Donnerstag, 1. April 2021

Die westeuropäischen Jäger und Sammler nach Ankunft der Ackerbauern

Teil 2, hier ist Teil 1 ---> (Stg2020).

Teil B - Die hellhäutigen Bauern aus dem Süden kommen (ab 5.700 v. Ztr.)

Der schon 1878 erschienene historische Roman "Rulaman" von David Friedrich Weinland (Wiki) hat das Zusammentreffen von hellhäutigen Bauern aus dem Süden mit dunkelhäutigen Einheimischen, die in den Höhlen der Schwäbischen Alp lebten, beschrieben. Er hat damit intuitiv ein Geschehen nachgezeichnet, das sich - nach heutigem Kenntnisstand - genau so ab etwa 5.500 v. Ztr. in Höhlen in der Schwäbischen Alp abgespielt haben kann.

Abb. 8a: Illustration aus dem Roman "Rulaman" von 1878

Es gibt Hinweise darauf, daß einheimische Jäger und Sammler als eine Art "Wegbahner" für die Ausbreitungsbewegung der Bandkeramiker tätig waren. Aufgrund ihres sehr großen Aktionsraumes hatten sie ja eine sehr gute Landeskenntnis (Stg22).

Während der Besiedlung Europas durch die hellhäutige, braunhaarige Völkergruppe der anatolisch-neolithischen Bauern kam es nämlich dann auch tatsächlich nicht nur zu friedlichem Kontakt, sondern auch zu Kämpfen zwischen beiden Völkergruppen (3) ebenso wie zu Vermischungen beider Völkergruppen. Durch die Vermischungen sind dann ganz neue Völker und Kulturen entstanden, insbesondere im Mittelneolithikum. In Rückzugsräumen lebten Stämme dieser dunkelhäutigen Ursprungsbevölkerung allerorten noch tausende von Jahren parallel zu den aus Anatolien stammenden hellhäutigeren Bauernkulturen. Erst in der Frühbronzezeit, als sich die indogermanischen Kulturen der Schnurkeramiker und der Glockenbecherleute bis nach Skandinavien, bzw. England und bis in den Mittelmeerraum ausbreiteten, sind - in Skandinavien - die letzten Stämme der dunkelhäutigen Ursprungsbevölkerung in Form des Volkes der Grübchenkeramischen Kultur untergegangen.

Als sich die hellhäutigen, braunhaarigen Bauern anatolisch-neolithischer Herkunft um 5.700 v. Ztr. von Süden her bis in das Wiener Becken ausgebreitet hatte, entstand an der dortige Siedlungsgrenze ein neues Volk, in das 7 % Genetik der einheimischen osteuropäischen Jäger und Sammler eingemischt war, wobei letztere - anzunehmenderweise - auch sprachlich Einfluß genommen haben auf die Ausformung eines neuen Volkes und einer neuen Kultur, nämlich der Bandkeramik. Die Siedlungsweise der Bandkeramik war nämlich nun etwas historisch ganz Neues, nicht mehr eine Dorfkultur wie bisher im Balkan-Raum, sondern eine Kultur, die in einzel oder weilerartig angeordneten Langhäusern lebte.

Diese großartige Kultur breitete sich dann sehr schnell über weite Räume Mitteleuropas aus, natürlich auch bis zu den Südhängen der Schwäbischen Alp (wo dies "Rulaman" und die alte Urahne des Romans so eindrucksvoll erleben). Diese Kultur hat allerdings nur die Täler besiedelt, die einheimischen Fischer, Jäger und Sammler blieben weiterhin in den Höhenlagen der europäischen Mittelgebirge wohnhaft. Das Volk des Rulman könnte also auch in der Schwäbischen Alp noch Jahrhunderte oder Jahrtausende lang fortgelebt haben.

Welche Reaktionsmöglichkeiten haben Jäger-Sammler-Völker bei der Ankunft von Bauernvölkern?

/ Einschub 2022/ Wie Jäger-Sammler-Völker auf die Ausbreitung und Ankunft von Bauern-Völkern in ihrer eigenen Heimat reagieren, wird immer genauer erforscht, auch im weltweiten völkerkundlichen Vergleich. Darauf macht neuerdings eine Studie zum Schicksal der Shabo-Jäger-Sammler (Wiki) im Regenwald von Südwestäthiopien aufmerksam (33). Bei ihnen handelt es sich um entfernte Verwandte der Hadza-Jäger-Sammler. Am ursprünglichsten überleben solche Gruppen in der Regel in marginalisieten Regionen, die für Ackerbau nicht infrage kommen (33). In anderen Fällen können Gruppen solcher Shabo-Jäger-Sammler sich dadurch demographische Stabilität erhalten, daß sie entweder einfache Formen von Ackerbau annehmen oder daß sie sich - schon vor Jahrtausenden - spezialisiert haben (etwa als Schmiede) (33). 

