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Sonntag, 31. August 2008

Die menschliche Fähigkeit zum Unterscheiden von günstigen und ungünstigen kulturellen Merkmalen

Magnus Enquist
Stefano Ghirlanda
Es gibt verschiedene Theorien darüber, wie es möglich wurde, daß der Mensch so viel mehr Fähigkeiten und Wissen durch Nachahmung und anderes "soziales Lernen" erwerben kann, als der Schimpanse und alle anderen auch sehr intelligenten sozial lebenden Tiere (etwa Delphine, Papageien, Raben etc.). Theorien also darüber, DASS es beim Menschen umfangreiche Weitergabe kultureller Merkmale gibt. Nach Meinung der schwedischen Autoren Magnus Enquista (Bild links) und Stefano Ghirlanda (Bild rechts) (Journal of Theoretical Biology) (1) ist in diesen Theorien bisher zu wenig darüber nachgedacht worden, daß der Mensch nicht nur fähig ist, kulturelle Merkmale zu erlernen und weiterzugeben, die gut für sein genetisches Überleben (oder das seiner Gruppe sind), die also "adaptiv" sind, sondern ebenso solche, die schlecht sind für sein genetisches Überleben (oder das seiner Gruppe). Dies könnte man als einen sehr wichtigen Gedanken empfinden. Denn das ist ja "das Humanum" an sich: Ein viel größerer "Freiheitsgrad" in den Entscheidungen bei der Weitergabe oder Übernahme kultureller Merkmale. Nicht durch die Gene "gezwungen" zu sein, "das Gute" oder das evolutionär Angepaßte zu tun oder zu erlernen.

ResearchBlogging.orgEnquista und Ghirlanda stellen mit ihrer Arbeit nun die neue wichtige, in vielerlei Hinsicht tatsächlich entscheidende Frage: Was bewirkt denn das Herausfiltern von evolutionär schlecht-angepaßten kulturellen Merkmalen in unserer Kultur (oder in der Kultur des ostafrikanischen Australopithecus)?
"To prevent accumulation of maladaptive traits, it appears that each generation must 'filter out', or discard, at least some maladaptive culture. Such adaptive filtering is an important addition that may increase the adaptive value of culture. (...) The possibility of adaptive filtering changes dramatically the coevolutionary scenario for the evolution of social learning. As we saw earlier, in the absence of adaptive filtering genetic evolution is expected to improve social learning until culture is no longer adaptive. (...)

If adaptive filtering is sufficiently strong, however, culture is adaptive. (...) With sufficient adaptive filtering, adaptive culture is possible even if (...) new traits are on average maladaptive. Genetic evolution favors individual capacities for adaptive filtering under broader conditions than capacities for social learning. (...) There can be selection for adaptive filtering even when the adaptive value of culture is small, suggesting that selection for adaptive filtering may have been stronger than selection for social learning at the dawn of human culture."
Tatsächlich, man könnte mutmaßen, daß das "Projekt Mensch" schon sehr früh in einer evolutionären Sackgasse geendet wäre, wenn die genetische Evolution nicht stärker noch als das soziale Lernen an sich die Fähigkeit zum "adaptiven Filtern" kultureller Merkmale hervorgebracht hätte. Der Mensch ist fähig, auf so viele unsinnige Gedanken und "Macken" zu kommen, daß das sehr nötig gewesen sein könnte und immer noch nötig ist.

Die große Frage aber bleibt: Wo ist dieser Scanner? Wie sieht er aus? Nach welchen Kriterien filtert er? Wie sehen seine Auslöse-Mechanismen aus? Meine Vermutung wäre, daß auch dies (zunächst) sehr viel mit "Gruppenverantwortung", mit Verwandten-Altruismus zu tun hat: Reifere, erwachsene weibliche oder männliche Tiere/Menschen in der Gruppe oder auch junge, innovative, sorgen mit wachsamem Auge darüber, daß sich nicht allzuviele maladaptive kulturelle Merkmale in der Gruppe ansammeln, bzw. erfinden adaptive Merkmale. (Vielleicht gibt es hier auch eine Aufteilung der Aufgaben für "Jung" und "Alt": Die Jungen erfinden Neues, die Alten "filtern" davon das Nützliche heraus?) Hierbei kommt dann sicherlich auch zunehmend mehr das logische Denken mit ins Spiel, die Fähigkeit des Durchdenkens von Folgen des Handelns auf der "inneren Bühne" der eigenen Psyche, was in der Folge dazu führen könnte, daß darauf gedrängt wird, gruppen- oder individuen-schädliche kulturelle Merkmale, Verhaltensweisen zu meiden und nützliche (adaptive) Merkmale und Verhaltensweisen zu fördern.

In einem weiteren Schritt wäre über das Themenfeld Täuschung und Selbsttäuschung nachzudenken. Denn der Mensch besitzt in einzigartigem Maße die Fähigkeit, sich selbst zu täuschen und dabei nicht ausreichend über die Folgen seines Handelns nachzudenken. Auch läßt er sich leicht und gern von anderen - bewußter oder weniger bewußt - täuschen. Diese "cheater detection", das Erkennen von Täuschern und Täuschungen (in sich selbst und anderen) dürfte ein wichtiges Merkmal aller menschlichen Kulturen sein, die sich ihre genetische Überlebensfähigkeit bewahren (oder bewahren wollen). Da Menschen sich wohl nirgends so folgenreich belügen und betrügen wie in der Politik, bzw. in der Geschichte, müßte aus evolutionärer Sicht gefordert sein, daß die Fähigkeit zur "cheater detection" gerade bei Politikwissenschaftlern und Historikern besonders ausgeprägt sein sollte.

Die Anwendung auf heutige Verhältnisse westlicher Gesellschaften kann an dieser Stelle des Nachdenkens dem Leser überlassen bleiben, bzw. er kann auf "cheater detection"-Literatur in unserem Buchladen verwiesen werden. Man könnte auch folgendes formulieren: Zeitgeschichts-Forschung ist heute nur noch selten das Erforschen grundlegender Wahrheiten über menschliches Verhalten in der Geschichte, sondern zunächst einmal größtenteils: cheater detection. Abschließend noch einmal die Autoren:
"Culture can remain adaptive, and imitation abilities continue to improve, if maladaptive traits are continuously filtered out. Thus the evolution of adaptive filtering may have been at least as important as the evolution of imitation for the origin of human culture. We may speculate that non-human animals have only rudimentary social learning abilities (compared to humans) not because social learning is especially difficult to evolve, but because it is not useful unless one cannot discriminate between adaptive and maladaptive cultural traits." "The evolution of such 'adaptive filtering' mechanisms may have been crucial for the birth of human culture."
Die Kultur muß insgesamt adaptiv sein und die menschliche Psyche ist fähig zu bewerten, ob sie das ist oder nicht. Der Mensch bleibt aufgefordert, diese seine psychischen Potentiale zu nutzen.

(ursprünglich veröffentlicht am 15.11.2007)

1. M ENQUIST, S GHIRLANDA (2007). Evolution of social learning does not explain the origin of human cumulative culture Journal of Theoretical Biology, 246 (1), 129-135 DOI: 10.1016/j.jtbi.2006.12.022

Mittwoch, 6. August 2008

Wir können unsere Kinder nicht verbessern, nur verschlechtern …

In der „Welt“ vom 28. März findet sich ein spannendes Interview (von Sylke Tempel) mit der Psychologie-Professorin Karen Wynn über neue Verhaltensstudien an sechs und zehn Monate alten Babys. Zwei längere Auszüge daraus:
WELT ONLINE: Frau Wynn, in welchem Alter erlernt ein Kind positives Sozialverhalten?

Karen Wynn: Schon sehr kleine Babys zeigen ein deutliches und meines Erachtens auch angeborenes oder wenigstens evolutionär eingebautes Sozialverhalten. Wir haben Studien durchgeführt mit sechs und zehn Monate alten Babys. Dafür machten wir die Babys mit „Puppen“ vertraut, die aus je einem runden, quadratischen und dreieckigen Holzklotz bestanden, denen wir große Augen angeklebt hatten. Je eine der „Puppen“ mühte sich ab, einen Hügel zu erklimmen. Eine half ihr dabei. Eine andere schubste sie hinunter. Danach forderten wir die Babys auf, sich eine Puppe auszusuchen. Fast alle zogen die „Helferpuppe“ der „Verhindererpuppe“ vor.

WELT ONLINE: Warum sollte dieses Verhalten „eingebaut“ und nicht erlernt sein? Schließlich leben auch Babys in keinem sozialen Vakuum.

Wynn: Zehn Monate alte Kinder sind sicherlich einem hohen Grad an Prägung ausgesetzt. Aber sechs Monate alte Babys hatten noch keine ausreichende Gelegenheit, dieses Verhalten zu erlernen. Sie können gerade sitzen, reagieren auf ihren Namen, verfügen aber noch nicht über sprachliche Ausdrucksmittel. Eine größere „soziale Welt“ eröffnet sich erst, wenn sie beginnen zu krabbeln und Entscheidungen treffen, auf wen sie „zugehen“. Wir haben ähnliche Resultate auch schon bei drei Monate alten Babys gesehen. Das lässt doch sehr darauf schließen, dass wir es mit einer Fähigkeit zu tun haben, die bereits ganz stark und ausgeprägt vorhanden ist.

WELT ONLINE: Entscheidet das den uralten Streit, was unser Sozialverhalten formt – Umwelt oder Genetik?

Wynn: Menschen wie viele Tierarten leben in sozialen Gruppierungen. Sie müssen beständig Entscheidungen treffen, mit welchen Angehörigen ihrer Gruppe sie agieren wollen oder nicht, wer ein guter Sozialpartner ist, mit dem sie Kontakt pflegen wollen und wen sie lieber vermeiden. Meines Erachtens stehen jetzt diejenigen in der Beweispflicht, die solche sozialen Verhaltensweisen mit den Einflüssen der Umwelt erklären wollen. Unsere Ergebnisse zeigen doch sehr stark, dass wir es mit einer bereits vorhandenen Fähigkeit zu tun haben.

WELT ONLINE: Dann gäbe es ein „eingebautes“ moralisches Empfinden?

Wynn: Positives Sozialverhalten muss nicht eindeutig moralisch sein. Es ist vielmehr eine Frage des eigenen Vorteils oder sogar Überlebens. Babys sind absolut hilflos – und obendrein sehr anstrengend. Eigentlich spricht sehr viel gegen sie. Also sind sie abhängig davon, sich in ein soziales Netz einzufügen, das sie mit allen physischen und emotionalen Notwendigkeiten versorgt. Deshalb brauchen sie – wie eben alle anderen sozialen Spezies – eine eingebaute Fähigkeit, gute Sozialpartner eindeutig zu identifizieren und sie für sich zu gewinnen. Es gibt starke evolutionäre Gründe, sich an jene zu halten, die sich einfügen, und jene zu meiden, die diese „Sozialverträge“ nur zu ihren eigenen Gunsten ausnutzen.
Und dann wird eine interessante Frage gestellt:
WELT ONLINE: Wir gehen davon aus, Kindern ein positives Sozialverhalten beibringen zu müssen. Verhält es sich also nicht umgekehrt: Sie besitzen es bereits, und es ist Umwelt, die sie verdirbt?

