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Dienstag, 19. November 2024

Die Tscherkessen - Sie lebten in einer Urheimat der Indogermanen

Einige Einblicke in die Heimat, Geschichte, Kultur und Wirkungsgeschichte der Tscherkessen

Wer sollte mehr Anteilnahme und Mitgefühl haben für das Schicksal der Tscherkessen als die Deutschen seit 1945. 15 Millionen Deutsche sind 1945 bis 1948 aus ihrer Heimat östlich der Oder und östlich des Bayerischen Waldes vertrieben worden, aus einem Drittel des Vorkriegsterritoriums des Deutschen Reiches. 90 Jahre zuvor war das zahlenmäßig viel kleinere, aber tapfere und stolze Bergvolk der Tscherkessen (Wiki) aus seiner Heimat im Nordwestkaukasus vertrieben worden.  

Abb. 1: Vor dem höchsten Berg des Kaukasus, dem Elbrus: tscherkessische und kabardinische Pferdeweide, 1957

An den Tscherkessen war 1864 im Kaukasus-Krieg unter anderem durch den unverhohlen bestialisch vorgehenden deutschbaltisch-russischen General Georg von Saß (Wiki), sowie durch andere russische Generäle Völkermord begangen worden (Wiki). Die Tscherkessen sind damals aus ihrer Heimat vertrieben worden. Es handelt sich um einen Völkermord wie er im aufgeklärten und humanen 19. Jahrhundert innerhalb von Europa ansonsten eher selten zu beobachten war. Er erinnert viel eher an das Vorgehen der USA gegen die Indianerstämme Nordamerikas. Es war das weder der erste noch der letzte Völkermord in der Weltgeschichte.

Die russischen Militärs waren damals der Meinung, daß die Tscherkessen, wenn sie in der großen Masse in ihrer Heimat bleiben würden, immer weiter Widerstand leisten würden gegen die russische Fremdherrschaft. Und das Beispiel des Brudervolkes der Tscherkessen, der Tschetschenen, zeigt, daß sich die russischen Militärs diesbezüglich vermutlich in keiner Weise geirrt haben. Diese Bergvölker des Kaukasus leben entweder im Kampf um die Freiheit ihrer Heimat oder sie leben nicht in ihrer Heimat. Was für ein knorriger, zäher Widerstand - noch am Beginn des 21. Jahrhunderts. Als die Tschetschenen erneut zwei blutige, grausame Freiheitskriege gegen Rußland führten (1995 bis 2009), eilten ihnen die Nachkommen jener Tscherkessen, die 1856 von den Russen in die Türkei vertriebenen worden waren, zu Hilfe. Das Schweizer Fernsehen berichtete am 25. Januar 1995 (SRF): 

Türkische Tscherkessen (Kaukasier) helfen den "Verwandten" in Tschetschenien aktiv im Kampf gegen die russischen Truppen in Grosny.

Durch die neuesten Ergebnisse der Archäogenetik wird klar, daß letztlich alle Europäer genetisch auf Vorfahren zurück geführt werden können, die um 4000 v. Ztr. in der Heimat der späteren Tscherkessen, also in Tscherkessien lebten (Stgen2024). 

Abb. 2: Tscherkessische und kabardinische Pferdehirten, im Hintergrund der Elbrus, 1957

Die Menschen glichen um 4.000 v. Ztr. in Tscherkessien genetisch noch mehr den heutigen Georgiern auf der Südseite des Kaukasus. Denn die Bergvölker des nördlichen Kaukasus sind ab 2.400 v. Ztr. zumindest genetisch "indogermanisiert" worden. In sie haben sich 10 bis 20 % Steppengenetik eingemischt. Und diese Genetik hat sich bis heute bei den Bergvölkern des Nordkaukasus gehalten (Stgen2024). 

Das Tscherkessien der Zeit um 4.000 v. Ztr. war jedenfalls die Urheimat einer Herkunftsgruppe des Volkes der Späten Urindogermanen, dessen Nachkommen sich von 3.300 v. Ztr. ab nach und nach über ganz Europa ausgebreitet haben. Die Vorfahren dieser Späten Urindogermanen vom Unteren Dnjepr stammten zu 20 % von am Dnjepr einheimischen Menschen der Dnjepr-Donez-Kultur. Außerdem stammten sie zu 40 bis 50 % ab von dem Volk der Frühen Urindogermanen an der Mittleren Wolga - und zum Dritten stammten sie zu 30 bis 40 % ab von den damaligen Menschen in Tscherkessien im Nordwestkaukasus  (s. Stg2024 und Stgen2024). Aufgrund der Sprachkontinuität wird man vermutlich schon die Menschen der Zeit um 4.000 v. Ztr. in Tscherkessien "Tscherkessen" nennen dürfen. Denn ähnlich wie die Basken sprachlich ein "Urvolk" Europas sind, sind die Tscherkessen ein "Urvolk" des Kaukasus. Besser nennt man sie nach ihrer Eigenbezeichnung "Adygen" (Wiki).

Nicht nur in der Zeit ab 2.400 v. Ztr. kam Steppengenetik in den nördlichen Kaukasus, auch später noch kam eine solche dazu. Etwa mit dem indogermanischen Volksstamm der Alanen, einer Untergruppe der Sarmaten während der Eisenzeit. Humangenetiker hatten schon 2019 geäußert (zit. n. Stgen2022):

Irgendwann nach der Bronzezeit müssen die heutigen Völker des Nordkaukasus noch zusätzlichen Genzufluß von Steppenpopulationen erhalten haben, der sie nun von den Völkern südlich des Kaukasus unterscheidet, die im wesentlichen ihr bronzezeitliches genetisches Herkunftsprofil behalten haben. 

Diese Annahme ist 2024 auch schon in einer weiteren archäogenetischen Studie bestätigt worden (EJHG2024).

Abb. 3: Ein Tscherkesse hält sein Pferd am Zaum - Gemälde von Eugene Delacroix aus dem Jahr 1858 (heute: Tokyo)

Über Angehörige der nordkaukasischen Koban-Kultur (1300 bis 700 v. Ztr.) (Wiki) heißt es darin (EUSP2024):

Die Studie zeigte eine große genetische Nähe zwischen den Angehörigen der Koban-Kultur und denen der Kura-Araxes- und Maikop-Kulturen (kaukasische Bronzezeit) einerseits, sowie den Alanen (Eisenzeit) andererseits. Es wurde auch ein bedeutender genetischer Beitrag von Vertretern der Steppennomadenvölker, vor allem der europäischen Skythen, entdeckt.
The study showed a close genetic link between the Kobans and the Kura-Araxes and Maikop cultures (Caucasian Bronze Age) on the one hand, and the Alanian culture (Iron Age) on the other. A significant genetic contribution of representatives of steppe nomadic peoples, primarily European Scythians, was also discovered.

Durch diese zusätzliche Einmischung von Steppengenetik während der Eisenzeit sind die nordkaukasischen Völker den heutigen Europäern also genetisch ähnlicher geworden als sie es vor 2.400 v. Ztr. waren. 

Grund genug in jedem Fall, daß wir indogermanischen Europäer uns tatsächlich "Kaukasier" nennen können (womit die Göttinger Schule der Anthropologie Anfang des 19. Jahrhunderts begonnen hatte). Die Bezeichnung "Kaukasier" war in der Zwischenzeit längst als überholt und unwissenschaftlich abgetan worden. Und jetzt, im Jahr 2024 zeigt sich, daß es eine Berechtigung gibt, die Europäer "Kaukasier" zu nennen. Aber ebenso könnte man sie Wolga-Leute nennen oder Dnjepr-Leute. Auf jeden Fall gibt es gute Gründe für uns indogermanische Europäer, die Tscherkessen und Tschetschenen ferne Brüder zu nennen (Wiki), auch wenn sie uns sprachlich und religiös ferner stehen. 

Aber es wird schon auch gesagt werden können, daß in uns indogermanischen Europäern das Blut von Freiheitskämpfern fließt - so wie in den stolzen Völkern der Tscherkessen und Tschetschenen.

Abb. 4: Das Arkhyz-Tal in Karatschai-Tscherkessien (Wiki)

Wer wird den Tscherkessen (den Adygen) und den Tschetschenen auch ihre Heimatliebe verdenken wollen, wenn er die berauschenden Landschaftsbilder ihrer Heimat sieht (s. Abb. 1, 2, 4 usw.). Von dieser Herkunft her könnte auch verständlich werden, warum die indogermanischen Europäer nicht selten eine Sehnsucht nach dem Hochgebirge in sich tragen und warum sich auch in den Alpen wurzelstarke indogermanische Bergvölker angesiedelt haben: Schweizer, Tiroler, Steiermärker, Ladiner, sowie zuvor auch zahlreiche keltische Stämme. Auch dieser Umstand gibt Mitteleuropäern Anlaß, mit Sympathie und Mitgefühl nach Tscherkessien und Tschetschenien zu blicken. 

Tscherkessen und ihre Untergruppe, die Kabardiner, waren Jahrhunderte lang Pferde- und Schafszüchter. Welch stolze Bilder - ihre sommerlichen Hirtenlager vor dem Hintergrund des Elbrus (Abb. 1 und 2). Es gilt aber zu beachten, daß es um 4.000 v. Ztr. als die Vorfahren der Indogermanen im Kaukasus lebten, noch keine domestizierten Pferde gab, bestenfalls Wildpferde, also Przewalski-Pferde. Diesen Wildpferden war allerdings schon von den Frühen Urindogermanen mit ihren Pferdekopf-Zeptern eine sehr große Bedeutung zugesprochen worden.

