Samstag, 21. März 2026

Breitete sich die Hinkelstein-Kultur durch Massaker aus?

Zu den europäischen Ethnogenesen am Ende der Bandkeramik um 5.000 v. Ztr.

Mit den gewaltsamen Auseinandersetzungen am Ende der Bandkeramik - ab 5.100 v. Ztr. - haben wir uns schon in einem früheren Blogbeitrag auseinander gesetzt (Stg20).

Abb. 1: Das Portal der nordirischen Dorfkirche von Clonfert, über dem 16 in Stein gemeißelte abgeschnittene menschliche Köpfe "präsentiert" werden (Wiki) (aus: Stg2021) - Ein Nachhall vorchristlicher Geisteshaltungen

Wenn man verschiedene, inzwischen durch die Archäogenetik besser verstandene Ethnogenese-Prozesse miteinander vergleicht - im Wiener Becken und in Südfrankreich um 5.700 v. Ztr., an der Seine und in der Bretagne um 5.100/4.700 v. Ztr., an der Mittleren Wolga um 4.500 v. Ztr., die Entstehung der heutigen europäischen Völker um 500 n. Ztr. in Böhmen, Süddeutschland, Frankreich und Norditalien - dann wird es vermutlich immer so gewesen sein, daß anfangs zwei sehr unterschiedliche Völker miteinander im Krieg standen. Für den Ausgang des jeweiligen Krieges wird dabei nicht entscheidend sein, wer die ursprünglich imperialistische Kriegspartei gewesen ist. Es muß das jedenfalls nicht zwangsläufig die nachmals siegreichen Partei gewesen sein.

Entscheidend aber wird sein, daß sich die Männer der jeweils langfristig siegreichen Kriegspartei mit den Frauen der unterlegenen Kriegspartei vermischt haben und daß dieser Vermischungsprozeß dann die Ethnogenese ist, die es zu verstehen gilt. Die vorherrschenden Y-Chromosomen nach der Ethnogenese sind dann ein Verweis auf die Sieger des jeweiligen Krieges - mehr im Grunde nicht.

Abb. 2: Sitzende Figur, die neben einem Stapel abgeschlagener Köpfe eine Axt schärft - Auf dem Silberbecher von Karashamb in Armenien 2.100 v. Ztr., der stolz das Geschehen um das dortige "Kommen der Indogermanen" festhält (mehr dazu hier: Stg23)

Für die Endzeit der Bandkeramik deutet sich zum Beispiel an: Kriege mit den Völkern am Rande des bandkeramischen Siedlungsraumes könnten anfangs siegreich gewesen sein für die Bandkeramiker (wie in Herxheim [Wiki] in der Pfalz bezeugt) - über mehrere Generationen hinweg aber könnten die umliegenden Jäger-Sammler-Völker "dazu gelernt" haben, die Bandkeramiker könnten sich auch in Krieg und Gewaltausbrüchen untereinander gegenseitig geschwächt haben, so daß nach ein, zwei oder mehr Generationen die umliegenden Jäger-Sammler-Völker gegenüber einzelnen Gruppen der Bandkeramiker siegreich gewesen sein konnten und durch Vermischung mit diesen dann neue Völker begründen konnten, die sich dann demographisch ausgebreitet haben - wie in der Wetterau und am Rhein etwa die Hinkelstein-Kultur (5.000-4.800 v. Ztr.) (Wiki) und ihre Nachfolgekulturen. Diese standen zumindest zeitweise im kulturell-religiösen Austausch mit dem Pariser Becken, wo die mittelneolithischen Ethnogenese-Prozesse offenbar am frühesten begonnen haben.

Jedenfalls hat es Massaker gegeben, unter anderem bei Kilianstädten (Wiki) fünfzehn Kilometer nordöstlich von Frankfurt am Main, ebenso bei Talheim (Wiki) bei Heilbronn am Neckar, ebenso in Niederösterreich in Schletz (Wiki) bei Asparn an der Zaya, 50 Kilometer nördlich von Wien und ebenso in Vráble (5.100-4950 v. Ztr.) (Wiki) mit 120 kopflos begrabenen Menschen (1). Vráble liegt 180 Kilometer östlich von Wien, 150 Kilometer nördlich von Budapest und 20 Kilometer östlich der slowakischen Stadt Nitra (s.a. Stg10).

