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Freitag, 19. Juni 2026

50 % Jamnaja-Herkunft in Mesopotamien

Um 2.000 v. Ztr. 
Die anatolischen indogermanischen Sprachen haben sich ab 4.300 v. Ztr. als Kura-Araxes-Kultur vom südlichen Kaukasus aus über Anatolien ausgebreitet
- Die indogermanischen Vorfahren der späteren Armenier kamen ab 2.400 v. Ztr. über den Kaukasus, die indogermanischen Vorfahren der späteren Perser kamen zeitgleich nach Persien
- Um 2.000 v. Ztr. findet sich ein Mensch mit 50 % Jamnaja-Herkunft im südlichen Kurdistan, bzw. in Mesopotamien (Bakr Awa) 

Wenn man den Indogermanen auf ihren Ausbreitungen folgt bis nach Mesopotamien, taucht man in eine einem Europäer völlig fremde Welt ein, in die Welt des gnadenlosen orientalischen Despotismus, etwa eines akkadischen Königs vom Schlage Sargon von Akkad.

Abb. 1: Gefangener, gefesselt an einen Nasenring, vielleicht Angehöriger eines Nomadenstammes im Zagros-Gebirge (Gutäer oder Lulubi) - Aus der Zeit des Akkadischen Reiches - Die Gutäer sollten das von Sargon von Akkad begründete Reich ab 2.150 v. Ztr. vernichten und für 75 Jahre fortsetzen - Fragment einer Vase, möglicherweise aus Uruk (2350–2000 v. Ztr.), heute Louvre, Paris (Wiki)

Aber jene Indogermanen der Jamnaja- und Trialeti-Kultur, die ab 2.400 v. Ztr. Armenien eroberten, ebenso wie sie zeitgleich Griechenland oder Persien eroberten, waren selbst sehr gnadenlos im Umgang mit ihren Feinden. Zeitgleich eroberten die Glockenbecher-Leute England, was zu einem Aussterben der dortigen einheimischen Bevölkerung führte. Vielleicht ist der in Abbildung 1 dargestellte Gefangene eines akkadischen Königs schon ein Angehöriger jener indogermanischen Stämme, die etwa um 2.000 v. Ztr. im Zagros-Gebirge und im heutigen südlichen Kurdistan festgestellt werden. 

Denn eine neue archäogenetische Studie weist auf die erste Ankunft von Indogermanen in Mesopotamien ab etwa 2.000 v. Ztr. hin (1) (s.a. Eupedia).

Um die folgenden Ausführungen zu verstehen, macht es Sinn, noch einmal nachzuvollziehen, was über die Ankunft der Jamnaja, über die zweite Welle der indogermanischen Ausbreitung südlich des Kaukasus und in Armenien seit 2022 (Stg2022) und 2023 bekannt ist. Im Jahr 2023 hatten wir dazu ursprünglich zusammenfassend festgehalten (Stg2023):

2.300 v. Ztr. - 28 % Steppengenetik kommt (erneut) in den Südkaukasus und sinkt bis in die Eisenzeit auf die Hälfte ab.

Auch damals schon war die Steppengenetik anhand des Anteils der osteuropäischen Jäger-Sammler-Herkunft festgestellt worden - so wie auch in der vorliegenden neuen Studie (siehe unten) (1). 

Abb. 2: Die umrandeten Individuen sind die neu sequenzierten aus Bakr Awa (Mesopotamien) - Der linke hellblaue Herkunftsanteil ist der osteuropäische Jäger-Sammler-Anteil - Dieser beträgt beim obersten Individuum offenbar etwa 18 %, hoch gerechnet ergäbe das - wenn wir es recht verstehen - grob 50 % Jamnaja-Genetik in diesem Individuum (aus 1) (Hellbraun=Levante-, grau=Anatolische, orange=Zagros-, grün=Kaukasus-Herkunft)

Allerdings sind inzwischen wesentliche Neuerkenntnisse hinzu gekommen: Der Herkunftsanteil der osteuropäischen Jäger und Sammler macht zwar beim frühen Urvolk der Indogermanen um 4.500 v. Ztr., bei der Chwalynsk-Kultur, etwa 50% aus, bei dem späten Urvolk der Indogermanen ab 3.300 v. Ztr., bei der Jamnaja-Kultur, macht er allerdings nur noch etwa 35 % aus (Stg2024). Wenn man also in irgendeiner Region und Zeitepoche der Weltgeschichte den Anteil an Jamnaja-Herkunft innerhalb eines Individuums hochrechnen will ausgehend von dem osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil, dann muß man den osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil nicht mit 2 multiplizieren (wie bei den Nachkommen der Chwalynsk-Kultur), sondern mit 2,857 (100% geteilt durch 35%). Den oben aus unserem Beitrag von 2023 entnommenen Satz haben wir im Zuge der Erarbeitung des vorliegenden Beitrages inzwischen korrigiert, denn 14 % muß nicht mal 2, sondern mal 2,857 genommen werden. Und dann lautet das Ergebnis:

2.300 v. Ztr. - 40 % Steppengenetik kommen (erneut) in den Südkaukasus und sinken bis in die Eisenzeit auf 20 % ab.

In Mesopotamien werden aber in der neuen Studie in einem Individuum aus der Zeit um 2000 v. Ztr. sogar 18 % osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik festgestellt (s. Abb. 2) (1). Wenn diese 18% x 2,857 genommen werden, erhalten wir 51,4 %, also grob um die 50 % Jamnaja-Herkunft. Und daraus leiten wir den Titel des vorliegenden Beitrages ab!

Nebenbemerkung: Wir werden aufgrund dieser Neueinschätzung des osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteils als Teil der Jamnaja-Herkunft viele Beiträge hier auf dem Blog umschreiben müssen, in vielen wird sich dadurch der Steppengenetik-Anteil erhöhen, etwa auch der der antiken Griechen von acht auf etwa zwölf Prozent.  

Abb. 3: 900 Kilometer von Jerewan in Armenien nach Bakr Awa (GMaps),

Die genannte 50 % Jamnaja-Herkunft in Mesopotamien kommt also dadurch zustande, daß zu den 18 % hellblaue osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunft in Abbildung 2 noch so viel Kaukasus- (grüne) und anatolische (graue) Herkunfts-Anteile hinzu gerechnet werden müssen, daß man mit ihnen auf etwa 50 % kommt.

Die anderen 50 % bestehen aus denselben Kaukasus- (grün) und anatolischen (grau) Herkunftsanteilen, allerdings findet sich in dieser zweiten Hälfte auch noch Levante- und Zagros-Herkunft (orange und hellbraun). Diese zweite Hälfte ist grob die Herkunftszusammensetzung der Menschen, die vor der Ankunft der Indogermanen südlich des Kaukasus gelebt haben.

Damit ist das wichtigste Ergebnis der neuen Studie (1) schon bennannt. Nun noch weitere Erläuterungen und Hintergründe zu dieser Studie.

Tell-Hügel Bakr Awa

Es sind 17 Menschenfunde aus dem Tell-Hügel Bakr Awa (Wiki) im südlichen Kurdistan untersucht worden.

Bakr Awa liegt im mittleren Mesopotamien, im heutigen östlichsten Irak, 327 Kilometer nördlich von Bagdad (GMaps) und 900 Kilometer südlich von Jerewan (GMaps), der heutigen Hauptstadt von Armenien, jener Region, aus der die Indogermanen gekommen sein können. (Sie können aber auch aus dem Zagros-Gebirge gekommen sein, siehe unten.) Bakr Awa liegt außerdem 1400 Kilometer südlich von Wladikawkas am nördlichen Fuß des Kaukasus (GMaps) (Abb. 4), wo ungefähr der Ausgangspunkt der Ausbreitungsbewegung der Indogermanen mit ihren neuartigen Streitwagen und domestizierten Pferde vermutet werden kann.

Der Tell-Hügel Bakr Awa wird schon seit vielen Jahrzehnten erforscht. Zuletzt hatten viele unwissenschaftliche Plünderungen stattgefunden. 2010 wurde deshalb von Archäologen der Universität Heidelberg eine weitere Grabung vorgenommen. Die dabei gemachten Menschenfunde sind nun in einem australischen archäogenetischen Labor ausgewertet worden. Wir lesen in der Studie (1):

Osteuropäische Jäger und Sammler (EEHG) - eine mesolithische Jäger-und-Sammler-Metapopulation aus dem heutigen Westrußland, die als genetischer Referenzpunkt für spätere, mit der pontisch-kaspischen Steppe assoziierte Abstammungskomponenten dient [38, 49, 50] (siehe Zusatzdatei 2: Daten S6 für die einbezogenen Individuen) – sowie Abstammungskomponenten, die mit Jägern und Sammlern der südlichen Levante (sLevant_HG) in Verbindung stehen, erwiesen sich als wesentliche Faktoren für die genetische Struktur der Individuen von Bakr Awa. Die höchsten EEHG-Anteile finden sich bei den Individuen A22037 und A22039 aus der frühen bis mittleren Bronzezeit (EMBA); in der Hauptkomponentenanalyse (PCA) bilden sie ein Cluster mit Populationen aus dem Südkaukasus. Demgegenüber weisen A22038 (EMBA) und A22040 (mittlere Bronzezeit, archäologisch uneindeutige Datierung) einen etwas geringeren EEHG-Anteil auf und gruppieren sich mit Individuen aus der nordwestlichen Zagros-Region. Das Individuum A22052 aus der mittleren Bronzezeit, das in der PCA mit Populationen der südlichen Levante gruppiert, weist einen der höchsten geschätzten Anteile an sLevant_HG-assoziierter Abstammung auf - selbst im Vergleich zu bronzezeitlichen Individuen aus der südlichen Levante.
Eastern European Hunter-Gatherer (EEHG) – a Mesolithic hunter-gatherer meta-population from present-day western Russia who serve as an ancestral proxy for later Pontic-Caspian Steppe￾related ancestry [38,49,50] (see Additional file 2: Data S6 for included individuals) – and southern Levantine  Hunter-Gatherer (sLevant_HG)-related ancestries emerged as primary drivers of genetic structure among Bakr  Awa individuals. The highest EEHG proportions occur in Early to Middle Bronze Age (EMBA) individuals  A22037 and A22039, who cluster with southern Caucasus populations in PCA, while A22038 (EMBA) and  A22040 (Middle Bronze Age, archaeologically ambiguous dating) show slightly lower EEHG ancestry and  cluster with individuals from the northwestern Zagros mountains region. The Middle Bronze Age individual  A22052, clustering with southern Levantine populations in PCA, possesses one of the largest estimates of  sLevant_HG-related ancestry, even among southern Levantine Bronze Age individuals.

Die Akkader und andere semitischen Stämme bringen also Levante-Herkunft nach Bakr Awa. Das könnten - unter anderem - die semitischen Akkader gewesen sein. Zuvor aber lebten hier schon Nachkommen der Jamnaja-Leute.

Abb. 4: 1400 Kilometer von Wladikawkas bis nach Bakr Awa in Kurdistan (GMaps)

Aus den weiteren Ausführungen im Text und im Anhang wird deutlich, daß die Zeitangabe "Früh- und Mittebronzezeit" sich auf die Zeit nach 2.000 v. Ztr. bezieht, also auf die Zeit, in der Armenien und der südlichen Kaukasus von den Jamanja-Leuten in Form der Trialeti-Kultur grausam erobert worden ist ebenso wie das zeitgleiche Griechenland und das zeitgleiche Persien. In der Studie wird in folgendem Zitat ein noch etwas weiterer Bogen gespannt (1):

Während die mit EEHG assoziierte Komponente der kaukasischen Abstammung erstmals Mitte bis Ende des 5. Jahrtausends v. Ztr. (6.450–5.951 ka BP) in Areni-1 auftrat [47], verschwand sie in der frühen südkaukasischen Kura-Araxes-Kultur, um Mitte des 3. Jahrtausends v. Ztr. mit der Ausbreitung von Jamnaja-Individuen aus den eurasischen Steppen erneut aufzutreten [20,38,53]. Zudem wurde die Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) als genetischer Marker identifiziert, der Populationen mit Bezug zu Jamnaja in Armenien mit solchen im nordwestlichen Zagros-Gebirge - einschließlich Hasanlu - verbindet [20,38,52]. Im Einklang mit diesem Muster zeigte unsere qpAdm-Analyse, daß der Anteil der Jamnaja-Cluster-Abstammung bei Individuen aus der Zeit nach der Kura-Araxes-Kultur (Bronzezeit im Südkaukasus sowie Bronze- und Eisenzeit im nordwestlichen Zagros) am höchsten war (Zusatzdatei 1: Abb. S5). Bemerkenswert ist, daß von den beiden Ausreißern in der Kaukasus-PCA-Analyse aus Bakr Awa das Individuum A22037 einen Jamnaja-Cluster-Abstammungsanteil am oberen Ende des für den Südkaukasus typischen Bereichs aufweist, während A22039 im mittleren Bereich liegt. Darüber hinaus trägt A22037 - der einzige männliche Vertreter unter diesen Ausreißern aus der frühen bis mittleren Bronzezeit (EMBA), datiert auf ca. 2112–1800 v. Ztr. - ebenfalls die Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) (Zusatzdatei 2: Daten S1), was einen weiteren Beleg für seine Verbindung zur kaukasischen Abstammung mit Jamnaja-Bezug liefert.
Initially appearing in Areni1 in the mid-late 5th millennium BCE (6.450–5.951 ka BP) [47], the EEHG-related component of Caucasus ancestry disappeared in the early southern Caucasian Kura-Araxes culture, only to reappear in the mid-third millennium BCE with the expansion of Yamnaya-related individuals from the Eurasian steppes [20,38,53]. In addition, the Y-chromosome R-Z2103 (R1b) haplogroup has been identified as a genetic marker linking Yamnaya-related populations in Armenia to those in the northwestern Zagros, including Hasanlu [20,38,52]. Consistent with this pattern, our qpAdm analysis showed YamnayaCluster ancestry was highest among post-Kura-Araxes southern Caucasus Bronze Age and northwestern Zagros Bronze and Iron Age individuals (Additional file 1: Fig. S5). Notably, of the two Bakr Awa Caucasus-PCA outliers, A22037 possesses YamnayaCluster ancestry at the upper end of the southern Caucasus range, while A22039 falls in the middle. Moreover, A22037 – the only male among the EMBA outliers, dating to c. 2112-1800 BCE – also carries the R-Z2103 (R1b) Y-chromosome haplogroup (Additional file 2: Data S1), providing additional evidence for his connection to Yamnaya-related Caucasus ancestry.

