Dienstag, 23. Juni 2026

"Unser" stolzes Nomadenleben

Bis vor 5.000 Jahren
- Tataren, Kalmücken, Kirgisen, Mongolen setzen es bis heute fort ...

Kirgisen, Kalmücken, Mongolen ... - Seit wir sicher wissen, wann, wo und wie das Urvolk der Späten Urindogermanen um 3.300 v. Ztr. als Nomadenvolk am Mittleren Dnjepr gelebt hat (Stg2024, a, b), werden alle Völker, die bis ins späte 19. oder noch bis ins 21. Jahrhundert als Nomadenvölker gelebt haben oder sogar noch leben, für uns hochgradig interessant. 

Abb. 1: Typische Raumverteilung von Nomaden-Lagern in der Steppe - hier: Nomadenlager der Mongolen, fotografiert von dem Schweizer Abenteuer-Schriftsteller Bruno Blum (geb. 1967) im Jahr 2010 (Alam) - Wenn sich von solchen Nomadenlagern ausgehend die Menschen bei zentralen Grabhügeln mit Rinderwagen sammeln, können doch leicht sternförmige Wege entstehen (wie am Mittleren Dnjepr 3.300 v. Ztr.)

Weil sie alle etwas aussagen können darüber, wie die Urindogermanen an der Mittleren Wolga um 4.500 v. Ztr. und am Mittleren Dnjepr um 3.300 v. Ztr. und von dort ausgehend in vielen Teilen Eurasiens eigentlich gelebt haben.

Dazu sollen im vorliegenden Beitrag einige "Bildeindrücke" und einige für uns neue Überlegungen zusammen gestellt werden. Auch über die KI können wir viele Fragen klären, die wir uns bislang noch nie bewußt gemacht hatten.

Was für ein Blick über die Weiten eines Nomadenlagers (Abb. 1 und 11)! Schafe in einer riesigen Herde gehalten, frei laufende Pferde, eingezäunte Pferde, rauchende Jurten, Weite, vereinzelt Rinder. Was für ein vielfältiges Leben!

Dazu folgen weiter unten noch weitere - historische - Abbildungen. Aber zuvor noch einige Überlegungen bezüglich der Pferdehaltung bei den Frühen und bei den Späten Urindogermanen in der Nordschwarzmeersteppe, die wir uns erst aus Anlaß der Veröffentlichung dieses Blogbeitrages bewußt machen. 

Unsere heutigen Pferde wurden domestiziert - erst - um 2.200 v. Ztr. im Nordschwarzmeerraum (Stg2021).

Das heißt, sowohl bei den Frühen Urindogermanen an der Mittleren Wolga wie bei den Späten Urindogermanen am Mittleren Dnjepr spielen zwar "Pferde" eine Rolle. Aber es handelte sich - im heutigen Sinne - um Wildpferde, nicht um domestizierte Pferde. Diese Wildpferde wurden als Opfertiere zusammen mit domestizierten Schafen und Rindern niedergelegt. Ihre Rolle wird auch deutlich an den weit verbreiteten Wildpferdekopf-Zeptern, die wir hier auf dem Blog schon behandelt haben.

Auch aufgrund vieler anderer Umstände kann es nicht anders sein, als daß es schon spätestens seit 4.500 v. Ztr. ein "Pferde-Management" (1) gegeben hat bezüglich dieser Wildpferde.

Nomadenleben bei den Kirgisen im Tienshan

Wie "Pferde-Management" - auch für Wildpferde - ausgesehen haben kann, kann man - unter anderem - bei traditionell lebenden Kirgisen lernen (2). Diese arbeiten zwar mit domestizierten Pferden. Aber ihre Pferde bewegen sich die meiste Zeit des Jahres "wild" auf den Weiden. Für die Wanderung zu den Hochweiden, die innerhalb des Tianshan auf 3.000 Meter Höhe 150 Kilometer entfernt liegen, werden die Leithengste eingefangen (2, 7'11). Damit sie während der Wanderung nicht miteinander um ihre jeweiligen Herden kämpfen, werden sie während der Wanderung von den Pferdehirten geritten. 

Von den Kirgisen kann man also lernen, wie auch domestizierte Pferde noch heute wie Herdentiere auf die Weide "getrieben" und dort gemolken werden (2). Um die Stuten melken zu können, werden ihre Fohlen eingefangen und angepflockt. Wenn dann ihre Mütter sich zu ihnen gesellen, können sie ruhig gemolken werden, obwohl sie gar nicht angebunden sind.

Auf Youtube findet sich eine hinreißende Dokumentation von echtem, wildem Nomadenleben wie es in Kirgistan noch am Beginn des 21. Jahrhundert gelebt wird (2).

Man ist hingerissen von dieser Freiheit eines Nomadenvolkes, von all den vielen Tieren, von der Landschaft, von ihrer Wildheit.

Vor allem die Lebenshaltung, die große Freiheit und Ungebundenheit unserer Vorfahren, des Volkes der Späten Urindogermanen der Jamnaja-Kultur am Mittleren Dnjepr kann man über eine solche Dokumentation vielleicht besser verstehen. 

Abb. 2: Angepflockte Pferde in der Tschuja-Steppe im Altai (fotografiert von Alexandr Frolov, 13. Juli 2016) (Wiki)

Auch die Kirgisen haben diese nomadische Lebensweise - vermutlich - indirekt und über viele Umwege von dem Volk der Späten Urindogermanen vom Mittleren Dnjepr geerbt. Auch sie stammen in Teilen von diesem Urvolk ab.

Denn die Späten Urindogermanen lebten diese Lebensweise als Steppennomaden erstmals in voller Ausprägung, wenn auch damals noch mit Wildpferden (Przewalski-Pferden). Aber ansonsten auch schon mit Schafen, Ziegen und Rindern.

Fast ist man versucht zu sagen: Wir Deutschen, wir europäischen Völker - wenn gar nichts mehr geht, wenn alles zuschanden ist, die Umwelt zerstört ist, die moderne Wirtschaft, die moderne Lebensweise zusammen bricht - womöglich kehren wir dann zu unseren Ursprüngen zurück, zu unseren Ursprüngen als Nomadenvolk. 

"Digitale Nomaden" gibt es sowieso schon in rauen Mengen. Dieser Lebensstil braucht ja nicht nur hedonistisch gelebt werden. Er kann - womöglich - auch familienfreundlich gelebt werden. Und nur eine familienfreundliche Lebensweise ist auch eine zukunftsträchtige Lebensweise, eine "evolutionsstabile" Lebensweise. Wer darauf nicht achtet, ist zum demographischen Aussterben verdammt - so wie die heutigen Deutschen und alle anderen Völker in nördlichen Breitengraden. Ihr biologisches und damit auch kulturelles Überleben scheint ihnen egal zu sein. Und dann gibt es in diesen Völkern auch noch "patriotische" Politiker, "Populisten", "Rechtskonservative", die sich selbst und ihren Völkern einreden, es bräuchte im Wesentlichen nur das Kreuz auf dem Wahlzettel an der richtigen Stelle gesetzt werden, dann wäre das Überleben der Völker der nördlichen Breitengrade gesichert. Was für ein Hohn.

Abb. 3: Grasende Pferde mit Fußfesseln in Kirgistan im inneren Tienshan-Gebirge (Wiki, a) nördlich der Taklamakan - Blick auf den Fluß Naryn im Naturschutzgebiet Naryn in Kirgistan (fotografiert von Abujoy, 18. August 2018)

Aber hat denn nicht mancher schon diesen inneren Ruf verspürt: Laßt uns der Zivilisation den Rücken kehren. Laßt uns zurück kehren in die Wildheit der Berge, in die Wildheit der Steppen, der großen Einsamkeiten. Laßt uns allein sein mit unseren Tieren, mit den Wolken, mit der Sonne und dem Wind. Und - damit - mit Gott. 

Laßt uns auch zurück kehren zur Hochachtung der Mütter, wie sie Steppennomaden Jahrtausende lang selbstverständlich war (siehe dazu z.B. die Doku "Nomadenleben in der Mongolei" [SWR2018]). 

Laßt uns verfluchen all die "Zivilisation", die seither diesen Planeten umgibt - wie ein Grauen ...

"Pferde-Management"

Noch einige Gedanken zum oben genannten "Pferde-Management": Wildpferde könnten auch mit Hilfe von Fußfesseln (Wiki) gehalten worden sein. Oder sie könnten angepflockt gehalten worden sein (Abb. 2) so wie andere Weidetiere auch. Hinweise auf die Nutzung von Fußfesseln gibt es, so finden wir es auf Wikipedia erwähnt, aus dem Alten Ägypten, bei den Skythen des 4. Jahrhunderts v. Ztr. und auch bei den antiken Persern (Wiki).

So können Anhaltspunkte gesammelt werden dafür, wie auch schon Wildpferde ab 4.500 v. Ztr. gehalten worden sein können und wie mit ihnen "Pferde-Management" betrieben worden sein kann (1).

Da wir heute zumeist in einer siedlungsdichten, lauten, schreckhaften Umgebung leben, wo man Pferde nicht frei in der Herde laufen lassen kann, können wir uns das gar nicht mehr vorstellen.

Abb. 4: Nomadenlager - In: "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen" aus dem Jahr 1833, herausgegeben von H. O. F. Goedsche (Bildgsforsch) (Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation - inzwischen abgeschaltet)

Die in Abbildung 2 genannte Tschuja-Steppe ist übrigens eine siebzig Kilometer lange und bis zu vierzig Kilometer breite Hochgebirgssenke in der russischen Altai-Republik in Sibirien. Sie liegt auf einer Höhe von 1.750 bis 1.850 Metern. Sie gilt als der kälteste und trockenste Ort des russischen Altais. Die Hochebene ist reich an archäologischen Schätzen. Besucher finden zahlreiche alte Grabstätten, Steinkreise, Felszeichnungen (Petroglyphen) und Artefakte aus der Stein- und Eisenzeit. (Nach KI.) 

Nomaden! Nomaden!

1833 wurde in Deutschland heraus gebracht eine "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen mit ausführlicher Beschreibung derselben" (3).

Der Herausgeber war Hermann Ottomar Friedrich Goedsche (1816-1878) (Wiki), ein Schlesier und äußerst zwielichtiger Mitarbeiter des preußischen Geheimdienstes. Er ging mit sehr seichten, Sensations-heischenden Romanen seinem Gelderwerb nach. Sein Sensations-heischender Roman "Der Judenfriedhof von Prag" konnte - dementsprechend - zu einem der Ausgangspunkte für die sogenannten "Zionistischen Protokolle" werden.  

Mit seiner "Völkergalerie" hatte er wohl ebenfalls eine gute Quelle zum Geldverdienen entdeckt (3). In dieser finden sich allerdings auch zum Teil sehr eindrucksvolle Abbildungen vom Leben damaliger Nomadenvölker, die es zu jener Zeit noch in ursprünglicherer Form gab als später (Abb. 4).

Was für ein vielfältiges Leben auch hier: Jurten werden aufgebaut, Fahnen werden aufgerichtet, Heiligtümer gibt es, Kamele werden als Lasttiere genutzt, einachsige Karren sieht man.

Abb. 5: "Lager der Kalmücken" - In: "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen" aus dem Jahr 1840, herausgegeben von H. O. F. Goedsche

Ähnlich die Abbildung "Lager der Kalmücken". Ein kalmückisches Dorf wird gezeigt mit vielen Ghers, Menschen, Kamelen, Pferden, Ziegen und weiterem Vieh.

"KI, wie halten Steppennomaden Pferde?"

Beim weiteren Umsinnen der Frage, wie Steppennomaden eigentlich leben, fragen wir die KI einfach einmal "Wie halten Steppennomaden Pferde?" Und wir sehen, daß die KI sehr brauchbar ist, um sich mit ihr über solche Fragen zu unterhalten, denn wir erhalten die Antwort:

Steppennomaden, wie zum Beispiel in der Mongolei, halten Pferde traditionell als robuste Herdentiere im Freien. Die Tiere leben ganzjährig in weitläufigen Herden auf der Steppe, trotzen extremen Witterungsbedingungen ohne künstliche Unterstände und versorgen sich selbst durch das Grasen von kargem Steppengras, ohne zusätzliches Kraftfutter. Die Haltung der Steppenpferde zeichnet sich durch folgende Kernpunkte aus: Ganzjährige Freilandhaltung: Die Pferde leben das ganze Jahr über ungeschützt im Freien. Sie trotzen eisigen Temperaturen von oft unter -30°C im Winter und starker Hitze im Sommer. Durch ihr dichtes Winterfell sind sie perfekt isoliert. Natürliche Herdenstruktur: Die Tiere leben in natürlichen Sozialverbänden, die von erfahrenen Leitstuten angeführt werden. Hengste verteidigen ihre Stuten und den Nachwuchs. Dieses Herdenleben ist essenziell für das psychische Wohlbefinden der Pferde. Keine Zufütterung: Nomaden füttern selten Heu oder Kraftfutter zu. Die Pferde müssen den ganzen Tag wandern, um den kargen, aber faserreichen Bewuchs der Steppe aufzunehmen. Ihr Verdauungssystem ist exakt auf diese stetige, kleine Nahrungsaufnahme eingestellt. Große Bewegungsfreiheit: Als Lauftiere legen die Pferde täglich weite Strecken bei der Futtersuche zurück. Dies verhindert den Abbau von Muskeln und erhält den gesamten Bewegungsapparat gesund.

Und so fragen wir die KI willkürlich weiter "Woher wissen Steppennomaden, welche Tiere ihnen gehören?"  