In anderen Gruppen haben Männer Frauen von umliegenden Bauernvölkern geheiratet, wodurch es auch zu kulturellen (und genetischen) Anpassungen kommen kann (33). Letzteres ist natürlich insbesondere auch von der Duldsamkeit und Friedfertigkeit der zuwandernden Bauern-Völker abhängig  und von der Art des Verhältnisses der vormals einheimischen Jäger-Sammler-Völker zu den Bauern-Völkern (33). / Bis hier eine ergänzende Einfügung vom 26.4.2022. /

/ Weiterer Einschub/ Auch bei der Ethnogenese der Vorfahren der "Landnahme-Ungarn", sowie der ihnen genetisch verwandten Baschkiren und Wolga-Tataren scheinen auch mesolithisch lebende Fischer, Jäger und Sammler südlich des Ural, die sibirische Nganasanen-Herkunft in sich trugen, Menschen der schnurkeramischen Andronowo-Kultur geheiratet zu haben (Stgen2022). Dabei haben sie sich in ihren Familien aber ihre finno-ugrische Sprache erhalten, auch dann wenn sie zwischenzeitlich - teilweise - das Leben als Reitervölker angenommen haben. (Baschkiren und Wolga-Tataren sind vermutlich erst im Mittelalter unter der Herrschaft der Goldenen Horde sprachlich turkisiert worden, während die Landnahme-Ungarn im Kampf gegen die Mongolen in Ungarn genetisch zwar ausgestorben sind, ihre finno-ugrische Sprache aber in Ungarn zurück gelassen haben.) / Ende Einschub /

Aus archäogenetischer Sicht am bislang besten erforscht ist in Hinsicht auf Reaktion auf die Ankunft von Bauernvölker das Schicksal der großen Völkergruppe der "westeuropäischen Jäger und Sammler" (Wiki). Es kann schon recht genau beschrieben werden, aufgrund welcher Umstände es dazu kam, daß diese Völkergruppe auch noch in uns heutigen Europäern in kleinen Prozentsätzen genetisch fort lebt. Eine estnische genetische Studie des Jahres 2022 sagt dazu (32):

Der Herkunftsanteil der westeuropäischen Jäger und Sammler ist in heutigen Menschen verbunden mit niedrigem Cholesterolspiegel, hohem Bodymass-Index und trägt vermutlich zur braunen Haar- und hellen Augenfarbe in der heutigen estischen Bevölkerung bei. (...) Genorte, die zu diesen Merkmalen beitragen, scheinen bei den Esten aber auch der Selektion unterworfen gewesen zu sein. Andere von dieser Herkunft herstammende Genmerkmale schließen geringeren Hüftumfang ein und die Neigung zu verstärktem Koffein-Verbrauch, sowie zu höherer Herzschlag-Rate.
WHG ancestry in present day individuals is linked to lower cholesterol levels, higher BMI, and putatively contributed brown hair and light eye color to the contemporary Estonian population. This last association has been previously described based on the HERC/OCA2 haplotypes found in ancient WHG samples. In addition, loci associated with these features also appear to have undergone selection in Estonians. Other region-specific associations for this ancestry include decreased hip circumference and increased caffeine consumption and heart rate.

Ein hoher BMI ist mit der Neigung zu Übergewichtigkeit verbunden. Diese große Völkergruppe lebt also genetisch in einigen Eigenschaften in uns fort. Als Völkergruppe selbst muß sie als ausgestorben angesprochen werden. Die letzten Menschen mit einem fast hälftigen Herkunftsanteil westeuropäischer Jäger und Sammler haben - nach derzeitigem Kenntnisstand - am Plattensee in Ungarn in der Bronzezeit ab 2.200 v. Ztr. gelebt (Stgen2022).

5.500 v. Ztr. - Westeuropäische Jäger und Sammler weichen bis zum Mittleren Dnjepr aus

Es könnte so gewesen sein, daß die Ausbreitung der Bandkeramiker dazu führte, daß Gruppen westeuropäischer Jäger und Sammler nach Osten ausgewichen sind bis an den Mittleren Dnjepr und dort zur Ethnogenese der Dnjepr-Donez-Kultur (5.500-4.200 v. Ztr.) beigetragen haben (Stg2024). Als solche hätte sich ihre Herkunft dann auch in die dort anschließende Sredni-Stog-Kultur fortgesetzt und über diese ab 3.300 v. Ztr. in die Jamnaja-Kultur (Ockergrab-Kultur). 