Aus dem hohen Jamnaja-Herkunftsanteil bei A22037 könnte geschlußfolgert werden, daß sich die Indogermanen, die sich vom Südkaukasus aus nach Süden bis Bakr Awa ausgebreitet haben, sozusagen "ohne Zwischenstationen" bis dorthin ausgebreitet haben. Ab jener Zeit treten in Nordmesopotamien und im Zagros-Gebirge viele Stammes- und Völkernamen auf, denen gegenüber zumindest zum Teil indogermanische Herkunftsbezüge erörtert werden. Am klarsten sind diese Bezüge bei den Hethitern (wohl hervor gegangen aus der Kura-Araxes-Kultur), sowie bei den Mittanni und bei den Kassiten. Bei den letzteren beiden könnte es sich - grundsätzlich - auch um Nachkommen der Trialeti-Kultur handeln so wie - offenbar - das früheste indogermanische Individuum in Bakr Awa.   

Die Vorfahren der nachmaligen Meder und Perser im Zagros-Gebirge scheinen ebenfalls etwa ab 2.400 v. Ztr. nach Persien vorgedrungen zu sein - so wie die Vorfahren der Armenier (als Trialeti-Kultur) nach Armenien. Und auch vom Zagros-Gebirge aus hat es offenbar eine indogermanische Ausbreitung nach Nordwesten bis nach Bakr Awa gegeben. 

Die Stontium-Isotopen-Analyse des Zahnschmelzes des Individuums A22037 ergab, daß dieses - entgegen der archäogenetischen Analyse - im Zagros-Gebirge aufgewachsen ist. Es ist also auch denkbar, daß sich die indogermanischen Vorfahren der heutigen Armenier bis in das Zagros-Gebirge ausgebreitet haben und von dort dann nach Bakr Awa gekommen sind. Im Diskussionsteil heißt es (1):

Das Auftreten von mit der Jamnaja-Kultur assoziierten Abstammungskomponenten aus dem Südkaukasus bei zwei Individuen (A22037, A22039) aus der Zeit um 2000 v. Ztr. - sowie in geringerem Maße bei A22038 und A22040 - fällt zeitlich mit dem wachsenden Einfluß der Hurriter nach dem Sturz des Akkadischen Reiches durch die Gutäer (ca. 2150 v. Ztr.) zusammen. Eines dieser Individuen - der männliche Jugendliche A22037 - weist zudem die mit der Jamnaja-Kultur assoziierte Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) auf (A22039 ist weiblich); diese Haplogruppe tritt mit hoher Frequenz bei Männern der eisenzeitlichen Fundstätte Hasanlu im nordwestlichen Zagros-Gebirge auf [52, 62] (10 der 14 Männer, denen eine Y-Chromosomen-Haplogruppe zugeordnet werden konnte, gehören zur Gruppe R1b).
Frühere Untersuchungen haben Mobilitätsverbindungen zwischen Hasanlu und dem Südkaukasus aufgezeigt, belegt durch gemeinsame Abstammungsanteile von europäischen Jägern und Sammlern (EHG) sowie eine hohe Frequenz der Y-Chromosomen-Haplogruppe R1b [52]. 
The appearance of Yamnaya-related southern Caucasus ancestry in two individuals (A22037, A22039) dating to approximately 2000 BCE - and to a lesser degree A22038 and A22040 - coincides with expanding Hurrian influence after the Gutian overthrow of the Akkadian empire (ca. 2150 BCE). One of those individuals - the adolescent male A22037 - also carries the Yamnaya associated R-Z2103 (R1b) Y-chromosome haplogroup (A22039 is female), which is at high frequency in males from the northwestern Zagros Iron Age site of Hasanlu [52,62] (10 of the 14 males for which a Y chromosome haplogroup can be assigned are R1b).
Previous research has identified mobility connections between Hasanlu and the southern Caucasus, evidenced by shared European hunter-gatherer (EHG) ancestry and a high frequency of the R1b Y-chromosome haplogroup [52].

Das bezieht sich auf jene Studie, die wir hier auf dem Blog ebenfalls schon ausgewertet hatten (Stg2022). Auch der hier erwähnte Fundort Hasanlu im Nordwest-Iran war von uns erwähnt worden und die dazu gehörige Einordnung der damaligen Forscher, die die Ansicht vertraten, daß die Perser und Meder erst im ersten Jahrtausend v. Ztr. in den Iran zugewandert wären. Weiter lesen wir (1):

Mittels eines konservativen Ansatzes, der auf zwei stabilen Isotopensystemen basiert, konnten wir als wahrscheinlichsten Herkunftsort für A22037 ein Gebiet östlich von Bakr Awa im Zagros-Gebirge identifizieren. Allerdings ist diese Zuordnung aufgrund der relativ einheitlichen Verteilung bioverfügbarer Strontium-Isotopenverhältnisse in Südwestasien sowie des Einflusses des Trinkwassers auf die δ18O-Werte mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Da es sich zudem um eine Einzelbeobachtung handelt, deutet sie nicht auf eine großflächige Migration zwischen dem Zagros-Gebirge und dem Gebiet jenseits des Tigris (Transtigris) hin; sie liefert jedoch Hinweise auf eine bislang unbekannte Verbindung zwischen diesen Regionen, was möglicherweise die genetischen Gemeinsamkeiten zwischen dem Südkaukasus und Bakr Awa erklären könnte.
Trotz der begrenzten Datenlage deuten frühere Studien darauf hin, daß eisenzeitlichen Individuen aus den Kerngebieten des Urartäer-Reiches nahe dem Vansee Abstammungsanteile von osteuropäischen Jägern und Sammlern (EHG) fehlten [52]; allerdings weicht ein bemerkenswertes weibliches Individuum aus Çavuştepe (761-479 cal v. Ztr.) von diesem Muster ab, da es einen hohen Anteil an mit der Jamnaja-Kultur assoziierter Abstammung aufweist (siehe auch Zusatzdatei 1: Abb. S5). Vielmehr legen die Autoren nahe, daß Individuen innerhalb der hurro-urartäischen Sprachfamilie tatsächlich mit einem stärkeren Anteil an Abstammung aus der Levante in Verbindung gebracht werden könnten [52]. Während unsere multidisziplinären Ergebnisse (genetische, isotopische, archäologische und textliche Daten) zusätzliche Erkenntnisse zur Frage der Art und Weise der hurritischen Expansion nach Ostmesopotamien liefern, ist das zugrundeliegende demografische Modell, das den Südkaukasus, Ostanatolien und das Zagros-Gebirge mit Mesopotamien verknüpft, zweifellos komplex. Um dieses Modell vollständig zu klären und in den breiteren archäologischen und historischen Kontext einzuordnen, sind für künftige Forschungsarbeiten umfangreiche Probenahmen an Populationen der Bronze- und Eisenzeit in Mesopotamien, Ostanatolien und dem Zagros-Gebirge erforderlich.
Notably, when utilizing a conservative dual-stable-isotope approach, we identified the most parsimonious recent origin of A22037 as east of Bakr Awa in the Zagros mountains. However, the relatively uniform distribution of bioavailable strontium isotope ratios across Southwest Asia and the influence of drinking water on δ18O values assign some degree of uncertainty to this assignment. Moreover, as this is a single observation, it does not indicate large-scale migration between the Zagros and Transtigirs; however, it offers some evidence of an unknown degree of Zagros-Transtigris connectivity, potentially explaining the ancestry links between the southern Caucasus and Bakr Awa.
Despite limited data, previous research indicates that Iron Age individuals from the Urartian Kingdom's core regions near Lake Van lacked Eastern European hunter-gatherer (EHG) ancestry [52]; though, a notable female outlier from Çavuştepe (761–479 calBCE) deviates from this pattern by possessing a large fraction of Yamnaya-related ancestry (also see Additional file 1: Fig. S5). Rather, the authors propose that individuals within the Hurro-Urartian language family may actually be associated with greater Levantine-related ancestry [52]. While our multidisciplinary results (genetic, isotopic, archaeological, and textual) provide additional data surrounding the question of the nature of the Hurrian expansion into eastern Mesopotamia, the underlying demographic model connecting the southern Caucasus, eastern Anatolia, and the Zagros with Mesopotamia is undoubtedly complex. To fully elucidate this model and integrate it within the broader archaeological and historical context, future research will require extensive sampling across Bronze and Iron Age populations in Mesopotamia, eastern Anatolia, and the Zagros mountains.

Ein komplexes Geschehen, wobei unter anderem nicht klar ist, welcher Sprach- und Herkunftsgruppe die Gutäer, die die Akkader für 75 Jahre unterworfen haben, eigentlich zuzuordnen sein sollen (Wiki). Da werden weitere Forschungen abgewartet werden müssen.

Wie wir finden, wird auf der Plattform X zur Einordnung dieser Studie ganz richtig ausgeführt (Kvali,14.6.26):

Neue DNA-Analysen aus Bakr Awa deuten darauf hin, daß die indogermanische Präsenz in der Bronzezeit weiter südlich reichte als bisher angenommen. Die jüngsten Proben aus Bakr Awa belegen eine starke genetische Verbindung zur Trialeti-Kultur im südöstlichen Kaukasus. Die Trialeti-Bevölkerung sprach zumindest teilweise Indogermanisch – vermutlich auch frühe proto-armenische Gruppen. Besonders interessant ist, daß alte DNA bereits gezeigt hat, daß diese Bevölkerungsgruppen eine größere genetische und möglicherweise auch sprachliche Reichweite hatten, als ihre archäologischen Funde vermuten ließen. Eine Probe aus dem späten 3. Jahrtausend v. Ztr. in der Nähe des Urmia-Sees wies dasselbe genetische Profil auf wie die Bewohner des Kerngebiets der Trialeti-Kultur. Die neuen Daten aus Bakr Awa legen nun nahe, daß diese Gruppen noch weiter nach Süden zogen. Das Zagrosgebirge könnte für sie attraktiv gewesen sein und ihnen geeignete Bedingungen für eine nomadische Lebensweise geboten haben. Dies trägt zu dem wachsenden Bild bei, daß indogermanisch verwandte Bevölkerungsgruppen im bronzezeitlichen Nahen Osten mobiler waren und ein größeres Verbreitungsgebiet erreichten, als bisher angenommen.

Und wir fragen abschließend noch einmal die KI "Welches war das erste indogermanische Volk in Mesopotamien?" und erhalten die folgende Antwort:

Das erste historisch faßbare indogermanische (indoeuropäische) Volk mit direktem Einfluß in Mesopotamien waren die Hethiter. Die indoarische Oberschicht des Mitanni-Reiches in Nordmesopotamien und die mutmaßlich indogermanisch beeinflußte Führungsschicht der Kassiten in Babylonien folgten kurz darauf.
Die Besiedlung und der Einfluß im Detail:
Die Hethiter (ab ca. 1650 v. Chr.): Ihr Kerngebiet lag im heutigen Anatolien, doch unter König Muršili I. unternahmen sie spektakuläre Feldzüge nach Mesopotamien und zerstörten um 1595 v. Chr. die Stadt Babylon. Ihre Sprache (das Hethitische) ist der älteste belegte Zweig der indogermanischen Sprachfamilie.
Das Volk der Mitanni (ca. 1500-1300 v. Chr.): Im Norden Mesopotamiens und in Syrien etablierte sich dieses Reich. Die breite Bevölkerung sprach Hurritisch, aber die herrschende Oberschicht (die Maryannu) war indogermanischer/indoarischer Herkunft. Sie führten die Streitwagen-Kriegskunst ein und verehrten Götter wie Mitra und Indra (bekannt aus dem indischen Sanskrit).
Die Kassiten (ca. 1531-1155 v. Chr.): Sie eroberten nach dem hethitischen Überfall Babylon und herrschten dort über 300 Jahre. Ihre eigentliche Sprache war zwar nicht indogermanisch, jedoch trugen viele ihrer Könige und der Adel nachweislich indogermanische/indoarische Namen.
Wichtiger historischer Kontext:
Die allerersten Hochkulturen Mesopotamiens wie die Sumerer oder Akkader waren keine Indogermanen. Erstere sprachen eine isolierte Sprache, letztere gehörten zu den semitischen Völkern. Die Indogermanen wanderten erst später als Eroberer, Eliten und Einwanderer aus den eurasischen Steppen in den Nahen Osten ein.

Viele Fragen müssen einstweilen noch offen bleiben. 

Anhang: Was steht im Supplement der Studie?

Im Anhang wird noch über die Geschichte von Bakr Awa ausgeführt (1, Suppl.):

Der östliche Teil der Unterstadt wurde erst in der Frühbronzezeit besiedelt; dort stieß man in mehreren tiefen Sondagen unmittelbar unter Schichten aus dem frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. auf den gewachsenen Boden. Die Keramik aus diesen Schichten umfaßte Fragmente der sogenannten „Scarlet Ware“, einer für die Frühdynastische Zeit in der Diyala-Region und dem benachbarten Luristan charakteristischen Ware (1).
Die Schichten des späten 3. Jahrtausends sind durch Architektur mit Steinfundamenten gekennzeichnet. Die Keramik weist Ähnlichkeiten hinsichtlich Form und Verzierung zur akkadischen Zeit auf, doch wurden auch Fragmente der lokalen „Bakr Awa Painted Ware“ (BAPW) in Kontexten des 22. bis 19. Jahrhunderts v. Ztr. gefunden.
Während der späten Früh- und der Mittelbronzezeit entwickelte sich der Ort zu einer wohlhabenden Stadt, die fest in die überregionalen Austauschnetzwerke der Ur-III-, Isin-Larsa- und frühen altbabylonischen Zeit eingebunden war.
The eastern part of the lower town had not been settled until the Early Bronze Age, where in several deep soundings, virgin soil was reached directly below layers of the early 3rd millennium BC. The pottery from these layers included fragments of Scarlet Ware, a characteristic of the Early Dynastic period in the Diyala Region and neighboring Luristan (1).
Layers of the late 3rd millennium are characterized by architecture with stone foundations. Pottery has analogies to shapes and decorations of the Akkadian period, but fragments of the local Bakr Awa Painted Ware (BAPW) were found in contexts of the 22nd to 19th century BC as well. During the late Early and Middle Bronze Age, the site became a prosperous city, well embedded within trans-regional exchange networks of the Ur III, Isin-Larsa, and early Old Babylonian periods. 

