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Montag, 23. März 2026

Die Lengyel-Kultur aus Sicht von Archäogenetik und Archäologie

Neues zur Alföld- und Bandkeramik, zu Lengyel- und Tiszapolgar-Kultur

Gliederung:

  1. Die Alföld-Linearkeramik in der Ungarischen Tiefebene (bis 4.900 v. Ztr.)
  2. Die Entstehung der Lengyel-Kultur südlich des Plattensees (ab 4.900 v. Ztr.)
  3. Die Lengyel-Kultur in der Ungarischen Tiefebene
  4. Die Tiszapolgár-Kultur in der Ungarischen Tiefebene (ab 4.500 v. Ztr.)
  5. Kaukasus-Jäger-Sammler-Genetik in der Ungarischen Tiefebene (ab 4.500 v. Ztr.)

Zwei archäogenetische Forschungsstudien aus der Forschungsgruppe von David Reich sind 2023 und 2025 zur ungarischen Tiefebene und dabei auch zur Lengyel-Kultur (5.000 bis 4.000 v. Ztr.) (Wiki) erschienen (1, 2). Vor allem die zweite Studie läßt uns ein wenig unbefriedigt zurück. Aber sie veranlaßt uns, uns erstmals ein wenig intensiver mit der Lengyel-Kultur zu beschäftigen. 

Abb. 1: Weibliche Figur der Lengyel-Kultur aus Unterpullendorf im Burgenland, um 4.700 v. Ztr. (Wiki)

Aber zunächst zur ersten Studie aus den Jahren 2023 (Preprint) und 2024.

1. Die Alföld-Linearkeramik in der Ungarischen Tiefebene - sie war genetisch und vielleicht auch kulturell etwas anderes als die übrige Bandkeramik

Ihr Ergebnis lautet: Aus der Starcevo-Körös-Kultur (6.000-5.600 v. Ztr.) (Wiki) ging in der Ungarischen Tiefebene die Alföld-Linearkeramik (5.500-4.900 v. Ztr.) (Wiki) hervor. Die Menschen der letzteren Kultur trugen 12 % Jäger-Sammler-Genetik in sich, einen leicht höheren Prozentsatz als bei der zeitgleichen Bandkeramik im übrigen Europa (1). Auch von den Archäologen wurde die Alföld-Linearkeramik (Wiki) innerhalb Ungarns im Flußgebiet der Theiß schon seit Jahrzehnten allein aufgrund kultureller Merkmale von der übrigen Bandkeramik Mitteleuropas (Wiki) unterschieden. Wir lesen (Wiki):

Im Westen bildet ein siedlungsleerer Raum die Grenze zum Donaugebiet.

Dieser Umstand ist gut auf Abbildung 3 dargestellt. Das heißt, wir haben es tatsächlich mit zwei unterschiedlichen Völkern zu tun, die sich hier nicht zu nahe kommen wollten (Abb. 3). Und weiter (1): 

Individuen der östlichen LBK-Kultur in Ungarn (ALPC) haben im Durchschnitt 11,5 ± 0,4 % WHG-Abstammung (p = 0,73 für Eignung) (Abbildung 2). Im Gegensatz dazu haben Personen aus der Slowakei_LBK und der Österreichischen_LBK einen durchschnittlichen WHG-Anteil von 4,0 ± 0,4 % (p = 0,06).
Eastern LBK Hungary_ALPC individuals have, on average, 11.5±0.4% WHG ancestry (p=0.73 for fit) (Figure 2). In contrast, Slovakia_LBK and Austria_LBK individuals have an average of 4.0±0.4% WHG (p=0.06). 

WHG steht hier für "westeuropäische Jäger und Sammler", die ursprünglich in diesen Regionen einheimische Bevölkerung.

Abb. 2: Die Heimat der Alföld-Linearkeramik im Verhältnis zur übrigen Bandkeramik (aus 1)

Wir lesen dazu in der ersten Studie (1):

Die LBK wird häufig in zwei Untergruppen unterteilt: die „östliche LBK“ der "Alföld Linearbankeramik Culture" (ALPC), die auf den Osten des Karpatenbeckens beschränkt ist, und die ausgedehnte „westliche LBK“. Die westliche LBK breitete sich in zwei Wellen aus, zunächst von Transdanubien aus, ca. 5.500 v. Ztr. in die Slowakei, nach Österreich, Mähren, Böhmen sowie nach Mittel- und Ostdeutschland. Mehrere Jahrhunderte später erreichte eine zweite Welle das Pariser Becken und angrenzende Gebiete Frankreichs im Westen bis zur Normandie und im Osten bis nach Polen, der Ukraine, Moldawien und Rumänien.
The LBK is often divided into two subgroups: the 'eastern LBK' Alföld Linearbankeramik Culture (ALPC) limited to the east of the Carpathian Basin, and the expansive 'western LBK'. The western LBK spread in two waves, first from Transdanubia, at ca. 5500 BCE, to Slovakia, Austria, Moravia, Bohemia, and central and eastern Germany. Several centuries later, a second wave reached the Paris basin and adjacent areas of France as far west as Normandy and as far east as Poland, Ukraine, Moldova, and Romania.

So der archäologische Forschungsstand.

Abb. 3: Die Aföld-Linearkeramik (grün) im räumlichen Verhältnis zu ihren Nachbarn, der Starcevo-Kultur (lila) im Süden, der Körös-Kultur im Osten, sowie der Linearkeramik im heutigen Westungarn (gelb), in der heutigen Slowakei (blau) und im heutigen Österreich (rot)

Im Diskussionsteil heißt es (1):

Wir berichten von einem durchschnittlichen WHG-Anteil von etwa 11 % in der ALPC, der bei einigen Individuen bis zu 35 % erreichte. Dies steht im Gegensatz zum deutlich niedrigeren Durchschnitt bei den untersuchten Individuen aus Österreich (durchschnittlich 4,5 % mit einer Spanne von bis zu 14 %) und der Slowakei (durchschnittlich 4 % mit einer Spanne von bis zu 8 %). Dies deutet darauf hin, daß die Vermischung zwischen Bauern und Jägern der Großen Ungarischen Tiefebene umfangreicher war als in den westlicher gelegenen LBK-Gemeinschaften. Diese Vermischung zeigt trotz des hohen Anteils an mit WHG assoziierten Y-Chromosom-Haplogruppen keine geschlechtsspezifische Tendenz. Die Korrelation zwischen Isotopen- und Gendaten zeigt keine statistischen Zusammenhänge zwischen Ernährung und Mobilitätsmustern zwischen den Familien in Nitra Horné Krškany und Polgár-Ferenci-hát. Wir fanden jedoch Hinweise auf eine hohe Variabilität der Mobilität innerhalb der Familien, zumindest in Nitra Horné Krškany. Wir beobachteten keine Korrelation zwischen genetischen Mustern und archäologischen Markern des sozialen Status. Wir können daher keine Aussagen über eine durch den sozialen Status bedingte Bevölkerungsstruktur in der LBK treffen.
We report an average of around 11% WHG ancestry in the ALPC, a proportion that reached as high as 35% in some individuals. This contrasts with the much lower average among the studied individuals from Austria (an average of 4.5% with a range of up to 14%) and Slovakia (an average of 4% with a range of up to 8%). This suggests that the admixture between farmers and hunters of the Great Hungarian Plain was more extensive than among the more westerly LBK communities. This admixture shows no sex-biased trend despite the high fraction of Y-chromosome haplogroups associated with WHG. The correlation between isotopic and genetic data shows no statistical relationships between diet and mobility patterns between families in Nitra Horné Krškany and Polgár-Ferenci-hát, but we found evidence for high variation in mobility within families, at least at Nitra Horné Krškany. We observed no evidence of a correlation between genetic patterns and archaeological markers of social status. We can therefore make no claims regarding population substructure driven by social status in the LBK.

Hier auf dem Blog waren wir bislang von einem durchschnittlichen WHG-Anteil der Bandkeramik von sieben Prozent ausgegangen. Nun ist die Rede von 4,5 und 4 Prozent.

Die hohe Bevölkerungsdichte der Bandkeramik

Es wird auch das Massaker von Schletz (Wiki), fünfzig Kilometer nördlich von Wien in der Zeit um 5.000 v. Ztr. erörtert, bei dem über 200 Gefangene getötet worden waren. Die Getöteten repräsentierten den Durchschnitt einer Bevölkerung, nur der Anteil junger Frauen war deutlich erniedrigt. Die neue Studie stellt außerdem fest, daß es keinerlei engere genetische Verwandtschaft zwischen den 200 getöteten Menschen des Massengrabes gab, was in eindrucksvoller Weise auf eine sehr große Ausgangsbevölkerung schließen läßt (1):

Dies läßt Zweifel an der Vorstellung aufkommen, daß die am Graben geborgenen Personen eine örtliche Gemeinschaft darstellen, und legt stattdessen nahe, daß die an diesem Ort  massakrierten Menschen wahrscheinlich aus einer weit verteilten Bevölkerung stammten.
This raises doubts regarding the idea that the individuals recovered at the ditch represent a local community, and instead suggests that people massacred at this key were likely drawn from a widespread population.

Auf jeden Fall macht dieser Umstand auch einmal erneut aufmerksam auf die hohe Bevölkerungsdichte der Bandkeramik.

Seit 2015 wird übrigens auch noch über einen weiteren Massaker-Fundort berichtet, und zwar bei Esztergályhorváti, 17 Kilometer westlich des Plattensees (GMaps), datiert zwischen 4.900 bis 4.700 v. Ztr. (3). Und dazu in Bezug gesetzt werden auch noch drei weitere Fundorte der Lengyel-Kultur, bei denen es Anzeichen für gewaltsame Tötungen gibt: "Friebritz 1" 55 km nördlich von Wien, sowie in Südmähren in der Slowakei Ružindol-Borová und Bajč-Ragona (4) (GMaps).

2. Die Entstehung der Lengyel-Kultur aus der Bandkeramik südlich des Plattensees 

Massaker wie die von Schletz stehen am Ende der bandkeramischen Kultur westlich der Donau. Ob damit dann nicht auch in Verbindung steht die Entstehung der Lengyel-Kultur südlich des Plattensees? 