4.900 v. Ztr. - Die geschlossene Welt der Bandkeramik-Bauern löst sich auf

Spätestens ab 5.000 v. Ztr., im Zuge der Auflösung der europaweit sehr einheitlichen Bandkeramik in Regional-Kulturen, kam es offenbar auch zu blutigen Kriegen zwischen den Bandkeramikern und der ursprünglicher einheimischen Bevölkerung in den Mittelgebirgen.

Womöglich auf Kriegszügen in Gefangenschaft geratene Fischer, Jäger und Sammler wurden von den Bandkeramikern an Zentralorten rituell in größeren Zahlen getötet (3). Die auf die Bandkeramiker folgenden Bauernkulturen, deren Vorfahren oder Verwandten westeuropäische Jäger und Sammler zeitweise so grausam getötet hatten, haben sich dann aber dennoch verstärkt auch mit ihnen vermischt. Der genetische Anteil der westeuropäischen Jäger und Sammler in den Bauernvölkern stieg nun auf 15 bis 20 % an, in Mittelhessen zeitweise sogar auf 30 und 40 %. Wiederum können natürlich auch sprachliche Einflüsse der Jäger und Sammler bei der Neuentstehung der Völker und Kulturen des Mittelneolithikums angenommen werden.

Abb. 9: Die letzte Ausdehnung der Grübchekeramischen Kultur, nachdem sie vormalige Siedlungsräume der Trichterbecherkultur wieder übernommen hatte

Nachgewiesene Rückzugsräume der westeuropäischen Jäger und Sammler waren die Blätterhöhle in Westfalen, der Schweriner See, Neuwasser an der Pommerschen Ostseeküste (5), Schweden und Norwegen, sowie die dänischen und schwedischen Inseln in der Ostsee. Etwa von Neuwasser in Pommern aus unternahmen halbseßhafte Angehörige dieses Volkes als Fischer Handelsschiffahrten auf den großen Flüssen Oder und Weichsel bis weit in das Innere des Landes der Bauernkulturen hinein (5).

4.900 v. Ztr. - Beitrag zur Ethnogenese der mittelneolithischen Kulturen, insbesondere auch zur Cucuteni-Tripolje-Kultur

Zu den Rückzugsräumen der westeuropäischen Jäger und Sammler müssen auch die Karpaten gehört haben. Denn wir schrieben schon 2019 hier auf dem Blog aufgrund der damals neuesten archäogenetischen Erkenntnisse, daß sich die westeuropäischen Jäger und Sammler schon vor der Ausbreitung des Ackerbaus so weit nach Osteuropa ausgebreitet haben müssen, daß ihre Nachkommen nach dem Untergang der Bandkeramik um 4.900 v. Ztr. in Moldawien - so wie zu den mittelneolithischen Völkern in Mitteleuropa - zu etwa 20 % zur Ethnogenese der mittelneolithischen Cucuteni-Tripolje-Kultur beitragen konnten. Die anderen 80 % Herkunftsanteil stellten die Bandkeramiker.

Zu gleicher Zeit breiteten sich übrigens Keramik-Kulturen der iranisch-neolithischen Völkergruppe rund um das Kaspische Meer und das Schwarze Meer, sowie entlang der in diese von Norden her mündenden Flüsse - Wolga, Don, Dnjepr, Dnjestr - aus (26). Daraus ergab sich an der Mittleren Wolga - zwischen Samara und Chwalynsk an der Grenze zwischen Waldsteppe und Steppe - die Ethnogenese der Indogermanen, die dann etwa um 3.600 v. Ztr. sich mit den Menschen der Cucuteni-Tripolje-Kultur vermischten.

In einer archäogenetischen Studie zu Böhmen wird deutlich, wie die Jäger-Sammler-Herkunft aus den Karpaten immer wieder erneut zur Ethnogenese neuer archäologischer Kulturen beigetragen hat (Stg21). 

4.625 v. Ztr. - Beitrag zur Ethnogenese der ersten Großreiche in der Bretagne und an der Seine 

Auf der weniger Hektar großen bretonischen Felsinsel Téviec (Wiki) wurden 1928 aufsehenerregende mesolithische Gräber gefunden, die 1999 auf etwa 4.625 v. Ztr. datiert wurden.

