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Montag, 4. Februar 2008

"Gott im Kommen?", Frau Vollmer? - Na klar! - Nur: Welcher?

Ich finde es auffällig, daß sogar in der Wissenschaft, bzw. in der Sachbuch-Literatur Frauen oft - zumindest tendenziell - anders über Religion und Religiosität schreiben (und denken) als Männer. - Sie tun es sowieso derzeit immer noch vergleichsweise wenig, wenn man es mit den vielen Büchern und Artikeln von Männern vergleicht. Aber man sehe sich die haarscharfen Logik-Raisonements eines Richard Dawkins an und vergleiche sie mit den Überlegungen der amerikanischen Anthropologin Barbara King. (Der britische Anthropologe Robin Dunbar steht vielleicht in der Mitte zwischen beiden Extremen und eilt dadurch allen anderen in seinen Forschungen vielleicht auch am weitesten voraus. Denn Erkenntnis gerade auf dem Gebiet der Anthropologie ergibt sich doch wohl immer noch dann am besten, wenn man "viel Gefühl" und Empathie mit viel kalter, haarschafer und unbestechlicher Rationalität, Logik und Sachorientiertheit verbindet.)

Auf diese Gedanken komme ich, weil ich gerade durch das neue Buch von Antje Vollmer "Gott im Kommen?" (2007) schmökere und bestrebt bin, mir die Perlen und Rosinen ihrer Ausführungen herauszupicken. - Runde und klare Lösungen bietet Antje Vollmer im Grunde nicht an. Typisch der letzte Satz des Buches: "Gott kann uns nicht zwingen, die eine oder andere Haltung im Nachdenken über ihn einzunehmen. Wir müssen schon selber wählen." - Ist denn das nicht eine Banalität, eine Plattheit?

Eine "erneuerte kosmologische Weltverzauberung"?

Das wichtigste Kapitel des Buches wird sein: "Ein alter Streit: Monotheismus gegen Kosmotheismus". Darin schreibt sie über die Debatte von Jan Assmann und Peter Sloterdijk gegen die religiösen Eiferer des Monotheismus:
"Diese Debatte ist notwendig, sie ist auch keineswegs einfach zu einem allüberzeugenden Ergebnis zu bringen. Sicher entspricht ein gemäßigter vergeistigter Polytheismus im Sinne einer erneuerten kosmologischen Weltverzauberung den Bedürfnissen vieler Menschen, die von den Kriegsgeschichten der monotheistischen Religionen angewidert sind und sich nach neuen Wahrheiten und Gottesbildern aufmachen." (S. 116)
Auf vielen Gebieten verteidigt Antje Vollmer den Monotheismus gegen diese Angriffe (mit durchaus begründeten Argumenten), schreibt dann aber (S. 118): "Die entscheidende Kritik von Assmann und anderen an den monotheistischen Religionen aber betrifft ihren unbedingten Wahrheitsanspruch." Sie zitiert Assmann mit den Worten:
"Nur diese Religionen (...) kennen Ketzer und Heiden, Irrlehren, Sekten, Aberglauben, Götzendienst, Idolatrie, Magie, Unwissenheit, Unglauben, Häresie und wie die Begriffe alle heißen mögen für das, was sie als Erscheinungsformen des Unwahren denunzieren, verfolgen und ausgrenzen."
Und diese These will sie dann im nächsten Kapitel genauer überprüfen. Und sie verteidigt dann den Gott der evangelischen Bekennenden Kirche während des Dritten Reiches als den "Gott im Kommen", da er gerade durch den Eifer seiner Anhänger, wenn ich es recht verstehe, einen Rückhalt gegen Totalitarismen geboten hat. Auch dieses Argument ist - der Sache nach - wohl durchaus richtig.

Soweit ich sehe, bleibt sie selbst an diesem Punkt dann geistig stehen. Der Rest sind Absicherungen dieses, ihres "kommenden Gottes" nach verschiedenen Seiten hin.

Dennoch merkwürdig. Das ist und bleibt ein rein "anwendungs-bezogenes" Argument, keine "Grundlagen-Forschung". Dabei war es doch gerade der "unbedingte Wahrheitsanspruch", der letztlich auch sie störte. Sollte man nicht auch heute einen solchen haben in Bezug auf solche Fragen wie: Wo kommt diese Welt her? Wie konnte Leben entstehen? Warum diese gewaltige Höherentwicklung in Jahrmillionen bis hin zu uns Menschen? Was soll das alles?

Das Leben selbst erforschen, nicht "vergangenes" Leben

Wie will Frau Vollmer, um solche Fragen zu klären, allein in religiöser, religionsvergleichender oder kulturwissenschaftlicher Literatur Antworten finden, statt zunächst und vor allem in jener Literatur, die über diese Welt, über dieses Leben selbst etwas sagt?

Man sieht, Richard Dawkins hat wieder einmal recht: Die Monotheismen und ihre alten "Streitereien" versperren den Menschen, die über das Leben und die Gesellschaft nachdenken und sich damit zu ausschließlich beschäftigen, den Blick auf die eigentlichen heute aktuellen und brennenden Fragen. Gegen Totalitarismus will ich mich auch zur Wehr setzen - mit allem "Eifer". Aber ich will dabei auch wissen, wie die Welt wirklich ist, nicht wie man sie sich vor 2000 Jahren einmal vorgestellt hat. Und aus diesem heutigen Weltbild heraus will ich individuelle und gesellschaftliche Freiheit beanspruchen und begründen.

Freitag, 1. Februar 2008

Kinderbücher zum Schutz vor monotheistischer Beeinflussung?

Warum es ein Kinderbuch geben muß, um Kinder vor schlechter religiöser Beeinflussung zu schützen und zu bewahren, die es ja tatsächlich gibt - aber bestimmt nicht in atheistischen Familien -, das ist einem nicht ganz klar. Ein solches Kinderbuch werden sich doch monotheistisch-religiös eingestellte Familien sowieso nicht kaufen.

Michael Schmidt-Salomon von der Giordano Bruno-Stiftung jedenfalls meint, ein solches Buch müsse es geben und hat es herausgebracht: "Wo bitte geht's zu Gott?, fragte das kleine Ferkel". Schon der Titel klingt nicht gerade, ähm ...

Nun will das Bundesfamilienministerium dieses Buch als jugendgefährdend indizieren lassen. Nachdem man sich im Netz einen Eindruck von dem Inhalt dieses Buches verschaffen kann (Süddeutsche Zeitung), weiß man allerdings allerhand Literatur, mit denen sich das Bundesfamilienministerium zunächst einmal eher beschäftigen sollte, bevor es sich gerade einem solchen Buch zuwendet ...

Jedoch teilt man die Bedenken des Bundesfamilienministeriums. Als Kinderbuch muß man dieses Buch nicht für geeignet erachten. Man kann religiöse Menschen nicht einfach nur als Fanatiker darstellen, auch nicht monotheistisch-religiöse Menschen. Das kann man - auch von ministerieller Seite aus - kritisieren. Aber ob man es deshalb gleich schon verbieten muß? Hat Frau von der Leyen wirklich nichts Besseres zu tun?

Für Erwachsene zumindest kann man das Buch ganz lustig finden. Man möchte doch durchaus auch einmal Bischöfe nackt sehen! ;-) (Obwohl, wenn man's recht bedenkt ...)

Natürlich will Michael Schmidt-Salomon provozieren. Das kann man Ok finden. Aber muß man das gerade mit Kinderbüchern tun?

Dienstag, 20. November 2007

Die Atheisten in Deutschland sind stark "Männer-lastig"

Die Giordano Bruno-Stiftung veröffentlicht die Ergebnisse einer Umfrage unter ihren Förderkreis-Mitgliedern (pdf.). Solchartige Umfragen werden es künftig verstärkt sein, die auch Menschen wie Religionswissenschaftler Michael Blume interessieren könnten, da man manche der Umfrage-Ergebnisse zu "anderen" (von ihm ausgewerteten) Religionsstatistiken und ihren evolutionspsychologischen Erklärungen in Beziehung setzen kann. So schon gleich zum Anfang (S. 3) dieses Ergebnis:
"Die Giordano Bruno Stiftung ist stark Männer lastig. Nur knapp 13 % der Mitglieder im Förderkreis sind Frauen."
Ich habe den starken Verdacht, daß diese Ungleichgewichtigkeit sehr leicht und zügig verringert werden könnte, wenn sich die Stiftung weniger atheistisch und stärker pantheistisch positionieren würde. Letzteres wäre ja die naheliegendste Alternative, die auch Richard Dawkins oder Karlheinz Deschner sehen. Auch Michael Schmidt-Salomon hat eine solche Positionierung in jüngeren Äußerungen keineswegs ausgeschlossen. Auch stärkere Positionierung in Richtung "Verantwortungs-Ethik" statt bloßer "hedonistischer Ethik" dürfte übrigens in diese Richtung wirken. So möchte man es zumindest aus den evolutionspsychologischen Interpretationen von Michael Blume ableiten.

83 % der Förderkreis-Mitglieder, die an der Umfrage mitmachten, wünschen sich eine "Zurückdrängung des gesellschaftlichen Einflusses der Religionen". (S. 11) Die Umfrage hat auch zum Ergebnis, daß künftig "lokale Gruppen" aufgebaut werden sollen, da sich in diesen viele Mitglieder engagieren wollen. (Auch dies könnte/wird übrigens die Frauenquote heben, da "Netzwerk"-Bildung für Frauen in vieler Beziehung noch wichtiger ist als für Männer.)

Die Frage "Natürliche Evolution oder religiöse Schöpfungslehre" steht für die Mitglieder übrigens im Zentrum der Definition dessen, was unter säkularem Humanismus heute zu verstehen ist (für 80 % der Antwortenden). Auch "Diesseitsorientierung (Es gibt kein Jenseits)" (S. 20)

Ich halte die von der Giordano Bruno Stiftung vertretene Menschengruppe derzeit für die wichtigste und zukunftsweisende gesellschaftliche Gruppierung in Deutschland, auch wenn sie sich derzeit bezüglich der Notwendigkeit gesellschaftspolitischer Reformen - jenseits der engeren Religionsproblematik - noch sehr schwammig und unklar positioniert. Das müßte aus der Sicht eines weiterzuentwickelnden "darwinischen Konservatismus" nicht nötig sein.

Mittwoch, 7. November 2007

Der Mensch - gefangen in der "hedonistischen Tretmühle"?

Dr. Michael Schmidt-Salomon (= MSS), prominenter Vertreter eines naturalistischen Weltbildes, redet in seinem außerordentlich lesenswerten Büchlein "Manifest des evolutionären Humanismus" (1. Aufl. 2005) einem "aufgeklärten Hedonismus" das Wort. Z.B. in dem Kapitel "Sinn und Sinnlichkeit - Warum uns der evolutionäre Humanismus nahe legt, aufgeklärte Hedonisten zu sein".

Abb. 1: Georg Emanuel Opitz (1775–1841) - "Der Völler", 1804
Wenn man solche Dinge liest, scheint einem das doch eine sehr schwache Stelle eines evolutionären Humanismus zu sein. Hedonismus? Und das soll dann alles gewesen sein? Wen lockt man denn damit hinter dem Ofen hervor? Hedonismus verleitet doch immer dazu, sich nicht ausreichend für jene zum Teil sehr anspruchsvollen Ziele einzusetzen, für die auch der evolutionäre Humanismus steht. War Giordano Bruno etwa hedonistisch, als er auf dem Scheiterhaufen auf dem Campo fiore in Rom stand?!! Und lautet nicht in den ebenfalls sehr lesenswerten, von MSS vorgeschlagenen neuen 10 Geboten das 10. Gebot:
Stelle dein Leben in den Dienst einer 'größeren Sache', werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerten Ort machen woll(t)en! (...)
Wird man einer solchen Aufgabe, einer solchen Tradition wirklich am ehesten gerecht als "Hedonist"? Ist die Notwendigkeit zur Einsatzbereitschaft, zur Opferbereitschaft heute geringer als zu den Zeiten von Giordano Bruno? Man möchte das nicht glauben. Viel eher möchte man meinen, dass das "Prinzip Verantwortung" eines Hans Jonas der heutigen Situation der Menschheit gerecht wird und der heutigen Gefährdetheit des "Projektes Mensch".

