Dienstag, 31. Juli 2007

Christa Müller - "es ist das Lachen einer Kämpferin"

Die "Vorbotin einer neuen Zeit"

Im "Spiegel" (s. St. gen.) wurde das gar nicht erwähnt. Was ist das bloß heute für eine Berichterstattung. Man muß doch sagen, daß Christa Müller über ihre Thesen schon im Dezember letzten Jahres ein Buch herausgebracht hat, daß sie in der Linkspartei Saarland detailierte Konzepte ausgearbeitet hat. Entdeckt man wieder mal nur durch Zufall und bei genaueren Recherchen! (Google)

Amazon schreibt zu dem Buch:
Aus ökonomischer und gesellschaftspolitischer Sicht diskutiert Christa Müller die Leistung der Hausfrau und die Bedeutung von Familie, Kindern und Erziehung in diesem Land. Persönlich, provokant, hoch aktuell und zukunftsweisend! Nach ihrem Wirtschaftsstudium ging Christa Müller 1988 als Wirtschaftsexpertin in die SPD-Zentrale. 1993 heiratete sie Oskar Lafontaine und brachte ihren Sohn zur Welt. Heute ist sie Mutter und Altenpflegerin in Vollzeit und leitet den Verein «Intact».
Eine Politikerin, die Staatssekretärin hätte werden können, arbeitet als "Altenpflegerin in Vollzeit". Hat hier schon mal jemand richtig hingehört? Was das für eine Lebensentscheidung ist? Macht ihr die irgend ein heutiger deutscher Politiker, eine deutsche Politikerin nach? Ich empfinde das sogar als außergewöhnlich vorbildlich. Zum ersten mal eine Frau, die nicht lammentiert, sondern einfach das Notwendige tut. Sie weiß sicher besser als wir, daß gute Altenpflegerinnen oft dringender gebraucht werden als Staatssekretäre ...

Schon im Juni 2005 fand sich ein erstaunlicher Bericht über Christa Müller in der Presse (Tagesspiegel):
Christa Müller, das war mal die Vorbotin einer neuen Zeit, eine linke Intellektuelle mit atomblondem Kurzhaarschnitt, die an der Seite des damaligen SPD-Kronprinzen die politische Arena betrat und all die muttchenhaften Politikergattinnen ziemlich alt aussehen ließ. (...)

Christa Müller ist eine andere geworden, auch wenn sie sich äußerlich nur wenig verändert hat. An einem kühlen Mittwochmorgen kreuzt sie in einem dünnen Sommerkleid in der Altstadt von Saarbrücken auf, parkt ihren verbeulten Kleinbus vor der Ausländerbehörde, um dann an Asylbewerbern vorbeizusegeln, hinauf in ihr Büro. In einer winzigen Teeküche unterm Dach warten vier Kolleginnen mit Papier und vielen Fragen. „Lasst euch nicht abwimmeln“, wird Christa Müller ihnen sagen, und dass man beim Spendensammeln ruhig mal etwas lauter anklopfen darf bei den Begüterten der Nation.

Sie ist jetzt fast zehn Jahre Vorsitzende des Vereins „Intact“ und kämpft gegen die Beschneidung von Mädchen in Afrika. „Intact“ arbeitet mit Nicht-Regierungsorganisationen zusammen, die Sozialarbeiterinnen durch die Dörfer schicken und über die Folgen von Genitalverstümmelung aufklären. (...)

Sie ist jetzt Hausfrau und Altenpflegerin und versorgt hier nicht nur Mann und Sohn, sondern auch „die Omas“: ihre Mutter, die ist 87, und ihre Schwiegermutter, die ist 89. Die Omas wohnen im Seitenflügel des Hauses, Christa Müller kocht für sie, kauft ein und betreut die Hörgeräte. Sie tut das aus „moralischen Gründen“ und vielleicht auch, weil der Sozialismus manchmal gar nicht so weit weg ist von der christlichen Nächstenliebe. (...)

„Ich habe ein Problem mit den Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft“, sagt sie. „Warum ist man keine ernst zu nehmende Frau, wenn man keiner Erwerbsarbeit nachgeht?“ Dass der Staat die „dumme Hausfrau“ für die häusliche Pflege von Angehörigen nur mit einem Taschengeld abspeist, ist das eine. Die Geringschätzung aber ist das andere.
Hier nun findet sich das offizielle Konzept der Partei "Die Linke - Saarland" zur Familienpolitik von der "Landesarbeitsgemeinschaft Familienpolitik". (Hier auch eine kleine Presseschau der Partei zum Thema.) In der Partei "Die Linke" gab es auch schon im März heftigen Widerstand gegen Christa Müller. (PDS-Brandenburg, Vorwärts - dort erwähnt am Ende auch die Zeitung "Neues Deutschland") Der "Cicero" gab damals eine absolute lächerliche Stellungnahme ab, obwohl er sich doch zuvor für Eva Herman stark gemacht hatte ... (Cicero) Ende Mai gab Christa Müller im Deutschlandradio ein Interview. (Dradio, 25.5.07) Ende Juni gab aber dann endlich die FAZ einen sehr brauchbaren Ein- und Überblick zur Lage rund um Christa Müller. (FAZ, 27.6.07) Er soll hier in Auszügen wiedergegeben werden:
Zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Familienpolitik der Linken im Saarland hat sie ein Konzept für ein „Erziehungsgehalt“ entwickelt, das das „Betreuungsgeld“ weit überbietet. Im ersten Lebensjahr des Kindes sollen Eltern rund 1600 Euro brutto im Monat, im zweiten und dritten Lebensjahr rund 1000 Euro und bis zum 20. Lebensjahr rund 500 Euro erhalten. Dieses Geld soll jedoch an Hausbesuche von „Familienberatern“ geknüpft sein, die kontrollieren sollen, ob Familien ihre Erziehungsleistung „ordnungsgemäß“ erbringen. (...) In der Partei, in die sie vor zwei Jahren zusammen mit ihrem Mann eingetreten ist (damals hieß diese noch „Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit“), erntet sie damit geteilte Reaktionen: von erbittertem Widerspruch bis hin zu Anerkennung - Letztere kommt aber nicht aus der Bundespartei, sondern aus ihrem und dem baden-württembergischen Landesverband. (...) Es gibt an der Saar aber auch Unterstützer Müllers, darunter Frauen aus Ostdeutschland, die ihren Kindern kein Krippensystem zumuten wollten. (...)

