen Verhalten zu fragen, die über reine Gegenseitigkeits-Prinzipien hinausgehen. (Also extrem "asymetrische" soziale Beziehungen wie es ja doch auch - oder vor allem - die Geschlechterbeziehungen darstellen.)

Über Menschen gut denken, auch dann, wenn es schwer fällt ....

Was könnte altruistisch sein? Daß man versucht, über Menschen gut zu denken, edel zu denken auch dann, wenn es schwer fällt? Über andere Menschen nicht nur und ständig in ihren Schwächen, ihren Abarten herumwühlen? Gibt es nicht ein Sprichwort, daß da sinngemäß lautet: Wie man einen Menschen ansieht, so ist er auch? Wie man die Welt ansieht, so ist sie auch? Ich möchte meinen, daß dies besonders für soziale Alltags-Zusammenhänge zutrifft. Und ich möchte meinen, daß das ein gewaltiger Schritt wäre, in echterer Weise altruistisch zu sein: daß ich versuche, von allem Schlechten, von allen schlechten Eigenschaften eines Mitmenschen, die ich auch beachten könnte, die mir auch bekannt sein könnten, zunächst abzusehen und zunächst einmal nur das Gute in ihm zu sehen, in ihm zu werten.

Ein solches Vorgehen setzt schon eine gewisse "Selbstlosigkeit" voraus. Denn in vielen Lebenssituationen ist es doch einfacher, im anderen Menschen erst einmal das Schlechtere vorauszusetzen, das Schlechtere zu sehen. Wenn man zunächst das Schlechtere voraussetzt, von vornherein mißtrauisch ist, dann kann man gewiß auch nicht mehr enttäuscht oder verletzt werden, sondern höchstens überrascht.

Manche Menschen sind mehr geneigt zum Guten als andere ...

Nun wird es sicher so sein, daß "über andere Menschen gut denken" manchen Menschen leichter fällt als anderen. Den "von Natur aus" fröhlichen, optimistischen, lebensoffenen Gemütern wird es leichter fallen, auch im anderen Menschen das Positive zu sehen, überhaupt die Welt im positiveren Licht zu sehen, als Menschen, denen von Natur aus das "Schwarzsehen", das Sehen von Negativem näher liegt.

Man könnte also behaupten: Manche Menschen sind leichter geneigt, dem Guten nachzustreben als andere. Und zwar könnte dies entweder aufgrund genetischer Veranlagung und/oder aufgrund von kulturellen Prägungen, positiven oder negativen Erfahrungen vor allem in der Kindheit, Jugendzeit und jüngerem Erwachsenenalter der Fall sein. Fast möchte man meinen, daß das Ersterlebnis von Geschlechtlichkeit (also die Art des Verlustes der "Jungfräulichkeit", die sicherlich einen seelischen Prägungsvorgang darstellt), viel damit zu tun haben könnte, wie man auch später auf das Leben sieht, wie man - zumal in intimeren Beziehungen - den anderen Menschen sieht. Negative, seelenlosere, "ernüchternde" Erfahrungen auf diesem Gebiet werden sich anders auf das Leben auswirken als positive, seelisch aufrüttelnde, lebensfroher machende.

Genetische oder schicksalsmäßige "Determiniertheit"?

Aber wie ist es nun: Selbst wenn es Menschen aufgrund von Schicksal und Vererbung leichter fallen sollte, als anderen, dem inneren Trieb, der inneren Neigung zum Guten zu folgen - wenn sie nun dabei durch ein Meer von Leid gehen - wer wird das dann noch gleichsetzen wollen mit banalem "Determinismus", banaler "Determiniertheit"? Wer wird das vor allem gleichsetzen wollen mit einer gelebten Geneigtheit zum Guten, die ohne jedes Leid auch gelebt und verwirklicht werden kann (- z.B. aufgrund glücklicher[er] Lebensumstände)?

Und dann erlebt man es doch immer wieder, daß Menschen, die sogar besonders geneigt und in einer jeweiligen Epoche besonders befähigt sind, dem Guten, Edlen nachzustreben, daß gerade sie auch besonders "befähigt" sind, aus dieser "offenbaren" oder sogenannten persönlichen "Determiniertheit" auszubrechen. Sie begehen mehr oder weniger bewußt - früher oder später vielleicht auch aus ihrer eigenen Sicht - eine schlechte, eine böse, bösartige Handlung, um ihrer "Determiniertheit", einer gewissen unausweichlichen Neigung (einer Begabung?) zum Guten, zum Edlen zu entgehen. Und natürlich "beweisen" sie dadurch sich und anderen klar und eindeutig, daß es 100%-ige "Determiniertheit" zum Guten nicht gibt. Und ähnliches wird auch für das Schlechte und die Neigung zum Schlechten gelten.

