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Sonntag, 1. Juni 2025

Der Ausdruck des Schmerzes - War er bei den antiken Griechen anders?

G. E. Lessing über die Andersartigkeit der antiken Griechen im Umgang mit Schmerz im Vergleich zu den Nordeuropäern

Daß das Wesen der antik-griechischen Kultur kulturpsychologisch aus ganz anderen Gesetzmäßigkeiten entsprungen gewesen sein könnte als das Wesen der abendländischen Kultur, darauf hat erstmals Friedrich Hölderlin hingewiesen (s. Stg23). Seine Gedanken darüber blieben aber im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unbeachtet. Sie fanden erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Beachtung und bilden seither den Kern der sogenannten "Hellas-Hesperien-Debatte", die vor allem von Literaturwissenschaftlern geführt wird. 

Abb. 1: Die Laokoon-Gruppe, eines der berühmtesten Kunstwerke der europäischen Geschichte (Wiki) - Sie wurde von den Bildhauern Hagesandros, Polydoros und Athanadoros aus Rhodos geschaffen - In einem Zeitraum zwischen 200 v. Ztr. und 79 n. Ztr. (denn Plinius der Ältere, der 79 n. Ztr. in Pompeij starb, erwähnte dieses Kunstwerk)

Hier auf dem Blog waren wir auf dieses Thema aufmerksam geworden, als es galt, von geisteswissenschaftlicher Seite her die archäogenetische Erkenntnis zu deuten, nach der das "Paradevolk" der Indogermanen, die antiken Griechen nur acht Prozent indogermanische Steppengenetik aufgewiesen haben (Stg22). Nach dieser waren sie also von ihrer Genetik her gesehen alles andere mehr als ausgerechnet "Indogermanen". Damit war die Hölderlin'sche Erkenntnis völlig unerwartet von einer Seite her bestätigt und bekräftigt worden, von der man es vielleicht am wenigsten hätte erwarten können oder von der es nur von den Allerwenigsten auch erwartet worden war. 

Auch so manche Deutung der antik-griechischen Kultur durch Friedrich Nietzsche erhielt für uns vor dem Hintergrund der neuen archäogenetischen Erkenntnisse neues Gewicht (Stg23). Andererseits mußten wir feststellen, daß die Deutung der antik-griechischen Kultur von Seiten völkischer Vordenker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Archäogenetik komplett entblößt (desavouiert) worden ist (Stg23). 

Lessing's Schrift "Laokoon"

Nun stoßen wir neuerdings zusätzlich auf die Schrift "Laokoon" von Gotthold Ephraim Lessing aus dem Jahr 1766 (1). Wir entdecken, daß auch Lessing darin schon mit der Andersartigkeit des Wesens der antiken Griechen, sowie daraus folgend ihrer Kunst und Kultur im Vergleich zu dem Wesen der Nordeuropäer beschäftigt war.

Ein zentrales Argument Lessings im "Laokoon" ist, so lassen wir uns durch die KI belehren: In der Dichtung darf der Schmerz lauter und ungehemmter sein, weil dort keine visuellen Grenzen gesetzt sind. In der bildenden Kunst (z. B. Skulptur) muß der Ausdruck so gestaltet sein, daß er dem Ideal der Schönheit entspricht - und dauerhaft betrachtet werden kann. In diesem Sinne behandelt er die im Untertitel genannten "Grenzen der Malerei und Poesie". Lessing war sicherlich der Meinung, daß es sich hierbei um allgemein gültige und kulturunabhängige "Grenzen" handeln würde. Aber im Verlauf seiner Ausführungen kommt er auch darauf zu sprechen, daß die antik-griechische Kultur ganz anders mit dem Ausdruck von Schmerz umgegangen ist als die abendländische.

Zunächst zitiert Lessing die Ausführungen von Johann Joachim Winckelmann über den Ausdruck des Schmerzes in der Laokoon-Gruppe (Abb. 1). Er stimmt ihnen zu. Allerdings regt sich in ihm ein Widerstand bei der Bemerkung Winckelmann's, in der Laokoon-Gruppe zeige sich der Schmerz ebenso wie ihn der Philoktet in der gleichnamigen Tragödie des Sophokles (Wiki) aus dem Jahr 409 v. Ztr. zeigen würde. An dieser Stelle widerspricht Lessing und macht darauf aufmerksam, daß es eine Fülle von Zeugnissen in der antik-griechischen Dichtung und Geschichtsschreibung gibt, wo der Schmerz keineswegs so "gemessen" und "ruhig", so "ohne Wut", "ohne Geschrei" zum Ausdruck kommt wie es - nach der Deutung Winckelmann's - in dieser Laokoon-Gruppe geschieht. Lessing schreibt (1):

Schreien ist der natürliche Ausdruck des körperlichen Schmerzes. Homers verwundete Krieger fallen nicht selten mit Geschrei zu Boden. Die geritzte Venus schreiet laut (...). Selbst der eherne Mars, als er die Lanze des Diomedes fühlet, schreiet so gräßlich, als schrien zehntausend wütende Krieger zugleich, daß beide Heere sich entsetzen.
Soweit auch Homer sonst seine Helden über die menschliche Natur erhebt, so treu bleiben sie ihr doch stets, wenn es auf das Gefühl der Schmerzen und Beleidigungen, wenn es auf die Äußerung dieses Gefühls durch Schreien, oder durch Tränen, oder durch Scheltworte ankommt. Nach ihren Taten sind es Geschöpfe höherer Art; nach ihren Empfindungen wahre Menschen. 
Ich weiß es, wir feinern Europäer einer klügern Nachwelt wissen über unsern Mund und über unsere Augen besser zu herrschen. Höflichkeit und Anstand verbieten Geschrei und Tränen. Die tätige Tapferkeit des ersten rauhen Weltalters hat sich bei uns in eine leidende verwandelt. Doch selbst unsere Ureltern waren in dieser größer, als in jener. Aber unsere Ureltern waren Barbaren. Alle Schmerzen verbeißen, dem Streiche des Todes mit unverwandtem Auge entgegensehen, unter den Bissen der Nattern lachend sterben, weder seine Sünde noch den Verlust seines liebsten Freundes beweinen, sind Züge des alten nordischen Heldenmuts. Palnatoko gab seinen Jomsburgern das Gesetz, nichts zu fürchten, und das Wort Furcht auch nicht einmal zu nennen.

Lessing gibt hier - wie nebenbei - eine sehr gute Charakterisierung der mittelalterlichen Island-Sagas. So fremdländisch der hier erwähnte Name Palnatoko klingt, so ist er überraschenderweise doch eine Gestalt der Jomsvikinger-Saga (s. Wiki).

Ist es wirklich so, daß Lessing hier andeutet, daß die andere Art des Umgangs mit Schmerz und Angst in Nordeuropa nichts mit irgendeiner Art von angeblicher "Zivilisation", bzw. "Kultivierung" - etwa durch das Christentum oder auch durch moderne Empfindsamkeit - zu tun hat, sondern schon ursprünglicher zum Wesen der nordeuropäischen Völker gehörte? Das würde umgekehrt heißen, daß es zum ursprünglicheren Wesen der antiken Griechen gehört hätte, Furcht und Schmerzen unbefangen zu zeigen und zum Ausdruck zu bringen.*) Dies geschieht ja nicht nur in der Dichtung, auch in der Geschichtsschreibung hören wir davon, etwa im Zusammenhang mit dem Lebensschicksal des Miltiades (Stg23). Und so schreibt Lessing dann in diesem Sinne weiter (1):

Nicht so der Grieche! Er fühlte und furchte sich; er äußerte seine Schmerzen und seinen Kummer; er schämte sich keiner der menschlichen Schwachheiten; keine mußte ihn aber auf dem Wege nach Ehre, und von Erfüllung seiner Pflicht zurückhalten. Was bei dem Barbaren aus Wildheit und Verhärtung entsprang, das wirkten bei ihm Grundsätze. Bei ihm war der Heroismus wie die verborgenen Funken im Kiesel, die ruhig schlafen, solange keine äußere Gewalt sie wecket, und dem Steine weder seine Klarheit noch seine Kälte nehmen. Bei dem Barbaren war der Heroismus eine helle fressende Flamme, die immer tobte, und jede andere gute Eigenschaft in ihm verzehrte, wenigstens schwärzte.

Letztere Auffassung über die heidnischen Germanen und Wikinger ist eine Typische für das 18. Jahrhundert. Sie ist Ausdruck des Zeitgeistes, der noch kein wirkliches Verständnis für diese gefunden hatte. Dieses kam erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf und man begann zu sehen, daß die Furchtlosigkeit der heidnischen Germanen keineswegs zwangsläufig gute Eigenschaften "schwärzte". Im Gegensatz dazu stand Lessing als Kind seiner Zeit den antiken Griechen mit viel größerem Verständnis gegenüber (1): 

Es ist merkwürdig, daß unter den wenigen Trauerspielen, die aus dem Altertume auf uns gekommen sind, sich zwei Stücke finden, in welchen der körperliche Schmerz nicht der kleinste Teil des Unglücks ist, das den leidenden Helden trifft. Außer dem Philoktet, der sterbende Herkules. Und auch diesen läßt Sophokles klagen, winseln, weinen und schreien. (...)
Selbst ein Laokoon findet sich unter den verlornen Stücken des Sophokles. Wenn uns das Schicksal doch auch diesen Laokoon gegönnet hätte! Aus den leichten Erwähnungen, die seiner einige alte Grammatiker tun, läßt sich nicht schließen, wie der Dichter diesen Stoff behandelt habe. So viel bin ich versichert, daß er den Laokoon nicht stoischer als den Philoktet und Herkules, wird geschildert haben.

Lessing kommt dann wieder auf die Laokoon-Gruppe zurück (1):

Und nunmehr komme ich zu meiner Folgerung. Wenn es wahr ist, daß das Schreien bei Empfindung körperlichen Schmerzes, besonders nach der alten griechischen Denkungsart, gar wohl mit einer großen Seele bestehen kann: so kann der Ausdruck einer solchen Seele die Ursache nicht sein, warum demohngeachtet der Künstler in seinem Marmor dieses Schreien nicht nachahmen wollen; sondern es muß einen andern Grund haben, warum er hier von seinem Nebenbuhler, dem Dichter, abgehet, der dieses Geschrei mit bestem Vorsatze ausdrücket. 

Wie schon gesagt, ist der Grundgedanke dieser Schrift von Lessing, daß der Dichter - sowohl bei den antiken Griechen wie in der Moderne - den Schmerz viel expressiver darstellen und zum Ausdruck bringen dürfe als der Maler oder Bildhauer. Denn den antiken Griechen und der Moderne würde Schönheit über alles gehen und ein schmerzverzerrtes Gesicht, das ein Maler oder ein Bildhauer gar zu expressiv und "naturalistisch" zum Ausdruck bringen würde, würde damit nicht in Einklang zu bringen sein.

/ Einfügung 20.4.26 - Vielleicht bekommen wir hier eine Ahnung, warum die antik-griechischen Skulpturen so stark abzuweichen scheinen von der alltäglichen physischen Erscheinung, die die antiken Griechen untereinander auf der Straße zu sehen gewohnt waren: Es war diese große, große Sehnsucht nach Schönheit, nach Erhabenheit, nach Würde. Lessing nennt das den "verborgenen Funken im Kiesel". Aber auch das scheint uns nicht richtig charakterisiert. Schließlich ist die leidenschaftliche, überschwängliche Natur der antiken Griechen ja auch sonst keine "verborgene" Eigenschaft, sondern findet sich fast in jedem Wesenszug ihrer Kultur wieder. / 

Natürlich ist Lessing auch in den letzten, zitierten Ausführungen ein Kind seiner Zeit und bringt die Kunstauffassung des 18. Jahrhunderts zum Ausdruck. Die expressionistischen Bilder etwa eines Edvard Munch oder auch die Skulptur "Krieg" des Höchster Bildhauers Richard Biringer (1877-1947) aus dem Jahr 1928 (Wiki) halten sich ja dann später keineswegs mehr an solche Sichtweisen.

Obwohl es Lessing allerdings auch gar nicht ausdrücklich anspricht, wird man seine Ausführungen auch als eine Kritik an vielen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Darstellungen der "Leiden Christi" empfinden können. Auch ein Maler wie Matthias Grünewald (1480-1528) (Wiki) würde aus der von Lessing vorgetragenen Sichtweise mancherlei Kritik auf sich ziehen.

Abb. 2: Medea mit ihren Kindern - Wandmalerei in Pompeji, Museum von Neapel (Wiki)

Es ist sehr interessant, daß Lessing auch auf ein antik-griechischen Kunstwerk zu sprechen kommt, das wir selbst schon andernorts behandelt haben, siehe "Ein Kind in einem Ehekonflikt in Pompeji im Jahr 79 n. Ztr." (GAj2021) (Abb. 2). Wir erfahren durch Lessing, daß die sehr psychologische Darstellung in diesem Kunstwerk ebenfalls von der Tendenz der antik-griechischen Künstler geprägt wäre, nichts gar zu Häßliches darstellen zu wollen, nämlich in diesem Fall die Tötung der eigenen Kinder durch Medea. Stattdessen wird in diesem Fall als Thema das unmittelbare Innehalten vor dem Ausführen der Tat selbst gewählt. Um dieser "psychologischen" Darstellungen willen hat der Maler Timomachus in der Antike sehr viel Wertschätzung erfahren, etwa von Cäsar, in dessen Leben ein Innehalten vor der Tat ja ebenfalls wiederholt eine Rolle spielte.

/ 20.4.26 - Vielleicht auch ein Wink mit dem Zaunpfahl an alle Filmemacher des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, wenn sie so gar nicht ihre Filmkamera abwenden können von dem Ablichten des Grausamsten und des Lustvollsten, das der Mensch kennt und dadurch so unglaublich stark zu der heutigen Verrohung und Abstumpfung der menschlichen Empfindungen beitragen. / 

Indem Lessing allerdings dann auch wieder Cicero zitiert, wird deutlich, daß die antiken Römer insgesamt einen anderen Umgang mit Schmerz kannten als die antiken Griechen. Vielleicht kein Wunder. Denn sie trugen ja auch 20 % indogermanische Steppengenetik in sich, also 12 % mehr als die antiken Griechen.

/ 23.4.2026 / Lessing lebte im Zeitalter der Empfindsamkeit. Die damaligen Nachkommen dieser "barbarischen" "Ureltern" hatten womöglich - aufgrund von "Zivilisierung" - inzwischen zu einem anderen Umgang mit Schmerz und Leid gefunden. Aber ist nicht auch dann das Erleben von Schmerzen und Leid ein anderes als im antiken Griechenland? Wenn wir etwa an die Romane von Jane Austen denken, an die Novellen von Theodor Storm? Wenn wir etwa an die Nachkriegsromane von Karl Springenschmid denken (die nach 1945 entstandenen Romane)? Wird nicht auch dann der Schmerz und das Leid außerordentlich verhalten, nach innen gekehrt erlebt und dargestellt? Und nicht "exzentrisch" nach außen gekehrt? (Und ohne daß irgend etwas "verbissen" würde - ?) Dieser Frage sollte man wohl noch einmal etwas genauer nachgehen, um zu klären, ob Lessing hier im Grunde weniger die "Grenzen" zwischen bildender Kunst und Dichtung beschreibt, sondern insgesamt eher die Unterschiede im Erleben und Ausdruckgeben des Leids zwischen dem "südlichen" und dem "abendländischen" Menschen (im Sinne von Friedrich Hölderlin).

Sind nicht noch heute bei den Manioten, die vielleicht auch genetisch sehr direkt von den antiken Griechen abstammen, die Klagelieder ihr wesentlichstes Kulturgut (Stg26)? Und erlebt man nicht auch heute noch diese Klagelieder keineswegs als etwas typisch "Abendländisches"?

