Freitag, 29. Mai 2026

Krasse IQ-Unterschiede zwischen den Völkern Westeurasiens - Zwischen 6000 und 2000 v. Ztr.

In den Völkern Westeurasiens standen tausende von Genorten in den letzten 8000 Jahren unter gerichteter Selektion
Ergänzendes zum letzten Blogartikel

Vorbemerkung: Ach, Ihr armen deutschen Archäologen. Jetzt müßt Ihr irgendwann auch noch "The Bell Curve" (Wiki) lesen oder Richard Lynn lesen (gnxp2006), um zu verstehen, was für Prozesse Ihr da schon seit vielen Jahrzehnten erforscht. Ihr werdet irgendwann auch noch zu Evolutionären Anthropologen umschulen müssen. Keiner von euch wollte das, gewiß nicht. Nein. Aber jetzt könnt ihr dem bald gar nicht mehr ausweichen. Dieser Blog möchte euch herzliches Beileid wünschen anläßlich des Untergangs so vieler Weltbilder, die ihr gerade miterlebt. Nun, es gibt einen Trost: Das Gerücht vom Absterben veralteter Weltbilder spricht sich manchmal nur verzweifelt "Schnecken-haft" herum. Im Zeitlupen-Tempo. Insofern sind solche Beileidwünsche sicherlich noch etwas verfrüht. Womöglich wißt ihr noch gar nicht, wer gestorben ist. Womöglich wißt ihr noch gar nicht, welch große Trauerzeit auf euch zukommt ... 

Abb. 1: Angeborene Eigenschaften verschaltet an nur einem einem Genort - Gerichtete Selektion zwischen 8000 vor heute und heute (aus 1)

Jedenfalls: Während der Durchschnittsmensch - und damit auch der Durchschnitts-Archäologe - aufgrund der öffentlich-rechtlichen Desinformation mehrheitlich immer noch der diffusen Meinung anhängt, Intelligenz und Schulerfolg wären vornehmlich abhängig von Umwelteinflüssen und Lern-Anstrengungen, ist innerhalb der Wissenschaft längst klar, daß die Intelligenz-Unterschiede zwischen den Menschen zu 80 % erblich sind und - - - daß sie in den letzten 10.000 Jahren eine erhebliche evolutionäre Entwicklung durchlaufen haben - zusammen mit unglaublich vielen anderen angeborenen Eigenschaften. Und daß sie deshalb auch sehr deutlich unterschiedlich auf Völker verteilt sind oder sein können, sowohl in der Geschichte wie in der Gegenwart.

Wenn damit keine Weltbilder zusammen krachen - - - womit, bitteschön, sollen sie denn dann noch zusammen krachen?

Die neueste und sehr revolutionäre "Nature"-Studie zu diesem Thema (1) haben wir schon behandelt anhand eines Interviews von David Reich (Stg26), sowie anhand einer Parallel-Studie von Davide Piffer (Stg26a). Im vorliegenden Beitrag blicken wir noch einmal in den Text selbst der Reich-Studie hinein, sowie in ihre Abbildungen (Abb. 1 bis 3) und und lassen am Ende noch einige Zitate der Wissenschaftsberichterstattung über diese Studie auf uns wirken. In der Studie heißt es unter der Zwischenüberschrift "Hundreds of cases of directional selection" (1):

Wir fanden Hinweise auf 479 unabhängige Loci (410 unter Ausschluß der HLA-Region). (...) Die tatsächliche Zahl der unter Selektion stehenden Loci dürfte wahrscheinlich weitaus höher liegen. (...) Wir identifizierten 7.689 Nicht-HLA-Loci, was auf mehr als 3.800 unabhängige Selektionsereignisse hindeutet. (...) Downsampling-Analysen zeigten, daß weitere Erhöhungen der Zahl der auszuwertenden Archäogenome die Anzahl der detektierten Loci voraussichtlich weiter erhöhen werden, wobei Menschen, die vor mehr als 8.000 Jahren lebten, den größten zusätzlichen Nutzen bringen (werden Extended Data 1d,e).
We found evidence of 479 independent loci (410 excluding the HLA region). (...) The actual number of loci under selection is likely to be much larger. Using a threshold of |X| > 3.61 (FDR = 50%), we identified 7,689 non-HLA loci, implying more than 3,800 independent episodes of selection. (...) Downsampling analyses showed that further increases in sample size are expected to increase the number
of detected loci further, with people living more than 8,000 years ago providing the most added power (Extended Data Fig. 1d,e).

Gehen wir die angeborenen Eigenschaften in der Reihenfolge durch, in der sie als Grafiken in der Studie präsentiert werden (siehe hier Abb. 1 bis 3). 

Zunächst werden 36 angeborene Eigenschaften behandelt, die nur an einem einzigen Genort verschaltet sind, der schon für sich genommen erhebliche phänotypische Auswirkungen hat (Abb. 1 und 2). (Hierbei handelt es sich also nicht um "Small-Effect"-Gene, sondern um Gene mit erheblicher Auswirkung. Es handelt sich um "monogen" verschaltete Eigenschaften.)

In Abbildung 1a sehen wir, daß es Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) (Wiki) vor 2000 v. Ztr. in Westeurasien gar nicht gab und ihre Häufigkeit dann stetig bis heute angestiegen ist. In Abbildung 1c sehen wir, daß glattes Haar und die Neigung zu Glatzenbildung in den letzten 4000 Jahren deutlich zugenommen hat (oder soll das bedeuten: daß sie deutlich zurück gegangen ist?). Die Tuberkulose-Wahrscheinlichkeit lag bei den Jamnaja ab 3.300 v. Ztr. sehr hoch und erreichte bis 2000 v. Ztr. in Westeurasien - also seit und nach ihrer Ausbreitung - ihren Höhepunkt. Wir erwähnen hier nicht alles in den Abbildungen Präsentierte. Das kann der Leser sich das ja selbst vervollständigen durch eigene Durchsicht. 

Verschiedene Genorte, die mit heller Haut- und Haarfarbe in Verbindung stehen, waren bei der anatolisch-neolithischen Herkunft und bei der Jamnaja-Herkunft vergleichsweise häufig und ihre Häufigkeiten sind in den Völkern Westeurasiens dann seit der Vermischung der beiden Vorfahrengruppen miteinander bis heute stetig weiter gestiegen (Abb. 1 j-q).

Abb. 2: Angeborene Eigenschaften verschaltet an nur einem einem Genort - Gerichtete Selektion zwischen 8000 vor heute und heute (aus 1)

In Abb. 2 s und t finden sich die gerichteten Selektionstrends von zwei weiteren Erbvarianten für Zöliakie dargestellt.

In Abb. 3 werden dann angeborene Eigenschaften behandelt, die an viele Genorten mit Small-Effekt-Genen verschaltet sind, für die also ein "polygenic Score" erstellt werden muß. Im nächsten Zitat werden wir noch hören, daß insbesondere psychische angeborene Eigenschaften polygenetisch verschaltet sind.

Oben links ist der Rückgang der Häufigkeit von dunkler Hautfarbe in Westeurasien dargestellt, dann der Rückgang von Fettleibigkeit. In der zweiten Reihe ist dargestellt der Rückgang einer erblichen Variante der Schizophrenie. Von der waren die anatolisch-neolithischen Bauern schon recht gut durch Selektion "kuriert", aber die europäischen Jäger und Sammler und die Jamnaja noch nicht. Für die Interpretation dieses Sachverhaltes gibt es sicherlich sehr, sehr unterschiedliche Ansätze. Im Text der Studie wird in diesem Zusammenhang noch mal das Prinzip des "polygenic Score" recht treffend erklärt (1):

Wir stellen eine negative polygenetische Selektion fest gegen Allele, die heute mit Psychosen wie der bipolaren Störung (γ = −0,63 ± 0,13) und der Schizophrenie (γ = −0,74 ± 0,12; Abb. 4) assoziiert sind. (...) Psychische Eigenschaften weisen qualitativ andere genetische Architekturen auf als Merkmale des Blut-, Immun- und Entzündungssystems; sie zeichnen sich durch eine höhere Zahl modulierender Genorte aus, die zugleich durchschnittlich jeweils für sich genommen geringere Auswirkungen auf den Phänotyp haben.
We detected negative polygenic selection against alleles associated  today with psychoses such as bipolar disorder (γ =%−0.63 ± 0.13) and  schizophrenia (γ =%−0.74 ± 0.12; Fig.4). (...) Brain traits have qualitatively  different genetic architectures from blood–immune–inflammatory  traits, with a higher proportion of sites modulating them and smaller effect sizes on average per allele.

In der untersten Reihe ist die Gehgeschwindigkeit dargestellt, die bei den europäischen Jägern und Sammlern deutlich geringer war als bei Bauern und Steppenhirten. Wenn wir das recht in Erinnerung haben, steht dieses angeborene Merkmal in Zusammenhang mit der Intelligenz. Die angeborene Intelligenz folgt dann. Das ist ja schon im letzten Blogartikel behandelt worden. Dann folgen noch die Selektionstrends für "polygenic Scores" für Haushaltseinkommen und Bildungshöhe ("years of schooling"), die beide einen Zusammenhang mit der Intelligenz aufweisen. Im Text der Studie heißt es dazu (1):

Schließlich beobachteten wir Selektionssignale für Allelkombinationen, die heute mit drei korrelierten Verhaltensmerkmalen assoziiert sind: Ergebnisse in Intelligenztests (zunehmendes γ = 0,74 ± 0,12), Haushaltseinkommen (zunehmendes γ = 1,12 ± 0,12) und Zahl der Schuljahre (zunehmendes γ = 0,63 ± 0,13). Diese Signale sind allesamt hochgradig polygen; wir müßten 449 bis 1.056 Loci eliminieren, damit die Signale nicht mehr signifikant wären (Extended Data, Fig. 10). Die Signale werden maßgeblich durch Selektion aus der Zeit vor etwa 2.000 Jahren bestimmt, woraufhin γ gegen null tendiert (Extended Data, Fig. 9).
We finally observed signals of selection for combinations of alleles that today are associated with three correlated behavioural traits: scores on intelligence tests (increasing γ = 0.74 ± 0.12), household income (increasing γ = 1.12 ± 0.12) and years of schooling (increasing γ = 0.63 ± 0.13). These signals are all highly polygenic, and we have to drop 449–1,056 loci for the signals to become non-significant (Extended Data Fig. 10). The signals are largely driven by selection before approximately 2,000 years )*, after which γ tends towards zero (Extended Data Fig. 9).

Der letzte Satz geht über sehr entscheidende Schwankungen in der Evolution der angeborenen Intelligenz viel zu schnell hinweg. Ansonsten werden ausgesprochene Intelligenzforscher (wie David Becker oder Heiner Rindermann in Deutschland) noch allerhand mehr dazu sagen können, warum die drei Kurven dennoch nicht völlig identisch sind. Das sind, soweit wir sehen, Detailfragen, denen wir an dieser Stelle erst einmal nicht weiter nachgehen wollen. (David Becker [Fb] hat sich auf Facebook zu dieser Nature-Studie offenbar gar nicht geäußert, zumindest nicht in den letzten Monaten ...) Weiter heißt es dazu (1):

Bei der Interpretation von Signalen polygener Adaption sind gewisse Vorbehalte angebracht – insbesondere in Hinsicht auf die drei genetisch korrelierten Merkmale: Ergebnisse in Intelligenztests, Haushaltseinkommen und Schuljahre. Diese Merkmale sind lediglich für moderne Gesellschaften relevant und wären in schriftlosen Gesellschaften - also während des weitaus größten Teils des Zeitraums, in dem Selektion wirksam war - gar nicht messbar gewesen.
There are caveats when interpreting signals of polygenic adaptation, especially for the three genetically correlated traits of scores on intel￾ligence tests, household income and years of schooling. These traits are only relevant to modern societies and would have been unmeasurable in preliterate societies over the vast majority of the period during which selection acted.

Uns ist nicht klar, was die Autoren bei diesem Satz reitet. Diese Merkmale sind sehr wohl in allen bekannten Gesellschaften weltweit relevant - auch in ihrem Unterschied zum Beispiel zu den Neandertalern und so weiter. Es ist manchmal ein bisschen merkwürdig, auf was für ein banales Niveau sich Wissenschaftler herablassen können, nur um ja nicht zu sehr irgendwelche ideologischen Scheuklappen infrage zu stellen. Wozu gibt es die "Social-Brain"-Theorie von Robin Dunbar und unzähligen anderen, wenn Gehirngröße und damit korrelierte Intelligenz nicht über den gesamten Stammbaum der Tiere "relevant" wäre und damit natürlich auch für menschliche "schriftlose" Kulturen.