Die beiden frühesten Menschenfunde mit indogermanischer Genetik werden auf 2.000 v. Ztr. datiert (1, Suppl):

Übergangsphase von der späten Frühbronzezeit zur frühen Mittelbronzezeit (EMBA) [um 2000 v. Ztr.]
Bestattung BA1314
Erdgrab
• A22037 (BA1314/001):
Das Grab enthielt die Überreste eines Jugendlichen (14-15 Jahre alt). Der Erhaltungszustand war gut; vorhanden waren der Schädel, der Brustkorb sowie die oberen und unteren Extremitäten. Lineare Schmelzhypoplasien deuten auf Streßphasen während der Kindheit hin. Gleiches gilt für die Arthrose am zweiten Halswirbel.
Bestattung BA1348/1387
Sekundärbestattung, Entsorgung?
• A22038 (BA1348/001A):
• A22039 (BA1348/001B):
Die Grube enthielt eine vermischte Ansammlung menschlicher Überreste. Das Fundensemble umfaßte Elemente des Schädel- und des postkranialen Skeletts, darunter Knochen des Brustkorbs sowie der oberen und unteren Extremitäten. Ausgewählte Schädel stammen von zwei erwachsenen Individuen, deren Überreste in der Ansammlung nachgewiesen wurden. Aufgrund der Vermischung der Funde lassen sich die pathologischen Veränderungen am postkranialen Skelett nicht eindeutig einem der beiden Individuen zuordnen. Bei beiden Individuen wurde Karies an den Prämolaren festgestellt. Zu den postkranialen Befunden zählen arthrotische Veränderungen an der rechten Hüftpfanne (Acetabulum).
Transitional late Early Bronze Age - early Middle Bronze Age (EMBA) [around 2000 BC] (...)
Burial BA1314
Earth grave
• A22037 (BA1314/001):
The grave contained the remains of an adolescent (14–15 years old). The preservation was good, with the skull, thorax, and both upper and lower limbs present. Linear enamel hypoplasia indicates stress episodes during childhood. Similarly, the osteoarthritis of the second cervical vertebra.
Burial BA1348/1387
Secondary burial, disposal?
• A22038 (BA1348/001A):
• A22039 (BA1348/001B):
The pit contained a commingled assemblage of human remains. The assemblage contained elements of cranial and post-cranial skeleton, with bones of the thorax, upper and lower limbs present. Selected skulls represent two adult individuals whose remains were found in the assemblage. Due to the commingled nature of the assemblage, the pathological changes of the post-cranial skeleton cannot be ascribed to one or other individual. Evidence of caries was found on the premolars of both individuals. Post-cranial lesions include osteoarthritic changes of the right acetabulum.

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  1. Williams, M.P., Fetner, R., Souilmi, Y. et al. Mesopotamian ancient DNA reveals Iron Age integration of heterogeneous Bronze Age genetic ancestries following resettlement. Genome Biol (2026). https://doi.org/10.1186/s13059-026-04145-4, Published 12 June 2026 (GenomeBio2026)

Freitag, 12. Juni 2026

Rückzugsorte später Jäger und Sammler - An der Moldau und im Böhmerwald

Das südliche Böhmen um 5.000 und um 3.000 v. Ztr.
- Späte Jäger und Sammler bis 2.700 v. Ztr. - Řivnáč-Höhensiedlungen ab 2.700 v. Ztr. 

Nach und nach mehren sich archäologische Studien, durch die die späten Jäger und Sammler Mitteleuropas, die zur Ethnogenese zahlreicher mittel- und spätneolithischer Völker und Kulturen maßgeblich beigetragen haben, nach und nach besser faßbar werden. Die Archäologen tasten sich langsam - weiterhin noch vergleichsweise langsam - Schritt für Schritt an die Thematik dieser in Randregionen fortlebenden Jäger-Sammler-Populationen heran. 

Abb. 1: Blick in das Wittingauer Becken im südlichen Böhmen (Wiki) (Fotograf: Pavel Rychtecký)

Eine solche Region ist das Einzugsgebiet der Oberen Moldau in Böhmen, bzw. Tschechien. "Auf'd Wulda, auf'd Wulda, scheint Sunna so gulda" - so heißen die ersten Worte eines deutschen Volksliedes auf diese Moldau, auf die "Wulda", die im Böhmerwald entspringt. Sie fließt von dort nach Prag, um hinter Prag in die Elbe zu münden (Abb. 3) (Rbg).

Die Moldau trägt einen Namen germanischen Ursprungs. Nach der Besiedlung Böhmens durch die Tschechen erhielt die Moldau von den Slawen aber ebenfalls einen eigenen Namen, nämlich den Namen Vltava. Vom Böhmerwald nach Norden fließend kommt die Moldau unter anderem auch durch die Stadt Budweis. Zwanzig Kilometer östlich der Stadt Budweis  befindet sich dann das Wittingauer Becken, das über den Fluß Fluß Lainsitz (tschechisch: Lužnice) (Wiki) in die Moldau entwässert (Abb. 1-3).

Dieses Wittingauer Becken wird im vorliegenden Beitrag eine Rolle spielen. Deshalb wird eine flüchtige geographische Einordnung desselben voran gestellt.

Das Wittingauer Becken liegt rund um die Stadt Wittingau und es liegt im Bezirk Wittingau (Wiki). Die Stadt Wittingau liegt nur zwanzig Kilometer von der im Südosten gelegenen, heutigen österreichischen Grenze entfernt (GMaps). Der Bezirk Wittingau war dennoch immer schon tschechisch besiedelt. Er gehörte nicht zu dem bis 1945 von Deutschen besiedelten "Sudetenland". Um sich diesen Umstand klar zu machen, ist ein Blick auf die Abbildung 2 hilfreich. Dort sehen wir, daß es im südlichen Teil des Sudentenlandes einen ("weißen") Bezirk gibt, der immer schon tschechisch und nicht deutsch besiedelt war: der Bezirk Wittingau. Vielleicht waren es die weiter unten noch weiter erörterten landschaftlichen Charakteristika des Wittingauer Beckens, die es den deutschen Bauern weniger attraktiv erscheinen ließen für eine Besiedlung. Die Laisnitz, von der das Becken durchquert wird, mündet 45 Kilometer weiter nördlich in die Moldau (Abb. 3).

Zwei neue tschechische archäologische Studien

In zwei neuen tschechischen archäologischen Studien, in der auch dieses Wittingauer Becken eine Rolle spielt, werden jene durch die Archäogenetik aufgeworfenen Fragen erneut behandelt, die uns auch hier auf dem Blog schon seit einigen Jahren beschäftigen (1, 2).

Abb. 2: Der Anteil der deutschen Bevölkerung bis 1945 in den Gerichtsbezirken des Sudentenlandes

Es wird etwa das folgende ausgeführt (1): 

Fortschritte in der aDNA-Forschung zeigen auf, daß vormals vorherrschende Abstammungslinien (Völker) fortbestehen oder wiederaufleben, lange nachdem sie durch ihnen nachfolgende Ausbreitungsbewegungen (von Völkern) vermeintlich verdrängt worden waren. Aber diese Ergebnisse geben selten Aufschluß darüber, von woher diese wiederauflebenden Abstammungslinien eigentlich stammen. Einige Autoren vertreten die Ansicht, daß solche Herkunftsanteile durch demische Ausbreitung aus den Randgebieten der von großen Ausbreitungsbewegungen betroffenen Regionen wieder eingeführt wurden - also aus Gebieten, in denen sich ältere Herkunftsanteile innerhalb lokaler Gruppen erhalten hatten (Beau et al. 2017; Da Silva et al. 2025; Immel et al. 2021; Papac et al. 2021). Während dieses Szenario in bestimmten, mittels Admixture-Analysen untersuchten Fällen zutreffen mag (z. B. die von Papac et al. 2021 in verschiedenen neolithischen Populationen nachgewiesenen vielfältigen Quellen mesolithischer Abstammung; vgl. dazu Brami 2023, der auf die Grenzen dieser Tests hinweist), bleibt es in den meisten anderen Fällen weitgehend deduktiv begründet.
Although advances in aDNA sampling reveal substantial persistence or reappearance of earlier ancestries long after they were thought to have been erased by subsequent migrations, these results rarely indicate where the source populations may have come from. Some authors argue that such ancestries were reintroduced through demic expansions from the outskirts of areas affected by major migrations, where archaic ancestries remained available within local groups (Beau et al. 2017; Da Silva et al. 2025; Immel et al. 2021; Papac et al. 2021). While this scenario may hold in certain cases tested through admixture analyses (e.g. multiple sources of Mesolithic ancestry identified in various Neolithic populations by Papac et al. 2021,cf. Brami 2023, who highlights the limitations of these tests), it remains largely deductive in most other instances. More importantly, it implicitly reproduces the assumption that ‘otherness’ can be situated only at the outer frontiers, rather than within the interior landscapes of central Europe.

Insgesamt wecken die beiden Studien solchen Fragen gegenüber unseres Erachtens nun aber mehr Erwartungen als sie dann einlösen können. Immerhin präzisieren sie allmählich Schritt für Schritt zumindest die archäologischen Fragestellungen und Fragehorizonte.

Abb. 3: Reliefkarte von Böhmen und Mähren - In der Vergrößerung sind Wittingau und der Fluß Laisnitz zu sehen

Es werden zunächst die zeitlich versetzten Abläufe während des Frühneolithikums in fünf verschiedenen Regionen in und um Böhmen miteinander verglichen (1) (Abb. 4 und 5). Die Bandkeramik breitete sich bekanntlich von ihrer "Urheimat", dem Wiener Becken, ausgehend Donau-aufwärts aus.

Saatgerste und den Timopheev-Weizen im Südlichen Böhmen ab 5.200 v. Ztr.

Ab 5.400 v. Ztr. kam die Bandkeramik nach Bayern - "innerhalb einer Generation" von Wien bis Schweinfurt wie wir andernorts schau ausführten (Stg2022). Ab 5.350 v. Ztr. kam sie nach Mähren, kurze Zeit später an die Obere Elbe und erst ab 5.230 v. Ztr. in die Region an der Oberen Moldau ("Upper Vlatava") (Abb. 5). Über die zeitlich versetzte, bäuerliche Besiedlung der Region der Oberen Moldau wird ausgeführt (2):

Die durchschnittlichen Zeitunterschiede (der Besiedlung) der Region der Oberen Moldau und der Tiefländer (Böhmens) betragen zwischen 136 und 172 Jahren, was etwa 5 bis 7 Generationen entspricht. (...) Das im Allgemeinen einheitliche und nicht sehr breite Spektrum der von den frühen Bauern in Mitteleuropa angebauten Nutzpflanzen (Kreuz und Marinova 2017) wurde in der Region der Oberen Moldau durch die Saatgerste und den Timopheev-Weizen erweitert. Beide Arten gelten als geeignet für rauere Bedingungen; wenngleich sie im Gesamtspektrum der Nutzpflanzen nur einen geringen Anteil einnehmen läßt sich ihr Anbau als Anpassung an die lokale Umwelt deuten (Ptáková et al. 2024).
The median time difference between the Upper Vltavaand lowland regions ranges between 136 and 172 years, which equals approximately 5–7 generations. (...) The generally uniform and narrow spectrum of crops cultivated by early farmersin central Europe (Kreuz and Marinova 2017) was diversified in the Upper Vltava region by common barley and Timopheev’s wheat. Both species are considered suit-able for harsher conditions, and their cultivation, although still low in the total spec-trum of crops, can be interpreted as an adaptation to the local environment (Ptákováet al. 2024).

Von dem hier erwähnten Tricum timopheevii (Wiki) hören wir an dieser Stelle zum ersten mal. Auf Wikipedia heißt es, daß die Wildform dieses Weizens zwar in der Südosttürkei vorkommen würde, daß die domestizierte Form aber (heute?) allein in Georgien, also im Südkaukasus angebaut würde.

Und dennoch wäre sie von den anatolisch-neolithischen Bauern bis an die Obere Moldau mitgebracht worden!?! Obwohl sie selbst in ungünstigen Regionen nur in geringen Anteilen angebaut wurde? Reimt sich das zusammen? Es sei erst einmal nur so hier festgehalten.

Abb. 4: Geographische Regionen in und um Böhmen (aus 2) - Obere Moldau=Upper Vlatava, Egerland=Upper Beounuka

/ Ergänzung 25.7.26: Eine neue Studie geht dem Phänomen des Timopheev-Weizens weiter nach (3):

Populationsgenomische Analysen zeigen eine mosaikartige Haplotypzusammensetzung des domestizierten tetraploiden Timopheev-Weizens, was darauf hindeutet, daß er einst in einem größeren geografischen Gebiet angebaut wurde. Dies wird durch die Entdeckung „fossiler“ Haplotypsegmente in Brotweizen-Landsorten weiter untermauert, die wahrscheinlich von heute ausgestorbenen Populationen des domestizierten Timopheev-Weizens abstammen.

Da deutet sich also an, daß es zu dem Thema künftig noch weitere Erkenntnisse geben könnte. / Dennoch, so die Autoren weiter (2), ...

... war die Besiedlung der Region der Oberen Moldau sehr begrenzt. Bislang wurden lediglich 17 frühneolithische Siedlungen nachgewiesen, die sich größtenteils auf wenige kleine Cluster verteilen; diese orientieren sich an den ökologisch günstigsten Nischen der Region. Paradoxerweise läßt sich eine solche geringe Anzahl durchaus als Siedlungsboom werten, da die nachfolgenden Epochen durch eine noch spärlichere Fundlage gekennzeichnet waren. (...) Ein noch deutlicherer Rückgang der Siedlungsdichte ist in den Regionen der Oberen Moldau für den Zeitraum von ca. 4600 bis 3200 v. Ztr. zu verzeichnen; aus dieser Zeit liegen nur wenige Belege für eine Besiedlung vor. (...) Eine ähnliche Situation ergab sich nach 4600 v. Ztr. im Egerland (in der Region der Oberen Beraun, tschech. Berounka). Obwohl die Anzahl der Fundstellen hier etwas höher ist, erreicht sie dennoch nicht die Dichte, die im Tiefland verzeichnet wurde (Metlička 2015; Neustupný 2013).
The occupation of the Upper Vltava area was very limited. To date, only 17 Early Neolithic settlements have been identified being distributed mostly within afew small clusters that follow the environmentally most convenient niches of theregion. Paradoxically, such low numbers can be considered a settlement boom, asthe following periods were marked by even scantier records. (...) An even more pronounced decrease in settlement den-sity took place in the Upper Vltava regions in c. 4600–3200 BC during which verylittle evidence of occupation is available. (...) A similar situation occurred in the Upper Berounka region after 4600 BC. Although the num-ber of sites is slightly higher here, it still does not reach the density recorded in thelowlands (Metlička 2015; Neustupný 2013).