Ist ein Ausdruck wie "Verbeißen" überhaupt eine angemessene Charakterisierung für das Erleben der Wikinger? Denkt Lessing nicht daran, wie auch der stolze Römer seine Hand in das Feuer gehalten hat (Wiki)? Hat dieser Römer etwas "verbissen"? Oder liegt hier nicht doch eine ganz andere Seelenhaltung vor? Eine Erhabenheit über Leid und Schmerz - um höherer Werte willen? Gibt es nicht auch "Klage"-Dichtungen unter den Wikingern? Leitet der dänische Kulturdeuter Wilhelm Grönbech (Vilhelm Grønbech) (1873-1948) seine berühmte Studie "Kultur und Religion der Germanen" (1909-1912) nicht mit einer ausführlichen Behandlung einer solchen Klage-Dichtung ein, nämlich mit der ausführlichen Behandlung und Deutung von "Egils Liebe und Schmerz" (2, S. 36)? 

Wir merken an solchen Überlegungen, daß Lessing hier insgesamt auf einen Themenkreis aufmerksam macht, der durch seine Studie weder erschöpfend behandelt ist, noch auch hätte er durch sie die Unterschiede zwischen südlichem und abendländischem Menschen treffend genug charakterisiert. Er hat ein sehr weitläufiges Thema vielmehr nur eröffnet, wobei sich bei seiner Behandlung zwei Themenkreise überlagern, die erst einmal getrennt für sich behandelt werden müßten. 

/ Letzte Ergänzung: 17.5.2026 /

________

*) Lessing ist in dieser Sichtweise allerdings keineswegs konsequent. In Ausführungen nur einige Seiten weiter meint er es allein mit Kunstgesetzen entschuldigen zu können, daß von griechischen Dichtern dennoch Schmerzen zum Ausdruck gebracht werden. Er schließt aus anderen antiken Dichtungen auf die verloren gegangene Laokoon-Dichtung des Vergil und schreibt über letztere (1):
Virgils Laokoon schreiet, aber dieser schreiende Laokoon ist eben derjenige, den wir bereits als den vorsichtigsten Patrioten, als den wärmsten Vater kennen und lieben. Wir beziehen sein Schreien nicht auf seinen Charakter, sondern lediglich auf sein unerträgliches Leiden. Dieses allein hören wir in seinem Schreien; und der Dichter konnte es uns durch dieses Schreien allein sinnlich machen.  
Hier scheint doch wieder seine ("abendländische") Meinung durch, daß Schreien Ausdruck eines weniger heldischen Charakters wäre, obwohl er doch zuvor und sonst schon klar gemacht hatte, daß diese Auffassung eben eine abendländische ist und für die antik-griechische Welt gar nicht kennzeichnend war. Er hält also an seinen eigenen Erkenntnissen nicht durchgehend fest. Aber ihm geht es ja auch im Kern allgemein um die "Grenzen der Malerei und Poesie", nicht um Wesensunterschiede zwischen Antike und Abendland.
**) Auch eine Autorin wie Mathilde Ludendorff erwähnt den "Laokoon" in ihrer Lessing-Biographie von 1937 zwar, geht aber nicht besonders konkret auf den Inhalt dieser Schrift ein. Sie schreibt zu dieser (1937, S. 92): 
Lessing wußte, was er mit seinem "Laokoon" geschaffen hatte, den er jetzt gerade in Berlin vollendete und den er niemals öffentlich gegen die Kritiker seiner Zeit verteidigte, "so viele Narren auch über den 'Laokoon' herfielen". (...) Er hatte das Werk vollendet, an dem Kant und Schiller jeder auf seine Weise später mitwirkten. Er war den Gesetzen der Erfüllung des Schönheitswillens, wie diese beiden bis hin zum Wesen der Schönheit nachgegangen. (...) Gewiß hat die klare Abgrenzung der Bildkunst und der Dichtkunst in ihrer Folgerichtigkeit die Kultur von den weitschweifigen beschreibenden Dichtwerken befreit. (...) Zur gleichen Zeit hatte die bildende Kunst Darstellungen gewählt, die für die Dichtkunst geeignet waren. Lessings "Laokoon" befreite die Kultur von Mißgeburten beider Kunstgebiete. Aber nicht dieser kritische Gehalt und seine reinigende Wirkung, sondern das philosophische Umsinnen der Gesetze, die den göttlichen Willen zum Schönen erfüllen, ist das unvergänglich wertvolle an Lessings "Laokoon" für die Zukunft. Der große schöpferische Künstler wird nicht bewußt, sondern intuitiv nach solchen Gesetzen wählen und schaffen, aber die unantastbare Enthüllung des Wesens der Künste ist der Hort, der die wertvollen Kulturwerke vor der Gefahr behütet, durch mittelmäßige Machwerke beiseite gedrängt zu werden.
Darauf, daß ein wesentlicher Gehalt dieser Schrift darin besteht, fast unbeabsichtigt das unterschiedliche Wesen des "südlichen" Menschen (der antik-griechischen Kultur) im Vergleich zum abendländischen Menschen (der antik-römischen Kultur und der nachfolgenden Zeit) zu behandeln, wurde sie merkwürdigerweise nicht aufmerksam. Dabei kommt sie an ganz vereinzelten Stellen ihres eigenen Werkes auch selbst auf solche Mentalitäts-Unterschiede zwischen antiken Griechen und den Deutschen zu sprechen, etwa wenn sie in ihrem Buch "Des Menschen Seele" das Wort "Phobos" als Beispiel anführt. Sie schreibt (3, S. 76):
"Von ganz anderer Bedeutung für das Mitschwingen im Unterbewußtsein sind aber die Worte, welche seelische Zustände bezeichnen, die in Beziehung zum religiösen Erleben stehen können. Hier möge ein Beispiel genannt werden, welches gleichzeitig auch beweist, wie wenig nahverwandte Sprachen wie das Griechische und Deutsche (zwei nordische Sprachen) in der Urbedeutung und somit in ihrer Wirkung gleich sind. Das Wort  'Phobos' für Schreck heißt ursprünglich 'davoneilen', während das Deutsche Wort 'Schreck' die Urbedeutung 'Aufspringen' hat. Es regt also dies Wort in beiden Völkern einen artanderen Muskelbefehl an."
Man sieht ja auch in der "Ilias" oft die größten Helden der Griechen und der (indogermanischen) Trojaner "davoneilen", fliehen, vom Feind oft rund um die Festung gejagt. Das ist sogar ein wesentliches Element der Ilias. Auch dies womöglich der Ausdruck einer ganz anderen Mentalität als sie in Nordeuropa vorherrschend ist.

________________

  1. Lessing, Gotthold Ephraim: Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie. Mit beiläufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte. 1766 (Gutenb)
  2. Grønbech, Vilhelm: Kultur und Religion der Germanen. Zuerst 1909-1912 (Scribd)
  3. Ludendorff, Mathilde: Des Menschen Seele. Verlag Hohe Warte, Pähl 2006 (EA 1923) (Archiv)

Dienstag, 12. September 2023

"Auf feuchter Wiese der Charente"

"Das Nächste Beste" - Der Zug der Stare als geschichtsphilosophisches Gleichnis

Das Hölderlin-Jahrbuch des Jahres 1998/99 enthält einen Aufsatz, dessen Titel uns ins Auge gefallen ist (1): 

"Wie ein Hund - Zum „mythischen Vortrag“ in Hölderlins Entwurf ‘Das Nächste Beste’".

Die ersten drei Worte spielen auf die Zeile eines jener Gedichtentwürfe Hölderlins an, die einen immer schon in besonderem Maße angesprochen haben, nämlich des Gedichtentwurfes "Vom Abgrund nämlich". Es handelt sich um die Zeilen:

               Bald aber wird, wie ein Hund, umgehn
In der Hitze meine Stimme auf den Gassen der Gärten
In denen wohnen Menschen
In Frankreich.
Erst unlängst war uns der Gedanke gekommen, daß gerade auch dieser Gedichtentwurf inhaltlich zu der geschichtsphilosophischen Thematik "Griechenland - Hesperien" paßt, die hier auf dem Blog inzwischen mehrfach erörtert worden ist.

Abb. 1: Ein Schwarm Stare auf der Nordseeinsel Juist, September 2010 (Wiki) (Fotograf "4028mdk09") 

In seiner Gesamtheit lautet der Gedichtentwurf folgendermaßen:

Vom Abgrund nämlich haben
Wir angefangen und gegangen
Dem Leuen gleich, in Zweifel und Ärgernis,
Denn sinnlicher sind Menschen
In dem Brand
Der Wüste
Lichttrunken und der Tiergeist ruhet
Mit ihnen. Bald aber wird, wie ein Hund, umgehn
In der Hitze meine Stimme auf den Gassen der Gärten
In denen wohnen Menschen
In Frankreich.
Der Schöpfer.
Frankfurt aber, nach der Gestalt, die
Abdruck ist der Natur zu reden
Des Menschen nämlich, ist der Nabel
Dieser Erde, diese Zeit auch
Ist Zeit, und deutschen Schmelzes.
Ein wilder Hügel aber stehet über dem Abhang
Meiner Gärten. Kirschenbäume. Scharfer Odem aber wehet
Um die Löcher des Felses. Allda bin ich
Alles miteinander. Wunderbar
Aber über Quellen beuget schlank
Ein Nußbaum und ... sich. Beere, wie Korall
Hängen an dem Strauche über Röhren von Holz,
Aus denen
Ursprünglich aus Korn, nun aber zu gestehen, befestigter Gesang von Blumen als
Neue Bildung aus der Stadt, wo
Bis zu Schmerzen aber der Nase steigt
Zitronengeruch auf und das Öl, aus der Provence, und es haben diese
Dankbarkeit mir die Gasgognischen Lande
Gegeben. Gezähmet aber, noch zu sehen, und genährt hat mich
Die Rappierlust und des Festtags gebraten Fleisch
Der Tisch und braune Trauben, braune
... und mich leset o
Ihr Blüten von Deutschland, o mein Herz wird
Untrügbarer Kristall an dem
Das Licht sich prüfet wenn ... Deutschland

Wenn solche Worte fallen, möchte man selbst ganz verstummen. Hier hat sich jemand bis an die Grenze des Sagbaren gewagt, womöglich noch darüber hinaus. 

Dieser Gedichtentwurf ist voller Bezüge, und zwar unterschiedlichster Art. Natur und Geschichte sind auf verschiedenerlei Beziehungsebenen miteinander in Verbindung gebracht. 

Auf die Erwähnung von Frankreich folgt gleich in der übernächsten Zeile die Erwähnung von Frankfurt und zum Schluß von Deutschland. Das Wechselspiel zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Süd und Nord innerhalb Europas, zwischen Gascogne und Hessen, der Gedanke von diesem Wechselspiel bildet allzu deutlich einen Hintergrund zu diesem Gedichtentwurf.

Eine der wichtigsten Zeile zur inhaltlichen Deutung desselben scheint uns dann aber - unter den Vorzeichen der Griechenland-Hesperien-Erörterungen - die Zeile:

"Denn sinnlicher sind Menschen / In dem Brand / der Wüste". 

Damit scheint uns doch - einmal erneut - der "südliche Mensch" angesprochen zu sein. Er lebt - nicht zuletzt - auch in Bordeaux, in der Gascogne. Er lebt nahe an Afrika und seiner Wüste. Aber der "Tiergeist", der zugleich das Feuer vom Himmel ist ("lichttrunken"), der schläft mit ihm, mit dem Menschen des Südens. So wie Cerebus schläft, der Hund, der den Eingang der Unterwelt bewacht, so daß die Toten sich ungehindert unter die Lebenden mischen können und umgekehrt (1). Die Nacht herrscht, die Dunkelheit.

Der Tiergeist ist eingeschlafen in jenem Abgrund, der sich mit dem Untergang der antiken Mittelmeerkultur und mit dem Heraufkommen des Abendlandes aufgetan hat. Die Welt der Wirklichkeit ist zu Träumen der Nacht geworden.

Und nun haben "wir" - die Menschen des Abendlandes - aus dem Abgrund, der sich in dieser Dunkelheit, in dieser Nacht aufgetan hat, "angefangen" und "sind gegangen / dem Leuen gleich". 

So dieses geschichtsphilosophische Bild, bzw. eine erste Ausdeutung dieser Zeilen des Gedichtentwurfes.

Der Leu, der Löwe steht hier, soweit uns das derzeit - vom Rhythmus des Gedichtes und seines Gedankenganges her - verständlich ist, für den hesperischen Menschen, den nüchternen Menschen. Er geht nüchtern und ernüchtert - in Zweifeln und in Ärgernis - seinen Gang. Es ist der mittelalterliche Mensch und jener Mensch, der mit Restbeständen von "Mittelalter" noch zu Zeiten von Hölderlin ringt.

Von diesem nüchternen, ernüchterten Menschen erwartet Hölderlin - aktuell, für die Zeit seines Lebens und seines Dichtens - keine gar zu umwälzenden Dinge. Hölderlin aber harrt einem umwälzenden gesellschaftlichen Geschehen entgegen, einer Umwälzung aller Dinge. Er verkündet es in seinen Dichtungen,. Er möchte den Weg bahnen für diese Umwälzung. Er möchte die Menschen vorbereiten - auf diese Umwälzung.

Abb. 2: Die Verbreitung des Gemeinen Stars (Wiki) - Dunkle Farben einheimisch, helle Farben eingeführt; grün Heimat, gelb Sommergast, blau Wintergast

Zu seiner eigenen Zeit erwartet Hölderlin von den sinnlichen Menschen des Südens - trotz ihres Schlafes - noch eher etwas. Sie haben ja auch zu seiner Zeit - in Revolution und Gegenrevolution - heftig für umwälzende Dinge gekämpft in der Weltgeschichte.

Hölderlin glaubt offenbar auch, den Menschen des Südens selbst erneut und leichter entflammen zu können - durch seine Dichtung, durch seine Gedanken. Und womöglich hat er auch damit recht behalten: Der Marxismus, der - über Hegel - in letzter Instanz auf ihn, auf Hölderlin, zurück geht, sollte recht bald umgehen "in der Hitze" in den Städten, in denen wohnen Menschen, in Frankreich. Noch auf länger hin sollten sich viele weltgeschichtlichen Umwälzungen in Frankreich früher und wenigstens zum Teil auch heftiger vollziehen als in Deutschland. Man könnte in diesem Zusammenhang an die Pariser Commune des Jahres 1871 denken.

Zu dem Zeitpunkt als wir in unseren Vorüberlegungen an diesem Punkt angelangt waren, stießen wir auf den Eingangssatz des eingangs genannten Aufsatzes. Er lautet (1):

Hölderlins poetischer Spätstil nach der Rückkehr aus Frankreich, der Inhalt des "Homburger Folioheftes", wirft nicht nur in editorischer Hinsicht gewaltige Probleme auf, unklar ist auch, wie der bis heute schockierende Tonfall dieser Verse angemessen zu beschreiben wäre.

Die hier gewählte Charakterisierung "schockierender Tonfall" erscheint uns selbst schon eine angemessene Beschreibung zu sein. Deshalb, immerhin, eine Hölderlin womöglich sehr gerecht werdende Fragestellung: Wie kann das Aufwühlende dieser Verse, wie kann die ihnen zugrunde liegende tiefere Wahrheit gedeutet, umschrieben werden, verständlich gemacht werden? 

Auf die Thematik des Homburger Folienheftes insgesamt waren wir erstmals 2019 gestoßen (DVHS2019). Seither ist uns klar, daß wir uns mit diesem Thema nach und nach noch ausführlicher beschäftigen müssen.

Die Abfolge der Gedichte in diesem Folioheft, steht, so fanden wir 2019 schon sehr interessant, womöglich in einem sinnvollen Zusammenhang miteinander. Vielleicht wollte Hölderlin nämlich - so war zu erfahren - sie in genau dieser Reihenfolge auch veröffentlichen (Wiki). 