Abb. 6: "Lager der Kalmücken" - In: "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen" aus dem Jahr 1840, herausgegeben von H. O. F. Goedsche (andere Version von Abbildung 5)

Und wir erhalten die Antwort:

Steppennomaden wissen primär durch traditionelle Brandzeichen (Tamga), feine Einschnitte an den Ohren sowie durch eine phänomenale persönliche Kenntnis jedes einzelnen Tieres, wem welche Pferde gehören. Da es in der Steppe keine Zäune gibt und sich Herden vermischen können, beruht ihr System auf jahrtausendealten Methoden. Die Zuordnung der Tiere basiert auf drei wesentlichen Säulen: Die Tamga (Brandzeichen): Jede Nomadenfamilie oder jeder Clan besitzt ein eigenes, seit Generationen überliefertes Symbol, die sogenannte Tamga. Dieses Zeichen wird jungen Pferden im Herbst auf den Oberschenkel eingebrannt. Die Symbole stellen oft Himmelskörper (Sonne, Mond), religiöse Zeichen oder Tiere dar und sind in der Region einzigartig. Imts (Ohrmarkierungen): Da Brandzeichen im dichten Winterfell manchmal schwer zu erkennen sind, nutzen Nomaden zusätzlich kleine, spezifische Schnitte oder Kerben an den Ohren der Tiere (Imts). Jede Familie schneidet ein individuelles Muster (z. B. eine kleine Kerbe links oder eine Spitze rechts), das sich auch auf Distanz oder im Winter schnell überprüfen lässt. Fotografisches Gedächtnis der Hirten: Die wichtigste Säule ist das persönliche Wissen. Nomaden wachsen mit ihren Tieren auf und kennen jedes einzelne Pferd genau. Sie unterscheiden sie fehlerfrei an Nuancen in der Fellfarbe, der Beinstellung, Wirbeln im Haar, Kopfformen oder dem individuellen Verhalten. Das Branding selbst ist keine rein bürokratische Angelegenheit, sondern ein zentrales kulturelles Ereignis: Wenn im Herbst die Fohlen alt genug sind, kommen benachbarte Nomadenfamilien zu einem großen Fest zusammen. Es wird gemeinsam gefeiert, während die Erfahrensten die Tamga mit glühendem Eisen präzise aufsetzen. Das Zeichen gilt als unumstößlicher Eigentumsbeweis auf den offenen Weiden.

Eine weitere historische, völkerkundliche Abbildung zeigt drei Jurten der Kalmücken, wir bringen sie hier in zwei Versionen (Abb. 7 und 8).  

Abb. 7: Ein Lager der Kalmücken, aus: "A Trip up the Volga", 1875 (4)

Wir fragen die KI weiter "Welche Rolle spielen Fußfesseln und Anpflocken?" Und wir erhalten die Antwort:

Fußfesseln und das Anpflocken sind für Steppennomaden die wichtigsten Methoden, um Pferde gezielt am Weglaufen zu hindern, da es in der Steppe keine Zäune gibt. Während die Hauptherde frei läuft, sichern diese Techniken die Reit- und Arbeitspferde für den täglichen Zugriff. Die beiden Methoden erfüllen im Alltag der Nomaden unterschiedliche, präzise Aufgaben: Das Fesseln der Beine (Tschidur / Shidur) Das Fesseln der Beine (Tschidur genannt) ist die flexibelste Art der Sicherung auf offenem Gelände. Funktionsweise: Zwei Vorderbeine oder ein Vorder- und ein Hinterbein werden mit einem weichen Leder- oder Seilriemen eng miteinander verbunden. Zweck: Das Pferd kann sich dadurch nicht mehr im Galopp oder Trab fortbewegen. Es kann sich nur noch in kleinen, hüpfenden Schritten vorwärtsbewegen. Vorteil: Die Pferde können trotz der Einschränkung die ganze Nacht über grasen und sich frei bewegen, entfernen sich aber nur wenige Kilometer vom Camp. Der Hirte kann sie morgens problemlos zu Fuß einholen.
Das Anpflocken (Uurgatscht / Schatzi) Das Anpflocken an einem Holzpfahl oder einer langen Bodenleine wird für den direkten, schnellen Einsatz genutzt. Funktionsweise: Ein Pferd wird mit einem langen Strick am Halfter an einem in den Boden gerammten Holzpfahl (Gadas) festgebunden. Oft wird auch eine lange Leine zwischen zwei Pfählen gespannt, an der mehrere Pferde nebeneinander angebunden werden. Zweck: Dies betrifft meist die Reitpferde, die für den aktuellen Tag oder die anstehende Hütearbeit gebraucht werden, sowie die Stuten während des Melkens. Besonderheit bei Fohlen: Häufig werden tagsüber nur die Fohlen angepflockt. Da die Mutterstuten ihre Fohlen niemals im Stich lassen, bleibt die gesamte Herde dadurch freiwillig in der Nähe des Camps, ohne daß man die ausgewachsenen Tiere einsperren muß. Durch diese Kombination aus Bewegungseinschränkung und psychologischer Bindung (Mutter-Fohlen-Instinkt) behalten die Nomaden die volle Kontrolle über Hunderte von Tieren, ohne einen einzigen Meter Zaun bauen zu müssen. Möchtest du wissen, wie die Nomaden die Pferde schonend an diese Fesseln gewöhnen, oder interessiert dich, wie das Melken der Stuten mithilfe dieser Methode abläuft?

Auch hier lernen wir wieder sehr viel Neues. 

Abb. 8: Ein Lager der Kalmücken, aus: "A Trip up the Volga", 1875 (4) (andere Version von Abbildung 7)

Da wir die Grundzüge der Antwort auf die letztere, von der KI vorgeschlagene Frage schon in obiger Filmdokumentation kennen lernten, wollen wir über die erstere von ihr vorgeschlagene Frage mehr wissen und erfahren: 

Steppennomaden gewöhnen junge Pferde primär durch Geduld, langsame Gewöhnung an Berührungen an den Beinen und die Nutzung extrem weicher Materialien an die Fußfesseln (Tschidur). Da ein panisches Pferd sich verletzen oder das Vertrauen zum Menschen verlieren würde, erfolgt dieser Prozeß schrittweise und meist im Alter von zwei bis drei Jahren, wenn das Pferd auch an Sattel und Reiter gewöhnt wird. Der Gewöhnungsprozeß folgt einem traditionellen, schonenden Ablauf: Desensibilisierung der Beine: Bevor überhaupt ein Seil fixiert wird, streichen die Nomaden den Jungpferden bei der täglichen Pflege intensiv über die Beine. Das Pferd lernt dadurch, daß Berührungen an den Hufen und Fesseln keine Gefahr bedeuten und es die Beine stillhalten muß. Weiche Materialien: Für das Training werden niemals harte oder einschneidende Seile verwendet. Nomaden nutzen geflochtenes, weiches Pferdehaar, weichgeklopftes Leder oder dicke, elastische Stoffbänder. Dies verhindert schmerzhafte Scheuerstellen oder Hautverletzungen. Das erste Fixieren unter Aufsicht: Beim ersten Mal wird die Fessel meist im Beisein der Mutterstute oder in der vertrauten Nähe des Camps angelegt. Der Hirte bleibt direkt am Pferd. Macht das Tier einen Satz, hält das weiche Material stand, ohne einzuschneiden, und der Mensch beruhigt das Tier sofort mit der Stimme. Lernen durch Nachahmung: Jungpferde schauen sich das Verhalten bei den älteren, erfahrenen Herdenmitgliedern ab. Wenn das Jungpferd sieht, daß die Leitstuten und Wallache mit den Fesseln völlig entspannt grasen, verliert es schnell die Angst vor der Bewegungseinschränkung. Kurze Trainingseinheiten: Anfangs bleibt das Pferd nur für wenige Minuten gefesselt, während es abgelenkt ist (z. B. beim Fressen). Die Dauer wird von Tag zu Tag gesteigert, bis das Pferd gelernt hat, das Gewicht fließend von einem Bein auf das andere zu verlagern und sich in kurzen, koordinierten Hüpfern fortzubewegen. Schon nach wenigen Tagen haben die Pferde die Mechanik verstanden. Sie akzeptieren die Fessel als Signal, daß nun "Ruhezeit" oder "Weidezeit" im Camp-Bereich angesagt ist, und geraten nicht mehr in Panik.

Eine Fotografie zeigt eindrucksvoll die Weiten der Kalmücken-Steppe (Abb. 9). 

Abb. 9: Kalmückische Steppe (Fotograf: dsandzhiev [Pix])

Stammt von hier das "angeborene" Gefühl für Weite bei den Indogermanen? Ihre angeborene Sehnsucht nach Weite, Größe, Schönheit? Hieß nicht noch ein Wikinger-Wort: "Littila sanda, littila saeva littil ero ged guma," was auf Deutsch heißt: "Am engen Strand, an enger See wird eng des Menschen Sinn."

Ist nicht genau das das "Neue", jene völlig neue Mentalität, Weltauffassung, die - womöglich - die Indogermanen in eine durch die Seßhaftigkeit und den Ackerbau "klein" und "eng" gewordene Welt hinein brauchten, "zurück" brachten? Sinn für Größe und Weite? Werden deshalb die Indogermanen und die Germanen (von Hegel und anderen) als "das Volk der Freiheit" erachtet? Weil sie sich ihre Mentalität selbst als Ackerbauern, selbst als Städter erhalten haben - jedenfalls immer dann, wenn sie sich auf sich selbst besinnen und wenn sie sich nicht durch orientalische oder christliche "Engherzigkeiten", "Verkniffenheiten", "Verschwommenheiten" davon abbringen lassen?

Diese Sehnsucht nach Klarheit - kommt sie hierher? Wurde sie in den Weiten dieser Steppen geboren? Fand hier die Geburt moderner Philosophie statt, moderner Wissenschaft? 

Abb. 10: Tataren in der Steppe - "Ein wanderndes Dorflager - Aul der Kundorofskischen Tataren in der Nogayischen Steppe", Kupferstich von Christian G. H. Geißler, 1793, koloriert erschienen 1812 (Stckh) (aus Abschluß-Folie in: Yt)

Eine weitere historische Abbildung vom Nomadenleben (Abb. 8): "Tataren in der Steppe". Es wird ein "wanderndes Dorf" gezeigt. Jurten werden unzerlegt auf Karren gepackt und weiter transportiert. Auch hier werden vor allem zweirädrige Karren genutzt. In der Bildmitte sehen wir, wenn wir uns nicht irren, sogar ein Getreidefeld, von dem die Nomaden ihre Tiere abhalten mußten.

So ähnlich könnte es auch ausgesehen haben, als die Schnurkeramiker nach Europa kamen. Sie bewohnten "wandernde Dörfer" abseits der ackerbautreibenden Kulturen, mußten dabei aber Rücksicht nehmen auf die ackerbautreibenden Kugelamphoren-Leute (archäologisch nachgewiesen etwa in der Weichselniederung).

Abb. 11: Jurten von Nomaden, Schafe und Kamele im Kanas-Tal im Altaigebirge, nahe der äußersten Nordspitze der Provinz Xinjiang an der Grenze zu Kasachstan, der Mongolei und Rußland. Das Kanas-Tal ist die Heimat einer großen Bevölkerungsgruppe ethnischer Tuwiner und Kasachen, von denen viele als Nomaden leben (Fotografin Leisa Tyler, 30.5.2005 [LT])

Wir fragen die KI noch "Welche Tiere werden zum Schlachten ausgewählt?" Und wir erhalten die Antwort:

Für die Schlachtung wählen Steppennomaden primär ausgewachsene, unfruchtbare oder ältere männliche Tiere (oft Wallache), die im Spätherbst optimal fettgeweidet sind. Da Nomaden respektvoll mit ihren Herden leben, basiert die Auswahl auf einem strengen wirtschaftlichen und ökologischen System, das die Fortpflanzung und das Überleben der Herde im Winter sichert. Die Kriterien für die Auswahl der Schlachttiere umfassen folgende Punkte: Der Ernährungszustand (Der Fettanteil): Das wichtigste Kriterium ist der Fettstatus des Tieres im Spätherbst. In der Steppe gilt Fett als überlebenswichtiger Energielieferant für den Menschen im eisigen Winter. Ausgewählt werden Tiere, die sich über den Sommer eine dicke Fettschicht anfressen konnten. Das Geschlecht und die Rolle in der Herde: Bevorzugt werden ältere Wallache (kastrierte Hengste) oder junge, überschüssige Hengste geschlachtet, die nicht für die Zucht benötigt werden. Kostbare Zuchthengste und fruchtbare Mutterstuten stehen unter absolutem Schutz und werden fast nie geschlachtet. Das Alter: Sehr junge Fohlen werden aus wirtschaftlichen Gründen geschont. Das ideale Schlachtalter für Pferde liegt meist zwischen 5 und 10 Jahren, wenn das Tier ausgewachsen ist, viel Fleisch anberaumt hat, aber das Fleisch noch zart genug ist. Auch altersschwache Tiere, die den harten Winter ohnehin nicht überleben würden, werden ausgewählt. Trächtigkeits-Ausschluß: Eine tragende Stute zu schlachten, gilt in der nomadischen Kultur als schweres Tabu und schlechtes Omen, da damit zwei Leben gleichzeitig ausgelöscht würden. Die Fruchtbarkeit wird vor der Auswahl genau geprüft. Die Schlachtung findet fast ausschließlich im Spätherbst (November/Dezember) statt. Zu dieser Zeit sind die Tiere am fettesten, und der einsetzende Frost dient als natürlicher Gefrierschrank, um das Fleisch über die harten Wintermonate haltbar zu machen, ohne daß Konservierungsstoffe benötigt werden. Möchtest du mehr über die schmerzfreie, traditionelle Schlachtmethode der Nomaden erfahren?