Abb. 4: Keramik der Lengyel-Kultur (Alch)

Am Rhein kommt es in weiten Regionen nach dem Ende der Bandkeramik für mehrere Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte zu einem vollständigen Siedlungsabbruch, zu einer Entvölkerung (3) (Stg26). An der Mittleren Donau sind die Entwicklungen grundsätzlich ähnlich, aber offenbar nicht ganz so drastisch (3):

Im Osten kommt es nicht zu einer vollständigen Unterbrechung der Siedlungstätigkeit. Dennoch finden Veränderungen statt. In der Südwest-Slowakei läßt sich ein drastischer Rückgang bekannter Siedlungen zwischen der späten LBK/Želiezovce-Phase und der Protolengyel-/Lengyel-I-Phase beobachten (Tóth et al. 2011, 309, Tabelle 1). Darüber hinaus verändern sich die Siedlungsmuster beim Übergang vom Früh- zum Mittelneolithikum. Während Siedlungen der späten LBK und sogar der Protolengyel-Phase auf fruchtbaren Schwarzerdeböden lagen, befinden sich Lengyel-Fundstätten häufiger in hügeligen Gebieten, wo Wälder und weniger fruchtbare Braunerdeböden vorherrschen (ebd., 311–313). Auch in Transdanubien nimmt die Siedlungsdichte ab (Regenye 2010, 88), nicht jedoch in Niederösterreich (Lenneis 2017, 260).
A complete hiatus in settlement activity does not occur in the east. However,  changes  do  take  place.  A  drastic  decrease  in  known  settlements  between  the  late  LBK/Želiezovce  and  the  Protolengyel/Lengyel  I  phases  can  be  observed  in  southwest  Slovakia  (Tóth  et  al.  2011,  309  table  1).  Furthermore,  settlement  patterns  change  at  the  transition  from  the  Early  to  the  Middle Neolithic. Whereas late LBK and even Protolengyel settlements were situated on the fertile chernozem soils, Lengyel sites are more often in the hillier areas, where forests and less fertile brown earth soils dominate (ibid. 311–313). Site density decreases in Transdanubia as well (Regenye 2010, 88), although not in Lower Austria (Lenneis 2017, 260).

Der Hausbautyp ändert sich. Es werden nun kleinere, weniger aufwändig konstruierte Häuser errichtet.. Über die Entstehung der Lengyel-Kultur heißt es aus archäologischer Sicht (3):

Die Entstehung der Lengyel-Kultur ist nach wie vor Gegenstand von Diskussionen, obwohl die Ergebnisse neuer Ausgrabungen an einigen transdanubianischen Fundstätten (Alsónyék; Sormás-Török-földek, Sormás-Mántai-dűlő) neue Erkenntnisse gebracht haben (siehe Pavúk 2003; Osztás et al. 2016; Barna 2017). Die ältesten Funde der Lengyel-Kultur stammen aus Transdanubien und scheinen auf einem kulturellen Fundament der späten Linearbandkeramik (späte Keszthely- und Želiezovce-Kultur) sowie der Kleinkorenovo- und der Sopot-Kultur zu beruhen. Während ihrer größten Ausdehnung (ca. 5100–4400 v. Ztr.; Burić 2015; Oross et al. 2016, 157–168) breitete sich die Sopot-Kultur von Slowenien und Westungarn im Westen bis zur Donau im Osten und der Save im Süden bis zum Donaubogen im Norden aus. Da bereits Einflüsse der Vinča-Kultur (5400/5300–4550 v. Ztr.) in der Lengyel-Kultur Südtransdanubiens nachweisbar waren (z. B. Jakucs 2020; vgl. Diaconescu 2021, 212, Abb. 10 für einen Überblick über die Vinča-Chronologie), trugen die späteren Entwicklungen dieser Kultur auch zur Entstehung der Lengyel-Kultur bei.
The formation of the Lengyel culture is still a subject of debate, although the  results  of  new  excavations  at  a  few  Transdanubian  sites  (Alsónyék; Sormás-Török-földek,  Sormás-Mántai-dűlő)  have  shed  light  on  the  matter  (see  Pavúk  2003;  Osztás  et  al.  2016;  Barna  2017).  The  oldest  Lengyel  finds  were  found  in  Transdanubia  and  seem  to  have  emerged  from  a  cultural  foundation of late LBK developments (late Keszthely, Želiezovce), as well as the  Malo  Korenovo  and  the  Sopot  cultures.  During  its  greatest  expansion  (ca. 5100–4400 cal BC; Burić 2015; Oross et al. 2016, 157–168), the Sopot culture spread across regions from Slovenia and western Hungary in the west to the Danube in the east and the Sava in the south to the Danube bend in the north. Since Vinča (5400/5300–4550 cal BC) influences were already present in the LBK of southern Transdanubia (e. g. Jakucs 2020; cf. Diaconescu 2021, 212 fig. 10 for an overview of the Vinča chronology), this culture’s later developments also contributed to the formation of the Lengyel culture.

Der hier genannten Fundorte liegen zwischen 50 und 100 Kilometer südlich des Plattensees (genannt aus ungarischer Sicht "Transdanubien", also westlich der Donau). Alsónyék liegt 15 Kilometer westlich der Donau. Sormás liegt 170 Kilometer westlich von Alsónyék (GMaps) (Sormás liegt fünfzig Kilometer südlich des Plattensees, Alsónyék liegt 110 Kilometer südlich des Plattensees.) (s. Abb. 5).

Abb. 5: Früheste Fundorte der Lengyel-Kultur (GMaps)

Von dort verbreitete sie sich auch in die Ungarische Tiefebene aus. In der Böhmen-Studie von 2021 hatten wir schon gesehen, daß die Lengyel-Kultur mit einem erhöhten Herkunftsanteil von Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik einher ging. Ähnliches wird auch in der neuen Studie zur Ungarischen Tiefebene festgestellt (osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik kommt vereinzelt dazu) (s.u.). Vielleicht kann man sich das folgendermaßen vorstellen: Die späten Bandkeramik-Kulturen werden im guten Kontakt mit Karpaten-Jäger-Sammler gestanden haben. Und in den Zeiten der kulturellen Auflösung, des kulturellen Umbruchs, vielleicht auch der klimatischen Verschlechterung ab 5.000 v. Ztr. wird es dazu gekommen sein, daß die bis dahin üblichen Heiratsschranken gegenüber den Karpaten-Jäger-Sammlern zumindest gelegentlich nicht mehr aufrecht erhalten wurden.

Mit der Lengyel-Kultur tritt jedenfalls in fast allen Aspekten ein "neues Volk" auf. Das kulturelle Gravitationszentrum der Lengyel-Kultur scheint in ihrer "klassischen" Zeit in Südmähren gelegen haben. Auf dem slowakischen Wikipedia erfährt man deshalb auch überraschendes über sie (Wiki):

In Phase I nahm die Größe der Siedlungen enorm zu. Größere Siedlungen umfassten etwa 50 Häuser. Die Siedlungen dieser Periode lassen sich wie folgt unterteilen: 
- Zentral: (...) Sie hatten meist die Form eines Runds, d. h. kreisförmige Siedlungen, die mit Palisaden, vier Toren und breiten Gräben befestigt waren (Svodín, Bučany, Borová  – Ružindol, Nitriansky Hrádok); ihre Bauweise zeugt von einer gut organisierten Gesellschaft mit einem fortgeschrittenen wirtschaftlichen und kulturellen Niveau.
- Strategisch ( Devínska Kobyla )
- große Dörfer mit Langhäusern entlang des Baches ( Budmerice , Šenkvice )
- kleine Gehöfte (1 Haus)
Die zentralen Siedlungen ( Rondelle ) verschwanden später plötzlich und gewaltsam, woraufhin eine (Noch-Lengyel-)Periode folgte, in der sich die Besiedlung in Form kleinerer Siedlungen auf mehrere, oft zuvor unbewohnte Orte ausbreitete.

Die Archäologen finden in der Lengyel-Kultur zwar nicht unbedingt "exzentrischere" Keramik-Formen als zuvor in der Bandkeramik, aber doch einen kennzeichnenden, ausgeprägt eigenwilligen Gestaltungswillen (s. Abb. 6). Es wurden erstmals Kreisgrabenanlagen angelegt, vermutlich als so etwas wie "Volkssternwarten" (Wiki).

Kennzeichnendes Merkmal: Figurinen

Außerdem wurden in der Lengyel-Kultur bislang über 1200 Figurinen gefunden. Damit sticht die Lengyel-Kultur aus den vorhergehenden und zeitgleichen Kulturen deutlich heraus. In der Starcevo-Körös-Kultur sind bislang 500 Figurinen entdeckt worden, in der Bandkeramik 400 Figurinen, davon aber nur ganz wenige östlich der Oder und nördlich des Mährischen Tores (s. 3, Abb. 2), in der zeitgleichen Rössener Kultur noch viel weniger. Auch innerhalb der Lengyel-Kultur waren sie nicht gleichmäßig verbreitet (s. Abb. 9) (3):

Die Verbreitung der Lengyel-Figuren zeigt, daß sie nicht gleichmäßig über das von der Lengyel-Kultur besiedelte Gebiet verteilt sind; es gibt hohe Funddichten in Niederösterreich und Südmähren, während Transdanubien, die Slowakei und Polen weitaus weniger Funde hervorgebracht haben.
The distribution of Lengyel figurines  shows  that  they  are  not  evenly  distributed  across  the  area  occu-pied  by  the  Lengyel  culture;  there  are  high  densities  of  finds  from  Lower  Austria and southern Moravia, whereas Transdanubia, Slovakia and Poland have produced far fewer finds.

Auch hieran wird erkennbar, daß Südmähren eine Art kulturelles Gravitationszentrum darstellte. Die Figurinen der Bandkeramiker waren dem Bloginhaber schon seit Ende der 1990er Jahre bemerkenswert erschienen (s. Abb. 10 und 11) (Stg2019). Ebenso 2019 sehr besondere Figurinen der serbischen Vinca-Kultur, die ein Zeugnis sein könnten für das erste Auftreten von Indogermanen um 4.700 v. Ztr. in Serbien (Stg2019) (mehr dazu auch unten). Auch einige wenige Figurinen der Lengyel-Kultur hatten schon hier auf dem Blog Aufmerksamkeit auf sich gezogen: So als 2007 in Südmähren der Fußteil einer 50 Zentimeter hohen Frauenfigur gefunden wurde (Stg2007). Und ebenso die weibliche Figur von Unterpullendorf im Burgenland (Abb. 1) sozusagen als eine frühe Form von Porträtdarstellung in der Menschheitsgeschichte (Stg2021). Und genau diese Figurinen der Lengyel-Kultur unterscheiden sie nun - von ihrer Häufigkeit her gesehen - sehr deutlich von anderen neolithischen Kulturen (Abb. 7).