Im Dezember 1801 war Hölderlin nach Bordeaux aufgebrochen, Ende Mai 1802 war er von dort nach Nürtingen zurück gekehrt. Von 1804 bis zum 11. September 1806 lebte er dann auf Einladung seines Freundes Isaac von Sinclair in Bad Homburg. Isaac von Sinclair bestritt auch die Kosten seiner Anstellung an der dortigen Bibliothek aus seinem eigenen Einkommen. Am Ende dieser Zeit stand die Anklage wegen Hochverrat, die Anklage, von Sinclair, Hölderlin und andere hätten Pläne verfolgt, den Herzog von Württemberg zu ermorden ...

"Bald aber wird, wie ein Hund, umgehn / In der Hitze meine Stimme auf den Gassen der Gärten / In denen wohnen Menschen / In Frankreich."

Wenn noch heute der Tonfall solcher Verse als "schockierend" wahrgenommen werden kann, dann wird man sich womöglich auch nicht wundern, wenn Strafverfolungsbehörden damaliger Zeit unruhig wurden, wenn sie einen Dichter im stillen Kämmerlein solche und andere Worte dichten sahen und ihn befreundet sahen mit einem politisch, revolutionär umtriebigen Minister eines kleines deutschen Duodez-Fürstentums. Da mag es niemanden mehr wundern, daß Hölderlin in jenen Tagen begann, den Verrückten zu spielen und hinaus in die Gassen von Bad Homburg rief: "Ich will kein Jakobiner sein. Ich bin ein getreuer Untertan meines lieben Herzogs." 

Schlafende Hunde waren nämlich schnell geweckt. Mitunter sogar im schläfrigen Deutschland ...

Etwa am Anfang des dritten Drittels dieser Gedichte und Gedichtentwürfe des Homburger Folienheftes, die fast allesamt berühmt sind, finden sich die Entwürfe "Das Nächste Beste" und "Vom Abgrund nämlich". Mit diesen beiden Gedichtentwürfen vor allem ist der genannte Aufsatz befaßt. Er sieht sie in einem gedanklichen Zusammenhang miteinander stehen (1).

Abb. 3: "Auf feuchter Wiese der Charente" - Hier die Charente bei Rochefort, schon fünfzehn Kilometer vor ihrer Mündung in den Atlantischen Ozean (Wiki) (Fotograf: Jean-Pierre Bazard, 2014)

Immer erneut ist es ein poetisches Bild, wenn sich die Stare im Herbst sammeln. Wenn sie schließlich in den Süden, ans Mittelmeer ziehen. In großen Schwärmen fliegen sie zum Himmel auf. Und der Schwarm bricht immer wieder nach einer neuen Richtung aus, so daß ganz ungewöhnliche Formationen entstehen. Ein umtriebiges, schnelles Völkchen, diese Stare. 

Ebenso poetisch dürfte das Bild sein, wenn sich die Stare im März und April in vielen Teilen des Mittelmeerraumes und des südlichen Frankreich sammeln, um wieder zurück in den Norden ziehen. 

Die Stare als Mittler zwischen Süden und Norden

In diesem Bild vom Zug der Stare hat Hölderlin einen tiefen philosophischen, geschichtsphilosophischen Gedanken gefaßt, er hat diesem Gedanken durch dieses Bild eine ganz besondere Färbung, Tönung und Stimmung gegeben. Die Natur und die Geschichte verschmelzen in diesem Bild in eines. 

Das Sammeln der Stare und der Zug der Stare - im Herbst nach Süden und im Frühjahr nach Norden - ist ihm ein Bild für den engen Zusammenhang, für das enge Zusammenspiel, für die "Verwandtschaft", die "Dialektik" zwischen der Geisteswelt und dem kulturellen und revolutionären Wollen des "südlichen Menschen" in Südeuropa und der Geisteswelt und dem kulturellen und revolutionären Wollen des nördlichen Menschen in Mittel- und Nordeuropa. Es ist ihm ein Bild für: 

"Das Nächste Beste". 

Denn es handelt sich um zwei Geisteswelten, die geographisch nah beieinander liegen und jede der Geisteswelten bildet - womöglich - für die jeweils andere "Das Nächste Beste". Die Dialektik zwischen beiden Großräumen hat die Geistesgeschichte Europas in den letzten eineinhalb Jahrtausenden jedenfalls wieder und wieder bestimmt. 

Das "germanische" Element, in dem der Protestantismus seine stärksten Wurzeln hat, und das "romanische" Element, in dem der Katholizismus viel länger überleben konnte. Damit sollen nur zwei der wesentlichsten Geistestendenzen des letzten Halbjahrtausends heraus gegriffen sein.

Das Nächste ist das Beste, das ist der Grundgedanke. Die romanische Welt ist das Beste, was der germanischen Welt geschehen konnte, die germanische Welt ist das Beste, was der romanischen Welt geschehen konnte. Obwohl der protestantische Mensch des Nordens letztlich im Protest gegen den Süden zu diesem protestantischen Menschen wurde, in der Abgrenzung zum Süden, spürt Hölderlin doch zugleich auch die Nähe zwischen beiden Welten. Er spürt, daß das Nächste für den jeweils anderen zugleich das Beste sein könnte. Obwohl der protestantische, deutsche Mensch den revolutionären Gedanken Frankreichs von 1789 eher ins Geistige verschoben wissen wollte (im Sinne der damaligen umwälzenden deutschen Philosophie), war doch das revolutionäre Geschehen in Frankreich für das damalige Deutschland "Das Nächste Beste".

Doch kehren wir zunächst noch einmal zum Gemeinen Star zurück. Auf Wikipedia lesen wir über ihn die trockenen Angaben (Wiki):

Der Großteil der Stare Europas überwintert im Mittelmeerraum und in Nordwestafrika sowie im atlantischen Westeuropa. (...) Anfang September beginnt der eigentliche Wegzug, er erreicht seinen Höhepunkt Mitte Oktober und ist Ende November weitgehend abgeschlossen. Der Heimzug beginnt im Februar und ist in Mitteleuropa meist Ende März, im Norden Europas erst Anfang Mai beendet.

97,5 % aller Stare in der Schweiz und in Süddeutschland, sowie 92 % aller Stare östlich der Elbe und östlich des Böhmerwaldes wandern in den Süden. Nur je 2,5 % bis 8 % der Stare bleiben während des Winters in den jeweils genannten Gegenden vor Ort. 

Abb. 4: Eine Bauernfähre über die Charente bei Roffit, Südwestfrankreich, gemalt von L-E May, 1866, Museum der Schönen Künste Angoulême (Wiki)

Welch ein schönes Bild, dieses Wandern des menschlichen Geistes hinüber und herüber über die Jahrhunderte hinweg als Staren-Zug zu beschreiben und zu charakterisieren. Dieser Staren-Zug rückt weit entfernte Gegenden nah zueinander, beläßt ihnen dabei jedoch zugleich ihre jeweilige Eigenart und ihren Abstand zueinander. 

Der Weg von Bordeaux nach Paris

Im Mai 1802 war Hölderlin mit dem "schönsten Zeugnis" von seinem dortigen deutschen Brotgeber, in dessen Haus er nur wenige Monate als Hauslehrer gelebt hatte, geschieden. Bordeaux gehört zum Departement Gironde. Und 1802 waren die Erinnerungen noch frisch daran, daß aus den Gegenden des Departments Gironde vor allem die Girondisten (Wiki) stammten, jene einflußreiche Gruppierung von Abgeordneten des revolutionären Frankreich, die aus dem südlichen und westlichen Frankreich stammten, und die zwischen 1791 und 1793 - also erst zehn Jahre zuvor - die Revolution in Frankreich voran getrieben hatten. Auf dem englischen Wikipedia ist über sie zu lesen (Wiki):

Sie setzten sich für das Ende der Monarchie ein, widersetzten sich dann aber der rasanten Dynamik der Revolution. Das führte zu einem Konflikt mit den radikaleren Montagnards. Sie dominierten die Bewegung bis zu ihrem Sturz im Aufstand vom 31. Mai bis 2. Juni 1793. Dieser führte zur Vorherrschaft der Montagnards und zur Säuberung und schließlich zur Massenhinrichtung der Girondisten. Dieses Ereignis steht am Beginn der Schreckensherrschaft.

Man kann vielleicht - in einem sicherlich sehr unzulänglichen Vergleich - sagen, daß die Girondisten so etwas wie die gemäßigten "Mehrheitssozialdemokraten" der russischen Revolution von 1917 und der deutschen Revolution von 1918 waren. Auch die Sozialdemokraten befürworteten die Abdankung des Zaren von Rußland und der Kaiser von Deutschland und Österreich. Aber auch die Sozialdemokraten wurden schließlich in Rußland von den "Kommunisten" "überrannt" und ersetzt, bzw. standen in Deutschland in Gefahr, von den Kommunisten ersetzt zu werden. (Vor letzterem bewahrte sie nur das Bündnis mit einer stärkeren demokratischen Mitte und mit den politisch rechtsstehenden Freikorps. Das Überrennen der Sozialdemokraten gelang östlich der Elbe erst nach einem verheerenden Zweiten Weltkrieg.)

In Deutschland hat ein großer Teil der fortschrittlicher denkenden Kreise nach 1789 sicherlich mit den Girondisten sympathisiert. Hölderlin kam in Bordeaux also - von diesem Blickwinkel her gesehen - in eine "Heimat seines Geistes", nämlich in die Heimat des Geistes der Revolution von 1789 bis 1791. 

Von Bordeaux nach Paris sind es 550 Kilometer. Über 75 Kilometer hinweg wird dieser Weg von dem romantischen kleinen Flüßchen Charente (Wiki) begleitet, grob gesagt zwischen Angoulême und Civray (s. Abb. 5). Die Charente fließt durch viele anmutige kleinere und größere Ortschaften. An ihrem Ufer reihen sich entlang: romantische Mühlen, Schlösser und stille Parks (WikiCom).

Der direkte Fußweg nach Paris überquert diesen Fluß (nach Google Maps) erstmals bei Châteauneuf-sur-Charente, einige Kilometer flußabwärts von Angoulême. Er führt dann flußaufwärts an der Charente entlang. Sie schlängelt immer wieder wechselnd einmal rechts, einmal links des Weges parallel und muß deshalb mehrere male überquert werden. So bei Montignac-Charente, bei Mansle, bei Verteuil-sur-Charente und zum letzten mal bei Civray. Dort schließlich läßt der Wanderer den Fluß hinter sich. Der Wanderer hat das Ziel "Paris" vor Augen. Auf diesem Weg sind - sicherlich - auch viele "Girondisten" zuvor schon gen Paris gewandert oder gefahren.

Abb. 5: Die Charente (Wiki)

Über mehr als 300 Kilometer hinweg fließt die Charente - insgesamt gesehen - von Osten nach Westen durch Frankreich und mündet unterhalb von Rochefort in den Atlantischen Ozean. Etwa 130 Kilometer weiter im Norden der Charente findet sich einer ihrer Parallelflüsse, nämlich die Vendée (Wiki). Und mit ihr fällt erneut ein geschichtsträchtiger Name. Dieses Flüßchen hat jenem Departement Vendée seinen Namen gegeben, in dem es nach Beginn der oben erwähnten Schreckensherrschaft 1793 bis 1796 die schwersten gegenrevolutionären Aufstände innerhalb Frankreichs gegeben hat, in denen die Menschen am Heftigsten im Für und Wider des "patriotischen Zweifels" lebten (so der Ausdruck von Hölderlin dazu).

Diese mußten somit bei den fortschrittlicher denkenden Menschen in Frankreich und Deutschland ebenfalls viel Anteilnahme finden. Man kann sagen, daß der Weg von Bordeaux nach Paris zwischen Châteauneuf-sur-Charente und Poitiers "in der Nähe" des Aufstandsgebietes der Vendée viele Gedanken in Hölderlin aufwühlen konnte. So jedenfalls hat es Hölderlin selbst ja dargestellt.

Ein halbes Jahr nach seiner Rückkehr, im November 1802, hat Hölderlin ja von Nürtingen aus an seinen Freund Böhlendorf jenen Brief geschrieben, den wir schon einmal zitiert hatten (s. Stgen2023), der aber - wie uns jetzt klar wird - viel mehr noch von den Eindrücken seiner Rückreise geprägt gewesen sein wird als von den Eindrücken seiner Hinreise (auf die wir diese Ausführungen vor allem bezogen hatten). Mögen also diese Worte aus dem Blickwinkel der Erfahrungen der Rückreise noch einmal gelesen werden:

"Ich habe Dir lange nicht geschrieben, bin indes in Frankreich gewesen und habe die traurige einsame Erde gesehn, die Hirten des südlichen Frankreichs und einzelne Schönheiten, Männer und Frauen, die in der Angst des patriotischen Zweifels und des Hungers erwachsen sind.
Das gewaltige Element, das Feuer des Himmels, und die Stille der Menschen, ihr Leben in der Natur und ihre Eingeschränktheit und Zufriedenheit, hat mich beständig ergriffen, und wie man Helden nachspricht, kann ich wohl sagen, daß mich Apollo geschlagen.
In den Gegenden, die an die Vendée grenzen, hat mich das Wilde, Kriegerische interessiert, das rein Männliche, dem das Lebenslicht unmittelbar wird in den Augen und Gliedern und das im Todesgefühle sich wie in einer Virtuosität fühlt und seinen Durst, zu wissen, erfüllt.
Das Athletische des südlichen Menschen, in den Ruinen des antiken Geistes, machte mich mit dem eigentlichen Wesen der Griechen bekannter. ..."

So die Kernsätze dieser Ausführungen.

Es kommt einem beim Lesen der Gedanke, daß Hölderlin seinen Freund Isaac von Sinclair, durch den er 1806 in die Hochverrats-Anklage hinein geraten sollte, mit solchen, soeben beschrieben südlichen Menschen, Männern identifiziert haben könnte, da ihn doch auch an ihm - sozusagen - "das Wilde, Kriegerische, rein Männliche" interessiert haben wird, ungefähr all das, was er in seinem Roman "Hyperion" dem Freund des Hyperion, dem Alabanda, zugeschrieben hat. 

Diesem kriegerischen, revolutionären und gegenrevolutionären Menschen traute Hölderlin für seine Gegenwart und Zukunft noch mancherlei zu. Ihn dachte er mit, wenn er die Worte formulierte 

"und sind gegangen / dem Leuen gleich / in Zweifel und in Ärgernis".

Am 10. Mai 1802 hatte sich Hölderlin also in Bordeaux den Paß nach Paris ausstellen lassen.

"Auf feuchter Wiese der Charente"

Er war dann jenen Staren nachgezogen, die schon im März und April dem "Nordost" entgegen gezogen waren, der gemeinsamen Heimat entgegen. In seiner Dichtung "Das Nächste Beste" spricht Hölderlin von den Staren, die im März und April gen Norden ziehen:

... Sie spüren nämlich die Heimat,
Wenn
Auf feuchter Wiese der Charente ....

Und ihnen machet wacker
Scharfwehend die Augen der Nordost, fliegen sie auf,



           der Katten Land
Und des Württembergers
Kornebene,

Nur Bruchteile dieses Gedichtes sind fertig gestellt worden, bzw. sind erhalten. Vieles bleibt offen, vieles ungesagt. Doch jeder spürt, daß auch schon in diesen Bruchteilen so viel enthalten ist und noch so viel mehr "zwischen" den Zeilen steht.