Die hedonistische Tretmühle

Nun macht in englischsprachigen Netz-Diskussionen ein Wort die Runde von Seiten des Mainzer Philosophen Thomas Metzinger, ebenfalls ein prominenter Vertreter eines naturalistischen Weltbildes. Das Wort von der "hedonistic tretmill", von der "hedonistischen Tretmühle". Obwohl der recht grundlegende Text in "Gehirn und Geist" im letzten Jahr, in dem dieses Wort fiel (1), schon lange auf meiner Liste empfehlenswerter Literatur ganz oben steht, war mir dieser Begriff gar nicht mehr erinnerlich. Thomas Metzinger sagt da:
Wir sind biologische Systeme, die dazu verdammt sind, ständig nach Glück zu streben, die versuchen müssen, sich so gut wie möglich zu fühlen – nur dummerweise erlauben das Belohnungssystem in unserem Gehirn und unsere Art von emotionalem Selbstmodell keine stabile Form des Wohlfühlens.

Zwar brachten gerade die bewussten Selbstmodelle das Erleben von Freude und Glück ins physikalische Universum – an einen Ort, wo so etwas vorher nicht existierte. Doch hat uns die psychologische Evolution nicht in die Richtung permanenter Glücksfähigkeit optimiert. Im Gegenteil: Sie hat uns auf die »hedonische Tretmühle« gesetzt. Diese wird angetrieben durch den dauernden Versuch, Glück und Freude zu erleben, Schmerzen und Depression zu vermeiden. Aber auch wir selbst werden auf diese Weise ständig in Bewegung gehalten: Die hedonische Tretmühle – in Form des Belohnungssystems in unserem Gehirn – ist der Motor, den Mutter Natur uns eingebaut hat. Wir können seine Struktur in uns selbst entdecken, aber es ist unklar, ob wir ihr jemals entfliehen können. In gewissem Sinn sind wir diese Struktur. Das Ego ist die hedonische Tretmühle. (...)
Und etwas später sagt Thomas Metzinger dann:
Religiosität ist eine der ältesten Versuche, der hedonischen Tretmühle zu entkommen, und auf der Ebene von einzelnen Menschen scheint es manchmal tatsächlich eine der erfolgreichsten Strategien zu sein, einen dauerhaft stabilen Zufriedenheitszustand zu erlangen – auf jeden Fall besser als alle Drogen, die wir bis jetzt entdeckt haben.
Lernt von den Kindern!

Zunächst möchte ich dazu meinen, daß Glück und Freude auch ohne bewußte Selbstmodelle möglich sind, dazu muß man nur die herumtobenden Hunde von spazierengehenden Hundehaltern beobachten, überhaupt das endlose Spiel von vielen Tierjungen. Dazu muß man auch nur ein neugeborenes Menschenbaby anschauen - wie überhaupt menschliche Kinder einem viel über menschliches Leben sagen können, was einem die Beobachtung und Untersuchung des Lebens erwachsener Menschen nicht mehr - zumindest so deutlich - wird sagen können. (Ich betrachte Kinder - bildlich gesprochen - als eine eigene Art Homo sapiens sapiens - vielleicht die bessere Art.) Und bei der Betrachtung von Kindern wird auch sehr schnell deutlich, daß die "hedonistische Tretmühle" bei ihnen nicht zu allen Zeiten des Tages in der gleichen Weise ausgeprägt ist. Sicherlich, wenn körperliche Bedürfnisse vorliegen nach Nähe, nach Essen, Trinken und anderem, dann auf jeden Fall. Aber es gibt doch auch Zeiten selbstvergessenen Spielens, die mit dem Begriff "hedonistische Tretmühle" nur sehr unzureichend, wenn nicht ganz falsch gekennzeichnet wären.

Überhaupt hat ja schon Konrad Lorenz darauf hingewiesen, daß das "prägungsähnliche Lernen" in Form der "Liebe auf den ersten Blick" ein anderes angeborenes "Lernsystem" darstellt, als das Lernen durch Belohnung und Bestrafung. (In "Die Rückseite des Spiegels".) Hier bietet also das naturalistische Weltbild allerhand Möglichkeiten an, jenseits eines überirdischen Glaubens an einen persönlichen Schöpfergott "Fluchtmöglichkeiten" aus der "hedonistischen Tretmühle" zu entdecken und zu nutzen. Wir sollten das vermehrt tun. Es gibt den Blick besser frei auf viele heutige gesellschaftliche Notwendigkeiten.

Und lernt von den großen Künstlern!

Friedrich Schiller sagt: "Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt." (Manfred Eigen hat zu dem Thema ein ganzes Buch aus der Sicht der Theorie komplexer Systeme geschrieben: "Das Spiel".) Aber Kunst ist für Schiller nicht nur "eitel Spielerei", sagt er doch den Künstlern, was die Stirnseite des Schauspielhauses in Wiesbaden noch heute der Welt verkündet:
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
Bewahret sie!
Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben.
(Aus dem Gedicht "Die Künstler".) - Ein großes Wort. Sollten sich von einem solchen heute nicht auch Wissenschaftler und Philosophen angesprochen fühlen? Schaden muß es ihnen nicht.

Abb. 2: Jan Steen - Sie sollte Luxus meiden, 1660/63

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  1. Metzinger, Thomas: Neuroanthropologie - Der Preis der Selbsterkenntnis. In: Gehirn & Geist 7-8/2006, S. 42 - 49

Donnerstag, 18. Oktober 2007

"... daß es nicht geklappt hat mit der Eigenorganisation des Menschen ohne Gott"

Die Familientherapeutin und Buchautorin Christa Meves, frühere Mitherausgeberin des "Rheinischen Merkur", ist immer wieder eine Autorin, die ich gerne lese. Hier ihr jüngster Kommentar zur Hysterie rund um Eva Herman. Ja, Hysterie. Irrsinnige Hysterie. Anders scheint man das meiner Meinung nach nicht benennen zu können. Vor allem um des letzten Satzes willen halte ich diese Ausführungen für lesenswert:
WORUM ES WIRKLICH GEHT

von Christa Meves

Klar, so lässt sich das gewissermaßen in einem Abwasch erledigen: Eva Herman, diese Lachnummer der Journaille, und die deutschen Katholiken von Mixa bis Gindert gleich mit - nach dem Motto: "Ist mir aber was nicht lieb - weg damit ist mein Prinzip."

Das Bedenkliche ist nur: Es handelt sich nicht um eine Petitesse. Es handelt sich auch erst recht nicht allein um eine grammatikalisch verunglückte Satzkonstruktion auf einer Pressekonferenz, die sich missdeuten lässt, wenn man Übles gegen eine Buchautorin im Sinn hat.

Vielmehr lässt sich an dem spektakulären Rummel um die abgehalfterte Fernsehmoderatorin Eva Herman ablesen, wie zum Zerreißen gespannt die geistige Situation in unserem Land ist: Auf der einen Seite die Dampfwalze einer seit 1969 das innere Aktionsfeld unserer Republik bestimmenden liberal- neomarxistischen feministischen Ideologie. Durch deren massive Verdrängungsdecke quellen unablässig die negativen Ergebnisse der seit vierzig Jahren revolutionär veränderten Einstellung:

* 50% Scheidungen, unruhige, psychotherapeutisch behandlungsbedürftige Kinder, ein immer mehr absinkendes Leistungsniveau,
* 20% der Schüler ohne Schulabschluss,
* 51% der Studenten ohne Universitätsexamen,

absinkende Zahl der Eheschließungen, Geburtenschwund ohne Ende, Massenabtreibung, hohe Kriminalität, das Avancieren der Depression zur zweithäufigsten unter den Krankheiten.

Mit aller Macht wird seit Jahrzehnten versucht, das Ungute dieser Entwicklung herunterzuspielen, ja, es überhaupt zu überhören. Aber die Halden verstörter Seelen werden immer höher, sie lassen sich nicht mehr durch Lärmkulissen verschleiern.

Auf der anderen Seite eine ahnungsschwere Bevölkerung, die zwar selten die Ursachen des Verhängnisses und den Zusammenhang mit dem vielen selbstgemachten Unglück und dem Verarmungsprozess zu durchschauen vermag (schließlich wurde sie kaum einmal unverblümt informiert). Aber sie spürt: Hier ist etwas faul im Staate Dänemark, schon ganz und gar, seit sogar die CDU die Fahnen gestrichen hat...

Deshalb muss man gegen diese eine von ihnen aus der Phalanx der Mächtigen, die ausgeschert ist und die gegen die Betondecke der Verdrängung auf die Barrikaden geht, mit diesem medialen Kanonengedonner vorgehen; denn mit Recht fürchtet die Mediendiktatur das Aufwachen der jahrzehntelang für dumm Verkauften.

Es könnte ins Bewusstsein geraten, dass ohne genug intakte Familien am Ende nur noch Verzweiflung bleibt. Es könnte bemerkt werden, dass ohne Mütter, die sich ihren Babys und Kleinkindern hinhalten, keine Leistungsgesellschaft aus dem Boden zu stampfen ist. Ja, es dämmert sogar vom Horizont her, dass es eben nicht geklappt hat mit der Eigenorganisation des Menschen ohne Gott.

Montag, 15. Oktober 2007

Dawkins in Frankfurt


Nun hat er ihn also erhalten, den Deschner-Preis. Und es gibt einen wunderschönen Bericht darüber. (hp-online.de) Die vielleicht wichtigste Äußerung tat der alte Karlheinz Deschner, der in seiner Rede ausführte:
"Wir haben also - welche Toleranzbreite! - einen Approximativ-Atheisten, der den Preis, freundlicherweise, empfängt; einen Agnostiker, dessen Namen er trägt; ja, und eine preisvergebende eher atheistische Stiftung, die sich nach einem Pantheisten benennt. Aber, meine Damen und Herren, die berühmtesten Leute sind Pantheisten, Goethe, Spinoza, nicht minder Berühmte sind Agnostiker, David Hume, (mit Einschränkung) Kant; Agnostiker auch Comte, Spencer, Darwin, Russell, Camus, die meisten Neukantianer und Positivisten."
Schön, auf den Fotos immer wieder den fröhlichen Richard Dawkins zu sehen. Links neben ihm oben Franz M. Wuketits, der die Laudatio hielt. - Suche ich nicht richtig oder stimmt es: Keine deutsche Zeitung hat darüber berichtet??? (Meine Suchworte: Dawkins, Deschner.)

Samstag, 29. September 2007

Richard Dawkins und Giordano Bruno treffen sich auf der Buchmesse in Frankfurt am Main

Für Religionskritiker und kirchenfreie Religiöse in Deutschland wird die Verleihung des Deschner-Preises an Richard Dawkins am 12. Oktober in Frankfurt eines der wichtigsten Ereignisse in diesem Jahr und zumal auf der Buchmesse sein. (Deschner-Preis.de) Sie findet statt in der Aula der Universität Frankfurt auf dem Campus Bockenheim, Einlaß - freier Eintritt - ab 18.30 Uhr, Beginn 19 Uhr.

