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Sonntag, 11. August 2024

Wir Indogermanen, wir Hirtennomaden

Zur Frühgeschichte der Indogermanen - Neuerkenntnisse, vorgetragen auf einer Fachtagung in Budapest April 2024
- Titel der Tagung "Die Umwandlung Europas im dritten Jahrtausend v. Ztr."

Auf einer Fachtagung in Budapest ist jüngst, Ende April 2024, eine Fülle von Neuerkenntnissen zur Entstehung und Frühgeschichte der Indogermanen referiert worden (1).

Abb. 1: Nackte Krieger, nur mit Gürtel bekleidet, so stellten sich die Urindogermanen auf ihren Stelen dar - Hier: Gallischer Speer-Krieger, nur mit Helm, Torques und Gürtel bekleidet - Römische Statuette, Museum Berlin 

Wir versuchen im folgenden, die für uns wichtigsten Neuerkenntnisse aus dem reichen Vortragsschatz heraus zu destillieren.*)

Die Indogermanen - Sie waren große Menschen

Die Jamnaja hatten einen viel robusteren Körperbau als alle umliegenden Bauern-Völker. Das ist ein Inhalt, der für die Tagung angekündigt worden war (laut Abstract-Band), der aber aufgrund von Krankheit der Referenten dann gar nicht vorgetragen worden ist (s. Abb. 1 und 2). 

Abb. 2: Vergleich der rekonstruierten durchschnittlichen Körpergröße und Robustizität der Männer der späten neolithischen Bauern (blau) und der Jamnaja-Hirtennomaden (rot) (pdf)

Man findet diesen Umstand auch schon auf Wikipedia erwähnt, basierend auf Literatur aus den Jahren 1991 und 2007 (Wiki):

Eine Untersuchung der physischen Überreste der Sredny Stog-Menschen hat ergeben, daß sie europoid waren. Ein ähnlicher Körpertyp ist bei den Jamnaja-Menschen vorzufinden, die groß und kräftig gebaut waren. Die Menschen der benachbarten Chwalynsk-Kultur waren weniger kräftig gebaut. Die Menschen der vorhergehenden Dnjepr-Donez-Kultur waren sogar noch kräftiger gebaut als die Sredny Stog und Jamnaja.
Examination of physical remains of the Sredny Stog people has determined that they were Europoid. A similar physical type prevails among the Yamnaya, who were tall and powerfully built. People of the neighboring Khvalynsk culture were less powerfully built. People of the preceding Dnieper–Donets culture were even more powerfully built than the Sredny Stog and Yamnaya.

Eva Rosentock und Martin Trautmann hätten einen Vortrag halten sollen über die unterschiedliche Körpergröße der indogermanischen Hirtennomaden einerseits im Vergleich zu ihren spätneolithischen bäuerlichen Nachbarn andererseits entsprechend der Ergebnisse aus der klassischen Physischen Anthropologie (pdf):

Skelettreste aus Jamnaja-Gräbern repräsentieren im Allgemeinen extrem große und robuste Menschen, während die zeitgenössischen benachbarten Bauernpopulationen in Europa und dem Nahen Osten durch einen viel kleineren und grazileren Phänotyp gekennzeichnet waren. Tatsächlich liegen sie beide nahe an den jeweiligen Extremwerten der Variation der Körpergröße, die in den letzten 10.000 Jahren in Europa festgestellt worden sind (Rosenstock et al. 2019). Diese Unterschiede wurden durch die Untersuchung von ca. 300 Skeletten durch einen der Autoren (Trautmann in Vorbereitung) bestätigt. Männer aus Jamnaja-Gräbern waren im Durchschnitt etwa 12 cm größer als ihre nicht-Jamnaja-Zeitgenossen.
Skeletal remains from Yamnaya burials generally represent extremely tall and robust people, while contemporary neighbouring farmer populations in Europe and the Near East were characterized by a much smaller and gracile phenotype. In fact, they are both close to the respective extreme ends of variation in body size found in Europe within the last 10,000 years (Rosenstock et al. 2019). These differences were confirmed by the examination of c 300 skeletons by one of the authors (Trautmann in prep.). Males from Yamnaya-type burials were on the average about 12 cm taller than their non-Yamnaya contemporaries.

So ähnlich haben ja auch die Römer die Germanen wahrgenommen, geht einem durch den Sinn. Und genau dieser Umstand wird dann auch schon in den weiteren Ausführungen angesprochen. Zur Zeit der Römer betrug der Größenunterschied gegenüber den nördlichen Barbaren nämlich nur noch die Hälfte jenes Unterschiedes im Spätneolithikum (pdf):

Der durchschnittliche Größenunterschied zwischen römischen Italikern und ihren „barbarischen“ keltischen und germanischen Nachbarn, die in der Antike als außergewöhnlich groß wahrgenommen wurden, betrug basierend auf osteologischen Aufzeichnungen etwa 6 cm, wie zahlreiche Studien belegen.
The average height difference of Roman Italians and their ‘barbarian’ Celtic and Germanic neighbours, which in antiquity were perceived as extraordinary tall, was about 6 cm based on osteological record, as numerous studies demonstrate.

Spannenderweise werden dann auch die indogermanischen Stein-Stelen angesprochen. Was allen gemeinsam ist, so wird ausgeführt, ist der Umstand, daß ein Gürtel dargestellt wird. Außerdem ist auf ihnen sehr häufig männliche Nacktheit dargestellt. Es wird dazu ausgeführt, daß das an viele Phänomene in vielen indogermanischen Kulturen im Lauf der Jahrtausende erinnert. Etwa an das Phänomen, daß die keltischen Krieger oft in ritueller Nacktheit in den Kampf zogen, so insbesondere die sogenannten "Gaisaten" (Abb. 1). 

Der griechisch-römische Gesechichtsschreiber Polybios schreibt über eine Schlacht zwischen den Kelten und Römern im Jahr 225 v. Ztr. in Norditalien (Wiki):

Die Gaisaten aber, in ihrer Ruhmgier und Tollkühnheit, warfen diese Kleidung ab und stellten sich in der vordersten Reihe der Streitmächte auf, nackt und nur mit den Waffen angetan. (...) Furchterregend waren auch das Aussehen und die Bewegung der unbekleidet in vorderster Reihe stehenden Männer; zeichneten sie sich doch durch jugendliche Vollkraft und Wohlgestalt aus. Alle diejenigen, welche das erste Treffen bildeten, waren mit goldenen Halsketten und Armreifen geschmückt. Als die Römer dies sahen, erschraken sie.

Dennoch konnten die Römer die Schlacht für sich entscheiden. Seit dieser Schlacht gerieten die Kelten in Norditalien gegenüber den Römern in die Defensive. Woran die Forscher nicht erinnern, ist der Umstand, daß zeitgleich auf Statuen in Mesopotamien ebenfalls rituelle Nacktheit dargestellt wurde. Sie war also nicht allein ein indogermanisches Merkmal.

Die Jamnaja - Die Erfinder des Hirtennomadentums

Auffälliger Weise sind ja die Jamnja ab 3.300 v. Ztr. am Unteren Dnjepr überhaupt entstanden kurz bevor die erste Hoch- und Schriftkultur um 3.200 v. Ztr. in Ur in Süd-Mesopotamien entstand. Sie bildeten das Urvolk der zweiten indogermanischen Ausbreitungswelle, sie waren die eigentlichen Vorfahren von uns, von uns indogermanischen Europäern.

Und diese Ethnogenese fand statt im Kontext des Hirtennomadentums (Abb. 3). Die Jamnaja scheinen die Erfinder dieser Lebensform gewesen zu sein. Die Bioarchäologin Sabine Reinhold betont, daß es in der Chwalynsk-Kultur ab 4.500 v. Ztr. an der Mittleren Wolga zwar domestizierte Schafe gegeben habe, daß es aber im Gegensatz zu den Menschen nördlich des Kaukasus bei ihnen zu dieser frühen Zeit noch keinen Verzehr von Milchprodukten gegeben hat (Yt, 13'14).

Und Svend Hansen stellt heraus (Yt), daß auch nördlich des Kaukasus bis zum Beginn der Jamnaja-Kultur nur Schafsmilch konsumiert worden ist. Diese ist zwar gesund, schmeckt aber nicht gut und könnte vor allem als Jogurth und Käse verzehrt worden sein. Erst seit der Jamnaja-Zeit wurden auch Produkte von Ziegen- und Kuhmilch (vereinzelt auch Pferdemilch, s.u.) verzehrt. Nun, die Menschen der Chwalynsk-Kultur hatten ja auch reichlich Fisch, den sie aus der Wolga holen konnten. Die Menschen der Chwalynsk-Kultur haben aber, als sie sich nach Süden ausbreiteten und sich mit den Menschen dort vermischten und die Vor-Maikop-Kultur bildeten, schnell auch den Verzehr von Milchprodukten angenommen.

Das Hirtennomadentum der ersten Welle der indogermanischen Ausbreitung, der Chwalynsk-Kultur war also vor allem von Schafshaltung geprägt und von Konsum von Schafsfleisch. Erst mit den Jamnaja entstand die seither bekannte "Vollform" des Hirtennomadentums. 

Auf der vorletzten Folie von Sabine Reinhold deutet sich an, daß es das Wollschaf spätestens ab 3.300 v. Ztr. gegeben hat, also womöglich auch von den Jamnaja "erfunden" wurde. Da darf man auf die weiteren Forschungsergebnisse gespannt sein (siehe auch: 5).

Abb. 3: Hirtennomaden in der Steppe, hier: "Ein wanderndes Dorflager - Aul der Kundorofskischen Tataren in der Nogayischen Steppe", Kupferstich von Christian G. H. Geißler, 1793, koloriert erschienen 1812 (Stckh) (aus Abschluß-Folie in: Yt)

Auf der letzten Folie von Sabine Reinhold findet sich dann der eindrucksvolle Kupferstich "Ein wanderndes Dorflager - Aul der Kundorofskischen Tataren in der Nogayischen Steppe". Er stammt von dem Leipziger  Kupferstecher Christian Gottfried Heinrich Geißler (1770-1844) (Wiki). Er hat Südrußland in den Jahren 1793/94 bereist zusammen mit P. S. Pallas (2).

Die Nachkommen dieser Jamnaja-Hirtennomaden krempelten in der Folge ganz Europa noch einmal grundlegend um: genetisch, sprachlich und kulturell. Diese Umkrempelung Europas im 3. Jahrtausend v. Ztr. war das Rahmenthema der Tagung in Budapest ("The Transformation of Europe in the Third Millennium BC"). 

Frühes und Spätes Proto-Indoeuropäisch

David Anthony, der namhafte US-amerikanische Archäologe, der schon früh als recht einsamer Rufer in der Wüste die These vertrat, daß die Urheimat der Indogermanen in der Nordschwarzmeersteppe zu finden sei, trifft in seinem Tagungsbeitrag nun neuerdings die klare Unterscheidung zwischen dem "Frühen Proto-Indoeuropäischen" und dem "Späten Proto-Indoeuropäischen" (Yt, Minute 1:50). Das ist ein unglaublich weitreichender Gedanke. Er beruft sich dabei auf eine sprachgeschichtliche Arbeit aus dem Jahr 2002 (Ringe2002) (3), in der das allerdings so klar - womöglich - noch gar nicht formuliert worden war. Es scheint das eine neue Unterscheidung zu sein, die ihre Bestimmtheit insbesondere durch die neuen Erkenntnisse der Archäogenetik gewonnen hat.

Wenn man es recht versteht, wird in diesem Sinne also der Chwalynsk-Kultur an der Mittleren Wolga ab 4.500 v. Ztr. eine "Frühe Proto-Indoeuropäische Sprache" zugesprochen. Dann würde der aus dieser Kultur hervor gegangenen Maikop-Kultur im Kaukasus und nördlich davon eine "Mittlere Proto-Indoeuropäische Sprache" zuzusprechen sein. Und der Jamnaja-Kultur am Unteren Dnjepr ab 3.300 v. Ztr. würde dann eine "Späte Proto-Indoeuropäische Sprache" zugesprochen sein. Zwischen "früh" und "spät" läge der Sprachwandel von mehr als tausend Jahren. 

Um solcher unglaublich innovativer gedanklicher Ansätze ist diese Tagung in Budapest besonders begeisternd gewesen.