Der Name der Tscherkessen ist bis in das 19. Jahrhundert hinein in ganz Europa und in der ganzen islamischen Welt mit Respekt und Bewunderung genannt worden. Bis Ende des 19. Jahrhunderts wußte jeder gebildete Mensch in Europa, wer Tscherkessen sind. Auch nach Völkermord und Vertreibung, die sie 1864 erlitten, wirkte dieser Ruf in der Kulturgeschichte nach. "Tscherkessen" waren noch 1880 ein beliebtes Motiv in der europäischen Kunst. Kaukasus- und Orientmaler der 1880er Jahre malten im Kaukasus "Tscherkessen", obwohl diese dort in großer Mehrheit längst vertrieben waren, und obwohl die Künstler vor Ort Tschetschenen malten. Die Jahrhunderte lange sagenumwobene "Romantik" rund um die Tscherkessen wirkte nach.

Und noch als die deutschen Soldaten im Spätsommer 1942 in den Nordkaukasus kamen, waren sie beeindruckt von den hageren, hochgewachsenen Gestalten der Bergvölker, die von ihren Bergen herunter kamen, um sich die Panzer und LKW fahrenden Ankömmlinge aus Mitteleuropa anzusehen, bzw. sie als Befreier von der Sowjetherrschaft zu begrüßen. 

Abb. 5: Ein tscherkessischer Fürst macht seinen Hengst fertig - Berühmtes Gemälde des schottischen Malers Sir William Allan aus dem Jahr 1843

Auf der Facebook-Seite "Circassian Culture and Folklore" (Fb) kann man sich bezüglich dieses Jahrhunderte langen Kunstmotivs einen Eindruck verschaffen. Aber wie war das sehr "romantische" - und sicherlich oft auch sehr phantasievolle, unrealistische - Bild von den Tscherkessen und von ihrer Schönheit und "Erotik" entstanden? 

Erst im 17. Jahrhundert sind die Tscherkessen islamisiert worden. Deshalb haben sich bei ihnen in den nachfolgenden Jahrhunderten noch viele vorislamische, heidnische Traditionen und Denkweisen erhalten. Es ist von einem "tscherkessischen Heidentum" (Wiki) die Rede und von einer damit verbundenen heidnischen tscherkessischen Tradition (Wiki), der "Adyge Chabse", der "adygischen Tradition" (Wiki). Gemäß der letzteren war schon Gesichtsverlust für sich genommen eine der schlimmsten Strafen im Volk. Weitere, äußere Strafen waren deshalb ursprünglich in diesem Volk gar nicht mehr in dem Umfang notwendig wie in anderen Völkern. 

Die Ehre spielte eine große Rolle. Ebenso spielte eine große Rolle die Hochachtung vor den Frauen (Wiki):

In Gegenwart von Älteren und Frauen sind respektvolle Gespräche und ein respektvolles Verhalten unerläßlich. Frauen werden besonders respektiert, und Streitigkeiten werden in Gegenwart von Frauen beendet, um sie nicht zu stören. Eine Frau kann von streitenden Familien oder Personen verlangen, sich zu versöhnen, und diese müssen ihrer Aufforderung Folge leisten.

Wie bei vielen Bergvölkern des Kaukasus bilden auch bei den Tscherkessen die "Narten-Sagen" (Wiki) einen Teil der überlieferten Tradition. Diese könnten von den indogermanischen Alanen und Sarmaten aus Asien mit in den Kaukasus gebracht worden sein. Damit in Zusammenhang wird auch die Vermutung gebracht, daß der germanische Gott Odin aus Asien nach Germanien gekommen sein könnte.

Abb. 6: Tscherkessische heidnische und zugleich christliche Opferrituale in einem heiligen Hain, Natukhaia, Tscherkessien, 1818 (Fb) 

Worin sich die Völker des Kaukasus nördlich und südlich des Hauptkammes von den Volksstämmen der Alpen unterscheiden, ist sicherlich die viel größere Bedeutung der Pferdezucht und die Bedeutung des Reiterkriegers auch noch im 19. Jahrhundert während des Freiheitskampfes gegen die Russen. Dieser Unterschied mag darin begründet liegen, daß die gesellschaftliche Entwicklung im Kaukasus im 19. Jahrhundert noch deutlich mehr mittelalterliche Züge aufwies als die zeitgleiche gesellschaftliche Entwicklung in Mitteleuropa.

Bis heute spielen Pferde und Pferdezucht eine große Rolle im nördlichen und auch im südlichen Kaukasus. Daneben spielt traditionell die Schafszucht eine große Rolle, außerdem im Waldkaukasus mit seinen Schwarzerde-Böden auch der Ackerbau.

Abb. 7: Karatschaier im Dorf Uchkulan (Karatschai-Tscherkessien), 1929 (X.com) - Die Karatschaier sprechen eine Turksprache

Reiseberichte über die heidnischen Traditionen bei den Tscherkessen sind, soweit wir das übersehen, bislang nur auf Französisch erschienen (Fb) :

Der französische Aristokrat und Reisende (Jacques Victor) Edouard Taitbout de Marigny (1793-1853) besuchte 1818 die Küste Tscherkessiens und veröffentlichte 1821 in Brüssel einen Reisebericht. Durch ihn erhalten wir unschätzbare Einblicke in das Tscherkessien vor zwei Jahrhunderten.

Seit dem Spätmittelalter waren innerhalb des nördlichen Kaukasus unterschiedliche Gesellschaftsformen ausgebildet worden. 

Die Kabardiner im Osten hatten ein aristokratisches Staatswesen ausgebildet (Wiki):

Stämme im südwestlichen Hochgebirge - Ubychen, Abadzechen, Natkhuajer und Schapsugen - hatten diese soziale Staffelung nicht und wurden in russischen Quellen auch als „freie Tscherkessen“ oder „demokratische Tscherkessen“ bezeichnet, im Gegensatz zu den „aristokratischen Tscherkessen“.

Wenn man zurück blickt auf die anzunehmende starke soziale Schichtung innerhalb der Maikop-Kultur und ihres womöglich sehr großräumig ausgebildeten Staatswesens, muten die Gesellschaftsformen, die im Nordkaukasus seit dem Spätmittelalter ausgebildet auftreten, als Rückentwicklung an. Sie könnten am ehesten mit demokratischen Gemeinschaftsformen verglichen werden wie sie in der Wikingerzeit in Island ausgebildet waren.

Abb. 8: Tuapse am Schwarzen Meer - Heimat der Tscherkessen

Das aristokratische Tscherkessien hatte sich bei den Kabardinern im 15. Jahrhundert in Abwehr der Eroberungsbestrebungen des Krimkhanats heraus gebildet. 

Der tscherkessische Fürst Temrjuk der Große (gest. um 1571) spielte bei der Ausbildung des aristokratischen Tscherkessien eine große Rolle (Wiki):

Die Kabarda wurde ein entwickeltes Staatswesen und beherrschte politisch, wirtschaftlich und kulturell Teile Nordkaukasiens. Gegen den Druck des Krimkhanats suchte Temrjuk Bündnisse zum Zarentum Rußland, das sich seit Iwan IV. dem Schrecklichen nach der Eroberung der Khanate von Kasan und Astrachan als neue Macht im Vorland des Kaukasus etablierte. Seine Tochter Maria Temrjukowna (tscherkessischer Name eigentlich Kutschenej) war eine der Ehefrauen Iwans IV. und mehrere von Temrjuks Söhnen stellten sich mit ihrem Anhang in die Dienste Rußlands und begründeten das russische Fürstenhaus Tscherkasski, dem sich bis ins 19. Jahrhundert weitere Nachkommen der Fürsten der Kabarda anschlossen. Während die Tscherkasski und Bekowitsch-Tscherkasski zu den Fürstenfamilien, damit zum Hochadel Rußlands gehörten, existieren auch im niederen Adel des Fürstentums Moldau und seit 1562 auch im zahlreichen polnischen Adel einzelne Familien mit tscherkessischen Ursprüngen. Obwohl sich (heutige) tscherkessische Verbände gern auf sie berufen, existieren heute praktisch keine Verbindungen nach Tscherkessien, wie schon bei einigen historischen Persönlichkeiten zu deren Lebzeiten, z. B. die tscherkessische Fürstentochter und Gesellschaftsdame Charlotte Aïssé, die als Kleinkind verkauft wurde, oder Carlo de' Medici (1430-1492), unehelicher Sohn Cosimo de’ Medicis und einer tscherkessischen Sklavin.

Der hier erwähnte Handel mit tscherkessischen Sklaven innerhalb des Osmanischen Reiches, durch den bis ins 20. Jahrhundert hinein Tscherkessinnen als besonders schöne Frauen sowohl in den Harem des Sultans von Konstantinopel, als auch beispielsweise in das Bürgertum Ägyptens (5) gelangten, ja, in wenigen Ausnahmen sogar bis nach Italien, Frankreich und Deutschland (Wiki) hinein, war zu nicht geringen Teilen getragen von dem Ruf von der "Schönen Tscherkessin". Viele Volkslieder im islamischen Ländern und im Balkan handeln bis heute von "der schönen Tscherkessin". Aus dem islamischen Bereich heraus wurde "Die schöne Tscherkessin" auch zu einem gern gewählten Motiv der europäischen Kunstgeschichte.

Abb. 9: In der Nähe von Tuapse am Schwarzen Meer

Auf den ersten Blick möchte man allerdings meinen, daß Gemälde wie jenes in Abbildung 14 reine westliche Männerphantasien gewesen seien. Dem war aber beileibe nicht so. Denn noch im Jahr 1912 konnte aus Ägypten berichtet werden, was zum Verständnis dieser Motivwahl nicht unwichtig ist (5, S. 20),

daß man nur höchst selten Familien antrifft, deren Kinder von einer Mutter stammen. Sehr beliebt ist es, als erste Frau eine Ägypterin zu nehmen und nachher eine Berberinerin oder Sudanesin. Tscherkessinnen sind noch immer sehr geschätzt aber sie sind sehr anspruchsvoll und stehen hoch im Preise. Ein Mann, der sich sein Leben lang mit einer einzigen Frau begnügt, kommt leicht in den Verdacht, ein Sonderling oder ein Geizkragen zu sein.