Wynn: Die meisten Babys sind sehr sozial. Im Fall von Soziopathen können wir aber gewiss behaupten, dass diese Fähigkeit geradezu zerstört wurde – wahrscheinlich in einer Mischung aus genetischen Komponenten und ungewöhnlichen Umständen in ihrer Biografie, die es ihnen nicht erlaubt haben, soziale Bindungen aufzubauen. Sie wissen zwar, was ihre Umwelt unter „Gut“ und „Böse“ versteht, sind aber völlig unsensibel für das Leiden anderer Menschen – oder genießen es, anderen Schmerzen zuzufügen. Auch verstehen sie wie unsere Babys unsere sozialen Verträge, haben sich aber entschlossen, dieses System auszunutzen und nur auf ihren eigenen Vorteil zu achten.
Es folgen noch Erörterungen darüber, inwieweit gruppenkonformes Verhalten von früh auf moralische Entscheidungen mit beeinflussen könnte. Diese sind auch interessant aber noch nicht mit so eindeutigen Forschungsergebnissen verknüpft wie die hier zitierten Erörterungen.

Die zitierten Forschungsergebnisse und ihre Deutung passen gut zu all dem, was wir bisher schon aus der Verhaltens- und Bindungsforschung über Kinderpsychologie wissen. So wissen wir schon seit längerem, daß Kinder mit drei Jahren noch nicht lügen „können“, und daß sie dies erst Schritt für Schritt in den nächsten beiden Lebensjahren sprichwörtlich „lernen“ müssen. (Darüber berichtete „Geo“ schon vor vielen Jahren sehr gut.) Auch das deutet darauf hin, daß Erziehung Kinder immer nur „verschlimmern“, kaum je „verbessern“ kann. Denn besser als wir sind sie, die Kinder, sowieso. Und zwar moralisch besser (um so jünger um so mehr).

Dieses intuitive Wissen, daß Kinder uns auf vielen Gebieten überlegen sind, ist wie in einem Flächenbrand in unserer Gesellschaft verloren gegangen, die sich so „erhaben“ und „weise“ vorkommt gegenüber Kindern, daß sie dauernd glaubt, ihnen alles Mögliche beibringen zu müssen, anstatt sich still zu ihnen zu setzen und erst einmal etwas von ihnen zu lernen. – Eben eine völlig „gottverlassene“ Gesellschaft, die so etwas vergißt, die so etwas überhaupt vergessen kann.

Sich zu Kindern zu setzen und ihr Vertrauen zu erwerben, kostet ja auch Zeit, die man anderweitig viel besser „nutzen“ kann. Zum Beispiel zum Geldverdienen. Zum Beispiel um kinder- und lebensfeindliche Politik zu machen. - Die 22-jährige Kindsmörderin von Nauen fürchtete, wie heute durch die Tagespresse ging, ein zweites Mal ihren Ausbildungsplatz als Zahnarzthelferin zu verlieren wie bei ihrem ersten Kind, wenn sie ihre Schwangerschaft nicht verheimlichen würde und ihr Neugeborenes nicht „beseitigen“ würde. Das ist exakt die Gesellschaft, die wir – offenbar – so lieben. Eine Gesellschaft, in der junge, schwangere Frauen solche „Überlegungen“ anstellen, anstellen können.

Eine Gesellschaft, in der jungen Menschen Ausbildungsplätze wichtiger sind als Kinder. Eine Gesellschaft, die NICHT in hohem Maße anerkennt, daß FRAUEN viele Lasten von Entscheidungen zu tragen haben und Leistungen erbringen, mit denen Männer so gut wie nie konfrontiert sind. Und aus denen sich Männer nur allzu gern zurückziehen und heraushalten. Was ihnen aber die Gesellschaft auch sehr „erleichtert“. Eben: Eine absolut ekelhafte Gesellschaft. Eine abartige, gottlose Gesellschaft.

Ergänzung 29.6.2020: Und Kinder können erst ab sechs Jahren ein Geheimnis für sich behalten, weil sie erst dann überhaupt wissen, was ein Geheimnis ist (1).

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  1. Fischer, Lars: Ab wann Kinder Geheimnisse für sich behalten. Spektrum d. Wiss., 29.6.2020, https://www.spektrum.de/news/ab-wann-kinder-geheimnisse-fuer-sich-behalten/1746972

Mittwoch, 19. März 2008

Der Kindergarten - oder: Die ausgelutschte Zitrone Kind

Wozu hat man Kinder? Um den Alltag nicht mit ihnen zu verbringen?

Abb. 1: F. W. A. Fröbel
- So sieht ein Wohltäter der Menschheit aus?
Ein Vater schreibt an "Stud. gen."*):
Wir haben eine entzückende, kleine, zweieinhalbjährige Tochter. Geradezu "wie aus dem Bilderbuch". Meine Lebensgefährtin geht Vollzeit arbeiten und ich gehe derzeit von zu Hause aus einer Halbtags-Beschäftigung nach und habe dabei bislang auf unsere Tochter aufgepaßt. Nun drängt sich der "Zeitgeist" in unsere Familie.

Meine Lebensgefährtin meint, die Tochter müsse "unbedingt" in den Kindergarten. Und heute hat unsere Tochter ihren fünften Kindergarten-Tag. Grade habe ich sie wieder hingebracht.

Aber wie sieht so etwas aus aus meiner Perspektive?

Bislang war jeder Tag mit meiner Tochter ein Tag voller Freude, Friede und Glück. Voller Ausgeglichenheit.

Vielleicht gelingt das nicht immer zwischen Eltern und Kindern. Aber die Tochter hat ein glückliches Naturell, mit dem ich als Vater gut zurecht komme. Während ich am Rechner sitze und arbeite, spielt sie - in Ruhe und vollkommener Harmonie. Natürlich, es fehlt etwas. Vor allem fehlen Spielkameraden für sie. Sie kann zwar - wie wohl jedes Kind in diesem Alter - viel für sich alleine spielen. Aber immer, das ist natürlich auch ein bißchen einseitig und langweilig.

Und freilich, ich muß mich oft von meiner Arbeit lösen, wenn ich sehe, das Kind muß rauss an die frische Luft, muß laufen, muß sich bewegen. Oft denke ich, ich müßte eigentlich weiterarbeiten. Aber das Kind geht vor. Frische Luft - was ist besser, als frische Luft für so ein Kind? Aber selbst wenn man nun hinaus geht: Alle Kinder in der Wohnsiedlung scheinen im Kindergarten zu sein und die wenigen, die es nicht sind, findet man auch nicht. Selbst nicht auf den zentralsten Spielplätzen. Also auch hier: Einsamkeit für die kleine Tochter. Nicht so schlimm. Sie kann stundenlang mit Sandkasten-Förmchen und ein bißchen Regenwasser in der kleinen, von ihr als "Küche" konzipierten Spielecke spielen - oder was immer sonst. Nur für mich als Vater und Aufsichtsperson wird es leicht ein bißchen langweilig, jedenfalls so "auf die Dauer".

Ja, da sind also mancherlei Gründe, daß man sich sagt, das Kind müßte eigentlich unter Kinder. Aber wie? Wo?

Vielleicht gäbe es noch andere Möglichkeiten (Spielkameraden ins Haus einladen? Welche?) Aber die naheliegendste ist: Kindergarten.

Kindergarten


Natürlich ist die Tochter begeistert. Wir haben die zwei nächstgelegenen zusammen besichtigt, Vater und Tochter. Und der, wo es am meisten Krach und Lärm gegeben hat, und wo die Kinder am chaotischsten herumliefen, der war ihr am liebsten. Klar! Aber man konnte ihr leicht verständlich machen, was auch die Kindergarten-Leitung dem Vater erklärte: Der Kindergarten ist "voll". Warteliste: "ein Jahr", "mindestens".

In einem anderen bekommen wir sofort einen Platz.

So. Und da soll sie nun - vorläufig - hin: drei Tage in der Woche von 9 Uhr bis 12 Uhr.

- Toll?

Ne.

Aus meiner Perspektive als Vater: Ich bin nur noch der Müllablade-Platz für meine Tochter, die - viel - seelischen Müll abzuladen hat nach einem solchen Kindergarten-Tag. Merkwürdig, daß das - offenbar - so wenige andere Eltern erleben. Oder reden sie nur nicht darüber? Versuchen sie es, sich nicht bewußt zu machen? Sie geben wahrscheinlich allem möglichen die schuld, wenn ihre Kinder nervös, unruhig, unerzogen, unaufmerksam, "fahrig" oder "völlig durch den Wind" sind. Bestimmt nicht dem Kindergarten. Dem Kindergarten, dem Kindergarten, dem Kindergarten.

Oh, das ist eine grausame Erfindung. Einem viel gerühmten Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852) haben wir Deutschen und die Welt - offenbar - diese "Erfindung" zu verdanken. (Wikipedia 1, 2) Vorher nannte man das auch - wie ich es treffender benannt finde: "Kinderbewahranstalt". Das ist es doch - und mehr nicht. Und dann lese ich auch, daß Kindergärten in Preußen zehn Jahre lang (zwischen 1851 und 1860) verboten gewesen sind. Was? Waren die damals schon so klug?
(Das preußische Kultusministerium verbot sie am 7. August 1851 wegen „destruktiver Tendenzen auf dem Gebiet der Religion und Politik“ und weil sie „atheistisch und demagogisch“ wären. ...)

Abb. 2: F.W.A. Fröbel
 Sieht denn das keiner?

Muß man noch mehr sagen? Zu was bin ich "degradiert"? Morgens bin ich nur damit beschäftigt, meine Tochter fertig zu machen: Töpfchen, Anziehen, Kämmen, Essen, Anziehen, in den Kindergarten fahren. Dabei der "Zwang zur Pünktlichkeit", der doch noch Grundschulkindern einigermaßen zu schaffen macht. Und jetzt schon bei einer Zweieinhalbjährigen? Ich muß sie dauernd drängeln, damit wir nicht "zu spät" kommen. Und das jetzt - - - "jeden Morgen"? Mittags kriege ich ein "völlig fertiges", übermüdetes Kind zurück, das so fertig ist, daß ein ruhiges, normales Mittagessen überhaupt nicht möglich ist. Bisher jedenfalls. Das Kind ist ein einziger Müllhaufen. Seelisch.