Die Hethiter waren Nachkommen der Maikop-Kultur und damit Abkömmlinge der Frühen Proto-Indoeuropäischen Sprache

Der Harvard-Archäogenetiker David Reich faßte zuvor schon in der für ihn so kennzeichnenden kurzen, prägnanten und übersichtlichen Art die Ethnogenese der Jamnaja-Kultur um 3.300 v. Ztr. am Unteren Dnjepr zusammen (Yt) so wie das hier auf dem Blog in zwei, bzw. drei ausführlichen Aufsätzen schon geschehen ist (Stgen2024a, b, c). Sie ist zustande gekommen dadurch, daß sich Menschen der Vor-Maikop-Kultur von der Kalmücken-Steppe über den Don zum Unteren Dnjepr ausgebreitet haben. 

Und David Reich vermutet nun außerdem noch, daß sich der anatolische Zweig der indogermanischen Sprachen als erster abgezweigt hat (noch vor Entstehung des Späten Proto-Indoeuropäischen am Unteren Dnjepr), und daß er sich über die Maikop-Kultur und den Kaukasus hinweg nach Anatolien hinein ausgebreitet hat, nämlich zusammen mit entsprechenden, neuerdings durch seine Forschungsgruppe nachgewiesenen, kleinen genetischen Steppen-Herkunftsanteilen. Damit wäre die indogermanische Sprache deutlich früher in Anatolien angekommen als sie in Griechenland angekommen wäre (letzteres nämlich erst nach 2.400 v. Ztr.). Und damit würden - wenig gut bezeugte - anatolische Sprachen wie das Hethitische oder Luwische Hinweise geben können auf die Beschaffenheit der "Frühen Proto-Indoeuropäischen Sprache" und der durch sie hervorgerufenen Kultur an der Mittleren Wolga und im Kaukasus!

Die Maikop-Kultur war eine Vorgänger-Kultur der Kura-Araxes-Kultur, die sich mit ihrer halbnomadischen Lebensweise über weite Teile Anatoliens ausbreitete und sich mit ihren Rinderherden zwischen die Lebensräume der befestigten Siedlungen schob (vergleichbar den zeitgleichen Schnurkeramikern in Europa). Vermutlich haben die Menschen dieser Kultur zwar schon geringe Anteile Steppengenetik in sich getragen. Das heißt aber noch nicht zwangsläufig, daß sie auch eine indogermanische, sprich anatolische Sprache gesprochen haben. Denn gut bezeugt ist, daß die bekannten Sprecher der anatolischen, indogermanischen Sprachen, die Hethiter, Luwier, Lyker und so weiter sich offenbar erst im 2. Jahrtausend v. Ztr. vom Kaukasus ausgehend in Anatolien ausbreiteten. Das hieße also, daß sich ihre Sprache bis dahin insbesondere in Nachfolgekulturen der Maikop-Kultur im Kaukasus gehalten gehabt hätte.

Mit diesen Erkenntnissen sind mit einem Schlag eine Fülle von Zusammenhänge deutlich besser zu klären als zuvor. Vermutlich gibt es insbesondere aus sprachgeschichtlicher Sicht für diese Annahme gute Gründe. Ansonsten hätten wir uns ja auch vorstellen können, daß die anatolischen indogermanischen Sprachen zu einer ähnlichen Zeit nach Anatolien gekommen wären wie das Griechische nach Griechenland und wie das Armenische nach Armenien. Das Armenische jedoch steht offenbar dem Griechischen sehr nahe, während das für die anatolischen indogermanischen Sprachen (Hethitisch usw.) nicht zu gelten scheint. 

Im Trojanischen Krieg (um 1200 v. Ztr.) hätten sich dann Abkömmlinge der Frühen Proto-Indoeuropäischen Sprache Abkömmlingen der Späten Proto-Indoeuropäischen Sprache gegenüber gestanden: Trojaner hier - Griechen da, Helena hier - Paris da, Hektor hier - Achilles da.

Ein in vielen wesentlichen Charakterzügen indogermanisch anmutendes Volk wie die Hethiter, das aber in seiner Hochzeit überhaupt keine Steppenherkunft mehr aufgezeigt hat, würde dann als ein noch krasseres Beispiel dafür gelten können, wie viel stärker noch der (proto-)indoeuropäische Geist - u.a. über die Sprache - weiter wirken konnte, auch dann, wenn die Genetik längst verloren gegangen war. Es könnte dann angenommen werden, daß sich bei der Ethnogenese der Hethiter (in Form der Maikop-Kultur um 3.900 v. Ztr.) ähnliche kulturpsychologische Gesetze der Kontrastwertung ausgewirkt haben, wie wir diesen schon bei der Ethnogenese der antiken Griechen ab 2.400 v. Ztr. nachgegangen waren, die am Ende des Prozesses auch - nur - neun Prozent indogermanische Steppengenetik aufgewiesen haben und die dennoch bis heute geradezu als die "Verkörperung" des indogermanischen Wesens gelten.

Damit scheint sich ein Gesetz erneut zu bestätigen, das wir schon andernorts formuliert hatten: Um so früher sich indogermanische Steppengenetik und Kultur irgendwohin ausgebreitet haben, um so weniger Einmischung von Genetik scheint es gebraucht zu haben, damit die Lebenshaltung der Indogermanen über die sprachliche Prägung dennoch kulturell sehr stark weiter gewirkt hat. Ein deutlich indogermanischer Charakterzug der Hethiter beispielsweise ist ihre große Freude an Pferden. Ob das nun auch als ein Hinweis dafür gelten kann, daß schon die Urindogermanen an der Mittleren Wolga Pferden eine solche Freude entgegen gebracht haben - auch wenn Domestizierungserscheinungen für diese Zeitepoche bei den Wildpferden noch nicht hat nachgewiesen werden können? Die Vorfahren der Hethiter in Form der Maikop-Kultur haben die Pferdkultur insbesondere dann im 3. Jahrtausend v. Ztr. angenommen. Sie haben die Pferde domestiziert.

Die Milchwirtschaft der Jamnaja 

Die größte Fülle an Neuerkenntnissen erhält man durch den Vortrag des US-amerikanischen Archäologen David Anthony (Yt). Er stellt unter anderem einmal erneut die Bedeutung von Rad und Wagen in den Vordergrund für die Kultur der Jamnaja.

Er sagt, daß es nur wenige Hinweise auf Begriffe für domestizierte Pflanzen im Frühen Proto-Indoeuropäischen gibt, im Späten Proto-Indoeuropäischen schon etwas mehr (Min. 5'28). Allerdings seien diese auch im Späten Proto-Indoeuropäisch noch nicht sehr reichhaltig. Die (späteren) Begriffe für domestizierte Pflanzen seien in ihrer großen Mehrheit aus nicht-indogermanischen Sprachen übernommen worden (also z.B. womöglich aus der Sprache der Cucuteni-Tripolje-Kultur). Immerhin gäbe es sprachlich und archäologisch auch bei den Jamnaja deutliche Hinweise auf das Vorhandensein von Hakenpflügen. 

Abb. 4: Die Ethnogenesen im Kaukasus und in der Nordschwarzmeer-Steppe - Brauchbare (leider noch unscharfe) Grafik aus einer neuen, unveröffentlichten Studie von Ayshin Ghalichi, Sabine Reinhold, Sven Hansen, Wolfgang Haak u.a. (in review) - orange=AHG, grün=CHG, blau: =EHG (Folie aus Yt)**)

Dann wird von David Anthony die große Bedeutung der Milchwirtschaft bei den Jamnaja heraus gestellt (31'30). Dasselbe geschieht in mehreren weiteren Vorträgen. Vielleicht gehörte die Milchwirtschaft schon zu einem jener kulturellen Merkmale, die die neue Lebensweise der Jamnaja ab 3.300 v. Ztr. besonders auszeichnete und die als ein Teil des eindrucksvollen "Neuen", "Fortschrittlichen" innerhalb dieser Zeitepoche angesehen wurde. 

Anthony vertritt dann ebenfalls die These, daß die Jamnaja die Erfinder des Hirten-Nomadentums gewesen seien, der hirtennomadischen Lebensweise. Sie haben eine neue Wirtschaftsweise erfunden, eine hochnomadische Lebensweise, die sie zu jenen Zeiten in aller Welt so erfolgreich machten.

Anthony führt aus, daß es im Späten Proto-Indoeuropäischen eine Fülle von Begriffen aus dem Bereich der Milchwirtschaft gibt, während es das für das Frühe Proto-Indoeuropäische überhaupt nicht gibt. In Übereinstimmung damit führt er eine Studie an, nach der Milchpeptide im Zahnstein von Menschen vor 4.000 v. Ztr. in der Steppe nicht nachgewiesen werden konnten, während das für die Jamnaja ab 3.300 v. Ztr. durchgängig der Fall ist. Am Unteren Don wurde auch Pferdemilch getrunken, was, wie Anthony betont, ein klarer Hinweis auf Domestikation von Pferden ist ("versuchen Sie mal ein wildes Pferd zu melken" ...).

Die Domestikation der (Przewalski-)Pferde

Außerordentlich spannend ist es dann weiterhin, was David Anthony über den langanhaltenden Domestikationsprozeß der Pferde bei den Ur-Indogermanen sagt. Es gibt hier viele ungeklärte Fragen. Und was Anthony dazu sagt, klingt insgesamt außerordentlich spannend und überzeugend. Die Wildform glich, so sagt er, den heutigen Przewalski-Pferden mit gedrungenem Körperbau, dickerem Hals, größerem Kopf. Ab 4.500 v. Ztr. sind Pferde archäologisch gefunden worden im Zusammenhang mit domestizierten Schafen in den Gräbern von Menschen (Opfertiere). Außerdem finden sich in dieser Kultur die hier auf dem Blog schon behandelten Tierkopf-Zepter der Chwalynsk-Kultur (Abb. 5) (s. Studgen2019, a, b), die gut in Beziehung gesetzt werden können zu den Köpfen der Przewalski-Pferde, die also doch Pferdekopf-Zepter darstellen könnten!

Das hieße also, daß es schon in der Chwalynsk-Kultur eine Hochwertung der (Wild-)Pferde gab. Sie werden ähnlich in Herden gehalten worden sein wie die Schafe und ähnlich wie sie als Fleischliferanten gegolten haben. 

Vielleicht war die Wesensart der (Wild-)Pferde für sie so anziehend, wie sie es auch heute noch für viele Menschen ist: Das Pferd als Freund, als Kamerad, womöglich gar als Zuhörer und Ratgeber des Menschen. Es darf an das Reinheimer Pferdchen aus der keltischen Kultur erinnert werden, das große Ohren hat. Es darf daran erinnert werden, daß die Hethiter den Pferdegott Pirwa (Wiki) verehrten, der auf einem Pferd stehend vorgestellt wurde. Und es darf daran erinnert werden, daß Pferde in vielen indogermanischen Mythologien den Sonnenwagen ziehen (Wiki).

Abb. 5: Wildpferde-Köpfe (!?!) - Die Entwicklung der indogermanischen Tierkopf-Zepter innerhalb des Volkes der Chwalynsk-Kultur (aus: Studgen2019)

Anthony hebt auf den Umstand ab, daß ein Hirte beritten drei mal so viele Herdentiere begleiten kann als ein unberittener Hirte. So richtig eingehen will uns dieser Gedanke noch nicht. Aber anhören kann man sich ihn ja einmal. Man könnte der Überlegung nachgehen, so geht uns durch den Kopf, daß insbesondere Wildpferde ja eigentlich nur dann als Herdentiere gehalten werden können, wenn man selbst eines dieser Pferde reitet ... Denn für einen zu Fuß gehenden Menschen, sind ja Wildpferde viel zu schnell. Oder hat man ihnen Fußfesseln angelegt? Fragen über Fragen!

Der Niedergang der mittelneolithischen Kulturen

Der dänische Archäologe Kristian Kristiansen berichtet davon, wie Archäologen Archäogenetikern Anregungen gegeben haben zu weiteren Forschungen. Er berichtet, daß Archäologen einen sogenannten "Neolithic Decline", einen "gesellschaftlichen Niedergang" im späten 4. Jahrtausend v. Ztr. feststellen, einen vergleichsweise unerwarteten demographischen und damit Siedlungsrückgang der vormals sehr blühenden europäischen mittelneolithischen Kulturen. Es könnte das zunächst die Folge eines Klimawandels sein. Insbesondere weist er darauf hin, daß sich die nördliche Grenze der Ausbreitung des Ackerbaus während des 4. Jahrtausends v. Ztr. nach Süden verschoben hat und daß in der zurück gelassenen Region bislang dort nicht einheimische Jäger-Fischer-Völker erneut Fuß gefaßt haben (Yt, Minute 3'00). Das erklärt einige bislang unverstandene Zusammenhänge zu diesen letzten mesolithisch lebenden Fischern, Jägern und Sammlern im Ostseeraum. 

Da das aber nicht die ganze Erklärung für den "Neolithic Decline" zu sein scheint, kam dann bei den Forschern die Vermutung auf, daß Epidemien eine Rolle gespielt haben könnten. Dafür haben sich nun jüngst auch Hinweise von Seiten der Archäogenetiker gefunden.