Daß das Egerland zuvor schon in bandkeramischer Zeit besiedelt worden wäre, dafür scheint es bislang noch weniger Belege zu geben.

Das Wittingauer Becken - Ein Rückzugsort der späten Jäger und Sammler

Nun aber hören wir doch von einigen etwas grundlegenderen neuen Erkenntnissen (2):

Die erst zeitlich versetzt einsetzende Besiedlung der Region der Oberen Moldau durch frühbäuerlicher Gemeinschaften könnte den dortigen Jägern und Sammlern die Möglichkeit geboten haben, ihre Subsistenzweise länger beizubehalten als andernorts. Insbesondere das im östlichen Teil der Region gelegene Wittingauer Becken (Třeboň-Becken), das von zahlreichen Seen früh-postglazialen Ursprungs durchsetzt ist, könnte eine attraktive ökologische Nische für Menschen geboten haben, die an der Lebensweise von Jägern und Sammlern festhielten (Hošek et al. 2019; Ptáková et al. 2023). Besonders gut belegt ist diese späte Präsenz am Schwarzenberg-See: Dort wurden am Ufer bereits elf Lagerplätze identifiziert, und die geschichteten paläoökologischen Befunde aus der Litoralzone sowie aus den Seesedimenten zeugen von einem erheblichen menschlichen Einfluß. Dieser äußert sich unter anderem in periodischen Brandereignissen, die vermutlich darauf abzielten, die Ufervegetation zu beseitigen und so die Bedingungen für Jagd und Sammeltätigkeit zu verbessern. Zudem wurden Makroreste eßbarer Wildpflanzen – von denen einige nicht zur typischen Flora von Seeumgebungen gehören – sowie weitere Pflanzenarten nachgewiesen, die indirekt auf menschliche Aktivitäten hinweisen (Pokorný et al. 2010; Šída und Pokorný 2021).
The delayed arrival of early farming communities in the Upper Vltava region could open a window of opportunity for local hunter-gatherers to retain their subsist-ence practices longer than elsewhere. In particular, the Třeboň Basin, located in theeastern part of the region and scattered with numerous lakes of early post-glacialorigin, might offer an attractive ecological niche for people retaining hunter-gath-erer practices (Hošek et  al. 2019; Ptáková et  al. 2023). Their late presence is best evidenced by Švarcenberk Lake, where eleven campsites have already been identified along the shore, and the stratified palaeoenvironmental records in the littoralzone, as well as in lake sediments, revealed considerable human impact. It involvesperiodic burning events, likely aimed at clearing lake shore vegetation to improvehunting and gathering opportunities. The presence of macroremains from consum-able wild plant species has also been identified, some of which are not indigenous tolake environments, along with other plant species indirectly indicating human activities (Pokorný et al. 2010; Šída and Pokorný 2021). 

Dem wasserreichen Wittingauer Becken (Wiki) sieht man es auf den ersten Blick an (s. Abb. 1), daß sich eine zahlenmäßig größere Fischer-, Jäger- und Sammler-Population in vergleichsweise höherer Siedlungsdichte hier für Jahrtausende ganz gut müßte gehalten haben können. Die Region erinnert vielleicht an die wasserreiche Region der Oberen Theiß und des Körös, wo Genetik der Karpaten-Jäger-Sammler festgestellt worden ist.

Abb. 5: Ankunft der Bandkeramik (aus 2)

Und weiter (2):

Bemerkenswert ist die räumliche Nähe zwischen den Fundplätzen des späten Mesolithikums und jenen der bäuerlichen Bevölkerung im Gebiet der Oberen Moldau. Jäger und Sammler nutzten den Schwarzenberg-See sowie weitere Seen, die unmittelbar an das Siedlungsgebiet der Bauern angrenzten (Einzelheiten siehe Ptáková et al. 2023). Da die beiden Fundplatztypen oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt lagen, ist es kaum vorstellbar, daß die jeweiligen Bewohner nichts voneinander wußten. Überraschenderweise liefern die derzeit vorliegenden Daten keine Hinweise auf gegenseitige Beeinflussung; beide Gemeinschaften hielten an ihren jeweiligen Subsistenzstrategien fest. Nicht nur griffen die Bauern kaum auf wildlebende Nahrungsressourcen zurück, auch bei der Herstellung von Steinwerkzeugen und der Rohmaterialbeschaffung zeigten sich Unterschiede. Bereits seit dem frühen Mesolithikum nutzten die Jäger und Sammler der Oberen Moldau überwiegend lokale Materialien zur Herstellung vorwiegend mikrolithischer Werkzeuge (Vencl 2006). Opal, Quarz und andere Materialien, deren Vorkommen bis zu 50 km von den Fundplätzen entfernt lagen, machten 75 bis 90 % des Rohmaterialspektrums an den Lagerplätzen am Švarcenberk-See aus (z. B. Šída 2017; 2021; Šída et al. 2019). Die Bauern hingegen setzten auf nicht-lokale Materialien, die sie zu größeren Klingen verarbeiteten. Diese Materialien wurden vermutlich in Form von Kernen oder Halbfertigprodukten über größere Entfernungen aus benachbarten Regionen herangeführt. Trotz Anzeichen für Rohstoffknappheit - etwa häufige Wiederverwendung und vollständige Ausnutzung der Kerne in den Fundkomplexen der oberen Moldau - gaben die dortigen frühen Bauern dieses Beschaffungssystem nicht auf. Die deutlichen Unterschiede bei den Rohmaterialspektren und der Technologie widerlegen zudem die Hypothese, daß die anthropogenen Aktivitäten im Gebiet des Schwarzenberg-Sees im späten 6. und im 5. Jahrtausend v. Ztr. auf neolithische Gemeinschaften zurückzuführen sein könnten, die saisonal zwischen Ackerbau und Wildbeutertum wechselten.
Archäologische Forschungen haben belegt, daß die Interaktionsformen zwischen Jägern und Sammlern einerseits und Bauern andererseits je nach Region stark variieren konnten (z. B. Allentoft et al. 2024a; Bánffy 2019; Bollongino et al. 2013; Hofmanová et al. 2016; Jones et al. 2017; Shennan 2018; Simões et al. 2024). Insbesondere in Seegebieten konnten Jagd, Sammeln und Fischerei ein langfristig tragfähiges Wirtschaftssystem darstellen, das entweder eigenständig betrieben oder lediglich durch Ackerbau ergänzt wurde (Wieckowska-Lüth et al. 2021). In den Tiefländern, die von der frühen Ausbreitung der Bauern erfaßt wurden, sind Belege für einen engen Kontakt hingegen spärlich (Shennan 2018, S. 82–85); dies steht im Kontrast zur Region der Oberen Moldau. Hier deuten die vorliegenden Daten auf ein getrenntes Nebeneinander von spätmesolithischen Jägern und Sammlern sowie Bauern hin, wobei zu beachten ist, daß viele Anzeichen einer Vermischung aufgrund der lückenhaften archäologischen Überlieferung verborgen geblieben sein könnten. Da beide Gruppen jedoch unterschiedliche ökologische Nischen und Ressourcen der Region nutzten, stand ihre Beziehung wahrscheinlich nicht in Konkurrenz zueinander; vielmehr dürften sie einen dauerhaften *Modus vivendi* gefunden haben, insbesondere als die bäuerliche Bevölkerung in diesem Gebiet nach 5000 v. Ztr. zurückging. Auch wenn der Anteil nicht-lokaler Steinmaterialien bei den Jägern und Sammlern gering war, gelangten diese Objekte auch nach 5200 v. Ztr. in ihren Besitz - zu einer Zeit, als der Transport über Zwischenstationen von weit entfernten Rohstoffvorkommen bis zur Oberen Moldau von den neuen, in ganz Mitteleuropa ansässigen Bauerngesellschaften abhing.
The spatial proximity between the Late Mesolithic and farming-based sites inthe Upper Vltava region is notable. Hunter-gatherers utilized Švarcenberk andother lakes that immediately neighbor the zone occupied by farming-based settle-ments (see Ptáková et al. 2023 for details). The two types of sites were often onlya few kilometers apart, so it is difficult to imagine that their inhabitants would beunaware of each other. Surprisingly, there is no evidence in the currently availabledata for mutual influences; both communities adhered to their subsistence strategies.Not only did farmers make minimal use of wild food resources, but differences canalso be observed in the techniques and procurement of raw materials for stone tools. Since the Early Mesolithic, hunter-gatherers of the Upper Vltava region utilized alarge portion of local materials to produce mostly microlithic tools (Vencl 2006).Opal, quartz, and other materials, which outcrop up to 50 km from the site, cre-ate between 75 and 90% of the spectra at Švarcenberk campsites (e.g., Šída 2017;2021; Šída et al. 2019). Farmers, on the other hand, relied on non-local materials,which they chipped into larger blades. These materials should have been imported inthe form of cores or semi-products over larger distances from neighboring regions.Despite signs of material shortages, such as frequent reutilization and total extrac-tion of cores identified in Upper Vltava assemblages, local early farmers did notabandon this procurement system. The sharp difference in raw material spectra and technology also refutes the hypothesis that the late sixth and fifth millenniumanthropic activities around Švarcenberk Lake could refer to Neolithic communities,which might have altered between farming and foraging on a seasonal basis.Archaeological research has documented that the ways in which hunter-gather-ers and farmers interact might considerably differ region by region (e.g., Allentoftet  al. 2024a; Bánffy 2019; Bollongino et  al. 2013; Hofmanová et  al. 2016; Joneset al. 2017; Shennan 2018; Simões et al. 2024). Especially in lake zones, hunting,gathering, and fishing could prove a long-term sustainable economic system prac-ticed independently or just supplemented by agriculture (Wieckowska-Lüth et  al.2021). Nevertheless, in the lowlands reached by the early expansion of farmers, evi-dence for close contact is sparse (Shennan 2018, pp. 82–85), which contrasts withthe Upper Vltava region. Here, the available data point to the separate co-existenceof Late Mesolithic hunter-gatherers and farmers, but it should be noted that manyattributes of mingling may remain hidden due to the scarcity of the archaeologicalrecord. Still, as both groups utilized the different ecological niches and resources ofthe region, their relationship was likely not competitive, and they might have estab-lished a sustainable modus vivendi, especially when the farming population in thearea declined after 5000 BC. Although  the proportion of non-local stone materi-als among hunter-gatherers was minor, these objects had to find their way into theirhands even after 5200 BC, when the down-the-line transport from distant outcropsto the Upper Vltava relied on the new farmer societies settled throughout central Europe. 

Mit solchen Studien werden also die späten Jäger und Sammler Mitteleuropas, die zur Ethnogenese zahlreicher mittel- und spätneolithischer Völker und Kulturen maßgeblich beigetragen haben, nach und nach besser faßbar. Man erkennt: Die Archäologen tasten sich langsam - weiterhin noch sehr langsam - Schritt für Schritt an die Thematik dieser in Randregionen fortlebenden Jäger-Sammler-Populationen heran.

Wir möchten allerdings meinen, daß die neuen mittel- und spätneolithischen Kulturen des böhmischen Raumes, die aus der Vermischung zwischen Bandkeramikern und Jägern und Sammlern entstanden, eher im Karpatenraum entstanden sind, wo es womöglich noch volkreichere Jäger-Sammler-Stämme gegeben haben könnte als an der Oberen Moldau und im Böhmerwald. Aber diesbezüglich gibt es noch viele weiße Flecken auf unserer Wissenslandkarte.

Böhmen ab 3.000 v. Ztr.

Zur Zeit der Ankunft der Indogermanen in Mitteleuropa ab 2.900 v. Ztr. gab es dort neben der ostmitteleuropäischen Kugelamphorenkultur und der nordeuropäischen Trichterbecherkultur noch zahlreiche weitere spätneolithische "Regional-Kulturen", in Böhmen insbesondere die Řivnáč-Kultur (2.900 bis 2.400 v. Ztr.) (Wiki), in Ostbayern und im heutigen deutschsprachigen Alpenraum bis nach Nordtirol hinein gab es die Chamer Kultur (3.500-2.400 v. Ztr.) (Wiki). 

Abb. 6: Die Ankunft der Indogermanen in Böhmen und Mitteleuropa - "SGR burials" = Schnurkeramiker/Glockenbecherleute (aus 2)

Hier auf dem Blog hatten wir darüber schon anhand der aufregenden archäogenetischen Böhmen-Studie aus dem Jahr 2021, auf die auch im ersten hier gebrachten Zitat insbesondere Bezug genommen war, festgehalten (Stg2021):

Die Forscher vermuten, daß Böhmen zur Zeit der Ankunft der Schnurkeramiker zeitgleich besiedelt wurde einerseits von Gruppen der Kugelamphoren-Kultur und anderseits von Menschen der Řivnáč-Kultur. Beide Gruppen unterschieden sich nicht nur kulturell, sondern auch genetisch voneinander. Als Ausnahme fand sich ein sequenziertes Individuum bestattet im Kontext von Řivnáč-Kultur, trug aber in sich die Genetik der Kugelamphoren-Kultur.

Über die Řivnáč-Kultur hatten wir aus der 2021-Böhmen-Studie unter anderem die Worte zitiert (Stg2021):

Sie trat hauptsächlich in Mittelböhmen auf, aber auch in Nordwestböhmen und vereinzelt auch in Ostböhmen. In West- und Südböhmen gab es eine mit Řivnáč zeitgenössische Chamer Kultur.

Die Indogermanen treten nun als Schnurkeramiker auf ab 2.880 v. Ztr. an der Oberen Elbe, ab 2.700 v. Ztr. an der Oberen Donau und ab 2.500 v. Ztr. in Mähren (Abb. 6). Darüber wird ausgeführt (1):

Die Regionen Süd- und Westböhmens liefern nur wenige Hinweise auf eine Besiedlung während des Großteils des 4. Jahrtausends v. Ztr., doch gegen dessen Ende nimmt die Zahl der Fundplätze deutlich zu (John 2021; Metlička 2015). Sie werden den Kulturen von Řivnáč und Cham zugeordnet.

