Donnerstag, 4. Oktober 2018

Jäger und Sammler im Kaukasus - Ganz unterschiedliche Völker 22.000 und 9.000 v. Ztr.

Die Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler ist schon 30.000 Jahre alt

/Neue Einleitung 
und aktualisiert:
9.7.2019/ 

Wir leben in aufregenden Zeiten (3, 4). Schlag auf Schlag gewinnt die Ancient-DNA-Forschung alle paar Monate neue, umwälzende Erkenntnisse über die Entstehung und Geschichte der Völker und Rassen (= Völkergruppen) weltweit. Und dabei dann natürlich insbesondere auch Erkenntnisse über die der europäischen Völker (neueste: 5). Eine Abfolge von genetisch recht unterschiedlichen Rassen und Völkern vor allem innerhalb von Europa - aber auch in anderen Erdteilen, insbesondere dort, wo es Ackerbau und Hochkulturen gegeben hat - wird erkennbar. Eine Völkergruppe löste die andere ab, neue Völkergruppen bildeten sich, die dann genetisch zu unterschiedlichen Anteilen das Erbe vormaliger Völkergruppen in sich auf- und übernommen haben und in ganz neuer Form und unter neuen selektiven Regimen weiter getragen haben oder tragen. Die selektiven Regime werden natürlich von der Kultur bestimmt, die das jeweilige Volk oder die jeweilige Völkergruppe ausgebildet hat, ein Prozeß, der von der Wissenschaft "Gen-Kultur-Koevolution" genannt wird, und über den wir bislang nur umrißhafte Kenntnisse erlangt haben, über den wir aber schon manches schlußfolgern und erahnen können.

In einer ganz neuen Preprint-Studie heißt es nun wiederum über völlig neue Details zu Themen, die hier auf dem Blog schon behandelt worden waren (1):
Das Volk der "letzten" westeuropäischen Jäger und Sammler ("Villabruna-Cluster") hat nach statistischen Modellen genetisch sowohl zu dem Volk der 30.000 Jahre alten Věstonice-Kultur wie zu dem Volk der 20.000 Jahre alten El Mirón-Kultur beigetragen. Und dies legt nahe, daß es dieses Volk schon lange irgendwo in vergleichsweise unvermischter Form gegeben haben muß vor jener Zeit von vor 14.000 Jahren, aus der wir es bislang als sicher existierend kennengelernt haben. Aber es ist unwahrscheinlich, daß das Villabruna-Volk in dieser Zeit Kontinental-Europa bewohnt hat, da es dort erst seit der Zeit vor 14.000 Jahren bezeugt ist, als es eine erhöhte genetische Verwandtschaft der europäischen Völkergruppe dieser Zeitstellung mit nahöstlichen Völkergruppen gab. Hat es also Migration gegeben von Kontinental-Europa nach dem Nahen Osten oder umgekehrt oder von einem geographisch in der Mitte gelegenen Eiszeit-Rückzugsraum in Südost-Europa, Anatolien oder im Umkreis des Schwarzen Meeres, das die Verwandtschaft der nacheiszeitlichen levantinischen und anatolischen Völkergruppen mit der europäischen Völkergruppe erklären kann?
The Villabruna cluster has been modeled as contributing to both the ~30kya Věstonice and ~20kya El Mirón-cluster populations suggesting that it must have existed somewhere in relatively unmixed form long before the oldest genetic data we have from it at ~14kya. However, it is unlikely that the Villabruna cluster sojourned in mainland Europe, as members of the cluster have been attested there only by ~14 kya, marking an increased affinity of these European populations of the time to Near Eastern ones. Was there migration at the time from mainland Europe to the Near East or vice versa, or, indeed from a geographically intermediate Ice Age refugium in southeast Europe, Anatolia, or the circum-Pontic (Black Sea) region that might explain the affinity of post-glacial Levantine and Anatolian populations to those of Europe.
Weiterhin wird ausgeführt (1):
Osteuropäische Jäger und Sammler (EHG), die vor 8.000 Jahren lebten, können modelliert werden als eine Mischung von westeuropäischen Jäger und Sammlern (WHG) mit sibirischen jungpaläolithischen (sprich eiszeitlichen) Jägern und Sammlern, die zuerst um 24.000 Jahre vor heute bekannt geworden sind (auch bezeichnet als "Ancient North Eurasians" (ANE)). Jäger und Sammler des Kaukasus (CHG) - wie sie in Georgien in der Satsurblia- und in der Kotias Klde-Höhle weniger als 50 km entfernt von der Dzudzuana-Höhle gefunden wurden, standen genetisch in der Mitte zwischen den osteuropäischen Jägern und Sammlern und den ersten Ackerbauern des Irans, die man im Zagros-Gebirge gefunden hat (Iran_N; 10.000 Jahre alt).
Eastern European hunter-gatherers (EHG) ~8kya can be modeled as a mixture of peoples of WHG  and Upper Paleolithic Siberians first known ~24kya (also known as ‘Ancient North Eurasians’ (ANE)). Caucasus hunter-gatherers (CHG) - sampled in Georgia in Satsurblia and Kotias Klde caves < 50 km from Dzudzuana - were genetically intermediate between EHG and the first agriculturalists of Iran sampled from the Zagros mountains (Iran_N; ~10kya).
Weiter ist zu erfahren (1):
Die nacheiszeitlichen Menschen des Nahen Ostens und Nordafrikas (sowohl Jäger und Sammler wie frühe Ackerbauern) unterscheiden sich genetisch sehr stark von allen europäischen und sibirischen Jägern und Sammlern.
Post-glacial Near Easterners and North Africans (PGNE) (CHG, Natufians, Taforalt, IberoMaurusians from North Africa, and early Neolithic farmers from Anatolia, Iran, the Levant, and the Maghreb) are strongly differentiated from all European and Siberian hunter-gatherers (ESHG).
Die frühen neolithischen Ackerbauern des Vorderen Orients und des Kaukaus waren genetisch also sehr weit von allen europäischen Jäger-Sammler-Völkern entfernt (so weit wie heute die Europäer von den Ostasiaten). Im Gegensatz dazu sind nun die zwei neue Menschenfunde aus der erwähnten Dzudzuana-Höhle in Georgien, mit deren historischer und verwandtschaftlicher Einordnung die neue Studie (1) befaßt ist, genetisch sowohl den zeitgleichen Menschen der Gravettien-Kultur nahe wie auch den anatolisch-neolithischen Bauern, die zwar erst sehr viel später in der Geschichte Bedeutsamkeit erlangt haben, denen sie aber genetisch am nächsten stehen.