Allerdings ist nun noch zu klären, warum von diesen Epidemien die mittelneolithischen Völker - zum Beispiel auch in England - offenbar wesentlich stärker betroffen waren, bzw. gewesen sein sollen als die spätneolithischen, neu zugewanderten indogermanischen Völker. Wäre hier ein ähnliches Phänomen zu beobachten wie in Mittelamerika bei der Ankunft der Spanier? Gegen deren Krankheitskeime die Hochkulturen Mittelamerikas keine Immunabwehr hatten?

Hier sind noch viele Fragen offen. Womöglich erwies sich die noch halbnomadische Lebensweise der spätneolithischen indogermanischen Völker als besonders gut angepaßt an die Zeitumstände einer unerwarteten kulturellen und zivilisatorischen Abwärtsentwicklung. 

In mehreren Vorträgen wird darauf hingewiesen, daß die vorgeblichen "Waffen" der Indogermanen, etwa die "Streitäxte" der "Streitaxt-Kultur" Skandinaviens gar keine Waffen waren, sondern Status-Symbole, und daß insgesamt die indogermanischen Kulturen gar nicht so ausgeprägt kriegerisch gewesen sein müssen als bislang angenommen. Das heben auch jene Archäologen hervor, die die Kurgane im Nordschwarzmeer-Gebiet statistisch ausgewertet haben.

Die Siedlungsgrenze zwischen Kugelamphoren- und Jamnja-Kultur in der Nordukraine  

Dann aber hält insbesondere auch die polnische Archäologin Marzena Szmyt (geb. 1961) (Wiki, Scholar) einen unglaublich spannenden Vortrag (Yt). Nämlich über die Siedlungsgrenze zwischen der Jamnaja-Kultur im Süden und der Kugelamphoren-Kultur im Norden, und zwar jeweils am Mittleren Dnjepr, am Oberen Sereth und am Oberen Dnjestr und Bug. In den dort ergrabenen Jamnaja-Gräbern findet sich Keramik der Kugelamphoren-Kultur. Daraus könnte geschlossen werden, daß es in diesen Bereichen zur Ethnogenese der Schnurkeramiker gekommen ist, bei denen sich ja dann immer ein kleinerer Anteil Kugelamphoren-Genetik findet.

Womöglich könnte damit gesagt werden, daß die "Vor-Germanen" und die "Vor-Balten", also die nordeuropäischen Indogermanen "Kinder der nördlichen Ukraine", bzw. "Kinder des südlichen Polen", bzw. "Kinder Wolhyniens" wären.***) 

Abb. 6: Schnurkeramische Gräberfelder in Südostpolen (ab 3.000 v. Ztr.) - Hellgrüne Rauten = Gräber mit Inventar der Mittel-Dnjepr-Kultur (2.600/2.500 v. Ztr.); Dreieck=Fundplatz Zlota (aus EKaiser2019, S. 272)

Ergänzt werden können diese Ausführungen durch eine Karte, die sich bei Elke Kaiser (2019) findet  über die Siedlungsgrenze zwischen Kugelamphorenkultur und Schnurkeramik nördlich der Karpaten. Dabei kann offenbar archäologisch noch ein späterer Zuzug von Jamnaja-Leuten vom Mittleren Dnjepr festgestellt werden (Abb. 6).

Wagengräber in der Steppe, Ochsengräber im Piedmont 

Svend Hansen stellt die Maikop-Kultur sehr eindrucksvoll in den weltgeschichtlichen Zusammenhang (Yt). Sie ist tausend Jahre älter als die Kultur von Ur und Uruk!! 

Abb. 6: Gemeinsam mit Wagen bestattet in der Steppe (orange), gemeinsam mit Zugochsen bestattet im Piedmont (kleine blaue Punkte stehen für Ochsenringe) (Folie aus: Yt)

An einer Stelle spricht er darüber, daß sich die einheitliche Maikop-Kultur ja - sonderbarerweise - aus zwei genetisch ziemlich deutlich unterschiedlichen und auch strikt getrennten Bevölkerungen zusammen setzt (wie hier auf dem Blog schon behandelt). Witzigerweise sagt er dazu: "Nun, das ist jetzt kein Kossinna-Lachen, sondern irgendetwas anderes." Das ist ein Bezug zum Aufsatz "Kossinna's Smile" von Seiten des Tagungs-Organisators Volker Heyd. Aber natürlich ist diese sehr strikte genetische Trennung zweier Bevölkerungen über tausend Jahre hinweg sehr wohl Grund für erneutes Kossinna-Lachen. Aber man merkt schon: dieser Begriff "Kossinna's Smile" wurmt und nervt die Archäologen weiterhin innerlich sehr deutlich (Stgen2017).  

Svend Hansen sagt, daß die Ringe, die die assyrische Göttin Ishtar auf vielen ihrer Abbildungen in der Hand hält, Ochsenringe wären, Nasenringe, um Ochsen zu dirigieren. Denn genau die gleichen Ringe sind in Zusammenhang mit Ochsengräbern am Fuße des Kaukasus gefunden worden. Dort hat man beim Tod des Besitzers das Ochsengespann desselben geopfert und neben dem Grab beigesetzt. Seinen Wagen aber hat man weiter benutzt, so Hansen (Abb. 7). In der Steppe hingegen habe man beim Tod des Besitzers denselben mit seinem Wagen bestattet und die Ochsen weiter genutzt. Das wäre ein klarer kultureller Unterschied zwischen Steppen-Maikop und Maikop (Abb. 6).

Und spannend genug ist dieser Unterschied schon. Interessanterweise finden sich Wagengräber im und südlich des Kaukasus gerade in jener Region (s. Abb. 6), in der nach 4.000 v. Ztr. auch besonders hohe Steppengenetik-Anteile gefunden wurden (nämlich in der Areni-Höhle). 

Könnte das heißen, daß den Indogermanen in der Steppe der Wagen das bedeutendere war, während den anatolisch-neolithischen Bauern im Kaukasus die Ochsen bedeutender waren in rituellen Zusammenhängen? Der Stier spielt ja in vielen Mittelmeer-Kulturen noch lange später eine besondere Rolle. Es sei an die Stier-Springer bei den Minoern erinnert, an die Tatsache, daß sich Zeus in einen Stier verwandelt, um Europa über den Hellespont zu tragen, an den Kult des Mithras, der einen Stier tötet, oder auch an den Stierkampf in Spanien bis heute.****)

Die Indogermanen könnten im Gegensatz dazu mehr von der Technik von Rad und Wagen beeindruckt gewesen sein. So wie das bei ihnen auch heute noch weithin der Fall ist (Stichwort SUV) und wie das oft in der Geschichte in Erscheinung trat (Streitwagen-Kultur, Sonnenwagen von Trundholm etc..)

Abb. 7: Ochsenringe aus Piedmont-Gräbern und die assyrische Göttin Ishtar (Folie aus: Yt)

Hansen zeigt einen Silberbecher der Maikop-Kultur, auf dem ein Wildpferd abgebildet ist zwischen einem Stier und einem Löwen. Indem wir diesem Silberbecher nachgehen, stoßen wir auf die Deutung (Resg), daß auf ihm eine Karte des Landes zwischen Kaukasus und dem Golf von Persien dargestellt ist und offenbar der Wildreichtum dieser weiten Gebiete. In der unteren Reihe sind außerdem noch dargestellt: Bergziege, Widder und Wildschwein (Abb. 8). Ist das schon der Blick der Kura-Araxes-Kultur nach Anatolien hinein?!

Das aber hinwiederum würde heißen, daß schon die Menschen der Maikop-Kultur ein sehr weitreichendes geographisches Wissen gehabt hätten. Zweifelnd fragt man sich, ob es nicht naheliegender sein könnte, daß hier die Flüsse Kura und Araxes abgebildet sind, die in das Kaspische Meer münden. Aber womöglich erlauben diese Flüße von ihrer Mündung aus keineswegs einen solchen Fernblick aufs Gebirge? Wie auch immer! Eine weitere Deutung geht davon aus, daß das Gebiet nordwestlich des Kaukasus dargestellt ist mit den beiden Flüssen Kuban und Belaja, die in das Asowsche Meer münden, dessen Meeresspiegel damals 3 Meter höher lag (Acad).

Sabine Reinhold stellt im übrigen heraus, daß es unter dem einheitlichen Dach der Maikop-Kultur über eintausend Jahre hinweg nicht nur zwei genetisch getrennte, unterschiedliche Populationen gegeben habe, sondern sogar fünf (Yt, 15'40)! 

Sie alle errichteten Grabhügel, benutzten Maikop-Keramik, kannten soziale Schichtung und Ansammlung von Wohlstand bei wenigen. Aber dennoch blieben sie über diese tausend Jahre hinweg genetisch voneinander getrennt.

Abb. 8: Maikop-Silberbecher - Przewalski-Pferd zwischen Stier und Löwe. Außerdem: Eine frühe Karte des Kaukasus und zweier Flüsse, die in den Bergen entspringen und in ein Meer münden (Tigris and Euphrat oder Kuban und Belaja?) (Resg)

Gerade die Veröffentlichung, auf die sie mehrfach Bezug nimmt ("Ayshin Ghalichi, Sabine Reinhold, Sven Hansen, Wolfgang Haak u.a. (in review)"), scheint noch unveröffentlicht zu sein. In ihr dürften sich noch viele weitere erhellende Inhalte finden, die auch vieles noch deutlicher werden lassen könnten als das in ihrem kurzen Vortrag hat geschehen können.

Insgesamt jedenfalls: Was für eine Tagung! Was für eine Fülle an Neuerkenntnissen!

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*) Referenten waren einige der bedeutendsten Vertreter ihres Faches: David Reich, der Archäogenetiker, David Anthony, der führende Archäologe der Frühgeschichte der Indogermanen, Kristian Kristiansen, der dänische Archäologe, der viel über die Ankunft und Geschichte der Indogermanen in Skandinavien geforscht hat, die polnische Archäologin Marzena Szmyt (Universität Posen), die Erforscherin der vorausgehenden Kugelamphoren-Kultur, Svend Hansen und Sabine Reinhold. Organisiert worden war die Tagung von dem deutschen Archäologen Volker Heyd, der an der Universität Helsinki arbeitet. Zügig sind die Tagungsbeiträge in Form von Videoaufzeichnungen zugänglich gemacht worden (1). Neben den genannten Forschern haben noch eine Fülle anderer Archäologen Vorträge gehalten. Unserer Meinung nach fallen sie aber oft inhaltlich weit ab von den Vorträgen der Genannten. Sie verlieren sich oft in ein Fachchinesisch, reden ganz ohne Begeisterung und Anteilnahme und stellen so gut wie keine Bezüge zu den spannenden Neuerkenntnissen der letzten Jahre her. Das macht deutlich, daß die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit innerhalb der Archäologie, soweit nur auf die Archäologie selbst geschaut wird, immer noch von Forscher zu Forscher sehr unterschiedlich sein kann. 
**) Sabine Reinhold präsentiert in ihren Folien unter anderem sehr übersichtliche Grafiken zu den "wilden", "verrückten" Ethnogenese-Prozessen im Kaukasus, an der Mittleren Wolga und im Nordschwarzmeer-Gebiet (Yt). Sie stammen aus der schließlich im Oktober 2024 einer noch unveröffentlichten Studie aus dem Archäogenetik-Team von Wolfgang Haak (4), zu der es heißt: "We present new genome-wide data of 131 individuals from 38 archaeological sites in the Caucasus, spanning 6,000 years", womit einem der Mund mehr als wässrig gemacht wird. In den Grafiken ist nun dargestellt die frühe Vermischung von iranisch- und anatolisch-neolithischer Genetik innerhalb von Anatolien und innerhalb des Kaukasus schon ab etwa 6.000 v. Ztr.. Der iranisch-neolithische Herkunftsanteil (CHG) ist um so höher, um so weiter nach Osten man kommt. Vom heutigen Georgien aus breitet sich das Volk der Darkveti-Meshoko (Wiki), bzw. der "Pricked Pearls Pottery culture" (der "Kultur der gestochenen Perlenkeramik") (russ) aus, die in die "Vor-Maikop-Kultur" übergeht. Zur gleichen Zeit breiten sich vom Kaspischen Meer herkommend die Wolga aufwärts noch völlig unvermischte Menschen der iranisch-neolithischen Völkergruppe nach Norden aus und vermischen sich an der Mittleren Wolga (um Chwalynsk herum) mit Menschen der osteuropäischen Jäger und Sammler. Sie bilden das Urvolk der Indogermanen, der Kurgan-Kultur, angenommener Maßen auch der Sprecher des Frühen Proto-Indoeuropäischen, aus der dann auch die Maikop-Kultur und die Hethiter hervor gegangen sind. In der Ukraine am Unteren Dnjepr vermischen sich west- und osteuropäische Jäger und Sammler miteinander. Scheinbar ist dann das das aller neueste Ergebnis, daß hier die iranisch-neolithische Genetik nachhaltigen Einfluß hatte wie hier dargestellt. Damit wäre erneut allerhand umgestoßen, was wir gerade erst durch die neue David Reich-Studie gelernt hatten. Mit dieser ersten Grafik ist auch nur die erste Phase der Ethnogenesen zwischen Kaukasus und Nordschwarzmeer-Raum beschrieben. Die Folie für die zweite Phase ist noch komplizierter und man darf sehr gespannt sein auf die neue, noch unveröffentlichte Studie.)
***) Marzena Szmyt ist Professorin an der Universität Posen und stammt aus einem Städtchen 70 Kilometer südlich von Posen. Sie gilt als Spezialistin für die Geschichte der Kugelamphoren-Kultur, deren kulturelles und wirtschaftliches Zentrum vermutlich im Kulmer Land nördlich von Posen gelegen hat (wir haben darüber schon seit längerem einen Blogartikel in Vorbereitung). (Wenn wir es recht verstehen, klingt im Namen von Frau Szmyt der deutsche Familienname Schmidt nach. Das heißt, daß sie auch von Deutschen abstammen wird. Bis 1914 gehörte die Provinz Posen ja auch zu Deutschland.)
****) Man möchte ja fast sagen, daß sich der Mittelmeer-Mensch im Stier verkörpert sah ähnlich wie im Marsyas-Mythos in Satyren (Studgen2023), und daß er erst durch das Überwinden, bzw. Besiegen seines "stier-haften" inneren Wesens sich dem "Apollinischen" näher fühlte, mit dem er sich so siegesgewiß durch das Indogermanentum konfrontiert gesehen haben könnte und mit dem er dann über Jahrtausende auch weiterhin konfrontiert blieb. Zum Beispiel auch innerhalb der Maikop-Kultur. Und zumindest solange Indogermanen keine assyrische oder monotheistische Religion angenommen hatten und sich dadurch womöglich in ihrem Wesen sehr deutlich Richtung "vorderorientalisch" veränderten, sprich, nicht mehr die Gottnähe als ihnen gemäße Wesensart erkannten, erlebten und durch ihr Handeln und Kulturschaffen bezeugten.

