Freitag, 27. Juli 2007

Matthias Matussek und - - - Hölderlin

"Matussek's Kulturtipp" von dieser Woche ist deshalb zu loben, weil Herr Matussek jüngst in Bad Driburg Kur gemacht hat, und weil er dies zum Anlaß nimmt, direkt vor Ort davon zu berichten. Und er ruft dabei in Erinnerung, daß der größte deutsche Lyriker, Friedrich Hölderlin, im August und September 1796 ebenfalls in Bad Driburg gelebt hat. Es geschah dies in der glücklichsten Zeit seines Lebens, nämlich zusammen mit Susette Gontard, der "Diotima" seiner Dichtung. Die Spekulationen, die auch Matthias Matussek anklingen läßt, daß das Verhältnis zwischen beiden mehr als "platonisch" gewesen sei, kann man getrost unbeachtet lassen. Es ist das sicherlich auch nicht die einzige Frage, die in diesem Zusammenhang von Interesse sein könnte.

Es gibt in Bad Driburg heute, so berichtet Matussek, einen "Hölderlin-Hain" mit Bäumen, die die Namen der Freunde Hölderlins tragen. Auch eine Büste Susette Gontards ist dort aufgestellt von derselben Grafen-Familie, die heute immer noch wie damals im Besitz dieser Kur-Liegenschaften ist.

Bad Driburg - eine Hölderlin-Stadt

Ganz offenbar also nimmt man sich des Andenkens an Friedrich Hölderlin in Bad Driburg, wo Hölderlin nur zwei Monate gelebt hat, wesentlich intensiver an, als in Frankfurt am Main, wo er mehrere Jahre im Hause Gontard lebte. Das Haus der Bankiersfamilie von Gontard von damals am "Großen Hirschgraben" ist heute in Frankfurt abgerissen. An seiner Stelle steht das Hotel "Frankfurter Hof". Über den ehemaligen weitläufigen Garten rast eine vierspurige Durchgangsstraße hinweg. Nur im nicht weit entfernten Goethe-Haus kann man sich heute noch einen Eindruck von der damaligen Zeit in Frankfurt verschaffen. Das Museum des Goethe-Hauses zähle ich zu den sehenswertesten Museen in Frankfurt.

Frankfurt am Main sollte genauso als Stadt Friedrich Hölderlins gelten, wie sie viel gepriesene "Goethe-Stadt" genannt wird. Denn Hölderlin ist als Dichter und Denker mindestens gleichrangig und hat in Frankfurt seine wesentlichsten Lebensjahre verbracht, nicht in Tübingen und auch nicht in Bad Homburg. Aber um sich dieser großen Bedeutung bewußt zu werden, fehlt es heute in der großen Stadt Frankfurt am Main an Ruhe, Besinnung und bürgerlicher alteingesessener Behaglichkeit. - - Steht es damit aber nun im ländlichen Bad Driburg oder in der Kulturredaktion des "Spiegel" wesentlich anders?

Matussek und die derzeitige Gräfin in Bad Driburg äußern viele Dummheiten und Unkenntnisse über Hölderlin in diesem kleinen Video. Hölderlin war keineswegs "ungeeignet" zur Kindererziehung. Der Sohn von Susette Gontard erwies Hölderlin eine große Anhänglichkeit und zeigte nicht geringe Bestürzung als Hölderlin so plötzlich das Haus verlassen mußte aufgrund eines Zwistes mit dem Hausherren.

Viele Fehldeutungen zur Person Hölderlins

Ein riesen großer Unsinn wird verzapft, wenn vermutet wird, Susette Gontard wäre die "einzige" gewesen, die Hölderlin "zugehört" hätte. Matussek könnte derart groteske Unkenntnisse einmal zum Anlaß nehmen zu einem langen Spiegel-Interview mit dem Münchener Philosophen und derzeit bedeutendsten Hölderlin-Forscher weltweit: Dieter Henrich.

Die Philosophie Hegels wäre gar nicht denkbar, wenn man nicht viele, tiefschürfende Gespräche zwischen Hölderlin und Hegel in ihrer gemeinsamen Frankfurter Zeit voraussetzen würde. Hölderlin hatte unzählige Freunde, mit denen er intensiven Austausch pflegte. Nicht zufällig sind fast alle damaligen deutschen Geistesgrößen darunter. Aber auch viele weniger bekannte Studenten. Freilich konnte er sich - gerade aufgrund dieser Intensität - ebenso abrupt abwenden vom Austausch mit den Freunden, um - wie es gerade für Hölderlin so typisch ist - die besondere, eigene, sehr fortschrittliche, weit seiner Zeit voraus eilende Individualität zu wahren.

Außerdem wird von der heutigen Bad Driburger Gräfin vermutet, daß Hölderlin vom regelmäßigen Weintrinken ständig "duhn" gewesen sei. Das ist natürlich ein eben solcher Quatsch und Unfug. Es muß also geschlußfolgert werden, daß man auch im ländlichen, alteingesessenen Bad Driburg in betreff von Hölderlin-Unkenntnis heute nicht wesentlich hinter der Stadt Frankfurt am Main zurückbleibt. Aber daß so viel Halb- und Fehlinformation auch noch vom Leiter der Kulturredaktion des wohl bedeutendsten Intellektuellen-Blattes Deutschlands weitergegeben wird, spricht gleich bibliotheksweise Bände. Nichtsdestoweniger ist man ja schon froh, wenn man sich überhaupt eines Hölderlin erinnert ... Wir sind ja schon so anspruchslos geworden ...

(16. 9. 2012: Bei der Abfassung dieses Beitrages war dem Autor noch nicht bewußt, daß Matthias Matussek katholische Lobbyarbeit macht. Sein allseitig flappsiges Reden über Kultur - so wie hier über Hölderlin - ist paßgenau auf diese Lobbyarbeit zugeschnitten. Hölderlin war ja Heide und auf der Suche nach einer neuen Religion.)

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