Und mir ist inzwischen auch klar, warum. Äußerlich geht alles freundlich zu in einem Kindergarten, man möchte sagen "superfreundlich". Daran kann es nicht liegen. Der Grund ist, daß die Situation an sich boshaft ist. Kein Kind trennt sich gern von seinen Eltern. Und ihm wird im Kindergarten eingeflößt, daß das "normal" ist. Alle Kinder machen das ja. Und alle sind ja "superfreundlich". Aber alle Reaktionen, die es danach zeigt, zeigen mir, daß das normal nicht ist. Und daß das Unbehagen, wenn meine Tochter andere Mütter sich von ihren Kindern an der Tür des Kindergartens verabschieden sieht, ein wesentliches ist. Es wird von ihr registriert, sie sieht es.

Seit sie im Kindergarten ist, ist sie viel aggressiver. Warum? Weil die Situation selbst aggressiv ist. Meine Meinung jedenfalls. Niemand einzelner ist Schuld. Schuld sind allein die Eltern, also ich, die das zulassen, um die Beziehung nicht auf eine Zerreiß-Probe zu stellen und - natürlich - der Zeitgeist. Es sind wunderbare Erzieherinnen im Kindergarten. An ihnen liegt es nicht.

Also so schnell wie möglich zum Mittagsschlaf mit diesem seelischen Müllhaufen. Essen ist doch sowieso nicht mehr möglich. Nun, zwei Stunden später scheint äußerlich alles wiederhergestellt. Aber die tiefe, gemütvolle, harmonische Beziehung, die entspannte Freude, der Spaß will sich - nach diesem tiefen Einschnitt der drei Stunden Kindergarten, diesen ungeheuer reichhaltigen und vielfältigen Eindrücken für so ein kleines Kind - offenbar auch nachmittags nicht mehr zwischen uns einstellen. Sie kann nicht mehr, wie sonst, still, harmonisch und friedlich spielen. "Fahrig" läuft sie in der Wohnung herum, macht dies, macht das. Macht meistens Mist und Unsinn. Findet keinen Frieden, keine Ruhe mehr in sich, also das, was doch zuvor - für Vater und Tochter - das Schönste war am Tag.

Wozu? Wozu, wozu? Wir hatten so schöne Stunden. Tage. Jeder Tag war ein Fest mit ihr. Und nun?

Und nun? "Auf den Hund gekommen." Eine Kindheit und ihre Frieden zerstört.

Und wie man in der Umgebung sieht, gibt es viele Kinder, die nicht nur drei Tage in der Woche drei Stunden im Kindergarten sind. Nein, sie gehen früher und kommen später, erst am Nachmittag nach Hause. Ganz und gar "kaputt". Nur noch ein "Haufen Elend". Ich sehe es doch. Bei Nachbarkindern. Und das fünf Tage die Woche. - Hat Gott diese Welt wirklich verlassen? Die Hand von ihr abgezogen? Oder bin ich einfach "zu zimperlich", "zu sensibel"? Wir sind doch sonst in allem so ... "supersensibel"? Und in diesen Fragen nicht?

Habe ich meine Tochter nur, um sie die schönsten Zeiten, die man überhaupt mit ihr haben kann im Leben, um sie diese im Kindergarten verbringen zu lassen? Und um mir selbst dann nur den "faden Rest" zu lassen, die "ausgelutschte Zitrone"? Ist das der Sinn? Ist es das, was wir wollen und zu preisen würdig finden?

Ich finde es ekelhaft und könnte erbrechen.
Abb. 3: F.W.A. Fröbel
- Soweit dieser Vater. - Ja, schade, was soll man dazu noch sagen? So wie dieser Vater erlebt vielleicht noch so mancher und so manche die Welt, soziale Beziehungen und Kinder.

Zur Bebilderung dieses Beitrages wurden noch ein paar Fotos von dem F. W. A. Fröbel heraus gesucht. Kann man diesen Menschen freundlich nennen? War er ein "Menschenfreund"? War das gut, was er getan hat? Konnte er ahnen, was er tut? Oder hat der preußische Kultusminister nicht doch auch eine gewisse richtige "Ahnung" gehabt über dessen Tun - ? Waren ihm die möglichen Folgen seines Tuns nicht bewußt? Das "düsterste" Portrait von ihm (ganz oben) scheint einem jedenfalls am ehesten jene Menschlichkeit zum Ausdruck zu bringen, die von ihm und seiner "Erfindung" auf die heutige Gesellschaft ausstrahlt. ...

Donnerstag, 31. Januar 2008

Menschenopfer bei den Maya - warum?

Gibt es angeborene Verhaltensneigungen zu Gewaltbereitschaft bei Menschen?

In einer halbprivaten Email-Diskussionsrunde, die sich durch die Diskussionen auf "Abgefischt" herausgebildet hat, wies Herr Ingo-Wolf Kittel auf einen neuen Artikel im "Spiegel" über Menschenopfer bei den Maya hin. (Spiegel) Und er fragte dazu:
Welche"individuelle angeborene Verhaltensneigungen", gemeinsame "Veranlagung" oder womöglich sogar "Gene" muss man für die Entwicklung und Aufrechterhaltung nachstehend geschilderte religiöser Riten annehmen und worin waren sie adaptiv?
Michael Blume hat auf seinem Blog schon seine Antwort gegeben, der ich weitgehend zustimmen kann. Meine Antwort will ich (auch noch einmal) hier hineinstellen.

(Hm, ob man für solche Diskussionen nicht einen gemeinsamen Blog eröffnen sollte, Michael, Herr Kittel, Lars ..., Herr Dahl, wo man dann alles "gebündelt" hätte?)

Insbesondere bin ich zur Antwort aufgefordert worden, als Herr Kittel seine Frage nach Michael's Antwort präzisierte und Bezug nahm auf unsere jüngste Diskussion hier auf dem Blog rund um den Selbstmörder-Stamm der Suruahe (siehe Kommentare zu ---> diesem Beitrag). Herr Kittel schrieb:
Superantwort, Michael, Klasse, bin beeindruckt - meine Fragerichtung ging jedoch weiter in Richtung der von Ingo II (Bading...) für alles und jedes Tun und Reagieren von uns Menschen (wie von den Triebpsychologen des 19 Jh.'s schon...) in Anspruch genommene Konstrukt einer (von ihm sogar "individuell" für möglich gehaltenen!) "angeborenen Verhaltensneigung"...
Dazu schrieb ich nun:
Hallo an die Runde

- und an meinen Namensvetter insbesondere!

offenbar versuchen Sie, Herr Kittel, mit ziemlich heftigen völkerkundlichen, bzw. religionsgeschichtlichen Schilderungen ein naturalistisches Welt- und Menschenbild aus den Angeln zu heben. (- ?) Wir hatten das Thema ja bei mir auf dem Blog kurz andiskutiert.

Aber worauf wollen Sie hinaus?

Glauben Sie, es ist diskreditierend für ein solches Menschen- und Weltbild, wenn festgestellt werden muß, daß es auch für alle Unmoral, für alles Verbrecherische, was Menschen tun, angeborene Verhaltensneigungen gibt? Natürlich gibt es die? Was haben Sie denn gedacht?

Von der Soziobiologie wird das Thema schon lange diskutiert und erforscht. Eine der frühesten deutschsprachigen Veröffentlichungen zum Thema war die des Göttinger Anthropologen Christian Vogel "Vom Töten zum Mord". Ich habe in meinem Blog eigens eine Rubrik/Kategorie "Boshaftigkeit", unter der ich Forschungen zu dieser Thematik, wenn ich irgendwo auf sie stoße, behandele. (siehe auch: St. gen.) Es war der Freund von William D. Hamilton, George Price, der erstmals darauf kam, daß in den mathematischen Gleichungen zur Erklärung der Evolution von Altruismus auch die Erklärung zur Evolution von Boshaftigkeit ("spite") versteckt sind. (George Price ist eine interessante Erscheinung - siehe "Narrow Roads of Gene Land" von Hamilton.)

Es wird erforscht, warum die Empfängniswahrscheinlichkeit bei Frauen, die vergewaltigt werden, statistisch größer ist, als bei solchen, die im Einverständnis mit dem männlichen Partner zeugen. Es wird erforscht, warum Stiefeltern statistisch gesehen eher dazu neigen, Stiefkinder zu ermorden als andere. Ich hatte erst jüngst auch wieder eine neue deutschsprachige Veröffentlichung zu diesem Thema in der Hand, sie war mir aber zu ekelhaft, habe das nicht vertiefend gelesen. Es war eine Übersetzung des neuen Buches von David M. Buss über die Frage, warum offenbar "der Mörder in uns" steckt. ... (Amazon) ("Warum wir zum Töten programmiert sind", lautet der etwas marktschreierische Untertitel. Ich kann und will dieses Buch nicht empfehlen, will nur sagen, daß dort wahrscheinlich auch manches Wertvollere zum jüngsten Forschungsstand bezüglich dieser Thematik zusammen getragen sein dürfte.)

Aber ich wies ja z.B. insbesondere schon darauf hin, daß bei einigen amerikanischen Ureinwohner-Stämmen (heutigen) der weltweit höchste Anteil von Trägern der erblichen Neigung zu ADHS gefunden wurde. Ähnliches gilt für ein sogenanntes "Krieger"-Gen (MAOA), das offenbar Gewaltbereitschaft fördert (z.B. bei den [früher] kriegerischen Maori auf Neuseeland zu hohen Prozentsätzen verbreitet mit klar sichtbaren gesellschaftlichen Folgen auch heute noch - aber zuerst von Kölner Humangenetikern in einer niederländischen Familie entdeckt).

Die südamerikanischen Yanömamö sind ja auch sehr kriegerische Stämme, bei denen ein hoher Prozentsatz der Menschen (viel höher als in der New Yorker Bronx oder während des Zweiten Weltkrieges in Europa oder Asien) eines nicht-friedlichen Todes, sprich durch Gewalteinwirkung in Gruppenauseinandersetzungen oder Ehestreitigkeit oder ähnlichem ums Leben kommt. Die Frage, warum evolutionär gesehen die Menschen offenbar heute nicht mehr so stark dazu neigen, durch Gewalteinwirkung ums Leben zu kommen wie bei den Naturvölkern, hat der bekannte Evolutionspsychologe Steven Pinker im letzten Jahr auf "The Edge" (und anderswo) sehr grundlegend aufgeworfen. Sie ist sehr interessant.

Jedenfalls paßt in all solche Verhaltensdispositionen die geschilderte Religiosität der Maya sehr gut hinein. (Und natürlich nicht nur diese.)

Ich will meine Thesen (formuliert u.a. auf "Abgefischt") sogar sehr deutlich erweitern und präzsieren: Ich nehme sogar sehr heftig an, daß das Christentum (genauso wie der Buddhismus und der Konfuzianismus) genau Selektion gegen solche genetischen Dispositionen in Richtung Gewaltbereitschaft und -neigung betrieben hat. Diese "Ideologien" haben "Zivilisierung" bewirkt, ohne die arbeitsteilige Gesellschaften mit dichter Besiedlungsdichte wohl nicht besonders gut funktionieren.