"Der Katten Land" - das ist das Land rund um Frankfurt am Main und rund um Homburg vor der Höhe. Dort wird diese Dichtung selbst entstanden sein. Frankfurt am Main nennt Hölderlin in dem eingangs angeführten Gedichtentwurf den "Nabel der Welt". Er ist nicht nur der Ort seiner Liebe zu Diotima, er ist auch der Ort seiner philosophischen Gespräche mit Sinclair und Hegel. Und sowohl Sinclair wie Hegel ebenso wie Hölderlin - wie später Heinrich Heine oder Karl Marx - waren sich bewußt, daß die Philosophie, die man hier untereinander erörterte, revolutionäres Potential enthielt, daß sie Gedanken enthielt, die zur Tat aufforderten, zur Tat entflammten. Dieses revolutionäre Potential sollte sich dann ja auch entfalten, als der philosophische Kreis um den Nachfolger Hegels, rund um Eduard Gans - unter anderem Heinrich Heine, unter anderem Karl Marx - ab 1831 begann, die Philosophie Hegels positivistisch und materialistisch umzudeuten ...

Damit konnte sie dann noch mehr "wie ein Hund umgeh'n" ....

Schlüsselstellung in der Philosophiegeschichte um 1795

Welches revolutionäre Potential in dem damaligen Philosophieren enthalten war, das ist erst durch den deutschen Philosophen Dieter Henrich voll entfaltet und heraus gearbeitet worden. Dazu lesen wir (2, S. 5f):

Forschungen der vergangenen Jahre, besonders die von Dieter Henrich eingeleiteten Studien zur Rolle Hölderlins im Idealismus (...) zeigen, (...) daß er geradezu eine Schlüsselstellung in der Philosophiegeschichte um 1795 einnimmt. 

Es mag Sinn machen, auch noch einen Blick zu werfen in die höchst aufschlußreiche Dissertation der Autorin jenes Aufsatzes, der Auslöser für diesen Blogartikel geworden ist (2). Im ersten Kapitel derselben behandelt sie den interessanten Gedanken, daß das philosophische Nachdenken Hölderlins schließlich - wie dasjenige Schillers - zu dem Ergebnis kam, daß ihre Zeit noch nicht reif war für einen abschließenden großen philosophischen Wurf. Dieser sei erst von künftigen Zeitaltern zu erwarten. 

Und daß die gültigsten Aussagen in ihrer Zeit nicht - wie von Schelling und Hegel versucht - in ein philosophisches System gebracht werden konnten, das dem Gesamtgeschehen in diesem Universum gerecht würde, sondern nur in poetische Form gekleidet werden könnten, und zwar in eine neue Form des Mythos. Das arbeitet die Autorin aufwühlend heraus. 

Das zweite Kapitel behandelt dann die sogenannte "intellektuale Anschauung", einen zentralen Begriff in dem Philosophieren Hölderlins, aber auch in dem Philosophieren Schellings. Dabei handelt es sich um jenes Gotterleben, das der zweiten Seite der Wirklichkeit - über das Erleben des Wahren, Guten und Schönen - zugewandt ist - nach der Deutung der Philosophie des 20. Jahrhunderts (M. Ludendorff).

René Descartes - Verkörperung von "Das Nächste Beste"

[Ergänzung 21.2.24] Es muß in den hier erörterten Zusammenhängen ohne Frage darauf Bezug genommen werden, daß Hölderlins Weg zwischen Poitiers und Paris auch zumindest in die Nähe der Kleinstadt La Haye-en-Touraine kam, der Geburtsstadt des großen René Descartes (1596-1650) (Wiki) (heute deshalb "Descartes" benannt), also nach dem Denken Hölderlins in die Nähe des Geburtsortes des modernen, neuzeitlichen Denkens überhaupt (Wiki):

In seinen Geschichtsvorlesungen lobt Georg Wilhelm Friedrich Hegel Descartes ausdrücklich für seine philosophische Innovationskraft: Bei Descartes fange das neuzeitliche Denken überhaupt erst an, seine Wirkung könne nicht breit genug dargestellt werden. (...) In Descartes’ archimedischem Denkpunkt des „cogito ergo sum“ sieht Hegel einen Beleg dafür, daß Denken und Sein eine „unzertrennliche Einheit“ bilden (vgl. Parmenides), weil an diesem Punkt Verschiedenheit und Identität zusammenfallen. Hegel übernimmt dieses „Anfangen im reinen Denken“ für seine idealistische Systematik.

Hegel hat die Unterscheidung zwischen Sein und Ur-Teilung nie so scharf unternommen wie sein Freund Hölderlin. Aber auch für Hölderlin ist dieses "cogito, ergo sum", die er eben als die "Ur-Teilung" benennt (in seinem Text "Urteil und Sein"), ohne Frage der Beginn des neuzeitlichen Denkens, das über Umwege (also dialektisch) zur Wahrheit führe, der Beginn des von ihm benannten Ganges "dem Leuen gleich in Zweifel und Ärgernis" (siehe oben). Wir lesen (4):

Auch in seinen philosophischen Schriften und in dem Briefroman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ bezog sich Hölderlin auf diese „allumfassende Gottheit“. (...) Diese Einheit sei in der Neuzeit verlorengegangen; der Verantwortliche für den Sündenfall ist für Hölderlin René Descartes, der eine Teilung der Welt in Subjekt und Objekt, in eine res cogitans und in eine res extensa vornahm. Dadurch wurde die ursprüngliche Einheit zwischen Mensch und Natur zerstört. Die Reflexion vertrieb den Menschen aus dem paradiesischen „Urzustand“ und setzte ihn dem Dressurakt der Rationalisierung aus, der für die Unterdrückung der Triebe, der Emotionen, der Phantasie und der Träume verantwortlich ist (...): „Ach! wär ich nie in eure Schulen gegangen. Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich unterscheiden gelernt von dem, was mich umgibt, bin nun vereinzelt in der schönen Welt, bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur, wo ich wuchs und blühte, und vertrockne an der Mittagssonne." (Zitat Hyperion)

Dieser Umstand war ohne Frage mitgedacht, als Hölderlin die Stare - als Verkündiger des Weltgeistes - von den feuchten Wiese der Charente her Richtung Deutschland fliegen ließ, ...

Und Eck um Ecke
Das Liebere gewahrend,
Denn immer halten die sich genau an das Nächste,
Sehn sie die heiligen Wälder und die Flamme, blütenduftend, ...

Weil es, unter anderem René Descartes war, der - in der Touraine geboren - in Paris, in den Niederlanden, in Prag, in Ulm, in England und in Kopenhagen lernte und lehrte. René Descartes ist womöglich gar die deutlichste Verkörperung von "Das Nächste Beste".


/ Im Entwurf: 17.7.2023 /

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Anmerkung: Wir beziehen uns in diesem Blogartikel auf Ausführungen von Annette Hornbacher. Diese hat Philosophie, Ethnologie und Literaturwissenschaft in Tübingen studiert. 1993 hat sie promoviert über "Friedrich Hölderlins poetisch-mythische Kritik der Aufklärungsphilosophie". Dieses Buch enthält ebenfalls viele wertvolle philosophische Gedanken. Hornbacher hat danach eine sehr wechselhafte akademische Laufbahn angetreten, sich bewegend zwischen Philosophie, Völkerkunde und Dramaturgie. 2003 wurde sie auf eine Professur für Völkerkunde in Heidelberg berufen. Heute forscht sie über tantrisches Gedankengut und Praktiken im südostasiatischen Raum (!). 2019 hielt sie in diesem Zusammenhang - im Rahmen des "Studium generale" in Heidelberg - den Vortrag "Immaterielles Kulturerbe und seine Problematik" (Yt). Ob sie auf ihrem akademischen Lebensweg das Philosophieren und Dichten Hölderlins wirklich so weit hinter sich gelassen hat wie es dem Äußeren nach scheint? 

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  1. Hornbacher, Annette: Wie ein Hund. Zum „mythischen Vortrag“ in Hölderlins Entwurf ‘Das Nächste Beste’. 222-246. In: Hölderlin Jahrbuch 1998-1999.
  2. Hornbacher, Annette: Die Blume des Mundes. Zu Hölderlins poetisch-poetologischem Sprachdenken. Königshausen, Würzburg 1995 [Diss. Uni. Tübingen 1993] (GB)
  3. Hornbacher, Annette: ‘Eines zu seyn mit allem, was lebt...’ Hölderlins intellectuale Anschauung. 24-47. In: Hölderlin: Philosophie und Dichtung (Hrsg.: Valérie Lawitschka). Tübingen
  4. Halmer, Nikolaus: „Eines zu sein mit Allem, was lebt“ (ORF2020)

Dienstag, 4. Juli 2023

Euripides - Der griechische Tragödien-Dichter

Der letzte der drei großen Tragödien-Dichter Griechenlands

Indem wir Friedrich Nietzsche lesen und bei ihm nach Einsichten suchen zum Verständnis der antik-griechischen Kultur, erhalten wir Anregung, uns mit dem Tragödiendichter Euripides (485-406 v. Ztr.) (Wiki) zu beschäftigen. Von den Tragödien des Euripides sind mehrere Übersetzungen zugänglich (WikiS). Sie sind schon in der griechischen Antike fast ebenso häufig gelesen worden wie die "Ilias" des Homer.

Abb. 1: Büste des Euripides, 330 v. Ztr. (Wiki), Pio Clementino Museum, Vatikan, Rom

Sie erschüttern auch zutiefst. In der Tragödie "Die Troerinnen" wird in epischer Breite das Schicksal geschildert, das den trojanischen Frauen zuteil wurde, die nach dem Fall Trojas in die Gefangenschaft der Griechen geraten sind. Erst wenn man solche Tragödien gelesen hat, wird einem bewußt, warum Schiller, Hölderlin und so viele andere mit so großer Selbstverständlichkeit von so vielen Personen der griechischen Geschichte sprechen konnten. Einfach weil sie all diese Tragödien gelesen hatten.

Schiller beispielsweise hat "Iphigenie in Aulis" (Wiki) übersetzt und gibt in Anmerkungen dazu ein differenziertes Urteil. Er kreidet Fehler in der Psychologie des Stückes an, lobt aber auch die Größe der zum Ausdruck gebrachten Gesinnungen (Gutbg):

Die Gesinnungen in diesem Stücke sind groß und edel, die Handlung wichtig und erhaben, die Mittel dazu glücklich gewählt und geordnet. Kann etwas wichtiger und erhabener sein, als die – zuletzt doch freiwillige – Aufopferung einer jungen und blühenden Fürstentochter für das Glück so vieler versammelten Nationen? Konnte die Größe dieses Opfers in ein volleres und schöneres Licht gestellt werden, als durch das prächtige Gemälde, das der Dichter durch den Chor (in der Zwischenhandlung des ersten Aktes) von der glänzenden Ausrüstung des griechischen Heeres gleichsam im Hintergrund entwerfen läßt? Wie groß endlich und wie einfach malt er uns Griechenlands Helden, denen dieses Opfer gebracht werden soll, in ihrem herrlichen Repräsentanten Achilles?

Die Tragödien sind - neben ihrem sonstigen Gehalt - immer wieder unterschwellig oder auch deutlich erkennbar beeinflußt von dem philosophischen Nachdenken der Zeit des Euripides, insbesondere von dessen Freund Sokrates. Sokrates im übrigen ist 16 Jahre jünger als Euripides. Und durch diesen Umstand bekommt man eine Ahnung davon, daß auch Sokrates umgekehrt - sozusagen - auf Euripides reagiert haben könnte, auf die Skepsis desselben im Begleiten des Hochmuts und Falls seiner Heimatstadt Athen. Eine solche Skepsis hört man bei Sokrates und Platon eigentlich so deutlich nicht heraus. Euripides teilt - offenbar - auch viel vollständiger die Werte seiner Heimatstadt. So ist er zum Beispiel ein entschiedener Verteidiger der athenischen Demokratie, während die Philosophen dieser gegenüber doch deutlicher ihre Zweifel äußern. Euripides gibt aber zugleich auch deutlicher als die Philosophen dem Unheil Ausdruck, das unter dem äußeren Glanz seiner Zeit hindurchschimmert. 

Jedenfalls bringt der philosophische Zeitgeist, der sich in beiden - in Euripides wie in Sokrates - verkörpert, es mit sich, daß viele Dinge, unter anderem auch die reale Existenz von Göttern infrage gestellt sind. Euripides kommt darauf immer wieder zurück. In der Regel haben seine Tragödien zwar Themen der Geschichte oder der Mythologie zum Inhalt. Ihre geistige Haltung wird aber unter anderem folgendermaßen charakterisiert (Wiki):

Der Dialog kontrastiert oft so stark mit der mythischen und heroischen Umgebung, daß es wirken kann, als ob Euripides sie parodieren wolle. Beispielsweise löst das rationalisierte Gebet der Heldin in "Die Troerinnen" eine Bemerkung von Menelaos aus:
Hekabe: (...) Zeus, ob du die Notwendigkeit der Natur oder der Geist sterblicher Menschen bist, ich wende mich im Gebet an dich! Indem du einen stillen Weg beschreitest, lenkst du alle sterblichen Angelegenheiten hin auf Gerechtigkeit!
Menelaos: Was bedeutet das? Wie seltsam ist ihr Gebet zu den Göttern!

Nun, es ist seltsam deshalb, weil das Gebet einen philosophischen Gedanken enthält, der vor der Zeit des Euripides so selbstverständlich vermutlich nicht geäußert worden wäre  In der Tragödie "Orestes" fallen die Worte (nach der neuesten Übersetzung von Raoul Schrott (zit. n. Helmut Böttiger, Dtschlf2021): 

„Die Zeit der Heroen ist vorbei:
am Gipfel des Glücks gleicht der Mensch einem Gott.
Doch der duldet keinen neben sich und übergießt uns mit Spott -
den Rest besorgen Niedertracht und Heuchelei.“

Aus solchen und ähnlichen Worten spricht immer wieder auch viel von jenem Geist der Ernüchterung, der in Athen zur Vorherrschaft gekommen sein mag am Ende des Peloponnesischen Krieges, der mit einer vernichtenden Niederlage Athens endete. Euripides erlebte sie nicht mehr, die Vorführung einer seiner Tragödien soll aber die siegreichen Spartaner davon abgehalten haben, die schon beschlossene Zerstörung der Stadt Athen durchzuführen. Euripides hätte also seine Stadt - dennoch - gerettet (Wiki):

Seine Zeitgenossen assoziierten ihn mit Sokrates als Führer eines dekadenten Intellektualismus. Beide wurden häufig von komischen Dichtern wie Aristophanes verspottet. Sokrates wurde schließlich als korrumpierender Einfluß vor Gericht gestellt und hingerichtet.

Auch hier wird wieder erkennbar, aus welch innerlich angespannter, geistiger Haltung heraus die griechische Kultur zu verstehen ist: Dasselbe Prinzip, das als zerstörend wahrgenommen wird, trägt zugleich - unter leicht verschobenen Umständen - zur Rettung bei. 

Mit Euripides erhalten wir einen Blick in die geistigen Wandlungen im antiken Griechenland in jenem grundlegendsten Jahrhundert der antik-griechischen Geschichte, nämlich dem 5. Jahrhundert v. Ztr., in der Zeit nach den Perserkriegen. Wir lesen (Wiki):

Euripides war der Jüngste in einer Gruppe von drei großen Tragikern, die fast Zeitgenossen waren: Sein erstes Stück wurde dreizehn Jahre nach Sophokles‘ Debüt und drei Jahre nach Aischylos‘ Orestie aufgeführt. Die Identität des Trios wird durch eine patriotische Darstellung ihrer Rollen während des großen Sieges Griechenlands über Persien in der Schlacht von Salamis deutlich unterstrichen - Aischylos kämpfte dort, Sophokles war gerade alt genug, um den Sieg in einem Knabenchor zu feiern, und Euripides wurde geboren am selben Tag der Schlacht.

In diesen drei Tragödien-Dichtern verkörpert sich der schnelle Wandel der Zeit und ihres geistigen Gehaltes in den Jahrzehnten nach den Perserkriegen. All dies vollzieht sich vor der heroischen Vergangenheit der Perserkriege. An sein Mitkämpfen in diesen wollte Aischyolos allein in der von ihm selbst formulierten Inschrift auf seinem Grab erinnern, nicht an seine Erfolge in den Tragödien-Wettbewerben.

