Samstag, 9. Mai 2026

Eleonore von Bulgarien

Krankenschwester und Königin

"Helden des Willens" heißt ein Buch, auf das man in einer Bücher-Telefonzelle stoßen kann und das man ja einmal mitnehmen kann (1). Erschienen in erster Auflage 1928, in zweiter Auflage 1933. Vorsatz-Bild der zweiten Auflage: "Reichskanzler Adolf Hitler". Eine recht willkürlich anmutende Zusammenstellung von Lebensbildern. Das erste Kapitel über den deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte liest sich gar nicht so ungut. Also kann man ja mal ein bisschen weiter stöbern in diesem Buch.

Abb. 1: Eleonore von Bulgarien (1860-1917)

Und man könnte sich festlesen in einer Lebensbeschreibung der Königin Eleonore von Bulgarien (1860-1917) (Wiki), einer geborenen Prinzessin von Reuß aus Niederösterreich. Diese Prinzessin war doch in Weltgegenden unterwegs, auf die wir hier auf dem Blog eigentlich erst seit der Beschäftigung mit der Archäogenetik aufmerksam geworden sind, nämlich einmal in der Mandschurei zwischen Sibirien, Korea und China und zum anderen am Rhodopen-Gebirge zwischen Bulgarien im Norden und Nordmazedonien im Süden.

Viele Details aus dieser Lebensbeschreibung finden sich so auch noch gar nicht auf Wikipedia. Die Lebensinhalte der Eleonore von Reuß ergaben sich vor allem durch ihre verwandtschaftliche Nähe zur Zarenfamilie in Rußland. 

1908 heiratete Eleonore mit 47 Jahren (!) den Fürsten Ferdinand I., den nachmaligen König von Bulgarien (1861-1948) (Wiki). Auf dem bulgarischen Wikipedia ist darüber verzeichnet (Wiki):

1907 wandte sich Ferdinand I. an Großfürstin Maria Pawlowna mit der Bitte, ihm eine neue Gemahlin vorzuschlagen, die wenig Aufmerksamkeit erwarte und sich wohltätigen Zwecken widme. Die Großfürstin schlug ihre Cousine ersten Grades, Eleonora Reuß-Köstritz, vor. (...) Die Ehe zwischen Eleonore und Ferdinand war rein formaler Natur und Ferdinand hegte keinerlei Gefühle für seine neue Gemahlin. Bezeichnenderweise bestand Ferdinand selbst darauf, daß die beiden während ihres Besuchs bei König Carol I. von Rumänien, der während ihrer Flitterwochen stattfand, getrennte Schlafzimmer erhielten.

Wie Eleonore selbst über eine so wundervolle Ehe dachte, ist vorderhand nicht bekannt. Wenn wir unserem Buch folgen, hat sich Eleonore womöglich bemüht, den positiven Seiten ihres neuen Ehegatten Beachtung zu schenken. 

Abb. 2: Eleonore von Bulgarien (1860-1917)

Diese werden sogar ein wenig übertrieben dargestellt (1, S. 167):

König Ferdinand, den man den bedeutendsten Geist unter den europäischen Herrschern seiner Zeit genannt hat, zeichnet sich durch eine außergewöhnliche wissenschaftliche Bildung und einen geläuterten ästhetischen Geschmack aus.

Wenn dieser König schon der bedeutendste Geist gewesen wäre, dann würde das womöglich doch mehr über die anderen europäischen Herrscher aussagen als über ihn. Wie auch immer. Die Frauenzeitschrift "Die Bunte" wußte 2016 folgendes über diese Ehe (Bunte2016):

Wenn man Ferdinand und Eleonora einmal zusammen sehen könnte, seien Spannungen zwischen ihnen nicht zu ignorieren gewesen. Während er sich seiner Frau abweisend gegenüber zeigte, habe sie es mit stoischer Ruhe ertragen.

Insgesamt hat man den Eindruck, daß diese Ehe auch für Eleonore eher eine "Zweckehe" gewesen sein könnte, bekam sie doch durch diese einen Wirkungskreis, wie sie ihn sich zuvor immer ersehnt hatte.

Man sieht Eleonore ja schon auf dem Verlobungsbild nicht lächeln (Abb. 13). Womöglich hat das damals von einer 47-Jährigen auch niemand mehr erwartet. Damalige Frauen des Hochadels haben in Bezug auf Ehen manches mitmachen müssen. 

Abb. 3: Eleonore von Bulgarien (1860-1917)

Immerhin (Wiki) ...

... gewann Eleonore schnell die Zuneigung von Ferdinands Stiefkindern und des gesamten bulgarischen Volkes.

Unsere Buchautorin Clara Ebert-Stockinger schreibt über die drei Stiefkinder von Eleonore (1):

Diese hingen denn auch bald mit schwärmerischer Liebe an ihrer zweiten Mutter.

In unserem Buch heißt es über Eleonore (1):

Sie nahm die Werbung an und sprach mit großer Freude von den ernsten Aufgaben, die sie den verwaisten Kindern des Fürsten gegenüber und als Mutter eines ganzen Volkes zu erfüllen haben würde. 

Auch aus diesen Worten geht keine große Erwartung gegenüber der geschlossenen Ehe hervor. Eleonore reizte offenbar insbesondere der große Wirkungskreis in Bulgarien, der sich ihr durch diese Heirat eröffnete.

Leitung des russischen Lazarett-Wesens in der Mandschurei (1904)

Denn sie war - wie womöglich unsere Buchautorin - gelernte Krankenschwester. Sie hatte 1904 im Russisch-japanischen Krieg die Leitung des Lazarett-Wesens auf dem asiatischen Kriegsschauplatz inne gehabt und hatte in der Zeit danach an ihre Freundin geschrieben (zit. n. 1):

Ich sehne mich nach meiner Arbeit zurück. Ich vermag es nicht mehr, hier in der Stille meine Tage zu verbringen. Ich muß in großem Stile arbeiten und schaffen können und helfen, das Elend zu lindern. Hier kommt mir alles so klein und eng vor nach der unbegrenzten Größe Sibiriens und nach den Mitteln, mit welchen ich meine Ziele erreichen konnte.

Was uns an dem Leben von Eleonore von Reuß interessiert, ist, wie schon gesagt, daß sie sich in abgelegenen Gegenden bewegte, auf die wir schon verschiedentlich hier auf dem Blog zu sprechen gekommen waren. So heißt es über den von ihr geleitete Lazarettzug im Jahr 1904 (1, S. 165):

Sie führte den Zug wiederholt vom Baikalsee durch die Mandschurei nach Charbin.

Siehe dazu die Karte in Abbildung 4. Harbin (Wiki) (Charbin) ist eine der größten Städte der Mandschurei. Von den sechs Millionen Einwohnern sind heute 93 Prozent Chinesen und 4,6 Prozent Mandschu. Die genannte Strecke gehört zum östlichen Teil der Transsibirischen Eisenbahn (Wiki), bzw. zu einer Nebenstrecke derselben. 

Abb. 4: Die Bahnstrecke vom Baikalsee nach Charbin / Harbin in der Mandschurei (Wiki)

Kurz einiges zu diesem Krieg: Rußland hatte Port Arthur 1897 für 25 Jahre gepachtet als Hafen. Gleichzeitig verstärkte es seinen Einfluß in Korea, das sich diesem Einfluß auch öffnete, und zwar als Gegengewicht gegen Japan (Wiki):

Am 13. Januar 1904 forderte der japanische Botschafter in St. Petersburg die Anerkennung der japanischen Vorherrschaft in Korea im Gegenzug für die Erklärung Japans, daß die Mandschurei außerhalb ihres Einflußbereichs liege. Die russische Regierung rechnete nicht mit einem Krieg und ordnete das Verhalten der japanischen Diplomatie als Bluff ein.

Am 9. Februar 1904 griff Japan Port Arthur mit Kriegsschiffen an. Anhand der folgenden Karte kann der Ablauf des Krieges in groben Zügen nachvollzogen werden.

Abb.: 5 Der japanisch-russische Krieg im Jahr 1904

Der Hauptteil der Russischen Pazifikflotte war in Port Arthur versammelt. In mehreren japanischen Angriffen konnte diese Pazifikflotte ausgeschaltet werden, zuletzt als die Reste dieser Flotte nach Wladiwostok ausbrechen wollten.

Die Russen hatten nun viel zu wenige Landstreitkräfte in Ostasien stationiert. Ein Nachziehen von Truppen über die Transsibirische Eisenbahn in nachhaltiger Stärke würde sechs Monate dauern. Diesen Umstand nutzten die japanischen Landstreitkräfte aus, die bei Inchon im heutigen Korea (heutiger Flughafen) gelandet wurden und dann über Seoul nach Norden vorstießen.

Abb. 6: Japanische Batterie auf den Höhen von Chusanp, 1904

Der Fluß Yalu war von russischen Truppen nur unzureichend mit Streitkräften besetzt. In einer Durchbruchschlacht wurden die Russen besiegt und die Japaner stießen von dort einerseits nach Süden, nach Port Arthur durch, um diesen Hafen zu belagern und drangen andererseits nach Norden vor bis Wladiwostok, das von den Japanern von der Seeseite her belagert wurde.

Schließlich kam es zum Friedensschluß. Korea blieb Japan als Einflußsphäre zugesprochen. Japan erhielt außerdem die Südhälfte der Halbinsel Sacchalin.

Abb. 7: Blick über ein Feldlager japanischer Truppen in der Mandschurei, 1904

Aufgrund der Niederlage Rußlands bracht 1905 in Moskau und entlang der Transsibirischen Eisenbahn die Revolution aus. Vermutlich eine "Probemobilmachung" der Arbeiterklasse für die vorgesehene künftige Revolution, in der dann endgültig die Macht übernommen werden sollte.

Im Frühjahr 1906 kehrte Eleonore von Reuß aus diesen Revolutionswirren in ihre Heimat nach Niederösterreich zurück. Sie schrieb am 9. April 1906 an ihren vormaligen Mitarbeiter Dr. Colmers (1, S. 165):

Jetzt habe ich Heimweh da hinaus, denn wenn es auch wohtuend für mich ist, zu Hause zu sein, so sehne ich mich doch nach meiner Arbeit, meinen Kranken, dem Lärm, dem Sturm, dem Sonnenschein der Mandschurei. Mit dem Friedensschluß fing übrigens unsere Mühsal erst recht an, mit den Bahn- und Poststreiks usw. Sieben Wochen währte unsere letzte Reise von Bangupocinokre, und erst in den letzten Tagen des Januar kamen wir mit unseren Kranken in Petersburg an. Fast in ganz Sibirien der Aufstand, in Kpnenopekr, Ruma, Irkutsk, überall Brand, Mord und Totschlag, das damals im Sommer so berühmte Bjogubemokr ein rauchender Trümmerhaufen.

Das sind alles Lebensinhalte dieser Eleonore, die in den nachmaligen Stürmen des Ersten Weltkrieges völlig in Vergessenheit gerieten.

Abb. 8: Russische Artilleriestellung am Dolinskypas, 1904

Aufgrund dieser doch nicht uninteressant zu lesenden Darstellung fragen wir nach der Autorin, nach Clara Ebert-Stockinger (1863-1949) (Wiki). Sie hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Bücher über Kinderpflege, Kindererziehung, Hauswirtschaft und fleischlose Ernährung veröffentlicht. Aber sie strebte über diesen Lebenskreis hinaus. 1928 veröffentlichte sie dann als 65-Jährige unser Buch, das gewiß eine ungewöhnliche Zusammenstellung von Biographien darstellt, an deren Ende dann auch noch ausgerechnet diejenige Adolf Hitlers gestellt ist. 

