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Sonntag, 26. Dezember 2021

Die Völkergruppe der "Italo-Kelten" - Nachkommen der Glockenbecherkultur

Indogermanen und Kelten kommen nach England (2.400 v. bis 450 n. Ztr.)
- Neues aus der Archäogenetik: Die keltische Urnenfelder-Kultur und spätere Kelten und ihre Ausbreitung

Eine neue archäogenetische Studie zur Bronze- und Eisenzeit Englands, erschienen am 22. Dezember 2021 (1),  läßt viele Fragen der europäischen Vorgeschichte zwischen Italien, Spanien und Schottland neu durchdenken. Sie liefert ein konkreteres Datenmaterial als wir es jemals hatten.

Abb. 1: Bronzehelm aus der Villanova-Kultur in Mittelitalien, 9. Jhdt. v. Ztr. (Wiki)

Auch Fragen der historischen Sprachwissenschaft, die schon seit Wilhelm von Humboldt erörtert werden, erhalten durch die neuen archäogenetischen Ergebnisse eine neue Beleuchtung. Da allmählich Vergleiche zwischen verschiedenen Regionen Europas möglich werden, soll ein solcher im folgenden vorgenommen werden.

Sprachgeschichte im Vergleich: Spanien, Irland, England und Italien

Viele Länder Europas - wie Spanien, Irland und England - sind, was ihre Vorgeschichte betrifft, insofern vergleichbar, als sie zu ähnlichen Zeiten 

  • einerseits von den Indogermanen der Glockenbecher-Kultur besiedelt worden sind (ab. 2.350 v. Ztr.) und als es in ihnen
  • andererseits auch eine zweite Besiedlungswelle gegeben hat, nämlich durch die Einwanderung keltischer Stämme (spätestens ab etwa 800 v. Ztr.). 

[Einfügung, 18.4.22] Die zweite Besiedlungswelle ging insbesondere von der Urnenfelder-Kultur (Wiki) aus, die sich - ab 2000 v. Ztr. - vom zentralen Ungarn her ausbreitete (16). Die Forschung nimmt mehrheitlich an, daß sich mit ihr die nachmaligen Italiker, Iberer, Ligurer und Kelten ausbreiteten. (Allerdings könnten diese sich - siehe unten - auch schon mit der Glockenbecher-Kultur ausgebreitet haben.) Ab 1900 v. Ztr. sei die Urnenfelder-Kultur im nordöstlichen Serbien südlich des Eisernen Tores anzutreffen. Während des darauffolgenden Zusammenbruchs des Tell-Systems um 1500 v. Ztr. breitete sich das Urnenfelder-Modell in einige weitere Regionen aus, in die südliche Poebene, auch in die Sava/Drava- und Untere Tisza-Ebene. In vielen dazwischenliegenden Regionen (etwa im Alpenraum) hat es lange keinerlei Urnenfelder-Kultur gegeben oder aber hybride Kulturen mit weniger radikaler Übernahme der Urnenfelder-Kultur-Elemente (etwa in der nördlichen Po-Ebene) (16). [Ende Einfügung]

Genetisch war es in den Länder Spanien, Irland und England schon ab 2.350 v. Ztr., also im Zuge der ersten Ausbreitungswelle zu einem fast 100%igen Umbruch und Austausch gekommen. Auch bei den heutigen Basken kam es - zumindest in männlicher Linie - zu einem 100%igen genetischen Umbruch. Dennoch hat sich das Baskische dort als vor-indogermanische Sprache bis heute erhalten. Wie aber verhielt es sich mit solchen älteren Sprachen andernorts? Übernahmen die Glockenbecher-Leute auch andernorts in Spanien, sowie in Irland oder in England die Sprache der dort vormals lebenden einheimischen Menschen oder brachten sie mit ihrer neuen Genetik auch ihre neue Sprache mit? Und welche Sprache wäre das gewesen? Und wie wären diese Sprachen dann durch die Sprachen der zweiten Ausbreitungswelle abgelöst worden?

Italien

Diese Frage kann bislang nur für Italien einigermaßen überzeugend beantwortet werden, da es hier keine größere Ansiedlung keltischer Stämme gegeben hat, die die Verhältnisse durcheinander gebracht hätten. Für Italien scheinen die Verhältnisse einigermaßen klar zu sein. Ab 2.500 v. Ztr. kam die Glockenbecher-Kultur nach Italien und brachte dort in die nachfolgenden Generationen 20 bis 40 % Steppengenetik ein. Es gab keinen völligen genetischen Austausch wie etwa zeitgleich in Spanien, Irland oder England. Dennoch gab es in Italien bis zu seiner Eroberung durch die Römer eine Fülle von italischen, sprich indogermanischen Sprachen (Wiki). Da es dann in Italien - wie gesagt - nie eine so ausgeprägte nachmalige Zuwanderung von Kelten gegeben hat wie das für England, Spanien oder Irland gilt, scheint auch klar, daß all diese noch in der Römerzeit bestehenden indogermanischen, italischen Sprachen mit den ersten Indogermanen, also mit der Glockenbecherkultur nach Italien gekommen sind. Lediglich bei dem Messapischen (Wiki, engl), das im Stiefelabsatz Italiens von den Dauniern und zwei anderen Stämmen gesprochen wurde, könnte es sich um eine etwas entferntere indogermanische Sprache handeln, nämlich um eine illyrische Sprache, da sich diese Stämme von der anderen Seite der Adria aus nach Apulien ausgebreitet haben könnten (6).

Die in Norditalien und im Alpenraum beheimateten großen Völker der Etrusker und Räter haben ihre vorindogermanische Sprache während der Vermischung mit den Glockenbecher-Leuten ebenso wie die Basken behalten. (Dort lebten um 3.300 v. Ztr. auch genetisch noch sehr urtümliche Bevölkerungen wie die Genetik des "Ötzi" aufzeigt, der immer noch die Genetik der ersten Bauern Europas aus dem Frühneolithikum aufwies.) Es handelt sich bei ihnen um zwei im Italien der Bronze- und Eisenzeit weit verbreitete nicht-indogermanische Sprachen. Dennoch trugen die Etrusker (und sicherlich ebenso die Räter nachmals) in gleichem Maße einen indogermanischen genetischen Herkunftsanteil in sich - ebenso wie die Basken. 

Natürlich wäre auch noch zu klären, wie sich in all das die Ausbreitung der Urnenfelder-Kultur nach Norditalien hinein einfügt.

Irland

Der Archäogenetiker David Reich soll vorgeschlagen haben, daß schon die Glockenbecher-Kultur die keltische Sprache auch nach England und Irland gebracht haben könnte (Wiki). So wie auch in Italien. Wie zu vielen indogermanischen Sprachen (Wiki) werden auch zur inselkeltischen Sprache vorindogermanische Substrat-Hypothesen (Wiki) erörtert, wobei viele historische Möglichkeiten erörtert werden. Auf keine derselben kann sich die Forschung bislang einigen. Deshalb wird die genannte These von David Reich als eine eher willkürliche Annahme erachtet werden müssen. Von vielen Sprachwissenschaftlern wird die keltische Sprache der Iren auf die Zuwanderung von Galliern zurück geführt, da die Verwandtschaft mit der Sprache der Gallier auf dem Festland sehr nahe sei (Wiki):

Die älteste geschriebene goidelische Sprache ist das ursprünglichste Irisch, was bezeugt ist in den Ogham-Inschriften aus dem 4. Jahrhundert. Die Formen dieser Sprache sind sehr nahe verwandt, oft identisch mit Formen des Gallischen, das überliefert ist aus der Zeit vor und während des Römischen Reiches.
The oldest written Goidelic language is Primitive Irish, which is attested in Ogham inscriptions from about the 4th century. The forms of this speech are very close, and often identical, to the forms of Gaulish recorded before and during the time of the Roman Empire. 

Natürlich würde dieser Umstand weder ausschließen, daß es vorkeltische indogermanischen Sprachen wie auch vorkeltische nicht-indogermanische Sprachen auf Irland gegeben hat (Wiki). Es würde nur bedeutend, daß das erste, durch Schriftüberlieferung bekannt gewordene Inselkeltische durch die keltischen Zuwanderungen der Eisenzeit nach Irland gebracht worden ist, womöglich sogar erst durch die letzte dieser Zuwanderungen (Wiki):

Die traditionelle Sichtweise ist die, daß die keltische Sprache, das Ogham-Schriftzeugnis und seine Kultur durch Wellen von Kelten von Festland-Europa aus nach Irland gebracht worden sind. (...) Diese Theorie sagt, daß es vier unterschiedliche keltische Einwanderungen nach Irland gab. Es wird gesagt, daß die Priteni die ersten gewesen seien, gefolgt von den Belgern aus dem nördlichen Gallien und aus Britannien. Später seien Laighin-Stämme von Aromorica aus (aus der heutigen Bretagne) nach Irland und Britannien mehr oder weniger gleichzeitig eingewandert. Und schließlich hätten Milesier (Gallier) Irland vom nördlichen Spanien aus oder vom südlichen Gallien aus erreicht.
The long-standing traditional view is that the Celtic language, Ogham script and culture were brought to Ireland by waves of invading or migrating Celts from mainland Europe. This theory draws on the Lebor Gabála Érenn, a medieval Christian pseudo-history of Ireland, along with the presence of Celtic culture, language and artifacts found in Ireland such as Celtic bronze spears, shields, torcs and other finely crafted Celtic associated possessions. The theory holds that there were four separate Celtic invasions of Ireland. The Priteni were said to be the first, followed by the Belgae from northern Gaul and Britain. Later, Laighin tribes from Armorica (present-day Brittany) were said to have invaded Ireland and Britain more or less simultaneously. Lastly, the Milesians (Gaels) were said to have reached Ireland from either northern Iberia or southern Gaul. It was claimed that a second wave named the Euerni, belonging to the Belgae people of northern Gaul, began arriving about the sixth century BC. They were said to have given their name to the island.

Soweit also zunächst zu den britischen Inseln, wo die Sprachgeschichte in der Bronzezeit noch die größten Unsicherheiten aufweist.

Spanien

Als die Römer nach Spanien kamen, fanden sie dort eine bemerkenswerte Sprachvielfalt vor, eigentlich ähnlich wie es sie zuvor auch in Italien gegeben hatte. Für Spanien wird diese Sprachvielfalt als "Paläohispanisch" (Wiki) bezeichnet und von einem eigenen Forschungszweig erforscht, der schon auf Wilhelm von Humboldt zurückgeht. Die Römer fanden das Baskische vor, das eindeutig vorindogermanischen Ursprungs ist. Sie fanden außerdem keltoiberische Sprachen vor, vor allem im Nordwesten des Landes, die sehr eindeutig auf die Zuwanderung der Kelten zurück geführt werden können. Sie fanden im Südwesten Spaniens das Tartessische (Wiki, engl) vor, das aufgrund der wenigen bisherigen Schriftzeugnisse noch keiner großen Sprachfamilie zugeordnet werden kann.

Abb. 2: Die Waffenkammer eines keltischen Fürsten - Das Arsenal, das sich in Bronze- und Eisenzeit überall in Europa findet - Hier im Nationalmuseum von Irland (Symbolbild)  

Sie fanden im Bereich der heutigen Grenze zwischen Spanien und Portugal eine lusitanische Sprache (Wiki, engl) vor, die in wenigen Schriftfunden aus römischer Zeit überliefert ist. Es handelt sich zwar klar um eine indogermanische Sprache, aber für die Sprachwissenschaftler ist es - zumindest auf den ersten Blick - nicht gleich als eine keltische Sprache zu erkennen. Manche sehen Verwandtschaft der lusitanischen Sprache mit der ligurischen Sprache in Italien, bei der ebenfalls unklar ist, ob sie keltischen oder vorkeltischen Ursprungs ist (Wiki):

Sie gründen ihre Ergebnisse auf Parallelen in den Namen von Gottheiten und in einigen Wortähnlichkeiten (z.B. die Ähnlichkeit des umbrischen gomia und des lusitanischen comaiam), sowie auf einige grammatische Eigenschaften.
They base their finding on parallels in the names of deities and some lexical items (e.g., the similarity of Umbrian gomia and Lusitanian comaiam), and some grammatical elements.

Das wäre natürlich eine bestechende Theorie, würde man doch mit ihr einen winzigen Einblick erhalten in die Sprache der Glockenbecher-Kultur. In einer oft benutzten Verbreitungskarte paläohispanischer Sprachen, die wir auch hier auf dem Blog in früheren Beiträgen nutzten, heißt es zum Lusitanischen: "Indo-european (pre-Celtic)". Womöglich ist aber bezüglich dieser Einordnung auch nur der Wunsch der Vater des Gedankens. Zu dem Thema werden von den Forschern noch sehr unterschiedliche andere Theorien vorgeschlagen, nach denen es sich etwa im Wesentlichen dann doch um eine im weiteren Sinne keltische Sprache handeln würde (Wiki).

/ Einfügung 10.5.25: Inzwischen haben wir hier auf dem Blog Hinweise zusammen getragen dafür, daß es die Menschen der Aunjetitzer Kultur gewesen sein könnten, die das Ligurische ab 1800 v. Ztr. nach Italien gebracht haben (Stg25). Ob es auch Hinweise geben könnte dafür, daß es Menschen der Aunjetitzer Kultur waren, die das Lusitanische auf die iberische Halbinsel gebracht haben? /

Dann fanden die Römer im ganzen, der Mittelmeerküste zugewandten Gebiet Spaniens sogenannte iberische Sprachen (Wiki, engl) vor. Die Zuordnung zu einer Sprachfamilie ist bezüglich des Iberischen in keiner Weise gesichert. Eine Theorie zur Herkunft der iberischen Sprachen ist, daß sie mit der keltischen Urnenfelder-Wanderung nach Spanien gekommen ist,  andere sehen eine Verwandtschaft mit Berbersprachen in Nordafrika, wiederum andere Verwandtschaft mit dem Baskischen.