Das hieße also: Die Řivnáč-Kultur hätte sich von Mittelböhmen aus nach Westen ausgebreitet und die Chamer Kultur hätte sich von Ostbayern aus nach Böhmen ausgebreitet. Und weiter (1):

Sie waren Teil eines umfassenderen mitteleuropäischen Horizonts des Spätneolithikums, der durch gemeinsame Keramikmerkmale - wie etwa aufgerauhte Oberflächen oder plastische Leisten - sowie durch Siedlungen mit Grubenhäusern ("semi-sunken houses") gekennzeichnet war; diese Siedlungen waren häufig befestigt und lagen an exponierten Stellen, meist auf felsigen Kuppen oder Geländespornen über Flüssen (z. B. Bogner 2017; Engelhardt 2002; Gohlisch & Reisch 2001; Medunová 1977; Zápotocký & Zápotocká 2008; Zuber 2019). Aus Westböhmen sind fast 80 solcher Fundplätze bekannt, aus Südböhmen etwa zehn (John 2010; 2021). Im Einklang mit dem allgemeinen zeitlichen Rahmen der Řivnáč- und Cham-Kulturen in Böhmen wurden sie zunächst in den Zeitraum 3200–2800/2700 v. Ztr. datiert (Zápotocký 2013). Erst durch Radiokarbondatierungen - bei denen häufig Makroreste von Kulturpflanzen untersucht wurden - konnte nachgewiesen werden, daß die Gemeinschaften in Süd- und Westböhmen diese Siedlungsplätze weiterhin bewohnten und die Keramiktradition bis mindestens 2400 v. Ztr. fortführten. Dies ist ein um etwa drei Jahrhunderte längerer Zeitraum als in den benachbarten Regionen Mittelböhmen, Ostbayern und Mähren (Vondrovský et al., im Druck). Das Fortbestehen der Traditionen von Höhensiedlungen ging mit einer nur geringfügigen Integration neuer materieller Elemente einher - vor allem Schaftlochäxte und schnurverzierte Becher -, die im frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. vorwiegend in Einzelgrabfeldern in ganz Mitteleuropa aufkamen.

Und zwar eben von Seiten des indogermanischen „Schnurkeramik-Volkes“. 

Die Frankenalp ab 3000 v. Ztr.

Wir lesen weiter (1):

Manche Gruppen nahmen diese Neuerungen nur zögerlich an oder lehnten sie weitgehend ab. In Süd- und Westböhmen fehlen nennenswerte Belege für dieses materielle Repertoire und für Einzelgräber, obwohl entsprechende Gräberfelder in den nordwestlichen und zentralen Gebieten Böhmens bereits ab 2900 v. Ztr. nachweisbar sind (Dobeš et al. 2021). Aus kulturhistorischer Sicht galten Süd- und Westböhmen während der Zeit der Schnurkeramik somit als weitgehend unbesiedelt (Menšík 2017). Die materiellen Hinterlassenschaften der Schnurkeramik sowie der späteren Glockenbecherkultur beschränken sich in diesen Regionen auf wenige isolierte Keramikfragmente und Streufunde von Streitäxten (John 2021; Metlička et al. 2007). (...) Ein Fall ist aufschlußreich: Ein typischer Streitaxtkopf von der Höhensiedlung Stupno-Břasy deutet darauf hin, daß den westböhmischen Höhensiedlungsgemeinschaften die neuen materiellen Ausdrucksformen, wie sie auf Gräberfeldern der Nachbarregionen auftraten, durchaus bekannt waren.
Vom späten 4. bis zum frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. nahm auch im Gebiet der nördlichen Frankenalb (Bayern) die Intensität der Besiedlung und Landnutzung zu (Fuchs et al. 2011; Kothieringer et al. 2023; Pechtl 2024). Spätneolithische Kulturgruppen (Bernburg - Burgerroth - Cham - Goldberg III - Wartberg) bestanden hier bis weit in das 3. Jahrtausend hinein fort (Übersicht bei Nadler 2023, 912-25). So erbrachten beispielsweise Ausgrabungen in Voitmannsdorf-Stroholz eine Höhensiedlung mit einem charakteristischen Keramik- und Steinartefaktinventar, das keine eindeutigen Elemente der Schnurkeramik aufwies - und dies, obwohl eine Radiokarbondatierung an einem Tierknochen eine Besiedlung bis mindestens 2600-2300 v. Ztr. belegte (Dürr et al. 2004). Zu diesem Zeitpunkt waren die Erscheinungsformen der Schnurkeramik (insbesondere durch charakteristische Bestattungen) im benachbarten Flachland bereits fest etabliert (Seregély 2008; Ullrich 2008; Vondrovský et al. i. Vorb.), und im Nordwesten Bayerns traten um 2550 v. Ztr. erste Inventare der Glockenbecherkultur auf (Ullrich 2008). In dieser Zeit setzten die Gemeinschaften im Norden der Fränkischen Alb zudem die lokale Tradition der Höhlenbestattungen fort, die bis in das Mesolithikum und das frühe Neolithikum zurückreicht (Richter 2023, 669–72; Seregély 2012). In der Kirschbaumhöhle wurden im Zeitraum von 2900 bis 2600 v. Ztr. menschliche Körper niedergelegt (Seregély et al. 2015).
Andere Fundplätze zeugen jedoch von einer gewissen Integration von Objekten und materiellen Ausdrucksformen der Schnurkeramik-Kultur. Diese wurden in der Fränkischen Alb vereinzelt in eher ungewöhnlichen Kontexten dokumentiert, etwa an Felsüberhängen und an markanten Felsformationen (Falkenstein 2012). Eine faszinierende Mischung kultureller Elemente zeigt sich in Wattendorf-Motzenstein, einer zwischen 2630 und 2470 v. Ztr. besiedelten Fundstelle. Obwohl der Platz als Beispiel für eine Siedlung der Schnurkeramik-Kultur angeführt wird (Müller & Seregély 2008; Seregély 2008), weist er wesentliche Merkmale des späten Neolithikums auf: eine Höhenlage sowie Grubenhäuser. Elemente der Schnurkeramik manifestierten sich dennoch in der Keramik, sowohl in Hinsicht auf ihren Stil als auch in Hinsicht auf ihre Herstellungstechnik. In dieser Hinsicht weist die Fränkische Alb Parallelen zu einigen Fundorten entlang der Westgrenze der Verbreitung der Schnurkeramik im Alpenvorland auf, wo schnurverzierte Keramik in die Traditionen der dortigen Seeufersiedler integriert wurde (Suter 2017). Es ist jedoch darauf hinzuweisen, daß eine chronologische Überschneidung von Fundkomplexen des Spätneolithikums und der Schnurkeramik für Süddeutschland allgemein anerkannt ist (Dunne et al. 2023; Furholt 2003) und eine vergleichbare Vermischung gut belegt ist für Burgerroth, etwa 80 km südwestlich der Fränkischen Alb - eine befestigte Höhensiedlung, die bis ins 26. Jahrhundert besiedelt war (zuletzt Link 2025). Die Fränkische Alb ist somit am besten als räumlich spezifisches Beispiel für Prozesse zu verstehen, die sich im 3. Jahrtausend in einem größeren Gebiet der deutschen Mittelgebirge abspielten (Drummer 2025).

Am Hohlen Stein bei Bad Staffelstein wurden ja auch Schnurkeramiker zusammen mit Wildpferden bestattet, und zwar auch eher in einer abgelegenen Höhenlage (s. Stg2021).

Insgesamt wird ein vergleichsweise vielfältiges kulturelles Nebeneinander deutlich sowohl im Frühneolithikum wie auch im Spätneolithikum in Mitteleuropa. Menschen und Kulturen sehr unterschiedlicher genetischer und kultureller Herkunft trafen aufeinander und lebten Jahrzehnte und Jahrhunderte nebeneinander her.

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  1. Václav Vondrovský: Not just a Single Story: Conceptualising the Diversity of Neolithic Lifeways in Central Europe. Proceedings of the Prehistoric Society (2026), Juni 2026, 1–15 (Resg26
  2. Rethinking Key Transformations in the Neolithic and Bronze Age Central Europe: A Radiocarbon Modeling Approach. Václav Vondrovský, Václav Hrnčíř, Daniel Hlásek ... Michaela Ptáková. Journal of Archaeological Research 34(2):1-58, December 2025 (Resg25)
  3. Evolutionary dynamics of the Timopheevii wheat lineage. Laxman Adhikari, Emile Cavalet-Giorsa, Michael Abrouk, Dal-Hoe Koo, Samara Correia de Lemos, Thomas Lux, Georg Haberer, Vitaly Portnoy, Adil Salhi, Xin Gao, Péter Mikó, István Molnár, Nathalie Rodde, John Raupp, Hakan Özkan, Manuel Spannagl, Nadia Kamal, Assaf Distelfeld, Jesse Poland, Simon Krattinger. bioRxiv 2026.07.20.739399; doi: https://doi.org/10.64898/2026.07.20.739399 (bioRxiv2026)

Samstag, 11. April 2026

Kriegseinsatz und Archäologie - 1941 bis 1945

Die Studienjahre des deutschen Archäologen Georg Kossack (1923-2004) - als exemplarisches Beispiel
Von der Schule an die Front - von der Front an die Universität

Wenn man das Selbstverständnis der deutschen Archäologen seit 1945 verstehen will, macht es Sinn, sich klar zu machen, mit welchen Erfahrungen die damalige Studenten-Generation 1945 aus dem Krieg nach Hause gekehrt ist. Als ein vielleicht willkürlich ausgewähltes Beispiel sollen im folgenden die Studienjahre des akademischen Lehrers heutiger bedeutender deutscher Archäologen (Harald Meller, Hermann Parzinger, Wolfgang Schier und anderer mehr) heraus gegriffen werden.

Abb. 1: Aus dem Studienbuch des Archäologie-Studenten Georg Kossack, Berlin 1943 (1)

Bei diesem akademischen Lehrer handelt es sich um den Münchener Archäologen Georg Kossack (1923-2004) (WikiDgtBib). Dieser hatte vormals auch in Kiel gelehrt und stammte ursprünglich aus Neuruppin in der Mark Brandenburg. Über diesen Archäologen ist im Jahr 2023 eine "Virtuelle Ausstellung" eröffnet worden, auf die sich die folgenden Ausführungen vor allem stützen (1). Dieser Archäologe Georg Kossack hatte so weise Lehren für seine Studenten im Gepäck wie die folgende (1):

Der Tag hat 24 Stunden. Sieben brauchen sie zum Schlafen, der Rest ist fürs Fach.

Ohne Frage: Hier brennt jemand für die Wissenschaft.*) Angeregt zur Auseinandersetzung mit Georg Kossack wurden wir durch die mehrfache Erwähnung desselben in einem gerade veröffentlichten Gespräch zwischen den Archäologen Harald Meller und Hermann Parzinger (2), sowie durch die Entdeckung des Umstandes, daß Georg Kossack aus Neuruppin stammte, sowie des Umstandes, daß er 1943 mit 20 Jahren als Schüler des Archäologen Hans Reinerth in Berlin in die heiligen Hallen der Wissenschaft eingetreten ist. Wir lesen (3):

Georg Kossack wuchs im brandenburgischen Neuruppin auf, wo er am 25. Juni 1923 geboren wurde und am humanistischen Friedrich-Wilhelm-Gymnasium die ersten Anregungen zur Beschäftigung mit der heimischen Vorgeschichte erfuhr, sodaß er schon vor seinem Notabitur im Jahr 1940 den Entschluß faßte, Vorgeschichte zu studieren.

Der Schüler Kossack wird in Bezug auf seinen Studienwunsch sicher auch von dem damals bedeutenden Archäologischen Museum in Heiligengrabe - in der Nähe von Neuruppin gelegen - Anregungen erhalten haben. Auf dieses lange vergessene Museum haben wir hier auf dem Blog schon vor einigen Jahren aufmerksam gemacht, nachdem wir es zufällig beim Vorbeifahren entdeckt hatten (Stg2019). (Kossack selbst erwähnt es aber in seiner eigenen wissenschaftsgeschichtlichen Darstellung mit keinem Wort [6].)

Die Eltern von Georg Kossack wohnten - zumindest 1943 - in Möhringstraße 6 in Neuruppin (1) gegenüber jenem Gebäude, in dem so manches Neuruppiner Kind in den letzten Jahrzehnten die Grundschule besucht hat. Er hatte somit nur zehn Minuten Fußweg zum Gymnasium am Marktplatz. Als Beruf seines Vaters wird "Kaufmännischer Leiter" angeführt. 

Eintritt als Kriegsfreiwilliger in die Wehrmacht - Am 1. Januar 1942

Georg Koassack ist am 1. Januar 1941 mit 18 Jahren als Freiwilliger in die Wehrmacht eingetreten - wie auf seinem Notabitur verzeichnet ist (DigtBibl).

Er wurde Angehöriger des brandenburgischen Infanterie-Regiments Großdeutschland (Wiki). Tat er das, weil er genug von der Schule hatte? War das eine Einzelentscheidung dieses Schülers? Oder haben sich damals viele Schüler - womöglich aufgrund von Werbeveranstaltungen? - als Freiwillige für die Wehrmacht gemeldet? Das geht aus den präsentierten Dokumenten vorderhand nicht hervor.

Ab 1942 kam er an der Ostfront zum Kriegseinsatz (DigBibl). Zu Anfang des Jahres 1942 war sein Regiment am Nordabschnitt der Ostfront im Einsatz, im Sommer 1942 im Südabschnitt derselben und am Ende des Jahres wieder im Nordabschnitt. Am 22. September 1942 erhielt er die Medaille "Winterschlacht im Osten 1941/1942". Kossack könnte ab Januar 1942 als Verstärkung des bis dahin durch die Kämpfe schon stark dezimierten Regiments Großdeutschland zum Einsatz gekommen sein. Es können das nicht nur erhebende Eindrücke gewesen sein für diesen jungen "Kriegsfreiwilligen" in dieser "Winterschlacht".**)

Ab April 1942 wurde das Regiment Großdeutschland zur Infanterie-Division Großdeutschland erweitert. Im Sommer 1942 war diese Division dann am Oberen und Unteren Don, am Donez und am Manytsch eingesetzt. Als Archäologie-Interessierter könnte Kossack die Landschaft dort als Heimat der Skythen wahrgenommen haben. (Als Urheimat der Indogermanen wird Kossack diese Region noch nicht wahrgenommen haben, denn sicheres Wissen darüber ist erst 2024 durch die Archäogenetik gewonnen worden, siehe die entsprechenden Beiträge hier auf dem Blog.)

