Dienstag, 29. Mai 2007

Muttersprache - ein Evolutionsfaktor?

Die Völker auf der Welt sprechen zwei verschiedene Arten von Muttersprachen (Wikipedia): Tonale Sprachen (oder Tonsprachen) und nicht-tonale Sprachen. Die Sprachen der meisten südafrikanischen, afrikanischen, asiatischen und amerikanischen (Ureinwohner-)Völker sind tonale Sprachen, das heißt, die Bedeutung eines Wortes hängt (auch) von der Tonhöhe bei der Aussprache ab. Schon von dieser geschilderten geographischen Verteilung her geurteilt wird es sich bei den tonalen Sprachen um die - evolutiv gesehen - ursprünglichere Sprachform handeln.

Die meisten indo-europäischen Sprachen, so auch das Englische oder das Deutsche sind nicht-tonale Sprachen. Wenn nicht-tonale Sprachen tatsächlich erst mit der indo-germanischen Sprachfamilie in der Welt entstanden sind und sich mit ihr ausgebreitet haben sollten, dann wäre diese Art von Sprache weltgeschichtlich gesehen erst sehr spät entstanden (etwa 4.500 v. Ztr. nördlich des Schwarzen Meeres, wobei noch zu überlegen wäre, ob die vor-indogermanischen Sprachen in Europa nicht auch nicht-tonale Sprachen waren).

Es gibt aber auch überall wichtige Ausnahmen. Einige indo-germanische Sprachen wie das Schwedische, das Altgriechische und auch indischen Sprachen sind tonal, während zum Beispiel west-tibetische Sprachen im Gegensatz zu ost-tibetischen Sprachen nicht-tonal sind.

Nun haben zwei schottische Forscher aus Edinburgh staunenswerterweise entdeckt (Wissenschaft.de, Gene Expression, Heimatseite der Forscher, Times), daß die beiden von dem in Chicago arbeitenden chinesischen Humangenetiker Bruce Lahn erforschten Gehirnwachstumsgene, die erst vor 37.000 bzw. 6.000 Jahre selektiv bedeutsam wurden in der Humanevolution (siehe bspw. vorletzter Stud. gen.-Beitrag) sehr gut korrelieren mit der geographischen Verbreitung von tonalen und nicht-tonalen Sprachen, wobei die um 37.000 vor heute, bzw. 6.000 vor heute eingeführte genetische Variante dann mit der "moderneren" (europäischen) Sprachform korrelieren würde.

Diese Entdeckung verleitete die Forscher zu einem waghalsigen Schluß: Die Wahrscheinlichkeit des Vorkommens einer bestimmten Art von Sprache könnte (auch) genetische Ursachen haben. Das ist eine Hypothese, die man - ehrlich gesagt - bisher nie auch nur annähernd für möglich gehalten und in Erwägung gezogen hat. Bisher war man sehr sicher davon ausgegangen, daß es keine besonders direkte kausale Verbindung zwischen Muttersprache und (Gehirn-)Genen gibt, da Muttersprache etwas durch Prägung Erworbenes ist, und da ja jeder Mensch jede Muttersprache erwerben kann.

Sollte sich aber diese Forschungshypothese als richtig erweisen, dann wäre offenbar Muttersprache (zumindest) in den letzten Jahrtausenden auch ein sehr direkter Selektionsfaktor gewesen, das heißt, in Kulturräumen, in denen eine bestimmte Art von Muttersprache vorherrscht, wäre auf die Dauer gegen bestimmte Gehirn-Gene selektiert worden, das heißt, die Träger dieser Gene hätten in Kulturen mit dieser Art von Muttersprache wenig Fortpflanzungs-Erfolg gehabt. Dies würde sowohl für Europäer außerhalb Europas gelten, zum Beispiel in China - siehe als Beispiel das wahrscheinlich ausgestorbene Volk der Sogder. Aber auch für Außereuropäer in Europa, man könnte an mancherlei Westwanderung von asiatischen Völkern denken. Aber man beachte die in diesem Zusammenhang hochinteressante Tatsache, daß es gerade in Osteuropa viele tonale indogermanische Sprachen gibt: Litauisch, Serbisch, Kroatisch, Slowenisch. Das könnte gut parallel gesetzt werden zu mancherlei auch sonst bekannten, asiatischen, genetischen Einflüssen in diesen Räumen.