Während Nietzsche in den Tragödien des Aischylos und des Sophokles die gelungene Synthese zwischen apollinischem und dionysischem Prinzip sieht und darin den Höhepunkt der antik-griechischen Tragödie, bzw. Kulturentwicklung überhaupt, macht er Euripides nun für die Zerstörung dieses heiligen Tempels der Tragödie verantwortlich (Wiki):

In "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" vertritt Friedrich Nietzsche die Auffassung, daß die Tragödie aus dem rituellen Chortanz des Dionysoskultes entstanden und nach dem Tod von Sophokles und Euripides vom kritischen sokratischen Geist zerstört worden sei.

Schon Euripides selbst macht Nietzsche dafür verantwortlich (Zen):

Jenes ursprüngliche und allmächtige dionysische Element aus der Tragödie auszuscheiden und sie rein und neu auf undionysischer Kunst, Sitte und Weltbetrachtung aufzubauen - dies ist die - jetzt in heller Beleuchtung sich uns enthüllende - Tendenz des Euripides.

Nietzsche identifiziert Sokrates in seinem Werk durchgehend mit der positivistischen Wissenschaft seines eigenen Zeitalters. Diese Deutung muß man allerdings nicht übernehmen. Viel zu vieles von dem, was Sokrates - nach der Wiedergabe von Platon - gelehrt hat, widerspricht einer solchen einseitigen Deutung. Sokrates war weder atheistisch, noch positivistisch. Ebensowenig Platon

Abb. 2: Aischylos, Sophokles und Euripides - In Kopenhagen in der Ny Carlsberg Glyptothek (Wiki)

Deshalb möchten wir vielmehr die Meinung vertreten, daß Nietzsche das Philosophieren von Sokrates und Platon in zu einseitiger Weise sieht. Der Platonismus selbst enthält doch das dionysische Element. Das rationale Raisonieren führt doch immer wieder auf dieses zurück, zum Beispiel auf den "göttlichen Wahnsinn". 

Nietzsche schreibt stattdessen weiter (Zen):

Die Gottheit, die aus ihm (Euripides) redete, war nicht Dionysus, auch nicht Apollo, sondern ein ganz neugeborner Dämon, genannt Sokrates. Dies ist der neue Gegensatz: das Dionysische und das Sokratische, und das Kunstwerk der griechischen Tragödie ging an ihm zugrunde. (...) Der herrlichste Tempel liegt in Trümmern; was nützt uns die Wehklage des Zerstörers und sein Geständnis, daß es der schönste aller Tempel gewesen sei?

Der deutschsprachige Wikipedia-Artikel über Euripides ist bislang inhaltlich noch sehr schlicht gehalten.  

Zur geistigen Biographie des Euripides

Erst auf dem englischsprachigen finden wir sehr differenzierte und darum echt belehrende Inhalte (wir nutzen zum Lesen praktischerweise den auf Google-Chrome eingebauten Übersetzer, der nur mit Rechtsklick eine gesamte Internetseite übersetzen kann) (Wiki):

Ordnet man die Stücke des Euripides in zeitlicher Reihenfolge an, wird deutlich, daß sich seine Einstellung im Laufe der Zeit möglicherweise geändert hat, sie liefern so eine „spirituelle Biographie“:

  • eine frühe Periode großer Tragödien (Medea, Hippolytus)
  • eine patriotische Zeit zu Beginn des Peloponnesischen Krieges (Kinder des Herakles, Die Schutzflehenden)
  • eine mittlere Phase der Desillusionierung über die Sinnlosigkeit des Krieges (Hekuba, Die Trojanerinnen)
  • eine eskapistische Zeit mit Schwerpunkt auf romantischen Intrigen (Ion, Iphigenie auf Tauris, Helena)
  • eine letzte Zeit tragischer Verzweiflung (Orestes, Phönizische Frauen, Die Bacchantinnen)

Wir lesen über Euripides weiter (Wiki): 

In den "Bacchantinnen" stellt er den Chor und die Botenrede wieder in ihre traditionelle Rolle in der tragischen Handlung, und das Stück scheint der Höhepunkt einer regressiven oder archaisierenden Tendenz in seinen späteren Werken zu sein (...). Vermutlich in der Wildnis Makedoniens entstanden, dramatisieren die Bacchantinnen auch eine primitive Seite der griechischen Religion, und einige moderne Gelehrte haben dieses besondere Stück daher biografisch interpretiert als:

  • eine Art Bekehrung auf dem Sterbebett oder Abkehr vom Atheismus;
  • der Versuch des Dichters, den Vorwurf der Gottlosigkeit abzuwehren, der später seinem Freund Sokrates gemacht werden sollte;
  • Beweise für eine neue Überzeugung, daß Religion nicht rational analysiert werden kann.

Es finden sich aber auch Stimmen, die die "Bacchantinnen" des Euripides genau gegenteilig interpretieren (Wiki):

Die außergewöhnliche Schönheit und Leidenschaft der poetischen Chorbeschreibungen weisen darauf hin, daß der Autor durchaus wußte, was die Anhänger von Dionysos anzog. Die lebhafte Grausamkeit der Bestrafung des Pentheus legt nahe, daß er auch diejenigen verstehen konnte, die von der Religion geplagt wurden.

1997 ist die schon in der Antike berühmte "Höhle des Euripides" (Wiki) auf der Insel Salamis wieder entdeckt worden. Vor ihr stehend hat man einen weiten Blick auf das Meer und auf die Insel Ägina. Hier soll Euripides in einsamer Zurückgezogenheit Werke verfaßt haben. Es wird berichtet, daß sich Euripides mehrfach aus der Gesellschaft in die einsame Natur zurück gezogen hat. Im Grunde mutet es auffällig an, daß auch Nietzsche, der dem Euripides so wenig günstig gesonnen ist, seinen Zarathustra Jahre lang eine ähnliche einsame Höhle fern ab der menschlichen Gesellschaft bewohnen läßt. Jedenfalls äußert Nietzsche auch sehr viel Verständnis für das Geschehen in den "Bacchantinnen" in einsamen Bergwäldern. 

Daß dieses Stück sehr unterschiedlich gedeutet werden kann, zeigt womöglich schon deutlich genug, auf welcher Höhe Euripides stand. Er scheint uns die antik-griechische Tendenz oder Fähigkeit zu verkörpern, alle Dinge auch von ihrem gegenteiligen Prinzip her durchdenken und durchdeklinieren zu können und sogar eine Lust daran zu haben. Dadurch kann ja viel Einseitigkeit und auch viel seelische Schläfrigkeit vermieden werden. Auf diese Weise wurden die antiken Griechen ja eben auch jene großen Philosophen und Lehrer der Menschheit, die sie waren. 

Das weniger "spannungsreiche" Seelenbild der heidnischen Römer und Germanen

Die heidnischen Römer in der Zeit, bevor sie hellenisiert wurden, ebenso wie die heidnischen Germanen vor ihrer Christianisierung wiesen ein so weites seelisches Spannungsfeld wie es die antiken Griechen aufgewiesen haben, nicht auf. Das wird der Grund dafür sein, daß es in ihrer Kulturgeschichte über Jahrtausende hinweg noch vergleichsweise weniger Dynamik gab als im griechischen Bereich. Und deshalb konnte der - dann schon hellenisierte - Tacitus die Germanen seiner eigenen Gesellschaft als ein so außerordentlich anrührendes Kontrastprogramm vor Augen stellen.

Da die antiken Griechen schon während ihrer Ethnogenese um 2.200 v. Ztr. einen Umsturz, eine Umwertung aller Werte erlebt haben, es erlebt haben, daß Götter, die ihnen vormalig heilig waren, zu Titanen wurden, die zu stürzen waren oder zu Satyren und Nymphen wurden, die nur in heiterer Harmlosigkeit geduldet wurden, und da zugleich ihr ursprüngliches kulturell-genetisches Element dennoch so stark in ihnen lebendig blieb (das "dionysische"), zugleich aber die Verehrung der indogermanischen (apollinischen) Welt ihnen über alles ging, lag in ihnen immer "zugleich alles" bereit, jede Tendenz menschlichen Verhaltens, waren sie so gut in der Lage, ein Geschehen von zwei sehr widersprüchlichen Seiten aus zu betrachten, gab es ein so großes Spannungsfeld in ihnen und waren sie deshalb zu einer solchen Vielfalt kulturellen Ausdrucks fähig. Dieser Umstand könnte es vor allem sein, der ihre Genialität ausgemacht hat.

Sie konnten vieles verstehen - aber in allen Zeugnissen wird deutlich, daß sie den Gebräuchen und Denkweisen der antiken Juden immer wieder mit völligem Unverständnis gegenüber standen. An dieser Stelle endete ihr seelisches Spannungsfeld. Durch die Christianisierung der Germanen wurde das Spannungsfeld der Mittel- und Nordeuropäer bis heute nach dieser Richtung hin erweitert, allerdings bis heute immer nur ansatzweise nach der gesamten Spannweite der antiken Griechen hin. Letzteres könnte deshalb noch die große Aufgabe der Zukunft sein.

Ein Krampus als Gott?

Wir lesen über "Die Bacchantinnen" und eine Neuübersetzung derselben aus dem Jahr 2021 (zit. n. Helmut Böttiger, Dtschlf2021):

Die Lesarten dieses Stückes sind seit jeher sehr unterschiedlich. (...) Ist die dionysische Ekstase eine Alternative zu dem machtbewußten Herrscher Pentheus? Die Offenheit des Stücks hat etwas Radikales und Verstörendes. Der Chor bereitet mit vielsagenden Sätzen das Ende vor:
„Ein Gott erklärt sich -
doch er erklärt sich nicht.“
Das letzte Wort hat der siegreiche Dionysos. Euripides hinterläßt der Nachwelt durch den Mund des maskierten Gottes ein Orakel, das eher beklemmend wirkt:
„Ein in die Erde geschlag'ner Pflock und die Masken, drangehängt,
eine aus dem Stock der Rebe, eine andre aus dem Stamm der Pinie,
Larven, die sich innen aus dem Holz schälen, um an dem Brocken Gestalt zu nehmen:
ein Stier, der unter der Borke seine Schnauze bleckt, Hörner, die durch ein Astloch stoßen, Hauer, Zweige, die sich zu Schlangen häuten, die Krallen eines Luchses,
Zähne, Zungen, und hinter all den Masken das schwarze Fell von einem Ziegenbock,
das zu Boden hängt: dieser Pflock, in der roten Furche eines Ackers,
das ist meine Gegenwart, ist ich, hier, vor der Mauer Thebens.“

Was für grausige Worte. Man fühlt sich an die Krampusse des Alpenraumes erinnert (Wiki). Dionysos erklärt sich - und er erklärt sich nicht. Selbst er hält sich noch eine Maske vor. Eine grausige. Oder gerade er.

Soll man parallel zugleich sagen: Die antik-griechische Volksseele erklärt sich - und sie erklärt sich nicht. Hält auch sie sich eine Maske vor? Euripides erklärt sich - und er erklärt sich nicht - ? Oder hält er es für nötig, den Griechen einen einschüchternden Krampus als Gott zu geben - anstelle des Apollon? Damit sie endlich zur Besinnung kommen?

Ergänzung 12.1.24: Der vielleicht bedeutendste Hölderlin-Deuter des 20. Jahrhunderts Peter Szondi arbeitet die Dionysos-Deutung Hölderlins anhand der Bacchen des Euripides hervorragend heraus in seinen Hölderlin-Studien von 1961. Das wird hier auf dem Blog noch einmal Thema werden. 

/ Erweitert: 5.7.23 /

Sonntag, 25. Juni 2023

Der göttliche Wahnsinn - Er machte die antiken Griechen erst zu dem, was sie waren

Sokrates, Platon und Nietzsche hielten das für plausibel
- Wir halten es auch für plausibel. 
Denn war es nicht mehr als Wahnsinn, als Mittelmeer-Mensch dem Apoll folgen zu wollen ...? Also: göttlicher Wahnsinn?
- Und kann es nicht allein ein solcher göttlicher Wahnsinn gewesen sein, der die antiken Griechen zu dem machte, was sie waren?
- Diese Erkenntnis aber würde auf eine andere Frage zurück werfen: Welcher Wahnsinn wäre es denn, der uns Heutigen dem alten Hellas wieder nahe bringt oder uns über das alte Hellas hinaus führt?

"Wußten Sie, daß die Tragödien des Aischylos und des Sophokles die perfekte Synthese darstellen zwischen der apollinischen und der dionysischen Kunst - nach der Philosophie von Friedrich Nietzsche?"

Abb. 1: "Tanz der Bacchanten", Gemälde des Schweizer Malers Charles Gleyre (1806-1874) aus dem Jahr 1849 - Museum der Schönen Künste in Lausanne

Nein, das wußten wir nicht. 

Aber indem wir diese Frage lesen - auf Facebook in der Gruppe "Classics for All" (Fb) - erhalten wir eine erwünschte Anregung zur weiteren Auseinandersetzung mit einem der jüngsten, dringenden Fragestellungen hier auf dem Blog: Wie ist die Kultur der antiken Griechen eigentlich entstanden? Aus welchen tieferen Antrieben heraus ist sie zu verstehen? 

Tasten wir uns, ausgehend von dem Eingangszitat, Schritt für Schritt voran. Zunächst: Der soeben erwähnte Tragödien-Dichter Aischylos (525-456 v. Ztr.) (Wiki) hat Griechenland in den berühmten Schlachten von Marathon (490 v. Ztr.) und Salamis (480 v. Ztr.) in eigener Person mit der Waffe in der Hand gegen die Eroberung durch das Großreich der Perser verteidigt. Auffallend, daß manchem in diesem Zusammenhang noch der Name des Spartanerkönigs Leonidas in den Sinn kommt, mit demselben Geschehen aber nicht einen so bedeutenden Tragödien-Dichter in Zusammenhang bringt wie den Aischylos. 

Der Bruder des Aischylos ist in der ersten der beiden genannten Schlachten gefallen. 472 v. Ztr. wurde das Drama des Aischylos "Die Perser" (Wiki) uraufgeführt. Der Verfasser dieser Zeilen hat dieses sogar in der Schule durchgenommen. Es gilt als das älteste erhaltene Drama der Welt. Es behandelt den Untergang der persischen Flotte in der Seeschlacht von Salamis (480 v. Ztr.) aus der fiktiven Sicht des persischen Königshofes. Der Verfasser erinnert sich, daß es beeindruckend war zu erleben, wie sich hier ein Grieche in die Gefühle der Perser bei diesen großen militärischen Niederlagen für die Perser hinein versetzen konnte. Anstatt die - erschütternden - Erfahrungen der eigenen Kultur der letzten zwanzig Jahre zu verarbeiten, die unter anderem die vollständige Evakuierung und Zerstörung der Stadt Athen mit einschloß, verarbeitet er vielmehr die Erfahrungen des überlegenen persischen Gegners. Ob man das nicht eine kühne Geste nennen darf? Ob man das nicht auch "übermütig" nennen darf? 

Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man sich für Augen führt, daß für das Perserreich in diesem Krieg bei weitem nicht so viel auf dem Spiel stand wie für die Griechen. Die antik-griechische Kultur wäre - vermutlich - eine Fußnote der Geschichte geblieben, hätten die Griechen in den Perserkriegen nicht gesiegt.

Aus Schulzeiten war einem aber nicht mehr in Erinnerung geblieben, daß der Dichter selbst Kriegsteilnehmer war und in diesem Krieg seinen eigenen Bruder verloren hatte. Überhaupt bedeutete uns die antik-griechische Kultur in Schulzeiten noch lange nicht so viel wie sie in den ersten Jahren des Studiums für uns an Bedeutung gewonnen hat. 