Abb. 6: Die deutliche Zunahme von Wildtierknochen in den Siedlungen der Lengyel-Kultur

In einer Studie aus dem Jahr 2024 heißt es dazu (3):

Im Westen gerieten die anthropomorphen Figurinen am Ende der Bandkeramik außer Gebrauch, während im Osten, insbesondere in der Lengyel-Kultur, die Anzahl der Funde dieser Figurinen sprunghaft anstieg. Die Lengyel-Figurinen stellen jedoch keine einfache Fortsetzung der bandkeramischen Figurinen dar. Sie zeigen Einflüsse der benachbarten Vinča-Kultur, weisen aber auch Merkmale auf, die an die mehrere Jahrhunderte zuvor entstandene Starčevo-Kultur erinnern, wie etwa verzerrte Körperproportionen und betonte Hüften und Gesäße sowie typische und standardisierte Bruchmuster. Offenbar verfolgten die nachbandkeramischen Gemeinschaften unterschiedliche Strategien, um mit den veränderten Umständen umzugehen: Im Westen wurde die Verwendung von Figurinen eingestellt, während im Osten mit einer größeren Anzahl an Figürchen als je zuvor die Situation besser bewältigt werden sollte und man so zu früheren Praktiken zurückkehrte.

Zu den Figurinen der Lengyel-Kultur werden ausdrücklich auch gerechnet "die polnischen Malice- und Pleszów-Gruppen" am Oberlauf der Weichsel in Kleinpolen.

Es handelt sich - wie bei der Keramik - um urtümlich und eigenwillig Gestaltetes (Abb. 1, 7). Das vermehrte Auftreten dieser Figurinen wird von den Forschern in Beziehung gesetzt zu dem ebenfalls sprunghaft ansteigenden Wildtierknochen-Anteil in den Lengyel-Siedlungen (Abb. 6).

Abb. 7: Vier Figurinen der Lengyel-Kultur aus Serbien (aus 3) - von links: a) aus Žarkovo, b) aus Grabovac, c) aus Banjica, d) aus Popović

Alle archäologischen Hinweise deuten unserer Meinung deshalb darauf hin, daß sich mit der Lengyel-Kultur ein ganz neues Volk ausgebreitet hat, das - wie schon in der Böhmen-Studie von 2021 heraus gearbeitet - auch genetisch etwas Neues darstellte.

Aber wie sieht es nun östlich der Donau in der Ungarischen Tiefebene aus? Wie ging es dort nun nach dem Ende der Alföld-Bandkeramik weiter?

3. Die Lengyel-Kultur in der Ungarischen Tiefebene

Die archäogenetische Studie der Forschungsgruppe um David Reich zu den nachbandkeramischen Kulturen in der Ungarischen Tiefebene betont diesbezüglich die genetische Kontinuität gegenüber der Alföld-Keramik-Kultur. Durchschnittlich 12 % Jäger-Sammler-Genetik, die die Alföld-Bandkeramiker in sich trugen, seien in etwa auch in den neolithischen Nachfolge-Kulturen der Alföld-Linearkeramik erhalten geblieben (2).*)

Abb. 8: Der Jäger-Sammler-Herkunftsanteil in archäologischen Kulturen der Ungarischen Tiefebene (aus 2)

Aber in diesen 12 % Jäger-Sammler-Anteil findet sich nun bei etwa der Hälfte der Angehörigen der Lengyel-Kultur in der ungarischen Tiefebene ein Herkunftsanteil von osteuropäischen Jägern und Sammlern ("EHG") (Abb. 8: rot) gegenüber dem bisher allein vorherrschenden Herkunftsanteil der westeuropäischen Jäger und Sammler ("WHG") (Abb. 8: blau). In den "Supplementary Informations" der Studie wird zu der untersuchten Kultur von archäologischer Seite ausgeführt (1; Suppl., S. 1):

Aszód-Papi földek ist eine Fundstätte der Lengyel-Kultur am Hang von Gödöllő in Nordungarn. (...) Die Siedlung läßt sich auf 4800-4730 v. Ztr. (68,3 %) bis 4760–4690 v. Ztr. (68,3 %) datieren. (...) Die materielle Kultur zeugt von intensivem Austausch sowohl mit der Großen Ungarischen Tiefebene als auch mit Transdanubien. Kulturell gehört Aszód-Papi földek zur osttransdanubischen Gruppe des Lengyel-Komplexes, wobei sowohl Keramik im Lengyel- als auch im Tisza-Stil vorkommt. (...) Polierte Steinbeil-Klingen, Anhänger aus Wildschweinhauern und Wildschweinkiefer waren Statussymbole für Männer und drückten ihre Führungsrolle aus.
Aszód-Papi földek is a LN site in the Gödöllő hillside, Northern Hungary. (...) The settlement can be dated from 4800-4730 cal BCE (68.3%) to 4760-4690 cal BCE (68.3%) and the burial activity from 4760-4700 cal BCE (68.3%) to 4710-4640 cal BCE (68.3%). (...) The material culture reflects intensive interaction with both the Great Hungarian Plain and Transdanubia. Culturally, the Aszód-Papi földek site belongs to the East Transdanubian group of the Lengyel complex but both Lengyel- and Tisza-style pottery appear in the site. (...) Polished stone mace heads, wild boar tusk pendants, and wild boar mandibles were male status goods expressing the role of leading position.

Das hier erwähnte Aszód liegt 43 Kilometer nordöstlich von Budapest (GMaps) und 200 Kilometer nördlich von Alsónyék. Die hier festgestellten Erscheinungen lassen sich ohne weiteres in Parallele setzen zu den zeitgleichen Vorgängen etwa im Pariser Becken, wobei zum Beispiel zu fragen wäre, ob es sich bei den erwähnten Steinbeil-Klingen um Jade-Äxte gehandelt hat. Übrigens haben Wildschweinhauer auch am Mittleren Dnjepr in der dortigen Dnjepr-Donez-Kultur eine wichtige Rolle gespielt ("Eberzahn-Kultur") (Stg24).  

Abb. 9: 1300 Figurinen der Lengyel-Kultur (gelb) stehen 14 Figurinen der Rössener Kultur gegenüber (aus 3) 

Ab 4.500 v. Ztr. folgt in der Ungarischen Tiefebene die Tiszapolgár-Kultur (4.500-4.000 v. Ztr.) (Wiki), deren Auswirkungen zumindest auf kultureller Ebene bis nach Kleinpolen hinein von den Archäologen beschrieben werden. Während in den vorhergehenden Kulturen der Ungarischen Tiefebene nur einige ihr Zugehörige EHG-Herkunft aufwiesen, andere nicht, tragen nun so gut wie alle Angehörige der Tiszapolgár-Kultur auch EHG-Herkunft in sich (Abb. 8).

4. Die Tiszapolgár-Kultur in der Ungarischen Tiefebene

In der auf die Tiszapolgár-Kultur folgende Bodrogkeresztúr-Kultur (4.000-3.600 v. Ztr.) (Wiki) - zeitgleich zur Trichterbecher-Kultur im Norden - erhöht sich der EHG-Herkunftsanteil noch einmal. Im folgenden dazu ein zusammenfassendes Zitat aus der archäogenetischen Studie (2): 

In unseren Analysen ist die anatolisch-neolithische Herkunft die dominierende Komponente in allen neolithischen bis kupferzeitlichen Populationen der Ungarischen Tiefebene (GHP) wie erwartet (durchschnittlich 88 %, ...). Die Verteilung der EHG- und WHG-Komponenten zeigt einerseits einen geringen EHG-Anteil in den spätneolithischen GHP-Gemeinschaften ...

... - immer wenn wie hier und im folgenden von "spätneolithischen" unf "frühkupferzeitlichen" Kulturen die Rede ist, ist aus mitteleuropäischer Sicht von mittelneolithischen Kulturen die Rede*) - ... 

... und andererseits einen höheren Anteil in den frühkupferzeitlichen Urziceni-Vamă-Gemeinschaften (...). Sowohl die spätneolithische Population von Aszód-Papi földek als auch die spätneolithische Population von Polgár-Csőszhalom lassen sich mittels qpAdm (p = 0,26 bzw. 0,40) als direkte Nachkommen der älteren, mittelneolithischen Population von Polgár-Ferenci-hát ohne weitere Beimischung modellieren, was mit ihrer ähnlichen Position in der PCA übereinstimmt.
In our analyses, as expected, ANF is the dominant component in all Neolithic to Copper Age populations of the GHP (88% on average, Fig. 2B, Supplementary Figs. 2–3). The distribution of EHG and WHG components shows limited EHG in the Late Neolithic GHP communities on one end, and more in Early Copper Age Urziceni-Vamă on the other (a two-sample t-test of their pairwise comparison resulted in p < 0.002 for the EHG component variance Fig. 2B, Supplementary Data 5A, B). Both the Late Neolithic Aszód-Papi földek and Late Neolithic Polgár-Csőszhalom populations can be modeled as direct descendants from the earlier local Middle Neolithic Polgár-Ferenci-hát population without additional admixture, using qpAdm (p = 0.26 and 0.40 respectively), consistent with their similar position in PCA.