Ja, das wollen wir und erhalten die Antwort:

Die traditionelle Schlachtmethode der Steppennomaden ist darauf ausgelegt, dem Tier so wenig Angst und Schmerz wie möglich zuzufügen. Aus tiefem Respekt vor dem Pferd, das als heilig und als bester Freund des Menschen gilt, wird die Schlachtung ruhig, schnell und völlig ohne Blutvergießen auf dem offenen Boden durchgeführt. Diese Methode basiert auf jahrhundertelanger Erfahrung und läuft nach folgenden Schritten ab: Beruhigung des Tieres: Das ausgewählte Pferd wird nicht fixiert oder in eine Enge getrieben, was Panik auslösen würde. Ein vertrauter Hirte führt das Tier ruhig zu einem sauberen Platz abseits der restlichen Herde. Die Herde darf den Vorgang nicht sehen, um Unruhe zu vermeiden. Das sanfte Ablegen: Das Pferd wird mithilfe von Seilen vorsichtig und ohne Hektik auf die Seite gelegt. Die Nomaden sprechen dabei leise mit dem Tier, um es bis zum Schluß zu beruhigen. Der präzise Schnitt (Der Brustschnitt): Der Schlachter setzt mit einem sehr scharfen Messer einen kleinen, gezielten Schnitt in die Brusthaut nahe dem Herzen. Das Durchtrennen der Aorta: Der Schlachter führt seine Hand vorsichtig durch diesen kleinen Schnitt direkt in den Brustraum ein und drückt oder trennt die Hauptschlagader (Aorta) direkt am Herzen ab. Sekundenschneller Tod: Durch das Kappen der Aorta fällt der Blutdruck im Gehirn des Pferdes sofort auf Null ab. Das Tier verliert innerhalb weniger Sekunden das Bewußtsein und schläft schmerzfrei ein, ohne einen Todeskampf oder Todesangst zu erleiden. Kulturelle Tabus und Regeln: Diese Methode unterscheidet sich grundlegend von westlichen Schlachthöfen und ist durch strenge kulturelle Gesetze geregelt: Kein Blutvergießen auf die Erde: Das Blut sammelt sich komplett im inneren Brustraum des Tieres. Es gilt in der Nomadenkultur als schweres Tabu und Beleidigung der Erde, das Blut eines Tieres unkontrolliert auf den Boden fließen zu lassen. Später wird das Blut sauber abgeschöpft und vollständig zu Blutwurst verarbeitet. Dankbarkeit: Vor und während der Schlachtung bitten die Nomaden den Geist des Tieres um Verzeihung und bedanken sich dafür, daß es der Familie das Überleben sichert.


/ Erster Entwurf 7.12.2024 /

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  1. Hans J . J . G . Holm: Pre-DOM2 Horses in the Corded Ware Culture: A Necessary Correction to the Current DOM2 Narrative. 2026, Zenodo (Acad2026)
  2. Mertin, Wolfgang: Die neuen Nomaden von Kirgisistan (360° - GEO Reportage) MedienKontor / ARTE, 2009 (Yt)
  3. Goedsche, Friedrich Wilhelm: Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen mit ausführlicher Beschreibung derselben. Bd. 2. Abtg. 2. Meißen [1833]
  4. Munro-Butler-Johnstone, Henry Alexander (1837-1902) (Wiki): The fair of Nijni-novgorod and a trip up the Volga, 1875; auch unter dem Titel "Trip up the volga to the fair of Nijni-novgorod". With thirteen illustrations. Porter & Coates, Philadelphia 

Freitag, 19. Juni 2026

50 % Jamnaja-Herkunft in Mesopotamien

Um 2.000 v. Ztr. 
Die anatolischen indogermanischen Sprachen haben sich ab 4.300 v. Ztr. als Kura-Araxes-Kultur vom südlichen Kaukasus aus über Anatolien ausgebreitet
- Die indogermanischen Vorfahren der späteren Armenier kamen ab 2.400 v. Ztr. über den Kaukasus, die indogermanischen Vorfahren der späteren Perser kamen zeitgleich nach Persien
- Um 2.000 v. Ztr. findet sich ein Mensch mit 50 % Jamnaja-Herkunft im südlichen Kurdistan, bzw. in Mesopotamien (Bakr Awa) 

Wenn man den Indogermanen auf ihren Ausbreitungen folgt bis nach Mesopotamien, taucht man in eine einem Europäer völlig fremde Welt ein, in die Welt des gnadenlosen orientalischen Despotismus, etwa eines akkadischen Königs vom Schlage Sargon von Akkad.

Abb. 1: Gefangener, gefesselt an einen Nasenring, vielleicht Angehöriger eines Nomadenstammes im Zagros-Gebirge (Gutäer oder Lulubi) - Aus der Zeit des Akkadischen Reiches - Die Gutäer sollten das von Sargon von Akkad begründete Reich ab 2.150 v. Ztr. vernichten und für 75 Jahre fortsetzen - Fragment einer Vase, möglicherweise aus Uruk (2350–2000 v. Ztr.), heute Louvre, Paris (Wiki)

Aber jene Indogermanen der Jamnaja- und Trialeti-Kultur, die ab 2.400 v. Ztr. Armenien eroberten, ebenso wie sie zeitgleich Griechenland oder Persien eroberten, waren selbst sehr gnadenlos im Umgang mit ihren Feinden. Zeitgleich eroberten die Glockenbecher-Leute England, was zu einem Aussterben der dortigen einheimischen Bevölkerung führte. Vielleicht ist der in Abbildung 1 dargestellte Gefangene eines akkadischen Königs schon ein Angehöriger jener indogermanischen Stämme, die etwa um 2.000 v. Ztr. im Zagros-Gebirge und im heutigen südlichen Kurdistan festgestellt werden. 

Denn eine neue archäogenetische Studie weist auf die erste Ankunft von Indogermanen in Mesopotamien ab etwa 2.000 v. Ztr. hin (1) (s.a. Eupedia).

Um die folgenden Ausführungen zu verstehen, macht es Sinn, noch einmal nachzuvollziehen, was über die Ankunft der Jamnaja, über die zweite Welle der indogermanischen Ausbreitung südlich des Kaukasus und in Armenien seit 2022 (Stg2022) und 2023 bekannt ist. Im Jahr 2023 hatten wir dazu ursprünglich zusammenfassend festgehalten (Stg2023):

2.300 v. Ztr. - 28 % Steppengenetik kommt (erneut) in den Südkaukasus und sinkt bis in die Eisenzeit auf die Hälfte ab.

Auch damals schon war die Steppengenetik anhand des Anteils der osteuropäischen Jäger-Sammler-Herkunft festgestellt worden - so wie auch in der vorliegenden neuen Studie (siehe unten) (1). 

Abb. 2: Die umrandeten Individuen sind die neu sequenzierten aus Bakr Awa (Mesopotamien) - Der linke hellblaue Herkunftsanteil ist der osteuropäische Jäger-Sammler-Anteil - Dieser beträgt beim obersten Individuum offenbar etwa 18 %, hoch gerechnet ergäbe das - wenn wir es recht verstehen - grob 50 % Jamnaja-Genetik in diesem Individuum (aus 1) (Hellbraun=Levante-, grau=Anatolische, orange=Zagros-, grün=Kaukasus-Herkunft)

Allerdings sind inzwischen wesentliche Neuerkenntnisse hinzu gekommen: Der Herkunftsanteil der osteuropäischen Jäger und Sammler macht zwar beim frühen Urvolk der Indogermanen um 4.500 v. Ztr., bei der Chwalynsk-Kultur, etwa 50% aus, bei dem späten Urvolk der Indogermanen ab 3.300 v. Ztr., bei der Jamnaja-Kultur, macht er allerdings nur noch etwa 35 % aus (Stg2024). Wenn man also in irgendeiner Region und Zeitepoche der Weltgeschichte den Anteil an Jamnaja-Herkunft innerhalb eines Individuums hochrechnen will ausgehend von dem osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil, dann muß man den osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil nicht mit 2 multiplizieren (wie bei den Nachkommen der Chwalynsk-Kultur), sondern mit 2,857 (100% geteilt durch 35%). Den oben aus unserem Beitrag von 2023 entnommenen Satz haben wir im Zuge der Erarbeitung des vorliegenden Beitrages inzwischen korrigiert, denn 14 % muß nicht mal 2, sondern mal 2,857 genommen werden. Und dann lautet das Ergebnis:

2.300 v. Ztr. - 40 % Steppengenetik kommen (erneut) in den Südkaukasus und sinken bis in die Eisenzeit auf 20 % ab.

In Mesopotamien werden aber in der neuen Studie in einem Individuum aus der Zeit um 2000 v. Ztr. sogar 18 % osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik festgestellt (s. Abb. 2) (1). Wenn diese 18% x 2,857 genommen werden, erhalten wir 51,4 %, also grob um die 50 % Jamnaja-Herkunft. Und daraus leiten wir den Titel des vorliegenden Beitrages ab!

Nebenbemerkung: Wir werden aufgrund dieser Neueinschätzung des osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteils als Teil der Jamnaja-Herkunft viele Beiträge hier auf dem Blog umschreiben müssen, in vielen wird sich dadurch der Steppengenetik-Anteil erhöhen, etwa auch der der antiken Griechen von acht auf etwa zwölf Prozent.  

Abb. 3: 900 Kilometer von Jerewan in Armenien nach Bakr Awa (GMaps),

Die genannte 50 % Jamnaja-Herkunft in Mesopotamien kommt also dadurch zustande, daß zu den 18 % hellblaue osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunft in Abbildung 2 noch so viel Kaukasus- (grüne) und anatolische (graue) Herkunfts-Anteile hinzu gerechnet werden müssen, daß man mit ihnen auf etwa 50 % kommt.

Die anderen 50 % bestehen aus denselben Kaukasus- (grün) und anatolischen (grau) Herkunftsanteilen, allerdings findet sich in dieser zweiten Hälfte auch noch Levante- und Zagros-Herkunft (orange und hellbraun). Diese zweite Hälfte ist grob die Herkunftszusammensetzung der Menschen, die vor der Ankunft der Indogermanen südlich des Kaukasus gelebt haben.

Damit ist das wichtigste Ergebnis der neuen Studie (1) schon bennannt. Nun noch weitere Erläuterungen und Hintergründe zu dieser Studie.

Tell-Hügel Bakr Awa

Es sind 17 Menschenfunde aus dem Tell-Hügel Bakr Awa (Wiki) im südlichen Kurdistan untersucht worden.

Bakr Awa liegt im mittleren Mesopotamien, im heutigen östlichsten Irak, 327 Kilometer nördlich von Bagdad (GMaps) und 900 Kilometer südlich von Jerewan (GMaps), der heutigen Hauptstadt von Armenien, jener Region, aus der die Indogermanen gekommen sein können. (Sie können aber auch aus dem Zagros-Gebirge gekommen sein, siehe unten.) Bakr Awa liegt außerdem 1400 Kilometer südlich von Wladikawkas am nördlichen Fuß des Kaukasus (GMaps) (Abb. 4), wo ungefähr der Ausgangspunkt der Ausbreitungsbewegung der Indogermanen mit ihren neuartigen Streitwagen und domestizierten Pferde vermutet werden kann.

Der Tell-Hügel Bakr Awa wird schon seit vielen Jahrzehnten erforscht. Zuletzt hatten viele unwissenschaftliche Plünderungen stattgefunden. 2010 wurde deshalb von Archäologen der Universität Heidelberg eine weitere Grabung vorgenommen. Die dabei gemachten Menschenfunde sind nun in einem australischen archäogenetischen Labor ausgewertet worden. Wir lesen in der Studie (1):

Osteuropäische Jäger und Sammler (EEHG) - eine mesolithische Jäger-und-Sammler-Metapopulation aus dem heutigen Westrußland, die als genetischer Referenzpunkt für spätere, mit der pontisch-kaspischen Steppe assoziierte Abstammungskomponenten dient [38, 49, 50] (siehe Zusatzdatei 2: Daten S6 für die einbezogenen Individuen) – sowie Abstammungskomponenten, die mit Jägern und Sammlern der südlichen Levante (sLevant_HG) in Verbindung stehen, erwiesen sich als wesentliche Faktoren für die genetische Struktur der Individuen von Bakr Awa. Die höchsten EEHG-Anteile finden sich bei den Individuen A22037 und A22039 aus der frühen bis mittleren Bronzezeit (EMBA); in der Hauptkomponentenanalyse (PCA) bilden sie ein Cluster mit Populationen aus dem Südkaukasus. Demgegenüber weisen A22038 (EMBA) und A22040 (mittlere Bronzezeit, archäologisch uneindeutige Datierung) einen etwas geringeren EEHG-Anteil auf und gruppieren sich mit Individuen aus der nordwestlichen Zagros-Region. Das Individuum A22052 aus der mittleren Bronzezeit, das in der PCA mit Populationen der südlichen Levante gruppiert, weist einen der höchsten geschätzten Anteile an sLevant_HG-assoziierter Abstammung auf - selbst im Vergleich zu bronzezeitlichen Individuen aus der südlichen Levante.
Eastern European Hunter-Gatherer (EEHG) – a Mesolithic hunter-gatherer meta-population from present-day western Russia who serve as an ancestral proxy for later Pontic-Caspian Steppe￾related ancestry [38,49,50] (see Additional file 2: Data S6 for included individuals) – and southern Levantine  Hunter-Gatherer (sLevant_HG)-related ancestries emerged as primary drivers of genetic structure among Bakr  Awa individuals. The highest EEHG proportions occur in Early to Middle Bronze Age (EMBA) individuals  A22037 and A22039, who cluster with southern Caucasus populations in PCA, while A22038 (EMBA) and  A22040 (Middle Bronze Age, archaeologically ambiguous dating) show slightly lower EEHG ancestry and  cluster with individuals from the northwestern Zagros mountains region. The Middle Bronze Age individual  A22052, clustering with southern Levantine populations in PCA, possesses one of the largest estimates of  sLevant_HG-related ancestry, even among southern Levantine Bronze Age individuals.

