Sonntag, 29. Juli 2007

Der "helmumflatterte Hektor" - Spätbronzezeitliche Krieger-Kulturen im Mittelmeer-Raum, in Nebra und an der Nordsee

In der Nordsee sind neue archäologische Funde gemacht worden, die auf kulturelle Beziehungen mit dem Mittelmeer-Raum hindeuten. (s.u.) Doch bevor darüber berichtet wird, soll der bisherige Forschungsstand zu solchen kulturellen Kontakten rekapituliert werden anhand der Fundgruppe der sogenannten "Kammhelme". Schon im Jahr 1928 hat man in der Weser einen Helm gefunden in derselben Form, wie er in der späten Bronzezeit auch in der mykenischen Kultur in Griechenland verwendet wurde, einen sogenannten bronzenen Kammhelm (Focke-Museum Bremen 1, 2, 3):


Auf der Bremer Museums-Seite heißt es dazu heute: "Einzigartig in Nordeuropa ist der aus der Lesum stammende Kammhelm aus Bronze." Aber auch im Main im Landkreis Bamberg wurde ein solcher Helm gefunden (Landschaftsmuseum Obermain):
Und ebenso fand man solche Helme in Bayern (Archäologie in Bayern.de, Noricum):

Zu dem zuletzt abgebildeten Ausstellungsstück wird erläutert:
In Süddeutschland sind Metallhelme erstmals seit der Spätbronzezeit nachgewiesen. Vom Orient aus breitete sich diese Innovation im letzten Drittel des 2. Jahrtausends über den spätmykenischen Kulturbereich und Italien bis nach Mittel- und Nordeuropa aus. Nach ihrer Form werden Kappen-, Glocken- und Kammhelme unterschieden.
Ein solcher Kammhelm ist der hier gezeigte von der Pockinger Haid (Lkr. Griesbach). Er besteht aus zwei getriebenen Blechhälften, die sich unten an der Stirn- und Nackenseite überlappen und hier mit großen Kegelnieten verbunden sind. Oben laufen die Bleche zu einem Kamm aus, an dessen Rand das eine über das andere geschlagen ist.

Der Helm ist sicher nicht nur beim Kampf getragen worden, sondern ebenso bei zeremoniellen Anlässen als Würdezeichen eines hohen Herrn. Darauf weisen unter anderem die merkwürdigen Fundumstände aller vergleichbaren Helme in ihrem Verbreitungsgebiet von Norditalien bis Norddeutschland hin, die niemals in den Gräbern ihrer Träger, sondern stets in Horten oder Gewässern deponiert wurden. Auch der Helm von Haid wurde in ehemals sumpfigem Gelände entdeckt.

In der Nachbildung sieht ein solcher Helm dann so aus (Noricum):


Außer diesen wunderschönen Helmen, an denen wohl noch ein wehender Helmbusch befestigt war, gibt es noch vielfältige andere archäologische Hinweise auf kulturelle Kontakte zwischen dem Mittelmeer-Raum und dem nordeuropäischen Raum in der späten Bronzezeit. Neue, überraschende Funde werden, wenn sich ihre Gültigkeit bestätigen sollte, unser bisheriges Wissen um ein Beträchtliches erweitern (Yahoo News):
Der Kulturgeschichtler Hans Peter Duerr hat nach Angaben des Nachrichtenmagazins «Focus» Objekte aus der bronzezeitlichen Hochkultur der Minoer auf Kreta in der Nordsee gefunden. (...) Duerr habe bei Ausgrabungen im Watt nördlich der Hallig Südfall ein minoisches Siegel mit Linear-A-Schriftzeichen aus dem 15. vorchristlichen Jahrhundert gefunden, hieß es. Eine Isotopenanalyse habe ergeben, dass ebenfalls im Watt gefundene Küchenkeramik minoischen Stils in der Gegend der antiken Hafenstadt Kommos an der Südküste Kretas produziert worden sei.
Das wären sensationelle Ergebnisse, wenn sie sich bestätigen sollten. Duerr ist in Fachkreisen, soviel man hört, nicht ganz unumstritten, da er selbst kein gelernter Archäologe ist. Vielleicht werden die neuen Funde aber die Glaubwürdigkeit seiner bisherigen Forschungs-Ergebnisse auch bekräftigen. Passen sie doch wunderbar hinein in das sonstige, angedeutete Bild, das die Forschung schon seit Jahrzehnten von den damaligen kulturellen Kontakten hat.

Auch die Himmelsscheibe von Nebra weist ja zahlreiche überraschende Übereinstimmungen mit der Beschreibung eines Schildes in der "Ilias" des Homer auf. Und tatsächlich sind es ja auch mitteleuropäische, spätbronzezeitliche Völker gewesen, die in Verbindung gebracht werden können mit der "Dorischen Wanderung" in Griechenland und dem "Seevölkersturm" im Mittelmeer-Raum um 1200 v. Ztr.. Kulturen aus Süddeutschland jener Zeit haben sich laut archäologischer Grabungen im Libanon und in Palästina angesiedelt.

Würde man nun der Ilias-Deutung durch Joachim Latacz (s. Bücher) folgen, nach der die Ilias nur die schriftliche Niederlegung einer langen mündlichen Tradition von Heldenliedern ist, die von Generation zu Generation weiter erzählt werden, dann hätte man in der "Ilias" eine ganz allgemeine Schilderung des Geistes der Spätbronzezeit vor sich, nicht nur des Mittelmeerraumes, sondern auch Mittel- und Nordeuropas. - Dieser Geist wird im nächsten Beitrag anhand der Szene des Abschieds des "helmumflatterten Hektor" von seiner Gattin Andromache und seinem Sohn Astyanax noch ein wenig veranschaulicht.

(Es sollte nicht unerwähnt bleiben, daß die minoische Kultur auf Kreta deutliche Unterschiede aufweist zur mykenischen Kultur in Griechenland oder jenen zeitgleichen Kulturen in Italien.)

Literatur:

- Jud, Peter: Neues vom Helm von Weil. In: Archäologie der Schweiz, 8/1985, S. 62 - 66
- Cordier, Gerard: La sépulture de l'Age du Bronze final du Theil à Billy (Loir-et-Cher, France). In: Archäologisches Korrespondenzblatt, 27/1997, S. 73 - 92.
- Pescheck, Christian: Ein Kammhelm aus dem Oberen Maintal. In: Jahrbuch des Röm.-Germ. Zentralmuseums, Mainz 13/1966, S. 34 - 36
- Jorns, Werner: Die Kammhelme von Biebesheim. In: Fundberichte aus Hessen, 12/1972, S. 76 - 85
- Merhart, Gero von: Zu den ersten Metallhelmen Europas. In: Bericht der Röm.-Germ. Kommission, 30/1941, S. 4 - 41

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