Oder (5):

Viele Männer die durch ihren Beruf genötigt sind öfter und auf längere Zeit an einem fremden Orte zu verweilen, halten sich an diesem gern eine zweite Frau. Ich kenne einen ägyptischen Kaufmann, der in seiner Vaterstadt mit einer Einheimischen verheiratet ist und zu Tanta in einem gemieteten Hause eine Tscherkessin als zweite Frau sitzen hat. Daraus wird aber so wenig Hehl gemacht, daß alle Verwandten des Mannes und seine Angestellten, wenn sie in Tanta zu tun haben, in diesem Hause absteigen. Ich selbst habe dort mehrere Tage zugebracht.

Dieser Bericht handelt von dem Bürgertum in den Städten Ägyptens. Im Gegensatz dazu würden die Fellachen und Beduinen in abgelegenen Gebieten nur unter sich heiraten.

Abb. 9a: Johann Heinrich Ramberg (1763-1840) - Verkauf von Tscherkessischer Ware (Sklavinnenmarkt), 1798

Beim Lesen des hier zitierten Berichtes fragt man sich dann allerdings auch, wie die "tscherkessische Tradition" zu leben zusammen paßte mit der hier geschilderten ägyptischen Lebensart. Wenn die Tscherkessinnen hier bestenfalls als "sehr anspruchsvoll" gekennzeichnet werden, wird in dem Bericht weiterhin erwähnt, daß Ehen von Europäerinnen mit Ägyptern - aufgrund der Freiheitsliebe der Europäerinnen - in der Regel nicht lange halten würden. 

"Die schöne Tscherkessin" - Ein beliebtes Bildmotiv in der europäischen Kunstgeschichte

Der Mythos von der "schönen Tscherkessin" ist also einer, der vor allem aus dem islamischen Bereich stammt. Er wirkte aber in Europa fort. Im folgenden einen kleine Auswahl aus der europäischen Kunstgeschichte zum Bildmotiv "Die schöne Tscherkessin". 

Abb. 10: Die Tscherkessin beim Bade - Stahlstich nach einem Gemälde von Merry-Joseph Blondel aus dem Jahr 1814 (Wikifeeltheart) - Das Original des Gemäldes ging 1912 auf der Titanic unter

Der Gegensatz zwischen der europäischen und der islamischen Welt wurde ja bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein noch als viel größer erlebt als er heute erlebt wird. 

Für die eigentliche Anthropologie und Völkerkunde Tscherkessiens werden die künstlerischen Darstellungen aus dieser Zeit wenig bis gar keine Aussagekraft haben. Sie machen nur deutlich, wie weit verbreitet das Wissen um das Volk der Tscherkessen in früheren Jahrhunderten in Europa war. Merkwürdig genug spricht aus diesen Bildern fast nur die eher schwülstige Atmosphäre des "Orients", wie sie sicherlich in einem eher deutlichen Gegensatz gestanden haben wird zu dem ansonsten eher kargen Leben der Tscherkessen im Nordkaukasus. 

Abb. 11: Tscherkessisches Mädchen - Um 1820 (?) - unbekannter Maler (Alm)

Wir lesen (Wiki):

Eine recht umfangreiche Literaturgeschichte legt nahe, daß tscherkessische Frauen als ungewöhnlich schön und attraktiv, temperamentvoll, klug und elegant gegolten haben. Daher galten sie als geistig und körperlich begehrenswert für Männer, obwohl die meisten Tscherkessen sich traditionell weigerten, Nicht-Tscherkessen zu heiraten, gemäß den traditionellen Werten der Tscherkessen ("Adyghe Xabze"). (...)
Im gesamten Nahen Osten und auf dem Balkan gibt es Volkslieder in verschiedensten Sprachen, die die ungewöhnliche Schönheit der tscherkessischen Frauen beschreiben. (...) Der Ruf der tscherkessischen Frauen reicht bis ins Spätmittelalter zurück, als die tscherkessische Küste häufig von italienischen Händlern aus Genua besucht wurde. Dieser Ruf wurde noch weiter verstärkt, als der italienische Bankier und Politiker Cosimo de’ Medici (Begründer der Medici-Dynastie in der Republik Florenz) mit seiner in Venedig lebenden tscherkessischen Sklavin Maddalena einen unehelichen Sohn zeugte. Darüber hinaus galten die tscherkessischen Frauen, die als Sklavinnen in den Harems der Osmanen, Safawiden und Kadscharen lebten, als überaus schön, was dann in der gesamten westlichen Welt zu einem gängigem Orientalismus-Motiv wurde.
Aufgrund dieses Rufs wurden Tscherkessen in Europa und Nordamerika in Dichtung und Kunst oft als Ideale weiblicher Schönheit dargestellt. (...) Viele Gemahlinnen und Mütter der osmanischen Sultane waren ethnische Tscherkessen.

Gerade auch die letztere Angabe wäre es wert, daß man ihr weiter nachginge. Heißt das nicht eigentlich, daß das Herrscherhaus der Osmanen von einer anderen Genetik bestimmt gewesen sein könnte als die übrige Durchschnittsbevölkerung im Osmanischen Reich?

Abb. 12: "Odalisque" - Vermutlich intendiert als Tscherkessin (weil blond und hellhäutig) - Gemalt von Jean-Auguste-Dominique Ingres, 1842 (Walters Art Mus)

Auf jeden Fall hat der Topos von der Schönheit der tscherkessischen Frauen (und auch Männer), der in Zusammenhang gebracht wurde mit ihren nordeuropäischen, körperlichen Merkmalen (helle Haut, blaue Augen, blonde Haare, hoher Wuchs), mit dazu beigetragen, daß man seit Anfang des 19. Jahrhunderts begann, die Europäer "Kaukasier" zu nennen und von einer "kaukasischen Rasse" zu sprechen. 

Abb. 13: Tscherkessisches Mädchen, gemalt von Miner Kilbourne Kellogg (1814-1889) (Bridgeman)

Dieser Begriff geht zurück auf den Göttinger Zoologen und Anthropologen Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840). Die Verwendung des Begriffes ist recht deutlich von der Romantik seines Zeitalters beeinflußt (Wiki):

Unter europäischen Gelehrten des 18. Jahrhunderts herrschte die Meinung vor, die Menschheit hätte ihren Ursprung in der Region des Kaukasusgebirges. Diese Ansicht basierte darauf, daß der Kaukasus der Ort war, an dem angeblich die Arche Noah gelandet war - von der die Menschheit der Bibel zufolge abstammt - und der Ort des Leidens von Prometheus, der in Hesiods Mythos die Menschheit aus Lehm geformt hatte.
Darüber hinaus galten in den Augen der Europäer die stereotypen „tscherkessischen Schönheiten“ und das georgische Volk als die schönsten Menschen; sowohl Georgien als auch Tscherkessien liegen in der Kaukasusregion. Das Stereotyp der „tscherkessischen Schönheit“ hatte seine Wurzeln im Mittelalter, während der Ruf der Attraktivität des georgischen Volkes von frühneuzeitlichen Reisenden in die Region wie Jean Chardin geprägt wurde.
In the eighteenth century, the prevalent view among European scholars was that the human species had its origin in the region of the Caucasus Mountains.[22] This view was based upon the Caucasus being the location for the purported landing point of Noah's Ark – from whom the Bible states that humanity is descended – and the location for the suffering of Prometheus, who in Hesiod's myth had crafted humankind from clay.
In addition, the most beautiful humans were reputed by Europeans to be the stereotypical "Circassian beauties" and the Georgian people; both Georgia and Circassia are in the Caucasus region. The "Circassian beauty" stereotype had its roots in the Middle Ages, while the reputation for the attractiveness of the Georgian people was developed by early modern travellers to the region such as Jean Chardin.

Es mag auch auffallend erscheinen, daß der Kaukasus schon in der antik-griechischen Mythologie und in der vorderorientalischen Mythologie eine besondere Rolle spielte.

Abb. 14: "Verkauf einer tscherkessischen Sklavin" - gemalt von dem amerikanischen Maler Frederick Vezin (Chromolithograph) um 1900 (Dumoart

Es sei noch der Hinweis gegeben, daß auch der Vater beispielsweise von Cem Özdemir (Wiki) Tscherkesse war.

Krieg und Völkermord im Kaukasus seit 1817

Im Kaukasuskrieg der Jahre 1817 bis 1864 (Wiki) standen dann etwa 200.000 Tschetschenen des östlichen Kaukasus und 600.000 Tscherkessen des nordwestlichen Kaukasus im Jahrzehnte langen Widerstand gegen den Imperialismus des Russischen Kaiserreichs.

Die Tschetschenen führten den Krieg mit einer religiösen und radikalen Minderheit, den Muriden. 1859 ergab sich ihr bis heute legendärer Führer Schamil. Damit konnte das russische Kaiserreich die ganze Wucht seines Heeres ausschließlich auf den nordwestlichen Kaukasus werfen. 