Die Akkader und andere semitischen Stämme bringen also Levante-Herkunft nach Bakr Awa. Das könnten - unter anderem - die semitischen Akkader gewesen sein. Zuvor aber lebten hier schon Nachkommen der Jamnaja-Leute.

Abb. 4: 1400 Kilometer von Wladikawkas bis nach Bakr Awa in Kurdistan (GMaps)

Aus den weiteren Ausführungen im Text und im Anhang wird deutlich, daß die Zeitangabe "Früh- und Mittebronzezeit" sich auf die Zeit nach 2.000 v. Ztr. bezieht, also auf die Zeit, in der Armenien und der südlichen Kaukasus von den Jamanja-Leuten in Form der Trialeti-Kultur grausam erobert worden ist ebenso wie das zeitgleiche Griechenland und das zeitgleiche Persien. In der Studie wird in folgendem Zitat ein noch etwas weiterer Bogen gespannt (1):

Während die mit EEHG assoziierte Komponente der kaukasischen Abstammung erstmals Mitte bis Ende des 5. Jahrtausends v. Ztr. (6.450–5.951 ka BP) in Areni-1 auftrat [47], verschwand sie in der frühen südkaukasischen Kura-Araxes-Kultur, um Mitte des 3. Jahrtausends v. Ztr. mit der Ausbreitung von Jamnaja-Individuen aus den eurasischen Steppen erneut aufzutreten [20,38,53]. Zudem wurde die Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) als genetischer Marker identifiziert, der Populationen mit Bezug zu Jamnaja in Armenien mit solchen im nordwestlichen Zagros-Gebirge - einschließlich Hasanlu - verbindet [20,38,52]. Im Einklang mit diesem Muster zeigte unsere qpAdm-Analyse, daß der Anteil der Jamnaja-Cluster-Abstammung bei Individuen aus der Zeit nach der Kura-Araxes-Kultur (Bronzezeit im Südkaukasus sowie Bronze- und Eisenzeit im nordwestlichen Zagros) am höchsten war (Zusatzdatei 1: Abb. S5). Bemerkenswert ist, daß von den beiden Ausreißern in der Kaukasus-PCA-Analyse aus Bakr Awa das Individuum A22037 einen Jamnaja-Cluster-Abstammungsanteil am oberen Ende des für den Südkaukasus typischen Bereichs aufweist, während A22039 im mittleren Bereich liegt. Darüber hinaus trägt A22037 - der einzige männliche Vertreter unter diesen Ausreißern aus der frühen bis mittleren Bronzezeit (EMBA), datiert auf ca. 2112–1800 v. Ztr. - ebenfalls die Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) (Zusatzdatei 2: Daten S1), was einen weiteren Beleg für seine Verbindung zur kaukasischen Abstammung mit Jamnaja-Bezug liefert.
Initially appearing in Areni1 in the mid-late 5th millennium BCE (6.450–5.951 ka BP) [47], the EEHG-related component of Caucasus ancestry disappeared in the early southern Caucasian Kura-Araxes culture, only to reappear in the mid-third millennium BCE with the expansion of Yamnaya-related individuals from the Eurasian steppes [20,38,53]. In addition, the Y-chromosome R-Z2103 (R1b) haplogroup has been identified as a genetic marker linking Yamnaya-related populations in Armenia to those in the northwestern Zagros, including Hasanlu [20,38,52]. Consistent with this pattern, our qpAdm analysis showed YamnayaCluster ancestry was highest among post-Kura-Araxes southern Caucasus Bronze Age and northwestern Zagros Bronze and Iron Age individuals (Additional file 1: Fig. S5). Notably, of the two Bakr Awa Caucasus-PCA outliers, A22037 possesses YamnayaCluster ancestry at the upper end of the southern Caucasus range, while A22039 falls in the middle. Moreover, A22037 – the only male among the EMBA outliers, dating to c. 2112-1800 BCE – also carries the R-Z2103 (R1b) Y-chromosome haplogroup (Additional file 2: Data S1), providing additional evidence for his connection to Yamnaya-related Caucasus ancestry.

Aus dem hohen Jamnaja-Herkunftsanteil bei A22037 könnte geschlußfolgert werden, daß sich die Indogermanen, die sich vom Südkaukasus aus nach Süden bis Bakr Awa ausgebreitet haben, sozusagen "ohne Zwischenstationen" bis dorthin ausgebreitet haben. Ab jener Zeit treten in Nordmesopotamien und im Zagros-Gebirge viele Stammes- und Völkernamen auf, denen gegenüber zumindest zum Teil indogermanische Herkunftsbezüge erörtert werden. Am klarsten sind diese Bezüge bei den Hethitern (wohl hervor gegangen aus der Kura-Araxes-Kultur), sowie bei den Mittanni und bei den Kassiten. Bei den letzteren beiden könnte es sich - grundsätzlich - auch um Nachkommen der Trialeti-Kultur handeln so wie - offenbar - das früheste indogermanische Individuum in Bakr Awa.   

Die Vorfahren der nachmaligen Meder und Perser im Zagros-Gebirge scheinen ebenfalls etwa ab 2.400 v. Ztr. nach Persien vorgedrungen zu sein - so wie die Vorfahren der Armenier (als Trialeti-Kultur) nach Armenien. Und auch vom Zagros-Gebirge aus hat es offenbar eine indogermanische Ausbreitung nach Nordwesten bis nach Bakr Awa gegeben. 

Die Stontium-Isotopen-Analyse des Zahnschmelzes des Individuums A22037 ergab, daß dieses - entgegen der archäogenetischen Analyse - im Zagros-Gebirge aufgewachsen ist. Es ist also auch denkbar, daß sich die indogermanischen Vorfahren der heutigen Armenier bis in das Zagros-Gebirge ausgebreitet haben und von dort dann nach Bakr Awa gekommen sind. Im Diskussionsteil heißt es (1):

Das Auftreten von mit der Jamnaja-Kultur assoziierten Abstammungskomponenten aus dem Südkaukasus bei zwei Individuen (A22037, A22039) aus der Zeit um 2000 v. Ztr. - sowie in geringerem Maße bei A22038 und A22040 - fällt zeitlich mit dem wachsenden Einfluß der Hurriter nach dem Sturz des Akkadischen Reiches durch die Gutäer (ca. 2150 v. Ztr.) zusammen. Eines dieser Individuen - der männliche Jugendliche A22037 - weist zudem die mit der Jamnaja-Kultur assoziierte Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) auf (A22039 ist weiblich); diese Haplogruppe tritt mit hoher Frequenz bei Männern der eisenzeitlichen Fundstätte Hasanlu im nordwestlichen Zagros-Gebirge auf [52, 62] (10 der 14 Männer, denen eine Y-Chromosomen-Haplogruppe zugeordnet werden konnte, gehören zur Gruppe R1b).
Frühere Untersuchungen haben Mobilitätsverbindungen zwischen Hasanlu und dem Südkaukasus aufgezeigt, belegt durch gemeinsame Abstammungsanteile von europäischen Jägern und Sammlern (EHG) sowie eine hohe Frequenz der Y-Chromosomen-Haplogruppe R1b [52]. 
The appearance of Yamnaya-related southern Caucasus ancestry in two individuals (A22037, A22039) dating to approximately 2000 BCE - and to a lesser degree A22038 and A22040 - coincides with expanding Hurrian influence after the Gutian overthrow of the Akkadian empire (ca. 2150 BCE). One of those individuals - the adolescent male A22037 - also carries the Yamnaya associated R-Z2103 (R1b) Y-chromosome haplogroup (A22039 is female), which is at high frequency in males from the northwestern Zagros Iron Age site of Hasanlu [52,62] (10 of the 14 males for which a Y chromosome haplogroup can be assigned are R1b).
Previous research has identified mobility connections between Hasanlu and the southern Caucasus, evidenced by shared European hunter-gatherer (EHG) ancestry and a high frequency of the R1b Y-chromosome haplogroup [52].

Das bezieht sich auf jene Studie, die wir hier auf dem Blog ebenfalls schon ausgewertet hatten (Stg2022). Auch der hier erwähnte Fundort Hasanlu im Nordwest-Iran war von uns erwähnt worden und die dazu gehörige Einordnung der damaligen Forscher, die die Ansicht vertraten, daß die Perser und Meder erst im ersten Jahrtausend v. Ztr. in den Iran zugewandert wären. Weiter lesen wir (1):

Mittels eines konservativen Ansatzes, der auf zwei stabilen Isotopensystemen basiert, konnten wir als wahrscheinlichsten Herkunftsort für A22037 ein Gebiet östlich von Bakr Awa im Zagros-Gebirge identifizieren. Allerdings ist diese Zuordnung aufgrund der relativ einheitlichen Verteilung bioverfügbarer Strontium-Isotopenverhältnisse in Südwestasien sowie des Einflusses des Trinkwassers auf die δ18O-Werte mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Da es sich zudem um eine Einzelbeobachtung handelt, deutet sie nicht auf eine großflächige Migration zwischen dem Zagros-Gebirge und dem Gebiet jenseits des Tigris (Transtigris) hin; sie liefert jedoch Hinweise auf eine bislang unbekannte Verbindung zwischen diesen Regionen, was möglicherweise die genetischen Gemeinsamkeiten zwischen dem Südkaukasus und Bakr Awa erklären könnte.
Trotz der begrenzten Datenlage deuten frühere Studien darauf hin, daß eisenzeitlichen Individuen aus den Kerngebieten des Urartäer-Reiches nahe dem Vansee Abstammungsanteile von osteuropäischen Jägern und Sammlern (EHG) fehlten [52]; allerdings weicht ein bemerkenswertes weibliches Individuum aus Çavuştepe (761-479 cal v. Ztr.) von diesem Muster ab, da es einen hohen Anteil an mit der Jamnaja-Kultur assoziierter Abstammung aufweist (siehe auch Zusatzdatei 1: Abb. S5). Vielmehr legen die Autoren nahe, daß Individuen innerhalb der hurro-urartäischen Sprachfamilie tatsächlich mit einem stärkeren Anteil an Abstammung aus der Levante in Verbindung gebracht werden könnten [52]. Während unsere multidisziplinären Ergebnisse (genetische, isotopische, archäologische und textliche Daten) zusätzliche Erkenntnisse zur Frage der Art und Weise der hurritischen Expansion nach Ostmesopotamien liefern, ist das zugrundeliegende demografische Modell, das den Südkaukasus, Ostanatolien und das Zagros-Gebirge mit Mesopotamien verknüpft, zweifellos komplex. Um dieses Modell vollständig zu klären und in den breiteren archäologischen und historischen Kontext einzuordnen, sind für künftige Forschungsarbeiten umfangreiche Probenahmen an Populationen der Bronze- und Eisenzeit in Mesopotamien, Ostanatolien und dem Zagros-Gebirge erforderlich.
Notably, when utilizing a conservative dual-stable-isotope approach, we identified the most parsimonious recent origin of A22037 as east of Bakr Awa in the Zagros mountains. However, the relatively uniform distribution of bioavailable strontium isotope ratios across Southwest Asia and the influence of drinking water on δ18O values assign some degree of uncertainty to this assignment. Moreover, as this is a single observation, it does not indicate large-scale migration between the Zagros and Transtigirs; however, it offers some evidence of an unknown degree of Zagros-Transtigris connectivity, potentially explaining the ancestry links between the southern Caucasus and Bakr Awa.
Despite limited data, previous research indicates that Iron Age individuals from the Urartian Kingdom's core regions near Lake Van lacked Eastern European hunter-gatherer (EHG) ancestry [52]; though, a notable female outlier from Çavuştepe (761–479 calBCE) deviates from this pattern by possessing a large fraction of Yamnaya-related ancestry (also see Additional file 1: Fig. S5). Rather, the authors propose that individuals within the Hurro-Urartian language family may actually be associated with greater Levantine-related ancestry [52]. While our multidisciplinary results (genetic, isotopic, archaeological, and textual) provide additional data surrounding the question of the nature of the Hurrian expansion into eastern Mesopotamia, the underlying demographic model connecting the southern Caucasus, eastern Anatolia, and the Zagros with Mesopotamia is undoubtedly complex. To fully elucidate this model and integrate it within the broader archaeological and historical context, future research will require extensive sampling across Bronze and Iron Age populations in Mesopotamia, eastern Anatolia, and the Zagros mountains.

Ein komplexes Geschehen, wobei unter anderem nicht klar ist, welcher Sprach- und Herkunftsgruppe die Gutäer, die die Akkader für 75 Jahre unterworfen haben, eigentlich zuzuordnen sein sollen (Wiki). Da werden weitere Forschungen abgewartet werden müssen.

Wie wir finden, wird auf der Plattform X zur Einordnung dieser Studie ganz richtig ausgeführt (Kvali,14.6.26):

Neue DNA-Analysen aus Bakr Awa deuten darauf hin, daß die indogermanische Präsenz in der Bronzezeit weiter südlich reichte als bisher angenommen. Die jüngsten Proben aus Bakr Awa belegen eine starke genetische Verbindung zur Trialeti-Kultur im südöstlichen Kaukasus. Die Trialeti-Bevölkerung sprach zumindest teilweise Indogermanisch – vermutlich auch frühe proto-armenische Gruppen. Besonders interessant ist, daß alte DNA bereits gezeigt hat, daß diese Bevölkerungsgruppen eine größere genetische und möglicherweise auch sprachliche Reichweite hatten, als ihre archäologischen Funde vermuten ließen. Eine Probe aus dem späten 3. Jahrtausend v. Ztr. in der Nähe des Urmia-Sees wies dasselbe genetische Profil auf wie die Bewohner des Kerngebiets der Trialeti-Kultur. Die neuen Daten aus Bakr Awa legen nun nahe, daß diese Gruppen noch weiter nach Süden zogen. Das Zagrosgebirge könnte für sie attraktiv gewesen sein und ihnen geeignete Bedingungen für eine nomadische Lebensweise geboten haben. Dies trägt zu dem wachsenden Bild bei, daß indogermanisch verwandte Bevölkerungsgruppen im bronzezeitlichen Nahen Osten mobiler waren und ein größeres Verbreitungsgebiet erreichten, als bisher angenommen.