Ihre Schrift "Die Mutterschaft" erschien in erster Auflage vor 1917. Denn das Vorwort zu ihr war von Anna Fischer-Dückelmann (1856-1917) (Wiki) verfaßt worden (Eb), die schon 1890 bis 1896 als eine der ersten Frauen in der Schweiz Medizin studiert hatte, und die 1901 ihr Buch heraus gegeben hatte "Das Geschlechtsleben des Weibes", das 1902 in siebter und 1910 in zehnter Auflage erschienen ist. Wir erfahren über Fischer-Dückelmann (Wiki):

1900 und 1901 veröffentlichte sie ihre Bestseller "Das Geschlechtsleben des Weibes" und "Die Frau als Hausärztin", für die Fischer-Dückelmann auch kritisiert wurde - vor allem wegen ihrer liberalen Einstellung zu Sexualität und Verhütung. Sie schrieb zum Beispiel: „Die Frau ist keine willenslose Geburtenmaschine mehr.“ Und auch: „Ebenbürtigkeit des Weibes ist der Schlüssel zu einem neuen Liebeshimmel!“ 

In der Tradition dieser Fischer-Dückelmann stand dann etwa auch eine Mathilde Ludendorff, vorherige von Kemnitz, als sie vor dem Ersten Weltkrieg Medizin studierte und als sie 1919 ihr Buch heraus brachte "Das Weib und seine Bestimmung".

Abb. 9: Lazarettzug Anfang des 20. Jahrhunderts (Geo2026)

Und in der Tradition dieser Fischer-Dünckelmann scheint nun auch Clara Ebert-Stockinger gestanden zu sein. Ihre Schrift "Die Mutterschaft" ist 1929 in siebter Auflage erschienen und war dann "ärztlich bearbeitet" worden von ihrer Tochter Dr. med. Anna Ebert, einer Fachärztin für Kinderheilkunde. Und 1928 folgte dann das Buch "Helden des Willens".

Abb. 10: Der Beginn der Russischen Revolution im Jahr 1905 - Die Schüsse auf dem Palastplatz am 22. Januar - Gemälde von Ivan Alexeyevich Vladimirov (Kd)

Zurück zu Eleonore, inzwischen Königin von Bulgarien. Bulgarien war dann Teilnehmer an den Balkankriegen 1912/13, erst Bündnispartner gegen das Osmanische Reich, dann Kriegsgegner seiner vorherigen Bündnispartner.

Der beiden Balkankriege 1912/13

Diese Balkankriege haben viel von jenen Massakern an der Zivilbevölkerung vorweg genommen, die dann bei Kriegsende 1945 vor allem die deutsche Zivilbevölkerung in ganz Ost- und Ostmitteleuropa erleiden mußte. Vor dem Hintergrund der Kriegsgreuel der Balkankriege nehmen sich die Greuel an den Deutschen im Jahr 1945 nicht mehr als ganz so "außergewöhnlich" aus (5).

Sind solche Kriegsgreuel hervor gerufen durch "slawische Mentalität", so fragt man sich unwillkürlich. Oder handelt es sich um ein allgemein menschliches, bzw. unmenschliches Phänomen?

Abb. 11: Die Barrikaden von Presnya, einem Stadtteil von Moskau im Dezember 1905 - Gemälde von Ivan Vladimirov (Wiki)

Clara Ebert-Stockinger gibt eine eindrucksvolle Darstellung der Ereignisse (1, S. 170f):

Der zweite Balkankrieg wurde gegen Bulgarien entschieden und ihre Stammesgenossen in Mazedonien und Thrazien bekamen die furchtbare Hand der erbarmungslosen Sieger zu fühlen. Was nicht massakriert wurde und nur irgenwie konnte, ließ Hof und Heimat im Stich und flüchtete nach Bulgarien. Sofia war das Ziel und die Hoffnung all dieser unglücklichen Flüchtlinge, deren Zahl mehr als 130.000 betrug. Auf drei Wegen strömten sie der Hauptstadt zu, über Palanka-Küstendiel und über Dumaja und Dunica. Der dritte Strom kam aus Thrazien. Besonders dieser Zug der Flüchtlinge war ein wahrer Zug des Grauens. Hinter sich hatten sie die Feinde, vor sich die Mauer des Rhodope-Gebirges, durch das nur ein einziges Tor, das Kresnadefilee, nach Bulgarien führte. (...) Im Kresnatal stand die bulgarische Armee, um dieses Einbruchstor gegen die anstürmenden Griechen zu verteidigen. (...) Das Kresnatal ist ein großes Kindergrab.

Clara Ebert-Stockinger schreibt fast so, als wäre sie selbst dabei gewesen (1, S. 172):

Wenn möglich noch schlimmer war die Not der Flüchtlinge aus der Türkei und aus Gallipoli, wo die dort ansässigen Bulgaren nach Abzug der bulgarischen Armee der Rachsucht der Baschi-Boschuks ausgeliefert waren. Halb nackt kamen sie in Varna an, mit blutenden Füßen, die Cholera und die schwarzen Blattern im Gefolge. Über siebentausend kranke, halb verhungerte Menschen mußte das kleine Varna aufnehmen. Auf den Straßen lagen die Kinder und starben zu Dutzenden.

Königin Eleonore hatte erneut das Lazarett-Wesen unter sich, war überall vor Ort und kümmerte sich um alles.

Abb. 12: Die Riviera von Genua - Es wird vermutet, daß dieses Gemälde von Eleonore von Reuß stammt, denn auf der Rückseite des Rahmens heißt es: "Peint par S. A. La Princesse Reuß Koostritz" (Kastern2025)

In ihrer Jugend könnte sie auch gemalt haben. Jedenfalls wird ihr ein Gemälde im Kunsthandel zugesprochen (Abb. 12).

Abb. 13: Eleonore von Bulgarien (1860-1917) als Verlobte im Jahr 1908

Königin Eleonore starb 1918, ihr Ehemann mußte wenig später abdanken und verbrachte seine letzten drei Lebensjahrzehnte in Coburg. Dort starb er 1948.

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  1. Clara Ebert-Stockinger: Königin Eleonore. In: Helden des Willens. Lebenswerke aus neuerer Zeit. Verlag von Strecker und Schröder, Stuttgart, 2. Auflage 1933 (EA 1928), S. 162-177
  2. Fischer-Dückelmann, Anna: Das Geschlechtsleben des Weibes – Eine physiologisch-soziale Studie mit ärztlichen Ratschlägen. Berlin 1900. (19. Auflage. 1919) (Archiv)
  3. Fischer-Dückelmann, Anna: Der Geburtenrückgang - Ursachen und Bekämpfung vom Standpunkt des Weibes. Stuttgart 1914
  4. Manuel Opitz: Hospital auf Schienen - Wie ein Medizinerehepaar mit Lazarettzügen an die Front fuhr. 14. April 2026 (Geo2026)
  5. Katrin Boeckh: Die Balkankriege 1912/13 - Kriegsführung, Kriegsgräuel, Kriegsopfer (Osmikon)

Donnerstag, 23. April 2026

Ingrid Visser

Die beste Walretterin der Welt

Der deutsche Tier- und Naturschützer und Kameramann Robert Marc Lehmann (geb. 1983) (Wiki) nennt sie die beste und erfahrenste Walretterin der Welt, die neuseeländische Walforscherin Dr. Ingrid Visser (geboren am 20. Februar 1966) (Wikiengl) (OrcaResearch). 

Abb. 1: Ingrid Visser, Meeresbiologin

Die Vorgänge rund um den in der Ostsee nun schon mehrfach gestrandeten Buckelwal, genannt "Timmy" (Wiki), lassen uns erstmals aufmerksam werden auf den Tierschützer und Tierfilmer Robert Marc Lehmann. 

Durch seine detaillierte und umfassende Dokumentation seiner eigenen immer wohl durchdachten, kenntnisreich und praxisnah organisierten Rettungsaktion (Yt17.4.26) bekommt man Hochachtung vor seinem Engagement, vor seinem Wissen, seiner Urteilsfähigkeit und seiner Erfahrung. Und wenn er dann davon spricht, daß er "Walretten" gelernt hat bei Ingrid Visser, dann möchte man natürlich auch über diese Frau mehr erfahren.

Lehmann hat 2022 eine hervorragende mehrteilige Dokumentation über Ingrid Visser und ihre Arbeit erstellt und heraus gebracht (Yt2022).

Abb. 2: Ingrid Visser - Ted Talk

Man findet aber auch sonst genug über sie im Internet. Ansprachen, Interviews, Dokus, Forschungsstudien ... 

Abb. 3: Ingrid Visser - Am meisten lacht sie, wenn sie mit Orcas zusammen ist

Vielleicht wollen wir zu all dem demnächst noch mehr zusammen tragen in dem vorliegenden Beitrag.

Abb. 4: Mehrteilige Doku von Robert Lehmann, 2022

Zunächst seien einmal nur einige eindrucksvolle Fotografien von und mit Ingrid Visser eingestellt.

Abb. 5: Ingrid Visser, 2005

Schon mit 39 Jahren veröffentlichte sie "Lebenserinnerungen" im Jahr 2005 (1). Und wenn man diese liest und erfährt, wie umtriebig diese Ingrid Visser war, um - zwar persönlich ermutigt durch David Attenborough  (1, S. 27) - aber dann weitgehend aus eigener Kraft heraus eine Doktorarbeit über die Schwertwale Neuseelands zu schreiben - gegen alle Hürden und Widerstände innerhalb des akademischen Bereiches, dann mag das für den einen oder anderen einstigen Doktoranden auch einen vergleichenden Blick ermöglichen auf die - mitunter zeitgleichen - eigenen Bemühungen, eine Doktorarbeit auf den Weg zu bringen und fertig zu schreiben.

Ingrid Visser ist derselbe Jahrgang wie der Verfasser dieser Zeilen. Und ihre Lebenserinnerungen geben ihm diesbezüglich manches zu denken. Ihre Doktorarbeit hat sie im Jahr 2000 veröffentlicht.

Abb. 6: Mehrteilige Doku von Robert Marc Lehmann, 2022

Alles, was sie in Neuseeland aufgebaut hat, hat sie aus eigener Kraft aufgebaut.

Ihr Vater besaß eine Farm mit über tausend Schafen und Kühen auf Neuseeland. Er ist, als sie 16 Jahre alt war, mit seiner ganzen Familie vier Jahre lang rund um die Erde gesegelt. Ingrid Visser sagt, daß sie diese vier Jahre tief geprägt haben.

Wie gesagt: Dieser Beitrag wird wenn möglich nach und nach vervollständigt. Menschen, die mit Tieren und mit der Natur verbunden sind, sind immer wieder so ermutigend. Das fing für den Bloginhaber an mit Leuten wie Konrad Lorenz oder Jane Goodall oder Irenäus Eibl-Eibesfeldt oder Hans Hass. All diese haben Nachfolger gefunden, zum Beispiel Ingrid Visser in Neuseeland. Zum Beispiel Robert Marc Lehmann in Deutschland. 

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  1. Visser, Ingrid: Swimming with Orca. My Life with New Zealand's Killer Whales. Penguin Books, 2005

Mittwoch, 15. April 2026

Die Piasten stammten in männlicher Linie von den Wikingern ab

Die Y-chromosomale Linie der Piasten findet sich im Frühmittelalter in England

Der erste polnische König Mieszko I. (945-992) (Wiki) begründete das polnische Herrscherhaus der Piasten (Wiki).