Hier der Programmablauf:

Filmeinspielung:
„Heidenspaß statt Höllenqual: Eine kurze Geschichte der gbs“ (Ricarda Hinz)

Begrüßung (Dr. Carsten Frerk)

Preisbegründung:
Warum die Giordano Bruno Stiftung Richard Dawkins mit dem Deschner-Preis auszeichnet (Dr. Michael Schmidt-Salomon)

Filmeinspielung:
"Aufklärung ist Ärgernis: Deschners Aphorismen" (Ricarda Hinz)

Gedanken zur Vergabe des Deschner-Preises (Dr. Karlheinz Deschner)

Filmeinspielung:
Richard Dawkins: "The Root of all Evil"

Laudatio auf den Preisträger Richard Dawkins (Prof. Dr. Franz M. Wuketits)

Feierliche Übergabe des Deschner-Preises durch Herbert Steffen und Dr. Ernst Salcher (Vorstand der Giordano Bruno Stiftung)

Dankesrede
(Prof. Dr. Richard Dawkins)

Schlussmoderation (Dr. Carsten Frerk)

Outro: Always look on the bright side of life (Monty Python)

***

Ende des Festakts ca. 20:30 Uhr

Danach: Ausklang im Foyer

Für mich stehen fast nur hochinteressante Redner auf dem Programm. Michael Schmidt-Salomon hat, wie mehrmals hier auf dem Blog ausgesprochen, in den letzten Fernseh-Sendungen mit ihm einen ganz hervorragenden Eindruck gemacht, äußerst kluge Gedanken geäußert und - nach meinem Gefühl - sehr weise und auch gelassen, ausgewogen und heiter argumentiert. Über Karlheinz Deschner, den Verfasser der "Kriminalgeschichte des Christentums" muß unter Kennern gar nichts mehr gesagt werden. Und dennoch wird es von großem Interesse sein zu hören, was er aktuell zu den Debatten rund um Richard Dawkins' "Gotteswahn"-Buch zu sagen hat.

Dann aber wird außerdem der Wiener Soziobiologe Franz Wuketits sprechen, ebenfalls ein Verfasser vieler hochinteressanter Bücher über Soziobiologie, sowie Biologie und Evolution allgemein. Daß es von großem Interesse sein könnte, einmal Richard Dawkins "live" zu erleben, braucht wohl ebenfalls kaum noch betont zu werden.

Man könnte also jedem nur dringlichst empfehlen, an dieser Veranstaltung teil zu nehmen, so es möglich ist, und zumal wenn man es für plausibel halten könnte, daß der angekündigte "freie Eintritt" bei einem so großen Andrang wie er erwartet werden kann, irgendein Sinn zugesprochen werden kann. (Die Aula ist - wenn mir das recht in Erinnerung ist - so groß nicht. Und schon seit Monaten verspricht die GBS "Sitzplatzreseverierung" für Förderer und Journalisten.)

Montag, 13. August 2007

Giordano Bruno auf dem Vormarsch - in der Schweiz und anderswo

In dem neuesten Rundbrief der Giordano Bruno-Stiftung vom 2. 8. (GBS) wird auf die große Resonanz der Sendung "Sternstunde Philosophie" in der Schweiz hingewiesen, die dort - inzwischen wiederholt (zehnmal!) - im Fernsehen ausgestrahlt worden ist. "Studium generale" hatte ja ebenfalls schon vor Monaten auf diese eindrucksvolle Sendung hingewiesen. (St. gen.)
Starke Medienpräsenz der GBS in der Schweiz
Zahl der Föderkreismitglieder steigt auf über 600

Die Zahl der Freunde und Förderer der Giordano Bruno Stiftung ist mittlerweile auf über 600 angestiegen. In den letzten Wochen kamen insbesondere aus der Schweiz viele neue Mitglieder hinzu. Grund dafür ist wohl die momentan außergewöhnlich starke Medienpräsenz der GBS in der Schweiz. So wurde die Sendung "Sternstunde Philosophie" mit Michael Schmidt-Salomon im Schweizer Fernsehen insgesamt zehnmal ausgestrahlt, zudem brachte das Schweizer Radio vor kurzem ein etwa 30minütiges Interview mit dem GBS-Vorstandssprecher, das zurzeit auch im Internet nachgehört werden kann. Wie stark die Resonanz auf diese und ähnliche Sendungen in der Schweiz war, lässt sich u.a. daran ablesen, dass das im Auftrag der GBS geschriebene "Manifest des evolutionären Humanismus" seit einiger Zeit unter den Top Ten der offiziellen Bestsellerliste des Schweizer Buchhandels aufgeführt wird.

Link: Ethik ohne Gott? DRS2-Interview mit Michael Schmidt-Salomon
In dieser neuen Radio-Sendung hört man wohl so ziemlich zum ersten mal, daß Michael Schmidt-Salomon auch von einer "mystischen Verbindung mit der Welt" zu sprechen weiß, die er auch selbst glaubt, erleben zu können. Er spricht also tatsächlich von erfahrbarer Religiosität oder zumindest von individuell erfahrbarer sinnvoller philosophischer Deutung unserer Existenz. Der häufige Vorwurf, naturalistisches Denken führe unweigerlich zu Areligiosität, zu "Entzauberung" und vielem anderen mehr, erweist sich also einmal aufs Neue als ganz und gar unwahr. Anders als jetzt MSS kann man wohl auch als Sprecher einer "Giordano-Bruno-Stiftung" nicht auftreten, denn der Philospoph und Naturforscher Giordano Bruno war bestimmt kein "entzauberter" Atheist, sondern sprach von der Ehrfurcht vor diesem riesigen Weltall und von der Verbundenheit der menschlichen Seele mit demselben. Ein Buchtitel von ihm spricht von den "heroischen Leidenschaften" ...

MSS spricht nun sehr richtig auch von der "herrschaftsstabilisierenden Funktion" von monotheistischer Religiosität, um dessentwillen sie leidenschaftlich kritisiert werden muß. - "Welche philosophische Antwort auf die Sinnfrage ist für Sie die wichtigste?", wird MSS von der Moderatorin gefragt. Er antwortet - noch recht schlicht aber überzeugend - mit den Worten "Sinn und Sinnlichkeit". Zufällig sind dies die Worte des deutschen Titels des Lieblingsfilmes manches Verehrers der britischen Schauspielerin Emma Thompson und der britischen Schriftstellerin Jane Austen. Ihr Roman "Sense and Sensibility" muß aber ins Deutsche besser übersetzt werden mit Worten wie "Verstand und Gefühl" oder auch "Schicklichkeit und Empfindsamkeit". Im weiteren spricht MSS von Epikur. Die Stoa ist doch aber auch nicht zu verachten?

Die "Poesie der Wissenschaft"

Und dann spricht MSS von der "Poesie der Wissenschaft". Die Erkenntnisse der Wissenschaft sind viel phantastischer als alles, was traditionelle Religiosität vermitteln kann. MSS spricht sehr gut und überzeugend darüber: "Gefühl des Verbundenseins mit diesem Kosmos", "Geschmack für das Unendliche". "Wie unendlich gigantisch ist das Universum ..." Diese Fakten, so MSS, sollten nicht "mittels religiöser Heilserzählungen verdrängt werden". - Es ist gut, daß es jemanden gibt, der diese schlichten Dinge ausspricht. Warum ist MSS da immer noch so ein einsamer Rufer in der Wüste?

Hier auch noch einmal der Verweis zu der Sendung "Sternstunde Philosophie", die man sich auch auf den Rechner herunterladen kann. Die neue Radio-Sendung jedoch kann man für noch wichtiger halten, da MSS in dieser in seinen philosophischen Deutungen weiter geht und konkreter wird. Da kann man dann auch bald eine Mitgliedschaft in der Giordano Bruno-Stiftung für sinnvoll halten.

Montag, 2. Juli 2007

Atheistische Bekenntnisse gleich reihenweise in Wien

In Wien fand das "2. Wiener Nobelpreisträgerseminar" statt, auf dem "atheistische Bekenntnisse" gleich reihenweise abgegeben wurden (Die Presse):
Ein atheistisches Bekenntnis. Gleich noch eines. Und ein Bekenntnis als „hartgesottener Atheist“ (...). Selten wurde die (gar nicht explizit gestellte) Gretchenfrage so flott und freudig beantwortet wie von den drei Stargästen beim zweiten Wiener Nobelpreisträgerseminar: Tim Hunt (England), Roger Kornberg (USA), Richard Roberts (USA). (...) Unter Naturwissenschaftlern, vor allem Biologen, gehört es heute zum guten Ton, sich von Religion, besonders vom Christentum, geradezu angewidert zu distanzieren.

Religiöse Erziehung grenze für ihn an Kindesmissbrauch, sagte Roberts und fragte: Sollten wir die Kinder nicht lieber ins Laboratorium schicken statt in die Kirche? Heftiger Applaus.
"Die Presse" (Thomas Kramar) mutmaßt:
Das ist wohl ein Ergebnis der törichten anti-evolutionistischen Attacken christlicher Gruppen in den USA.
Wir wollen für Herrn Kramar hoffen, daß er sich da nicht allzu sehr irrt. Aber vielleicht hat man auch ohne diese "törichten anti-evolutionistischen Attacken christlicher Gruppen in den USA" allmächlich wirklich die Nase voll von all der Theologie, also von Theologie ganz allgemein und umfassend. Denn es wird doch immer offensichtlicher, daß sie auch heute noch den offenen, freien Blick auf unsere Welt versperrt, eine Barriere gegenüber der Welt aufbaut in jenem Augenblick, in dem Menschen nahegelegt wird, einem bestimmten Text mehr Bedeutung zuzusprechen, als ihm von Hause aus wie jedem beliebigen anderen Märchen zukommt. In dem Augenblick, in dem Menschen nicht mehr als Menschen, sondern "salbungsvoll" als Theologen sprechen.

Und von einem solchen weiß auch "Die Presse" - natürlich - wieder einmal zu berichten:
Da hatte es der evangelische Theologe Ulrich Körtner, den man, als Quotenchrist sozusagen, auch aufs Podium gebeten hatte, nicht leicht. Religiosität könne eine Quelle für wissenschaftliche Bemühungen sein, meinte er, und plädierte für „das Recht, nicht perfekt zu sein“.
Das ist zwar schön gesagt. Aber so etwas hört man lieber aus dem Mund eines beliebigen Geistes- oder Naturwissenschaftlers, nicht aber aus dem Mund eines Theologen, der im Grunde genommen zu keinen von beiden Gruppen gehört. Sondern er gehört zur Gruppe der Märchen-Erzähler, eine Personengruppe, die als solche in wissenschaftlichen Diskussionen normalerweise nichts zu suchen hat. Es werden ja derzeit auch nicht Erzählerinnen und Deuter der Märchen der Gebrüder Grimm auf ein solches Podium geladen.

Wir erfahren aber über einen solchen Märchenerzähler nun weiter:
Er sei aber auch für mehr Freiheit für die molekularbiologische Forschung in Österreich: Die aktuelle Gesetzeslage entspreche der katholischen Position und der Ausrichtung der letzten Regierung.
Nach diesem Abschweifen in die Märchenwelt kehrt der Artikel zur Wissenschaft zurück und berichtet:
Dass die Gesetze – für Präimplantationsdiagnostik, Genanalyse, Forschung an embryonalen Stammzellen – in Österreich zu restriktiv seien, darauf konnten sich alle auf dem Podium einigen. Tim Hunt fand es gar „absolut bizarr“, dass Präimplantationsdiagnostik – genetische Untersuchung befruchteter Eizellen vor der Implantation bei künstlicher Befruchtung – verboten ist. Zu Mittag hatte er schon gesagt, dass Klonen für ihn per se „kein Alptraumszenario“ sei. Betont affirmativ sieht auch Roberts die Zukunft seiner Branche: Schon bald werde man routinemäßig DNA von Menschen sequenzieren, um deren Neigung zu Krankheiten festzustellen.
Darüber ist ja auch hier auf dem Blog schon viel berichtet worden.

Sonntag, 17. Juni 2007

Atheismus: stark und schwach

Wenn ich mich in die gegenwärtig vorherrschenden intellektuellen Strömungen einordnen sollte, die es gegenüber der Frage von Religion und Religiosität gibt, dann würde ich mich noch am ehesten zu den Atheisten oder Agnostikern zählen. Es gibt noch die "Pantheisten" und die "Religiösen Naturalisten", denen ich mich eigentlich als näherstehende empfinde. Aber diese haben derzeit eine noch viel kleinere "Agenda", noch viel weniger stringente intellektuelle und ethische Konzepte als die Atheisten, noch weniger Bestseller-Autoren als die Atheisten, die sich ja selbst derzeit gerade erst neu zu formieren scheinen.