Hier werden unseres Erachtens die vereinzelt schon auftretenden EHG-Beimischungen gar zu flüchtig übergangen. Sie stellen doch eine "weitere Beimischung" dar. Diese Kultur gehört doch archäologisch klar zur mittelneolithischen Lengyel-Kultur westlich der Donau, bzw. zu der von ihr ausgehenden Jordansmühler Kultur in Böhmen und in Schlesien, wo ja - ebenfalls (?!) - ein Karpaten-Jäger-Sammler-Signal sichtbar ist (Stg2021). Es ist uns unverständlich, daß diesem Umstand in dieser Studie offenbar nicht weiter nachgegangen wird und man einfach "genetische Kontinuität" unterstellt. Weiter heißt es (2):

Wir untersuchten die Abstammungsquellen der nachfolgenden Individuen der GHP-Kultur aus der frühen Kupferzeit und modellierten 24 von 30 Individuen in Basatanya, wobei die Polgár-Csőszhalom-Gemeinschaft als einzige Quelle diente (p > 0,05, siehe Ergänzende Daten 5E). In Urziceni-Vamă lassen sich 28 von 50 Individuen der frühen Kupferzeit allein durch eine lokale mittelneolithische Quelle modellieren; dieser geringere Anteil passender Modelle deutet auf zusätzliche Beimischung exogener Herkunft in diese Gemeinschaft hin (siehe Ergänzende Daten 5E). Ebenso läßt sich nur die Hälfte der Individuen der frühen Kupferzeit eindeutig einer genetisch identischen oder eng verwandten Population aus dem späten Neolithikum von Polgár-Csőszhalom zuordnen (p > 0,05). Entsprechend der in der f4-Statistik beobachteten Variabilität der Abstammung (Ergänzende Abb. 4) weisen die Individuen der Urziceni-Vamă-Kultur der frühen Kupferzeit Spuren mehrerer postneolithischer Zuwanderungsströme auf und zeigen unterschiedliche Abstammungsanteile. Diese korrelieren jedoch nicht mit den Keramikstilen (wie dem Bodrogkeresztúr- und dem Salcuța-Stil; siehe Ergänzende Abb. 1, Ergänzende Daten 4–5). (...)  Die Gräber im Tiszapolgár-Stil in Basatanya weisen einen nicht signifikant niedrigeren EHG-Anteil auf als jene mit Keramik im Bodrogkeresztúr-Stil (durchschnittlich ca. 2,6 % gegenüber 4,6 %, t-Test für unabhängige Stichproben, p = 0,0765, siehe Ergänzende Daten 5B). In Basatanya gibt es zudem relativ wenige genetische Ausreißer; nur drei Individuen fallen im ANF-WHG-EHG-3-Wege-qpAdm-Modelltest durch (siehe Ergänzende Daten 5A).
We tested ancestry sources of the subsequent Early Copper Age GHP individuals, and modelled 24 out of 30 individuals at Basatanya using the PolgárCsőszhalom community as a single source (p > 0.05, Supplementary Data 5E). At Urziceni-Vamă, 28 out of 50 Early Copper Age individuals can be modeled using a local Middle Neolithic source alone; this lower proportion of fitting models suggests additional admixture into this community from exogenous sources (Supplementary Data 5E). Similarly, only half of the Early Copper Age individuals fit as derived without admixture from a population genetically identical or closely related to Late Neolithic Polgár-Csőszhalom (p > 0.05). Consistent with the ancestry variability observed in f4-statistics (Supplementary Fig. 4), Early Copper Age Urziceni-Vamă individuals have evidence of several streams of post-Neolithic influx and show diverse ancestry proportions, which, however, do not correlate with pottery styles (such as Bodrogkeresztúr- and Salcuța-styles, see Supplementary Fig. 1, Supplementary Data 4–5). (...) The Tiszapolgár-style graves at the Basatanya site show a nonsignificantly lower EHG component compared to those that have Bodrogkeresztúr-style pottery (ca. 2.6% on average compared to 4.6%, two-sample t-test p = 0.0765, see Supplementary Data 5B). There are also relatively few genetic outliers at Basatanya, with only three individuals failing the ANF-WHG-EHG 3-way qpAdm model test (Supplementary Data 5A).

Die Aufmerksamkeit richtet sich in dieser Studie offenbar stärker auf die "kupferzeitlichen" Kulturen, weshalb der EHG-Anteil in den nachbandkeramischen Kulturen der Ungarischen Tiefebene unseres Erachtens zu sehr vernachlässigt wird. 

Abb. 10: Figurinen der bandkeramischen Kultur - Bandkeramik-Museum Schwanfeld (Wiki) - Das Museum ist gelegen zwischen Würzburg und Schweinfurt

Wir fragen uns hingegen: Handelt es sich bei dem geringen EHG-Anteil um die Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik, die uns in verschiedenen Zusammenhängen hier auf dem Blog schon wichtig geworden ist (Stg2021), und die auch ein Hinweis sein könnte zur Art der Ethnogenese der Trichterbecher-Kultur? Daß es sich die David Reich-Forschungsgruppe bezüglich der Herkunft der Jäger-Sammler-Herkunftskomponente in der ungarischen Tiefebene nicht zu leicht gemacht hat, mag aus folgendem Zitat hervor gehen (2):

Die hälftige WHG-EHG-Genzusammensetzung der mesolithischen Bevölkerung des serbischen Eisernen Tors wurde bereits beschrieben und läßt auf eine hälftige oder duale Zusammensetzung der lokalen HG-Quellen im Karpatenbecken schließen. (...) Ein t-Test für unabhängige Stichproben wurde verwendet, um die Nullhypothese zu prüfen, daß kein signifikanter Unterschied (auf dem Signifikanzniveau von 0,05) in einer bestimmten Komponente zwischen Paaren ausgewählter Populationen besteht. Wir berechneten den Z-Score mithilfe der Pandas-Bibliothek (Version 2.2.2) in Python 3.12, um zu testen, wie stark der EHG- oder WHG-Komponentenwert eines Individuums vom Gruppenmittelwert abweicht (n > 3). Dabei nahmen wir an, daß die WHG-Daten normalverteilt sind und die EHG-Komponenten einer halbnormalen oder abgeschnittenen Normalverteilung folgen (Supplementary Fig. 2). Z-Scores über ±2 zeigen an, daß sich der Wert des Individuums signifikant vom Gruppenmittelwert unterscheidet (bezogen auf die Standardabweichung) (Supplementary Data 5).
The intermediate WHG-EHG genetic composition of the Serbian Iron Gates Mesolithic population has been described previously, anticipating the intermediate or dual composition of the local HG sources in the Carpathian Basin as well5,127. (...) A two-sample t-test was used to test the null hypothesis that there is no significant difference (at the significance level of 0.05) in a given component between pairs of selected populations. We computed the Z-score using the Pandas v2.2.2 library in Python 3.12, to test how far an individual’s EHG or WHG component value deviates from the group mean for groups with n > 3, assuming that the WHG data are normally distributed and the EHG components follow half-normal or truncated normal distribution (Supplementary Fig. 2). Z-scores beyond ±2 indicate that the individual’s value is significantly different from the group mean (in terms of standard deviations) (Supplementary Data 5).

Man hat also versucht, Unterschiede zu anderen Kulturen im Jäger-Sammler-Herkunftsanteil zu finden, glaubt sie aber nicht gefunden zu haben - obwohl sie doch nun deutlich genug sichtbar ist in der beigegebenen Grafik (Abb. 8).

5. Kaukasus-Jäger-Sammler-Genetik in der Ungarischen Tiefebene

Es findet sich ab 4.500 v. Ztr. vereinzelt auch Kaukasus-Jäger-Sammler-Genetik ("CHG") in der Ungarischen Tiefebene, die, wenn sie zusammen mit EHG-Herkunft auftritt, auf die Frühen Urindogermanen der Mittleren Wolga zurück geführt werden kann, die aber auch ohne entsprechenden EHG-Anteil auftritt. Und für letztere Fälle konnte die eigentliche Ursprungsbevölkerung noch nicht identifiziert werden. Aber die Warna-Kultur am Schwarzen Meer wird als bislang beste Annäherung daran gekennzeichnet (2):

Vereinzelt finden sich Hinweise auf CHG-Abstammung (kaukasische Jäger und Sammler) in den Gräbern 17, 18 und 31. Dies könnte ein frühes Anzeichen für Steppeneinflüsse in der Region sein, da CHG und EHG gemeinsam auftreten, ähnlich wie bei späteren Gruppen aus der Jamnaja-Kultur. In neun Fällen läßt sich CHG jedoch ohne EHG-Komponente zuordnen (p>0,05, mit einem Z-Score der Komponente >2; siehe Ergänzende Daten 5D). Eine gruppenbasierte qpAdm-Analyse zeigt, daß die genetische Zusammensetzung der Urziceni-Vamă-Gruppe der von Basatanya am ähnlichsten ist, während die Vergleichsgruppen der kupferzeitlichen Fundstätten Pietrele (rumänisch) und Varna (bulgarisch) signifikante Unterschiede in ihrer WHG-Zusammensetzung aufweisen (siehe Ergänzende Daten 5F). Dies spiegelt die Beobachtung wider, daß die Varna-Gruppe neben der vorherrschenden ANF-Abstammung genetische Komponenten aller WHG-, EHG- und CHG-Gruppen in ähnlichem Verhältnis (4–6 %) aufweist. Obwohl die Bevölkerung von Varna insgesamt keine geeignete Gruppe für die Urziceni-Vamă-Population darstellt, lassen sich fünf Urziceni-Individuen, die nicht der spätneolithischen GHP-Quelle zugeordnet werden können, entweder mit Varna oder mit Pietrele als einziger Quelle modellieren (p> 0,05, siehe Ergänzende Daten 5E). 
Sporadic evidence of CHG (Caucasus huntergatherer) ancestry is evident in graves 17, 18 and 31, which can be early signs of steppe influence into the area, since CHG + EHG appears jointly, like in later Yamnaya-related groups7. However, in nine cases, CHG can be fit without an EHG component (p > 0.05, with component Z-score>2 Supplementary Data 5D). In a group-based qpAdm analysis, the genetic composition of the Urziceni-Vamă is most similar to Basatanya, whereas the comparative Copper Age Romanian Pietrele and Bulgarian Varna site groups show significant differences in their WHG composition58 (Supplementary Data 5F). This reflects the observation that the Varna group has genetic components from all WHG, EHG and CHG in similar proportion (4−6%), alongside the predominant ANF ancestry. Although the Varna population is not a suitable group source for Urziceni-Vamă overall, five Urziceni individuals who do not fit the Late Neolithic GHP source can be modeled using either Varna or Pietrele as a single source (p > 0.05, Supplementary Data 5E).