Menschen, die vielleicht vor 50 oder 80 Jahren gelebt haben, wäre als Beispiel eines solchen eben genannten Lebensschicksales sicher der früher viel gelesene Lebensroman von Bachvogel über "Friedemann Bach", den erstgeborenen Sohn von Johann Sebastian Bach, eingefallen. In diesem Roman wird der musikalisch hochbegabte Friedemann Bach als ein gescheiterter Künstler dargestellt, der schließlich seine hohe Begabung und sein hohes musikalisches Können dazu verwendet, um mit einer Zigeuner-Gruppe durch die Lande zu ziehen und Zigeneuner-Weisen in Wirtshäusern zu spielen. Ein sehr erschütternder Roman, der "irgendwie" "lebensecht" wirkt, selbst wenn die musikhistorische Forschung in späterer Zeit glaubt, aufzeigen zu können, daß dieser viel gelesene Roman das Lebensschicksal von Friedemann Bach nicht historisch zutreffend darstellen würde.

Aber: Wie steht es mit der Parabel vom "verlorenen Sohn"?

Auf jeden Fall könnte einen ein solcher Roman zur Besinnung bringen bezüglich dessen, mit welchem unendlichen Leid, mit welchen kulturellen Verlusten "echte", gelebte oder nicht gelebte Altruismen eigentlich zu tun haben könnten. Maler und Schriftsteller haben ähnliche Schicksale immer wieder auch im Bild der Parabel des "verlorenen Sohnes" zur Darstellung gebracht. Etwa Rainer Maria Rilke im berühmten Schlußabschnitt seines Werkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge". ("Man wird mich schwer davon überzeugen, daß die Geschichte des verlorenen Sohnes nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte. ...") Oder viele niederländische Maler, die ja den "verlorenen Sohn" in zwielichtigen Schenken zur Darstellung bringen. Auch etwa Luis Trenker hat einen Film gedreht über einen "verlorenen Sohn", der nach Amerika auswandert und erst ganz zum Schluß durch seine Rückbesinnung auf seine Heimat und die Brauchtümer seiner Heimat (Tirol) eines Besseren belehrt wird. Für mich jedenfalls ein erschütternder Film.

Auf jeden Fall: Die Parabel vom "verlorenen Sohn" ist ein bekannter Topos in der Kunst und Kultur, über den sich moderne Altruismus-Forscher auch mal ein bischen mehr Gedanken machen könnten, um alle Altruismus-Arten, die gelebt werden (oder wurden), auch wirklich einer wissenschaftlichen Beschreibung näher zu bringen und sie in das schon bestehende wissenschaftliche Theorie-Gebäude einzuordnen. Denn was in der Wissenschaft nicht theoretisch erfaßt wird, das wird oft auch oft vom allgemeinen Denken gar nicht mehr berücksichtigt - und umgekehrt. Es besteht ja da eine Wechselbeziehung. Aber beides wäre doch ganz besonders schade. Um mich vorsichtig auszudrücken. (Wäre vielleicht ein paralleler Topos für das weibliche Geschlecht das Thema "Jesus und die Ehebrecherin", die "gefallene" Tocher? Vielleicht.)

Besteht denn nicht auch die Möglichkeit, daß wir heute in irgend einer Weise alle "verlorene Söhne" sind? Oder "gefallene" Töchter? Merkwürdig auch, wie gerade merke, daß man "gefallen" noch schlimmer findet, als "verloren" ... All das jedenfalls wird man je nach eigenem innerem Maßstab und Weltbild, bzw. philosophischen Grundanschauungen verschieden beurteilen. Das oft allzu platte Denken in den Kategorien wie denen der "verlorenen Schafe Israels" muß dabei jedenfalls nicht in jedem Fall im Vordergrund stehen. Es ist durchaus nicht notwendig, sich wie ein Sektenpriester zu fühlen, wenn man versucht, sich auf die metaphysische und moralische Heimatlosigkeit des modernen Menschen zu besinnen ...

Mittwoch, 29. August 2007

Eine unechte Haarlocke Beethovens - Sie führte zu falschen Schlußfolgerungen

"Signor Abate! io sono, io sono, io sono ammalato!
Santo Padre! vieni e datemi la benedizione!
- Hol' Sie der Teufel, wenn Sie nicht kommen!,
hol' Sie der Teufel, wenn Sie nicht kommen,
hol' Sie der Teufel!!!"

Diesen deftigen, von manchen Menschen gern gesungenen Kanon, komponierte Ludwig van Beethoven (1770-1827), als er einmal wieder krank und einsam zu Hause darnieder lag. Das Lebensschicksal Beethovens war ein schweres. 

