Mittwoch, 4. Juli 2007

Peter Sloterdijk - "thymotische Energien" zu Ende denken


Man kann es für wesentlich halten zu verstehen, was Peter Sloterdijk mit seinem Buch "Zorn und Zeit" eigentlich erreichen will. Und man kann es für wesentlich halten, die in diesem Buch erarbeiteten Gedanken weiterzudenken, mit natur- und geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnissen zu verknüpfen. Der zentrale Begriff dieses Buches ist die "thymotische Welterfahrung". Peter Sloterdijk wählt mit dem Begriff "thymos" einen Begriff aus der griechischen Sprache und erläutert diesen folgendermaßen:
"Das griechische Kennwort für das 'Organ' in der Brust von Helden und Menschen, von dem die großen Aufwallungen ausgehen, lautet 'thymos' - es bezeichnet den Regungsherd des stolzen Selbst, zugleich auch den rezeptiven 'Sinn', durch den die Appelle der Götter sich den Sterblichen kundgeben." (S. 24)
All das hat er sich erarbeitet durch eine Auseinandersetzung mit der "Ilias" des Homer, dem berühmten "ersten Wort Europas". Und dieses erste Wort Europas handelt tatsächlich und sprichwörtlich vom Zorn, von der stolzen, großen Aufwallung - sowohl auf seiten des Dichters, wie auch auf seiten des von ihm besungenen Helden. Die ersten Zeilen dieser berühmten Dichtung beginnen mit den berühmten Worten (in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß):
Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,
Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte
Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Hades
Sendete, aber sie selbst zum Raub den Hunden hinlegte
Und den Vögeln umher. ...
Diese Zeilen gehörten vor 1945 zum selbstverständlichen Bestandteil jeder humanistischen Bildung in der der westlichen Welt. Seit 1945 hat sich das etwas geändert. Und Peter Sloterdijk scheint sich darüber Gedanken zu machen, ob das alles so gut war, daß sich das so radikal geändert hat.

Nun sagt Peter Sloterdijk über die Ilias, die über 24 Gesänge und 400 Seiten hinweg nur Krieg und "Männermorden" besingt (- freilich: um einer Frau willen: Helena):

"Kein moderner Mensch kann sich in eine Zeit zurückversetzen, in der die Begriffe Krieg und Glück sinnvolle Konstellationen bilden." (S. 12)
Das würde ich dann doch nicht als so schwierig empfinden. Gerade hier auf dem Blog wurde vor wenigen Tagen der Bericht eines alten, heute noch lebenden Kopfjägers aus Nordostindien wiedergegeben, der hochplausibel macht, wie selbstverständlich für Menschen früherer Zeiten "die Begriffe Krieg und Glück sinnvolle Konstellationen bildeten". ("Früher war alles viel leichter. Da gabe es die Nocte und ihre Feinde ...") (siehe St. gen.)

Peter Sloterdijk erforscht die Evolution der Religiosität

Und Sloterdijk sagt weiter:

"Wäre der Zorn, den die Göttin besingen helfen soll, nicht selber von höherer Natur" (also religiöser Natur), "würde schon der Gedanke, sie anzurufen, Blasphemie bedeuten." (S. 14)
Also tatsächlich ist Sloterdijk's Buch ein wesentlicher und wertvoller Beitrag zur Erforschung der Evolution von Religiosität. Religiosität scheint nicht nur bei den Kopfjägern Nordostindiens (St. gen.), sondern auch bei den antiken Griechen sehr viel mit Zorn und thymotischen Energien zu tun zu haben. Und im weiteren behandelt dann Sloterdijk das Alte Testament, in dem das ja auch nur allzu offensichtlich wird.

An einer anderen Stelle sagt Peter Sloterdijk in Anlehnung an ein Wort Heinrich Manns über Napoleon:

"Der in Hochform Zürnende 'fährt in die Welt wie die Kugel in die Schlacht'." (S. 22)
- So auch Achilleus, der "edle Achill", dessen Zorn unnennbaren Jammer den Griechen (das sind die Achaier) vor Troja erregte. Und warum eigentlich war Achill, der edle Achaier, so "göttlich zornig" gewesen? Weil ihm der Heerführer Agamemnon eine ihm vom gesamten Heer zugesprochene Kriegsbeute, die schöne Briseis, wegnehmen wollte. Also: Es geht nicht nur um Helena, sondern auch um die schöne Briseis - wieder eine Frau. Ja, ja, die Frauen. Die Frauen.
Singe, o Göttin, den Zorn ...
und laß uns sterben - um der Frauen willen. (Merkwürdigerweise werden die Frauen nur ganz wenig in diesem Buch von Sloterdijk erwähnt. Vielleicht hat er sich das für ein nächstes Buch aufgehoben.)