Abb. 1: Mittelalterliche Halskette, ausgestellt im Piasten-Museum von Ostrów Lednicki (Wiki) zwischen Posen und Gnesen, der Ort, der als Keimzelle des polnischen Staates gilt (Yt2022)*)

Seit vielen Jahrzehnten gibt es in der Geschichtswissenschaft eine Erörterung darüber, ob das Piastenhaus von Wikingern begründet wurde oder welcher Herkunft dieses Herrscherhaus sonst wäre. Der Verfasser dieser Zeilen saß 1988 an der Universität Mainz bei Professor Gotthold Rhode im Hauptseminar für polnische Geschichte und erinnert sich noch gut, mit welcher "Behutsamkeit" Professor Rhode dieses Thema angesprochen hat. Es bestand ohne Frage große Sorge, polnische Nationalgefühle zu verletzen. Und Professor Rhode wollte wirklich nur das referieren, was wissenschaftlich gesichert oder wenigstens plausibel war. Eine besonders große Sicherheit gab es zu dieser Zeit zu dieser Frage nicht.

Im Zusammenhang mit der Erörterung der spannenden Wikinger-Studie aus der Forschungsgruppe um Eske Willerslev waren wir hier auf dem Blog schon einmal auf diese Thematik zu sprechen gekommen (Stg19). Da sich nach dieser Studie Wikinger-Genetik die Weichsel aufwärts ausgebreitet hat ebenso wie in anderen Teilen Osteuropas, war es immer nahe liegender geworden, daß sich die Wikinger-Herkunft des Piastenhauses bestätigen würde. Nun ist eine neue polnische archäogenetische Studie erschienen, in der mit allen Mitteln und in umfangreichen Untersuchungen versucht worden ist, diese Frage zu klären - anhand gesicherter Menschenreste der Piasten aus Polen selbst (1):

Unsere aDNA-Befunde ermöglichten es uns zusammen mit historischen Daten, die Skelettreste von mindestens zehn Piasten zu identifizieren. Die von uns durchgeführten Genomanalysen deuten darauf hin, daß die Piasten höchstwahrscheinlich nicht aus Polen stammten. Durch die Verfolgung der mütterlichen und väterlichen Abstammungslinien der Piasten bestätigten wir historisch belegte Verbindungen zwischen den Häusern der Piasten und den ungarischen Árpád.

Gemeint sind spätere Heiratsverbindungen, durch die die archäogenetische Rekonstruktion des Stammbaumes der Piasten in Polen bestätigt und abgesichert werden kann. Und weiter (1): 

Basierend auf unseren Ergebnissen, gestützt durch genealogische Daten, ordneten wir die mitochondrialen und/oder Y-chromosomalen Haplogruppen von über zweihundert bekannten historischen Persönlichkeiten aus europäischen Dynastien und Adelsfamilien zu, darunter 18 Könige. Das so erstellte genetische Profil des Hauses der Piasten vor dem Hintergrund anderer mittelalterlicher Königsdynastien bildet die Grundlage für weitere Studien zu den Prozessen, die im 10. Jahrhundert zur Bildung neuer politischer Gebilde auf der Grundlage von Monarchie und autarker Wirtschaft führten.
Our aDNA findings, together with historical data, allowed us to identify the skeletal remains of at least 10 Piasts. The genome-wide analyses we performed indicate that the Piasts most likely came from outside of Poland. By tracing both maternal and paternal Piast lineages, we confirmed historically-documented links between the Houses of Piast and Hungarian Árpád. Based on our results, supported by genealogical data, we assigned the mitochondrial and/or Y-chromosomal haplogroups of over two hundred known historical figures from European dynasties and noble families, including 18 kings. The created genetic portrait of the House of Piast against the background of other medieval royal dynasties forms the basis for further studies of the processes that led to the formation of new political entities based on monarchy and self-sufficient economies in the tenth century.

Die meisten archäogenetischen Daten der Studie stammen aus der Grablege der Piasten in Plock (Wiki) an der Weichsel. Plock liegt 110 Kilometer südwestlich von Hohensalza in Kujawien und 100 Kilometer nordwestlich von Warschau.

Abb. 2: Schloß Zakrzewo (Wiki) des Grafen Belina-Wesierski (1812-1875), gelegen 16 Kilometer westlich von Posen - Er gilt als Förderer der Archäologie im Landkreis Gnesen als der Urzelle des polnischen Staates

Der rekonstruierte Y-chromosomale Haplotyp, der über die Jahrhunderte hinweg bei allen gesicherten männlichen Mitgliedern der Piasten vorliegt, findet weder heute noch in früheren Jahrtausenden bislang eine Entsprechung in Polen oder in Osteuropa. Aktuell findet sich dieser Y-chromosomale Haplotyp auch nicht in Skandinavien, weder heute noch in früheren Jahrtausenden. Aber er findet sich - entsprechend dieser Studie - überraschenderweise in Nordwesteuropa (1):

Unter den DNA-Proben, die in die Zeit vor der Entstehung des Piastenstaates datiert wurden, wurde dieselbe (Y-chromosomale) Abstammungslinie in drei derselben gefunden: CGG_023713 (datiert auf 770–540 v. Ztr.) aus dem heutigen Frankreich, CGG_107766 (datiert auf 20–200 n. Ztr.) aus den heutigen Niederlanden und VK177 (datiert auf 880-1000 n. Ztr.) aus dem heutigen England. Unsere Daten zeigen somit, daß die Piasten der Abstammungslinie R1b-BY3549 angehörten, was darauf hindeutet, daß sie Migranten nicht-slawischer Herkunft waren.
Among the samples dated to the period before the Piast state formation, the same lineage was found in three ancient samples: CGG_023713 (dated to 770–540 BCE) from present-day France42, CGG_107766 (dated to 20–200 CE) from present-day Netherlands, and VK177 (dated to 880–1000 CE) from present-day England. Thus, our data revealed that the Piasts belonged to the R1b-BY3549 lineage, suggesting that they were migrants of non-Slavic origin.

Das "VK177" genannte Indiviuum aus England ist nun ein Individuum, das in der Wikinger-Studie von Eske Willerslev im Preprint im Jahr 2019 veröffentlicht worden war (Stg19). Die anderen beiden Individuen wurden ebenfalls von der Forschungsgruppe um Eske Willerslev sequenziert und sind 2024 im Preprint in ihrer Germanen-Studie veröffentlicht worden (Stg24). Im Diskussionsteil wird zu diesen nordwesteuropäischen Entsprechungen ergänzt (1):

Nach archäologischen Analysen repräsentierte das erste Individuum (aus der Zeit um 650 v. Ztr.) die westliche Hallstattkultur, das zweite Individuum (aus der Zeit um 115 n. Ztr.) wurde in einem römischen Friedhof bestattet, und das dritte Individuum (aus der Zeit um 940 n. Ztr.) war höchstwahrscheinlich ein Wikinger.
According to archaeological analyses, the first individual (from c.a. 650 BCE) represented the Western Hallstatt Culture, the second individual (from c.a. 115 CE) was buried in a Roman cemetery, and the third individual (from c.a. 940 CE) was most likely Viking.

Aufgrund der zeitlichen Nähe des Wikingers "VK177" in England und von Miesko I. in Polen könnten man ja fast der Frage nachgehen, ob es sich bei beiden nicht sogar um familiär Verwandte handelte. Aber soweit sind die Forscher bislang noch nicht gegangen. Sie schreiben immerhin einleitend in ihrer Studie (1):

Mieszkos Tochter, bekannt als Sigrid die Stolze oder Gunhild von Wenden, war Königin von Schweden, Dänemark, Norwegen und England und die Mutter mehrerer Könige: Olof Skötkonung, Harald II. Svensson und Knut des Großen. Innerhalb weniger Jahrzehnte stiegen die Piasten zu einer der größten europäischen Dynastien auf. Die Piastenmonarchie endete 1370 n. Ztr. mit dem Tod von König Kasimir III. dem Großen. Andere Zweige der Piasten herrschten jedoch weiterhin über Herzogtümer wie Masowien und Schlesien, bis der letzte männliche Piastenvertreter 1675 n. Ztr. starb.
Mieszko’s daughter, known as Sigrid the Haughty or Gunhild of Wenden, was the Queen of Sweden, Denmark, Norway, and England and the mother of several kings: Olof Skötkonung, Harald II Svensson, and Cnut the Great18. Within a matter of decades, the Piasts grew to become one of the largest European dynasties. The Piast monarchy ended in AD 1370 with the death of King Kazimierz III Wielki (Casimir III the Great). However, other Piast branches continued to control duchies, such as Masovia and Silesia, until the last male Piast representative died in AD 1675.

Und sie führen im Diskussionsteil aus (1):

Die nicht-polnische Herkunft der Piasten sollte Forscher auch dazu veranlassen, die Beziehungen der ersten polnischen Dynastie zu den Wikingern neu zu überdenken. Dieses Thema wird seit vielen Jahren intensiv diskutiert.
The non-local origin of the Piasts should also prompt researchers to reconsider the relations of the first Polish dynasty with the Vikings. This issue has been widely discussed for many years now.

Die Studie hat aber Bedeutung für die Erforschung des europäischen Hochadels insgesamt.

Abb. 3: Heiratsverbindungen von Piastentöchtern mit anderen europäischen Königshäusern und Hochadelsfamilien - Unterste Reihe (dunkelbraun): Hohenzollern (aus 1, Suppl. Fig. 11)

Aufgrund der Heiratsverbindungen innerhalb des europäischen Hochadels führen die Autoren aus (1):

Viele Töchter der Piasten und viele Frauen, die in die Familie der Piasten einheirateten, wurden bzw. waren ebenfalls Angehörige bekannter europäischer Dynastien. Daher ermöglichen die von uns erhobenen genetischen Daten der Piasten, die mitochondrialen Haplogruppen von über 200 bekannten historischen Persönlichkeiten vorherzusagen. Zu dieser Gruppe gehören 108 Piasten, 32 Rurikiden, 12 Giediminiden, 23 Árpáden, 15 Přemysliden, 13 Hohenzollern, 10 Habsburger, 8 Wettiner, 5 Anjou und 4 Wittelsbacher (Einzelheiten siehe  Supplementary Fig. 11 und Supplementary Data 3).
Many of Piast’s daughters and the women who married into the Piast family were also representatives of famous European dynasties; hence, the genetic data we collected for the Piast dynasty members allow us to predict mt-hgs for over 200 well-known historical figures. Within this group, there are 108 Piasts, 32 Rurikids, 12 Giediminids, 23 Árpáds, 15 Přemyslids, 13 Hohenzollerns, 10 Habsburgs, 8 Wettins, 5 Angevins, and 4 Wittelsbachs (for details, see Supplementary Fig. 11 and Supplementary Data 3).

Nach der genannten "Supplementary Fig. 11" (s. Abb. 3) ergibt sich die hier genannte Verbindung zu den Hohenzollern dadurch, daß der Habsburger Ernst der Eiserne (1377-1427) (Wiki) 1412 in zweiter Ehe die Piasten-Prinzessin Cimburgis von Masowien (1394-1429) (Wiki) heiratete. Deren Enkeltochter war dann Anna von Sachsen (1437–1512) (Wiki) aus dem Hause Wettin. Und diese war nun mit Albrecht Achilles (1414-1486) (Wiki) verheiratet, der ab 1470 Kurfürst von Brandenburg war. 