Die Ursachen seiner Taubheit und seines frühen Todes mit 57 Jahren konnten bis heute nicht schlüssig aufgeklärt werden.

Abb. 1: Die Totenmaske Beethovens

Dieser Kanon war - nach dem Musikhistoriker Nottebohm - an den Abt Maximilian Stadtler (1748-1833) gerichtet. Zu Deutsch lauten die italienischen Phrasen in ihm (Klassika.Info):

"Herr Abate! Ich bin erkrankt! Heiliger Vater! Kommt und gebt mir den Segen! Hol' Sie der Teufel, wenn Sie nicht kommen ..."

Deftige Worte gegenüber einem Abt! Hier eine passable Aufnahme desselben (Yt):

"Heavy Metal" hat sich an diesem Kanon auch schon ausprobiert (Yt). Und auch das hält der Kanon aus. Genug Aggressivität ist schließlich in ihm drin dafür.

Anmerkung 27.3.23: Die folgenden Ausführungen haben ihre Gültigkeit verloren, seit mit einer neuen genetischen Studie über Beethovens Haar-Reste (1) bekannt geworden ist, daß ausgerechnet jene Haarreste, von deren Untersuchung in den weiteren Ausführungen die Rede ist, nämlich die sogenannte "Hiller"-Locke, gar nicht von Beethoven stammt, sondern von einer Frau, die wie Ferdinand von Hiller und dessen Sohn Paul Hiller aschkenasisch-jüdischer Abstammung war. Entweder hat es in der Familie von Hiller also eine Verwechslung von Haarlocken gegeben. Oder jemand in der Familie von Hiller brauchte Geld und gab deshalb Haare als Beethoven-Locke aus. Zum Beispiel im Zusammenhang mit der Emigration nach Dänemark und in die USA während des Dritten Reiches.

*** 

Beethoven hatte bei seinem Tod 1827 80 mal mehr Blei im Körper als gesunde Menschen

Wie betroffen wird man aber künftig diesen Kanon singen, wenn man sich klar macht, daß Beethoven mit 57 Jahren an wiederholten schweren Überdosierungen von Blei während seines letzten Lebensjahres gestorben ist. Die zeitliche Abfolge dieser Überdosierungen hat man neuerdings anhand von drei ganz unterschiedlich auf die Jetztzeit überkommenen Beethoven-Locken genau bestimmen können. Zugleich wird dieses Muster von Blei-Überdosierungen, wie es sich in den Locken Beethovens findet, künftig zur Identifizierung weiterer Beethoven-Locken dienen können (Spiegel):

... Nun hat der Gerichtsmediziner Christian Reiter von der Universität Wien die Blei-Theorie um eine neue Wendung ergänzt. Der Musiker sei vor seinem Tod wiederholt extremen Bleibelastungen ausgesetzt gewesen, schreibt der Forscher im Mitteilungsblatt der Wiener Beethoven-Gesellschaft. Schuld daran war wohl sein Arzt Andreas Wawruch: Er behandelte den schwer erkrankten Komponisten in den letzten Monaten vor seinem Tod mit einer Art bleihaltiger Seife. Anstatt Beethoven zu helfen, beschleunigte er auf diese Weise dessen Tod.

Allerdings bleibt die Frage zurück, ob nicht die Behandlung mit bleihaltiger Seife auch bei anderen Patienten in der damaligen Zeit zu ähnlichen Folgen hätte führen müssen, und ob das dann die behandelnden Ärzte nicht irgendwann hätten merken müssen. Auch sollte eine Hypothese, die der "Zusatzhypothesen" bedarf, eher als unplausibel eingeschätzt werden. So werden die festgestellten hohen Bleikonzentrationen kurz vor dem Tod Beethovens mit der angeblichen Behandlung mit bleihaltigen Seifen erklärt, die Bleikonzentrationen, die aber schon in den Haarabschnitten festgestellt werden können, die ein Jahr vor seinem Tod wuchsen, werden mit dem angeblichen Trinken von bleihaltigem Wein erklärt. Da drängt sich der Eindruck auf, daß man hier noch nicht die endgültige Erklärung gefunden hat.

Der Forscher verdampfte Beethovens Haare mit einem Laserstrahl scheibchenweise und maß mit einem Massenspektrografen die Bleikonzentration in dem dabei entstehenden Rauch. Dabei fand er keine gleichmäßige Verteilung von Blei im gesamten Haar, sondern phasenweise extreme Anstiege der Bleikonzentration. Reiter standen für seine Untersuchungen zwei Haare zur Verfügung: eines war 4,0 und das andere 9,3 Zentimeter lang. Die Haare dokumentierten etwa die letzten 120 beziehungsweise 267 Tage im Leben Beethovens, so der Forscher. (...)
Um die These Reiters zu untermauern, müsse man noch mehr Haare Beethovens zum Vergleich heranziehen, auch aus jüngeren Jahren.