Welche Sprachen also die Glockenbecher-Leute nach England und Spanien brachten bleibt größtenteils Spekulation - ganz im Gegensatz zu dem Erkenntnisstand bezüglich Italiens.

Frankreich, Süddeutschland

Die Kelten in Frankreich und am Rhein sprachen in der Eisenzeit das Gallische (Wiki):

Das Gallische wie auch das Lepontische und das Galatische steht von den inselkeltischen Sprachen der britannischen Gruppe nahe.

Das Galatische wurde von einem keltischen Volksstamm gesprochen, der bis nach Anatolien ausgewandert war (Galater). In ähnlichem Verwandtschaftsverhältnis steht das Gallische übrigens auch zu den keltoiberischen Sprachen.

Wenn es also eine Italo-Keltische Sprachgemeinschaft (Wiki, engl) gegeben hat, die offenbar von nicht wenigen Sprachhistoriker für möglich gehalten wird, dann muß sie in die Zeit vor 2.500 v. Ztr. datiert werden und räumlich in den Raum nördlich der Alpen verortet werden in die dortige Zeit der Glockenbecher-Kultur. Wenn wir stattdessen lesen, sie ... (Wiki)

.... wurde vermutlich in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends vor Christus im heutigen Süddeutschland, Böhmen und Österreich gesprochen,

dann ist diese chronologische Einordnung zumindest mißverständlich. Zu jenem Zeitpunkt hatten sich ja die italischen Sprachen schon längst von den keltischen getrennt und nach Italien ausgebreitet mit der Ausbreitung der Glockenbecher-Kultur. 

Erste Überlegungen zu der Theorie einer Italo-Keltischen Sprachgemeinschaft gehen auf Carl Friedrich Lottner (1834-1873) (Wiki) aus dem Jahr 1861 zurück. Der Berliner Lottner war ein Schüler von Jacob Grimm und scheint sich bezüglich seines Arbeitsfleißes seinen Lehrer zum Vorbild genommen zu haben (Wiki):

Sein Leben war fast gänzlich seiner wissenschaftlichen Arbeit gewidmet. Sein spezielles Interesse galt den zahlreichen indoeuropäischen Sprachen. Aber auch Keilinschriften und afrikanischen und asiatischen Sprachen galt seine Aufmerksamkeit.  Er formulierte im Jahre 1861 die Hypothese einer näheren Verwandtschaft der italo-keltischen Sprachgruppe innerhalb des (hypothetischen) Proto-Indoeuropäisch (PIE).

Und (Dt. Biogr):

Er führte ein einsames Leben und widmete sich zumindest in den letzten Lebensjahren nahezu ausschließlich seiner wissenschaftlichen Arbeit. Seine Zeitgenossen rühmten an ihm die Weite und Vielseitigkeit seines Forschungsinteresses. 

Wenn die Glockenbecher-Leute diese Italo-Keltische Sprachgemeinschaft repräsentiert hätten, könnte man den Schnurkeramikern die germanischen Sprachen zuordnen. Der Frage, wie viel Sinn das macht, soll aber an dieser Stelle nicht weiter nachgegangen werden. 

/ Nachtrag 11.7.24: Diese Annahme scheint sich von Seiten der Archäogenetik im Wesentlichen bestätigt zu haben (Stgen2024). /

Zwischen-Resümee

Insgesamt drängt es sich fast auf, daß es - aufgrund der Keltischen Wanderungen - in der Bronze- und Eisenzeit Englands und Irlands mehr ethnische und damit genetische Veränderungen gegeben haben könnte als in Spanien und daß es in Spanien mehr ethnische und genetische Veränderungen gegeben haben könnte als in diesen Jahrtausenden in Italien. Dieser Befund erstaunt im Grunde. Und es schließt sich die Frage an: Warum ist der ungarische Raum, der süddeutsche Raum und der Raum nördlich der Alpen ein großes Unruhezentrum in der Spätbronze- und Eisenzeit, das sich in beträchtlichem Ausmaß bis nach England, Irland und Spanien, ja bis nach Anatolien auswirkt, während man zu gleicher Zeit eher von kultureller und genetischer Stabilität in Italien sprechen kann?

Zusammenfassend kann also einstweilen gesagt werden: In Italien hat es von 2.500 v. Ztr. bis etwa 0 v./n. Ztr. Königreiche mit großen Völkern nicht-indogermanischer Sprache (Räter und Etrusker) neben Königreichen mit großen Völkern indogermanischer Sprache (Italiker) gegeben. Alle diese Völker trugen 20 bis 40 Prozent indogermanische Genetik in sich. 

Schon für Spanien sind diese Dinge weniger übersichtlich. Hier hat es von 2.500 v. Ztr. bis etwa 0 v./n. Ztr. Königreiche mit großen Völkern nichtindogermanischer Sprache gegeben (Basken, Iberer, evtl. auch andere Stämme) neben Königreichen mit großen Völkern iberokeltischer Sprache (Iberokelten, verwandt mit den Galliern). Außerdem gibt es - nach einigen Sprachhistorikern - hier den Verdacht auf das Fortbestehen vorkeltischer indogermanischer Sprachen (Lusitanisch), ein Geschehen, das für Italien ja eher den Normalfall darstellt.

Für Irland und Britannien ist die Faktenlagen noch unübersichtlicher. Aber höchstwahrscheinlich sind jene keltischen Sprachen, die um 0 v./n. Ztr. auf den britischen Inseln gesprochen worden sind, erst wenige Jahrhunderte zuvor von Gallien aus herüber gekommen.

Das heißt: Obwohl es in Spanien mit der Ankunft der Glockenbecher-Kultur - im Gegensatz zu Italien - einen fast 100%igen genetischen Austausch gegeben hat, sprachen die Menschen an Spaniens Mittelmeerküste bei Ankunft der Römer iberische Sprachen, die höchstwahrscheinlich keine indogermanischen Sprachen waren. Soweit ein Vergleich von Spanien mit den britischen Inseln und Italien aus Sicht der Sprachgeschichte. 

Nun zu Indogermanen, Urnenfelder-Kultur und Kelten auf den britischen Inseln.

Die keltischen Britonen (2.400 v. bis 450 n. Ztr.)

Bis zu dem Zeitpunkt als die Angelsachsen um 450 n. Ztr. kamen, lebten in England die keltischen Britonen (Wiki). Sie sprachen britannische Sprachen als Untergruppe des Keltischen, bzw. Gallischen. Wie schon ausgeführt, ist nicht klar, wann und wie die keltische Sprache und Kultur nach England kam. Es könnte das in der Hallstatt- und/oder Latene-Zeit geschehen sein, es könnte das schon um 1200 v. Ztr. mit der Urnenfelder-Kultur geschehen sein, es könnte das aber auch schon - wie in Italien - mit der ersten Zuwanderung der indogermanischen Glockenbecher-Kultur um 2.400 v. Ztr. geschehen sein. Oder es könnte sich um eine Kombination aus allen vier genannten Vorgängen handeln. Sicher ist, daß es große genetische Kontinuität von den Glockenbecher-Leuten an bis zur Zuwanderung der germanischen Angelsachsen um 450 n. Ztr. in England gegeben hat. Aber es sind immer wieder auch Menschen in England eingewandert mit einer kontinental-europäischen genetischen Signatur. Das wird weiter unten nach neuesten Forschungsergebnissen (1) noch weiter ausgeführt. 

Abb. 3: Die Kreidefelsen an der Südküste Englands ("Sieben Schwestern") - Hier hundert Kilometer südwestlich von Dover (Herkunft: Wikip.)

Die Menschen des bronzezeitlichen und eisenzeitlichen England haben an der allgemeinen Kulturentwicklung in Europa rege teilgenommen, so daß ein genauerer Blick nach England auch den Blick für die bronze- und eisenzeitliche Kulturentwicklung in Mitteleuropa schärfen kann - ebenso umgekehrt.

Während wir etwa mit der Lausitzer Kultur und ihren reichen Bronzewaffen und Goldfunden die Ausbreitung von spätbronzezeitlichen Wallanlagen vom heutigen Schlesien aus bis an die Ostsee beobachten können (7) - einschließlich der Wallanlagen in der Nähe des Königsgrabes von Seddin (Schwedenschanze bei Horst), in der Nähe des Neuruppiner Sees (Weilickenberg bei Boltenmühle) oder an einer Seenenge bei Potsdam (Schwedenschanze) (7) - sehen wir zugleich Entwicklungen rund um die berühmten "Hillforts" in England (Wiki). Beide Erscheinungen dürften sicherlich viel Licht aufeinander werfen. Sie gehen parallel zu den spätbronzezeitlichen und keltischen Höhenburgen in Süd- und Mitteldeutschland (8). / 10.5.25: Insgesamt dürften alle genannten Erscheinungen inzwischen auf die Ausbreitung der Urnenfelder-Kultur, besser Goldhut-Kultur zurück geführt werden können (Stg25). /

Es ist das jene Zeit, in der die Menschen im mittleren und nördlichen Europa noch hellhäutiger werden, und in der sie im Baltikum, auf den britischen Inseln und in Skandinavien aufgrund von Selektion fähig werden, als Erwachsene Rohmilch verdauen zu können (1) (siehe unten).

Im Jahr 2016 hat eine archäogenetische Studie zehn Individuen im östlichen England aus der Zeit zwischen Eisenzeit und Mittelalter untersucht und kam zu dem Ergebnis, daß die heutigen Menschen im östlichen England genetisch zu etwa 39 % von den Angelsachsen abstammen. Damit hätten die Angelsachsen im südlichen und mittleren England eine beachtliche genetische Umwälzung mit sich gebracht (9), die sich auch in den Y-Chromosmen widerspiegelt (1) (siehe unten). 

Aber diese angelsächsische Zuwanderung war ja nur die letzte von vielen vorhergehenden.

Die Bronzezeit - ein europäisches Phänomen

/ Nachtrag (11.7.24): Immer mehr kann die Völkergruppe der "Italo-Kelten", das heißt, die Völkergruppe der Nachkommen der Glockenbecher-Kultur in Europa als ein einheitliches kulturelles (und auch genetisches) Phänomen erkannt werden. Wir verstehen nun auch, daß es diese Völkergruppe vor allem war, die die Bronzezeitliche Stadtgeschichte Mitteleuropas hervorgebracht und getragen hat. Auf dieses Thema ist Forschung erst seit etwa 2010 aufmerksam geworden. Und wir haben seit diesem Jahr eine ganze Blogartikel-Serie zu diesem Thema erarbeitet (s. BronzezeitlStadt; Auftakt-Artikel: Stgen2010). Ihr ist auch die Kultur der Goldhüte zuzuordnen (Stgen2011). 

Und als ein weiteres kulturelles Merkmal dieser Völkergruppe kann auf die eindrucksvollen Kammhelme aufmerksam gemacht werden, die von den Griechen vor Troja und von den Trojanern selbst um 1200 v. Ztr. getragen worden sind, aber ebenso von den Etruskern (Wiki) und Italikern (Abb. 3) und die ebenso auch in Süddeutschland und auch bis hinauf an die Weser verbreitet waren (Stugen2007). /

Auf dem Videokanal von Jonas Hopf ist kürzlich ein Interview geführt worden mit dem Archäologen Raiko Krauß (geb. 1973) (Wiki) (Berlin/Tübringen). Darin wird auf eine interessante Erkenntnis des Archäologen Bernhard Hänsel aufmerksam gemacht, die England als Ausgangspunkt von Kernmerkmalen der europäischen Bronzezeit benennt (2) (42:15):

Hinzu kommt noch, daß die Bronzezeit eine Epoche ist, die wir gar nicht weltweit vertreten haben. Mein Doktorvater Bernhard Hänsel (...), der hatte mal eine große Tagung organisiert "Die erste europäische Epoche". Und tatsächlich ist das ein ganz europäisches Phänomen. Wir haben keine Bronzezeit in den Amerikas, wir haben eine Bronzezeit tatsächlich nur im Norden Afrikas. Also in den Gegenden südlich der Sahara haben wir diese Kulturstufe nicht. Und in weiten Teilen Asiens fällt das auch aus. Da haben wir einen Umgang mit Kupfer und mit Gold. Aber wir haben keine Bronze im eigentlichen Sinne. Jedenfalls nicht in der Zeit, die wir hier in Mitteleuropa oder in Europa als Bronzezeit bezeichnen. Insofern ist die Bronzezeit zunächst einmal eine europäische Periode. (...) Ein entscheidendes Merkmal dieser Bronze ist sicherlich auch, daß sie im frisch gegossenen Zustand so golden glänzt. Und das ist vielleicht sogar die initiale Idee dieser Verwendung von Bronze, daß man diesen goldenen Glanz erzielen wollte. (...) Nach allem, was wir wissen, fängt das in Südwest-England an, in Cornwall. Da haben wir große Zinnlagerstätten und auch Kupferlagerstätten, da ist das naheliegend, daß man diese beiden Metalle zusammen in Schmelze bringt. Und von dort aus breitet sich das über den Kontinent aus.

England ist also keineswegs nur eine randständige Region, wenn es um die allgemeine Vorgeschichte Europas geht. Deshalb wird es auch kein Zufall sein, daß es zwar über ganz Europa hinweg "Volkssternwarten", also Ringheiligtümer gab, daß das eindrucksvollste aber bis heute in Stonehenge zu besichtigen ist. 