Das weltgeschichtlich einflußreiche Volk, das nördlich und südlich des Kaukasus zum Ackerbau überging, stammte nicht aus dem Kaukasus


Ab 12.000 v. Ztr. wird das große Volk der westeuropäischen Jäger und Sammler in Norditalien mit Skelett-Funden erkennbar, das sogenannte "Villabruna-Cluster" (1, 2). Aber schon zuvor hatte es in Europa Eiszeitjäger-Völker gegeben, also jene, die die berühmten Höhlenmalereien in Frankreich hervorbrachten und die Elfenbeinschnitzereien von der Schwäbischen Alp ("Gravettien"), die von diesem Villabruna-Volk abstammten. Das Villabruna-Volk muß also, so schlußfolgern die Forscher unvermischt mindestens seit 30.000 vor heute existiert haben (1).
Abb. 1: Die fünf großen Eiszeit-Völker Europas vor dem Neolithikum (nach David Reich "Who We Are and How We Got Here", 2018) (Herkunft: indo-european.eu)

Diese westeuropäischen Jäger und Sammler lebten dann in Europa bis zur Ankunft der nordwest-anatolischen Ackerbauern ab 6.500 v. Ztr. (Mittelmeer, Balkan), bzw. 5.600 v. Ztr. (Mitteleuropa) recht fröhlich, wenn auch nur in sehr dünner Besiedlungsdichte. Das war also ein Volk, das mindestens 30.000 Jahre lang in Europa lebte. Sehr urtümliche Rituale fand man bei ihnen, die irgend etwas mit einem Kult mit dem Schädel von Verstorbenen zu tun hatten und auch mit dem Kult rund um Bärenschädel.

Soweit Europa.

Was für ein Volk lebte aber bis mindestens 22.000 v. Ztr. im südlichen Kaukasus? Die Gene von zwei Angehörige der dortigen Bewohner zu jener Zeit, gefunden in der Höhle Dzudzuana in Georgien, wurden soeben sequenziert (1). Sie stellten sich heraus im Wesentlichen als Vorfahren der westanatolischen Jäger und Sammler, die in Anatolien um 7.000 v. Ztr. zum Ackerbau übergingen und nicht als Vorfahren jener kaukasischen Jäger und Sammler, die ab 7.500 v. Ztr. zur Ethnogenese der Bauernvölker nördlich und südlich des Kaukasus beitragen sollten.