Abb. 3: Angeborene Eigenschaften mit gerichteter Selektion zwischen 8000 vor heute und heute (aus 1)

Soweit uns bekannt, gibt es im übrigen auch Intelligenztests für Menschen ohne Lesefähigkeit. Für die Buschleute in Südafrika ist ja auch eine durchschnittliche angeborene Intelligenz festgestellt worden (z.B. ausgewertet von Richard Lynn [gnxp2006]). Es wird an vielen Stellen deutlich, daß David Reich und Mitarbeiter bewußt oder unbewußt so tun, als bräuchten sie sich mit der modernen Intelligenzforschung gar nicht weiter zu beschäftigen und als wäre es wissenschaftlich seriös, unter Nichtbeachtung derselben solche Aussagen zu tätigen. Weiter heißt es (1):

Die Interpretationsschwierigkeiten werden dadurch noch verstärkt, daß jene Allele, die die Häufigkeit von Merkmalen im Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes senken, in hohem Maße mit jenen korreliert sind, die zu höheren Werten bei den Merkmalen Schuljahre, Haushaltseinkommen und Intelligenz beitragen (Extended Data Fig. 13). Schließlich gibt es Hinweise darauf, daß sich diese Selektionsdrücke im Laufe der Zeit gewandelt haben57 – so etwa in Island im vergangenen Jahrhundert, wo eine signifikante Selektion zugunsten einer Verringerung des Prädiktors „Schuljahre“ stattfand; ein Trend, der im Gegensatz zu der von uns festgestellten langfristigen Zunahme steht.
The difficulty of interpretation is enhanced by the fact that the alleles driving down the frequency of type 2 diabetes-related traits are highly correlated to those contributing to the increased scores for years of schooling, household income and intelligence (Extended Data Fig. 13). Finally, there is evidence of change in these selection pressures over time57, for example, in Iceland in the past century in which there was significant selection to decrease the predictor of years of schooling, opposite to the long-term increase that we detected.

Letzterer Umstand ist hochgradig relevant. 

Nun noch ein Blick in die Wissenschaftsberichterstattung. Im "Science Magazine" wird David Reich zitiert mit den Worten (ScMa26):

„Dies ist die bedeutendste Arbeit, an der ich seit zehn Jahren beteiligt war. … Sie löst endlich das Versprechen alter DNA ein, über die (menschliche) Biologie ebenso viel aussagen zu können wie über die (menschliche) Geschichte.“

Und (ScMa26):

"Das Genom ist voller Signale", sagt Reich. Er beobachtet "eine Phase ungewöhnlich intensiver … und gleichzeitig schwankender natürlicher Selektion - die Häufigkeit von Varianten steigt sprunghaft an und sinkt dann wieder."

Und der Hauptautor Ali Akbari wird zitiert mit den Worten (ScMa26):

"Das (menschliche) Genom stand in den letzten 10.000 Jahren unter enormem Selektionsdruck. Unsere Lebensweise hat sich grundlegend verändert, und das spiegelt sich in unserem Genom wider, das versucht, sich anzupassen."

Nun, es handelt sich sicherlich um ein Wechselspiel, nicht nur die Kultur wirkt auf die Gene zurück, sondern die Gene wirken auch auf die Kultur zurück.

Gen-Kultur-Koevolution

Das wird schon seit Jahrzehnten unter dem Stichwort "Gen-Kultur-Koevolution" behandelt. Edward O. Wilson und Charles Lumbsden hatten schon 1981 und 1983 in ihren Büchern "Genes, Mind and Culture - The Coevolutionary Process" und "Promethean Fire - Reflections on the Origin of Mind" (letzteres ist auch auf Deutsch erschienen) eine solche Gen-Kultur-Koevolution erörtert. Sie hatten dabei die Möglichkeit erörtert, daß sich wesentliche neue Erbvarianten innerhalb von tausend Jahren innerhalb eines Volkes durchsetzen könnten. Genau diese bislang nur theoretisch formulierte Hypothese wird nun doch offensichtlich durch die Archäogenetik in der Empirie bestätigt. (Sie wurde übrigens auch schon bestätigt zum Beispiel durch den IQ-Unterschied zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden, da die aschkenasischen Juden ja nur 1000 Jahre alt sind.) Im "Science Magazine" wird dann aber erneut die irrtümliche Aussage getätigt (ScMa26):

Frühere Studien zur menschlichen Evolution, die sich größtenteils auf die Analyse der DNA moderner Menschen stützten, kamen zu dem Schluß, daß unsere Genome in den letzten Zehntausenden von Jahren relativ stabil waren. Das liegt daran, daß moderne Bevölkerungsgruppen wie Westeuropäer, Afrikaner und Ostasiaten eine beträchtliche genetische Ähnlichkeit aufweisen, was darauf hindeutet, daß seit der Trennung der Menschen auf diesen Kontinenten nicht viel Evolution stattgefunden hat.

Daß hier nur Bezug genommen wird auf einige wenige, ausgewählte Studien, während hier offensichtlich ein großer Teil der Forschung der letzten 25 Jahre ignoriert wird, darauf hatten wir schon im letzten Blogartikel hingewiesen. Allein die immensen IQ-Unterschiede zwischen den Völkern in der heutigen Zeit sind ein Hinweis darauf, daß diese grundsätzlich auch schon innerhalb der letzten 10.000 Jahre vorgelegen haben müssen. Das letzte Zitat ist also eine krasse Irreführung. Seit 2018 liegt ja auch der polygenetische "Score" für Intelligenz vor, so daß auch anhand dessen aufgezeigt werden kann (und sicherlich aufgezeigt worden ist und wird), daß - zum Beispiel - Ostasiaten durchschnittlich eine höhere durchschnittliche Intelligenz aufweisen als Europäer (und so weiter). (Dazu unten gleich mehr.) Es wird auch eine, ein wenig naive Frage angeführt wie die folgende (ScMa26):

"Diese Studie ist das Ergebnis fast zehnjähriger intensiver Arbeit, aber sie kratzt erst an der Oberfläche", sagt die Harvard-Evolutionsbiologin Annabel Perry, eine weitere Co-Autorin. "Im Neolithikum gab es noch keine Hochschulbildung, also welches Merkmal veränderte sich tatsächlich? Dies ist eine Aufforderung an die Forschung, diese Zusammenhänge genauer zu untersuchen."

Offensichtlich ist eine solche Naivität gesund für eine Karriere an der Elite-Universität Harvard. Das ist eine Aussage, die mal eben so viele Jahrzehnte IQ-Forschung völlig ignoriert. Da möge sie mal weiter an der Oberflächen kratzen an der Harvard University, bloß keinen Spaten mitnehmen und tiefer graben ...

Es gibt schon weitere, neue Studien .... 

Es war aber auch noch folgender Hinweis gegeben (ScMa26):

Reich hofft, daß zukünftige Forschungen diese Fragen in anderen Teilen der Welt untersuchen werden. Mehrere kürzlich veröffentlichte Preprints - darunter einer von einigen der Autoren der Nature-Studie - deuten darauf hin, daß ähnliche Dynamiken auch in anderen Populationen wirkten.

Eine hier genannte Studie schaut sich die Intelligenz-Unterschiede zwischen Europäern und Asiaten an (Biorxiv4/26), stellt also die Frage, die wir oben schon stellten. Ebenso gibt es eine weitere Völker-vergleichende Studie (Biorxiv1/26).  Abschließend heißt es (ScMa26):

Auch in anderen Zeiträumen könnten rasche evolutionäre Veränderungen stattgefunden haben, die jedoch nicht untersucht wurden oder werden können. „Der spannendste Zeitraum dürfte die Zeit zwischen 1.800.000 und 300.000 Jahren vor unserer Zeit sein, als sich das Gehirn der Homininen verdreifachte und der moderne Mensch entstand“, sagt er (David Reich). „Uns fehlen diese Daten.“

Ganz richtig stellt David Reich die spannenden Fragen (TheBrief):

„Inwieweit werden wir ähnliche Muster in Ostasien sehen oder in Ostafrika oder bei den Ureinwohnern Mesoamerikas und der zentralen Anden?“

Die wissenschaftliche Revolution, die im Jahr 2000 begann, unter anderem mit dem Aufsatz von Charles Murray "Deeper into the Brain", diese Revolution wird jetzt, 26 Jahre später, offenbar Mainstream-Forschung.

_________

  1. Akbari A, Perry A, Barton AR, Kariminejad M, Gazal S, Li Z, Zeng Y, Mittnik A, Patterson N, Mah M, Zhou X, Price AL, Lander ES, Pinhasi R, Rohland N, Mallick S, Reich D (2026) Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia. Nature, 15.4.2026 (Nature2026(pdf

Sonntag, 24. Mai 2026

Die ersten Ackerbauern - Sie brachten den heutigen hohen IQ nach Europa

Die "allgegenwärtige" gerichtete Selektion in den Völkern Westeurasiens hinsichtlich ihrer angeborenen Eigenschaften und Begabungen  

Der Archäogenetiker David Reich nennt die neueste Studie, die er zusammen mit Mitarbeitern heraus gebracht hat (1) die bedeutendste, an der er im letzten Jahrzehnt beteiligt gewesen ist (ScienceMag). 

Abb. 1: Die Veränderungen des "polygenic Score" für Intelligenz in den letzten 10.000 Jahren in Westeurasien - grün = Jäger und Sammler, orange = anatolisch-neolithische Bauern, lila = indogermanische Steppengenetik (nach 1, aus 2)  

Seine Studie handelt von denselben Themen und bringt ähnliche Ergebnisse wie sie akademische "Abweichler" wie der Italiener Davide Piffer und der Däne Emil Kirkegaard schon 2024 publiziert hatten (Stg26). Wir selbst hatten damals einen Blogartikel über die Ergebnisse ihrer Studie verfaßt, zögerten aber bis heute mit seiner Veröffentlichung. Erst nachdem nun dieselben Erkenntnisse auch von einem so angesehenen "Mainstream-Wissenschaftler" wie David Reich veröffentlicht werden, glauben wir die Sicherheit zu besitzen, daß Piffer und Kirkegaard ebenfalls schon solide gearbeitet hatten. Die Erkenntnisse der beiden waren uns aber vor zwei Jahren ein wenig zu kraß erschienen, als daß wir allein auf der Grundlage ihrer Studie schon unser Weltbild ändern wollten (Stg26). Jetzt aber sind wir dazu bereit, bzw. müssen wir dazu bereit sein.

David Reich tut allerdings jetzt so, als wären er und seine Mitarbeiter die ersten, die auf diese Ergebnisse gekommen wären. Ganz offensichtlich unterschlägt er bewußt die Veröffentlichungen von Piffer und Kirkegaard, die er in seiner Studie nicht zitiert (1). Piffer hat darüber bei "Nature" Beschwerde eingelegt, der Reich-Mitarbeiter Iosif Lazaridis hat ihm gegenüber auf Twitter versucht, vermittelnde Worte zu finden, konnte aber nicht wirklich überzeugen damit.*)

Polygenic Score und Archäogenetik

In beiden Studien geht es darum, die Methoden und Erkenntnisse rund um die Erforschung der "polygenic scores" an heutigen Menschen auf die archäogenetisch gewonnenen Genome anzuwenden. Die Thematik der "polygenic scores" wurde durch ein Buch von Robert Plomin im Jahr 2018 öffentlich bekannt (Stg2018): Die meisten angeborenen Eigenschaften und Begabungen des Menschen werden "polygenetisch" vererbt, daß heißt, sie sind an vielen hunderten, tausenden oder zehntausenden, für sich genommen "Small-Effect-Genen" im Genom verschaltet und man kann deshalb angeborene Eigenschaften und Begabungen des Menschen erst dann aus dem Genom auslesen, wenn dieser Umstand berücksichtigt wird und dafür riesengroße Datensätze analysiert werden. Die Analyse so großer Datensätze ist erst durch die gesteigerten Computer-Leistungen möglich geworden, die inzwischen erreicht worden sind.

