Donnerstag, 18. März 2021

Nur die Hälfte aller Männer des Urvolks der Indogermanen hatte über die Jahrhunderte hinweg Nachkommen

Genetische Selektion in der Frühgeschichte der Indogermanen
Der Übergang von der Khvalynsk- zur Repin- und zur Yamnaya-Kultur (4.700 bis 3.500 v. Ztr.)

Neue Forschungsergebnisse zur Frühgeschichte der Indogermanen sind zwar noch nicht offiziell veröffentlicht, werden aber unter den Wissenschaftlern schon erörtert und sammeln sich gegenwärtig innerhalb des Elfenbeinturmes an. Sie werden (wohl) auch bald "offiziell" veröffentlicht werden. Der hier auf dem Blog schon als sehr hilfreich wahrgenommene spanische Hobby-Archäogenetiker Carlos Quiles hat ein wachsames Auge auf die Vorgänge in der Wissenschaft, weshalb man in verschiedenen seiner Blogbeiträgen (1-5) einige erste Ahnungen von den Dingen bekommen kann, die wohl künftig noch genauer und offizieller von Seite der Forscher selbst mitgeteilt werden.


Abb. 1: Der Flaschenhals der Y-Chronomsomen in der Frühgeschichte der Indogermanen an der Wolga, der seither die Genetik von uns europäischen Indogermanen beträchtlich bestimmte - Hier fand offenbar allerhand "Selektion" statt (aus: 1)

 

Zunächst scheint uns diesbezüglich Abbildung 1 sehr lehrreich zu sein (1). Der Zeitstrahl ganz links (Y-Achse) ermöglicht ein Verständnis dessen, was hier zum Ausdruck gebracht werden soll: Das Urvolk der Indogermanen, die Khvalynsk-Kultur, die grob um 4.700 v. Ztr. an der Mittleren Wolga entstanden ist und sich von dort aus bis zu den Nordhängen des Kaukasus ausbreitete (6-8), hatte eine vergleichsweise große Vielfalt an Y-Chromosomen (aufgetragen auf der X-Achse). Diese große Vielfalt ist der zeitliche Ausgangspunkt in dieser Grafik, obwohl der Begriff "Khvalynsk" - mißverständlicherweise - in ihr (oben links) fehlt.

Nur die Hälfte aller Männer des Urvolks der Indogermanen hatte über die Jahrhunderte hinweg Nachkommen

Während des Anwachsens und der Ausbreitung dieses Volkes nach Süden kam es zur zunehmenden Vermischung vorwiegend männlicher osteuropäischer Jäger und Sammler mit vorwiegend weiblichen iranisch-neolithischen Bäuerinnen. Das haben wir in früheren Beiträgen hier auf unserem Blog und in Videobeiträgen schon behandelt (6-8). (Das ist aber nicht Thema dieser Grafik.)

Jedenfalls ging die im Urvolk der Indogermanen vorherrschende Vielfalt der Y-Chromosomen im Verlauf der folgenden Jahrhunderte allmählich recht deutlich zurück (Abb. 1). Auch darauf hatten wir schon hingewiesen. Es wird dies aber hier noch einmal sehr schön in einer Grafik erläutert. Quiles schreibt dazu (1):

Diese Dominanz elitärer Familien, die durch hg. R1b-pre-V1636 markiert wird, endet augenscheinlich mit der Auflösung der Khvalynsk-Kultur am Ende des 5. Jahrtausends v. Ztr. und mit dem Auftreten der nachfolgenden Repin-Kultur, einer herdenhaltenden Gesellschaft in der Don-Wolga-Region.
Original: This elite family dominance marked by hg. R1b-pre-V1636 ended apparently with the dissolution of the Khvalynsk community at the end of the 5th millennium BC, and the emergence of the succeeding Repin pastoralist society in the Don-Volga region.