Abb. 4: Ausbreitung der Bronze innerhalb von Europa (aus: 17)

Nachtrag 10.5.25: In einer neuen Studie lesen wir zur Erläuterung von Abb. 4 (17):

Ab dem späten dritten Jahrtausend v. Ztr. gibt es Hinweise auf den Abbau einiger Zinnvorkommen in Zentralasien (Garner 2013; Berger et al. 2023b). Um 2200 v. Ztr. machte Zinnbronze neben Arsenkupfer in mehreren, aber nicht allen Regionen Westasiens einen erheblichen Anteil (bis zu 50 %) der ausgegrabenen Metallarbeiten aus (Pernicka und Hänsel 1998). Im Gegensatz dazu bestehen in Europa um 2200 v. Chr. nur sehr wenige Metallartefakte aus Zinnbronze (typischerweise mit niedrigen Zinngehalten <5 %), und diese werden nach Westen hin noch seltener (Rahmstorf 2017). Arsenkupferlegierungen sind in Europa, Nordafrika sowie West- und Zentralasien weiterhin weit verbreitet (Roberts & Thornton 2014). Ein bemerkenswerter Wandel ereignete sich jedoch um 2200–2100 v. Ztr., als Großbritannien als erste Region Europas die gesamte Metallverarbeitung von (Arsenkupfer) auf reine Zinnbronze (typischerweise 10 % Zinn) umstellte. Diese vollständige Übernahme bzw. „Bronzisierung“ erfolgte anschließend um 1800 v. Ztr. in ganz Skandinavien und Mitteleuropa und schließlich um 1500/1300 v. Ztr. in Südiberien, der Ägäis und Ägypten (Pare Reference Pare2000) (Abbildung 2).

Wenn allerdings Bronze zunächst nur "nachgemachtes" Gold war, dann stellt sich natürlich auch die Frage nach dem "Original".

Irland - Ein Zentrum der Goldverarbeitung

Aus der Zeit zwischen 2.500 bis 500 v. Ztr. sind aus Irland 1000 Goldfundstücke überliefert, aus England 500 (davon 165, respektive 83 aus der Frühbronzezeit) (Wiki). Interessanterweise lag also das - oder zumindest ein - Zentrum der europäischen Goldverarbeitung in - Irland. Goldfunde verteilen sich ansonsten aber über ganz Europa und über fast alle Jahrhunderte der Bronze- und Eisenzeit. Aber vielleicht lassen sich auch bezüglich dieser Fundgruppe noch interessante Verbreitungsmuster feststellen.

Unter Berücksichtigung dieser Einsichten fühlt man sich daran erinnert, daß manche Forscher das sagenumwobene "Atlantis" in England gesucht haben. Erzählt Platon nicht davon, daß die Häuser in Atlantis mit goldenen Schindeln bedeckt waren (Wiki)? Natürlich käme die bronze- und waffenreiche Region der Nordischen Bronzezeit ganz ebenso infrage. Als solche ist sie ja unter anderem von Kristian Kristiansen herausgestellt wurde als "Außenstelle Mykenes" (3).

Nun scheint der Beitrag, auf den sich Krauß bei den zitierten Ausführungen bezieht (4), online nicht zu finden zu sein. Es fällt in diesem Zusammenhang natürlich nur allzu deutlich auf, daß die Bronzezeit beginnt, nachdem sich die Steppen-Genetik über ganz Europa, bzw. über viele Teile Mittel- und Nordeuropas verbreitet hatte. Womöglich wird man sie also nicht nur als eine typisch "europäische Epoche" bezeichnen können, sondern geradezu auch als eine typisch "indogermanische".

Erinnert sei auch noch daran, daß im Schottland der Frühen Bronzezeit sorgfältig ausgewählte Bronze-Gegenstände an auffallenden Orten innerhalb der Landschaft als Weihgaben für die Gottheit niedergelegt worden sind (5). Mehr als die Hälfte dieser Orte hatten direkte Sicht auf den Punkt des Sonnenaufgangs oder Sonnenuntergangs zur Winter- oder Sommersonnenwende (5). Zwar finden sich ein ähnliches Empfinden für die Ästhetik der Landschaft auch in anderen Regionen Europas während der Bronzezeit. Aber in Schottland ist das den Archäologen womöglich besonders deutlich aufgefallen (5). Hier deutet sich jene indogermanische Verehrung der Göttin der Morgenröte an, die kulturell bis hinüber nach Indien gut bezeugt ist und noch im 18. Jahrhundert von europäischen Malern gerne gemalcht worden ist (5).

Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte, und auch nach England hinüber schwappte (1200 v. Ztr.)

Indem man sich mit der genannten neuen Studie (1) beschäftigt, kommt man auch dazu, sich mit einem Umstand vertraut zu machen, der einem bislang ganz entgangen war. Vor zwei Jahren hatten wir zwar hier auf dem Blog (anhand eines spannenden Aufsatzes des dänisch-schwedischen Archäologen Kristian Kristiansen) den Aufsatz veröffentlicht "Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte (1200 v. Ztr.)" (3). Dabei war uns aber noch gar nicht bewußt gewesen, was auf dem deutschen Wikipedia bislang nur mit einem einzigen Satz benannt ist, was man deshalb auch so isoliert für sich genommen zunächst gar nicht ganz ernst nehmen will. Dieser Satz lautet in derzeitiger Fassung (Wiki):

Es wurde nachgewiesen, daß im 12. Jahrhundert v. Ztr. eine Invasion oder eine Masseneinwanderung nach Südengland stattgefunden haben muß.

Das heißt, "Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte", muß noch um eine zusätzliche Dimension erweitert werden. Da man diesen Satz - so isoliert wie er da steht - für eine maßlose, undifferenzierte Übertreibung halten muß, seien zu diesem Sachverhalt noch die differenzierteren Ausführungen des englischen Wikipedia angeführt (Wiki):

Es gibt Hinweise auf einen Bruch in der kulturellen Entwicklung, von denen einige Gelehrte annehmen, daß er eine Invasion nahelegt (oder zumindest eine Ausbreitungsbewegung) in das südliche England um 1200 v. Ztr.. Dieser Bruch ist auch weit jenseits von England und sogar jenseits von Europa beobachtet worden, da die meisten Großreiche des Nahen Ostens zusammenbrachen (oder ernsthafte Schwierigkeiten erlebten) und die Seevölker um diese Zeit den gesamten Mittelmeer-Raum verheerten. Leichenverbrennung wurde als Grabbrauch (in England) angenommen. (...) Nach John T. Koch und anderen entwickelten sich die keltischen Sprachen während dieser spätbronzezeitlichen Epoche in einem intensiven, durch Handel verbundenen kulturellen Netzwerk, das die "Atlantische Bronzezeit" genannt wird (...). Dies steht aber in Gegensatz zu der im allgemeinen eher akzeptierten Sichtweise, daß die keltischen Ursprünge innerhalb der Hallstatt-Kultur liegen.
There is evidence of a relatively large-scale disruption of cultural patterns which some scholars think may indicate an invasion (or at least a migration) into Southern Great Britain around the 12th century BC. This disruption was felt far beyond Britain, even beyond Europe, as most of the great Near Eastern empires collapsed (or experienced severe difficulties) and the Sea Peoples harried the entire Mediterranean basin around this time. Cremation was adopted as a burial practice, with cemeteries of urns containing cremated individuals appearing in the archaeological record. According to John T. Koch and others, the Celtic languages developed during this Late Bronze Age period in an intensely trading-networked culture called the Atlantic Bronze Age that included Britain, Ireland, France, Spain and Portugal, but this stands in contrast to the more generally accepted view that Celtic origins lie with the Hallstatt culture. 

John T. Koch scheint für einen sehr spekulativen Denkansatz zu stehen, den wir im folgenden nicht weiter verfolgen wollen. Er scheint uns auch nicht durch die archäogenetischen Erkenntnisse bestätigt worden zu sein. Jedenfalls: Es gibt grundsätzlich drei Annahmen: Die keltischen Sprachen der keltischen Briten kamen um 2.400 v. Ztr. (ebenso wie in Italien) nach England, sie kamen um 1200 v. Ztr. nach England oder auch erst in der Hallstatt-Zeit nach 800 v. Ztr., bzw. noch später. Man darf gespannt sein, wie sich zu diesen Fragen die neuesten archäogenetischen Daten ausnehmen. Sie können die Frage zwar nicht endgültig klären, aber doch manches präzisieren.

Das Archäogenetik-Labor von David Reich und Nick Patterson kann aufgrund der inzwischen erfolgten mengenmäßigen Vervielfachung der Sequenzierungsarbeit in England und auf dem europäischen Festland hinsichtlich archäologisch gewonnener Skelettüberreste neue Daten zu all diesen Fragen beisteuern (1). Dazu muß man aber sehr genau in die Genome schauen, denn man muß kleinere Unterschiede beachten. Es reicht nicht mehr, auf die großen Unterschiede zu achen. Denn ab der Zuwanderung der Indogermanen haben wir es überall in Europa genetisch eigentlich mit vergleichsweise ähnlichen Menschen zu tun.

Vor dem Neolithikum unterschieden sich die europäischen mesolithischen Jäger-Sammler-Urvölker genetisch voneinander so stark, wie wir Europäer uns heute von den Ostasiaten unterscheiden. Im Vergleich dazu sind die genetischen Unterschiede während der Bronzezeit deutlich "eingeebnet". Aber sie sind noch vorhanden und untersuchbar.

3.900 v. Ztr. - Genetischer Umbruch

Während des Mittelneolithikums, das heißt also ab 3.900 v. Ztr. waren die britischen Inseln vom heutigen Frankreich aus von Bauern anatolisch-neolithischer Herkunft besiedelt (10). Diese trugen 20 % westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft in sich und 80 % anatolisch-neolithische Herkunft. Beides brachten sie vom Festland aus mit. (In der Studie und im folgenden wird die anatolisch-neolithische Herkunft "frühe europäische Bauern-Herkunft" genannt.) Die in England einheimischen westeuropäischen Jäger und Sammler starben dort vollständig aus (und/oder wurden ausgerottet) (1) - der erste umfangreiche genetische Umbruch auf den britischen Inseln.

Von diesem Umbruch zu Beginn des Neolithikums war hier auf dem Blog schon verschiedentlich die Rede. (In Deutschland und Frankreich hatte es schon ab 5.700 v. Ztr. mindestens zwei genetische Umbrüche gegeben - am Anfang und am Ende des Frühneolithikums - die die genetische Ausgangssituation schufen für diese Ausbreitung des Neolithikums nach England hinein.)

2.450 v. Ztr. - Genetischer Umbruch

Im Spätneolithikum, um 2.450 v. Ztr. kamen die indogermanischen Glockenbecher-Leute nach England und brachten die seither dort vorherrschende (indogermanische, sogenannte) "Steppengenetik" mit sich. Sie brachten durchschnittlich 29 % frühe europäische Bauern-Herkunft vom Kontinent mit sich. Die auf den britischen Inseln bislang einheimischen Bauern starben zu weit über 90 % genetisch aus (oder wurden ausgerottet). Es war dies der zweite (und bislang letzte) umfangreiche genetische Umbruch auf den britischen Inseln (zumindest was dieses 90%ige Ausmaß betrifft).

Die Indogermanen kommen mit zum Teil nichtindogermanischen Eliten nach England

Der berühmte, bei Stonhenge begrabene Amesbury-Bogenschütze (Wiki), der - nach Strontium-Isotop-Analysen - vermutlich aus der Schweiz oder dem Elsaß stammte, hatte erstaunliche und ungewöhnliche 45 % frühe europäische Bauern-Genetik in sich. Dazu heißt es in der neuen Studie (1):

Die Tatsache, daß der Bogenschützenfürst als Zugezogener zu wenig Steppen-Herkunft in sich trug, um aus der Population zu stammen, die die Steppen-Herkunft (ansonsten) auf den beobachteten Anteil im spätneolithischen und frühbronzezeitlichen England hinaufhob, zeigt, daß Menschen, die mit der Glockenbecher-Kultur nach England gekommen sind, keineswegs genetisch homogen gewesen sind.
The fact that the Archer was a migrant but had too little Steppe ancestry to be from the population that drove Steppe ancestry to the level observed in C/EBA Britain, shows that Beaker-associated migrants to Britain were not genetically homogeneous.

Sie waren nicht nur nicht genetisch homogen. Sie scheinen sogar von Fürsten und Heerführern angeführt worden zu sein, die deutlich anderer genetischer Herkunft waren als die Mehrheit der Menschen jenes Heeres oder jener Völkerwanderung, die sie anführten. Ein neuerliches Zeugnis für die Vielfalt des Geschehens in Europa während des Spätneolithikums und während der Ausbreitung der Indogermanen in Europa (mehr dazu hier: 11). 

Man könnte diesen Befund so interpretieren, daß man sagt: Die Indogermanen konnten sich als Söldnertruppen in bestehenden mittelneolithischen Großreichen deren Hochadel andienen, ohne die bestehenden Hierarchien und Herrschaftsstrukturen sogleich völlig zu stürzen. Vielmehr haben sie in den örtlichen Hochadel eingeheiratet, wobei dann die vermischten Nachkommen dieses Hochadels die unvermischten Söldnertruppen vom Alpenraum aus bis nach England führen konnten. Also wieder eine Kombination von "Rebellen und Königen" (12). Man könnte wiederum auch an germanische Adlige denken, die in den römischen Senatsadel einheirateten während der Völkerwanderungszeit um 500 n. Ztr.. Und ein multikulturelles Heer scheint ja zeitgleich auch in Dänemark eingedrungen zu sein (11).