Aber gerade wenn ich bereit bin, mich als Atheist zu identifizieren, dann kommt es wie ein "Schocker", wenn man eben - immer wieder - erfährt, daß Atheisten die sozial unfähigsten und unkooperativsten Leute sind. Sie haben die wenigsten Kinder, ihre Ehestabilität ist die geringste (siehe Michael Blume). Aber nicht nur das. Humangenetiker Razib Khan macht neuerdings darauf aufmerksam, daß Atheisten statistisch in keiner Weise mithalten können, was Übernahme sozialer oder gesellschaftlicher Verantwortung betrifft.
  • Those with no faith tend to be youger, more male and college eduated
  • Those with no faith tend to give less to charity and volunteer less
Konkreter:
They are less likely than active-faith Americans to be registered to vote (78% versus 89%), to volunteer to help a non-church-related non-profit (20% versus 30%), to describe themselves as "active in the community" (41% versus 68%), and to personally help or serve a homeless or poor person (41% versus 61%).
Das weist auf ganz tiefe und grundlegende Schwächen eines atheistischen Welt- und Menschenbildes hin, mit dem ich mich in keiner Weise identifizieren möchte. Macht Atheismus egoistisch? Man möchte sagen: Atheismus oder Agnostizismus ist intellektuell stark, redlich, wahrhaftig. Aber warum ist er gleichzeitig auf dem Gebiet von Moral und sozialer Verantwortlichkeit so schwach? Sollte das nicht jeden Atheisten oder Agnostiker tief betroffen machen? Sollte sich davon nicht jeder Atheist angesprochen fühlen, herausgefordert fühlen? Oder ist ihm das - auch das - egal?

Dienstag, 12. Juni 2007

Intelligent Design-Anhänger haben - ausnahmsweise einmal - recht

Ein schwerer Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit
- Der Fall des Astrophysikers Guillermo Gonzalez

Das Buch des Astrophysikers Guillermo Gonzalez "The Privileged Planet - How our place in the Cosmos is designed for discovery" (2004) kann man ganz außerordentlich lieben. Ich jedenfalls tue das. Und ich wurde auf das Buch aufmerksam durch eine Rezension des bekannten Paläontologen Simon Conway Morris, dessen Buch "Life's Solution - Inevitable Humans in a Lonely Universe" (2003) von Richard Dawkins im letzten Kapitel seines Buches "An Ancestor's Tale" (2004) sehr anerkennend behandelt wird.

Guillermo Gonzalez steht dem amerikanischen "Discovery Institut" nahe, also dem Think Tank der amerikanischen Kreationisten und der amerikanischen Anhänger des Intelligent Design. Ich fand das nicht tragisch, denn die rein wissenschaftlichen Ausführungen in seinem Buch werden davon offensichtlich nicht beeinflußt. Ja, dieses Buch ist eines der besten Zeugnisse dafür, daß der moderne Kreationismus, daß eine Evolutionsforschung im Sinne von Kardinal Christoph Schönborn nicht nur Unsinn hervorbringen muß, sondern im Gegenteil manchmal ganz hervorragende Forschungsergebnisse.

Gonzalez erweitert in dem Buch - wie schon aus dem präzisen Titel hervorgeht - praktisch das Anthropische Prinzip, das in der Astrophysik längst anerkannt ist, um noch eine ganze Reihe weiterer Aspekte, die den "Design" unseres Weltalls und unseres Platzes im Kosmos nur noch immer um so erstaunlicher und erstaunlicher machen. Beispielsweise schon allein die Tatsache der "Paßgenauheit" von Sonnenfinsternissen, die Gonzalez am Anfang behandelt, lädt zu großem Erstaunen ein. Daß man es hier tatsächlich mit sehr viel "Intelligent Design" zu tun haben könnte, dafür referiert Guillermo Gonzalez jedenfalls eine ganze Fülle von eigenen, sehr originalen astronomischen Forschungs-Arbeiten.

Guillermo Gonzalez wurde 1963 in Kuba geboren, von wo aus seine Familie 1967 in die Vereinigten Staaten flüchtete. (Evolutionnews.org 1, 2) Er ist Autor von 68 wissenschaftlich begutachteten Zeitschriften- Artikeln, über die in "Nature", "Science" und im "Scientific American" berichtet worden ist. Um so erstaunlicher ist es, daß sich so wenige Fachkollegen gegenwärtig für ihn einsetzen.

Sind wir Menschen der Sinn des Universums?

Denn man muß ja keineswegs zwangsläufig der Meinung sein, daß dieses von Gonzalez erforschte "Design" durch einen supernaturalen Gott oder Schöpfer hervorgebracht worden ist. Das wäre ja ganz unwissenschaftlich und wäre eine theologische, keine philosophische Deutung naturwissenschaftlicher Tatsachen. Aber das unübersehbare "Design" überall in der Natur, das ist nun einmal nicht wegzuleugnen und das läßt es auch sehr zweifelhaft erscheinen, ob - zum Beispiel - Michael Schmidt-Salomon recht hat, wenn er so selbstverständlich von einem "sinnleeren Universum" spricht. Dies steht übrigens auch in klarem Widerspruch zu der Anschauung des naturalistischen Philosophen Giordano Bruno, nach dem die Organisation benannt ist, der Michael Schmidt-Salomon vorsteht. Das Universum scheint voll von Sinn zu sein, wenn man sich alles ansieht, was man da vorfindet. Das hat nicht nur Giordano Bruno so gesehen, sondern nun auch - neben zahlreichen anderen Physikern und Philosophen - Guillermo Gonzalez. Und dieser Sinn scheinen wir Menschen zu sein.

Jedoch ist ganz und gar nicht einzusehen, warum dieser Sinn ausgerechnet auf eine vor 2.500 Jahre unter bestimmten geschichtlichen Umständen entstandenen Gott-Vorstellung zurückgeführt werden soll, die zu keinerlei naturwissenschaftlichem Weltbild auch nur irgendwie paßt.

Simon Conway Morris vertritt ja eine ähnliche Gott-Vorstellung wie Guillermo Gonzalez, grenzt sich aber energisch von Vertretern des Intelligent Design ab. Guillermo Gonzalez nun tut das nicht. Das kommt schon schon darin zum Ausdruck, daß er für sein Buch einen Theologen des Discovery Instituts zum Koautoren gewählt hat. Auch dessen Ausführungen finde ich übrigens meistenteils gar nicht so dumm. Jedenfalls sind sie wesentlich klüger als das, was man sonst so von Theologen zu hören und zu lesen bekommt. Das liegt wahrscheinlich daran, daß dieser im Grunde gar nicht vorwiegend theologisch argumentiert, sondern vor allem rational philosophisch. Bibel-Zitate tauchen so gut wie gar nicht auf in dem Buch. Für mich ist dieses Buch also ein durch und durch wissenschaftliches Buch. Und zwar sogar: eine Wissenschaft vom Allerfeinsten. Weil sie auf faszinierenste Dinge im Weltall aufmerksam macht.

Die Vernunft gegen zu radikale Atheisten in Schutz nehmen

Schade, daß es - ebenso wie das Buch von Simon Conway Morris - noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Es ist eine Wissenschaft, die aufzeigt, daß es sinnvoll sein kann, daß die Vernunft gegen gar zu radikale Atheisten in Schutz genommen werden muß, wie ja neuerdings ganz überraschend sogar von Kardinal Schönborn verlangt worden ist. Er sagte, die katholische Kirche befinde sich heute in der merkwürdigen Lage, die Vernunft gegen jene in Schutz nehmen zu müssen und verteidigen zu müssen, die sich immer so besonders stark als Vertreter derselben gesehen haben. Das zielte natürlich insbesondere auf alles das, was Simon Conway Morris und Guillermo Gonzalez erforschen.

Nun ist aber einer Pressemeldung des "Discovery-Instituts" (Evolutionnews.org) zu entnehmen, daß dem Astrophysiker Guillermo Gonzales Forschungsgelder verweigert wurden, weil er mit dem Discovery-Insitut zusammen arbeitet. Da sieht man, zu welch einer ideologischen Verranntheit auch atheistische Forscher befähigt sind, die diese Verweigerung von Forschungsgeldern befürworten:

"In a weekend essay in the Des Moines Register, Iowa State Physics Professor John Hauptman explains that ISU astronomer Guillermo Gonzalez was denied tenure because Gonzalez argued that a purposive cause is the best explanation for certain features of our cosmic habitat."

Ein schwerer Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit

"Hauptman equates Gonzalez's design inference with the ancient pagan habit of attributing every mysterious natural phenomenon to the direct activity of some god, concluding that Gonzalez was denied tenure because the astronomer failed to understand that scientists aren't allowed to draw such conclusions."

Das ist in meinen Augen ein schwerer Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit. Jedem Astronomen und Physiker stand es bislang frei, aus seinen Forschungen jene philosophischen oder theologischen Schlußfolgerungen zu ziehen, die ihm als die angemessensten erschienen. Diese Schlußfolgerungen haben bisher nie Rückwirkungen gehabt auf die Beurteilung der Forschungen selbst. Abgesehen von den anfänglichen Durchsetzungskämpfen bestimmter neuer Wissenschaftsrichtungen wie dem Darwinismus, der Soziobiologie und zahlreichen anderen. Wird jetzt auch die Erforschung des Design's des Kosmos und unseres Platzes in ihm zu solch einem "Politikum"?

Daß dies ein Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit ist, wird auch der bekannte atheistische britische Biochemiker Peter Atkins so sehen, der ebensowohl hervorragende Lehrbücher verfaßt hat wie populärwissenschaftliche Bücher. Sein bekanntestes ist das kleine, außerordentlich lesenswerte Buch "Schöpfung ohne Schöpfer", auf das mich vor vielen Jahren schon erstmals mein Onkel hingewiesen hatte. In den weiteren Ausführungen wird nämlich auch Atkins neben dem bekannten Physiker John Barrow zitiert, die die Forschungen von Guillermo Gonzalez schon vorher zustimmend beurteilt hatten:

"... And never mind that ISU tacitly endorsed Gonzalez's work on The Privileged Planet by administering his Templeton grant for the book project while he was writing it. And never mind that the Templeton proposal was persuasive enough to convince prominent researchers to select it for funding, including Max Tegmark, John Barrow, and atheists Peter Atkins and Michael Ruse. And never mind that several other prominent scientists endorsed or favorably reviewed the book, including Cambridge's Simon Conway Morris, Harvard's Owen Gingerich, and a vice president of the Royal Astronomical Society, David Hughes."

Und dann heißt es weiter: "Many world renowned contemporary scientists from various points on the spectrum of belief, including George Ellis, Owen Gingerich, John Polkinghorne, John Barrow, Frank Tipler, Allen Sandage, Paul Davies, and Nobel Laureates George Smoot and Arno Penzias have pointed to a creative intelligence as the most reasonable explanation for things like the Big Bang and the fine tuning of the laws and constants of physics." Man könnte noch viele weitere Wissenschaftler und Wissenschaftsautoren hinzufügen, etwa den Deutschen Hoimar von Ditfurth.

Eine außergewöhnlich spannende Diskussion! (Weitere Informationen im "Chronicle of Higher Education", allerdings nicht freigeschaltet.)

Montag, 11. Juni 2007

Vom Umweltschutz zum Menschenschutz

Der bekannte amerikanische Biologe und Soziobiologe Edward O. Wilson hat um effektiverer Erfolge auf dem Gebiet des Umweltschutzes eine Zusammenarbeit gefordert zwischen Atheisten und bibelgläubigen Menschen und hat dafür mit seinem letzten Buch geworben. Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat wegen der Pathologien moderner Gesellschaften eine Revitalisierung des Religiösen gefordert. So wie die Umweltschützer sehen, daß die moderne Gesellschaft Ressourcen verbraucht, die sie nicht geschaffen und nicht wiederherstellen kann, so sehen ganz genauso Menschen wie Jürgen Habermas und viele andere, daß die moderne Gesellschaft moralische, religiöse, humane Ressourcen verbraucht, die sie nicht geschaffen hat und aus sich selbst heraus nicht wiederherstellen kann. Nun gibt es in Deutschland - ähnlich wie auf dem Gebiet des Umweltschutzes in den USA - auf dem Gebiet des von Jürgen Habermas geforderten "Menschenschutzes" einen Zwiespalt zwischen Atheisten und Bibelgläubigen.