Die US-amerikanische Psychologin Kathryn Paige Harden hat dann noch einen drauf gesetzt und 2021 in ihrem Buch versucht, die Bedeutung der neuen Erkenntnisse für Schule und Erziehung einzuordnen (Wiki). Denn mit dem polygenic score ist jetzt grundsätzlich schon ab Geburt eines Kindes voraussagbar, welchen Schulabschluß es erwerben wird und in welcher Einkommensklasse es beruflich höchstwahrscheinlich unterwegs sein wird. Unter diesem Aspekt stellt sich die Frage, welche Aufgabe dann eigentlich die Schule noch hat. 

Aber nun zurück zu David Reich. Wenn man ohne gar zu viel Vorbereitung hinein schaut in die neue Studie von David Reich oder wenn man Berichterstattung über sie liest, kommt einem das alles ein bisschen zu abstrakt vor und es wird einem nicht so leicht augenfällig, eingängig und klar, warum gerade diese Studie so bedeutend sein soll und wo überhaupt ihre wesentlichsten Erkenntnisse liegen. Man hat den Eindruck, hier würde über eine wissenschaftliche Fachsprache insgesamt mehr vernebelt als geklärt, zumindest für Leute, die nicht unmittelbar "vom Fach" sind.

Aber in dem in den vorliegenden Blogartikel eingebundenen, ausführlichen Interview, das vor zwei Wochen veröffentlicht wurde (2), erläutert David Reich seine Studie sehr gut nachvollziehbar. Die Studie ist betitelt (1):

"Die Archäogenetik deckt für das gesamte westliche Eurasien allgegenwärtige, gerichtete Selektion auf"
("Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia")

Westliches Eurasien deshalb, weil bislang nur für diesen Erdteil ausreichende archäogenetische Daten verfügbar sind (10.000 bis 16.000 Genome aus der Nacheiszeit, dem Neolithikum, der Bronzezeit und der Eisenzeit). "Gerichtet" heißt hier: "nicht zufällig", kein zufälliges "Driften" von angeborenen Eigenschaften. Damit ist gemeint: Bestimmte angeborene Eigenschaften weisen im zeitlichen Verlauf in ihrer Häufigkeit und Verbreitung eine "Richtung" auf, sozusagen eine "zielgerichtete" Entwicklung: Am Anfang sind im westlichen Eurasien die meisten Menschen dunkelhäutig, am Ende hellhäutig(er) (Abb. 2). Am Anfang haben sie eine niedrigere angeborene Intelligenz, am Ende eine höhere (Abb. 1). Hier hat sich also eine "gerichtete" Entwicklung vollzogen dadurch, daß hellhäutige und intelligente Menschen mehr Nachkommen hatten als dunkelhäutige ("Selektion"). Und genau so sind wir heutigen Europäer entstanden. Und nun ist im Titel außerdem noch von "allgegenwärtig" die Rede. Damit ist gemeint: Signale von solcher gerichteten Selektion sind "allgegenwärtig" in den menschlichen Genomen in dem untersuchten Erdteil und in allen darin untersuchten Zeiträumen (Nacheiszeit, Neolithikum, Bronzezeit, Eisenzeit und heute). Damit ist gemeint: Hautfarbe und Intelligenz sind bei weitem nicht die einzigen angeborenen Eigenschaften, die in diesem Erdteil und in diesen Zeiträumen "gerichtete Selektion" erfahren haben.

Abb. 2: Die Veränderungen des "polygenic Score" für Hautfarbe in den letzten 10.000 Jahren in Westeurasien - grün = Jäger und Sammler, orange = anatolisch-neolithische Bauern, lila = indogermanische Steppengenetik (nach 1, aus 2)

Dieser Blog hat einen großen Teil der archäogenetischen Erkenntnisse, die auf diesem Blog seit etwa 2018 referiert werden, dadurch verstanden, daß wir uns einfach Vorträge oder Interview's von David Reich gründlich angeschaut haben, ggfs. auch zu wiederholten Malen. (Ebenso vergleichbare Beiträge von Johannes Krause und vereinzelt auch von anderen.) Wir finden, insbesondere David Reich spricht ein klares, gut verständliches Englisch und er kann hinreißend gut, klar und verständlich erklären. Außerdem ist er durchweg begeistert. Womit er zusätzlich sehr viel Anteilnahme weckt. So auch in diesem Video.

David Reich - Die Nützlichkeit von Vorträgen und Interviews seinerseits

Das Thema erfordert allerdings schon allerhand Konzentration, um alles zu verstehen. Und da so schnell gesprochen wird in diesem Video, ist es hilfreich, die englischsprachigen (oder deutschsprachigen) Untertitel anzustellen, um mitlesen zu können. Für uns stellt sich aber als noch hilfreicher heraus, sich nach ersten Eindrücken dem Video über das Transkript anzunähern, das verfügbar ist, und das man automatisch auf Deutsch übersetzen lassen kann. Mit diesem arbeiten wir im folgenden zumeist (Transkript).

Es wird beim Zusehen in diesem Video und beim Lesen des Transkripts aber schnell klar, daß das, was David Reich hier als "wissenschaftliche Revolution" des Jahres 2026 hinstellt, auch von Seiten des Verfassers dieser Zeilen schon seit 2005 behandelt wird, etwa unter Stichworten wie "jüngste Humanevolution" oder "jüngstselektierte Gene" oder "lokale Humanevolution" (3). Schon 2003 etwa war das Wort aufgekommen von "Lewontin's Fallacy", nämlich von dem Fehlschluß (andere nennen es einen bewußten, wissenschaftlichen Betrug), zu sagen daß die genetischen Unterschiede zwischen Völkern gering wären im Vergleich zu den genetischen Unterschieden zwischen einzelnen Menschen.

Neu ist das ganze Thema also nicht.

Als Zeugnis dafür, daß das Thema nicht neu ist, mag auch unser Buchprojekt "10.000 Jahre Humanevolution" gelten, das wir 2007 im Entwurf und mit ausführlichem Literaturverzeichnis veröffentlicht haben (3). Liest man insbesondere englischsprachige Kommentare auf Twitter oder anderwärts zu der neuen Studie von David Reich, ist das auch viele anderen wissenschaftsnahen Menschen bewußt. Dieser Umstand hat sich längst herum gesprochen. In unserem Buchmanuskript konnten wir zahllose namhafte Autoren benennen, die seit dem Jahr 2000 über diesen Paradigmenwechsel sprachen.

Um den Grundgedanken unseres damaligen Buchprojektes noch einmal heraus zu stellen: Ausgangspunkt war, daß zum Beispiel Konrad Lorenz immer davon gesprochen hatte, wir seien "Steinzeit-Menschen, die Düsenjäger fliegen" (oder "Mammutjäger in der Metro" - oder ähnliche Metaphern). Dabei war die Wissenschaftler-Generation von Konrad Lorenz noch davon ausgegangen, daß es kaum oder wenig Evolution seit der Steinzeit gegeben hätte. Man wußte es damals eben auch gar nicht besser.

David Reich tut in seinem Interview so, als wäre davon auch noch seine Wissenschaftlergeneration ausgegangen. Da gibt er sich gewiß ahnungsloser als er war und ist. Die Erkenntnisse, von denen ich in meinem Buchprojekt 2007 spreche, und die bis dahin breit in der Wissenschaft und Öffentlichkeit behandelt worden waren (siehe dortiges Literaturverzeichnis) (3), wurden nur immer und immer wieder "klein geredet", da man den Menschen aus ideologischen Gründen möglichst als "unbeschriebenes Blatt" charakterisieren wollte, und da man von unterschiedlicher "gerichteter Evolution" von angeborenen Eigenschaften in unterschiedlichen Erdteilen und Völkern schon einmal gar nichts wissen wollte. Warum sonst auch gelten so sauber arbeitende Wissenschaftler wie Piffer und Kirkegaard als "Abweichler"? Jetzt erfahren wir aber durch David Reich: Die Mainstream-Wissenschaft kommt auf keine anderen Ergebnisse als sie in diesem Sinne seit etwa dem Jahr 2000 und dem Jahr 2018 immer schon behandelt worden waren.

Über diesen Umstand geht David Reich also "husch husch" hinweg und gibt sich völlig naiv. Diese Naivität nehmen wir ihm nicht wirklich ab. Aber wir sind ihm deshalb nicht gar zu böse. Wir lernen grade wieder so viel Neues, daß wir dieser angeblichen "Naivität" gar keine so große Beachtung schenken wollen. Gott ja, es gibt Schlimmeres!, möchte man ausrufen. Wir sind ja wirklich schon allerhand gewohnt. Johannes Krause zum Beispiel hat bezüglich solcher Dinge über viele Jahre hinweg eine solche Naivität an den Tag gelegt, daß man sie ihm sogar abnehmen mußte als wirklich ehrlich gemeinte. Deshalb kleiner Tipp am Rande: Gib dich naiv, junger Akademiker, dann machst du am ehesten Karriere.

Seit der vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms im Jahr 2000 fand man also schon zunehmend mehr Hinweise dafür,

  1. daß die menschliche Intelligenz evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
  2. daß die menschliche Verhaltensgenetik evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
  3. daß die menschliche Verdauungsgenetik evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
  4. daß die menschliche Immunabwehr evoluierte und unterschiedlich auf Völkerr verteilt ist ....

... und so weiter, und daß sich deshalb Völker weltweit in ihrem Spektrum angeborener Eigenschaften und Begabungen sehr deutlich unterscheiden. Der herzensgute Bestseller-Autor Steven Pinker, der sich so gut mit Jeffrey Epstein verstand im Rahmen von "The Edge" und anderwärts, nannte genau diese "Idee" ja im Jahr 2005 schon die "gefährlichste Idee der nächsten zehn Jahre", nämlich daß sich Völker hinsichtlich ihrer angeborenen Eigenschaften und Begabungen unterscheiden könnten (Edge). - Für wen eigentlich "gefährlich"?, möchte man im Nachhinein fragen. Für Bestrebungen eines Jeffrey Epstein und seiner Leute? Ach Gott, was fragen wir wieder naiv. .... Boah. Schnell weiter im Text ...

David Reich erzählt nun, daß die ersten archäogenetischen Studien, die diese genannte westeurasische Evolution zwischen Nacheiszeit und heute zu erfassen suchten auf der Ebene der Archäogenome, nur erstaunlich wenig Signale gefunden haben, die darauf hindeuteten, daß hinsichtlich bestimmter "polygenetischer Scores" (Eigenschaften, Begabungen) Evolution stattgefunden hätte. Der Grund dafür war, daß es noch nicht genügend sequenzierte Genome aus dem Neolithikum, der Bronze- und Eisenzeit gegeben hatte. Er nennt diesbezüglich eine Studie aus der Forschungsgruppe um Eske Willerslev (Stg19) und bezieht sich dabei auch auf andere Studien (Stg22).

Seither ist die Datengrundlage aber aufgrund der exponentiell steigenden Zahl sequenzierter, archäologisch gewonnener Genome viel umfangreicher geworden.

Die Bronzezeit - Ist sie wichtiger für die gerichtete Selektion als das Neolithikum?

Die meiste gerichtete Selektion in Westeurasien hat nach David Reich nun vermutlich nicht bei der Einführung des Ackerbaus stattgefunden, sondern in der Bronzezeit (so wird er gleich im Eingangssatz zum Interview angeführt). Die Bronzezeit (2) ...

"... war die Zeit, in der die Genfrequenzen für alles - von der Immunfunktion über das Körperfett bis hin zur Intelligenz - am stärksten schwankten,"

faßt der Interviewer zusammen. Und weiter (2):

"Im Laufe der letzten 10.000 Jahre hat die Selektion den genetischen Prädiktor für die kognitive Leistungsfähigkeit um etwa eine volle Standardabweichung erhöht - der größte Teil davon vor 4.000 bis 2.000 Jahren."

Hier ist von einer Standardabweichung die Rede. Das ist also eine Erhöhung der angeborenen Intelligenz von etwa 80 oder 85 (wie man sie in Afrika und bei schwarzafrikanischen US-Amerikanern findet) auf 95 oder 100 (wie man sie bei heutigen Europäern findet).

David Reich stellt es noch einmal heraus, daß die Archäogenetik zwar mit wenigen sequenzierten Menschenfunden schon unglaublich viel über den Ablauf der Völkergeschichte heraus bekommen konnte, daß diese wenigen Genome aber nicht ausreichten dafür festzustellen, in welchen Bereichen des Genoms angeborene Eigenschaften und Fähigkeiten sich im Verlauf der Geschichte in bestimmte Richtungen hin selektiert, bzw. entwickelt hatten.