In dieser Repin-Kultur, die um 3.800 v. Ztr. aus der Khvalynsk-Kultur heraus entsteht, gibt es nur noch die Hälfte der Y-Chromosom-Vielfalt, die es am Anfang in der Khvalynsk-Kultur gegeben hatte, also im Urvolk der Indogermanen. Im Übergang zur frühen Yamnaja-Kultur geht diese Y-Chromosomen-Vielfalt noch weiter zurück (Abb. 1). Dann aber ist die engste Stelle dieses genetischen "Flaschenhalses" erreicht.

Aus einer zusammengeschmolzenen Y-Chromosomen-Vielfalt, also aus einer größeren genetischen Einheitlichkeit heraus entsteht nun das große Volk der Yamnaja-Kultur, in dem 

  • a) einerseits auch weiterhin noch genetische Vielfalt der Y-Chromosomen zurückgeht, in dem
  • b) andererseits aber die bis dahin viel einheitlicher gewordene Y-Chromomen-Vielfalt zu einem großen Volk heranwächst,

aus dem dann die Glockenbecher-Kultur hervorgeht, die sich - bekanntermaßen - über ganz Europa bis nach Spanien und England verbreitet (vielleicht sogar bis nach Westafrika wie wir jüngst hier auf dem Blog vermutetet haben).

 

Abb. 2: Es wird nun sicherer: Die Schnurkeramiker entstanden aus einer Vermischung von Yamnaya-Kultur mit der Kugelamphoren-Kultur (in der Grafik "GAC"= Globular Amphora Culture) (aus: 2, 3)

 

Eine weitere neue Einsicht entnimmt Carlos Quiles einem neuen Video-Vortrag des Archäogenetikers David Reich (ein Vortrag, der aber ansonsten mit nicht gar zu viel neuen Erkenntnissen aufwartet*)) (2, 3).

"23andme" für die Vorgeschichte

David Reich sagt, es wären jetzt in der Archäogenetik ähnliche Verwandtschaftsabschätzungen möglich geworden wie sie "23andme" und andere Consumer-Genetics-Firmen für uns heutige Menschen vornehmen. Da bekommt man ja inzwischen allerhand entfernt Verwandte angezeigt, also Menschen, mit denen man höchstens 0,5% DNA oder weniger gemeinsam hat (aufgrund gemeinsamer Herkunft). 

Und auf der Grundlage solcher Verwandtschafts-Abschätzungen postuliert er, daß die Schnurkeramik ("Corded Ware Culture") hervorgegangen sei aus einer Vermischung der Yamnaja-Kultur mit der Kugelamphoren-Kultur (Globular Amphora Culture). Nun, das hatte man ja schon vermuten können. Aber auf den Umstand, daß hier neue Methoden zum Einsatz kommen, darf man doch sehr gespannt sein.

Anfangs wurden verwandte Männer oft gemeinsam bestattet, später nicht mehr

Außerdem zitiert Quiles (4) aus dem Abstract einer Vortragsankündigung von David Anthony in einer Online-Konferenz Ende März 2021 (5):

Neue ancient-DNA-Daten zu Familienbeziehungen innerhalb der spätneolithischen und Yamnaya-Gräberfelder, die in Zusammenhang stehen mit dem archaischen Proto-Indoeuropäisch und dem späten Proto-Indoeuropäisch legen nahe, daß die Familienbeziehungen innerhalb und zwischen den Gräberfeldern sich deutlich verändert haben zwischen Spätneolithikum und Yamnaja-Zeit. Eng verwandte Männer sind in spätneolithischen Grabfeldern zusammen begraben worden aber nicht mehr in Yamnaja-Grabfeldern. Die Frauen waren in beiden Kontexten mit den Männern nicht zu einem Verwandtschaftsgrad des 3. Grades oder näher verwandt. Das heißt, daß keine Cousinen-Heiraten vorgekommen sind. ....
New data from ancient DNA on family relationships within Eneolithic and Yamnaya cemeteries, arguably linked to archaic PIE and late PIE, suggests that family relationships within and between cemeteries changed significantly between the Eneolithic and Yamnaya periods. Closely related males were buried together in Eneolithic cemeteries, but not in Yamnaya cemeteries. Females were unrelated to males within 3 degrees in both contexts, eliminating cousin marriage as a possibility and suggesting a virilocal system with required female exogamy. Genetic diversity in maternal descent was high across both periods, but genetic diversity in paternal descent collapsed in Yamnaya males, producing a surprisingly homogeneous set of Yamnaya men who nevertheless rarely were related to each other within 1st, 2nd or 3rd degrees, but instead shared a small group of male ancestors 4-7 generations before.