Abb. 4: "Schwere märkische Reiter", 15. Jahrhundert (Pintr)

Anna und Albrecht Achilles hatten nun 13 Kinder und die Töchter unter diesen vererbten somit die mitochondrialen Piasten-Haplotypen der Piasten-Prinzessin Cimburgis von Masowien weiter. Diese 13 bilden die unterste (braun gefärbte) Hohenzollern-Reihe in Abb. 3. Wir lesen (Wiki):

Die Historiographen des preußischen Königshauses charakterisierten Albrecht als „eine von Lebenslust strotzende Kraftnatur, der Körper mit Narben bedeckt, ein Meister der Heerfahrt, glänzender Redner und gewiegter Diplomat, impulsiv, gewaltsam und herrisch, trinkfest und prachtliebend, aber auch sparsam als guter Haushalter, Freund und nimmermüder Parteigänger seiner Fürstengenossen, geschworener Feind der verhassten Städte.

Nun, 15. Jahrhundert halt. Über den Sohn dieses Albrecht Achilles, über Johann Cicero (Wiki), der auch noch Piasten-Mitochondrien-DNA in sich trug, hat der deutsche Dichter Börries von Münchhausen eine immer wieder gern gelesene Ballade gedichtet, die wir hier an das Ende unserer Ausführungen stellen wollen.

Die Wunderwirkung der Latinität

(Börries Freiherr von Münchhausen, 1907)

Ihr lieben Jungens in Stadt und Land,
ich weiß euch eine Geschichte!
Ich kenn euch, ihr hört so trefflich zu
mit sehr ernsthaftem Gesichte,
doch in den Winkeln am Auge blitzt's,
wie von ganz anderen Sachen,
und eure Lippen beben dabei, -
das ist verhaltenes Lachen,
ihr seid nämlich eine ganz dolle Schwefelbande!

Der Kurfürst Johann von Brandenburg,
der war gelehrt wie sonst keiner,
er sprach das flüssigste, klarste Latein
noch besser als selbst die Lateiner,
Da nannten sie ihn den 'Cicero'
er fand das übel geraten,
viel besser hätte ihm 'Cäsar' gepaßt,
so liebte er die Soldaten -
vor allem seine sechstausend schweren märkischen Reiter!

Nun hatten einst einen großen Streit
die Könige von Ungarn und Polen,
da ließ der Kaiser, den das verdroß,
den Johann Cicero holen:
Herr Kurfürst, Ihr sprecht das berühmte Latein,
so bitt' ich Euch, habt die Gnade
und zieht gen Warschau und söhnt sie aus
mit Eurer lateinischen Suade,
vielleicht nehmt Ihr auch ein paar Soldaten mit?

Herr Kaiser, der Auftrag paßt mir gut!
sprach Johann mit tiefem Verneigen,
Die klassische Kunst der Rhetorik wird
sich stark an Barbaren erzeigen,
Die Ungarn und Polen versöhne ich
ganz ohne Schwertstreich und Wunde,
so wirkt der Wohllaut der Latinität
in meinem beredsamen Munde
und außerdem nehme ich meine sechstausend schweren Reiter mit!

Vor Warschau, auf dem weiten Plan,
da standen Ungarn und Polen,
die beiden Könige rechts und links,
die saßen wie auf Kohlen,
denn Johann Cicero sprach und sprach,
wie troff die Rede von Milde,
und wenn er von christlichen Gründen sprach,
so waren doch alle im Bilde.
hinter ihm standen Sechstausend aufgesessen und Lanzen eingelegt!

Was Johann Cicero dort gesagt,
es ist der Nachwelt verloren,
den feindlichen Königen klangen nur
so einzelne Worte in Ohren:
"Totschlago vos fortissime,
nisi vos benehmitis bene!!"
Da söhnten die Gegner gerührt sich aus,
und Johann vergoß eine Träne,
und seine sechstausend Kerle brüllten: Hurra, vivat Cicero!

Ihr lieben Jungens, euch ist ja gelehrt,
warum die Dichter was dichten,
ihr wißt, der Zweck ist stets die Moral
bei allen solchen Geschichten,
drum, wenn ein Klassenaufsatz es gibt
über Münchhausens letzte Ballade,
so schreibt: Ein tadelloses Latein
das ebnet im Leben die Pfade,
vorausgesetzt, daß einer eine gute Faust daneben haut!

_________

Abb. 5: Belina-Wesierski
*) Ostrów Lednicki gehört zur Gemeinde Lubowo und diese bis 1919 zum preußischen Landkreis Gnesen. Von den etwa 50.000 Einwohnern des Landkreises Gnesen waren 1905 67 % Polen und 33 % Deutsche (s. Wiki).
Der polnische Großgrundbesitzer Graf Albin Belina-Wesierski (1812-1875) (Wikigilt als Förderer der Archäologie im Landkreis Gnesen als der Urzelle des polnischen Staates. Er "unternahm ausgedehnte Reisen, auf denen er eine umfangreiche Sammlung archäologischer Funde zusammentrug. Das ererbte Gut baute er zu einem erfolgreichen landwirtschaftlichen Musterbetrieb aus. 1854 erhielt er mit königlichem Diplom die Bestätigung des preußischen Grafenstandes, wurde königlich-preußischer Kammerherr und Mitglied des preußischen Herrenhauses als Vertreter des Alten und Befestigten Grundbesitzes im Landschaftsbezirk Gnesen. In Zakrzewo ließ er ein repräsentatives Schloß im Stil des französischen Barock errichten, das von den Wirtschaftsgebäuden und einem Park umgeben war. 1856 kaufte Belina von der preußischen Regierung die Burg Ostrów Lednicki, um sie für die polnische Nation zu bewahren und vor Verfall zu schützen. Gelegen auf einer Insel im Lednica-See, ist sie eine Burg des ersten Piastenherrschers Mieszko I., der dort auch getauft wurde. Sie gilt damit als eine Wiege des polnischen Staates und darüber hinaus der Christianisierung Polens. Darüber hinaus engagierte Belina sich für die archäologische Erforschung dieser Burg und veröffentlichte einige Aufsätze darüber. Belina unterstützte auch die Posener Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften und die Krakauer Akademie der Gelehrsamkeit." Und (Wiki): "In seinem Schloß in Zakrzewo trug er eine Sammlung archäologischer Fundstücke zusammen, hauptsächlich aus Ostrów Lednicki und Umgebung, auf deren Grundlage er ein „Lednica-Museum“ errichten wollte. Zu seiner archäologischen Sammlung gehörten auch Münzen aus einem mittelalterlichen Schatzfund, der 1872 im Dorf Głębokie (heute Gemeinde Kiszkowo ) entdeckt wurde. Elf Brakteaten davon schenkte Węsierski dem British Museum in London." (Weiteres auch hier: Pojezierze2021)
**) Irgendwie erinnert insgesamt diese Herkunft der Piasten auch an den ersten Böhmen-König Samo (600-658 n. Ztr.) (Wiki), der womöglich ebenfalls aus der Gegend rund um das heutige Brüssel stammte - allerdings schon 300 Jahre früher lebte (Wiki):

Samo (* um 600; † um 658/659) war nach der Fredegarchronik, der einzig bekannten Quelle, ein aus dem Frankenreich stammender Kaufmann und der erste namentlich bekannte Herrscher eines slawischen Reiches. Um 623/624 gründete er das in Mitteleuropa gelegene Reich des Samo (lateinisch: regnum Samoni), welches Samo bis zu seinem Tod 35 Jahre lang als König (rex) regiert haben soll. (...) In der Fredegar-Chronik (IV, 48) wird ein "homo nomen Samo, natione Francos, de pago Senonago" genannt („Ein Mann namens Samo, fränkischer Herkunft, aus dem Gau von Senonago“). Dieser Satz kann jedoch unterschiedlich übersetzt und gedeutet werden. Teilweise wird heute davon ausgegangen, daß Senonago der heutigen französischen Stadt Sens südöstlich von Paris entspricht. Anderen Quellen zufolge handelt es sich beim Senonago allerdings um Soignies oder Sennegau. Mit "natione Francos" wurden in Quellen im 7. Jahrhundert allgemein die Bewohner des Frankenreichs bezeichnet.

Die Senne ist ein Fluß, der durch Soignies und Brüssel fließt. Soignes gehört zum Hennegau. Aber wie gesagt: Mieszko I. (Wiki) lebte 300 Jahre später. 

____________

  1. Zenczak, M., Handschuh, L., Marcinkowska-Swojak, M. et al. Genetic genealogy of the Piast dynasty and related European royal families. Nat Commun 17, 3224 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-71457-1, 6.4.2026 (Nat2026)

Samstag, 11. April 2026

Kriegseinsatz und Archäologie - 1941 bis 1945

Die Studienjahre des deutschen Archäologen Georg Kossack (1923-2004) - als exemplarisches Beispiel
Von der Schule an die Front - von der Front an die Universität

Wenn man das Selbstverständnis der deutschen Archäologen seit 1945 verstehen will, macht es Sinn, sich klar zu machen, mit welchen Erfahrungen die damalige Studenten-Generation 1945 aus dem Krieg nach Hause gekehrt ist. Als ein vielleicht willkürlich ausgewähltes Beispiel sollen im folgenden die Studienjahre des akademischen Lehrers heutiger bedeutender deutscher Archäologen (Harald Meller, Hermann Parzinger, Wolfgang Schier und anderer mehr) heraus gegriffen werden.

Abb. 1: Aus dem Studienbuch des Archäologie-Studenten Georg Kossack, Berlin 1943 (1)

Bei diesem akademischen Lehrer handelt es sich um den Münchener Archäologen Georg Kossack (1923-2004) (WikiDgtBib). Dieser hatte vormals auch in Kiel gelehrt und stammte ursprünglich aus Neuruppin in der Mark Brandenburg. Über diesen Archäologen ist im Jahr 2023 eine "Virtuelle Ausstellung" eröffnet worden, auf die sich die folgenden Ausführungen vor allem stützen (1). Dieser Archäologe Georg Kossack hatte so weise Lehren für seine Studenten im Gepäck wie die folgende (1):

Der Tag hat 24 Stunden. Sieben brauchen sie zum Schlafen, der Rest ist fürs Fach.

Ohne Frage: Hier brennt jemand für die Wissenschaft.*) Angeregt zur Auseinandersetzung mit Georg Kossack wurden wir durch die mehrfache Erwähnung desselben in einem gerade veröffentlichten Gespräch zwischen den Archäologen Harald Meller und Hermann Parzinger (2), sowie durch die Entdeckung des Umstandes, daß Georg Kossack aus Neuruppin stammte, sowie des Umstandes, daß er 1943 mit 20 Jahren als Schüler des Archäologen Hans Reinerth in Berlin in die heiligen Hallen der Wissenschaft eingetreten ist. Wir lesen (3):

Georg Kossack wuchs im brandenburgischen Neuruppin auf, wo er am 25. Juni 1923 geboren wurde und am humanistischen Friedrich-Wilhelm-Gymnasium die ersten Anregungen zur Beschäftigung mit der heimischen Vorgeschichte erfuhr, sodaß er schon vor seinem Notabitur im Jahr 1940 den Entschluß faßte, Vorgeschichte zu studieren.

Der Schüler Kossack wird in Bezug auf seinen Studienwunsch sicher auch von dem damals bedeutenden Archäologischen Museum in Heiligengrabe - in der Nähe von Neuruppin gelegen - Anregungen erhalten haben. Auf dieses lange vergessene Museum haben wir hier auf dem Blog schon vor einigen Jahren aufmerksam gemacht, nachdem wir es zufällig beim Vorbeifahren entdeckt hatten (Stg2019). (Kossack selbst erwähnt es aber in seiner eigenen wissenschaftsgeschichtlichen Darstellung mit keinem Wort [6].)