Die Bergpredigt von Jesus wird sehr wohl genetische Auswirkungen gehabt haben, wie ich sehr stark vermute. Denn - wie gesagt - selbst in der Bronx wird heute nicht mehr das erreicht, was in Naturvölkern in vielen Teilen der Erde eher die Regel als die Ausnahme war. Sicherlich handelte es sich nicht nur um genetische Selektion, sicherlich reichte vielfach auch die Ausbreitung neuerer "Meme" (neuer kultureller, religiöser) Vorstellungen und Ethiken aus.

Wie der Gen-/Umwelt-Anteil bei einer solchen menschlichen Eigenschaft wie Gewaltbereitschaft einzuschätzen ist, dazu habe ich noch nicht so viel gezielt nachgelesen, darüber gibt es aber sicherlich auch schon viele Studien.

Mittwoch, 26. Dezember 2007

"Samson" - Händels Oper macht traditionelle Gruppen- und Religionspsychologie nachvollziehbar

Zu Weihnachten kann man sich schenken lassen zum Beispiel eine vollständige CD-Aufnahme der Oper "Samson" von Georg Friedrich Händel (1685-1759) (Wiki), die im Jahr 1741 uraufgeführt wurde. Und damit kann man seine religionswissenschaftlichen und gruppenpsychologischen Studien erweitern.

G. F. Händel v. W. Hogharth (von Wiki Commons)

Diese Oper scheint sehr gut für letzteres geeignet zu sein. Geht es in ihr doch um den biblischen, israelitischen Helden Samson, der im Kampf für (seinen) Gott und für sein Volk schlimmste Leiden erfährt. Dabei werden Gott und Volk durchgängig als eine tiefe und selbstverständliche Einheit angesehen. Samson erleidet Gefangenschaft, Blindheit, Verspottung durch ein feindliches, siegreiches Volk, durch die Philister, die einen anderen Gott anbeten.

Und letzteres ist das Schlimmste: daß ein anderes Volk mit einem anderen Gott - und damit dieser Gott selbst - siegreich sind und bleiben sollen. Schließlich gibt Samson seinem Leiden und seinem Tod dadurch einen Sinn, daß er noch zahlreiche Feinde mit sich in seinen Tod hineinzieht und dadurch aus seinem Tod und Untergang ein Triumphlied, ein Siegeslied für seinen eigenen Gott und sein eigenes Volk gestaltet.

Man spürt sofort: Dieser Herr Händel und seine Zeitgenossen haben noch nie etwas von politischer Korrektheit gehört. Wahrscheinlich, nunja, führt eine gerade Linie von Händel zu Hitler. Ob das schon jemand gemerkt hat? (Google-Suche sagt: nein, erstaunlich wenige haben das bis heute gemerkt!)

Händel hat das genannte biblische Geschehen, das zu seiner Zeit ja noch ganz "naiv" gelesen und verstanden wurde (auch ohne jede verweichlichende "Metaphorik"), in eine Musik umgesetzt, die die Handlung und das Leiden des Helden - und das Mitgehen der mitfühlenden "Stammesbrüder", "Volks-" und Religionsgenossen (in Form der Frauen- und Männer-Chöre) - emotional nachvollziehbar macht, wie dies wohl selten später in ähnlicher dichter Weise geschehen ist.

Seine starken und stolzen Rhythmen, seine Sieges-Trompeten und -Gesänge, seine Klagegesänge ...

Aber eine erhöhte Bedeutung erhält all diese Musik erst, wenn man den Text ganz naiv parallel dazu liest und so ernst nimmt, wie er auch von allen Zeitgenossen Händel's und von diesem selbst ernst genommen wurde. Davon, daß Händel diesen Text ernst genommen hat, davon zeugt seine ganze Oper, die Musik von Anfang bis Ende.

Tod des Samson von Gustave Doré (1866)

Man erlebt das erschütternde Schicksal eines für seinen Gott und für sein Volk leidenden und schließlich triumphierenden Menschen. Eines Helden, von dem es abschließend heißt im Text (deutsche Übersetzung):

Glorreicher Held, mag nun dein Grab
Frieden und Ehre allzeit genießen;
nach all dem Leiden, all dem Weh
jetzt ewige Rast und süße Ruh!

Die Jungfrauen werden an Festtagen ihrerseits
sein Grab besuchen mit Blumen und dort beweinen
sein unglückliches Los bei seiner Gattenwahl. (...)

Mag jeder Held den Weg sich bahnen wie du,
durch Kummer zur Glückseligkeit. (...)

Kommt, kommt! Jetzt ist nicht die Zeit zum Klagen,
auch kein Grund zur Trauer: Samson wie Samson starb,
im Leben wie im Tod ein Held. Seinen Feinden
bleibt das Verderben; ihm der ewige Ruhm.

Laßt alle die Seraphim in glühendem Spektakel
die lauten, himmelwärts erhobenen Engelstrompeten blasen.
Laßt die Schar der Cherubime in sangesfreudigen Chören
ihre unsterblichen Harfen mit den goldenen Saiten zupfen.

"Let the bright Seraphim"

Dieser abschließende Absatz beginnt im englischen Original mit den Worten der berühmten Händel-Arie "Let the bright Seraphim", jener Sopran-Arie, die von einer Solo-Trompete begleitet wird und einer der emphatischsten Triumph- und Siegesgesänge der Menschheits- und Musikgeschichte darstellen wird. Bei Youtube findet man zahlreiche Aufnahmen dieser Arie. Die folgende erstgenannte, gesungen von einer Dänin 1993, ist die, die mir selbst am besten gefällt, aber auch die anderen haben ihre Qualitäten. (Youtube 1, 2, 3) Auch die Aufnahme eines Kinderchors ist sehr eindrucksvoll:




Auch die Arie "Total eclipse ..." ("Völlige Dunkelheit") aus dem 1. Akt, 2. Szene der Oper kann einen Eindruck von dem Geist der Oper und seines Helden insgesamt geben:




Samson besingt sein Leiden:

Völlige Dunkelheit! Keine Sonne, kein Mond,
alles finster im Mittagslicht!
O glorreiches Licht! Kein aufmunternder Strahl,
der mir die Augen erfreute mit dem willkommenen Tag!
Weshalb nur hieß Dein Ratschluß, daß ich so elend jetzt beraubt?
Nicht Sonne, Mond noch Sterne kann ich jemals sehen.

Oder die klagende, flammende Arie Samon's "Warum schläft der Gott Israels?" - "Why does the God of Israel sleeps?"




Etwas Aufrüttelnderes als diese Oper wird man selten zu hören bekommen. Georg Friedrich Händel hat diese Oper 1741 komponiert, kurz nachdem er den "Messias" vollendet hatte. Er leitete in den kommenden Jahren neun Aufführungen dieser Oper selbst. Diese riefen die volle Anerkennung im englischen Publikum hervor. Es war dies die Zeit, in der Friedrich II. von Preußen mit seinem ersten schlesischen Krieg begann.

Friedrich II. betrieb einen ähnlichen Heroen-Kult wie Händel. Dieser wurde dann vom deutschen "Sturm und Drang" und der deutschen Klassik, also von Schiller, Goethe, Hölderlin und ihren Zeitgenossen aufgenommen. Auch ein Dichter wie Klopstock muß berücksichtigt werden, wenn man diese "heroische" Zeit der mittel- und nordeuropäischen Geistes- und Kulturgeschichte verstehen will. Ohne sie sind die Französische Revolution und sind damit alle modernen abendländischen Errungenschaften nicht denkbar.

Und möglicherweise bedarf es auch eines ähnlichen Geistes, einer ähnlichen Emphase, einer ähnlichen Bereitschaft zum Leiden, eine ähnlichen Leidensfähigkeit, um den Fortbestand dieser Errungenschaften heute sicherzustellen.


(leicht ergänzt und überarbeitet: 4.11.16)

Donnerstag, 22. November 2007

"Das Judentum ist zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt."

Durchgeknallte neokonservative amerikanische Intellektuelle

Letztes Jahr starb in den USA ein führender neokonservativer Intellektueller, Milton Himmelfarb. Und seine Schwester Gertrude Himmelfarb hat schon dieses Jahr posthum eine Essay-Sammlung von ihm herausgebracht unter dem Titel "Jews and Gentiles". Es umfaßt vor allem Essay's, die seit vielen Jahrzehnten in der renommierten Zeitschrift "Commentary" unter der Herausgeberschaft von Norman Podhoretz erschienen sind. Dieses Buch wurde schon im April von David Gelernter, der beim konservativen "American Enterprise Institute" arbeitet, rezensiert. Die Rezension birgt allerhand Überraschungen. (AEI) Sein Urteil über dieses Buch gleich zu Beginn:
Should you happen to be a Jew or a Gentile, you will find it indispensable.
Also übersetzt:
Sollten Sie zufällig Jude oder Nichtjude sein, so werden Sie dieses Buch unentbehrlich finden.
Als gäbe es keine wichtigere Unterscheidung in der Welt als die zwischen Juden und Nichtjuden. Nun, für - manche - Juden offenbar auf jeden Fall. - Aber wer spricht denn hier eigentlich? Der nächste Satz stellt dann als geradezu selbstverständliche Tatsache hin, was in dem Buch "Israel-Lobby" von Mearsheimer und Walt gerade als heftig öffentlich umstritten - und kritikwürdig - erörtert wird (neuerdings sogar von Richard Dawkins in die öffentliche Diskussion eingebracht [siehe Michael Blume]):
Of the imposing, mostly Jewish, intellectuals who changed America forever by inventing neoconservatism (i.e., "new conservatism," progressive conservatism), Milton Himmelfarb was the one who cared first and most about religion--in particular, Judaism. Repeatedly, he described the mood of the moment with absorbing precision, but kept his eye fixed on politics and historical and religious truth.
Also übersetzt:
Von den eindrucksvollen, zumeist jüdischen Intellektuellen, die Amerika für immer umwandelten dadurch, daß sie den Neokonservatismus einführten (bzw. den "neuen Konservatismus", den fortschrittlichen Konservatismus), war Milton Himmelfarb derjenige, der zu allererst und am intensivsten Religion mitberücksichtigte - besonders die jüdische. Wiederholt beschrieb er das Tagesgeschehen mit erschöpfender Präzision. Aber er hielt sein Auge auf Politik und auf historische und religiöse Wahrheiten gerichtet.
"Die eindrucksvollen, zumeist jüdischen Intellektuellen ..."