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  1. The Transformation of Europe in the Third Millennium BC. International Conference on the Third Millennium BC archaeology in Europe. Budapest, Hungary 24-27 April 2024. HUN-REN Bölcsészettudományi Kutatóközpont, Tagungsseite; 28 Videos (Playlist - unsortiert, für die richtige Reihenfolge siehe: Programm)    
  2. Travels through the southern Provinces of the Russian Empire, in the years 1793 and 1794. Translated from the german of P. S. Pallas, counsellor of state to his imperial Majesty of all the Russias, knight, & c. Second edition, illustrated with one hundred and twenty-one plates. In two volumes. Vol. I. London: Printed for John Stockdale, Piccadilly. 1812 (GB), S. 176
  3. Ringe, Don; Tandy Warnow and Ann Taylor. "Indo‐European and computational cladistics." Transactions of the philological society 100.1 (2002): 59-129. First published: 10 January 2003 (Resg)
  4. Ghalichi, A., Reinhold, S., Rohrlach, A.B. et al. The rise and transformation of Bronze Age pastoralists in the Caucasus. Nature (2024). https://doi.org/10.1038/s41586-024-08113-5 (Nature 30 October 2024(siehe auch: Yt/Budapest2024)
  5. From Fleece to Thread. Interdisciplinary Evidence for the Origins of Sheep Wool. Laura C. Viñas-Caron, Mikkel Nørtoft, Peder Flemestad, Jonas Holm Jæger, and Christina Margariti. In: The Common Thread. January 2024, 33-60
  6. Kaiser, Elke: Das dritte Jahrtausend im osteuropäischen Steppenraum. Kulturhistorische Studien zu prähistorischer Subsistenzwirtschaft und Interaktion mit benachbarten Räumen. edition topoi FU Berlin 2019 [Berlin Studies of the Ancient World, Bd. 37]

Samstag, 22. Januar 2022

Anatolien - Formierungsprozesse der ersten Bauernvölker (13.000 bis 5.000 v. Ztr.)

11.000 v. Ztr. - Erste iranische Genetik kommt nach Anatolien 
7.600 bis 5.700 v. Ztr. - Südanatolisch-levantinische Genetik kommt nach Anatolien
- Die Entstehung der anatolisch-neolithischen Völkergruppe
- Jene Völkergruppe, die das Neolithikum über ganz Europa verbreitet hat

Anatolien. Das große und reiche Anatolien (Wiki). Dieser Raum hat das Entstehen, die Blüte und den Verfall so unzählig vieler Völker, Kulturen, Königreiche und Sprachen von frühester Zeit der Menschheitsgeschichte an erlebt (Wiki, Wiki). 

Man tauche hinein in die Geschichte der Völker so vieler Jahrtausende und man wird sehen, daß eine Beschäftigung mit dem deutschen Archäologen Heinrich Schliemann und mit seinen Ausgrabungen in Troja und daß ein Lesen von solchen Klassikern wie "Götter, Gräber und Gelehrte", in denen über die Ausgrabung der Königsstadt der Hethiter, Hattusa, berichtet wird, nur erste Andeutungen geben können, von jenem kulturellen Reichtum, von dem es hier Kenntnis zu nehmen gilt, von dem einen Eindruck zu verschaffen wirklich sinnvoll sein könnte für den, der die Geschichte der Menschheit wirklich verstehen will.

Abb. 1: Ein Wildschwein als Zeremonialgefäß, Hacılar, südwestliche Türkei, um 6.000 v. Ztr. (5) - Hacılar war Siedlungsort seit dem 8. Jahrtausend v. Ztr. - Ausgestellt im "Museum für die Anatolischen Kulturen" in Ankara

Anatolien. Hier entstand im 7. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung die Ausgangspopulation jener Völkergruppe, die ab 6.500 v. Ztr. den Ackerbau rund um das gesamte Mittelmeer, über den Balkan, die Donau hinab ins Wiener Becken und von dort durch ganz Mitteleuropa hindurch bis an die Kanalküste ausbreitete und schließlich - ab 4.400 v. Ztr. als Trichterbecher-Kultur - bis nach Skandinavien, ja, als Cucuteni-Tripolje-Kultur und als Kugelamphorenkultur bis tief in die Ukraine und nach Rußland hinein, eine Völkergruppe, die dann in Europa im indogermanischen Völkersturm des Spätneolithikums, etwa ab 3.800 v. Ztr. genetisch und kulturell nach und nach unterging.

Der höchste Anteil seiner Genetik hat sich bis heute in Sardinien erhalten. Aber wir alle, alle Europäer tragen die Genetik dieser Völkergruppe in uns, in größeren und kleineren Anteilen, um so weiter südlich, um so größer, um so weiter nördlich, um so weniger umfangreich.

In einer archäogenetischen Studie von Johannes Krause und Mitarbeitern aus dem Jahr 2018 wurde das erste Genom eines Jägers und Sammlers aus Anatolien aus der Zeit um 13.000 v. Ztr. veröffentlicht (Wiki). Über dieses wird gesagt (1): 

Anatolische Jäger und Sammler unterscheiden sich genetisch von anderen spätpleistozänen Populationen und repräsentieren eine zuvor nicht beschriebene Population.
We find that the Anatolian hunter-gatherers are genetically distinct from other reported late Pleistocene populations and thus represent a previously undescribed population.

Ein bislang den Ancient-DNA-Forschern in diesem Raum noch nicht bekannt gewordenes - genetisch einzigartiges - Volk ist entdeckt worden. Und dieses Volk hat dann auch ab 6.500 v. Ztr. genetisch weitgehend unverändert den Ackerbau und die seßhafte Lebensweise angenommen.

Aber noch zuvor scheint es zu genetischen Einmischungen (höchstens 10 bis 20 %) von frühen iranischen Jägern und Sammlern (oder Hirten/Bauern) gekommen zu sein und auch von westeuropäischen Jägern und Sammlern. Auch die "südanatolisch-levantinischen" Bauern scheinen genetischen Einfluß auf die Formierung dieser Völkergruppe genommen zu haben. Über die anatolisch-neolithischen Jäger-Sammler (AHG) heißt es (1): 

Die Herkunftsgruppe der anatolischen Jäger und Sammler hat die Hälfte ihrer Genetik von der levantinisch-neolithischen Herkunftsgruppe erhalten und die anderen Hälfte von der Herkunftsgruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler. (...) Bemerkenswerter Weise war es zu dieser Vermischung schon fünftausend Jahre vor Einführung des Ackerbaus in dieser Region gekommen und korreliert möglicherweise mit Belegen für menschliche Interaktionen zwischen Zentralanatolien und dem Levanteraum während des Epipaläolithikums.
AHG derives around half of his ancestry from a Neolithic Levantine-related gene pool (48.0 ± 4.5 %; estimate ± 1 SE) and the rest from the WHG-related one (tables S4 and S5). These results support a late Pleistocene presence of both ancestries in a mixed form in central Anatolia. Notably, the genetic connection with the Levant predates the advent of farming in this region by at least five millennia and potentially correlates with evidence of human interactions between central Anatolia and the Levant during the Epipalaeolithic.

Fünftausend Jahre vor 6.500 v. Ztr. heißt 11.500 v. Ztr.. Das wäre in Südanatolien, am Oberlauf von Euphrat und Tigris, die Kulturstufe des Natufium, eine schon recht weit entwickelte Kultur mit Halbseßhaftigkeit, in der sich die westeuropäische Hausmaus zu domestizieren begann (zur Hausmaus siehe andernorts hier auf dem Blog), und in der man Bergheiligtümer wie Göbekli Tepe zu errichten begann.*) 

11 % osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik in Serbien (7.000 v. Ztr.)

Über die mesolithische Jäger und Sammler-Kultur am Eisernen Tor im heutigen Serbien (Wiki), repräsentiert nicht zuletzt durch den Ausgrabungsort "Lepenski Vir" (Wiki), heißt es in der Studie von 2018 (1): 

Die Jäger und Sammler am Eisernen Tor können modelliert werden als eine Vermischung dreier Herkunftsgruppen, nämlich von nahöstlichen Jägern und Sammlern (26% anatolische Jäger und Sammler oder 11 % Natufium-levantinische Herkunfsgruppe), westeuropäische Jäger und Sammler (63 %, bzw. 78 %) und osteuropäische Jäger und Sammler (11 %)."
"We find that Iron Gates hunter-gatherers can be modeled as a three-way mixture of Near-Eastern hunter-gatherers (25.8 ± 5.0 % AHG or 11.1 ± 2.2 % Natufian), WHG (62.9 ± 7.4 % or 78.0 ± 4.6 % respectively) and EHG (11.3 ± 3.3 % or 10.9 ± 3 % respectively)."

Hatte man also bis 2018 gedacht, die Jäger-Sammler am Eisernen Tor in Serbien wären Mischungen aus west- und osteuropäischen Jägern und Sammlern, entdeckte man nun eine genetische Komponente des Nahen Ostens, wobei bis heut enoch nicht ganz klar ist, wie das einzuordnen ist. In der Zusammenfassung der Studie von 2018 heißt es (1): 

Wir stellen die hohe genetische Kontinuität (80 bis 90 %) zwischen Jägern und Sammlern und frühen Bauern in Anatolien heraus und entdecken zwei unterschiedliche, dort hinein kommende genetische Komponenten: eine frühe iranisch-kaukasische und eine spätere, die in Beziehung zur Levante steht.
We find high genetic continuity (~80-90%) between the hunter-gatherer and early farmers of Anatolia and detect two distinct incoming ancestries: an early Iranian/Caucasus related one and a later one linked to the ancient Levant.

Und zu den letzteren (1): 

Genetische Beiträge von außerhalb der Region, verbunden mit zwei frühen Bauernpopulationen des Fruchtbaren Halbmonds ersetzten jeweils etwa 10 und 20 % der einheimischen Genetik. Die frühere steht in Verbindung mit dem Neolithikum des Iran oder Kaukasus, die spätere in Verbindung mit dem Neolithikum der Levante.
External genetic contributions, associated with two distinct early farming populations of the Fertile Crescent, substituted about 10% and 20% of indigenous ancestry each. The earlier one is associated with Neolithic Iran/Caucasus and the later one with Neolithic Levant.

