Montag, 15. Oktober 2007

Hat wirtschaftlicher Erfolg eine genetische Grundlage?

Schon seit einigen Monaten werden in den USA die Thesen von Gregory Clark zur europäischen Wirtschaftsgeschichte und IQ-Evolution diskutiert. (s. z.B. Gene Expression) Nun hat sich auch die "Süddeutsche Zeitung" (Hubertus Breuer) an dieses Thema gewagt und bringt ein Interview mit Gregory Clark. (Süddt. Ztg.)

Das wird sicher manchen anregen, nun endlich einmal selbst in sein Buch hineinzuschauen. Sonst kann man sich kein Urteil bilden. Als Historiker jedenfalls ist Gregory Clark sehr unkonventionell und geht gedanklich unkonventionelle Wege, was wohl (fast) immer zu begrüßen ist. Die große Richtung seiner Gedanken stimmt, da sie mit den Erkenntnissen der modernen Human- und IQ-Genetik in Einklang stehen. Doch in den Einzelheiten bleibt noch viel des Diskutierenswerten übrig.

Die wesentlichen Neuerkenntnisse in der modernen, humangenetischen Forschungen formuliert Clark in folgenden Worten:
"Die Ökonomie" (also Wirtschaftswissenschaft) "tut gerne so, als wären die Menschen überall gleich. Aber das stimmt nicht. Im Laufe der Jahrtausende haben sich ihre Präferenzen geändert - und mit ihnen die Kultur. Und womöglich hat das tatsächlich eine genetische Grundlage.

SZ: Aber die bloße Möglichkeit, daß Gene eine Rolle spielen könnten, ist doch ein recht schwaches Argument." (Komischer Einwand, wo doch Hubertus Breuer schon selbst über Forschungen zur Human-Genetik berichtet hat, wenn man sich richtig erinnert.)
Schon vorher gab es folgende Wortwechsel zum selben Thema:
"SZ: Aber von bürgerlichen oder gar kapitalistischen Genen zu sprechen, ist doch starker Tobak.
Clark: Es ist nicht ausgeschlossen! Und es hat doch durchaus Sinn: Wir unterscheiden uns genetisch sicherlich von den Jäger-Sammler-Völkern unserer Vorzeit." (Genau.) "Unter ihnen gab es genetisch-kulturelle Variabilität" (genau), "und die besser Angepaßten setzten sich durch." (Genau: Siehe viele moderne humangenetische Erkenntnisse, etwa zur Erwachsenen-Milchverdauung, zur Malaria-Resistenz und so vielem anderen mehr.) "Warum sollte das nicht auch seit 1200 Jahren geschehen sein?" (Genau, bei den aschkenasischen Juden, die Clark nicht erwähnt, ist es in diesem Zeitraum ja auch geschehen.)
Gregory Clark spricht über Forschungsergebnisse zum Thema Geduld (d.h.: Bedürfnis-Befriedigungs-Aufschub), über die man, selbst wenn man sich damit schon ein wenig beschäftigt hat, nach diesen Worten noch mehr interessieren könnten. Eine Frage könnte sein: Ist menschliches "Zinsnehmen" im Wirtschaftsleben wirklich kausal in Verbindung zu setzen mit der menschlichen Fähigkeit zum Bedürfnis-Befriedigungs-Aufschub? Clark jedenfalls antwortet folgendermaßen:
"Ein Verhalten, das zweifellos genetisch beeinflußt ist, ist beispielsweise die Geduld. In der Ökonomie spielt sie als 'Zeitpräferenz' eine Rolle für die Zinsen. Wer eine hohe Zeitpräferenz hat, will alles sofort, wer dagegen eine niedrige hat, ist bereit zu warten. Wer keine Geduld hat, den muß man daher mit einem hohen Zinssatz locken, um Kapital zu investieren. Das Überraschende ist - im Laufe der Menschheitsgeschichte sinkt der Zinssatz stetig! Selbst während einer stabilen Phase im Reich der Sumerer im dritten Jahrtausend vor Christus mußten die Menschen 20 bis 25 Prozent Zins auf ein Silberdarlehen zahlen. Im mittelalterlichen England, einer stabilen Gesellschaft, lag der Zinssatz immer noch bei zehn bis zwölf Prozent. Darüber könnten wir heute nur frohlocken! Erst nach 1800 fallen die Zinsen auf unser heutiges Niveau. Der einzige plausible Grund dafür ist, daß Menschen auf den Gewinnanreiz mit unterschiedlicher Zeitpräferenz reagieren."
Also Koevolution von:
1. der genetisch veranlagten Fähigkeit zum Bedürfnis-Befriedigungs-Aufschub ("Geduld") und
2. dem Kulturmerkmal niedriger Zinssatz!
Das kann man für eine wahnsinnig verrückte These halten! Ich glaube sie - so auf den ersten Blick (und schon nach einigen Überlegungen) - nicht. Aber oft ist auch in ungewöhnlichen Thesen ein Wahrheitskern enthalten. Man muß sich dazu das Buch von Gregory Clark und die Belege für eine solche These unbedingt genauer anschauen. Was alles würde daraus folgen, wenn eine solche These stimmen würde? (!!!)