Als ihre Nachfahren also in Anatolien zum Ackerbau übergingen, hatte sich in den südlichen Kaukasus längst ein anderes Volk ausgebreitet, nämlich die schon länger genetisch bekannten "kaukasischen Jäger und Sammler vor dem Neolithikum", die - wie oben schon ausgeführt - genetisch auf der Mitte lagen zwischen den osteuropäischen Jägern und Sammlern und den nachfolgenden iranischen Bauern. Das Volk jedoch, das im Zagros-Gebirge des Iran als erstes zum Ackerbau überging, hatte sich offenbar noch nicht mit den osteuropäischen Jägern und Sammlern vermischt so wie die Jäger und Sammler des Kaukasus. Mit der Zuwanderung jener bäuerlichen Völkergruppe des Iran, die oft und damit offensichtlich fälschlich "kaukasisch-neolithische" Völkergruppe genannt wird, und die besser iranisch-neolithische Völkergruppe genannt wird, dürften die Jäger und Sammler des Kaukasus verdrängt worden sein, die - wie gesagt - eine Mischung darstellten zwischen osteuropäischen Jägern und Sammlern und den Vorfahren dieser iranischen Bauern. Sehr komplexe Vorgänge!

Die Dzudzuana-Leute im Kaukasus weisen aber auch genetische Verwandtschaft zu den zeitgleichen europäischen Eiszeitjägern des Gravettien auf (1). Ein Ergebnis ist auch (1):
Unsere Ergebnisse zeigen auf, daß eine (vormals festgestellte) Nähe der neolithischen Anatolier zu den westeuropäischen Jägern und Sammlern nicht notwendigerweise irgendeine Einmischung in den Nahen Osten von Europa aus widerspiegeln muß, denn eine Bevölkerung, die dem anatolischen Neolithikum nahestand, existierte in Teilen des Nahen Ostens schon 26.000 Jahre vor heute.
"Thus, our results prove that the European affinity of Neolithic Anatolians does not necessarily reflect any admixture into the Near East from Europe, as an Anatolian Neolithic-like population already existed in parts of the Near East by ~26kya."
Es war ja erst wenige Monate zuvor von denselben Forschern nachgedacht worden, ob eine leichte europäische genetische Komponente in den ersten Ackerbauern Zentralanatoliens auf Vermischung mit Europäern zurückzuführen sein könnte. Aber diese genetische Komponente findet sich auch schon 26.000 v. Ztr. bei den Dzuzuana-Leuten im Kaukasus. Deshalb schreiben sie weiter (1):
"Vielmehr findet sich eine Abstammung, stark verwandt mit dem Villabruna-Cluster nicht nur im Gravettien und Magdalenien, sondern auch in der Population des Kaukasus vor 26.000 Jahren"
Original: "Rather, ancestry deeply related to the Villabruna cluster was present not only in Gravettian and Magdalenian-era Europeans but also in the populations of the Caucasus, by 136 ~26kya."



/ Zuerst auf Google+, 4.10.2018;
deutlich erweitert,
und inhaltlich tlw. korrigiert: 
9.7.2019 /

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  1. Paleolithic DNA from the Caucasus reveals core of West Eurasian ancestry. Autoren: Iosif Lazaridis, Anna Belfer-Cohen, Swapan Mallick, Nick Patterson, Olivia Cheronet, Nadin Rohland, Guy Bar-Oz, Ofer Bar-Yosef, Nino Jakeli, Eliso Kvavadze, David Lordkipanidze, Zinovi Matzkevich, Tengiz Meshveliani, Brendan J. Culleton, Douglas J. Kennett, Ron Pinhasi, David Reich. 21.9.2018, bioRxiv 423079; doi: https://doi.org/10.1101/423079, https://www.biorxiv.org/content/early/2018/09/20/423079
  2. https://en.wikipedia.org/wiki/Ripari_Villabruna 
  3. After On Podcast: Ancient DNA. Interview mit David Reich, 17.06.2019, https://youtu.be/LswA9_jz9G0
  4. David Reich: Who We Are and How We Got Here. Ed Mays, 20.12.2018, https://youtu.be/Ef4OlJwzxxE
  5. Ancient DNA Sheds Light on the Origins of the Biblical Philistines. Auf: Alton Parrish, 5.7.2019, https://youtu.be/k8TTvw3uXSE 

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