Abb. 10: Die Bestattung zweier erschlagener junger Frauen auf der bretonischen Insel Téviec (um 4625 v. Ztr.) Fotograf Didier Descouens (Wiki)

Das war eine Zeit, in der es auf dem Festland im heutigen Frankreich gerade zum kulturellen Umbruch kam. Die Bandkeramiker hatten sich in das Pariser Becken und in Form einer Nachfolgekultur bis in die Bretagne ausgebreitet. Und aus dieser ging um 4.700 v. Ztr. erstmals eine neue Gesellschaftsform hervor, nämlich hierarchische bäuerliche Gesellschaften mit kulturellen Traditionen, die in vormaliger Jäger-Sammler-Kultur gewurzelt haben könnten (s. Stg25). Zu dieser Zeit wurden zwei junge Frauen der seefahrenden Jäger und Sammler an der Küste der Bretagne erschlagen und von ihren Angehörigen ehrenvoll bestattet (Wiki):

Unter einem großen Muschelhaufen befand sich das Grab von zwei unter 35 Jahre alten Menschen. Sie waren in einer flachen Grube sorgfältig nebeneinander mit aufrechtem Oberkörper und angewinkelten Beinen in Hockhaltung beigesetzt, und von Geweihstangen überwölbt unter Muschelresten begraben, deren hoher Kalkgehalt zur guten Konservierung beitrug. Neben Artefakten aus Flintstein und Wildschweinknochen als Grabbeigaben war an den Skeletten Schmuck erhalten: durchbohrte Meeresmuscheln, die zu Ketten montiert rings um Hals, Arme und Knöchel lagen, sowie Knochenobjekte mit gravierten Linien. Beide Skelette weisen Frakturen durch äußere Gewalteinwirkung auf, womöglich erst postmortal aufgetreten. An einigen Skeletten aus anderen Gräbern finden sich Hinweise auf tödliche oder schwerwiegende Verletzungen, etwa durch Pfeilwunden. Die bei den Grabungen gefundenen Mikrolithen und Geräte, darunter ein sogenannter Lochstab, lehnen sich in etwa dem Tardenoisien an.

Vielleicht war damals die Insel noch mit dem Festland verbunden und die Muschelhaufen waren Essensreste neben Wohnbereichen (Wiki). Ob hier die letzten Jäger und Sammler der Bretagne in einem erbitterten Krieg standen mit der sich in der Bretagne ausbreitenden Bauern-Kultur? 

4.300 v. Ztr. - Beitrag zur Ethnogenese der Trichterbecherkultur - Sie verdrängt die einheimische Ertebolle-Kultur im westlichen Ostseeraum

Um 4.300 v. Ztr. entsteht auf dem Festland in Ostholstein die erste Bauernkultur des Ostseeraumes, die Trichterbecherkultur. Auch die Trichterbecherleute hatten etwa 18 % Herkunftsanteil westeuropäischer Jäger-Sammler in sich, der Rest ihrer genetischen Herkunft bestand aus anatolisch-neolithischer Genetik.

Sie hatte sich von dort in den nächsten Jahrhunderten rund um den westlichen Ostseeraum ausgebreitet. Ob sie um 3.700 v. Ztr. auch schon auf der dänischen Insel Lolland nachweisbar ist, wäre interessant zu erfahren, denn dort lebten auf jeden Fall noch unvermischte, einheimische Fischer, Jäger und Sammler, die dort schon seit vielen Jahrtausenden gelebt hatten.

Gleichzeitig lebten aber noch bis 3.900 v. Ztr. im östlichen Ostseeraum, sprich im heutigen Finnland und in angrenzenden Ländern, westeuropäische Jäger und Sammler, bzw. Fischer weiter. In Finnland wurden diese westeuropäischen Jäger und Sammler ab 3.900 v. Ztr. durch osteuropäische Jäger und Sammler der Grübchenkeramik (Wikiengl) ersetzt. Auch hier werden "nicht-neolithische" Völkerverschiebungen innerhalb von Europa greifbar.

3.700 v. Ztr. - Eine der "Letzten ihres Stammes" auf der Insel Lolland

Um 3.700 v. Ztr., also tausend Jahre VOR dem Untergang der letzten Völker dieser Völkergruppe, lebte auf der dänischen Insel Lolland (beim heutigen Syltholm) eine solche braunhäutige, braunhaarige, blauäugige Frau dieses Volkes noch mit der reinen Genetik desselben. Sie kaute ein Birkenpech-Kaugummi. Und dieses wurde von Archäologen gefunden und in ihm haben sich Gene erhalten, die 2019 sequenziert werden konnten (6, 7).