Abb. 15: Haslan Gheray führt die schöne Tscherkessin Alkazia, die Tochter von Mouradin Bey, über den Kuban, gemalt von dem schottischen Maler Sir William Allan 1816 (Ausschnitt; Museum von Dagestan)

Hier kämpften die Tscherkessen über fünf Jahre hinweg ihren letzten Kampf. Ab 1860 wurde ihnen von der russischen Armee die Wahl gelassen: Deportation in das Osmanische Reich oder Vernichtung. Über diese letzte Phase des Kaukasuskrieges lesen wir (Wiki):

Ab 1860 verfolgte die russische Armee einen Deportationsplan über das Schwarze Meer ins Osmanische Reich, um den Widerstand der Tscherkessen zu brechen, die ihre lockeren Streusiedlungen traditionell oft nicht verteidigten, sondern sich mit dem Vieh in die Wildnis dichter Wälder, Schluchten und zur Pferdehaltung genutzter weitläufiger Almen zurückzogen und die Wohnsitze zur erstbesten Gelegenheit zurückeroberten, auch Unterwerfungen schnell rückgängig machten. Endgültig ab 1862 schleifte die russische Armee alle tscherkessischen Siedlungen restlos bis auf die Grundmauern und zwang die Bewohner in die Deportation an die Küste und über das Meer. Bei dieser Deportation von ca. 500.000 bis über eine Million Einheimischen kamen wohl mehrere zehntausend bis zu 100.000 Menschen um. Besonders für Alte, Kranke oder Kinder sind Deportationen immer in der Geschichte lebensgefährlich, außerdem verkauften die Deportierten ihr Vieh an Kosaken zur Nahrungsbeschaffung, was zu einem Preisverfall für Vieh und einer Preisexplosion für Nahrung führte und trotz Versorgungsversuchen der russischen Deportationskommissionen zu Hunger und Seuchen führte. Während ältere Historiker die Opfer der Deportation als Folge einer gescheiterten Deportation einordneten, kämpften tscherkessische Verbände besonders seit den 1990er Jahren um die Anerkennung dieser Ereignisse als Völkermord. Die meisten Fachhistoriker, befürworten inzwischen diese Einordnung, weil Quellenauswertungen ergaben, daß ein Teil der russischen Militäroberbefehlshaber im Kaukasus den Tod eines Teils der Tscherkessen sogar als notwendig und wünschenswert (wie der Entwerfer des Deportationsplanes Dmitri Miljutin in einem Memorandum) oder als unumgänglich (wie Jewdokimow in seinen Memoiren) bezeichneten. Außerdem wurde bisher zu wenig beachtet, was mit der unbekannten Zahl Tscherkessen geschah, die sich der Deportation durch Flucht in die Wildnis entzogen. Die russische Armee setzte damals Greiftrupps ein, die die Flüchtigen nicht selten töteten.

Man fragt sich, warum hier Deportation nicht selbst schon als Völkermord bewertet und eingeordnet wird. 

Abb. 16: Kampf zwischen Kosaken und Tscherkessen - Gemälde des deutschen Malers Heinrich Ambrose Eckert aus dem Jahr 1838 

Da der Kaukasus mancherlei Ähnlichkeiten aufweist mit den mitteleuropäischen Alpen, mag man sich von fern auch erinnert fühlen an den Widerstand der Tiroler unter Andreas Hofer gegen Napoleon und an den Befreiungskampf der Südtiroler gegen Italien seit 1919 (Wiki). Auch die Südtiroler sollten Anfang der 1940er Jahre umgesiedelt werden. Wir erfahren (Wiki):

Der letzte noch zu unterwerfende Stamm der Tscherkessen waren ab Ende 1862 die Ubychen und einige westliche Abaza (bzw. Sads-Abchasen/Sads-Abasinen/Sadsen) rund um das heutige Sotschi und Umgebung, die unter dem Kommando ihres letzten gewählten Fürsten Kirantuch Bersek standen.

 Das Ende des Krieges markierten Kämpfe (Wiki...

... im Mai/Juni 1864, als sich die Bewohner der Dörfer in vier Flußtälern vollständig bewaffneten - Männer, Frauen, Kinder und Alte - mit der Absicht, sich nicht zu ergeben, sondern bis zum Tod zu kämpfen, was den russischen Sieg um die Schlacht von Kbaade zu einem Massaker machte.

Über diese letzte "Schlacht" heißt es, daß sich wenige hundert Stammeskämpfer, die der Deportation Widerstand entgegen setzten, sich in einer Ebene versammelt hätten. 

Abb. 17: "Überquerung der Furt" - gemalt von dem deutschen Maler Rudolf Otto Ritter von Ottenfeld im Jahr 1890 (Wiki) - Erinnerung an die Vertreibung der Tscherkessen aus dem Kaukasus

Ihre Munition sei gleich am Beginn der "Schlacht" gegen die 20.000 russische Soldaten verbraucht worden. Ein großer Teil von ihnen kam dann sehr schnell im Gewehrfeuer der russischen Infanterie ums Leben. Der Rest wurde im Nahkampf niedergemacht (Wiki):

Auf sadsisch-tscherkessischer Seite wurden die meisten Beteiligten getötet oder verwundet. Der Achtschipsou-Stammesverband hörte faktisch auf, zu existieren.

Die Russen hatten in dieser "Schlacht", bzw. in diesem Massaker nur minimale Verluste.  

Abb. 18: Um 1900 begann man auch mit Fotografien zu "malen": Zwei Kabardiner-Ritter mit einem Kabardiner-Pferd in traditioneller Ausrüstung - Historisierende Fotografie (Wiki)

Man fühlt sich an die Indianerkriege der USA etwa zu gleicher Zeit erinnert (siehe den Bericht "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses").

Der Kaukasuskrieg Rußlands gegen die Bergvölker des Kaukasus war dann selbst ein beliebtes Motiv der Historienmaler des 19. Jahrhunderts. Das Bürgertum des westlichen Europa ließ sich offenbar gern Schauder über den Rücken jagen angesichts dieser "fremden, wilden" Welt im Kaukasus. 

Abb. 19: Kabardinisches Ehepaar im Dorf Bezengi auf 1475 Meter, Khulam-Cherek-Tal, 1932, fotografiert von Walter Saalfeld (während der "Ersten Deutschen Arbeiter-Bergsteiger-Kaukasus-Expedition")

Es ist zu lesen (Wiki):

Im Zuge der großen Deportationen und Emigrationen des Kaukasuskrieges mußten besonders etwa 1858-64 nach verbreiteten Schätzungen über 90 % der Westkaukasier (westliche Tscherkessen mit Ubychen, Sads-Abchasen und Abasinen) die Heimat verlassen, darunter alle Ubychen und Sads-Abchasen. Etwa 10 % kamen dabei um, nur unter 10 % blieben im Kaukasus zurück und wurden mit Ausnahme der wenigen Dörfer bei Tuapse alle in das Hügelland am Kuban umgesiedelt, um weitere Guerilla-Widerstände zu vereiteln.

Die Tschetschenen haben den blutigen, grausamen Abwehrkampf gegen Rußland dann wieder aufgenommen und bis 2009 fortgeführt, zuletzt in den beiden Tschetschenien-Kriegen von 1994 bis 1996 (Wiki) und von 1999 bis 2009 (Wiki). Insbesondere der letztere Krieg ist von Seiten Rußlands mit allen Kennzeichen eines brutalen Völkermordes geführt worden.  

Abb. 20: Kabardiner, 1932, fotografiert von Rudolf Landgraf (während der "Ersten Deutschen Arbeiter-Bergsteiger-Kaukasus-Expedition")

Heute herrscht in Tschetschienen die "Ruhe des Friedhofs". In Tschetschenien herrscht der von Moskau eingesetzte Operetten-Diktator Ramsan Kadyrow.

Abb. 21: Kubantal mit Elbrus, Aquarell, 1942, unbekannter Maler (wohl deutscher Soldat)

Angesichts dieses Geschehens wäre es absurd zu sagen, daß sich Weltgeschichte "wiederholen" würde. Nein, sie steigert sich in immer fanatischeren Vernichtungswillen gegenüber freiheitsliebenden und nach Wahrheit suchenden Völkern hinein. 

Abb. 22: Karatschaier (turksprachig) aus dem Nordkaukasus zu Pferde in traditioneller Tracht mit Burka, Tscherkeska und Filzhut, Oktober 1942 (Top)

Die Vernichtungspolitik "Migration als Waffe" gegen alle freiheitliebenden und um Wahrheit ringenden Völker der Nordhalbkugel, getarnt unter dem Schleier christlicher Nächstenliebe und Humanität, ist auf dieser Linie in letzter Instanz auch nichts anderes als Völkermord.

Abschließend sei noch erläutert, wie die Fotografien in den Abbildungen 19 und 20 entstanden sind. Sie sind Ergebnis der "Ersten Deutschen Arbeiter-Bergsteiger-Kaukasus-Expedition" (4). An dieser nahmen auch Mitglieder der "Naturfreunde Sachsen" in Dresden teil (Stadt-Wiki):

1932 hatte die Organisation für proletarische Touristik und Exkursion Moskau ein Dutzend der besten sächsischen Alpinisten zur „I. Deutschen Arbeiter-Bergsteiger-Kaukasus-Expedition“ eingeladen. Rudolf Landgraf von den NaturFreunden gehörte dem Dutzend an, das im wild-romantischen Kaukasus rund 40 Gipfelbesteigungen, darunter 16 Erstbegehungen, in den Bergfahrtenbüchern eintragen konnte.

Die Teilnehmer dieser Expedition standen der deutschen KPD nahe und kamen nach ihrer Rückkehr nach Deutschland zumeist in Konzentrationslager.

___________

  1. Tscherkessen - Portraits. Auf den Tscherkessischen Kulturtagen, Münster 2012 (Yt)
  2. Die Geschichte der Tscherkessen. Eine Film-Dokumentation in Kabardinischer Sprache von Askarbi Naghaplev Aminat, Maykop 2007; Teil 7: nachgestellte Szenen der Vertreibung (Yt); Teil 5: eindrucksvolle Bilder der Landschaft und eindrucksvolle Szenen aus dem Freiheitskampf (wohl auch aus russischen Historienfilmen) (Yt); alle Teile: Yt.
  3. Tscherkessen - Vom Kaukasus in alle Welt verweht. Ein legendäres Volk neu entdecken. Ausstellung im Hamburger Museum für Völkerkunde, 2014 (Zenith2014)
  4. Brunner, Ursula; Ledig, Georg; Kühn, Michael: Kaukasus. Die Geschichte der ersten Deutschen Arbeiter-Kaukasus-Expedition 1932. Münchner und Dresdner Arbeiter-Bergsteiger in der Sowjetunion. Buchendorfer Verlag, München 2002
  5. Friedrich Schwally (Gießen): Beiträge zur Kenntnis des Lebens der mohammedanischen Städter, Fellachen und Beduinen im heutigen Ägypten. Eingegangen am 29. November 1912. In: Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch historische Klasse (pdf)

Mittwoch, 9. März 2022

Sie leben wie die europäischen Mesolithiker

Im Land der Chanten und Mansen - In Westsibirien
- Die Totenwache im Bärenhaus
- Gibt es mesolithische Ursprünge des Weihnachtsfestes?
- So lebten die Mesolithiker - wohl - überall in Europa, also die ost- und die westeuropäischen Jäger und Sammler
- Im Land am Ob östlich des Ural 

"Jugra" (Wiki) ist das Land der Chanten (Wiki) und der Mansen östlich des Ural am Fluß Ob und seinen Seitenflüssen, insbesondere des Irtytsch. Das Land deckt sich zum Teil mit dem heutigen "Autonomen Kreis der Chanten und Mansen/Jugra" (Wiki). Es wird traditionellerweise auch "Jugorien" (Wiki) genannt oder Englisch "Yugra" (Wiki)*).