Aischylos hatte auch schon früh am Dichterwettbewerb der Dionysien teilgenommen. Er war - der späteren griechischen Sage nach - von Dionysos selbst zum Dichter geweiht worden. Wir lesen (Wiki):

Nicht das eigene Handeln, sondern die Taten der durch Frevel und Hybris erzürnten Götter entscheiden das Schicksal des tragischen Helden Xerxes, dessen Volk, die Perser, hier als Schwestervolk gesehen wird.

Wenn ein Drama wie "Die Perser" eine Synthese darstellt zwischen dem dionysischen und dem apollinischen Prinzip, dann wird deutlich, mit was für umfassenden Konzepten man es es hier zu tun hat. Es geht keineswegs nur - sozusagen - um die lustvollen und erotischen Ausschweifungen, die im Kernbereich des dionysischen Prinzips wabern mögen und es geht keineswegs nur um das gemessene, "schöne", ruhevolle, erhabene Maßhalten - auch im Schmerz, das im Kernbereich des apollinischen Prinzips wabern mag (Wiki, GTG). Beide Prinzipien haben nämlich nicht nur zu tun mit dem Umgang mit Lust und Ausschweifung, sondern auch mit dem Umgang mit Schmerz und "maßlosem", erschütternden Leid. Letzterer Umstand gerät leicht aus dem Blickfeld in unserer glückshungrigen und leidmeidenden Gesellschaft: Ich kann maßlos und maßvoll sein im Leid. Ich kann sogar des Wahnsinns teilhaftig werden, sowohl im Glück wie im Leid. 

Abb. 2: Etienne Claude Voysard (1766-1812) "Herbst" (nach Jean-Jacques Bachelier)

Den Worten auf Facebook ist nun das Gemälde beigegeben "Tanz der Bacchanten" des Schweizer Malers Charles Gleyre (1806-1874) (Wiki) aus dem Jahr 1849 (Abb. 1, 3). Und indem man diesem Gemälde nachgeht, kommt man unerwarteterweise gleich noch viel tiefer in unsere Fragestellung hinein. Wo man auch nur ein bisschen in der lockeren Erde der kulturellen Überlieferung stochert, sprudeln sogleich die Quellen. Was für eine herrliche Fragestellung. Zunächst: Gleyre ist 23 Jahre älter als der deutsche Maler Anselm Feuerbach. Anselm Feuerbach verehren wir schon seit Jahren. Seine Kunst war ebenfalls an dem antiken Griechenland und der Auseinandersetzung mit ihm orientiert. Durch die Gemälde beider fühlen wir uns in ähnliche Stimmungen und auch gedankliche Auseinandersetzungen versetzt. Beider Anliegen ist eine Interpretation, ein Verständnis der antik-griechischen Kultur, eine "Wiederbelebung" in ihrer eigenen Zeit. Und was für begeisternde Worte lesen wir nun nur allein als Erläuterung zu dem Gemälde "Tanz der Bacchanten" von Gleyre (s. Wiki) (1):

... Die Bacchanalien sind ein beliebtes Motiv in der Kunst seit den Tagen von Tizian und Poussin. Hier aber sind Bacchus, Silenus und die Satyren noch nicht einmal anwesend. Das Gemälde ist deshalb nicht mythologisch und auch nicht fabulierend. Es ist vielmehr historisch und religiös. Gleyre malt ein geheimnisvolles, wildes und ausschließlich weibliches Ritual, das in sehr präziser Zeichenkunst und in einer glatten Technik festgehalten wird, wodurch das erzeugt wird, was ein Kritiker den seltsamen Effekt nennt einer "Choreografie, die sowohl edel als auch ungezügelt, rasend und rhythmisch ist".
In den Fußstapfen von A l'instar de Pentheus repräsentiert "Der Tanz" eine in den 1830er Jahren neue populäre Lesart zu den Wurzeln der antiken griechischen Zivilisation in ihren religiösen Ritualen. Im Gegensatz zur sonnenhaften, männlichen und apollinischen Sichtweise, die von Winckelmann seit der Mitte des 18. Jahrhunderts entworfen worden war, legt Gleyre das Augenmerk auf das primitive, östliche und dionysische Griechenland wie es sich in den Arbeiten des Philologen und Historikers Friedrich Creuzer dargestellt findet.
Die aus der Antike stammenden Motive boten dem Maler Gelegenheit zu einer persönlichen und ungewöhnlichen Betrachtung der Ursprünge der Künste, wobei jegliche Bezugnahme auf Apollo oder Orpheus vermieden wurde. Im von den Bacchantinnen erfundenen Tanz, in der Musik, die Minerva den Tieren vorspielt, in der Kunst des Spinnens, die die schöne Omphale dem absurden Herkules beigebracht hat, und in den von Sappho verfaßten Liebesgedichten - das Geheimnis der Künste scheint den Frauen vorbehalten zu sein, erworben durch eine geheimnisvolle und intuitive Affinität mit den göttlichen Kräften der Schöpfung. 
The Dance of the Bacchantes, the last painting by Gleyre exhibited publicly in Paris (at the Salon of 1849), came as a surprise to enthusiasts of bacchanals, which had been a traditional subject since the days of Titian and Poussin. Bacchus, Silenus and the satyrs are all absent, and the painting is therefore neither mythological nor fabulous, but rather historical and religious. Gleyre paints a mysterious, wild and exclusively female ritual, captured in very precise draughtsmanship and a smooth technique producing what one critic calls the strange effect of a “choreography, which is both noble and unbridled, frenzied and rhythmic”.
Following in the footsteps of A l'instar de Pentheus, The Dance reveals a new, popularised reading of the roots of ancient Greek civilisation and its forms of worship in the 1830s. Contrary to the solar, masculine and Apollonian vision which had been extolled by Winckelmann since the mid-18th century, Gleyre depicts the primitive, eastern and Dionysian Greece, posited in the works of the philologist and historian Friedrich Creuzer.
Subjects drawn from Antiquity provided the painter with the opportunity for a personal and unusual meditation on the origins of the arts, omitting any reference to either Apollo or Orpheus. In The Dance invented by the Bacchantes, the music played to animals in Minerva, the art of spinning taught to an absurd Hercules by the beautiful Omphale, and the love poetry composed by Sappho - the secret of the arts seems to be the preserve of women, acquired through a mysterious and intuitive affinity with the divine powers of creation.

Wie viel an Inhalten in einem so kurzen Text stehen kann. Ob in diesem Gemälde wirklich vornehmlich die "Ursprünge der Künste" Thema sind, mag dahin gestellt bleiben. Vielleicht hat der Maler auch einfach nur Lust an der Lust gehabt, natürlich auch der Mal-Lust.

Friedrich Creuzer deutet die antik-griechische Kultur (1810)

Immerhin interessant, was zu dem hier erwähnten Georg Friedrich Creuzer (1771-1858) (Wiki) zu erfahren ist. Er war nur ein Jahr jünger als Friedrich Hölderlin, veröffentlichte sein bedeutendstes Werk aber erst als Hölderlin schon im Turm in Tübingen lebte (Wiki):

Creuzers erstes und bekanntestes Werk war "Symbolik und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen" (1810-12, 2. Aufl. 1819, 3. Aufl. 1837), in dem er behauptete, daß die Mythologie des Homer und des Hesiod aus östlichen Quellen stammen würde, vermittelt durch die Pelasger, und daß sie als Symbole einer uralten Offenbarung aufgefaßt werden könnte. Gedacht waren diese Gedanken als eine Versöhnung mit der jüdisch-christlichen Religion, sie waren - nach den Worten Walter Burkert's (1983) - "der letzte großangelegte und völlig gescheiterte Versuch dieser Art". Creuzers Arbeit stand im Widerspruch zur Ideologie des romanischen Nationalismus, der voraussetzte, daß Literatur und Kultur in sehr enger Verbindung stehen würde mit einem Volk, durch Karl Otfried Müller benannt als das Konzept der "Griechischen Stammeskultur". Für diese und die folgenden Generationen "wurden Ursprünge und organische Entwicklung viel mehr als wechselseitige kulturelle Beeinflussungen der Schlüssel zum Verständnis." Creuzer's Arbeit ist heftig angegriffen worden von Johann Gottfried Jakob Hermann in seinen "Briefen über Homer und Hesiod" und in seinen Briefen, die er an Creuzer gerichtet hat "Über das Wesen und die Behandlung der Mythologie"; durch Johann Heinrich Voss in seiner "Antisymbolik"; und durch Christian Lobeck in seinem "Aglaophamus". Sie hat jedoch auch ein kurzes Lob erfahren in der "Philosophie des Rechts" von Hegel. 
Creuzer's first and most famous work was his "Symbolik und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen" (1810–12, 2nd ed. 1819, 3rd ed. 1837), in which he maintained that the mythology of Homer and Hesiod came from an Eastern source through the Pelasgians, and reflected the symbolism of an ancient revelation; as a reconciliation with Judeo-Christian religion, it was, Walter Burkert has said, "the last large-scale and thoroughly unavailing endeavor of this kind." This work ran counter to the ideology of romantic nationalism, which held literature and culture to be intimately connected with a Volk, epitomized by Karl Otfried Müller's concept of a Greek Stammeskultur, a Greek "tribal culture". For this and the next generations, "origins and organic development rather than reciprocal cultural influences became the key to understanding." Creuzer's work was vigorously attacked by Johann Gottfried Jakob Hermann in his Briefen über Homer und Hesiod, and in his letter, addressed to Creuzer, Über das Wesen und die Behandlung der Mythologie; by Johann Heinrich Voss in his Antisymbolik; and by Christian Lobeck in his Aglaophamus. It was briefly praised, however, by Hegel in his Philosophy of Right.

Wir erhalten hier einen Blick in die Generationen lang andauernden Bemühungen um ein tieferes Verständnis der Ursprünge und der Herkunft der antik-griechischen Kultur. 

Vor allem aber sehen wir, daß all diese Bemühungen erst jetzt, in den Jahren 2022 und 2023 eine abschließende, befriedigende und schlüssige Klärung gefunden haben, und daß hierdurch - womöglich - auch noch so mancherlei Irrtümer und Fehldeutungen von Walter Burkert richtig gestellt werden können (?). Nämlich durch die Archäogenetik. Friedrich Creuzer hat - so steht zu vermuten - mit viel größerer Deutlichkeit Recht behalten als all seine Kritiker bis heute mögen angenommen haben und als man das überhaupt bislang gewagt hat anzunehmen. Und wieder einmal war es ein einstiger Jugendfreund Hölderlins - Hegel - der diesen Gedankengängen noch am ehesten unter seinen vielen Zeitgenossen folgen konnte. 

Abb. 3: "Tanz der Bacchanten", Gemälde des Schweizer Malers Charles Gleyre aus dem Jahr 1849 - Museum der Schönen Künste in Lausanne (Wiki)

In welchem Gedankenzusammenhang hier die Erwähnung des Pentheus steht, wird uns nicht ganz schlüssig. Aber vollkommen verrückt auch der Mythos rund um diese Gestalt, dieses Königs von Theben (Wiki):

Als Dionysos nach Theben kam und die Frauen zu seinen Ehren auf dem Kithairon (ein Berg zwischen Theben und Korinth) ein bacchantisches Fest feierten, versuchte Pentheus, es zu verhindern und Dionysos, der in der Erscheinung eines Bacchanten aufgetreten war, gefangen zu nehmen, was jedoch mißlang. Schließlich kann Dionysos den schon verblendeten Pentheus überreden, als Frau verkleidet die im Gebirge schwärmenden Mänaden zu belauschen. Als er dort auf den Wipfel eines Baumes stieg, wurde er jedoch entdeckt und von seiner eigenen Mutter und seinen Tanten Ino und Autonoë, die ihn für ein wildes Tier hielten, in bacchantischer Wut zerrissen. Ein Orakel der Pythia wies die Frauen nun an, den Baum wiederzufinden und ihn wie einen Gott zu verehren. Daraufhin wurden aus dem Holz des Baumes zwei Bilder, die Dionysos darstellten, geschnitzt. Diese Bilder sah Pausanias noch bei seinem Besuch in Korinth.

Was für rätselhafte Dinge sich wohl alle noch hinter diesem Mythos verbergen mögen. Man komme Frauen in bacchantischer Wut nicht zu nahe. Man könnte von ihnen zerrissen werden. Sicher ist: In der antik-griechischen Kultur findet sich immer wieder eine Exzentrik, die im Abendland, in Hesperien gewiß nicht zu finden ist. Und da diese Exzentrik auch lange vor Homer schon die Mythen bestimmt zu haben scheint, reicht sie auch vergleichsweise tief in die Kulturgeschichte Griechenlands hinab, anzunehmenderweise doch wohl bis in die Bronzezeit zurück, bis in die mykenische Palastzeit zurück.*)

Nietzsche, der Herrliche

Aber gehen wir nun weiter zu dem eingangs erwähnten Friedrich Nietzsche. Dieser schrieb seine Schrift "Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" in den Jahren zwischen 1869 und 1871, in den Jahren seiner Wagner-Verehrung. Es ist der Grundgedanke der gesamten Schrift, daß nicht nur die genannten Tragödien, sondern die klassische griechische Kultur insgesamt eine "perfekte Synthese darstellen zwischen der apollinischen und der dionysischen Kunst". Fünfzehn Jahre später und nachdem er 1885 seinen "Zarathustra" in quasi ekstatischer Eingebung in einem großen Zug nieder geschrieben hatte, schrieb er zu seinem älteren Werk in einem Vorwort nun die schönen Worte (Zen):

Wie schade, daß ich, was ich damals zu sagen hatte, es nicht als Dichter zu sagen wagte: ich hätte es vielleicht gekonnt! Oder mindestens als Philologe: - bleibt doch auch heute noch für den Philologen auf diesem Gebiete beinahe alles zu entdecken und auszugraben! Vor allem das Problem, daß hier ein Problem vorliegt, - und daß die Griechen, so lange wir keine Antwort auf die Frage "was ist dionysisch?" haben, nach wie vor gänzlich unerkannt und unvorstellbar sind ...

Oh, wie große Worte. Oh, wie tiefe Worte. Einer, der ein Problem sieht. Endlich. Endlich einmal zu sagen, daß wir so vieles noch gar nicht verstanden haben über die antiken Griechen, noch nicht einmal als Problem erkannt haben! Und Nietzsche ist hier sofort am Kernproblem dran. Was apollinisch ist, können wir verstehen, was dionysisch ist, ist viel, viel schwerer zu verstehen in all seinen Facetten und Ausprägungen. Bei diesem Prinzip stoßen wir immer wieder auf Neues, Unbekanntes - aber Wesentliches, wesentlich, um die antik-griechische Kultur wirklich von allen Seiten her zu verstehen. Und wie schön auch, wenn einer - wie Nietzsche - sich selbst kritisieren kann. Das tut er in diesem Vorwort. Aber man möchte gleich im nächsten Schritt sagen, daß es immer noch zu "abendländisch", zu "hesperisch" gedacht sein mag, wenn Nietzsche in diesem Vorwort von 1885 an den antiken Griechen die Frage richtet (Zen),   

ob wirklich sein immer stärkeres Verlangen nach Schönheit, nach Festen, Lustbarkeiten, neuen Kulten aus Mangel, aus Entbehrung, aus Melancholie, aus Schmerz erwachsen ist?

Oh, nein, da könnten wir gar nicht folgen. Das wäre uns sicherlich viel zu abendländisch, christlich, nüchtern gedacht. Oh nein. Die antiken Griechen haben alles - alles, was sie überhaupt getan haben, aus Übermut getan, aus Emphase getan, aus Lebensfreude getan. Ihnen war noch kein Gallentrank gemischt. Selbst ihr Leid war "unmittelbar" - der Schmerz, der sie innerlich zerreißen konnte, war eine Geburt aus der hohen Freude, die sie lebten, sonst lebten.