1.200 v. Ztr. - Umfangreichere Zuwanderungen

Nun behandeln wir die Zeit von 2450 v. Ztr. bis 1200 v. Ztr. sehr summarisch, wenn wir zitieren (1):

Die frühe europäische Bauern-Herkunftskomponente stieg in England und Wales von 31 % während des Spätneolithikums und der Frühen Bronzezeit auf 35 % während der Mittleren Bronzezeit, dann auf 36 % während der Spätbronzezeit und stabilisierte sich auf 38 % während der Eisenzeit. In der gleichen Zeit gab es in Schottland keinerlei bemerkenswerte genetische Häufigkeitsverschiebungen.
EEF-related ancestry increased in England and Wales from 31.0±0.5% in the C/EBA (n=69), to 34.7±0.6% in the MBA (n=26), to 36.1±0.6% in the LBA (n=23), and stabilized at 37.9±0.4% in the IA (n=273) (here and below, we quote one standard error). There was no significant change in Scotland.

Ein solcher Häufigkeits-Anstieg der vormals im mittelneolithischen Europa vorherrschenden Bauern-Herkunftskomponente über die Jahrhunderte der Bronzezeit hinweg war auch schon für Mitteleuropa festgestellt worden. Und man hatte ja zunächst oft vermutet, daß dieser Anstieg zurückzuführen wäre auf Unterschichten oder Rückzugsräume, die bei der Sequenzierungsarbeit von Skeletten gut ausgestatteter Gräber weniger erfaßt worden sein könnten. Ein solcher Anstieg einheimischer Herkunftskomponenten war ja im übrigen auch schon im Mittelneolithikum feststellbar gewesen.

Aber die Forscher stellen jetzt für England fest, daß die frühe europäische Bauern-Herkunftskomponente im England der Bronzezeit nicht derjenigen gleicht, die zuvor im Mittelneolithikum daselbst vorgeherrscht hatte (1). Das geht nur durch einen sehr genauen Blick.

Das heißt, daß wir in England in der Späten Bronzezeit neuerliche Zuwanderungen von Kontinental-Europa aus in der Zeit um 1200 v. Ztr. voraussetzen müssen. Genauer wird darüber ausgeführt (1):

Der Anteil der Individuen, deren Herkunft sich deutlich von der Hauptgruppe unterscheidet, beträgt 17 % für das Spätneolithikum und die Frühe Bronzezeit (2.450 bis 1.800 v. Ztr.), 4 % für die Mittlere Bronzezeit (1.800 bis 1.300 v. Ztr.), 17 % während der Spätbronzezeit (1300 bis 750 v. Ztr.) und 3 % während der Eisenzeit.
The fraction of individuals whose ancestry is significantly different from the main group is 17% over the first part of the C/EBA (2450-1800 BCE), 4% from the end of the EBA through the beginning of the MBA (1800-1300 BCE), 17% from the end of the MBA through the LBA (1300-750 BCE), and 3% through the IA.

Im Spätneolithikum gab es also in England einen vergleichsweise hohen Anteil von Menschen (17 %), deren Herkunft aufgrund ihres höheren genetischen Anteils von früher europäischer Bauernherkunft mehr derjenigen des übrigen kontinentalen Festlandes glich als derjenigen der Hauptbevölkerung, die damals den 90%igen genetischen Umbruch auf den britischen Inseln bewirkte. In den nachfolgenden Jahrhunderten geht dieses genetische Signal aufgrund von Vermischungen, Homogenisierungen innerhalb der zugewanderten Stämme und Völker auf 4 % zurück. Der frühbäuerliche Herkunftsanteil steigt dadurch von 35 auf 36 %.

Dies könnte ein Signal sein für die Zuwanderungen vom Festland im Zuge der Wanderungen der Urnenfelder-Kultur und ihrer Brandbestattungen, von denen oben in diesem Blogartikel die Rede war.

Aber spannend ist dann insbesondere der neuerliche Anstieg dieser nun klar außerbritischen Herkunftskomponente während der Spätbronzezeit, und zwar wiederum zu finden bei 17 % der Bevölkerung. Diese müssen alle Zuwanderer aus Kontinentaleuropa gewesen sein, sie können nicht aus einer Bevölkerung innerhalb Englands abgeleitet werden, da hier der Anteil der früheuropäischen Bauern-Herkunftskomponente aufgrund der genannten Homogenisierungen längst viel niedriger geworden war als im mittleren und südlichen Europa (wo es ja auch keinen 90%igen genetischen Umbruch gegeben hatte).

Und diese spätbronzezeitlichen Zuwanderungen nun stehen in Verbindung mit der Ausbreitung der Urnenfeldkultur in Europa und weisen auch ähnliche genetische Signaturen auf wie diese (nämlich erhöhter früher europäischer Bauern-Herkunftsanteil). Die Hinweise, die schon die Archäologen festgestellt hatten für die Zeit um 1200 v. Ztr. hinsichtlich einer Invasion und Masseneinwanderung bestätigen sich also durch die Archäogenetik.

Trotz der genannten Zuwanderungen von Kontinentaleuropa nach England in der Spätbronzezeit gehen die Forscher zugleich auch von einer beträchtlichen genetischen Kontinuität in England vom Spätneolithikum bis zur angelsächsischen Zeit, bzw. sogar bis heute aus. Sie stellen also für England etwas anderes fest als es für verschiedene Epochen der böhmischen Vorgeschichte festgestellt worden war (13). Sie schreiben (1):

Ein Hinweis auf den beträchtlichen genetischen Beitrag der frühbronzezeitlichen Population zu späteren Populationen stammt aus der Y-chromosomalen Haplogruppe R1b-P312/L21/M529 (R1b1a1a2a1a2c1), die 89 % aller sequenzierten Individuen des spätneolithisch-frühbronzezeitlichen England aufweisen, und die sich in zeitgleichen archäogenetischen Daten des kontinentalen Europa so gut wie nicht findet. Diese Haplogruppe blieb in England in jeder nachfolgenden Epoche mehr vorherrschend als in Kontinentaleuropa und ist noch heute ein unterscheidendes Merkmal der britischen Inseln, da dort ihre Häufigkeit beträchtlich höher ist als irgendwo sonst.
Evidence for a substantial contribution from the C/ EBA population to later populations also comes from Y chromosome haplogroup R1b-P312/L21/M529 (R1b1a1a2a1a2c1), which is present at 89±5% in sampled individuals from C/EBA Britain and is nearly absent in available ancient DNA data from C/EBA Europe (Supplementary Table 9). The haplogroup remained more common in Britain than in continental Europe in every later period, and continues to be a distinctive feature of the British isles as its frequency in Britain and Ireland today (14-71% depending on region) is far higher than anywhere else in continental Europe.

Für den hier genannten Rückgang der Häufigkeit von 89 % auf 14 bis 71 % in heutiger Zeit dürften vor allem die Zuwanderungen der Angelsachsen im Frühmittelalter und der Wikinger und Normannen im Früh- und Hochmittelalter verantwortlich zu machen sein. Nach Fig. 5 in ("Extended Data") (1) handelt es sich um restliche 14 % in Mittel- und Ostengland und um etwa 43 % in Westengland und Wales. Daran wird ja für Ostengland noch einmal der doch sehr beträchtliche genetische Umbruch durch die Angelsachsen erkennbar, zumal in der männlichen Linie. 

Die Ursprungsbevölkerung, von der aus die spätbronzezeitlichen Zuwanderungen nach England erfolgten, verorten die Archäogenetiker ganz grob in (Nord-)Frankreich, können sie aber beim jetzigen Datenstand noch nicht präzise eingrenzen. Sie hat natürlich mit den keltischen Wanderungen der Urnenfelderkultur zu tun (1). 

Die Zuwanderungen scheinen sich auch innerhalb von England - sowohl genetisch wie kulturell - regional sehr unterschiedlich ausgewirkt zu haben und waren in Südengland insgesamt deutlich größer als in Nordengland und in Schottland. Auf jeden Fall haben sie nirgendwo mehr als 44 % neue, kontinentaleuropäische Genetik mit sich gebracht (die sich ja auch nur in der größeren frühen europäischen Bauern-Herkunft deutlicher von der in England vorherrschenden Genetik unterschied). 

300 v. Ztr. - Die Wanderungen der Parisii nach Nordost-England 

Es wird dann schließlich noch die "Arras-Kultur" in Yorkshire in Nordost-England (Wiki) hervorgehoben, die auch aufgrund von antiken Schriftüberlieferungen und archäologischen Ähnlichkeiten der Streitwagen-Gräber auf den keltischen Stamm der Parisii im Pariser Becken und der Champagne zurück geführt wird, der um 300 v. Ztr. nach Nordost-England gekommen sein dürfte. Die historischen Berichte scheinen nun auch von der Archäogenetik bestätigt zu werden und es scheint sich - entgegen des bisherigen Forschungsstandes - zu bestätigen, daß nicht nur Elemente der Kultur dieses Volkes übernommen worden sind (wie derzeit noch auf Wikipedia angenommen), sondern eben auch Genetik. Die Forscher schreiben abschließend (1):

Unsere Beobachtung eines Rückgangs der früheuropäischen Bauernherkunft auf der Iberischen Halbinsel, wo sein Anteil während der Frühbronzezeit vergleichsweise groß war und einem in etwa zeitgleichen Anwachsen desselben auf den britischen Inseln, wo sein Anteil während der Frühbronzezeit vergleichsweise niedrig war, könnte theoretisch wiederspiegeln eine keltisch-sprechende Gruppe von Menschen mit einem mittleren früheuropäischen Bauernanteil, die sich in beide Richtungen ausgebreitet hat. Allerdings kann ein so einfaches Modell nicht alle parallelen Entwicklungen im Norden und Süden Europas erklären.
Our finding of a decrease of EEF ancestry in Iberia, where the proportion was relatively high in the EBA, and a roughly simultaneous increase in Britain where the proportion was relatively low in the EBA (Fig. 4a), could, in theory, reflect a Celtic-speaking group of people with intermediate EEF ancestry spreading into both regions, although such a simple model cannot explain all the north-south ancestry convergence in Europe.

Immerhin wären die keltischen Wanderungen aus genetischer Sicht damit schön auf den Punkt gebracht. Ebenso prägnant der Folgesatz (1):

Die Tatsache, daß die Ausnahmen der Gräber vom Margetts Pit und Cliffs End Farm sich genetisch sehr mit Individuen der Konvitz-Kultur in Mitteleuropa ähneln, ist spannend in Hinblick auf die Tatsache, daß einige Gelehrte die Hypothese aufgestellt haben, die mitteleuropäische Urnenfelder-Gruppen wie die Konvitz-Kultur in Verbindung stehen mit der Ausbreitung der keltisichen Sprachen.
The fact that the Margetts Pit and Cliffs End Farm outliers are genetically very similar to the Knoviz culture sample from Central Europe (Supplementary Information section 6) is striking in light of the fact that some scholars have hypothesized Central European Urnfield groups like Knoviz to have links to Celtic language spread.

Wir haben ja schon behandelt, daß sich Großreiche der süddeutschen Bronzezeit um 1300 v. Ztr. in Richtung Tollensetal bewegt hatten (3). In ähnlicher Weise scheinen sich die süddeutschen, bronzezeitlichen Großreiche also auch in Richtung England bewegt zu haben.

Helle Haut und Rohmilch-Verdauung selektiv bevorteilt in der Eisenzeit

Für das eisenzeitliche Nordeuropa zeichnen sich aber auch folgende Erkenntnisse noch deutlicher als bisher ab (1):

Varianten, die mit hellerer Hautfarbe in Verbindung stehen (SLC45A2) wurden in ganz Europa bedeutend häufiger während der Eisenzeit. Wir gelangen auch zu einem unerwarteten Ergebnis für das abgeleitete Allel bei MCM6-LCT rs4988235, das in Verbindung steht mit der Fähigkeit Laktase (Rohmilch) als Erwachsener zu verdauen. (...) Auf der iberischen Halbinsel hatte es in der Eisenzeit eine Häufigkeit von 9 %, verglichen mit der heutigen von 40 %, in Mitteleuropa (Österreich, Ungarn, Slowenien, Tschechei, Slowakei und Deutschland) hatte es 7 % verglichen mit 48 % heute. Im eisenzeitlichen Britannien jedoch betrug seine Häufigkeit 50 %, verglichen mit seiner heutigen von 73 %, was zeigt, daß intensive Selektion in England zu einer Zunahme der Häufigkeit dieses Allels ein Jahrtausend früher führte als in vielen Teilen des koninentenalen Europas.
Variants associated with light skin pigmentation at SLC45A2 became substantially more common throughout Europe in the IA. We obtain an unexpected result for the derived allele at MCM6-LCT rs4988235 which is associated with lactase persistence into adulthood. (...) In Iberia where it was ~9% compared to ~40% today, and in Central Europe (Austria, Hungary, Slovenia, Czech Republic, Slovakia and Germany) where it was ~7% compared to ~48% today. However, in IA Britain its frequency was 50% compared to the current 73%, showing that intense selection to increase the frequency of this allele acted roughly a millennium earlier in Britain than it did in multiple parts of continental Europe (Fig. 4b, Extended Data Fig. 4). We find no evidence that the frequency rise in Britain was due to M-LBA migration: the Margetts Pit and Cliffs End Farm outliers did not carry the allele, and most of the rise in Britain occurred after the M-LBA (Fig. 4b, Sup- plementary Table 8). This suggests that dairy products were consumed in a qualitatively different way or were economically more important in LBA-IA Britain than in Central Europe.

Dies geschah autochton in England und unabhängig von Zuwanderungen wie die Forscher glauben, aufzeigen zu können. Während seine Häufigkeit in England 50 % betrug, betrug seine Häufigkeit in sechs sequenzierten eisenzeitlichen Skeletten aus Skandinavien 30 % wie in einer Studie vor zwei Jahren schon heraus gekommen war (14). Und im Baltikum ist es damals bei der Hälfte von zehn Individuen festgestellt worden, die schon in der Bronzezeit lebten (14).