Man höre genau hin, hier wird - wiederum ganz selbstverständlich - von "religiösen Wahrheiten" in Bezug auf das Judentum gesprochen. Weiter heißt es:
The essays here span nearly half a century, from 1949 through 1996--the time during which intellectuals took over America's universities, the universities took over American culture, and the left replaced the right as America's "Establishment" (a word that was far more popular in olden times when the Establishment was right-leaning and fun for professors to attack).
Offensichtlich ist doch der Autor der Rezension selbst Jude. Will er denn absichtlich provozieren, indem er die Thesen über die "Israel-Lobby" so schnodderig als selbstverständliches Schuljungen-Wissen voraussetzt?
Die Essay-Sammlung "Jews and Gentiles", so werden wir weiter von ihm belehrt, hat "ein Thema":

The rise of paganism in our times, and the fundamental, irreconcilable antagonism between paganism and Judaism. We must carefully distinguish (the author writes) between paganism and mere atheism. Paganism is a positive system of beliefs. Atheism dominated the "modern" age, but modernism collapsed in the turmoil of the late 1960s.

Das Thema ist also:
Der Aufstieg des Heidentums in unserer Zeit und die fundamentale, unversöhnliche Gegnerschaft zwischen dem Heidentum und dem Judentum. Wir müssen sorgfältig unterscheiden (so schreibt der Autor) zwischen Heidentum und bloßem Atheismus. Heidentum ist ein positives Glaubenssystem. Atheismus dominierte zwar das "moderne" Zeitalter. Aber diese Modernisierungsbewegung brach in den Unruhen der späten 1960er Jahre zusammen.
"Heidentum steht für Promiskuität, Not und Tod."

Der Atheismus brach schon in den späten 1960er Jahren zusammen? Merkwürdige These. Gerade damals kam er doch erst so richtig in Fahrt!? Weiter heißt es:

For Himmelfarb, paganism is the characteristic religion of today's elite--and it stands for promiscuity, misery, and death. He traces the taste for paganism to Enlightenment philosophes such as Diderot, to their 20th-century academic admirers, and to the psychotic sixties, when nature-worship and sexual promiscuity began to seem positively good and Christianity (and Judaism even more, to the extent anyone ever thought about it) began to seem evil.

Also:
Für Himmelfarb ist Heidentum die charakteristische Religion der heutigen Elite - und sie steht für Promiskuität, Not und Tod. Er führt die Vorliebe für das Heidentum auf die Philosophen der Aufklärung zurück wie Diderot und auf ihre Bewunderer im 20. Jahrhundert und auf die psychotischen 68er, als man begann, Natur-Anbetung und sexuelle Promiskuität als positiv anzusehen und das Christentum (und das Judentum noch mehr - in einem Ausmaß wie es niemand zuvor geglaubt hatte) als schlecht.
Zwischenfrage: Von welcher Elite ist denn jetzt die Rede? Doch nicht etwa jene, die mit Himmelfarb Amerika veränderte? Weiter heißt es:
Himmelfarb rottet beiläufig aber gründlich den letzten Splitter des Glaubens aus, daß Heidentum bewundernswürdig wäre.
Und das weitere ist einem viel zu dumm und geradezu absurd, als daß man es hier alles übersetzen möchte:

Himmelfarb casually but thoroughly annihilates to the last splinter the idea that paganism is admirable. Diderot admired pagan Tahiti, for example, which still (in the 21st century) strikes many people as romantic, exotic, and generally lovable. But a little research discloses that, in pagan Tahiti, an organized priesthood handled the worship of the "greater gods," who sometimes required human sacrifice; cannibalism was also on the menu, occasionally. Himmelfarb notes the bloodthirsty, "sick-making" entertainments staged in the amphitheaters of pagan Rome, a civilization much praised by Diderot and his Enlightenment colleagues. As for the Eastern spirituality sometimes admired by "soft-boiled modern pagans," as recently as 1968, India's prime minister saw fit to denounce the ritual murder of a 12-year-old boy to appease the gods at the outset of a large construction project. Bloodshed, says Himmelfarb, is "the piety of paganism."

Das absurde Allgemeinurteil lautet also:

(...) Blutvergießen, sagt Himmelfarb, ist "die Frömmigkeit des Heidentums".
"Das Judentum ist zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt."

Weiter heißt es in der Rezension:
Das Judentum ist der andere Teil seines Hauptthemas. Das Judentum ist zur gänzlichen Zerstörung des Heidentums bestimmt.
Im Originaltext wird dieser archaische, ganz und gar alttestamentarisch anmutende Satz im weiteren irgendwie eingeschränkt:
Judaism is the other part of his main topic. Judaism is dedicated to paganism's utter destruction. (Even though--Himmelfarb never neglects a nuance--the prophet Micah said, "For let the peoples walk each in the name of its god, but we will walk in the name of the Lord our God for ever and ever." "Sometimes I like to think," Himmelfarb writes, "that maybe [the rabbis] had a quiet weakness for pluralism.")
Also:
(Obwohl - Himmelfarb verneint niemals diese Nuance - der Prophet Micha sagte: "Laßt die Völker jedes im Namen seines Gottes leben wir werden stattdessen im Namen des Herrn, unseres Gottes für immer und ewig leben." "Manchmal möchte ich glauben," so schreibt Himmelfarb, "daß die Rabbiner eine stille Schwäche für Pluralismus hatten.")
Hört man denn hier ganz richtig ein ... zynisches Lächeln über ... "Pluralismus", religiösen Pluralismus ... heraus? Die "stille Schwäche für Pluralismus" wird nur in Klammer gesetzt aber als Hauptaufgabe des Judentums hier in der Welt wird - ganz und gar im wortwörtlichen Sinne des Alten Testamentes bestimmt: die gänzliche Zerstörung des Heidentums. Man sollte das doch festhalten. Was führende amerikanische Konservative zu äußern fähig sind am Beginn des 21. Jahrhunderts. Sollen hier nur in zynischer Weise einige Klischees bedient werden? Oder gleich alle auf einmal?

(Religiöser) Pluralismus - ja oder nein, das ist hier die Frage ...

Sodann wird - das soll hier nur kurz erwähnt werden - die Unterscheidung von Judentum und Christentum behandelt. Das Judentum würde kaum eine Hölle kennen und sei darum weniger "rachsüchtig" als das Christentum. Liest man genau, so erfährt man: Das Judentum kennt nur für Juden selbst keine Rache von Gottes Seite. Aber diese Absätze seien hier übergangen. Es ist 'eh alles schon absurd und archaisch genug. Angesehene, neokonservative Intellektuelle in den USA schreiben so etwas? - Weiter heißt es dann:

Yet Himmelfarb is careful to note that only paganism, and never Christianity, could have sponsored the Holocaust: "If one sentence could summarize Church law and practice over many centuries, it is this: the Jews are allowed to live, but not too well." This sentence is worth a couple of academic monographs and a journal paper all by itself.

Also, das Christentum kann am Holocaust nicht schuld sein, da ein Grundsatz des kirchlichen Rechtes und der kirchlichen Praxis über viele Jahrhunderte hin gelautet hätte: es ist den Juden erlaubt zu leben - aber nicht zu gut. Dieser Satz wäre eine ganze Reihe von akademischen Monographien und Zeitschriftenartikeln für sich selbst wert, so Gelernter.

Bleibt also nur das Heidentum, das am Holocaust schuld ist. Von anderen Menschheitsverbrechen muß bei dem Thema "Jews and Gentiles" ja sowieso nicht die Rede sein. (... Oder wäre nicht auch Juri Slezkine zu behandeln?) Von dem Essay über Hitler als die Ursache des Holocaust ist Gelernter dann auch nicht so recht befriedigt:

We don't hear enough about General Erich Ludendorff's anti-Christian views and Teutonic paganism. We do learn that Hitler "scorned Judaism and Christianity not like Ludendorff the Teutonizer but like Voltaire the Enlightener." But no explanation follows. There are Hitler pronouncements that support this claim (although Himmelfarb doesn't cite them); there are also pronouncements that suggest other wise--and there is the Wagner cult Hitler belonged to, the pseudo-Teutonic rites and ceremonies he loved. Himmelfarb emphasizes that the Holocaust was a pagan and not Christian phenomenon, but doesn't tell us nearly enough about Germany's paganism or Hitler's.

Übersetzt:

Wir hören nicht genug über Erich Ludendorffs antichristliche Ansichten und teutonisches Heidentum. Wie lernen, daß Hitler "das Judentum und das Christentum verachtete nicht wie Ludendorff, der Teutonisierer, sondern wie Voltaire, der Aufklärer." Aber keine Erklärung folgt. Es gibt Äußerungen von Hitler, die diese Behauptung stützen (obwohl Himmelfarb sie nicht zitiert), aber es gibt auch Äußerungen, die anderes nahelegen - und da gibt es den Wagner-Kult, dem Hitler anhing, die pseudo-teutonischen Riten und Zeremonien, die er liebte. Himmelfarb betont, daß der Holocaust ein heidnisches und nicht ein christliches Phänomen war aber er sagt uns nahezu nichts über Deutschlands Heidentum oder über das Hitlers.

Eben war noch geradezu selbstverständlich das Judentum "zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt" angesprochen worden (wobei offen geblieben war, mit welchen Mitteln diese Vernichtung vorangetrieben werden sollte - doch nicht etwa mit Auslands-Einsätzen amerikanischer Soldaten?), und dann macht man sich Gedanken darüber, aus welchen Gründen Antisemiten im Deutschland der 1930er Jahre "Vernichtungs-Absichten" gehegt hätten.

Keine sehr schöne gedankliche Welt jedenfalls, in der da führende amerikanische Konservative zu leben scheinen.

Dienstag, 20. November 2007

"All about Evil - Das Böse"

"Uns war wichtig, daß die Menschen sich mit dem Bösen auseinander setzen."

Der Mensch kennt viele Differenzierungen, wenn es um "gut und böse" geht. Es gibt gute Menschen. Es gibt "Gutmenschen". "Gut gemeint ist oft nicht gut." Und das heißt: Selbsttäuschungen liegen vor: ich meine es gut, bin aber gar nicht gut. Wenn ich aber nicht gut bin, was bin ich dann? Bin ich böse? Liegen unter der Oberfläche "gut gemeinter" Absichten abscheulich bösartige, böswillige?

Eine hedonistische Gesellschaft neigt meistens nicht sehr stark dazu, solche sehr ernsthaften Selbstprüfungen vorzunehmen. Der einzelne muß immer erst mit dem Lebensschicksal zusammenprallen (oft in Form eines Lebenspartners und in Form von Paarbeziehungen), um tiefer unter der Oberfläche des bislang für gut gehaltenen der eigenen Persönlichkeit auf Dinge zu stoßen, die nicht zu seinem bisherigen Selbstbild passen.

