In unserem Blogartikel "Bollwerk Germanien" (Stg2025) war von dem sagenhaften Eroberungszug der keltischen Urnenfelderkultur, bzw. besser der keltischen Goldhut-Kultur ab etwa 1300 v. Ztr. vom heutigen Serbien aus nach Süddeutschland, nach Böhmen und Frankreich - und von dort weiter bis Schlesien und Mecklenburg - die Rede gewesen (Abb 1).
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| Abb. 1: Bollwerk Germanien in Norddeutschland an der Tollense und die Eroberung des übrigen Europas durch die Urnenfelder-Kultur ausgehend von Serbien, 1300 bis 800 v. Ztr. (Wiki) - Der zeitgleiche Seevölker-Sturm im Mittelmeerraum, ebenfalls von Serbien ausgehend |
Dort in Mecklenburg kam es an der Tollense zur sagenhaften, siegreichen Abwehrschlacht der Nordischen Bronzekultur gegen die Urnenfelder-Leute (Stg2025). Skandinavien konnte in der Folge nicht von der Urnenfelderkultur erobert werden (ein Zeichen dafür, daß die Schlacht für die Urnenfelder-Leute nicht siegreich verlaufen sein kann). Sehr wohl aber konnten die Urnenfelder-Leute in der Folge die britischen Inseln erobern. Und sehr wohl aber sollten sie - vermutlich - als "Seevölker" bis vor die Tore Ägyptens gelangen (Stg2025).
Durch diesen Eroberungszug breitete sich südeuropäische Glockenbecher-Genetik nach Norden aus (Stg2025). Die südeuropäische ("italo-keltische") Glockenbecher-Genetik ist durch höhere Herkunftsanteile anatolisch-neolitscher Bauerngenetik gekennzeichnet und durch geringere Anteile an (indogermanischer) Steppgenetik. In der nordeuropäischen Schnurkeramik-Genetik ist es umgekehrt.
Um einige Anhaltspunkte zu gewinnen, nenne ich einmal die unterschiedlichen Herkunftsanteile an Steppengenetik in Prozent innerhalb meiner eigenen Familie (lt. MyHeritage) (s. Stg2025):
- 47,6 % mein Vater (Brandenburger)
- 45,4 % ein angeheiratetes blondes Friesen-, Pommern- und Schlesierkind
- 43,6 % ich
- 39,6 % meine Mutter (Österreicherin)
- 39,4 % mein Kind
- 36,8 % die Mutter meines Kindes (Herkunft aus dem Rheinland und aus der Pfalz)
Diese Herkunftsanteile korrelieren schon in meiner eigenen Familie klar mit hellerer oder dunklerer Pigmentierung der Haare und der Augen. Die Herkunftsanteile an Steppengenetik in Prozent betrugen nun nach einer neuen archäogenetischen Studie zu Mitteldeutschland (1) ...
- 52 % bei Menschen in der Frühbronzezeit 30 Kilometer westlich von Halle ("Aunjetitzer Kultur")
- 49 % bei Menschen in der Spätbronzezeit 30 Kilometer westlich von Halle ("Unstrut-Gruppe")
- 48 % bei Menschen in der Spätbronzezeit in Schlesien und Polen
- 41 % bei Menschen in der Spätbronzezeit in Böhmen
- 33 % bei Menschen in der Spätbronzezeit in Süddeutschland (Neckarsulm)
Diese Zahlen sind von mir selbst abgeleitet aus dem folgenden Zitat - und zwar unter der Voraussetzung, daß sich der dritte wesentliche Herkunftsanteil der Europäer seit dem Spätneolithikum, nämlich der Anteil der westeuropäischen Jäger-Sammler, von 10 bis 20 % im Durchschnitt bei den Menschen nicht mehr geändert hat. Er wird deshalb von mir im Mittel mit 15 % angenommen und einberechnet. Von dem folgenden Zitat können dann die oben genannten Prozent-Angaben abgeleitet werden (1):
Wir beobachten, daß spätbronzezeitliche Individuen aus Mitteldeutschland einen etwas höheren Anteil an anatolisch-neolithischer Abstammung (36,6 ± 2,9 %) aufweisen als jene aus der frühen Bronzezeit in Mitteldeutschland (33,2 ± 2,7 %). Darauf folgen spätbronzezeitliche Individuen aus Böhmen (43,7 ± 4,5 %) und spätbronzezeitliche Individuen aus Süddeutschland, die den höchsten Anteil an anatolisch-neolithischer Abstammung aufweisen (53,5 ± 5,3 %) (Abb. 2b, Ergänzende Daten 4a ). Von allen analysierten Individuen weist der genetische Ausreißer Neckarsulm021 (NES021) mit 67,2 ± 1,7 % den höchsten Anteil an EEF-verwandter Abstammung auf. Die vier spätbronzezeitlichen Individuen aus Südwest-/Zentralpolen zeigen ebenfalls einen geringeren Anteil an EEF-verwandter Abstammung (37,4 ± 2,9 %), ähnlich wie jene aus Mitteldeutschland. Angesichts der geringen Stichprobengröße bleibt jedoch offen, ob diese Individuen repräsentativ für die polnischen spätbronzezeitlichen Gruppen sind.