Zumindest mit einem Haar hat dies Reiter bereits getan. Die Beethoven-Gedenkstätte in Wien-Jedlesee bewahrt eine Locke auf, die angeblich ebenfalls von dem Komponisten stammen soll. Davon untersuchte der Gerichtsmediziner ein 15 Zentimeter langes Haar, was die Möglichkeit bot, sogar die letzten vierzehn Monate im Leben Beethovens zu analysieren.

Die Ergebnisse stimmten mit den Daten der beiden zuerst untersuchten Haare überein, schreibt Reiter. In den letzten 111 Tagen vor dem Tod stellte er auch hier exzessive Bleibelastungen fest, in den rund 90 Tagen davor gab es hingegen keine Kontamination. Die Echtheit dieser Beethoven-Locke sei damit bestätigt worden.

Durch die "außergewöhnliche Länge" dieses Haares konnte Reiter auch den Zeitraum zwischen dem 200. und dem 360. Tag vor Beethovens Tod untersuchen. "In diesem Abschnitt gab es immer wieder einzelne bemerkenswerte Blei-Peaks", schreibt Reiter. Für die Zeit davor bis 425 Tagen vor seinem Tod war dagegen keinerlei Bleibelastung festzustellen.

Und diese ältere Kontaminierung erklärt er dann eben mit dem Weintrinken, da er damals noch nicht mit (angeblich!, vermutlich!) bleihaltigen Seifen behandelt worden ist. Im Original-Artikel (Mitteilungsblatt der Wiener Beethoven-Gesellschaft) heißt es:

Im Jahr 1802, also fünfundzwanzig Jahre vor seinem Tod, äußerte der wegen seiner sich ankündigenden völligen Ertaubung verzweifelte Beethoven im sogenannten "Heiligensätdter Testament" den Wunsch, dass die Nachwelt die Ursache seiner Taubheit erforschen möge. (...)

In Beethovens Haar konnte zwar keine auffällige Quecksilberkonzentration festgestellt werden, aber im Mittel etwa achtzig Mal mehr Blei, als bei rezenten Menschen. (...)
Durch die aussergewöhnliche Länge dieses Haares (- aus einer dritten Locke, I.B.) konnte auch der Zeitraum zwischen dem 200. und dem 360. Tag vor Beethovens Tod untersucht werden. In diesem Abschnitt gab es immer wieder einzelne bemerkenswerte Blei-Peaks. Für die Zeit davor (bis 425 Tagen vor seinem Tod) war dagegen keinerlei Bleibelastung festzustellen.

Ob also die durch Professor Reiter angebotene Erklärung durch die Behandlung mit bleihaltiger Seife und das Trinken bleihaltigen Weines schon die letzte Erklärung bleiben wird? Sollte bei einer 80-fach erhöhte Dosis nicht auch anderen Hypothesen nachgegangen werden? Ist es wirklich plausibel, dieselbe durch solche eher "zufälligen" Ereignisse schlüssig erklären zu können? Ist es nicht viel nahe liegender, zunächst auch der Hypothese nachzugehen, Beethoven wären diese Blei-Dosen bewusst zugefügt worden? Wo es doch auch so viele ungeklärte Fragen rund um den Tod von Wolfgang Amadeus Mozart gibt, der kurz vor seinem frühen Tod gesagt hat:

"Gewiß, man hat mir Gift gegeben." - ?

Ergänzung 27.3.23: Vielmehr stellt sich jetzt die Frage, wie so viel Blei in die Haarlocke jener Frau gekommen ist, die sich - offenbar - im Umfeld der aschkenasisch-jüdischen Familie von Hiller bewegt hat während des 19. oder womöglich auch erst während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

/ Überarbeitet und 
mit neuer Überschrift versehen: 
27.3.23 /

_______

  1. TJA Begg et al, ‘Genomic analyses of hair from Ludwig van Beethoven’, 22 March 2023, DOI: 10.1016/j.cub.2023.02.041 (pdf)  

Dienstag, 14. August 2007

"Romantiker sind Revolutionäre" ...

"Romantiker sind Revolutionäre" - will heißen: wir Deutsche sind Revolutionäre, denn wer, wenn nicht wir, sind: das Volk der Romantik?