Ein Besuch des Bremer Überseemuseums könnte da derzeit vielleicht Erkenntnisprozesse beschleunigen. (Spektr. d. Wiss.) Dort gibt es eine Ausstellung unter dem Titel "All about Evil""Das Böse" (1). Die Völker und Kulturen der Welt haben ein umfassendes und differenziertes Wissen nicht nur über das Gute am Menschen und in der Welt, sondern auch über "das Böse" in derselben. Erst wenn man all dieses "Böse" nicht mehr auf sich selbst bezieht, auf die Möglichkeit eigener Bosheit oder boshafter Elemente der Kultur in der eigenen Gesellschaft, verkommt eine solche Ausstellung wie sie derzeit im Übersee-Museum gezeigt wird, zur bloßen Kuriositäten-Sammlung:

Über 500 Exponate aus allen Kontinenten haben die Kuratoren des Völkerkundemuseums zusammengetragen, um einen Einblick in unseren Umgang mit dem Bösen zu geben. Die Ausstellung unterteilt sich dabei in drei Bereiche: Woher kommt das Böse? Welches Gesicht hat es? Und wie gehen wir damit um? Die Zeitspanne der Antworten reicht vom frühen Altägypten bis in unsere Zeit. (...)
"Uns war wichtig, daß die Menschen sich mit dem Bösen auseinander setzen", erklärt Kuratorin Silke Seybold die Intention. Gleichzeitig sollte die Ausstellung aber nicht zu schwer werden, betont sie: "Wir wollten die Besucher generationenübergreifend ansprechen".

Journalistin Tanja Krämer zeigt Kritikwürdiges bezüglich der Ausstellung auf (Hervorhebung I.B.):

Kein Hinweis auf die Frage, wie das Böse im realen Leben in die Welt kommt, keine Auseinandersetzung mit den Facetten menschlicher Bösartigkeit findet sich zwischen all den Masken, Puppen und Filmmitschnitten. Auch im umfangreichen Begleitprogramm zur Ausstellung werden die wirklich erschreckenden Aspekte des Bösen, werden Krieg, Satanismus oder Hexenverfolgung nicht thematisiert.

Womöglich ist ja schon die Verharmlosung des Bösen, seine "Hollywood-isierung" eine Boshaftigkeit ganz eigener Art für sich. Sich selbst und andere belügen, Dinge beschönigen oder verharmlosen, ist ja doch an sich schon boshaft. Insofern war die Ausstellung "Bilder, die lügen", die vor einigen Jahren an vielen Orten in Deutschland gezeigt wurde, ebenfalls eine Ausstellung zur Thematik, vielleicht eine, die Tanja Krämer - und manchen anderen - in diesem Zusammenhang eher befriedigt hätte.

_____________

  1. Seybold, Silke: All about evil - Das Böse. Anläßlich der Ausstellung "All about Evil - Das Böse" im Überseemuseum Bremen. von Zabern, Mainz 2007

Donnerstag, 11. Oktober 2007

TV - total blöd

Nun hat man es also auch gesehen: Eva Herman bei Johannes B. Kerner. Daneben - - - Senta Berger. Daneben - - - Margarethe Schreinemakers. Daneben so ein "Unbekanntling" (für seltene Fernsehzuschauer).

Haben die denn alle ein Rad ab? Und dahinter noch der Herr Wippermann, ein Vertreter der ehrwürdigen Historiker-Zunft. Sind die alle noch ganz dicht?

Die einzige, die normal ist, ist Eva Herman. Nach der Nervosität in den Medien war man doch überrascht, wie ruhig sie ist und bleibt. Doch warum nickt sie sofort und geht raus und zeigt sich darüber nicht verwundert? Alles doch so mehr oder weniger Regie - auch mit ihr? - - - Merkwürdig ....

Frau Berger verkündet, gehen zu wollen und - - - schlägt die Beine übereinander.

Das beste zum Thema ist wohl wirklich noch Stefan Raab von TV Total ... "Die spinnen, die Deutschen."

....



Mittwoch, 15. August 2007

Ethnisch-genetische Marker zur Biowaffen-Herstellung?

Wladimir Putin hat Horror-Phantasien. Er fürchtet, daß biologische Waffen mit ethnisch-genetischen Markern gezielt gegen das russische Volk eingesetzt werden könnten und hat deshalb jegliche Weitergabe humangenetischer Informationen von Rußland aus an das Ausland verboten. (San Francisco Chronicle) Fragwürdig, ob das nicht ein völlig unsinniges Verbot ist, denn - z.B. - in allen westlichen Ländern leben heute Russen, die russische Gene mit sich herumtragen, die untersucht werden können.

Aber in einem Land, in dem Regimegegner mit radioaktiven Substanzen (Alexander Litwinenko) oder mit Fernlenk-Raketen (Präsident Dudajew) aus dem Weg geräumt werden, in dem Völkermord in großem Stil betrieben wird (Tschetschenien) - unter den Augen einer freundlich beiseite sehenden Weltgemeinschaft, in einem solchen Land ist man offenbar zu den absurdesten Ängsten und Theorien fähig. Offenbar schließt Putin von sich auf andere und möchte nur darauf aufmerksam machen, welche "Waffen" derzeit in Rußland entwickelt werden, um mit einem solchen Volk wie den Tschetschenen (oder den Esten, Letten, Litauern ....?) (den Ukrainern?) "fertig" zu werden.

Natürlich scheint die Herstellung von Biowaffen, die kombiniert mit ethnisch-genetischen Markern angewandt werden, beim derzeitigen Forschungsstand "irgendwie" grundsätzlich möglich:
With genetic testing of particular ethnic groups, it's getting easier to observe unique markers that are carried disproportionately by members of a group. With that information, a weapon could be conceived to target that marker, perhaps causing a specific disease to which that group is excessively susceptible. It will soon be possible to manipulate viruses or bacteria so that they predominantly affect only Jews or Han Chinese or, yes, Russians. Even if that weapon affected only 10 or 20 percent of a group, the effects could be devastating.
Sollte man nicht eher annehmen, daß Putin's Spezialisten an individual-genetisch ausgerichteten Biowaffen "arbeiten", damit ihnen eine solche Peinlichkeit wie mit Litwinenko nicht noch einmal passiert? Wie auch immer. Ein Kommentator vermutet eine viel simplere Motivation hinter Putin's "Biowaffen-Wahn":
It might be as simple as Putin wanting to scare the russian people.
Noch immer konnten Diktatoren am besten herrschen, wenn sie außenpolitische Ängste schürten. Immerhin machen diese absurden - oder teuflischen - Ängste erneut darauf aufmerksam, daß nicht nur "Rasse", sondern auch "ethnische Zugehörigkeit" in den menschlichen Genen zu finden ist - alles Dinge, die, wenn sie zehn Jahre früher ebenso selbstverständlich öffentlich geäußert worden wären, vehementesten Widerspruch gefunden hätten.

Sonntag, 24. Juni 2007

Protestantische Ethik = "Zornbanken"?

Die Ausführungen über die Grundlagen der protestantischen Ethik im gestrigen Beitrag (St. gen.) bedürften sicherlich noch sehr vieler weiterer Erläuterungen. Das Werk von Max Weber "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" bildet das Grundlagen-Werk einer ganzen Wissenschaft, nämlich der Soziologie. Aber es soll im folgenden wenigstens in Andeutungen und Umrissen die These vertreten und erläutert werden, daß der Kern der "protestantischen Ethik" eigentlich gar kein Monotheismus mehr ist, mit Bibelgläubigkeit eigentlich gar nicht so viel zu tun hat. Vielleicht ist diese Erkenntnis der entscheidende geistige Fortschritt, der durch gründlichere, moderne Bibel-Übersetzungen erreicht wird oder werden kann.

Die Ethik des Alten Testamtentes und auch weiter Teile des Neuen Testamentes beinhalten fast immer ein Geben und Nehmen zwischen Gott und den Menschen, bzw. zwischen Gott und seinem auserwählten Volk, den Juden. Und zwar nicht so wie in günstigster Weise - z.B. - in liebenden, familiären Beziehungen angestrebt, daß man über weite Strecken auch dann gibt, wenn man nichts zurück erhält. Sondern es ist nur allzu oft der klassische Gegenseitigkeits-Altruismus des Robert Trivers: tit for tat. Tust Du dies, tue ich jenes. Tust Du jenes, tue ich dies. Ein solcher "Altruismus" ist sehr täuschungsanfällig. (William D. Hamilton, der gute Freund von Robert Trivers, hat sich sogar geweigert, diese Form der Kooperation echten Altruismus zu nennen.) Da diese Form der Kooperation sehr täuschungsanfällig ist, reagiert man in solchen Kooperationsformen auch oft um so boshafter, wenn man selbst getäuscht wird: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Rache. Vergeltung.

"Tit for tat" = mittelalterlicher Geist?

Es ist dies also die sogenannte "Lohn-Straf-Moral" der Bibel. Man soll Gutes tun, "damit" man nicht bestraft wird. Man soll Böses unterlassen, "damit" man - ebenfalls nicht bestraft wird. Man soll Gutes auch deshalb tun, damit man mit vielen irdischen und überirdischen Gütern gesegnet wird (langes Leben, viele Kinder und Enkel, "himmlische" Belohnungen). Tut man es nicht, werden Plagen und Unheil über einen kommen. Im schlimmsten Falle das Fegefeuer und die Hölle.

Auch die Lehren des Jesus Christus beinhalten viele solcher "Kuhhändel" mit Gott:
"Selig sind die Friedfertigen, denn ihrer ist das Himmelreich."
Wären sie denn auch friedfertig, wenn sie dadurch nicht in den Himmel kämen? Es ist ganz klar, daß der ganze Geist des mittelalterlichen - und auch heute noch des katholischen - Menschen (des orthodox-jüdischen wahrscheinlich auch) "durchtränkt" ist von diesem "Kuhhandel". Viele Dichter der Neuzeit haben sich ja darüber lustig gemacht. Zum Beispiel Josef Weinheber in seinem Gedichtband "Wien wörtlich":
Vorher - nachher

Heiliger Thaddäus, hilf mir, ich bitt,
die Kerzen bring ich das nächstemal mit.
- -
Du hast geholfen. Ich dank dir sehr.
Jetzt brauchst doch wohl keine Kerzen mehr.
Und auch so mancher jüdische Witz kann sich ja kräftig lustig machen darüber, wie man dem lieben Gott ein Schnippchen schlägt in den vielen Kuhhändeln mit ihm.

Das Gute tun um seiner selbst willen

Mit der protestantischen Ethik Martin Luthers zog aber nun ein neuer - man möchte sagen: sehr viel freierer - Geist in Europa ein. Mit Luther zumindest in den ersten Anfängen. Die Freiheit eines neuen "Christenmenschen". Und die weitere Kulturentwicklung baute diese ersten Anfänge dann immer weiter aus - vor allem im protestantischen Europa. Man tut das Gute um seiner selbst willen.

"Man muß das Gute tun, damit ist in der Welt sei," sagt die böhmische Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach. Damit geht eine unwahrscheinliche Befreiung in der persönlichen Moral einher. Auch in der persönlichen Entwicklung jedes einzelnen Menschen wird das immer wieder eine Rolle spielen: Versucht man ein guter Mensch zu sein, "um" dadurch wohlgelitten zu sein unter seinen Freunden, in der Gesellschaft? "Um" dadurch wirtschaftlichen, beruflichen Erfolg zu haben? Oder ist Moral etwas, ist "Gutsein" etwas, das - letztlich - aus ganz anderen Regionen herstammt als aus solchen - oft doch nur allzu trivialen - "Kausal-Beziehungen"?