11.000 v. Ztr. - Iranische Genetik kommt nach Anatolien

Inzwischen sind die Zeitpunkte beider hier erwähnter Einmischungen in einer neuen Studie anhand eines neuen Verfahrens ("DATES") genauer bestimmt worden (2):

Wir ziehen die Schlußfolgerung, daß die iranische neolithische Bauern-Komponente um 10.900 v. Ztr. nach Anatolien herein kam, was vor der Einführung des Ackerbaus in Anatolien liegt. 
We infer the Iran Neolithic farmer-related gene flow occurred ~10,900 BCE (12,200-9,600 BCE), predating the origin of farming in Anatolia.

Welche Art von Lebensweise jene Menschen iranischer genetischer Herkunft gelebt haben, deren Genetik sich hier bis nach Anatolien ausgebreitet hat, wäre noch genauer zu klären. Entspricht sie der Lebensweise wie sie in der obigen Abbildung (Abb. 2) zur Darstellung kommt?

Abb. 2: Museum in Şanlıurfa in der Südost-Türkei: Jäger und Sammler in Anatolien (Wiki)

Zumindest in Teilen des iranischen Zagros-Gebirge, und zwar in jenem Teil, der sich mit dem östlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds deckt, gab es Stämme, die zu jenem Zeitpunkt schon ähnlich halb seßhaft oder seßhaft lebten ähnlich wie die Menschen ("Natufium-levantinischer" Herkunft) im mittleren und westlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds, wie vor wenigen Tagen hier auf dem Blog dargestellt (3). Die Lebensgrundlage im Zagros-Gebirge war eine auf männliche Individuen fokussierte Jagd auf wilde Schafe und Ziegen, sowie auf die Haltung von wilden, weiblichen Schweinen, die man sich mit wilden Ebern paaren ließ (so wie zum Teil bis heute auf Neuginea). Dadurch sind dort auch schon höhere Siedlungsdichten erreicht worden. Ob aber jene "iranischen" Jäger und Sammler, deren Genetik um 11.000 v. Ztr. zur Genetik der anatolischen Jäger und Sammler hinzu kommt, aus dem Fruchtbaren Halbmond stammten oder aus dem Bereich nördlich von ihm, darüber ist an dieser Stelle noch gar nichts gesagt. Weiter heißt es (2):

Während der nachfolgenden Jahrtausende vermischten sich diese frühen "Bauern" mit levantinisch-neolithischen Gruppen, um jene anatolisch-neolithischen Bauern zu formen, die sich dann nach Europa ausbreitete und nach Osten ...
During the subsequent millennia, these early farmers further admixed with Levant Neolithic groups to form Anatolian Neolithic farmers who spread towards the west to Europe and in the east ....

Daß es sich bei den hier angeführten anatolischen Jäger und Sammler schon um "Bauern" oder Hirten gehandelt hat, scheint uns bislang keinesfalls sicher zu sein.

7.600 bis 5.700 v. Ztr. - Südanatolisch-levantinische Genetik kommt nach Anatolien

Sicher aber ist, daß sie es im Zuge des zweiten hier genannten Vermischungsprozesses zur Ausbildung neolithischer Lebensweise gekommen ist. Dazu heißt es weiter (2):

.... um sich dort mit iranisch-neolithischen Bauern zu vermischen, um die kupferzeitlichen Gruppen von Seh Gabi und Hajji Firuz zu formen. Indem wir das neue Verfahren DATES nutzen, kommen wir zu dem Ergebnis, daß sich diese kupferzeitlichen Gruppen 7.600 bis 5.700 v. Ztr. geformt haben.
.... to mix with Iran Neolithic farmers forming the Chalcolithic groups of Seh Gabi and Hajji Firuz. Using DATES, we inferred the Chalcolithic groups were genetically formed in ~7,600–5,700 BCE. 

Das ist genau jene Zeit, die wir für die Formierung und Ausbreitung der Halaf-Kultur, bzw. der südkauasischen Shulaveri-Shomu-Kultur voraussetzen müssen und es würde auch dazu passen, daß sich PPNB-Kulturelemente vom Zagros-Gebirge am Ostufer des Schwarzen Meeres und am Unterlauf des Don gefunden haben. Dies deutet doch auf sehr weit ausgreifende Aktivitäten der akeramischen neolithischen Bevölkerungen im Zagros-Gebirge (3). 

Abb. 3: Die Lage von Aşıklı Höyük (Wiki)

 

Domestizierung der Schafe und Ziegen in der Mittleren Türkei ab 8.400 v. Ztr.

Ergänzung 17.3.2022: Die Siedlung Aşıklı Höyük (Wiki, engl) lag in der Mittleren Türkei am nördlichen Rand des Fruchtbaren Halbmonds und gehörte in die Kulturstufe des akeramischen Neolithikums, war auch älter als der viel bekanntere Siedlungsort Catalhöyük. Ab 8.400 v. Ztr. begann in Aşıklı Höyük - autochthon - die Domestizierung von Schafen und Ziegen (4): 

Das erste Stadium ... war eine "Einfangen-und-Wachsenlassen"-Strategie, die das jahreszeitlich gebundene Einfangen von wilden Zicklein/Geißlein/Lämmern mit einschloß aus den umliegenden Höhenlagen und das Aufziehen derselben über mehrere Monate hinweg, bevor sie innerhalb der Siedlung geschlachtet wurden. Das zweite Stadium verband die Reproduktion von Schafen und Ziegen am Siedlungsort mit fortdauerndem Einfangen von jungen Ziegen. Das dritte Stadium weist die Merkmale einer Herden-Haltung in großem Stil auf ... Der Übergang vollzog sich allmählich. Aber er brachte über die Zeit hinweg frühe domestizierte Formen mit sich und umfangreiche Unterschiede in der Organisation der menschlichen Arbeit, der Siedlungsform und der Abfall-Anhäufung. Aşıklı war ein unabhängiges Zentrum der Ziegen-Domestikation und unterstützt damit das evolutionäre Modell, das einen vielfältigen Ursprung der domestizierten Ziegen annimmt.
The earliest mode was embedded within a broad-spectrum foraging economy and directed to live meat storage on a small scale. This was essentially a “catch-and-grow” strategy that involved seasonal capture of wild lambs and kids from the surrounding highlands and raising them several months prior to slaughter within the settlement. The second mode paired modest levels of caprine reproduction on site with continued recruitment of wild infants. The third mode shows the hallmarks of a large-scale herding economy based on a large, reproductively viable captive population but oddly directed to harvesting adult animals, contra to most later Neolithic practices. Wild infant capture likely continued at a low level. The transitions were gradual but, with time, gave rise to early domesticated forms and monumental differences in human labor organization, settlement layout, and waste accumulation. Aşıklı was an independent center of caprine domestication and thus supports the multiple origins evolutionary model.

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*) 1995, als der Bloginhaber sich sehr gründlich mit den vorkeramischen Kulturen des Fruchtbaren Halbmonds beschäftigte, hatte er die Vermutung, daß sie durch Zuwanderung von Eiszeitjägern aus Europa entstanden sein könnten, da diese ja aufgrund der fortschreitenden Verwaldung Europas am Ende der Eiszeit auch zunehmend nach Süden ausgewichen sein könnten. Inzwischen schält sich aber wohl doch heraus, daß sich diese Annahme nicht bestätigt. Denn die Völkergruppen der west- und der osteuropäischen Jäger und Sammler haben sich ja ab 11.000 v. Ztr. auch bis in den Ostseeraum und nach Skandinavien ausgebreitet und dort zum Teil miteinander vermischt und haben das wenige Jahrtausende später auch im Baltikum gemacht und auf dem Balkan. Von einer großen Ausweichbewegung der westeuropäischen Jäger und Sammler nach Süden kann nach derzeitigem Kenntnisstand sicherlich nicht die Rede sein. Die Menschen scheinen sich vielmehr vor Ort nach und nach an die neuen Lebensumstände - an den damaligen Klimawandel - angepaßt zu haben.
Eine solche Dynamik von Kulturen, die sich von Süden nach Norden ausbreiten oder von Kulturen, die sich von Norden nach Süden ausbreiten oder von Osten nach Westen, wie sie einen großen Teil der Menschheitsgeschichte seit der Seßhaftwerdung bestimmt, eine solche Dynamik scheint es vor dem Übergang zu dieser noch nicht gegeben zu haben.

//  Zuerst auf Google+, 25.9.2018;
überarbeitet und erweitert: 22.1.2022;
ergänzt um [5]: 1.5.22  //
 
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  1. Late Pleistocene human genome suggests a local origin for the first farmers of central Anatolia. September 2018.DOI: 10.1101/422295, Autoren: Michal Feldman, Eva Fernandez Dominguez, Luke Reynolds u.a., sowie Johannes Krause, Preprint biorixv (Researchgate)
  2. Reconstructing the spatiotemporal patterns of admixture during the European Holocene using a novel genomic dating method Manjusha Chintalapati, Nick Patterson, Priya Moorjani bioRxiv 2022.01.18.476710; doi: https://doi.org/10.1101/2022.01.18.476710 
  3. Bading, Ingo: Das Zagros-Gebirge in der Völkergeschichte, Januar 2022, https://studgendeutsch.blogspot.com/2022/01/das-zagros-gebirge-in-der.html
  4. Stiner, M. C., Munro, N. D., Buitenhuis, H., Duru, G., & Özbaşaran, M. (2022). An endemic pathway to sheep and goat domestication at Aşıklı Höyük (Central Anatolia, Turkey). Proceedings of the National Academy of Sciences, 119(4), https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2110930119
  5. Hacılar, TurkishArchaeoNews @turarchaeonews, 4.3.2022, https://twitter.com/turarchaeonews/status/1499717291008741380

Sonntag, 16. Januar 2022

Streit-Esel zogen die Wagen des Adels und der Götter (3.000-2.200 v. Ztr.)

Die "Kunga", eine besondere Züchtung von Eseln als Zugtiere gingen der Domestizierung des Pferdes voraus

Zusammenfassung: Die Domestizierung des Esels in Ägypten und Zuchtexperimente in Nordmesopotamien gingen der Domestizierung des Pferdes in den Steppen nördlich des Kaukasus voraus und werfen zugleich ein helles Licht auf jene Zusammenhänge, aus denen heraus auch das Pferd vermutlich domestiziert worden ist. In Tell Brak / "Kagar" in Nordsyrien wurden um 3.000 v. Ztr. "Kunga" gezüchtet, die vierrädrige Streitwagen zogen (s. Abb. 1). Hierzu wurden Hausesel (die aus Ägypten stammten und zur Gruppe der "Afrikanischen Esel" gehörten) mit Wildeseln gekreuzt (die zur heute ausgestorbenen Gruppe der "Syrischen Wildesel" gehörten). Die entstandenen Tiere waren zwar unfruchtbar, hatten aber Eigenschaften, die sie zu teuren, "königlichen" Zugtieren machten, die als teure Gastgeschenke an Vasallen und befreundete Königshäuser verschenkt, sowie verkauft wurden. Da es von Nordmesopotamien aus viele kulturelle Einflüsse in Richtung auf die reiche, indogermanisch beeinflußte Maikop-Kultur nördlich des Kaukasus gegeben hat, wird es nicht unwahrscheinlich sein, daß die dortige Domestizierung unseres heutigen Hauspferdes - zunächst zum Zugtier von zweirädrigen Streitwagen (um 2.200 v. Ztr.) - ihre Anregung erhalten hat durch diese nordmesopotamischen königlichen Streit-Esel-Gespanne. So wird auch die Domestizierung unserer Pferde - wie in Nordmesopotamien - den "königlichen" Prestige-Bedürfnissen entsprungen sein. Und Pferde sind ja auch bis heute - ihrer ganzen Art nach - königlich, edel, verleihen ihrem Besitzer "Ansehen".
Der Esel ist eines der ältesten Lasten- und Zugtiere der Menschheit (1-6). Während sich nördlich des Kaukasus anfangs der Adel der dortigen Königreiche des Mittelneolithikums von Rinder-Wagen ziehen ließ, die vermutlich als königlich und adlig angesehen wurden (7), kennt man schon seit langer Zeit "Streit-Esel" als Zugtiere von Streitwagen in Ur in Mesopotamien, die dem Pferd als Zugtier von Streitwagen voraus gegangen sind. In einer neuen Studie ist die genetische Herkunft dieser Streit-Esel soeben geklärt worden (1-6). 