Matthias Matussek hat es - doch - wieder einmal geschafft, seine Verehrer für seinen "Kulturtipp" in dieser Woche zu begeistern. (Matusseks Kulturtipp) Man war eigentlich schon bereit, ihn zum Langweiler zu erklären. Denn wenn man mal einige der Folgen seines "Kulturtipps" gesehen hat - so die heutige Erwartung - ach, dann kann's ja doch nicht mehr viel besser werden und was Neues geben. Man kennt inzwischen den Tonfall, mit dem Matussek erzählt. Und man glaubt, damit schon so ziemlich alles zu wissen, was man über ihn wissen muß. Welcher Tonfall? Nun, immer so etwas der Tonfall von dem Empfinden "wehmütig vergehender Schönheit". - Oder wie? Matussek denkt immer wieder daran, wie alt er schon ist, und wie schön doch die Welt ist. Gut, ok, das ist dann halt sein Tonfall.

Hat was für sich. Aber auf die Dauer kennt man diesen dann halt ... - Trotzdem. Was sagt er denn heute eigentlich? Nein doch! Er sagt: Dinge, die begeistern. Dinge, die man - so - nicht allzu oft "irgendwo" hört. - Hauptthema ist Richard Wagner in Bayreuth. (Natürlich! - Natürlich? Naja ...) Nun, dessen Musik muß nicht jeden über einen längeren Zeitintervall hinweg interessieren. - Aber wie ist es nun mit all dem "Drumherum" ...?

"So hört sich deutsche Romantik an."

Matussek jedenfalls läßt am Anfang seines "Kulturtipps" das Vorspiel zu den "Meistersingern von Nürnberg" erklingen und sagt als ersten Satz: "So hört sich deutsche Romantik an." - Gelungener Auftakt! Nicht die Vernunft, das Denken angesprochen, sondern einfach: Stimmungen. "Wagners deutscheste Oper", so Matussek weiter. Die (neueste) Inszenierung in Bayreuth "war ein gemäßigter Skandal", so - sehr treffend und bissig (?), ironisch (?) kritisch - Matussek, "hatte also genau die Betriebstemperatur, die es braucht, um in Bayreuth (heute) erfolgreich zu sein - bei Kritik und im Publikum". - (na usw.: bla-bla, bla-bla ...)

Aber dann: Seit Heiligendamm, so faßt Matussek seine bisherigen Folgen zusammen, habe er einen kleinen Überblick über "romantische Erregung" gegeben, er habe über Schiller gesprochen, Heine, Börne, Hölderlin, Kleist - "eine kleine Kulturgeschichte der Revolte". "Und in die gehört Wagner unbedingt". Auch Wagner und Semper und Bakunin haben 1849 Barrikaden gebaut und Granaten geliefert: "Romantiker sind Revolutionäre. Sie kämpfen notorisch für eine andere Welt und Wagner wollte Kunst als öffentlichen Aufruhr und die Musik als Rauscherfahrung."

"Bayreuth sollte Woodstock sein ..."

"Bayreuth sollte Woodstock sein, eine klassenlose Gesellschaft von Träumern, von Utopisten. Nietzsche war begeistert." ... "Und ein paar Jahre später kam Nietzsche aus dem Kotzen nicht mehr heraus." ...

Alles sehr schön gesagt, Herr Matussek. Das sagen wir hier ohne Ironie. Wirklich! - Und weiter: "Hans Sachs beschwört am Schluß die politische Bescheidenheit. Er singt: Und wenn das 'Heilige Römische Reich deutscher Nation' in den Dunst fällt, so haben wir immer noch die deutsche Kunst." Und England-Kenner Matussek weiter: "Man möchte diesen Satz mal bei unseren englischen Nachbarn hören, etwa: Und wenn es mit dem Empire nicht mehr hinhaut, dann haben wir immer noch Shakespeare. So viel an Bescheidenheit wäre denen kaum zuzutrauen, da hat Joachim Kaiser völlig recht, der diese Beobachtung vor einiger Zeit gemacht hat."

So wie hier die Wort Schwarz auf Weiß stehen, haben sie noch nicht den schönen, schmunzelnden Beigeschmack an Humor, mit denen Matussek all diese Dinge in seinem Videoblog vorträgt!

Fazit Matussek: "Wir sind mit der Romantik noch längst nicht fertig, die wohl das reichste Geschenk der Deutschen an die Weltkultur ist."

Samstag, 11. August 2007

Nordhessen ist schön ...

Abb. 1: Schloß Wilhelmshöhe, Kassel

Alle reden von der "Documenta". Kassel und Nordhessen haben aber noch so viel mehr zu bieten als "bloß" die "Documenta". Auch der "Kultursommer Nordhessen" (KultSom) könnte Anlaß sein, dieses schöne Land einmal wieder zu besuchen. Was findet man dort? Nun, zunächst einmal zum Beispiel das Schloß Wilhelmshöhe (Wilhoe).