Und man könnte sich überlegen, ob man nicht auch auf diesem Gebiet wie Edward O. Wilson auf dem Gebiet des Umweltschutzes versuchen sollte, vermittelnde Positionen zu formulieren. Gibt es gemeinsame Grundlagen zwischen Atheisten und Bibelgläubigen was Menschenschutz betrifft? Ehrfurcht vor dem Leben, vor der "sublimen Großartigkeit der wirklichen Welt" (Richard Dawkins) haben - so darf angenommen werden - Anhänger beider Denkrichtungen.

Ich möchte nun noch einen Schritt weiter gehen. Auf diesen Gedanken hat mich das neue Buch der Primatologin Barbara King gebracht. Ist nicht auch Atheisten und Bibelgläubigen gemeinsam, was sie sagt: daß Empathie und das Sich-Zugehörig-Fühlen zu den nächsten Mitmenschen, zu den Gemeinschaften, in denen man lebt, die Grundlage aller Humanität (Atheisten), bzw. aller Religiosität (religiöse Menschen) ist?

Sollte es nicht möglich sein, von einer solchen Ausgangsposition aus schlüssige gemeinschaftliche Forderungen in Hinsicht auf einen umfassenden Menschenschutz, in Hinsicht auf einen umfassenden Schutz des Weiterbestandes humaner menschlicher Beziehungen in einer Gesellschaft aufzustellen und abzuleiten?

Aber so lange allgemeine Floskeln aufgestellt werden, nützt es nichts. Der "5. Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland" argumentierte genau auf der soeben skizzierten Linie. Er sagte, moderne Gesellschaften verbrauchen in ihrer "strukturellen Rücksichtslosigkeit gegen Familien" Ressourcen - in diesem Falle den Willen, die Fähigkeit und die Möglichkeit, Nachkommen aufzuziehen - , die sie aus sich selbst heraus nicht wiederherstellen, nicht neu erzeugen können.

Dieser Menschenschutz, der Schutz humaner familiärer Beziehungen zwischen Menschen muß oberstes Ziel aller staatlichen Bemühungen nicht sein, sondern erst wieder: werden. (Denn er ist es doch ganz offensichtlich nicht.) Es sollten nicht nur Klimagipfel, Umweltschutz-Gipfel stattfinden. Es sollten auch Menschenschutz-Gipfel stattfinden. Und diese müssen per se auch Familienschutz-Gipfel sein.

Samstag, 9. Juni 2007

"Nicht außerhalb der physischen Welt" - Fragen zur Gott-Vorstellung F.A. von Hayek's

Michael Blume kündigt (irgendwo in den Kommentaren hier oder auf seinem Blog gestern oder heute) an, sich bei Gelegenheit zur Gott-Vorstellung von F.A. von Hayek äußern zu wollen. Ich hatte auf S. 153 des Hayek-Buches "Anmaßung" von 1988 (also in den beiden letzten Absätzen des Buches) dazu schon etwas mir so interessant Vorkommendes gefunden, daß ich das gleich mal in Form von Fragen hier thematisieren will (vielleicht als Sprungbrett für Michael!). Denn ich merke, man müßte mehr vom Weltbild, Wissensstand von von Hayek wissen, als ich es tue, um alles zu verstehen, was Hayek in diesen beiden Absätzen sagt - oder sagen will.

Zum Beispiel sagt er in einem längeren verschlüsselten Satz:

"Der Ursprung der Ordnung (...) liegt (...) nicht außerhalb der phyischen Welt, sondern ist eines ihrer Wesensmerkmale."

Da möchte ich sofort begeistert zustimmen. Frage mich dann aber bei genauerem Hinschauen, was Hayek wohl mit dem Ursprung meint, anspricht. Das *klingt* sehr tiefsinnig, muß es aber vielleicht gar nicht sein.

Dann setzt er den Satz folgendermaßen fort:

"... und zwar eines, das viel zu komplex ist, als daß einer seiner Teile sich auch nur irgendwie eine 'Vorstellung' oder ein 'Bild' davon machen könnte."

Meine Frage: Warum noch nicht mal "irgendwie"? Natürlich ist auch schon der Bau eines einzelnen Atoms für mich viel zu komplex, um mir davon eine vollständig rationale Vorstellung machen zu können. Dennoch versuchen die Physiker natürlich bildliche Annäherungen: Kraftwölkchen-Bild, Welle-/Teilchen-Dualismus, diese Gelenkmodelle von Atomen und Molekülen, diese Kugel- und Halbkugelmodelle. Alles nur Annäherungen. Aber sie vermitteln einem durchaus schon die eine oder andere Vorstellung. Und warum sollte das beim Ursprung aller Ordnung selbst nun so ganz anders sein?

Wir haben den Urknall, wir haben die Inflation, wir haben Nichtgleichgewichts-Schwankungen, wir haben das Anthropische Prinzip, wir haben - grundsätzlich - eine sehr einfache, sparsame Erklärung dafür, daß und wie "Schöpfung aus dem Nichts" möglich ist. - Also alles schon eine ganze Menge sehr konkreter Annäherungen an den Ursprung der Ordnung, ja sogar der Materie, die von dieser Ordnung geordnet wird. Aber an dem Punkt müssen wir dann halt berücksichtigen, daß das Buch von von Hayek im Jahr 1988 erschien. Damals ging's ja wohl grade erst los mit der "kurzen Geschichte der Zeit" von Stephen Hawking "and all that".

Soll man das Schaffen von Bildern verbieten?

Gut. Und deshalb fragt man natürlich aus heutiger Sicht schon, wie gültig dann der folgende Satz ist:

"Insofern sind religiöse Verbote der Idolatrie, der Schaffung solcher Bilder, durchaus begründet."

Das sehe ich ganz gewiß nur zum Teil so. Geradezu mutet es einem an wie Verzicht auf bohrendes Weiterfragen. Solche "Verbote" sind nur dann begründet, wenn man den Menschen nicht klar genug macht (wie das ja auch der Buddhismus machte und heute eben die Physik), daß Bilder und Vorstellungen (so wie eben die angesprochenen Vorstellungen zum Urknall oder zum Atom) immer nur ein Teil des Ganzen geben, nicht das Ganze selbst, daß Bilder und Vorstellungen deshalb "Maya", Täuschung bleiben. Aber Bilder und Vorstellungen sind ja zugleich auch Ausdruck, Abbild der Ordnung und damit sicherlich auch ihres Ursprungs und haben etwas damit zu tun, führen somit zu diesem Ursprung hin. Und zwar führen sie heute konkreter, detaillierter zu ihm hin als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte.

Funktionsgesetze der Gesellschaft = Gott?

Aber Hayek will sowieso offenbar auf ganz etwas anderes hinaus. Er will ein Plausibilitäts-Argument dafür bringen, warum personifizierte Gottvorstellungen, die er persönlich völlig ablehnt, doch noch "irgendeinen" "Sinn" machen könnten, damit er mit Monotheisten in jenem Gespräch bleiben kann, das er ja mit ihnen doch ganz offensichtlich damals "irgendwie" suchte, und das Michael Blume fortsetzen möchte.

Und so heißt der nächste Satz von Hayek:

"Aber vielleicht können die meisten Menschen sich abstrakte Tradition nur als personifizierten Willen vorstellen. Wenn ja, werden sie dann nicht dazu tendieren, diesen Willen in der 'Gesellschaft' verkörpert zu finden - in einem Zeitalter, in dem deutlichere übernatürliche Bezüge als Aberglauben abgetan werden?"

Nun, die Frage klingt gut. Aber dies war der vorletzte Satz des ganzen Buches und im letzten Satz gibt er dem Satz zuvor eine Bedeutung, die einen diesen dann doch noch einmal genauer anschauen läßt. Er sagt nämlich:

"Vielleicht wird diese Frage über den Fortbestand unserer Zivilisation entscheiden."

Wow!

Auch von Hayek fürchtet sich vor dem Kollaps. Vor dem Untergang unserer Zivilisation.

Und wo sieht von Hayek die Rettung? Daß sich Menschen Gott nur als Personifizierung des Willens ihrer Gesellschaft, ihres Volkes "denken", vorstellen? Man denkt natürlich unwillkürlich an die Juden, das "Volk Gottes". Sind Volk und Gott eins? Aber es hat auch Zwiespalt zwischen Volk und Gott in der Geschichte des Judentums gegeben - ? Ich habe das Gefühl: So kommen wir wohl nicht weiter.

Der Ausdruck "Gott" und seine Deutung

Gehen wir einen Schritt zurück, zum vorletzten Absatz des Buches. Hayek spricht von dem Ausdruck "Gott" und sagt:

"Ganz entschieden lehne ich jede anthropomorphe, personalisierte oder animistische Deutung des Ausdrucks" (Gott) "ab." Auf den ersten Blick möchte ich zustimmen. Aber was heißt denn Animismus? Der Duden sagt mir: "Die Lehre von der Beseeltheit der Dinge." Warum lehnt Hayek eine solche Deutung ab? Was ist denn dann sein "Ursprung der Ordnung"???

Und dann schreibt er weiter: "Die Vorstellung eines menschenähnlichen oder verstandesähnlichen handelnden Wesens scheint mir eher das Produkt einer arroganten Überschätzung der Fähigkeiten des menschlichen Geistes zu sein."

Da stimme ich ja nun wieder vollkommen mit ein. Aber was bleibt denn dann noch von dem Ausdruck Gott übrig, wenn man ihm auch die "animistische Deutung" nimmt? Das sagt Hayek an keiner Stelle. Im Grunde: Wenn er die Deutung geben will, daß die Funktionsgesetze der Gesellschaft Gott seien, dann ist er nicht mehr weit vom Kommunismus entfernt, dessen Gott der Fortschritt ist. Aber warum sagt er es dann nicht? Weil er dann sein Lebenswerk ruinieren würde? ;-)

Was man nicht weiß, darüber soll man schweigen ...

Also: Warum redet von Hayek dann überhaupt von Gott? Nun, er sagt ja schon gleich am Anfang des vorletzten Absatzes: "Ich muß zugeben, daß ich wirklich nicht weiß, was das Wort Gott bedeuten soll."

- Ja, lieber Hayek. Wenn du es nicht weißt, dann solltest du das Wort auch nicht in den Mund nehmen. Also: von Hayek hat überhaupt keine Gott-Vorstellung. Es bleibt, soweit ich sehe, nur noch der "Ursprung der Ordnung" übrig. Aber was von Hayek darunter versteht, hat er ja - an dieser Stelle zumindest - auch nicht gesagt. Die Sache bleibt also mager. Nach meinem Geschmack: Viel zu mager.

Freitag, 8. Juni 2007

"Wettbewerb der Lebensformen" und Gleichschaltung im 20. Jahrhundert

Michael Blume hat es wieder einmal geschafft, Gedanken in Bewegung zu setzen (Studium generale) und einen dazu zu veranlassen, Ergebnisse alter Literatur-Recherchen herauszusuchen. Daß es Atheisten und Kirchenfreie in großer Zahl gibt, ist ja auch ein Phänomen, das erst 100 Jahre alt ist, und mit dem man sich schon häufiger intensiver auseinander gesetzt hat. Es muß ja nicht unbedingt sein, daß 100 Jahre ausreichen, um neue, stabile, evolutiv erfolgreiche Gemeinschaftsstrukturen in diesem Bereich zu etablieren.

Man könnte zum Beispiel in der Gruppe der Religionslosen mal untersuchen, ob es "soziale Marker", Gruppenzugehörigkeiten, Untergruppen gibt, die auch nur *irgendwie* mehr mit Familienstabilität, Kinderzahlen korrelieren, als der Durchschnitt dieser Gruppe heute. Ganz wild durcheinander gefragt:
- Wie sieht es zum Beispiel mit Outdoor-Aktivitäten aus (Häufigkeit etc.)?
- Wie sieht es aus mit gesellschaftlichem Engagement?
- Gibt es bestimmte Berufsgruppen, die herausragen (Pädagogen, Heilberufe ...)?
- Gibt es "Sekten", Gruppierungen, bei denen man diesbezüglich irgend welche Aussagen machen könnte? (Wie sieht es da z.B. mit den Anthroposophen aus? Oder sind die unter der Rubrik christlich einzuordnen?)
- Sollte man sich diesbezüglich einmal die diversesten "neuen religiösen Bewegungen des 20. Jahrhunderts" anschauen? (Dazu unten noch mehr.)
- Wie sieht es aus mit den Lebensreform-Bewegungen des 20. Jahrhunderts?
Wie sieht es nun mit der Stabilität all dieser Gruppen jenseits der "großen monotheistischen Religionen" aus? Das wären dann so in etwa parallele deutsche Untersuchungen zu den Untersuchungen von Richard Sosis zur Stabilität von religiösen und nicht-religiösen gemeinschaftlichen Gruppierungen.