Abb. 1: Eine Frau der Chanten (aus: "Die Söhne von Toorum", 1990) (aus: 2)

Laut Volkszählung haben sich sowohl die Chanten wie die Mansen des Autonomen Kreises der Chanten und Mansen innerhalb der letzten siebzig Jahre fast verdoppelt, von 12.000 Menschen auf 19.000, bzw. von 6.000 auf 11.000. Nur ein geringer Bruchteil von ihnen lebt in Städten.

In zwei Filmen hat sich der estnische Filmemacher Lennart Meri (1929-2006) (Wiki, engl), der nachmalige Staatspräsident der Republik Estland, mit den Chanten beschäftigt, einer ist 1970, der zweite, wichtigere 1990 erschienen (1, 2). Diese Filme wecken auch sonst Interesse für diese Völker. Beide ursprünglich hier beheimateten Völker, die Chanten wie die Mansen, sprechen eine ugrische Sprache und sind auch genetisch mindestens zur Hälfte ugrisch-sibirischer Abstammung.

Nach den neuesten Erkenntnissen der Archäogenetik handelt es sich um Völker, die während der Bronzezeit hervorgegangen sind aus einer Vermischung von Menschen sibirischer Abstammung mit Menschen indogermanischer Abstammung (3). Und zwar habe diese stattgefunden innerhalb einer Region bis zu hundert Kilometer südlich des heutigen Jekaterinburg (Sverdloswsk), und zwar in der dortigen bronzezeitlichen, schnurkeramischen Cherkaskul-Kultur (Wiki), die in den Bereich der Andronowo-Kultur gehörte, und in der auf sie folgenden spätbronzezeitlichen, schnurkeramischen Mezhovskaya-Kultur (Wiki), die ebenso in den Bereich der Andronowo-Kultur gehörte (Abb. 2). Diese Region liegt - klimatisch gesehen - in der eurasischen Steppe (8, S. 4). Um von dieser Region in die heutige, tausend Kilometer weiter nördlich gelegenene, Wasser- und Sümpfe-reiche westsibirische Heimat der Chanten und Mansen zu gelangen, mußten diese

  • an den 400 Kilomter östlich gelegenen Fluß Tura gelangen (bei der heutigen Stadt Tjumen) (auch in der Steppe), um über diesen flußabwärts 
  • an den Fluß Tobol zu gelangen, um über diesen flußabwärts die Steppe zu verlassen, um
  • an den Irtytsch zu gelangen und um über diesen wiederum flußabwärts 
  • an den Fluß Ob zu gelangen.

Das sind - wie gesagt - ungefähr tausend Kilometer, also so weit wie einmal quer von Süden nach Norden durch Deutschland hindurch (G-Maps) (Abb. 2). Es scheint das alles noch heute sehr dünn besiedeltes Gebiet zu sein (wenige Städte). 

Und man könnte sich auch vorstellen, daß die Chanten und Mansen in ihrer heutigen Heimat Menschen verdrängt haben, die noch ursprünglichere Ngananasanen- oder Nenzen-Herkunft und Kultur aufwiesen, und die heute nur noch weiter nördlich zu finden sind.

Abb. 2: Die Chanten und die Mansen in der Bronzezeit und danach - Über die Flüsse Tura, Tobel und Irtytsch bis zum Ob

Diese weite Entfernung muß auch nicht gar zu ungewöhnlich erscheinen, denn andere Nachfahren dieses Volkes, die Wolga-Tataren und Baschkiren, gelangten ja in den Jahrhunderten nach der Bronezeit tausend Kilometer weiter nach Westen an die Wolga (G-Maps) (Abb. 3) (und von dort ja noch weiter nach Westen bis nach Ungarn) (3).

Auf dem Wikipedia-Artikel über den Steppen-Oblast Tscheljabinsk im Süden des Ural ist über diese genannte bronzezeitliche Urheimat der Chanten und Mansen zu lesen (Wiki):

Es finden sich zahlreiche Siedlungen der Frühen Bronzezeit in dem Gebiet, die der Andronowo-Kultur zugeordnet werden. Darunter die Siedlungen Arkaim und Sintaschta aus den 2. Jahrtausend v. Chr.. Bislang wurden 22 Siedlungsorte entdeckt. 
Es wird davon ausgegangen, daß Sarmaten in dieser Zeit (nach der Bronzezeit) die Region besiedelten.
Die Region wurde ursprünglich (im Mittelalter) von den Baschkiren besiedelt. Diese lebten jahrhundertelang unter mongolischer Herrschaft. Nominell gehörte das Gebiet aber seit dem 16. Jahrhundert zum Zarentum Rußland.

Die Nennung der Sintashta-Kultur macht darauf aufmerksam, daß man davon wird ausgehen dürfen, daß hier im Süden des Ural auch das Ausgangsgebiet der Südwanderung der sogenannten "Arier" bis nach Nordindien lag, bzw. noch weiter nach Osten bis in die Mongolei.

Über die Bronzezeit und über das Mittelalter hinweg haben sich die Chanten und Mansen jedoch - im auffälligen Gegensatz zu der vielfältigen Geschichte, die sich im Süden von ihnen abspielte - ihre mesolithische Lebensweise als Fischer und Jäger des Waldes in Westsibirien erhalten. Und so leben sie zum Teil noch bis heute. 

Teile dieses Volkes haben schon in der Bronzezeit auch Rinder gehalten und die Lebensweise von Bauern oder Pferdezüchtern angenommen, sie haben sich - am Oberlauf des Irtytsch und anderwärts - mit Sarmaten, Hunnen, Mongolen und Awaren vermischt, woraus dann die Wolga-Tataren, Baschkiren und die Vorfahren der frühmittelalterlichen Ungarn entstanden sind, welche sich dann - als diese Ungarn - bis nach Ungarn ausgebreitet haben, wo sich ihre Sprache bis heute erhalten hat (3).

Das, was wir hier ausführen, sind sicher nur bruchstückhafte Ausschnitte aus einer vermutlich sehr viel reicheren Geschichte dieses Volkes, zu der noch einmal wesentlich dichter Fakten zusammenzutragen wären.

Abb. 3: Die Baschkiren und Wolga-Tataren breiten sich von der Urheimat der Chanten und Mansen (südlich des Ural und südlich von Jekaterinenburg) nach Westen bis zur Wolga (bei Kasan) aus

Die Bezeichnung "Ugor" für die Länder östlich des Ural am Mittellauf des Flusses Ob (und seinem Zusammenfluß mit dem Irtytsch) stammt aus dem den Chanten westlich benachbarten Volk der Komi. Sie ist - vermutlich - zugleich die Wurzel für die Bezeichnung "Ugrier", die für die gesamte ugrische Sprach- und Völkergruppe benutzt wird. 

Jugorien/Jugra am Mittellauf des Ob wurde im Mittelalter auch mehrere Jahrhunderte lang von Handelsleuten aus der nordrussischen Handelsstadt Nowgorod am Wolchowsee besucht und war dieser Stadt auch tributpflichtig, allerdings im Wechsel mit der Goldenen Horde der Mongolen, denen sie ebenfalls Kriegsdienste leisteten (Wiki) (auch noch 1582 gegen die Kosaken unter Jermak).

Die Chanten und Mansen haben unter Befehl ihrer Prinzen und Herzöge Krieg geführt. Sie waren als solche zeitweise Vasallen der Mongolen, zeitweise Vasallen der Handelsstadt Nowgorod am Wolochowsee. 

Die Chanten und Mansen verteidigen ihre überlieferte, heidnische Religion

Nach russischen Quellen seit dem 14. Jahrhundert ist in Jugra/Jugorien das Idol einer "Goldenen Frau" (Wiki) verehrt worden in einem Schrein gemeinsam mit dem Idol einer kupfernen Gans, dem Gott der Wasservögel. Der Schrein habe sich bei dem Dorf Belogorje befunden in der zentralen Belogorje-Region, also am Ob in der Nähe des Zusammenflusses mit dem Irtytsch, vielleicht in der Nähe der heutigen Provinzhauptstadt Khanty-Mansiysk. 

Der Thron der Göttin, der in einem Schrein aufgestellt war, sei gebaut gewesen wie ein Nest und mit unterschiedlichen Walkstoffen ausgeschmückt gewesen, mit Leintüchern und Fellen. Menschen aus entlegenen Regionen wären hierher kommen, um vor dem Thron der Göttin Rinder und Pferde zu opfern. Die Gottheit würde den Reichtum der Wasservögel behüten (Wiki).

In der Ortschaft Samarovo am Zusammenfluß von Ob und Irtytsch sei auch der Gott des Flusses Ob verehrt worden, der zugleich als der Gott der Fische (Wiki) galt. Er sei - aus christlicher Sicht - "unverschämt" dargestellt gewesen, nämlich als ein Holzbrett mit einer Nase aus metallenem Rohr, mit Augen aus Glas, mit kleinen Hörnern auf dem Kopf, mit Stoffteilen behängt, bekleidet mit einem purpurnen Mantel über einer vergoldeten Brust. Waffen - Bogen, Pfeile, Speere, Rüstung - wären neben ihm gelegen. 