Die Eltern von Georg Kossack wohnten - zumindest 1943 - in Möhringstraße 6 in Neuruppin (1) gegenüber jenem Gebäude, in dem so manches Neuruppiner Kind in den letzten Jahrzehnten die Grundschule besucht hat. Er hatte somit nur zehn Minuten Fußweg zum Gymnasium am Marktplatz. Als Beruf seines Vaters wird "Kaufmännischer Leiter" angeführt. 

Eintritt als Kriegsfreiwilliger in die Wehrmacht - Am 1. Januar 1942

Georg Koassack ist am 1. Januar 1941 mit 18 Jahren als Freiwilliger in die Wehrmacht eingetreten - wie auf seinem Notabitur verzeichnet ist (DigtBibl).

Er wurde Angehöriger des brandenburgischen Infanterie-Regiments Großdeutschland (Wiki). Tat er das, weil er genug von der Schule hatte? War das eine Einzelentscheidung dieses Schülers? Oder haben sich damals viele Schüler - womöglich aufgrund von Werbeveranstaltungen? - als Freiwillige für die Wehrmacht gemeldet? Das geht aus den präsentierten Dokumenten vorderhand nicht hervor.

Ab 1942 kam er an der Ostfront zum Kriegseinsatz (DigBibl). Zu Anfang des Jahres 1942 war sein Regiment am Nordabschnitt der Ostfront im Einsatz, im Sommer 1942 im Südabschnitt derselben und am Ende des Jahres wieder im Nordabschnitt. Am 22. September 1942 erhielt er die Medaille "Winterschlacht im Osten 1941/1942". Kossack könnte ab Januar 1942 als Verstärkung des bis dahin durch die Kämpfe schon stark dezimierten Regiments Großdeutschland zum Einsatz gekommen sein. Es können das nicht nur erhebende Eindrücke gewesen sein für diesen jungen "Kriegsfreiwilligen" in dieser "Winterschlacht".**)

Ab April 1942 wurde das Regiment Großdeutschland zur Infanterie-Division Großdeutschland erweitert. Im Sommer 1942 war diese Division dann am Oberen und Unteren Don, am Donez und am Manytsch eingesetzt. Als Archäologie-Interessierter könnte Kossack die Landschaft dort als Heimat der Skythen wahrgenommen haben. (Als Urheimat der Indogermanen wird Kossack diese Region noch nicht wahrgenommen haben, denn sicheres Wissen darüber ist erst 2024 durch die Archäogenetik gewonnen worden, siehe die entsprechenden Beiträge hier auf dem Blog.)

Abb. 2: Lage des Frontvorsprungs bei Rschew seit Januar 1942, der erst im März 1943 von den Deutschen geräumt wurde

Ab 10. September 1942 wurde die Division Großdeutschland dann wieder am Nordabschnitt der Ostfront eingesetzt, und zwar in den Kämpfen um den Frontbogen um Rschew (Wiki) an der Oberen Wolga. Dort wurde die Division zum Gegenstoß angesetzt (Wiki):

Die Rote Armee antwortete mit dem verbundenen Einsatz von Artillerie, Werfern, Minen und besonders vielen Scharfschützen. Die Division Großdeutschland erlitt „hohe und höchste“ Verluste, die Panzerabteilung verlor 80 % ihrer Fahrzeuge. (...) In diesem Raum sollte die Division im Bereich des XXIII. und XXVII. Armeekorps den Rest des Jahres 1942 verbringen und sich während der sowjetischen Operation Mars im Lutschessa-Tal und bei Olenino den Namen „Feuerwehr“ verdienen. Die Infanterie-Division Großdeutschland wurde von jetzt an immer an Brennpunkten der Front eingesetzt. Das Jahr 1943 war zunächst für die Division mit dem Abschluß der Einsätze im Raum südlich von Rschew verbunden. Am 9. Januar traf der Befehl zum Abtransport nach Nowy Oskol ein.

Außerdem lesen wir (Wiki):

Bis Ende Januar 1943 war die Wehrmacht im Raum Rschew, Demjansk und Leningrad pausenlosen Angriffen der Sowjetarmee ausgesetzt, die allerdings nicht stark genug waren, um einen unmittelbaren Zusammenbruch befürchten zu lassen.

Im Zusammenhang mit diesen Kämpfen dürfte Kossack dann noch vor dem 9. Januar 1943 den "Verlust beider Unterschenkel infolge Erfrierungen" erlitten haben, von dem berichtet wird. Die Unterschenkel wurden amputiert, Kossack konnte sich aber mit Prothesen fortbewegen. Es ist das die selbe Zeit, in der die 6. Armee in Stalingrad ihren letzten Kampf führte (Abb. 2).

Studienbeginn in Berlin 1943 - Als Schüler von Hans Reinerth

Nach seiner Genesungszeit wurde Kossack am 21. September 1943 aus der Wehrmacht zurück nach Neuruppin entlassen. Er hatte aber vorher schon Resturlaub erhalten und im Sommersemester 1943 in Berlin mit dem Studium begonnen.

Abb. 3: Studienbuch von Georg Kossack, belegte Lehrveranstaltungen im Sommersemester 1943 in Berlin

Er studierte im Sommersemster 1943 bei Professor Hans Reinerth an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. Es war dies der bedeutendste Vertreter der sogenannten "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie (s. Stg17). Kossack hörte bei Reinerth die Vorlesungen "Die Bronzezeit" und "Die Germanen, ihre kulturelle und politische Leistung". Er nahm an einem Unter- und einem Oberseminar Reinerths teil. Außerdem hörte er bei anderen Professoren Vorlesungen, so zu "Wesen und Weltbedeutung der griechischen Kunst", zu "Geschichte der deutschen Philosophie bis Kant" und schließlich auch noch zu "Rasse und Volk" bei Professor Wolfgang Abel (Wiki). Dies war der Lehrstuhl-Nachfolger des Anthropologen Eugen Fischer. Den Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin hatte von 1992 bis 2001 Achim Leube (geb. 1936) (Wiki) inne, der 1971 in die SED eingetreten war. Er sagte 2004 über die Studenten, die bei Hans Reinerth in Berlin studiert hatten (9):

Vom Sommersemester 1935 bis Wintersemester 1944/45 studierten im 1. oder 2. Hauptfach bzw. im Nebenfach nach einer ersten Zusammenstellung 71 Studenten "Vorgeschichte", darunter 23 Frauen, d. h. ein Drittel aller Studierenden. Zu ihnen gehörten auffallend viele Berliner Stadtkinder, die aus dem mittleren oder Kleinbürgertum sowie aus Arbeiterschichten kamen (Wohnraum: Berlin-Lichterfelde und -Steglitz). Es kamen zu Reinerth aber auch Studierende aus dem gesamten Deutschland und nur vereinzelt aus dem Ausland, wie der Schwede Graf Eric Oxenstierna. Reinerth brachte anfangs von der Universität Tübingen einige Studenten mit und auch von Marburg kamen mindestens zwei Studenten.
Eine vorläufige Statistik der Promotionen im Fach Prähistorie an den deutschen Universitäten ergibt, daß zwischen 1933 und 1945 mindestens 81 Promotionen und Habilitationen durchgeführt wurden. Die meisten Dissertationen wurden am Berliner "Institut für Vorgeschichte und Germanische Frühgeschichte" absolviert. So haben in Berlin 19 Studenten das Studium mit der Promotion abgeschlossen, d. h. jeder vierte. Nur neun der Dissertationen, d. h. weniger als die Hälfte, wurden jedoch publiziert. (...) In anderen Arbeiten wurden Beobachtungen aufgegriffen, die durchaus als übergreifende Forschungsthemen definiert werden könnten. Dazu gehörte die Untersuchung technischer Entwicklungen, wie der Schiffbau (Friedrich Hufnagel), das Beleuchtungswesen (Hans v. Chorus) und das Bekleidungswesen (Walter v. Stokar) (...). Nach 1945 haben im Fach nur fünf Prähistoriker aus dem Umfeld Reinerths Fuß gefaßt. Es ist eine gewisse Tragik, daß der Mehrheit dieser jungen Menschen eine Zukunft im Fach versagt geblieben ist. Viele von ihnen sind offenbar in Verwaltungen oder im Lehrerberuf verblieben. Von den 48 bekannten männlichen Studenten sind 17 Personen im Krieg gefallen, d. h. jeder dritte.

Achim Leube wird gewußt haben, wovon er sprach. Eine ähnliche "Tragik" wird es für manchen DDR-Archäologen und Archäologie-Studenten nach 1989 gegeben haben. Ansonsten: Man ist immer wieder erschüttert über die Kriegsverluste der deutschen Archäologie-Studenten. Unter der Schülerschaft von Gero von Merhart war es ähnlich (siehe unten). Wie es dazu kam, daß so wenig Schüler von Hans Reinerth nach 1945 im Fach Fuß fassen konnten, dazu hat dieser genannte Gero von Merhart allerdings sehr viel beigetragen - wie wir weiter unten noch hören werden.

Zurück zu Georg Kossack. Im Wintersemester 1943/44 studierte er Archäologie in Halle bei Walther Schulz (Wiki). Dies war der Nachfolger von Hans Hahne, des Neugestalters des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Halle. Auch sie waren beide zugehörig zur "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie.

Abb. 4: Das Hauptwerk von Hans Reinerth ab 1940***)

Im Sommersemester 1944 studierte Kossack dann in Freiburg im Breisgau bei dem Archäologen Georg Kraft (1894-1944) (Propyl). Kraft hatte wiederum gemeinsam mit Reinerth in Tübingen studiert. Kossack hörte bei ihm die Vorlesung "Die Kelten", verfolgte in Freiburg auch weiterhin seine Interessen für griechischen Kunst, hörte auch die Vorlesung "Deutsche Plastik im 13. und 14. Jahrhundert". Außerdem belegte er drei Lehrveranstaltungen bei dem Professor für Anthropologie Johann Schäuble (1904-1968) (Wiki). Dieser sollte ab 1957 die "Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie" heraus geben. Sodann lesen wir (DigBibl):

Das weitere Studium in Freiburg im Breisgau war nicht mehr möglich, weil Georg Kraft bei den Luftangriffen (Operation Tigerfish) auf Freiburg am 27. November 1944 getötet worden war.

- - - Nur noch mal zur Einordnung: Das war keine reguläre Kriegsführung. Das war Kriegsverbrechen. - Was für krasse Studienjahre. Sterben war allerdings für den Studenten Georg Kossack nichts Neues. Für das Wintersemester 1944/45 wechselte Kossack zurück nach Halle.

Das Schiff sinkt ... - schnell runter ... - November 1944

Doch nun stellen wir eine entscheidende Wende im Leben von Georg Kossack fest. Innerlich scheint sich Kossack spätestens zu diesem Zeitpunkt für eine ganz andere Richtung hinsichtlich der Fortsetzung seines Studiums entschieden zu haben: Alle bisher genannten Archäologen - in Berlin, in Halle und in Freiburg - gehörten der sogenannten "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie an. Schon vor seinem Wechsel zurück nach Halle muß Georg Kossack aber nun an den schon emeritierten Marburger Archäologen Gero von Merhart (1886-1959) (Wiki) geschrieben haben und ihn um Rat gefragt haben, was die Weiterführung seines Studiums betrifft. (Der Lehrstuhlnachfolger von Merhart in Marburg, Wolfgang Dehn [Wiki], war 1944 zum wiederholten mal zur Wehrmacht eingezogen worden. Deshalb hat Merhart für ihn die Lehrveranstaltungen bis 1947 übernommen, bis Dehn aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück gekehrt ist.) 