Das liegt daran, daß man mit den Genen eines einzigen Menschen zwar zugleich die Gene eines ganzen Volkes vor Augen hat. Jeder Mensch trägt die Gene seines Volkes in sich. Wenn man also ein einzelnes Genom aus der Vergangenheit sequenziert, sequenziert man damit zugleich das Genom eines ganzen Volkes. David Reich drückt das - etwas zurückhaltender, verschleiernder - folgendermaßen aus (2):

Die DNA einer einzelnen Person liefert eine enorme Menge an Informationen über die Geschichte. Denn die DNA einer Person repräsentiert nicht nur eine einzelne Person, sondern viele. Sie enthält die DNA der Eltern, der vier Großeltern, der acht Urgroßeltern, der sechzehn Ururgroßeltern und so weiter. Geht man in der Zeit zurück, so tragen Tausende, Zehntausende, ja Hunderttausende von Vorfahren zu den heutigen Menschen bei.

Ja, er hätte es auch kürzer ausdrücken können: Wenn ich ein einzelnes Individuum an der Mittleren Wolga um 4.500 v. Ztr. sequenziere, sehe ich in seinem Genom zugleich sein ganzes Volk, das sich als solches von allen anderen Völkern derselben Zeit auf kennzeichnende Weise unterscheidet. Man kann deshalb schon mit vergleichbar wenigen Genomen aus verschiedenen Regionen und Zeit-Epochen vergleichsweise umfangreich und zugleich detailliert und in den meisten Fällen völlig überraschend die gesamte Völkergeschichte Eurasiens nachvollziehen. Und zwar in den meisten Fällen in einer Weise, wie sie niemand zuvor erwartet hatte oder niemand zuvor zumindest mit dieser abschließenden Sicherheit hätte behaupten können.

Wenn man aber nun schauen will, wie sich angeborene Eigenschaften und Fähigkeiten im Verlauf der Geschichte in bestimmte Richtungen hin selektierten, entwickelten (auf der Ebene von Individuen und Völkern), reichen solche vereinzelte, "repräsentative" "Stichproben" nicht mehr aus. Man braucht einen viel größeren Datensatz (2):

Um ein hochauflösendes Bild der Frequenzveränderungen im Zeitverlauf zu erhalten, benötigt man sehr große Stichproben, wirklich sehr viele Personen. Das stand uns bis vor wenigen Jahren nicht zur Verfügung. Die Motivation für die Studie, über die wir heute sprechen, und die Arbeit, die hoffentlich in den kommenden Jahren von mehreren Forschungsgruppen durchgeführt wird, liegt darin, daß wir nun endlich über diese Zahlen verfügen. Wir können die Daten analysieren, um die Frequenzveränderungen im Zeitverlauf zu untersuchen.

Gibt es keine genetischen Unterschiede zwischen Ostasien und Europa? 

Dann sagt David Reich wieder etwas so vergleichsweise Komisches (2):

Es gibt jedoch fast keine genetischen Veränderungen, deren Häufigkeit sich zwischen Europäern und Ostasiaten zu 100 % unterscheidet.

Diese Aussage ist ein sogenannter Non-Starter. Sie mag ja formal durchaus richtig sein, aber sie verwischt, bzw. macht dabei zugleich geradezu unsichtbar die wesentlichsten Tatbestände.*) Mit 100 % ist die Latte sehr hoch gelegt. Sehr große angeborene Häufigkeitsunterschiede zwischen Ostasiaten und Europäern gibt es aber trotzdem. Man frage doch nur ChatGPT. Es zählt für uns die folgenden Beispiele auf:

Merkmal / GenvarianteOstasienEuropaBemerkung
ALDH2-Defizienzca. 25–45 %<1 %Ursache des häufigen „Asian Flush“
Schnelles ADH1B-Allel (Alkoholabbau)ca. 60–90 %ca. 5–20 %Beschleunigt Bildung von Acetaldehyd
Laktasepersistenzca. 5–20 %ca. 70–95 %Besonders hoch in Nordeuropa
EDAR-Variante V370Aca. 80–95 %<5 %Assoziiert mit dickem, glattem Haar
ABCC11-Polymorphismus (trockener Ohrenschmalz)ca. 80–95 %ca. 1–5 %Sehr klarer Populationsunterschied
Epikanthische Lidfaltehäufig, grob 50–90 %selten, meist <10 %Kein einzelnes „Gen“, sondern polygen
Sehr dichter Bartwuchs bei Männerneher seltendeutlich häufigerSchwer exakt zu quantifizieren
Helle Hautvarianten SLC24A5niedrig bis moderatoft >90 %Sehr stark in Europa verbreitet
Schaufelzähne („shovel incisors“)ca. 80–95 %ca. 10–20 %Häufig verwendetes anthropologisches Merkmal

So schnell kann man Aussagen von David Reich mit ChatGPT bloßstellen. Da wird also sehr schnell deutlich, daß die Aussage von David Reich die tatsächlichen Verhältnisse zum Teil kraß verwischt, und daß diese Aussage damit fast schon wieder eine Täuschung ist. Nein, nicht 100 % Unterschiede - aber 95 % Unterschiede gibt es in einigen angeborenen Eigenschaften, Genvarianten zwischen Europa und Asien durchaus!!!

Und das ist - wie gesagt - nicht erst seit heute bekannt, sondern Wissen darüber sammelt sich spätestens seit dem Jahr 2000 immer mehr an. Der geneigte Leser kann mit Hilfe der hier genannten Stichworte schnell die Dinge weiter verfolgen (zum Beispiel auf ChatGPT). ChatGPT benennt hier nur Körpermerkmale, aber bezüglich von psychischen Merkmalen könnten ebenfalls Beispiele angeführt werden. Eine für ADHS mitverantwortliche Variante, die in siebenfacher Wiederholung im Genom vorkommt, gibt es in China fast gar nicht, während sie in anderen Völkern eine sehr deutliche Häufigkeit hat. Ebenso hatten wir für das COMT-Sensibilitäts-Gen hier auf dem Blog schon vergleichsweise hohe Häufigkeitsunterschiede zwischen Völkern erörtert (Stg2019). Und damit kann sehr schnell abgeleitet werden, daß wesentliche kulturelle Merkmale und Begabungsprofile von Völkern in Europa und Ostasien sich auch aufgrund solcher Häufigkeitsunterschiede so markant voneinander unterscheiden. Deshalb stimmt es auch nicht, wenn David Reich sagt (2): 

Die seit 40.000 oder 50.000 Jahren vergangene Zeit ist auf einer evolutionären Zeitskala so kurz, daß es im Durchschnitt nur geringe genetische Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen gibt.

Aber im nächsten Satz widerspricht er der eben getätigten Äußerung sowieso gleich wieder (2):

Wenn jedoch natürliche Selektion stattgefunden hat, beispielsweise um Menschen an einem bestimmten Ort zu helfen, Alkohol oder Milch besser zu verdauen, könnte man erwarten, daß eine Mutation extrem häufig auftritt.

Es ist nicht nur zu erwarten, sondern längst bekannt, lieber Herr Reich.

Beispiele: Tuberkulose, Hämochromatose, pflanzlich dominierte Ernährung ...

Es werden dann Beispiele durchgegangen. Immun-Gene weisen die höchsten Selektions-Hinweise auf. Eine Genvariante, die im Zusammenhang mit Tuberkulose steht, wird behandelt. Diese Gen-Variante war 1000 v. Ztr. am häufigsten in Europa verbreitet und ist danach in ihrer Häufigkeit bis heute wieder sehr deutlich zurück gegangen. Die genauen Gründe dafür sind bislang noch nicht bekannt. Vielleicht war es eine andere Krankheit, so meint der Interviewer, der gegenüber diese Genvariante einen Überlebensvorteil bot. Reich will das nicht ausschließen als Möglichkeit. Reich:

Die TYK2-Variante, die mit einem erhöhten Tuberkulose-Risiko und einem erhöhten Risiko für Multiple Sklerose einhergeht, nahm vor der Bronzezeit deutlich zu und kehrte sich dann vor 2.000 bis 3.000 Jahren um. In Nordeuropa ist dieser Prozeß extrem stark ausgeprägt, mit sehr starker positiver und negativer Selektion. In Südeuropa hingegen ist er nur geringfügig und die negative Selektion nicht sehr stark. Auch die Hämochromatose, eine pathogene Eisenablagerung, die in Europa Probleme verursacht, hat sich um diesen Zeitraum herum umgekehrt.

Beiden typisch nordeuropäischen Erbkrankheiten habe ich schon in meinem Buch-Entwurf von 2007 Kapitel gewidmet (3). Durch diese neuen Ergebnisse kann man sich nun neue Gedanken machen, warum diese Erbkrankheiten in Nordeuropa noch heute so auffallend häufig sind. Es werden auch Hinweise gefunden für einen vermehrten Verzehr von pflanzlichen Nahrungsmitteln gegenüber fleischbasierter Nahrung. Der Interviewer fragt (2):

FADS1, das dabei hilft, pflanzliche Fettsäuren in langkettige Fettsäuren umzuwandeln, die der Körper benötigt: Das ist natürlich wichtig, wenn man von einer fleischbasierten Ernährung als Jäger und Sammler zu einer getreidebasierten Ernährung übergeht. Das ist auch ein Aspekt, den Sie, glaube ich, vor 5.000 bis 3.000 Jahren als besonders selektionsbedürftig identifiziert haben. Was ist also der Grund dafür? Warum ist die Bronzezeit in Bezug auf all diese verschiedenen Merkmale, die Sie beobachten, so besonders?

Reich antwortet (2):

Diese FADS1/2-Variante ist also eine Anpassung an Vegetarier bzw. Fleischesser. Bereits in früheren Arbeiten hatte Ian Mathieson, mit dem ich 2015 zusammengearbeitet habe, diese Variante als stark selektiert identifiziert. Sie ist tatsächlich uralt. Man findet Kopien davon auch bei archaischen Menschen.

Die Völker weltweit unterscheiden sich schon seit vielen Jahrzehntausenden darin, ob sie vorwiegend pflanzliche oder tierliche Nahrung zu sich nehmen. Für beide Möglichkeiten müssen im Genom Anpassungsmöglichkeiten vorliegen. David Reich sagt allgemein über die genetischen Veränderungen während der Bronzezeit in Europa im Vergleich zu denen während des Übergangs zum Ackerbau (2):

Diese Beobachtung, daß es sich um einen Wendepunkt handelt, verrät uns etwas darüber, wann die Menschen, zumindest in diesem Teil der Welt, gezwungen waren, eine Lebensweise einzuschlagen, die sich so stark von der ihrer Vorfahren als Jäger und Sammler unterschied, daß sich der Organismus enorm anpassen mußte. Möglicherweise war der Grad dieser Umstellung beim Übergang in die Bronzezeit qualitativ größer als derjenige, der beim anfänglichen Übergang zum Ackerbau stattfand. Das ist überraschend, denn unser vereinfachtes Bild läßt uns annehmen, daß der große Wandel im Ackerbau liegt. Doch die biologischen Daten zeigen, daß unser Genom viel stärker auf diese Ereignisse reagiert, die vor 5.000 Jahren stattfanden.

So völlig durchgängig kann ich ihm diese Aussage nicht abnehmen. Schließlich zeigen seine Daten, daß schon die Bandkeramiker einen IQ hatten wie wir heute. Da ist also das Wichtigste durchaus schon beim Übergang zum Ackerbau passiert, nicht erst in der Bronzezeit. Freilich, durch die mittelneolithische Vermischung mit den Restbevölkerungen von Jägern und Sammlern in Europa und durch die spätneolithische Vermischung mit indogermanischer Steppengenetik war der IQ offenbar zunächst noch einmal wieder bis etwa 2000 v. Ztr. gesunken, um dann in der Spätbronzezeit fast wieder heutige Werte zu erreichen, um danach aber wieder abzusinken (s. Abb. 1). Nun gut.

Beispiel Pigmentierung

Reich weiter (2):

Nehmen wir zum Beispiel die Pigmentierung, die in unseren Daten das stärkste Indiz für Selektion eines komplexen Merkmals ist. Man betrachtet genetische Mutationen, die bekanntermaßen die Pigmentierung beeinflussen. Addiert man ihre Wirkung über die gesamte DNA - es sind Dutzende oder Hunderte -, so findet man heraus, wann die natürliche Selektion am stärksten war. Dieser Zeitraum liegt tatsächlich vor 2.000 bis 4.000 Jahren. 