Abb. 1: Vierrädrige Streitwagen mit urtümlichen, schwerfälligen Scheibenrädern werden von "Kungar" (Streiteseln) gezogen - Darstellung auf der "Standarte von Ur" (Wiki), einem Holzkasten aus einem Königsgrab in Ur, um 2.500 v. Ztr. - So war auch der Königswagen des Helden Gilgamesch beschaffen

Aber zunächst die Frage: Woher stammt der domestizierte Esel? Er stammt aus Ägypten.

Wann und wo wurde der Esel domestiziert?

 Wir lesen (Wiki):

Schon 4000 v. Chr. hat man im Niltal Ägyptens den nubischen Wildesel zum Haustier gemacht.

Man nimmt an, daß es den domestizierten Esel seit dem späten 4. Jahrtausend v. Ztr. in Mesopotamien gibt. In ähnlicher Zeit wurde - nach bisherigem Kenntnisstand in einem Raum zwischen Mesopotamien und Nordkaukasus das Rad und der Wagen erfunden (7, 8). Nördlich des Kaukasus spannte man vor den Wagen Rinder, bzw. Ochsen (7), südlich des Kaukasus (zumindest auch) Esel. Zu jener Zeit gab es überall schon blühende Stadtkulturen (protourbaner oder urbaner Art), Königreiche und staatliche Verwaltungsstrukturen, die in Königspalästen - angesiedelt auf einer Akropolis mit Tempelbezirk - zusammen liefen.

Wann und wo wurden Rad und Wagen erfunden?

Mit der Erfindung des Rades und dem Rinderwagen als erstem Fortbewegungsmittel des Menschen zu Land im frühen 4. Jahrtaseund v. Ztr. haben wir uns hier auf dem Blog schon früher beschäftigt (7): Wagenräder als Grabgut kennt die reiche, mancherlei protourbane Merkmale aufweisende "Majkop-Kultur" im Nordwestkaukasus schon zwischen 3.700 und 3.000 v. Ztr.. In einer Grabanlage in Norddeutschland finden sich Wagenspuren aus der Zeit um 3.500 v. Ztr.. Ebenso gibt es frühe bildliche Wagendarstellungen, zum Beispiel im Steinkammergrab von Züschen in Nordhessen. In dem gesamten Raum bis hinauf nach Irland und Dänemark finden sich inzwischen für diese Zeit Hinweise auf Königreiche mit einem Hochadel (der die großen, überlieferten Stein-Grabanlagen nutzte, Steinstelen aufstellte) und auf protourbane Siedlungen als Verwaltungszentren. Dieser Hochadel vor allem nutzte auch die Rinderwagen als Prestige-Objekte und für religiöse Zeremonien (7).

Abb. 2: Menschen mit Traggestellen, Säcken, Widdern, Ochsen und Kungar treten vor den Herrscher - womöglich um ihr Ablieferungssoll darzubringen - alles zu Fuß. Wagen blieben einer kleinen Elite vorbehalten - Darstellung auf der "Standarte von Ur" (Wiki), 2.500 v. Ztr.

Aus gleicher Zeit ist das Rad aus Mesopotamien bezeugt (8). Von wo es sich nach wohin ausgebreitet hat, ist bislang ungeklärt. Wie so oft, wird aber womöglich auch in diesem Fall Mesopotamien der Ursprungsort gewesen sein, von wo aus sich eine solche Erfindungen dann - aufgrund der großen Aufnahmebereitschaft der Kulturen weiter im Norden (Maikop, Jamnaja, Cucuteni-Tripolje, Kugelamphoren-Kultur ...) sehr schnell über ganz Europa ausgebreitet haben wird, zumal gut bezeugt ist, daß die Maikop-Kultur im Kaukasus von Mesopotamien beeinflußt gewesen ist.

Existierten auch Wildesel?

So wie damals in vielen Teilen Europas in offenen und geschlossenen Habitaten (Wäldern) wilde Pferde lebten, die gejagt wurden, so lebten neben dem domestizierten Esel in Ägypten und in Mesopotamien bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch Wildesel weiter (1):

Seit der Periode der Frühen Dynastie (um 2800 v. Ztr.) ist eine anderes pferde-artiges Wesen bezeugt, der "anše-edin-na", wörtlich übersetzt der "Esel aus der Wüste". Dieses Tier wurde gejagt um seines Fleisches und seines Felles wegen aber es wurde nie als Zugtier genutzt.
Another equid attested since the Early Dynastic period I (ca. 2800 BCE) is the anše-edin-na, literally translated as “equid of the desert.” This animal was hunted for its meat and hide, but never used as a draught animal. The anše-edin-na is broadly considered to be a type of onager, although it is impossible to say whether it refers to the Persian onager (Equus hemionus onager) or to the Syrian wild ass, or hemippe (Equus hemionus hemippus) (8), sometimes also named “Syrian onager.”

Streit-Esel in königlichen Gräbern (3.000 bis 2.300 v. Ztr.)

Die Funde nun, die die neuen Erkenntnisse brachten, werden folgendermaßen beschrieben (1):

In dem Eliten-Gräber-Komplex von Tell Umm el-Marra (2600 bis 2200 v. Ztr.), die möglicherweise zu der antiken Stadt Tuba gehörte, 55 km östlich von Aleppo im heutigen Nordsyrien, wurden Männer und Frauen mit Keramik, Bronze und Silber-Gefäßen bestatten; Bronzewaffen und -werkzeugen; persönlichem Schmuck, gefertigt aus Bronze, Silber, Gold, Lapislazuli. Innerhalb dieses königlichen Gräber-Komplexes wurden 25 männliche Esel abseits von den Menschen bestattet (...) ähnlich den Esels-Gräbern in Abydos, Ägypten um 3.000 v. Ztr.. (...) Es ist schon vorgeschlagen worden, daß diese Skelette Hybride darstellen könnten. ....
In the elite burial complex of Tell Umm el-Marra (2600 to 2200 BCE), possibly belonging to the ancient city of Tuba, 55 km east of Aleppo in modern-day northern Syria, men and women were interred with ceramics, bronze, and silver vessels; bronze weapons and tools; and personal ornaments made of bronze, silver, gold, and lapis lazuli. Within this royal burial complex, complete skeletons of 25 male equids and bones from six additional animals were buried separately from humans, either in a sequence of pits or in their own mud-brick structures, akin to the 3000 BCE donkey burials at Abydos, Egypt.

Hier sind also Esel nahe königlicher Gräber bestattet worden ungefähr zu gleicher Zeit als in der Maikop-Kultur nördlich des Kaukasus das Pferd domestiziert wurde (9). Das Pferd sollte - als es wenige Jahrhunderte später nach Mesopotamien kam - im Gegensatz zum "Esel der Wüste/Steppe" als "Esel der Berge" benannt werden. 

Abb. 3: Für die Kultur in Nagar (Tell Brak) (Wiki) sind diese Figürchen kennzeichnend, sogenannte "Augenidole" aus Alabaster, um 3.500 v. Ztr. - Nach ihnen ist auch der "Augentempel" (Wiki) auf der Akropolis von Nagar benannt

Zu welcher weiter verbreiteten kulturellen Erscheinung die Esels-Bestattungen neben könglichen Gräbern gehörten, darauf wird gleich einleitend in der Studie hingewiesen gemäß der unterschiedlichsten Quellen (Schriftquellen, Bildquellen) (1):

Große männliche Kunga (Streit-Esel) wurden benutzt, um Wagen "des Adels und der Götter" zu ziehen, ihre Größe und Schnelligkeit machten sie begehrenswerter als Esel für das Ziehen von vierrädrigen Streitwagen. (...) Kleinere männliche und weibliche Kunga wurden im Ackerbau genutzt, wo sie, so wird regelmäßig berichtet, Pflüge zogen. Kunga-Fohlen sind selten geboren worden innerhalb der städtischen Zentren von Sumer und Syrien und Ebla kaufte junge Kunga fast ausschließlich aus Nagar (Tell Brak) im nördlichen Mesopotamien, das das Hauptzentrum der Zucht gewesen sein könnte und dessen Herrscher sie als Geschenke für die Eliten verbündeter Territorien nutzten. (...)
Vermutlich sind es Kunga, die über die gesamte Region hinweg auf königlichen Siegeln dargestellt werden und Abbildungen dieser Hybriden finden sich vermutlich sowohl auf der "Kriegs-" wie auf der "Friedenseite" der "Standarte von Ur". (...) In einer der ältesten Abbildungen (2.600 v. Ztr.) eines Kriegszuges in der Geschichte der Menschheit stehen die Krieger auf vierrädrigen Streitwagen, von denen jeder von einer Reihe von pferdeähnlichen Zugtieren gezogen wird.
Large-sized male kungas were used to pull the vehicles of "nobility and gods", and their size and speed made them more desirable than asses for the towing of four-wheeled war wagons. (...) Smaller-sized male and female kungas were used in agriculture, where they were frequently reported pulling ploughs. Kunga foals were seldom born within the urban centers of Sumer and Syria, and Ebla purchased young kungas almost exclusively from what may have been the principal breeding center at Nagar (modern Tell Brak), in northern Mesopotamia, whose rulers also provided them as gifts to the elites of allied territories. 
Presumed kungas featured prominently on royal seals throughout the region, and images of these hybrids likely appear on both the “war” and “peace” panels of the standard of Ur, a Sumerian artifact excavated from the royal cemetery in the ancient city of Ur (in modern-day Iraq). In one of the first depictions (2600 BCE) of a military expedition in human history, warriors stand on four-wheeled war wagons, each drawn by a team of unspecified equids. An example of the rein ring featured in this image has been found in a royal grave at Ur, decorated with a small statue of a noncaballine equid, either a kunga or hemione. 

Damit sind die berühmten Abbildungen auf der "Standarte von Ur" gemeint (hier: Abb. 1, 2). Dem Domestizierungs-Prozeß des Pferdes als Zugtier im Norden des Kaukasus, in der Maikop-Kultur (9), ging also die Jahrhunderte lange Erfahrung und das Experimentieren im Umgang mit Eseln als Zugtieren in Mesopotamien voraus, sowie ihre sehr ungewöhnliche Züchtung als teure königliche Tiere (2):

Das domestizierte Hauspferd (kam) erst 500 Jahre später in die Region des Fruchtbaren Halbmonds. Ältere Bilder und Texte zeigten jedoch, daß bereits zuvor pferdeartige Tiere in Schlachten und auf Reisen zum Einsatz kamen. Neben der "Standarte von Ur" gibt es Tontafeln, die in Keilschrift auf wertvolle Tiere mit der Bezeichnung "Kunga" hinweisen. Doch wer waren diese "Kunga"?
Dies beantwortete die genetische Auswertung von Tierknochen, die in einem mehr als 4.300 Jahre alten royalen Grabkomplex in Nordsyrien, in der ehemaligen Stadt Umm el-Marra, entdeckt wurden. Die alte DNA wurde mit dem Erbmaterial von Pferden, Hauseseln und Wildeseln verglichen, schreibt die Forschungsgruppe um Eva-Maria Geigl und Thierry Grange im Fachmagazin "Science Advances". Sie zog unter anderem Material des in den 1920er-Jahren ausgestorbenen Syrischen Halbesels heran sowie noch ältere DNA von Tieren aus der Pferdefamilie, auf die man bei der 11.000 Jahre alten Tempelanlage Göbekli Tepe stieß. 
Die Gruppe stellte fest: Bei den prächtigen Wesen im nordsyrischen Grab handelte es sich sogar um die älteste nachgewiesene Kreuzung verschiedener Tierarten. Die Hybridtiere entstanden aus der Vereinigung von Wildeseln der Spezies Asiatischer Esel mit Hauseseln, die vom Afrikanischen Esel abstammen. Auch sprachliche Ähnlichkeiten lassen sich feststellen, "Kunga" erinnert an die Begriffe "Kiang" (aus Tibet) und "Skiang" (aus Indien), mit denen der Tibet-Wildesel bezeichnet wird, sowie entfernt an den turkmenischen Kulan und den nur noch in Westindien vorkommenden "Khur" - weitere Verwandte oder Varianten des asiatischen Wildesels.
Die bestatteten "Kunga" hatten den Genomanalysen zufolge einen Hausesel zur Mutter und einen Wildesel zum Vater. Sogar das Einfangen der Wildtiere wurde dem Forschungsteam zufolge auf einem assyrischen Relief festgehalten. Dies mußte immer wieder wiederholt werden, denn die entstandenen Hybriden waren unfruchtbar - wie viele Artkreuzungen, auch beispielsweise das Maultier, eine Mischung aus Esel und Pferd.
Diese beschwerliche Züchtung nahm man offenbar auf sich, um einerseits besonders starke und schnelle Tiere zu erhalten, die andererseits aber nicht so wild waren wie die ursprünglichen Asiatischen Esel - Eigenschaften, die auch von militärischer Relevanz sind. Gegen die Einführung domestizierter Pferde konnte sich diese Methode allerdings nicht durchsetzen.