Die Grübchenkeramische Kultur bestand im nördlichen Dänemark bis 2.700 v. Ztr. fort, also eintausend Jahre lang parallel zur Trichterbecherkultur (8). Es findet sich auf einer Grafik (6) auch, daß sequenzierte Träger dieser Kultur etwa 20 % Herkunftsanteile osteuropäischer Jäger und Sammler in sich trugen. Mit solchen Mischungsverhältnissen könnte diese Jäger-Sammler-Kultur auch in Finnland bis zur Ankunft der Schnurkeramiker fortbestanden haben.

Also die wirklich "Letzte ihres Stammes" kann man diese Birkenpech kauende Frau auf Lolland noch nicht wirklich nennen. Sie erscheint den Forschern deshalb so auffällig, weil sie noch keinerlei osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik in sich trug - wie es sonst recht häufig im Ostsee-Raum vorkam in der Ertebollekultur. Jedenfalls scheinen es erst die nachfolgenden Indogermanen gewesen zu sein, die diesem Jahrtausende alten Jäger-Sammler-Volk sowohl im westlichen wie im östlichen Ostseeraum den endgültigen Garaus gemacht haben. Und es schwant einem so ein wenig, daß sich die Indogermanen mit ihnen auch direkt vermischt haben könnten (so wie sie es zuvor mit den Trichterbecherleuten getan haben). Insbesondere in Finnland könnte das der Fall gewesen sein.

3.200 v. Ztr. - Am Schweriner See

Auch am Ostorfer See bei Schwerin in Mecklenburg lebten zwischen 3.200 und 3.000 v. Ztr. noch einheimische, westeuropäische Fischer, Jäger und Sammler. Über sie stellten die Anthropologen fest (zit. n. Stgen2009):

„Das waren keine Bauern, sondern Paddler“, sagt Thomas Terberger über die Ostorfer von einst. Ihre Armknochen weisen die modifizierten Muskelansatzstellen auf, wie sie für Kajakfahrer oder Kanuten typisch sind. Und zwar bei Männern wie Frauen. Das jedenfalls entdeckten Mainzer Anthropologen vor kurzem bei einer morphologischen Untersuchung. Die Kiefer verrieten ihnen, daß die Jäger und Sammler das frugale Mahl intensiv kauen mußten. Sie verzehrten Fleisch und Rohkost, aber kaum Kohlenhydrate. Trotzdem konnte ihre mesolithische Diät sie nicht vor Karies bewahren. Auch zeigen die bei Ostorf geborgenen Skelette Abnutzungsspuren auf; die veränderten Bein- und Hüftknochen zeugen von starker Mobilität. Ähnliche Merkmale sind heute bei Marathon- und Langstreckenläufern zu beobachten.

Teil C - Die Indogermanen kommen (ab 3.100 v. Ztr.)

Vor zehn Jahren veröffentlichten wir unseren Artikel "3.100 v. Ztr. - Der Rinderwagen in der Weltgeschichte" über damals neu gedeutete Rinderwagen-Gräber in Norddänemark. Dort hatten wir in einer Nebenbemerkung festgehalten (18):

Wagenräder als Grabgut kennt die "Majkop-Kultur" am Westkaukasus schon zwischen 3.700 und 3.000 v. Ztr.. (...) Die neue Studie läßt sogar die Vermutung verschiedener Forscher anklingen, daß die parallelen Erscheinungen von Wagengräbern zwischen Westkaukasus und Norddänemark ähnlich wie die nachfolgende Ausbreitung der Indogermanen mit ihrer Kultur Pferde-gezogener Streitwagen auf großflächigen kulturellen oder sogar bevölkerungsmäßigen Ausbreitungsbewegungen beruhen könnte. 

Zu unserer Überraschung findet sich inzwischen in einer neuen archäologischen Studie, daß diese Rinderwagen-Gräber in Dänemark zeitgleich auftreten mit der Schnurkeramik-Kultur, also mit den Indogermanen (19):

Um 3.100 v. Ztr. breitet sich das Kugelamphoren-Phänomen mit seiner eigenen groben Keramik, Äxten, Dechsel-Typen ebenso wie Rindergräbern vom Südosten ins nördliche Jütland aus. Zur selben Zeit entwickelt sich das Phänomen der Einzelgrabkultur, räumlich verteilt in unterschiedlicher Intensität mit seinen eigenen Formen sozialer Organisation und seinen eigenen Symbolen sowie mit der Betonung auf einem zweiten Monumenten-Boom oder vielleicht auch auf der Rolle von Kriegern.
In 3100 BCE, the Globular Amphora phenomenon, with its own coarse ware, axe and adze types, as well as cattle burials, spreads from southeast to northern Jutland. At the same time, the phenomenon of the SGC develops, spatially in different intensities, with  its own forms of social organization and its own symbols, such as emphases on a second  monumental boom or perhaps on the role of warriors.