Oder Theodor Storm:
Der eine fragt: Was kommt danach?
Der andre fragt nur: Ist es recht?
Und also unterscheidet sich
Der Freie von dem Knecht.
Muß man "militant" werden?

Das Thema sollte nur angesprochen werden, weil man sich selbst und anderen erläutern muß, warum man plötzlich so unruhig wird, wenn man sich diesen großen Umbruch in der europäischen Geistesgeschichte wieder einmal aufs Neue ins Bewußtsein ruft. Auch die Moral des 20. Jahrhunderts ist - insbesondere in der Politik und in der "Geschichtspolitik" - sehr stark von "Lohn-Straf-Moral" durchtränkt. Deutschland verlor ein Drittel seines Territoriums, "weil" es das und das vorher getan hatte, ein Viertel der Deutschen verloren ihre Heimat, "weil" Deutschland das und das vorher getan hatte (an Kriegen schuld war, die falsche Regierung gewählt hatte, verbrecherische Befehle ausgeführt hatte). Die Städte Japans und Deutschlands wurden in Grund und Boden bombardiert, "weil" sie zur (damaligen) "Achse des Bösen" gehörten.

Hitler und Stalin haben auch moralisch gar nicht etwa "freier" gehandelt als die genannten westlichen, "rächenden" Regierungen. Die Frage ist nur: Wir bringen demokratisch gewählten Regierungen oft - nur schon weil sie demokratisch gewählt wurden - in diesen Zusammenhängen einen Vertrauenbonus entgegen, den sie gar nicht verdient haben. Das wird auch von dem politische Kabarettisten Volker Pispers gut herausgearbeitet, der von der Terrororganisation des CIA spricht. (--> St. gen.) Auch George Orwell hat das einigermaßen richtig durchschaut. Ist es denn heute wesentlich anders geworden in der internationalen Politik und in den Beziehungen zwischen Völkern und Religionen als im 20. Jahrhundert? Ein ständiges "Geben" und "Nehmen" - aber auf moralisch oft niedrigstem, abscheulichsten Niveau: "Wir werden sie jagen." "Wir holen sie aus ihren Löchern heraus". Man spricht Menschen und Menschengruppen schon mit einem bestimmten Tonfall in der Sprache grundlegende Menschenrechte ab.

Von Seiten der gegenwärtigen amerikanischen Regierung geschieht das oft nur allzu unverhohlen. Von Seiten der russischen Regierung noch unverhohlener. Und auch der deutsche Verteidigungsminister beginnt neuerdings von "feigen" Vaterlands- und Religionsverteidigern in Afghanistan zu sprechen, da - offenbar - nur der Mensch "gut" und "mutig" ist, der auf der richtigen Seite steht. Ob es wesentlich weniger feige ist, eine Granate auf ein Haus abzufeuern, von dem man nicht weiß, wer da eigentlich drin ist (Zivilisten oder Taliban-Kämpfer), scheint sich dann der deutsche Bundesverteidigungsminister gar nicht mehr zu fragen. Es sind das alles so niedrige und schlechte Mentalitäten, Denk- und Verhaltensweisen, daß man - ja - zornig werden kann. Nein, wahrscheinlich muß. Daß man selbst - - - "unruhig" wird. Nein: werden muß.

"Zorn"-Banken oder protestantische Ethik?

Aber es wäre zu hoffen, daß das dann eine "Unruhe" in Richtung eines anderen Geistes ist, als jenes Geben und Nehmen, jene "Zorn"-Banken, von denen Peter Sloterdijk spricht, jener "Handel" der Bösen mit den noch Böseren. Man kann auch schon schlicht und allein deshalb "unruhig" werden, weil man heraus möchte aus dieser "Kleinmoral", aus diesem kleingeistigen "Böse-" und "Gutsein". Diesem "andere feige nennen aber selbst nur allzu feige sein". Sei man doch böse. Aber begründe es doch nicht mit "damit" (weil andere - angeblich - böse sind) (oder: "noch" böser). Man sei böse um des Bösesein-Willens an sich. (Wenn einem das so sehr gefällt.) Aber man heuchle doch nicht, daß man böse sein müsse um eines Guten willen.

Und sei man doch gut. Aber man begründe es nicht mit "damit". Welch eine großzügige Freiheit würde daraus entstehen. In den Beziehungen zwischen Menschen, Völkern und Religionen. - Und Martin Luther war es, der den ersten Schritt in diese Richtung tat mit seinem: sola fide. Allein aus Glauben, nicht um guter Werke willen wird der Menschen Seligkeit erreicht.

Das heißt: Man soll zu allen bösen und guten Taten in seinem Leben stehen. Man soll sie nicht verleugnen. Man soll nicht feige vor ihnen davon rennen. Aber man soll auch nicht um des Schlechten willen, das man selbst früher getan hat oder das sogar Vorfahren getan haben oder das auch nur andere glauben, daß man es getan hätte, sich ewig selbst neu einschüchtern lassen. Man soll sich das nicht selbst wie in einem Kuhhandel ewig neu vorhalten.

"Gerade klare Menschen wär'n ein schönes Ziel"

Über eine solche Deutung der protestantischen Ethik findet man bei Peter Sloterdijk nichts. Sicherlich ist er sich einer solchen Deutung noch nicht bewußt geworden. Wie überhaupt selbst evangelische Theologen heute oft Mühe haben, sich und anderen den inneren Kerngehalt des Protestantismus lebendig vor Augen zu führen.

Oder ist das dieser "große Zorn", den Sloterdijk dem Achilles der Ilias zuspricht, der aber dann in der Weltgeschichte verloren gegangen sei?
Gerade klare Menschen, wär’n ein schönes Ziel,
Leute ohne Rückgrat haben wir schon zu viel.
Das sind die Abschlußzeilen eines Gedichtes von Bettina Wegner, das man in der Schule gelernt hat, und das einem mitunter in den Sinn kommt. Darum sei es an das Ende dieser Ausführungen gestellt.
Sind so kleine Hände, winzige Finger dran,
darf man nicht drauf schlagen, sie zerbrechen dann.

Sind so kleine Füße, mit so kleinen Zehen,
darf man nicht drauf treten, können sonst nicht geh’n.

Sind so kleine Augen, die noch alles sehn,
darf man nicht verbinden, könn' sie nicht verstehn.

Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei,
darf man niemals quälen, gehn kaputt dabei.

Sind so kleine Münder, sprechen alles aus,
darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so kleine Ohren, hören jeden Laut,
darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.

Ist so kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht,
darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht!

Gerade klare Menschen, wär’n ein schönes Ziel,
Leute ohne Rückgrat haben wir schon zu viel.

Freitag, 15. Juni 2007

Junge Eltern - die Alkohol-Industrie hat eine neue Zielgruppe

Die Familienministerin macht sozial schwachen Müttern und Vätern zum Vorwurf, daß mehr an sie gezahltes Geld für den Kauf von Zigaretten und Alkohol verwendet würde. Und deshalb will sie erzieherisch wirken und nur "Betreuungsgutscheine" ausgeben. Sollte sie mal nicht lieber die Werbung der Tabakindustrie und der Alkohlindustrie "erziehen" - statt freie Bürger? Wer ist Schuld an sozialer Verwahrlosung? Niemand. Klar. Die Betroffenen selbst. Sonst niemand. Aber auf keinen Fall die Alkohol-Industrie, die eine neue Vermarktungsgruppe gefunden hat: Mädchen zwischen 16 und 17 Jahren, also jene, die in diesem Lebenalter anfangen, Familien zu gründen. - Und die Familienministerin? Sie tut ... ? - Etwas? - Aber nicht doch ... Sie ist doch eine "liebe", eine ganz liebe ...

Die "Zeit" berichtet:

Cool und krank

Die Werbeschaffenden zielen mit ihren Spots und Bildern für Alkoholika besonders auf junge Menschen. Ihre neueste Zielgruppe sind die Mädchen, da sind die besten Steigerungsraten im Konsum zu erwarten - die Jungs sind schon voll. (...)

Das zunehmende »Koma-Saufen« junger Menschen schlägt sich in der Krankenhausstatistik nieder: Im Jahr 2005 wurden rund 19.400 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 10 und 20 Jahren volltrunken in Kliniken gebracht – doppelt so viele wie noch fünf Jahre zuvor. (...)

Rund 160.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene von 10 bis 25 Jahren sind alkoholabhängig oder stark alkoholgefährdet. (...)

Von 1973 bis 2000 steigt der Alkoholkonsum von Jugendlichen in Deutschland kontinuierlich. (...) Seit 2007 steigt er weiter. (...)

Vor allem Mädchen zwischen 16 und 17 Jahren haben Geschmack an Bier gefunden: Mehr als die Hälfte (52 Prozent) von ihnen gab an, mindestens einmal im Monat Bier zu trinken. 2004 waren es noch 32 Prozent gewesen.

Eine Familienministerin, die statt eine enthemmte Werbe-Industrie Familien "gängeln" will, eine solche Familienministerin gehört auf den Mond geschossen. Ganz persönlich meine Meinung. Und die Computer für ihre "Raumstation" können ruhig in Rußland hergestellt werden.

Sonntag, 27. Mai 2007

"Gutes tun ist schwer" - König Ashoka (303 - 233 v. Ztr.)

Der Buddhismus gehört zu den Religionen, für die ich noch nicht so richtig Verständnis gefunden habe, zu denen ich innerlich noch keinen oder nur wenig Zugang gefunden habe. Man freut sich also über alles, was das Verständnis ein bißchen erleichtern könnte. Der "Spiegel" hat einen Bericht über den König Ashoka (303 - 233 v. Ztr.), der den Buddhismus in Indien eingeführt hat. Das war schon eine ganz merkwürdige Person, die für merkwürdige Dinge in ihrem Land Propaganda gemacht hat. Nämlich: alle Menschen sollen gut sein. Niemandem im Reich soll es schlecht gehen. Die Straßen sollen mit Bäumen bepflanzt werden, damit die Reisenden im Schatten reisen können. Wahnsinn. Irgendwie fühlt man sich an Alexander den Großen erinnert, der mit ähnlichem Sendungsbewußtsein die Welt durchzog, wenn auch offenbar bis zum Lebensende gewalttätiger als Ashoka. Aber diese "indische Sanftmut" ... Puh, da wird einem ja ganz anders ... Das "säuselt" einem nur so durch's Gebein. Ist vielleicht doch nicht so ganz das Rechte für mich, diesem indischen König Ashoka nachzueifern. - Wenngleich ... sein Harem dürfte sicherlich ganz annehmlich gewesen sein ... ;-) )

Übergehen wir die grausige Vorgeschichte und gehen wir gleich auf sein Leben nach seiner Bekehrung ein, jene Lebensphase, die allein geschichtlich bezeugt zu sein scheint:

... Über acht Monate ist Ashoka danach - das heißt nach seiner Bekehrung zum Buddhismus - auf Reisen, durchquert sein riesiges Imperium, sucht auch in entlegenen Landstrichen das Gespräch mit seinen Untertanen. Und täglich lässt er seine Entourage eine Botschaft verlesen, in der er sich als Laienanhänger des buddhistischen Ordens zu erkennen gibt. Auch dem Niedrigsten, so heißt es da, stehe der Himmel offen.

