Montag, 14. Mai 2007

Als die Sogder "in" waren in China

Sogder als Mandarine

In früheren Beiträgen wurde das Volk der Sogder und seine speziellen Beziehungen zum chinesischen Reich während der Tang-Zeit thematisiert. (Studium generale 1, 2, 3, 4 ) Das dort schon thematisierte Wort "Sabao" ist ein sogdisches Wort, das ursprünglich aus dem Indischen stammt und den Führer einer (Fernhandels-)Karawane bezeichnet. Es bezeichnet auch den Leiter einer Gilde von Kaufleuten. (1, S. 151)

Im chinesischen Reich bekam aber nun dieses Wort eine erheblich größere Bedeutung. Der "Sabao" wurde als ein Staatsamt in die reguläre chinesische Staatsverwaltung eingegliedert. Ein Sabao bekleidete das Amt eines Mandarins. Er war der Leiter einer Gemeinde von mindestens 200 sogdischen Haushalten in einer beliebigen chinesischen Reichsstadt oder Provinz. Diese sogdischen Gemeinden verteilten sich über das ganze chinesische Reich bis zur koreanischen Grenze. Alle diese Sabao's im ganzen chinesischen Reich unterstanden dem (sogdischen) Sabao der chinesischen Hauptstadt, der zugleich (vielleicht nicht immer aber doch recht häufig) Minister für auswärtige Angelegenheiten und Auslands-Handel war und auch Leiter der ausländischen religiösen Kulte. (1, S. 149)

Die ganze Bedeutung der sogdischen Volksgruppe innerhalb des Tang-zeitlichen chinesischen Reiches wird aber erst deutlich, wenn man sich anschaut, ab welcher Verwaltungseinheit für die chinesische Bevölkerung ein Mandarin eingesetzt wurde. Es war dies der Distrikt. Die chinesischen "Bürgermeister" einer beliebigen (befestigten) Stadt hatten keinen Mandarin-Status, während dieser offenbar schon den sogdischen "Bürgermeistern" von Gemeinden sozusagen mit "Dorfgröße" (eben 200 Haushalten) zugesprochen wurde. (1, S. 152) Das heißt, daß diese Gemeinden aus chinesischer Sicht aus hoch qualifizierten Menschen bestanden haben mußten. Diese und andere Umstände führten auch dazu, daß es im Jahr 785 4.000 westliche diplomatische Beamte (und Emigranten, bzw. Flüchtlinge) gab, die auf den Gehaltslisten des chinesischen Reiches standen. Ein großer Teil davon waren ohne Zweifel Sogder. (1, S. 141)

Diese sogdischen Gemeinden im chinesischen Reich nun hatten eine weitreichende Selbstverwaltung, eigene Gerichtsbarkeit, eigene Steuereinnahmen, eigene religiöse Kulte. Man hat dementsprechend archäologisch inzwischen neun Gräber oder - mit diesen verwandte? - "Wohnungs-Sitzbänke" (?) des 6. Jahrhunderts gefunden, die entweder sogdisch waren oder unter sogdischem Einfluß standen und man befindet sich noch mitten in der Erforschungs- und Entdeckungsphase, da einige davon erst vor wenigen Jahren ausgegraben wurden. (1, S. 148)

Warum diese Vorzugs- und Sonderbehandlung?

Aber warum genoß diese sogdische Volksgruppe im chinesischen Reich eine solche Sonder- und Vorzugsbehandlung? Das liegt höchstwahrscheinlich daran, daß vieles von dem, was die Sogder auf ihren Karawanenzügen aus dem Westen (aus Samarkand, aus der Provinz Ferghana, aus dem Tarimbecken, aus Indien) mitbrachten - nicht zuletzt sich selbst -, einfach "in" war im tangzeitlichen China, das heißt, in "Chinas goldenem Zeitalter". (2) Schon in früheren Jahrhunderten waren es die Pferde gewesen, die aus den Pferde-reichen Provinzen im Westen (Gansu, Tarimbecken, Fergahna) nach China eingeführt wurden, bzw. von den sinisierten türkischen Adelsfamilien im Nordwesten des chinesischen Reiches mitgebracht worden waren. (Die chinesische Kaiserfamilie der Li soll selbst von türkischen Adelsfamilien des Nordwestens abstammen.)

Während die feineren, zeitweise vor den türkischen (hunnischen) Angriffen nach Süden geflüchteten, chinesischen Adelsgeschlechter im Süden auf die "barbarischen" Adelskreise des Nordens anfangs noch herabsahen, bei denen es üblich war, daß sogar die Frauen ritten und das tocharische (oder indische) Polospiel spielten, (sogar der Kaiser spielte mit), konnte sich die chinesische Gesellschaft, vor allem der Adel, mit den Jahren offenbar immer weniger den suggestiven Einflüssen der westlichen Kultur entziehen. (So einfach sind die Parallelen zu heute nicht zu ziehen. Denn diese damalige "westliche Kultur" ist mit der heutigen "westlichen Kultur" doch überhaupt nicht zu vergleichen. Fast zögert man, in Bezug auf heute von "Kultur" zu sprechen.)