Im Süden der dänischen Halbinsel tritt diese Einzelgrabkultur ab 2.950 v. Ztr. auf, im Norden der dänischen Halbinsel ab 2.750 v. Ztr. (Abb. 10).

Völker im Umbruch auf der dänischen Halbinsel

Der Begriff "Dunkle Jahrhunderte" (Wiki) wird auf eine Phase der Geschichte Griechenlands zwischen 1200 und 800 v. Ztr. angewendet. Für diese Zeit nach dem "Seevölkersturm" beobachten Archäologen fundarme Jahrhunderte in Griechenland. Diese Jahrhunderte markieren dort den Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit, den Untergang des mykischen und die Entstehung des klassischen Griechenland. Ähnliche "Dunkle Jahrhunderte" werden nun auch im Zusammenhang der Zuwanderung der Indogermanen nach dem heutigen Norddeutschland und Dänemark festgestellt (19):

Neue Studien über die Umweltveränderungen, das Ausmaß der Bewaldung, die Zahl der Großbauten (Monumente) und allgemein über den wirtschaftlichen Wandel haben eine Periode aufscheinen lassen zwischen 3.100 und 2.800 v. Ztr., in der keine neuen Monumente errichtet werden, und in der ein Rückgang des menschlichen Einflusses auf die Landschaft sowohl im nördlichen Deutschland als auch im südlichen Teil der dänischen Halbinsel festzustellen ist.
Original: New studies on environmental change, the degree of opening up of the land, the quantities of monuments, and economic change have shown a period between ca. 3100 and 2800 BCE without monumental building activity and a decrease in human impact on the environment in northern Germany and the southern part of  the Cimbrian peninsula.

Auf diesen "Hiatus", bzw. Bevölkerungsrückgang in Europa vor, bzw. während der Zeit der Ankunft der Indogermanen wird neuerdings auch von Seiten des Archäogenetikers Johannes Krause in seinem inhaltsreichen Buch "Die Reise unserer Gene" hingewiesen (20). Genau in diese Zeit der "Dunklen Jahrhunderte" fällt nun das Auftreten eines (neuen) Keramiktyps, der schon in den 1950er Jahren nahe des dänischen Ortes Store Valby gefunden wurde. Er wird deshalb "Store Valby Keramik" genannt. Diese Keramik war in ganz Dänemark, ebenso in Ostholstein ("Wagrien") und bis nach Dithmarschen verbreitet.

Abb. 11: Chronologische Einordnung der "Store-Valby-Übergangsgesellschaften auf der dänischen Halbinsel (aus: 19)

Dieser Keramiktyp wird nun in einer neuen Studie deutscher Archäologen als Keramiktyp der Zeit des Übergangs, der Zeit der "Dunklen Jahrhunderte des Nordens" gekennzeichnet. Und man glaubt mit diesem fehlenden Puzzleteil nun die Kulturabfolge in diesem Raum noch genauer zeitlich, räumlich und kulturell einordnen zu können (s. Abb. 11). Dabei ist zu berücksichtigen, daß in nördlichen Teilen der jütländischen Halbinsel bis 2.700 v. Ztr. interessanterweise sogar noch die Grübchenkeramik-Kultur ("Pitted Ware Societies"; Abb. 10) fortbestand, jenes Jahrzehntausende Jahre alte Volk westeuropäischer Jäger, Sammler und Fischer, das sich für den westlichen Ostseeraum hier mit seinen letzten Rückzugsorten bis zur Ausbreitung der Indogermanen hielt. (Etwas später ging dieses Volk auch im östlichen Ostseeraum unter.) Das Ergebnis der Studie lautet nun für die Viehzucht und ackerbautreibenden Kulturen (19):

In der Zeit 3.100 bis 2.900 v. Ztr. hatten die Menschen Zugang zu Keramik der Trichterbecherkultur, der Kugelamphorenkultur und der (regionalen) Store Valby-Keramik.
In  the  period 3100-2900 BCE, people could have had access to Bundsø/Lindø, Globular Amphora and Store Valby ceramics. 