Wandervögel

Wild herausgegriffen: Meine beiden Omas waren Wandervögel, die eine hatte vier, die andere hatte sieben Kinder. Ihrem Lebensoptimismus verdanke also auch ich mein Leben (ebenso wie meine Schwestern). Beide sind entweder kurz vor oder nach der Eheschließung aus der Kirche ausgetreten. Ehestabilität bei beiden bestens. Eine frühere, greise Vermieterin von mir stammt aus einer bekannten Professoren-Familie, der auch Christiane Nüßlein-Vollhart ihr Leben verdankt. Auf den sehr kinderreichen Familienfotos, die meine Vermieterin an der Wand hängen hatte (glaube, sie hatte 10 Geschwister), waren alle Kinder in Wandervogel-Kluft mit dem breiten "Schiller-Kragen" (so hieß der wohl) abgelichtet. (Auch meine Vermieterin selbst hatte fünf Kinder.)

Auch im Wanderverein meiner Eltern waren viele alte Wandervögel, die aus kinderreichen Familien stammten. Und die Kirchennähe der Wandervögel war nicht besonderes ausgeprägt (- ganz bestimmt jedenfalls geringer als bei den Pfadfindern.)

Auch die "großen" Religionen waren einmal klein

Alle heutigen "großen" Religionen sind ja schon das Ergebnis Jahrhunderte langer Auslese-Prozesse. Sie haben alle so ähnlich angefangen, wie die gerade eben erwähnten Gruppierungen. Sie haben alle ebenso in ihren Anfängen Phasen der Instabilität durchlaufen, wie sie seit hundert Jahren kirchenfreie Gruppierungen erfahren, die um neue gemeinschaftliche Lebensformen ringen. Und sie haben in diesen Prozessen ähnlich viele andere instabile, erfolglose Experimente zurückgelassen wie sie auch in den letzten hundert Jahren auf nichtchristlicher Seite wieder "eingegangen" sind.

Totalitarismen bremsen oder stoppen den Wettbewerb

Aber wenn wir weiter darüber nachdenken: Keine dieser Gruppierungen ist irgendwann einmal in größerem Maße als "staatstragend" empfunden worden von den herrschenden Kräften so wie dies von den großen Kirchen immer ganz selbstverständlich der Fall war (zum Beispiel auch im Dritten Reich). Und daß sich keine dieser neuen Gruppierungen bisher stabiler - und in Religions-Statistiken nachweisbar - durchgesetzt hat, ja, überhaupt stabil geblieben ist, liegt natürlich nicht zuletzt auch an den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts. Noch ehe sich viele von diesen neuen Bewegungen stabilisieren konnten, wurden sie schon wieder von diesen Totalitarismen geschluckt bzw. - "gleichgeschaltet".

Bis heute läßt sich das beobachten. Zuletzt wieder die Gleichschaltung der großen Friedens- und Umweltschutzbewegung in Form eines kriegsführenden und mit mörderischen Staatsmännern kooperierenden Außenministers, der den Tief- und Endpunkt einer großen Aufbruch- und Erneuerungsbewegung (sicherlich insgesamt sehr kirchenferner Art) bedeutete. Frühere Gleichschaltungen bezogen sich auf die Bürgerrechtsbewegung in der früheren DDR nach 1989. Und so kann beliebig weiter in der Geschichte zurück gegangen werden bezüglich der Gleichschaltung, dem Absorbieren gesellschaftskritischer, lebensreformerischer Bewegungen. Solche "Gleichschaltungen" werden also sowohl von Orwell'schen "Diktaturen durch Verängstigung" wie von Huxley'schen "Diktaturen durch Verwöhnung" praktiziert - und die zweite genannte Form der Diktatur ist heute - wenn Robert Trivers und Noam Chomsky recht haben - die Gefährlichere, weil viel leichter zu Selbsttäuschungen verleitende. (Studium generale 1, 2)

Und genauso wie sich die großen monotheistischen Religionen am Anfang in heftigen intellektuellen "Weltanschauungs-Kämpfen", "Kulturkämpfen" gegen eine andersartige und anders denkende Mehrheitsbevölkerung durchsetzen mußten, genauso müssen auch heute Kirchenfreie ringen, nicht nur nach innen in Richtung Stabilisierung von Ehe, Familie und etwaiger Gruppenzusammengehörigkeit (siehe etwa Giordano-Bruno-Gesellschaft), sondern eben auch nach außen in Richtung Anerkennung und gesellschaftliche Akzeptanz.

Forschungsliteratur

Wie sieht es nun mit der religionswissenschaftlichen Aufarbeitung all dieser Dinge aus? Vom evolutionsbiologischen Standpunkt ist mir da - merkwürdigerweise - noch überhaupt nichts bekannt. Vom rein geisteswissenschaftlichen Standpunkt ist natürlich da überall schon allerhand "gesammelt" und "gesichtet" worden (- auch von mir, grins: 1 - 12): Da gibt einen "Arbeitskreis zur Geschichte neuer Religiosität im 20. Jahrhundert", organisiert von der Berliner Skandinavistik-Professorin Stefanie von Schnurbein und dem Mitarbeiter der "Stiftung Weimarer Klassik" in Weimar, Justus H. Ulbricht. Da gibt es unter vielem anderen das "Archiv der deutschen Jugendbewegung" auf Burg Ludwigstein (Nordhessen), das die Lebensrefom-Bewegungen des 20. Jahrhunderts aufarbeitet. (1 - 4) Da gibt es die Freireligiöse Bewegung, die selbst und deren Umfeld geschichtlich dokumentiert wird. (5 - 7) Da gibt es dann die breiten, immer stärker ins Politische hinüberschwenkenden Strömungen der "Konservativen Revolution" und der "Völkischen Bewegung" im 20. Jahrhundert. Sie werden natürlich von verschiedensten Seiten aus aufgearbeitet. (8 - 12) Aber natürlich ist auch "Politische Religion" Religion, die religionswissenschaftlich analysiert werden könnte und sollte. Und außerdem wären natürlich auch die Freidenker-Verbände zu berücksichtigen, die dezidiert atheistischen Vereinigungen, sowie dann all die gesellschaftskritischen Protestbewegungen der 1960er und 1970er Jahre, ihre Kommunen, Bürgerinitiativen etc.. Und sicherlich hat eine solche Liste immer noch unwahrscheinlich viel Wesentliche unberücksichtigt gelassen. Zum Beispiel die "Frankfurter Schule", die natürlich auch in gewisser Weise ein "staatstragender Religions-Ersatz" war und ist. Und zwischen all diesen Dingen gibt es dann viele Verflechtungen, fließende Übergänge, heftige Abstoßungen, also insgesamt viel Wettbewerb, aber Wettbewerb, in dessen Verlauf die beiden größten bisherigen Kriege der Weltgeschichte geführt worden sind.


1. Diethart Kerbs; Jürgen Reulecke: Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880 bis 1933, Peter Hammer Verlag, 1998 (Amazon)
2. Symposium des Archivs der deutschen Jugendbewegung: Die Wiederbelebung jugendbündischer Kulturen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft (1945 - 1960), Oktober 2004
3. Hepp, Corona: Avantgarde. Moderne Kunst, Kulturkritik und Reformbewegungen nach der Jahrhundertwende. dtv, München 1992 (1987)
4. Linse, Ulrich: Barfüßige Propheten. Erlöser der zwanziger Jahre. Siedler-Verlag, Berlin 1983
5. Cancik, Hubert: Religions- und Geistesgeschichte der Weimarer Republik. Patmos Verlag, Düsseldorf 1982
6. Bronder, Dietrich: Die Geschichte des Bundes Freireligiöser Gemeinden bis 1945. In: Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands (Hg.): Die Freireligiöse Bewegung - Wesen und Auftrag. Selbstverlag, Krach in Mainz 1959
7. Heyer, Friedrich (Hg.): Religion ohne Kirche. Die Bewegung der Freireligiösen. Ein Handbuch. Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Quell Verlag, Stuttgart 1977
8. Mohler, Armin: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918 - 1932. Ein Handbuch. 4. Aufl. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994
9. Bronder, Dietrich: Bevor Hitler kam. Hans Pfeiffer Verlag, Stuttgart 1953
10. Buchheim, Hans: Glaubenskrise im Dritten Reich. Drei Kapitel nationalsozialistischer Religionspolitik. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1953
11. von Schnurbein, Stefanie; Justus H. Ulbricht (Hg.): Völkische Religion und Krisen der Moderne. Entwürfe "arteigener" Glaubenssysteme seit der Jahrhundertwende. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2001
12. Puschner, Uwe; Schmitz, Walter; Ulbricht, Justus H.: Handbuch zur "Völkischen Bewegung". K.G. Saur Verlag, München u.a. 1996
13. Maier, Hans (Hg.): Totalitarismus und Politische Religionen. Konzepte des Diktaturvergleichs. Band 1 - 3. Ferdinand Schönigh Verlag, Paderborn u.a. 2003

Religionswissenschaftliche Konzepte müssen erweitert werden

Michael Blume fragt mich nach meiner Meinung zu seinem neuen Vortrag in Potsdam vor der von Hayek-Gesellschaft. (Blume 1, 2) Ich glaube, über meine Meinung wird er sich wundern, weil sich mein Ansatz, was die Erforschung von Religion und Religiosität betrifft - oder vielleicht besser: mein Bewußtsein diesbezüglich - seit wir uns das letzte mal darüber ausgetauscht haben, stark (sozusagen) "ins Grundsätzliche" erweitert hat. Und da das folgende sehr lang wird, stelle ich es besser gleich hier in meinen Blog.

Mir ist inzwischen klar geworden, daß man sich je nach den eigenen Voraussetzungen dem Themenfeld Religion und Religiosität ganz verschieden annähern kann. Da ist zunächst die Frage: Was bezeichne ich eigentlich als Religiosität? Da habe ich gerade erst wieder einen Bewußtseins-Sprung gemacht, als ich die Inhalte dieses Beitrags (Studium generale) zur Kenntnis nahm. Wenn ich beispielsweise dem Erlebnis einer einsamen Wanderung in der Natur eine religiöse oder quasi-religiöse Bedeutung zuspreche, dann erweitert das, was man bei der Erforschung von Religiosität alles in den Blick nimmt und bekommt, sofort ganz erheblich.

Man wird sich dann bewußt, daß ein großer Teil der Menschen in der großen Kategorie der "Religionslosen", der "Atheisten", Agnostiker etc. pp. in Michael Blume's Statistiken - zu der ich auch gehöre - natürlich auch "Religiosität" haben - oder haben können. Nur: diese taucht - bisher - (fast zwangsläufig) in keiner seiner Statistiken auf. Und ich glaube, das muß man als heftig unbefriedigend empfinden. Michael wird sagen - und ich traue es ihm zu -, daß es ihm gelingen wird, diese Aspekte früher oder später in seine Ansätze zu integrieren. (Es kommt halt auf die Daten an, die man findet, um sie den eigenen Forschungen zugrunde legen zu können.) Aber so lange das nicht in ausgeprägterem Maße geschehen ist, bleibe ich halt einfach sehr unbefriedigt zurück.