Während also die Kelten auf dem Kontinent diese Häufigkeitszunahme während der Eisenzeit nicht erfuhren, erfuhren sie die Völker des Baltikums womöglich schon in der Bronzezeit, die zugewanderten Kelten, die sich mit den Einheimischen vermischt hatten, auf den britischen Inseln während der Eisenzeit und die Germanen in Skandinavien ebenfalls während der Eisenzeit. 

Das deutet ja für uns zunächst eher auf einen Einfluß des Breitengrades hin, statt auf einen ausgesprocheneren kulturellen Einfluß. Obwohl man also inzwischen auf dem Gebiet der Erforschung der Evolution der angeborenen menschlichen Erwachsenen-Rohmilch-Verdauung so viel Unerwartetes und Überraschendes heraus bekommen hat (vor allem die späte Zeitstellung seiner Häufigkeitszunahme, sowie zusätzlich noch die und zeitlich regional versetzte Zunahme), bleibt die Erforschung der Ursache dieser Häufigkeitszunahme weiter spannend, da sie schlichtweg nicht geklärt ist.

Was für ein vielfältiges Geschehen es in der europäischen Vorgeschichte gegeben hat. Es ist so komplex, daß wir an diesem Blogartikel (mindestens) zwei Tage geschrieben haben!!

/ Nachtrag vom 11.7.24, 
Blogartikel erhält neuen Titel 
Nachträge 10.5.25 entsprechend (17) /

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  1. Patterson N, Isakov M, Booth T, .... T. Douglas Price, .... Rohland N, Pinhasi R, Armit I, Reich D (2021) Large-scale migration into Britain during the Middle to Late Bronze Age. Nature, Advance online publication 22.12.2021 (pdf), https://www.nature.com/articles/s41586-021-04287-4
  2. Hopf. Jonas: Interview mit Prof. Dr. Raiko Krauß über Neolithikum, Kupfer- und Bronzezeit, 04.11.2021, https://youtu.be/tjxtDFZlpUo.
  3. Bading, I.: Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte, 2019, http://studgendeutsch.blogspot.com/2019/10/volker-und-groreiche-in-bewegung-europa.html
  4. Hänsel, Bernhard: Die Bronzezeit als erste europäische Epoche. In: ders. (Hg.): Mensch und Umwelt in der Bronzezeit Europas: Abschlußtagung der Kampagne des Europarates: Die Bronzezeit: das erste goldene Zeitalter Europas an der Freien Universität Berlin, 17.-19. März 1997, Berlin 1998, https://d-nb.info/953002101/04, S. 19-26
  5. Bading, I.: 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/02/eos-die-gottin-der-morgenrote.html
  6. Bading, I.: Die Indogermanen in Apulien - Herkunftsanteil 20 bis 40 %, 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/07/indogermanen-in-apulien-herkunftsanteil.html 
  7. Bading, I.: 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/die-machtigen-volkerburgen_2.html 
  8. Bading, I.: 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/die-machtigen-volkerburgen.html
  9. Schiffels, S., Haak, W., Paajanen, P., Llamas, B., Popescu, E., Loe, L., Clarke, R., Lyons, A., Mortimer, R., Sayer, D., Tyler-Smith, C., Cooper, A., & Durbin, R. (2016). Iron Age and Anglo-Saxon genomes from East England reveal British migration history. Nature communications, 7, 10408. https://doi.org/10.1038/ncomms10408
  10. Bading, I.: 2011, https://studgendeutsch.blogspot.com/2011/08/4100-v-ztr-tertiare-neolithisierung-im.html
  11. Bading, I.: Mai 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/05/das-fundament-europas-in-einer.html
  12. Bading, I.: August 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/08/indogermane-sein-heit-revoluzzer-sein.html 
  13. Bading, I.: August 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/08/die-farbemprachtige-bild-der.html
  14. Bading, I.: "Polygenetische Risiko-Faktoren" vor 1.000 Jahren - Die Nachfahren der Wikinger blieben sich genetisch gleich in Skandinavien bist heute, 20. Juli 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/polygenetische-risiko-faktoren-vor-1000.html
  15. Mass migration from France to England and Wales took place 3,000 years ago, 22.12.2022, https://www.techregister.co.uk/mass-migration-from-france-to-england-and-wales-took-place-3000-years-ago/
  16. Cavazzuti, C., Arena, A., Cardarelli, A., Fritzl, M., Gavranović, M., Hajdu, T., ... & Szeverényi, V. (2022). The First ‘Urnfields’ in the Plains of the Danube and the Po. Journal of World Prehistory, 1-42, https://link.springer.com/article/10.1007/s10963-022-09164-0.
  17. Williams RA, Montesanto M, Badreshany K, et al. From Land’s End to the Levant: did Britain’s tin sources transform the Bronze Age in Europe and the Mediterranean? Antiquity. Published online 2025:1-19. doi:10.15184/aqy.2025.41 (Antiquity2025)

Samstag, 20. Juli 2019

"Polygenetische Risiko-Faktoren" vor 1.000 Jahren

Die Nachfahren der Wikinger blieben sich genetisch gleich in Skandinavien bist heute

- 442 Wikinger-Genome sind sequenziert worden - Und die Ergebnisse zeichnen ein Bild auffallender genetischer Kontinuität bis heute

Die Skandinavier sehen noch heute genauso aus wie die Skandinavier vor tausend Jahren. Ähnliche Körperpigmentierung, ähnliche Körpergröße und viele sonstige angeborene körperliche und seelische Merkmale sind in den letzten tausend Jahren in ihrer Häufigkeit größtenteils gleich geblieben. Das ist das wesentliche Bild, das eine neue Studie zur Archäogenetik der Wikinger zeichnet (1).*) Und angesichts der vielfältigen genetischen Veränderungen in Europa vor der Bronzezeit darf man auch das Bild von etwa 4000 Jahren genetischer Kontinuität seit der Bronzezeit in Europa so stark wie möglich auf sich wirken lassen. Europa steht eben für beides: Für Veränderung und für Kontinutität. Und es weist fast in jenen Geschichtsepochen, in denen es kulturell die größten Veränderungen hervorgebracht hat, genetisch fast die geringsten Umwälzungen auf. Nämlich in den letzten tausend Jahren (1).

Eigentlich erst für ein einziges genetisch verschaltetes Merkmal kann die Archäogenetik und die moderne Humangenetik neuerdings aufzeigen, daß es sich in den letzten 4000 Jahren innerhalb von Nordeuropa in seiner Häufigkeit deutlich verändert hat: Rohe Milch haben unsere Vorfahren mehrheitlich erst seit der Bronzezeit getrunken, nicht vorher. Diese Erkenntnis deutet sich in einer Grafik an, die in der neuen Preprint-Studie zur Archäogenetik der Wikinger auch enthalten ist (Abb. 1).

Abb. 1: Häufigkeit der erwachsenen Rohmilch-Trinker nach Zeitepoche und Region (aus: 1)

Dieses einzige Bild größerer Veränderung, das hier zu behandeln ist, sei zuerst erkläutert (Abb. 1): In der spätneolithischen schnurkeramischen Kultur ("Corded Ware EU") gab es unter 10 sequenzierten Individuen keines, das angeborenermaßen rohe Milch verdauen konnte. Unter 31 sequenzierten Glockenbecher-Individuen im heutigen Deutschland gleicher Zeitstellung ("BB_Germany") gab es ebenfalls nur wenige Individuen, die das konnten. Diese Eigenschaft ist allerdings dann im bronzezeitlichen Ostseeraum ("Baltic_BA") schon unter fünf von 10 Individuen zu finden. Und in der Wikingerzeit ("VA") ist diese Fähigkeit dann schon ähnlich häufig verbreitet wie sie es noch heute in Skandinavien ist (heute: Balken ganz rechts).

"Polygenetische Risiko-Faktoren" vor 1.000 Jahren

Und das gilt interessanterweise für eine große Fülle von angeborenen Eigenschaften wie Haar-, Haut- und Augenfarbe, auch Körpergröße, Neigung zu Schizophrenie und so weiter. Sie alle sind in der Regel deutlich stärker polygenetisch verschaltet als die Erwachsenen-Rohmilch-Verdauung. Und für sie kann - aufgrund der Forschungen der wenigen letzten Jahre - inzwischen eine polygenetische Erblichkeitseinschätzung ("polygenic risk score") vorgenommen werden, selbst für Genome aus tausende von Jahren alten Knochen (Abb. 2).

Abb. 2: Vergleich polygenetische Merkmale der Wikinger und der heutigen Skandinavier - Kontinuität oder Veränderung? (Bildschirmfoto aus: 1)

In Abbildung 2 werden eine Fülle von menschlichen Eigenschaften aufgezählt, deren Ausprägung von mehr als hundert einzelnen Gen-Orten (SNP's) im Genom mitbestimmt werden, sprich, die polygenetisch vererbt werden, und für die schon heute aufgrund der fortgeschrittenen Forschungslage eine Einschätzung der phänotpyischen Ausprägung anhand der polygenetischen Daten im Genom vorgenommen werden kann. Die Häufigkeitsverteilung dieser polygenetischen Anlagen ("polygenic risc score") scheinen sich nun laut dieser Grafik in den letzten tausend Jahren in den seltensten Fällen auffallend verändert zu haben - abgesehen von einer Eigenschaft: der Neigung zu schwarzer Haarfarbe. Diese liegt heute sogar noch deutlich weniger häufig vor in Skandinavien als vor tausend Jahren. Aber selbst Gene, die mitbestimmen, wieviel Zeit wir vor dem Fernseher verbringen, scheinen heute noch ähnlich verteilt zu sein in der Bevölkerung wie vor tausend Jahren. Ebenso Gene, die den Zeitpunkt der geschlechtlichen Reife mitbestimmen (also die typische angeborene Sprödigkeit der Germanen), ebenso Gene, die Heuschnupfen hervorrufen, Gene, die Körpergröße und Körpergewicht bestimmen, Gene, die bestimmen, ob man ein Morgenmensch oder Abendmensch ist, Gene, die mitbestimmen wie neurotisch wir sind, wie stark wir dazu neigen, an Schizophrenie zu erkranken und so vieles andere mehr.

Sie alle sind gleich geblieben - trotz tausend Jahren Christentum. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts scheinen genetisch noch sehr stark jenen Menschen zu ähneln, die vor tausend Jahren in Europa gelebt haben. In der Studie werden nirgendwo Vergleiche angestellt des polygenic score für die Intelligenz der Wikinger und der heutigen Skandinavier. Womöglich ist die Datenlage noch zu dünn. Das wird sich aber in nur wenigen Jahren ändern. Und da darf man dann noch einmal gespannt sein.

Die neuen Erkenntnisse dieser Studie sind dadurch gewonnen worden, daß 442 Skelette Nordeuropas sequenziert worden sind aus der Zeit zwischen 2.400 v. Ztr. und 1600 n. Ztr., vorwiegend aus der Wikingerzeit.*) Was aber kann aus dieser neuen Studie noch gelernt werden, außer der recht wesentlich erscheinenden Wahrnehmung, daß sich die polygenetischen Risikofaktoren in den letzten tausend Jahren offenbar so auffallend wenig verändert haben? Für die Zeit um 1.000 v. Ztr., also vor 3.000 Jahren wird die folgende Aussage gemacht (1):

Wir finden, daß der Übergang von der Bronzezeit zur Eisenzeit einher geht mit einem Rückgang des anatolisch-neolithischen genetischen Anteils und einer Zunahme des indogermanischen genetischen Anteils und der vorneolithischen Jäger-Sammler-Anteils.
We find that the transition from th e BA to the IA is accompanied by a reduction in Neolithic farmer ancestry, with a corresponding increase in both Steppe-like ancestry and hunter-gatherer ancestry.

Es fragt sich aber, ob dieser Aussage wirklich irgendeine Bedeutung zugesprochen werden muß. Denn in der zugehörigen Grafik (Extended Data, Fig. 6 b)  ist diese Veränderung kaum zu erkennen und stellt sich nur als wenig auffallend dar, bzw. als gar nicht sichtbar. Viel eher drängt sich auch hier auf, daß die Herkunftsanteile von den letzten Jägern und Sammlern Europas, sowie den ersten Bauern Europas über die letzten viertausend Jahre hinweg immer einigermaßen in gleichen Anteilen im Erbgut der Nordeuropäer geblieben sind.

Während der Wikingerzeit gibt es in einigen Teilen Schwedens sogar Bevölkerungen, die bis zu 40 % genetisch anatolisch-neolithischer Herkunft sind. Auch mischt sich in der Wikingerzeit in einigen Regionen ostasiatische oder kaukasische Genetik mit hinein, sicherlich aufgrund des Hereinbringens von Sklaven aus dem russischen Raum. Es findet sich auch die Genetik von keltischen Briten im wikingerzeitlichen Skandinavien und auch diejenige von spätantiken, bzw. frühmittelalterlichen Südeuropäern.

