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Dienstag, 7. April 2026

2.900 v. Ztr. - Steppengenetik am Rhein - Iberer-Genetik im Pariser Becken

Spanien hatte im Mittelneolithikum eine bis heute völlig unterschätzte Bedeutung
- Von hier ging ein völlig überraschender Bevölkerungsaustausch aus, der sich bis in das Pariser Becken um 2.900 v. Ztr. erstreckte

Soeben ist eine neue archäogenetische Studie der Forschungsgruppe um den dänischen Archäogenetiker Eske Willerslev und den dänischen Archäologen Kristian Kristiansen erschienen. Im Mittelpunkt steht die die Untersuchung von den menschlichen Überresten von mehr als 130 mittelneolithischen Personen, die in einem Galerie-, bzw. Ganggrab 50 Kilometer nördlich von Paris bestattet worden waren (in der Nähe der Ortschaft Bury) (1). 

Abb. 1: Steppengenetik am Rhein, Iberer-Genetik im Pariser Becken um 2.900 v. Ztr. (aus 1)

Eine eindrucksvolle, für sich sprechende Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Studie findet sich in Abbildung 1.

Interessanterweise ist an der Studie so gut wie kein Franzose beteiligt, weshalb die Studie die neuen Ergebnisse aus der Archäogenetik auch so gut wie gar nicht in den konkreten, regionalen archäologischen Kenntnisstand einordnet und diesem zuordnet.

Die Forscher stellen nämlich sehr überraschender Weise eine Ausbreitung iberischer, mittelneolithischer Genetik bis in den Pariser Raum hinein fest, wo es bis dahin eine einheimische mittelneolithische Genetik gegeben hatte, die sich ab 4.100 v. Ztr. auch schon über die britischen Inseln ausgebreitet hatte (Stg2019). Die iberische mittelneolithische Genetik trat vor 2.900 v. Ztr. im Pariser Becken zunächst nur vereinzelt auf, stellte dann aber nach 2.900 v. Ztr. 80 % der Herkunft der dortigen Bevölkerung (1):

In Übereinstimmung mit unserer Hauptkomponenten-Analyse fanden wir eine hohe Diversität bei den Individuen der Phase 1 mit unterschiedlichen Anteilen modellierter Abstammungen aus dem frühen Neolithikum Frankreichs und einer Gruppe neolithischer Iberer aus dem vierten Jahrtausend v. Ztr. (...). Dieses Muster spiegelt sich auch bei anderen zeitgleichen Individuen aus dem Pariser Becken wider, von den Fundstätten Mont Aimé hypogée (I + II), Wettolsheim und Pont-sur-Seine. Für Phase 2 hingegen ergab die Modellierung eine homogenere Population mit über 80 % (Mittelwert 83,8 % ± 0,1 % Standardabweichung) iberischer Abstammung.

Weiter heißt es (1):

Die Mischungsmodellierung zeigt eine schrittweise Ausbreitung der neolithischen iberischen Abstammung nach Norden (...). Um 2900 v. Ztr. wiesen die Bevölkerungen in Südfrankreich und auf der Iberischen Halbinsel einen großen Anteil iberischer Abstammung auf, während die Menschen im Pariser Becken, wie die Individuen der Phase 1 zeigen, noch einen gemischten Anteil an Abstammung aufwiesen. Nach 2900 v. Ztr. verdrängte eine letzte Ausbreitung der iberischen Abstammung nach Norden die bestehende lokale Abstammung im Pariser Becken teilweise, was zu der in Phase 2 beobachteten homogenen Bevölkerung führte.

Allgemeiner schreiben die Verfasser dann (1):

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts nehmen viele Autoren einen Zustrom an von Menschen von der Iberischen Halbinsel nach Nordwesteuropa, basierend auf der Verbreitung der Glockenbecherkultur im dritten Jahrtausend v. Ztr. (...). Unsere Daten belegen einen genetischen Zustrom von der Iberischen Halbinsel bereits vor dem Phänomen der Glockenbecherkultur: Wir zeigen, daß die Erbauer und ersten Nutzer des Grabes bereits um 2900 v. Ztr. weitgehend durch eine neolithische Bevölkerung aus Südfrankreich und der Iberischen Halbinsel ersetzt wurden. Dieses Datum liegt mehrere Jahrhunderte vor dem ersten bestätigten Zustrom der Glockenbecherkultur in das Pariser Becken.

Soweit übersehbar, ist die Ausbreitung von Iberer-Genetik bis in das Pariser Becken eine für die Archäologie völlig unerwartete Erkenntnis.

Eine völlig unerwartete Erkenntnis

Sie scheint uns doch sehr deutlich ein Hinweis darauf zu sein, daß auf der iberischen Halbinsel im Mittelneolithikum besonders fortschrittliche Gesellschafts- und Wirtschaftsformen ausgebildet worden sein müssen. Allerdings konnten die Archäologen in Spanien oder Katalonien bislang dafür offenbar noch nicht besonders viele konkrete Hinweise zusammen tragen (Wiki). Offenbar. In Katalonien ist die Rede von der "Kultur der Grubengräber" (Wiki) (Spanisch "Cultura de los Sepulcros de Fosa"). Es sind bislang von dieser offenbar keine Siedlungen gefunden worden, es scheinen vorwiegend Gräber und Höhlenbefunde vorzuliegen. Sie erlauben immerhin Rückschlüsse auf Fernhandel (Wiki):

Während der Blütezeit der Bestattungspraxis in Gruben oder Steinkisten (zahlreiche Beispiele finden sich in den katalanischen Regionen Solsonès und Berguedà sowie in Nachbarländern wie Andorra und Frankreich) sind Siedlungen und Hütten selten. In Solsonès wurden zudem zahlreiche Muschelarmbänder gefunden, die wahrscheinlich aus dem Ebrodelta und anderen Küstenregionen stammen. Honigfarbener Feuerstein aus Südfrankreich und Alpenäxte sind ebenfalls häufig in Gräbern von Vallès und Solsonès zu finden. Der Bergbau gewann ebenso an Bedeutung wie der Nah- und Fernhandel. Weitere Fundstücke, die diesen Handel belegen, sind polierte Keramik, typisch für eine Gruppe in Südfrankreich, Gefäße mit quadratischer Mündung und Keramik mit rotem Überzug.

Über die "Kultur der Grubengräber" Kataloniens lesen wir auch (Wiki):

Man geht heute davon aus, daß sie mit der Cortaillod-Kultur der Schweiz, der Lagozza-Kultur Norditaliens und der in Frankreich gefundenen Chasséen-Kultur verwandt war.

Nun, diese "Verwandtschaft" scheint gerade sehr deutlich durch die Archäogenetik bestätigt worden zu sein, denn sie scheint auch auf genetischer Ebene vorzuliegen (1). Inzwischen sprechen die Archäologen auch schon von einer "Chassey-Lagozza-Cortaillod-Kultur" (Wiki):

Die Chassey-Lagozza-Cortaillod-Gruppe (4600–2400 v. Ztr.) wurde wegen der Übereinstimmung ihrer Keramik als zusammenfassende Bezeichnung für die drei jungneolithischen Kulturen Chasséen, Cortaillod und Lagozza vorgeschlagen.

Diese Sichtweise dürfte durch die Archäogenetik nun deutlich untermauert worden sein. Im Pariser Becken nun war auf die Michelsberger Kultur (4.400 bis 3.500 v. Ztr.) (Wiki) die "Seine-Oise-Marne-Kultur" (3.400-2.800 v. Ztr.) (Wiki) gefolgt. Die Archäologie ahnt bislang offenbar nur vergleichsweise wenig von einer Herkunft dieser Kultur aus dem südlichen Frankreich oder gar aus Spanien (Wiki):

Die Seine-Oise-Marne-Kultur wurde nach den zahlreichen archäologischen Funden im Pariser Becken (den Einzugsgebieten der Flüsse Seine, Oise und Marne) benannt. Doch diese Kultur breitete sich weit darüber hinaus aus, durch Nordwestfrankreich und Südbelgien bis hin zu den Niederlanden. (...) Die Elemente, die Mitte des 3. Jahrtausends v. Ztr. in Nordfrankreich auftreten, finden sich in dieser Weise nirgendwo sonst und deuten auf einen lokalen Ursprung hin. (...) Die Seine-Oise-Marne-Kultur existierte zeitgleich mit der Schnurkeramik-Kultur, die sich von Ostfrankreich bis nach Rußland erstreckte. Mit dieser teilt sie so viele gemeinsame kulturelle Elemente, daß erstere als eine Untergruppe der letzteren betrachtet werden kann.

Immerhin bemerkenswerte Ausführungen. Stand die Ausbreitung der "Iberer"-Stämmigen in das Pariser Becken in irgendeinem Zusammenhang mit der Ausbreitung der Schnurkeramiker in dieser Zeit bis an den Rhein (und bis nach Jütland wie wir schon anderwärts erörterten [Stg21])? 

In der Seine-Oise-Marne-Kultur begrub der Adel seine Verstorbenen in "Galeriegräbern" und stellte ihnen Stein-Stelen auf. Nach den neuen archäogenetischen Daten sollte die Seine-Oise-Marne-Kultur im Pariser Becken aus der Chasséen-Kultur im südlichen Frankreich hervor gegangen sein (Wiki): 

Die Chasséen-Kultur ist eine archäologische Kultur des Mittelneolithikums, die sich zwischen etwa 4350 und 3300 v. Ztr. in Norditalien und sich später im heutigen Frankreich ausbreitete. Sie ist die einzige neolithische Kultur, die sich über einen Großteil dieses Gebiets ausbreitete.

All das, was die Archäologen hier eher zaghaft andeuten, wird durch die Archäogenetik nun deutlich "befeuert" werden. Die Archäogenetik erweitert auch hier sehr deutlich die Perspektiven und Erkenntnishorizonte, läßt mit großer Sicherheit Zusammenhänge erkennen, deren sich die Archäologen bislang gewiß nicht so sicher gewesen sind wie sie es ab jetzt sein werden.

Immerhin: Wir hatten hier auf dem Blog schon behandelt, daß die ältesten Eigendarstellungen der mittelneolithischen Bauern Europas aus Spanien stammen (Stg2019).

Eine Männer-dominierte Gesellschaft schon vor Ankunft der Indogermanen?