Welche Überlegungen, gegebenenfalls Gespräche unter den Studenten und akademischen Mitarbeitern Kossack bei dieser Kontaktaufnahme zu Merhart leiteten, ist bislang nicht klar. Vielleicht haben ja sogar Angehörige der Kossinna-Schule selbst Kossack zu diesem Schritt geraten. Gero von Merhart war - sozusagen - einer der führenden Köpfe der ideologischen Gegner der "Kossinna-Schule". Das wird Georg Kossack sicher deutlich bewußt gewesen sein. Und sein Wechsel nach Marburg war diesbezüglich sicher eine sehr bewußte Entscheidung. Hat Kossack mit dem nahenden Kriegsende voraus gespürt, daß es für ihn als Schüler der Kossinna-Schule in der deutschen Archäologie keine Zukunft mehr geben würde? Das haben in jenen Jahren wohl viele Archäologen ähnlich frühzeitig wahrgenommen. Denn Reinerth stand in jener Zeit schon ziemlich isoliert innerhalb seines eigenen Faches da.

Gero von Merhart hatte das Jesuiteninternat Stella Matutina in Feldkirch in der Schweiz besucht und hatte dort 1906 die Matura erworben (Acad). In den 1930er Jahren sandte er auch wieder seine eigenen Söhne auf dieses Jesuiteninternat. Unter anderem deshalb war er von Seiten der "Kossinna-Schule" als Teil eines christ-katholischen Netzwerkes wahrgenommen worden, das sogar innerhalb des Dritten Reiches sehr einflußreich geblieben sei, und aufgrund dessen mehrere Archäologen der Kossinna-Schule sogar während des Dritten Reiches glaubten, bespitzelt zu sein. Merhart wurde aufgrund dieser Gegnerschaft im Jahr 1938 als Professor beurlaubt. Er erhielt allerdings im Gegenzug einen Forschungsauftrag des SS-Ahnenerbes, den er auch annahm (8). Der erstere Umstand wurde nach 1945 hervor gehoben, der letztere Umstand trat völlig in den Hintergrund. Er ist dementsprechend auch bis heute auf Wikipedia nicht erwähnt. - Merhart antwortete nun auf Kossack's Schreiben. Und Kossack schrieb am 17. Dezember 1944 an Merhart:

Es war für mich eine große Beruhigung, in der Weiterführung des Studiums nunmehr klarer sehen zu können als es sonst der Fall sein mußte.

Er schreibt schon, daß er bezüglich der Zimmersuche in Marburg mit einer baldigen Zusage rechnet und daß er deshalb hofft, bald nach Marburg kommen zu können:

Bis zu diesem Zeitpunkt werden ja wohl hoffentlich die äußeren Umstände, unter denen wir alle im Äußersten zu leiden haben, günstigere sein. 

Eine auffallend "optimistische" Äußerung für jemanden, der am 17. Dezember 1944 mitten in Deutschland lebt, und dessen akademischer Lehrer in Freiburg gerade im Bombenhagel ums Leben gekommen war.

Zunächst setzte Kossack noch bis zum Semesterende sein Studium in Halle fort, wo er wieder Vorlesungen und Seminare bei Walther Schulz besuchte. Er hörte aber auch wieder Vorlesungen zur "Erb- und Rassenlehre", sowie "Rassenbiologie", diesmal bei Professor Georg Frommolt, einem in Halle angesehenen Gynäkologen und Anthropologen.

Halle wird durch die US-Armee besetzt - 19. April 1945

Am 19. April 1945 wurde Halle durch die 104. US-Infanteriedivision („Timberwolf-Division“) eingenommen. Die Kämpfe um die Stadt dauerten vier Tage, bevor die Übergabe erfolgte. Es gab aber keine größeren Zerstörungen.

Am 23. Mai 1945 wurde für Georg Kossack vom "Military Gouvernement of Germany" eine "Temporary Registration" ausgestellt, nach der er sich nicht aus Halle entfernen durfte - unter Androhung von sofortigem Arrest.

Neubeginn in Marburg - September 1945

Erst im September 1945 wird Kossack dann für das Wintersemester 1945/46 in Marburg eingetroffen sein. Dort ist er nun für sein 5. Fachsemester an der Universität Marburg eingeschrieben. Welche inneren Verschiebungen, äußeren Erfahrungen und Gespräche mögen es gewesen sein, die den einstigen Kriegsfreiwilligen des Jahres 1940 im Verlauf der vier Jahre bis Ende 1944 nun so entschieden nach Marburg wechseln ließen? 

Abb. 5: Gero von Merhart mit Dokotoranden und Studenten vor der Elisabethkirche in Marburg 1938 - Margarethe Philippson 2. v.r. (AktaArcha)

Die ersten sieben Veranstaltungs-Eintragungen im Studienbuch für das Wintersemester 1945/46 liegen alle im Bereich Germanistik, in dem er bislang nicht studiert hatte. Diese germanistischen Studien hat er auch in den Folgesemestern in kleineren Anteilen fortgesetzt, ergänzt durch Lehrveranstaltungen zur allgemeinen Geschichte. So hörte er etwa auch eine Vorlesung zur "Geistesgeschichte Rußlands im 18.-19. Jahrhundert". Bei Gero von Merhart hörte er "Einführung in die Urgeschichte" (1):

Die prägenste akademische Station für Georg Kossack war das Studium im sogenannten "Marburger Laden". Neben Gero von Merhart (1886-1959) gestaltete Margarete Philippson (genannt "Der Philipp") das Institutsleben, "... weil sie aus dem Seminar einen 'Laden' formte, eine Gemeinschaft, deren Mitglieder sich in politisch schwieriger Zeit aufeinander verlassen konnten und Freundschaften schlossen, die lebenslang hielten." (G. Kossack 1986, S. 4).

So zitiert nach (4). Diese Margarete Philippson (geb. 1903) (DigBibl) war die langjährige Sekretärin Merharts (Propyl). In einer Veröffentlichung des Jahres 1973 erinnert sich jemand an die Fürsorge (GB, 1973, S. 333), ...

... die mir Merharts langjährige Sekretärin, Frau Margarete Philippson, Marburg, hat zuteil werden lassen. Sie hatte uns Jüngere ja schon während unseres Studiums betreut, war uns Kamerad geworden und zuverlässiger Mentor in schwierigen Lagen. Sie hat Merharts Schicksal treu und uneigennützig mitgetragen, verstand ihn wie niemand sonst und wußte in vielen Gesprächen die Stimmung wiederzuerwecken, die die Persönlichkeit Merharts in guten wie in schweren Tagen um sich verbreitet hat.

Erschütternd die Zeilen, die Gero von Merhart am 23. Mai 1946 an seinen vormaligen Kollegen Gerhard Bersu schrieb, der nach England emigriert war (zit. n. 8):  

Von meinen und jedenfalls teilweise Ihren Schülern sind Buttler, Kersten, Holste, Wagner, Eckes, Lucke, Behaghel und Grünberg draußen geblieben und Nass in der Fremde gestorben.

Kossack blieb in Marburg bis zum Sommersemester 1947. Wir lesen (2): 

Mit dem Wechsel nach Marburg 1945/46 brach für Kossack ein entscheidender neuer wissenschaftlicher und persönlicher Lebensabschnitt an. Als Teil einer jungen, in jeder Hinsicht vom Krieg versehrten Generation fand Kossack in Marburg mit Gero von Merhart nicht nur einen akademischen Lehrer, der selbst im Nationalsozialismus durch die Aktivitäten Hans Reinerths seinen Lehrstuhl verloren  hatte, sondern auch eine Persönlichkeit, die für diese Generation prägend wirken sollte und für einen ideologiebefreiten Neubeginn des Faches stand.

Nunja, "ideologiebefreiter Neubeginn", das klingt ein bisschen nach Plattitüde, das klingt schon wieder für sich selbst "propagandistisch", plakativ. Nein, wir können es auch genauer sagen: Es ist nicht ideologiefrei, wenn ich bereit bin, wissenschaftlich alles für richtig zu halten nur nicht das, was ein Gustaf Kossinna und seine Schüler und "Enkel" für richtig gehalten haben. Genau das ist erneut: "Ideologie".

Die Rolle Gero von Merhart's in den Entnazifizierungsverfahren zahlreicher Fachkollegen, die fast alle Nationalsozialisten waren und der SS angehört hatten, ist schon 2012 in einer Studie kritisch hinterfragt worden (8) von einer Marburger Archäologin, die zu Gero von Merhart eine Magisterarbeit vorgelegt hatte und zu ihm auch eine Doktorarbeit erarbeitete (die wohl bis heute nicht veröffentlicht ist [?] - so groß scheint das Interesse in ihrem kritischen Hinterfragen dann innerhalb des Faches doch nicht zu sein). Zusammenfassend ist dabei festgestellt worden, daß Gero von Merhart maßgeblich zur "Legendenbildung" beigetragen hat was die Geschichte der deutschen Archäologie zwischen 1933 und 1945 betrifft (8):

Die Entnazifizierungsverfahren, an denen Merhart mitwirkte, stützen sich dabei auf den Versuch, ein Schwarz-Weiß-Bild der NS-Prähistorie zu zeichnen. Hans Reinerth bekam darin den Part des „Bösen“, also Auszuschließenden, der damit auch die Funktion hatte, die „Guten“ zu entlasten. Einher ging dies mit der Festschreibung, Reinerth habe völkisch übersteigerte Germanomanie betrieben, während die Merhart nahestehenden Forscher methodisch sauber und objektiv wissenschaftlich gearbeitet hätten. Diese Sicht steht in einem direkten Gegensatz zur gesamtgesellschaftlichen Entlastungslegende, die in der SS den Hauptakteur der deutschen Verbrechen sehen wollte. Sie schlägt sich noch zwanzig Jahre später in den beiden Arbeiten von Reinhard Bollmus (1970) und Michael Kater (1974) nieder und bestimmt, von diesen Arbeiten ausgehend, auch heute noch oft die Forschung. Einen Blick auf die direkte Nachkriegszeit zu werfen, bedeutet daher, zu den Anfängen der Legendenbildung zurückzukehren.

Wie wir unten noch sehen werden, ist auch Kossack dieser "Legendenbildung" bis zu seinem Lebensende nicht entgegen getreten, weshalb sie bis heute so außerordentlich stark nachwirkt. Übrigens weist die Rolle Gero von Merharts viele Parallelen auf mit der zeitgleichen Rolle, die der führende Pastor der Bekennenden Kirche Martin Niemöller nach 1945 bei der Rehabilitierung zahlreicher Pfarrer spielte, die zuvor den "Deutschen Christen" angehört hatten. Aber das nur nebenbei.  