Über die Waffen wäre gesagt worden, daß der Gott des Flusses Ob oft im Wasser zu kämpfen habe, um andere Vasallen zu unterwerfen. (Was er wohl über die Ölpest von heute sagt, mit der er seit Jahrzehnten konfrontiert wird - siehe unten?)


Die goldenen Frau findet sich dargestellt auch auf mehreren europäischen Karten des 16. Jahrhunderts. Als die Kosaken unter Jermak Jugra/Jugorien und damit den Westteil Sibiriens 1582 eroberten (festgehalten in einem berühmten, dramatischen russischen Gemälde aus der Zeit um 1900), verteidigten die Ob-Ugrier diese ihre heiligsten Gottheiten.

Es wird berichtet, daß die Götterstatue des Flusses Ob nach Konda (also Richtung Westen) gerettet worden sei, daß aber die - - - "Götzenverehrung" auch dort dann irgendwann ausgerottet worden sei von christlichen Pfaffen. 1714/15 kamen die christlichen Missionare nämlich zu den Mansi in Konda. Ein Dorfältester und Pfleger eines Heiligtums - ein Mann namens Nahratch Yeplayev - sagte zu ihnen laut ihrer Berichte (Wiki): 

"Wir wissen alle, warum ihr hergekommen seid. Ihr wollt uns mit eurer sanftzüngigen Schmeichelei von unserem alten Glauben abbringen. Und ihr wollt unseren verehrten Helfer schädigen und zerstören. Aber es ist alles vergeblich, denn: Schlagt ruhig unsere Köpfe ab. Wir werden euch das nicht erlauben."

Doch schließlich einigte man sich auf einen Kompromiß, den der Dorfälteste dann folgendermaßen zusammen faßte (Wiki):

"Wir werden die Vorschriften und Ukase des Herrschers befolgen. Eure Lehren werden wir deshalb nicht verwerfen. Wir bitten euch nur, die Gottheit, die unsere Väter und Großväter verehrt haben, nicht abzuweisen. Und wenn ihr uns taufen wollt, dann ehrt unsere Gottheit ebenso, tauft sie in einer ehrenvolleren Weise - mit einem goldenen Kreuz. Dann werden wir eine Kirche bauen und schmücken mit all den Bildwerken, die dazu gehören und wir werden die unseren dazwischen setzen."

Eine großzügige, schöne, tolerante Haltung, allerdings auch nur eingenommen unter äußerem politischen und militärischem Druck. Natürlich konnte sich diese Haltung auf Dauer nich halten. Natürlich. Die Mansen hatten es schließlich mit - - - "Christen" zu tun, mit: "Christen". Noch heute erleben sie die Abwertung der Natur und ihres Flußgottes durch dieses "Christen" in ihrem Land wie sie sich in den katastrophalen Begleiterscheinungen der Ölförderung kundtut (siehe unten).

Die heidnischen Gottheiten sind von christlichen Eiferern später verbrannt worden. Viele heilige Bildnisse und Gegenstände sind von den Mansen aber auch versteckt worden. Und ihre Verstecke sind über Generationen hinweg geheim gehalten worden. Diese Geheimhaltung gelang selbst noch während eines Aufstandes der Mansen und seiner Niederschlagung in den 1930er Jahren unter Stalin. Wobei es zu vielen Toten und Erschießungen kam. Einige dieser heiligen Gegenstände existieren noch heute (Wiki).

Noch im 20. Jahrhundert lebten die Chanten so wie die Menschen im Mesolithikum und bis zur Einführung des Ackerbaus überall in Europa gelebt haben: als Fischer und als Jäger. Lennart Meri hat sich erstmals mit den Chanten beschäftigt in seinem Film "Völker im Zeichen des Wasservogels" (1). Dieser Film gab einen ersten Überblick über die vielen, damals noch existierenden Völker der finno-ugrischen Sprachgemeinschaft.

Ab Minute 9 dieses Filmes wurden von Meri die Chanten behandelt. Diese leben in Wäldern östlich des Ural und bis hinüber zum Jenissei und noch weiter (1). Es werden Fischer an abgelegenen Flüssen dargestellt. Es werden ihre ursprünglichen Fischfangtechniken dargestellt, insbesondere ihre selbstgebauten Reusen. Es wird darauf hingewiesen, daß es Elemente in ihrem Kulturleben gibt, die es sonst in Sibirien nicht gibt, und die auf südliche Einflüsse aus der Steppe zurückzuführen sind. 

Daß sich die Vorfahren der Chanten schon in der Bronzezeit mit indogermanischen Schnurkeramikern vermischt haben, sieht man den Menschen in der Filmdokumentation auch an. Sie sehen zum Teil europäischer aus als die Nenzen und Ngananasanen im Norden (in der Tundra an der Küste des Eismeeres). Es werden in dem Film auch Tanz und Gesänge rund um die Totenwache bei einem erlegten Bären gezeigt, die in diesem Volk bedeutsam sind. 

Die Verehrung des Bären erinnert an die oben geschilderte Verehrung der Wasservögel und der Fische. Die Verehrung des Bären mutet auf den ersten Blick sehr urtümlich - und auch fremdartig - an. Das alles läßt sich - bei der Kürze der Behandlung in diesem Film - noch nicht sehr gut verstehen und einordnen. 

Die Totenwache im Haus des Bären

Erst in seinem zweiten Film zu den Chanten, "Die Söhne von Toorum - Eine Totenwache der Chanten beim erlegten Bären", aus dem Jahr 1990 (2) bekommt man einen eingehenden und umfassenderen Blick in die Art dieser Menschen, in ihr Alltagsleben und in ihr religiöses Leben und Erleben. Dieser Film ist deshalb auch so aufwühlend und erlaubt so viele Rückschlüsse auf die mesolithische Vergangenheit Europas überhaupt. Man erhält - womöglich - einen Blick in das Leben ursprünglicher, mesolithischer Völker Nordeuropas und Nordasiens, wie man ihn so - und authentischer - sonst wohl nur noch selten erhalten kann (2) (1'30):

"Sogar heute noch sind sie Jäger und Fischer des Waldes. Sie fertigen alles aus Holz, einschließlich ihrer Öfen, um nichts zu sagen von Grabstätten für Bären, Opferstangen und schönen Schlitten. Die Chanten haben zwei Heimstätten. Im Frühling, nach der Jagd-Saison, ziehen sie von den Winterhütten zum Flußufer. Dort hat jede Familie ihre eigenen Fischplätze und Fischhütten, Sommerhütten und Sandstrände. Die Flüsse sind Nahrungsquelle und gleichzeitig die Verkehrsader."

Die hier gezeigten Chanten leben östlich des Ural am Mittellauf des Ob und des Agan, eines Zuflusses des Ob. Hier leben - laut Filmsprecher - 20.000 Menschen auf einem Gebiet von der Größe Westeuropas. 200 Menschen leben auf einem Gebiet von der Größe Belgiens. Sie haben die älteste Jäger-Sammler-Kultur in Eurasien bewahrt, so der Filmtext.  

Das Leben in der Familie und in Einehe scheint schon in solchen Kulturen in Europa eine große Rolle gespielt zu haben. Es gibt in der Evolutionären Anthropologie gegenwärtig eine populäre Forschungsmeinung, nach der die Monogamie erst mit der christlichen Kirche in europäischen Völkern durchgesetzt worden wäre. Die Chanten und Mansen wären da sicherlich eines von vielen Gegenargumenten (die Berichte des Tacitus über die Germanen wären ein anderes).

In der kleinen Gemeinschaft ist die Welt der Männer und der Frauen scheinbar immer ein wenig getrennt. Die verheirateten Frauen verbergen sogar - im Film von Anfang an - ihre Gesichter vor anderen verheirateten Männern der Gemeinschaft, offenbar um sie nicht in Versuchung zu führen (so der Sprecher des Filmes). Natürlich kann das alles auch beeinflußt sein von christlichen Missionaren. Das müßte man noch gründlicher untersuchen, um hier zu einem abschließenden Urteil zu kommen. Während der ernsten und lustigen Darbietungen während der Totenwache beim erlegten Bären gibt es auch harmlose und zugleich derbere erotische Anspielungen.

Aber welche Rolle spielt der erlegte Bär? Er wird wie ein Verwandter besucht und behandelt. Sehr ehrenvoll. Er erhält ein eigenes Haus, eine eigene Schlafstätte, eigene Bekleidung, Essen. Alle küssen den von den Jägern erlegten toten Bären, als er ins Dorf gebracht wird. Eine alte Frau sagt dabei:

"Komm mir nicht zu nahe, erschrecke mich nicht, wenn ich im Frühling oder im Herbst Beeren im Wald sammele, wenn ich Vogelbeeren sammle oder wenn ich Preiselbeeren sammle."

Der erlegte Bär ist also für die Menschen die Verkörperung aller Bären, die im Wald leben. Und diese Worte machen deutlich, daß der Bär Jahrtausende lang eine reale Bedrohung darstellte für die Menschen, die in den riesigen europäischen Urwäldern lebten. Der Wald war ja zu jener Zeit noch nicht gerodet und die Menschen lebten vornehmlich an den Ufern von Gewässern. 

Die Landschaft, in der die Chanten leben, gleich sogar auffallend der Landschaft, in der die Menschen heute zum Beispiel in Brandenburg leben: Kiefernwälder und Gewässer.

Die zitierten Worte der Frau machen auch geradezu die "Notwendigkeit" deutlich, daß die Menschen mit dem Fell und mit dem Kopf des erlegten Bären tagelang Umgang pflegen, ihn als Sohn ihres Gottes Toorum verehren, dessen Söhne auch sie selbst sind, ihn also als "Bruder" verehren und sich viele Geschichten erzählen darüber, wie er hier auf Erden gekommen ist und was er hier alles erlebt hat, gemeinsam mit seinen "Brüdern", den Menschen, die vom selben Gott abstammen.