Interessanterweise wurden viel mehr Männer als Frauen in den Adelsgräbern bestattet. Mehr als die Hälfte der weiblichen Mitglieder dieser Familien scheinen nicht in diesen Adelsgräbern bestattet worden zu sein. Das mag ein starker Hinweis darauf sein, wie "Männer-dominiert" diese Gesellschaften schon damals waren, also auch hier einmal erneut schon vor Ankunft der Indogermanen.

Außerdem geht die Studie einmal erneut einem "neolithic decline" um 3.000 v. Ztr. nach, einem in weiten Teilen Nordeuropas beobachteten Bevölkerungsrückgang mit erneuter verstärkter Bewaldung. Nun einen solchen "neolithic deline" hat es in den westlichen Regionen der Bandkeramik an ihrem Ende offenbar auch gegeben wie wir erst jüngst berichteten (Stg26). Auch am Ende der "Völkerwanderung" um 500 n. Ztr. sehen wir einen solchen zeitweisen Bevölkerungsrückgang in vielen Regionen Ostmitteleuropas vor der Neubesiedelung durch die Slawen. "Der" "neolithic decline" dürfte also nicht so einzigartig sein wie hier unterstellt wird, sondern im Wechsel der Kulturen und Völker zwischendurch immer einmal wieder aufgetreten sein.

*** 

Für uns mag all dies ein Anlaß sein, einen Blogartikel-Entwurf aus dem April 2024 hier mit zu veröffentlichen:

Mittelneolithische Megalithkultur - Ihre Ethnogenese in Portugal

Sie entstand im Gebiet der im Gebirge lebenden späten Jäger und Sammler

Die archäogenetische Forschung tastet sich immer näher an die Ursprungsorte der Ethnogenese der mittelneolithischen Völker und Kulturen heran. Zu diesem Thema ist soeben eine archäogenetische Studie zum neolithischen Portugal erschienen (2).

Der Ursprünge der Megalithkultur an der Atlantikküste Westeuropas werden schon seit vielen Jahrzehnten in der Forschung erörtert. Zunächst war angenommen worden, die Megalithgräber-Kultur sei vom Mittelmeerraum durch direkte Bevölkerungs-Ausbreitung an die Atlantikküste gelangt. Die C14-Datierungen schlossen eine solche Erklärung aber aus. Denn die Megalithgräber in Portugal an der Atlantikküste waren älter als die im Mittelmeerraum, sie gehören zu den ältesten der Megalithkultur überhaupt (Wiki). 

Nachdem dies klar war, nahm man an, die Megalithgräber in Portugal und anderwärts wären vor allem von den Nachkommen der frühesten bäuerlichen Besiedlung in diesen Räumen errichtet worden. Dieses waren die Hirten und Bauern der sogenannten Cardial-Kultur (Wiki), die sich vom Levanteraum rund um das ganze Mittelmeer und auch entlang der Atlantikküste ausgebreitet hat. 

Ab den 1960er Jahren wurde aber von einigen Archäologen auch eine bis heute nur wenig publizierte These vertreten, die der portugiesische Archäologe Manuel Heleno (1994-1970) (Wiki) in Umlauf gebracht hat, nämlich ... 

... daß die frühesten Erbauer der Megalithgräber in Portugal direkte Nachkommen der mesolithischen Jäger und Sammler des Muge-Tales waren, die aus dem Tejo-Tal in die inneren Zentral-Gebiete Südportugals eingewandert waren. Dies wäre der Fall bei den Erbauern der Megalithgräber im Montemor-o-Novo-Gebiet in der zentralen Ebene des Alentejo (Heleno, unveröffentlicht; siehe Gonçalves und Andrade, 2020; Rocha, 2009/10), und diesen konnten später ähnliche Gräber im Monchique-Gebirge an der Algarve (Formosinho et al., 1953) zugeordnet werden (Abb. 1B).
Entsprechend dieser Sichtweise sind die in diesen Regionen reichlich vorhandenen kleinen, zistenartigen Gräber aus Steinplatten für Einzelbestattungen Zeugnisse dieses Prozesses und stellten die ersten Grabarchitekturen des Neolithikums dar.
... that the earliest megalith builders of the country were direct descendants of Muge Mesolithic hunter-gatherers who migrated from the Tagus valley to the interior areas of central-southern Portugal. Such would be the case with the builders of the Montemor-o-Novo megalithic area in the central plains of Alentejo (Heleno, unpublished; see Gonçalves and Andrade, 2020; Rocha, 2009/10), to which similar tombs of the Monchique mountain range in Algarve (Formosinho et al., 1953) would be added later (Fig. 1B).
According to this view, the abundant number of small, cist-type graves built with stone slabs for individual burial known in those regions bore witness to the process and represented the first funerary architectures of the Neolithic.

Der hier genannte Tejo-Fluß (Wiki) ist der längste Fluß der iberischen Halbinsel. Er durchfließt diese von Osten nach Westen. Er durchfließt eindrucksvoll in gebirgiger Gegend die Städte Aranjuez und Toledo, 40 Kilometer südlich von Madrid (bekannt z.B. aus Schillers Drama "Don Carlos"). Der Tejo mündet schließlich bei Lissabon in den Atlantik.


Abb. 2: Von den spätmesolithischen zu den neolithischen Beisetzungen in Westiberien zusammen mit archäogenetischen Ergebnissen

Und weiter (2):

Aus diesen architektonisch einfacheren Steinbauten dürften sich die späteren und größeren Gräber mit Passagen und polygonalen Kammern entwickelt haben. Tatsächlich gehen einige Autoren immer noch davon aus, daß diese kleinen Gräber zu gleicher Zeit eine späte Manifestation autochthoner mesolithischer Gruppen und das früheste Stadium der Megalith-Sequenz sind – daher der Begriff „Proto-Megalithismus“ (z. B. Silva und Soares, 2000).
The later and larger tombs with passages and polygonal chambers would have evolved out of these architectonically simpler stone structures. Indeed, a number of authors still envisage these small tombs as being simultaneously a late manifestation of autochthonous Mesolithic groups and the earliest stage of the megalithic sequence—hence the term “proto-megalithism” (e.g., Silva and Soares, 2000).

Nun, all das folgt einer "Regel", die überall in Europa zu beobachten ist: An der Ethnogenese der mittelneolithischen Völker nahm die ursprünglich in Europa einheimische Bevölkerung, die westeuropäischen Jäger und Sammler, fast überall Anteil.

Abb. 3: Der portugiesische Archäologe Manuel Heleno

Zum Stand der archäologischen Erkenntnisse zum Neolithikum Portugals wird nun dementsprechend referiert (2):

Um 5500 v. Ztr. wurde die bäuerliche Lebensweise entlang der Küstengebiete der Estremadura und der Westalgarve eingeführt. Von dort aus breitete sich diese Lebensweise im Landesinneren und im Norden aus, wo sie bereits um 5100 v. Ztr. bezeugt ist (gemäß der derzeit verfügbaren Radiokarbon-Chronologien für Zentral-Nordportugal und Galizien). Der Bau von Megalithen begann um oder kurz nach 4000 v. Ztr. (Tabelle 1). Zumindest in den ersten paar Jahrhunderten der etwa 1500-jährigen Dauer des frühen Neolithikums lebten Bauern mit mesolithischen Jägern und Sammlern im unteren Tejo- und Sado-Tal und an der Alentejo-Küste zusammen (Abb. 1A), bevor sie sich in Regionen ausbreiteten, die nur spärlich oder überhaupt von letzteren besiedelt waren.
Farming economies were established along the coastal areas of Estremadura and western Algarve by 5500 BC. From there, farming spread to the interior and the north, where its presence is documented by 5100 BC (according to the currently available radiocarbon chronologies for central-northern Portugal and Galicia). Megalith building started around, or a little after 4000 BC (Table 1). During at least the first couple of centuries of the ca. 1500-years duration of the Early Neolithic, farmers coexisted with Mesolithic hunter-gatherers in the lower Tagus and Sado valleys and the Alentejo coast (Fig. 1A) before spreading to regions sparsely, if at all occupied by the latter.

Andernorts war auch schon Kontakt über die Atlantikküsten nach Frankreich und bis nach Schottland deutlich geworden (Stg11, Abb. 2). [Gegebenenfalls muß diese Darstellung zur archäogenetischen Erkenntnissen in Portugal noch vervollständigt werden.]

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  1. Seersholm, F.V., Ramsøe, A., Cao, J. et al. Population discontinuity in the Paris Basin linked to evidence of the Neolithic decline. Nat Ecol Evol (2026). https://doi.org/10.1038/s41559-026-03027-z, 3.4.2026 (NatEcolEvol2026)
  2. Hunter-gatherer genetic persistence at the onset of megalithism in western Iberia: New mitochondrial evidence from Mesolithic and Neolithic necropolises in central-southern Portugal. By A Faustino Carvalho, E Fernández Domínguez u.a.. In: Quaternary International, Volumes 677–678, 20 December 2023, Pages 111-120 (Sci)

Freitag, 19. November 2021

Die Indogermanen kommen nach Spanien (2.350 bis 2.200 v. Ztr.)

Eine neue archäogenetische Studie

Zu Spanien ist eine neue archäogenetische Studie von Archäogenetikern und Archäologen rund um Wolfang Haack und Roberto Risch erschienen (1). Koautoren sind - unter vielen anderen - Johannes Krause und David Reich. Der archäologische Teil ist sehr deutlich inspiriert von dem deutschen Archäologen Roberto Risch, von dem und dessen Forschungen man sich ein sehr gutes Bild machen kann in einem Interview, das der Archäologe Harald Meller letztes Jahr mit ihm geführt hat (2). Es dürfte zur Einführung in die Thematik dieses Blogartikels außerordentlich gut geeignet sein, weil Roberto Risch darin wirklich für seine Forschungen begeistern kann.