Der wissenschaftliche Nachlaß von Georg Kossack soll übrigens noch mancherlei spannende Details enthalten, die auf die Zusammenhänge Licht werfen könnten. Darüber wird unter anderem angeführt (3):

Ein anderes Beispiel betrifft Kossacks Sammlung von für ihn forschungsgeschichtlich interessanten Quellen. Eine dieser Quellen ist die schriftliche Dokumentation einer Veranstaltung der Stadt Ahrensburg zum Umgang mit dem Andenken an Alfred Rust unter dem Titel »Alfred Rust und die Rahmenbedingungen für die Archäologie im Dritten Reich« vom November 2000. Die Veranstaltung dokumentiert die hitzige Diskussion, ob ein archäologischer Lehrpfad nach dem Ahrensburger Ehrenbürger Alfred Rust benannt werden soll und wie Rusts Tätigkeit für das »Ahnenerbe« und seine freiwillige Meldung zur Waffen-SS zu bewerten seien (vgl. Pape 2002, 330). Diese Diskussion steht exemplarisch  für die Konfliktlinien im Umgang mit deutschen Prähistorikern, deren Karrieren vor 1945  erst in den letzten 20 Jahren verstärkt Beachtung geschenkt wurde. Auch wenn Kossack  sich in diesem Themenfeld in erster Linie zum Fall Merhart und zur Rolle Hans Reinerths geäußert hat, so finden sich doch zahlreiche - meist unpublizierte - Quellen und Notizen zu diesen Fragen in seinem Nachlaß (Kossack 1999, 56–76).

Es dürfte spannend sein, darüber noch mehr zu erfahren. Und wir wollen solche Fragestellungen auch hier auf dem Blog weiter im Auge behalten.

Kossack's Darstellung zur Geschichte der deutschen Archäologie im Dritten Reich (1999)

Georg Kossack wurde im Jahr 1988 emeritiert. Zehn Jahre nach seiner Emeritierung und fünf Jahre vor seinem Tod gab er eine Darstellung zur Geschichte seines Faches während des 20. Jahrhundertes und insbesondere auch während des Dritten Reiches (6). Es handelt sich um jene, die am Ende des letzten Zitates erwähnt worden ist. Diese Darstellung läßt den Leser mit eigentümlichen Gefühlen zurück. An zentraler Stelle derselben zitiert er einen Brief von Gero von Merhart aus dem Herbst 1945 an den ostdeutschen Archäologen Bolko Freiherr von Richthofen. Merhart's darin enthaltene Sichtweise auf die Entwicklung des Faches bis dahin scheint Georg Kossack noch im Jahr 1999 vollständig zu teilen. Dies gilt insbesondere auch bezüglich der Würdigung der Verdienste von Gustaf Kossinna, die sich in diesem Brief von Merhart auch findet.

1. Zur Einordnung Kossinna's in die Wissenschaftsgeschichte

Kossack führt in seiner Darstellung einleitend aus (6):

Nach dem ersten Weltkrieg trat bei manchen Archäologen in Deutschland der nationale, völkische Gedanke in den Vordergrund und spornte zu intensivierter Germanenkunde an, vor allem in den Ländern ostwärts der Elbe. Heute beurteilt man die Gelehrten, die diese Richtung vertraten, als Wegbereiter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das ist genauso irreführend als wenn man behauptete, alle Vorgeschichtsforscher der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR hätten dort die ideologischen Voraussetzungen für die „sozialistische“ Diktatur geschaffen, nur weil einige in führender Position den historischen Materialismus als einzig mögliche Methode auch prähistorischer Forschung praktizierten.

Er stellt ausführlich die Fragestellungen, Bestrebungen und Sichtweisen des Anthropologen und Archäologen Rudolf Virchow dar und die sich daran anknüpfenden Fragestellungen und Sichtweisen von Forschern anderer Fächer. In den Rahmen all dieser Bestrebungen ordnet er dann - sozusagen "harmonisch" - die Fragestellungen und Sichtweisen von Gustaf Kossinna ein.

Abb. 6: Titelseite der Darstellung von Georg Kossack, 1999

Kossinna erscheint danach keineswegs als "bracchialer Neuerer", sondern als jemand, der Fragestellungen anderer Disziplinen erstmals konkreter auf die Archäologie angewandt hat (6):

Der Grundgedanke, aus der Verbreitung typischer Formen des Sachbesitzes auf verkehrsgeographisch begründbare Räume und infolgedessen auf Territorien zu schließen, die ethnisch einheitliche Bevölkerungsgruppen bewohnten, geht auf Überlegungen der Anthropogeographie zurück. Carl Ritter (1779-1859) und Friedrich Ratzel (1844-1904) hatten dieses Wissensgebiet zu einer selbständigen Disziplin gemacht, wobei Ratzel an die philosophischen Systeme von Montesquieu und Herder anknüpfte und vornehmlich aus ethnographischen Quellen schöpfte. Die Menschen, lehrte er, seien keine beliebig manipulierbare Größe im historischen Prozeß, sie unterschieden sich nach biologischen Merkmalen wie nach ihren kulturellen Einrichtungen. Deshalb dürfe man von raumbezogenen Kulturgruppen sprechen. Aus anthropologischen Merkmalen und ethnographisch beschreibbaren Besitztümern ließen sich die Beziehungen zwischen den Völkern rekonstruieren. Außer den sprachlichen Eigentümlichkeiten müsse vor allem der Verbreitung der Gegenstände Bedeutung zugemessen werden, „weil die Gegenstände den Stempel des Volkes tragen, das sie verfertigte. Wir erkennen an ihnen, wo immer sie auftreten mögen, das Volk, von dem sie ausgehen“ (1891). Deshalb spiegele sich in ihrer geographischen Verbreitung der Verbreitungskreis des Volkes oder dessen Verkehrsraum wider. Je enger das Objekt mit denjenigen zusammenhinge, die es verwendeten, desto sicherer setze ihre Übertragung in andere Kulturkreise Völkervermengung und -mischung voraus. Diese Gedanken waren bei den Kontakten der Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte im „anthropologischen Zeitalter“ des Faches in Deutschland gemeinsame Überzeugung aller Forscher. Für die prähistorische Archäologie sie präzise formuliert zu haben, war das Verdienst eines Germanisten, Gustaf Kossina (1858-1931). Wenn zum Begriff „Volk“ seit Herder ein abgeschlossenes, mehr oder weniger dicht besiedeltes Landgebiet von annähernd einheitlicher Kultur und Sprache gehörte, müßten, folgerte Kossinna 1895, in den „archäologischen Kulturprovinzen“ Völker- oder Stammesgebiete stecken. Später erhob er diese Hypothese zum Lehrsatz: „Scharf sich heraushebende, geschlossene archäologische Kulturprovinzen fallen unbedingt mit bestimmten Völker- und Stammesgebieten zusammen“.

In einer Anmerkung nennt Kossack wissenschaftliche Literatur, die sich mit Kossinna befaßt und stellt in diesem Zusammenhang erneut fest:

... hier als einer der Wegbereiter nationalsozialistischer Ideologie beurteilt, eine Simplifizierung, die von geringer Kenntnis der Ära zeugt, die Kossinna geprägt hat (s.u. S. 39 ff).

Wie er selbst Kossinna beurteilt, wird aus den weiteren Ausführungen deutlich (6):

In Richard Wagners „Ring“, 1876 erstmals zusammenhängend aufgeführt und schon damals als nationale Tat gefeiert, schien germanisch-deutsches Wesen wiederzuerwachen. Viele Deutschbewußte verstanden dieses Erlebnis als Einladung, sich intensiver mit Germanenkunde zu befassen, die damals in der Literatur- und Sprachwissenschaft als philologische Teildisziplin Hervorragendes geleistet hatte. Indessen, der sich formierende Widerstand gegen den raschen Aufschwung experimenteller Fächer und die unheilvollen Folgen rasanter Industrialisierung, gegen den fortschreitenden Zerfall der alten Standesordnung und deren Wertbegriffe, schließlich gegen die steigende Gewinnsucht und das Imponiergehabe eines saturierten Bürgertums, er rief jene „völkische Bewegung“ ins Leben, in der sich alsbald auch namhafte Akademiker zusammenfanden. Sie verteilten sich zwar auf zahlreiche Organisationen mit variierenden Programmen, aber der Gedanke an eine Reform des Lebens, die in der edlen Größe des Germanentums ihr Vorbild haben sollte, einte sie. Insofern legten sie ein pseudophilosophisches Fundament, auf dem die „Konservative Revolution“ der zwanziger Jahre weiterbauen konnte.

So weit, sicherlich so richtig. Und man möchte fast vermuten, Kossack würde hier auch über seine eigene Jugendzeit schreiben. Ausdrücklich kenntlich macht Kossack das allerdings nicht. Kossinna, so schreibt Kossack weiter (6), ...

... ließ sich von einer geistigen Bewegung tragen, die man sehr bewußt als Abkehr von der bürgerlich-liberalen Kultur der Zeit empfand. Wer gemeinschaftlich die mannigfaltigen Erscheinungsformen der Natur, der bäuerlichen Lebensweisen und die Werke aus urbaner Vergangenheit erwanderte, für den erwuchs daraus ein geschärftes Wertbewußtsein für die Schöpferkraft, die in den Leistungen des eigenen Volkes Gestalt gewann. Dem Bedürfnis, dessen Ursprung nachzugehen, entsprach Kossinna schon 1912 in seinem Buch „Die deutsche Vorgeschichte, eine hervorragend nationale Wissenschaft“.

Auch dies ist sachlich richtig. Und man möchte auch hier wieder fast heraus hören, was Kossack selbst in seiner Jugend dazu veranlaßte, Archäologie zu studieren - als Schüler dieser Kossinna-Schule und geprägt womöglich auch aufgrund von Erfahrungen in der Hitler-Jugend des Dritten Reiches. Daß Kossack sich der Einseitigkeiten der Kossinna-Schule bewußt ist, wird ebenso deutlich und wird auch gut durch Gero von Merhart in seinem Brief vom Herbst 1946 gekennzeichnet.

2. Zur deutschen Archäologie während des Dritten Reiches

Kossack's Darstellung der Geschichte der deutschen Archäologie während des Dritten Reiches wird man nun allerdings doch recht einseitig nennen müssen. Er folgt nur der Sicht Gero von Merhart's auf diese Geschehnisse, in keiner Weise der Selbstwahrnehmung der Kossinna-Schule in dieser Zeit. Er stellt es so dar, als ob der starke, totalitäre Staat den machtlosen "redlichen" Archäologen gegenüber gestanden sei. Das ist sicherlich eine Facette dieses Geschehens - aber nicht das vollständige Bild. Unter Berufung auf (7) führt er aus, es seien von Seiten des Staates gebraucht worden (6) ...

... organisatorisch begabte, selbstbewußte Naturen, die es an den Schaltstellen der Macht vor allem unter jungen Leuten in etlicher Menge gab, in Parteiämtern, im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und auch in der Notgemeinschaft (Deutsche Forschungsgemeinschaft), die seit 1920 viele Unternehmen und qualifizierten Nachwuchs finanziell gefordert hatte, aber nach der Machtübernahme Hitlers dem „Führerprinzip“ glaubte folgen zu müssen. Man begann dort alsbald, auch Rosenbergs parteiamtliche Kontrollbehörde und Himmlers Schützlinge mit erheblichen Beträgen zu unterstützen, bis 1936 die einsetzende Kriegswirtschaft („Vierjahresplan“) eine Wende in der Wissenschaftspolitik notwendig erscheinen ließ. Wie sie sich auf die Forschungsgemeinschaft auswirkte, untersuchte kürzlich Notker Hammerstein (1999). Ein Protege Himmlers, höherer SS-Offizier, im Ministerium leitend tätig, übernahm die Präsidentschaft der Forschungsgemeinschaft, weitete die Förderung auf kriegswichtige Zweckforschung aus („Reichsforschungsrat“), zu der auch die Volkstumsforschung aller einschlägigen Sparten zählte, und vergaß dabei das „Ahnenerbe“ nicht, während er Rosenberg die bis dahin reichlich fließenden Mittel sperrte. Das hinderte jedoch weder den Reichsleiter noch dessen Gehilfen im Amt Vorgeschichte, Hans Reinerth (1900-1990) daran, Professoren konservativer Geisteswissenschaften unsachlich, ja rüde zu diskreditieren.