Gründe für diesen mangelnden Fortpflanzungserfolg in der jeweils anderen sprachlichen Umgebung kann man sich dann noch mancherlei ausdenken, also "Szenarien" der evolutiven Mechanismen. Natürlich kann es schlicht etwas mit einer angeborenen Leichtigkeit zu tun haben, eine bestimmte Art von Sprache zu verstehen. Aber es kann sich auch um subtilere Dinge handeln, also etwa könnte es auf die Dauer um das "psycho-physischen Wohlbefinden" in einer durch eine bestimmte Art von Sprache hervorgerufenen Mentaltität gehen. Oder noch mit ganz anderen Dingen. (Natürlich besteht auch die Möglichkeit, daß es sich um Folgen des Aufbauschens von mehr oder weniger zufälligen Gründereffekten handelt, also von "Drift". Es lägen dann gar keine direkteren selektiven Vorteile, bzw. Nachteile jeweilig vor.)

Für den Fall, daß man Selektion als mitbedingend ansieht, kann man es aber auch umgekehrt formulieren. Es könnte also sein, daß eine Gen-Mutation vor 37.000, bzw. 6.000 Jahren neue Wahrnehmungspräferenzen bei dem Hören von Sprachen auslöste und damit Menschen bestimmter genetischer Veranlagung in einer Kultur, in der eine bestimmte Art von Sprache gesprochen wird, bessere Fortpflanzungschancen haben. (Wieder: aufgrund welcher Art von detaillierten Szenarien auch immer.)

Aber nun noch der deutsche Bericht, der das Hypothetische der Forschungsthese noch bei weitem nicht deutlich genug herausstellen mag, aber sei's drum:
Wie die Gene die Sprache prägen

Forscher finden Zusammenhang zwischen Genen für die Hirnentwicklung und Tonsprachen

Die Unterschiede zwischen Englisch und Chinesisch lassen sich zumindest teilweise auf die genetische Veranlagung ihrer Sprecher zurückführen, haben zwei schottische Forscher entdeckt. Entscheidend sind dabei zwei Gene, die wichtig für die Gehirnentwicklung sind: Kommen davon bestimmte Varianten in einer Volksgruppe nur selten vor, tendieren die Menschen zur Entwicklung so genannter Tonsprachen wie Chinesisch, in denen die Bedeutung eines Wortes von der Tonhöhe bei der Aussprache abhängt. Dominieren diese Genformen hingegen in der Bevölkerung, neigen die Menschen eher dazu, Sprachen wie Englisch oder Deutsch zu sprechen, in denen es diese Abhängigkeit von der Tonhöhe nicht gibt.

Die Wissenschaftler konzentrierten sich in ihrer Studie auf zwei Gene namens Microcephalin und ASPM. Beide spielen wichtige, bisher aber noch unbekannte Rollen bei der Gehirnentwicklung und kommen jeweils in einer ursprünglichen und in einer neueren Variante vor. Bei Microcephalin entstand diese neuere Form vor etwa 37.000 und bei ASPM vor etwa 5.800 Jahren. Die unterschiedlichen Varianten sind allerdings nicht gleichmäßig auf der Erde verteilt. So ist die neue ASPM-Form beispielsweise in Asien, Europa und Nordafrika häufig und in Ostasien, Südafrika und Nord- sowie Südamerika sehr selten. Ein ähnliches Verteilungsmuster findet sich auch für die neuere Microcephalin-Variante.

Interessanterweise gibt es genau dort, wo die neuen Genformen kaum vorkommen, sehr häufig Tonsprachen, stellten die Wissenschaftler bei einem Vergleich verschiedener genetischer Marker mit linguistischen Eigenheiten der jeweiligen Bevölkerung fest. Ihre Erklärung: Die Gene prägen die individuelle Hirnstruktur ihrer Träger und damit auch ihre Fähigkeit, Sprachen zu lernen. Da eine Sprache jedoch nur dadurch weitergegeben wird, dass Kinder beim Lernen versuchen, die Laute ihrer Umgebung nachzuahmen, kann eine derartig veränderte Lernfähigkeit mit der Zeit die gesamte Sprache verändern – etwa dann, wenn sich eine Genvariante durchsetzt, die es dem Gehirn erschwert, Tonhöhen zu erfassen. In einem solchen Fall würde diese Eigenschaft der Sprache irgendwann verschwinden, so die Forscher.

Da im Fall von Microcephalin und ASPM die neueren Varianten mit einem selteneren Auftreten der Tonsprachen zusammenhängen, waren solche Sprachen ursprünglich wohl sehr viel häufiger vertreten als heute, schließen die Forscher. Allerdings sollte die Verbindung Gene und Sprache nicht überinterpretiert werden: Es stehe schließlich außer Frage, dass heute jedes kleine Kind jede Sprache lernen könne, es existieren also keine "Chinesisch-Gene".
Der Implikationen wären wohl sehr viele, wenn sich diese Forschungshypothese als richtig herausstellen sollte. Recht aufregend ...

Das Thema wurde bisher in drei Beiträgen auf "Studium generale" behandelt (1, 2, 3)

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