Abb. 2: Schloß Wilhelmshöhe, Kassel

An seiner Stelle am Rande der bewaldeten Berge stand vormals ein Kloster, das von Landgraf Moritz dem Gelehrten 1606 durch ein Jagd- und Sommerschloß mit Berggarten ersetzt wurde. 1717 wurde auf der Höhe der Herkules, noch heute das Wahrzeichen der Stadt, errichtet. Kurprinz Wilhelm I. (1795-1821) ließ dann schließlich das Schloß Wilhelmshöhe in der heutigen Gestalt errichten (1786-1801).

Abb. 3: Bergpark Wilhelmshöhe, Kassel

"Angelegt im Stil eines englischen Landschaftsgartens zählt der weltbekannte Bergpark Wilhelmshöhe mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten zu den größten und schönsten Anlagen seiner Art."

Oder da wäre die Karlsaue in Kassel (Wiki) ...

Abb. 4: Karlsaue, Kassel

Sie wurde schon ab 1568 von den hessischen Landgrafen als Barock-Garten angelegt. Hier Blicke von der "Schönen Aussicht" hinab in die Aue ...

Abb. 5: Karlsaue, Kassel

Oder hier die Orangerie, ebenfalls in der Karlsaue, wo man zur Zeit Documenta-Publikum antreffen kann.

Abb. 6: Orangerie in der Karlsaue, Kassel

Und dort in der Nähe kann man auch einige Blicke auf die Frauenwelt Nordhessens werfen, wenn auch zunächst einmal nur jene, die in Stein gemeißelt ist.

Abb. 7: Amazone in der Karlsaue

Und die zu Landgrafen's und Kurfürsten's Zeiten die Herzen höher schlagen ließen ...

Abb. 8: Skulptur in der Karlsaue, Kassel

Die Karlsaue ist eine anmutige Mischung von barocker Gartenanlage und englischem Landschaftspark.

Abb. 9: Skulptur in der Karlsaue, Kassel



Abb. 10: Karlsaue in Kassel

Aber auch in der Innenstadt von Kassel findet sich manch schöne, in Stein gemeißelte Frau ...


Abb. 11: Kassel

Und dann gibt es da - wie schon erwähnt - den "Kultursommer Nordhessen" (KultSom). Zum Beispiel dieses Jahr das Jugendsinfonie-Orchester des Konservatoriums Shanghai, unter anderem mit Beethovens Fünfter in der Martinskirche in Kassel ...

Abb. 12: Ein Jugendsinfonie-Orchester aus Shanghai in der Martinskirche in Kassel

Aber der Kultursommer Nordhessen gibt auch zahlreiche Anregungen, einmal hinaus in die Landschaft zu fahren.

Spangenberg in Nordhessen 

Sagen wir etwa: nach Spangenberg. Dort thront eine alte Landgrafenburg über einem schmucken Fachwerk-Städtchen ...


Abb. 13: Spangenberg in Nordhessen, Landgrafenschloß

Burg und Stadt wurden 1214 gegründet. 1350 wurde die Burg an den hessischen Landgrafen verkauft. Philipp der Großmütige, der die Reformation in Hessen einführte, verbrachte hier manche frohen Tage seines Lebens.

Abb. 14: Spangenberg in Nordhessen, Landgrafenschloß



Abb. 15: Spangenberg in Nordhessen, Blick vom Landgrafenschloß auf die Stadt





Abb. 16: Fachwerk in Spangenberg in Nordhessen



Abb. 17: Spangenberg in Nordhessen

Auf vielen Fachwerkhäusern in Nordhessen stehen schöne Sprüche. Auf diesem Spangenberger Haus lautet ein solcher:

"Das Ewige ist stille, laut die Vergänglichkeit.
Schweigend geht Gottes Wille über dem Erdenleid."

Mag man sich nicht gerne in der Nähe von Häusern aufhalten, die sich mit solchen Worten auf ihrer Fassade schmücken?

Abb. 18: Spangenberg in Nordhessen, Marienfigur in der Kirche

In der Kirche findet sich auch diese Marienfigur aus dem 16. Jahrhundert. Und gestern Abend konnte man sich dort "Kärntner Soul" anhören, ein Männervokalquartett, das astreine Kärntner Volkslieder zu Gehör brachte. Hier einige Klangproben.

Abb. 19: "Kärtner Soul"

Kärnten verfügt ja über eine ganz eigene und einzigartige Volkslied-Kultur. In diese und ihren "Soul", ihre Seele, wurde auf höchstem musikalischem Niveau Einblick gegeben. Auch des deutschen Volksliedgutes Schlesiens, sowie der deutschen Sprachinseln in Osteuropa nimmt sich das Ensemble an. Das Publikum nahm das Vorgetragene mit großer Dankbarkeit an.