Das könnte heißen, daß in dieser Zeit der "Landnahme" Menschen ganz unterschiedlicher kultureller und ggfs. auch genetischer Herkunft neben einander lebten. Im weiteren Verlauf, in der Zeit von 2.900 bis 2.600 v. Ztr. kam zu der soeben beschriebenen, schon vorhandenen Keramik noch die Keramik der Schnurkeramiker dazu (in Abb. 10 "Single Grave Societies", sprich Einzelgrab-Kultur).  Die kulturellen Spuren der Kugelamphorenkultur verlieren sich aber hinwiederum nach 2.700 v. Ztr. im Norden ebenso wie die der Grübchenkeramik-Kultur. Nur die Kultur der Schnurkeramik bleibt übrig.

Unsere Frage, bzw. Vermutung, bzw. Deutung: War das etwaige Großreich der Kugelamphoren-Kultur von den Indogermanen aus dem Osten erobert worden, haben diese Indogermanen Teile des Heeres des Großreiches der Kugelamphoren-Kultur in ihr eigenes Heer aufgenommen und haben wurden während der Landnahme auf der dänischen Halbinsel unterschiedlichen Heeresteilen unterschiedliche Siedlungsräume zugeordnet? Das ist jedenfalls das, was sich uns in diesen Zusammenhängen schemenhaft andeutet.

2.800 v. Ztr. - Die Indogermanen sind da

Erst also also die Indogermanen ab 2.800 v. Ztr. als Schnurkeramiker - womöglich in großen Heerzügen gemeinsam mit Kriegern der Kugelamphoren-Kultur - den westlichen Ostseeraum erobern, verlieren sich dort die kulturellen und genetischen Spuren der großartigen Völkergruppe der westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler, die sich dort lange als Ertebolle-Kultur (Wiki) und zuletzt als Grübchenkeramische Kultur ("pitted ware culture") (Wiki) gehalten hatte.

Zu dieser Zeit brachten die Schnurkeramiker den Ackerbau auch nach Finnland, also in den östlichen Ostseeraum. 

Es deutet inzwischen immer mehr darauf hin, daß hier sowohl in Form der anatolisch-neolithischen Trichterbecher- und Kugelamphoren-Kultur wie auch auf Seiten der Indogermanen stattliche Strukturen vorlagen, wie sie am ehesten in der Eisenzeit "Altitaliens" greifbar werden, das heißt, mit einer kriegerischen Adelsschicht, die sich Steinstelen als Grabsteine setzte, freien "Patriziern" und dem einfachen Volk, sowie auch Sklaven und Kriegsgefangene.

2.700 v. Ztr. - Die letzten einheimischen Fischer auf Gotland nehmen die indogermanische Streitaxt-Kultur an

Auf der Insel Gotland haben zwischen 3.300 v. Ztr. und 2.700 v. Ztr. Menschen der bäuerlichen Trichterbecherkultur gelebt, die mehrheitlich anatolisch-neolithischer genetischer Herkunft waren. Im Verlauf des Untergangs dieser bäuerlichen Trichterbecherkultur durch die Zuwanderung der Schnurkeramischen Kultur von Süden her bis nach Dänemark hinein, wurde diese Kultur ab 2.700 v. Ztr. noch einmal ersetzt von jenem im skandinavischen Raum schon viel länger einheimischen Fischer-Volk mesolithischer, genetischer Herkunft. Es war dies das Volk der Grübchenkeramischen Kultur. Was für ein verrückter Vorgang!

Die Archäologen hatten nämlich schon länger beobachtet, daß diese Grübchenkeramische Kultur auf Gotland zwischen 2.900 und 2.500 v. Ztr. etwa zur Hälfte Grabsitten und Grabausstattungen jener indogermanischen Streitaxt-Kultur angenommen hatte, die sich in dieser Zeit rund um den Ostsee-Raum ausgebreitet hat. Eine archäogenetische Studie von 25 Skeletten der Insel Gotland aus dem Juni 2020 zeigt nun auf, daß die dortigen Menschen der Grübchenkeramischen Kultur, die teilweise mit Streitäxten und in Hockerstellung begraben wurden, aus genetischer Sicht von skandinavischen Fischer-, Jäger und Sammler-Populationen abstammen (15) (Abb. 11). Vielleicht waren diese Menschen als "Verbündete" des Königs oder Fürsten der Streitaxt-Kultur sehr bewußt von anderen Gegenden her um- und auf Gotland angesiedelt worden.