Im abschließenden Satz sagt Clark etwas, was man aber sicherlich zunächst schon zuverlässiger auf das Merkmal IQ denn auf das Merkmal Bedürfnis-Befriedigungs-Aufschub beziehen kann:

"SZ: Ihre Argumentation hat haarsträubende Konsequenzen für die Dritte Welt. Im Grunde läuft sie darauf hinaus, daß Armut und Not hausgemacht sind." (Nein, nicht "hausgemacht", sondern - letztlich - genetisch veranlagt, in Jahrhunderten mehr unbewußt als bewußt evoluiert. Also "Eugenik", ohne daß die Menschen sich bewußt gewesen wären, daß sie dieselbe praktizieren.)
"Clark: Ja, damit ein Land wirtschaftlich erfolgreich sein kann, muß es die Kultur und damit die Menschen ändern; das braucht Zeit. Sehen Sie sich die Republik Malawi an - politisch stabil, aber völlig verarmt. Oder die Aborigines in Australien, die nicht auf tausend Jahre Agrarwirtschaft zurückblicken können."
Clark behauptet, die europäischen Wirtschafts-Eliten (also das Bürgertum) hätten nicht nur ihre Ethik über Erziehung an die jeweils kommende Generation weitergegeben und ausgebreitet, sondern auch schlicht über ihre Gene, bzw. über ihre Kinderzahl. Seine Forschungen beschäftigten sich mit dem mittelalterlichen und neuzeitlichen England. Aus dem, was ich über die Historische Demographie Deutschlands weiß, möchte ich dazu zunächst folgendes sagen: Was klar für seine These spricht, ist meiner Meinung nach die oft in der Forschungsliteratur bestätigte Tatsache, daß die reichen Bauern auf dem Land mehr Kinder hatten als die armen Bauern und Tagelöhner. Daraus ist die Schlußfolgerung abgeleitet worden, daß auch die traditionelle Arbeiterschaft während der Industrialisierung im Wesentlichen nicht Nachkommen ursprünglich armer Bevölkerungsschichten waren, sondern der wohlhabenderen auf dem Land.

Nun könnte man vermuten, daß sich daraus über die Jahrhunderte ein gerichteter Selektionsprozeß ergäbe, WENN man nicht von den festen Erbregeln auf dem Land wüßte, nach denen schlicht meistens der älteste Sohn der Hoferbe war. Wie sich daraus ein lange fortwirkender Selektionsmechanismus ergeben soll, der auf Bedürfnis-Bedriedigungs-Aufschub (oder IQ) selektierte, erscheint mir noch mehr als fragwürdig.

Für das mittelalterliche und neuzeitliche Bürgertum in den deutschen Städten hinwiederum, in denen Kinderzahl (aufgrund von Siebung nach Schul- und Berufserfolg) sicherlich mehr nach IQ-Genen korreliert war, erscheint mir eine solche Vermutung jedoch noch zweifelhafter. Konkrete Fälle von Kinderzahlen in neuzeitlichen Städten, die deutlich über bestandserhaltende Geburtenraten hinausgehen, sind einem aus der Literatur doch nicht erinnerlich. Das europäische Bevölkerungswachstum hat sich doch im Wesentlichen immer vom Land aus vollzogen. In der Stadt Oppenheim am Rhein beispielsweise hat es deutliches Bevölkerungs-Wachstum aus sich selbst heraus zumindest in der Neuzeit nicht gegeben. Für französische Demographen (s. z. B. Pierre Chaunu "Die verhütete Zukunft") ist es vielmehr schon seit Jahrzehnten ein Gemeinplatz, daß das jahrhundertelange Wachstum der städtischen Bevölkerung vor allem durch den Zuzug vom Land geschehen ist, daß also auch die bürgerlichen, städtischen Schichten zu einem Großteil von den kinderreichen Familien auf dem stammen.

Nun werden sicherlich meistens eher die Intelligenteren der nachgeborenen Bauernsöhne und -töchter in die Städte abwandern als die weniger intelligenten. Aber ob das schon die Haupt-Erklärung auch für eine genetische Evolution sein könnten? Ich möchte es gewiß nicht ausschließen.

In jedem Fall wird die These von Gregory Clark dahingehend abgewandelt werden müssen, daß die demograpisch treibenden Kräfte der europäischen Wirtschaftsgeschichte und IQ-Evolution (zumindest in Deutschland) nicht das Stadtbürgertum, sondern die wohlhabenderen und kinderreichen Bauern und Bauersfrauen auf dem Land gewesen sind.

Aber selbst dann bleibt zu fragen, ob dies der Hauptmechanismus für die europäische IQ-Evolution gewesen sein wird. Daraus würde geschlußfolgert werden müssen, daß es ohne Bürgertum keine IQ-Evolution gegeben hätte. Aber auch schon für den gegenüber Europa durchschnittlich höheren IQ in China ist schon darauf hingewiesen worden, daß dort auch einfache Bauern auf dem Land einen nicht auffallend niedrigeren IQ haben als Stadtbewohner, daß deshalb Schriftgelehrtheit kein treibender Faktor für IQ-Evolution gewesen sein kann.

Ich selbst komme eigentlich immer mehr dazu anzunehmen, daß die europäische IQ-Evolution (und auch die ostasiatische?) schon lange vor dem Beginn der Seßhaftigkeit eingesetzt hat und durch sie gar nicht einmal besonders hat beschleunigt werden müssen. Sie wurde durch die oben beschriebenen Mechanismen vielleicht im wesentlichen nur noch stabilisiert. Es könnte sich auch einfach nur um selektive, populationsgenetische Flaschenhals-Ereignisse gehandelt haben, die schon lange vor der Seßhaftigkeit eingesetzt haben, und deren Ergebnisse dann über Jahrtausende hinweg nicht mehr wesentlich selektiv beeinflußt wroden sind. Es ist ja auch naheliegend, ein solches entscheidendes Flaschenhals-Ereignis für die Evolution des aschkenasischen IQ anzunehmen.

(Der Artikel hat eine Fülle von Leser-Kommentaren hervorgerufen, kann ich aber jetzt nicht durchsehen.)

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