Abb. 1: Der Goldschatz von Villena, um 1000 v. Ztr. (Wiki) - Er wurde zwar im Gebiet der vorhergehenden El Argar-Kultur gefunden, gehört allerdings schon in die Zeit nach dem Ende derselben. Spannend ist, daß er ein Pendant findet im zeitgleichen Eberswalder Goldschatz der Lausitzer Kultur in Brandenburg

Im archäologischen Textteil der Studie wird der Forschungsstand zur Archäologie Spaniens vor und nach Beginn der Bronzezeit sehr treffend kurz und knapp auf den Punkt gebracht (1). Man spürt aus dem Text heraus den Geist von Roberto Risch. Wir referieren in freier Übersetzung:

3.300 bis 2.800 v. Ztr. erlebt die südliche Hälfte der iberischen Halbinsel ein exzeptionelles demographisches Wachstum. Eine Vielfalt an monumentalen Siedlungen und Grabanlagen entsteht, Kupfermetallurgie ist weit verbreitet, die Herstellung und der Austausch einer Vielzahl ausgefeilter symbolischer Güter kennzeichnet diese Zeit (also Schmuck und Prestigegüter). Diese Zeit ist charakterisiert durch eine große Vielfalt an Siedlungstypen, wobei befestigte Siedlungen ebenso auftreten wie solche, die durch Gräben umschlossen sind, sogenannte "Megasites". Von diesen hatten einige 100 Hektar Fläche überschritten. Sie alle waren dem Glockenbecher-Horizont in Spanien zeitlich voraus gegangen (1).*) Auch Fernhandel, zum Beispiel mit Afrika ist betrieben worden.

Wir erinnern uns, daß wir uns hier auf dem Blog im August mit der zeitgleichen Kultur der Patron-Händler-Elite der Monte Claro-Keramik auf Sardinien beschäftigt haben (3). Von dieser könnte man sich sicherlich gut vorstellen, daß sie im Austausch stand mit diesen prosperierenden "Megasites" auf der iberischen Halbinsel. Womöglich wären vielerlei religiöse Vorstellungen, Ordnungsstrukturen des Gemeinwesens auf der iberischen Halbinsel und auf Sardinien jener Zeit miteinander in Parallele zu setzen, wodurch beide kulturelle Räume Licht aufeinander werfen können. Wir haben es noch mit zum Teil sehr archaischen religiösen Vorstellungen und Kulten zu tun.

Abb. 2: Das Golddiadem von Caravaca, 1500 v. Ztr. - Aus der Endzeit der El Argar-Kultur (Wiki)

Ab 2.300 v. Ztr., so hatten wir ausgeführt, war die Glockenbecher-Kultur auf Sardinien für die dortige einheimische Monte-Claro-Elite außerordentlich desaströs aufgetreten (3). Die vormalige Elite wurde in abgelegene Rückzugsorte in die Berge vertrieben, verschanzte sich dort hinter Zyklopenmauern und läßt archäologisch verschiedene Stadien der Verelendung erkennen (3). All das geschah dort allerdings, ohne daß die Träger der Glockenbecher-Kultur zugleich auch ihre Steppen-Genetik schon zu jenem Zeitpunkt auf der Insel Sardinien hinterlassen hätte (3). Womöglich kamen sie also zunächst nur als Verbündete der einheimischen Aufständischen nach Sardinien und diese Aufständischen glichen sich kulturell an die Glockenbecher-Kultur an. Aber der Großteil der Krieger der Glockenbecher-Kultur könnte nach dem Sturz der vormaligen Elite auf Sardinien das Land dann auch wieder - vielleicht gemäß zuvor geschlossener Verträge - verlassen zu haben (3).

Ganz anders nun das Geschehen auf der iberischen Halbinsel, das ungefähr zeitgleich vor sich gegangen sein könnte. Die ältesten Individuen mit Steppengenetik können dort auf 2.200 v. Ztr. eingegrenzt werden (1). Da die Einmischung aber schon früher geschehen sein muß, gehen die Forscher von einem Einmischungszeitraum von 2.350 bis 2.200 v. Ztr. aus (1).

Populationsaustausch

Das Geschehen auf der iberischen Halbinsel ist also klar nicht nur durch einen kulturellen Wandel, sondern auch durch einen Populationsaustausch gekennzeichnet. Dieser war schon in früheren Studien festgestellt worden (4, 5) und bestätigt sich in dieser neuen (1). Er zeigt sich in der Omnipräsenz von Steppen-Herkunft in allen Individuen nach 2.200 v. Ztr. (1).**) Die Männer der iberischen Halbinsel tragen ab diesem Zeitpunkt alle den Y-chromosomalen Haplotypen R1b-P312.

Hier kann also ähnliches geschehen sein wie auf Sardinien. Die vormaligen Bevölkerungen wurden erschlagen, insbesondere die Männer. Oder sie wurden in Rückzugsräume vertrieben, wo sie verelendeten und bald keinen Nachwuchs mehr hinterlassen konnten. Die gefangen genommenen Frauen wurden sicherlich - wie auch sonst üblich - als Zweit- und Drittfrauen unter den siegreichen indogermanischen Kriegern verteilt. Aus den Kindern dieser Beziehungen entstanden die neuen Stämme und Völker auf der iberischen Halbinsel.

Mit diesem Bevölkerungsaustausch ist auf der iberischen Halbinsel der Niedergang von "Megasites" wie Los Millares verbunden (1). Gleichzeitig entstehen im Südosten der Halbinsel Höhenburgen sehr viel kleinerer Größe (weniger als 1,5 Hektar) (1). Und parallel zur Mittelmeer-Küste entsteht dort in dieser Zeit - aus einer Kernregion heraus - die El-Argar-Kultur (Wiki) (1). Typische Glockenbecher-Keramik fehlt in dieser. Manche (späteren) kulturelle Züge derselben weisen auf Einflüsse aus dem Nahen Osten (!), andere kulturelle Züge weisen auf Einflüsse aus Europa nördlich der Pyrenäen. Die Forscher fassen zusammen (1):

Bemerkenswerterweise geht dem Hereinkommen einer neuen genetischen Herkunft nicht in allen Regionen der Halbinsel derselbe soziale Wandel parallel. (...) Darin zeigt sich, daß das Hereinkommen von Steppen-Herkunft in die Halbinsel ein längere Zeiten überdauernder Prozeß war, der um 2.400 v. Ztr. in den nördlichen und mittleren Regionen begann, von wo sich die Steppen-Herkunft dann über 300 Jahre hinweg südwärts ausbreitete.
Notably, the arrival of new genetic ancestry is not paralleled by the same social changes in all regions of Iberia. (...) This shows that while the genetic contribution of steppe-related ancestry to Iberia was a long-term process starting around 2400 cal BCE in the northern and central regions, from where it spread southward over ~300 years.

Die vorbronzezeitlichen Bevölkerungen Südspaniens waren noch durch eine kleine "Goyet-Herkunftskomponente" gekennzeichnet. Auf diese waren wir auch schon mehrmals hier auf dem Blog zu sprechen gekommen (6, 7). Sie stammte von nacheiszeitlichen mesolithischen Jägern und Sammlern, die in Spanien vor dem Neolithikum einheimisch waren, und die in der Eiszeit einstmals die große europäische Magdalenien-Kultur gestellt hatte. Diese Herkunftskomponente hatte sich in Südspanien in kleinen Anteilen bis zur Kupferzeit gehalten, verschwindet nun aber mit Beginn der Bronzezeit in Südspanien vollständig. Daraus schlußfolgern die Forscher, daß es in Südspanien einen umfangreicheren Bevölkerungsaustausch gegeben haben wird als in Nordspanien. Sie vermuten, daß die Misch-Bevölkerungen, die sich im nördlichen und mittleren Spanien durch das Hereinkommen der Steppen-Genetik gebildet hatten, die Bevölkerungen in Südspanien völlig ersetzt haben (1).

Die iranisch-neolithische Herkunftskomponente

In aufwendigen Modellierungen beschäftigen sich die Forscher mit einer außerdem feststellbaren kleinen iranisch-neolithischen Herkunftskomponente in der bronzezeitlichen El Argar-Bevölkerung (1). Diese könnte sich entweder in kleineren Anteilen über den Mittelmeerraum während der vorbronzezeitlichen Kupferzeit bis in die südspanische Bevölkerung ausgebreitet haben. Das würde ja, so möchten wir meinen, auch gut zu jener internationalen Händler-Elite auf Sardinien passen, die ja ebenfalls ihre Herkunft - scheinbar - nicht in Sardinien selbst gehabt zu haben scheint, und die Handelskontakte zum östlichen Mittelmeerraum aufrecht erhielt (2). Wie die Ausbreitung der iranisch-neolithischen Genetik im Mittelmeer-Raum (über die minoische Kultur auf Kreta hinweg) während der Kupferzeit konkreter zustande gekommen ist, wird sicherlich überhaupt künftig noch genauer zu klären sein. Darüber hat es ja hier auf dem Blog auch schon manche Mutmaßungen gegeben.

Weiterhin besteht aber auch die Möglichkeit, daß die Glockenbecher-Leute, die die El Argar-Kultur begründeten, diesen iranisch-neolithischen Herkunftsanteil von den Inseln des Mittelmeeres (Sardinien, Mallorca oder Menorca) nach Spanien mitgebracht haben können. Zwischen diesen beiden Alternativen kann in dieser Studie noch nicht endgültig entschieden werden (1).

Erstaunlicherweise stellt die Studie fest, daß es trotz des umfangreichen genetischen Austausches beim Übergang zur Bronzezeit keine nennenswerten Häufigkeitsverschiebungen im Phänotyp gegeben habe, also unter anderem in der Haut-, Haar- und Augenfarbe (1). 

Wie unseren früheren Beiträgen zu Spanien zu entnehmen ist, war diese erste indogermanische Zuwanderung am Beginn der Bronzezeit keineswegs der letzte genetische Umbruch in Spanien (4). Wie dem genannten Interview entnommen werden kann, können manche Grabinhalte des Fürstengrabes von Leubingen in Sachsen-Anhalt mit Funden der El Argar-Kultur in Spanien in Parallele gesetzt werden (2), so daß auch aus solchen Parallelen heraus ein besseres Verständnis der gesamteuropäischen Zusammenhänge jener Zeit möglich werden könnte.

Mindestens zwei mal haben sich große Völkerschaften aus dem mitteleuropäischen Raum heraus gen Südwesten auf den Weg gemacht und haben dann weite Teile Spaniens erobert. Erst die Glockenbecher-Kultur und dann die Kelten. Was für ein aufregendes Geschehen in Zeiten, aus denen uns keinerlei Schriftdokumente über dieses Geschehen Kunde geben können. Eines Geschehens indes, dessen Umrisse jetzt nach und nach immer besser erkennbar werden.