Weiterhin wird ausgeführt, was oben schon anhand Abbildung 1 erläutert worden ist, nämlich ein "Kollaps" in der Vielfalt der Y-Chromosomen.

Vielleicht kann ansonsten der hier dargestellte Befund damit erklärt werden, daß sich die Elite des Urvolkes der Indogermanen so weit verbreitet hat zwischen Wolga, Kaukasus und Nordrand des Schwarzen Meeres, daß die Familien nicht mehr so eng beieinander gewohnt haben wie zuvor. Aber das ist nur eine sehr vage Vermutung.

Keine Sklaverei beim Urvolk der Indogermanen

Von Interesse dürfte auch noch der angekündigte Vortrag von Benedicte Nielsen Whitehead  sein zum "Fehlen einer Sklaverei-Terminologie beim Urvolk der Indogermanen" ( "The (Lack of a) Terminology of Slavery in  Proto-Indo-European"). Da lesen wir (5):

Es hat sich herausgestellt, daß es sehr schwer ist, archäologisch Hinweise auf Sklaverei bei den Proto-Indoeuropäern zu finden. Und auch in der Begriffswelt des Proto-Indoeuropäischen läßt sich (die Existenz von) Sklaverei ähnlich unmöglich rekonstruieren.
Slavery among the Proto-Indo-Europeans has proven difficult to document in the archaeological record, and a Proto-Indo-European terminology of slavery is similarly impossible to reconstruct.

Damit wäre einstweilen klar, daß es Sklaverei bei den Urindogermanen schlichtweg nicht gegeben hat. Das macht durchaus Sinn, da eine stärkere soziale Schichtung erst in komplex-arbeitsteiligen Gesellschaften plausibel sein könnte, die ja in dem Umfang nicht zwangsläufig für die Urindogermanen angenommen werden muß. Sprich, es mag Hirten, Bauern und Adel gegeben haben. Aber eben noch keine Unfreien, noch keine Sklaven.

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*) Als spannend wäre womöglich noch zu nennen die Forschung zum Übergang vom Schimpansen zum modernen Menschen, die David Reich im vorderen Teil erwähnt, wonach es nach längerer Trennung beider genetischer Linien noch einmal zu einer Vermischung gekommen sei, nach der sich beide Linien aber endgültig getrennt haben. Das dürfte die frühen Australopithecinen in Süd- oder Ostafrika betreffen.

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  1. Quiles, Carlos: Proto-Indo-Europeans: A family business, February 4, 2021, https://indo-european.eu/2021/02/proto-indo-europeans-a-family-business/.
  2. Quiles, Carlos: IBD sharing between Corded Ware and Yamnaya-related populations, March 5, 2021, https://indo-european.eu/2021/03/ibd-sharing-between-corded-ware-and-yamnaya-related-populations/.
  3. Reich, David: Ancient DNA and the New Science of the Human Past, 3.3.2021, https://www.youtube.com/watch?v=QoGmPJJS3X8.
  4. Quiles, Carlos: Another “Pre-Yamnaya” sample from the Northern Caucasus? 13.3.2021, https://indo-european.eu/2021/03/another-pre-yamnaya-sample-from-the-northern-caucasus/
  5. Upcoming online conference (free registration) Power, Gender and Mobility – Features of Indo-European Society by the University of Copenhagen March 26–27, 2021, https://sites.google.com/view/indoeuropeansociety/home
  6. Bading, Ingo: 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/es-ist-amtlich-das-urvolk-der.html
  7. Bading, Ingo: 7-2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/07/einheimische-manner-sie-vermischen-sich.html
  8. Bading, Ingo: 10-2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/10/die-urindogermanen-allem-anfang-wohnt.html

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