Ja, die Evolution der hellen Hautfarbe verlief offenbar stetiger als die Evolution des IQ in der europäischen Völkergeschichte (Abb. 2).

Beispiel Intelligenz

Reich weiter (2):

Die Daten zeigen deutlich, daß die Auswirkungen der Migration enorm sind. Betrachtet man beispielsweise die Entwicklung kognitiver Leistungsfähigkeit – die Ergebnisse von Intelligenztests bei weißen Briten heute – und vergleicht sie mit den entsprechenden Prädiktoren bei Menschen in der Antike, so liegt der Schätzwert für die Jäger und Sammler Europas drei Standardabweichungen unter dem heutigen Durchschnitt. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Oben war noch von einer Standardabweichung die Rede, jetzt wird sogar von drei Standardabweichungen gesprochen. Wenn es also heute bei Europäern einen IQ von 100 gibt ebenso wie bei den ersten Ackerbauern Europas, den Bandkeramikern, dann hätte es bei den europäischen Jägern und Sammlern vor dem Neolithikum einen IQ von 55 gegeben. Das entspricht dem IQ der Buschleute in Südafrika von heute und ist noch niedriger als der IQ der Bantu-Völker in Afrika. Das können wir auf den ersten Blick so nicht für glaubhaft halten. Hat sich Reich hier versprochen? Auch Piffer und Kirkegaard hatten 2024 nur eine Stanardabweichung Unterschied festgestellt, nicht drei. Reich weiter über die europäische IQ-Evolution (2):

Dann sieht man einen gewaltigen Sprung zu den Bauern, deren Werte im Mittel bei null liegen. Das ist Migration. Man sieht, daß diese beiden Gruppen unterschiedliche Ausgangswerte für diese Merkmale hatten. Die Steppenhirten haben einen niedrigeren Ausgangswert.

Also die Bandkeramiker hatten schon einen IQ von 100 so wie wir heute. Wie kraß. Und die Jamnaja, die Indogermanen der zweiten Ausbreitungswelle ab 3.300 v. Ztr. hatten einen IQ von 85. Also so hoch wie die heutigen Afroamerikaner in den USA. Das kommt uns ebenfalls sehr kraß unterschiedlich vor. Reich weiter (2):

Man beobachtet im Laufe der Zeit enorme Schwankungen im Prädiktor dieses Merkmals. Das beweist keine Selektion, sondern lediglich Migration. Unser Test zeigt aber Folgendes: Gibt es neben diesen migrationsbedingten Schwankungen einen konsistenten Effekt der natürlichen Selektion, der das Merkmal über alle Orte und Zeiten hinweg in dieselbe Richtung beeinflußt? Genau das untersuchen wir.

So ganz wie nebenbei tritt hier zu Tage, welche krassen angeborenen Intelligenz-Unterschiede es zwischen Völkern schon im Neolithikum und in der Bronzezeit gegeben hat. Solche angeborenen Intelligenz-Unterschiede zwischen Völkern gibt es heute immer noch und sie waren unter anderem Gegenstand der Sarrazin-Debatte des Jahres 2010. 

Der Interviewer stellt dann sehr uninformierte Vermutungen über die Evolution des IQ in den Raum. Diese übergehen wir hier. Beide geben sich in ihren "Vorannahmen" zu all diesen Themen rührend naiv. So als hätte es - zum Beispiel - die "Bell Curve"-Debatte des Jahres 1994 (Wiki) nie gegeben, in der es ebenfalls um die angeborenen Intelligenzunterschiede zwischen heutigen Völkern und Abstammungsgruppen ging. Der Interviewer ist völlig fachfremd. Dem nehme ich diese Naivität ab. Bei David Reich scheint sie mir ein wenig gar zu deutlich durchgestylt zu sein, nämlich: um nicht gleich die volle Breitseite des akademischen Gegenwindes auf sich zu ziehen. Offenbar denkt er sich, die neuen Erkenntnisse könnten sich in die Wissenschaft geradezu unbemerkt einschleichen. Aber all das soll aktuell für uns nicht im Vordergrund stehen, wir wollen ihm das hier nicht gar zu sehr anrechnen, denn aktuell ist so viel anderes so viel wichtiger. Es gilt, erst einmal den neuen Forschungsstand nachzuvollziehen und dem bisherigen Wissen zuzuordnen.

Auch wie David Reich die IQ-, bzw. Educational Attainment- (EA-)Voraussage sonst einordnet, scheint uns keineswegs dem Stand der heutigen Intelligenz-Forschung zu entsprechen. Da der IQ mit so vielen anderen Merkmalen des Lebensverlaufs korreliert, meint er, ihm könnte auch ein anderer Faktor als der IQ selbst zugrunde liegen, etwa die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub. Es sei das hier nur erwähnt. Wir glauben viel eher, daß höherer IQ auch Belohungsaufschub erleichtert. Aber all das ist für uns hier gar nicht das Thema.

Sehr spannend ist der Hinweis, daß die IQ-Evolution in China und Europa auf denselben polygenetic Score's zu beruhen scheint, so sagt Reich. Das darf man sicherlich als bemerkenswert empfinden. Denn es hätte ja auch sein können, daß die ostasiatische Intelligenz noch eine sozusagen "ganz andere" ist als die europäische. Aber nein, sie folgt offenbar denselben genetischen Verschaltungen. Das, was sich zwischen Europa und Ostasien unterscheidet, sind eher angeborene und muttersprachlich geprägte Neigungen hinsichtlich Individualismus versus Kollektivisimus oder hinsichtlich Veränderungsfreude oder Beharrungsfreude (hinsichtlich: erfinden oder kopieren) und so weiter. Und natürlich weisen die Ostasiaten einen um 5 IQ-Punkte höheren IQ auf als die Europäer. Womöglich wird man dennoch sagen können und müssen, daß es sich bei der IQ-Evolution in Ostasien und Europa um konvergente Evolution handelt.

War Intelligenz ein gesellschaftlicher Wert? Im Neolithikum? In der Bronzezeit?

Reich meint, in der "Ilias" oder im "Alten Testament", die in Zeiten entstanden, als der IQ am höchsten war, hätte Intelligenz als Wert keine Rolle gespielt, viel eher hätten Schönheit eine Rolle gespielt oder andere Werte. Wir sehen hier eine Inkonsistenz in der Argumentation. Schon die Bandkeramiker hatten einen vergleichbar hohen IQ. Wie soll der denn dann zustande gekommen sein? Ist nicht schlicht der Grad der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, der schon bei den Bandkeramikern sehr hoch gewesen sein wird, ein ausschlaggebender Faktor? Den Befund, daß die (Spät-)Bronzezeit so wesentlich für die europäische IQ-Evolution gewesen sei, hatten wir zuvor für uns selbst während der Lektüre schon folgendermaßen eingeordnet: 

In der Bronzezeit gab es erste "Währungen" (Ösenhalsringe und anderes), es mußte also gezählt und gerechnet werden. Es gab spezialisiertes Handwerk. Bronze-Schmiede stellten Bronze-Waffen her, sie stellten Bronze-Schmuck her, bronzene Musikinstrumente. Überhaupt gab es einen Musikinstrumenten-Bau. Es gab ein Töpferhandwerk. Es gab Nah- und Fernhandel mit Rindern, Schweinen, Getreide, Gemüse, Obst, Fischen. Es gab Fischer, es gab Jäger. Die Kochkunst verfeinerte sich. Importwaren wurden über hunderte von Kilometern transportiert. Es gab spezialisierte Handwerker in der Textilherstellung. Es gab spezialisierte Handwerker in der Herstellung von Streitwagen und anderen Transportmitteln. Es gab Goldschmiede, die die steilen, hohen Goldhüte herstellten. Der Ackerbau wurde verbessert. Der höchste Gott der Kelten war noch in römischer Zeit der Gott Merkur, der Gott des Handels, des Handwerks und der Kunstfertigkeit. Das berichtet noch Cäsar von ihnen (Stg26). Von Sängern wurden lange Dichtungen vorgetragen, vergleichbar der Ilias des Homer - die längsten Zeiträume ganz ohne Verschriftlichung. Zuhören war heilig bei den Kelten und in vielen anderen vorgeschichtlichen Völkern (Stg24). Aufmerksames Zuhören und Merken (Kurz- und Langzeitgedächtnis) fällt ja vermutlich um so leichter, um so intelligenter man ist. Wir sehen insbesondere in der Spätbronzezeit ein intensives Bevölkerungswachstum nicht nur in Griechenland, sondern wir sehen "Terrassierungen" in ganz Mitteleuropa bis hinauf nach England. All solche Vorgänge werden bezüglich der IQ-Evolution zu berücksichtigen sein.

Die ganze Thematik, die der Interviewer mit Reich diskutiert, wird schon seit Jahrzehnten diskutiert. Vor diesem Hintergrund wirken die Erörterungen im Interview erneut eher naiv. Lange hatte man ja vermutet, daß die IQ-Evolution in China durch die konfuzianische Beamten-Elite voran getrieben worden sei. Sie erfolgte aber in allen Bevölkerungsschichten, insbesondere auf dem Land bei den Bauern, auch ganz ohne konfuzianische Gelehrsamkeit. Ebenso auch in Europa. Es müssen also deutlich allgemeinere Faktoren in Betracht gezogen werden. Für Europa in der Frühen Neuzeit gilt jedenfalls: Die reichsten Bauern haben immer die meisten Kinder gehabt. Das hat Eckart Voland in seiner Krummhörn-Studie festgestellt und das ist für viele andere Regionen Deutschlands und Europas ebenfalls festgestellt worden. Und genau über solche Mechanismen wird IQ-Evolution womöglich auch sonst zustande gekommen sein.

Und es ist zusätzlich zu sagen: Wohlstands-Unterschiede aufgrund höherer Intelligenz waren erst in solchen arbeitsteiligen Gesellschaften möglich, die solche Wohlstands-Unterschiede eben ermöglichten aufgrund ihrer arbeitsteiligen Differenzierung. 

Viele weitere Teile des Interviews erscheinen uns zu spekulativ, als daß sie hier von uns weiter behandelt werden müßten. Es wird etwa erörtert, daß sich vergleichbare gerichtete Selektion bei den Menschen, die vor 100.000 oder vor 50.000 Jahren in Afrika gelebt haben, nicht gegeben hätte. Aber sind denn die aktuell vorliegenden archäogenetischen Daten überhaupt ausreichend, um eine solche Behauptung aufstellen zu können? Wir glauben nicht. Und schließlich hat der Autor dieser Zeilen schon in seinem Buchentwurf von 2007 Gene genannt, die heute alle Menschen tragen, und die in dem genannten Zeitraum in Afrika erst entstanden sind. Also diese Erörterungen sind uns alle zu spekulativ und auch zu widersprüchlich und außerdem auch ein wenig zu naiv.

Stattdessen wird zum Beispiel gar nicht die so wesentliche Frage erörtert, wo denn der hohe IQ der europäischen Ackerbauern überhaupt herkommt und wie dieser evoluiert ist oder evolutiert sein könnte. Das wäre doch eine viel spannendere Frage. Aber dazu fehlen David Reich und ebenfalls dem Interviewer ausreichende wissenschaftliche Hintergrundinformationen aus fünfzig Jahren IQ-Forschung ebenso wie - etwa - aus fünfzig Jahren Forschung zum Präkeramikum und Keramikum im Fruchtbaren Halbmond und sodann zum Neolithikum in Anatolien, im Mittelmeerraum und in Mitteleuropa. Man könnte mutmaßen, daß schon die ersten Ackerbauern Anatoliens denselben IQ hatten wie die Bandkeramiker und daß dieser IQ während des vorhergehende Präkeramikums und Keramikums im Fruchtbaren Halbmond evoluiert ist. Ich könnte mir vorstellen, daß er schon im PPNB ("vorkeramische Neolithikum B") erreicht worden ist um etwa 7000 v. Ztr.. Diese Gesellschaft war damals jedenfalls durchaus schon ausreichend arbeitsteilig ausdifferenziert.

Mit diesem Blogartikel soll ein erster Einstieg in diese neue, spannende Thematik gegeben sein. Vielleicht müssen wir uns künftig den Forschungsartikel selbst (1) auch noch einmal gründlicher anschauen.