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*) Original (1): "Signs of social and economic turnover are particularly marked in the southern half of the Iberian Peninsula (8), where the CA is associated with exceptional demographic growth, a diversity of monumental settlements and funerary structures, widespread copper metallurgy, and a sophisticated, large-scale manufacture and exchange of symbolic goods, among others [e.g., (9, 10)]. Moreover, this period is characterized by a diversity of settlement types, including fortified sites, ditched enclosures, and so-called megasites, some of which exceeded 100 ha in size (e.g., Valencina de la Concepción and Marroquíes Bajos) and all of which were formed at around 3300 to 2800 BCE, therefore predating the Bell Beaker horizon."
**) (1): "The beginning of the Bronze Age [Early Bronze Age (EBA)] in Iberia (2200 to 1550 cal BCE) marks a clear population turnover, suggested by both the omnipresence of steppe-related ancestry in all individuals directly postdating 2200 BCE." 

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  1. Genomic transformation and social organization during the Copper Age–Bronze Age transition in southern Iberia. Vanessa Villalba-Mouco, Camila Oliart, Cristina Rihuete-Herrada, .... Iñigo Olalde, .... David Reich, Johannes Krause, ... Roberto Risch and Wolfgang Haak, Science Advances, 17 Nov 2021, Vol 7, Issue 47, DOI: 10.1126/sciadv.abi7038, https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abi7038
  2. Harald Meller trifft Roberto Risch - Neue Forschungen zur europäischen Frühbronzezeit. Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, 21.12.2020, https://youtu.be/rhaqmH8Caq0.
  3. Bading, Ingo: Rebellen und Könige - Die Indogermanen, 8/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/08/indogermane-sein-heit-revoluzzer-sein.html
  4. Bading, Ingo: 3/2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/03/spaniens-vorgeschichte-neue.html
  5. Bading, Ingo: 10, 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/10/die-einheimischen-manner-des.html
  6. Bading, Ingo: Völkergeschichte des europäischen Mittelneolithikums - Sie wird komplexer, 6/2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/06/volkergeschichte-des-europaischen.html
  7. Bading, Ingo: 6/2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/06/die-ursprungsvolker-europas.html

Donnerstag, 1. April 2021

Die westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler

Eine große europäische Völkergruppe - Ihre Geschichte, ihr Überlebenskampf, ihr Ende
(15.000 bis 2.700 v. Ztr.)
- Von den Höhlenmalereien in Südfrankreich über die Bandkeramiker bis zu den Großreichen der mittelneolitischen Bauern und der Indogermanen - Über die Jahrtausende hinweg sahen die westeuropäischen Jäger und Sammler viele europäische Völker kommen und gehen 
- Auf der Insel Gotland übernahmen ihre letzten Vertreter die Kultur der zugewanderten Indogermanen

hier Teil 1: 15.000 bis 5.600 v. Ztr.

Gliederung:

  • A. Das ungestörte Leben der Völkergruppe (15.000 bis 5.700 v. Ztr.)
  • B. Die hellhäutigen Bauern aus dem Süden kommen (ab 5.700 v. Ztr.) - Ausbreitung bis an den Dnjepr
  • C. Die Indogermanen kommen (ab 3.100 v. Ztr.)

Die Geschichte dieser großen Völkergruppe der dunkelhäutigen und blauäugigen Fischer, Jäger und Sammler in Süd-, West-, Mittel- und Nordeuropa tritt seit mehreren Jahren durch die archäogenetischen Erkenntnisse sehr überraschend in ersten Umrissen ans Tageslicht und der Blick auf sie verschärft sich immer mehr.

/ Ergänzung 4.6.2026 / Dieses Volk wies nach der neuesten Studie von der Forschungsgruppe um den Archäogenetiker David Reich einen durchschnittlichen angeborenen Intelligenzquotienten von 85 auf (s. Stg26a, b). Dieser war also sehr viel niedriger als er heute in Europa vorherrscht (nämlich 100). Er entspricht dem IQ der Afroamerikaner in den heutigen USA. Menschen mit einem IQ von 85 erreichen heute oft einen Hauptschulabschluß und können in heutigen Gesellschaften meistens Helfertätigkeiten ausüben. Offensichtlich hat ein solcher IQ Jahrtausende lang gereicht, um als und in Jäger-Sammler-Gesellschaften zu überleben.

Zugleich wiesen die west- wie die osteuropäischen Jäger und Sammler einen Anteil von bis zu 100% Trägern der Met-Variante des COMT-Genes auf (Piffer3.6.26), eines Genes, für dessen Kennzeichnung wir am ehesten den Begriff "Sensibilitäts-Gen" als treffend erachten (Stg2019). Dieses Gen ist noch heute in europäischen Völkern häufiger vorhanden als in Asien oder Afrika. Es war schon vor dem Neolithikum in Europa mit einem höheren Prozentsatz vorhanden als es heute noch in irgend einem Volk weltweit vorhanden ist. Heute weisen die Dänen mit 61 % den höchsten Anteil weltweit auf. Die später nach Europa zuwandernden anatolisch-neolithischen Bauern hatten einen viel niedrigeren Anteil von etwa 30 % Met-Trägern (Piffer3.6.26)! Gleichzeitig aber wiesen sie schon unseren heutigen IQ von 100 auf, womit sie sich ebenfalls außerordentlich deutlich von den einheimischen westeuropäischen Jägern und Sammlern unterschieden.

Zur Intelligenz- und Verhaltensgenetik der westeuropäischen Jäger und Sammler

Da auch viele angeborene Schizophrenie-Werte vorgeschichtlicher europäischer Völker höher lagen als heute, könnte die Häufigkeit der Met-Variante auch diesem Themenbereich zugeordnet werden. Denn Met/Met-Träger des COMT-Genes haben auch eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, an Schizophrenie zu erkranken (Stg2019).

Wir gehen aktuell der Hypothese nach, daß reinerbige Met/Met-Menschen weniger im "außen" leben und mehr in sich und in andere hinein horchen, vieles nachwirken lassen, vielleicht oft mehr inneres Mitgefühl, Anteilnahme zeigen als andere Menschen. Wer im persönlichen Umgang reinerbige Val/Val-Menschen mit reinerbigen Met/Met-Menschen vergleich, der fühlt doch sehr viele, sehr deutliche Unterschiede heraus. Vielleicht ist Met/Met auch einfach wesentlich für einen sozialen Zusammenhalt, für gegenseitiges Verständnis und für daraus geborenen Altruismus, die allesamt mehr aus dem individuellen "Inneren" heraus kommen, während der - offensichtlich sehr gute, aber wohl auch etwas unflexible - soziale Zusammenhalt bei Völkern wie den Bandkeramikern mehr durch sehr strikte "äußere" soziale Normen und Regeln, die eine klare Orientierung "von außen" geben, zustande kommen mag. Aber das sind bisher nur sehr vage, spekulative Vermutungen. / Ende Ergänzung 4.6.26 /

Der verwandtschaftliche, genetische Zusammenhang der westeuropäischen Jäger und Sammler über viele Jahrtausende hinweg und über viele tausende von Kilometern über Europa hinweg ist erstmals erst durch die Archäogenetik erkannt und bewußt geworden. Erst seit dem Aufkommen der Archäogenetik konnten "die" westeuropäischen Jäger und Sammler als einheitliche kulturelle und genetische Gruppe erkannt werden. Zuvor hatte man nur verschiedene, regionale und zeitlich unterschiedene archäologische Kulturen gekannt, wußte aber nicht, wie es um verwandtschaftliche Nähe oder Unterschiede bestellt war.   

Teil A - Das ungestörte Leben der Völkergruppe (15.000 bis 5.700 v. Ztr.)

Die Entstehung dieser Völkergruppe kann womöglich ganz gut auf die Zeit um 15.000 v. h. datiert werden. Denn erst seit dieser Zeit finden sich in Europa Menschen mit blauen Augen. Da alle Menschen dieser Völkergruppe blaue Augen haben, wird es sie erst seit 15.000 v. h. geben (28) (etwa Min. 1:00:00).

Erst allmählich werden auch in der traditionellen, archäologischen Forschung alle Funde und Befunde zu dieser großen Völkergruppe in ebensolchen Zusammenhängen gesehen wie sie durch die Genetik aufzeigt worden sind. Im folgenden sollen erste Umrisse der bewegenden, mitunter vielleicht auch erschütternden Geschichte dieser Völkergruppe gezeichnet werden. Ihrer kann nur mit Respekt gedacht werden. Die "westeuropäischen Jäger und Sammler" sind - sozusagen - die "Indianer Europas", die Ureinwohner Europas. Sie haben die Ankunft bäuerlicher Bevölkerungen über die Jahrtausende hinweg erlebt. Sie haben seither in Höhenlagen der Mittelgebirge in Rückzugsräumen gelebt oder an See- und Meeresufern. Sie haben sich schließlich - vor allem ab dem Mittelneolithikum - mit den Bauern vermischt. Sie haben dabei in entscheidendem Maße dazu beigetragen, daß neue große Völker und Königreiche mit Hochadel entstanden - von der Bretagne und vom Seine-Becken ausgehend (Stg2025). Sie scheinen sich - noch später - zum Teil mit den neu ankommenden Indogermanen verbündet - und auch vermischt - zu haben. Und sie scheinen durch diese ein letztes mal neue Siedlungsgebiete zugewiesen bekommen zu haben, etwa auf der Insel Gotland in der Ostsee oder an den Ufern des Plattensee's in Ungarn (Stgen22).

Zur Zeit sind auf dem deutschen Wikipedia zu dieser Völkergruppe nur die archäologischen Daten zusammen getragen (Wiki). Sie bieten eine erste Orientierung (Wiki).

Die Zeitepoche nach der Eiszeit - etwa ab 9.600 v. Ztr. - wird Mittlere Steinzeit genannt (Wiki). In ihr breitete sich in Nordeuropa zunächst Pflanzenbewuchs aus wie er heute noch aus dem nördlichen Finnland oder aus Sibirien bekannt ist (zunächst Moose und Flechten, später Birken und erst später - bis etwa 6.000 v. Ztr. - jener Wald wie er heute noch bekannt ist). 

7.100 v. Ztr. - Der "Cheddar Man" auf den britischen Inseln

Anfangs ist das Bild dieser Völkergruppe bestimmt gewesen durch Diskussionen, die es rund um den berühmten "Cheddar Man" (Wiki) in Großbritannien im Jahr 2018 gegeben hat. Er ist sicherlich bis heute der bekannteste und berühmteste Vertreter dieser Völkergruppe.