Es wird also erkennbar, daß in der Ungarischen Tiefebene genetische Einflüsse von der Mittleren Wolga festgestellt werden, ebenso wie genetische Einflüsse aus einer noch nicht identifizierten Kultur wohl aus dem Balkan-Raum.

Abb. 11: Figurinen aus bandkeramischen Siedlungen - Nachbildungen im Bandkeramikmuseum Schwanfeld am Main (Wiki) (Fotograf: Ana al'ain)

Sollte es wirklich so schwer sein, die Karpaten-Jäger-Sammler als einzigartige Gruppe genetisch zu identifizieren, um dann feststellen zu können, zu welchen Ethnogenesen sie im einzelnen in welchem Umfang beigetragen haben? 

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*) Es gibt einen Umstand, der einen beim Studium zunächst völlig konfus macht. Es ist in ihm ständig von "spätneolithischen" und "kupferzeitlichen" Kulturen die Rede, dabei ist es offensichtlich, daß es vor allem um nachbandkeramische Kulturen geht.
Was ist hier das Problem? Dazu muß man sich klar machen, daß das Neolithikum in Ungarn früher als in Mitteleuropa begonnen hat, nämlich schon ab 6.000 v. Ztr.. Diese erste Phase ist in Ungarn "das Frühneolithikum". Die Alföld-Bandkeramik ist in Ungarn dann "das Mittelneolithikum" und dementsprechend gelten alle nachfolgenden Kulturen schon als "Spätneolithikum". Die Kupferzeit beginnt dort schon ab 4.500 v. Ztr.. Es ist also zu beachten, daß die ungarischen "spätneolithischen" und "frühkupferzeitlichen" Kulturen zeitgleich sind mit den mitteleuropäischen mittelneolithischen Kulturen, also zum Beispiel zeitlich parallel mit der Lengyel-Kultur und der Trichterbecher-Kultur. 
Bei dieser Gelegenheit kann man darauf aufmerksam werden, daß in Ungarn eben alles schon früher stattgefunden hat.
Und zumindest die Region westlich der Mittleren Donau stellte ja letztlich bis in die Urnenfelderzeit um 1200 v. Ztr. hinein immer wieder einmal einen "Innovationsraum" dar, von dem seit 5.600 v. Ztr. immer wieder neu sowohl kulturelle Impulse nach Norden ausstrahlten, aber von dem ausgehend sich auch ganze Völker ausgebreitet haben (sowohl nach Norden wie nach Süden). Beispiele wären unter anderem die Bandkeramik-Kultur oder auch die Badener Kultur. 

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  1. Social and genetic diversity in first farmers of central Europe. Pere Gelabert, Penny Bickle, Daniela Hofmann, Maria Teschler-Nicola,     Alexandra Anders, Xin Huang, Inigo Olalde, Romain Fournier, Harald Ringbauer, Ali Akbari, Olivia Cheronet, Iosif Lazaridis (...) Tamas Hajdu, Ron Pinhasi and David Reich. bioRxiv. posted 9 July 2023, 10.1101/2023.07.07.548126 (biorxiv2023); offiziell veröffentlicht November 2024 (Nature2024) (pdf)
  2. Szécsényi-Nagy, Anna, et al. "Ancient DNA reveals diverse community organizations in the 5th millennium BCE Carpathian Basin." Nature Communications 16.1 (2025): 5318 (Nature2025) (pdf)
  3. Becker et al. 2024: V. Becker/C. Fiutak/R. Bristow/R. Iversen, Everything Was Better in the Good Old Days: On the End of the LBK and the Emergence of Lengyel Culture Figurines. JNA 26, 2024, 115–145. DOI: https://doi.org/10.12766/jna.2024.5 (UniKiel)
  4. Barna, Judit P.: Social-historical background of cultural changes in South-Western-Hungary as reflected by archaeological data during Post-LBK times. Anthropologie (1962-) 53.3 (2015): 399-412 (pdf)

Mittwoch, 12. Oktober 2022

Von Ungarn nach Norditalien - Goten und Langobarden

Kleiner Einblick zu der vielfältigen dereitigen Erforschung ihrer Archäogenetik
- nebst einem Seitenblick auf die Kunst der Langobarden und Lombarden 

Die Geschichte der Langobarden in Norditalien ist eine faszinierende. Zur höchsten Blüte gelangte die Geschichte ihrer Nachfahren, der "Lombarden" in der italienischen Renaissance und im Barockzeitalter. Welche Fülle an kulturellen Hinterlassenschaften, an Literatur, an Kunst, an Wissenschaft verdankt die Welt diesem Zeitalter.

Abb. 1: Pfalzkapelle der Langobarden in Cividale, 8. Jhdt., Westwand (Wiki) (Fotograf: Wolfgang Sauber)

Einer der ältesten Orte des langobardischen Weltkulturerbes ist die Stadt Cividale in Friaul (Wiki), die wie die meisten Städte dieser Region unter Julius Cäsar gegründet worden ist. Diese Stadt war einst, ab dem 568 n. Ztr., die Hauptstadt der Langobarden, später ein Herzogsitz der Langobarden. In der dortigen einstigen Pfalzkapelle (heute Kloster Santa Maria), errichtet von den dort residierenden langobardischen Herzögen (Wiki) oder gar von dem langobardischen König Aistulf (gest. 756) (Wiki), hat sich ein herrliches Werk der frühen langobardischen Kunst erhalten (Abb. 1).

Welche Personen diese Reliefskulpturen voller kindlich-reifer Schönheit und zugleich herrschaftlicher Würde an der Westwand dieser Kapelle aus dem 8. Jahrhhundert darstellen (Abb. 1), ist nicht bekannt. Manche stilistischen Elemente dieser Kapelle sind von Byzanz beeinflußt, andere von der arabischen Kultur. Ihr Baustil gehört der "Lombardischen Präromanik" (Wiki) an, die auch von den Bauten Theoderichs des Großen in Ravenna beeinflußt war.

Die meisten frühen steinernen Reliefs der Langobarden, die sich erhalten haben, sind ansonsten noch im typischen germanischen Tierstil gehalten, etwa auch auf Sarkophagen (Wiki). Dabei erinnern die noch sehr archaischen Darstellungen des menschlichen Gesichts an europäische Statuenmenhire wie sie Jahrtausende lang in Europa aufgestellt worden waren (Stgen2019). Vielleicht sind die Skulpturen der Pfalzkapelle in Cividale (Abb. 1) demgegenüber ein erster reifer, ja, sogleich auch vollendeter Ausdruck langobardischer Kunst.

Die lombardische Kunst hat im 12. Jahrhundert bis in Bauerndörfer der Halbinsel Istrien ausgestrahlt. So hat sich ein hölzernes Kruzifix aus dieser Zeit erhalten in der Sankt Justus Kirche in Galižana auf Istrien (nördlich von Pula), das den  Betrachter noch heute anspricht in seiner Würde und in der einfachen, gemessenen Ruhe seines Ausdrucks (Abb. 2) (s.a. PPM, Chr. Winters).

Abb. 2: Hölzernes Kurzifix der lombardischen Schule aus dem 12. Jhdt. - In der Sankt Justus Kirche in Galižana in Istrien (aus 3)

Es ragt aus der Unzahl gekünstelt schmerzvoller Jesus-Darstellungen der europäischen Kunstgeschichte jedenfalls klar heraus.

Die Langobarden waren 568 aus Ungarn nach Norditalien zugewandert. Am Plattensee in Ungarn sind die Gräber ihrer Vorfahren archäogenetisch untersucht worden (2). Das war 16 Jahre nach dem Untergang der Ostgoten unter König Teja in der Schlacht Schlacht am Mons Lactarius, in der der "Schwarze Teja" den Tod fand. Dieser Untergang der Ostgoten ist auch noch für heutige Leser ergreifend dargestellt in dem früher viel gelesenen Roman von Felix Dahn "Ein Kampf um Rom" (1876) (Wiki). Viele der damals in Norditalien verbliebenen Goten haben sich aus diesem Anlaß den benachbarten Franken und den Langobarden angeschlossen (Wiki).

Abb. 3: Herkunftsanteile gotischer und langobardischer Krieger auf vier Gräberfeldern am Südufer des Plattensees in Ungarn zwischen etwa 450 und 550 n. Ztr. (aus 2) (blau=germanische Herkunft, rot=antik-toskanische Herkunft, orange=finnische Herkunft)

Aus der Archäogenetik ist inzwischen gut bekannt, daß die Langobarden - ebenso wie die Goten - aus Skandinavien stammen (Wiki). 

Die neue Studie konnte einige jener Goten und Langobarden, die am Plattensee in Ungarn bestattet worden waren zwischen 450 und 550 n. Ztr. genetisch gar nicht unterscheiden. 

Aber die zeitlich früheren Gräberfelder (Abb. 3 links) werden Goten gewesen sein (s. Abb. 4). Sie wiesen nämlich mitunter auch die besonders für die Goten typischen Schädeldeformierungen auf, die entstehen durch Bandagierungen des Kopfes in der frühen Kindheit. Das ist eine Sitte, die vermutlich mit den Hunnen aufgekommen ist (Wiki):

Schädeldeformationen sind im 5. und 6. Jahrhundert gelegentlich an Grabfunden der von den Hunnen unterworfenen oder beeinflußten Völker wie den Goten, Gepiden (in diesen Fällen bis in das 6. Jahrhundert), Thüringern, Alamannen, Franken (bei den letzten beiden eher selten, 7. Jahrhundert), Bajuwaren (mindestens 20 Schädel an 7 Fundstellen, vor allem am Reihengräberfeld Straubing-Bajuwarenstraße an einem Mann und 10 Frauen), Heruler, Langobarden und Burgundern nachweisbar. 

Bei den untersuchten, zeitlich späteren Gräberfeldern am Plattensee wird es sich um Langobarden handeln, wenn auch die Forscher dazu keine genauen Angaben machen wollen. Unter beiden Gruppierungen gab es jedenfalls Krieger und Frauen, die fast nur nordeuropäische Herkunft aufwiesen (in Abb. 3: blau). Der Anteil derselben war aber bei den Langobarden deutlich höher als bei den Goten. Die Goten hatten bekanntlich schon mehrere Jahrhunderte länger am Nordufer des Schwarzen Meeres und auf dem Balkan gelebt, so daß es vermutlich eher erstaunlich ist, daß einige unter ihnen immer noch reine germanische Herkunft aufgewiesen haben. 