Und wir fragen abschließend noch einmal die KI "Welches war das erste indogermanische Volk in Mesopotamien?" und erhalten die folgende Antwort:

Das erste historisch faßbare indogermanische (indoeuropäische) Volk mit direktem Einfluß in Mesopotamien waren die Hethiter. Die indoarische Oberschicht des Mitanni-Reiches in Nordmesopotamien und die mutmaßlich indogermanisch beeinflußte Führungsschicht der Kassiten in Babylonien folgten kurz darauf.
Die Besiedlung und der Einfluß im Detail:
Die Hethiter (ab ca. 1650 v. Chr.): Ihr Kerngebiet lag im heutigen Anatolien, doch unter König Muršili I. unternahmen sie spektakuläre Feldzüge nach Mesopotamien und zerstörten um 1595 v. Chr. die Stadt Babylon. Ihre Sprache (das Hethitische) ist der älteste belegte Zweig der indogermanischen Sprachfamilie.
Das Volk der Mitanni (ca. 1500-1300 v. Chr.): Im Norden Mesopotamiens und in Syrien etablierte sich dieses Reich. Die breite Bevölkerung sprach Hurritisch, aber die herrschende Oberschicht (die Maryannu) war indogermanischer/indoarischer Herkunft. Sie führten die Streitwagen-Kriegskunst ein und verehrten Götter wie Mitra und Indra (bekannt aus dem indischen Sanskrit).
Die Kassiten (ca. 1531-1155 v. Chr.): Sie eroberten nach dem hethitischen Überfall Babylon und herrschten dort über 300 Jahre. Ihre eigentliche Sprache war zwar nicht indogermanisch, jedoch trugen viele ihrer Könige und der Adel nachweislich indogermanische/indoarische Namen.
Wichtiger historischer Kontext:
Die allerersten Hochkulturen Mesopotamiens wie die Sumerer oder Akkader waren keine Indogermanen. Erstere sprachen eine isolierte Sprache, letztere gehörten zu den semitischen Völkern. Die Indogermanen wanderten erst später als Eroberer, Eliten und Einwanderer aus den eurasischen Steppen in den Nahen Osten ein.

Viele Fragen müssen einstweilen noch offen bleiben. 

Anhang: Was steht im Supplement der Studie?

Im Anhang wird noch über die Geschichte von Bakr Awa ausgeführt (1, Suppl.):

Der östliche Teil der Unterstadt wurde erst in der Frühbronzezeit besiedelt; dort stieß man in mehreren tiefen Sondagen unmittelbar unter Schichten aus dem frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. auf den gewachsenen Boden. Die Keramik aus diesen Schichten umfaßte Fragmente der sogenannten „Scarlet Ware“, einer für die Frühdynastische Zeit in der Diyala-Region und dem benachbarten Luristan charakteristischen Ware (1).
Die Schichten des späten 3. Jahrtausends sind durch Architektur mit Steinfundamenten gekennzeichnet. Die Keramik weist Ähnlichkeiten hinsichtlich Form und Verzierung zur akkadischen Zeit auf, doch wurden auch Fragmente der lokalen „Bakr Awa Painted Ware“ (BAPW) in Kontexten des 22. bis 19. Jahrhunderts v. Ztr. gefunden.
Während der späten Früh- und der Mittelbronzezeit entwickelte sich der Ort zu einer wohlhabenden Stadt, die fest in die überregionalen Austauschnetzwerke der Ur-III-, Isin-Larsa- und frühen altbabylonischen Zeit eingebunden war.
The eastern part of the lower town had not been settled until the Early Bronze Age, where in several deep soundings, virgin soil was reached directly below layers of the early 3rd millennium BC. The pottery from these layers included fragments of Scarlet Ware, a characteristic of the Early Dynastic period in the Diyala Region and neighboring Luristan (1).
Layers of the late 3rd millennium are characterized by architecture with stone foundations. Pottery has analogies to shapes and decorations of the Akkadian period, but fragments of the local Bakr Awa Painted Ware (BAPW) were found in contexts of the 22nd to 19th century BC as well. During the late Early and Middle Bronze Age, the site became a prosperous city, well embedded within trans-regional exchange networks of the Ur III, Isin-Larsa, and early Old Babylonian periods. 

Die beiden frühesten Menschenfunde mit indogermanischer Genetik werden auf 2.000 v. Ztr. datiert (1, Suppl):

Übergangsphase von der späten Frühbronzezeit zur frühen Mittelbronzezeit (EMBA) [um 2000 v. Ztr.]
Bestattung BA1314
Erdgrab
• A22037 (BA1314/001):
Das Grab enthielt die Überreste eines Jugendlichen (14-15 Jahre alt). Der Erhaltungszustand war gut; vorhanden waren der Schädel, der Brustkorb sowie die oberen und unteren Extremitäten. Lineare Schmelzhypoplasien deuten auf Streßphasen während der Kindheit hin. Gleiches gilt für die Arthrose am zweiten Halswirbel.
Bestattung BA1348/1387
Sekundärbestattung, Entsorgung?
• A22038 (BA1348/001A):
• A22039 (BA1348/001B):
Die Grube enthielt eine vermischte Ansammlung menschlicher Überreste. Das Fundensemble umfaßte Elemente des Schädel- und des postkranialen Skeletts, darunter Knochen des Brustkorbs sowie der oberen und unteren Extremitäten. Ausgewählte Schädel stammen von zwei erwachsenen Individuen, deren Überreste in der Ansammlung nachgewiesen wurden. Aufgrund der Vermischung der Funde lassen sich die pathologischen Veränderungen am postkranialen Skelett nicht eindeutig einem der beiden Individuen zuordnen. Bei beiden Individuen wurde Karies an den Prämolaren festgestellt. Zu den postkranialen Befunden zählen arthrotische Veränderungen an der rechten Hüftpfanne (Acetabulum).
Transitional late Early Bronze Age - early Middle Bronze Age (EMBA) [around 2000 BC] (...)
Burial BA1314
Earth grave
• A22037 (BA1314/001):
The grave contained the remains of an adolescent (14–15 years old). The preservation was good, with the skull, thorax, and both upper and lower limbs present. Linear enamel hypoplasia indicates stress episodes during childhood. Similarly, the osteoarthritis of the second cervical vertebra.
Burial BA1348/1387
Secondary burial, disposal?
• A22038 (BA1348/001A):
• A22039 (BA1348/001B):
The pit contained a commingled assemblage of human remains. The assemblage contained elements of cranial and post-cranial skeleton, with bones of the thorax, upper and lower limbs present. Selected skulls represent two adult individuals whose remains were found in the assemblage. Due to the commingled nature of the assemblage, the pathological changes of the post-cranial skeleton cannot be ascribed to one or other individual. Evidence of caries was found on the premolars of both individuals. Post-cranial lesions include osteoarthritic changes of the right acetabulum.

__________________

  1. Williams, M.P., Fetner, R., Souilmi, Y. et al. Mesopotamian ancient DNA reveals Iron Age integration of heterogeneous Bronze Age genetic ancestries following resettlement. Genome Biol (2026). https://doi.org/10.1186/s13059-026-04145-4, Published 12 June 2026 (GenomeBio2026)

Sonntag, 14. Juni 2026

In den Höllen der Eifersucht ...

... die Gaspara Stampa entdecken
... und sich selbst - ?

Der norwegische Zeichner Olaf Gulbransson (1873-1958) lebte mit seiner norwegischen Ehefrau Dagny sein Leben lang in Bayern. Seine Ehefrau berichtet, daß ihr Ehemann auf den bloßen, ganz unbegründeten Verdacht hin, seine Eheliebste würde sich für einen anderen mehr als für ihn selbst interessieren, wild in die Berge und Wälder rannte, Tage lang nicht wieder nach Hause zurück kehrte, eine tiefe, höllische, existentielle Krise erlebte. Und das alles nur, um bei seiner Rückkehr zu erfahren: Nichts von seinem ganzen, riesen großen Verdacht hatte auch nur ansatzweise Anhaltspunkte in der Wirklichkeit. (So erzählt es, wenn wir das richtig wieder geben, Dagny Björnson-Gulbransson in ihren Erinnerungen, die wir vor vielen Jahren gelesen haben.) Schlußfolgerung: Ein Liebender kann sich gerne auch geradezu mit Heißhunger in die Eifersucht stürzen - unbewußt womöglich nur, um zu erfahren, was es heißt, zu leben und - noch - leidensfähig zu sein.    

Abb. 1: Eifersucht - Gemälde von Edvard Munch, 1898

Die Eifersucht, was für ein Thema. - - - Robert A. (Name wurde von der Redaktion geändert) war so aufgewühlt wie schon lange nicht mehr. Schließlich richtete er die Frage an die Göttin der Weltweisheit, genannt Google: "Kann es Eifersucht ohne Liebe geben?" (Denn er ging so manche seiner Themen gerne vom völligen Gegenteil dessen an, was ihn interessierte.)

Er fand so unzählige viele dumme Antworten. Gott!, das Internet, die gesammelte "Weltweisheit", war ein angesammelter Haufen von Dummheit. Aber sonderbar auch: Wie viele Menschen dieselbe "dumme" Frage stellten wie er selbst. Sonderbar, höchst sonderbar. Aber dumm, ach dumm auch all die vielen, vielen Antworten. Wie kann das sein?

All das Verwirrende, das er in sich erlebte, es kam durch die noch viel größere Verwirrung im Internet keineswegs zur Klärung.

Wo war Klarheit? Wo war Klärung? Nichts von dem, was er da fand, erreichte ihn.

Dann las er den Wikipedia-Artikel über Eifersucht. Nichts erreichte ihn, nichts. War denn Eifersucht einfach nur - - - "dumm", "egoistisch"? Oder war sie - - - groß? Merkwürdig, wie wenig Klarheit es in der Weltantwort-Zentrale, genannt Internet, gab. Zu diesem, womöglich entscheidenden Thema.

Erste Antworten - Edvard Munch 

Edvard Munch war erwähnt (Wiki). Natürlich, dieser große, große Kerl. Ja, von seinen Bildern geht Wahrheit aus. Wer wollte das infrage stellen? Dieser Maler, er hat so gräßliche Bilder gemalt. Und er hat die Wahrheit dabei gemalt. Ohne Frage (Abb. 1). "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang," hatte doch einer gedichtet, einer, der es aushalten wollte, aushalten konnte - - - das Schöne (gemeint ist R. M. Rilke). Oder der doch - zumindest - wie ein Wilder in Berge rennen konnte ... 

Und er? Er sehnte sich nach Wahrheit, nach wahrhaftiger Einsicht. Mochte er damit nun im Himmel oder in die Hölle landen.

Er beschäftigte sich ein wenig mit jener Dagny Juel, die den Anstoß für so viele Bilder von Edvard Munch gegeben hatte. Was für eine Frau. Was für ein Schicksal (Yt23) (1). Solche Frauen scheinen dazu zu gehören, zum Leben, eine solche "femme fatale". Wem hätte es nicht schon wohlige Schauer über den Rücken gejagt bei dem Gedanken, einer solchen zu begegnen? Und wer würde es, sollte er wirklich einer solchen begegnet sein, jemals wirklich bereuen, in die Höllen-Flammen ihrer Liebe getreten zu sein - ? Wer? Mag er nun zu Leben aufgeflammt sein in diesen Höllen-Flammen oder mag er an ihnen zugrunde gegangen sein - - -?

War es nicht die Größe allein, die zählte? Die Größe, das Feuer des Erlebten? Sei es nun Himmel oder Hölle gewesen? 

Ach, so war es wohl. So dachte man wohl, damals, im "Ferkel", im Künstlerkreis um Edvard Munch und Dagny Juel in Berlin-Mitte. Nur groß sein, nur groß lieben, groß handeln - niemals kleingeistig.

Ja, Teufel, geh weg mit deiner Kleingeistigkeit, geh weg. Kleingeistigkeit ist die Hölle - auch wenn diese nur noch von den wenigsten überhaupt wahrgenommen wird.

Weiter Antworten - Die Nibelungen

Und so fragte er Google einfach ganz willkürlich weiter: "Welche Rolle spielt die Eifersucht in der Nibelungensage?" Ja, natürlich: darin spielt sie eine große Rolle. Mensch, und Wikipedia hatte diese Rolle gar nicht erwähnt. Wie kann das sein? Verleugnet Wikipedia das Große?

Nun gut, sie ist wichtig: die Nibelungensage. 

Denn es ist nicht trivial, was passiert - möglicherweise - wenn Eifersucht im Spiel ist. Möglicherweise. Helden können daran zugrunde gehen. Mit dem Speer im Rücken. Helden können durch ein Flammenmeer schreiten und die Frau ihres Lebens erobern - wie Siegfried die Brünhildis auf dem Brünhildisfelsen.

Gut, wichtig.

Ein weiterer Schritt zur Einsicht in das Wesen der Eifersucht: die Nibelungensage. Eifersucht kann die Stelle sein, in der du allein noch verwundbar bist - in all deiner stumpfen oder auch veredelten Unverletzlichkeit.

Wikipedia meinte sogar - oh Gott, wie dumm! - Eifersucht wäre ein Wort und Konzept der Neuzeit. Wie so durch und durch ungebildet kann Wikipedia sein. Wie so enttäuschend. Und es hätte in der Antike keine Eifersucht gegeben? Glaubst du das wirklich, Wikipedia? (Auch der "Große Brockhaus" aus den 1880er Jahren gibt sich in seinem Artikel "Eifersucht" übrigens erstaunlich wortkarg. Erstaunlich.)

