Freitag, 16. November 2007

Ein Thermalbad als kulturelles Zentrum der ersten Bauern Europas?

Ein Schwerpunktthema von "Studium generale" (wie schon in anderen Beiträgen deutlich wurde) sind die Bandkeramiker, die erste Bauernkultur Mitteleuropas. Da sie die höchste Siedlungsdichte aller mitteleuropäischen Kulturen vor dem Frühmittelalter aufwiesen und wir deshalb über sie auf vielen Gebieten auch viel mehr wissen als über viele archäologische Nachfolge-Kulturen im gleichen Raum, nimmt sie eine Schlüsselposition im Verständnis der europäischen Vorgeschichte ein, eine Tatsache, die noch nicht im Bewußtsein aller heute arbeitenden Archäologen und Anthropologen angekommen ist.

Die Bandkeramik entstand um 5.600/5.500 v. Ztr. in der Umgegend des Plattensees (Ungarn, Österreich, Slowakei) in der Auseinandersetzung dortiger Jäger-Sammler-Bevölkerungen (des "Mesolithikums") mit den Dorfkulturen des Balkans, die von Süden her sich nach Norden bis in diese Region ausgebreitet hatten (und hier das "Neolithikum" einleiteten). Viele Kulturelemente der Bandkeramik, z.B. die überall gefundenen sitzenden Frauenfiguren mit eingeritzten Getreidesymbolen (Erd-, Mutter-, Fruchtbarkeits-Gottheiten?) finden sich auch in den frühen bäuerlichen Balkan-Kulturen, wie man sicherlich viel der mitteleuropäischen Bandkeramik-Kultur dann am besten versteht, wenn man die Vorgänger-Kulturen auf dem Balkan (und natürlich an den Oberläufen von Euphrat und Tigris, sowie am Jordan) versteht (etwa auch Catal Hüyük).

Sensationelle Neufunde in Südserbien?

Nun wurden offenbar sensationelle Funde gemacht in Südserbien zur bedeutenden Vinca-Kultur, die zeitgleich mit der Bandkeramik in Mitteleuropa auf dem Balkan existierte. (Reuters.com) Man glaubt dort, bei Plocnik, geradezu eine "Großstadt" ("metropolis") gefunden zu haben. Kulturelle Zentren mit dicken archäologischen Siedlungsschichten hat man inzwischen auch für die Bandkeramik - etwa in Mittelhessen - gefunden. Aber ob man sie "städtisch" benennen kann? In Plocnik findet sich auch wieder eine sitzende Frauenfigur wie man sie in Mitteleuropa überall - in stilistisch oft noch etwas urtümlicherer, schlichterer Form - findet:

"Kopf einer Göttin", wird das folgende Stück benannt:

"Hirschkopf" dieses:

In dem Bericht heißt es weiter (Hervorhebungen nicht im Original):

(...) "According to the figurines we found, young women were beautifully dressed, like today's girls in short tops and mini skirts, and wore bracelets around their arms," said archaeologist Julka Kuzmanovic-Cvetkovic.

The unnamed tribe who lived between 5400 and 4700 BC in the 120-hectare site at what is now Plocnik knew about trade, handcrafts, art and metallurgy. Near the settlement, a thermal well might be evidence of Europe's oldest spa.

"They pursued beauty and produced 60 different forms of wonderful pottery and figurines, not only to represent deities, but also out of pure enjoyment," said Kuzmanovic.

The findings suggest an advanced division of labor and organization. Houses had stoves, there were special holes for trash, and the dead were buried in a tidy necropolis. People slept on woolen mats and fur, made clothes of wool, flax and leather and kept animals.

The community was especially fond of children. Artifacts include toys such as animals and rattles of clay, and small, clumsily crafted pots apparently made by children at playtime. (...)

The Vinca culture flourished from 5500 to 4000 BC on the territories of what is now Bosnia, Serbia, Romania and Macedonia.

Auch die Bandkeramik scheint außerordentlich kinderfreundlich gewesen zu sein, denn sonst hätte sie sich nie innerhalb weniger Jahrzehnte oder Jahrhunderte über eine Region ausbreiten können, die von der Ukraine bis zur Kanalküste reicht, und die zuvor dicht mit Lindenwäldern bestanden war. Man wird sich die Bandkeramiker so vorstellen dürfen wie etwa die sehr kinderreiche Volksgruppe der Wolhynien-Deutschen, die im 19. und 20. Jahrhundert Schwerstarbeit Wälder und Sümpfe rodeten.

Wie weiter berichtet wird, kannte die Vinca-Kultur auf dem Balkan "von Anfang an" Kupferverarbeitung und Kupferminen zum Abbau, was mir auf den ersten Blick ziemlich schrill vorkommt, denn bisher ließ man die "frühe Kupferzeit" ungefähr mit dem Tiroler Ötzi und seinem Kupferbeil um 3.300 v. Ztr. beginnen.

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