Ansonsten: Ergänzung, 29.5.26 - Jetzt ist es endlich so weit: Ein Jahresabonnement bei Davide Piffer ist von Seiten des Bloginhabers abgeschlossen (DavidePiffer). Denn der Mann ist unwahrscheinlich fleißig und testet ständig neue Theorien anhand archäogenetischer Daten. Da kommt man zwar kaum hinterher - aber man sollte es vermutlich!

Anhang

*) Piffer schrieb am 16. April, ein Tag nach der Veröffentlichung der Reich-Studie einen Beitrag, warum er die Vorgehensweise des Nichtzitierens seiner thematisch sehr weitgehend deckungsgleichen Vorstudie für wissenschaftlich unredlich hält (Piffer). Einen Tag später, am 17. April, zwei Tage nach der Veröffentlichung der Reich-Studie schrieb er auf Twitter (Tw):

Reichs Team tut jetzt so, als ob seine Veröffentlichung ein Paradigmenwechsel wäre, und als ob niemand zuvor solche Ergebnisse veröffentlicht habe (falsch). Reich hat sich auch meine Idee angeeignet, daß diese Ergebnisse der Standardansicht widersprechen würden, nach der es über die letzten 100.000 Jahre keine Selektion gegeben habe, die ich hier kritisiert habe ...
Reich's team is now framing their publication as a paradigm shift, nobody had published such results before (wrong). Reich also appropriated my idea that these results challenge the standard view of no selection over 100K years, which I criticized here ...

... und er gibt dann den Hinweis auf einen Blogartikel vom Dezember 2025 (Piffer2025). Er spricht von Plagiat:

Die Ergebnisse, die sie in ihrem Plagiat darstellen, stammen allerdings größtenteils aus Fachzeitschriften, die mit Peer Review veröffentlichen.
The findings they plagiarized are mostly in peer reviewed journals though.

Piffer erhält für seine Aussage viel Zustimmung auf Twitter. Was ein Kommentator dort schreibt, ging uns genauso (Tw): 

Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich bereits durch die Lektüre von Piffer wußte - lange bevor diese Studie erschien -, daß die anatolisch-neolithischen Bauern den höchsten Polygenic Score für Intelligenz aufwiesen. Die Griechen der ägäischen Bronzezeit wiesen einen hohen Anteil an anatolisch-neolithischer Bauernherkunft auf.
I’m pretty sure I knew the EEF had highest PGs for intelligence from reading Piffer way before this paper came out. Bronze Age Aegean Greeks have a lot of EEF.

Diese Bemerkung hat inzwischen 3.500 Likes, mehr als der Ausgangs-Beitrag von Piffer selbst. Diese 3.500 sind jene, die die Arbeit von Piffer ebenso verfolgen wie der vorliegende Blog.

Der griechische Archäogenetiker Iosif Lazaridis versuchte schließlich, sozusagen zwischen Piffer und David Reich zu vermitteln und argumentiert, daß jeder Autor selbst würde entscheiden können, welche vorherigen Arbeiten er zitiert und welche nicht (Tw). Nun gut, zumindest von Großmut zeugt die Haltung von David Reich in dieser Frage nicht. Am 18. April schreibt Piffer (Tw):

Würde ein Maler eine Kopie Ihres Werkes anfertigen, dann aber so tun, als hätte er ein eigenständiges Werk geschaffen, weil Ihr Pinselstrich „mangelhaft“ gewesen sei, dann können wir das getrost Betrug nennen. Wenn ich in der Wissenschaft „methodische Mängel“ vorschiebe, um dasselbe Modell und dieselben Ergebnisse zu ignorieren, die ich selbst nutze und gewinne, dann liegt nichts anderes vor als ein Plagiat mit Doktortitel.
If a painter copies your composition but denies credit because your brushwork was "inadequate," we call it a scam. In science, using "methodological inadequacy" to ignore the same model and results is just plagiarism with a PhD.

Am 28. und 30. April bringt er Kritiken an der David Reich-Studie heraus (Pfiffer2) (die wir noch nicht verstehen). Und er schreibt am 30. April auf Twitter (Tw):

Vor zwei Wochen habe ich mich wegen der Problematik des Nichtzitierens durch Akbari et al. an Nature gewandt. Die Herausgeber haben nun geantwortet: Sie prüfen den Fall. Wollen wir sehen, was dabei herauskommt.
Two weeks ago I escalated the Akbari et al. citation issue to Nature. Editors have now responded: they’re reviewing it. Let’s see where this goes. 

**) In der Studie selbst heißt es: "Frühere Arbeiten haben gezeigt, daß klassische „Hard Sweeps“ - durch die vorteilhafte Mutationen bis zur Fixierung getrieben werden – über den weiten Zeitraum der menschlichen Evolution hinweg selten waren." ("Previous work has shown that classic hard sweeps driving advantageous mutations to fixation have been rare over the broad span of human evolution.") Vielleicht bezieht sich darauf diese 100%-Angabe. Aber auch diese Aussage ist insgesamt irreführend.

____________

  1. Akbari A, Perry A, Barton AR, Kariminejad M, Gazal S, Li Z, Zeng Y, Mittnik A, Patterson N, Mah M, Zhou X, Price AL, Lander ES, Pinhasi R, Rohland N, Mallick S, Reich D (2026) Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia. Nature, 15.4.2026 (Nature2026)
  2. Dwarkesh Patel: David Reich - Bronze Age shock, the Neanderthal puzzle, & the sudden spread of farming. Dwarkesh Podcast, 08.05.2026 (Yt2026) (Transkript)
  3. Bading, Ingo: 200.000 Jahre Humanevolution. Manuskript 2007 (Resg2007)

Die bronzezeitlichen Griechen und die eisenzeitlichen Römer - Sie hatten den höchsten IQ

Jäger und Sammler-Völker bis 5.500 v. Ztr. hatten einen IQ von 82

Über die Evolution den menschlichen Intelligenz (IQ) (Wiki) in Europa in den letzten zehntausend Jahren entsprechend der Genomdaten der Archäogenetik hatten wir schon 2022 eine Forschungsstudie referiert (Stgen2022). 2024 ist zu diesem Thema eine neue Studie erschienen (1).

Abb. 1: Der Streitwagen - Das "Markenzeichen" - der Bronze- und Eisenzeit - Bronzemodell aus Göchebi (Dedoplistsqaro), Georgien, erste Hälfte des 1. Jahrtausends v. Ztr., Sighnaghi-Museum, Georgien (Wiki)

Der vorliegende Blogartikel wurde schon Anfang April 2024 verfaßt. Im Zuge der Erarbeitung des demnächst erscheinenden Folgeartikels, angeregt von dem jüngst veröffentlichten Interview mit dem Archäogenetiker David Reich (Yt2026) und basierend auf den darin vorgetragenen Forschungsergebnissen, fühlen wir uns ermutigt, zunächst diesen Blogartikel zu veröffentlichen, der schon vieles von dem vorweg nimmt, was nun auch der Mainstream-Wissenschaftler David Reich heraus gebracht hat. Daß David Reich im Großen und Ganzen zu denselben Ergebnissen kommt, zeigt, daß auch schon in der Studie von 2024 ordentlich gearbeitet worden ist. Hauptergebnis der Studie von 2024 (1):

Der Anstieg des Polygenic Score (der polygenetisch ausgelesenen Höhe) (PGS= "polygenic score") der Intelligenz betrug etwa 0,12 Standardabweichungen (SD) pro 1000 Jahre. Das bedeutet, daß der PGS für kognitive Fähigkeiten vor 10.000 Jahren etwa 1,2 SD niedriger war als heute.
The increase in cognitive PGSs was about 0.12 SDs per 1000 years, implying that 10,000 years ago the PGSs for cognitive abilities were about 1.2 SDs lower than they are today. 

Eine Standardabweichung entspricht 15 IQ-Punkten. Wenn der durchschnittliche IQ in Mitteleuropa heute bei 100 liegt, dann lag er vor 10.000 Jahren bei den Fischern, Jägern und Sammlern in Europa etwa bei 82, also ungefähr bei dem IQ der heutigen Schwarzafrikaner in Nordamerika (gnxp2006).

Ergänzung 2026: Damit ist die Theorie widerlegt, daß es die Eiszeit gewesen wäre, die den heutigen, vergleichsweise hohen, angeborenen IQ auf der Nordhalbkugel hervor gebracht hätte. Diese These war - soweit wir das überblicken - bislang die am ehesten für plausibel gehaltene unter traditionellen IQ-Forschern gewesen. Sie war zum Beispiel von dem ansonsten sehr schätzenswerten IQ-Forscher Richard Lynn vertreten worden (Wiki). Aber auch von vielen anderen. Hat sie nicht auch J. P. Rushton vertreten? Wie auch immer. Wir hatten immer schon Zweifel daran, denn dann hätten die Ureinwohner Amerikas, deren Vorfahren Jahrzehntausende in Sibirien gelebt hatten, und die von dort aus Amerika besiedelt haben, auch einen höheren IQ haben müssen. Mit dieser neuen Studie ist es nun bestätigt: Gar nichts hat sie in dieser Hinsicht hervor gebracht, die Eiszeit. Gar nichts.

(Dieses Ergebnis wird übrigens auch jene kleine Gruppe von Laienforschern bekümmern, die immer noch glauben, anhand moderner archäogenetischer und archäologischer Daten aufzeigen zu können, daß die Indogermanen in Nordeuropa in der Eiszeit entstanden wären und sich von dort aus ausgebreitet hätten. Tja, manche auf dürre Stelzen errichtete Kartenhäuser krachen irgendwann einmal dann auch wirklich zusammen. Aber das soll hier nicht unsere Sache sein.)  

Die anatolischen Bauern bringen einen höheren IQ mit

Im weiteren ist in der Studie von 2024 die Rede nicht nur vom IQ, sondern auch vom "Educational Attainment" (EA), also vom erreichten, bzw. vom am wahrscheinlichsten zu erreichenden Bildungsgrad, einer anderen, leicht abweichenden Meßgröße für IQ (1):

Die Abstammung von Jägern und Sammlern (insbesondere V2 oder WHG) war in den Regressionsmodellen (Ergänzungstabellen S1-S3) negativ mit EA3, EA4 und IQ assoziiert (...), was darauf hindeutet, daß der Anstieg in den kognitiven Fähigkeiten nicht allein durch die neolithische Revolution vorangetrieben wurde, sondern daß dieser teilweise durch die Vermischung mit den damit einhergehenden Einwanderern vermittelt wurde. Anatolische neolithische Bauern, die sich mit einheimischen Jägern und Sammlern vermischten, trugen zwischen etwa 40 % und 98 % zur neolithischen europäischen Abstammung bei (Chintalapatiet al., 2022).
Hunter-gatherer ancestry (particularly V2 or WHG) was negatively associated with EA3, EA4 and IQ in the regression models (Supplementary Tables S1−S3) even after accounting for Years BP (β = -0.314, -0.4, -0.249), suggesting that the increase in cognitive capacity was not solely driven by the Neolithic revolution but was partly mediated by admixture with the immigrants that accompanied it. Anatolian Neolithic farmers who intermixed with native HGs contributed between approximately 40% and 98% of Neolithic European ancestry (Chintalapatiet al., 2022). 

Kurz gesagt: Die anatolisch-neolithischen Bauern brachten einen höheren IQ mit nach Europa. Auch das ist nichts weniger als naheliegend, denn sie hatten arbeitsteilige Gesellschaften ausgebildet, in denen sicherlich auf höheren IQ selektiert worden ist.

Nachtrag 2026: Das läßt sich jetzt im Nachhinein natürlich leicht hier hin schreiben. Aber solange man es nicht sicher weiß, wäre diese Behauptung reine Spekulation und man würde dennoch weiter im Dunkeln tappen. Wie schön, daß man jetzt auch hier sicheren Boden unter den Füßen hat.

Und weiter (1):

Ein deutlicher „Sprung“ der Polygenic Scores für EA und IQ konnte auch beobachtet werden für den Übergang zwischen der Bronzezeit und der Eisenzeit, was auf eine Zeit der Selektion hindeutet, die anspruchsvolle kognitive Fähigkeiten begünstigte.
A significant ‘leap’ in the PGSs for EAand IQ was also observed between the Bronze Age and the Iron Age, hinting at a period of selection favoring sophisticated cognitive abilities.