Aber dieser Gedanke an die Nibelungensage erhebt das Thema gleich hoch, sehr hoch. Ins Große. Dorthin, wo es - sicherlich - gehört. Denn wer möchte schon "im Kleinen" sein? Im Niedrigen, Seichten, Flachen, im nichtigen Nichts? Wollen wir denn nicht alle, daß die Dinge uns etwas - - - bedeuten? Und nicht nur im Sinne von "angenehm" oder "unangenehm"?

Beim weiteren Nachdenken gingen ihm irgendwann Worte durch den Sinn, von denen er zunächst nur die "Stimmung" wahrnahm, den "Rhythmus" derselben, den er in Erinnerung hatte. Dann erst dämmerte ihm, um welche Worte es sich handelte:

                             ... Hast du der Gaspara Stampa
denn genügend gedacht ...

Ja, nun war er angekommen.

Dort war die Antwort. Dort wollte er hin. Hier war sie, die Antwort in all der Verwirrung. Das waren Worte, die waren ihm schon früher ins Blut gegangen. Berühmt genug waren sie. Aber wer, dem sie schon einmal ins Blut gegangen sein mochten, wußte eigentlich jemals schon, warum sie ihm ins Blut gegangen waren? Einfach nur, weil einem wertvolle Dichtung überhaupt leicht ins Blut geht - - - ?

Angekommen - Rainer Maria Rilke

Die Worte stammen aus den Duineser Elegien, also natürlich von Rainer Maria Rilke. Und, ja, sie sind berühmt genug, und zwar mit Recht. Aber indem er nun "Rilke Gaspara Stampa" googelte, erhielt er eine Deutung dieser Dichtung, die ihm jetzt - zum ersten mal - auch rein gedanklich wirklich einging, die sich ihm jetzt zum ersten mal wirklich erschloß:

Rainer Maria Rilke verewigte die italienische Dichterin Gaspara Stampa (1523-1554) in der Ersten Elegie seiner Duineser Elegien. Er porträtiert sie als das Urbild der unerfüllt Liebenden, die ihren Schmerz in höchste künstlerische Hingabe und Energie verwandelte.
Die Bedeutung von Gaspara Stampa bei Rilke
Das Vorbild der Liebenden: Gleich zu Beginn der Ersten Elegie fragt Rilke, ob ein verlassenes Mädchen nicht an Gaspara Stampa denken und sich wünschen sollte: "daß ich würde wie sie?"
Liebe als Befreiung: Er stilisiert sie zum Sinnbild dafür, sich liebend vom Geliebten zu befreien, indem man die Spannung des Kummers aushält.
Gesammelt im Absprung: Rilke nutzt sie als Metapher für spirituelle und emotionale Transformation: Sie hält dem Liebeskummer stand, "wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung mehr zu sein als er selbst."

Nun mit einem mal erschloß sich ihm eine ganze neue Welt in dieser Dichtung.*) Und er las noch einmal ein wenig in den Elegien (s. Kalliop). Und er wußte: Hier stand die Antwort. Und in diesen Elegien würde er künftig noch häufiger lesen. Denn darum ging es. Darum allein. 

Und er wußte auch: Rilke hatte Ähnliches erlebt. Rilke hatte Ähnliches durchgestanden. Für Rilke war dies nichts weniger als der Weg zu Gott.

Rilke über die Ehe

Rilke hat wertvolle, große Liebe zu Frauen erfahren, etwa zu Lou Andreas-Salomé, etwa zu Sidonie Nádherná oder zu Lou Albert-Lasard. Zum Schluß zu Baladine Klossowska. Und damit sind wohl auch nur einige der bedeutenderen Begegnungen genannt. Wobei ja für Rilkes Leben gilt, daß es in diesem eigentlich gar nichts "Unbedeutendes" gab. Am Ende seines Lebens stand die Liebe zu Baladine Klosswska. Er las (KulturC):

1920 begegnet die Malerin Baladine Klossowska dem Dichter Rainer Maira Rilke wieder. Sie, die geschiedene Mutter zweier halbwüchsiger Söhne - einer ist der Maler Balthus -, verliebt sich leidenschaftlich in ihn. Nach einer kurzen Amour fou geht Rilke immer mehr auf Abstand zu der Geliebten. Wo sie unbedingte Nähe und Gemeinschaft sucht und sich in der Liebe zu ihm verliert, braucht er Abstand und Ruhe, um schreiben zu können. Sie schreiben sich sehnsuchtsvolle Briefe, immer auf der Suche nach dem richtigen Maß von Nähe und Distanz. "Mouky" nennt Rilke seine Freundin darin zärtlich. Ein Brief an sie wird der letzte sein, den er kurz vor seinem Tod schreibt.

Diese "Suche nach dem richtigen Maß von Nähe und Distanz" hat im Leben von Rainer Maria Rilke schon früh begonnen. Von der KI kann man sich belehren lassen, was Rainer Maria Rilke schon im Jahr 1901 für sein Leben erkannt hatte:

In seinen "Briefen an einen jungen Dichter" beschreibt Rainer Maria Rilke eine tiefe, reife Form der Liebe, die nicht auf Besitz oder Klammern beruht, sondern darauf, einander den Raum zur Entfaltung zu lassen. Das entsprechende Originalzitat lautet: „Ich halte dies für die höchste Aufgabe einer Verbindung zwischen zwei Menschen: daß jeder die Einsamkeit des anderen behütet und bewacht.“ In einem anderen bekannten Brief aus derselben Sammlung formuliert er diesen Gedanken ganz ähnlich: „... der Liebe, die darin besteht, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.“ Für Rilke war das Alleinsein keine schmerzhafte Leere, sondern ein fruchtbarer Zustand. Er sah die Einsamkeit als eine notwendige Voraussetzung für inneres Wachstum und die Entfaltung der eigenen Kreativität.

Und er fand, daß Rilke in diesen "Briefen an einen jungen Dichter" noch viel mehr geschrieben hatte. Er hatte im Jahr 1901 geschrieben (Rilke1901):

Es fällt niemandem ein, von einem einzelnen zu verlangen, daß er “glücklich” sein soll, - heiratet aber einer, so ist man sehr erstaunt, wenn er es nicht ist! (Und dabei ist es wirklich gar nicht wichtig, glücklich zu sein, weder als Einzelner noch als Verheirateter.)

Was für Worte. - Was für Worte. - - - Und Rilke schrieb auch (Rilke1904):

Es handelt sich in der Ehe für mein Gefühl nicht darum, durch Niederreißung und Umstürzung aller Grenzen eine rasche Gemeinsamkeit zu schaffen, vielmehr ist die gute Ehe die, in welcher jeder den anderen zum Wächter seiner Einsamkeit bestellt und ihm dieses größte Vertrauen beweist, das er zu verleihen hat.

Aber von einigen dieser Frauen hat sich Rilke schwer, nur sehr schwer wieder gelöst.

Aber er hat sich gelöst.

Und er ist früh gestorben.

Einsam.

Seine letzten Jahre waren einsam. Und es ist ja bekannt, daß Einsamkeit nicht gerade das Leben verlängert. Rilke aber hatte es bewußt so für sich entschieden. Und in den Elegien waren die Gründe dafür klar und deutlich verzeichnet. Von Seiten eines Mannes, der dem Leben alles abgerungen hatte, was ihm abzuringen war.

Schon in dieser ersten Elegie steht - fast - alles über sein Leben: Die Spannung aushalten. Sich der Liebe ergeben, sich ihr ausliefern - aber nicht vollständig. Achtung behalten, Distanz wahren. Vor ihrer großen Macht.

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*) Sie gehen noch weiter Aber das gehört nicht mehr so sehr hierher, kann bei anderer Gelegenheit weiter verfolgt werden:
Die historische Gaspara Stampa
Wer war sie? Eine der bedeutendsten italienischen Dichterinnen der Renaissance (geboren um 1523 in Padua, gestorben 1554 in Venedig).
Literarisches Schaffen: Sie war eine Kurtisane und führte einen literarischen Salon. Sie gilt als die größte italienische Lyrikerin des 16. Jahrhunderts.
Ihr Werk: Ihre berühmte Gedichtsammlung Rime kreist um die schmerzhafte, unglückliche Liebe zu dem Grafen Collaltino di Collalto.

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  1. Nos, Karolina: Dagny, czyli Jutrzenka. O artystce i muzie – Dagny Juel (zu Deutsch: "Dagny oder Jutrzenka. Über die Künstlerin und Muse – Dagny Juel") 2016 (NiezlaSztuka2016)

Freitag, 12. Juni 2026

Rückzugsorte später Jäger und Sammler - An der Moldau und im Böhmerwald

Das südliche Böhmen um 5.000 und um 3.000 v. Ztr.
- Späte Jäger und Sammler bis 2.700 v. Ztr. - Řivnáč-Höhensiedlungen ab 2.700 v. Ztr.

"Auf'd Wulda, auf'd Wulda, scheint Sunna so gulda" - so heißen die ersten Worte eines deutschen Volksliedes auf die Moldau, auf die "Wulda", die im Böhmerwald entspringt. Sie fließt von dort unentwegt bis Prag, um hinter Prag in die Elbe zu münden (Abb. 3) (Rbg). 

Abb. 1: Blick in das Wittingauer Becken im südlichen Böhmen (Wiki) (Fotograf: Pavel Rychtecký)

Die Moldau trägt einen Namen germanischen Ursprungs. Nach der Besiedlung Böhmens durch die Tschechen erhielt die Moldau von den Slawen aber ebenfalls einen eigenen Namen, nämlich den Namen Vltava. Vom Böhmerwald nach Norden fließend kommt die Moldau unter anderem auch durch die Stadt Budweis. Zwanzig Kilometer östlich der Stadt Budweis  befindet sich dann das Wittingauer Becken, das über den Fluß Fluß Lainsitz (tschechisch: Lužnice) (Wiki) in die Moldau entwässert (Abb. 1-3).

Dieses Wittingauer Becken wird im vorliegenden Beitrag eine Rolle spielen. Deshalb wird eine flüchtige geographische Einordnung desselben voran gestellt.

Das Wittingauer Becken liegt rund um die Stadt Wittingau und es liegt im Bezirk Wittingau (Wiki). Die Stadt Wittingau liegt nur zwanzig Kilometer von der im Südosten gelegenen, heutigen österreichischen Grenze entfernt (GMaps). Der Bezirk Wittingau war dennoch immer schon tschechisch besiedelt. Er gehörte nicht zu dem bis 1945 von Deutschen besiedelten "Sudetenland". Um sich diesen Umstand klar zu machen, ist ein Blick auf die Abbildung 2 hilfreich. Dort sehen wir, daß es im südlichen Teil des Sudentenlandes einen ("weißen") Bezirk gibt, der immer schon tschechisch und nicht deutsch besiedelt war: der Bezirk Wittingau. Die Laisnitz, von der er durchquert wird, mündet 45 Kilometer weiter nördlich in die Moldau (Abb. 3).

Zwei neue tschechische archäologische Studien

In zwei neuen tschechischen archäologischen Studien, in der auch dieses Wittingauer Becken eine Rolle spielt, werden jene durch die Archäogenetik aufgeworfenen Fragen erneut behandelt, die uns auch hier auf dem Blog schon seit einigen Jahren beschäftigen (1, 2).

Abb. 2: Der Anteil der deutschen Bevölkerung bis 1945 in den Gerichtsbezirken des Sudentenlandes

Es wird etwa das folgende ausgeführt (1): 

Fortschritte in der aDNA-Forschung zeigen auf, daß vormals vorherrschende Abstammungslinien (Völker) fortbestehen oder wiederaufleben, lange nachdem sie durch ihnen nachfolgende Ausbreitungsbewegungen (von Völkern) vermeintlich verdrängt worden waren. Aber diese Ergebnisse geben selten Aufschluß darüber, von woher diese wiederauflebenden Abstammungslinien eigentlich stammen. Einige Autoren vertreten die Ansicht, daß solche Herkunftsanteile durch demische Ausbreitung aus den Randgebieten der von großen Ausbreitungsbewegungen betroffenen Regionen wieder eingeführt wurden - also aus Gebieten, in denen sich ältere Herkunftsanteile innerhalb lokaler Gruppen erhalten hatten (Beau et al. 2017; Da Silva et al. 2025; Immel et al. 2021; Papac et al. 2021). Während dieses Szenario in bestimmten, mittels Admixture-Analysen untersuchten Fällen zutreffen mag (z. B. die von Papac et al. 2021 in verschiedenen neolithischen Populationen nachgewiesenen vielfältigen Quellen mesolithischer Abstammung; vgl. dazu Brami 2023, der auf die Grenzen dieser Tests hinweist), bleibt es in den meisten anderen Fällen weitgehend deduktiv begründet.
Although advances in aDNA sampling reveal substantial persistence or reappearance of earlier ancestries long after they were thought to have been erased by subsequent migrations, these results rarely indicate where the source populations may have come from. Some authors argue that such ancestries were reintroduced through demic expansions from the outskirts of areas affected by major migrations, where archaic ancestries remained available within local groups (Beau et al. 2017; Da Silva et al. 2025; Immel et al. 2021; Papac et al. 2021). While this scenario may hold in certain cases tested through admixture analyses (e.g. multiple sources of Mesolithic ancestry identified in various Neolithic populations by Papac et al. 2021,cf. Brami 2023, who highlights the limitations of these tests), it remains largely deductive in most other instances. More importantly, it implicitly reproduces the assumption that ‘otherness’ can be situated only at the outer frontiers, rather than within the interior landscapes of central Europe.