Aber, ach, herrlicher Nietzsche! Wenigstens stellst du Fragen, denen nachzugehen sich lohnen könnte. Wenigstens das. Oh, herrlicher Nietzsche wie turmhoch stehst du über all den anderen, die noch nicht einmal mehr Fragen haben. Weil sie jene sind, die du voraus gesehen hast, "Erdflöhe", "letzte Menschen"  ..... - Ach, Nietzsche, herrliche Worte (Zen):

Worauf weist jene Synthesis von Gott und Bock im Satyr? Aus welchem Selbsterlebnis, auf welchen Drang hin mußte sich der Grieche den dionysischen Schwärmer und Urmenschen als Satyr denken?

Weil er dem Apollinischen im Indogermanentum begegnet war. Das ihn auf sich selbst als Satyr hat blicken lassen. Der "gehäutet" werden mußte, um bei Apoll anzukommen. Der aber - zugleich - sich selbst nachtrauerte. Weil er - weiterhin - Sympathie - mit sich selbst - empfand, mit Marsyas, dem Geköpften, dem Gehäuteten. Das wäre unsere Antwort. Vorläufig (Stgen2023).

Abb. 4: Jean-Jacques Bachelier (1724-1806) "Betrunkener Bacchus" oder: "Eingeschlafenes Kind" (1765) - Museum der Schönen Künste in Orléans

Ja, wir möchten Nietzsche mit jenen Worten antworten, die er dann gleich selbst benutzt: Es war Wahnsinn, als Mittelmeer-Mensch, als Marsyas Apoll folgen zu wollen. Und weil es Wahnsinn war, war es - zugleich - so herrlich. Und die Griechen waren sich dieses Wahnsinns - dumpf - bewußt. Sie dachten nicht über ihn nach. Aber im Späthellenismus trat ihnen dieser Wahnsinn - womöglich - noch ein wenig deutlicher vor Augen. Deshalb oft die womöglich noch tiefere seelische Einsicht im Späthellenismus, deshalb die oft noch größere Exzentrik, der "Expressionismus" in der Kunst des Späthellenismus. Dies, um auf Nietzsche zu antworten, der fragt (Zen):

Wie? (...) wenn es gerade der Wahnsinn war, um ein Wort Platos zu gebrauchen, der die größten Segnungen über Hellas gebracht hat?

Ja, genau dieser Wahnsinn war es. Und schon vorher fragte er, fragtest du, herrlicher Nietzsche:

Gibt es vielleicht - eine Frage für Irrenärzte - Neurosen der Gesundheit? der Volks-Jugend und -Jugendlichkeit?

Oh, wir möchten wieder anfangen zu tanzen, mit dir, du großer, weiser Nietzsche. Du bist so jung. Du bist - noch in unserem Zeitalter - so jung. Oder gerade erst in unserem Zeitalter. Du stelltest die richtigen Fragen. Und wir erst - wir erst, haben die Antworten. Erst im Zeitalter des "letzten Menschen" kann man - womöglich - jenen Wahnsinn verstehen, der "Volk-Gesundheit" hervor bringt. Notwendigerweise Volks-Gesundheit. In all dem Wahnsinn, der uns umgibt, gelebt von den Erdflöhen und letzten Menschen.

Ja, wir fühlen uns in diesem Augenblick auch an den Komponisten Richard Strauß erinnert. Nicht daß uns seine Musik auch nur irgend etwas sagen würde. Er hat unserem Zeitalter gerade eben noch nicht jene "Wahnsinns-Musik" geliefert, die für das innere seelische Überleben des modernen Menschen notwendig wäre. Aber immerhin, der heilige Richard Strauß, auch er, hat wenigstens so die eine oder andere Fragestellung verstanden. Warum war er eigentlich nicht noch mehr "Nietzsche"? Um sich der Erdflöhe zu erwehren, die ihn umgaben und die seine Musik in unverständlichen Wirrwarr münden ließen, da er zu sehr auf sie - statt auf seinen eigenen, inneren Tanz - gehört hat (FürKultur2016)?

Sokrates, der Herrliche

Aber gehen wir weiter. Da war gerade Plato erwähnt. Was denn hat Plato über den "göttlichen Wahnsinn" gesagt? In einer Hausarbeit an der Freien Universität Berlin von 2007 lesen wir (1):

Im Phaidros ist es auch, wo Platon zwischen menschlichem und göttlichem Wahnsinn unterscheidet und sagt, die größten Güter kämen von den Göttern durch Wahnsinn.

Was für Worte! Was wir alles über die griechische Antike und ihr Denken noch nicht wissen. Mensch, und sogar die Freie Universität Berlin weiß davon. Schauen wir doch einmal in den "Phaidros" hinein. Da hören wir nun den Sokrates gegenüber dem Phaidros folgendermaßen zum Thema sprechen (das wird jetzt - leider -  ein längeres Zitat, das scheint sich nicht vermeiden zu lassen, zu ungewohnt ist uns die ganze Art zu denken und zu argumentieren) (aber ein fröhlicher Wahnsinn wird uns schon zum Verständnis bringen ...) (Zen):

Denn freilich, wäre es unbedingt richtig, daß der Wahnsinn ein Übel sei, so wäre das schön gesprochen. Nun aber werden uns die größten der Güter durch Wahnsinn zuteil, freilich nur einen Wahnsinn, der durch göttliche Gabe gegeben ist. Denn die Prophetin in Delphoi und die Priesterinnen zu Dodona haben ja vieles und Schönes in besonderen und öffentlichen Angelegenheiten unserer Hellas im Stande des Wahnsinns geleistet, in dem der Besinnung aber noch weniges oder nichts. Und wollten wir noch von der Sibylla und den anderen sprechen, welche, göttlicher Wahrsagekunst mächtig, fürwahr vielen vieles vorausgesagt und für die Zukunft berichtigt haben, so würden wir, doch nur von Allbekanntem sprechend, allzu weitläufig werden. (...) In demselben Maß nun (...) ist nach dem Zeugnis der Alten auch der Wahnsinn edler als die Besonnenheit, der gottgewirkte als die menschlich bedingte. Aber auch von Krankheiten und den größten Mühsalen,
"Von dem, was etwa altem Götterzorn entsprang
In einzelnen Geschlechtern,"
hat ein in diesen auftretender und das Verborgene enthüllender Wahnsinn den Bedürftigen Erlösung erfunden, indem er, zu Gebeten und Götterverehrungen seine Zuflucht nehmend und durch ihre Vermittlung in den Besitz von Reinigungen und heiligen Weihungen gekommen, den von ihm Berührten sowohl das jetzige als das künftige Leben sühnte und so für den in echter Weise Wahnsinnigen und Besessenen eine Lösung von seinen jetzigen Leiden erfand. Die dritte Art von Begeisterung und Wahnsinn ist die von den Musen, die, wenn sie eine zarte und unentweihte Seele ergreift und zu Festgesängen und anderer Dichtung aufregt und entzückt, tausend Taten der Alten verherrlichend, die Nachkommen bildet. Wenn aber einer ohne diesen Musenwahnsinn zu den Pforten der Dichtkunst kommt, in der Überzeugung, er könne auch wohl durch Kunst ein guter Dichter werden, der wird teils selber als ein Ungeweihter erachtet, teils wird seine Dichtung als die des Besonnenen von der der Wahnsinnigen verdunkelt.
So vieles und mehr noch habe ich dir zu sagen von den edeln Taten eines von Göttern kommenden Wahnsinns. Daher wollen wir uns gerade davor ja nicht fürchten, noch soll uns eine gewisse Rede verwirren, die uns mit der Behauptung verblüffen will, daß man den besonnenen Freund dem Gottbewegten vorziehen müsse; nein, dann erst soll sie den Siegespreis davon tragen, wenn sie zu jenem noch dieses erwiesen hat, daß nicht zum Heil dem Liebenden und dem Geliebten die Liebe von Göttern gesendet werde. Hinwiederum aber haben wir das Gegenteil zu beweisen, daß zum größten Segen solcher Wahnsinn von Göttern verliehen werde. (...) Zuvörderst nun muß man über die Natur der Seele, die göttliche sowohl als die menschliche, indem man teils ihre Leiden, teils ihr Tun ins Auge faßt, das Wahre begreifen. 

Und nun setzt Sokrates - nach Platon - zu einem Bild an, wie die Menschenseele ursprünglich (vor unserer Geburt) die "jenseitige" Welt der Götter gesehen hat, daß sie dann in die "diesseitige" Welt der Menschen hinab gestiegen ist und sich hier - unter günstigen Umständen - an ihr früheres Leben in der jenseitigen Welt an der Seite der Göttern erinnern kann:

Von dem Diesseitigen sich an jenes (Jenseitige) wieder zu erinnern, ist nicht leicht für jede (Menschenseele): nicht für diejenigen, die damals das Jenseitige nur flüchtig sahen, noch für diejenigen, die, hierher herabgefallen, Mißgeschick hatten, so daß sie, durch irgendwelche gesellschaftliche Verbindungen zum Unrecht verleitet, das Heilige, das sie damals gesehen, vergessen haben. Wenige fürwahr bleiben übrig, denen das Vermögen des Erinnerns noch in genügendem Maße zu Gebot steht. Diese aber, wenn sie irgend ein Abbild des Jenseitigen sehen, werden gewaltig aufgeregt und sind ihrer selbst nicht mehr mächtig. (...) Die Schönheit aber war damals leuchtend zu sehen, als mit dem beglückenden Reigen wir im Gefolge des Zeus, andere in dem eines anderen der Götter eines seligen Anblicks und Schauens genossen, und als wir in diejenige der Weihen eingeweiht waren, welche die seligste zu nennen heilige Pflicht ist, und die wir feierten, selbst noch fehllos und unberührt von den Übeln, die in späterer Zeit auf uns warteten, dabei aber fehllose und lautere und wandellose und beglückende Gesichte mit geweihtem und priesterlichem Auge in reinem Glanze schauend, als Reine selbst und nicht eingekerkert in diesen Körper, wie wir das jetzt nennen, was wir mit uns, der Auster gleich angebunden, herumtragen. (...)
Zwar nun (...) wer dem Verderben schon verfallen, den zieht es nicht mit scharfem Drange von hier nach dort zu der Schönheit selbst, wenn er schaut, was hienieden ihre Benennung trägt. Sein Anblick stimmt ihn daher nicht zur Verehrung; sondern der Lust fröhnend, sucht er nach tierischer Art den Trieb des Geschlechts und der Begattung zu befriedigen und fürchtet und schämt sich nicht, der Lust in zügelloser Annäherung wider die Natur nachzujagen. Wer aber noch frisch geweiht ist und das Damalige vielfältig geschaut hat, der, wenn er ein gottähnliches, die Schönheit wohl abbildendes Antlitz sieht oder eine solche Körpergestalt, wird zuerst von Schauer ergriffen, und es überkommt ihn etwas von den damaligen Beängstigungen; sodann aber, wenn er es anblickt, verehrt er es wie einen Gott, und fürchtete er nicht den Schein eines übermäßigen Wahnsinns, er würde gar dem Liebling opfern wie einem Götterbild und einem Gott. Nun er ihn aber gesehen, ergreift ihn, wie nach dem Fieberschauer, eine veränderte Stimmung, Schweiß und ungewohnte Hitze. Indem er nämlich durch die Augen den Ausfluß der Schönheit in sich aufnimmt, wird er von einer Erwärmung durchdrungen, in deren befeuchtendem Zug die Keimkraft des Gefieders sich löst. Infolge dieser Erwärmung aber schmilzt um den Keim desselben das, was vorlängst in Härte sich zusammenschließend ihn zu sprossen verhindert hat. Indem aber nun Nahrung zuströmt, schwillt und strebt aus der Wurzel hervorzukeimen des Gefieders Kiel um die ganze Gestalt der Seele; denn ehedem war sie ganz befiedert! Dabei nun pocht und gärt ihr ganzes Wesen, und was das Leiden der Zahnenden mit den Zähnen ist, wenn sie zuerst hervorbrechen, ein Jucken und Stechen im Zahnfleisch, dasselbe fürwahr leidet die Seele dessen, dem das Gefieder zu keimen anfängt; es pocht und juckt und kitzelt sie, indem ihr das Gefieder keimt. Zwar nun, wenn sie auf die Schönheit des Lieblings blickt und die von dieser sich losreißenden und zur Liebe reizenden Teile, welche ja deshalb Liebreiz genannt werden, wenn sie, sage ich, diesen Liebreiz in sich aufnehmend, von jenem lösenden Wärmezug durchströmt wird, so erholt sie sich vom Schmerz und fühlt sich wohl. Wenn sie aber einsam ist und vertrocknet, so dorren die Ränder der Öffnungen da, wo das Gefieder hervorbricht, zusammen und sperren, sich verschließend, den sprossenden Trieb des Gefieders ab. Dieser aber, innen mit dem Liebreiz abgesperrt, hüpft nun gleich dem Aderschlag und sticht gegen jedwede Öffnung, auf die er trifft, so daß die ganze Seele ringsum gestachelt rast und voll Schmerzen ist. Weil sie aber die Erinnerung des Schönen in sich trägt, fühlt sie sich auch wieder wohl. Indem aber so die Eindrücke von beidem sich mischen, wird ihr unheimlich über der Seltsamkeit dieses leidenschaftlichen Zustandes, und da sie sich nicht zu helfen weiß, gerät sie in Wut, und wahnsinnig, wie sie ist, kann sie weder bei Nacht schlafen, noch bei Tag bleiben, wo sie auch sein mag, läuft aber sehnsuchtsvoll überall hin, wo sie den sehen zu können meint, der die Schönheit besitzt. Sobald sie ihn aber sieht und sich neuen Liebreiz zuleitet, löst sie das vorhin Zusammengeschrumpfte auf, und wieder Atem schöpfend, entledigt sie sich der Stacheln und Schmerzen und genießt wieder im jetzigen Augenblick jene süßeste Lust. Deswegen verläßt sie ihn auch freiwillig nicht, noch schätzt sie jemanden höher als den Schönen: sondern Mutter und Brüder und alle Genossen vergißt sie und schlägt es für nichts an, wenn Hab und Gut fahrlässigerweise verloren geht; unbekümmert aber um Bewahrung von Sitte und Anstand, womit sie sonst sich zierte, ist sie bereit, ein dienstbares Leben zu führen und, wo er es irgend gestattet, nur so nahe als möglich bei dem Gegenstand ihrer Sehnsucht zu ruhen. Denn neben dem, daß sie von Verehrung erfüllt ist, findet sie auch in ihm, der die Schönheit besitzt, allein einen Arzt für die größten Mühsale. Diesen leidenschaftlichen Zustand aber, o schöner Knabe, an den ja meine Rede gerichtet ist, heißen die Menschen Eros; hörst du aber, wie ihn die Götter nennen, so wirst du mit Recht ob dem jugendlichen Mutwillen lachen. Es sagen nämlich, meine ich, einige der Homeriden aus den geheimen Gesängen zwei Verse auf den Eros, von denen der zweite sehr ausgelassen und nicht eben wohllautend ist. Sie singen nämlich:
"Den nun nennen die Sterblichen zwar den geflügelten Eros,
Pteros aber die Götter vom Sinnbetörenden Flattern."
Diesem nun kann man Glauben schenken oder auch nicht; jedenfalls aber verhält es sich wirklich in jener Weise mit dem leidenschaftlichen Zustand der Liebenden und der Ursache davon.

Später faßt Sokrates, bzw. Platon seine Lehre noch einmal zusammen:

Den göttlich bewirkten Wahnsinn aber haben wir dann nach vier Göttern in vier Teile geteilt, indem wir
  • die wahrsagerische Eingebung dem Apollon zueigneten,
  • dem Dionysos aber die die Weihen betreffende, 
  • ferner den Musen die dichterische, 
  • die vierte aber der Aphrodite und dem Eros; 
sodann haben wir gesagt, der erotische Wahnsinn sei der beste, und, den erotischen Zustand ich weiß nicht womit vergleichend, vielleicht dabei etwas Wahres berührend, möglicherweise aber auch nach anderer Richtung hin falsch geführt, haben wir eine ganz und gar nicht überzeugungsunkräftige Rede zubereitet und einen mythischen Hymnos mit Anstand und in frommer Weise spielend angestimmt deinem und meinem Gebieter, dem Eros, o Phaidros, dem Aufseher schöner Knaben!