Dieselben Umstände sind in der Abbildung 2 grafisch dargestellt.
Die anatolisch-neolithische Genetik lag in Süddeutschland schon in der Frühbronzezeit höher als in den anderen dargestellten Regionen (und dementsprechend die Steppengenetik niedriger), sie nahm aber ab 1800 v. Ztr. noch einmal sehr deutlich zu (vielleicht durch Zuwanderungen aus Serbien). In Böhmen nahm dieser Anteil etwas später und nicht ganz so abrupt zu. In Mitteldeutschland nahm er noch weniger abrupt zu. Auch in Schlesien/Polen nimmt er ab 1800 v. Ztr. recht deutlich zu, nimmt aber ab 1600 v. Ztr. wieder deutlich ab, um dann allmählich wieder erneut anzusteigen. Der Anstieg der anatolisch-neolithischen Herkunftsanteile in Mitteldeutschland wird in der Studie folgendermaßen erklärt (1):
Individuen der frühen Späten Bronzezeit in Mitteldeutschland können mit der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer-Herkunft in Deutschland als einziger Quelle modelliert werden, was auf eine regionale Kontinuität seit der frühen Bronzezeit als sparsamste Erklärung hindeutet (...). Im Gegensatz dazu läßt sich die Abstammung der meisten spätbronzezeitlichen Individuen in Mitteldeutschland nicht allein durch die früheren frühbronzezeitlichen Populationen dieser Region modellieren. Sie wird am besten durch zwei Abstammungsquellen beschrieben: Deutschland frühbronzezeitliche Aunjetitzer Kultur als lokale Quelle und Deutschland_Lech_Mittlere_Bronzezeit, Tschechien_Mittlere_Bronzezeit_Tumulus oder Deutschland_Süddeutschland_Singen_Frühe_Bronzezeit als zweite, geografisch und chronologisch nächstgelegene, nicht-lokale Herkunft (Ergänzende Daten 4c sowie Abb. 4a und 4b ). Dieses Muster deutet auf eine Mischung aus lokaler Kontinuität und Genfluß aus südlichen und/oder östlichen Regionen hin, was mit einer zunehmenden Vernetzung innerhalb der geografischen Verbreitung/Ausdehnung der Urnenfelderkultur übereinstimmt (...), aber ohne daß das genauer eingegrenzt werden kann.
Aufgrund welcher Funde gelangte man zu diesen neuen Erkenntnissen? Dreißig Kilometer westlich von Halle liegen die Dörfer Kuckenburg und Esperstedt (GMaps). Hier wurde bis 2009 die A38 gebaut und im Zuge der vorhergehenden archäologischen Grabungen wurde unter und östlich der heutigen Autobahnabfahrt ein Gräberfeld ergraben, ebenso befestigte Siedlungen nahe Esperstedt und bei Kuckenburg gehörte, aus deren Menschenresten nach einer neuen archäogenetischen Studie die DNA von 36 Personen der Urnenfelder-Zeit, genauer der örtlichen Unstrut-Gruppe (1300-750 v. Ztr.) (Wiki) hatten gewonnen werden können.
