Mittwoch, 11. April 2007

"Müssen wir zur eigenen Verteidigung selbst zorniger werden?"

Da bei Michael Blume gerade Peter Sloterdijk erwähnt wurde, könnte einem bewußt werden, daß man sich doch noch einmal genauer über sein neuestes Buch "Zorn und Zeit" informieren sollte. Peter Sloterdijk macht in diesem Buch "viele Worte". Wo findet man eine Kurzfassung?

Vielleicht das Cicero-Interview aus dem November letzten Jahres? Hier ein paar Auszüge aus seinem Interview, das der interessiertere Leser natürlich sowieso selbst vollständig lesen wird. - Die folgende Antwort klingt schon mal spannend (es ist die dritte des Interviews):

... Ihr neues Buch „Zorn und Zeit“ wirkt wesentlich programmatischer und ernster als Ihre vorigen Werke…
Das stimmt. Es ist das erste Buch aus meiner Feder, bei dem ich selbst das Gefühl habe, dass es dem Autor über den Kopf wachsen könnte, weil der Gegenstand so ernst und so titanisch ist und weltgeschichtliche Perspektiven einschließt. Dieses Ernstfallgefühl ist singulär. Es ist ja eine Auseinandersetzung mit dem Erbe des 19. und 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Zornverwaltung, der Stoff, aus dem die Katastrophen sind. Die Unheimlichkeit des Gegenstands hat mich in der Tat eingeholt.

Aber dann:

Nun sind Sie ein leidenschaftlicher Schöpfer neuer Begriffe, und einer dieser Begriffe im neuen Buch ist die „Zornbank“. Haben Sie den Begriff bewusst der ökonomischen Welt entlehnt?
Es geht im Hintergrund um eine allgemeine Theorie der Banken ...

Und dann wird "wieder mal" "alles" auf das Ökonomische "heruntergeschraubt", wenn auch nur bildhaft. - Weiter:

... Rollen für Philosophen (gemeint: heute). Da ist der Typus des kühlen Diagnostikers wie Kant, des ärztlichen Therapeuten wie Wittgenstein, des theologischen Visionärs wie Heidegger oder des Weltverbesserers wie Marx. Was sind Sie, der zornige Individualist des Gewerbes?
Mein Habitus ist eher Ungeduld als Zorn, auch wenn es da kurze Brücken gibt. Mein Zorn wirkt immer noch amateurhaft, ich habe ihn nie trainiert. Ich stehe also ungeduldig irgendwo zwischen Heidegger und Marx. ...
Ungeduld ist sicherlich wirklich eine Eigenschaft, die man kultivieren kann. Und auch dieser Antwort kann man Sinn entnehmen, das heißt, man versteht die Absicht von Sloterdijk und könnte sie teilen:

Das 20. Jahrhundert war doch gerade das Jahrhundert der Zornbanken, in den faschistischen und stalinistischen Bewegungen sammelte sich der Zorn und entartete dann…
Aber diese Bewegungen haben keine Sprache für sich gehabt, konnten die psychologische Wahrheit über sich selbst nicht aussprechen, es dominierte der Erotizismus (gemeint: von Sigmund Freud), insofern scheint mir eine Rückkehr zur bipolaren Psychologie der Griechen sinnvoll.

"Eine Rückkehr zur bipolaren Psychologie der Griechen." Spannende Gedanken. Und diese Antwort kann einem sogar besonders gut gefallen:

.... Müssen wir zur eigenen Verteidigung selbst zorniger werden?
Nicht zornig, sondern stolz, wir müssen den ganzen Pol des Thymotischen erst wieder entdecken, auch in der Theorie müssen wir eine Psychologie entwickeln, nicht für Patienten, sondern für Kämpfer, oder anders und besser gesagt, für Leute, die in Form sind. Der Patient ist der Mensch ohne Stolz, das ist das Ergebnis von hundert Jahren Therapiekultur, das konvergiert mit dem Homo consumens, den der Kapitalismus herstellt, alles läuft auf diese Erotisierung hinaus, deswegen verstehen wir den Thymotiker (also den zornigen Menschen) auch nicht, und die Islamisten sind überwertige Thymotiker. Es wäre eine falsche, von der Psychoanalyse nahegelegte Herablassung zu sagen, der Stolz meldet sich nur bei Menschen, die erotisch nicht zum Zuge kommen, sozusagen ein Ersatzprogramm des Eros für die, die es nötig haben, der Stolz kommt allem Nötighaben zuvor, er ist die im Sein selbst gesetzte Tendenz, geltend zu machen, was man will und was man kann. Und wenn das zu sehr deformiert, entstehen ressentimenthafte Ausbildungen des Stolzes.

Dann geht es - natürlich - um den Monotheismus (Stichwort: "Ressentiment"). Und dann dies:

... Und welche Herausforderungen hätten Sie da im Sinn?
Es spricht eigentlich alles für das Sportliche, die Griechen hatten einen öffentlichen Ringplatz, die Palaistra, auf dem junge Männer, die sich zeigen wollten, gegeneinander antreten konnten, darauf läuft es letzten Endes hinaus, und das ist Kulturarbeit, das ist die Arbeit der Zivilisierung der Gefühle überhaupt, dass man diesen Gefühlen ein Parlament gibt, eine Arena, in der sie sich zeigen und klären können, der Westen hat Erfahrungen hiermit ...

Tolle Antwort! - Und dann:

Nun gibt es auch – Habermas hat jüngst darauf hingewiesen – die totale Unterwerfung vor der Vernunft, der Machbarkeit, dem Naturalismus. Was rettet uns eigentlich beiderseitig in die Humanität?
Die Frauen. Sie sind der Schlüssel zur Zivilisierung. Der Islam hat sich vom Anfang des 20. Jahrhunderts, wo er zu einer marginalen Glaubensgruppe zählte, binnen eines Jahrhunderts verachtfacht, das heißt, hier ist Kampffortpflanzung in der Luft, und damit auch eine Form von zweiter Proletarisierung. In dem Augenblick, wo das weibliche Dabeisein – wir haben diese aufs Ganze wünschenswerte Entwicklung im Westen –, wo der weibliche Stolz gestärkt wird, stürzen auch die Geburtenraten auf vernünftige Werte herunter. Der Schlüssel liegt in der Ermächtigung der Frau. ...

Das ist alles mit Bezug auf den Konflikt mit dem Islam gesprochen. Als hätten Europa und die westliche Welt nicht auch ohne den Islam genügend Probleme. Man kann das alles von dem Sloterdijk jedenfalls mit Bezug auf diese Probleme, die es auch ganz ohne den Islam gibt, lesen. Und was Sloterdijk da jetzt genau von den Frauen erwartet, das muß er noch mal genauer erläutern.

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