Ein paar Jahre lang hat sie darunter gelitten, ihren Beruf für die Familie aufgegeben zu haben. „Zur Staatssekretärin in einem Landesministerium hätte ich es schon bringen können“, sagt sie. (...) Das Papier, dem der Vorstand der saarländischen Linken zugestimmt hat, soll demnächst auf einem Landesparteitag beschlossen werden.

Frau Müllers Ausflug ins wertkonservative Milieu könnte ihrem Mann unter bürgerlichen Wählern zu Stimmengewinnen verhelfen. Lafontaine erreichte für die SPD an der Saar dreimal hintereinander absolute Mehrheiten - aber dass er mit der Linken noch einmal regiert, scheint gewagt. Das Saarland ist ländlich, strukturkonservativ, katholisch. Die „Familienpartei“, die schon seit langem ein „Erziehungsgehalt“ fordert, erhielt 2004 drei Prozent - wenn alle ihre Wähler beim nächsten Mal für die die Linke stimmen würde, wäre Lafontaine wohl immerhin im Landtag.
Auch Dorothea Böhm schrieb zu diesem Artikel eine Lesermeinung, wies aber die Öffentlichkeit außerhalb der FAZ (zumindest "Studium generale") gaaaaaar nicht auf das hin, was sie in der Presse so entdeckt und kommentiert. - Schade! Auch Heinrich Oldenburg von der "Familien-Partei" schrieb zu dem FAZ-Artikel einen Leserkommentar. Und dieser ist, wie man erwarten konnte klar, hieb- und stichfest:
Nicht nur demografisch wirksam, vor allem gerecht würde ein steuer- und versicherungspflichtiges Erziehungsgehalt sein. Die Forderung basiert auf dem Schreiberplan von 1956, dem Konstruktionsplan unseres Sozialsystems, nach dem über eine Kinderkasse für eine Kinderrente die Kosten des Kinderaufziehens von allen Bürgern finanziert werden sollten. Adenauer "amputierte" die Kinderkasse aus wahltaktischen Erwägungen.
Das Krippenmodell zielt auf Sofortbeiträge durch Mütter zum Sozialprodukt ab, negiert dagegen weiterhin die eigentliche Leistung, die Eltern für die Zukunftssicherung der Gesellschaft erbringen.
Wer unser Sozialsystem und seine demografischen Folgen im Politikunterricht mit 20jährigen diskutiert, erfährt völlige, handfest begründete Abwendung der Jugend. Sieht Biedenkopfs "Die Jungen werden das nicht bezahlen!" bestätigt. Warum auch nicht angesichts der benachteiligten eigenen Mütter.
Frau Müller allerdings geht es wohl nur darum, die Stimmen der besonders im Saarland erfolgreichen Familienpartei zur Linken herüber zu locken.
Heinrich Oldenburg, Minden
Den letzten Satz und vor allem das "nur" darin finde ich schlecht, sehr schlecht, Herr Oldenburg. Das muß man nicht tun. Warum sich nicht freuen, daß auch in anderen Parteien die Leute endlich auf die Gedanken kommen, die man schon lange vertritt? (- Ein Ludwig Paul Häußner von der Universität Karlsruhe (TH) übrigens möchte in seinem Kommentar lieber ein bedingungsloses Grundeinkommen statt ein Erziehungsgehalt. Mir scheinen da die Unterscheidungen nicht mehr so wichtig. Ich meine: Erst mal sollte man an Familien denken, der Rest ergibt sich.)

Fast alle Zeitungsartikel, die über Christa Müller berichten, wollen bei der Beurteilung ihrer Person und ihres Handelns irgend welche Klischee anwenden, sie in irgend eine Schublade stecken. Nichts davon paßt auf sie, wie mir scheinen will. Sie ist völlig frei und unabhängig in ihren Entscheidungen und in ihrem Handeln und gestaltet ihr Leben nicht nach vorgegebenen Schablonen. Ein Vorbild. Ermutigend. Der eingangs erwähnte Tagesspiegel-Artikel endete im Juni 2005 übrigens folgendermaßen:
Wenn ihr Mann geht demnächst (zurück in die Politik), wird sie hier bleiben. Es wird dann etwas stiller werden im Haus. Mal sehen, was passiert, sagt sie und lacht. Es ist das Lachen einer Kämpferin.
Inzwischen haben wir ja schon erfahren, was passiert, wenn man eine Politikergattin vom Schlage Christa Müller als Politiker allein zu Hause läßt. Sie fängt an, ebenfalls Politik zu machen. Und Bücher zu schreiben. Und Konzepte zu erarbeiten. Und Streitgespräche zu führen. Und allesamt: gute.

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