Sonntag, 7. Oktober 2007

Museums- und Archivbestände öffentlich machen

"Open Access" und Kulturdigitalisierung in Deutschland und Europa

Museen, Sammlungen und Archive haben die Aufgabe, ihre oft immensen und bedeutungsvollen Bestände der Öffentlichkeit und der Wissenschaft zugänglich zu machen. Zumeist lagert ja von den bedeutungsvollen Beständen ein viel größerer Anteil in Magazinen, als daß dieser der Öffentlichkeit in ständigen Ausstellungen und Ausstellungsbänden ("offline") sichtbar gemacht werden könnte. Durch das Internet sind diese - noch heute oft sehr schwerfällig arbeitenden - Institutionen vor eine völlig neue Situation gestellt. Der moderne Forscher, der moderne, an kulturgeschichtlichem Erbe interessierte Laie darf mit Nachdruck die Erwartung hegen, daß die Museen, Sammlungen und Archive weltweit ihre auch in umfangreichen Magazinen vorhandenen Bestände nun möglichst schnell und effizient der Öffentlichkeit über das Internet weitestgehend und effizient bekannt und zugänglich machen.

Tatsächlich arbeiten Museen, Sammlungen und Archive oft schon sehr heftig an der Digitalisierung ihrer Bestände. Dafür werden sogenannte "Datenbank-Systeme" benutzt. Die neueren Datenbank-Systeme sind so umfassend, daß sie nicht nur die interne Dokumentation der Bestände erlauben (sollen), sondern dann auch das umfassende digitale Arbeiten mit diesen Beständen, also jede Art von "Management" der Bestände. (Neue Zusammenstellungen für zeitlich befristete Ausstellungen, Leihgaben, Leihnahmen, Restaurierungen mitsamt den dafür notwendigen finanziellen Abrechnungen, Rechnungsstellung etc. pp.) Sie nennen sich darum dann auch hochtrabend aber treffend "Museum-Management-Systeme".

Der größte Verbund deutscher Museen, Archive und Sammlungen ist die "Stiftung Preußischer Kulturbesitz", zugleich auch eine der größten Kultureinrichtungen weltweit. (SPK) Das für sie entwickelte "Management-System" "Museum Plus" (der ursprünglich Schweizer Firma zetcom) wird inzwischen von etwa 400 Museen im europäischen Raum genutzt, darunter vielen der bedeutendsten. (siehe Liste) (In den USA werden derzeit noch andere Datenbank-Systeme genutzt.)

Auch für die vielen, z.T. bedeutenden Museen in Frankfurt am Main ist dieses Datenbank-System seit einiger Zeit einheitlich eingeführt worden. In dieses müssen nun die Daten der Bestände nach und nach eingegeben werden, was natürlich zum Teil eine reine Sisyphos-Arbeit ist - zudem oft oder meist so gut wie gar nicht oder nur schlecht bezahlt. Aber natürlich ist diese Arbeit dringend zu leisten. Woher also zusätzliche Begeisterung dafür nehmen? (... Und Begeisterung könnte ja oftmals auch Geldgeber anstecken ...?) Begeistern würde mich die Arbeit mit einem solchen System vor allem dann, so wurde mir während einer zweitägigen Schulung für dieses System klar, wenn die Digitalisierung der Bestände auch möglichst schnell und umweglos zu einer Veröffentlichung dieser Daten im Weltnetz führen würde.

Nun gab es den Einwand von Seiten der Firma zetcom, daß ja jedes Museum dafür gern seine eigene "Corporate Identity" pflegen würde, weshalb jedes Museum sich seine eigene Netzseite basteln würde/müßte, in dem dann die Daten jeweils abrufbar gemacht werden müßten. Die Firma zetcom stellt dafür übrigens auch schon eine neue Funktion der von ihr entwickelten Datenbank "MuseumPlus" zur Verfügung, nämlich "eMuseumPlus".

Ein Wikipedia für Museen?