Sie beziehen ihn als ihren Bruder in ihr alltägliches Leben ein, sie kleiden ihn, legen ihn schlafen, geben ihm zu essen. In seiner Gegenwart "singen und sagen" sie all die Geschichten und Sagen, die ihnen - vielleicht schon seit Jahrtausenden - wichtig und heilig sind. Wenn man dieses tagelange Feiern gemeinsam mit dem Schädel und dem Fell des erlegten Bären gesehen hat, versteht man besser, daß wilde Tiere überhaupt eine so große Rolle spielen im Übergang vom Mesolithikum zum Neolithikum. Etwa auch wilde Stiere, die im Frühneolithikum der Türkei verehrt wurden. Sie stellen eine reale Bedrohung dar. Aber der Mensch macht sich auch viele Gedanken über ihr Leben, er vermenschlicht sie, er unterstellt ihnen "Schicksale", er bezieht sie in seine religiösen Praktiken und in seine Feiern mit ein. Er nimmt sie mit in seine Häuser. (Das alles ist sehr gut sichbar auch in den Tierdarstellungen auf dem Göbekli Tepe.)

Während der Feierlichkeiten rund um den erlegten Bären wird erstaunlicherweise auch ein "Gesangs-Stab" geschnitzt (2) (46'30). Auf ihm wird mit Zeichen symbolisch eingetragen, was während der Feierlichkeiten geschah. Als das Filmteam schon einmal einige Jahre zuvor bei den Chanten weilte, wurde auch dieser Umstand auf dem damaligen Gesangsstab festgehalten. Diese Gesangsstäbe stellen damit eine Art "Chronik" der Chanten-Gemeinschaft dar, eine Vorstufe der Schrift.

Beim Ansehen und Erleben all dieser Feierleichkeiten rund um einen erlegten Bären, neben dem im Haus unter anderem das kleine Pflänzchen einer sibirischen Kiefer gestellt wird, das mit einem Glöckchen behängt wird, könnte man auch auf den Gedanken kommen, daß in solchen Traditionen - letztlich - auch die Wurzeln des nordeuropäischen Weihnachtsfestes beruhen könnten. So auch der Filmtext (2) (19'30):

"Die sibirische Kiefer, ein entfernter Vorläufer des christlichen Weihnachtsbaumes der baltischen Finnen, ist die lebendige Verbindung zwischen dem Haus des Bären und ihrem Gott."

Wenn man die Feierlichkeiten rund um den erlegten Bären erlebt, könnte man annehmen, daß es vormals ähnliche Feierlichkeiten auch gab rund um gefangene Fische (siehe oben der genannte Fisch- und Flußgott) oder um erlegte Wasservögel (siehe oben die "kupferne Gans"), gegebenenfalls ebenfalls in ihnen gewidmeten Häusern oder Schreinen. Menschenfunde westeuropäischer Jäger und Sammler aus dem Mesolithikum hat man übrigens ebenfalls oft in Zusammenhang mit der Niederlegung von Bärenschädeln gefunden (Stgen2020), was aufzeigt, daß diese Verehrung des Bären etwas für Europa (und Asien) Uraltes ist.

Chanten - Fast 100 % sibirische Genetik

Die Chanten (Wiki) wurden früher - so auch auf den Fotografien von der Sibirien-Reise des Arktis-Forschers Fritjof Nansen (1861-1930) (Wiki, engl) im Jahr 1913 - "Ostjaken" genannt (Wiki):

Um 500 n. Chr. wanderten sie als pferdezüchtende Nomaden vom Oberlauf des Irtysch nach Norden, bis an den unteren Ob. Sie paßten sich dabei den lokalen Umweltbedingungen an und übernahmen die Rentierhaltung von den uralischen Völkern. Die ursprüngliche Pferdezucht lebt nur noch in den Mythen. Andererseits verbreiteten sie zentral- und südasiatische Kulturelemente nach Norden. Man nimmt an, daß sich Chanten und Mansen erst im 13. Jahrhundert getrennt haben, wobei die beiden frühen Phratrien (Clan-Verbände) darauf hindeuten, daß die frühen Neuankömmlinge ältere sibirische Völker assimilierten.   

Der Weg vom Oberlauf des Irtysch - etwa bei der Stadt Saissan (Wiki) und in der Gegend des Saissansees - bis hinab zu seiner Mündung in den Ob bei der heutigen Stadt Chanty-Mansijsk (Wiki) beträgt 2.300 Kilometer. Er führt über die Stadt Omsk (G-Maps). 500 n. Ztr., in der Zeit der beginnenden Awaren-Herrschaft, die nach ihrer Niederlage 552 n. Ztr. gegen die Türk gen Westen zogen, wichen die Chanten und Mansen entlang dieses langen Flußlaufes nach Norden aus und nahmen im Norden die Lebensweise der Rentier-Hirten, der Fischer und Jäger an. Da sich bäuerliche Traditionen bei ihnen gar nicht finden, könnte man annehmen, daß sie auch als Pferdezüchter eher eine halbnomadische Lebensweise beibehalten hatten.

Abb. 4: Chanten ("Ostjaken") am Jennisei, aufgenommen von Fritjof Nansen 1913 (Wiki) (4)

Die Chanten lebten zur Zeit von Fritjof Nansen's Sibirien-Reise im Jahr 1913 auf Hausbooten auf dem Jennisei - so wie auch die dortigen Keten. Insofern können die Chanten den Weg vom Irtytsch zum Ob ebenfalls auf Booten zurück gelegt haben. Über die Chanten ("Ostjaken") auf dem Unteren Jenissei schreibt Nansen (4):

Der Eindruck, den der erste Jenissei-Ostjake auf mich gemacht hat, blieb auch hier zum Teil bestehen: einige erinnerten mich an Zigeuner. Mehrere Gesichter von Männern und Weibern hätten recht gut Zigeunern angehören können; meist aber sahen sie etwas weniger europäisch aus. Überdies schienen mehrere mit russischem Blut gekreuzt zu sein. Am auffallendsten trat das bei einigen Männern hervor, die ganz braunes Haar hatten, zwei oder drei sogar auch einen blonden oder doch jedenfalls braunen Bart. Man kann freilich nicht genau wissen, ob dies an einer Kreuzung mit Russen liegt oder ursprünglich ist. Sollte dieses Volk anfänglich blond gewesen sein, so müßte man eher glauben, daß die vielen Dunkelköpfe unter ihnen der Vermischung mit anderen Eingeborenenstämmen, vielleicht hauptsächlich mit Tungusen und Samojeden, zu verdanken seien; aber das ist unsicher. Jedenfalls war die Zahl der Dunklen überwiegend. Der Bartwuchs war bei einigen etwas kräftiger, als man bei einem asiatischen Volk hätte erwarten sollen. Die Frauen hatten durchgehends ein asiatischeres Aussehen als die Männer, von ihnen schienen mehrere typische Kurzschädel zu sein, aber schrägliegende Augen hatten sie nicht.
Auch hier glaubte ich, mehrere Gesichtstypen unterscheiden zu können, besonders unter den Männern. Während einige Gesichter kurz und breit waren und eine verhältnismäßig platte, nach unten breite Nase hatten, gab es noch einen höheren, schmalern Typus, der dem eines Europäers glich. Wenn die Augenbrauen sich manchmal ein wenig nach außen in die Höhe zogen, sahen die Augen wohl etwas schräggestellt aus. Welcher von beiden Typen der echte und ursprüngliche der Jenissei-Ostjaken sein dürfte, ist schwer zu sagen.

Es wird hier gut erkennbar, aus welchen Erkenntnisinteressen die sogenannte "Rasseforschung" der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts heraus entstand. Die Fragen, die Fritjof Nansen umsonnen hat, werden erst jetzt - durch die Archäogenetik - einigermaßen abschließend geklärt. Und wir wissen heute, daß das mehr europäische Aussehen vieler Chanten und Mansen zurückgeht auf die Vermischung ihrer Vorfahren mit Schnurkeramikern der Andronowo-Kultur während der Bronzezeit (3).

Die Mansen

Die Trennung der Welt der Männer und der Frauen ist sehr ausgeprägt bei den sibirischen Völkern, offenbar auch die Unterordnung der Frauen unter die Männer. So führt es auch Fritjof Nansen aus. Aber auch er weist darauf hin, daß vieles daraufhin deutet, daß die Dinge dann doch komplexer sind als es auf den ersten Blick erscheint, daß die Frauen also in unterschiedlichen Situationen durchaus sehr selbstbewußt ihre Position innehaben und geachtet werden.

Abb. 5: Eine Frau der Mansen (aus dem Lennart Meri-Film "Die Winde der Milchstraße") (5)

Ab 22'00 werden die Mansen im Nordural behandelt (5):

"Wir haben uns vor 5000 Jahren getrennt. Wir sind die nächsten Verwandten der Chanten und Ungarn. Wir waren jene, die das Metall im nördlichen Sibirien eingeführt haben. Ebenso die schönsten Boote."

Die Erdöl-Katastrophe in Westsibirien

In dem Lennart Meri-Film von 1990 wird auch auf die Umweltzerstörung aufmerksam gemacht, die durch die Erdölförderung im Gebiet der Chanten verursacht worden ist. Ganze Flüsse waren Jahre lang mit einer Ölschicht bedeckt, Wälder wurden gerodet oder niedergebrannt. Um zu jagen, mußten die Jäger in weit entfernte Gebiete ziehen und ihre Familien mitnehmen. Ein Chante erzählt (2):

"Ich bin nicht faul wie der Chef der Erdölförderung sagt. Es gab Fische im Mai - aber nicht im Juni. Die Fische werden verkauft. Im Juni und Juli verdiene ich nur 30 Rubel. In der Vergangenheit gab es im Heiligen See immer Fisch. Aber der See wurde "auf den Kopf gestellt" und es gibt keine Fische mehr. 6 Tonnen Fische waren früher normal, heute sind 700 Pfund ein guter Fang. Fische gibt es nur noch in weit entfernten Seen. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Die Russen haben uns all unser Land genommen. Wir können nicht mehr jagen. Was wir in unseren Vorrats-Stelzhäusern zurücklassen, wird gestohlen. Man muß seinen ganzen Besitz mit sich nehmen. Früher sind wir mit 70 Jahren gestorben, heute sterben wir mit 14, 20 oder 30 an Leberschaden. Die Chanten beginnen, Selbstmord zu begehen. So etwas gab es in der Vergangenheit nicht bei uns."