Sogdisch war "in"

In der riesigen, neu errichteten Reichshauptstadt (gelegen in der traditionellen, chinesischen Hauptstadt-Provinz Xian), in Changan, lebten zwei Drittel der dort ansässigen Sogder rund um den "westlichen Markt" und den "östlichen Markt". (2, S. 34 - 44) In der Nähe des letzeren lag das "Nobelstadt"-Viertel, wo die Adelsvillen lagen. Zeitweise hatten die Chinesen bei den sogdischen Geldverleihern so viel Geld geliehen, daß die chinesische Regierung einschritt. (1, S. 139f) Die sogdischen Schenken-Mädchen wurden vielfach von chinesischen Dichtern besungen. (1, S. 140) Man aß "sogdisch". Man hörte sogdische Musik. Man sah sich sogdische Schauspiele an. Man parfümierte sich sogdisch. Die Vereinigung der Parfüm-Hersteller der zweitgrößten Stadt des Reiches, Luoyang, hatte im Jahr 689 19 Mitglieder, von denen mindestens fünf Sogder waren, darunter sowohl der Vorsitzende wie auch sein Sektretär. (1, S. 141) Mönche, Priester und Soldaten lebten in den sogdischen Gemeinden. (1, S. 141) Man tanzte "sogdisch". Auf Wunsch der Kaiserin führte ein sogdischer General ihr einen typischen sogdischen Wirbeltanz vor, den dann auch der Kaiser selbst lernen wollte. Später, im Jahr 755, machte dann ausgerechnet dieser General - An Lushan, sein Vater war Sogder, seine Mutter Türkin - einen großen Aufstand. (2, S. 32f)

Original-Dokumente der Sogder hat man bislang wenige. Aber im Jahr 1907 machte der berühmte britische Entdeckungs-Reisende Aurel Stein 90 Kilometer westlich der chinesischen Stadt Dunhang (auf dem Weg Richtung südliches Tarimbecken) in einem uralten verfallenen Grenzturm der "Großen Mauer" eine ungeheuer aufregende Entdeckung. Er fand fünf sogdische Briefe aus dem Jahr 313. Obwohl sie hauptsächlich politische Themen und Handels-Themen behandeln, wird deutlich, wie die Art der Kommunikation zwischen den sogdischen Gemeinden zu jener Zeit zwischen der chinesischen Hauptstadt und Samarkand aussah. Die Sogder beschäftigten natürlich auch viele Sklaven und unterschieden deutlich zwischen Freien und Unfreien. Möglich oder wahrscheinlich, daß viele sogdische Handelsbeauftragte und Briefüberbringer Unfreie gewesen sind.

Der Hunneneinfall von 313

Zwei Jahre vor dem Jahr 313 hatten die Hunnen einen fürchterlichen Einfall ins chinesische Reich gemacht und der bedeutendste unter den fünf Briefen, der aus der chinesischen West-Provinz Gansu nach Samarkand gerichtet war (1, S. 43 - 45), berichtet von der Hungersnot in der chinesischen Hauptstadt, von der Flucht des chinesischen Kaisers und von der eigenen Bedrohtheit an Leib und Leben durch Hunger, Krankheit, Alter und Überfall. Das war nicht unbedingt die typischste Situtation, in der wir uns die Sogder in China vorstellen werden dürfen, aber wohl zumindest eine "typische" Ausnahmesituation.

Kennzeichnend ist, wie der Briefschreiber immer von Sogdern schreibt, die nach China "hinein" oder aus China "heraus" kommen. Man war sich offenbar einer deutlichen Kulturscheide im Bereich der Provinz Gansu damals bewußt. Natürlich war das chinesische Reich selbst schon damals viel dichter besiedelt mit Millionenstädten als die Oasen-Siedlungen des Tarimbeckens und anderer Gegenden, durch die die sogdischen Karawanen damals ziehen mußten. Damals war allerdings auch das Tarimbecken noch weitaus dichter besiedelt als heute, da sich inzwischen dort die Wüste sehr stark ausgeweitet hat. Um 400 berichtet ein chinesischer Mönch, der nach Indien reiste, über die Oasen des Tarimbeckens, daß jede "ihre eigene, besondere, barbarische Sprache hatte". (2, S. 61) Hier lebten damals Sogder, Tocharer, Türken, Inder, Chinesen.

Der sogdische Briefschreiber sagt nun 313 sinngemäß: Es ist gegenwärtig keinerlei Profit zu erwarten aus dem Handel mit China. Ich habe zum Teil schon seit Jahren keine Nachricht mehr bekommen von Sogdern, die nach China "hinein" gingen. Er spricht von "hundert Freien aus Samarkand", die "hinein" gegangen wären und von weiteren vierzig Männern. Er spricht davon, daß viele Sogder und auch Inder in der chinesischen Hauptstadt (zusammen mit den Chinesen) des Hungers gestorben seien. "Jeden Tag rechne ich selbst damit, getötet oder ausgeraubt zu werden." Aber er sei zu alt und zu krank, um noch eine weite Reise antreten zu können. (1, S. 43 - 45)

Zwei andere Briefe sind wahrscheinlich nicht nach Samarkand gerichtet, sondern möglicherweise nach Loushan am Lopnor-See. Sie stammen von einer Frau, Miunai, der erste an ihre Mutter, Catisa, der zweite an ihren Ehemann, Nanai-dhat, mit einem Postskriptum von ihrer Tochter Saina. (1, S. 47) Auch ein weiterer Brief berichtet aus einer Nordwest-Provinz Chinas im Jahr 313 sinngemäß: Ich bin hier völlig isoliert, es kommt keine Karwane nach hier und es geht keine von hier fort. (1, S. 50)

Schriftum:

1. La Vaissiere, Etienne de: Sogdian Traders. A history. Leiden 2005 (Handbuch der Orientalistik, Band 10)
2. Kuhn, Dieter (Hg.): Chinas Goldenes Zeitalter. Die Tang-Dynastie (618 - 907 n. Chr.) und das kulturelle Erbe der Seidenstraße. Edition Braus, Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund 1993 (Ausstellungsband)

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