Abb. 2: Lage des Frontvorsprungs bei Rschew seit Januar 1942, der erst im März 1943 von den Deutschen geräumt wurde

Ab 10. September 1942 wurde die Division Großdeutschland dann wieder am Nordabschnitt der Ostfront eingesetzt, und zwar in den Kämpfen um den Frontbogen um Rschew (Wiki) an der Oberen Wolga. Dort wurde die Division zum Gegenstoß angesetzt (Wiki):

Die Rote Armee antwortete mit dem verbundenen Einsatz von Artillerie, Werfern, Minen und besonders vielen Scharfschützen. Die Division Großdeutschland erlitt „hohe und höchste“ Verluste, die Panzerabteilung verlor 80 % ihrer Fahrzeuge. (...) In diesem Raum sollte die Division im Bereich des XXIII. und XXVII. Armeekorps den Rest des Jahres 1942 verbringen und sich während der sowjetischen Operation Mars im Lutschessa-Tal und bei Olenino den Namen „Feuerwehr“ verdienen. Die Infanterie-Division Großdeutschland wurde von jetzt an immer an Brennpunkten der Front eingesetzt. Das Jahr 1943 war zunächst für die Division mit dem Abschluß der Einsätze im Raum südlich von Rschew verbunden. Am 9. Januar traf der Befehl zum Abtransport nach Nowy Oskol ein.

Außerdem lesen wir (Wiki):

Bis Ende Januar 1943 war die Wehrmacht im Raum Rschew, Demjansk und Leningrad pausenlosen Angriffen der Sowjetarmee ausgesetzt, die allerdings nicht stark genug waren, um einen unmittelbaren Zusammenbruch befürchten zu lassen.

Im Zusammenhang mit diesen Kämpfen dürfte Kossack dann noch vor dem 9. Januar 1943 den "Verlust beider Unterschenkel infolge Erfrierungen" erlitten haben, von dem berichtet wird. Die Unterschenkel wurden amputiert, Kossack konnte sich aber mit Prothesen fortbewegen. Es ist das die selbe Zeit, in der die 6. Armee in Stalingrad ihren letzten Kampf führte (Abb. 2).

Studienbeginn in Berlin 1943 - Als Schüler von Hans Reinerth

Nach seiner Genesungszeit wurde Kossack am 21. September 1943 aus der Wehrmacht zurück nach Neuruppin entlassen. Er hatte aber vorher schon Resturlaub erhalten und im Sommersemester 1943 in Berlin mit dem Studium begonnen.

Abb. 3: Studienbuch von Georg Kossack, belegte Lehrveranstaltungen im Sommersemester 1943 in Berlin

Er studierte im Sommersemster 1943 bei Professor Hans Reinerth an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. Es war dies der bedeutendste Vertreter der sogenannten "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie (s. Stg17). Kossack hörte bei Reinerth die Vorlesungen "Die Bronzezeit" und "Die Germanen, ihre kulturelle und politische Leistung". Er nahm an einem Unter- und einem Oberseminar Reinerths teil. Außerdem hörte er bei anderen Professoren Vorlesungen, so zu "Wesen und Weltbedeutung der griechischen Kunst", zu "Geschichte der deutschen Philosophie bis Kant" und schließlich auch noch zu "Rasse und Volk" bei Professor Wolfgang Abel (Wiki). Dies war der Lehrstuhl-Nachfolger des Anthropologen Eugen Fischer. Den Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin hatte von 1992 bis 2001 Achim Leube (geb. 1936) (Wiki) inne, der 1971 in die SED eingetreten war. Er sagte 2004 über die Studenten, die bei Hans Reinerth in Berlin studiert hatten (9):

Vom Sommersemester 1935 bis Wintersemester 1944/45 studierten im 1. oder 2. Hauptfach bzw. im Nebenfach nach einer ersten Zusammenstellung 71 Studenten "Vorgeschichte", darunter 23 Frauen, d. h. ein Drittel aller Studierenden. Zu ihnen gehörten auffallend viele Berliner Stadtkinder, die aus dem mittleren oder Kleinbürgertum sowie aus Arbeiterschichten kamen (Wohnraum: Berlin-Lichterfelde und -Steglitz). Es kamen zu Reinerth aber auch Studierende aus dem gesamten Deutschland und nur vereinzelt aus dem Ausland, wie der Schwede Graf Eric Oxenstierna. Reinerth brachte anfangs von der Universität Tübingen einige Studenten mit und auch von Marburg kamen mindestens zwei Studenten.
Eine vorläufige Statistik der Promotionen im Fach Prähistorie an den deutschen Universitäten ergibt, daß zwischen 1933 und 1945 mindestens 81 Promotionen und Habilitationen durchgeführt wurden. Die meisten Dissertationen wurden am Berliner "Institut für Vorgeschichte und Germanische Frühgeschichte" absolviert. So haben in Berlin 19 Studenten das Studium mit der Promotion abgeschlossen, d. h. jeder vierte. Nur neun der Dissertationen, d. h. weniger als die Hälfte, wurden jedoch publiziert. (...) In anderen Arbeiten wurden Beobachtungen aufgegriffen, die durchaus als übergreifende Forschungsthemen definiert werden könnten. Dazu gehörte die Untersuchung technischer Entwicklungen, wie der Schiffbau (Friedrich Hufnagel), das Beleuchtungswesen (Hans v. Chorus) und das Bekleidungswesen (Walter v. Stokar) (...). Nach 1945 haben im Fach nur fünf Prähistoriker aus dem Umfeld Reinerths Fuß gefaßt. Es ist eine gewisse Tragik, daß der Mehrheit dieser jungen Menschen eine Zukunft im Fach versagt geblieben ist. Viele von ihnen sind offenbar in Verwaltungen oder im Lehrerberuf verblieben. Von den 48 bekannten männlichen Studenten sind 17 Personen im Krieg gefallen, d. h. jeder dritte.

Achim Leube wird gewußt haben, wovon er sprach. Eine ähnliche "Tragik" wird es für manchen DDR-Archäologen und Archäologie-Studenten nach 1989 gegeben haben. Ansonsten: Man ist immer wieder erschüttert über die Kriegsverluste der deutschen Archäologie-Studenten. Unter der Schülerschaft von Gero von Merhart war es ähnlich (siehe unten). Wie es dazu kam, daß so wenig Schüler von Hans Reinerth nach 1945 im Fach Fuß fassen konnten, dazu hat dieser genannte Gero von Merhart allerdings sehr viel beigetragen - wie wir weiter unten noch hören werden.

Zurück zu Georg Kossack. Im Wintersemester 1943/44 studierte er Archäologie in Halle bei Walther Schulz (Wiki). Dies war der Nachfolger von Hans Hahne, des Neugestalters des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Halle. Auch sie waren beide zugehörig zur "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie.

Abb. 4: Das Hauptwerk von Hans Reinerth ab 1940***)

Im Sommersemester 1944 studierte Kossack dann in Freiburg im Breisgau bei dem Archäologen Georg Kraft (1894-1944) (Propyl). Kraft hatte wiederum gemeinsam mit Reinerth in Tübingen studiert. Kossack hörte bei ihm die Vorlesung "Die Kelten", verfolgte in Freiburg auch weiterhin seine Interessen für griechischen Kunst, hörte auch die Vorlesung "Deutsche Plastik im 13. und 14. Jahrhundert". Außerdem belegte er drei Lehrveranstaltungen bei dem Professor für Anthropologie Johann Schäuble (1904-1968) (Wiki). Dieser sollte ab 1957 die "Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie" heraus geben. Sodann lesen wir (DigBibl):

Das weitere Studium in Freiburg im Breisgau war nicht mehr möglich, weil Georg Kraft bei den Luftangriffen (Operation Tigerfish) auf Freiburg am 27. November 1944 getötet worden war.

- - - Nur noch mal zur Einordnung: Das war keine reguläre Kriegsführung. Das war Kriegsverbrechen. - Was für krasse Studienjahre. Sterben war allerdings für den Studenten Georg Kossack nichts Neues. Für das Wintersemester 1944/45 wechselte Kossack zurück nach Halle.

Das Schiff sinkt ... - schnell runter ... - November 1944

Doch nun stellen wir eine entscheidende Wende im Leben von Georg Kossack fest. Innerlich scheint sich Kossack spätestens zu diesem Zeitpunkt für eine ganz andere Richtung hinsichtlich der Fortsetzung seines Studiums entschieden zu haben: Alle bisher genannten Archäologen - in Berlin, in Halle und in Freiburg - gehörten der sogenannten "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie an. Schon vor seinem Wechsel zurück nach Halle muß Georg Kossack aber nun an den schon emeritierten Marburger Archäologen Gero von Merhart (1886-1959) (Wiki) geschrieben haben und ihn um Rat gefragt haben, was die Weiterführung seines Studiums betrifft. (Der Lehrstuhlnachfolger von Merhart in Marburg, Wolfgang Dehn [Wiki], war 1944 zum wiederholten mal zur Wehrmacht eingezogen worden. Deshalb hat Merhart für ihn die Lehrveranstaltungen bis 1947 übernommen, bis Dehn aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück gekehrt ist.) 

Welche Überlegungen, gegebenenfalls Gespräche unter den Studenten und akademischen Mitarbeitern Kossack bei dieser Kontaktaufnahme zu Merhart leiteten, ist bislang nicht klar. Vielleicht haben ja sogar Angehörige der Kossinna-Schule selbst Kossack zu diesem Schritt geraten. Gero von Merhart war - sozusagen - einer der führenden Köpfe der ideologischen Gegner der "Kossinna-Schule". Das wird Georg Kossack sicher deutlich bewußt gewesen sein. Und sein Wechsel nach Marburg war diesbezüglich sicher eine sehr bewußte Entscheidung. Hat Kossack mit dem nahenden Kriegsende voraus gespürt, daß es für ihn als Schüler der Kossinna-Schule in der deutschen Archäologie keine Zukunft mehr geben würde? Das haben in jenen Jahren wohl viele Archäologen ähnlich frühzeitig wahrgenommen. Denn Reinerth stand in jener Zeit schon ziemlich isoliert innerhalb seines eigenen Faches da.

Gero von Merhart hatte das Jesuiteninternat Stella Matutina in Feldkirch in der Schweiz besucht und hatte dort 1906 die Matura erworben (Acad). In den 1930er Jahren sandte er auch wieder seine eigenen Söhne auf dieses Jesuiteninternat. Unter anderem deshalb war er von Seiten der "Kossinna-Schule" als Teil eines christ-katholischen Netzwerkes wahrgenommen worden, das sogar innerhalb des Dritten Reiches sehr einflußreich geblieben sei, und aufgrund dessen mehrere Archäologen der Kossinna-Schule sogar während des Dritten Reiches glaubten, bespitzelt zu sein. Merhart wurde aufgrund dieser Gegnerschaft im Jahr 1938 als Professor beurlaubt. Er erhielt allerdings im Gegenzug einen Forschungsauftrag des SS-Ahnenerbes, den er auch annahm (8). Der erstere Umstand wurde nach 1945 hervor gehoben, der letztere Umstand trat völlig in den Hintergrund. Er ist dementsprechend auch bis heute auf Wikipedia nicht erwähnt. - Merhart antwortete nun auf Kossack's Schreiben. Und Kossack schrieb am 17. Dezember 1944 an Merhart:

Es war für mich eine große Beruhigung, in der Weiterführung des Studiums nunmehr klarer sehen zu können als es sonst der Fall sein mußte.

Er schreibt schon, daß er bezüglich der Zimmersuche in Marburg mit einer baldigen Zusage rechnet und daß er deshalb hofft, bald nach Marburg kommen zu können:

Bis zu diesem Zeitpunkt werden ja wohl hoffentlich die äußeren Umstände, unter denen wir alle im Äußersten zu leiden haben, günstigere sein. 

Eine auffallend "optimistische" Äußerung für jemanden, der am 17. Dezember 1944 mitten in Deutschland lebt, und dessen akademischer Lehrer in Freiburg gerade im Bombenhagel ums Leben gekommen war.

Zunächst setzte Kossack noch bis zum Semesterende sein Studium in Halle fort, wo er wieder Vorlesungen und Seminare bei Walther Schulz besuchte. Er hörte aber auch wieder Vorlesungen zur "Erb- und Rassenlehre", sowie "Rassenbiologie", diesmal bei Professor Georg Frommolt, einem in Halle angesehenen Gynäkologen und Anthropologen.

Halle wird durch die US-Armee besetzt - 19. April 1945

Am 19. April 1945 wurde Halle durch die 104. US-Infanteriedivision („Timberwolf-Division“) eingenommen. Die Kämpfe um die Stadt dauerten vier Tage, bevor die Übergabe erfolgte. Es gab aber keine größeren Zerstörungen.

Am 23. Mai 1945 wurde für Georg Kossack vom "Military Gouvernement of Germany" eine "Temporary Registration" ausgestellt, nach der er sich nicht aus Halle entfernen durfte - unter Androhung von sofortigem Arrest.

Neubeginn in Marburg - September 1945

Erst im September 1945 wird Kossack dann für das Wintersemester 1945/46 in Marburg eingetroffen sein. Dort ist er nun für sein 5. Fachsemester an der Universität Marburg eingeschrieben. Welche inneren Verschiebungen, äußeren Erfahrungen und Gespräche mögen es gewesen sein, die den einstigen Kriegsfreiwilligen des Jahres 1940 im Verlauf der vier Jahre bis Ende 1944 nun so entschieden nach Marburg wechseln ließen? 

Abb. 5: Gero von Merhart mit Dokotoranden und Studenten vor der Elisabethkirche in Marburg 1938 - Margarethe Philippson 2. v.r. (AktaArcha)

Die ersten sieben Veranstaltungs-Eintragungen im Studienbuch für das Wintersemester 1945/46 liegen alle im Bereich Germanistik, in dem er bislang nicht studiert hatte. Diese germanistischen Studien hat er auch in den Folgesemestern in kleineren Anteilen fortgesetzt, ergänzt durch Lehrveranstaltungen zur allgemeinen Geschichte. So hörte er etwa auch eine Vorlesung zur "Geistesgeschichte Rußlands im 18.-19. Jahrhundert". Bei Gero von Merhart hörte er "Einführung in die Urgeschichte" (1):

Die prägenste akademische Station für Georg Kossack war das Studium im sogenannten "Marburger Laden". Neben Gero von Merhart (1886-1959) gestaltete Margarete Philippson (genannt "Der Philipp") das Institutsleben, "... weil sie aus dem Seminar einen 'Laden' formte, eine Gemeinschaft, deren Mitglieder sich in politisch schwieriger Zeit aufeinander verlassen konnten und Freundschaften schlossen, die lebenslang hielten." (G. Kossack 1986, S. 4).