Indem wir diese Ausführungen des Sokrates zum göttlichen Wahnsinn zur Kenntnis nehmen, beschließen wir vorerst einmal diesen Blogartikel. Genug ist gesagt. 

Abb. 5: Blick ins Ilissos-Tal und auf die Akropolis von Athen, um 1900 - Heute ist das Tal viel mehr bewaldet (natürlich auch bebaut) als es um 1900 war - Dort im Tal unter einer Platane fand das philosophische Gespräch statt zwischen Sokrates und Phaidros, von dem wir Ausschnitte bringen

Wohl hast du geredet, Sokrates unter der Platane gelagert am Ilissos (Wikiengl) beim Zirpen der Zikaden und einem kühlenden Luftzug.

Anhang: Zu kulturgeschichtlichen Hintergründen

Ergänzungen zu den bisherigen Ausführungen (26.6.23): Womöglich lohnt sich auch noch einmal ein Blick in Werke des oben zitierten Religionshistorikers Walter Burkert (1931-2015) (Wiki) (3). Er hat - zu unserer Überraschung - auch Fragestellungen der Klassischen Verhaltensforschung (nach Konrad Lorenz) sowie Fragestellungen der Soziobiologie an die griechische Religionsgeschichte herangetragen (4). Da hätte er sicher auch ein gutes Gespür gehabt für die Bedeutung der heutigen Erkenntnisse der Archäogenetik zum Gesamtverständnis der antik-griechischen Kultur. Vielleicht hätte er mit diesen sein harsches Urteil über Friedrich Creuzer revidiert (?).

Nun, der oben erwähnte Hegel und Friedrich Creuzer hatten sich gegenseitig persönlich an der Universität Heidelberg in den Jahren 1816 und 1818 kennen und schätzen gelernt. Hegel hat auch viel umfangreicher aus dem Werk Creuzers geschöpft als das im oben gebrachten Zitat anklang (5): 

Hegel hat, wie wir von seinem ersten Biographen Karl Rosenkranz (1805-1879) wissen, Creuzers bei den Zeitgenossen nicht unumstrittene "Symbolik und Mythologie" umfassend exzerpiert und in den betreffenden Teilen seiner Berliner Vorlesungen wiederholt herangezogen. Das Werk diente ihm sowohl als Quellenfundus zur materialen Erschließung der orientalischen und griechisch-römischen Welt als auch - in seinen Vorlesungen über die Ästhetik - als Ausgangpunkt für die konzeptionelle Fassung der symbolischen Kunstform, die Hegel der klassischen und romantischen Kunstform voraufgehen läßt.

Wir lesen gar von "The Creuzerstreit und Hegel's Philosophy of History" (6):

Stewart ist der Meinung, daß Hegel's Verteidigung von Creuzer und die Ähnlichkeiten in ihren Methoden und Projekten uns innehalten lassen sollten und uns die weit verbreitete Bewertung von Hegel's Philosophie der Geschichte neu überdenken sollten.  
Stewart has argued that Hegel's support of Creuzer, and the similarities in their methods and projects, should make us pause to reconsider the widely held view of Hegel's philosophy of history.

Auch dazu also könnten nun insbesondere auch die Erkenntnisse der Archäogenetik Anregung geben. Nämlich die angebliche Europa-Zentriertheit von Hegel's Denken infrage zu stellen.

Friedrich Creuzer und Karoline von Günderrode

Friedrich Creuzer weilte schon 1790/91 in Jena, wo er Schillers Vorlesungen hörte, während Hölderlin erst 1794/95 in Jena weilte. Aber fast war es ja zu erwarten, daß man erfährt, daß auch Friedrich Creuzer nicht nur ein trockener Stubengelehrter war. Und wie wertvoll mag es sein, davon zu erfahren. Wie auch könnte man als bloßer trockener Stubengelehrter irgend etwas Wertvolleres über die antiken Griechen sagen können? Nein, wir erfahren (7):

"Nach der Wiederbegründung der Universität Heidelberg im Jahr 1803 war Georg Friedrich Creuzer als Professor der klassischen Philologie (1804-1845) eine Schlüsselfigur der romantischen Bewegung mit Ausstrahlung weit über den Bereich der Altertumswissenschaft hinaus. Seit 1810 hielt er regelmäßig alle zwei Jahre Vorlesungen über Archäologie, in denen er die gesamte griechische Kunst systematisch behandelte. Seine eigene Sammlung sowie eine von Seminaristen gestiftete Kollektion von Münzen, Gemmen und Abgüssen, das ,Antiquarium Creuzerianum‘, bildete später den Grundstock der archäologischen Universitätssammlung“ - so erinnert noch heute das Seminar für klassische Archäologie Heidelberg im Internet an seine Geschichte. Was wir sonst heute noch über Creuzer wissen, ist seine Freundschaft mit Goethe und Clemens Brentano und daß er eine Liaison mit Karoline von Günderrode hatte, die sich das Leben nahm, nachdem er die Beziehung plötzlich beendet hatte."

Abb. 6: Friedrich Creuzer
Creuzer war nämlich verheiratet mit einer dreizehn Jahre älteren Frau und wollte sich schließlich doch nicht von ihr trennen. Während Karoline von Günderrode (1780-1806) (Wiki) es sich in ihrem Freiheitsdrang schwer vorstellen konnte, Professoren-Gattin zu werden. Und so hat die Liebe zu Friedrich Creuzer für das Leben der Karoline von Günderrode lebensentscheidende Bedeutung gehabt. Sie nahm sich 1806 das Leben, fünf Jahre vor Heinrich von Kleist, und mit nur 26 Jahren.

An Creuzer hatte Karoline zuvor geschrieben (Gutenb):

"Mit Freude denk ich oft zurück an den Tag, an welchem wir uns zuerst fanden, als ich Dir mit einer ehrfurchtsvollen Verlegenheit entgegentrat wie ein lehrbegieriger Laie dem Hohenpriester. Ich hatte es mir vorgesetzt, Dir womöglich zu gefallen, und das Bewußtsein meines eigenen Wertes wäre mir in seinen Grundfesten erschüttert worden, hättest Du Dich gleichgültig von mir abgewendet; wie es mir aber gelang, Dich mit solchem Maße für mich zu gewinnen, begreife ich noch nicht; mein eigner Geist muß bei jener Unterredung zwiefach über mir gewesen sein. Mit ihr ist mir ein neues Leben aufgegangen, denn erst in Dir habe ich jene wahrhafte Erhebung zu den höchsten Anschauungen, in welchen alles Weltliche als ein wesenloser Traum verschwindet, als einen herrschenden Zustand gefunden. In Dir haben mir die höchsten Ideen auch eine irdische Realität erlangt. Wir andern Sterblichen müssen erst fasten und uns leiblich und geistig zubereiten, wenn wir zum Mahle des Herrn gehen wollen, Du empfängst den Gott täglich ohne diese Anstalten."

Und an wen solche Liebesbriefe geschrieben werden, dessen theoretische Ansätze erhalten durch diese eine ganz andere Beleuchtung, ein ganz anderes Leben. 

Über diese theoretischen Ansätze ist noch zu erfahren (7):

Den spezifischen Ansatz von Creuzer erhellt ein Aufsatz, den er 1808 in den Heidelberger Jahrbüchern veröffentlichte. Dieser Ansatz läßt sich auf drei Thesen bringen: die griechische Kultur ist auf den Mythos gegründet; diese Mythen müssen mit den indischen zusammengesehen werden; man muß sie mit Hilfe der neuplatonischen Philosophie symbolisch auslegen. (...) Vor Homer gab es eine „orphisch[e] Religion“ in Vorderasien, wo „der ewige Naturgeist“ herrschte und Priester als Erzieher wirkten (z. B. in Ägypten und im Orient). Mit Homer gerät diese vorderasiatische Religiosität in Vergessenheit, „die Ungenügsamkeit ältester Göttersymbolik wird gefügt unter Griechisches Maß.“

Das apollinische Prinzip begegnet dem dionysischen. 

Menschen ohne indogermanische Steppengenetik wollten noch bessere Indogermanen sein als die Indogermanen selbst

(Ergänzung 1.7.23) Diese religionsgeschichtliche Unterscheidung zwischen "vor Homer" und "nach Homer" findet sich übrigens ähnlich auch noch bei Nietzsche. Auch Nietzsche geht davon aus, daß Dionysos erst nach den Zeiten des Homer in Griechenland an Popularität gewonnen hätte (und daß die Apollons-Priesterschaft auf diese Popularität klug "reagiert" hätte) (WikiGTG). In der heutigen Forschung geht man aber viel eher - und plausibler - davon aus, daß sowohl Apoll wie Dionysos Götter sind, die - vermutlich aus dem nördlichen Griechenland oder aus Thrakien kommend - jedenfalls schon in der Bronzezeit in Griechenland selbst heimisch waren.

Bevor aber die Indogermanen um 2.200 v. Ztr. nach Griechenland gekommen sind, hat es dort schon kulturelle - und offenbar auch genetische - Einflüsse einer Händler-Elite aus dem Bereich der Oberläufe von Euphrat und Tigris gegeben (vergleichbar einem parallelen Geschehen auf Sardinien) - also aus dem Kernland des damaligen Orient. Griechenland lag also im Kreuzungspunkt sehr verschiedener, sich geltend machender kultureller Großräume. Man könnte also sagen, daß die vorindogermanischen Griechen an diesen wechselnden "Bekehrungsversuchen" zuerst von Süden her und dann von Norden her am Ende vollends irre an sich selber wurden. Erst sollten sie "orientalisiert" werden, dann sollten sie "indogermanisiert" werden.

Aus den Wechselbädern solcher Gefühle könnte dann aber jene fast bewußt durchgestaltete, durchgeformte Entschiedenheit in der Ausrichtung auf das Göttliche gefolgt zu sein, die für die antik-griechischen Kultur der klassischen Zeit so kennzeichnend ist. 

Abb. 7: Geradezu Jugendstil-mäßig stilisiert - und deshalb hochmodern - Eine 2015 entdeckte, 3.500 Jahre Kampfdarstellung auf einem 3,4-Zentimeter langen Siegelstein aus dem Grab des Greifenkriegers in Pylos in Westgriechenland, 1450 v. Ztr. (Wiki), der noch keine indogermanische Steppengenetik aufwies

Aber doch offensichtlich auch schon für die griechische Kultur der mykenischen Zeit. Denn man betrachte doch nur dazu den berühmten, erst 2015 entdeckten Siegelstein des Greifen-Kriegers von Pylos in Westgriechenland aus der Zeit um 1450 v. Ztr. (Abb. 7). Dieser atmet nichts mehr als den Geist der Entschiedenheit und der unbesiegbaren Entschlossenheit (Stgen2019).

Und sein Träger wies auffallender Weise noch gar keine indogermanische Steppengenetik auf, während andere Menschen an seinem Hof, an seinem Palast diese durchaus schon aufwiesen  (Stgen2022). Dieser Siegelstein allein schon könnte Ausdruck all dessen sein, was sich während der Bronzezeit in Griechenland an innerem seelischen Geschehen vollzog. Man könnte vermuten: Menschen ohne indogermanische Steppengenetik wollten noch bessere Indogermanen sein als die Indogermanen selbst. Und formten deshalb in diesem ihren Sein eine Entschiedenheit und Entschlossenheit aus, die Indogermanen in anderen kulturellen Zusammenhängen sonst in einer solchen Entschiedenheit nicht - oder viel seltener - aufzeigen.

Daß ihnen aus dieser Entschiedenheit heraus Apollon ebenso dienlich sein konnte wie Dionysos versteht sich dabei dann ganz von selbst und bedarf keiner weiteren Erklärung mehr.

____________

*) Ergänzung 8.1.2024: Schon im Juli 2023 haben wir uns mit Euripides beschäftigt und dabei erfahren, daß der hier behandelte Mythos rund um Pentheus und Dionysos als Inhalt der letzten Tragödie des Euripides "Die Backchen" gewählt worden ist (Stgen2023). Auch Aischylos soll eine Tragödie mit diesem Inhalt geschrieben haben. Aber diese ist verloren. Die Tragödie des Euripides hat, wir wir dort erfuhren, schon vielfältige Deutungen erfahren. Nun aber, im Januar 2024, studieren wir einen außergewöhnlich aufwühlenden Aufsatz aus dem Jahr 1963 von Peter Szondi, und zwar über Hölderlins bedeutende Dichtung "Wie wenn am Feiertage" (8).
Und durch diesen werden wir erst darauf aufmerksam, daß von Hölderlin selbst auch eine Übersetzung eines kürzeren Ausschnitts aus den "Backchen" des Euripides erhalten ist, und zwar sein Anfang, und daß der darin erwähnte Mythos rund um die Zeugung des Dionysos durch einen Blitz des Zeus das tiefer liegende Bild dieser ganzen Dichtung darstellt, das Bild, von dem aus diese Dichtung erst - und mit ihr das gesamte Spätwerk Hölderlins - seine angemessene, noch tiefere Sinndeutung erhält. Das war uns zuvor in dieser Dimension nicht bewußt.
Immer mehr wird einem durch solche Dinge bewußt, daß den Wesenszug des Dionysischen in der griechischen Kultur - und womöglich in aller Kultur - niemand so tief und grundlegend gedeutet worden ist als durch Hölderlin. Schon in der mehrfachen Bezugnahme innerhalb seines Werkes auf den Künstler-Roman "Adringhello" von Heinse ist dieser Wesenszug des Dionysischen in vollstem Ausmaß angesprochen. Und er klingt wieder und wieder heraus vor allem im Spätwerk Hölderlins. Szondi schreibt (8, S. 36):

... Der Blitz, das "himmlische Feuer". Hölderlin hat von ihm in einem Brief an seinen Freund Böhlendorf gesagt: "Unter allem, was ich schauen kann von Gott, ist dieses Zeichen mir das auserkorene geworden."     

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  1. Matthew Innis: Charles Gleyre: The Reformed Romantic. Underpaintings Magazine, July 30, 2016.
  2. Grzegorz Olszowka: Platon und der göttliche Wahnsinn. GRIN Verlag, München 2007 https://www.grin.com/document/89309
  3. Burkert, Walter: Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche. Kohlhammer, 1977 (508 S.) (Zitat zu Creuzer: S. 22)
  4. Burkert, Walter: Kulte des Altertums. Biologische Grundlagen der Religion. C. H. Beck, München 1998
  5. Glatz, Uwe B. (2015): Brief Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770–1831) an Friedrich Creuzer (1771–1858) vom 30. Oktober 1819. Jena: Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek. (= Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena - Objekt des Monats). Online unter: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:gbv:27-dbt-20220831-102736-001.
  6. Nicholas A. Germana: The Creuzerstreit and Hegel's Philosophy of History. In: Journal of the History of Ideas (University of Pennsylvania Press) Volume 80, Number 2, April 2019, pp. 271-288, 10.1353/jhi.2019.0015, https://muse.jhu.edu/article/722381
  7. Christoph Jamme: „Göttersymbole“ - Friedrich Creuzer als Mythologe und seine philosophische Wirkung in Mythos als Aufklärung. In: Mythos als Aufklärung Dichten und Denken um 1800 Brill 2013, S. : 199-210, DOI: https://doi.org/10.30965/9783846755532_015
  8. Szondi, Peter: Der andere Pfeil. Zur Entstehungsgeschichte von Hölderlins hymnischem Spätstil. Insel, Frankfurt am Main 1963; auch enthalten in: Szondi, Peter: Hölderlin-Studien. Mit einem Traktat über philologische Erkenntnis. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1967, 1970

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