Sein Skelett wurde 1903 in einer Höhle in Südwest-England gefunden. Der zugehörige Mann ist nur 23 Jahre alt geworden und lebte um 7.100 v. Ztr.. Nach archäogenetischen Untersuchungen des Jahres 2018 hatte er die typischen anthropologischen Merkmale dieser Völkergruppe: dunkelbraune Hautfarbe, blaue Augen und dunkle, gelockte Haare.

In England glaubte man anfangs dieses Forschungsergebnis so wahrnehmen zu müssen, als könne es das Herkunftsbild und Selbstverständnis heutiger "weißer" Engländer infrage stellen. Und umgekehrt gingen viele "Patrioten" in England auf diese Wahrnehmung ein. Offenbar von wissenschaftsfernen Menschen wurde ihnen weisgemacht, es wäre sinnvoll, dieses Forschungsergebnis als ein solches wahrnehmen zu müssen, das nur um einer "Multikulti-Agenda" willen herbei "gefälscht" worden sei. Das war natürlich grotesker Unsinn.

Eine solche Debatte mutet einem sehr künstlich und geradezu an den Haaren herbei gezogen an vor dem Gesamtbild der europäischen und weltweiten Völkergeschichte wie es sich inzwischen herausgeschält hat sowohl in seinen Kontinuitäten ebenso wie in seiner großen Veränderungsfreudigkeit. Um beide soll es ja auch im vorliegenden Aufsatz gehen.

Aufgrund solcher Debatten jedenfalls ist in England inzwischen der "Cheddar Man" ein "bunter Hund" und ähnlich bekannt wie in Deutschland der "Ötzi". Allerdings ist der Ötzi 4.000 Jahre jünger als der "Cheddar Man" und lebte in einer Zeit, kurz bevor die letzten Reste unvermischt gebliebener westeuropäischer Jäger und Sammler in Skandinavien - zum Beispiel auf der Insel Gotland - ausstarben (siehe unten). Der Ötzi gehörte dementsprechend auch schon der zu seiner Zeit in Europa vorherrschenden anatolisch-neolithischen Völkergruppe an.

Die niederländischen "Kennis-Zwillinge", Kennis&Kennis (Wiki), die beiden bedeutendsten Paläontologie-Konstrukteure der Gegenwart, haben vom "Cheddar Man" - so wie zuvor schon von Neandertalern, dem Ötzi und anderen Vormenschen - eine außerordentlich eindrucksvolle Rekonstruktion geschaffen. Um ihretwillen haben wir ein Video eingebunden, das diese Rekonstruktion als Vorschaubild zeigt (24). Wie in anderen Fällen auch fließt nämlich ihre Rekonstruktion sehr stark und kaum hintergehbar in das Bild mit ein, das wir uns von den ausgestorbenen westeuropäischen Fischern, Jägern und Sammlern machen.

Aber auch die Behausungen fließen in das Bild ein. Gut erforscht ist diesbezüglich die "Steinzeithütte von Howick" (Wiki) in Northumberland in England aus der Zeit um 7.800 v. Ztr.. 

Ergänzung 2.11.2021: In einem neuen Vortrag zeigt der Archäogenetiker David Reich auf, wieviel genetische Veränderung es in Großbritannien seit dem "Cheddar-Man" gegeben hat, so daß die westeuropäischen Jäger und Sammler, die der Cheddar-Man repräsentiert, heute nur noch 0,03 % unserer Herkunftsgenetik ausmachen (29). Das beruht darauf, daß es Bevölkerungsaustausch auf den britischen Inseln gegeben hat um 4000 v. Ztr. zu 99 % (neolithische Zuwanderung), um 2.500 v. Ztr. zu 90 % (Glockenbecher-Zuwanderung), um 900 v. Ztr. zu 50 % (keltische Zuwanderung?) und um 400 n. Ztr. zu 40 % (Zuwanderung der Angelsachsen) (29).

Abb. 1: Die Ursprungsvölker Europas (aus: 30): San Teodora auf Sizilien (braun) und die westeuropäischen Jäger und Sammler (rot) stehen sich vergleichsweise nahe. Die osteuropäischen Jäger-Sammler stehen weit entfernt (blau-lila). Dazwischen Balkan- und skandinavische Jäger/Sammler (grün).

Es gilt aber zu beachten, daß diese 0,03 % sich nur auf westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft bezieht, die es auf den britischen Inseln gegeben hat. Auch die genannten Zuwanderer brachten alle westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft mit sich. So daß die heutigen Menschen in England durch mehr als 0,03 % westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft in sich tragen (wohl grob zwischen 5 und 10 %).

Zur Zeit des "Cheddar Man" hatte es die Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler (Wiki) schon viele Jahrtausende lang in Europa gegeben. Sie hatte den Höhepunkt der Eiszeit im mediterranen Raum überstanden, nämlich vor allem in Italien (um 12.000 v. Ztr.) als sogenanntes "Villabruna-Cluster".

17.000 v. Ztr. - Das Villabruna-Cluster

/ Ergänzt 5.2.2026 / Das Villabruna-Cluster wird schon ab der Zeit 17.000 Jahre vor heute in Italien festgestellt und es wird vermutet, daß es sich vom Balkan aus nach Italien verbreitet hat (Stg2023). Schon die Menschen der Magdalénien-Kultur (18.000-12.000 v. Ztr.) (Wiki) trugen 19 bis 29 % Villabruna-Herkunft in sich (Stg2023). Der andere Teil ihrer Herkunft geht auf die Fournol-Herkunftsgruppe zurück, die westliche Herkunftsgruppe der Gravettien-Zeit. Das heißt: Auch zu dem Schaffen der bedeutendsten Höhlenmalereien in Südfrankreich hat die Herkunft westeuropäischer Jäger und Sammler beigetragen.

Ergänzung 12.12.2021: Inzwischen ist das Villabruna-Cluster auch für die Zeit um 13.000 v. Ztr. auf Sizilien in der dortigen San Teodoro-Höhle nachgewiesen (30). Insgesamt werden in einer neuen Studie die Balkan-Jäger-Sammler als neue eigenständige Vorfahrengruppe erkennbar (Abb. 1 und 2). Und diese Balkan-Jäger-Sammler haben nun Skandinavien besiedelt und sich dabei mit den osteuropäischen Jägern und Sammlern vermischt, nicht - wie bisher in dem vorliegenden Blogartikel dargestellt - die westeuropäischen Jäger und Sammler. (Es gilt allerdings abzuwarten, ob sich diese Ansicht in der Forschung durchsetzt.)

Von Italien aus breitete sich die Gruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler (in Abb. 2 braun) über ganz West- und Mitteleuropa bis nach England aus. Sie breitete sich auch in den östlichen Ostseeraum aus - aber nicht bis nach Skandinavien (30; in Revision zu: [1]). Diese Neustrukturierung des bisherigen Bildes dürfte allenthalben auch Schlußfolgerungen mit sich bringen für die Prozesse der Ethnogenese im europäischen Mittelneolithikum. Da darf man auf weitere Studien gespannt sein. [Ergänzung-Ende]

Abb. 2: Genaue Aufschlüsselung der Herkunftsgruppen für die mesolithischen Jäger-Sammler-Populationen Europas (aus: 30)

Wie es um die genetische Kontinuität der im vorliegenden Artikel behandelten mesolithischen west- und mitteleuropäischen Jäger und Sammler gegenüber den eiszeitlichen Vorgängerkulturen in Mitteleuropa bestellt ist, insbesondere gegenüber der Magdalénien-Kultur (18.000-12.000 v. Ztr.) (Wiki) und den damit im Zusammenhang stehenden Kulturen - wie Hamburger Kultur (13.700-12.200 v. Ztr.) (Wiki) und Federmesser-Kultur (12.000-10.000 v. Ztr.) (Wiki), sowie das "Doppelgrab von Oberkassel" bei Bonn (um 13.500 v. Ztr.) (Wiki), all das wäre noch einmal gesondert zu behandeln, bzw. hier nachzutragen. Jedenfalls deckt sich der Verbreitungsraum der eben genannten Kulturen und Funde ja schon einmal sehr deutlich mit dem der nachfolgenden mesolithischen, west- und mitteleuropäischen Jäger und Sammler.  Um 11.000 v. Ztr. reichte er bis ins heutige östliche Polen (Antiquity 2021).

/ Ergänzung: 27.10.22: Nach einer neuen Studie (Nature2022) gehen die Archäogenetiker insbesondere für Nordeuropa von einem umfangreichen genetischen Austausch bei der Ablösung der beiden Völkergruppen aus, das heißt, die Völkergruppe der Magdalenien-Kultur starb mit der Ankunft der Hamburger- und Federmesser-Kultur aus. Beide scheinen aber zumindest in England parallel zueinander in unterschiedlichen ökologischen Lebensräumen noch einige Zeit nebeneinander her gelebt zu haben. Mehr dazu aber in einem Beitrag, der demnächst hier auf dem Blog erscheinen wird. /

Aus der Grotte Bichon in der Schweiz ist ein Menschenfund bekannt, auf 11.500 v. Ztr. datiert (Wiki), der in Zusammenhang mit den Knochen eines weiblichen  Bären gefunden wurde. Aus dieser Völkergruppe finden sich wiederholt Hinweise auf gemeinsame Niederlegung von Bären- und Menschenknochen, später etwa auch in der Blätterhöhle in Westfalen (Res.g.).

Abb. 3: Die früheste Besiedlung Skandinaviens während des Rückgangs des Inlandeises (aus: 22) - Von Balkan- (30) west- und osteuropäischen Jägern und Sammlern gleichzeitig

Diese immer wieder auftretende enge Beziehung europäischer Mesolithiker zu Bären ist sicherlich besonders gut in Beziehung zu setzen zu dem Umstand, daß noch heute bei den mesolithisch lebenden Chanten und Mansen in Westsibirien - genetische Verwandte der Landnahme-Ungarn - der Bärenkult, die Totenwache bei einem erlegten Bären eine große Rolle spielt. Von dieser Totenwache beim erlegten Bären kann womöglich sogar das nachherige europäische Weihnachtsfest abgeleitet werden, da auch ein Kiefernbäumchen in diesem Kult eine Rolle spielt (Stgen2022).