(Wenn man diese sprachlichen Ähnlichkeiten anspricht, geht damit womöglich auch der Verdacht einher, daß sich alle diese Kulturen sprachlich gegenseitig beeinflußt haben oder auf eine Sprachfamilie zurück gehen. Aber dieser Gedanke soll an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden.) Beim Göbekli Tepe sind die Knochen eines Syrischen Wildesels gefunden worden, die in dieser Studie hatten sequenziert werden können (1). Und (3):

Archäologische Aufzeichnungen zeigen, daß ein Zuchtzentrum in Nagar (heute Tell Brak, Syrien) die jungen Kungas in andere Städte verschiffte. Sie waren kostbare Tiere, Statussymbole und wurden in Kriegs- und Militärzeremonien verwendet.

Das älteste Maultier hingegen - eine unfruchtbare Kreuzung zwischen Esel und Pferd - wurde bislang um 1000 v. Ztr. in der heutigen Türkei entdeckt (3). Man wird zu der Annahme verleitet: So wie man für die Züchtung des "Kunga" spätestens ab 3.000 v. Ztr. in jeder Generation wilde Esel-Hengste der Steppe in Syrien einfing, so mag man nördlich des Kaukasus versucht haben, Hausesel, die durch den Fernhandel mit Nordmesopotamien herein gekommen sein mögen, mit eingefangenen Hengsten der Wildpferde der Steppe vor Ort zu paaren. Womöglich auf Anweisung eines dortigen Herrschers, Königs. Die dabei entstehenden Maulesel sind zwar erst ab 1.000 v. Ztr. für den Bereich der Türkei nachgewiesen. Aber womöglich kam es in der Steppe nördlich des Kaukasus über solche Versuche hinweg auch zur Domestizierung des Wildpferdes. Zu diesem Szenario wird man verleitet, wenn man sich mit dem Kunga beschäftigt. Aber natürlich ist nur eine von mehreren Möglichkeiten, wie es zur Domestizierung des Pferdes in der Maikop-Kultur gekommen ist. Die Kunga waren jedenfalls sechsmal teurer als die ansonsten eingesetzten Hausesel (4). 

Das Zentrum der Streit-Esel-Züchtung: Nagar/Tell Brak

Schon seit vielen Jahrzehnten machte sich die Forschung Gedanken über die nicht leicht einzuordnende Art jener Zugtiere, die in Bildquellen und Keilschrift-Tontafeln jener Zeit dokumentiert sind. So hatte etwa auch vor zwanzig Jahren der Münchner Assyrologe Walther Sallaberger (geb. 1963) (Wiki, Wiki), Assy) vor dem Hintergrund des damaligen Forschungsstandes (den wir hier durchstreichen, da das inzwischen genauer geklärt ist) geschrieben (5):

Die Wirtschaft des Ortes Nagar beruhte offensichtlich zu einem guten Teil auf der Zucht von hochwertigen als BAR.AN (=kunga) bezeichneten Equiden, worunter man Kreuzungen von Halbesel (Onager) und Esel verstehen möchte. Eblaiter nahmen nämlich den langen Weg von beinahe 400 km Luftlinie einfacher Strecke auf sich, um die Tiere zu kaufen, - und das zu Preisen, die dem Mehrfachen des gewöhnlichen für diese ohnehin schon teuerste Tierart entsprechen: für ein Tier könnte man in Ebla bis zu 300 Schafe kaufen. Der Handel für diese kostbaren Equiden kann auch über große Distanzen gehen, und im Land Naga dürften die Bedingungen für ihre Zucht ideal gewesen sein.

Sallaberger versucht in dieser Abhandlung, die Tontafel-Texte der königlichen Karwanserei von Tell Beydar, die zuvor ausgegraben worden waren, dem bisherigen Forschungsstand zuzuordnen. Und wir merken, indem wir solche Ausführungen zur Kenntnis nehmen, daß es Sinn machen kann, sie auch mit Blick auf zeitgleiche staatliche Strukturen in Europa bis hinauf nach Irland und Dänemark zu lesen. Und es mag ebenso Sinn machen, solche Ausführungen im Zusammenhang der Erörterung der Strukturierung der Gesellschaften Nordmesopotamiens insgesamt zu lesen, zu denen wir vor dreizehn Jahren schon einmal einen Artikel veröffentlicht haben (10). Wir lesen (5):

Zeugnisse für den Ort Nagar in frühdynastischer Zeit stammen bisher vor allem aus den Palastarchiven von Ebla.

Vor zwanig Jahren waren nun neue Tontafel-Dokumente aus dem zeitgleichen Beydar hinzu gekommen, die Sallaberger in der hier zitierten Studie auswertete. In diesen werden außer dem Ort Nagar noch zahlreiche andere Orts- und Personennamen erwähnt. Nach Sallaberger bleibt für sie nur die Schlußfolgerung (5):

Es handelt sich daher um Dörfer im Umland von Beydar, deren Personal und Ackerbau von Beydar aus verwaltet wird.

In anderen Aufzeichnungen von Beydar (5) ...

... werden monatliche Rationen von Personen und Futter für die Esel Durchreisender dokumentiert.

Zum Beispiel findet sich der Eintrag (5):

Herrscher: 11 Gespanne (von Eseln = 44 Tiere); (aus) Nagar, in 4 Tagen: 3 gur 4 bariga (= 2040 sila).

Hier handelt es sich um Angaben der Menge des Futters. Oder (5):

Der Herrscher kam (ba-gen), blieb (al-tus) für einige Tage; das Futter für soundsoviel Esel: Getreidemenge.

An solche entdeckten Tontafel-Aufzeichnungen schloß Sallaberger vor zwanzig Jahren folgende Überlegungen (5, S. 401f):

Die Zugtiere werden immer mit dem neutralen Begriff "anse" bezeichnet, der wohl kunga-Maultiere? (in Beydar anse-BAR.AN geschrieben) und dusu-Esel (anse-IGI) umfaßt. Hier können wir uns einmal ein recht klares Bild vom Aussehen der Tiere machen, wurden doch in Tell Brak in etwa gleichzeitigen Schichten Eselskelette gefunden, bezeichnenderweise in und bei einem Gebäude, das die Ausgräber als Karawanserai deuten wollen. Die kleinen aber offensichtlich wohlgepflegten Tiere von nur etwa 110 cm Widerristhöhe waren gewohnt, schwere Lasten zu tragen, wie Veränderungen der Wirbelsäule zeigen. Sie waren mit Bronze- oder Kupfertrensen angeschirrt, um geführt oder an Wagen gespannt zu werden. Natürlich wüßten wir nur zu gern, ob es sich bei diesen Tieren zumindest teilweise um die kunga-Maultiere? handelt, die einst in Ebla so hoch geschätzt wurden, wobei es von untergeordneter Bedeutung ist, ob die Texte von Ebla und die Esel von Tell Brak in die gleiche Zeit gehören oder um ein Jahrhundert getrennt sind. (...) "Esel 3" der Skelette von Tell Brak weist Proportionen auf, die nach den Daten der Bearbeiterinnen eher denen eines Halbesels zu entsprechen scheinen. Könnte somit hier die vermutete Kreuzung von Halbesel und Esel vorliegen? Oder handelt es sich um einen gezähmten Halbesel, dessen Wildheit sich noch an den abgewetzten Zähnen ablesen läßt? Hier kann nun letztendlich auch das Zeugnis einiger Texte aus Beydar angeführt werden: Ausgaben von Getreide erfolgen dort zweimal für anse edin, "Esel der Steppe", also wohl doch wilde Halbesel, einmal ist ein su anse edin, "der (Beauftragte) für Esel der Steppe" genannt. Getreideausgaben müssen dabei m.E. nicht für Domestizierung sprechen, die ja beim Halbesel unmöglich sein soll, sondern sie mögen für die gefangenen? Tiere gedacht sein. (...)
Mit der Versorgung der Tiere in Beydar war ein enormer Aufwand verbunden, bedenkt man, daß insgesamt meist 40-60 Tiere, im Einzelfall sogar mehr, gefüttert werden mußten. Der höchste bezeugte Wert beträgt 2700 sila Eselfutter für einen drei- oder viertägigen Aufenthalt des Herrschers; das entspricht den Monatsrationen von 45 Männern oder 90 Frauen.
Sicherlich waren die Esel nicht nur Last- sondern auch Zugtiere, da im Haushalt von Beydar eine auffällig hohe Zahl von Wagnern, wörtlich "Wagen-Tischlern" (nagar g;Sgigir), tätig war. Der Haushalt, dessen Archiv uns überliefert ist, erfüllte also zudem die Funktion einer Reisestation. Die Entfernung von 45 km Luftlinie von Tell Brak dürfte wohl zwei, vielleicht drei Tagesreisen entsprechen.
Wie gesagt, dokumentiert das Archiv aus "Chantier B" von Beydar nur das Futter für die Esel des Herrschers. Dieser selbst und sein Gefolge wurden von einer anderen Stelle versorgt, und es ist gut möglich, daß dies in dem ausgedehnten offiziellen Gebäude auf der Hügelkuppe geschah und dort auch die entsprechenden Urkunden aufbewahrt sind.

Mit "Esel der Steppe" werden also wohl - nach heutigem Kenntnisstand (?) - eingefangene wilde Tiere gemeint sein. Für diese gibt es also auch in "Beydar" einen eigenen "Beauftragten".

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob nicht auch sonst in Europa in dieser Zeit - etwa bei den Urindogermanen der Chwalynsk-Kultur oder bei den Schnurkeramikern in Oberfranken - wilde Pferde eingefangen worden sind und als Fleischreserve gehalten worden sind, auch wenn sie nicht als wirklich domestiziert gelten konnten. Denn in diesen Kulturen findet sich ja doch eine Rolle von Pferden, die denen von domestizierten Tieren wie Rindern und Schafen nahekommt (9). - Schon zuvor war ausgeführt worden (5, S. 397):

Weitaus die meisten Tafeln von Beydar stammen aus einem bescheidenen dreiräumigen Haus im Wohngebiet unterhalb des großen öffentlichen Gebäudes auf der Hügelkuppe (Chantier B). Es handelt sich fast ausschließlich um Verwaltungsurkunden über die eng zusammengehörenden Bereiche Ackerbau, Verwaltung von Getreide, Personal, sowie einzelne Aspekte der Viehwirtschaft. Nicht nur Inhalt und Formular, sondern auch das wiederholte Auftreten derselben Personen verbinden die Texte, weshalb uns offensichtlich Reste eines Archives eines öffentlichen Haushaltes vorliegen.

Und (5):

Die Reisen des Herrschers nach Beydar werden nur in wenigen Fällen begründet. (...) So unterbricht er vielleicht einmal eine Expedition für einen Halt in Beydar, ein anderes Mal ruft ihn eine "Versammlung" (unken) hierher, meist erfordern aber kultische Pflichten seine Anwesenheit.

Womöglich werden also Götterbildnisse - vielleicht nach der Art der "Augenidole" (Abb. 3) - auf Streitwagen in Zeremonialzügen rund um die Stadt geführt worden sein. Und (5):

Nach dem Zeugnis der Urkunden gehören Nagar=Tell Brak und Tell Beydar auf jeden Fall zu einem Staatswesen. (...) Der höhere Rang des mächtigen Tell Brak, also des antiken Nagar, gegenüber Beydar ist hier nicht zu bezweifeln.

Dies würde auf eine zentralere Steuerung und Verwaltung der ländlichen Entwicklung rund um eine Stadt wie Ebla oder Nagar hinweisen und wäre eine sehr wesentliche Ergänzung zu jenem Blogartikel, den wir zu Tell Brak schon vor dreizehn Jahren hier auf dem Blog veröffentlicht hatten (10).

Nagar/Tell Brak war offenbar von Uruk aus gegründet worden und gehörte zur Kultur der Akkader (in viel späteren Jahrtausenden dann zu den Kulturen der Hurri und Mitanni) (Wiki):

Tell Brak ist eine der weltweit ältesten Siedlungen mit städtischen Strukturen, die ab dem frühen 4. Jahrtausend v. Chr. bestanden.