Dieses Forschungsergebnis spielt nun in diesem Jahr 2026 auch für David Reich die aller größte Rolle (Yt2026) (siehe Folgeartikel).

Höchster IQ bei bronzezeitlichen Griechen und eisenzeitlichen Römern

Die bronzezeitlichen Griechen und die eisenzeitlichen Römer hatten den höchsten IQ (1):

Die bronzezeitlichen Griechen zeigten zwar durchschnittliche EA-Werte, zeigten aber die höchsten Werte im polygenetischen Wert (PGS) für IQ. Dieses Ergebnis kann schon abgelesen werden mit Hinblick auf die kulturellen Errungenschaften, die sie hervorgebracht haben und stimmt auch überein mit den früheren Schätzungen von Galton (Galton, 1869). Die ausgeprägte Diskrepanz zwischen dem PGS für EA und IQ bei den antiken Griechen macht auf die Notwendigkeit weiterer Forschung aufmerksam, um hier zu einem tieferen Verständnis zu gelangen.
The Bronze Age Greeks, while displaying average scores on EA, manifested the highest scores in IQ PGS. This result was predicted based on their renowned cultural accomplishments and is in agreement with the historical estimates by Galton (Galton,1869). The marked disparity between the EA and IQ PGS among ancient Greeks merits additional research for a deeper understanding. 

Spannend, daß schon Galton diese Annahme gemacht hat. Spannend noch mehr, daß die antiken Griechen diesen höchsten IQ schon in der Bronzezeit, nicht erst in der klassischen Antike hevor gebracht haben. Und weiter (1):

Menschen im Italien der Eisenzeit und des Mittelalters zeigten die höchsten Werte. Dies untermauert die Schlußfolgerungen unserer früheren Studie (Piffer et al., 2023), die darauf hinwies, daß Europas PGSs während der republikanischen Ära in Mittelitalien ihren Höhepunkt erreichten. Indem wir darüber hinaus Menschenfunde aus dem Bereich der Etrusker (N = 48) in unseren italienischen Datensatz aus der Eisenzeit mit einbezogen, die laut Posth et al. (2021) mit den Römern der republikanischen Zeit genetisch verwandt waren, wurden diese Ergebnisse weiter untermauert.
Samples from Iron Age and Medieval Italy showed the highest scores. This reinforces the conclusions of our recent study (Piffer et al., 2023), which indicated that Europe’s PGSs reached their zenith in central Italy during the Republican era. Additionally, incorporating a new Etruscan sample (N = 48), genetically akin to the Republican Romans as per Posth et al. (2021), into our Iron Age Italian dataset, further corroborates these results.

Soweit hatten wir wichtige Ergebnisse dieser Studie aus dem Jahr 2024 ausgewertet. Dasselbe behandelt Davide Piffer immer wieder auf seinem Blog (siehe etwa 2). Ein Abonnement hat er sicherlich verdient, jetzt, nachdem er von der Mainstream-Wissenschaft so deutlich bestätigt wurde, um so mehr.

Aber der vorliegende Blogartikel dient wie gesagt nur zur Vorbereitung auf den Folgeartikel, der auf Forschungen und Erörterungen beruht, die in den letzten Wochen öffentlich wurden (3, 4).

Ergänzung, 29.5.26: Jetzt ist es so weit: Ein Jahresabonnement bei Davide Piffer ist abgeschlossen (DavidePiffer). Denn der Mann ist unwahrscheinlich fleißig und ständig testet er neue Theorien anhand archäogenetischer Daten. Da kommt man kaum hinterher.

/ Entwurf: 5.4.24 /

__________

  1. Davide Piffer, Emil O. W. Kirkegaard: Evolutionary Trends of Polygenic Scores in European Populations From the Paleolithic to Modern Times. In: Twin Research and Human Genetics, March 2024, DOI: 10.1017/thg.2024.8 (Resg)
  2. Piffer, Davide: Does Ancient DNA Track Human Progress, or Just Time? 14.4.2026 (DavidePiffer2026)
  3. Akbari A, Perry A, Barton AR, Kariminejad M, Gazal S, Li Z, Zeng Y, Mittnik A, Patterson N, Mah M, Zhou X, Price AL, Lander ES, Pinhasi R, Rohland N, Mallick S, Reich D (2026) Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia. Nature, 21.4.2026 (Nature2026)
  4. Dwarkesh Patel: David Reich - Bronze Age shock, the Neanderthal puzzle, & the sudden spread of farming. Dwarkesh Podcast, 08.05.2026 (Yt2026) (Transkript)

Donnerstag, 21. Mai 2026

Alemannen - Wurden sie zum Zwecke ihrer Christianisierung nach England umgesiedelt?

Alemannen?!? - Ja, Alemannen!
- England - Vor, während und nach der Römerzeit

Britische Archäogenetiker stoßen auf eine frühmittelalterliche Siedlungsbewegung, von der offenbar bislang kein Archäologe oder Historiker etwas ahnte, nämlich eine Einwanderung von Alemannen nach England im 8. Jahrhundert (1).

Abb. 1: Symbolbild - Alemannische Krieger

In einer neuen archäogenetischen Studie untersuchen sie dieselben Zeiträume, die jüngst für Süddeutschland untersucht worden waren (Stg26), allerdings diesmal für England. Zunächst berichten sie über Ergebnisse, die im Wesentlichen so erwartet worden waren oder doch zumindest nicht gar zu überraschend sind. In der Zusammenfassung heißt es (1):

Wir fanden in der Eisenzeit einen Zusammenhang zwischen genetischer Verwandtschaft und matrilinearen Bestattungspraktiken, dieser endete mit der römischen Eroberung. Trotz dieser gesellschaftlichen Auswirkungen wiesen nur 20 % der Individuen aus der Römerzeit nachweisbare Vorfahren außerhalb Großbritanniens auf. Im Gegensatz dazu stellen wir ab dem 6. Jahrhundert n. Ztr. einen sich großflächig verbreitenden Zustrom von Vorfahren bei über 70 % der Individuen im südlichen "Angel-Sächsischen" Britannien fest bei gleichzeitig geringer lokaler Vermischung.

Damit soll die allen bekannte angelsächsische Zuwanderung angesprochen sein. Aber dann heißt es (1): 

Wir stellen eine bisher unterschätzte Heterogenität fest, wobei Abstammungen aus Mittel- und Südeuropa ab dem 7. Jahrhundert n. Ztr. an Bedeutung gewinnen.

Was damit gemeint ist, wird im Text der Studie dann erst deutlicher (siehe unten). Außerdem wird Bekanntes zur Wikingerzeit berichtet (1): 

Wir zeigen in vielen Kontexten mit Bezug zur Wikingerzeit eine deutliche skandinavische Abstammung auf, belegen aber gleichzeitig, daß die Auswirkungen der Wikingerzeit auf die britische Bevölkerung begrenzt waren.

Soweit die Zusammenfassung. Nun zu einigen Einzelheiten.

1. Matriarchale Strukturen bei den keltischen Stämmen Englands

Im Text der Studie wird detaillierter ausgeführt, daß die weiblichen Nachkommen der vorrömischen keltischen Stämme alle vor Ort blieben, und daß offenbar die Männer von auswärts einheirateten, daß aber insgesamt die Menschen weitgehend lokal unter sich heirateten und daß es keine weiträumigen überregionalen Heiratsverbindungen gegeben zu haben scheint (1).

2. Römische Zuwanderung in Städte und Militärzentren

Die außerbritische, "römische" Zuwanderung während der Römerzeit konzentrierte sich nach dieser Studie vornehmlich auf die Städte, Militärstandorte und auf - in dieser Studie: drei - römische Villen. Es handelte sich um Menschen aus dem Mittelmeerraum, aus Mittel- und Nordeuropa, sowie aus der osteuropäischen Steppe (höchstwahrscheinlich doch wohl Sarmaten). Vereinzelte von diesen Zuwanderern fanden sich auch im sonstigen ländlichen Raum (vielleicht erworbene Sklaven?).

Über die Zuwanderung der Angelsachsen nach 410 v. Ztr. wird nun einiges Neue berichtet. Sie erfolgte in der ersten Phase vorwiegend von der anderen Seite der Nordsee aus durch Angeln und Sachsen. In einer zweiten Phase jedoch erfolgte Zuwanderung aus Mitteleuropa. 

3. Kamen nach den Angelsachsen auch Alemannen nach England?

Letzteres ist neu (1):

Im 8. bis 10. Jahrhundert n. Ztr. nahm die Abstammung aus dem frühmittelalterlichen Britannien I jedoch ab. Viele Individuen wiesen stattdessen Abstammungen aus Mitteleuropa und in geringerem Maße auch aus Südeuropa auf. Bei einem Großteil dieser Individuen läßt sich modellieren, daß ihre Abstammung zu 100 % auf solche Regionen zurückzuführen ist. (...)
Die am besten passende mitteleuropäische Quelle (Eisenzeit/Römische Zeit/Spätantike Mitteleuropa III) besteht aus Individuen eines Friedhofs aus dem 4. Jahrhundert in Saarburg (heutiges Frankreich), der möglicherweise mit dem Alemannischen Reich in Verbindung steht. (...) Sie stimmt mit neueren Isotopenanalysen überein, die auf eine verstärkte, möglicherweise von Frauen vermittelte Migration aus dem Rheinland im 7. und 8. Jahrhundert n. Ztr. hindeuten.
However, from the 8th-10th centuries CE Early Medieval Britain I ancestry became less prevalent, with many individuals instead carrying ancestries associated with Central, and to a lesser extent Southern Europe, a large proportion of whom can be modelled as deriving 100% of their ancestry from such sources. (...)
The most common best-fitting Central European source (Iron Age/Roman/Late Antique Central Europe III) comprises individuals from a 4th century cemetery in Sarrebourg, present-day France, potentially linked to Alemannic Kingdom42. However, whilst this is the closest proximate source available it might not equate to the true source population (although it aligns with recent isotopic findings of increased, possibly female-mediated, movement from the Rhineland regions in the 7th and 8th centuries CE63).

Das hier erwähnte Saarburg (Wiki) ist eine Stadt in Lothringen. Sie liegt im Dreieck zwischen Straßburg im Osten und Nancy und Metz im Westen. Und sie liegt in einem "Dreiländer-Eck", in dem fränkische Dialekte von Norden her, alemannische Dialekte von Süden und die französische Sprache von Westen her aufeinander treffen (Abb. 2).*) 

Abb. 2: Alemannische Dialekte heute - Saarburg in Lothringen liegt oben links an der Sprachgrenze zwischen dem Französischen, Fränkischen und Alemannischen (Wiki)

Nach Wikipedia ist über das Alemannen-Reich des 4. und 5. Jahrhunderts nur wenig Sicheres bekannt.

Alemannische Expansion ab 455

Wir lesen (Wiki):

Ab 455 setzte eine West- und Ostexpansion von Alamannen nach Gallien und Noricum ein. (...) Archäologisch sind die Expansionen kaum nachzuvollziehen. (...) Aussagen darüber sind im Wesentlichen aus Schriftquellen erschlossen. Besiedlung durch alamannische Bevölkerungsgruppen oder auch nur zeitweise alamannische Oberherrschaft reichen nördlich bis in die Gegend um Mainz und Würzburg, südlich bis zu den Voralpen, östlich bis zum Lech bzw. entlang der Donau bis fast nach Regensburg, westlich bis an den Ostrand der Vogesen, jenseits der Burgundischen Pforte bis um Dijon sowie südwestlich im Schweizer Mittelland bis an die Aare.

496 jedoch wurden die Alemannen in einer Schlacht durch den Frankenkönig Chlodwig geschlagen. Chlodwig nahm danach den christlichen Glauben an (Wiki):

Die nördlichen alamannischen Gebiete kamen dadurch unter fränkische Herrschaft. Der Ostgotenkönig Theoderich gebot der fränkischen Expansion zunächst Einhalt, indem er die südlichen Teile Alamanniens unter ostgotisches Protektorat stellte und Flüchtlinge der besiegten Alamannen unter seinen Schutz nahm. Aber schon 536/537 überließ der von byzantinischen Truppen bedrängte Ostgotenkönig Witichis dem Frankenkönig Theudebert I. unter anderem Churrätien und das Protektorat über „die Alamannen und andere benachbarte Stämme“, um sich die Unterstützung der Merowinger zu erkaufen. Damit befanden sich alle Alamannen unter fränkischer Herrschaft. (...)
Man geht davon aus, daß fränkische Adlige an strategisch wichtigen Orten angesiedelt wurden, um die Kontrolle des Landes zu sichern. Das bestätigt sich in Grabfunden mit fremden Schmuck- und Waffenformen, die aus dem westfränkischen Raum oder dem Rheinland stammen. Auch Angehörige anderer Völker des Fränkischen Reiches wurden im alamannischen Gebiet angesiedelt, was sich bis heute in Ortsnamen wie Türkheim (Thüringer), Sachsenheim oder Frankenthal niedergeschlagen hat. (...) Nach den Erkenntnissen der neueren archäologischen Forschung hat die alamannische Siedlungstätigkeit in der heutigen Deutschschweiz nicht vor Ende des 6. Jahrhunderts eingesetzt.