In dem letzten zitierten Satz fehlt der logische Zusammenhang mit den vorhergehenden Ausführungen. Mittelsperrung hätte Reinerth also "hindern" sollen, "rüde zu diskreditieren"? Könnte es nicht umgekehrt sein, daß Reinerth auch in dieser Mittelsperrung Machenschaften seiner "Gegner" sah, die dazu geführt haben könnten, daß sich sein Ton und sein Verhalten gegenüber den von ihm identifizierten "gegnerischen" Netzwerken verschärfte? Daß auch eine solche Sichtweise zumindest möglich ist, fehlt uns bei der Darstellung von Kossack. Kossack weiter (6): 

Das trieb etliche Studenten und Fachvertreter in die Arme der SS und ihres „Ahnenerbes“ , weil sie sich dort unangreifbar, der herrschenden Klasse zugehörig wähnten. Reinerth, bis 1934 Dozent in Tübingen, wo er sich ungerecht behandelt fühlte, im Rosenbergschen „Kampfbund für deutsche Kultur“ in leitender Position tätig, wurde 34jährig an die Berliner Friedrich Wilhelms-Universität und zugleich in die erwähnte parteiamtliche Kontrollbehörde berufen. Er setzte sich sogleich vehement für das geplante Reichsinstitut ein, auch mit unredlichen Mitteln, die er um so bedenkenloser nutzte, je mehr er Widerstand gegen seine Person und seine Forderung nach alleiniger Führerschaft vernahm (Heiber 1966, 245ff.; Bollmus 1970, 162ff. 221 ff.; Junker 1997, 55ff). Seine Gegner fand er im Marburger Kreis um Gero v. Merhart und in den Präsidenten des Archäologischen Instituts, Gerhard Rodenwaldt (1886-1945) und Theodor Wiegand (1864-1936), der zur Führungsspitze des Staates Verbindungen unterhielt.

Bei dem erwähnten "Protege Himmlers" handelt es sich um Rudolf Menzel (1900-1987) (Wiki), von dem berichtet wird, daß er schon in Göttingen "Netzwerke" geknüpft habe, und daß er ein ausgesprochener Karrierist gewesen sei. Während Kossack also noch verstehende Worte für Kossinna findet, findet er solche für Hans Reinerth in keiner Weise mehr.

Im Gegenteil. Ohne eigene Distanzierung und Einordnung zitiert er einen Brief Gero von Merhart's aus dem Herbst 1945 an den ostdeutschen Archäologen Bolko Freiherr von Richthofen, in dem Merhart Reinerth nichts weniger als einen "Lumpen" nennt, und in dem er von der "Schuld" ostdeutscher Kollegen am Niedergang des Faches spricht, und in dem er spricht von den "wissenschaftlich-politisch-weltanschaulichen Bastarden", die die Fehlentwicklung des Faches hervor gebracht hätten. Das sind schon krasse Bewertungen und Stimmungen, die aus diesem Brief sprechen. Ist es wirklich so, daß Gero von Merhart selbst völlig von "Rachsucht" frei war? Wenn dieser Brief also womöglich insgesamt auch rein sachlich die Entwicklungen innerhalb der deutschen Archäologie zwischen 1933 und 1945 ganz treffend charakterisiert, wird doch deutlich, daß Merhart persönlich in gar keiner Weise erhaben "über den Dingen" stand. Sondern auch dieser Brief schüttete nur wieder neues Öl ins Feuer. Mehrhart schreibt gar (6):

Die niederträchtige Behandlung, die Reinerth unter Deckung Rosenbergs mir widmete, hat meine Gesundheit zerschlagen.

Da scheint rein menschlich alles Porzellan zerschlagen, das überhaupt nur hatte zerschlagen werden können. Als Nachgeborener fragt man sich, woher diese überaus starken Emotionen gerührt haben mögen. Merhart selbst stellt sich nur als Opfer, nicht als Mitwirkender in Netzwerken und nicht als Nutznießer von Netzwerken dar, die ebenfalls während des Dritten Reiches über Einfluß verfügten. Kossack übernimmt diese Sichtweise Merharts offenbar vollständig. Eigenwahrnehmungen läßt Kossack nicht einfließen. Zu diesen ist sein Mund wie "zugenäht".

Walter Jens war gleichen Jahrgangs wie Kossack. Walter Jens starb zehn Jahre nach Kossack. Das Buch seines Sohnes Tilman Jens "Demenz - Abschied von meinem Vater" erschien 2009, zehn Jahre nach dem hier behandelten Aufsatz von Georg Kossack. Ob mit diesem Buch nicht auch der innere Zwiespalt, die "Demenz" und der zugenähte Mund eines ganzen Jahrgangs gekennzeichnet ist?

Soweit wir die wissenschaftliche Literatur zur Wissenschaftsgeschichte der Archäologie im Dritten Reich übersehen, werden selten bis nie Verbindungen und Überschneidungen gesehen und aufgezeigt mit dem damaligen, parallelen "Kirchenkampf" im Dritten Reich, mit der damaligen "Glaubenskrise" im Dritten Reich (rund um die sogenannten "Deutschen Christen"). Es ist aber doch deutlich, daß die Kossinna-Schule der deutschen Archäologie - ebenso wie Alfred Rosenberg selbst - klar für einen damaligen, starken neuheidnischen Impuls im deutschen Geistesleben standen. Und zumindest soweit es die Eigenwahrnehmung der Kossinna-Schule selbst betrifft, wehte ihr gerade wegen dieses fehlenden christlichen "Gesangbuches" so viel Gegenwind aus der eigenen Facharchäologie entgegen. Und sie sahen diesen Gegenwind insbesondere in Gero von Merhart verkörpert, der, wie erwähnt, nicht nur selbst in der Schweiz auf ein Jesuitengymnasium gegangen war, sondern der auch seine eigenen Söhne auf dieses schickte.  

/ Letzte Ergänzungen 
nach (8 und 9): 7.5.2026 /

______________

*) Während der Verfasser dieser Zeilen über Kossack schreibt, muß er oft an seinen eigenen akademischen Lehrer, den Mainzer Bismarck- und Fontane-Biographen Ekkhart Verchau (1927-2016) (Wiki) denken. Verchau stammte aus Salzwedel in der Altmark und war vier Jahre jünger als Kossack. Aber in Bezug auf eine gewisse "Bärbeißigkeit" mögen Ähnlichkeiten bestanden haben. 
**) Über das, was das Regiment Großdeutschland bis Januar 1942 schon alles durchgemacht hatte, ist zu lesen (Wiki):
Die endgültige Wende in der Schlacht um Moskau brachte die sowjetische Gegenoffensive ab dem 5. Dezember, welche auch das Regiment Großdeutschland traf. In der Nacht auf den 7. Dezember gab es die ersten Gefechte mit den frischen sibirischen Truppen, die hervorragend für den Winterkampf ausgebildet und ausgerüstet waren. Nachdem Generaloberst Guderian eigenmächtig für seine Panzerarmee den Rückzug befohlen hatte, begann dieser für die Einheiten des Infanterie-Regiments Großdeutschland in den Morgenstunden des 8. Dezembers. In den nächsten Wochen zogen sich die Einheiten des Regiments immer weiter nach Westen zurück. Die Gefechtsstärke der Kompanien sanken dabei auf jene von Zügen, sodaß Einheiten zusammengelegt werden mußten. Die vom Vormarsch her bekannte Stadt Mzensk passierten die dezimierten Großdeutschland-Verbände am Morgen des 22. Dezembers westwärts. In der Nähe von Bolchow wurden die Reste des Regiments in den Oka-Brückenkopf eingegliedert. Nach einigen Tagen der Ruhe griff die Rote Armee den Brückenkopf immer wieder an und fügte den dezimierten Verbänden noch weitere Verluste zu. Am 20. Januar wurden diese aus der Verteidigungsstellung herausgelöst und bis 21. Februar für lokale Angriffsunternehmen in Dörfern wie Jagodnaja oder Gorodok, die sich im Großraum Belew befanden, eingesetzt. Durch diese verlustreichen Kämpfe sank die Kampfstärke des einstmals so großen Verbandes auf drei Offiziere und 30 Unteroffiziere und Mannschaften, fast 1.000 Mann waren in den vergangenen Monaten gefallen und etwa 3.000 verwundet worden.

***) Reinerth hat sich in diesem Werk unter anderem Mühe gegeben, alle archäologischen Hinweise auf einen Odin-Glauben bei den germanischen Stämmen zusammen zu tragen. Sie finden sich verstreut in den drei Bänden. Im Zusammenhang mit dem Odin-Glauben wollten Teile der SS den heidnischen Germanen in Anlehnung an den Marburger Religionswissenschaftler Rudolf Otto ("Das Heilige", 1917) damals unterstellen, es hätte bei ihnen "Männerbünde" gegeben (die dementsprechend - in Form der SS und anderer Männerbünde - fortzuführen wären). "Neuheiden" wie Bernhard Kummer sind dieser Annahme damals entschieden entgegen getreten (wohl in Übereinstimmung mit Alfred Rosenberg). Und offenbar hat auch Hans Reinerth zu dieser Frage das Seine beitragen wollen. Das mag einer der vielen Aspekte im Leben von Reinerth sein, die vermutlich noch nicht ausreichend Aufmerksamkeit gefunden haben.

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  1. Dr. Gabriele Rasbach, Sandra Schröer-Spang M.A.: Georg Kossack (1923-2004) - Wegbereiter einer interdisziplinären Archäologie. Eine virtuelle Ausstellung zum 100. Geburtstag. Gestaltet von der Römisch-Germanischen Kommission, die den Nachlass Georg Kossacks aufbewahrt (DgtBib)
  2. Harald Meller trifft Hermann Parzinger - Skythen. Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, Veröffentlicht am 9.4.2026, aufgenommen im Jahr 2024 (Yt2024)
  3. Urte Dally und Christoph Jahn: Der wissenschaftliche Nachlaß von Georg Kossack (1923-2004). In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte / Band 97 / 2019 (pdf) 
  4. Gedenkschrift für Gero von Merhart. Zum 100. Geburtstag. Frey, Otto-Hermann; Dobiat, Claus; Roth, Helmut; Merhart, Gero von. Hitzeroth, Marburg 1986
  5. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Band 35. 1973 (GB, 1973, S. 333)
  6. Kossack, Georg: Prähistorische Archäologie in Deutschland im Wandel der geistigen und politischen Situation. In: Sitzungsberichte - Bayerische Akademie der Wissenschaften, Jg. 1999, Heft 4, 2. Juli 1999 (pdf)
  7. Hammerstein, Notker: Die deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich: Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur 1920-1945. 1999
  8. Dana Schlegelmilch: Gero von Merharts Rolle in den Entnazifizierungsverfahren „belasteter“ Archäologen. In: Regina Smolnik (Hrsg.), Umbruch 1945? Die prähistorische Archäologie in ihrem politischen und wissenschaftlichen Kontext (= Beiheft 23 der Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege), Dresden 2012, 12-19 (Acad)
  9. Achim Leube: Zur Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität 1933-1945 (HUBerlin2004)

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