Die beiden erstgenannten Orte liegen im Gebiet der nachfolgenden Hinkelstein-Kultur, auf die die Großgartach-Kultur, die Friedberg-Alzey-Kultur und die Rössener-Kultur folgten. Zumindest einige dieser Kulturen wiesen in ihren kulturellen Merkmalen (z.B. nichtmegalithische Langgräber vom Passy-Typ) auf Verbindungen mit dem Pariser Becken hin, wo es in dieser Zeit die womöglich einschneidendsten kulturellen Entwicklungen gegeben hat. Kilianstätten liegt 15 Kilometer nordöstlich von Frankfurt am Main, 10 Kilometer nördlich des Mains, 12 Kilometer südlich von Altenstadt in der Wetterau und 20 Kilometer südlich von Friedberg in der Wetterau. Über die in der Nähe des Massakers bei Kilianstädten gelegenen Siedlung erfahren wir nun den hochinteressanten Hinweis (Wiki),

... daß die Siedlung nach dem Massaker noch etwa zwei Generationen lang bestehen blieb. Dann jedoch endete die linienbandkeramische Kultur auch in der Wetterau und wurde von den nachfolgenden mittelneolithischen Kulturen wie der Hinkelstein-Gruppe abgelöst.

Das ist für uns jener Hinweis, der die eingangs dieses Blogartikels getätigten Überlegungen ausgelöst hat. Welches kriegerische Geschehen hier auch immer stattgefunden haben mag - ob innerhalb der Bandkeramik oder Auseinandersetzung mit in abgelegenen Mittelgebirgsregionen lebenden Jäger-Sammler-Völkern (also z.B. aus der Rhön): die Auseinandersetzung ist nicht innerhalb einer Generation entschieden worden. Wir haben hier ein komplexeres Geschehen vorauszusetzen.

Schließlich gibt es noch das Massaker von Halberstadt (Wiki), bei dem die Opfergruppe ähnlich aus weit entfernteren Regionen zu stammen scheint wie die Opfergruppen von Herxheim (Wiki):

Im Unterschied zu den Opfern des Massakers von Kilianstädten, des Massakers von Talheim und des Massakers von Schletz, die an ihrem Wohnort getötet wurden, sind die Opfer von Halberstadt nicht am Ort ihres Todes aufgewachsen. Dies konnte durch eine Strontiumisotopenanalyse des Zahnschmelzes sowie durch zwei weitere Isotopenuntersuchungen (13C / 12C und 15N / 14N) von Knochen-Kollagenen belegt werden; die Strontiumisotopenanalyse ermöglicht Aussagen über die mineralogische Beschaffenheit des Bodens während der Zahnbildung, die beiden anderen über die Zusammensetzung der Nahrung. Auch das Fehlen von Kindern und das Überwiegen junger Männer wurde im 2018 publizierten Fachartikel als Besonderheit des Geschehens von Halberstadt bewertet. Aus diesen Fakten leiteten die Ausgräber ab, daß es sich bei den Toten eher um gefangengenommene Angreifer eines mißlungenen Überfalls als um attackierte Bewohner der linearbandkeramischen Siedlung handelte. Auch wurden die Toten von Halberstadt durch wenige, gleichartige und gezielte Schläge gegen den Hinterkopf getötet, was auf eine Hinrichtung hinweist. 

Auch das Massaker von Schletz  (Wiki) und das Massaker von Talheim  (Wiki) weisen auf überregionale kriegerische Zusammenhänge auf, da jeweils viele (nicht alle) Getöteten nicht aus der Gegend vor Ort stammten.

Abb. 3: Die befestigten bandkeramischen Siedlungen von Vráble, 180 Kilometer östlich von Wien, 150 Kilometer nördlich von Budapest und 20 Kilometer östlich der slowakischen Stadt Nitra  

Wir hatten ja auch schon in der Bretagne Hinweise auf gewaltsame Auseinandersetzungen einheimischer Walfänger mit - ggfs. Nachkommen zugewanderter Bauern - gesehen, die stattfanden als die dortige mittelneolithische hierarchische Carnac-Kultur mit Jadebeil-Herrschern entstand. 