Meine Gedanken wandelten aber weiter auf Abwege: Im Grunde handelt es sich doch zumeist zunächst einmal nur darum, reines Wissen zur Verfügung zu stellen in unserer "Wissensgesellschaft". Sollte da die "Corporate Identity" eines jeden einzelnen Museums wirklich so wichtig sein? Mir kam der Gedanke: Wie ist es denn, wenn man einfach - z.B. - ein "Wikipedia" für Museen, Sammlungen und Archive schafft, in dem die Bestände einheitlich und detailliert der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?

Natürlich müßte man sich dabei über viele Einzelheiten noch genauer Gedanken machen. Von seiten der einzelnen Museen müßte zunächst grundsätzlich entschieden werden, welche Daten zu den von ihnen gehorteten Objekten sie öffentlich zugänglich machen wollen, welche nicht. Das muß säuberlich getrennt werden in der Datenbank. (Z.B. wollen Leihgeber oft anonym bleiben.) Ist diese Entscheidung aber gefallen, dann kann man im Grunde bei der Digitalisierung der Bestände mit der großen Weltnetzgemeinde zusammenarbeiten und kann sich auch von freiwilligen Mitarbeitern im Netz - wenn man es klug organisiert - zuarbeiten lassen.

Denn oftmals werden sich Liebhaber weltweit für bestimmte Sammlungsbestände weitaus intensiver und kenntnisreicher interessieren, als der einzelne Museumsmitarbeiter, der die Bestände digital erfaßt. Diese könnte man dann bei der "Wikipedia für Museen" mitarbeiten lassen. Es gäbe also dann für jedes einzelne Sammlungsobjekt eine Wikipedia-Seite, bzw. bestimmte Kategorien zusammenfassende Wikipedia-Seiten. Im Grunde ist das für bedeutungsvolle Stücke und Werke ja schon heute der Fall. Als Beispiel aus der bronzezeitlichen Archäologie siehe etwa: "Goldhut". Und sicherlich wird sich das auf dieser Linie auch schnell weiterentwickeln. Mir scheint nur, daß die deutschen Museums-Leiter noch nicht das Potential wirklich erkannt haben und auszunutzen bereit scheinen, das in den Möglichkeiten von solchen Netz-Portalen wie Wikipedia steckt: "offene", "gläserne" Museen, Archive, Sammlungen vom Feinsten!

"Offenes Museum" vom Feinsten

Als ich nämlich neulich für meinen Beitrag über bronzezeitliche Kammhelme (St. gen.) nach einer Übersicht über die vorhandenen Bestände in deutschen Museen suchte, hatte ich doch allerhand Mühe, zunächst nur eines der bedeutendsten Sammlungsobjekte des Focke-Museums in Bremen, das ich in Erinnerung hatte, im Netz überhaupt zu finden, geschweige denn wissenschaftliche Erläuterungen zu diesem. Aus diesem Grund erst erweiterte sich der Beitrag zu einem Beitrag über Kammhelme in Deutschland allgemein, da andere Museen zu diesem Thema schon bessere Informationen zur Verfügung gestellt hatten. Das nur als ein Beispiel. Viele weitere könnten gegeben werden.

Bei der (weitgehend erfolglosen) Suche danach, ob schon andere auf ähnliche Gedanken vor mir gekommen sind, entdeckte ich gerade noch eine neue Suchmaschine, um die Bestände von Archiven zu durchsuchen: ArwiSu = Archivwissenschaftliche Suchmaschine. Ob wohl auf der Internationalen Konferenz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Juni dieses Jahres zum Thema "Wissen durch Vernetzung - Kulturdigitalisierung in Deutschland und Europa" jemand auf den Gedanken eines "Wikipedia für Museen" schon gekommen ist? Vielleicht ein Herr Christophe Dessaux vom Kulturministerium in Frankreich. Sein Vortrag lautete im Untertitel "Open Access durch Open-Source-Technologie". "Open Access" - das ist also das Stichwort. "Open Access" - das ist auch das Leitwort von "Studium generale".

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