Ebenso wurden dort Menschen bestattet, die nur die Herkunft der Bewohner des vormals dort bestehenden Römischen Reiches aufwiesen (Abb. 3: rot).

Und schließlich stammen viele bestattete Krieger auch von beiden Herkunftsgruppen ab, das heißt, die zugewanderten langobardischen Krieger haben einheimische Frauen geheiratet, ob aus der jeweils eigenen sozialen Schicht oder nicht, kann derzeit noch kaum gesagt werden. Die jeweilige Herkunft kann auch sonst nicht zwangsläufig an den Grabbeigaben abgelesen werden. ("Differences and changes in material culture do not necessarily correspond to genetic shifts and differences.") Das heißt, Menschen einheimischer Herkunft waren nicht zwangsäufig sozial schlechter gestellt als die zugewanderten Angehörigen der germanischen Stämme.

Die Gräberfelder der Goten scheinen mehr um die mütterliche Herkunft herum organisiert zu sein. Welche Schicksale wohl die Nachfahren dieser Goten in Italien erfahren haben. Vielleicht waren die Vorfahren von ostgotischen Königen dabei wie Theoderich, Amalaswintha, Wittichis, Totila oder Teja oder anderen ostgotischen Heerführern. Die Gräberfelder der Langobarden sind klar entlang der väterliche Herkunft organisiert.

Ungarn - Ein kurzer weltgeschichtlicher Überblick

Schon im April hatten wir im Entwurf mit einem Beitrag begonnen, der aus diesem Anlaß mit eingestellt werden soll. Mehrere Beiträge hier auf dem Blog haben sich ja inzwischen mit der Geschichte Ungarns beschäftigt. Diese Geschichte ist sehr wechselhaft, sehr vielfältig, sehr abwechslungsreich. Sich diesen Umstand vor Augen zu führen, kann ja einmal ganz sinnvoll sein (Label:Ungarn). 

In Ungarn - zwischen Plattensee und Wiener Becken - entstand die große Kultur der Bandkeramik. Dazu gibt es viele Artikel hier auf dem Blog. Genannt sei an dieser Stelle nur einer der letzten (Stgen2019).

Schon um 4.500 v. Ztr. treten "sporadisch" die ersten Urindogermanen, abstammend von der Chwalynsk-Kultur an der Mittleren Wolga in Ungarn auf (Stgen2022). Ab 2.900 v. Ztr. folgt eine weitere, demographisch deutlich stärkere indogermanische Zuwanderung.

2.200 v. Ztr. scheinen indogermanische Völker aus Ungarn dann wieder abgezogen zu sein (Stgen2022). Völker mit höheren Anteilen westeuropäischer Jäger-Sammler-Genetik, die es seit 5.600 v. Ztr. in Ungarn gar nicht mehr gegeben hatte, siedelten in Ungarn. Erste städtische Zentren entstanden in dieser Zeit (Stgen2022).

Mit diesen städtischen Zentren entstand ein Bevölkerungsüberschuß, der dazu führte, daß aus dem Raum Ungarn heraus viele Anstöße gekommen zu sein scheinen zu großen Kriegszügen nach Westen, Norden (Tollensetal in Mecklenburg!) und schließlich Süden, also zu jenen Kriegszügen, die im Seevölkersturm um 1200 v. Ztr. im Mittelmeerraum mündeten (Stgen2019).

In der Eisenzeit siedelten Sarmaten in Ungarn. Zu ihnen gehörte auch der Stamm der Jazygen. Diese Sarmaten waren zum Teil Gegner, zum Teil Verbündete anderer germanischer und indogermanischer Völker dieses Raumes, etwa auch des Quaden-Fürsten Marbod, der Grundlagen für den Sieg der Cherusker bei Kalkriese im Jahr 9 n. Ztr. legte (Stgen2021). Verbündete etwa auch der Daker in ihrem Überlebenskampf gegen die Römer (Stgen2021).

Später kamen die Goten unter und neben den Hunnenkönigen nach Ungarn (Stgen2021).

Zur Völkerwanderungszeit finden wir gerade folgende, recht gelungene, kurze Zusammenfassung (1):

Vor der Ankunft der Awaren war der westliche Teil des Karpatenbeckens von den Römern besetzt, der östliche Teil desselben von den Sarmaten (etwa 1 bis 400 n. Ztr.). Die Römer wurden durch das kurzlebige Reich der Hunnen ersetzt (400 bis 455 v. Ztr.) und durch mehrere germanisch-sprachige Gruppen: Goten und Langobarden in Pannonien, Gepiden entlang der Tisza (400 bis 568). 567/68 zerstörten die Langobarden das Königreich der Gepiden und zogen nach Italien, während die Awaren das Karpatenbecken und seine einheimische Bevölkerung eroberten (Pohl, 2018).
Before the Avars arrived, the Romans had occupied the western part of the Carpathian Basin and the Sarmatians the eastern part (c. 1–400 CE). The Romans were replaced by the short-lived empire of the Huns (400–455 CE), and by diverse Germanic-speaking groups: Goths and Longobards in Pannonia, Gepids along the Tisza (400 to c. 568). In 567/68, the Longobards destroyed the Gepid kingdom and moved to Italy, while the Avars conquered the Carpathian Basin and its local population (Pohl, 2018).

Um 900 kommt es dann zu den Einfällen der namengebenden "Ungarn" in Ungarn, zur sogenannten "Landnahmezeit" (Stgen2022). Die sibirische, ugrische Sprache der Landnahme-Ungarn blieb bis heute erhalten, ihre Gene sind in Ungarn heute ausgestorben. 

Abb. 4: Gräberfelder am Südufer des Plattensees in Ungarn und ihre zeitliche Stellung (aus 2)

Hier noch einmal ein graphischer Überblick über die Geschichte Ungarns in der Völkerwanderungszeit (Abb. 4).

Langobarden-Gräber in Westungarn (ab 500 v. Ztr.)

/ Ergänzung 14.6.2026 / Eine neue archäogenetische Studie zu den Langobarden in Westungarn ist erschienen, im wesentlichen von der selben Forschungsgruppe wie die frühere Studie (4).

Untersucht wurden Langobarden-Gräber rund um das Römerkastell Arrabona (Wiki) an der Donau, das unter der heutigen ungarischen Stadt Győr verborgen liegt, gelegen auf halbem Weg zwischen Wien und Budapest. Außerdem wurden Langobarden-Gräber untersucht weiter südlich davon, unter anderem bei Szeleste und Stein am Anger (röm. Savaria, ungar. Szombathely) (GMaps) (s. Abb. 5 und 6).

Abb. 5: Langobarden-Gräber entlang des Weges von der römischen Stadt Savaria zum Römerkastell Arrabona an der Donau, bzw. heute von der Stein am Anger nach Győr im heutigen Westungarn (Kleine Ungarische Tiefebene), also grob zwischen Wien und Budapest (GMaps)

Ergebnis der Studie ist: Die Langobarden vermischten sich schon in Westungarn mit der einheimischen Bevölkerung vorwiegend südeuropäischer Herkunft. Aber mehrheitlich blieb die skandinavische genetische Herkunft bei ihnen erhalten.

Abb. 6: Langobarden-Gräber bei Arrabona und südlich davon (aus 4)

Das heute für die Region zuständige archäologische Museum, "Savaria Museum", befindet sich heute in Stein am Anger, bzw. ungar. Szombathely. In diesem sind unter anderem viele römische Grabsteine ausgestellt.

Abb. 5: Relief auf einem römischen Grabstein in Savaria (heute Stein am Anger, bzw. ungar. Szombathely) - Briseis wird aus dem Zelt des Achilles geführt (RomanArtLover)

Auf einem dieser Grabsteine findet sich die Darstellung jener Szene aus der Ilias, in der Briseis aus dem Zelt des Achilles geführt wird, ein beliebtes Kunstmotiv in römischer Zeit.

/ Entwurf zu [1]: 5.4.22
Ergänzung 14.6.2026 /

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  1. Ancient genomes reveal origin and rapid trans-Eurasian migration of 7th century Avar elites. Gnecchi-Ruscone, G. A., Szécsényi-Nagy, A., Koncz, I., Csiky, G., Rácz, Z., Rohrlach, A. B., ... & Krause, J. (2022). Cell. (Cell2022)
  2. Investigating community formation through dense spatial and temporal sampling of 5-6th century cemeteries in Pannonia. Deven Nikunj Vyas, István Koncz, Alessandra Modi, Balázs Gusztáv Mende, Yijie Tian, Paolo Francalacci, Martina Lari, Stefania Vai, Péter Straub, Zsolt Gallina, Tamás Szeniczey, Tamás Hajdu, Rita Radzevi, Zuzana Hofmanová, Sándor Évinger, Zsolt Bernert, Walter Pohl, David Caramelli, Tivadar Vida, Patrick J Geary and Krishna Ranganaden Veeramah. bioRxiv. posted 27 September 2022, , 10.1101/2022.09.26.509582 (bioRxiv2022)
  3. Barbarlich-Geromella, Elis: Geistige Itinerarien in und um Vodnjan - Eine Begegnung mit der Stille. Libar od Grodza, Pula 1995
  4. Yijie Tian (...), Kurt W. Alt, Zuzana Hofmanová, Walter Pohl, Johannes Krause, Tivadar Vida, Patrick J. Geary, Krishna R. Vereramah: Unveiling the complexity of post-Roman polity formation in Pannonia using ancient DNA, Science (2026) (Science2026) (pdf)

Sonntag, 13. Februar 2022

2.200 v. Ztr. - Abwanderungen indogermanischer Völker aus Ungarn?

Ein Volk unbekannter Herkunft löste die vorhergehende indogermanische Kultur am Plattensee ab (2.200 bis 1900 v. Ztr.)
- Waren es vormalige Unterschichten-Verbündete der Indogermanen?  

2.200 v. Ztr. ist eine große Umbruchszeit im Leben der europäischen und vorderasiatischen Völker (Wiki). 800 bis 600 Jahre zuvor hatten die indogermanischen Schnurkeramik- und Glockenbecher-Kulturen begonnen, sich über weite Teile Mitteleuropas und Skandinaviens auszubreiten.