Insgesamt wecken die beiden Studien solchen Fragen gegenüber unseres Erachtens nun aber mehr Erwartungen als sie dann einlösen können. Immerhin präzisieren sie allmählich Schritt für Schritt zumindest die archäologischen Fragestellungen und Fragehorizonte.

Abb. 3: Reliefkarte von Böhmen und Mähren - In der Vergrößerung sind Wittingau und der Fluß Laisnitz zu sehen

Es werden zunächst die zeitlich versetzten Abläufe während des Frühneolithikums in fünf verschiedenen Regionen in und um Böhmen miteinander verglichen (1) (Abb. 4 und 5). Die Bandkeramik breitete sich bekanntlich von ihrer "Urheimat", dem Wiener Becken, ausgehend Donau-aufwärts aus.

Saatgerste und den Timopheev-Weizen im Südlichen Böhmen ab 5.200 v. Ztr.

Ab 5.400 v. Ztr. kam die Bandkeramik nach Bayern - "innerhalb einer Generation" von Wien bis Schweinfurt wie wir andernorts schau ausführten (Stg2022). Ab 5.350 v. Ztr. kam sie nach Mähren, kurze Zeit später an die Obere Elbe und erst ab 5.230 v. Ztr. in die Region an der Oberen Moldau ("Upper Vlatava") (Abb. 5). Über die zeitlich versetzte, bäuerliche Besiedlung der Region der Oberen Moldau wird ausgeführt (2):

Die durchschnittlichen Zeitunterschiede (der Besiedlung) der Region der Oberen Moldau und der Tiefländer (Böhmens) betragen zwischen 136 und 172 Jahren, was etwa 5 bis 7 Generationen entspricht. (...) Das im Allgemeinen einheitliche und nicht sehr breite Spektrum der von den frühen Bauern in Mitteleuropa angebauten Nutzpflanzen (Kreuz und Marinova 2017) wurde in der Region der Oberen Moldau durch die Saatgerste und den Timopheev-Weizen erweitert. Beide Arten gelten als geeignet für rauere Bedingungen; wenngleich sie im Gesamtspektrum der Nutzpflanzen nur einen geringen Anteil einnehmen läßt sich ihr Anbau als Anpassung an die lokale Umwelt deuten (Ptáková et al. 2024).
The median time difference between the Upper Vltavaand lowland regions ranges between 136 and 172 years, which equals approximately 5–7 generations. (...) The generally uniform and narrow spectrum of crops cultivated by early farmersin central Europe (Kreuz and Marinova 2017) was diversified in the Upper Vltava region by common barley and Timopheev’s wheat. Both species are considered suit-able for harsher conditions, and their cultivation, although still low in the total spec-trum of crops, can be interpreted as an adaptation to the local environment (Ptákováet al. 2024).

Von dem hier erwähnten Tricum timopheevii (Wiki) hören wir an dieser Stelle zum ersten mal. Auf Wikipedia heißt es, daß die Wildform dieses Weizens zwar in der Südosttürkei vorkommen würde, daß die domestizierte Form aber (heute?) allein in Georgien, also im Südkaukasus angebaut würde.

Und dennoch wäre sie von den anatolisch-neolithischen Bauern bis an die Obere Moldau mitgebracht worden!?! Obwohl sie selbst in ungünstigen Regionen nur in geringen Anteilen angebaut wurde? Reimt sich das zusammen? Es sei erst einmal nur so hier festgehalten.  

Abb. 4: Geographische Regionen in und um Böhmen (aus 2) - Obere Moldau=Upper Vlatava, Egerland=Upper Beounuka

Dennoch, so die Autoren weiter (2), ...

... war die Besiedlung der Region der Oberen Moldau sehr begrenzt. Bislang wurden lediglich 17 frühneolithische Siedlungen nachgewiesen, die sich größtenteils auf wenige kleine Cluster verteilen; diese orientieren sich an den ökologisch günstigsten Nischen der Region. Paradoxerweise läßt sich eine solche geringe Anzahl durchaus als Siedlungsboom werten, da die nachfolgenden Epochen durch eine noch spärlichere Fundlage gekennzeichnet waren. (...) Ein noch deutlicherer Rückgang der Siedlungsdichte ist in den Regionen der Oberen Moldau für den Zeitraum von ca. 4600 bis 3200 v. Ztr. zu verzeichnen; aus dieser Zeit liegen nur wenige Belege für eine Besiedlung vor. (...) Eine ähnliche Situation ergab sich nach 4600 v. Ztr. im Egerland (in der Region der Oberen Beraun, tschech. Berounka). Obwohl die Anzahl der Fundstellen hier etwas höher ist, erreicht sie dennoch nicht die Dichte, die im Tiefland verzeichnet wurde (Metlička 2015; Neustupný 2013).
The occupation of the Upper Vltava area was very limited. To date, only 17 Early Neolithic settlements have been identified being distributed mostly within afew small clusters that follow the environmentally most convenient niches of theregion. Paradoxically, such low numbers can be considered a settlement boom, asthe following periods were marked by even scantier records. (...) An even more pronounced decrease in settlement den-sity took place in the Upper Vltava regions in c. 4600–3200 BC during which verylittle evidence of occupation is available. (...) A similar situation occurred in the Upper Berounka region after 4600 BC. Although the num-ber of sites is slightly higher here, it still does not reach the density recorded in thelowlands (Metlička 2015; Neustupný 2013).

Daß das Egerland zuvor schon in bandkeramischer Zeit besiedelt worden wäre, dafür scheint es bislang noch weniger Belege zu geben.

Das Wittingauer Becken - Ein Rückzugsort der späten Jäger und Sammler

Nun aber hören wir doch von einigen etwas grundlegenderen neuen Erkenntnissen (2):

Die erst zeitlich versetzt einsetzende Besiedlung der Region der Oberen Moldau durch frühbäuerlicher Gemeinschaften könnte den dortigen Jägern und Sammlern die Möglichkeit geboten haben, ihre Subsistenzweise länger beizubehalten als andernorts. Insbesondere das im östlichen Teil der Region gelegene Wittingauer Becken (Třeboň-Becken), das von zahlreichen Seen früh-postglazialen Ursprungs durchsetzt ist, könnte eine attraktive ökologische Nische für Menschen geboten haben, die an der Lebensweise von Jägern und Sammlern festhielten (Hošek et al. 2019; Ptáková et al. 2023). Besonders gut belegt ist diese späte Präsenz am Schwarzenberg-See: Dort wurden am Ufer bereits elf Lagerplätze identifiziert, und die geschichteten paläoökologischen Befunde aus der Litoralzone sowie aus den Seesedimenten zeugen von einem erheblichen menschlichen Einfluß. Dieser äußert sich unter anderem in periodischen Brandereignissen, die vermutlich darauf abzielten, die Ufervegetation zu beseitigen und so die Bedingungen für Jagd und Sammeltätigkeit zu verbessern. Zudem wurden Makroreste eßbarer Wildpflanzen – von denen einige nicht zur typischen Flora von Seeumgebungen gehören – sowie weitere Pflanzenarten nachgewiesen, die indirekt auf menschliche Aktivitäten hinweisen (Pokorný et al. 2010; Šída und Pokorný 2021).
The delayed arrival of early farming communities in the Upper Vltava region could open a window of opportunity for local hunter-gatherers to retain their subsist-ence practices longer than elsewhere. In particular, the Třeboň Basin, located in theeastern part of the region and scattered with numerous lakes of early post-glacialorigin, might offer an attractive ecological niche for people retaining hunter-gath-erer practices (Hošek et  al. 2019; Ptáková et  al. 2023). Their late presence is best evidenced by Švarcenberk Lake, where eleven campsites have already been identi-fied along the shore, and the stratified palaeoenvironmental records in the littoralzone, as well as in lake sediments, revealed considerable human impact. It involvesperiodic burning events, likely aimed at clearing lake shore vegetation to improvehunting and gathering opportunities. The presence of macroremains from consum-able wild plant species has also been identified, some of which are not indigenous tolake environments, along with other plant species indirectly indicating human activi-ties (Pokorný et al. 2010; Šída and Pokorný 2021). 

Dem wasserreichen Wittingauer Becken (Wiki) sieht man es auf den ersten Blick an, daß hier eine günstige Region gewesen sein könnte dafür, daß sich eine zahlenmäßig größere Fischer-, Jäger- und Sammler-Population in vergleichsweise höherer Siedlungsdichte hier für Jahrtausende ganz gut müßte gehalten haben können (s. Abb. 1). Die Region erinnert an die wasserreiche Region der Oberen Theiß und des Körös, wo Genetik der Karpaten-Jäger-Sammler festgestellt worden ist.

Abb. 5: Ankunft der Bandkeramik (aus 2)

Und weiter (2):

Bemerkenswert ist die räumliche Nähe zwischen den Fundplätzen des späten Mesolithikums und jenen der bäuerlichen Bevölkerung im Gebiet der Oberen Moldau. Jäger und Sammler nutzten den Schwarzenberg-See sowie weitere Seen, die unmittelbar an das Siedlungsgebiet der Bauern angrenzten (Einzelheiten siehe Ptáková et al. 2023). Da die beiden Fundplatztypen oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt lagen, ist es kaum vorstellbar, daß die jeweiligen Bewohner nichts voneinander wußten. Überraschenderweise liefern die derzeit vorliegenden Daten keine Hinweise auf gegenseitige Beeinflussung; beide Gemeinschaften hielten an ihren jeweiligen Subsistenzstrategien fest. Nicht nur griffen die Bauern kaum auf wildlebende Nahrungsressourcen zurück, auch bei der Herstellung von Steinwerkzeugen und der Rohmaterialbeschaffung zeigten sich Unterschiede. Bereits seit dem frühen Mesolithikum nutzten die Jäger und Sammler der Oberen Moldau überwiegend lokale Materialien zur Herstellung vorwiegend mikrolithischer Werkzeuge (Vencl 2006). Opal, Quarz und andere Materialien, deren Vorkommen bis zu 50 km von den Fundplätzen entfernt lagen, machten 75 bis 90 % des Rohmaterialspektrums an den Lagerplätzen am Švarcenberk-See aus (z. B. Šída 2017; 2021; Šída et al. 2019). Die Bauern hingegen setzten auf nicht-lokale Materialien, die sie zu größeren Klingen verarbeiteten. Diese Materialien wurden vermutlich in Form von Kernen oder Halbfertigprodukten über größere Entfernungen aus benachbarten Regionen herangeführt. Trotz Anzeichen für Rohstoffknappheit - etwa häufige Wiederverwendung und vollständige Ausnutzung der Kerne in den Fundkomplexen der oberen Moldau - gaben die dortigen frühen Bauern dieses Beschaffungssystem nicht auf. Die deutlichen Unterschiede bei den Rohmaterialspektren und der Technologie widerlegen zudem die Hypothese, daß die anthropogenen Aktivitäten im Gebiet des Schwarzenberg-Sees im späten 6. und im 5. Jahrtausend v. Ztr. auf neolithische Gemeinschaften zurückzuführen sein könnten, die saisonal zwischen Ackerbau und Wildbeutertum wechselten.
Archäologische Forschungen haben belegt, daß die Interaktionsformen zwischen Jägern und Sammlern einerseits und Bauern andererseits je nach Region stark variieren konnten (z. B. Allentoft et al. 2024a; Bánffy 2019; Bollongino et al. 2013; Hofmanová et al. 2016; Jones et al. 2017; Shennan 2018; Simões et al. 2024). Insbesondere in Seegebieten konnten Jagd, Sammeln und Fischerei ein langfristig tragfähiges Wirtschaftssystem darstellen, das entweder eigenständig betrieben oder lediglich durch Ackerbau ergänzt wurde (Wieckowska-Lüth et al. 2021). In den Tiefländern, die von der frühen Ausbreitung der Bauern erfaßt wurden, sind Belege für einen engen Kontakt hingegen spärlich (Shennan 2018, S. 82–85); dies steht im Kontrast zur Region der Oberen Moldau. Hier deuten die vorliegenden Daten auf ein getrenntes Nebeneinander von spätmesolithischen Jägern und Sammlern sowie Bauern hin, wobei zu beachten ist, daß viele Anzeichen einer Vermischung aufgrund der lückenhaften archäologischen Überlieferung verborgen geblieben sein könnten. Da beide Gruppen jedoch unterschiedliche ökologische Nischen und Ressourcen der Region nutzten, stand ihre Beziehung wahrscheinlich nicht in Konkurrenz zueinander; vielmehr dürften sie einen dauerhaften *Modus vivendi* gefunden haben, insbesondere als die bäuerliche Bevölkerung in diesem Gebiet nach 5000 v. Ztr. zurückging. Auch wenn der Anteil nicht-lokaler Steinmaterialien bei den Jägern und Sammlern gering war, gelangten diese Objekte auch nach 5200 v. Ztr. in ihren Besitz - zu einer Zeit, als der Transport über Zwischenstationen von weit entfernten Rohstoffvorkommen bis zur Oberen Moldau von den neuen, in ganz Mitteleuropa ansässigen Bauerngesellschaften abhing.
The spatial proximity between the Late Mesolithic and farming-based sites inthe Upper Vltava region is notable. Hunter-gatherers utilized Švarcenberk andother lakes that immediately neighbor the zone occupied by farming-based settle-ments (see Ptáková et al. 2023 for details). The two types of sites were often onlya few kilometers apart, so it is difficult to imagine that their inhabitants would beunaware of each other. Surprisingly, there is no evidence in the currently availabledata for mutual influences; both communities adhered to their subsistence strategies.Not only did farmers make minimal use of wild food resources, but differences canalso be observed in the techniques and procurement of raw materials for stone tools. Since the Early Mesolithic, hunter-gatherers of the Upper Vltava region utilized alarge portion of local materials to produce mostly microlithic tools (Vencl 2006).Opal, quartz, and other materials, which outcrop up to 50 km from the site, cre-ate between 75 and 90% of the spectra at Švarcenberk campsites (e.g., Šída 2017;2021; Šída et al. 2019). Farmers, on the other hand, relied on non-local materials,which they chipped into larger blades. These materials should have been imported inthe form of cores or semi-products over larger distances from neighboring regions.Despite signs of material shortages, such as frequent reutilization and total extrac-tion of cores identified in Upper Vltava assemblages, local early farmers did notabandon this procurement system. The sharp difference in raw material spectra and technology also refutes the hypothesis that the late sixth and fifth millenniumanthropic activities around Švarcenberk Lake could refer to Neolithic communities,which might have altered between farming and foraging on a seasonal basis.Archaeological research has documented that the ways in which hunter-gather-ers and farmers interact might considerably differ region by region (e.g., Allentoftet  al. 2024a; Bánffy 2019; Bollongino et  al. 2013; Hofmanová et  al. 2016; Joneset al. 2017; Shennan 2018; Simões et al. 2024). Especially in lake zones, hunting,gathering, and fishing could prove a long-term sustainable economic system prac-ticed independently or just supplemented by agriculture (Wieckowska-Lüth et  al.2021). Nevertheless, in the lowlands reached by the early expansion of farmers, evi-dence for close contact is sparse (Shennan 2018, pp. 82–85), which contrasts withthe Upper Vltava region. Here, the available data point to the separate co-existenceof Late Mesolithic hunter-gatherers and farmers, but it should be noted that manyattributes of mingling may remain hidden due to the scarcity of the archaeologicalrecord. Still, as both groups utilized the different ecological niches and resources ofthe region, their relationship was likely not competitive, and they might have estab-lished a sustainable modus vivendi, especially when the farming population in thearea declined after 5000 BC. Although  the proportion of non-local stone materi-als among hunter-gatherers was minor, these objects had to find their way into theirhands even after 5200 BC, when the down-the-line transport from distant outcropsto the Upper Vltava relied on the new farmer societies settled throughout central Europe. 