Religiös - und doch in keiner Statistik verzeichnet

Denn ich frage mich: Was soll denn eigentlich bei dem von ihm bis jetzt so begeistert entworfenen "Wettbewerb der Religionen" eigentlich herauskommen? Und warum spricht er nicht besser vom "Wettbewerb der Philosophien und Weltbilder"? Man sollte doch ehrlich sein: Selbst wenn ich mit freiprotestantischen, "reformbewegten" Menschen spreche, von denen einem ja doch der oder die eine oder andere hier oder dort einmal über den Weg läuft, und die einem oft sehr viel sympathischer sein können als viele andere Menschen, so weiß ich doch (so ähnlich wie Michael Holzach bei seiner Auseinandersetzung mit den Hutterern in Kanada das wußte), daß das weder für mich persönlich ein Weg in die Zukunft ist, noch auch für meine Gesellschaft insgesamt.

Wenn wir davon ausgehen, "daß die naturalistische Wende im Menschenbild unwiderruflich ist" (Thomas Metzinger), dann hat eben - rein von der Sache her - ein supernaturalistisches Welt- und Menschenbild einfach keine Überzeugungskraft und Zukunft mehr. Religiosität kann es aber auch ohne ein supernaturalistisches Weltbild geben. Richard Dawkins selbst ist - klar - ein religiöser Mensch. Und ich möchte sagen: Fast die Mehrheit der bedeutenderen, bekannteren Nobelpreisträger und Sachbuchautoren äußert in der einen oder anderen Weise religiöse Überzeugungen. Meistens werden diese rein naturalistisch formuliert. Und selbst bei jenen, die diese Überzeugungen supernaturalistisch formulieren, bleibt die Verbindung zwischen einem supernaturalistischen Gott und dem von ihnen vertretenen naturalistischen Weltbild oft allzu diffus und im Unklaren, es liegt einem "quer im Magen". Einfach weil: "nicht zusammen paßt, was nicht zusammen gehört".

"Wut auf Religionen"

Jetzt ein paar Nutzanwendungen auf den neuen Text von Michael Blume: "Bis heute erkennt man Feinde der Freiheit an ihrer Wut auf Religionen und besonders auf religiöse Minderheiten," sagt er (S. 4). Das ist mir bei weitem zu allgemein, zu pauschal formuliert. Man kann auch Wut gegen Religionen haben, ohne die Religionsfreiheit einzuschränken. Das gilt genauso wie gegenüber Wut auf Philosophien, Ideologien, wenn man intellektuelle Unredlichkeiten oder schlichte Fehler feststellt, überholte, falsche Denkhaltungen oder vieles andere mehr in diesem Zusammenhang zurückweist. Durch Wut und Zorn sind ja übrigens auch in früheren Zeiten viele innerreligiöse Reformen zustande gekommen.

"Der echte Liberale" kann, muß aber nicht jeden Unsinn, jeden epileptischen Propheten oder völkermordenden Gott als Bereicherung empfinden. Und er kann das auch zum Ausdruck bringen, ohne daß er dabei die Freiheit anderer beschneidet. Anders wird ja kein offener und kritischer Diskurs möglich. Das, was man sieht, muß man auch sagen. Und ich sehe es doch.

Auch glaube ich nicht, daß "monoreligiöse Gesellschaften" "tendenziell reaktionär" oder "kollektivistisch-ideologisch" sein müssen, wie Michael sagt. Ich habe grad - eher zufällig - amerikanische Soziologen über die Funktionalität von Religion gelesen (Reynolds/Tanner, "The Social Ecology of Religion", 1995 [fand ich bei Richard Sosis 2003 zitiert]), wo gerade so ziemlich die Hauptthese darin besteht, daß Religion in früheren Zeiten schlicht das war, was "alle" machten, wo also nie jemand dauernd überlegen mußte, ob er es so oder so machen sollte, ob er sich so oder so entscheiden sollte. Ich finde das Buch ngar icht besonders gut, die These ist auch nicht gerade etwas, was einen vom Hocker wirft - aber stimmen tut sie natürlich.

"Tendenziell reaktionär"?

Man kann doch nicht sagen, daß es für Menschen, die im wesentlichen gar nichts anderes kennen als ihre eigene Religion (und das galt für die überwiegende Mehrheit der ländlichen Bevölkerung in früheren Zeiten - und sicherlich noch mehr für Jäger/Sammler-Bevölkerungen) grundsätzlich eine Beschneidung ihrer Freiheit war, daß sie nichts anderes kannten. Das lag einfach schon an den ganz anderen gesellschaftlichen Kommunikations-Strukturen in früheren Jahrhunderten. Während des gesamten Mittelalters gab es in Europa nur eine einzige Religion. Als "Heiden" waren höchstens noch die Juden bekannt und Völker weit draußen am Ende des eigenen Kulturraumes. Aber das alles fast nie als echte Alternative für den eigenen Lebensweg. Binnengesellschaftlich gab es keine religiöse Pluralität, die mit heute vergleichbar wäre.

Oh, und auch die Geschichte der Amischen (Mennoniten) in Europa ist mir ein bischen zu "scharf" von Michael gekennzeichnet. Das unterschiedliche Schicksal der Amischen in Europa und Amerika ist wohl - insgesamt gesehen - nicht im wesentlichen durch unterschiedliches Ausmaß staatlicher Repression und gesellschaftlichen Drucks von außen bestimmt (die gab es ja in den USA auch), sondern - soweit ich sehe - vor allem durch den Sprachunterschied, der in den USA zur Mehrheitsbevölkerung bestand und in Europa nicht. So etwas hält ja eine Gemeinschaft sehr stark zusammen, wenn man an der eigenen Sprache auch in einer anderssprachigen Umgebung festhält.

Die in Europa gebliebenen Amischen gibt es heute schlicht deshalb nicht mehr, weil sie sich assimilierten, nicht weil sie hier im 19. und 20. Jahrhundert noch großartige verfolgt wurden. (In der Pfalz gibt es ja noch eine "Mennonitische Forschungsstelle", wo man sich darüber informieren kann.) Auch in Rußland hielten sich ja die Mennoniten-Gemeinschaften bis in die Stalin-Zeit, ja oft bis heute - aufgrund des Sprachunterschieds. Und sie zerfielen in dem Augenblick oft, in dem die Gemeinschaften die Muttersprache der Umgebung annahmen (sich assimilierten).

"In Europa wurden ihre Gemeinden restlos ausgelöscht", "brutal verfolgt" ist mir also zu undifferenziert. Für das 16. und 17. Jahrhundert in vielen Regionen durchaus, aber selbst da nicht allgemein gültig. Es gab immer in Europa auch tolerante Landesherren, wo viele religiöse Minderheiten Zuflucht finden koknnten. Oft mußte man halt nur, wenn der Landesherr wechselte, in eine andere Region ziehen. Und "liberal" auf dem Gebiet der Kindererziehung kann man die Amischen ganz bestimmt nicht nennen. Aber sie empfinden die Einschränkungen nicht, weil sie subjektiv in einer monoreligiösen Gemeinschaft leben und die Beeinflussung durch das gesellschaftliche Leben außerhalb ihrer Gemeinschaft auf das notwendigste Mindestmaß heruntergeschraubt wird.

Zukunftstragende Ideen und Lebensformen

Der Begriff "Wettbewerb der Religionen" ist vielleicht auch deshalb nicht besonders glücklich für die heutige Zeit gewählt, weil der eigentliche "Wettbewerb" (- darf man das Selektion nennen, ohne mißverstanden zu werden?), was zukunftsfähige Ideen und Lebensformen betrifft, heute so weit ich sehe, nicht im Wesentlichen oder vorwiegend im zwischen-religiösen Dialog stattfindet. „Christliche Ethik ist nicht mehr gegenwartstauglich“, davon ist auch der Biophilosoph Eckart Voland von der Universität Gießen überzeugt. „Der moderne, aufgeklärte Staat ist viel weiter als das Alte und Neue Testament.“ (Studium generale) Damit stimme ich 100%-ig überein.

Der wesentliche Wettbewerb um die zukunftsträchtigen Ideen und Konzepte findet heute längst nicht mehr zwischen den bestehenden großen oder kleinen Religionen statt, sondern ganz unabhängig von ihnen. Und viele finden es fast als ein "retardierendes" Element, wenn man da dauernd noch auf verquastete und veraltete Konzepte Rücksicht nimmt oder Rücksicht nehmen soll.

Von fröhlichem "Wettbewerb der Religionen" kann man sicherlich - wenn man will - bei manchen Entwicklungsphasen etwa der antiken Kultur sprechen. Der Wettbewerb hörte ja schlicht in dem Augenblick auf, in dem sich das Christentum als staatstragend siegreich aus ihm hervorgerungen hatte. Schon damals hätte man sagen müssen (und das haben ja auch viele gesagt): Keine Toleranz für die Untoleranten. Es waren ja gerade die heute vorherrschenden Religionen, die diesen friedlichen Wettbewerb abgewürgt hatten.

Die alten Religionen sind gar nicht echt wettbewerbsfähig

Und der Grund dafür ist, daß sie auf dem Gebiet der Ideen und der Wissenschaft schlicht schon damals gar nicht "wettbewerbsfähig" waren, da sie das antike Prinzip des "logo di donai" (des sich redlich "Rechenschaft geben über") ersetzten durch ein blinden "Glauben", ... "auch wenn es absurd ist". Ich glaube also, gerade die monotheistischen Religionen sind die denkbar schlechtest-geeigneten für einen redlichen Wettbewerb von Ideen und Lebenskonzepten, da sie immer schon von vornherein - bevor sie in eine Diskurs eintreten - von mir verlangen, daß ich etwas als gültig akzeptieren soll, was eben - für mich - sehr heftig infrage steht. Und da es infrage steht, fällt damit alles andere sofort so ziemlich von selbst auch in sich zusammen, so gern ich das - als Wissenschaftler - in seiner inneren Rationalität nachvollziehe und nachvollziehen kann.

Die letzten 2000 Jahre Religionsgeschichte waren jedenfalls so fröhlich nicht. So fröhlich war der "Wettbewerb" im 17. Jahrhundert auch in Deutschland nicht. Also insgesamt: Der Hayek und ein großer Teil moderner, naturwissenschaftlich orientierter Religionswissenschaft kann als Konzept für die Erklärung der Vergangenheit und Gegenwart ganz dienlich sein. Für mich ist aber die Hauptfrage: Welche Schlußfolgerungen ziehe ich aus den Lehren der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft? Und dazu müssen die gegenwärtigen Konzepte und Forschungsansätze zu Religiosität - wie ich denke - noch wesentlich erweitert werden. Der letzte, gute, allgemeinere Ansatz, um Konzepte zu erweitern, stammt, so weit ich sehe, von der Primatologin Barbara King. (Studium generale)

Warum bist du nicht zu Hause geblieben?

Auch könnte man es vielleicht - in Weiterführung von Eckart Voland (siehe oben) - folgendermaßen formulieren: Die "Religionsgemeinschaft" des Religionslosen, des Atheisten ist schlicht der Staat - oder besser vielleicht: die traditionell gewachsene Kultur -, in denen er lebt. Beziehungsweise: die Gesellschaft, in und für die er lebt. Mit dem Zugehörigkeits- und Verantwortlichkeits-Gefühl, das Menschen hierbei entwickeln, werden neue Lebenskonzepte und Weltbilder durchgespielt und diskutiert und gesetzgeberisch festgelegt, die besser gegenwarts- und zukunftstauglich sind, als bisherige Konzepte. In dem Sinne kann man also auch (säkulare) Umweltschutz-Bewegungen, Kinderschutz-Bewegungen, Lebensreform-Bewegungen religiöse Bewegungen nennen. Aber mit welchen Konzepten kann man das theoretisch, wissenschaftlich gültig fassen?

Die traditionellen Religionen sind schlicht nur erfolgreich, weil sie Konzepte anwenden, die sich über viele Jahrhunderte hin bewährt haben. Atheisten sind heute, was Fortpflanzung und Familie betrifft, nicht vergleichsweise so erfolgreich, weil sie eben nach angepaßten Lebensformen suchen, die nicht nur in der Vergangenheit tragfähig waren, sondern die auch - allein mit einem naturalistischen Weltbild - in der Zukunft tragfähig sein werden. Sie sind wie Kolumbus, der alle Brücken hinter sich abbrach. Eine Welt voller Risiken und Gefahren. Und wenn es schief geht, sagen alle: Warum bist Du nicht zu Hause geblieben?