2.200 v. Ztr. - Eine Umbruchzeit im Völkerleben Europas und des Vorderen Orients

Um 2.200 v. Ztr. breitet sich der Streitwagen und das ihn ziehende domestizierte Pferd, das ab 3.500 v. Ztr. innerhalb der Maikop-Kultur (nördlich des Kaukasus), der Jamnaja-Kultur und der Poltavka-Kultur domestiziert worden war, sehr zügig über ganz Europa hinweg aus (Stgen/2021). Ebenso mit der Kura-Araxes-Kultur des Kaukasus und mit den aus dieser Kultur hervorgehenden, oberflächlicher bis ausgeprägter kulturell indogermanisierten Völkern nach Süden, zunächst mit den Hurritern und Mittani (Stgen/2022), später mit den Hethitern, Luwiern und Amoritern (die alle genetisch keinerlei Steppengenetik aufweisen, letztere sprachen eine semitische Sprache, ihre Herkunft ist noch dunkel.) 

In Westanatolien werden um 2.200 v. Ztr. sämtliche Städte zerstört, vermutlich von den indogermanisierten Hethitern und Luwiern aus dem Kaukasus (Wiki). In Syrien und im Levanteraum werden ebenfalls sämtliche Städte zerstört, vermutlich von den Amoritern (Wiki). 

Abb. 1: Die Glockenbecher-Kultur in Ungarn - Becher der "Csepel-Kultur", einer Untergruppe der Glockenbecher-Kultur im ungarisch-slowakischen Grenzraum, gefunden in der Nähe von Budapest, Museum von Budapest (Wiki)

Zur gleichen Zeit tritt in Nordgriechenland zum ersten mal indogermanische Steppengenetik auf (Stgen/2021). Zur gleichen Zeit, ab 2.200 v. Ztr. kommen die Indogermanen massiv nach Spanien (Stgen/2019, Stgen2021). Ebenso nach England (Stgen/2010, Stgen/2021) und Italien (Stgen2019). Ebenso nach Sizilien (Stgen/2020) und Sardinien (Stgen/2021) und nach Algerien und Marokko (Stgen2021). Die indogermanische Aunjetitzer Kultur breitet sich von Norden her nach Böhmen aus (Stgen/2021).

Am Nordrand der ungarischen Donau-Ebene entstehen die ersten städtischen Siedlungen (Stgen/2010). Stabdolche und Ösenhals-Ringe werden zu einer ersten europäischen "Währung" (Stgen/2010). 

Die Schnurkeramik-Kultur verbreitet sich nach Finnland (Stgen2016). Die Sintashta-Kultur entsteht südlich des Ural aus westlichen Schnurkeramik-Kulturen und breitet sich in den nächsten wenigen Jahrhunderten als "Arier" nach Nordindien aus (Stgen2020). In Turkmenistan entsteht die ausgereifte Marghiana-Kultur (Stgen2019) (allerdings noch ohne genetische oder kulturelle Beeinflussung durch Indogermanen, soweit bislang erkennbar). 

Aus der germanischen Völkerwanderung ab etwa 250 n. Ztr. ist bekannt, daß Völker, wenn sie auf Wanderschaft gingen, ihre vormalige Heimat gerne auch einmal weitgehend entvölkert zurück lassen konnten, so daß sich in diese Räume neue Völker hinein ausbreiten konnten. Dies ist etwa für manche Gegenden östlich der Elbe und der Oder bezeugt. Die an der Elbe zurückgebliebenen Wandalen schickten etwa Gesandtschaften nach Nordafrika mit der Bitte, die zurückgelassenen Ländereien neu verteilen zu dürfen. Diese Bitte wurde damals noch von den Wandalen in Nordafrika abgeschlagen. Nachdem sie in Nordafrika untergegangen waren, wird sich diese Problematik von selbst erledigt haben. Könnte es solche Erscheinungen auch schon in der Zeit um 2.200 v. Ztr. herum gegeben haben?

Blicken wir in den Raum des heutigen Ungarn, des heutigen Kroatiens und des heutigen Dalmatien. Zu diesen Regionen sind letztes und dieses Jahr zwei neue archäogenetische Studien erschienen, die auch Entwicklungen in der Zeit um 2.200 v. Ztr. in den Blick nehmen. Und wir erinnern uns daran, daß es Vermutungen gibt, daß Apulien im Süden Italiens um 2.200 v. Ztr. von indogermanischen Stämmen aus Dalmatien heraus besiedelt worden sein könnte (1). Diese scheinen vergleichsweise unvermischt nach Apulien gekommen zu sein (1). Wie das zustande gekommen sein kann, können wir in diesem Beitrag nicht abschließend klären. 

Denn wir werden unten sehen, daß wir es in Kroatien und Dalmatien schon ab 2.800 v. Ztr. mit vermischter Genetik (Steppengenetik/mittelneolithische Genetik) zu tun haben. Auf jeden Fall könnte dieses Übersetzen nach Apulien deutlich machen, daß es um 2.200 v. Ztr. herum, also in der Mittleren Bronzezeit, aus dem ungarisch-kroatischen Raum heraus auch wieder zu Abwanderungen indogermanischer Stämme gekommen ein könnte. 

Abb. 2: Gefäß der späten Mako-Kultur in Ungarn (2.500 bis 2.100 v. Ztr.) (Wiki)

Aber zunächst: In Kroatien und Dalmatien hatten die Menschen im Mittelneolithikum nur 2,4 % Herkunftsanteile westeuropäischer Jäger und Sammler. Sie stammten ansonsten ab von den anatolisch-neolithischen Bauern, die auch sonst das Frühneolithikum in Europa bestimmten. Diese wenigen Prozent scheinen schon zur Zeit der Ausbreitung des Ackerbaus in das Genom der Menschen in Kroatien hinein gekommen zu sein und über Jahrtausende dort fortexistiert zu haben (2). Dieser Umstand ist deshalb so wichtig, weil sich auch dieser mit der Ankunft der Indogermanen sehr deutlich ändern wird.

2.500 v. Ztr. - Die Indogermanen kommen nach Kroatien und Ungarn

In der Zeit zwischen 2.800 bis 2.500 v. Ztr. (2; Suppl. pdf, S. 5), also während der dortigen Kupferzeit, kam dann 30 % Steppengenetik in das Genom der Menschen, die im heutigen Kroatien lebten. Außerdem auch ein größerer Herkunftsanteil westeuropäischer Jäger und Sammler.

Das geschah zeitgleich zur Ausbreitung der indogermanischen Steppengenetik auch sonst in Mitteleuropa.

2.200 v. Ztr. - Jäger-Sammler-Herkunft kommt (zurück) nach Kroatien

In der Mittleren Bronzezeit in Kroatien treten dann 160 Kilometer südlich vom Plattensee Menschen auf, die ein erneutes Anwachsen der Herkunftskomponente der westeuropäischen Jäger und Sammler auf 20 % zeigen, gleichzeitig mit einem zusätzlichen Anwachsen der Steppenherkunft auf 33 % (frühneolithische Bauernkomponente 47 %). Der Zeitpunkt der Vermischung der frühneolithischen Bauernkomponente dieser Menschen mit der für diesen Raum ganz ungewöhnlichen Jäger-Sammler-Komponente wird - sehr grob - auf die Zeit um 3.000 v. Ztr. datiert (3.400 bis 2.400 v. Ztr.). Dies ist durch Menschenfunde aus einer Siedlung bei Jagodnjak/Katschfeld in Kroatien bezeugt*) (2). Eine vergleichbare Herkunftszusammensetzung findet sich bei zeitgleichen Menschenfunden von Makó in Ungarn, etwa 200 Kilometer nordöstlich von Jagodnjak (2) (s. Abb. 2).

Soweit Ergebnisse einer archäogenetischen Studie aus dem Herbst 2021 zu Kroatien und Dalmatien. Dieses Bild wird neuerdings noch verstärkt durch Ergebnisse einer neuen archäogenetischen Preprint-Studie zum Plattensee in Ungarn aus dem Februar 2022 (3).

Wir wissen, daß auf der Insel Gotland Menschen mesolithischer Herkunft angesiedelt wurden, die indogermanische Streitaxt-Kultur-Elemente angenommen hatten (4). Es war das parallel zum Untergang der Trichterbecher-Kultur auf der Insel Gotland geschehen, die auf dieser Insel keine Nachkommen hinterlassen hat.

Nun findet die Forschung das "Wiederauferstehen" eines Volkes vorwiegend mesolithischer Herkunft ebenso auch am Plattensee, das zugleich sowohl Glockebecher- wie Trichterbecher-Herkunft aufweist (3). Haben wir hier einen weiteren Stamm von "Unterschichten-Verbündeten" indogermanischer Völker vor uns (5), der mit den Eroberungszügen und etwaigen Abwanderungen der Indogermanen neue Dynamik erhalten hatte in der Früh- und Mittelbronzezeit? Dies ist bekannt geworden von dem (3) ...

... Fundort Balatonkeresztúr-Réti-dűlő im westlichen Ungarn, wo während Straßenbauarbeiten unter anderem bronzezeitliche Fundkonstellationen aufgedeckt worden sind. Es können drei archäologische Zeithorizonte unterschieden werden, die Somogyvár-Vinkovci-Kultur (~2500-2200 v. Ztr.), die Kisapostag-Kultur (~2200–1900 v. Ztr.) und die Kultur der inkrustierten Keramik (~1900–1450 BCE) ...
... Balatonkeresztúr-Réti-dűlő site in Western Hungary, where - among others - Bronze Age assemblies were found during roadwork in 2003. Three Bronze Age archaeological horizons can be distinguished, from the Somogyvár-Vinkovci culture (~2500-2200 BCE), Kisapostag culture (~2200–1900 BCE) and to the Encrusted pottery culture (~1900–1450 BCE) ....

Die Angehörigen der Somogyvár-Vinkovci-Kultur (~2500-2200 BCE) hatten nun fast zur Hälfte Glockenbecherleute-Abstammung. Aber auffallenderweise auch 17 % Jäger-Sammler-Herkunft (~17% HG, ~40% European farmer, ~43% steppe ancestry). Die Glockenbecher-Herkunft stammte von einer südöstlichen Glockenbecher-Gruppe in Polen, so die Studie (3). Der Ursprungsort der Jäger-Sammler-Herkunft kann bislang noch nicht lokalisiert werden.