Diese wenigen Beispiele sollten nur einige Eindrücke von der Spannweite eines "Hessischen Kultursommers" aufgezeigen. Hinfahren. Ansehen. Anhören. Und nachklingen lassen. Kann man Besseres tun?

Sonntag, 22. Juli 2007

Eine "Stimme des Himmels" - Sumi Jo, die große Koloratur-Sopranistin aus Südkorea



Dies ist ein ganz unglaubliches Video. Die Sopranistin Sumi Jo, geb. 1962 in Seoul, Südkorea, ist heute eine der bedeutendsten Koloratur-Sopranistinnen weltweit. Es heißt, eine solche Stimme wie die ihre gibt es nur ein oder zwei mal in einer Generation. In diesem Film ist man live dabei, wie diese Sopranistin von Herbert von Karajan im Jahr 1987 (oder 1986?) entdeckt wurde.

Es ist alles "wie im Film" - aber real: Da kommt ein schüchternes Mädchen zum Vorsingen zu ihm, eine Arie von Bach hat sie vorbereitet. Nachdem sie damit durch sind, fragt Karajan, was sie zu Ostern nächstes Jahr vor hat. Und sie sagt, sie weiß es noch nicht, vielleicht singt sie in Seoul "Rigoletto" oder "Königin der Nacht". Und Karajan antwortet: "Das glaube ich nicht! Das ist zu beängstigend. Sie müssen wissen, das geht wie ein Maschinengewehr ..." Er meint die schnelle Aufeinanderfolge der hohen Töne. Aber sie sagt, doch sie könne die "Königin der Nacht" singen, es würde auch schon aufgenommen. Karajan sagt, sie solle es ihm vorsingen. (Die Königin der Nacht ist ja offenbar "das" Probestück für jeden Koloratur-Sopran.) Und sie antwortet überrascht: Was, jetzt? Da hat aber der Pianist schon angefangen zu spielen und sie soll prompt einsetzen ...

- Ein Jahr später singt sie für Herbert von Karajan auf dem berühmtesten Musikfestival der Welt zu Ostern in Salzburg. Und eine große Sopranistinnen-Karriere beginnt. Herbert von Karajan nannte sie eine "Stimme des Himmels". - Ich bin fasziniert von diesem Video. Wie unkompliziert das abläuft bei Musikern, Künstlern: Herrlich. Das ist Leben. So muß Leben sein. So allein.

Hier noch eine exaktere Wiedergabe dieses Gespräches (Sumi Jo ist übrigens zusammen mit der heute ebenfalls bekannten italienischen Opernsängerin Cecilia Bartoli zum Vorsingen gekommen):
Während der Bach-Arie unterbricht Karajan sie bei einem hohen Ton und sagt: "Das muß ein bißchen härter gesungen werden." Und er winkt ab: "Wenn es falsch ist, macht das gar nichts, wir können es immer korrigieren." Sie singt es noch einmal und Karajan sagt: "Nun war es gut. Nun war der 'Angriff' gut. Es ist als würde etwas explodieren." Und auf ihr nickendes Zustimmen sagt er: "Sie sind sehr intelligent. Nein, nein, wirklich, Sie haben einen Sinn dafür. Man muß es Ihnen nur sagen." - "Noch einmal." Danach freut sich Karajan und sagt irgend etwas Zustimmendes wie: "Sehr gut ..." (- nicht richtig verständlich.) Und dann: "Nun kommen wir zu ... (?). Was sie jetzt lernen müssen, anfangen müssen zu lernen, ist der ebenmäßige Fluß der Musik. Und das ist hier die allerwichtigste Sache. ..."

Und dann überlegt er und fragt: "Was machen Sie zu Ostern nächstes Jahr?" - "Nächstes Jahr? Ostern? Nichts so Besonderes." - "Sie gehen nach Seoul?" - "Ich werde die 'Königin der Nacht' singen oder 'Rigoletto'." - Karajan hat nicht richtig verstanden: "Sie singen was?" - "'Königin der Nacht'." - "Sie singen die 'Königin der Nacht'?" - "Ja." - "Das ist nicht wahr! Nein, das ist nicht wahr." - "Ich liebe es auch nicht ... Es ist zu schwierig." - "Wirklich? Ja, haben Sie es schon gesungen? Oder werden Sie es singen?" - "Ich werde es singen. Ich kann es. Ja, ich habe eine Aufnahme zu machen mit Philipps." - "Wer ist der Dirigent?" - "Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts." - Karajan ... nimmt die Bach-Noten vom Tisch und bedeckt damit sein Gesicht: "Nein, weil: ich kann nicht wirklich sagen, warum. Denn es ist eine Sache, die ist hart zu machen. Wenn es eingeübt ist, dann ist es wirklich wie ein Maschinengewehr. Rrrrtatatata. Beängstigend!" - Sie blickt nur zu Boden. - "So, was mache ich nun mit Ihnen?" - Er streift sich mit der Hand über den Kopf und sagt: "Eines Tages, da werden Sie aber für mich singen!" Und nach einigem Zögern: "Ok, warum singen Sie es eigentlich nicht für mich?" - Sie lächelt.