Donnerstag, 7. Juni 2007

"Zerreißen will ich das Geweb der Arglist ..."

Er hat die Schnauze voll - Ein Nobelpreisträger
(Zu Englisch: "He is pissed off ...")

Vorbemerkung (7.2.2016): Das Wort von der "Lügenpresse" kam 2014 auf den Pegida-Demonstraionen in Dresden auf (Wiki). Dieser Beitrag zeigt, dass das Phänomen "Pinocchiopresse", bzw. "Lügenäther" (Peter Sloterdijk) in der Wissenschaft schon spätestens seit 2006 bekannt ist.

Die folgenden Ausführungen werden Wolf Biermann, der auch oft die Schnauze voll hat oder voll nimmt, nicht gefallen. Andererseits müssen nicht jedem die jüngsten, sehr undifferenzierten Äußerungen Wolf Biermanns zum palästinensisch-arabischen Konflikt besonders gefallen. Und man darf sich insbesondere fragen, ob sie im Sinne seiner früh verstorbenen Freunde Rudi Dutschke, Jürgen Fuchs oder Rudolf Bahro wären, die alle - wohl - in ähnlicher Weise gewissen Geheimdiensten unbequem waren, so wie neuerdings der russische Regime-Gegner Alexander Litwinenko.

Robert Trivers

Durch "Gene Expression" stößt man auf ganz neue, sehr direkt politische Implikationen der modernen Soziobiologie und des etwaig durch diese wiederbelebten "neuen Atheismus". - Robert Trivers (geboren 1943) ist nach William D. Hamilton (1936 - 2000) der zweite große theoretische Begründer der Soziobiologie. Er hat das Prinzip des Gegenseitigkeits-Altruismus formuliert in Ergänzung zu William D. Hamilton's Prinzip des Verwandten-Altruismus, also "des E = mc2 der Evolutionären Psychologie". Bis heute hat er viele wichtige, weitere Beiträge zur modernen Evolutionsbiologie geleistet, unter anderem zur Theorie von Täuschung und Selbsttäuschung. Auch ein dickes Lehrbuch hat er verfaßt.

Robert Trivers ist, wie viele wohl heute zum ersten mal erfahren, ein unerschrockener Kritiker politischer Mißstände, vielleicht noch ein viel unerschrockenerer, als sein Freund Bill Hamilton, der in seinen Erinnerungen "Narrow Roads of Gene Land" durchaus auch schon so mancherlei Kritisches und "Unkorrektes" zu äußern bereit war, so daß jedenfalls die Herausgeber mehrmals über der Frage zögerten, ob sie diese Aufzeichnungen vollständig veröffentlichen sollten. Wir haben es also im folgenden mit einem weiteren, neuen Stadium in der politisch unkorrekten Geschichte dieser mißliebigen Wissenschaftsrichtung zu tun: der Soziobiologie ...

Alan Dershowitz

Wohl weil Robert Trivers (amerikanisch-)jüdischer Abstammung ist, interessiert er sich auch sehr stark für den israelisch-arabischen Konflikt (- wie ja jüngst auch Wolf Biermann). Und wie man aus neuesten Berichten erfährt (chronologisch: Inside Higher Education 2005, Seed 2006, Inside Higher Education April 07, Inside Higher Education Mai 07, Frontpage Magazine, Gene Expression), hat er vor kurzem aus diesem Anlaß einen privaten Brief an Alan Dershowitz, den Herausgeber des einflußreichen "Wall Street Journal" und zugleich Professor an der Harvard-Universität, geschrieben, der unter anderem eine heftige Passage enthielt. Sie schlägt einen herausfordernden - oder vielleicht auch richtiger: zornigen - Ton an, wie man ihn in dieser Weise bisher noch niemals von irgend einem Soziobiologen zu politischen Fragen vernommen hat:
“Regarding your rationalization of Israeli attacks on Lebanese civilians, let me just say that if there is a repeat of Israeli butchery toward Lebanon and if you decide once again to rationalize it publicly, look forward to a visit from me. Nazis — and Nazi-like apologists such as yourself — need to be confronted directly.”
Auf Deutsch übersetzt:
"Lassen Sie mich in Hinsicht auf Ihr Entgegenbringen von Verständnis gegenüber den israelischen Angriffen auf libanesische Zivilisten sagen, daß wenn es eine Wiederholung von israelischer Schlächterei gegen den Libanon geben sollte und Sie entscheiden sollten, diesem noch einmal öffentlich Verständnis entgegen zu bringen, daß Sie dann mit einem persönlichen Besuch meinerseits rechnen können. Nazis - und Nazi-ähnlichen Apologeten wie Ihnen - muß man sich direkt in den Weg stellen."
Nun. Recht unzweideutig. Wissenschaftsblogger Razib Khan fragt - rhetorisch -: "Bob Trivers - a bad ass?" Und ein Kommentator schreibt:
"Dershowitz hat wirklich ein schreckliches Maul, das mehr zum Nachteil der eigenen Sache hervorbringt, als er sich selbst vorstellen kann."
Aufgrund dieses Briefes jedenfalls wurde Trivers, der letztes Jahr den "Nobelpreis für Biologie" erhalten hatte (das ist der "Crafoord-Preis für Biowissenschaften"), kurzfristig von einem Vortrag ausgeladen, den er an der Harvard-Universität halten sollte. Dies geschah, nachdem Alan Dershowitz den zitierten Brief ("routinemäßig", wie er sagt) an die Polizei-Abteilung von Harvard weitergegeben hatte.

Norman G. Finkelstein

Trivers, so ist weiter zu erfahren, hatte diesen Brief geschrieben, um den Äußerungen von Dershowitz über Norman G. Finkelstein zu widersprechen, also um zugunsten des Kritikers der "Holocaust-Industrie" Partei zu ergreifen. - Neuerlich eine ziemlich brisante Sache ... Es geht noch weiter: Alan Dershowitz ist einer der prominentesten Vertreter der von Norman G. Finkelstein so apostrophierten und kritisierten "Holocaust-Industrie". Und er hat offenbar versucht, das Erscheinen des jüngsten Buches von Norman G. Finkelstein ("Beyond Chuzpah") zu verhindern. Alan Dershowitz scheint sich nach den Berichten unglaublich durch dieses Buch angegriffen zu fühlen. Das war 2005. - Wie man feststellen kann, ist das Internet voll mit Dershowitz-Kontroversen: Wikipedia.

Forschungsgelder

Dieses Jahr nun verweigerte der Dekan des Universitäts-Fachbereichs, an dem Israel Finkelstein arbeitet, die ihm vom Fachbereich selbst schon mehrheitlich gewährten Forschungsgelder. Es gehen Gerüchte um, daß Dershowitz daraufhin arbeitet, daß Finkelstein entlassen werden solle. Diese Umstände offenbar haben den Brief von Trivers ausgelöst. Aber weiterhin ist auch zu erfahren, daß zwei Schwestern von Trivers mit libanesischen Männern verheiratet sind. Seine Worte sind also aus direkter persönlicher Betroffenheit heraus geschrieben - man könnte auch sagen aus: Verwandten-Altruismus.

Täuschung und Selbsttäuschung

Robert Trivers hat vor allem auch die evolutionsbiologische Funktion von Täuschung und Selbsttäuschung auf der Ebene von Individuen und Gruppen erforscht. In einem Gespräch mit dem berühmten Sprachforscher und Kritiker einer zu Israel-freundlichen US-Außenpolitik, Noam Chomsky, im September letzten Jahres (Seed 2006) wurden daraus zahlreiche Nutzanwendungen für die gegenwärtigen Politik gezogen. So sagte Chomsky zum Beispiel (Hervorhebungen nicht im Original):
"... we now have huge industries deceiving the public—and they're very conscious about it, the public relations industry . Interestingly, this developed in the freest countries—in Britain and the US—roughly around time of WWI, when it was recognized that enough freedom had been won that people could no longer be controlled by force. So modes of deception and manipulation had to be developed in order to keep them under control. And by now these are huge industries. They not only dominate marketing of commodities, but they also control the political system. As anyone who watches a US election knows, it's marketing. It's the same techniques that are used to market toothpaste. And, of course, there are power systems in place to facilitate this. (...) You have to reconstruct a picture of the world in order to be conducive to the interests and concerns of the educated classes, and this involves a lot of self-deceit."
Zu deutsch:
"Wir haben nun riesige Industrien, die die Öffentlichkeit betrügen - sie sind sich dessen sehr bewußt, die Public relation-Industrie. Interessanterweise wurde sie in den freisten Ländern - in Großbritannien und den Vereinigten Staaten - ungefähr in der Zeit des Ersten Weltkrieges entwickelt, als erkannt worden war, daß genügend Freiheit gewonnen war, so daß Menschen nicht mehr länger durch Gewalt kontrolliert werden konnten. So wurden Wege der Täuschung und Manipulation entwickelt, um sie unter Kontrolle zu halten. Und nun sind es riesige Industrien. Sie dominieren nicht allein den Wirtschaftsbereich, sondern ebenso das politische System. Und jeder, der die US-Wahlen beobachtet, weiß, daß es Marketing ist. Es werden die gleichen Techniken benutzt wie die, mit denen Zahnpasta verkauft wird. Und natürlich gibt es da Machtsysteme, die das erleichtern. (...) Man muß ein Bild der Welt zeichnen, um die Interessen und Absichten der gebildeten Klassen zu fördern und dies schließt eine ganze Menge Selbsttäuschung mit ein."
Abb.: Pegida-Demonstration - Dresden, 21. April 2014 (Wiki)
Ein ganzer "Schwarm von Lügen"

Ja, als Zeithistoriker kann man jedes einzelne dieser Worte bestätigen. Das 20. Jahrhundert war ein "Jahrhundert der Lügen". Und was diesen Aspekt der Geschichte betrifft, so scheint das 20. Jahrhundert noch heute nicht zu Ende zu sein. Trivers antwortete unter anderem:
"... So let me ask you, when you think about the leaders—let's say the present set of organisms that launched this dreadful Iraq misadventure—how important is their level of self-deception? We know they launched the whole thing in a swarm of lies, the evidence for which is too overwhelming to even need to be referred to now. My view is that their deception leads to self-deception very easily. ..."
/ Ergänzung Febr. 2015: Soviel schon vor acht Jahren hier auf dem Blog zum Thema "Unwort des Jahres 2014", bzw. zu den Rufen auf den Dresdener Pegida-Demonstrationen "Lügenpresse - halt die Fresse". Chomsky und Trivers jedenfalls sagten schon vor vielen Jahren der Sache nach nichts anderes .../ Trivers sagt gegen Ende des Gespräches unter anderem:
"There is excellent work being done on deception in other creatures. To give you just one line of work that's of some interest: We find repeatedly now—in wasps, in birds and in monkeys—that when organisms realize they're being deceived, they get pissed off. And they often attack the deceiver. Especially if the deceiver is over-representing him or herself. If you're under-representing and showing yourself as having less dominance than you really have, you're not attacked. And the ones that do attack you are precisely those whose dominance status you are attempting to expropriate or mimic.
It's very interesting and it suggests some of the dynamic in which fear of being detected while deceiving can be a secondary signal, precisely because if you are detected, you may get your butt kicked or get chased out."
Das Gespräch ist noch viel länger. Aber mit den gebrachten Auszügen ist zunächst genug von der Richtung des Denkens aufgezeigt worden, das hier verfolgt wird. Insofern der "neue Atheismus" dabei mithelfen sollte, "das Geweb der Arglist" zu zerreißen, wie das ja auch Richard Dawkins, James Watson und viele andere immer wieder tun, könnte man allerdings sehr viel von ihm erwarten:
Zerreißen will ich das Geweb der Arglist,
aufdecken will ich alles, was ich weiß!
In der Tat kann das Verfolgen von Lobby-Interessen interpretiert werden als das Verfolgen von "gruppenevolutionären Strategien". Dazu hat der Evolutionäre Psychologe Kevin MacDonald aufschlussreiche Studien vorgelegt.

/Abbildung hinzugefügt: 7.2.16/
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