So zitiert nach (4). Diese Margarete Philippson (geb. 1903) (DigBibl) war die langjährige Sekretärin Merharts (Propyl). In einer Veröffentlichung des Jahres 1973 erinnert sich jemand an die Fürsorge (GB, 1973, S. 333), ...

... die mir Merharts langjährige Sekretärin, Frau Margarete Philippson, Marburg, hat zuteil werden lassen. Sie hatte uns Jüngere ja schon während unseres Studiums betreut, war uns Kamerad geworden und zuverlässiger Mentor in schwierigen Lagen. Sie hat Merharts Schicksal treu und uneigennützig mitgetragen, verstand ihn wie niemand sonst und wußte in vielen Gesprächen die Stimmung wiederzuerwecken, die die Persönlichkeit Merharts in guten wie in schweren Tagen um sich verbreitet hat.

Erschütternd die Zeilen, die Gero von Merhart am 23. Mai 1946 an seinen vormaligen Kollegen Gerhard Bersu schrieb, der nach England emigriert war (zit. n. 8):  

Von meinen und jedenfalls teilweise Ihren Schülern sind Buttler, Kersten, Holste, Wagner, Eckes, Lucke, Behaghel und Grünberg draußen geblieben und Nass in der Fremde gestorben.

Kossack blieb in Marburg bis zum Sommersemester 1947. Wir lesen (2): 

Mit dem Wechsel nach Marburg 1945/46 brach für Kossack ein entscheidender neuer wissenschaftlicher und persönlicher Lebensabschnitt an. Als Teil einer jungen, in jeder Hinsicht vom Krieg versehrten Generation fand Kossack in Marburg mit Gero von Merhart nicht nur einen akademischen Lehrer, der selbst im Nationalsozialismus durch die Aktivitäten Hans Reinerths seinen Lehrstuhl verloren  hatte, sondern auch eine Persönlichkeit, die für diese Generation prägend wirken sollte und für einen ideologiebefreiten Neubeginn des Faches stand.

Nunja, "ideologiebefreiter Neubeginn", das klingt ein bisschen nach Plattitüde, das klingt schon wieder für sich selbst "propagandistisch", plakativ. Nein, wir können es auch genauer sagen: Es ist nicht ideologiefrei, wenn ich bereit bin, wissenschaftlich alles für richtig zu halten nur nicht das, was ein Gustaf Kossinna und seine Schüler und "Enkel" für richtig gehalten haben. Genau das ist erneut: "Ideologie".

Die Rolle Gero von Merhart's in den Entnazifizierungsverfahren zahlreicher Fachkollegen, die fast alle Nationalsozialisten waren und der SS angehört hatten, ist schon 2012 in einer Studie kritisch hinterfragt worden (8) von einer Marburger Archäologin, die zu Gero von Merhart eine Magisterarbeit vorgelegt hatte und zu ihm auch eine Doktorarbeit erarbeitete (die wohl bis heute nicht veröffentlicht ist [?] - so groß scheint das Interesse in ihrem kritischen Hinterfragen dann innerhalb des Faches doch nicht zu sein). Zusammenfassend ist dabei festgestellt worden, daß Gero von Merhart maßgeblich zur "Legendenbildung" beigetragen hat was die Geschichte der deutschen Archäologie zwischen 1933 und 1945 betrifft (8):

Die Entnazifizierungsverfahren, an denen Merhart mitwirkte, stützen sich dabei auf den Versuch, ein Schwarz-Weiß-Bild der NS-Prähistorie zu zeichnen. Hans Reinerth bekam darin den Part des „Bösen“, also Auszuschließenden, der damit auch die Funktion hatte, die „Guten“ zu entlasten. Einher ging dies mit der Festschreibung, Reinerth habe völkisch übersteigerte Germanomanie betrieben, während die Merhart nahestehenden Forscher methodisch sauber und objektiv wissenschaftlich gearbeitet hätten. Diese Sicht steht in einem direkten Gegensatz zur gesamtgesellschaftlichen Entlastungslegende, die in der SS den Hauptakteur der deutschen Verbrechen sehen wollte. Sie schlägt sich noch zwanzig Jahre später in den beiden Arbeiten von Reinhard Bollmus (1970) und Michael Kater (1974) nieder und bestimmt, von diesen Arbeiten ausgehend, auch heute noch oft die Forschung. Einen Blick auf die direkte Nachkriegszeit zu werfen, bedeutet daher, zu den Anfängen der Legendenbildung zurückzukehren.

Wie wir unten noch sehen werden, ist auch Kossack dieser "Legendenbildung" bis zu seinem Lebensende nicht entgegen getreten, weshalb sie bis heute so außerordentlich stark nachwirkt. Übrigens weist die Rolle Gero von Merharts viele Parallelen auf mit der zeitgleichen Rolle, die der führende Pastor der Bekennenden Kirche Martin Niemöller nach 1945 bei der Rehabilitierung zahlreicher Pfarrer spielte, die zuvor den "Deutschen Christen" angehört hatten. Aber das nur nebenbei.  

Der wissenschaftliche Nachlaß von Georg Kossack soll übrigens noch mancherlei spannende Details enthalten, die auf die Zusammenhänge Licht werfen könnten. Darüber wird unter anderem angeführt (3):

Ein anderes Beispiel betrifft Kossacks Sammlung von für ihn forschungsgeschichtlich interessanten Quellen. Eine dieser Quellen ist die schriftliche Dokumentation einer Veranstaltung der Stadt Ahrensburg zum Umgang mit dem Andenken an Alfred Rust unter dem Titel »Alfred Rust und die Rahmenbedingungen für die Archäologie im Dritten Reich« vom November 2000. Die Veranstaltung dokumentiert die hitzige Diskussion, ob ein archäologischer Lehrpfad nach dem Ahrensburger Ehrenbürger Alfred Rust benannt werden soll und wie Rusts Tätigkeit für das »Ahnenerbe« und seine freiwillige Meldung zur Waffen-SS zu bewerten seien (vgl. Pape 2002, 330). Diese Diskussion steht exemplarisch  für die Konfliktlinien im Umgang mit deutschen Prähistorikern, deren Karrieren vor 1945  erst in den letzten 20 Jahren verstärkt Beachtung geschenkt wurde. Auch wenn Kossack  sich in diesem Themenfeld in erster Linie zum Fall Merhart und zur Rolle Hans Reinerths geäußert hat, so finden sich doch zahlreiche - meist unpublizierte - Quellen und Notizen zu diesen Fragen in seinem Nachlaß (Kossack 1999, 56–76).

Es dürfte spannend sein, darüber noch mehr zu erfahren. Und wir wollen solche Fragestellungen auch hier auf dem Blog weiter im Auge behalten.

Kossack's Darstellung zur Geschichte der deutschen Archäologie im Dritten Reich (1999)

Georg Kossack wurde im Jahr 1988 emeritiert. Zehn Jahre nach seiner Emeritierung und fünf Jahre vor seinem Tod gab er eine Darstellung zur Geschichte seines Faches während des 20. Jahrhundertes und insbesondere auch während des Dritten Reiches (6). Es handelt sich um jene, die am Ende des letzten Zitates erwähnt worden ist. Diese Darstellung läßt den Leser mit eigentümlichen Gefühlen zurück. An zentraler Stelle derselben zitiert er einen Brief von Gero von Merhart aus dem Herbst 1945 an den ostdeutschen Archäologen Bolko Freiherr von Richthofen. Merhart's darin enthaltene Sichtweise auf die Entwicklung des Faches bis dahin scheint Georg Kossack noch im Jahr 1999 vollständig zu teilen. Dies gilt insbesondere auch bezüglich der Würdigung der Verdienste von Gustaf Kossinna, die sich in diesem Brief von Merhart auch findet.

1. Zur Einordnung Kossinna's in die Wissenschaftsgeschichte

Kossack führt in seiner Darstellung einleitend aus (6):

Nach dem ersten Weltkrieg trat bei manchen Archäologen in Deutschland der nationale, völkische Gedanke in den Vordergrund und spornte zu intensivierter Germanenkunde an, vor allem in den Ländern ostwärts der Elbe. Heute beurteilt man die Gelehrten, die diese Richtung vertraten, als Wegbereiter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das ist genauso irreführend als wenn man behauptete, alle Vorgeschichtsforscher der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR hätten dort die ideologischen Voraussetzungen für die „sozialistische“ Diktatur geschaffen, nur weil einige in führender Position den historischen Materialismus als einzig mögliche Methode auch prähistorischer Forschung praktizierten.

Er stellt ausführlich die Fragestellungen, Bestrebungen und Sichtweisen des Anthropologen und Archäologen Rudolf Virchow dar und die sich daran anknüpfenden Fragestellungen und Sichtweisen von Forschern anderer Fächer. In den Rahmen all dieser Bestrebungen ordnet er dann - sozusagen "harmonisch" - die Fragestellungen und Sichtweisen von Gustaf Kossinna ein.

Abb. 6: Titelseite der Darstellung von Georg Kossack, 1999

Kossinna erscheint danach keineswegs als "bracchialer Neuerer", sondern als jemand, der Fragestellungen anderer Disziplinen erstmals konkreter auf die Archäologie angewandt hat (6):

Der Grundgedanke, aus der Verbreitung typischer Formen des Sachbesitzes auf verkehrsgeographisch begründbare Räume und infolgedessen auf Territorien zu schließen, die ethnisch einheitliche Bevölkerungsgruppen bewohnten, geht auf Überlegungen der Anthropogeographie zurück. Carl Ritter (1779-1859) und Friedrich Ratzel (1844-1904) hatten dieses Wissensgebiet zu einer selbständigen Disziplin gemacht, wobei Ratzel an die philosophischen Systeme von Montesquieu und Herder anknüpfte und vornehmlich aus ethnographischen Quellen schöpfte. Die Menschen, lehrte er, seien keine beliebig manipulierbare Größe im historischen Prozeß, sie unterschieden sich nach biologischen Merkmalen wie nach ihren kulturellen Einrichtungen. Deshalb dürfe man von raumbezogenen Kulturgruppen sprechen. Aus anthropologischen Merkmalen und ethnographisch beschreibbaren Besitztümern ließen sich die Beziehungen zwischen den Völkern rekonstruieren. Außer den sprachlichen Eigentümlichkeiten müsse vor allem der Verbreitung der Gegenstände Bedeutung zugemessen werden, „weil die Gegenstände den Stempel des Volkes tragen, das sie verfertigte. Wir erkennen an ihnen, wo immer sie auftreten mögen, das Volk, von dem sie ausgehen“ (1891). Deshalb spiegele sich in ihrer geographischen Verbreitung der Verbreitungskreis des Volkes oder dessen Verkehrsraum wider. Je enger das Objekt mit denjenigen zusammenhinge, die es verwendeten, desto sicherer setze ihre Übertragung in andere Kulturkreise Völkervermengung und -mischung voraus. Diese Gedanken waren bei den Kontakten der Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte im „anthropologischen Zeitalter“ des Faches in Deutschland gemeinsame Überzeugung aller Forscher. Für die prähistorische Archäologie sie präzise formuliert zu haben, war das Verdienst eines Germanisten, Gustaf Kossina (1858-1931). Wenn zum Begriff „Volk“ seit Herder ein abgeschlossenes, mehr oder weniger dicht besiedeltes Landgebiet von annähernd einheitlicher Kultur und Sprache gehörte, müßten, folgerte Kossinna 1895, in den „archäologischen Kulturprovinzen“ Völker- oder Stammesgebiete stecken. Später erhob er diese Hypothese zum Lehrsatz: „Scharf sich heraushebende, geschlossene archäologische Kulturprovinzen fallen unbedingt mit bestimmten Völker- und Stammesgebieten zusammen“.

In einer Anmerkung nennt Kossack wissenschaftliche Literatur, die sich mit Kossinna befaßt und stellt in diesem Zusammenhang erneut fest:

... hier als einer der Wegbereiter nationalsozialistischer Ideologie beurteilt, eine Simplifizierung, die von geringer Kenntnis der Ära zeugt, die Kossinna geprägt hat (s.u. S. 39 ff).

Wie er selbst Kossinna beurteilt, wird aus den weiteren Ausführungen deutlich (6):

In Richard Wagners „Ring“, 1876 erstmals zusammenhängend aufgeführt und schon damals als nationale Tat gefeiert, schien germanisch-deutsches Wesen wiederzuerwachen. Viele Deutschbewußte verstanden dieses Erlebnis als Einladung, sich intensiver mit Germanenkunde zu befassen, die damals in der Literatur- und Sprachwissenschaft als philologische Teildisziplin Hervorragendes geleistet hatte. Indessen, der sich formierende Widerstand gegen den raschen Aufschwung experimenteller Fächer und die unheilvollen Folgen rasanter Industrialisierung, gegen den fortschreitenden Zerfall der alten Standesordnung und deren Wertbegriffe, schließlich gegen die steigende Gewinnsucht und das Imponiergehabe eines saturierten Bürgertums, er rief jene „völkische Bewegung“ ins Leben, in der sich alsbald auch namhafte Akademiker zusammenfanden. Sie verteilten sich zwar auf zahlreiche Organisationen mit variierenden Programmen, aber der Gedanke an eine Reform des Lebens, die in der edlen Größe des Germanentums ihr Vorbild haben sollte, einte sie. Insofern legten sie ein pseudophilosophisches Fundament, auf dem die „Konservative Revolution“ der zwanziger Jahre weiterbauen konnte.

So weit, sicherlich so richtig. Und man möchte fast vermuten, Kossack würde hier auch über seine eigene Jugendzeit schreiben. Ausdrücklich kenntlich macht Kossack das allerdings nicht. Kossinna, so schreibt Kossack weiter (6), ...