Die thymotische Welterfahrung umfaßt ...

Die "thymotische Welterfahrung" umfaßt also den „Stolz“ und die „Zivilcourage“, die „Beherztheit“ und den „Mannesmut“, die „Ungeduld“, ja, gegebenenfalls auch den „Zorn“ und das Aufbegehren, die stolze, große, erhabene Aufwallung. Das Gerechtigkeits-Empfinden. Also auch die Würde, die Verantwortung für sich selbst und andere. (S. 26) Sloterdijk sagt in seinem Cicero-Interview vom November letzten Jahres (St. gen.):

„Auch in der Theorie müssen wir eine Psychologie entwickeln, nicht für Patienten, sondern für Kämpfer, oder anders und besser gesagt, für Leute, die in Form sind.“
Ich möchte das nun hier folgendermaßen weiterdenken: Thymotische Welterfahrung ist eine Welt jenseits der Welt heutiger Freud'scher Therapierter und Therapeuten. Thymotisch gestimmte Menschen (vielleicht auch zu ADHS oder zu manischer Depressivität und anderem neigende Menschen) heilen sich gegenseitig selbst (in der Ehe, in der Gesellschaft), indem sie in einem sportlichen, fairen Wettkampf, man kann auch sagen einen Kulturkampf (Geisteskampf) ihre thymotischen Energien aneinander abarbeiten und dadurch wendiger werden in ihnen, mit ihnen flüssiger umzugehen verstehen, reifer werden, kampfgeübter, kampferprobter. In einem Kampf, in dem nichts weiter festliegt außer den Regeln, die sich seit Jahrhunderten als westliche Diskurs-Ethik herausgebildet haben. Ich spreche ausdrücklich auch von Ehen. Denn wenn Ehen nicht auch als ein Kampf - vergleichbar jenem des burgundischen Königs Gunther mit seiner Ehefrau Brünhilde - verstanden werden (die den Schwächling schließlich an einen Nagel im ehelichen Schlafzimmer hängte), könnte eine wesentliche Komponente westlicher Eheerfahrung ebenfalls verloren gegangen sein.

Von steinzeitlichen Kriegern ...

Die Welt der Jäger-Sammler-Völker im südamerikanischen Regenwald, in Papua-Neuguinea, in Australien, auf Neuseeland (die Maori), auch noch die Welt kriegerischer, nomadisch oder halbnomadisch und bäuerlich lebender Völker wie der ostafrikanischen Hirtenstämme, der Tuareg, der Kurden, der Bergvölker des Kaukasus, der nordamerikanischen Indianer, der Kopfjäger Indiens und Südostasiens, der indogermanischen und germanischen Kriegervölker, der Wikinger, der Kreuzritter, der Conquistadores, der südafrikanischen Buren und schließlich auch noch der antiken Stadtkulturen der Griechen, der Römer, der Ägypter, Perser, Assyrer, Juden, Araber, schließlich die Welt der frühneuzeitlichen Glaubenskrieger, schließlich die Welt der republikanischen, jakobinischen, sozialistischen und nationalsozialistischen Revolutionäre in England, Frankreich, Deutschland, Rußland, schließlich die Welt der Greenpeace-Aktivisten ("Rainbow-Warrior"), die Welt der Regime-Kritiker und schließlich die Welt der Eva Herman und des Familiennetzwerkes - - - diese Welten sind alle geprägt von agonalen, thymotischen Energien. Ein hoher Prozentsatz der männlichen Bevölkerung (zum Teil auch der weiblichen) (später nur noch der besonders angesehenen Menschen wie etwa Regime-Gegner) stirbt ganz selbstverständlich einen Tod im Kampf mit anderen Männern.

Und dieser Prozentsatz wird um so geringer, um so stärker die Männer ihre thymotischen Energien in friedliche, zivilisatorische, kulturelle, geistige und künstlerische, auch bürgerlich-familiäre Leistungen umlenken ("außerweltliche" und "innerweltliche Askese"). (Siehe Steven Pinker: "The Decline of Violence", "The History of Violence".) Dadurch entsteht aber auch die Gefahr der "Verflachung". Sloterdijk spricht von "Hochland" und "Ebene". Der heutige Mensch lebt nicht nur geographisch, sondern auch emotional nicht mehr - wie viele der kriegerischsten Völker - in den Bergen, im Hochland, sondern in der Ebene. Sicherlich ein treffendes Bild. (S. 15)

Doch für den antiken Philosophen Sokrates war es ebenso selbstverständlich, als einfacher Hoplit sich in die Bürger-Armee seiner Heimatstadt einzuordnen wie den Schierlingsbecher für eine wesentliche philosophische Einsicht und Ethik zu trinken. Martin Luther war nicht anders gestimmt. Ebenso wenig die Dichter und Denker der deutschen Klassik, "Romantik", ja auch noch nicht wenige der deutschen (und französischen) Expressionisten im August 1914.