Fluchtbewegungen und Umsiedlungen gab es im vormaligen Alemannen-Reich also durchaus.

Das Blutgericht von Cannstatt 746

Die Alemannen stellten für weitere 150 Jahre einen Unruhe-Faktor im Frankenreich dar. 746 kam es zum "Blutgericht von Cannstatt" (Wiki): 

Es handelte sich um eine Versammlung aller alemannischen Adligen in Cannstatt (...) im Jahr 746, die auf Einladung des Hausmeiers von Austrasien, Karlmann, des ältesten Sohnes Karl Martells, stattfand. Nach den Annalen von Metz, den Annales Petaviani und einem Bericht Childebrands ließ Karlmann mehrere tausend Adlige, die an dem Aufstand Theudebalds, Herzog von Alamannien, und Odilos, Herzog von Bayern, teilgenommen hatten, verhaften und wegen Hochverrats hinrichten. (...) Durch diese Tat wurde praktisch die gesamte Stammesführung der Alemannen ausgeschaltet und die Unabhängigkeit des Herzogtums Alamannien beendet. Dieses wurde fortan von fränkischen Herzögen regiert.

Cannstatt liegt fünf Kilometer nördlich des heutigen Stadtzentrums von Stuttgart. Es war schon in römischer Zeit besiedelt. Das deutsche Wikipedia formuliert es nicht ganz so drastisch (Wiki):

Die relativ autonomen Herzöge des Frankenreichs versuchten oft, sich aus der Abhängigkeit vom fränkischen König zu lösen. So mußte dieser auch wiederholt gegen aufständische alamannische Herzöge ins Feld ziehen. Im sogenannten Blutgericht zu Cannstatt 746 wurde der Widerstand endgültig gebrochen.

(Siehe auch: Wiki.) Daß dieses "Blutgericht" wirklich drastisch gewesen sein könnte auch für damalige Zeiten, wird durch die Geschichtsquelle der "Annales Petaviani" glaubhaft gemacht, in der es heißt, daß Karlmann in Reue über seine Tat seine Krone niederlegte und Mönch wurde (Wiki):

Karolomannus intravit Alamanniam ubi fertur quod multa hominum millia ceciderit. Unde comppunctus regnum reliquit.
Karlmann zog in Alemannien ein, wo angeblich viele tausend Männer starben. Aus Reue gab er das Königreich auf.

Die Annalen sind 30 Jahre nach den Ereignissen niedergeschrieben worden, vermutlich auf der Basis weiterer Annalen. Als wesentlicher Hinweis in diesen Annalen wird auch angeführt über die Zeit um 790 (Wiki)

Die Annalen belegen auch eine angelsächsische Präsenz in Marseille, der großen Hafenstadt des merowingischen Gallien, wenn sie unter dem Jahr 790 den Tod des Sohnes von Botto, einem englischen Unterhändler in Marseille, vermerken.

Könnte es also sein, daß es in solchen Zusammenhängen umfangreiche Abwanderungen der Alemannen nach England gab oder daß größere alemannische Bevölkerungsteile nach England umgesiedelt wurden - womöglich vor allem die Frauen und Kinder der hingerichteten Männer und ihre zugehörigen Klientel-Verbände? Womöglich auch aufgrund von weit verbreitetem schlechtem Gewissen unter den Franken?

Die Alemannen hatten ja bis zum 2. Jahrhundert an der Elbe gesiedelt. Womöglich gab es im 7. Jahrhundert noch Erinnerungen an die frühere Nachbarschaft zwischen Alemannen und Sachsen, so daß sich die Sachsen in England zur Aufnahme der alemannischen Flüchtlinge bereit erklärten?

Aber das alles sind erst einmal nur "Spekulationen" von Seiten dieses Blogs.

Daß es weiträumige Verbindungen gab zwischen England, Frankreich und Deutschland auch schon um 740, wird etwa sehr gut deutlich anhand des Lebens des Missionars Bonifatius (673-755) (Wiki), also jenes Missionars, der die Donareiche bei Fritzlar in Nordhessen fällte. Dieser war in England als Mitglied einer angesehenen Familie geboren worden. Er hatte dann mit seinen Missionsbemühungen bei den Friesen begonnen - allerdings ohne Erfolg. Er war dann zwölf Jahre lang in Hessen, Thüringen und Bayern mit der Missionierung beschäftigt. Als er es dann nochmals bei den Friesen versuchte, wurde er dort 754 oder 755 erschlagen. Man wollte in Friesland offenbar nicht mit Leuten zu tun haben, die Heilige Bäume fällen. Man mag das nachvollziehbar finden.

Steht das "Blutgericht von Cannstatt" 746 in Zusammenhang mit der Christianisierung der Alemannen?

Einheitlich christianisiert waren die Alemannen zu jener Zeit noch nicht. Wir lesen zwar allgemein (Wiki):

Durch die Christianisierung wurden Anfang des 8. Jahrhunderts die Reihengräberfelder ganz aufgegeben und die Friedhöfe künftig um die Kirche herum angelegt.

Das ist aber zunächst zeitlich sehr unscharf formuliert. Zumindest für das Allgäu gilt das so offenbar nicht. Hier vollzog sich offenbar alles zumeist erst eine Generation später, denn mit Bezug auf den Missionar Magnus (Wiki) lesen wir (Oberstdorf-Lexikon):

Durch die Reihengräberfunde in Sonthofen, Altstätten und Fischen wissen wir sicher, daß sich die Allgäuer Alemannen um 700 noch zu ihren alten Göttern bekannten. Dies blieb so bis Mitte des 8. Jahrhunderts, denn warum sonst sollte der erste sicher nachgewiesene Bischof der Diözese Augsburg Wikterp († um 772) Magnus ins Allgäu holen. (...) Magnus zog zusammen mit dem Mönche Theodor und dem Priester Tozzo um 740 über Bregenz nach Kempten. Dort fanden sie eine verlassene und verödete Stadt vor. Theodor blieb, um ein Kirchlein zu bauen und die Heiden zu bekehren. Diese waren ihm aber so feindlich gesinnt, daß er bald danach an sein Kloster zurück flüchtete. Magnus erreichte voraussichtlich im Jahr 746 Füssen, wo er das Kloster gründete und nach 26-jährigem Wirken 772 verstarb. Im Jahre 747 kamen die Mönche Perechtgoz und Audogar zusammen mit 3 weiteren Mönchen zurück nach Kempten. Sie erstellten eine Zelle, aus der später das Kloster Kempten entstand. In der Folge sollen auch im Oberallgäu weitere Zellen, u.a. Agathazell und Rauhenzell, gebaut worden sein, um die Christianisierung, bzw. die Durchdringung der kirchlichen Strukturen voranzutreiben.

Unter diesen Umständen mag auch die Frage gestellt werden, ob die Kriege Karlmanns gegen die alemanischen und bayerischen Adligen nicht auch Missionskriege gewesen sind, so wie fünfzig Jahre später die Kriege Karls des Großen gegen die Sachsen. Dann könnten Umsiedlungen der Alemannen nach England - ebenso wie später die Umsiedlung der Sachsen - dazu gedient haben, die jeweiligen heidnischen Stammesstrukturen aufzubrechen. Wenn wir die Google-KI fragen "Steht das Blutgericht in Cannstatt in Zusammenhang mit der Christianisierung der Alemannen?" erhalten wir die Antwort:

Das Blutgericht zu Cannstatt im Jahr 746 steht in einem indirekten, aber sehr wesentlichen Zusammenhang mit der Christianisierung der Alemannen. Es war kein direkter Glaubenskrieg, aber die politische Unterwerfung war die Voraussetzung für die endgültige Durchsetzung des Christentums. (...) Ein großer Teil des alemannischen Adels leistete bis dahin nicht nur politischen, sondern auch kulturellen Widerstand gegen die fränkische Vorherrschaft. Mit der Beseitigung der Führungsschicht war der Weg frei für fränkische Missionare (wie den Heiligen Pirmin oder Bonifatius), die vom fränkischen Königshaus unterstützt wurden. Wandel der Bestattungskultur: Die politische Eingliederung in das Frankenreich spiegelte sich direkt im religiösen Alltag wider. Archäologisch läßt sich ablesen, daß durch die Christianisierung Anfang des 8. Jahrhunderts die alten alemannischen Reihengräberfelder aufgegeben und Friedhöfe fortan direkt um Kirchen herum angelegt wurden.

Es wird berichtet, daß es aktuell nur Hinweise darauf gibt, daß der alemannische Adel schon im 7. Jahrhundert Nähe zum Christentum aufzeigte - vornehmlich archäologisch bezeugt (Abb. 3) (2).

Abb. 3: Kirchen und Goldblattkreuze im 7./8. Jahrhundert in Südwestdeutschland (aus 2)

So aufgezeigt anhand der Verbreitung von Kirchenbauten und Goldblattkreuzen in Südwestdeutschland (Abb. 3) (2). Daran ist erkennbar, daß sich das Christentum von der Schweiz aus nach Norden ausbreitete. Und es wird ausgeführt, daß beide Hinweise - Kirchenbauten und Goldblattkreuze - vornehmlich auf Aktivitäten des Adels zurückzuführen waren und nichts über die religiöse Haltung des "gemeinen Volkes" aussagen (2). Wenn dann noch der Adel im Jahr 746 beseitigt wird, wird doppelter Grund bestanden haben, das noch heidnische Volk in ein so christianisiertes Land wie England umzusiedeln.

War Lothringen ursprünglich alemannisch besiedelt?

Die Saar (Wiki) entspringt am Hohen Donn in den Vogesen und mündet 235 Kilometer weiter nördlich in die Mosel. An ihr liegen zwei Städte mit dem Namen Saarburg, das hier erwähnte Saarburg in Lothringen am Oberlauf der Saar und das Saarburg zwanzig Kilometer südwestlich von Trier am Mittellauf der Saar. In beiden Städten wurde bis 1945 Deutsch gesprochen. Es handelte sich dabei um fränkische Dialekte, keine alemannischen. 1920, als es infrage stand, ob die Saar weiter Deutsch bleibt, wurde das berühmte Lied gedichtet "Deutsch ist die Saar" (Wiki). Nach 1945 wurde die deutsche Sprache in Elsaß-Lothringen dann tatsächlich massiv unterdrückt, durfte in Kindergärten und Schulen nicht mehr benutzt werden, weshalb die seither nachwachsende Generation in Lothringen und im Elsaß meistens die Muttersprache ihrer Vorfahren nicht mehr sprechen kann. Zum Wiedererlernen der einstigen Muttersprache werden staatlicherseits inzwischen manche Bemühungen aufgewendet.  

Womöglich ist denkbar, daß Lothringen ursprünglich alemannisch besiedelt war, daß von dort aber "halsstarrige" Alemannen nach England umgesiedelt worden sind, so daß Lothringen dann von Franken besiedelt werden konnte, die dementsprechend dann den fränkischen Dialekt mitgebracht haben, der bis heute an der Saar gesprochen wird. Ob es sinnvoll ist, einem solchen Szenario weiter nachzugehen?

______________

  1. Genomic history and selection in Roman and early medieval Britain. By Marina Silva, Thomas Booth, Kyriaki Anastasiadou, (...) Mark G. Thomas, Linus Girdland-Flink, Adrián Maldonado, Peter Heather, James C. Lee, Leo Speidel, Pontus Skoglund. bioRxiv 2026.04.28.721361; doi: https://doi.org/10.64898/2026.04.28.721361, preprint (bioRxiv2026)
  2. Dieter Geuenich: Die Alamannen und das Christentum. Archäologie Online 2001 (ArchOnl2001)

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