Auch im Land Brandenburg

Am Bützsee südlich von Alt-Friesack im Bundesland Brandenburg (zwischen Berlin und Hamburg) wurden 1995 Ausgrabungen vorgenommen (36). Hier wurden "Ahrensburger Pfeilspitzen" (Harpunen) gefunden, die auf 10.500 v. Ztr. datiert wurden. Die Ahrensburger Kultur (Wiki, engl) wird auf 10.760 bis 9.650 v. Ztr. datiert. Zu ihrer Zeit gab es noch die Landverbindung zwischen dem Kontinent und England. Das Verbreitungsgebiet dieser Kultur reichte dementsprechend von Südost-England bis in die Gegenden östlich der Oder (bis in die frühere Provinz Neubrandenburg). Da wir es bei ihr um eine der Ausgangspopulationen für die Besiedlung von Skandinavien zu tun haben (siehe gleich), ist es sehr wahrscheinlich, daß es sich bei der Ahrensburger Kultur genetisch um westeuropäische Jäger und Sammler gehandelt hat. Bei den Chanten und Mansen gibt es Familien, die mehr in der nördlichen Tundra leben und solche, die weiter südlich in den Wäldern leben. So wie jene, die weiter im Norden leben, war auch für die Ahrensburger Kultur das wichtigste Jagdwild das Rentier - natürlich neben dem Fischen. In der Gegend von Alt-Friesack lebten die Menschen damals also ziemlich genau so wie es noch bis ins 20. Jahrhundert hinein die Chanten und Mansen in Westsibirien getan haben.

11.300 v. Ztr. - Beginn der Besiedlung Skandinaviens

Die neueste archäologische Studie datiert die Besiedlung Skandinaviens zeitgleich mit dem Rückgang des dortigen Inlandeises auf die Zeit ab 11.300 v. Ztr., und zwar zunächst von Süden durch Balkan- westeuropäische Jäger und Sammler (Abb. 3 rot) (30), wenig später von Osten durch "osteuropäische Jäger und Sammler" (Abb. 3 grün). Nach 8.600 v. Ztr. werden die Balkan-Jäger und Sammler in vielen Regionen von der anderen Herkunftsgruppe zurück gedrängt, bzw. ersetzt, wobei die Menschen offenbar auch das Meer überquerten.

Dieser Vorgang ist womöglich spannender als man auf den ersten Blick denken sollte. Immerhin begegneten den (dunkelhäutigen und dunkelhaarigen?) Angehörigen der Balkan- westeuropäischen Jäger und Sammler Menschen der Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler, bei denen es schon Menschen gab, die blonde Haare hatten und helle Haut. Die Abfolge der Ereignisse wird zusammenfassend folgendermaßen charakterisiert (22):

1) Das erste Eindringen ins südliche Schweden von Süden aus, zirka 11.300 bis 10.000 v. Ztr.
2) Die Ausbreitung entlang der norwegischen Küste vom westlichen Schweden aus Richtung Nordwesten, zirka 9.500 bis 9.300 v. Ztr.
3) Eine nordöstliche Ausbreitung ins nördliche Norwegen und auf die Kola-Halbinsel vor 9.000 v. Ztr.
4) ...
5) ...
6) ...
Original: 1) The initial dispersal into southern Sweden from the south c. 11 300–10 000 BC.
2) The north-westward migration along the Norwegian coast from western Sweden c. 9500–9300 BC.
3) The pre-9000 BC north-eastern migration into northern Norway and Kola.
4) The eastern dispersal into Finland and Karelia c. 9000–8400 BC.
5) The movement of quartz-using groups into northern Sweden from the east between 8900–8200 BC.
6) The southward migration of groups using the eastern technology along the Norwegian coast and into central Sweden c. 8400–8000 BC.
Furthermore, a migration across the Baltic Sea Basin to southern Sweden c. 8500 BC can be suggested (Figure 10).

Im ersten Jahrtausend hat es in Skandinavien nach dieser Studie keine kulturelle und genetische Vermischung der beiden Zuwanderergruppen - nämlich von südlichen Balkan - westeuropäischen Jägern und Sammlern und östlichen "osteuropäischen Jägern und Sammlern" - gegeben (22). Nach 8.300 v. Ztr. kommt es dann aber - nach Zeugnis der Archäologie - innerhalb von Skandinavien zu kulturellen und auch genetischen Vermischungen zwischen der östlichen kulturellen Tradition und der westlichen (22):

Deshalb schlagen wir vor, daß der Prozeß, der zu einer vermehrten archäologischen Sichtbarkeit der östlichen technologischen Tradition nach 8.300 v. Ztr. führte und zu jener genetischen Vermischung, die in den aDNA-Daten für etwa 7.500 v. Ztr. festgestellt worden ist, auf ein Jahrtausend früher datiert werden kann als die Ausbreitung der östlichen Technologie vom nördlichen ins südliche Skandinavien.
We therefore suggest that the processes that led to the increased archaeological visibility of the eastern technological tradition after 8300 BC and the genetic admixture detected in aDNA samples at c. 7500 BC can be traced back one millennium earlier than the expansion of the eastern technology from the north into Southern Scandinavia.

Mit diesen Ausführungen wird eine archäogenetische Studie ergänzt und präzisiert, die im Jahr 2017 erschienen war. Sie hatte die genetische Geschichte der Maglemose- (Wiki), der Kongemose- (Wiki) untersucht, sowie der aus ihr folgenden Ertebolle-Kultur (Wiki) im Nord- und Ostseeraum zwischen dem heutigen England und Finnland. Dabei hat sie aber ein Zeitraum behandelt, der nach dem eben behandelten Zeitraum liegt. In ihr hieß es (2):

Wir sequenzierten die Genome von sieben Jägern und Sammlern aus Skandinavien (...). Die Überreste konnten direkt datiert werden auf 7.500 v. Ztr. und 4.000 v. Ztr. und wurden im südwestlichen Norwegen (Hum1, Hum2), nördlichen Norwegen (Steigen) und auf den Ostsee-Inseln Stora Karlsö und Gotland (SF9, SF11, SF12 and SBj) gefunden. Sie repräsentieren 18 % (6 von 33) aller bekannten menschlichen Überreste in Skandinavien, die älter als 8000 Jahre sind.
We sequenced the genomes of seven hunter-gatherers from Scandinavia (...). The remains were directly dated to between 9,500 BP and 6,000 BP, and were excavated in southwestern Norway (Hum1, Hum2), northern Norway (Steigen), and the Baltic islands of Stora Karlsö and Gotland (SF9, SF11, SF12 and SBj) and represent 18% (6 of 33) of all known human remains in Scandinavia older than 8,000.

Und sie schrieben weiter (2):

Die skandinavischen Jäger und Sammler (SHG) haben keinerlei direkte Nachfahren hinterlassen oder eine Population, die direkte (genetische) Kontinuität mit mesolithischen Populationen aufweisen würde.  Deshalb haben sich viele genetische Varianten, die in mesolithischen Individuen gefunden werden, in heutigen Völkern nicht erhalten.
Original: The SHGs (as well as WHGs and EHGs) have no direct descendants, or a population that show direct continuity with the Mesolithic populations. Thus, many genetic variants found in Mesolithic individuals have not been carried over to modern-day groups.
Dieser Umstand, daß die skandinavischen Jäger und Sammler bis heute keinerlei direkte Nachfahren hinterlassen haben, gilt auch für die west- und die osteuropäischen Jäger und Sammler (WHG und EHG). Diese drei großen europäischen, mesolithischen Völkergruppen müssen heute - vom Prinzip her - als ausgestorben gelten. Das Fischer-Volk der Ertebolle-Kultur im Ostseeraum war aus genetischer Sicht ein komplexes Mischvolk aus westeuropäischen Balkan- und osteuropäischen Jägern und Sammlern, wie es sich aus der eben geschilderten Erstbesiedlung ergeben hat. Es hieß in der Studie von 2017 (2):
Die skandinavischen Jäger und Sammler des nördlichen und westlichen Skandinavien zeigen eine scharf umrissene und bedeutsam stärkere Nähe zu den osteuropäischen Jägern und Sammlern auf, verglichen mit den zentralen und östlichen skandinavischen Jägern und Sammlern. Umgekehrt waren die skandinavischen Jäger und Sammler im östlichen und zentralen Skandinavien genetisch näher den westeuropäischen Jägern und Sammlern, verglichen mit den nördlichen und westlichen skandinavischen Jägern und Sammlern.
Original: The SHGs from northern and western Scandinavia show a distinct and significantly stronger affinity to the EHGs compared to the central and eastern SHGs. Conversely, the SHGs from eastern and central Scandinavia were genetically more similar to WHGs compared to the northern and western SHGs.

Der genetische Anteil der osteuropäischen Jäger und Sammler betrug im Norden und Westen Skandinaviens zu dieser Zeit - also nach 7.500 v. Ztr. - 55 % und auf den Ostseeinseln und in Lettland 35 %. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse war damals vorgeschlagen worden, daß das eisfreie Skandinavien, vor allem die Südküste der Ostsee erst von Süden aus von den mittel-, bzw. westeuropäischen Mesolithikern besiedelt wurde, und daß später die Nordküste der Ostsee von Osten aus von den osteuropäischen Jägern und Sammlern besiedelt wurde. So wird es ja auch von der Archäologie 2021 dargestellt (22).

Abb. 4: Umiak der Grönländischen Inuit (aus: 23)

Beide Gruppen hätten sich dann im Ostseeraum miteinander vermischt. Aber es scheint auch Gegenden gegeben zu haben, wo sich beide Völkergruppen niemals miteinander vermischt haben. Auf der dänischen Insel Lolland hat sich nämlich noch sehr später reine westeuropäische Jäger-Sammler-Genetik gefunden (siehe unten).

Ergänzung 22.1.22: Die Datierungen der Vermischungen in Skandinavien sind in einer neuen Studie noch einmal etwas genauer gefaßt worden (31):

.... Damit erhalten wir einen Vermischungszeitpunkt von 10.200 v. Ztr. für norwegische und schwedische mesolithische Individuen, obwohl die Jäger und Sammler vom schwedischen Motala etwas jüngere Vermischungs-Zeitpunkte ergeben (8.000 v. Ztr.). Im Baltikum erhalten wir Vermischungs-Zeitpunkte von 8.700 bis 6.000 v. Ztr. in lettischen und litauischen Jägern und Sammlern. Diese liegen später als jene in Skandinavien.
... This translates to a timing of admixture of ~10,200 BCE for Norway and Sweden Mesolithic individuals, though dates are more recent (~8,000 BCE) in the Motala HG’s. In the Baltic region, we inferred admixture dates of ~8,700–6,000 BCE in Latvia and Lithuania HGs, postdating the mixture in Scandinavia.