Wennungen - Proto-urbane Siedlung der Unstrut-Gruppe
Eine großflächige proto-urbane Siedlung der "Unstrut-Gruppe" wurde nur zwanzig Kilometer weiter südlich der Kuckenburg über dem Unstrut-Tal gefunden (GMaps). Diese liegt nur sechs Kilometer östlich von Nebra an der Unstrut, dem Fundort der Himmelsscheibe (1850 v. Ztr.) und wurde vierhundert Jahre nach der Niederlegung der Himmelsscheibe angelegt. Über Wennungen lesen wir (Wiki):
In der späten Bronze- und der frühen Eisenzeit (12. bis frühes 5. Jh. v. Ztr.) trug die Hochfläche westlich des Dorfes (bis zum Dissaubach) eine etwa 300 Hektar umfassende „Proto-Stadt“ der Unstrut-Kultur, die mit Gräben und Wällen geschützt war und an einem Fernhandelsweg vom Thüringer Becken in die Leipziger Tieflandsbucht lag. Gegenüber den zeitgenössischen Siedlungen mit meist nur 1 bis 2 Hektar Größe nahm diese Großsiedlung eine deutlich herausgehobene, überregionale Bedeutung ein. Sole und Metallerze wurden hier in großen Mengen verarbeitet. In tausenden Vorratsgruben wurde Getreide gespeichert. Ihre Einwohnerzahl wird für ihren Höhepunkt auf mehrere tausend Menschen geschätzt. Einzigartig für jene Zeit sind die Reste einer ornamental bemalten Hauswand, etwa 1.500 Lehmputzsplitter – die größte vorgeschichtliche Wandmalerei nördlich der Alpen. Teile der Siedlung wurden von 2007 bis 2010 im Zuge von Bauarbeiten an der ICE-Schnellfahrstrecke Erfurt – Leipzig ergraben.
In Wennungen wurde innerhalb der Siedlung auch eine abstoßende Siedlungsbestattung gefunden, die im Museum in Halle ausgestellt wird (Yt2021). Über die Unstrut-Gruppe heißt es bezeichnenderweise auch (Wiki):
Anfänglich dominierte die Körperbestattung in Baumsärgen und Holzkästen. Sie wurde jedoch nie ganz gegenüber der Brandbestattung aufgegeben, deren Nutzung ab dem 1. Jahrtausend v. Ztr. zunehmend einsetzte.
Die Brandbestattung wurde durch die Urnenfelder-Kultur ausgebreitet. Ihr erhöhter Anteil anatolisch-neolithischer Genetik stieg in der Unstrut-Gruppe offenbar nur ebenso allmählich an wie zeitgleich die Sitte der Bandbestattung übernommen wurde, also Hinweise sowohl auf genetische wie kulturelle Kontinuität im Angesicht einer Umbruchszeit. Dementsprechend heißt es auch in der Studie (1):
Insgesamt legen unsere Ergebnisse nahe, daß die unterschiedlichen Bestattungspraktiken in Kuckenburg und Esperstedt kulturell motiviert waren und lokale Traditionen sowie die bestehende regionale Vernetzung widerspiegelten und nicht den Zuzug neuer genetischer Gruppen oder nicht-lokaler Individuen.
Und (1):
Die Unstrut-Gruppe (ca. 1325–750 v. Ztr.), die zwischen dem Thüringer Wald und der Saale in Mitteldeutschland lebte und im Mittelpunkt dieser Studie steht, bestattete ihre Toten beispielsweise fast 500 Jahre lang, während benachbarte Gruppen wie die Saalemündungs-Gruppe zur Feuerbestattung übergingen.
Es wird spannend sein zu erfahren, wie es nach 750 v. Ztr. weiter ging. Sicher ist, daß es irgendwann im 1. Jahrhundert v. Ztr. zur Zuwanderung von Germanen aus Skandinavien kam. Diese lebten zuletzt als Thüringer in der Region. Sie sind dann aber genetisch fast vollständig verschwunden. An ihrer Stelle breiteten sich dann die Slawen aus (Stg2025) - bis die Deutsche Ostsiedlung begann.
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- Reconstruction of the lifeways of Central European Late Bronze Age communities using ancient DNA, isotope and osteoarchaeological analyses. E Orfanou, A Ghalichi, AB Rohrlach, E Paust, … Johannes Krause .... Harald Meller ... Philipp W. Stockhammer, Joachim Wahl, ... Wolfgang Haak. Nature Communications, 24.2.2026 (Nature2026)
- Matthias Becker, Madeleine Fröhlich, Andreas Hüser, Helge Jarecki, Jan F. Kegler und Franziska Knoll: »Wenige hundert Schritte oberhalb des Dorfes Wennungen ...«, Archäologie in Deutschland 2011, 6-11 (Acad)


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