... ließ sich von einer geistigen Bewegung tragen, die man sehr bewußt als Abkehr von der bürgerlich-liberalen Kultur der Zeit empfand. Wer gemeinschaftlich die mannigfaltigen Erscheinungsformen der Natur, der bäuerlichen Lebensweisen und die Werke aus urbaner Vergangenheit erwanderte, für den erwuchs daraus ein geschärftes Wertbewußtsein für die Schöpferkraft, die in den Leistungen des eigenen Volkes Gestalt gewann. Dem Bedürfnis, dessen Ursprung nachzugehen, entsprach Kossinna schon 1912 in seinem Buch „Die deutsche Vorgeschichte, eine hervorragend nationale Wissenschaft“.

Auch dies ist sachlich richtig. Und man möchte auch hier wieder fast heraus hören, was Kossack selbst in seiner Jugend dazu veranlaßte, Archäologie zu studieren - als Schüler dieser Kossinna-Schule und geprägt womöglich auch aufgrund von Erfahrungen in der Hitler-Jugend des Dritten Reiches. Daß Kossack sich der Einseitigkeiten der Kossinna-Schule bewußt ist, wird ebenso deutlich und wird auch gut durch Gero von Merhart in seinem Brief vom Herbst 1946 gekennzeichnet.

2. Zur deutschen Archäologie während des Dritten Reiches

Kossack's Darstellung der Geschichte der deutschen Archäologie während des Dritten Reiches wird man nun allerdings doch recht einseitig nennen müssen. Er folgt nur der Sicht Gero von Merhart's auf diese Geschehnisse, in keiner Weise der Selbstwahrnehmung der Kossinna-Schule in dieser Zeit. Er stellt es so dar, als ob der starke, totalitäre Staat den machtlosen "redlichen" Archäologen gegenüber gestanden sei. Das ist sicherlich eine Facette dieses Geschehens - aber nicht das vollständige Bild. Unter Berufung auf (7) führt er aus, es seien von Seiten des Staates gebraucht worden (6) ...

... organisatorisch begabte, selbstbewußte Naturen, die es an den Schaltstellen der Macht vor allem unter jungen Leuten in etlicher Menge gab, in Parteiämtern, im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und auch in der Notgemeinschaft (Deutsche Forschungsgemeinschaft), die seit 1920 viele Unternehmen und qualifizierten Nachwuchs finanziell gefordert hatte, aber nach der Machtübernahme Hitlers dem „Führerprinzip“ glaubte folgen zu müssen. Man begann dort alsbald, auch Rosenbergs parteiamtliche Kontrollbehörde und Himmlers Schützlinge mit erheblichen Beträgen zu unterstützen, bis 1936 die einsetzende Kriegswirtschaft („Vierjahresplan“) eine Wende in der Wissenschaftspolitik notwendig erscheinen ließ. Wie sie sich auf die Forschungsgemeinschaft auswirkte, untersuchte kürzlich Notker Hammerstein (1999). Ein Protege Himmlers, höherer SS-Offizier, im Ministerium leitend tätig, übernahm die Präsidentschaft der Forschungsgemeinschaft, weitete die Förderung auf kriegswichtige Zweckforschung aus („Reichsforschungsrat“), zu der auch die Volkstumsforschung aller einschlägigen Sparten zählte, und vergaß dabei das „Ahnenerbe“ nicht, während er Rosenberg die bis dahin reichlich fließenden Mittel sperrte. Das hinderte jedoch weder den Reichsleiter noch dessen Gehilfen im Amt Vorgeschichte, Hans Reinerth (1900-1990) daran, Professoren konservativer Geisteswissenschaften unsachlich, ja rüde zu diskreditieren.

In dem letzten zitierten Satz fehlt der logische Zusammenhang mit den vorhergehenden Ausführungen. Mittelsperrung hätte Reinerth also "hindern" sollen, "rüde zu diskreditieren"? Könnte es nicht umgekehrt sein, daß Reinerth auch in dieser Mittelsperrung Machenschaften seiner "Gegner" sah, die dazu geführt haben könnten, daß sich sein Ton und sein Verhalten gegenüber den von ihm identifizierten "gegnerischen" Netzwerken verschärfte? Daß auch eine solche Sichtweise zumindest möglich ist, fehlt uns bei der Darstellung von Kossack. Kossack weiter (6): 

Das trieb etliche Studenten und Fachvertreter in die Arme der SS und ihres „Ahnenerbes“ , weil sie sich dort unangreifbar, der herrschenden Klasse zugehörig wähnten. Reinerth, bis 1934 Dozent in Tübingen, wo er sich ungerecht behandelt fühlte, im Rosenbergschen „Kampfbund für deutsche Kultur“ in leitender Position tätig, wurde 34jährig an die Berliner Friedrich Wilhelms-Universität und zugleich in die erwähnte parteiamtliche Kontrollbehörde berufen. Er setzte sich sogleich vehement für das geplante Reichsinstitut ein, auch mit unredlichen Mitteln, die er um so bedenkenloser nutzte, je mehr er Widerstand gegen seine Person und seine Forderung nach alleiniger Führerschaft vernahm (Heiber 1966, 245ff.; Bollmus 1970, 162ff. 221 ff.; Junker 1997, 55ff). Seine Gegner fand er im Marburger Kreis um Gero v. Merhart und in den Präsidenten des Archäologischen Instituts, Gerhard Rodenwaldt (1886-1945) und Theodor Wiegand (1864-1936), der zur Führungsspitze des Staates Verbindungen unterhielt.

Bei dem erwähnten "Protege Himmlers" handelt es sich um Rudolf Menzel (1900-1987) (Wiki), von dem berichtet wird, daß er schon in Göttingen "Netzwerke" geknüpft habe, und daß er ein ausgesprochener Karrierist gewesen sei. Während Kossack also noch verstehende Worte für Kossinna findet, findet er solche für Hans Reinerth in keiner Weise mehr.

Im Gegenteil. Ohne eigene Distanzierung und Einordnung zitiert er einen Brief Gero von Merhart's aus dem Herbst 1945 an den ostdeutschen Archäologen Bolko Freiherr von Richthofen, in dem Merhart Reinerth nichts weniger als einen "Lumpen" nennt, und in dem er von der "Schuld" ostdeutscher Kollegen am Niedergang des Faches spricht, und in dem er spricht von den "wissenschaftlich-politisch-weltanschaulichen Bastarden", die die Fehlentwicklung des Faches hervor gebracht hätten. Das sind schon krasse Bewertungen und Stimmungen, die aus diesem Brief sprechen. Ist es wirklich so, daß Gero von Merhart selbst völlig von "Rachsucht" frei war? Wenn dieser Brief also womöglich insgesamt auch rein sachlich die Entwicklungen innerhalb der deutschen Archäologie zwischen 1933 und 1945 ganz treffend charakterisiert, wird doch deutlich, daß Merhart persönlich in gar keiner Weise erhaben "über den Dingen" stand. Sondern auch dieser Brief schüttete nur wieder neues Öl ins Feuer. Mehrhart schreibt gar (6):

Die niederträchtige Behandlung, die Reinerth unter Deckung Rosenbergs mir widmete, hat meine Gesundheit zerschlagen.

Da scheint rein menschlich alles Porzellan zerschlagen, das überhaupt nur hatte zerschlagen werden können. Als Nachgeborener fragt man sich, woher diese überaus starken Emotionen gerührt haben mögen. Merhart selbst stellt sich nur als Opfer, nicht als Mitwirkender in Netzwerken und nicht als Nutznießer von Netzwerken dar, die ebenfalls während des Dritten Reiches über Einfluß verfügten. Kossack übernimmt diese Sichtweise Merharts offenbar vollständig. Eigenwahrnehmungen läßt Kossack nicht einfließen. Zu diesen ist sein Mund wie "zugenäht".

Walter Jens war gleichen Jahrgangs wie Kossack. Walter Jens starb zehn Jahre nach Kossack. Das Buch seines Sohnes Tilman Jens "Demenz - Abschied von meinem Vater" erschien 2009, zehn Jahre nach dem hier behandelten Aufsatz von Georg Kossack. Ob mit diesem Buch nicht auch der innere Zwiespalt, die "Demenz" und der zugenähte Mund eines ganzen Jahrgangs gekennzeichnet ist?

Soweit wir die wissenschaftliche Literatur zur Wissenschaftsgeschichte der Archäologie im Dritten Reich übersehen, werden selten bis nie Verbindungen und Überschneidungen gesehen und aufgezeigt mit dem damaligen, parallelen "Kirchenkampf" im Dritten Reich, mit der damaligen "Glaubenskrise" im Dritten Reich (rund um die sogenannten "Deutschen Christen"). Es ist aber doch deutlich, daß die Kossinna-Schule der deutschen Archäologie - ebenso wie Alfred Rosenberg selbst - klar für einen damaligen, starken neuheidnischen Impuls im deutschen Geistesleben standen. Und zumindest soweit es die Eigenwahrnehmung der Kossinna-Schule selbst betrifft, wehte ihr gerade wegen dieses fehlenden christlichen "Gesangbuches" so viel Gegenwind aus der eigenen Facharchäologie entgegen. Und sie sahen diesen Gegenwind insbesondere in Gero von Merhart verkörpert, der, wie erwähnt, nicht nur selbst in der Schweiz auf ein Jesuitengymnasium gegangen war, sondern der auch seine eigenen Söhne auf dieses schickte.  

/ Letzte Ergänzungen 
nach (8 und 9): 7.5.2026 /

______________

*) Während der Verfasser dieser Zeilen über Kossack schreibt, muß er oft an seinen eigenen akademischen Lehrer, den Mainzer Bismarck- und Fontane-Biographen Ekkhart Verchau (1927-2016) (Wiki) denken. Verchau stammte aus Salzwedel in der Altmark und war vier Jahre jünger als Kossack. Aber in Bezug auf eine gewisse "Bärbeißigkeit" mögen Ähnlichkeiten bestanden haben. 
**) Über das, was das Regiment Großdeutschland bis Januar 1942 schon alles durchgemacht hatte, ist zu lesen (Wiki):
Die endgültige Wende in der Schlacht um Moskau brachte die sowjetische Gegenoffensive ab dem 5. Dezember, welche auch das Regiment Großdeutschland traf. In der Nacht auf den 7. Dezember gab es die ersten Gefechte mit den frischen sibirischen Truppen, die hervorragend für den Winterkampf ausgebildet und ausgerüstet waren. Nachdem Generaloberst Guderian eigenmächtig für seine Panzerarmee den Rückzug befohlen hatte, begann dieser für die Einheiten des Infanterie-Regiments Großdeutschland in den Morgenstunden des 8. Dezembers. In den nächsten Wochen zogen sich die Einheiten des Regiments immer weiter nach Westen zurück. Die Gefechtsstärke der Kompanien sanken dabei auf jene von Zügen, sodaß Einheiten zusammengelegt werden mußten. Die vom Vormarsch her bekannte Stadt Mzensk passierten die dezimierten Großdeutschland-Verbände am Morgen des 22. Dezembers westwärts. In der Nähe von Bolchow wurden die Reste des Regiments in den Oka-Brückenkopf eingegliedert. Nach einigen Tagen der Ruhe griff die Rote Armee den Brückenkopf immer wieder an und fügte den dezimierten Verbänden noch weitere Verluste zu. Am 20. Januar wurden diese aus der Verteidigungsstellung herausgelöst und bis 21. Februar für lokale Angriffsunternehmen in Dörfern wie Jagodnaja oder Gorodok, die sich im Großraum Belew befanden, eingesetzt. Durch diese verlustreichen Kämpfe sank die Kampfstärke des einstmals so großen Verbandes auf drei Offiziere und 30 Unteroffiziere und Mannschaften, fast 1.000 Mann waren in den vergangenen Monaten gefallen und etwa 3.000 verwundet worden.

***) Reinerth hat sich in diesem Werk unter anderem Mühe gegeben, alle archäologischen Hinweise auf einen Odin-Glauben bei den germanischen Stämmen zusammen zu tragen. Sie finden sich verstreut in den drei Bänden. Im Zusammenhang mit dem Odin-Glauben wollten Teile der SS den heidnischen Germanen in Anlehnung an den Marburger Religionswissenschaftler Rudolf Otto ("Das Heilige", 1917) damals unterstellen, es hätte bei ihnen "Männerbünde" gegeben (die dementsprechend - in Form der SS und anderer Männerbünde - fortzuführen wären). "Neuheiden" wie Bernhard Kummer sind dieser Annahme damals entschieden entgegen getreten (wohl in Übereinstimmung mit Alfred Rosenberg). Und offenbar hat auch Hans Reinerth zu dieser Frage das Seine beitragen wollen. Das mag einer der vielen Aspekte im Leben von Reinerth sein, die vermutlich noch nicht ausreichend Aufmerksamkeit gefunden haben.

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  1. Dr. Gabriele Rasbach, Sandra Schröer-Spang M.A.: Georg Kossack (1923-2004) - Wegbereiter einer interdisziplinären Archäologie. Eine virtuelle Ausstellung zum 100. Geburtstag. Gestaltet von der Römisch-Germanischen Kommission, die den Nachlass Georg Kossacks aufbewahrt (DgtBib)
  2. Harald Meller trifft Hermann Parzinger - Skythen. Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, Veröffentlicht am 9.4.2026, aufgenommen im Jahr 2024 (Yt2024)
  3. Urte Dally und Christoph Jahn: Der wissenschaftliche Nachlaß von Georg Kossack (1923-2004). In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte / Band 97 / 2019 (pdf) 
  4. Gedenkschrift für Gero von Merhart. Zum 100. Geburtstag. Frey, Otto-Hermann; Dobiat, Claus; Roth, Helmut; Merhart, Gero von. Hitzeroth, Marburg 1986
  5. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Band 35. 1973 (GB, 1973, S. 333)
  6. Kossack, Georg: Prähistorische Archäologie in Deutschland im Wandel der geistigen und politischen Situation. In: Sitzungsberichte - Bayerische Akademie der Wissenschaften, Jg. 1999, Heft 4, 2. Juli 1999 (pdf)
  7. Hammerstein, Notker: Die deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich: Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur 1920-1945. 1999
  8. Dana Schlegelmilch: Gero von Merharts Rolle in den Entnazifizierungsverfahren „belasteter“ Archäologen. In: Regina Smolnik (Hrsg.), Umbruch 1945? Die prähistorische Archäologie in ihrem politischen und wissenschaftlichen Kontext (= Beiheft 23 der Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege), Dresden 2012, 12-19 (Acad)
  9. Achim Leube: Zur Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität 1933-1945 (HUBerlin2004)

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