Immerhin könnte auch eine der ältesten Bootsdarstellungen Nordeuropas aus dem nördlichen Norwegen (23) damit den westeuropäischen Jägern und Sammlern zugesprochen werden. Die Bootsdarstellung stellt wahrscheinlich ein Boot von Art der "Umiak" (Wiki) dar (s. Abb. 4). Sein inneres tragendes Gerüst wurde aus Treibholz oder Walknochen hergestellt. Es wurde dann von einer Seerobben-Haut überzogen. Es gibt auch sehr schöne bildliche Rekonstruktionen des Lebens dieser Meeresfischer (25).

Abb. 5: Der Feuerstein, der um 9.000 v. Ztr. in einer Werkstatt in Mittelhessen verarbeitet wurde, stammte aus allen Richtungen und ist bis zu 150 Kilometer weit transportiert worden (aus: 17)

Zur Vermischung zwischen westeuropäischen und osteuropäischen Jägern und Sammlern scheint es im gesamten ostmitteleuropäischen Raum gekommen zu sein. Die osteuropäischen Jäger und Sammler werden sogar nicht selten von den Archäogenetikern überhaupt als eine Mischung von westeuropäischen und westsibirischen Jägern und Sammlern angesprochen. Diese ganzen Zusammenhänge werden künftig von der Wissenschaft sicher noch zuverlässiger heraus gearbeitet werden.

9.200 v. Ztr. - Ausbreitung bis in die Ukraine

Seit 2024 ist zudem bekannt, daß sich Balkan-Jäger und Sammler sich - offenbar ab 9.200 v. Ztr. - bis in die Ukraine ausgebreitet haben und sich dort hälftig mit den osteuropäischen Jägern und Sammlern vermischt haben. Dieser Prozeß könnte durch die Ausbreitung der bandkeramischen Kultur ab 5.500 v. Ztr. bis an die Osthänge der Karpaten verstärkt worden sein. 

Aus dieser Ostausbreitung der Balkan-Jäger und Sammler ging unter anderem jene Dnjepr-Donez-Kultur (5.500 bis 4.200 v. Ztr) hervor (Stg2024aStg2024b). Die robusten Menschen der Dnjepr-Donez-Kultur trugen dann zur Ethnogenese der Späten Urindogermanen innerhalb ihrer Heimat bei, nämlich der Jamnaja-Kultur und gaben ihren Nachfahren wohl auch die schon von ihnen ausgebildete Robustizität und Körpergröße mit.

9.000 v. Ztr. - Eine Feuerstein-Werkstatt in Mittelhessen

Welche komplexe Lebensweise die westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler aufgewiesen haben müssen, wird durch die Herkunft von 8.000 Feuerstein-Funden auf dem sogenannten "Feuersteinacker" bei dem Dorf Stumpertenrod im nördlichen Vogelsberg-Gebirge in Mittelhessen deutlich (16, 17). Die Rohmaterialien dieser - sozusagen "indianischen" - Feuerstein-Werkstatt stammten aus allen Himmelsrichtungen und sind bis zu 150 Kilometer weit transportiert worden (Abb. 5). Die Masse der Feuersteine stammten aus etwa 60 Kilometer Entfernung. Es ist dazu zu erfahren (16):

"Das Farbspektrum des Inventars ist besonders vielfältig", sagt (Erstautor) Hess, "und es ist möglich, daß den Materialien neben einer funktionalen auch eine symbolische Bedeutung zukam." Im Vogelsberggebiet, im größten vulkanischen Gebirge Mitteleuropas, entspringen zahlreiche Flüsse, an denen sich die Menschen damals orientierten. Der heute abgelegene Feuersteinacker war in der Mittelsteinzeit ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und diente als Versammlungsort.

Abb. 6: Venus von Bierden (W)

Vielleicht ist an diesem Ort durch beabsichtigte Brandrodung auch eine größere, freie Fläche entstanden, die als Versammlungsort für "Indianer-Stämme" genutzt wurde, die von weit her entlang der Flüsse gekommen sein mögen (17):

Die Transportwege, die die Orte, wo das Rohmaterial gewonnen wurde, mit den Siedlungen verbanden, folgten dem Flußsystem von Lahn, Main, Fulda, Schwalm, Ohm, und Eder. (...). Mesolithische Siedlungsorte liegen oft auf erhöhten Terrassen, durch die sie vor Überflutung geschützt sind, nahe von kleinen Flüssen, die zu größeren Flüssen führen.
Original: Transportation routes, linking raw material outcrops and settlements, followed the river systems of Lahn, Main, Fulda, Schwalm, Ohm, and Eder. (...) Mesolithic sites are often situated on elevated terraces that are protected from floods, near small streams leading to the tributary waters of larger rivers.

Diesen Umstand finden wir auffallenderweise auch noch in der Bronzezeit vor, etwa am Königsgrab von Seddin, wo eine Wallanlage an einem sehr kleinen Flüsschen gelegen war, das als Schutz genutzt wurde. Neben Siedlungsorten finden sich aber auch Jagd-Camps (17).

9.000 v. Ztr. - Venusdarstellung in der Lüneburger Heide

Daß es in dieser Völkergruppe ähnliche künstlerische Ambitionen gab wie in den europäischen Völkern der Eiszeit, bezeugt unter anderem die Venus von Bierden (Wiki) bei Verden an der Aller, eine Venus-Darstellung, die 2011 entdeckt wurde (Abb. 6).


Welcher Art der Schamanismus war, der in dieser Völkergruppe praktiziert wurde, kann abgelesen werden anhand der 1953 an der Wuhle in Ost-Berlin gefundenen Hirschgeweihmaske (Wiki). 

8.500 v. Ztr. - Die Geweihmasken und der Schamanismus

Von solchen gibt es auch Exemplare aus England, Westfalen (Wiki), Mecklenburg oder Bad Dürrenberg an der Saale (21). An letzterem Ort wurde das Grab einer eindrucksvollen Schamanin gefunden, das im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Halle ausgestellt ist (siehe Video) (21).

Abb. 7: Nordrußland, 1692 (W)

Die Geweihmasken werden als Hinweise auf Schamanismus gedeutet.

Schamanen in Nordrußland trugen solche auch noch im 17. Jahrhundert (Abb. 7). Sie sind auch auf dem Kessel von Gundestrup aus dem 2. Jhdt. v. Ztr. dargestellt.

Mesolithische Menschenfunde im Havelland?

Auch die Kiefernwälder und Seeufer des Havellandes in Brandenburg sind seit dem Ende der nordeuropäischen Eiszeit besiedelt worden. Über den Pritzerber See im Bereich der Unteren Havel ist auf der Grundlage älterer Forschungsliteratur zu berichten (34; zit. n. 4; Preuß.blog2016):

Zahlreiche vorgeschichtliche Bodenfunde in der Feldmark oder im See beweisen die Besiedlung des Gebietes. (...) Der Übergang zwischen See und Havel in Form eines Verbindungsarmes zur Talinsel, dort wo heute sich Pritzerbe befindet, bot genügend Platz für eine Niederlassung. Die weithin bekannten Schädelfunde aus dem Pritzerber See, es sind die ältesten Reste von Menschen aus jener Zeit in Nordeuropa, sowie Geräte und Werkzeug aus Rentierknochen sprechen eindeutig dafür.

Auf Wikipedia heißt es dazu (Wiki):

So wurden im Gebiet des Pritzerber Sees zahlreiche Artefakte aus Knochen und Geweih ausgegraben, die in die jungpaläolithische beziehungsweise mesolithische Zeit datiert werden konnten. Man fand beispielsweise Spitzen, knöcherne Angelhaken und ein Schwirrgerät. 

Die im ersten Zitat erwähnten Schädelfunde bei Pritzerbe spielten in der traditionellen anthropologischen Forschung seit 1928 eine gewisse Rolle. Schädel von Stangnäs in Bohuslän (Südschweden), vom Pritzerber See, aus Friesack in Brandenburg und aus Groß-Tinz in Schlesien wurden damals als "Übergangsformen" vom Cromagnon-Menschen zum "Nordischen Menschen" der Bronzezeit in Beziehung zueinander gesetzt. Am Pritzerber See wurde auch Bernstein gefunden (35, S. 110). 1936 wurde über die Pritzerber Schädel festgehalten (35, S. 134f):

Daß die Pritzerber Schädel zum Mesolithikum gehören, ist wahrscheinlich, aber es scheint schwer zu entscheiden, zu welcher genauen zeitlichen Phase sie gehören.
Original: Two dolichocephalic skulls from the Pritzerber See in the Havelland have received detailed attention from Reche (1925). They were dredged, together with two complete and two fragmentary human jaws, and a vast quantity of bone and antler objects, from the blue Havel clay, which was overlain by a certain thickness of whitish-grey marl, between 30-40 cm of sand and from 20-30 cm of mud. The observation of Stimming, who recovered the material from the dumps of the mechanical dredgers, is confirmed by the fact that Reche found traces of Havel clay in the cavities of the skulls. Unfortunately this stoneless clay, which overlies glacial valley sands, cannot be accurately dated by geological or palaeo-botanical means, and the antler and bone objects from it belong to periods I, II and III of the Mesolithic. That the Pritzerber skulls belong to the Mesolithic is probable, but it seems hardly possible to decide to which sub-period they belong. Skull no. 1 has a cephalic index of 71,5 and a capacity of 1450 ccm, and skull no. 11 an index of 71,1 and a capacity of 1260 ccm. They resemble one another closely and are considered by Reche to be typically Nordic, with relations on the one hand to the Chancelade skull and on the other to skulls of the cord and band ceramik folk of Silesia and Bohemia.

Der hier auch erwähnte "Mann von Chancelade" (Wiki) lebte in der Dordogne in Südwestfrankreich vermutlich vor 17.000 bis 12.000 v. Ztr.. Er gehörte zur zeitgleichen Kultur des Magdalenien (Wiki). Es wäre spannend zu erfahren, wie die Pritzerber Schädel heute in den Forschungsstand eingeordnet werden.