Abb. 3: Ein Wikingerschiff, Nachbau (in Stockholm) (Wiki a, b)

In Dänemark nun finden sich keine schwedischen oder norwegischen Wikinger begraben, umgekehrt in Norwegen und Schweden aber sehr wohl dänische Wikinger. Damit wird deutlich, daß es eine größere Bewegung von Menschen aus Dänemark Richtung Norden gab als umgekehrt von Schweden und Norwergen Richtung Dänemark. Im ganzen damaligen skandinavischen Raum war damals auch Dänisch die Verkehrssprache wie in der Studie festgehalten wird. Dänische Wikinger siedelten in England, schwedische Wikinger siedelten im Ostseeraum, norwegische Wikinger besiedelten Irland, Island und Grönland. Interessanterweise sind die Wikinger im Südwesten Schwedens genetisch kaum von den Dänen zu unterscheiden, ebenso sind die Angeln und Sachsen, die in England siedelten, genetisch kaum von den Dänen zu unterscheiden. Für einige Orte und Regionen - wie etwa die Insel Gotland - können noch weitere Auffälligkeiten festgestellt werden (1):

Auf Gotland gibt es viel mehr genetische Komponenten, die Ähnlichkeit mit damaligen Dänen, Briten und Finnen aufweisen als solche, die Ähnlichkeit mit damaligen Schweden aufweisen, was deutlich macht, daß diese Insel während der Wikingerzeit in weiträumigen intensiven Handelsontakten stand.
On Gotland, there are much more Danish-like, British-like and Finnish-like genetic components than Swedish-like components, supporting the notion that the island may have been marked by extensive maritime contacts during the Viking Age.
Für zwei Individuen wird im Anhang der Studie noch aufgezeigt, welche Art von Aussagen über ihr Aussehen beim derzeitigen Stand der Forschung gemacht werden können. Die Aussagen sind noch keine 100%-Aussagen, weil alle behandelten Merkmale - wie überhaupt fast alle Merkmale des Menschen -  polygenetisch bedingt sind und man noch von fast keinem der menschlichen Merkmale den vollständigen Satz jener vielen hundert oder tausend SNP's ("Gene") von jeweils geringer Wirkung kennt, die zur Ausprügung des Merkmals beitragen (1; Anhang 2, S. 76f):
Für Individuum VK1: Die Wahrscheinlichkeit, blaue Augen zu haben, kann auf 0,85 eingeschätzt werden, die Wahrscheinlichkeiten für blondes Haar 0,63, für braunes Haar 0,29, rotes Haar 0,01 und schwarzes Haar 0,07. Für Individuum VK42 entsprechend ...
For VK1 individual: The estimated probability of having blue eyes was 0.85, while the hair color probabilities were blond  (0.63), brown (0.29), red (0.01) and black (0.07). For VK42 individual: the estimated probability of  having brown eyes was 0.98, while the hair color probabilities were blond (0.15), brown (0.6), red (0.001) and black (0.25).
Die zahlenmäßige Häufigkeit von "Risiko-Allelelen" dafür, schwarze Haare zu haben, ist seit der Wikingerzeit bis heute zurück gegangen, so wird wird ausgeführt (1; Anhang 2, S. 96):
Es scheint, als habe sich bei den Dänen die Häufigkeit von gut bekannten Allelen, die die Haarfarbe beeinflussen, seit der Wikingerzeit beträchtlich verschoben, während wir keinerlei andere bedeutsame Häufigkeitsveränderung für Allele erkennen können, die anthropometrische Merkmale beeinflussen oder einige wenige (schon polygenetisch besser erforschte) komplexe Krankheiten.
It appears that frequencies of established common alleles affecting hair colour have significantly changed in the Danish population since the Viking Age, whereas we do not observe any significant change for alleles affecting other common anthropometric traits and a few complex disorders.

Insgesamt macht diese Studie deutlich ein hohes Maß an genetischer Kontinuität in diesem Zeitraum. Zumindest wenn man es mit den Jahrtausenden davor vergleicht.

Rohmilchverdauung - Die Häufigkeit dieser Fähigkeit stieg in Spanien und Indien später an als in Nordeuropa

Ergänzung 1, 13.10.2019: Bei dem Urvolk der Indogermanen von der Mittleren Wolga besaßen nur 1 % der Angehörigen die angeborene Fähigkeit, als Erwachsene Rohmilch verdauen zu können. Mit dieser Häufigkeit verbreitete dieses Volk dieses Gen dann vom Atlantik bis zum Pazifik (2).

Und nachdem es soweit verbreitet war, hat es an unterschiedlichen Orten unterschiedlich lange gedauert (wie oben schon erörtert), bis es die jeweils dort vorliegende heutige Häufigkeit erreichte (2). In Spanien haben es heute immerhin 45 % der Bevölkerung, in Skandinavien und England über 90 %. Am Schnellsten nahm diese Fähigkeit an Häufigkeit nach derzeitigem Kenntnisstand zu auf den britischen Inseln und in Mitteleuropa. Und zwar ab etwa 2000 v. Ztr. (2). Im Frühmittelalter erreichte es hier und in Skandinavien die heutige Häufigkeit. Deutlich langsamer geschah das im Industal und in Spanien, nämlich erst ab etwa 0 v./n. Ztr. (2).

Damit stellt sich nun natürlich die Frage, warum das in Indien und Spanien 2000 Jahre später geschah als in Nordeuropa, obwohl das Ausgangsmaterial für die Selektion überall gegeben war? Lag es an dem anteilmäßigen Umfang, mit dem sich die Zuwanderer jeweils populationsgenetisch durchgesetzt hatten? Dieser Eindruck drängt sich zunächst auf.

Ergänzung 2, 3.7.2020: Es werden neuerdings auch Hinweise darauf gefunden, daß die Fähigkeit zur Erwachsenen-Rohmilchverdauung von Seiten der Steppen-Völker in niedriger Häufigkeit nach Nordindien (Punjabi) eingeführt wurde und dort in späteren Jahrhhunderten und Jahrtausenden ebenfalls an Häufigkeit zunahm (3):

Wenn das T-Allel schon im Nordschwarzmeer-Gebiet entstand, dann hat es sich nicht nur ab 3.000 v. Ztr. nach Europa verbreitet, sondern ebenso ab 2.100 v. Ztr. in die Turan-Region und ab 1800 v. Ztr, nach dem Untergang der Indus-Zivilisation auch weiter nach Südasien.
As a number of CA haplotypes can be also found in MXL (Mexican Ancestry from Los Angeles) and PEL (Peruvian in Lima) from admixed Americans (AMR), as well as BEB (Bengali in Bangladesh), ITU (Indian Telugu in the UK), PJL (Punjabi), and STU (Sri Lankan Tamil from the UK) from South Asian Ancestry (SAS), the age of the A allele must be older than that of the T allele as aforementioned. Interestingly, the T allele frequency is quite high in some of these populations: 24% in MXL, 10% in PEL, and 26% in PJL. Yet, IAV is substantially reduced in MXL or even non-existent in PEL (...). These features are compatible with very recent ongoing selective sweeps, but a more likely cause would be admixture, founder effects, or a combination of these factors after Columbus. Similarly, IAV in PJL is significantly reduced (...). Although admixture also occurred in PJL, we consider a prehistoric event as a more likely cause: if the T allele arose in the Pontic Steppe, it must have spread not only into Europe from 3000 BC, but also into Turan by 2100 BC and further into South Asia after the decline of the Indus Valley Civilization in ca. 1800 BC (Damgaard et al., 2018; Narasimhan et al., 2019; Shinde et al., 2019). As the time elapsed in Punjabi was as long as 3800 years, it is tempting to speculate the presence of an independent selective sweep for the T allele in this locality too. Thus, it appears that LP in Europe and South Asia shares the early history of the expanding Steppe ancestry in the Bronze Age, and offers strong selective advantages to its local bearers in lactose-relevant niche construction.
Ergänzung 3, 7.7.2020: In einem neuen Artikel wird anhand der mongolischen Herdenhalter, die zwar vornehmlich von Milchprodukten leben, aber dennoch nicht die Fähigkeit, als Erwachsene Rohmilch verdauen zu können, entwickelt haben, gefragt (4):
Wenn es die Möglichkeit einer nichtgenetischen Anpassung gibt, um Verdauungsprobleme zu vermeiden, wenn man Milchprodukte konsumiert, dann lautet ja die Frage: Warum ist auf Laktase-Persistenz überhaupt selektiert worden?
Given the possibility of a nongenetic adaptation to avoid intestinal symptoms when consuming dairy products, the puzzle then becomes this: why has LP been selected for at all?

Von einer Antwort auf diese Frage scheint die Forschung noch weit entfernt zu sein!

Ergänzung 4, 12.9.2020: 14 Gefallene der Schlacht an der Tollense in Mecklenburg (1250 v. Ztr.) sind neu sequenziert worden, zusammen mit anderen bronzezeitlichen und nachbronzezeitlichen Skeletten (5, 6, 7). Der Zeitraum, in der die angeborene Fähigkeit der Erwachsenenrohmilch-Verdauung in Nord- und Mitteleuropa evoluiert ist, wird mit dieser Studie noch kürzer als bislang schon angenommen: Diese Fähigkeit lag bei den Teilnehmern der Schlacht an der Tollense nur bei einem von 14 Sequenzierten vor, also nur zu 7 %, anderwärts in der Bronzezeit zu 4,6 %. Nur für das heutige Lettland ist diese Fähigkeit in der Bronzezeit schon bei vier von acht Individuen gefunden worden, was 50 % entspräche - und was bisher zu unscharf extrapoliert worden war auf die nordeuropäische Bronzezeit insgesamt. Eine solche Häufigkeit findet sich sonst aber erst im Frühmittelalter anderwärts in Europa, nämlich bei völkerwanderungszeitlichen Ungarn ebenso wie bei den Wikingern (3). Damit steht weiterhin eine Erklärung jener selektiven Regime aus, die dazu führten, daß diese Fähigkeit heute zu über 90 % in Nordeuropa verbreitet ist. Es gibt erste Hinweise, daß dies etwas zu tun haben könnte mit gleichzeitigem Infektions-Schutz.

Ergänzung 5, 14./16.9.2022: Eine neue Studie findet bei heutigen Briten gar keinen direkteren Zusammenhang zwischen der Menge des Konsums von Milchprodukten und der angeborenen Fähigkeit, als Erwachsener rohe Milch verdauen zu können (8). Auch Menschen, die letzteres nicht können, konsumieren Milchprodukte, auch dann, wenn das ein wenig Magengrummeln oder Blähungen zusätzlich verursacht.

Dasselbe scheint dementsprechend auch für alle vorgeschichtlichen Bevölkerungen zu gelten seit der Zeit, da sie milchgebende Tiere domestiziert hatten und deren Milch für Nahrung verwendeten. Anhand der Milchfettreste in Keramikscherben in unterschiedlichsten Kulturen suchten die Forscher nach einem zeitlichen oder räumlichen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Milchprodukten und der angeborenen Fähigkeit, als Erwachsener rohe Milch verdauen zu können. Sie konnten aber ebenfalls gar keinen Zusammenhang finden (8, 9) (Abb. 4). 

Abb. 4: Milchreste in Keramikscherben pro Jahrtausend in Europa und Westasien (aus: 10)

Insbesondere ist in Abbildung 4 zu sehen, daß in der Zeit, in der in Europa die angeborene Fähigkeit, als Erwachsener rohe Milch verdauen zu können anstieg (nämlich nach 1000 v. Ztr.), sich eher weniger Scherben mit Milchfett-Resten finden als vorher! Deshalb gingen die Forscher einem neuen Zusammenhang nach (9):

Die Wissenschaftler fanden, daß das, was sie als Signale für Hungerzeiten oder Pandemien ansahen, am besten mit den Häufigkeitsveränderungen in Bezug auf die Fähigkeit zur Verdauung roher Milch, die sich durch die Archäogenetik gezeigt haben, zusammenpaßten. (Sie benutzten archäologische Daten, um Perioden zurück gehender Bevölkerungszahlen - vielleicht Hungerzeiten - zu identifizieren ebenso wie Zeiten größerer Bevölkerungsdichte - vielleicht Zeiten für schnellere Verbreitung von Krankheiten.)
The researchers found that what they considered signals of famine and sickness best matched the jumps in lactase persistence in ancient DNA, they report today in Nature. (They used archaeological records to identify periods of shrinking populations - perhaps famines - as well as times of greater population density - possibly times of faster disease spread.)

Die Fähigkeit als Erwachsener problemlos rohe Milch verdauen zu können, könnte also nach ihnen insbesondere dann evolutionär vorteilhaft gewesen sein, wenn es größere Notzeiten gab, Hungerzeiten oder Epidemien. Dann könnten jene, die als Erwachsene problemlos rohe Milch verdauen können, im Vorteil gewesen sein und eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit gehabt haben gegenüber den anderen. Leider ist die Studie noch hinter einer Bezahlschranke, so daß uns nicht klar ist, welche Hungerzeiten, Notzeiten, Epidemien das - vor dem Frühmittelalter - nach der Studie genauer gewesen sein sollen. In der Zusammenfassung heißt es dazu (10):

Der Vergleich von Modellwahrscheinlichkeiten legt nahe, daß Populationsschwankungen, Siedlungsdichte und der Verzehr des Fleisches von wilden Tieren - als Annäherungen für diese Beschleuniger - eine bessere Erklärung bieten für die Selektion von Laktasepersistenz als das Ausmaß des Verzehrs von Milchprodukten.
Comparison of model likelihoods indicates that population fluctuations, settlement density and wild animal exploitation - proxies for these drivers - provide better explanations of LP selection than the extent of milk exploitation.

Dann würde sich aber die Frage stellen, warum diese Beschleuniger in Nordeuropa früher wirksam wurden als in Indien und in Spanien, wo doch die Siedlungsdichte in letzteren Regionen viel früher viel höher war.