Man halte sich auch vor Augen: Am Ende dieser kriegerischen Auseinandersetzungen standen in den meisten Fällen nicht mehr vorwiegend egalitäre Gesellschaften wie wir es bei der Bandkeramik voraussetzen können, sondern sozial und hierarchisch geschichtete Gesellschaften mit einem "Reichsadel", mit freien Bauern und mit Hörigen (Sklaven).

Deshalb seien auch noch einmal die Ausführungen des folgenden Zitats von Svend Hansen über das westeuropäische, mittelneolithische Herrschafts-Insignium der Jade-Beile gebracht, dem im östlichen Europa das Kupferbeil an die Seite gestellt werden kann (2):

Zu den faszinierendsten Objekten des 5. und 4. Jahrtausends v. Ztr. gehören die Jadebeile. Sie sind mit großer Präzision gefertigt, perfekt poliert und meistens nahezu makellos erhalten. Man findet sie in weiten Teilen West- und Mitteleuropas. Vor allem in der Bretagne spielten sie als Grabbeigabe eine wichtige Rolle. Auf den Tragsteinen der Megalithgräber sind sie in großer Zahl im Relief abgebildet.
Lange Zeit rätselte man über die Herkunft der Jade und dachte im 19. Jh. sogar an Verbindungen nach China. Erst vor wenigen Jahren wurden die prähistorischen Steinbrüche in den Westalpen wiederentdeckt. Mittels naturwissenschaftlicher Messverfahren ist es nun sogar möglich, die Herkunft von Jadebeilen aus ganz bestimmten Steinblöcken zu ermitteln. Für die Rekonstruktion der Austauschsysteme im steinzeitlichen Europa wird dies völlig neue Dimensionen eröffnen.
Die ersten Jadebeile traten etwa zur selben Zeit auf, als in Südosteuropa erstmals Beile aus Kupfer hergestellt wurden und an einigen Jadebeilen läßt sich erkennen, daß anscheinend versucht wurde, die kupfernen Beile zu imitieren.
Die ausgezipfelte Schneide des Beils aus dem südwestfranzösischen Pauilhac ist bei einem Steinbeil widersinnig. Bei einem Kupferbeil entsteht sie durch das Aushämmern und Schärfen der Schneide.
Die fünf Beile wurden bereits 1850 auf einer Anhöhe, dem Kästrich bei Gonsenheim, gefunden und steckten nach Angaben der Finder in einem Lederfutteral. Sie besitzen einen spitzen Nacken und nur mäßig scharfe oder stumpfe Schneiden. Die Beile sind sehr flach, nämlich nur zwischen 1,1 und 2,3 cm dick. Die Oberfläche ist überaus sorgfältig geschliffen und poliert. (...)
Natürlich handelt es sich nicht um Arbeitsbeile, mit denen man Bäume fällte, sondern um Prunkbeile, welche man sorgfältig aufbewahrte. Das erwähnte Lederfutteral war schon notwendig, um die Schneiden vor Bestoßungen zu schützen. (...) Obwohl sie keinen unmittelbaren praktischen Wert als Werkzeug hatten, waren die Jadebeile alles andere als nutzlos. Soweit sich aus ethnographischen Quellen erschließen läßt, wurden große Prunkbeile vor allem für Zahlungen und Leistungen unterschiedlichster Art verwendet. Auf Neu-Guinea waren sie ein wichtiger Bestandteil der Brautpreiszahlungen. Das bedeutet vereinfacht gesagt, daß man nur heiraten konnte, wenn man solche Prunkbeile besaß. Dieser simple Mechanismus setzte eine Vielzahl von sozialen Aktivitäten in Gang, durch die man sich in den Besitz solcher Prunkbeile brachte.

Jedenfalls macht es Sinn, solche vielfältigen Massaker und kriegerischen Auseinandersetzungen im Auge zu behalten, wenn man die Ethnogenese der mittelneolithischen Kulturen verstehen will, bei denen es offenbar sehr häufig zu genetischen Austauschvorgängen gekommen ist.

__________

  1. Andrew Curry: A headless mystery. Archaeologists find evidence that a wave of mass brutality accompanied the collapse of the first pan-European culture 20 Nov 20252 (ScMag2025)
  2. Archäologische Funde aus Deutschland ausgewählt und kommentiert von Svend Hansen. Begleitheft zur Fotoausstellung. Berlin 2010, S. 28f (pdf)

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