Mit solchen Studien werden also die späten Jäger und Sammler Mitteleuropas, die zur Ethnogenese zahlreicher mittel- und spätneolithischer Völker und Kulturen maßgeblich beigetragen haben, nach und nach besser faßbar. Man erkennt: Die Archäologen tasten sich langsam - weiterhin noch sehr langsam - Schritt für Schritt an die Thematik dieser in Randregionen fortlebenden Jäger-Sammler-Populationen heran.

Wir möchten allerdings meinen, daß die neuen mittel- und spätneolithischen Kulturen des böhmischen Raumes, die aus der Vermischung zwischen Bandkeramikern und Jägern und Sammlern entstanden, eher im Karpatenraum entstanden sind, wo es womöglich noch volkreichere Jäger-Sammler-Stämme gegeben haben könnte als an der Oberen Moldau und im Böhmerwald. Aber diesbezüglich gibt es noch viele weiße Flecken auf unserer Wissenslandkarte.

Böhmen ab 3.000 v. Ztr.

Zur Zeit der Ankunft der Indogermanen in Mitteleuropa ab 2.900 v. Ztr. gab es dort neben der ostmitteleuropäischen Kugelamphorenkultur und der nordeuropäischen Trichterbecherkultur noch zahlreiche weitere spätneolithische "Regional-Kulturen", in Böhmen insbesondere die Řivnáč-Kultur (2.900 bis 2.400 v. Ztr.) (Wiki), in Ostbayern und im heutigen deutschsprachigen Alpenraum bis nach Nordtirol hinein gab es die Chamer Kultur (3.500-2.400 v. Ztr.) (Wiki). 

Abb. 6: Die Ankunft der Indogermanen in Böhmen und Mitteleuropa - "SGR burials" = Schnurkeramiker/Glockenbecherleute (aus 2)

Hier auf dem Blog hatten wir darüber schon anhand der aufregenden archäogenetischen Böhmen-Studie aus dem Jahr 2021, auf die auch im ersten hier gebrachten Zitat insbesondere Bezug genommen war, festgehalten (Stg2021):

Die Forscher vermuten, daß Böhmen zur Zeit der Ankunft der Schnurkeramiker zeitgleich besiedelt wurde einerseits von Gruppen der Kugelamphoren-Kultur und anderseits von Menschen der Řivnáč-Kultur. Beide Gruppen unterschieden sich nicht nur kulturell, sondern auch genetisch voneinander. Als Ausnahme fand sich ein sequenziertes Individuum bestattet im Kontext von Řivnáč-Kultur, trug aber in sich die Genetik der Kugelamphoren-Kultur.

Über die Řivnáč-Kultur hatten wir aus der 2021-Böhmen-Studie unter anderem die Worte zitiert (Stg2021):

Sie trat hauptsächlich in Mittelböhmen auf, aber auch in Nordwestböhmen und vereinzelt auch in Ostböhmen. In West- und Südböhmen gab es eine mit Řivnáč zeitgenössische Chamer Kultur.

Die Indogermanen treten nun als Schnurkeramiker auf ab 2.880 v. Ztr. an der Oberen Elbe, ab 2.700 v. Ztr. an der Oberen Donau und ab 2.500 v. Ztr. in Mähren (Abb. 6). Darüber wird ausgeführt (1):

Die Regionen Süd- und Westböhmens liefern nur wenige Hinweise auf eine Besiedlung während des Großteils des 4. Jahrtausends v. Ztr., doch gegen dessen Ende nimmt die Zahl der Fundplätze deutlich zu (John 2021; Metlička 2015). Sie werden den Kulturen von Řivnáč und Cham zugeordnet.

Das hieße also: Die Řivnáč-Kultur hätte sich von Mittelböhmen aus nach Westen ausgebreitet und die Chamer Kultur hätte sich von Ostbayern aus nach Böhmen ausgebreitet. Und weiter (1):

Sie waren Teil eines umfassenderen mitteleuropäischen Horizonts des Spätneolithikums, der durch gemeinsame Keramikmerkmale - wie etwa aufgerauhte Oberflächen oder plastische Leisten - sowie durch Siedlungen mit Grubenhäusern ("semi-sunken houses") gekennzeichnet war; diese Siedlungen waren häufig befestigt und lagen an exponierten Stellen, meist auf felsigen Kuppen oder Geländespornen über Flüssen (z. B. Bogner 2017; Engelhardt 2002; Gohlisch & Reisch 2001; Medunová 1977; Zápotocký & Zápotocká 2008; Zuber 2019). Aus Westböhmen sind fast 80 solcher Fundplätze bekannt, aus Südböhmen etwa zehn (John 2010; 2021). Im Einklang mit dem allgemeinen zeitlichen Rahmen der Řivnáč- und Cham-Kulturen in Böhmen wurden sie zunächst in den Zeitraum 3200–2800/2700 v. Ztr. datiert (Zápotocký 2013). Erst durch Radiokarbondatierungen - bei denen häufig Makroreste von Kulturpflanzen untersucht wurden - konnte nachgewiesen werden, daß die Gemeinschaften in Süd- und Westböhmen diese Siedlungsplätze weiterhin bewohnten und die Keramiktradition bis mindestens 2400 v. Ztr. fortführten. Dies ist ein um etwa drei Jahrhunderte längerer Zeitraum als in den benachbarten Regionen Mittelböhmen, Ostbayern und Mähren (Vondrovský et al., im Druck). Das Fortbestehen der Traditionen von Höhensiedlungen ging mit einer nur geringfügigen Integration neuer materieller Elemente einher - vor allem Schaftlochäxte und schnurverzierte Becher -, die im frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. vorwiegend in Einzelgrabfeldern in ganz Mitteleuropa aufkamen.

Und zwar eben von Seiten des indogermanischen „Schnurkeramik-Volkes“. 

Die Frankenalp ab 3000 v. Ztr.

Wir lesen weiter (1):

Manche Gruppen nahmen diese Neuerungen nur zögerlich an oder lehnten sie weitgehend ab. In Süd- und Westböhmen fehlen nennenswerte Belege für dieses materielle Repertoire und für Einzelgräber, obwohl entsprechende Gräberfelder in den nordwestlichen und zentralen Gebieten Böhmens bereits ab 2900 v. Ztr. nachweisbar sind (Dobeš et al. 2021). Aus kulturhistorischer Sicht galten Süd- und Westböhmen während der Zeit der Schnurkeramik somit als weitgehend unbesiedelt (Menšík 2017). Die materiellen Hinterlassenschaften der Schnurkeramik sowie der späteren Glockenbecherkultur beschränken sich in diesen Regionen auf wenige isolierte Keramikfragmente und Streufunde von Streitäxten (John 2021; Metlička et al. 2007). (...) Ein Fall ist aufschlußreich: Ein typischer Streitaxtkopf von der Höhensiedlung Stupno-Břasy deutet darauf hin, daß den westböhmischen Höhensiedlungsgemeinschaften die neuen materiellen Ausdrucksformen, wie sie auf Gräberfeldern der Nachbarregionen auftraten, durchaus bekannt waren.
Vom späten 4. bis zum frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. nahm auch im Gebiet der nördlichen Frankenalb (Bayern) die Intensität der Besiedlung und Landnutzung zu (Fuchs et al. 2011; Kothieringer et al. 2023; Pechtl 2024). Spätneolithische Kulturgruppen (Bernburg - Burgerroth - Cham - Goldberg III - Wartberg) bestanden hier bis weit in das 3. Jahrtausend hinein fort (Übersicht bei Nadler 2023, 912-25). So erbrachten beispielsweise Ausgrabungen in Voitmannsdorf-Stroholz eine Höhensiedlung mit einem charakteristischen Keramik- und Steinartefaktinventar, das keine eindeutigen Elemente der Schnurkeramik aufwies - und dies, obwohl eine Radiokarbondatierung an einem Tierknochen eine Besiedlung bis mindestens 2600-2300 v. Ztr. belegte (Dürr et al. 2004). Zu diesem Zeitpunkt waren die Erscheinungsformen der Schnurkeramik (insbesondere durch charakteristische Bestattungen) im benachbarten Flachland bereits fest etabliert (Seregély 2008; Ullrich 2008; Vondrovský et al. i. Vorb.), und im Nordwesten Bayerns traten um 2550 v. Ztr. erste Inventare der Glockenbecherkultur auf (Ullrich 2008). In dieser Zeit setzten die Gemeinschaften im Norden der Fränkischen Alb zudem die lokale Tradition der Höhlenbestattungen fort, die bis in das Mesolithikum und das frühe Neolithikum zurückreicht (Richter 2023, 669–72; Seregély 2012). In der Kirschbaumhöhle wurden im Zeitraum von 2900 bis 2600 v. Ztr. menschliche Körper niedergelegt (Seregély et al. 2015).
Andere Fundplätze zeugen jedoch von einer gewissen Integration von Objekten und materiellen Ausdrucksformen der Schnurkeramik-Kultur. Diese wurden in der Fränkischen Alb vereinzelt in eher ungewöhnlichen Kontexten dokumentiert, etwa an Felsüberhängen und an markanten Felsformationen (Falkenstein 2012). Eine faszinierende Mischung kultureller Elemente zeigt sich in Wattendorf-Motzenstein, einer zwischen 2630 und 2470 v. Ztr. besiedelten Fundstelle. Obwohl der Platz als Beispiel für eine Siedlung der Schnurkeramik-Kultur angeführt wird (Müller & Seregély 2008; Seregély 2008), weist er wesentliche Merkmale des späten Neolithikums auf: eine Höhenlage sowie Grubenhäuser. Elemente der Schnurkeramik manifestierten sich dennoch in der Keramik, sowohl in Hinsicht auf ihren Stil als auch in Hinsicht auf ihre Herstellungstechnik. In dieser Hinsicht weist die Fränkische Alb Parallelen zu einigen Fundorten entlang der Westgrenze der Verbreitung der Schnurkeramik im Alpenvorland auf, wo schnurverzierte Keramik in die Traditionen der dortigen Seeufersiedler integriert wurde (Suter 2017). Es ist jedoch darauf hinzuweisen, daß eine chronologische Überschneidung von Fundkomplexen des Spätneolithikums und der Schnurkeramik für Süddeutschland allgemein anerkannt ist (Dunne et al. 2023; Furholt 2003) und eine vergleichbare Vermischung gut belegt ist für Burgerroth, etwa 80 km südwestlich der Fränkischen Alb - eine befestigte Höhensiedlung, die bis ins 26. Jahrhundert besiedelt war (zuletzt Link 2025). Die Fränkische Alb ist somit am besten als räumlich spezifisches Beispiel für Prozesse zu verstehen, die sich im 3. Jahrtausend in einem größeren Gebiet der deutschen Mittelgebirge abspielten (Drummer 2025).

Am Hohlen Stein bei Bad Staffelstein wurden ja auch Schnurkeramiker zusammen mit Wildpferden bestattet, und zwar auch eher in einer abgelegenen Höhenlage (s. Stg2021).

Insgesamt wird ein vergleichsweise vielfältiges kulturelles Nebeneinander deutlich sowohl im Frühneolithikum wie auch im Spätneolithikum in Mitteleuropa. Menschen und Kulturen sehr unterschiedlicher genetischer und kultureller Herkunft trafen aufeinander und lebten Jahrzehnte und Jahrhunderte nebeneinander her.

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  1. Václav Vondrovský: Not just a Single Story: Conceptualising the Diversity of Neolithic Lifeways in Central Europe. Proceedings of the Prehistoric Society (2026), Juni 2026, 1–15 (Resg26
  2. Rethinking Key Transformations in the Neolithic and Bronze Age Central Europe: A Radiocarbon Modeling Approach. Václav Vondrovský, Václav Hrnčíř, Daniel Hlásek ... Michaela Ptáková. Journal of Archaeological Research 34(2):1-58, December 2025 (Resg25)

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