// Ergänzung 9.11.22:  Die hier behandelte Preprint-Studie ist inzwischen in offenbar überarbeiteter Form erneut eingestellt worden. Neu in der Zusammenfassung sind die folgenden Sätze (3):

Unsere Ergebnisse legen einen hohen Steppengenetik-Anteil in der Somogyvar-Vinkovci-Kultur nahe, die ersetzt worden ist durch die Kisapostag-Gruppe, die einen außergewöhnlich hohen mesolithischen Jäger-Sammler-Herkunftsanteil in sich trug (bis zu 47 %).
Our results indicate the presence of high steppe ancestry in Somogyvar-Vinkovci culture that was replaced by the Kisapostag group having an outstandingly high (up to ~47%) Mesolithic hunter-gatherer ancestry.  

Und weiter heißt es (3):

Die Jäger-Sammler-Herkunft in der Kisapostag-Kultur stammt vermutlich aus zwei Hauptquellen, einmal aus einer Bevölkerung, die mit der Trichterbecher- oder Kugelamphoren-Kultur in Zusammenhang steht und aus einer bislang nicht erkannten Quelle in Osteuropa. Wir zeigen, daß diese Herkunft nicht nur in verschiedenen mitteleuropäischen bronzezeitlichen Gruppen auftritt, sondern ebenso zur Herkunft baltischer Bevölkerungen beitrug.
The hunter-gatherer ancestry in Kisapostag is likely derived from two main sources, one from a Funnelbeaker or Globular Amphora culture related population and one from a previously unrecognised source in Eastern Europe. We show that this ancestry not only appeared in various groups in Bronze Age Central Europe, but also made contributions to Baltic populations.

Ende der Einfügung. //

2.200 v. Ztr. - Jäger-Sammler-Herkunft kommt (zurück) nach Ungarn

Von der Kisapostag-Kultur (~2200–1900 BCE)  (Wiki) wurden acht Männer und zwei Frauen sequenziert. Sie weisen ~41% frühneolithische Bauernherkunft auf, nur noch 17 % Steppenherkunft und ungewöhnliche 42% Jäger-Sammler-Herkunft. Aufgrund von vielfältigen Auswertungsverfahren werden als die wahrscheinlichsten Ursprungs-Bevölkerungen angenommen (3):

... schwedische Trichterbecherkultur (33 %), polnische südöstliche Glockenbecher-Kultur (42 %) und eine Jäger-Sammler-Herkunft bislang unbekannter Herkunft von 29 %.
most plausible sources of Neolithic Sweden Funnel Beaker culture (~32±8%), Poland Southeast BBC (~41±6%) and an extra HG (~29±3%) ancestry of yet unknown origin.

Während wir also im südlichen Ungarn und Kroatien - siehe oben - in der Mittelbronzezeit eine Zunahme der Jäger-Sammler-Herkunft auf 20 % sehen, kommt es am Plattensee sogar zu einer Zunahme auf 29 % - wenn nicht gar auf 42 %. Auf 42 % summiert sich die Jäger-Sammler-Herkunft deshalb, weil es ja auch in der Trichterbecher-Kultur eine größere mesolithische  Jäger-Sammler-Herkunftskomponente gab (gemischt mit frühneolithischer Bauernherkunft). Diese summiert sich mit einer bislang unbekannten mesolithischen Herkunft in der Kisapostag-Kultur zu den angegebenen 42 %.

Ein letztes Auftreten von Menschen mit einem großen Herkunftsanteil westeuropäischer Jäger und Sammler und der damit verbundenen dunklen Haut- und Haarpigmentierung (4). Die letzten "reinen", ursprünglichen westeuropäischen Jäger und Sammler, die am Plattensee und in Dalmatien Jahrtausende lang ungestört gelebt hatten, waren um 5.700 v. Ztr. während der Ethnogenese der Bandkeramiker unter gegangen. Nun waren Nachkommen der westeuropäischen Jäger und Sammler aus anderen Gegenden Europas 3500 Jahre später (!!!) noch einmal "zurückgekehrt".

Da die Zusammenhänge bislang nicht so recht greifbar sind, aufgrund welcher Umstände es zu diesem "letzten" Anwachsen von Jäger-Sammler-Herkunft am Plattensee in der Mittelbronzezeit gekommen ist, ist es auch schwer, dasselbe in ein allgemeineres Bild einzuordnen. 

Es wird aber zunächst einmal schon vermutet werden dürfen, daß es sich hier - ähnlich wie auf der Insel Gotland oder auf Sardinien (5) - sozusagen um (vormalige) Unterschichten-Verbündete indogermanischer Stämme gehandelt haben könnte. Vielleicht konnten diese sich auch um den Plattensee ausbreiten, nachdem vormals dort vorherrschende Stämme abgewandert waren. Zum Beispiel nach Nordgriechenland oder nach Apulien oder noch weiter weg.

In der Studie wird - aufgrund archäologischer und archäogenetischer Hinweise - darüber nachgedacht, ob die Menschen der Kisapostag-Kultur vom Mittleren Dnjepr oder aus den nördlichen Karpaten stammen könnten (3).

Die Menschen der Kultur der inkustrierten Keramik (~1900–1450 BCE)**) werden dann als in direkter genetischer Kontinuität zu den Menschen der Kisapostag-Kultur stehend angesprochen mit kaum (3) ...:

... Verschiebungen in der Herkunfts-Zusammensetzung (29% Jäger-Sammler, 46% frühneolithische Bauern, 25 % Steppenherkunft).
Bk-III shows a shift in ancestry composition (~29% HG, ~46% European farmer, ~25% steppe).

Die Steppenherkunft wächst also wieder von 17 auf 25 %. Zu genetischen Eigenschaften, die mit den unterschiedlichen Herkunftsanteilen verbunden sind, ist noch zu erfahren (3):

Pigmentierungs-Farben unterscheiden sich sehr deutlich zwischen den archäologischen Schichten ... Die Menschen der Somogyvár-Vinkovci-Kultur weisen in der Regel helle Pigmentierung auf, blaue Augen, blondes Haar, während die Menschen der Kisapostag-Kultur eher Ähnlichkeit mit Populationen des neolithischen Europa aufweisen, obwohl sich auch einige Varianten heller Pigmentierung in dieser Gruppierung finden. Angehörige der Encrusted-Becher-Kultur zeigen eine große Vielfalt von dunklen bis hellen Tönen und sogar Menschen mit rotem Haar.
Pigmentation patterns highly differ between horizons, as Bk-I mostly possess variants for light pigmentation, blue eyes and blonde hair, while Bk-II is more similar to populations of Neolithic Europe (Fig. 2), although some variants for lighter pigmentation exist within this group too. Members of Bk-III on the other hand show a wide range from dark to light tones and even the presence of variants for red hair.

Als dann ab 1300 v. Ztr. - womöglich aus dem Donaubecken heraus - ein neues Großreich in Bewegung geriet und einen Kriegszug in den Ostsee-Raum führte, um sich dort an der Tollense in Mecklenburg mit Einheimischen eine Schlacht zu liefern, wurde eine weitere, neue Phase der Weltgeschichte eingeläutet: "Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte" (7).


/ Ergänzt um (8): 24.6.24 /

_____________

*) Dort lebten bis 1945 auch Donauschwaben.
**) "Encrusted pottery culture" wird ins Deutsche übersetzt mit "Kultur der inkrustierten Keramik" (s. 8). Diese Kultur war über Ungarn sehr weit verbreitet. Inkrustation ist eine Technik der Keramik-Herstellung, die es schon bei den Bandkeramikern gab (Wiki) und so auch bei vielen anderen Völkern. Bei ihr werden Muster in den Ton der Gefäße eingelegt mittels andersartiger Stoffe, oft heller, weißer. 

________________

  1. Bading, I.: Die Indogermanen in Apulien - Herkunftsanteil 20 bis 40 %, 31.07.2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/07/indogermanen-in-apulien-herkunftsanteil.html
  2. Freilich, S., Ringbauer, H., Los, D. et al. Reconstructing genetic histories and social organisation in Neolithic and Bronze Age Croatia. Sci Rep 11, 16729 (2021). 18.8.2021, https://doi.org/10.1038/s41598-021-94932-9, https://www.nature.com/articles/s41598-021-94932-9
  3. Interdisciplinary analyses of Bronze Age communities from Western Hungary reveal complex population histories. Daniel Gerber, Bea Szeifert, Orsolya Szekely, Balazs Egyed, Balazs Gyuris, Julia I Giblin, Aniko Horvath, Laszlo Palcsu, Kitti Kohler, Gabriella Kulcsar, Agnes Kustar, Vajk Szeverenyi, Szilvia Fabian, Balazs Gusztav Mende, Maria Bondar, Eszter Ari, Viktoria Kiss and Anna Szecsenyi-Nagy, bioRxiv. posted 6 February 2022, 10.1101/2022.02.03.478968, http://biorxiv.org/content/early/2022/02/06/2022.02.03.478968; erneut 7.11.22, https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2022.02.03.478968v2; Molecular Biology and Evolution 10.8.2023 (Acad)
  4. Bading, I.: 2.700 v. Ztr. - Die letzten einheimischen Fischer auf Gotland nehmen die indogermanische Streitaxt-Kultur an, 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/06/die-westeuropaischen-jager-und-sammler.html
  5. Bading, I: Rebellen und Könige - Die Indogermanen, 21.08.2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/08/indogermane-sein-heit-revoluzzer-sein.html
  6. Bading, I.: Das farbenprächtige Bild der Völkergeschichte Böhmens, 28.08.2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/08/die-farbemprachtige-bild-der.html  
  7. Bading, I.: Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte, 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/10/volker-und-groreiche-in-bewegung-europa.html
  8. Lifeway narratives of a Bronze Age community from Balatonkeresztúr (Western Hungary) based on bioarchaeological analyses. By Viktória Kiss, Dániel Gerber, (...) Eszter Ari, and Anna Szécsényi-Nagy 2024 (pdf)
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