...zu modernen Waffen in der Hand von Intellektuellen

Auch die orthodoxen und zionistischen Juden haben ganz offensichtlich ihre emphatischen religiös-thymotischen Energien sich oft sogar dann erhalten, wenn sie ganz zivilen Berufen nachgehen, gar Wissenschaftler werden, ja, sogar, wenn sie - etwa als Bolschewisten - zu Atheisten werden und den Nagan-Revolver (siehe Bild, russischer Militärrevolver 1895 bis 1945) an der Seite baumeln haben. (Yuri Slezkine) Vielleicht sogar gerade dann. Das gilt ja auch für viele polnische, deutsche, französische, britische oder amerikanische Intellektuelle zwischen 1939 und 1945. Man denke an das wenig bekannte Beispiel von Ernest Hemingway, der in Briefen aus dem Krieg stolz berichtet, er habe mehrere kriegsgefangene deutsche Offiziere eigenhändig erschossen. Nazi-Schweine halt. Und der sozialdemokratische Schriftsteller August Winning berichtet von Rosa Luxemburg, daß sie ihm angekündigt habe, ihn bei der kommenden Revolution als ersten erschießen zu lassen. Man denke auch an den Bau der Atombombe durch führende amerikanische Intellektuelle und so vieles andere mehr.

Bis 1945 waren also solche patriotisch-religiös-thymotischen Energien auch unter deutschen Intellektuellen sehr verbreitet. Diese Energien wurden von den "zornigen, jungen Männern" der frühen Bundesrepublik abgelöst, die fast alle vormals NSDAP-Mitglieder waren, nun aber jede Form von Patriotismus, Religiosität und emphatischen Aufwallens in Verteidigung eines traditionellen kulturellen Gutes, eines traditionellen kulturellen Wertes in höhnischem, ätzenden Zynismus erstickten. Menschen, die solchen thymotischen Energien gegenüber behutsamer, zurückhaltender und weniger selbstgerecht dachten, Menschen, die von Schwarz-Weiß-Malerei was all dies betrifft, nichts hielten, fanden damals weniger Gehör in der deutschen Öffentlichkeit. (St. gen.)

Deutschland war plötzlich nicht nur am Zweiten, sondern auch am Ersten Weltkrieg - vorwiegend allein - schuld (so das vormalige NSDAP-Mitglied Fritz Fischer), ja, man war sogar geneigt, die ganze deutsche Geschichte, die von starken religiösen, nationalen und republikanischen thymotischen Energien bestimmt war, als einen einzigen, großen Fehl- und Irrweg zu interpretieren und zu deuten. Es sei nur erinnert an solche Buch- und Filmtitel wie: "Der Untertan", "Die Blechtrommel", "Holocaust", "Die Unfähigkeit zu trauern" - und all die anderen zumeist sehr einseitigen Negativ-Deutungen deutscher Geschichte und Gesellschaft an sich. Nur noch marginale, republikanische Traditionen und Tugenden war man bereit, gelten zu lassen für einen dünnhäutigen "Verfassungspatriotismus" (Stichwort: Paulskirche).

Und heute?

Aber wo stehen wir nun heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts? Wir sehen, daß wir Stolz auf die eigene Kultur und Herkunft brauchen und emphatische, thymotische Aufwallung in Verteidigung derselben, um nur irgend etwas wieder ins rechte Lot zu bekommen in unserer westlichen Gesellschaft, um all die trägen, verkrusteten, ja, "steinzeitlichen" mentalen Strukturen in unserer Gesellschaft und in uns selbst zu verflüssigen und wieder reaktions- und anpassungsfähig zu machen an die gesellschaftlichen Lebensbedingungen unserer Zeit. Mentale Strukturen, die noch heute fast ausschließlich geisteswissenschaftlich orientiert und verwurzelt sind, deren Realitätserfahrung also allein schon von diesem Aspekt her gesehen außerordentlich einseitig ist, könnten auf diese Weise neu mit der Realität konfrontiert werden.

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