7.000 v. Ztr. - Die Ausbreitung nach Nordwest-Spanien

Westeuropäische Jäger und Sammler haben sich noch vor der Ausbreitung des Ackerbaus auch nach Nordwest-Spanien ausgebreitet. Darauf wies der Archäogenetiker David Reich in einem Vortrag im November 2019 hin (13). Anhand der Folie "A population turnover in northwest (Iberia) between 7.000-6.000 BCE" (Minute 3:00) referiert er das Forschungsergebnis einer zuvor veröffentlichten Studie (14):

In Nordwestspanien dokumentieren wir eine Herkunfts-Verschiebung schon vor der Verbreitung des Ackerbaus, auf die zuvor niemand aufmerksam geworden war. Das älteste Individuum "Chan" wies Ähnlichkeit auf zu dem etwa 19.000 Jahre alten Individuum von "El Mirón", während die "La Braña"-Brüder aus der Zeit etwa 1300 Jahre später größere Ähnlichkeit mit zentraleuropäischen Jägern und Sammlern aufweisen wie dem ungarischen Individumm "KO1", wobei das Individuum "Canes1" aus der Zeit von etwa 700 Jahren später eine noch extremere genetische Verschiebung aufweist. Darin könnte sich ein Genfluß wiederspiegeln, der den Nordwesten der iberischen Halbinsel betroffen hat, nicht aber ihren Südosten, wo Individuen mit großer Ähnlichkeit zu El Miron fortlebten.
Original: In northwest Iberia, we document a previously un-appreciated ancestry shift before the arrival of farming (Fig. 2A, fig. S5, and table S7). The oldest individual Chan was similar to the ~19,000-year-old El Mirón, whereas the La Braña brothers from ~1300 years later were closer to central European hunter-gatherers like the Hungarian KO1, with an even more extreme shift ~700 years later in Canes1. This likely reflects gene flow affecting northwest Iberia but not the southeast, where individuals remained close to El Mirón (Fig. 2A). More data from the Mesolithic period, especially from currently unsampled areas, would provide additional insight into the geographical impact and archaeological correlates of this ancestry shift.

Abb. 8: Frau von Bäckaskog (W)
Solche vorneolithischen Bevölkerungsverschiebungen sind ja neuerdings (2021) auch für die Philippinen festgestellt worden (siehe Beitrag vor einigen Tagen).

7.000 v. Ztr. - Menschenfunde in Schweden

Die sitzende Bestattungsweise war in dieser Völkergruppe sehr weit verbreitet. Um 7.000 v. Ztr. wurde so auch eine Frau in Schweden bestattet (Wiki) ("Frau von Bäckaskog") (Abb. 8).

Die Schädelfunde von Motala in Schweden (Wiki) aus der Zeit um 5.500 v. Ztr. deuten noch auf mancherlei Rituelles mehr hin in der Umgangsweise mit den Gestorbenen und ihren Überresten. 

Auch in Motala sind unter anderem Bärenknochen um die Menschenknochen herum gruppiert (Sciencealert).

7.000 v. Ztr. - Ein Familiengrab in Kujawien an der Weichsel

Fünf Kilometer nördlich von Hohensalza (poln. Inowrocław) in Kujawien an der Weichsel (an der Ostgrenze der ehemaligen deutschen Provinz Posen) wurde ein Familiengrab aus der Zeit um 7.000 v. Ztr. entdeckt. Wir lesen darüber (Arch2025):

ein Mann, eine Frau und zwei Kinder. Die Leichen waren auf einzigartige Weise angeordnet – sie scheinen sich zu umarmen, ihre Gesichter einander zugewandt. Zwischen den Skeletten der Frau und des Mannes befinden sich die Überreste eines jüngeren Kindes (etwa 3–4 Jahre alt), während rechts neben dem Mann ein älteres Kind (etwa 7–8 Jahre alt) ruht. (...) Die Anordnung der Verstorbenen weist enge Parallelen zu mesolithischen Bestattungen aus Nord- und Westeuropa auf - von Skandinavien bis Frankreich. „In ähnlichen Bestattungen ist die Anordnung der Verstorbenen nahezu identisch: leicht angewinkelte Beine, sehr familiäre Posen. Die Toten scheinen sich zu umarmen, eng aneinander zu schmiegen. Diese Anordnung der Verstorbenen fehlt im Wesentlichen in späteren Epochen“, betont Alagierski.

Dies sind nur vorläufige Feststellungen, es sollen noch genauere Forschungen folgen. [Hier hinzugefügt 14.3.26]

6.500 v. Ztr. - Ausbreitung nach Nordafrika

Nach einer Studie aus dem Jahr 2025 kamen die westeuropäischen Jäger und Sammler über die Straße von Sizilien auch nach Nordafrika (37):

Zumindest ein Individuum aus Djebba (Tunesien), das auf etwa 8.000 Jahre v. Ztr. datiert wird, hatte Vorfahren von europäischen Jägern und Sammlern, was auf die Migration im frühen Holozän über die Straße von Sizilien hindeutet.
At least one individual from Djebba (Tunisia), dating to around 8,000 years bp, harboured ancestry from European hunter–gatherers, probably reflecting movement in the Early Holocene across the Strait of Sicily.

Beziehungsweise (Nature12/3/2025):

Das Genom eines Mannes von der tunesischen Fundstätte Djebba hielt eine große Überraschung bereit: Etwa sechs Prozent seiner DNA ließen sich auf europäische Jäger und Sammler zurückführen. Die Forscher schätzen, daß sich seine maghrebinischen Vorfahren vor etwa 8.500 Jahren mit europäischen Jägern und Sammlern vermischten. Bei einer Frau aus der Fundstätte finden sich schwächere Hinweise auf diese Begegnungen.
The genome of a man from a Tunisian site called Djebba held a major surprise: about 6% of his DNA could be traced back to European hunter-gatherers. The researchers estimate that his Maghrebi ancestors mixed with European hunter-gatherers around 8,500 years ago. There are weaker signs of these encounters in a woman from the site.

6.500 v. Ztr. ist aber schon die Zeit, in der sich die anatolischen Bauern rund um die Mittelmeerküsten ausbreiteten.

Fortsetzung in Teil 2: (Stg2021)

/ Entwurf: 30.6.20;
Ergänzung, Überarbeitung: 8.5.21;
Weitere Ergänzungen:
(28) 1.8.21, (32) 14.2.22, 
(33-35) 26.4.22, (37) 15.3.25,
(38, 39) 17.5.25 /

_________________

  1. Bading, Ingo: 2018 (Stg2018
  2. Torsten Günther, Helena Malmström, Emma Svensson, (...) Jan Storå, Anders Götherström, Mattias Jakobsson: Genomics of Mesolithic Scandinavia reveal colonization routes and high-latitude adaptation. doi: https://doi.org/10.1101/164400, Preprint 30.7.2017, biorxiv, veröffentlicht 9.1.2018, https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.2003703
  3. https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/01/ein-rassekrieg-am-ende-des-europaischen.html
  4. http://preussenlebt.blogspot.com/2017/04/zur-geschichte-des-dorfes-bahnitz-der.html
  5. Bading, Ingo: Ostsee-Handels-Schifffahrt lange vor dem Ackerbau Über die Ausgrabungen in Neuwasser in Hinterpommern seit 2003, 11. Juli 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/ostsee-handels-schifffahrt-lange-vor.html
  6. https://www.nature.com/articles/s41467-019-13549-9
  7. https://www.spektrum.de/news/kaugummi-aus-der-jungsteinzeit/1693536 
  8. Brozio, Jan Piet et al. The Dark Ages in the North? A transformative phase at 3000-2750 BCE in the western Baltic: Brodersby-Schönhagen and the Store Valby phenomenon. Journal of Neolithic Archaeology, [S.l.], v. 21, p. 103–146, dec. 2019. ISSN 2197-649X. Available at: . Date accessed: 19 dec. 2019. doi: https://doi.org/10.12766/jna.2019.6. 
  9. https://www.nature.com/articles/s41598-019-41293-z
  10. https://www.helsinki.fi/en/news/language-culture/a-5000-year-old-barley-grain-discovered-in-aland-southern-finland-turns-researchers-understanding-of-ancient-northern-livelihoods-upside-down 
  11. https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/08/die-schnurkeramiker-brachten-die.html 
  12. 1900 v. Ztr. - Sibirische Jäger und Sammler wandern nach Ost-Skandinavien ein - Forschungen zur Entstehung und Ausbreitung der finno-ugrischen Völkergruppe, 19. Juli 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/07/1900-v-ztr-sibirische-jager-und-sammler.html 
  13. Reich, David: The Genomic History of the Iberian Peninsula over the past eight-thousand years (Yt/01.11.2019)  
  14. Olalde I, Mallick S, Patterson N, (...) Haak W, Pinhasi R, Lalueza-Fox C, Reich D (2019) The genomic history of the Iberian Peninsula over the past 8000 years. Science 363, 1230-4 (pdf)
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  18. Bading, Ingo: 3.100 v. Ztr.: Der Rinderwagen in der Weltgeschichte - Prozessionen an Königsgräbern lassen um 3.100 v. Ztr. staatliche Strukturen in Norddänemark erkennen, Oktober 2010, Stg2010
  19. Brozio, Jan Piet et al. The Dark Ages in the North? A transformative phase at 3000–2750 BCE in the western Baltic: Brodersby-Schönhagen and the Store Valby phenomenon. Journal of Neolithic Archaeology, [S.l.], v. 21, p. 103–146, dec. 2019. ISSN 2197-649X. Available at: <http://www.jna.uni-kiel.de/index.php/jna/article/view/181>. Date accessed: 19 dec. 2019. doi: https://doi.org/10.12766/jna.2019.6. 
  20. Krause, Johannes: Die Reise unserer Gene. Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren. Propyläen Berlin 2019
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  38. Long-term hunter-gatherer continuity in the Rhine-Meuse region was disrupted by local formation of expansive Bell Beaker groups. By: Iñigo Olalde, Eveline Altena, (...) Iosif Lazaridis, Swapan Mallick, Nick Patterson, Nadin Rohland, Martin B. Richards, Ron Pinhasi, Wolfgang Haak, Maria Pala, David Reich. bioRxiv 2025.03.24 (biorxiv)
  39. Ben Krause-Kyora, Nicolas Antonio da Silva, Almut Nebel et al. Long-distance kinship in megalithic Europe, 06 May 2025, Preprint (Version 1) (Research Square) [https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-6464608/v1]
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