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*) Aus der Wikingerzeit wurden sequenziert (1):
Individuals from Denmark (n=78), Faroe Islands (n=1), Iceland (n=17), Ireland (n=4), Norway (n=29), Poland (n=8), Russia (n=33), Sweden (n=118), UK (n=42), Ukraine (n=3) as well as medieval individuals from Faroe Islands (n=16), Italy (n=5), Norway (n=7), Poland (n=2) and Ukraine (n=1). The Viking Age individuals were supplemented with additional published genomes (n=21) from Sigtuna, in Sweden.
_____________________________________
  1. Population genomics of the Viking world. Ashot Margaryan, Daniel John Lawson, Martin Sikora, (...) Kristian Kristiansen, Rasmus Nielsen, Thomas Werge, Eske Willerslev. bioRxiv 703405; Preprint, 17.7.2019, doi: https://doi.org/10.1101/703405
  2. Iain Mathieson: The spread of the European lactase persistence allele, 12.10.2019, http://mathii.github.io/2019/10/12/the-spread-of-the-european-lactase-persistence-allele, https://twitter.com/mathiesoniain/status/1183112399722864640
  3. Population genomics on the origin of lactase persistence in Europe and South Asia. Yoko Satta, Naoyuki Takahata. bioRxiv 2020.06.30.179432; doi: https://doi.org/10.1101/2020.06.30.179432, This article is a preprint and has not been certified by peer review, https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2020.06.30.179432v1.
  4. Segurel L, Guarino-Vignon P, Marchi N, Lafosse S, Laurent R, Bon C, et al. (2020) Why and when was lactase persistence selected for? Insights from Central Asian herders and ancient DNA. PLoS Biol 18(6): e3000742. https://doi.org/10.1371/journal.pbio.3000742, Published: June 8, 2020
  5. Low Prevalence of Lactase Persistence in Bronze Age Europe Indicates Ongoing Strong Selection over the Last 3,000 Years. Current Biology. (Researchgate)
  6. Bading, Ingo: Völker und Großreiche geraten in Bewegung, 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/10/volker-und-groreiche-in-bewegung-europa.html 
  7. Ewen Callaway: How humans’ ability to digest milk evolved from famine and disease - Landmark study, Nature, 27 July 2022, https://www.nature.com/articles/d41586-022-02067-2
  8. Cathleen O’Grady: Ancient Europeans farmed dairy - but couldn’t digest milk, 27 Jul 2022, https://www.science.org/content/article/ancient-europeans-farmed-dairy-couldn-t-digest-milk 
  9. Evershed, R.P., Davey Smith, G., Roffet-Salque, M. et al. Dairying, diseases and the evolution of lactase persistence in Europe. Nature 608, 336-345, 27.7.2022, https://doi.org/10.1038/s41586-022-05010-7, https://www.nature.com/articles/s41586-022-05010-7 (Academia)

Donnerstag, 18. Juli 2019

Unsere Kühe stammen NICHT aus dem Vorderen Orient

Sie wurden vielmehr auf dem Balkan domestiziert
- Und die heutigen Kühe des Vorderen Orients sind seit 2.200 v. Ztr. gedeckt worden von indischen Stieren
- Die Archäogenetik der Milchkühe als Erkenntnisquelle der Historiker

"Die Hausmaus als Erkenntnisquelle der Historiker" haben wir schon vor elf Jahren hier auf dem Blog behandelt (St. gen. 2008). Nun wird in Umrissen erkennbar, wie die Archäogenetik der Milchkühe (1), sowie der ersten Zugtiere zu einer zunehmend sichereren Erkenntnisquelle der Historiker und Archäologen wird. Erste Ergebnisse dazu sollen im vorliegenden Beitrag referiert werden.

Abb. 1: Genetische Verwandtschafts-Beziehungen der modernen Rinder (graue Sternchen) mit archäologisch gewonnenen Rindern (bunte Zeichen) (nach der Hauptkomponenten-Analyse der sequenzierten Genom-Daten) (aus: 1) - Weitere Erläuterung im Text

Der Ackerbau und die seßhafte Lebensweise sind im Vorderen Orient entstanden und sie sind von Menschen, die aus dem Vorderen Orient stammten, nach Europa und bis nach Skandinavien ausgebreitet worden. Deshalb sind auch fast alle wesentlichen domestizierten Pflanzenarten Europas (Getreide u.a.) im Vorderen Orient domestiziert worden. Durch die Forschungen seit der C14-Revolution der 1950er Jahre und mehr noch durch die Genetische Revolution der beiden letzten Jahrzehnte sind diese Umstände klar geworden. 

Auch bezüglich der Kühe (Wiki, engl) hatte die moderne C14- und die genetische Revolution bis vor Kurzem noch die Lehre des "Ex oriente lux", des "Aus dem Osten kam das Licht" gelehrt. Aber die Wendungen der Forschung sind nicht vorhersehbar. Und zumindest betreffend der Kühe scheint sich in der Archäogenetik nun - 2019 - eine Wende angebahnt zu haben (1).

Nun, die Beziehung zwischen Menschen und Auerochsen, bzw. ihren domestizierten Nachfahren, den Milchkühen ist uralt und ist selbst eine sehr wechselhafte. In der Eiszeit bildeten Auerochsen ein wesentliches Jagdwild des Menschen. Sie fanden deshalb auch wiederholt eindrucksvollste Darstellungen in der Kunst des Menschen, in ihren Höhlenmalerein und Elfenbein-Schnitzereien. Bis vor wenigen Jahren war die Forschung noch davon ausgegangen, daß der europäische Auerochse der Eiszeit ausgestorben sei und nie domestiziert worden wäre (2). Aber eine soeben neu erschienene Studie verweist diese Annahme in das Reich der Fabel (1). Dieser Umstand läßt uns einen neuen Blick werfen auf die Rolle des Auerochsen und seiner Nachfahren, der Bullen und Milchkühe, in der Menschheitsgeschichte.

Erst vor wenigen Wochen haben wir ja hier auf dem Blog herausgearbeitet, daß sich in der Menschheitsgeschichte die Entstehung ganzer Völker vollziehen konnte im Zusammenspiel mit der Herdenhaltung von Rindern. Dies gilt etwa für die Entstehung der heutigen Hirtenvölker in Ostafrika (3). Ähnliches kann aber etwa auch für das Urvolk der Indogermanen angenommen werden, die von der Wissenschaft in der Regel als ein Hirtenvolk wahrgenommen werden, das keinen sehr intensiven Ackerbau betriebe habe. Aber hier auf dem Blog hatten wir auch schon herausgearbeitet, welche neue Bedeutung die Rinder durch die Erfindung des Rades erhielten, welche geradezu staatenbildende Funktion der Rinderwagen nicht nur in Indien, sondern seit dem Mittelneolithikum auch in Europa für die Völkergeschichte gehabt haben dürfte, beginnend in der Kugelamphorenkultur Ostmitteleuropas (4), ebenso in der Jamnaja- und Maikop-Kultur - ein Umstand, der damit auch Einfluß genommen hat auf die Ethnogenese und Ausbreitung der Späten Urindogermanen (der Jamnaja). Die Ausbreitung in Europa erfolgte - vermutlich - auf den von Rinderwagen breit getretenen und für sie geschaffenen Wegen.

Auch die Völker indogermanischer Herkunft nutzten also ab etwa 3.500 v. Ztr. den Rinderwagen. Die Völkerbewegungen des assyrischen Reiches oder der germanischen Völkerwanderung ab 375 v. Ztr. waren ebenfalls noch von dem Schritttempo jener Rinderwagen bestimmt, auf denen die Völker alles, was sie hatten, mitführten, ihre Familien, ihr Hab und Gut, Getreide, Handwerkszeug, Waffen, Schätze und kulturellen Güter.

Auch auf dem Gebiet der Religion ist dem schwerfälligen, erdverbundenen Rind vom Menschen bis heute Bedeutung zugesprochen worden. In Kulturen des Mittelmeerraumes wird der Stierkampf bis heute gepflegt, die Überwindung des dumpfen Erdhaften, das sich - verkörpert im männlichen Stier - auch sehr aggressiv und bedrohlich äußern kann, durch die Beherztheit und Wendigkeit des wachen, aufgeweckten Menschen oder gar des Gottes. Man vergleiche die Sagen von Zeus, der sich die Gestalt eines Stieres gibt, man vergleiche die weit verbreiteten Mithras-Darstellungen, in denen der Stier von einem Sonnengott getötet wird.

Doch die genannte neue archäogenetische Studie zur Geschichte der Rinderhaltung in den Hochkulturen der Antike führt zur Revision auch von so manchem Geschichtsbild, das auch wir hier auf dem Blog in früheren Jahren gezeichnet hatten (2, 5), und über die auch andernorts aufschlußreich berichtet worden war (6-8). Bis 2007 und 2012 waren genetische und archäogenetische Studien allein an mütterlich oder väterlich vererbten, nichtkodierenden Haplotypen der Rinder weltweit möglich. Und aufgrund dieser war herausgearbeitet worden, daß alle europäischen domestizierten Rinder aus dem Nahen Osten stammen würden. Nun, im Jahr 2019, seitdem die Archäogenetiker Routine erlangt haben in der Arbeit mit archäogenetischen Gesamtgenom-Studien, entwerfen sie ein differenzierteres Bild (1). Ein Bild, das in vielen Details erst noch in nähere Beziehung gesetzt werden muß zu der parallelen Geschichte menschlicher Völker und Kulturen in den jeweiligen geschichtlichen Großräumen und Großepochen der Menschheitsgeschichte. Darauf können im folgenden nur erste Schlaglichter geworfen werden.

Erste Domestikation im vorkeramischen Neolithikum des Fruchtbaren Halbmonds

Für die Entstehung der ersten nordwestanatolischen Bauernkultur um 6.800 v. Ztr. spielte das domestizierte Rind eine wichtige Rolle. Domestiziert wurde das Rind aber nicht von dieser, sondern schon 2000 Jahre früher an den Mittelläufen von Euphrat und Tigris. In einer wichtigen Studie des Jahres 2012 hieß es dazu einleitend (9):

Die frühesten Anzeichen der Domestikation des wilden Auerochsen finden sich in Dja'de im Tal des Mittleren Euphrat, datiert auf das Frühe Vorkeramische Neolithikum B (PPNB, 8.800-8.300 v. Ztr.) und in Cayönü im Oberen Tal des Tigris in der Übergangszeit zwischen der Frühen und der Mittleren Phase des Vorkeramischen Neolithikums B (um 8.200 v. Ztr.). 
Original: The earliest signs of wild aurochs domestication are seen at Dja'de in the Middle Euphrates Valley, dating to the Early Pre-Pottery Neolithic (EPPNB; 10,800–10,300 cal. BP, Helmer et al. 2005) and at Çayönü in the High Tigris Valley, between the Early and Middle PPNB (around 10,200 cal. BP, Hongo et al. 2009). 

Diese fast schon städtische Kultur des PPNB war gekennzeichnet von im Grundriß rechteckigen Häusern, die mit aufwendig hergestellten Terrazzofußböden ausgelegt waren, durch die Verehrung despotisch wirkender Kaffeebohnen-Augen-Göttinnen und durch die Herrschaft ebenso despotisch wirkender Stadtdespoten ("plastered skulls"). Weiter heißt es in der Studie (9):

Nach der beginnenden Domestikationsphase, die etwa eineinhalb Jahrtausende dauerte, begann das domestizierte Rind aufzutauchen in Westanatolien und Südosteuropa um 6.800 v. Ztr., im südlichen Italien um 6.500 v. Ztr. und in Mitteleuropa um 6.000 v. Ztr.. Archäozoologische Daten, festgestellte Fettreste in Keramik und die Verbreitung genetisch angeborener Erwachsenen-Rohmildverdauung verweisen alle auf eine zunehmende Bedeutung von Rindern für die Fleisch- und Milchproduktion.
Original: After an initial breeding phase lasting some 1.5 millennia in an area between the Levant, central Anatolia and western Iran, domestic cattle started to appear in western Anatolia and southeastern Europe by 8,800 cal. BP, southern Italy by 8,500 cal. BP, and Central Europe by 8,000 cal. BP. Archaeozoological (Helmer and Vigne 2007; Vigne 2008) residual lipid (Craig et al. 2005; Evershed et al. 2008) and lactase persistence data (Itan et al. 2009) point to an increasing economic importance of cattle for meat and milk production.

Die domestizierten Rinder sollen von nur 80 weiblichen Tieren abstammen (9), die also vermutlich am Mittleren Euphrat (Wiki) lebten, wo sich auch sehr alte Wandmalerei erhalten hat (Spektr2007). Soweit ein Blick auf den Forschungsstand des Jahres 2012.

Auch die ersten Bauern Europas haben schon ihre Rinder gemolken

Die Bandkeramiker, die ersten Ackerbauern Europas, besaßen zwar - nach archäogenetischen Studien der letzten Jahre - selbst noch keine genetische Anlage, um als Erwachsene Rohmilch verdauen zu können - dennoch aber fand man Reste von Milchprodukten an ihrer Keramik (10). Dieser Umstand legte nahe, daß die Bandkeramiker und andere frühneolithische Bauernvölker die Milch zu Käse und anderen Produkten verarbeiteten, die ihnen dann verdaubar waren. Eine 2017 erschienene Studie zu Profilen des Schlachtalters von Rindern über das gesamte Verbreitungsgebiet der Bandkeramik hinweg zeigte (was aufgrund der großen auch sonst vorliegenden Einheitlichkeit dieser Kultur erwartet werden konnte), daß die Rinder über das gesamte Verbreitungsgebiet gemolken wurden und die Milch verarbeitet wurde, allerdings nicht zu besonders hohen Anteilen (10):

Von der Rinderhaltung der Bandkeramiker war bislang angenommen worden, daß sie auf die Fleischproduktion fokussiert war und nur in geringem Maße auch der Milchproduktion diente. Unsere Ergebnisse zeigen, daß das Schlachtalter der Tiere abgestimmt war auf ihre vorherige Fähigkeit zur Milchproduktion, was in allen Regionen und Zeitstufen der Bandkeramik praktiziert wurde. 
"Linearbandkeramik cattle husbandry was previously believed to have been focused on meat production with some element of milk production. Our results show that slaughter management associated with dairy husbandry was practised in all LBK regions and periods as well as meat production. The detection of milk lipids in ceramics is clear proof dairying was practised. The level of milk production during the LBK was not intensive."