Dergleichen sind für einen indischen Herrscher ganz unerhörte Töne. Wenn in der Vergangenheit der König den Palast verließ, zu einer Jagd oder Lustreise, dann war die Straße mit Seilen abgesperrt. Ashoka, der Bekehrte, aber mischt sich unter sein Volk, verteilt Almosen und Geschenke an brahmanische Priester, an Asketen und Betagte.

Ein oder zwei Jahre nach der Reise entschließt er sich, auch dem übrigen Land von seiner Konversion zu berichten. Schriftlich und in einfachen Worten. Er entwirft für seine Untertanen eine Morallehre, die Dhamma-Regeln. Innerhalb weniger Jahre überzieht er das ganze Land mit Edikten, von seinen Handwerkern eingemeißelt in große Felsenflächen.

In diesen steinernen Botschaften spricht Ashoka in sanftmütigen Worten als "Götterliebling" zu seinen Untertanen. Er bekennt, sich dem buddhistischen Glauben zugewandt zu haben und nun "tiefe Reue" über die Eroberung Kalingas zu empfinden.

Die Felsen-Edikte verkünden allen Untertanen Ashokas die Dhamma-Regeln: Respekt vor Vater und Mutter und vor Älteren, Freundlichkeit und Wahrhaftigkeit. Gut sei es, keinerlei Lebewesen zu töten und Großzügigkeit zu üben gegenüber Freunden, Bekannten und Verwandten, gegenüber Brahmanen und Asketen.

Ashoka begnügt sich nicht mit allgemeinen Idealen, sondern verkündet auch konkrete Reformen. Der "Götterliebling" ordnet an, dass künftig kein Tier mehr zu Opferzwecken geschlachtet werden soll. Auch in der königlichen Küche dürfen die Köche bald kaum noch ein Tier töten.

In seinem Reich lässt Ashoka Heilpflanzen für Mensch und Tier kultivieren. Er ordnet an, die Handelsstraßen, über die Kaufmannskarawanen und Pilger im Sommer in sengender Hitze ziehen, mit Schatten spendenden Feigen- und Mangobäumen zu säumen. Seine Straßenbauer haben Befehl, alle 15 Kilometer Brunnen zu graben und Rasthäuser zu errichten.

Zudem entsendet der "Götterliebling" königliche Beamte in seine Provinzen, die alle fünf Jahre auf Inspektionsreise gehen, um das Volk in der Dhamma-Lehre zu unterweisen. (...)

Doch schon 256 v. Chr., nur zwei Jahre nach der Veröffentlichung seiner ersten Edikte, spürt Ashoka, so scheint es, Widerstand gegen seine Tugend-Reformen. Verwunderlich ist dies nicht. Neben allen Wohltaten bürden sie dem ganzen Land einen hehren Anspruch auf: Keinem Lebewesen, ob Mensch oder Tier, darf ein Leid geschehen.

Sollen Fischer in den Flüssen also nicht mehr ihre Netze auswerfen, Jäger nicht mehr die Wälder zum Schutz der Reisenden nach Raubtieren durchstreifen? Bauern beim Pflügen der Äcker auf jedes Gewürm und Insekt Acht geben?

Sollen Kranke auf die Tieropfer verzichten, die als Allheilmittel gegen jedes Übel gelten? Die Brahmanen-Priester auf das Geld, das sie mit diesen Opferdiensten einnehmen? Und die Höflinge in Ashokas Palast auf das unterhaltsame Spektakel der Tierkämpfe mit Elefanten, Rhinozerossen und Bullen?

Womöglich aber stachelt den König der Widerstand gegen seine Regeln in seinem Sendungsbewusstsein nur an. Denn er lässt nun eine weitere Serie von Edikten in Felspartien meißeln, zehn neue Botschaften des "Götterlieblings". "Gutes zu tun ist schwer", hebt er diesmal an und rühmt sich der vielen edlen Taten, die er bereits vollbracht habe - die neuen Dhamma-Edikte sind auch Leistungsbilanzen des Königs, Propaganda in eigener Sache.

Um den Unwillen zu brechen, auf den seine Reformen zu stoßen scheinen, ernennt Ashoka Dhamma-Beamte und lässt sie ins Land ausschwärmen. Es sind Spitzel im Zeichen des Guten, die prüfen, wer den Instruktionen des Königs noch nicht folgt. Zugleich sollen die Tugendpolizisten für die selig machende Dhamma-Lehre werben, zum Glück und zur Wohlfahrt aller. Unter den Gläubigen aller Religionen, bei Soldaten, Brahmanen und Hausvätern, unter Armen und den Alten. Sie sollen auch vor den Harems von Ashokas Brüdern nicht Halt machen und vor den Privat-Gemächern seiner Schwestern und übrigen Verwandten.

Die Botschaft ist eindeutig: Niemand darf sich mehr der Dhamma-Unterweisung durch die Sonderagenten des Königs entziehen. Ashoka errichtet eine Gesinnungsdiktatur im Namen von Wahrhaftigkeit und Toleranz: eine Tyrannei der Sanftmut. (...)

So heftig ist Ashokas missionarischer Eifer, dass seine Emissäre die Dhamma-Botschaft auch zu den nie eroberten Stammesgebieten innerhalb des Großreiches tragen müssen, zu den unabhängigen Gebieten im Süden des Subkontinents und auf die Insel Sri Lanka. Doch selbst damit gibt sich der König nicht zufrieden. Ashoka schickt sie auch in die nordwestlichen Grenzregionen des Imperiums, wo es griechische Ansiedlungen gibt. Und er lässt seine Botschafter in die Ferne reisen, viele Tausende Kilometer, bis ins hellenistische Reich der Seleukiden, zu den Ptolemäern, nach Makedonien, Kyrene in Nordafrika und Epirus im Nordwesten Griechenlands.

Eine vergleichbare diplomatische Unternehmung hat es wohl noch nie gegeben: Der Herrscher über ein mächtiges Großreich bekundet seinen Friedenswillen vor aller Welt. Ashoka versteht sein Dhamma inzwischen als eine universelle, kosmopolitische Morallehre - nützlich für alle Kasten, Stämme und Nationen. (...)

Um 242 v. Chr. lässt Ashoka eine letzte Serie von Edikten meißeln. Diesmal nicht in Felsen, sondern in schlanke, zwölf bis 15 Meter hohe Steinsäulen - es sind die frühesten heute noch erhaltenen Zeugnisse indischer Monumentalkunst. (...)

In den sieben neuen Edikten propagiert der "Götterliebling" seine Lehre eindringlicher als je zuvor. Immer spezieller fasst Ashoka seine Tötungsverbote. Verschont werden müssen: Papageien, Wildenten, Fledermäuse, Schildkröten und Stachelschweine. Aber auch Eichhörnchen, Hirsche, Bullen, Ameisenköniginnen, Sumpfschildkröten, wilde Esel, wilde und zahme Tauben sowie sämtliche vierfüßigen Kreaturen, die weder nützlich noch essbar sind.

Ja überhaupt alle Tiere, die nicht älter als sechs Monate sind. Und Hähne dürfen nicht mehr kastriert werden. Diese Säulenedikte sind vermutlich die letzten Inschriften, in denen sich der König an sein Volk wendet. Alles ist nun verkündet über die Dhamma-Lehre. (...)

Es muß wirklich nicht einfach gewesen sein für Ashoka, ein guter Mensch zu sein. Sonst wäre ihm das nicht so wichtig gewesen. "Tue Gutes und rede davon," ist ja auch immer mein Motto. Aber Ashoka, Ashoka, Ashoka, Du kommst mir doch ein bißchen ... "fremd" vor. Es kommt einem alles ein bißchen - - - "kitschig" vor. Sorry! Immer etwas gar zu viel "Schmalz". Bollywood oder Hollywood? No difference? - Brrrr!

So seelisch "besoffen" machen einen sonst eigentlich nur ... Frauen. Aha! Das ist's: Ashoka hatte zu viele Frauen in seinem Harem: Als Alleinherrscher residiert er im Palast von Pataliputra im Nordosten Indiens, umgeben von bewaffneten Frauen - denn weibliche Wächter gelten als besonders loyal.

Im Schutz "bewaffneter Frauen"! - Damit ist vielleicht schon alles gesagt. - - - Brrrr!

Dienstag, 6. März 2007

Die Evolution der Boshaftigkeit


Die Theoretiker der Verhaltensforschung und der Soziobiologie haben sich ja nicht nur mit moralisch "gutem" Verhalten beschäftigt (Altruismus), sondern auch mit der Evolution der Boshaftigkeit (englisch: spite). Und tatsächlich muß ja auch solch ein Verhalten Evolutionsstabilität aufweisen, sonst würden wir es nicht täglich erfahren und - - - (natürlich auch) ausüben. (Denn nur sehr unreife Leser werden doch wohl von sich selbst behaupten, sie wären - schon - vollkommen gute Menschen! - ?)

Daß die Natur tatsächlich ganz schön große Boshaftigkeit mit sich bringen kann, wird einem in einem heutigen Artikel von "Spektrum der Wissenschaft" ziemlich krass vor Augen geführt. Man traut so etwas so kleinen Singvögeln gar nicht zu ...

Nordamerikanische Braunkopf-Kuhstärlinge (Täterbild ganz oben), die in keiner Weise mit diesem miesen europäischen Kuckuck verwandt sind (der aber trotz seiner Miesigkeit Frühlingsgefühle bei Menschen hervorrufen kann zu gewissen Jahreszeiten), legen ihre Eier in Nester anderer Vögel, beispielsweise von Zitronenwaldsängern oder Michigan-Waldsängern. Entdecken diese Vögel die bösen Absichten und werfen die fremden Eier aus dem Nest, kommen die Braunkopf-Kuhstärlinge (Täterbild ganz oben) zurück und zerstören das ganze Nest. So daß die - klüger gewordenen - Opfer in einer zweiten Brutsaison des Jahres meist die fremden Eier dulden, weil sie dann selbst mehr Fortpflanzungs-Erfolg haben.

Wenn DAS nicht alles böse und mies ist.

Und hier noch ein Zitronenwaldsänger, den keine Tier-Polizei schützt:

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