Auch die Waldbrandgefahr ist in diesen Wäldern sehr hoch. Während die Chanten es deshalb gewohnt sind, sehr sorgsam mit Feuer umzugehen, scheinen die Russen damit zeitweise sehr sorglos umgegangen zu sein.

Der Autonome Kreis der Chanten und Mansen/Jugra ist der größte Erdölproduzent Rußlands. 60 % des in Rußland geförderten Erdöls stammt von hier (6). Es soll hier ebenso umfangreiche Erdöl-Vorräte geben wie in Saudi-Arabien! Die hier zugewanderten Russen und Menschen vieler anderer Völker können deshalb gutes Geld in Westsibirien verdienen. Auch fast 7.000 Deutsche lebten 2010 in diesem Autonomen Kreis. 

Aber es gibt auf dem deutschen Wikipedia auch - dankenswerter Weise - einen eigenen Artikel zur "Erdölkatastrophe in Westsibirien". Dieser macht erst bewußt, mit was für einer Katastrophe man es hier zu tun hat (Wiki):

Allein über den Ob fließen jährlich mehr als 125.000 Tonnen Rohöl in das Nordpolarmeer. (...) Durch die laufende Kontamination mit Erdöl waren 1989 bereits 28 größere Flüsse und 100 kleinere Gewässer biologisch tot und der Fischfang auf dem Fluß Ob mußte eingestellt werden.

Dieser Beitrag kann nur einen ersten Einblick geben in das Leben dieser westsibirischen Völker. Über die Filme von Lennart Meri kann man sich einen Überblick verschaffen über das reiche kulturelle Leben und Erbe der finno-ugrischen Sprachfamilie. Dazu sollen noch weitere Beiträge hier auf dem Blog erscheinen.

Ergänzung 10.3.22: In der russischen völkerkundlichen Forschung wurde 2015 vor dem baldigen Aussterben der Lebensweise der Chanten und Mansen gewarnt. Es wird über die Religion dieser Völker ausgeführt (7):

... Eine Familie hatte ein Totem-Tier, etwa eine Gans, einen Bieber, einen Elch, einen Adler usw., von dem angenommen wurde, daß von ihm der Clan abstammte. ... Der Braunbär nahm eine besondere Position unter den Tieren ein, er war der "Herr des Waldes" und die Verkörperung der Gerechtigkeit auf Erden. Der Bär wurde als der jüngste Sohn des höchsten Gottheit Num Torum angesehen.
The tribal religion of the Khanty and Mansi resembled that of all the native peoples of northern Eurasia (Forsyth, 1994). They had a pantheon of nature Gods. Num Torem (Mikola Torum) was the chief God. All natural phenomena were alive for them. They believed that stones, rivers, plants, lightning, animals etc. had spirits and souls (Forsyth, 1994; Kulemzin & Lukina, 1992). The family had a totem animal, such as a goose, a beaver, an elk, an eagle, etc., from which the clan was supposed to be descended. Effigies of spirits were kept in sanctuaries in the forest (Forsyth, 1994). In these sacred places , the ritual ceremonies were performed from time to time, sacrificing animals. Sacrificed rites were also performed in the cemeteries, where the dead were laid in wooden boxes, along with their vessels, weapons, etc. for using in the other world (Forsyth, 1994). (...) A brown bear occupied a unique position among animals being ‘a master of the forest’ and the embodiment of justice on the earth. The bear was considered to be the youngest son of the principal deity Num Torum.

Und weiter (7):

... Num Torum hat seinen Sohn als einen Bären zur Erde geschickt und es wurde geglaubt, daß die Chanten die direkten Nachfahren des Sohns von Torum wären. Deshalb waren die Chanten das "Bären-Volk". ... Das Fleisch der Bären wurde als eine seltene Delikatesse angesehen. Um das Töten eines Bären zu rechtfertigen, wurde ein "Bären-Fest" abgehalten, um sicherzustellen, daß er keine Rache gegenüber seinem Jäger nehmen würde, und daß es immer mehr Bären geben würde. Der tote Bär wurde willkommen geheißen von den Bewohnern, die um ihn einen Tanz ausführten. ...
Unglücklicherweise besteht ein akutes Risiko, daß die Chanten und Mansen und andere eingeborene Völker aussterben.
Num Torum had had his son descend to the earth as a bear and it was believed that Khanty were direct descendants of the son of Torum. Therefore, the Khanty were the people of the bear (Kulemzin & Lukina 1992). Nevertheless, the indigenous peoples of Siberia killed bears for eating. Their flesh was considered a rare delicacy. In order to justify this, the “bear feast” was celebrated to ensure that it would not take vengeance on its killer and there would always be more bears. The dead bear was welcomed by settlers who performed a ritual dance around it. The bear skin with its head was placed in a successful hunter’s house. The bear head was decorated with a hat or a shawl and food and drinks were laid in front of it. The bear was the ‘guest’ of the feast and people danced, sang, swore and told tales. The Khanty and Mansi had a very rich tradition of oral poetry and stringed musical instruments. After several days of celebration, the bear flesh was cooked and eaten. The skull and sometimes skin of the bear were kept in special buildings (Forsyth, 1994; Kulemzin, 1972). 
Unfortunately, the traditional cultures of the Khanty, Mansi and other indigenous population are at an acute risk of extinction.

Interessanterweise dagegen hält ein zum Teil sehr populäres "Ethnoblogging", das als Videoblogging (oft auf Russisch) zum Teil vergleichsweise hohe Zugriffszahlen erreicht (9, 10), und das den Stolz der Ureinwohner Sibiriens auf ihre Lebensweise, Kultur und Sprache womöglich zu erhöhen in der Lage ist. Dieses Ethnoblogging ist auch ein wichtiger Teil der Widerstandes gegen die Umweltzerstörung und die ökologischen Katastrophen in Sibirien.

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*) Diese Länderbezeichnung findet sich in der Landeskunde Sibiriens des Schweden Philipp Johann von Strahlenberg aus dem Jahr 1730 als "Ugoria" (GB 1730), ebenso in einer völkerkundlichen Betrachtung zu den Chanten von Ferdinand Heinrich Müller aus dem Jahr 1837 (GB 1837).

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  1. Lennart Meri: Völker im Zeichen des Wasservogels, 1970; Englisch "The people of the water bird": https://youtu.be/hYzYe3jAOyQ; Russisch (Yt), Original Estnisch "Veelinnurahvas" (Yt) [Encyclopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum, Teil 1]
  2. Lennart Meri: Die Söhne von Toorum - Eine Bären-Totenwache der Chanten, 1990; Englisch "The Sons of Toorum - Khanty Bear Wake": https://youtu.be/iX7nHETRNow; Russisch: "Сыновья Тоорума" (Yt) Original Estnisch "Toorumi pojad" ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 4] [Aufnahmen aus September 1985 und August 1988 vom Leben der Chanten und über ihre viertägige Bären-Feier] 
  3. Bading, I.: Die Ungarn-Einfälle - Sie bewirkten die Gründung des Deutschen Reiches (919 n. Ztr.) Februar 2022, https://studgendeutsch.blogspot.com/2022/02/die-ungarn-einfalle-sie-bewirkten-die.html
  4. Fridtjof Nansen: Sibirien ein Zukunftsland. F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1914, http://runeberg.org/sibirzuk/ (Archive)
  5. Lennart Meri: Die Winde der Milchstraße, 1977; Englisch "The Winds of the milky weay", https://youtu.be/Vgc1Nu3oSVs; Original Estnisch "Linnutee tuuled" (Yt) ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 2]
  6. Yvonne Bangert, Sarah Reinke: Hoher Preis für Öl und Gas. Sibiriens Ureinwohner werden dem Energiehunger der Industriestaaten geopfert. Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen, Genf 19. Juli 2005, https://www.gfbv.de/de/news/hoher-preis-fuer-oel-und-gas-511/
  7. Vorobeva, Victoria, Zoya Fedorinova, and Ekaterina Kolesnik. "Three crucial crises in the development of the Khanty and Mansi unique culture." Procedia-Social and Behavioral Sciences 206 (2015): 108-113 [XV International Conference "Linguistic and Cultural Studies: Traditions and Innovations”, LKTI 2015, 9-11 November 2015, Tomsk, Russia] (pdf
  8. Forsyth, James. A history of the peoples of Siberia: Russia's North Asian colony 1581-1990. Cambridge University Press, Cambridge 1992 (GB)  (mehrere Folgeauflagen bis 2000)
  9. Dudek, Stephan: Ethnoblogging - Synergien und Herausforderungen für indigenes Umweltwissen auf Social-Media-Plattformen. In: Kasten, Erich, ed. Mensch und Natur in Sibirien: Umweltwissen und nachhaltige Naturbeziehungen in Zeiten des Klimawandels. Kulturstiftung Sibirien GmbH, Fürstenberg/Havel; BoD–Books on Demand, 2021 (GB), S. 279ff
  10. Tagebuch eines Chanten - Youtube-Kanal, 47.000 Abonnenten, https://www.youtube.com/channel/UCBQvgau-K_EoSMxlaFxWwUw/
  11. Tschajkovsk, Michail: Die Abenteuer der Ausländer in Westsibirien. Nabokov Preis Bibliothek (GB)
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