Und nun zu der aktuellsten Studie auf diesem Forschungsgebiet (1). Woher stammten denn die da von den Bandkeramikern und den nachfolgenden europäischen Völker gemolkenen Kühe? Wirklich aus dem Vorderen Orient? Nein. 

Der Balkan, Anatolien, Levante und Indien - vier Ursprungsregionen der Rinder-Domestikation

Die modernen domestizierten Rinder gliedern sich in drei genetisch und auch phänotypisch klar voneinander zu unterscheidende Gruppen (s. Abb. 1, graue Sternchen). Sie gliedern sich in: europäische Rinder (Europäische Bos taurus), westafrikanische Rinder (Afrikanische Bos taurus) und indische (Buckel-)Rinder (Bos indicus). In den geographisch dazwischen liegenden Regionen - wie Ostafrika und dem Nahen Osten - gibt es heute auch genetisch dazwischenliegende Rinder-Populationen, also Populationen, die aus der Vermischung der ursprünglich getrennten Rinder-Populationen hervorgegangen sind. Aber ab wann fanden die Vermischungen statt?

Um die genetische Herkunft und Geschichte der modernen Rinder-Populationen besser verstehen zu können, wurden die Gesamtgenome von 67 archäologisch gewonnenen Rinderknochen des Vorderen Orients und Europas ausgewertet. Sie wurden vor dem Hintergrund der genetischen Verwandtschaft der heutigen Rinder-Populationen miteinander verglichen und zu ersteren in Beziehung gesetzt (Abb. 1) (1).

Unsere modernen domestizierten Rinder stammen von eiszeitlichen Auerochsen ab. Die ersten Auerochsen wurden seit 8.500 v. Ztr. in den Kulturen am Ober- und Mittellauf von Euphrat und Tigris domestiziert. Ein sequenzierter epipaläolithischer Aurochse aus der Zeit um 7.000 v. Ztr. in Marokko (Abb. 1: Th7) steht dieser Herkunftsgruppe genetisch sehr nahe. Von dieser südlevantinisch-neolithischen Herkunftsgruppe des Akeramischen Neolithikums stammen die neolithischen, bronzezeitlichen und auch noch eisenzeitliche Rinder des südlichen Levanteraumes ab (Herkunftsgruppe c in Abb. 1).

Allerdings auch nicht mehr jene Rinder, von denen - etwa - in der Bibel die Rede ist. Denn als solche unvermischte Population sind diese Rinder nach der Eisenzeit - sozusagen - ausgestorben, bzw. sie sind nach und nach vollständig vermischt worden sowohl mit Rindern anatolischer als auch mit Rindern indischer Herkunft.

Die iranisch-anatolisch-neolithischen Rinder

Spätestens ab 7.000 v. Ztr. lebten in Abu Ghosh (Wiki), zwölf Kilometer westlich des heutigen Jerusalem, auch Rinder, die genetisch jener Population nahestanden, die im nachfolgenden Neolithikum in Anatolien und im Iran lebten und die auf eine eigene Domestizierung von Auerochsen zurück gegangen sein muß (Abb. 1: Abu1 and Abu2). Rinder dieser Genetik gab es auch um 5.500 v. Ztr. in der berühmten anatolischen Ausgrabungsstätte Çatalhöyük (Ch22) und 5.000 v. Ztr. in Armenien (Gyu2) (Herkunftsgruppe b in Abb. 1). Angesichts ihres vergleichsweise großen neolithischen Verbreitungsraumes dürfte - übrigens - nicht ganz uninteressant sein zu erfahren, an welchem Ort diese Herkunftsgruppe das erste mal domestiziert worden ist. Die hier schon in deutscher Sprache benannten Umstände sollen noch einmal im Originalzitat der Studie angeführt werden (1):

"Two ~9000-year-old samples from the Levantine Aceramic village of Abu Ghosh (Abu1 and Abu2), a 7500-year-old sample from the early Anatolian settlement Çatalhöyük (Ch22), and a 7000-year-old Armenian aurochs (Gyu2). These four genomes fall close to the Anatolia and Iran ancient domestic cattle cluster (Fig. 1A, cluster b) and reveal this as the oldest ancestral stratum of B. taurus."

Es ist auch auffallend, daß trotz der Überschneidung des Verbreitungsgebietes der iranisch-anatolisch-neolithischen Rinder mit dem Verbreitungsgebiet der südlevantinisch-neolithischen Rinder - etwa in Abu Ghosh - beide Rinder-Populationen über das Neolithikum bis in die Eisenzeit hinein genetisch scheinen getrennt voneinander geblieben zu sein (s. Abb. 1). Ob dieser Befund nicht zu eine Erklärung herausfordert? Darüber wird in der Forschungsstudie - soweit übersehbar - nichts gesagt.

Auch die iranisch-anatolisch-neolithische Herkunftsgruppe der domestizierten Rinder muß in ihrer ursprünglichen, unvermischten Form heute als ausgestorben gelten. Die Rinder, die in der Ilias geopfert werden und die Ernährungsgrundlage darstellten des belagernden Heeres der Griechen vor Troja, hatten sich schon mit Rindern anderer geographischer Herkunft vermischt.

Die Balkan-neolithischen Rinder

Die dann erstmals auf dem Balkan domestizierten Rinder (Herkunftsgruppe a in Abb. 1) waren genetisch schon jene Rinder, die heute noch in Europa verbreitet sind. Sie haben sich vergleichsweise unvermischt bis heute gehalten. Nennen wir sie die Balkan-neolithische Herkunftsgruppe. Sie steht genetisch nahe dem Genom eines mesolithischen Auerochsen auf den britischen Inseln um 5.000 v. Ztr. (in Abb. 1: CPC98).

Damit sind Aussagen von Studien aus den Jahren 2007 und 2012 revidiert, über die berichtet wurde mit Titeln wie "Der Auerochse - Jagdwild in der Eiszeit, in Europa niemals domestiziert" oder "Ursprung aller Hausrinder liegt in einer kleinen Auerochsen-Herde im Nahen Osten" (2, 5, 7, 8).

Interessanterweise scheint diese Herkunftsgruppe nach der Eisenzeit, also zur Zeit des Römischen Weltreiches oder an seinem Ende im heutigen Georgien mit anatolisch-neolithischen Rindern vermischt worden zu sein, die auch schon indische Rinder-Genetik in sich hatten (Abb. 1, rote, nach unten zeigende Dreiecke). Dem Anhang der Studie (S. 6) entnehmen wir, daß es sich hier um Rinder der Sassaniden handelt aus der Zeit 400 bis 1000 n. Ztr..

Die südlevantinischen-neolithischen Rinder und die iranisch-anatolischen-neolithischen Rinder haben unter den modernen Rindern keine unvermischten Nachkommen mehr, sondern wurden in der Bronze- und Eisenzeit, sowie danach mit Rinderpopulationen anderer geographischer Herkunft vermischt. Hier nun kommen die Rinder indischer Herkunft ins Spiel.

2.200 v. Ztr. - Indisch-neolithische Rinder kommen in den Levanteraum

Nach 2.200 v. Ztr. kam in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum im Levanteraum und im Nahen Osten etwa 35 % indische Rinder-Genetik zu der hier zuvor einheimischen nahöstlichen Rinder-Genetik dazu, und zwar wurde diese über männliche Bullen ausgebreitet wie das mitochondriale Genom aufzeigt (1):

After ~4000 yr B.P., hybrid animals (median 35% indicine ancestry) are found across the Near East, from Central Asia and Iran to the Caucasus and Mediterranean shores of the southern Levant.

In der Studie wird darauf hingewiesen, daß sich in ähnlicher Zeitstellung - also ab 2.500 v. Ztr. - auch die Jamnaja-Genetik der Indogermanen nach Westen ausbreitete, und daß sich auch der Wasserbüffel und asiatische Elefanten in dieser Zeit nach Westen ausbreiteten. - Es dürfte aber verfrüht sein zu behaupten, daß allein die indogermanischen Völkerwanderungen diesen genetischen Umbruch unter den Rindern des Nahen Ostens auslösten, zumal der Schwerpunkt derselben in Kontinental- und Nordeuropa lag, und zumal sich Jamnaja-Genetik bislang selbst bei den indogermanischen Hethitern nicht feststellen ließ.

/ Aktualisierung 4.12.24: Die Jamnaja-Genetik kam ab 2.200 v. Ztr. nach Armenien und nach Griechenland, ebenso in weite Teile des Mittelmeer-Raumes und Nordafrikas. Im Mittelmeer-Raum wurde sie durch die Glockenbecher-Kultur verbreitet, die schwerpunktmäßig vom Fleischkonsum lebte. Es ist also naheliegend, daß diese noch halbseßhafte Lebensweise der Jamnaja-Nachkommen für die Ausbreitung der indischen Rinder-Genetik verantwortlich war. / 

Ab 700 n. Ztr. - Indische Rinder kommen nach Afrika

Vielmehr darf gemutmaßt werden, daß die Ausbreitung der indischen Rinder-Genetik parallel ging mit der - hier auf dem Blog schon mehrmals angesprochenen, aber bislang archäologisch noch nicht sehr gut erklärten und illustrierten - Ausbreitung der iranisch-neolithischen Genetik in den ostmediterranen Raum hinein während der Bronzezeit und danach.

 
Abb. 2: Afrikanische Rinderrassen (aus: 11)

Ergänzung, 28.10.2020: In Afrika gibt es heute über 150 einheimische Rinder-Rassen, die phänotypisch sehr unterschiedlich aussehen, zum Teil gebuckelten Rindern aus Indien ähneln, zum Teil nicht gebuckelten aus dem Nahen Osten (Abb. 2). Sie weisen jeweils sehr unterschiedliche, rassetypische Anpassungen an ihren Lebensraum auf. Nun ist in einer neuen Studie (11) aufgezeigt worden, daß auch in Afrika Rinder aus Indien eingeführt worden sind, aber erst ab 700 n. Ztr. (11). Bis dahin hatte es in Afrika nur Rinder aus dem Nahen Osten gegeben. Letztere waren aber nicht so gut an das heiße Klima Afrikas angepaßt wie es die indischen Rinder waren. Andererseits waren die Rinder des Nahen Ostens schon besser an Krankheitserreger angepaßt, die in Afrika verbreitet waren.

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Anmerkung: Der Abschnitt, in der auf Literaturangabe 9 Bezug genommen wird, war der Anfang eines seit 2012 unveröffentlicht gebliebenen Aufsatzentwurfes zu diesem Thema hier auf dem Blog. Da seine Ergebnisse weiterhin gültig sein dürften, wird dieser Abschnitt hier mit eingefügt. Der damals vorgesehenen Titel lautete "Wie entstand die erste nordwestanatolische Bauernkultur um 6.800 v. Ztr.?"

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  1. M. Pereira Verdugo et al., Ancient cattle genomics, origins and rapid turnover in the Fertile Crescent, Science 365:6449, 173-176, 12. Juli 2019, DOI:10.1126/science.aav1002
  2. Bading, Ingo: Der Auerochse - Jagdwild in der Eiszeit, in Europa niemals domestiziert, 7.4.2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/04/der-auerochse-jagdwild-in-der-eiszeit.html
  3. Bading, Ingo:      Die genetische Geschichte der Alten Ägypter, Juli 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/die-genetische-geschichte-der-alten.html
  4. Bading, Ingo: 3.100 v. Ztr.: Der Rinderwagen in der Weltgeschichte - Prozessionen an Königsgräbern lassen um 3.100 v. Ztr. staatliche Strukturen in Norddänemark erkennen, 21.10.2010, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/10/3100-v-ztr-der-rinderwagen-in-der.html
  5. Bading, Ingo: 5. April 2007 "Ob blond, ob braun" - alle europäischen Rinder stammen aus dem Nahen Osten, 5.4.2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/04/ob-blond-ob-braun-alle-europischen.html
  6. Grampp, Karl: In: Die Deutsche Volkshochschule ...
  7. Ursprung aller Hausrinder liegt in einer kleinen Auerochsen-Herde im Nahen Osten Mainzer Anthropologen berechnen gemeinsam mit französischen und englischen Kollegen die Größe der ersten domestizierten Kuhherde  29.03.2012, http://www.uni-mainz.de/presse/51060.php
  8. Budde, Joachim: Flaschenhals im Nahen Osten Alle Hausrinder stammen von 80 Tieren ab Paläogenetik. Deutschlandfunk, 25.05.2012, http://www.deutschlandfunk.de/flaschenhals-im-nahen-osten.676.de.html?dram:article_id=206917
  9. Bollongino, R.; Burger, J.; Powell, A.; Mashkour, M.; Vigne, J.-D.; Thomas, M. G. (2012). "Modern taurine cattle descended from small number of Near-Eastern founders". Molecular Biology and Evolution. 29 (9): 2101–2104, doi:10.1093/molbev/mss092, https://academic.oup.com/mbe/article/29/9/2101/1077727
  10. The evolution of dual meat and milk cattle husbandry in Linearbandkeramik societies, 2. August 2017, Proc. Roy. Soc. B., http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/284/1860/20170905?etoc
  11. The mosaic genome of indigenous African cattle as a unique genetic resource for African pastoralism. Kwondo Kim, Taehyung Kwon, Tadelle Dessie, DongAhn Yoo, Okeyo Ally Mwai et al. doi:10.1038/s41588-020-0694-2, Nature Genetics, 28. September 2020, pp1099 - 1110 https://www.nature.com/articles/s41588-020-0694-2.  
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