Abb. 12: Die kulturell von der Streitaxt-Kultur beeinflußten Grübchenkeramischen Gräber auf Gotland (rote und orangene Dreiecke) waren genetisch identisch mit sonstigen Grübchenkeramischen Gräbern in Skandinavien. Insgesamt standen diese letzten Jäger und Sammler Skandinaviens genetisch den westeuropäischen Jägern und Sammlern näher als den osteuropäischen (aus: 15)

Zwölf der von der Insel Gotland sequenzierten Skelette waren jedenfalls in der typischen Rückenlage der Grübchenkeramischen Kultur bestattet, elf dieser Skeletten waren in der typischen Hockerlage der Streitaxt-Kultur bestattet. Letzteren war auch eine entsprechende typische Streitaxt beigegeben worden. Aber alle diese Skelette wiesen einheitliche, einheimische mesolithische, skandinavische Genetik auf. Trotz ihrer Streitaxt-Grabkultur hatten alle diese Menschen sich vornehmlich von Meerestieren ernährt, was untypisch ist für die Herdenhalter der Streitaxt-Kultur (15).

Ob wohl diese kulturell von der Streitaxt-Kultur überformten Menschen auf Gotland aus dem 3. Jahrtausend v. Ztr. als die geschichtlich letzten Vertreter der einstmals so großen Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler angesprochen werden können? Und ob es solche kulturelle Überformung auch noch an anderen Orten des Ostseeraumes gegeben hat?

Westeuropäische Jäger- und Sammler-Herkunft und die Ethnogenese der Glockenbecher-Kultur (2.400 v. Ztr.)

[ 17.5.25 ] Erstaunlicherweise hat sich die westeuropäische Jäger-Sammler-Genetik am Niederrhein und an der Nordseeküste zwischen Bremen und Brügge, sowie bis nach Westfalen und Nordhessen hinein bis 2.400 v. Ztr. in Anteilen von 25 bis 50 % gehalten, obwohl die Menschen dort zunächst bäuerliche Lebensweise angenommen hatten und dann auch durch die Schnurkeramiker "indogermanisiert" worden sind. Und erstaunlicherweise ist genau dies dann auch die Urheimat der Glockenbecher-Kultur und damit der für die europäische Geschichte so bedeutenden italo-keltischen Völkergruppe (Stg25).

Abb. 13: Hoher verbliebener Jäger-Sammler-Herkunftsanteil zwischen Weserbergland, Bremen und Brügge zwischen 4.500 und 2.500 v. Ztr. (aus 38) - Ausgangspunkt für die Ethnogenese der Glockenbecher-Kultur (!) 

[ 14.2.22 ] Ebenso finden sich letzte Vertreter der großen Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler am Plattensee zwischen 2.500 und 2.200 v. Ztr. (Stgen2022).

 
/ Entwurf: 30.6.20;
Ergänzung, Überarbeitung: 8.5.21;
Weitere Ergänzungen:
(28) 1.8.21, (32) 14.2.22, 
(33-35) 26.4.22, (37) 15.3.25,
(38, 39) 17.5.25 /
_________________

  1. Bading, Ingo: 2018 (Stg2018
  2. Torsten Günther, Helena Malmström, Emma Svensson, (...) Jan Storå, Anders Götherström, Mattias Jakobsson: Genomics of Mesolithic Scandinavia reveal colonization routes and high-latitude adaptation. doi: https://doi.org/10.1101/164400, Preprint 30.7.2017, biorxiv, veröffentlicht 9.1.2018, https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.2003703
  3. https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/01/ein-rassekrieg-am-ende-des-europaischen.html
  4. http://preussenlebt.blogspot.com/2017/04/zur-geschichte-des-dorfes-bahnitz-der.html
  5. Bading, Ingo: Ostsee-Handels-Schifffahrt lange vor dem Ackerbau Über die Ausgrabungen in Neuwasser in Hinterpommern seit 2003, 11. Juli 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/ostsee-handels-schifffahrt-lange-vor.html
  6. https://www.nature.com/articles/s41467-019-13549-9
  7. https://www.spektrum.de/news/kaugummi-aus-der-jungsteinzeit/1693536 
  8. Brozio, Jan Piet et al. The Dark Ages in the North? A transformative phase at 3000-2750 BCE in the western Baltic: Brodersby-Schönhagen and the Store Valby phenomenon. Journal of Neolithic Archaeology, [S.l.], v. 21, p. 103–146, dec. 2019. ISSN 2197-649X. Available at: . Date accessed: 19 dec. 2019. doi: https://doi.org/10.12766/jna.2019.6. 
  9. https://www.nature.com/articles/s41598-019-41293-z
  10. https://www.helsinki.fi/en/news/language-culture/a-5000-year-old-barley-grain-discovered-in-aland-southern-finland-turns-researchers-understanding-of-ancient-northern-livelihoods-upside-down 
  11. https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/08/die-schnurkeramiker-brachten-die.html 
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