Da erklingen schon Klaviertöne. Sie schüttelt den Kopf. Karajan gibt schon den Einsatz. Sie: "Jetzt?" - Und jetzt kommt die schönste Szene: Sie verdreht die Augen in dem Sinne: Das geht doch nicht. Und dann singt sie auch schon los. Zwischendurch unterbricht sie sich, lacht: "Ich hab doch gar keine Noten!" - Aber Karajan blickt sie voll an und hört ihr gespannt zu. Sie singt weiter.

Und dann, als sie durch ist, ruft Karajan irgend etwas Erstauntes. - Und sie immer noch ganz aus dem Häuschen: "Das ist doch unmöglich!" Alle lachen. Karajan schüttelt den Kopf: "Ich kann es immer noch nicht glauben." Sie sagt: "Am Abend, da kann ich singen." Karajan winkt beschwichtigend ab und sagt: "Sie müssen wissen: Ich höre immer das, was ich hören will." Sie wirft noch irgend etwas ein. Doch Karajan darauf: "Nein, das ist gut. Natürlich ist es eine andere Sache (am Abend). Aber wie Sie es singen ist es rein (sauber) wie nur irgendwas." Und: "Wo werden Sie es aufnehmen?" (Antwort unverständlich.) "Sie können es singen. Da gibt es keinen Zweifel. Aber es muß durchgearbeitet werden. Ich weiß, was es heißt: Sonntag Abend ist die erste Probe. Und dann singen Sie. Unten ist das Orchester, das niemals Piano spielt. In einem durch Mezzoforte. Und der Dirigent gibt Ihnen Zeichen, daß er Sie nicht hört auf der Bühne, Sie sollen lauter singen. ... Und dann singen Sie es Dienstag und Donnerstag und am Samstag und das bißchen von Ihrer Stimme haben Sie verloren." - Sie: "Vielen Dank für Ihre Ratschläge ..." - Er: "Warum schauen Sie so traurig?" - Sie: "Ich bin nicht traurig." Und dann endet - leider - das Video.
Youtube hat noch einige weitere schöne Aufnahmen von Sumi Jo:

Hier singt sie die "Königin der Nacht" und wird ein kleiner Überblick über die "Legende" dieser Sängerinnen-Karriere gegeben,


hier singt sie den "Frühlingsstimmen" -Walzer von Johann Strauß,
Die Lerche in blaue Höh' entschwebt,
der Tauwind weht so lau;
sein wonniger milder Hauch belebt
und küsst das Feld, die Au.
Der Frühling in holder Pracht erwacht, – ah, ah, ah –
alle Pein zu End' mag sein,
alles Leid, entfloh'n ist es weit!

Schmerz wird milder, frohe Bilder,
Glaub' an Glück kehrt zurück;
Sonnenschein – ah – dringt nun ein, – ah –
alles lacht, ach, ach, erwacht!
Sonnenschein …

Die Lerche in blaue Höh' entschwebt, …

hier "Wiener Blut" von demselben
Ich spür' es,
das Wiener Blut.
Wiener Blut,
Wiener Blut!
Eig'ner Saft,
Voller Kraft,
Voller Glut,
Du erhebst,
Du belebst
Unser'n Mut!
Wiener Blut!
Wiener Blut!
Was die Stadt
Schönes hat,
In dir ruht!
Wiener Blut,
Heisse Flut!
Allerort
Gilt das Wort:
Wiener Blut!


und hier erzählt sie ein bißchen, wie sie sich auf einen Auftritt vorbereitet.


Und hier gibt es ein sehr interessantes 25-minütiges Interview aus dem Jahr 2005 mit Sumi Jo im "New York Public Radio", in der sie einiges über ihr Leben und ihren Beruf erzählt. Auch über die Oper des nächsten Abends "La Sonambula" ("Die Schlafwandlerin"), eine Oper des Italieners Vincenzo Bellini (1801 - 1835).

Also so: Wenn man mal im Leben nicht mehr weiter weiß, ... dann kommt - mitunter - eine "Stimme von Himmel". Und die sagt einem dann wieder, wozu dieses Universum, dieses Leben, diese Welt gut ist. Möglicherweise nur allein um der Musik des Lebens willen. Damit Leben und Kunst, Kunst und Leben miteinander verschmelzen.
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