Und (Wiki):

Tell Brak ist mit 40 Meter Höhe der größte Siedlungshügel in Nordmesopotamien und Syrien (...). Nur Uruk in Südmesopotamien war größer. (...) Im 3. Jahrtausend war Tell Brak eine der wichtigsten Städte in Nordmesopotamien und kontrollierte den Handelsweg vom Tigris nach Anatolien. Zu dieser Zeit herrschte vermutlich eine Dynastie, die mit dem 400 Kilometer westlich gelegenen Ebla in dynastischer Heirat verbunden war. Texte von Ebla geben Auskunft über Tagri-Damu, eine Prinzessin aus Ebla, deren Heirat mit dem Kronprinzen von Nagar, Ultum-huhu, von Ijar-Damu, dem letzten König von Ebla arrangiert wurde

So sind etwa 42 Gefäße mit Wein erwähnt, die zur Hochzeit von Ebla nach Nagar geschickt wurden (Wiki):

Um 2200 oder um 2000 v. Chr. kam es zu einer Siedlungsunterbrechung, deren Ursache noch strittig ist. Die akkadische Periode endete, möglicherweise verursacht durch die Ankunft der anfangs nomadischen Amoriter.

Mit diesen Amoritern oder nachfolgenden Völkern (Hurritern, Mitanni), deren Herkunft - nach neuesten archäogenetischen Studien (siehe künftiger Blogbeitrag) - auf den Kaukasus zurück geführt werden kann, kamen zu dieser Zeit oder wenig später domestizierte Pferde ins Land, sowie Völker, die zwar nicht genetisch von Indogermanen beeinflußt waren, aber in manchen Namen und Begriffen an eine Berührung mit indogermanische Sprachen erinnerten.

Jener berühmte Holzkasten, genannt "Standarte von Ur" (Wiki), aus der Zeit um 2.500 v. Ztr., bezeugt, daß noch über lange Jahrhunderte hinweg der Besitz von Zugtieren und Wagen auf eine kleine Schicht wohlhabenderer Menschen beschränkt gewesen ist. Denn er besitzt eine Seite, auf der die Taten des Herrschers im Krieg dargestellt sind und eine andere Seite, auf der die Taten des Herrschers im Frieden dargestellt sind. Auf der ersten Seite finden sich Streitesel-Wagen mit Rädern (Abb. 1), auf der anderen Seite zwar Widder, Ochsen und Streit-Esel (die offenbar abgeliefert werden). Hier aber gehen alle Menschen zu Fuß (Abb. 2).

Abb. 4: Mann mit Rückentrage - Darstellung auf der "Standarte von Ur" (Wiki), 2.500 v. Ztr.

Insbesondere die Menschen mit Traggestellen geben einen Eindruck von der vorherrschenden Fortbewegungsweise und der vorherrschenden Art des Transportes der Menschen vor Erfindung des Rades und noch über viele weitere Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg danach (Abb. 4). Man sollte nicht aus dem Auge verlieren, daß von diesem Gehen und Tragen das Leben der großen Mehrheit der Menschen weltweit über viele Jahrtausende hinweg bestimmt gewesen ist, auch noch in Zeiten als es schon Rad und Wagen, Trag- und Zugtiere gegeben hat.

Lauter Innovationszentren: Varna - Cucuteni - Maikop - Ur

Mit all dem wird erkennbar, daß die Züchtung des Streit-Esels zum Zugtier von vierrädrigen Streit- und Zeremonial-Wagen an die Entwicklung der Stadtkultur in Mesopotamien gebunden war. Diese Stadtentwicklung ging in Nordmesopotamien zeitlich parallel zur Entwicklung der Maikop-Kultur (4.000-3.200 v. Ztr.) (Wiki) im nördlichen Teil des Kaukasus, an die dort die einige Jahrhunderte später erfolgte Domestizierung des Pferdes gebunden war. Die Maikop-Kultur war kulturell von Nordmesopotamien beeinflußt und wird von dort auch diesbezüglich mancherlei Anregungen erhalten haben in Richtung auf die Nutzung von wild gefangenen Tieren als Zugtiere.

Das alles ging aber außerdem noch zeitlich parallel zur Cucuteni-Tripolje-Kultur (Wiki) in der Ukraine, deren Megasiedlungen um 3.800 v. Ztr. mit 340 Hektar schon größer waren als alle zeitgleichen Siedlungen in Nord- (Kagar/Tell Brak) oder Südmesopotamien (Uruk). Wir haben es also hier mit lauter Innovationszentren zu tun. Der Handel quer über das Schwarze Meer brachte jenen immensen Reichtum zusammen, der schon in den Königsgräbern von Varna (4.300 v. Ztr.) im heutigen Bulgarien zu besichtige war.

Der Hausesel hat noch eine weitere Geschichte, auf die hier erst einmal nicht mehr im einzelenen eigengangen werden soll. In Mesopotamien gab es offenbar in der Bronzezeit auch noch große, weiße Reitesel, für die Damaskus berühmt war, während Züchter in Syrien mindestens drei weitere Eselrassen züchteten, einschließlich einer, die von Frauen bevorzugt wurden wegen ihrer leichteren Gangart (Wiki). Auch in Ägypten ist der Esel noch lange nach dem vierten und dritten Jahrtausend v. Ztr. vor allem als Last- und Arbeitstier genutzt worden (Wiki):

Reste von domestizierten Eseln, die auf das vierte Jahrtausend v. Ztr. datieren, sind in Ma'adi im Unteren Ägypten gefunden worden. ... Es wird vermutet, daß sie zunächst in Nubien als Lastentier domestiziert wurden, um die Mobilität der dortigen Herdenhalter-Kulturen zu erhöhen ... Zwischen 2.675 und 2.565 v. Ztr. konnten wohlhabende Angehörige der Gesellschaft in Ägypten über tausend Esel besitzen, die für den Ackerbau, zur Milch- und Fleischgewinnung, sowie als Lastentiere genutzt wurden. 2003 wurden in einem Pharao-Grab zehn Esel-Skelette ausgegraben, die in einer Weise bestattet worden waren wie sie nur hochgestellten Persönlichkeiten zukam. Diese Gräber zeigen die Bedeutung von Eseln im frühen ägyptischen Staat und für seine Herrscher.
Remains of domestic donkeys dating to the fourth millennium BC have been found in Ma'adi in Lower Egypt, and it is believed that the domestication of the donkey was accomplished long after the domestication of cattle, sheep and goats in the seventh and eighth millennia BC. Donkeys were probably first domesticated by pastoral people in Nubia, and they supplanted the ox as the chief pack animal of that culture. The domestication of donkeys served to increase the mobility of pastoral cultures, having the advantage over ruminants of not needing time to chew their cud, and were vital in the development of long-distance trade across Egypt. In the Dynasty IV era of Egypt, between 2675 and 2565 BC, wealthy members of society were known to own over 1,000 donkeys, employed in agriculture, as dairy and meat animals and as pack animals. In 2003, the tomb of either King Narmer or King Hor-Aha (two of the first Egyptian pharaohs) was excavated and the skeletons of ten donkeys were found buried in a manner usually used with high ranking humans. These burials show the importance of donkeys to the early Egyptian state and its ruler. By the end of the fourth millennium BC, the donkey had spread to Southwest Asia, and the main breeding centre had shifted to Mesopotamia by 1800 BC.

Die insgesamt sehr langen, inhaltsreichen drei Jahrtausende der Menschheitsgeschichte zwischen 4.900 v. Ztr. und 2.000 v. Ztr. füllen sich allmählich und formen sich zu einem "Bild". Wir wollen es im Hinterkopf behalten: Dies sind Jahrtausende, in denen die große Mehrheit der Menschen immer noch zu Fuß unterwegs waren. Nur hoch gestellte Persönlichkeiten, Angehörige der Königsfamilie, Adlige, hohe Verwaltungsbeamten werden sich auf Wagen fortbewegt haben, die von Eseln, Rindern oder Pferden gezogen worden sind.

Der Streitesel-Wagen des Helden Gilgamesch

Ergänzung 26.6.2021: Der prächtige, geschmückte Königs-Wagen, der im berühmten, eindrucksvollen, etwa um 800 v. Ztr. nieder geschriebenen - aber nach der Forschung viele Jahrhunderte älteren - babylonischen Gilgamesch-Epos (Wiki) erwähnt wird, ist ein Wagen, der von "Mauleseln" gezogen wird (Text)! Und doch ist er bestimmt für den "Held der Helden", für Gilgamesch. Erst mit der Entdeckung der Kunga kann dieser "Widerspruch" geklärt werden. Schon in diesem Epos zeigte sich, daß die bronzezeitliche babylonische Kultur des Zweistromlandes ursprünglich eine ganz andere Kriegstechnik kannte. Auch an diesem Umstand ist ablesbar, wie alt das Epos sein muß und wie zuverlässig sein Inhalt - schriftlich - überliefert worden ist. Zugleich ist zu erfahren (Wiki):

Wurden von den Sumerern im 3. Jahrtausend v. Chr. noch schwere zwei- oder vierrädrige Wagen mit Scheibenrädern eingesetzt, so wurden ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. zweirädrige Streitwagen mit Speichenrädern genutzt. Sie waren bis etwa zum 5. Jahrhundert v. Chr. allgemein verbreitet.

Daran ist erkennbar, um wie viel älter das Gilgamesch-Epos zum Beispiel gegenüber der Ilias ist. Es stammt - wohlgemerkt: in präziser schriftlicher Überlieferung - aus dem 3. Jahrtausend v. Ztr.. Der von Pferden gezogene Streitwagen kam ja erst ab 1700 v. Ztr. mit den Hyksos nach Ägypten und mit den Mittanni nach Sumer (Wiki).

/ Ergänzung 9.9.2022: Die ersten Esel sind in Ostafrika, vielleicht am Horn von Afrika, um 5.000 v. Ztr. domestiziert worden (ScNews). Alle domestizierten Esel weltweit stammen von ihnen ab. Die Forscher schreiben außerdem (11):

Wir decken eine bislang unbekannte genetiche Linie innerhalb der Levante um 200 v. Ztr. auf, die ihre Genetik in zunehmendem Maße nach Asien ausbreitete.
We uncover a previously unknown genetic lineage in the Levant ~200 BCE, which contributed increasing ancestry toward Asia.

Das würde zusätzlich aufmerksam machen auf den kulturellen Austausch zum Beispiel zwischen Alexandria und Indien in der Zeit ab 200 v. Ztr., über den - so wird von manchen vermutet - auch viele Inhalte des Neuen Testaments in den östlichen Mittelmeerraum kamen. Leider ist die Studie aktuell nicht frei zugänglich. /

_________

  1. The genetic identity of the earliest human-made hybrid animals, the kungas of Syro-Mesopotamia. E. Andrew Bennett (...) Eva-Maria Geigl. Science Advances, 14 Jan 2022, Vol 8, Issue 2, https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abm0218
  2. Sica, Julia: Standard, 15.1.2022, https://www.derstandard.de/story/2000132517554/die-schlachtroesser-die-gar-keine-waren
  3. Der Kunga war lange vor dem Vollblut ein Statussymbol, 14.1.2022, https://germanic.news/der-kunga-war-lange-vor-dem-vollblut-ein-statussymbol/
  4. Esel-Hybrid schon vor 4.500 Jahren gezüchtet, 14.1.2022, https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/esel-hybrid-schon-vor-4-500-jahren-gezuechtet/ 
  5. Walther Sallaberger: „Nagar in den frühdynastischen Texten aus Beydar“, in: K. Van Lerberghe/G. Voet (Hg.), Languages and Cultures in Contact. At the Crossroads of Civilizations in the Syro-Mesopotamian Realm. Proceedings of the 42th RAI. Orientalia Lovaniensia Analecta 96 (Leuven: Peeters) 393-407 (pdf)
  6. Joosse, Tess:  Donkeylike creatures may be first known hybrid animal made by humans - Ancient find provides biological evidence for complex Bronze Age breeding programs, 14.1.2022, https://www.science.org/content/article/donkeylike-creatures-may-be-first-known-hybrid-animal-made-humans
  7. Bading, Ingo: 3.100 v. Ztr.: Der Rinderwagen in der Weltgeschichte, 2010, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/10/3100-v-ztr-der-rinderwagen-in-der.html
  8. Rad von Ur in Mesoptomien, 4. Jahrtausend v. Ztr., https://www.citeco.fr/10000-years-history-economics/the-origins/invention-of-the-wheel
  9. Bading, Ingo: Unsere Pferde - Sie stammen von Don und Wolga, Oktober 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/10/unsere-pferde-sie-stammen-von-don-und.html
  10. Bading, Ingo: Wie entstehen und entwickeln sich arbeitsteilige Gesellschaften? Stadtentwicklung in Nordmesopotamien (4.200 bis 3.400 v. Ztr.) - Das Beispiel Tell Brak, 31. August 2008, https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/08/wie-entstehen-und-entwickeln-sich.html 
  11. E.T. Todd et al. The genomic history and global expansion of domestic donkeys. Science. Vol. 377, September 9, 2022, p. 1172. doi: 10.1126/science.abo3503, https://www.science.org/doi/abs/10.1126/science.abo3503
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